„Das Sinthom“ entziffern

Kommentar zu Lacans Vorlesung vom 18. November 1975

Jeff Wall - Untangling - 1994Fotografie von Jeff Wall, Untangling, 1994, gedruckt 2006
Folie in Leuchtkasten, 189 x 223,5 cm
National Gallery of Victoria, Melbourne

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, „Das Sinthom”

Jacques Lacan: Seminar 23 von 1975/76: Le sinthome / Das Sinthom

Kommentar von Rolf Nemitz
gestützt auf die Treffen der Lesegruppe des Psychoanalytischen Salons Berlin ab März 2013

Einen Überblick über die Kommentare zu den einzelnen Sitzungen findet man hier, über den gesamten Kommentar hier.
Eine Übersicht über die verschiedenen Ausgaben des Sinthom-Seminars gibt es hier.

Inhalt

Vorlesung vom 18. November 1975

Psychoanalytische Bibliothek - Fenster neben dem Eingang

Psychoanalytische Bibliothek Berlin

Dies ist die zweite Fassung des Kommentars zu dieser Sitzung, veröffentlicht am 14. April 2015. Die erste Fassung erschien, in fünf Teilen, am 3. April, 25. April, 20. Mai, 7. August und 2. September 2013

1. bis 5. Treffen der Lesegruppe des Psychoanalytischen Salons Berlin
am 26. März, 23. April, 21. Mai, 25. Juni und 13. August 2013 in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin.

TONAUFNAHME

Die Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Staferla-Version.

Erstes Drittel bis „… les deux orthographes le concernent.“ (S. 5):

Zweites Drittel bis „… et par là limite du dit.“ (S. 7):

Drittes Drittel:

FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quellen der Lacan-Zitate

Französischer Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­geben und veröffentlicht von der Website staferla.free.fr, ohne Ort. Variante vom 28.6.2013, PDF-Datei hier. Die Transkription wurde mit der Audioaufnahme verglichen und geringfügig überarbeitet.

Deutscher Text
Die Übersetzung stützt sich auf die Übersetzung von Seminar 23 durch Max Kleiner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, linke Spalte dieser Doppelübersetzung. Kleiners Übersetzung wurde von Rolf Nemitz stark überarbeitet.

Seitenzahlen

Französischer Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Version Staferla vom 28.6.2013.

– Die Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten der von Jacques-Alain Miller herausgegebenen offiziellen Ausgabe von Seminar 23 (Jacques Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Éditions du Seuil, Paris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa beginnt in Millers Version von 2005 die Seite 83“. Da Miller die Transkription redaktionell bearbeitet hat, unterscheidet sich die hier gebrachte Transkription häufig von Millers Ausgabe.

Deutscher Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner..

Anmerkungen
Die Anmerkungen zum französischen Text beziehen sich auf Fragen der Transkription.

– Die Anmerkungen zur Übersetzung liefern Informationen zum Text ohne Bezug auf Lacans Theorie sowie Querverweise.

Links in der Übersetzung
Die Links im deutschen Text führen zum „Lacan-Lexikon“ in diesem Artikel mit Hintergrundinformationen zu Lacans Theorie.

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[11] Voilà. J’ai annoncé sur l’affiche « Le sinthome ». (3)

Ich habe auf dem Aushang „Das Sinthom“ angekündigt.1 (1)

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C’est une façon ancienne d’écrire ce qui a été ultérieurement écrit « symptôme ». (3)

Das ist eine alte Schreibweise für das, was später „Symptom“ geschrieben wurde. (1).

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Si je me suis permis de cette modification d’orthographe qui marque évidemment une date, une date qui se trouve être l’injection dans le, le français … ce que j’appelle lalangue, lalangue mienne … l’injection de grec … de cette langue dont Joyce, dans le Portrait de l’Artiste, émettait le vœu tout à fait … non, c’est pas dans le Portrait de l’Artiste, c’est dans le Ulysses, dans le Ulysses, au premier chapitre : il s’agit de hellenise [englisch ausgesprochen] … d’injecter de même lalangue hellène, on ne sait pas à quoi, puisque il ne s’agissait pas du gaélique, encore qu’il s’agit de l’Irlande, mais que Joyce devait écrire en anglais. (3)

Wenn ich mir diese Abänderung der Orthografie erlaubt habe, die offensichtlich kennzeichnend ist für ein bestimmtes Datum, für das Datum, das hier die Einbringung in das Französische ist – das ich Lalangue nenne, die meinige Sprache –, die Einbringung des Griechischen, dieser Sprache, von der Joyce sich im Portrait des Künstlers ganz und gar wünschte – nein, nicht im Portrait des Künstlers, sondern im Ulysses, im Ulysses im ersten Kapitel, da geht es darum, „to hellenise“2 – die hellenische Sprache auch einzubringen in ich-weiß-nicht-was, da es ja nicht um das Gälische geht3, obgleich es um Irland geht, aber Joyce in Englisch schreiben musste. (1)

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Qu’il a écrit en anglais d’une façon telle que … comme l’a dit quelqu’un dont j’espère qu’il est dans cette assemblée, Philippe Sollers, dans Tel Quel … ‚ il l’a écrit d’une façon telle que lalangue anglaise n’existe plus. (3)

Dass er in Englisch geschrieben hat, auf eine Weise, dass, wie jemand gesagt hat, von dem ich hoffe, dass er in dieser Versammlung ist – Philippe Sollers, in Tel Quel –, er hat es auf eine solche Weise geschrieben, dass die englische Lalangue / Sprache nicht mehr existiert. (1)

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Elle avait déjà, je dirai peu de consistance, ce qui ne veut pas dire qu’il soit facile d’écrire en anglais. (3)

Sie hatte bereits, würde ich sagen, wenig Konsistenz4, was nicht heißen soll, dass es einfach wäre, in Englisch zu schreiben. (1)

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Mais Joyce, par la succession d’œuvres | [12] qu’il a écrites en anglais, y a ajouté ce quelque chose qui fait dire au même auteur qu’il faudrait écrire l’é.l.a.n.g.u.e.s, l’élangues; l’élangues par où je suppose qu’il entend désigner quelque chose comme l’élation, cette élation dont on nous dit que c’est au principe de je ne sais quel sinthome que nous appelons – en psychiatrie – la manie. (3)

Aber Joyce hat durch die Folge der Werke, die er in Englisch geschrieben hat5, ihr jenes Etwas hinzugefügt, das denselben Autor sagen lässt, dass man schreiben müsste L Apostroph E – L – A – N – G – U – E – S, l’élangues, d’Isprachen6, l’élangues, womit er, wie ich annehme, etwas wie l’élation bezeichnen will, jenen Überschwang, von dem man uns sagt, er sei der Ursprung eines Sinthoms, das wir, in der Psychiatrie, als Manie bezeichnen7. (1 f.)

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C’est bien en effet ce à quoi ressemble sa dernière œuvre, à savoir Finnegans Wake, celle qu’il a si longtemps soutenue pour y attirer l’attention générale, celle aussi à propos de quoi j’ai posé dans un temps, au temps où je me suis laissé entraîner à … par une sollicitation pressante, pressante je dois dire de la part de Jacques Aubert, ici présent et tout aussi pressant, … où je me suis laissé entraîner à inaugurer, à inaugurer au titre d’un symposium Joyce. (3)

Eben dieser ähnelt tatsächlich sein letztes Werk, Finnegans Wake, das er so lange betrieben hat, um die allgemeine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, und im Hinblick auf das ich seinerzeit behauptet habe, zu der Zeit, als ich mich durch ein dringendes Ansuchen habe hinreißen lassen – dringend von seiten Jacques Auberts, der hier präsent und drängend / pressant ist –, dass ich mich habe dazu hinreißen lassen, bei einem Symposium Joyce einzuführen. (2)

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J’hérite de Freud, bien malgré moi, par ce que j’ai énoncé – de mon temps – ce qui pouvait être tiré, en bonne logique, des bafouillages de ceux qu’il appelait « sa bande ». (3)

Ich beerbe Freud, ohne dass das eigentlich meine Absicht war, durch das, was ich zuzeiten ausgesprochen habe, das, was in guter Logik dem Gestammel jener entnommen werden konnte, die er „seine Bande“ nannte. (2)

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Je n’ai pas besoin de les nommer, c’est cette clique qui suivait les réunions de Vienne et dont on ne peut pas dire qu’aucun ait suivi la voie que j’appelle de bonne logique. (3)

Ich brauche sie nicht zu nennen. Es ist die Clique, die an den Zusammenkünften von Wien teilnahm8, und von der man nicht sagen kann, dass einer von ihnen dem Weg gefolgt wäre, den ich gute Logik nenne. (2)

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C’est par là qu’en somme je me suis laissé détourner de mon projet qui était, cette année … je vous l’ai annoncé l’année dernière … d’intituler ce séminaire du « 4, 5 et 6 ». (4)

Dadurch habe ich mich letztlich von meinem Vorhaben für dieses Jahr abbringen lassen, nämlich in diesem Jahr – ich habe es Ihnen letztes Jahr angekündigt – dieses Seminar mit „4, 5 und 6“ zu betiteln. (2).

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Je me suis contenté du 4 et je m’enréjouis, car le « 4, 5, 6 », j’y aurais sûrement succombé. (3)

Ich habe mich mit der 4 begnügt, und darüber freue ich mich, denn der 4, 5, 6 wäre ich sicherlich unterlegen gewesen. (2).

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Ça ne veut pas dire que le 4 dont il s’agit me soit pour autant moins lourd. (3)

Das heißt nicht, dass die 4, um die es geht, darum für mich weniger schwer wäre. (2)

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La nature, dirai-je pour couper court, se spécifie de n’être « pas-une »; d’où le procédé logique pour l’aborder. (3)

Die Natur, möchte ich sagen, um es kurz zu machen, zeichnet sich dadurch aus, nicht-eine zu sein; von daher das logische Vorgehen, um sie anzugehen. (2 f.)

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Appelez9 « nature » ce que vous excluez du fait même de porter intérêt à quelque chose … ce quelque chose se distinguant d’être nommé … la nature par ce procédé ne se risque à rien qu’à s’affirmer d’être un pot-pourri de hors-nature. (3)

Nennen Sie Natur das, was Sie allein schon durch die Tatsache, einer Sache Interesse entgegenzubringen, ausschließen, wobei sich diese Sache dadurch hervorhebt, dass sie benannt wird: die Natur lässt sich durch dieses Vorgehen lediglich darauf ein, sich als Potpourri von Außer-Natur zu behaupten. (3)

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L’avantage de cet énoncé est que si vous trouvez … à bien le compter … que le « nommer »10 tranche sur ce qui paraît être la loi de la nature, qu’il n’y ait pas chez lui … je veux dire chez l’homme … de rapport naturel­lement … sous toute réserve donc, ce naturel­lement … naturellement sexuel, vous posez logiquement … ce qui se trouve être le cas … que ce n’est pas là un privilège, un privilège de l’homme. (3)

Der Vorteil dieser Aussage ist, dass, wenn Sie finden – um das zu berücksichtigen –, dass, es zu benennen, darüber entscheidet, was das Naturgesetz zu sein scheint, dass es bei ihm, ich meine beim Menschen, kein natürliches – mit allen Einschränkungen also, dieses „natürlich“ – sexuelles Verhältnis gibt, Sie logischerweise behaupten, was ja der Fall ist, dass das kein Vorrecht des Menschen ist. (3)

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[13] Veillez pourtant à n’aller pas à dire que le sexe n’est rien de naturel. (3)

Passen Sie jedoch auf, dass Sie nicht auch noch sagen, dass das Geschlecht nichts Natürliches sei. (3)

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Tâchez plutôt de savoir ce qu’il en est dans chaque cas : de la bactérie à l’oiseau … j’ai déjà fait allusion à l’un et à l’autre … de la bactérie à l’oiseau, puisque ceux-là ont des noms. (3)

Versuchen Sie vielmehr zu erfahren, wie es in jeden einzelnen Fall damit steht, von der Bakterie bis zum Vogel – auf beide habe ich bereits angespielt –, von der Bakterie bis zum Vogel, da diese Namen haben. (3)

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Remarquons au passage que dans la création dite divine … divine seulement en ceci qu’elle se réfère à la nomination … la bactérie n’est pas nommée, et qu’elle n’est pas plus nommée quand Dieu, bouffonnant l’homme … l’homme supposé originel … lui propose de commencer par dire le nom de chaque bestiole. (3)

Merken wir nebenbei an, dass in der göttlich genannten Schöpfung, göttlich allein darin, dass sie sich auf die Benennung bezieht11, das Bakterium nicht benannt wird, und dass es auch nicht benannt wird, als Gott, den Menschen verulkend, den als ursprünglich unterstellten Menschen, ihm vorschlägt, damit anzufangen, den Namen eines jeden Tierchens zu sagen. (3)

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De ce premier – faut bien le dire – déconnage, nous n’avons de trace qu’à en conclure qu’Adam … comme son nom l’indique assez, c’est une allusion, ça, à « la fonction de l’index » de Peirce … qu’Adam était … selon le joke qu’en fait Joyce justement … qu’Adam était bien entendu une M’Adam, et qu’il n’a nommé les bestiaux que dans la langue / lalangue de celle-ci, il faut bien le supposer, puisque celle que j’appellerai l’Evie (e.v.i.e) … l’Evie que j’ai bien le droit d’appeler ainsi puisque c’est ce que ça veut dire en hébreu, si tant est que l’hébreu soit une langue : « la mère des vivants » … eh bien l’Evie l’avait tout de suite, et bien pendue cette langue, puisque après le supposé du « nommer » par Adam, la première personne qui s’en sert c’est bien elle, pour parler au serpent. (3)

Von diesem ersten, man muss schon sagen, Stuss haben wir nur eine Spur, indem wir daraus schließen, dass Adam12, wie es sein Name zur Genüge anzeigt – das ist eine Anspielung, das hier, auf die Funktion des Index bei Peirce13 –, dass Adam, gemäß des joke, den Joyce daraus macht, dass Adam natürlich eine M’Adam war14, und dass er das Vieh nur in eben ihrer Sprache / in ihrer Lalangue benannt hat, das muss man gewiss annehmen, denn diejenige, die ich l’Evie (E-V-I-E)15 nennen werde – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nennen, denn das heißt es auf Hebräisch, falls das Hebräische eine Sprache ist16: „die Mutter der Lebenden“ –, also l’Evie hatte sie sofort und ziemlich hängend, diese Sprache/Zunge17, denn nach dem vermeintlichen Benennen durch Adam ist die erste Person, die sich ihrer bedient, eben sie: um mit der Schlange zu sprechen. (3 f.)

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La création dite divine se redouble donc de la parlote, du parlêtre comme je l’ai appelé, par quoi l’Evie fait du serpent ce que vous me permettrez d’appeler le, le « serre-fesses », ultérieurement désigné comme faille, ou mieux phallus, puisqu’il en faut bien un pour faire le « faut-pas »18, la « faute » dont c’est l’avantage de mon sinthome de commencer par là : sin en anglais veut dire ça, le péché, la première faute. (4)

Die sogenannte göttliche Schöpfung verdoppelt sich also im Gerede19 des Sprechwesens, wie ich es genannt habe, wodurch l’Evie die serpent / serre-pan / Schlange zu dem macht, was Sie mir erlauben werden, die serre-fesses / Arschbackenklemme zu nennen20, späterhin bezeichnet als Spalte, oder besser als Phallus, da es ja einen solchen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den falschen Schritt21 zu tun, die Schuld, mit der zu beginnen mein Sinthom sich auszeichnet. Sin bedeutet im Englischen: die Sünde, die erste Schuld.22 (4)

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D’où la nécessité … je pense tout de même, à vous voir en aussi grand nombre, qu’il y en a bien quelques-uns qui ont déjà entendu mes « bateaux » … d’où la nécessité du fait que ne cesse pas la faille qui s’agrandit toujours, sauf à subir le cesse de la castration comme « possible ». (4)

Von daher die Notwendigkeit – ich glaube doch, wenn ich Sie in so großer Zahl sehe, dass es wohl einige gibt, die meine Nachtigall bereits trapsen gehört haben –, von daher die Notwendigkeit der Tatsache, dass die Spalte nicht aufhöre, welche sich stets vergrößert, außer sie erleidet das Aufhören der Kastration23 als „möglich“. (4)

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Ce possible, comme je l’ai dit … sans que vous le notiez, pour ce que moi-même point je ne l’ai noté de n’y pas mettre la virgule … ce possible, j’ai dit autrefois c’est que c’est ce qui cesse de s’écrire, mais il y faut mettre la virgule : c’est « ce qui cesse, virgule, de s’écrire » ou plutôt cesserait d’en prendre le chemin dans le cas où adviendrait enfin ce discours que j’ai évoqué, tel qu’il ne serait pas de semblant. (4)

Dieses Mögliche, wie ich gesagt habe, ohne dass Sie es bemerkt hätten, zumal auch ich keineswegs bemerkt habe, das Komma nicht gesetzt zu haben, dieses Mögliche, habe ich früher gesagt, das ist das, was aufhört, geschrieben zu werden, aber man muss [im Französischen] das Komma setzen, es ist das, was dadurch aufhört, Komma, dass es geschrieben wird, oder vielmehr aufhören würde, diesen Weg zu nehmen, im Fall, da endlich derjenige Diskurs aufkäme, den ich als einen solchen beschrieben habe, der nicht über den Schein wäre. (4)

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Y-a-t-il impossibilité que la vérité devienne un produit du savoir-faire ? (4)

Ist es eine Unmöglichkeit, dass die Wahrheit zu einem Produkt des Könnens wird, des Savoir-faire?24 (4)

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Non ! (4)

Nein. (4).

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Mais elle ne sera alors que mi-dite, s’incarnant d’un S indice 1 (S1) de signifiant, là où il en faut au moins deux pour que (en paraisse25) l’unique – La femme – à avoir jamais été… mythique, en ce sens que le mythe l’a fait singulière : | [14] il s’agit d’Eve dont j’ai parlé tout à l’heure …que l’unique – La femme – à avoir jamais été incontestablement possédée, pour avoir goûté du fruit de l’arbre défendu, celui de la science. (4)

Aber sie wird dann nur halbgesagt werden, sich in einem S Index 1, S1, des Signifikanten verkörpern, da, wo es mindestens zwei braucht, damit (daraus) die Einzigartige – Die-Frau – (erscheint), die je gewesen ist – mythisch in dem Sinne, dass der Mythos sie einzigartig gemacht hat: es handelt sich um Eva, von der ich gerade gesprochen habe –, damit die Einzigartige – Die-Frau – <erscheint>, die jemals unbestreitbar besessen worden ist, da sie von der Frucht des verbotenen Baumes gekostet hat, dem der Wissenschaft. (4)

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L’Evie donc, n’est pas mortelle plus que Socrate. (4)

Die l’Evie also ist nicht sterblich, mehr noch als Sokrates. (4)

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La femme dont il s’agit est un autre nom de Dieu, et c’est en quoi elle n’existe pas, comme je l’ai dit maintes fois. (4)

DIE Frau, um die es geht, ist ein weiterer Gottesname, und insofern existiert sie nicht, wie ich schon häufig gesagt habe. (4 f.)

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Ici on remarque le côté futé d’Aristote, qui ne veut pas que le singulier joue dans sa logique. (4)

Hier bemerkt man die gewiefte Seite von Aristoteles, der nicht will, dass das Einzelne in seine Logik hineinspielt. (5)

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Contrairement à ce qu’il admettait, à ce qu’il admettait dans ladite logique, il faut dire que Socrate n’est pas homme, puisqu’il accepte de mourir pour que la cité vive, car il l’accepte, c’est un fait. (4)

Im Gegensatz zu dem, was annahm, was er in der besagten Logik annahm, muss man sagen, dass Sokrates nicht Mensch ist, da er es akzeptiert zu sterben, damit die Polis lebe; denn das akzeptiert er, das ist eine Tatsache.26 (5)

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En plus, ce qu’il faut bien dire, c’est qu’à cette occasion, il ne veut pas entendre parler sa femme. (4)

Darüber hinaus muss man wohl auch sagen, dass er in dieser Situation nicht seine Frau sprechen hören will.27 (5)

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D’où ma formule, que je relave si je puis dire, à votre usage, en me servant du μη παντες (mē pantes) que j’ai relevé dans l’Organon… où d’ailleurs je n’ai pas réussi à le retrouver, mais où quand même, je l’ai bien lu, et même au point que ma fille, ici présente, l’a pointé et qu’elle me jurait qu’elle me retrouverait à quelle place c’était μη παντες (mē pantes) …comme l’opposition écartée – écartée par Aristote – à l’Universel du παν (pan), La femme n’est toute que sous la forme dont l’équivoque prend de lalangue nôtre son piquant, sous la forme du « mais pas ça », comme on dit : « tout, mais pas ça ! ». (4)

Von daher meine Formulierung, die ich, wenn ich so sagen darf, zu Ihrem Gebrauch noch einmal wasche, indem ich mich des μη παντες (mē pantes, nicht alle) bediene, das ich im Organon28 aufgegriffen habe, wo es mir übrigens nicht gelungen ist, es wiederzufinden, wo ich es aber doch wirklich gelesen habe, und sogar meine Tochter, die hier anwesend ist, hat es angezeigt, und sie hat mir geschworen, dass sie für mich wiederfinden wird, an welcher Stelle das war, dieses μη παντες (mē pantes), als der durch Aristoteles beiseitegeschobene Gegensatz zur Allgemeinaussage des πας (pas, dt.: alle).29 Die Frau ist nur alle in der Gestalt, deren Äquivok seinen Reiz aus unserer Lalangue zieht, in Gestalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), so wie man sagt: Alles, nur das nicht!30 (5)

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C’était bien la position de Socrate. (4)

Eben das war die Position von Sokrates. (5)

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Le « mais pas ça » c’est ce que j’introduis sous mon titre de cette année comme le sinthome. (4)

Es ist das „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in diesem Jahr mit meinem Titel als das Sinthom einführe. (5)

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Il y a pour l’instant, pour L’instance de la lettre telle qu’elle s’est ébauchée à présent… et n’espérez pas mieux, comme je l’ai dit ce qui en sera plus efficace ne fera pas mieux que de déplacer le sinthome, voire de le multiplier …pour L’instance donc, présente, il y a le sinthome madaquin (Lachen) que j’écris comme vous voudrez, m.a.d.a.q.u.i.n après sinthome. (4)

Es gibt im Moment für die Instanz des Buchstabens31, wie sie sich gegenwärtig abzeichnet – und erhoffen Sie nichts Besseres, wie ich gesagt habe, was davon noch wirksamer sein wird, wird nicht mehr tun, als das Sinthom zu verschieben oder es gar vervielfachen –, für die gegenwärtige Instanz also gibt es das Sinthom-masvonaquin (Lachen), das ich schreibe, wie Sie möchten, M A S V O N A Q U I N nach Sinthom.32 (5)

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Vous savez que Joyce en bavait assez sur ce saint homme / sinthome. (4)

Sie wissen, dass Joyce sich ziemlich über diesen heiligen Mann / dieses Sinthom absabberte.33 (5)

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Faut bien dire les choses : pour ce qui est de la philosophie on n’a jamais rien fait de mieux, il y a que ça de vrai. (4)

Man muss die Dinge beim Namen nennen: was die Philosophie angeht, ist niemals etwas Besseres gemacht worden, es ist das einzig Wahre. (5)

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Ça n’empêche pas que Joyce… consultez là-dessus l’ouvrage de Jacques Aubert …ne s’y retrouve pas très bien, concernant le quelque chose à laquelle il attache un grand prix, à savoir ce qu’il appelle « le Beau ». (4)

Trotzdem findet sich Joyce – konsultieren Sie dazu die Arbeit von Jacques Aubert34 – nicht sehr gut darin zurecht, hinsichtlich einer Sache, der er großen Wert beimisst, nämlich dessen, was er „das Schöne“ nennt. (5)

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Il y a dans le sinthome madaquin je ne sais quoi qu’il appelle claritas, auquel Joyce substitue quelque chose comme La splendeur de l’Être qui est bien le point faible dont il s’agit. (4)

Es gibt beim Sinthom-Masvonaquin irgend etwas, das er claritas [Klarheit] nennt, was Joyce durch so etwas wie den Glanz des Seins ersetzt, der nun allerdings der schwache Punkt ist, um den es geht.35 (5 f.)

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Est-ce une faiblesse personnelle : La splendeur de l’Être ne me frappe pas. (4)

Ist das eine persönliche Schwäche? Der Glanz des Seins beeindruckt mich nicht. (6)

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Et c’est bien en quoi Joyce fait déchoir saint homme / le sinthome / Saint Thome de son madaquinisme, | [15] et contrairement à ce qu’il pourrait en apparaître, à première vue… à savoir son détachement de la politique … produit à proprement parler ce que j’appellerai le « sint-home Rule ». (4)

Hierin läßt Joyce den heiligen Mann / das Sinthom / den Heiligen Thom seines Masvonaquinismus stürzen, und – im Gegensatz zu dem, als was es auf den ersten Blick erscheinen könnte, nämlich als seine Abwendung von der Politik – bringt er im eigentlichen Sinne das hervor, das ich die SintHome-Rule nennen werde.36 (6).

Freeman''s Journal - zu: "Das Sinthom" entziffernCe « home-rule » que le Freeman’s Journal représentait se levant derrière la Banque d’Irlande, ce qui le fait – comme par hasard – se lever au Nord-Ouest… ce qui n’est pas d’usage pour un lever de soleil …c’est quand même… malgré le grincement que nous voyons à ce sujet dans Joyce …c’est quand même bien le « sinthome-roule », le sinthome à roulettes que Joyce conjoint. (4)

Diese Home Rule, die das Freeman’s Journal darstellte, wie sie hinter der Bank von Irland aufgeht, was sie wie durch Zufall im Nordwesten aufgehen lässt, was für einen Sonnenaufgang nicht üblich ist37, ist gleichwohl, trotz des Knirschens, das wir bei diesem Thema bei Joyce sehen, ist gleichwohl die SintHome-Rule, die Sinthom-Rolle, das Sinthom auf Rollen38, das Joyce zusammenfügt. (6)

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Il est certain que ces deux termes, on peut les nommer autrement, je les nomme ainsi en fonction des deux versants qui s’offraient à l’art de Joyce, lequel nous occupera cette année en raison de ce que j’ai dit tout à l’heure : que je l’ai introduit et que je n’ai pu faire mieux que de le nommer ce « sinthome » – car il le mérite – du nom qui lui convient en en déplaçant – comme je l’ai dit – l’orthographe… (5)

Gewiss kann man diese beiden Ausdrücke39 auch anders benennen, ich benenne sie so in Abhängigkeit von den beiden Richtungen, die sich der Kunst von Joyce anboten, der uns dieses Jahr aufgrund dessen beschäftigen wird, was ich vorhin gesagt habe, dass ich ihn eingeführt habe und dass ich nichts besseres tun konnte als ihn dieses Sinthom / diesen heiligen Mann zu nennen – denn er verdient es –, mit dem Namen, der ihm zukommt, indem ich, wie ich gesagt habe, seine Schreibweise verschoben habe.40 (6)

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Les deux, les deux orthographes le concernent. (5)

Beide, beide Schreibweisen betreffen ihn. (6)

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Mais il est un fait qu’il choisit. (5)

Aber es ist eine Tatsache, dass er wählt.41 (6)

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En quoi, il est comme moi un hérétique, car hairesis c’est bien là ce qui spécifie l’hérétique. (5)

Damit ist er wie ich ein Häretiker, denn die αἵρεσις (hairesis)42, das ist das, was den Häretiker auszeichnet. (6)

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Il faut choisir la voie par où prendre la vérité. (5)

Man muss den Weg wählen, auf dem die Wahrheit anzugehen ist. (6)

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Ce d’autant plus, que le choix une fois fait, ça n’empêche personne de le soumettre à confirmation, c’est-à-dire d’être hérétique de la bonne façon, celle qui d’avoir bien reconnu la nature du sinthome, ne se prive pas d’en user logiquement, c’est-à-dire jusqu’à atteindre son Réel au bout de quoi il n’a plus soif. Ouais… (5)

Dies umso mehr, als die Wahl, einmal getroffen, niemanden daran hindert, sie der Überprüfung zu unterziehen, das heißt, auf die gute Weise häretisch zu sein, welche, da sie die Natur des Sinthoms richtig erkannt hat, nicht darauf verzichtet, es logisch zu benutzen, das heißt bis sein Reales erreicht ist, wo er dann genug hat. Ja.43. (6)

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Bien entendu il a fait ça, lui, à vue de nez, car on ne pouvait plus mal partir que lui. (5)

Gewiss, er hat das blind der Nase nach gemacht, denn man konnte nicht schlechter beginnen als er. (6)

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Etre né à Dublin, avec un père soûlographe et plus ou moins Fénian/feignant (?)44, c’est-à-dire fanatique, de deux familles, car c’est ainsi que ça se présente pour tous quand on est fils de deux familles, quand il se trouve qu’on se croit mâle parce que on a un petit bout de queue. (5)

In Dublin geboren zu sein mit einem versoffenen45 und mehr oder weniger „fenischen” Vater46, das heißt einem Fanatiker, von zwei Familien47, denn so stellt es sich für alle dar, wenn man Sohn ist, zweier Familien, wenn man glaubt, männlich zu sein, weil man ein Stückchen Schwanz hat. (6 f.)

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Naturellement – pardonnez-moi ce mot – il en faut plus. (5)

Natürlich – verzeihen Sie mir dieses Wort48 – braucht man mehr. (7).

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Mais comme il avait la queue un peu lâche, si je puis dire, c’est son art qui a suppléé à sa tenue phallique. (5)

Weil er aber einen etwas schlappen Schwanz hatte, wenn ich so sagen darf49, leistete seine Kunst Ersatz für seine phallisches Haltung. (7)

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Et c’est toujours ainsi. (5)

Und so ist es immer. (7)

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Le phallus c’est la conjonction de ce que j’ai appelé ce parasite… qui est le petit bout de queue en question …c’est la conjonction de ceci avec la fonction de la parole. (5)

Der Phallus ist die Zusammenfügung dieses Parasiten, wie ich ihn genannt habe, also des fraglichen Stückchen Schwanz, er ist die Zusammenfügung von diesem mit der Funktion des Sprechens. (7)

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Et c’est en quoi son art est le vrai répondant de son phallus. (5)

Und insofern ist seine Kunst der wahre Bürge für seinen Phallus.50 (7)

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À part ça, disons que c’était un pauvre hère, et même un pauvre hérétique. (5)

Abgesehen davon, sagen wir, er war ein armer Tropf (hére), und sogar ein armer Häretiker. (7)

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Il n’y a de joyciens à jouir de son hérésie que dans l’université. (5)

Nur an der Universität gibt es Joycianer, um seine Häresie51 zu genießen. (7)

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[16] Mais c’est lui qui l’a délibérément voulu que s’occupât de lui cette engeance. (5)

Aber er selbst hat es absichtlich so gewollt, dass sich dieser Klüngel mit ihm beschäftige. (7)

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Le plus fort est qu’il y a réussi, et au-delà de toute mesure : ça dure et ça durera encore. (5)

Das Tollste ist, dass es ihm gelungen ist, und über alle Maßen, es dauert schon lange und es wird noch länger dauern. (7)

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Il en voulait pour 300 ans, nommément, il l’a dit : Je veux que les universitaires s’occupent de moi pendant trois cents ans, et il les aura, pour peu que Dieu ne nous atomise pas. (5)

Er wollte es für dreihundert Jahre, ausdrücklich, er hat es gesagt: „Ich will, dass sich die Universitätsgelehrten dreihundert Jahre lang mit mir beschäftigen“52 – und er wird sie haben, solange nur Gott uns nicht atomisiert.53 (7)

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Ce Herr*54… car on ne peut pas dire « cet Herr* », c’est interdit par l’aspiration, ça embête même tellement tout le monde que c’est pour ça qu’on dit « le pauvre hère » …ce Herr* s’est conçu comme un hero55 : Stephen Hero. (5)

Dieser Herr*, ce Herr* – man kann nicht sagen „cet Herr*“ (mit ausgesprochenem t), das verbietet die Aspiration56, das nervt alle Leute so sehr, dass man deswegen sagt „le pauvre hère“, der arme Tropf –, dieser Herr* hat sich als ein hero57 aufgefasst: Stephen Hero.58 (7)

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C’est le titre expressément donné pour celui de là où il prépare le A Portrait of the artist as a young man. (5)

Das ist der Titel, der für diesen von da aus ausdrücklich gegeben wurde, wo er A portrait of the artist as a young man vorbereitet.59 (7)

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Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man, hg. v. Chester G. AndersonAh ! c’était ce que j’aurais bien souhaité que… je l’ai pas emporté, c’est trop bête …ce que j’aurais souhaité que vous… j’aurais pu au moins vous le montrer …que vous le trouviez et dont, mal averti, je savais que c’était difficile, et c’est pour ça que je vous précise la façon dont vous devez insister. (5)

Ah, das war das, wovon ich mir sehr gewünscht hätte, dass – ich habe es nicht mitgebracht, zu dumm! – das, wovon ich gewünscht hätte, dass Sie – ich hätte es Ihnen zumindest zeigen können –, dass Sie es fänden, und ich wusste, dass es, wenn man über wenig Informationen verfügt, schwierig sein würde, und deshalb sage ich Ihnen genauer, wie Sie danach fragen müssen.60 (7)

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Mais Nicole Sels, ici présente, m’a envoyé une bafouille… une lettre on appelle ça …extrêmement précise où pendant deux pages, elle m’explique qu’il est impossible de se le procurer. (5)

Aber Nicole Sels61, die hier anwesend ist, hat mir einen Wisch geschickt, einen Brief nennt man das, mit äußerst genauen Angaben, in dem sie mir zwei Seiten lang erklärt, dass es unmöglich ist, es sich zu beschaffen. (7 f.)

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Il est impossible à l’heure actuelle d’avoir ce texte et ce que j’ai appelé ce criticisme, c’est-à-dire ce qu’un certain nombre de personnes, toutes universitaires… c’est d’ailleurs une façon d’entrer à l’université, l’université aspire les joyciens, mais enfin, ils sont déjà en bonne place, elle leur donne des grades …bref, vous ne trouverez pas ni le… je ne sais pas comment ça se prononce, c’est Jacques Aubert qui va me le dire : est-ce qu’on dit Bibe ou Bibi ?

Jacques Aubert — D’ordinaire, on dit Bibi.

Lacan — On dit Bibi ? Bon …vous ne trouver pas le Beebe qui ouvre la liste par un article sur Joyce, je dois dire particulièrement gratiné, à la suite de quoi vous avez Hugh Kenner qui à mon avis… peut-être à cause du sinthome madaquin en question …à mon avis, parle assez bien de Joyce. (5)

Zur Zeit ist es unmöglich, diesen Text zu bekommen und das, was ich den Kritizismus62 genannt habe, nämlich das, was eine gewisse Anzahl von Personen, alles Universitätsleute – das ist im übrigen eine Weise, an die Universität zu gelangen, die Universität saugt die Joycianer an, aber schließlich sind sie schon an der richtigen Stelle, sie gibt ihnen Dienstgrade –, kurz, Sie finden weder den, ich weiß nicht, wie das ausgesprochen wird, Jacques Aubert wird es mir sagen: sagt man „bi-bee“ oder „bi-bi“?63

Jacques Aubert: Für gewöhnlich sagt man „bi-bi“.

Lacan: Sie finden nicht den Beebe, der die Liste mit einem Artikel über Joyce anführt, der, ich muss schon sagen, oberste Sahne ist64, danach haben Sie Hugh Kenner, der meiner Meinung nach, vielleicht aufgrund des fraglichen Sinthom-Masvonaquin, der meiner Meinung nach ziemlich gut über Joyce spricht.65 (8)

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Et il y en a d’autres jusqu’à la fin, dont je regrette que vous ne puissiez pas disposer. (5)

Und es gibt bis zum Ende hin andere, bei denen ich bedaure, dass Sie nicht darüber verfügen können.66 (8)

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À la vérité c’est un « pas-de-clerc », que j’aie… c’est le cas de le dire …que j’aie mis cette petite note en petits caractères… je les ai fait rapetisser, Dieu merci …que j’aie fait cette note en petits caractères. (5)

In Wahrheit habe ich wie ein Novize67 – das kann man wirklich sagen – diese kleine Anmerkung in kleine Buchstaben gesetzt – ich habe sie verkleinern lassen, Gottseidank, dass ich diese Anmerkung in kleinen Buchstaben gemacht habe.68 (8)

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Il faudrait que vous vous arrangiez avec Nicole Sels pour vous en faire faire une série de photocopies. (5)

Sie müssten sich mit Nicole Sels verständigen, um sich eine Reihe von Fotokopien machen zu lassen.69 (8)

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Comme je pense que dans le fond il y en a pas tellement qui, l’anglais… surtout l’anglais de Joyce …soient prêts, je veux dire parés pour le parler, ça ne fera quand même qu’un petit nombre. (5)

Da ich denke, dass es im Grunde nicht so viele gibt, die das Englische, besonders das Englisch von Joyce, in der Lage sind, ich meine gewappnet sind zu sprechen, wird es ja wohl nur eine kleine Zahl werden. (8)

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Mais enfin il y aura évidemment de l’émulation, et une émulation – mon Dieu – légitime, | [17] parce que Le Portrait de l’Artiste ou plus exactement Un Portrait de l’Artiste, de l’Artiste qu’il faut écrire en y mettant tout l’accent sur le « le » qui bien sûr en anglais n’est pas tout à fait notre article défini à nous; mais on peut faire confiance à Joyce : s’il a dit « le » c’est bien qu’il pense que d’artiste, c’est lui le seul, que là il est singulier. (6)

Aber schließlich wird es offenbar Nacheiferung geben, und eine, mein Gott, legitime Nacheiferung, weil Das Porträt des Künstlers, oder genauer Ein Porträt des Künstlers, des Künstlers, den man schreiben muss, indem man den ganzen Akzent auf das „des“ setzt, das im Englischen natürlich nicht ganz und gar unser bestimmter Artikel ist; aber man kann Joyce vertrauen: wenn er „des” gesagt hat, dann weil er denkt, dass er der alleinige Künstler ist, dass er darin einzigartig ist.70 (8)

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« As » a Young Man, c’est très suspect, car en français, ça se traduirait par « comme », autrement dit, ce dont il s’agit c’est du comment. (6)

„As“ a young man, das ist ganz suspekt, denn im Französischen wäre das durch comme (als, wie) zu übersetzen, anders gesagt, es geht um das comment.71 (8 f.)

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Le français là-dessus est, est indicatif, est indicatif de ceci : c’est que quand on parle « comme » en se servant d’un adverbe, quand on dit : réellement, mentalement, héroïquement, l’adjonction de ce ment est déjà en soi suffisamment indicative, indicative de ceci : c’est qu’on ment. (6)

Das Französische ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich, darüber, dass, wenn man von „comme“ spricht, indem man sich eines Adverbs bedient, wenn man sagt realerweise72, mentalerweise73, heroischerweise74, die Anfügung dieses „-weise“, –ment, an sich schon genügend darüber Aufschluss gibt: dass man weis macht, dass man lügt, ment.75 (9)

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Il y a du, il y a du mensonge indiqué dans tout adverbe, et ce n’est pas là accident. (6)

In jedem Adverb wird, wird eine Lüge angezeigt, und das ist kein Zufall. (9)

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Quand nous interprétons, nous devons y faire attention. (6)

Wenn wir deuten, müssen wir darauf achtgeben.76 (9)

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Quelqu’un qui n’est pas très loin de moi, faisait la remarque à propos de la langue en tant qu’elle désigne l’instrument de la parole, que c’était aussi la langue qui portait les papilles dites du goût. (6)

Jemand, der mir nicht sehr ferne steht, machte die Bemerkung hinsichtlich der Zunge, insofern sie das Werkzeug des Sprechens bezeichnet, dass es ebenfalls die Zunge ist, die die sogenannten Geschmackspapillen trägt.77 (9)

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Eh bien, je lui rétorquerai que c’est pas pour rien que « ce qu’on dit ment » / « ce condiment » . ( Lachen ). (6)

Nun, ich erwidere ihm hiermit, dass es nicht umsonst so ist, dass, „ce qu’on dit ment“, was man sagt, lügt / „ce condiment“, dieses Gewürz.78 (Lachen) (9)

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Vous avez la bonté de rigoler ( Lachen ), mais c’est pas drôle. (6)

Sie haben die Güte zu lachen (Lachen), aber das ist nicht komisch. (9)

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Car en fin de compte nous n’avons que ça comme arme contre le symptôme : l’équivoque. (6)

Denn letztlich haben wir als Waffe gegen das Symptom nur dies: die Äquivokation. (9)

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Il arrive que je me paie le luxe de… de « contrôler » on appelle ça, un certain nombre, un certain nombre de gens qui se sont autorisés eux-mêmes – selon ma formule – à être analystes. (6)

Es kommt vor, dass ich mir den Luxus leiste, eine gewisse Anzahl von Leuten zu kontrollieren79 – wie man das nennt –, von Leuten, die sich selbst, gemäß meiner Formulierung, autorisiert haben, Analytiker zu sein. (9)

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Il y a deux étapes : Il y a une étape où ils sont comme les rhinocéros : ils font à peu près n’importe quoi et je les approuve toujours. (6)

Es gibt zwei Phasen: es gibt eine Phase, auf der sie wie die Nashörner sind80: sie machen sozusagen irgendwas, und ich stimme ihnen immer zu. (9)

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Ils ont en effet toujours raison. (6)

Sie haben tatsächlich immer recht.81 (9)

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La deuxième étape consiste à jouer de cette équivoque qui pourrait libérer du sinthome, car c’est uniquement par l’équivoque que l’interprétation opère. (6)

Die zweite Phase besteht darin, mit dieser Äquivokation zu spielen, das vom Sinthom befreien könnte, denn die Deutung wirkt einzig und allein durch die Äquivokation. (9)

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Il faut qu’il y ait quelque chose dans le signifiant qui résonne. (6)

Es ist nötig, dass es im Signifikanten etwas gibt, das resoniert, das Resonanz gibt.82 (9)

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Il faut dire que on est surpris que les philosophes anglais, ça ne leur soit nullement apparu. (6)

Man muss sagen, dass man erstaunt ist, dass das den englischen Philosophen überhaupt nicht aufgefallen ist. (9)

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Je les appelle philosophes parce que ce ne sont pas des psychanalystes. (6)

Ich nenne sie Philosophen, weil das keine Psychoanalytiker sind. (9)

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Ils croient dur comme fer à ce que la parole ça n’a pas d’effet. (6)

Sie glauben felsenfest daran, dass das Sprechen keine Wirkung hat. (9)

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Ils ont tort. (6)

Sie haben unrecht. (9)

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Ils s’imaginent qu’il y a des pulsions, et encore quand ils veulent bien ne pas traduire pulsion par instinct, ils ne s’imaginent pas que les pulsions c’est l’écho dans le corps du fait qu’il y a un dire. (6)

Sie stellen sich vor, dass es Triebe gibt, und obwohl sie „Trieb“ durchaus nicht mit „Instinkt“ übersetzen wollen83, stellen sie sich nicht vor, dass die Triebe das Echo im Körper der Tatsache sind, dass es ein Sagen gibt. (9)

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Mais que ce dire, pour qu’il résonne, pour qu’il consonne … pour employer un autre mot du Saint Thomas d’Aquin … pour qu’il consonne, il faut que le corps y soit sensible, et qu’il l’est, c’est un fait. (6)

Damit aber dieses Sagen, damit es resoniere, Resonanz gebe, damit es konsoniere, um ein weiteres Wort des Heiligen Thomas von Aquin zu verwenden, damit es konsoniere84, dafür ist es nötig, dass der Körper sensibel dafür ist, und dass er es ist, das ist eine Tatsache. (9 f.)

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C’est parce que le corps a quelques orifices dont le plus important… dont le plus important parce qu’il peut pas se boucher, se clore …dont le plus important est l’oreille, parce qu’il peut pas se fermer, que c’est à cause de ça que répond dans le corps ce que j’ai appelé la voix. (6)

Weil der Körper einige Öffnungen hat, deren wichtigste – deren wichtigste, weil sie nicht, weil sie nicht verstopft, nicht geschlossen werden kann –, deren wichtigste das Ohr ist, weil es nicht verschlossen85, nicht zugemacht werden kann, aus diesem Grunde antwortet im Körper das, was ich die Stimme genannt habe. (10)

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[18] L’embarrassant est assurément qu’il n’y a pas que l’oreille, et que lui fait une concurrence éminente le regard. (6)

Das Störende dabei ist sicherlich, dass es nicht nur das Ohr gibt und dass der Blick ihm starke Konkurrenz macht.86 (10)

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More geometrico, à cause de la forme chère à Platon, l’individu se présente comme il est foutu : comme un corps. (6)

More geometrico87 – auf Grund der Form, die Platon so schätzte88, erweist sich das Individuum so, wie es gebaut ist: als ein Körper. (10)

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Ce corps a une puissance de captivation qui est telle que, jusqu’à un certain point, c’est les aveugles qu’il faudrait envier. (6)

Dieser Körper hat eine solche fesselnde Kraft, dass, bis zu einem gewissen Punkt, die Blinden zu beneiden wären (10)

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Comment est-ce qu’un aveugle, si tant est qu’il se serve du braille, peut lire Euclide ? (6)

Wie kann ein Blinder, wenn er sich des Braille bedient, Euklid lesen?89 (10)

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L’étonnant est ceci que je vais énoncer, c’est que la forme ne livre que le sac, ou si vous voulez la bulle. (6)

Das Erstaunliche ist dies, was ich sagen werde, dass die Form nur den Sack liefert, oder, wenn Sie so wollen, die Blase.90 (10)

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Elle est quelque chose qui se gonfle, et dont j’ai déjà dit les effets à propos de l’obsessionnel, qui en est féru plus qu’un autre. (6)

Sie ist etwas, das sich aufbläst und dessen Wirkungen ich schon genannt habe, hinsichtlich des Zwangsneurotikers, der mehr als andere davon besessen ist.91 (10)

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L’obsessionnel… ai-je dit, quelque part, on me l’a rappelé récemment …c’est quelque chose de l’ordre de la grenouille qui veut se faire aussi grosse que le boeuf. (6)

Der Zwangsneurotiker – habe ich irgendwo gesagt, man hat mich kürzlich daran erinnert – ist etwas von der Art des Frosches, der sich genauso groß wie der Ochse machen will.92 (10)

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On en sait les effets, par une fable. (6)

Die Auswirkungen sind bekannt, aus einer Fabel.93 (10)

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Il est particulièrement difficile, on le sait, d’arracher l’obsessionnel à cette emprise du regard. (6)

Es ist bekanntlich besonders schwierig, den Zwangsneurotiker diesen Fängen des Blicks zu entreißen. (10).

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Le sac, en tant qu’il s’imagine dans la théorie de l’ensemble, telle que l’a fondée Cantor, se manifeste, voire se démontre… si toute démonstration est tenue pour démontrer l’imaginaire qu’elle implique …ce sac – dis-je – mérite d’être connoté d’un ambigu de un et de zéro, seul support adéquat de ce à quoi confine l’ensemble vide qui s’impose dans cette théorie. (6)

Der Sack, wie er in der Mengenlehre imaginiert wird, so wie Cantor94 sie begründet hat95, wird manifest, ja gar bewiesen, wenn jeder Beweis aufgefasst wird als das in ihm enthaltene Imaginäre beweisend96, dieser Sack, sage ich, verdient es konnotiert zu werden mit einer Ambiguität von Eins und Null, dem einzigen Träger, der dem angemessen ist, an das die leere Menge grenzt, die sich in dieser Theorie aufzwingt. (10).

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D’où notre scription : S indice 1 ( S1 ), je precise, qu’elle se lit comme ça; elle fait pas l’un, mais elle l’indique comme pouvant ne rien contenir, être un sac vide. (6)

Von daher unsere Schreibweise „S Index 1“, S1, ich präzisiere, dass sie so gelesen wird; sie bildet nicht die Eins, aber sie verweist auf sie als etwas, das nichts enthalten kann, das ein leerer Sack sein kann. (10).

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Il n’en reste pas moins qu’un sac vide reste un sac, soit l’un qui n’est imaginable que d e l’ex-sistence et de la consistance qu’a le corps, qu’a le corps d’être pot / peau. (6)

Nichtsdestoweniger bleibt, dass ein leerer Sack ein Sack bleibt, nämlich die Eins, die nur vorstellbar ist aus der Ex-sistenz und aus der Konsistenz, die der Körper hat, die der Körper von daher hat, dass er Haut/Topf ist.97 (10 f.)

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Il faut les tenir… cette ex-sistence et cette consistence …pour réelles, puisque le Réel c’est de les tenir. (6)

Sie müssen für real gehalten werden, diese Ex-sistenz und diese Konsistenz, da das Reale ist, sie zu halten. (11).

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D’où le mot Begriff qui veut dire ça. (6)

Von daher das Wort Begriff, das eben dies bedeutet.98 (11).

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L’Imaginaire montre ici son homogénéité au Réel, et qu’elle ne tient – cette homogénéité – qu’au fait du nombre, en tant qu’il est binaire, 1 ou 0, c’est-à-dire qu’il ne supporte le deux que de ce qu’1 ne soit pas 0, qu’il ex-siste au 0, mais n’y consiste en rien. (6)

Das Imaginäre zeigt hier seine Homogenität mit dem Realen, und dass sie, diese Homogenität, nur von dem Faktum der Zahl abhängt, insofern diese binär ist, Eins oder Null, das heißt, dass sie99 die Zwei nur dadurch stützt, dass Eins nicht Null ist, dass sie der Null ex-sistiert, jedoch hier in nichts konsistiert. (11).

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C’est ainsi que la théorie de Cantor doit repartir du couple, mais qu’alors l’ensemble y est tiers. (6)

Auf diese Weise muss Cantors Theorie wieder vom Paar ausgehen, zu dem dann aber die Menge hier das Dritte ist.100 (11).

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De l’ensemble premier à ce qui est l’autre101, la jonction ne se fait pas. (6)

Von der ersten Menge zu dem, was das andere ist, stellt sich die Verbindung nicht her.102 (11).

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C’est bien en quoi le symbole en remet sur l’imaginaire, lui a l’indice 2 ( S2 ), c’est-à-dire qu’indiquant qu’il est couple, il introduit la division dans le sujet – quel qu’il soit – de ce qui s’y énonce « de fait », le « fait » restant suspendu à l’énigme de l’énonciation qui n’est que « fait » fermé sur lui : le fait du fait… comme on l’écrit …le fait/faîte du fait [das erste „fait“ mit ausgesprochenem t] | [19] ou le fait du fait/faîte/faites [das zweite „fait“ mit ausgesprochenem t] 103… comme ça se dit104 …égaux en fait [mit ausgesprochenem t], équivoques et équivalents, et par là limite du dit. (7)

Insofern das Symbol auf das Imaginäre einen draufsetzt, hat es, das Symbol, den Index 2 (S2), das heißt, indem es anzeigt, dass es Paar ist, führt es die Spaltung in das Subjekt ein, welches dies auch sei, durch das, was sich darin de facto aussagt, wobei das Faktum vom Rätsel des Aussagevorgangs abhängig bleibt, der nur ein in sich geschlossenes Faktum ist, das Fakt des Fakts, der Gipfel an Tatsache oder die Tatsache des Getanwordenseins, Äquivoke und Äquivalente und von daher Grenze des Gesagten. (11)

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L’inouï est que les hommes aient très bien vu que le symbole ne pouvait être qu’une pièce cassée, et ce – si je puis dire – de tous temps, mais qu’ils n’aient pas vu à l’époque… à l’époque de ce tous temps …que cela comportait l’unité et la réciprocité du signifiant et du signifié, conséquemment que le signifié d’origine ne veut rien dire, qu’il n’est qu’un signe d’arbitrage entre deux signifiants, mais de ce fait pas d’arbitraire pour le choix de ceux-ci. (7)

Das Unerhörte ist, dass die Menschen zwar sehr deutlich gesehen haben, dass das Symbol nur ein zerbrochenes Stück sein konnte105, und dies, wenn ich so sagen darf, zu aller Zeit, dass sie aber zu der Zeit, zur Zeit dieses zu aller Zeit, nicht gesehen haben, dass dies Einheit und Reziprozität von Signifikant und Signifikat mit sich führte106 und als Konsequenz, dass das ursprüngliche Signifikat nichts besagt, dass es nur ein Zeichen der Arbitrage zwischen zwei Signifikanten ist, und dadurch kein Arbiträres für deren Wahl.107 (11)

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Il n’y a d’umpireumpire pour le dire en anglais, c’est comme ça que Joyce l’écrit …qu’à partir de l’empire, de l’imperium sur le corps, comme tout en porte la marque dès l’ordalie. (7)

Es gibt einen umpire [englisch für „Schiedsrichter“] – umpire, um es auf Englisch zu sagen, so schreibt es Joyce108 – nur ausgehend vom empire, vom Imperium über den Körper, wie alles dessen Markierung trägt, vom Ordal an. (11)

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Ici, le un confirme son détachement d’avec le deux. (7)

Hier bestätigt die Eins ihre Ablösung von der Zwei.109 (11)

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Il ne fait trois que par forçage imaginaire, celui qui impose qu’une volonté suggère à l’un de molester l’autre, sans être lié à aucun. Ouais…(7)

Sie bildet eine Drei nur durch imaginäres Aufhetzen, dasjenige, das dazu nötigt, dass ein Wille dem einen nahelegt, den anderen zu belästigen, ohne an irgendeinen der beiden gebunden zu sein. Nun ja. (12).

Wappen der Familie Borromeo

Wappen der Familie Borromeo[note]Quelle: Wikimedia Commons.[/note]

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Pour que la condition fût expressément posée de ce qu’à partir de trois anneaux, on fît une chaîne telle que la rupture d’un seul rendît – l’un de l’autre – les deux autres libres, quels qu’ils fussent… car dans une chaîne l’anneau du milieu, si je puis dire de cette façon abrégée, réalise ça : les deux autres libres, quels qu’ils fussent …il a fallu qu’on s’aperçût que c’était inscrit aux armoiries des Borromée, que le nœud – de ce fait dit borroméen – était déjà là sans que personne se fût avisé d’en tirer conséquence. (7)

Ausschnitt aus dem Borromäer-Wappen

Ausschnitt aus dem Borromeo-Wappen

Damit die Bedingung ausdrücklich gestellt werde, dass man ausgehend von drei Ringen eine Verschlingung bilde dergestalt, dass das Zerreißen eines einzigen beliebigen die beiden anderen voneinander befreie, welche sie auch seien – denn in einer Verschlingung wird dies, wenn ich das in dieser verkürzenden Weise sagen darf, durch den mittleren Ring realisiert –, die beiden anderen voneinander befreie, welche sie auch seien, musste man erst bemerken, dass dies in das Wappen der Borromäer eingeschrieben war, dass der aufgrund dessen borromäisch genannte Knoten schon da war, ohne dass jemand sich hätte einfallen lassen, daraus die Konsequenzen zu ziehen. (12)

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C’est bien là, c’est bien là que gît ceci : que c’est une erreur de penser que ce soit une norme pour le rapport de trois fonctions qui n’existent… l’une à l’autre dans leur exercice …que chez l’être qui de ce fait se croit être homme. (7)

Borromäischer Dreierknoten -Version Miller S

Borromäische Ringe mit Zuordnung zum Realen (R), Imaginären (I) und Symbolischen (S)[note]Quelle: Seminar 23, Version Miller, S. 20.[/note]

Eben hieran, ja eben hieran liegt es, dass es ein Irrtum ist zu denken, das sei eine Norm für das Verhältnis von drei Funktionen, die in ihrer Ausübung zusammen nur bei dem Wesen existieren, das aus diesem Grunde glaubt, Mensch zu sein. (12).

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Ce n’est pas que soient rompus le Symbolique, l’Imaginaire et le Réel qui définit la perversion, c’est que ils sont déjà distinctes110, et qu’il en faut supposer un quatrième… qui est le sinthome en l’occasion …qu’il faut supposer tétradique ce qui fait le lien borroméen, que « perversion » ne veut dire que « version vers le père », et qu’en somme le père est un symptôme ou un sinthome, comme vous le voudrez. (7)

Nicht dass das Symbolische, das Imaginäre und das Reale zerrissen seien, definiert die Perversion, sondern dass sie schon unterschieden sind, und dass man ein Viertes unterstellen muss, das hierbei das Sinthom ist, dass man das, was das borromäische Band ausmacht, als tetradisch unterstellen muss, dass „Perversion“ nichts anderes besagt als „Wendung zum Vater“, und dass der Vater alles in allem nur ein Symptom ist, oder ein Sinthom / ein saint homme, ganz wie Sie möchten. (12)

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L’ex-sistence du symptôme c’est ce qui est impliqué par la position même, celle qui suppose ce lien – de l’Imaginaire, du Symbolique et du Réel – énigmatique. (7)

Die Ex-sistenz des Symptoms ist das, was von der Position impliziert wird, derjenigen, die jenes rätselhafte Band des Imaginären, des Symbolischen und des Realen unterstellt. (12)

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[20] Si vous trouvez quelque part… je l’ai déjà dessiné …ceci qui schématise le rapport de l’Imaginaire, du Symbolique et du Réel en tant que séparés l’un de l’autre, vous avez déjà, dans mes précédentes figurations, mis à plat leur rapport, la possibilité de les lier – par quoi ? – Par le sinthome. (7)

Borromäische Viererknoten - Miller 2005 S 21

Borromäische Verschlingung von vier Ringen[note]Abbildung aus: Seminar 23, Version Miller 2005, S. 21.[/note]

Wenn Sie irgendwo – ich habe es bereits gezeichnet – das finden, was das Verhältnis des Imaginären, des Symbolischen und des Realen schematisch darstellt, insofern sie voneinander getrennt sind, dann haben Sie bereits in meinen früheren figürlichen Darstellungen, in der Plättung ihrer Beziehungen, die Möglichkeit, sie durch was zu verbinden? durch das Sinthom. (12)

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Si j’avais ici un craie de couleur…
Gloria González — De quelle couleur vous la voulez ?
Comment ?

Gloria González — De quelle couleur ?
Rouge, si vous le voulez bien. Vous êtes vraiment trop gentille. (7)

Lacan: Wenn ich hier eine farbige Kreide hätte …

Gloria González111: In welcher Farbe möchten Sie sie?

Lacan: Wie?

González: In welcher Farbe?

Lacan: Rot, wenn das möglich ist. Sie sind wirklich zu freundlich. (12 f.)

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Tout dépend de ceci : C’est que à rabattre ce grand S… c’est-à-dire ce qui s’affirme de la consistance du Symbolique …à le rabattre, comme il est plausible, je veux dire offert, à le rabattre d’une façon qui se trace ainsi, vous avez… si cette figure est correcte, je veux dire que glissant sous le Réel, c’est évidemment aussi sous l’Imaginaire qu’il doit se trouver, à ceci près qu’ici, c’est sur le Symptômatique qu’il doit passer …vous vous trouvez dans la position suivante, c’est qu’à partir de quatre, ce qui se figure est ceci : [nicht gesprochen, vermutlich auf der Tafel:]

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

[Ende der Einfügung]

c’est à savoir que vous aurez le rapport suivant, ici par exemple, l’Imaginaire, le Réel, et le symptôme que je vais figurer d’un sigma, Σ, et le Symbolique, mais que chacun d’entre eux est échangeable. Expressément, de un à deux peut s’invertir en deux à un, de trois à quatre peut s’invertir de quatre à trois, d’une façon qui, j’espère, vous paraît simple. (7 f.)

Alles hängt hiervon ab: Wenn Sie dieses groß S umklappen, das heißt das, was sich aus der Konsistenz des Symbolischen behauptet, wenn Sie es umklappen – wie es plausibel ist, ich meine, sich anbietet –, wenn Sie es umklappen auf eine Weise, die so gezeichnet wird, dann haben Sie, wenn diese Figur korrekt ist – ich will sagen, dass es unter dem Reale durchgeht und Sie es offensichtlich ebenfalls unter dem Imaginären finden, abgesehen davon, dass es hier über das Symbolische laufen muss –, dann befinden Sie sich in der folgenden Position: dass sich ausgehend von vier dieses darstellt:

[nicht gesprochen, vermutlich auf der Tafel]

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

[Ende der Einfügung]

das heißt, Sie erhalten das folgende Verhältnis: hier zum Beispiel das Imaginäre, das Reale und das Symptom, das ich mit einem Σ darstellen werde, und das Symbolische, und dass ein jedes von ihnen austauschbar ist. Ausdrücklich, von 1 zu 2 kann umgekehrt werden zu von 2 zu 1, von 3 zu 4 kann umgekehrt werden zu von 4 zu 3, auf eine Weise, die Ihnen, wie ich hoffe, als einfach erscheint. (13)

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[21] Mais nous nous trouvons de ce fait dans la situation suivante, c’est que ce qui est un à deux voire deux à un, pour avoir dans son milieu, si l’on peut dire, le Σ et le S, doit faire… c’est précisément ici que c’est figuré …doit faire que le symptôme et le symbole se trouvent pris d’une façon telle… il faudrait que je vous montre par quelque figuration simple …d’une façon telle que il y en a… comme vous le voyez là-bas …qu’il y en a quatre qui sont… vous le voyez là …il y en a quatre qui sont tirés par le grand R, et ici c’est d’une certaine façon que le I se combine en passant au-dessus du symbole ici figuré, et au-dessous du symptôme. (8)

Aber wir finden uns dadurch in der folgenden Situation: was 1 zu 2 ist, oder auch 2 zu 1, da es in seiner Mitte, wenn man so sagen kann, das Σ und das S hat, muss bewirken – genauso ist es hier dargestellt –, muss bewirken, dass das Symptom und das Symbol auf eine Weise gehalten werden, ich werde es Ihnen durch eine einfache Darstellung zeigen müssen, auf eine Weise, dass es – wie Sie es dort sehen – dass es 4 gibt, die – Sie sehen es da –, dass es 4 gibt, die von groß R gezogen werden, und hier verbindet sich das I auf spezielle Weise, indem es über dem hier dargestellten Symbol und unter dem Symptom verläuft. (13)

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C’est toujours sous cette forme que se présente le lien, le lien que j’ai exprimé ici par l’opposition du R au I. (8)

In dieser Gestalt präsentiert sich das Band immer, das Band, das ich hier durch die Opposition von R und I ausgedrückt habe. (13)

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Autrement dit, les deux – symptôme et symbole – se présentent de façon telle que ici, un des deux termes les prend dans leur ensemble, alors que l’autre passe, disons sur celui qui est au-dessus et sous celui qui est au-dessous. (8)

Anders gesagt: die beiden, Symptom und Symbol, präsentieren sich so, dass hier eines der beiden Enden sie in ihrer Gesamtheit nimmt, während das andere, sagen wir, über den hinweg läuft, der oben ist und unter dem, der unten ist. (13)

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C’est la figure que vous obtenez régulièrement dans une tentative de faire le nœud borroméen à quatre et c’est celle que j’ai mis ici, sur l’extrême droite. (8)

Das ist die Figur, die Sie regelmäßig erhalten, wenn Sie versuchen, den borromäischen Viererknoten zu machen, und das ist die, die ich hier ganz rechts gezeichnet habe. (14).

Borromäische Verschlingung von vier Ringen mit symmetrischer Plättung[note]Quelle: Version Miller, S. 22.[/note]

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[In der Miller-Version von 2005 liest man statt des letzten Satzes den folgenden Satz:].

„J’ajoute encore ici une figure différente, elle symétrique, que vous obtenez régulièrement en tentant de faire le nœud borroméen à quatre.“ (Version Miller 2005, 22)

„Ich füge hier noch eine andere Figur ein, eine, die symmetrisch ist, die Sie regelmäßig erhalten, wenn sie versuchen, den borromäischen Viererknoten zu bilden.“112

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Le complexe d’Œdipe, comme tel, est un symptôme. (8)

Der Ödipuskomplex als solcher ist ein Symptom. (14).

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C’est en tant que le Nom du Père est aussi le père du nom que tout se soutient, ce qui ne rend pas moins nécessaire le symptôme. (8)

Insofern der Name-des-Vaters ebenfalls der Vater des Namens ist, wird alles gestützt – wodurch das Symptom nicht minder notwendig wird. (14).

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Cet Autre dont il s’agit, c’est ce quelque chose qui dans Joyce se manifeste par ceci : qu’il est en somme chargé de père. (8)

Dieser Andere, um den es geht, ist jenes Etwas, das sich bei Joyce darin zeigt, dass er letztlich für den Vater verantwortlich ist. (14).

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C’est dans la mesure où ce père… comme il s’avère dans l’Ulysses …il doit le soutenir pour qu’il subsiste, que Joyce par son art… son art qui est toujours le quelque chose qui, du fond des âges, nous vient comme issu de l’artisan …c’est par son art que Joyce fait subsister non seulement sa famille, mais l’illustre si l’on peut dire, et du même coup illustre ce qu’il appelle quelque part my country. (8)

In dem Maße, wie er diesen Vater, wie sich im Ulysses herausstellt, stützen muß, damit er fortbesteht113, lässt Joyce durch seine Kunst, seine Kunst, die immer das Etwas ist, das aus dem Grunde der Zeiten als etwas zu uns kommt, das vom Handwerker ausgegangen ist114, lässt Joyce durch seine Kunst nicht nur seine Familie fortbestehen, sondern er „illustriert“ sie, wenn man so sagen darf, er macht sie zu einer illustren Familie, und zugleich „illustriert“ er das, was er irgendwo „my country“ nennt, er macht es illuster.115 (14)

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L’esprit incréé – dit-il – de sa race… c’est ce par quoi finit Le Portrait de l’Artiste …c’est là ce dont il se donne la mission. (8)

Der ungeschaffene Geist, sagt er, seiner Rasse – damit endet das Porträt des Künstlers –, eben diese Mission gibt er sich.116 (14).

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En ce sens, j’annonce ce que va être cette année mon interrogation sur l’art : en quoi l’artifice peut-il viser expressément ce qui se présente d’abord comme symptôme ? (9)

In diesem Sinne kündige ich an, was in diesem Jahr meine Befragung über die Kunst sein wird: inwiefern kann der Kunstgriff / das Artefakt ausdrücklich das anzielen, was sich zunächst als Symptom präsentiert? (14)

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En quoi l’art, l’artisanat peut—il déjouer, si l’on peut dire, ce qui s’impose du symptôme – à savoir quoi ? – | [23] mais ce que j’ai figuré dans mes deux tétraèdres : la vérité. (9)

Inwiefern kann die Kunst, das Handwerk, das vereiteln, wenn man so sagen kann, was sich vom Symptom aufzwingt, nämlich was? was ich in meinen zwei Tetraedern117 dargestellt habe: die Wahrheit. (14)

Herrendiskurs zwei Tetraeder

Diskurs des Herrn (links), Achteldrehung im Uhrzeigersinn (rechts)

La vérité, où est-elle dans cette occasion ? (9)

Die Wahrheit, wo ist sie in diesem Zusammenhang? (14).

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J’ai dit qu’elle était quelque part dans le discours du maître, comme supposée dans le sujet, en tant que divisé il est encore sujet au fantasme. (9)

Ich habe gesagt, sie sei irgendwo im Diskurs des Herrn als unterstellt im Subjekt, insofern es, gespalten, noch dem Phantasma unterworfen ist. (14)

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C’est, contrairement à ce que j’avais figuré d’abord, c’est ici, au niveau de la vérité que nous devons considérer le mi-dire. (9)

Hier, im Gegensatz zu dem, wie ich es zunächst dargestellt habe, hier auf der Ebene der Wahrheit müssen wir das Halbsagen in Betracht ziehen. (14)

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C’est-à-dire que le sujet, à cette étape118, ne peut se représenter que du signifiant indice 1 (S1), que le signifiant indice 2 (S2), c’est très précisément ce qui se représente de la… pour le figurer comme je l’ai fait tout à l’heure …de la duplicité du symbole et du symptom. (9)

Das heißt, dass das Subjekt in dieser Etappe nur durch den Signifikanten Index 1 (S1) repräsentiert werden kann, dass der Signifikant Index 2 (S2) genau das ist, was – um es darzustellen, wie ich es eben gemacht habe – durch die Duplizität von Symbol und Symptom repräsentiert wird. (14 f.)

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Là est l’artisan, l’artisan en tant que par la conjonction de deux signifiants, il est capable de produire ce que tout à l’heure j’ai appelé l’objet (a) ou plus exactement je l’ai illustré du rapport à l’oreille et à l’œil, voire évoquant la bouche close. (9)

Da ist der Handwerker, der Handwerker, insofern er durch die Zusammenfügung zweier Signifikanten in der Lage ist, das, was ich eben das Objekt klein a genannt habe, zu produzieren, oder genauer, ich habe es mit dem Verhältnis zum Ohr und zum Auge illustriert, wie auch mit dem Verweis auf den geschlossenen Mund. (15)

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C’est bien en tant que le discours du maître règne, que S2 se divise, et cette division, c’est la division du symbole et du symptôme. (9)

Eben insoweit der Diskurs des Herrn herrscht, spaltet sich das S2, und diese Spaltung ist die in Symbol und Symptom. (15)

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Mais cette division du symbole et du symptôme, elle est si l’on peut dire, reflétée dans la division du sujet. (9)

Aber diese Spaltung in Symbol und Symptom, sie wird reflektiert, wenn man so sagen kann, in der Spaltung des Subjekts. (15)

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C’est parce que le sujet c’est ce qu’un signifiant représente auprès d’un autre signifiant que nous sommes nécessités par son insistance, à montrer que c’est dans le symptôme que un de ces deux signifiants du Symbolique, prend son support. (9)

Weil das Subjekt das ist, was ein Signifikant bei einem anderen Signifikanten repräsentiert, wird es uns durch sein Insistieren notwendig119, zu zeigen, dass einer dieser beiden Signifikanten des Symbolischen seine Stütze im Symptom findet. (15)

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Falsches-Loch-zweier-Ringe 2En ce sens, on peut dire que dans l’articulation du symptôme au symbole, il n’y a, je dirai qu’un faux trou. (9)

In diesem Sinne kann man sagen, dass es in der Verbindung des Symptoms mit dem Symbol nur, möchte ich sagen, ein falsches Loch gibt.120 (15).

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Si nous supposons la consistance… consistance d’une quelconque de ces fonctions, Symbolique, Imaginaire et Réel …si nous supposons cette consistance comme faisant cercle, ceci suppose un trou. (9)

Wenn wir die Konsistenz, die Konsistenz irgendeiner dieser Funktionen, Symbolisches, Imaginäres und Reales, wenn wir annehmen, dass diese Konsistenz einen Kreis bildet, dann unterstellt das ein Loch. (15).

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Mais dans le cas du symbole et du symptôme, c’est autre chose dont il s’agit : | [24] ce qui fait trou c’est l’ensemble – c’est l’ensemble pliés l’un sur l’autre – de ces deux cercles. (9)

Aber im Fall des Symbols und des Symptoms geht es um etwas anderes: das, was ein Loch bildet, ist die Gesamtheit – die übereinander gefaltete Gesamtheit – dieser beiden Kreise. (15)

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Ici, comme l’a assez bien figuré Soury… pour l’appeler par son nom, je sais pas s’il est ici …il faut encadrer par quelque chose qui ressemble à une soufflure, à ce que nous appelons dans la topologie, un tore. (9)

Hier, wie es Soury121 – um ihn bei seinem Namen zu nennen, ich weiß nicht, ob er hier ist – ziemlich gut zeichnerisch dargestellt hat, muss man das, was wir in der Topologie einen Torus nennen, mit etwas einrahmen, was einer Gussblase ähnelt.122 (15 f.)

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Il faut cerner chacun de ces trous dans quelque chose qui les fait tenir ensemble, pour que nous ayons ici quelque chose qui puisse être qualifié du vrai trou. (9)

Man muss jedes dieser Löcher in etwas einschließen, was bewirkt, dass sie zusammenhalten, damit wir hier etwas hätten, das als echtes Loch qualifiziert werden könnte. (16)

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C’est dire que : il faut imaginer pour que ces trous subsistent, se maintiennent, supposer123 simplement ici une droite… ça remplira le même rôle …une droite pour peu qu’elle soit infinie. (9)

Das heißt, dass man sich vorstellen muss, damit diese Löcher bestehen bleiben, sich aufrechterhalten, dass man einfach hier eine Gerade annehmen muss, das wird denselben Zweck erfüllen, eine Gerade, vorausgesetzt, sie ist unendlich. (16).

Echtes Loch durch unendiche Gerade

Zwei Ringe mit einer unendlichen Geraden, die das falsche Loch in ein echtes Loch verwandelt

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Ce cercle – il faudra assurément que j’y revienne – le cercle a une fonction qui est bien connue de la police : le cercle ça sert à circuler et c’est bien en ça que la police a un soutien qui ne date pas d’hier. (10)

Dieser Kreis – es wird gewiss nötig sein, dass ich darauf zurückkomme –, der Kreis hat eine Funktion, die der Polizei wohlbekannt ist: der Kreis dient dazu, zu zirkulieren, und eben darin hat die Polizei eine Stütze, die es nicht erst seit gestern gibt.124 (16)

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Hegel avait très bien vu, quelle en était la fonction, et il l’avait vu sous une forme qui n’est assurément pas celle dont il s’agit, ce qui est en question. (10)

Hegel hatte sehr gut gesehen, was ihre Funktion ist, und er hat es in einer Gestalt gesehen, die gewiss nicht diejenige ist, um die es geht, die in Frage steht.125 (16)

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Il s’agit pour la police, simplement que le tournage en rond se perpétue. (10)

Für die Polizei geht es einfach darum, dass das Sich-im-Kreise-Drehen weitergeht. (16)

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Le fait que nous puissions, dans ce faux trou, faire l’adjonction, l’adjonction d’une droite infinie, et qu’à soi seul ceci fasse de ce faux trou, un trou qui borroméennement subsiste, c’est là le point sur lequel je m’arrête aujourd’hui. (10)

Die Tatsache, dass wir zu diesem falschen Loch etwas hinzufügen könnten, eine unendliche Gerade hinzufügen könnten, und dass allein dies schon aus diesem falschen Loch ein Loch macht, das auf borromäische Weise Bestand hat, das ist der Punkt, mit dem ich heute aufhöre.126 (16 f.)

 

KLEINES LACAN-LEXIKON

Das Lexikon ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach der Reihenfolge des Auftretens der Begriffe und Thesen in Lacans Vortrag.

Die Zahlen in Klammern nach den Überschriften und nach den Lacan-Zitaten zu Beginn der Einträge beziehen sich auf die Seiten von Max Kleiners Übersetzung von Seminar 23; oben in der Übersetzung sind sie im deutschen Text nach jedem Satz angegeben.

Am Ende jedes Lexikoneintrags steht ein Pfeil nach unten mit der Spitze nach links (↩); wenn man ihn anklickt, kommt man zur entsprechenden Stelle der Übersetzung zurück.

Sinthom (1)

Zu: „Ich habe auf dem Aus­hang ‚Das Sin­thom‚ an­ge­kün­digt. Das ist eine alte Schreib­weise für das, was spä­ter ‚Sym­ptom‘ ge­schrie­ben wurde.“ (1)

Der Begriff „Symptom“ geht zurück auf das griechische Wort συμπίπτω (sumpiptō), „zusammentreffen“. Das Wort σύμπτωμα (sumptōma) meint „Unfall“, „Zusammentreffen“; es beruht au dem Präfix σύν (sun), „mit“, und dem Stammwort πίπτω (piptō), „geschehen“, „sich ereignen“. „Symptom“ meint also, seiner Herkunft nach: das was zusammen auftritt (vgl. hier). Im Spätlateinischen wird hieraus „symptoma“, im mittelalterlichen Latein „sinthoma“ (siehe hier). Lacan geht mit „Sinthom“ also von der heute üblichen, gräzisierenden Schreibweise zurück auf die latinisierende, „mittelalterliche“ oder „scholastische“ Orthographie.

„Symptôme“ wird mit p ausgesprochen, „sinthome“ ohne; da Lacan sehr deutlich artikuliert, ist auf guten Tonaufnahmen meist klar zu erkennen, ob es um das eine oder um das andere geht.

Lalangue (1, 3 f.)

Zu: „Wenn ich mir diese Abänderung der Orthografie erlaubt habe, die offensichtlich kennzeichnend ist für ein bestimmtes Datum, für das Datum, das hier die Einbringung in das Französische ist – das ich Lalangue nenne, die meinige Sprache –, die Einbringung des Griechischen, dieser Sprache, von der Joyce sich im Porträt des Künstlers ganz und gar wünschte – nein, nicht im Porträt des Künstlers, sondern im Ulysses, im Ulysses im ersten Kapitel, da geht es darum, ‚to hellenise‘, obgleich es um Irland geht, aber Joyce in Englisch schreiben musste.“ (1)

„Von diesem ersten, man muss schon sagen, Stuss haben wir nur eine Spur, indem wir daraus schließen, dass Adam, wie es sein Name zur Genüge anzeigt – das ist eine Anspielung, das hier, auf die Funktion des Index bei Peirce –, dass Adam, gemäß des joke, den Joyce daraus macht, dass Adam natürlich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ihrer Sprache / in ihrer Lalangue benannt hat, das muss man gewiss annehmen, denn die, die ich l’Evie (E-V-I-E) nennen werde – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nennen, denn das heißt es auf Hebräisch, falls das Hebräische eine Sprache ist: die Mutter der Lebenden –, also l’Evie hatte sie sofort und ziemlich hängend, diese Sprache / Zunge, denn nach dem vermeintlichen Benennen durch Adam ist sie die erste Person, die sich ihrer bedient: um zur Schlange zu sprechen.“ (3 f.)

„Lalangue“ ist ein von Lacan gebildeter Neologismus, er dient bei ihm als Gegenbegriff zu langage. Mit langage („Sprache“) meint Lacan das durch Regeln der Grammatik bestimmte Sprachsystem, das weitgehend eine theoretische Fiktion ist – die, so darf man Lacan ergänzen, durch Schulsystem und Verlagswesen mit ihrer Orientierung an der Schriftlichkeit praktisch wirksam ist. Lalangue (von la langue, „die Sprache“, in einem Wort geschrieben) ist die tatsächlich gesprochene Sprache, wie sie in der Perspektive der Psychoanalyse erscheint: durch Mehrdeutigkeiten und Lautverzerrungen bestimmt und mit Genießen verbunden, mit Erregungen, wie Freud sagen würde Freud. Lacan schreibt la langue deshalb in einem Wort, als lalangue, um damit, wie er sagt, an lallation zu erinnern, womit sowohl das La-la-la-Singen gemeint ist, mit dem man Kinder zum Schlafen bringt, als auch das Lallen oder Brabbeln eines Säuglings.

Unter genetischem Aspekt ist lalangue das Sprechen der Mutter, mit dem das Kind konfrontiert ist, und zwar aus der Perspektive des Kindes aufgefasst, das nicht oder kaum sprechen kann (in Lacans strukturalistischer Perspektive ist der genetische Gesichtspunkt zwar nicht zurückzuweisen, aber doch sekundär).

Lacan verwendet den Ausdruck „lalangue“ zum ersten Mal am 4. November 1971, im ersten Vortrag seiner Vorlesungsreihe mit dem Titel „Le savoir de l’analyste“ (Das Wissen des Analytikers).127

In Seminar 20 von 1972/73, Encore, sagt er:

„Die Sprache (langage) ist eine Hirngespinst des Wissens (élucubration du savoir) über lalangue.“128

In L’étourdit (1973) heißt es: Lalangue ist das

„Gesamt der Äquivokationen (intégrale des équivoques)“129.

Michael Turnheim erläutert den Begriff so, dass es

„bei Sprache zunächst weniger um Kommunikation als um Genießen als etwas Ungeregeltem geht. Gemeint ist damit, dass dasjenige, was die Linguistik an Ordnung bezüglich Sprache festzumachen versucht und worin Lacan im Großen und Ganzen lange Zeit größtes Vertrauen gesetzt hat, bereits einer Idealisierung entspricht. In Wirklichkeit haben wir es ursprünglich mit einer Art mehr oder weniger formloser Sprachsuppe namens lalangue zu tun, die von Zweideutigkeiten wimmelt.“130

Die Zeitschrift Essaim hat dem Thema lalangue ein Heft gewidmet; in der Ankündigung wird der Begriff so bestimmt:

„In einem Wort (so muss man das sagen), lalangue ist die Muttersprache. Sie trägt in sich die ersten Zeugnisse der Stimmübungen zwischen dem Säugling und seiner Mutter. Sie ist sonor und signifikant. Lalangue hat ihren Ursprung im Lallen, im Gesang (und auch im Feld) der Signifikanten [unübersetzbares Wortspiel: „du chant (et aussi du champ) signifiant“]. Die Homophonie nimmt hier einen herausragenden Platz ein, den der Analytiker bei der Deutung später wird nutzen können. Lalangue ist ein neuer Stein, der von Lacan in den Garten seiner Linguisterie gesetzt worden ist, Jungbrunnen der Sprache, in einer alten Diskussion – wie schon in Platons Kratylos – über das Verhältnis zwischen der Arbitrarität und der Ikonizität des Zeichens.“131

Lacans berühmteste Fomel lautet L’inconscient est structuré comme un langage, „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“. Unter langage versteht Lacan die Einzelsprache, etwa das Französische oder das Chinesische.132 Diese Formel wird durch den Begriff Lalangue zurückgenommen oder zumindest stark modifiziert. Das Unbewusste ist nicht strukturiert wie eine langage – nicht wie eine Einzelsprache –, sondern wie lalangue.

Joyce (1)

Zu: „Wenn ich mir diese Ab­än­de­rung der Schreib­weise er­laubt habe, die of­fen­sicht­lich ein Da­tum mar­kiert, ein Da­tum, das hier die Ein­brin­gung in das Fran­zö­si­sche ist – das ich Lal­angue nenne, die mei­nige Spra­che –, die Ein­brin­gung von Grie­chisch, die­ser Spra­che, von der Joyce sich im Por­trait des Künst­lers ganz und gar wünschte – nein, nicht im Por­trait des Künst­lers, son­dern im Ulys­ses, im Ulys­ses im ers­ten Ka­pi­tel, da geht es darum, ‚to hel­le­nise‘ – die hel­le­ni­sche Spra­che auch ein­zu­brin­gen in ich-weiß-nicht-was, da es ja noch gar nicht um das Gä­li­sche geht, ob­gleich es um Ir­land geht, aber Joyce in Eng­lisch schrei­ben musste.“ (1)

Auf Joyce verweist Lacan zum ersten Mal in dem Aufsatz Das Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“ (1956); er bezieht sich dort auf ein Wortspiel, das im literarischen Kreis um Joyce erfunden worden war und das Joyce aufgegriffen hatte: a letter, a litter (ein Brief, eine Streu).133

In den Seminaren hatte Lacan sich in den folgenden Sitzungen auf Joyce bezogen:

– Seminar 18: am 12. Mai 1971.134

– Seminar 20: am 9. Januar 1973.135

– Seminar 22: Am 8. April 1975 verweist er darauf, dass er sich bei Joyce umgeschaut hat, weil man ihn gebeten hat, auf einem Kongress über Joyce einen Vortrag zu halten.

Vom 16. bis zum 20. Juni 1975 fand in Paris das fünfte internationale Joyce-Symposium statt, auf dem Lacan am 16. Juni zur Eröffnung den Vortrag „Joyce le symptôme“ hielt. Von diesem Vortrag gibt es zwei Versionen, die sich stark unterscheiden: eine Transkription des mündlichen Vortrags (meist „Joyce le symptôme I“ genannt) und eine von Lacan für den Druck bearbeitete Fassung („Joyce le symptôme II“).

Joyce das Symptom I

Die mündliche Fassung beruht auf einer Mitschrift von Eric Laurent und wurde 1982 von Jacques-Alain Miller herausgegeben, in: L’âne, 1982, Nr. 6. Diese Version wurde außerdem veröffentlicht in:

– Jacques Aubert (Hg.): Joyce avec Lacan. Navarin, Paris 1987, S. 21-30

– Lacan, Seminar 23, Version Miller 2005, S. 161-169

– Im Internet hier

– Meine Übersetzung findet man in diesem Blog hier.

Joyce das Symptom II

Die von Lacan für den Druck überarbeitete Fassung erschien zuerst 1979 in den Akten des Kongresses, im Band mit den französischsprachigen Beiträgen (ein zweiter Kongressband, mit englischem Titel, enthält die in englischer Sprache gehaltenen Vorträge):

– Jacques Aubert, Maria Jolas (Hg.): Joyce & Paris. 1902 … 1920-1940 … 1975. Actes du 5. Symposium International James Joyce, Paris 16 – 20 juin 1975. Publications de l’Université de Lille, Éditions du C.N.R.S., Paris 1979, S. 13-17.

Die zweite Version wurde außerdem veröffentlicht in:

– Jacques Aubert (Hg.): Joyce avec Lacan. Navarin, Paris 1987, S.31-37

– Lacan: Autres écrits. Editions du Seuil, Paris 2001, S. 565-570

– Im Internet hier.

Hinweise auf spätere Vorträge von Lacan über Joyce findet man m Kommentar „‚Das Sinthom‘ entziffern“ hier (unter „Weitere Texte Lacans im Umkreis von Seminar 23“).

Logik (2)

Zu: „Ich be­erbe Freud, ohne dass das ei­gent­lich meine Ab­sicht war, durch das, was ich zu­zei­ten aus­ge­spro­chen habe, das, was in gu­ter Lo­gik dem Ge­stam­mel je­ner ent­nom­men wer­den konnte, die er ’seine Bande‘ nannte.“ (2)

„Die Na­tur, möchte ich sa­gen, um es kurz zu ma­chen, zeich­net sich da­durch aus, nicht-eine zu sein; von da­her das lo­gi­sche Vor­ge­hen, um sie zu an­zu­ge­hen.“ (2 f.)

„Der Vor­teil die­ser Aus­sage ist, dass, wenn Sie fin­den – um das zu be­rück­sich­ti­gen –, dass, es zu be­nen­nen, dar­über ent­schei­det, was das Ge­setz der Na­tur zu sein scheint, dass es bei ihm, ich meine beim Men­schen, kein na­tür­li­ches – mit al­len Ein­schrän­kun­gen also, die­ses „na­tür­lich“ – se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, Sie lo­gi­scher­weise be­haup­ten, was ja der Fall ist, dass das kein Vor­recht des Men­schen ist.“ (3)

In L’acte psychanalytique (1969), einer Zusammenfassung des gleichnamigen Seminars 15 von 1967/68, schreibt Lacan:

„nichts verweist darauf, dass das Objekt klein a nicht eine Konsistenz hätte, die durch reine Logik gestützt wird“136.

Positiv formuliert: Das Objekt a zeichnet sich durch Konsistenz aus, und zwar durch eine Konsistenz, die durch reine Logik gestützt wird. Was wohl heißt: Man kann das Objekt a mit dem Mitteln der Logik begründen, durch Buchstaben-Manipulationen. Falls ich recht sehe, fasst der Satz nicht das Seminar zusammen, sondern hat programmatischen Charakter.

Seit Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, entwickelt Lacan eine Logik der Sexuierung mit dem Quantor „nicht-alle“. Möglicherweise ist dies ein Versuch, den programmatischen Satz aus L’acte psychanalytique einzulösen.

Die Logik beruht nicht auf dem Sinn, sondern auf der Manipulation von Buchstaben. Dies ermöglicht es, den Widerspruch zu isolieren (die Paradoxie, die Antinomie). Der formalisierte Widerspruch ermöglicht, vom Symbolischen aus, einen Zugang zum Realen, d.h. zu dem, was sich nicht symbolisieren lässt.

 

Viergliedrige Strukturen (2)

Zu: „Ich habe mich mit der 4 be­gnügt [mit einem borromäischen Knoten aus vier Ringen], und dar­über freue ich mich, denn der 4, 5, 6 wäre ich si­cher­lich un­ter­le­gen ge­we­sen.“ (2)

Viergliedrige Strukturen sind für Lacans Diagramme und Formeln charakteristisch.

– Das in Seminar 2 eingeführte Schema L hat vier Eckpunkte137, dieses Diagramm liegt mehreren anderen Schemata zugrunde.

– Im Seminar über E.A. Poes “Der entwendete Brief“ (1957) wird die Folge α, β, γ, δ untersucht.138

– Der in Seminar 5 vorgestellte Graph des Begehrens zeichnet sich durch vier Knotenpunkte aus.139

– Das sogenannte ödipale Dreieck wird von Lacan als Viereck aufgefasst, bestehend aus Mutter, Kind, Phallus und Vater.140

– In Seminar 9 stützt Lacan sich auf das sogenannte logische Quadrat.141

– Das in Seminar 14 vorgeführte Schema der Entfremdung besteht aus vier Venn-Diagrammen.142

– Die in Seminar 17 behandelten Diskursformeln stehen für vier Diskurse mit je vier Plätzen, auf denen sich vier Symbole verschieben.143

– Bei den Formeln der Sexuierung, die in Seminar 18 und 19 entwickelt werden, handelt es sich um genau vier Formeln.144.

Ist die Viergliedrigkeit zwingend? Das ist eine Frage, die Lacan beschäftigt. In Seminar 6 sagt er:

„Es ist diese Synchronie der Signifikanten, nämlich die Existenz einer bestimmten Signifikantenbatterie, in bezug auf die man das Problem stellen kann, welches die minimale Batterie ist. Ich habe versucht, mich an diesem kleinen Problem zu betätigen. Die Frage, ob man mit dem, was die Minimalbatterie zu sein scheint, nämlich mit einer Vierer-Batterie, letztlich eine Sprache (langage) schaffen kann, würde Sie von Ihrer Erfahrung nicht allzu weit entfernen. Ich glaube nicht, dass das undenkbar ist, aber lassen wir das beiseite.“145

In Kant mit Sade (1963) schreibt er zu einer Abwandlung von Schema L:

„Es handelt sich also um eine vierteilige Struktur, deren es, ausgehend vom Unbewußten, stets bedarf, um die Verfassung des Subjektiven in seiner Konstruktion zu erfassen. Dem entsprechen unsere didaktischen Schemata.“146

Für die Viergliedrigkeit des Schemas der Entfremdung beruft Lacan sich auf die Kleinsche Vierergruppe.147 Diese Gruppe ist grundlegend für die Psychologie von Jean Piaget, sie bildet hier die Basis des sogenannten INCR-Schemas; Lacans Rechteck der Entfremdung ist deutlich von Piagets Schema inspiriert.

4, 5, 6

In Seminar 22 hatte Lacan das folgende Seminar – also das hier kommentierte Seminar 23 – mit einem Kindervers angekündigt:

„Dieses Jahr habe ich RSI gesagt [für Reales, Symbolisches, Imaginäres]. Warum nicht un, deux, trois [eins, zwei, drei]? ….. nous irons au bois [wir werden in den Wald gehen]. Sie wissen, wie es weitergeht – quatre, cinq, six [vier, fünf, sechs], cueillir des cérises [Kirschen pflücken], sept, huit, neuf [sieben, acht, neun], dans mon panier neuf [in meinen neuen Korb]. Ich werde bei 4, 5, 6 aufhören.“148

Er erklärt dort, dass man, wenn man von der Vier ausgeht, also von einer borromäischen Verschlingung aus vier Ringen, „einen bestimmten Weg findet, der nur bis zur Sechs führt“, also bis zur borromäischen Verschlingung aus sechs Ringen. Miller vermutet, dass dieser „besondere Weg“ in einer bestimmten Kombinatorik besteht.149

Nicht-eine (2 f.)

Zu: „Die Na­tur, möchte ich sa­gen, um es kurz zu ma­chen, zeich­net sich da­durch aus, nicht-eine zu sein; von da­her das lo­gi­sche Vor­ge­hen, um sie an­zu­ge­hen.“ (2 f.)

Den Ausdruck „pas-une“ (nicht-eine) im Sinne eines logischen Terminus verwendet Lacan zuerst in Seminar 19, er gehört zu den „Formeln der Sexuierung„.150 „Nicht-eine“ bezieht bezieht sich auf den negierten Existenzquantor:Negierter Existenzquantor Kopiezu lesen als „Es gibt nicht eine x“. Dieser Formel wird von Lacan die modale Kategorie des „Unmöglichen“ zugeordnet151; das Unmögliche wird von ihm definiert als „das, was nicht aufhört, sich nicht zu schreiben / nicht geschrieben zu werden“. „Die Natur ist nicht-eine“ meint also auch: Die Natur „existiert“ nicht, im Sinne von: es ist unmöglich, sie zu schreiben, sie hört nicht auf, nicht geschrieben zu werden.

Der negierte Existenzquantor (nicht-eine) bezieht sich in den Formeln der Sexuierung auf das weibliche Genießen; der vollständige Ausdruck sieht so aus:Formeln weibliches Genießen oben - nicht E von nicht Phi„Es gibt nicht eine x, für die gilt, dass das Genießen nicht eine Funktion des Phallus ist.“152

Natur behauptet sich als Potpourri von Außer-Natur (3)

Zu: „Nennen Sie Natur das, was Sie allein schon durch die Tatsache, einer Sache Interesse entgegenzubringen, ausschließen, wobei sich diese Sache dadurch hervorhebt, dass sie benannt wird: die Natur lässt sich durch dieses Vorgehen lediglich darauf ein, sich als Potpourri von Außer-Natur zu behaupten.“ (3)

Die Natur (das angeblich natürliche sexuelle Verhältnis) behauptet sich als Außer-natur (es gibt kein natürliches sexuelles Verhältnis), was es an dieser Stelle gibt, ist ein Potpourri.

Max Kleiner verweist in seiner Übersetzung auf die Etymologie von „pot-pourri“: Topf von Verfaultem.

Mit dem „Verfaulten“ spielt Lacan vermutlich auf Freuds Konzeption der Partialtriebe an. Der Sexualtrieb besteht aus einer Reihe unterschiedlicher Komponenten, in diesem Sinne ist er ein „Potpourri“. Diese Strebungen sind pervers, was häufig mit „unnatürlich“ gleichgesetzt wird. Es sind vor allem die koprophilen Triebanteile, die verdrängt werden – das Potpourri ist ein Topf von „Verfaultem“.153

Pot, „Topf“, ist homophon mit peau,Haut“; die Haut fungiert als eine Art Topf. Dies verweist voraus auf die Bemerkungen über den Hautsack später in dieser Sitzung.

Jacques-Alain Miller macht darauf aufmerksam, dass die These „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ hier verallgemeinert wird; diese Verallgemeinerung ermöglicht den Übergang zu anderen Lebensformen, etwa zu den Bakterien.154

Es gibt kein sexuelles Verhältnis (3)

Zu: „Der Vor­teil die­ser Aus­sage ist, dass, wenn Sie fin­den – um das zu be­rück­sich­ti­gen –, dass, es zu be­nen­nen, dar­über ent­schei­det, was das Ge­setz der Na­tur zu sein scheint, dass es bei ihm, ich meine beim Men­schen, kein na­tür­li­ches – mit al­len Ein­schrän­kun­gen also, die­ses „na­tür­lich“ – se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, Sie lo­gi­scher­weise be­haup­ten, was ja der Fall ist, dass das kein Vor­recht des Men­schen ist.“ (3)

„Rapport sexuel“ meint in der Umgangssprache, dass zwei Menschen Sex miteinander haben. Die Formel „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ meint „Es gibt kein natürliches sexuelles Verhältnis“, das Angezogenwerden durch das andere Geschlecht ist nichts Natürliches; Menschen werden nicht durch Instinkte auf das biologische Gegengeschlecht bezogen und auch nicht durch das Unbewusste. Wenn ein Mann und eine Frau miteinander Sex haben, ist das also, allen Behauptungen zum Trotz, nichts Natürliches. Sie bedienen sich kulturell tradierter Erfindungen.

Die Triebe sind, wie Freud sagt, polymorph-pervers, keineswegs auf Zweigeschlechtlichkeit hin ausgelegt. Die biologische Zweigeschlechtlichkeit wird, Freud zufolge, während der kindlichen Entwicklung nicht repräsentiert, beide Geschlechter kennen nur ein Organ, das männliche und ersetzen die Geschlechterdifferenz durch die Vorstellung von der Anwesenheit und Abwesenheit des Penis. Die infantile Genitalorganisation zeichnet sich dadurch aus, schreibt Freud,

„dass für beide Geschlechter nur ein Genitale, das männliche, eine Rolle spielt. Es besteht also nicht ein Genitalprimat, sondern ein Primat des Phallus.“[1. S. Freud: Die infantile Genitalorganisation (1923). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 238.]

Zögernd sagt er: Die Libido ist männlich:

„Ja, wüßte man den Begriffen ‚männlich und weiblich‘ einen bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten, die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das Weib sein.“155

In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse schreibt Freud:

„Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man könnte hinzunehmen, daß die Kinder den Winken folgen, die ihnen die geschlechtliche Bevorzugung der Eltern gibt. Aber so gut sollen wir es nicht haben, wir wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen.“156

Lacan übernimmt diese Konzeption: im Unbewussten ist die Zweigeschlechtlichkeit – die Beziehung zum anderen Geschlecht – nicht repräsentiert:

„Aber nichts – und das ist der Grund, weshalb die gesamte Affektpsychologie bis hin zu Freud zum Scheitern verurteilt war –, nichts repräsentiert hier den Andern, das radikale Andere, den Andern als solchen. Und genau diese Repräsentation des Andern fehlt zwischen den beiden entgegengesetzten Welten, die Sexualität im Männlichen und im Weiblichen aufzeigen.“157

Das Geschlecht (le sexe) (3)

Zu: „Pas­sen Sie je­doch auf, dass Sie nicht auch noch sa­gen, dass das Ge­schlecht nichts Na­tür­li­ches sei.“ (3)

„Le sexe“ meint das Geschlecht, das Geschlechtsorgan oder den Geschlechtsverkehr, bei Lacan aber auch die Geschlechtszellen (Gameten, Keimzellen). In Seminar 19 spricht er über das Geschlecht (le sexe) als reales und fährt fort:

„Vor allem, seit einiger Zeit haben wir im Mikroskop gesehen, was das war. Ich spreche nicht von den Geschlechtsorganen, sondern von den Gameten.“158

Das erinnert an eine Bemerkung von Freud über die Unterscheidung von „männlich“ und „weiblich“:

„Die zweite, biologische Bedeutung von männlich und weiblich ist die, welche die klarste Bestimmung zuläßt. Männlich und weiblich sind hier durch die Anwesenheit der Samen-, respektive Eizelle und durch die von ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert.“[/note]Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 37-145, hier: S. 123 (Zusatz von 1915).[/note]

Lacan bezieht sich mit „le sexe“ also auf das biologische Geschlecht im Sinne von Freud.

Bakterien (3)

Zu: „Versuchen Sie vielmehr zu erfahren, wie es in jeden einzelnen Fall damit steht, von der Bakterie bis zum Vogel – auf beide habe ich bereits angespielt –, von der Bakterie bis zum Vogel, da diese Namen haben.“ (3)

Um das Verhältnis von Bakterien und Sexualität ging es bereits in den Seminaren 18 und 21.

In Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, heißt es, wenn man irgendwo anfangen könne, sich die biologische Seite der Sexualität klarzumachen, dann eher auf der Seite der Bakterien.159

In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, bezieht sich Lacan für einen ähnlichen Gedanken ausdrücklich auf das Buch von Elie Wollman und François Jacob: La sexualité des bacteries. Éditions Masson, Paris 1959, genauer, auf die englische Übersetzung dieser Arbeit: Sexuality and the genetics of bacteria. Academic press, New York 1961.160

Er fragt sich hier, ob Bakterien „genießen“ – ob sie Empfindungen haben – , und er erklärt, ihm sei zu Ohren gekommen, der einzige Moment sei möglicherweise der, in dem sie von Bakteriophagen (von bakterienfressenden Viren) infiziert (also „gefressen“) werden. Was also heißt, dass Bakterien möglicherweise eine Form des Genießens kennen, das bezogen auf den Menschen als passiv-oralsadistisch oder passiv-kannibalistisch zu bezeichnen wäre, als Lust am Gefressenwerden.

Des weiteren interessiert ihn diejenige Beziehung, die Wollmann und Jacob als „Sexualität“ von Bakterien bezeichnen, wobei Lacan betont, dass dies keine wirkliche Sexualität ist, sondern nur eine Strukturähnlichkeit; es ist klar, dass Bakterien sich durch Zellteilung vermehren.

Wollmann und Jacob argumentieren so: Angenommen, es gibt zwei Mutationen von Bakterien von derselben Abstammungslinie, und die eine Linie vermehrt sich stärker als die andere, dann herrscht zwischen diesen Linien folgende Beziehung:

– Wenn Bakterien, die sich stärker vermehren, auf solche treffen, die sich schwächer vermehren, führt dies dazu, dass diejenigen mit schwächerer Vermehrung so mutieren, dass sie sich stärker vermehren. (Falls ich Lacans Formulierung richtig verstanden habe. Er sagt: „Les foisonnantes-plus, quand elles se rencontrent avec les foisonnantes-moins, les font muter du côté du foisonnement.“)

– Im umgekehrten Fall ist es nicht so: Falls Bakterien, die sich schwächer vermehren, auf solche treffen, die sich stärker vermehren, führt dies nicht dazu, dass diejenigen mit stärkerer Vermehrung so mutieren, dass sie sich schwächer vermehren.

Lacan hebt hervor, dass es bei dieser primitiven Form des Lebens demnach das gibt, was er als „Nicht-Verhältnis“ bezeichnet.

Benennung (3 f.)

Zu: „Mer­ken wir ne­ben­bei an, dass in der gött­lich ge­nann­ten Schöp­fung, gött­lich al­lein darin, dass sie sich auf die Be­nen­nung be­zieht, das Bak­te­rium nicht be­nannt wird, und dass es auch nicht be­nannt wird, als Gott, den Men­schen ver­ul­kend, den als ur­sprüng­lich un­ter­stell­ten Men­schen, ihm vor­schlägt, da­mit an­zu­fan­gen, den Na­men ei­nes je­den Tier­chens zu sa­gen. Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam, wie es sein Name zur Ge­nüge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­tion des In­dex bei Peirce –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joyce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer lal­angue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die, die ich l’Evie (E-V-I-E) nen­nen werde – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist: die Mut­ter der Le­ben­den –, also l’Evie hatte sie so­fort und ziem­lich hän­gend, diese Spra­che/Zunge, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist sie die erste Per­son, die sich ih­rer be­dient: um zur Schlange zu spre­chen.“ (3 f.)

Benennung der Tiere in früheren Seminaren

Über die Benennung und den biblischen Mythos von der Benennung der Tiere spricht Lacan bereits in Seminar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse.

„Die Macht, die Objekte zu benennen, strukturiert die Wahrnehmung selbst. Das percipi des Menschen vermag sich nur innerhalb einer Zone der Benennung zu halten. Durch die Benennung läßt der Mensch die Objekte in einer gewissen Konsistenz bestehen. Stünden sie nur in einer narzißtischen Beziehung zum Subjekt, dann würden die Objekte immer nur in instantaner Weise wahrgenommen. Das Wort, das Wort, welches benennt, ist das Identische. Das Wort entspricht nicht der räumlichen Distinktion des Objekts, die immer bereit ist, sich in einer Identifikation mit dem Subjekt aufzulösen, sondern seiner zeitlichen Dimension. Das Objekt, einen Augenblick konstituiert als ein dem menschlichen Subjekt Ähnliches, ein Double seiner selbst, zeigt dennoch einen gewissen Permanenzaspekt durch die Zeit hindurch, der nicht unendlich dauerhaft ist, denn alle Objekte sind vergänglich. Diese Erscheinung, die eine gewisse Zeit andauert, ist streng nur durch die Vermittlung des Namens erkennbar. Der Name ist die Zeit des Objekts.“161

Die Benennung stiftet die vorübergehende Dauer des Gegenstands, in der Sprache der Psychologie: die Objektkonstanz. Lacan fährt fort:

„Die Benennung konstituiert einen Pakt, durch den zwei Subjekte gleichzeitig übereinkommen, dasselbe Objekt zu erkennen (reconnaitre). Wenn das menschliche Subjekt – was, wie die Genesis sagt, im irdischen Paradies geschehen ist – nicht zunächst die Hauptgattungen benennt, wenn die Subjekte sich nicht über diese Erkenntnis (reconnaissance) verständigen, dann gibt es keine Welt, nicht einmal eine perzeptive, die länger als einen Augenblick haltbar wäre.“162

Die Benennung ist reconnaissance, zugleich Erkenntnis und Anerkennung. Die Subjekte kommen darin überein, dasselbe Objekt zu erkennen, sie vollziehen dabei eine wechselseitige Anerkennung in Bezug darauf, dass es bestimmte Objekte gibt. Der nächste Satz lautet:

„Da ist das Bindeglied, das Auftauchen der Dimension des Symbolischen im Imaginären.“163

Die Benennung ist hiernach im Überschneidungsbereich zwischen dem Imaginären und dem Symbolischen zu verorten; in der Begrifflichkeit von Seminar 23 wäre dies das Feld des Sinns.

In Seminar 20 von 1972/73, Encore, heißt es:

„Ist das nicht etwas, das Ihnen erscheinen mag — wenn’s überhaupt so ist, daß laparesse [die Trägheit], die die Ihre ist, aufgeweckt werden könnte durch irgendeine Erscheinung — in der Genesis? Sie erzählt uns nichts anderes als die Schöpfung — aus nichts in der Tat — woraus? — aus nichts anderem als aus Signifikanten. Sobald diese Schöpfung auftaucht, artikuliert sie sich durch die Benamung dessen, was ist. Ist das nicht die Schöpfung in ihrem Wesen? Wenn Aristoteles nicht umhin kann zu sagen, daß, wenn es je etwas gegeben hat, es seit je war, daß es da war, geht es dann nicht, in der kreationistischen Idee, um die Schöpfung ausgehend von nichts, und also aus dem Signifikanten?“164

Die zeitliche Struktur ist hier unklar. Erste Lesart: Nach der Schöpfung aus dem Nichts durch Gott, aus nichts als Signifikanten, kommt es zur Benennung dessen, was ist. Zweite Lesart: Zusammen mit der göttlichen Schöpfung aus dem Nichts kommt es zur Benennung dessen was ist, beides fällt mehr oder weniger zusammen.

In Seminar 22 von 1974/75, RSI, bezieht Lacan sich in der Sitzung vom 11. 3. 1975 auf den Benennungsmythos (wobei er das Benennen der Tiere irrtümlich Gott zuschreibt, ein Fehler, den er in dieser Sitzung von Seminar 23 korrigiert).

Benennung vs. Kommunikation

In Seminar 23 geht es in der Sitzung vom 18. November 1975 in der Passage über die Benennung der Tiere offenbar um den Unterschied zwischen drei Funktionen von Lalangue: Genießen, Benennen und Kommunikation.

In Seminar 21 heißt es: Der Signifikant unterscheidet sich vom Zeichen darin, dass wir mit dem Zeichen in einer objektivierten Welt Zirkulation herstellen können, das Zeichen ist das, was vom Sender zum Empfänger geht und das, was dem Empfänger das Zeichen des Senders gibt.165 Unter Kommunikation versteht Lacan demnach die Beziehung zum Anderen durch Zeichen: ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden.

In Seminar 22 wird die Benennung von der Kommunikation unterschieden:

„Benennung ist nicht Kommunikation. An dieser Stelle knüpft sich die Spreche (la parlotte) an etwas Reales.“166

Die Benennung bezieht das Symbolische demnach nicht auf das Imaginäre, wie es in Seminar 2 geheißen hatte, sondern auf das Reale.

Auf die Beziehung zum Realen verweist in zitierten der Passage aus Seminar 23 der Begriff „Index“. Peirce unterscheidet drei Zeichenfunktionen, ikonische, symbolische und indexikalische Zeichen; das indexikalische Zeichen bezieht sich auf den Referenten, in Lacans Terminologie: auf das Reale.167

Die Benennung „macht Loch“

Die Formulierung faire trou ohne Artikel, „Loch machen“, ist antiquiertes Französisch; heute gehört sie zum Jargon der Lacanianer.

In Seminar 22, RSI, heißt es:

„Die Benennung ist das einzige, von dem wir sicher sein können, daß es Loch macht.“168

„Loch“ ist eine der drei Kategorien, mit denen Lacan in Seminar 22, RSI, den borromäischen Knoten beschreibt: Konsistenz, Ex-sistenz und Loch. Konsistenz meint, dass ein Faden in sich zusammenhält und auf diese Weise einen Ring bildet; die Ex-sistenz besteht darin, dass die Fadenringe aneinanderstoßen, sich äußerlich sind, sich nicht durchdringen und auf diese Weise zusammenhalten; das Loch ist gewissermaßen das Innere des Fadenrings, das, wodurch man den Finger oder die Hand stecken kann; der Ring ist um ein Loch herum gebaut. Man muss also zwei Arten des Zusammenhalts unterscheiden: den Zusammenhalt eines Fadens oder Ringes in sich (Konsistenz) und den Zusammenhalt der Ringverschlingung (Ex-sistenz).

Jeder der drei Ringe zeichnet sich aus durch Konsistenz, Ex-sistenz und Loch; es gibt also ein Loch im Imaginären, eines im Realen und eines im Symbolischen. Das Loch im im Ring des Imaginären repräsentiert die Körperöffnungen169, das Loch im Ring des Realen bezieht sich auf die Inexistenz des sexuellen Verhältnisses170; das Inzestverbot ist insofern ein Loch, als die Verdrängung des Inzestverbots nicht aufgehoben werden kann, es ist „urverdrängt“, wie Freud sagt.[Vgl. Seminar 23, Sitzung vom 9. Dezember 1973, hier; Version Miller S. 41; Übersetzung von Max Kleiner S. 33.]

Das Loch, das durch die Benennung erzeugt wird, ist, so nehme ich an, das Loch im Realen, die Inexistenz des sexuellen Verhältnisses.

Der Vater als Benennender

Die Benennung wird von Lacan in Seminar 22 mit der Funktion des Vaters zusammengebracht. Mit dem Namen-des-Vaters (Lacans Version des Zusammenhangs von Ödipuskomplex, Inzestverbot und Kastrationskomplex) ist auch der Vater als benennender gemeint, heißt es dort.

Benennung und Symptom

Die Benennung wird in Seminar 22 auf das Symptom bezogen: Das Symptom ist eine Form der Benennung. Vgl. hierzu in diesem Blog den Artikel „Vom Dreierknoten zum Viererknoten. Über die Verbindung zwischen dem RSI-Seminar und dem Sinthom-Seminar„. Der Vortrag „Joyce das Symptom“ bezog sich bereits mit dem Titel auf die Benennung: der Titel soll wie Joyces Name gelesen werden, erläutert Lacan in diesem Vortrag, also beispielsweise wie „Jack the Knife“.

Sprechwesen (parlêtre) (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent /serre-pan / Schlange zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die serre-fesses / Arschbacken-Klemme zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spalte oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sünde, die erste Schuld.“ (4)

Parlêtre, „Sprechwesen“: ein von Lacan erfundener Neologismus, mit dem Doppelsinn von „sprechendes Wesen“ und (vom Sprechen der Eltern) „gesprochenes Wesen“. Der Terminus enthält den Begriff des Seins (être); das Sein des Menschen ist der durch das Sprechen hergestellte Bezug zur Sprache, darin besteht der Unterschied zu den anderen Tieren. Gemeint ist nicht „das auf das Sprechen reduzierbare Wesen“, sondern „das durch das Sprechen bestimmte Wesen“, also ein Wesen, das über die pure Signifikantenverkettung hinausgeht.

Der Mensch als Sprechwesen wird von der Sprache „parasitiert“.171 Sprechwesen ist der Mensch insofern, als auf seinen Körper Signifikanten einwirken: sowohl auf den realen Körper, den Körper als Ort des Genießens (der Erregungen), als auch auf den imaginären Körper, auf die Beziehung zum Körperbild. Die Einwirkung der Signifikanten transformiert sowohl die Erregungsabläufe als auch die Wirkungsweise des Körpersbildes.

Lacan verwendet den Ausdruck parlêtre zuerst in Seminar 22 von 1974/75, RSI, in der Sitzung vom 11. Februar 1975. In den von ihm veröffentlichten Texten findet man parlêtre ausschließlich in Joyce le Symptôme II, der für den Druck überarbeiteten Version des Joyce-Vortrags von 1975, die 1979 veröffentlicht wurde.172

Arschbackenklemme (serre-fesse) (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede, des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / serre-pan / Schlange zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die serre-fesses / Arschbacken-Klemme zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spalte oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sünde, die erste Schuld. (4)

Der Phallus ist das Merkmal desjenigen, der das Verbot ausspricht, der das „faut-pas“ sagt. Warum wird die Schlange (ser-pent) von Lacan zunächst in eine „Arschbacken-Klemme“ (serre-fesse) umgedeutet, bevor sie, ganz klassisch, zum Phallus wird, und warum wird hier eine zeitliche Ordnung ins Spiel gebracht?

Mein Deutungsvorschlag: Lacan spielt hier auf Freuds Lehre von der analen Phase an und damit auf die sogenannte „symbolische Gleichung“ von Kot und Phallus.

Freud schreibt, „daß in den Produktionen des Unbewußten – Einfällen, Phantasien und Symptomen – die Begriffe Kot (Geld, Geschenk), Kind und Penis schlecht auseinandergehalten und leicht miteinander vertauscht werden.“173 Gleichsetzungen dieses Typs werden von ihm als „symbolische Gleichungen“ bezeichnet.174 In diesem Falle bestünde die symbolische Gleichung in der Kette Schlange = Kot = Phallus.

Warum „Arschbacken-Klemme“? In der analen Phase lernt das Kind, seine Pflicht zu tun und den Sphinkter zum gewünschten Zeitpunkt zusammenzukneifen bzw. zu lockern, kurz: es lernt die „Arschbackenklemme“. Hierdurch wird die anale erogene Zone konstituiert. In Lacanscher Terminologie ist die „Arschbackenklemme“ der Schnitt als das, wodurch eine erogenen Zone konstituiert wird.175 Rückwirkend, von der späteren Entwicklung aus, wird die Analerziehung und die damit verbundene Ordnung der Gabe zu einer Einführung in die Schuld.

Bezogen auf die Knotentopologie bezieht sich die „Arschbackenklemme“ auf die anale Öffnung und damit auf eines der Löcher im Ring des Imaginären – das Loch im Imaginären steht für die Körperöffnungen.176

Bei dieser Deutung denke ich an Lacan Ausführungen zum analen Stadium in Seminar 8:

„Was ist der Anspruch im analen Stadium?

Sie haben alle, denke ich, genug Erfahrung, damit ich nicht mehr zu veranschaulichen brauche, was ich den Anspruch nennen werde, das Exkrement zurückhalten, insofern er zweifellos etwas begründet, das ein Begehren auszustoßen ist. Aber das ist nicht so einfach, denn diese Ausstoßung wird ebenso zu einer bestimmten Zeit vom erziehendne Elternteil gefordert. Dabei wird vom Subjekt beansprucht, etwas zu geben, das die Erwartung des in diesem Fall mütterlichen Erziehenden befriedigt.

Die Ausarbeitung, die aus der Komplexität dieses Anspruchs resultiert, verdient, dass wir uns damit befassen, denn sie ist wesentlich. Beachten wir, dass es sich hier nicht mehr um die einfache Beziehung eines Bedürfnisses zu seiner beanspruchten Form handelt, die an den sexuellen Überschuß gebunden ist. Es ist etwas anderes. Es handelt sich um eine Disziplin des Bedürfnisses, und die Sexualisierung kommt erst in der Bewegung der Rückkehr zum Bedürfnis zustande. Diese Bewegung legitimiert, wenn ich das sagen darf, das Bedürfnis als Gabe an die Mutter, welche erwartet, dass das Kind seinen Pflichten nachkommt (satisfasse à ses fonctions) und etwas herauskommen, erscheinen läßt, das der allgemeinen Beipflichtung würdig ist.

Ebenso ist der Geschenkcharakter, den das Exkrement annimmt, wohlbekannt und seit Anbeginn der analytischen Erfahrung vermerkt. Es wird hier in diesem Register ein Objekt so deutlich erlebt, dass das Kind es im Exzeß seiner gelegentichen Übertretungen auf natürliche Weise, kann man sagen, als Ausdrucksmittel verwendet. Das exkrementelle Geschenk gehört zur ältesten Thematik der Analyse. (…)

Merken Sie sich die Konsequenz , die das hat – die Randzone des Platzes, der dem Subjekt bleibt, anders gesagt, das Begehren, erfährt in dieser Situation seine Symbolisierung duch das, was in dem Tun weggeschafft wird. Das Begehren macht sich buchstäblich über das Scheißhaus aus dem Staub. Auf die Symbolisierung des Subjekts als das, was seinen Abgang in den Topf oder ins Loch macht, werden wir in der Erfahrung als das am tiefsten an die Position des analen Begehrens Gebundene stoßen. (…)

Solange Sie nicht an dieser Stelle die tiefsitzende, grundlegende Beziehung des Subjekts als Begehren mit dem unangenehmsten Objekt erkennen, werden Sie, das versichere ich Ihnen, in der Analyse der Bedingungen des Begehrens keinen großen Schritt getan haben. (…)

Das, was im analen Stadium als sadistische oder sadomasochistische Struktur konstituiert wird, markiert – von einem Punkt maximaler Auslöschung des Sexuellen, von einer Stelle reiner analer Oblativität aus – den Wiederaufstieg hin zu dem, was sich auf der genitalen Bühne realisieren wird.“177

Wenn man sich auf die Mutter und ihr Sprechen bezieht, kommt man nicht weit, wenn man die Analerziehung ausklammert.

faut-pas / Faux-pas, faute (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede, des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / serre-pan / Schlange zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die serre-fesses / Arschbacken-Klemme zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spalte oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sünde, die erste Schuld. (4)

Der Phallus ist das Merkmal desjenigen, der das Verbot ausspricht, der das faut-pas sagt (il ne faut pas: „man darf nicht“, „das darf man nicht“), also des symbolischen Vaters.

Das Verbot ist die Bedingung für den Fehltritt (faux pas) – ohne Gesetz gäbe es keine Sünde.178

Die Übertretung ist die Bedingung für die Schuld und das Schuldgefühl.

Die Schuld ist die Voraussetzung für die Symptombildung, also für das, was das Thema des Seminars ist.

Notwendiges, Unmögliches, Mögliches, Zufälliges (4)

Zu: „Von daher die Notwendigkeit – ich glaube doch, wenn ich Sie in so großer Zahl sehe, dass es wohl einige gibt, die meine Nachtigall bereits trapsen gehört haben –, von daher die Notwendigkeit der Tatsache, dass die Spalte nicht aufhöre, welche sich stets vergrößert, außer sie erleidet das Aufhören der Kastration als ‚möglich‚. Dieses Mögliche, wie ich gesagt habe, ohne dass Sie es bemerkt hätten, zumal auch ich keineswegs bemerkt habe, das Komma nicht gesetzt zu haben, dieses Mögliche, habe ich früher gesagt, das ist das, was aufhört, geschrieben zu werden, aber man muss [im Französischen] das Komma setzen, es ist das, was dadurch aufhört, dass es geschrieben wird, oder vielmehr aufhören würde, diesen Weg zu nehmen, im Fall, da endlich der Diskurs aufkäme, den ich als einen solchen beschrieben habe, der nicht über den Schein wäre.“ (4)

Notwendigkeit und Möglichkeit sind Kategorien der Modalität; zu den Modalkategorien gehören außerdem Existenz und Zufälligkeit (Kontingenz), sowie deren Negationen: vor allem Nicht-Notwendigkeit und Unmöglichkeit.

Modalkategorien werden in Urteilen über die Wahrheit von anderen Urteilen verwandt. Das andere Urteil sei p (p kann z.B. sein „Er liebt mich“), dann kann man folgende Urteile über dieses Urteil bilden: „Es ist notwendig, dass p“ („Es ist notwendig, dass er mich liebt“), „Es ist möglich, dass p“, „Es ist der Fall, dass p“, „Es ist zufällig/kontingent, dass p“ usw., sowie deren Negationen: „Es ist unmöglich, dass p“ usw.

Lacan hatte sich gefragt, wie sich die Modalkategorien von der Psychoanalyse aus darstellen. Eine erste Deutung findet man in Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse179, den Dreh- und Angelpunkt bildet hier die Formel „Das Reale ist das Unmögliche“.

In Seminar 23 bezieht Lacan sich auf seine Rekonstruktion der Modalkategorien in den Seminaren 20 (Encore, 1972/73) und 21 (Les non-dupes errent, 1973/74). Dort geht er vom französischen Wort „nécessité“ aus, Notwendigkeit. Es setzt sich zusammen aus „ne“, nicht, und „cesser“, aufhören. Die „nécessité“ ist also das, was nicht aufhört. Das ergibt eine erste Alternative: Ist es notwendig oder nicht notwendig? Anders gefragt: Hört etwas auf oder hört es nicht auf? Das bringt die Zeit ins Spiel; Lacan knüpft hier offenkundig an sein altes Projekt einer Logik der Zeit an.180

Ein zweiter Bezugspunkt ist, nach der Zeit, das „Schreiben“. Das Schreiben ist für Lacan diejenige Operation, durch die vom Symbolischen aus ein Bezug zum Realen hergestellt werden kann. Mathematik und Logik beruhen auf der Schrift; die schriftgestützten Verfahren der Logik und der Mathematik ermöglichen es, das zu bestimmen, was „unmöglich“ ist. Das logisch oder mathematisch Unmögliche ist für Lacan das Reale. Anders formuliert: das, was „nicht geschrieben werden kann“, ist das Reale.

Das Schreiben verweist außerdem auf den Begriff des Buchstabens. Ab Seminar 18 von 1971 (Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre) unterscheidet Lacan scharf zwischen dem Signifikanten und dem Buchstaben. Ein Signifikant hat einen Sinn, der entziffert werden kann (einen verdrängten Signifikanten); ein Buchstabe ist ein Element, das unmittelbar mit einem Genießen verknüpft ist.

Im nächsten Schritt verknüpft Lacan die beiden Alternativen, ob etwas aufhört oder nicht aufhört und ob etwas geschrieben wird oder nicht geschrieben wird. Die Verbindung erfolgt durch eine Vier-Felder-Matrix; hieraus ergeben sich vier Modalkategorien:Modalkategorien

Das Schema hat einen bestimmten Bezugspunkt: es ist unmöglich, möglich, notwendig, zufällig, dass das sexuelle Verhältnis geschrieben wird.

Unmögliches:

— ce qui ne cesse pas de ne pas s’écrire

— das, was nicht aufhört, nicht geschrieben zu werden

— intuitive Annäherung (RN): eine Schreibblockade – etwas, was geschrieben werden soll, kann hartnäckig nicht geschrieben werden;

— Lacans Anwendung: vor allem das Geschlechterverhältnis. Anders gesagt: „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ Eine Erläuterung findet man in diesem Blogbeitrag.

— zuerst in Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 65

Notwendiges:

— ce qui ne cesse pas de s’écrire

— das, was nicht aufhört, geschrieben zu werden

— intuitive Annäherung (RN): eine Schreibzwang – etwas muss zwanghaft immer wieder geschrieben werden, ohne dass sich das stoppen lässt

— Lacans Anwendung: der Wiederholungszwang, das Symptom181

— zuerst in Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 65

— Entsprechung bei Freud: Wiederholungszwang

Zufälliges/Kontingentes

— ce qui cesse de ne pas s’écrire

— das, was aufhört, nicht geschrieben zu werden

— intuitive Annäherung (RN): Auflösung einer Schreibblockade – etwas, was lange nicht geschrieben werden konnte, kann endlich geschrieben werden

— Lacans Anwendung: die Kontingenz, den Penis zu haben; S1 als Herrensignifikant des phallischen Genießens, Grundlage der Liebe (Penis haben/nichthaben, also Phallus und Herrensignifikant verweisen auf die Vatermetapher; die Kontingenz ist also vermutlich die Metapher als Grundlage für die Entstehung von neuen Bedeutungen)

— zuerst Seminar 20, S. 101, Grundlage der Liebe (Version Miller/Haas u.a., S. 158)

— Entsprechung bei Freud: Aufdeckung des Unbewussten (nehme ich an)

Mögliches

— ce qui cesse de s’écrire

— was aufhört, geschrieben zu werden

— intuitive Annäherung (RN): Auflösung eines Schreibzwangs – etwas, was beständig geschrieben werden musste, hört auf, geschrieben werden zu müssen

— Lacans Anwendung: das Geschlechterverhältnis in Gesellschaften mit Initiation182, das Ende des mit dem Symptom verbundenen Wiederholungszwangs183

— Entsprechung bei Freud: Beseitigung des Symptoms

 

Unmögliches und Notwendiges

— intuitiv (RN): Unmögliches und Notwendiges sind zwei Formen der Nicht-Veränderung, des Nicht-Aufhörens: es lässt sich nicht abstellen, dass etwas immer wieder geschrieben wird (Notwendiges) bzw. dass etwas harntäckig nicht geschrieben werden kann (Unmögliches)

Zufälliges/Kontingentes und Mögliches

— intuitiv (RN): Zufälliges/Kontingentes und Mögliches sind Formen der Veränderung, des Aufhörens

—- etwas, was nicht geschrieben werden konnte, kann endlich geschrieben werden (Zufälliges/Kontingentes); etwas, was hartnäckig geschrieben werden musste, kommt endlich zur Ruhe (Mögliches)

Spalte, gespaltenes Subjekt (4)

Zu: „Von daher die Notwendigkeit – ich glaube doch, wenn ich Sie in so großer Zahl sehe, dass es wohl einige gibt, die meine Nachtigall bereits trapsen gehört haben –, von daher die Notwendigkeit der Tatsache, dass die Spalte nicht aufhöre, welche sich stets vergrößert, außer sie erleidet das Aufhören der Kastration als ‚möglich‘.“ (4)

Lacan zufolge entsteht das Subjekt, mit dem die Psychoanalyse es zu tun hat, durch eine Spaltung, geschrieben als durchgestrichenes S (S barré), also $, für das sujet barré, das ausgesperrte Subjekt – das Subjekt, das von einem wesentlichen Teil von sich ausgesperrt ist, dem Unbewusstem – und das deshalb ein sujet divisé ist, ein gespaltenes Subjekt; vgl. hierzu diesen Blogartikel.

Die Spaltung ist nichts, was zum Subjekt hinzukommt – das Subjekt der Psychoanalyse wird durch die Spaltung konstituiert.

Der Begriff des gespaltenen Subjekts lässt sich auf die erste Freudsche Topik beziehen, auf die Spaltung in Bewusstes und Unbewusstes sowie auf den Zusammenhang von Verdrängung (oder Abwehr) und Wiederkehr des Verdrängten. Der Begriff verweist aber auch auf die zweite Topik, auf das Verhältnis zwischen der abwehrenden Instanz, dem Ich, und dem, was abgewehrt wird, dem Es; der Buchstabe S steht dann für das Es, das Durchstreichen des S, in Freuds Terminologie, für die Triebunterdrückung.

In Lacans Sicht besteht die Spaltung in der Teilung zwischen dem Ausgesagten (énoncé) und dem Äußerungsvorgang (énonciation), zwischen dem sinnorientierten Sprechen (énoncé) und den „Sprechen“ des Symptoms (énonciation), dessen Sinn dem Subjekt versperrt ist. Die Spaltung des Subjekts zeigt sich also im Symptom. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Dimensionen des Sprechens, der sinnhaften Aussage und dem überraschenden Äußerungsvorgang, ist die Spaltung des Subjekts.

Mit dem Äußerungsvorgang (énonciation) ist, bezogen auf die psychoanalytische Kur, dasjenige Sprechen gemeint, auf das die Regel der freien Assoziation abzielt: die Bekundung des Unbewussten, etwa durch einen Versprecher oder einen überraschenden Einfall, also ein Sprechen, bei dem das Subjekt nicht weiß, was es tut.184

Im „Grafen des Begehrens“ wird das Ausgesagte durch die untere Signifikantenlinie dargestellt, der Äußerungsvorgang durch die obere.185

In L’étourdit formuliert Lacan es so:

„qu’on dise reste oublié derrière ce qui se dit dans ce qui s’entend.“186

„Dass man sagt, bleibt vergessen hinter dem, was gesagt wird in dem, was verstanden wird.“

Die Tatsache, dass man spricht – der Äußerungsvorgang (énonciation) – wird vergessen, durch die Wirkung dessen, was gesagt und verstanden wird, also des Ausgesagten (énoncé).

Durch die in Seminar 23 vorangehende Bemerkung über Schuld und Sünde wird die abwehrende Seite der Spaltung auf das Über-Ich bezogen. Das Ich, sagt Freud, führt seinen Abwehrkampf gegen bestimmte Triebregungen bisweilen im Auftrag des Über-Ichs.187

Kastration (4)

Zu: „Von daher die Notwendigkeit – ich glaube doch, wenn ich Sie in so großer Zahl sehe, dass es wohl einige gibt, die meine Nachtigall bereits trapsen gehört haben –, von daher die Notwendigkeit der Tatsache, dass die Spalte nicht aufhöre, welche sich stets vergrößert, außer sie erleidet das Aufhören der Kastration als ‚möglich‘.“ (4)

Lacan verwendet den Ausdruck „Kastration“ in zwei Bedeutungen. Zum einen ist damit der Verlust an Genießen gemeint, der durch die Sprache erlitten wird, entsprechend Freuds Vorstellung von der Einschränkung des libidinösen Körpers auf wenige Libidozonen. Zum anderen verwendet er „Kastration“ als Kürzel für das Akzeptieren dieses Verlusts, für seine Annahme, Aufsichnahme (assomption); diese Übernahme erfolgt die durch die Symbolisierung der Kastration des Anderen. An dieser Stelle ist die zweite Bedeutung gemeint. Durch das Akzeptieren der Kastration des Anderen ist es möglich, den Bann des Wiederholungszwangs zu brechen: er hört auf, geschrieben zu werden.

Schreiben (4)

Zu: „Die­ses Mög­li­che, wie ich ge­sagt habe, ohne dass Sie es be­merkt hät­ten, zu­mal auch ich kei­nes­wegs be­merkt habe, das Komma nicht ge­setzt zu ha­ben, die­ses Mög­li­che, habe ich frü­her ge­sagt, das ist das, was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, aber man muss (im Fran­zö­si­schen) das Komma set­zen, es ist das, was da­durch auf­hört, dass es ge­schrie­ben wird, oder viel­mehr auf­hö­ren würde, die­sen Weg zu neh­men, im Fall, da end­lich der Dis­kurs auf­käme, den ich als ei­nen sol­chen be­schrie­ben habe, der nicht über den Schein wäre.“ (4)

Die ausführlichste Darstellung des späten Lacan zum Begriff des Buchstabens findet man ihn seinem Aufsatz „Lituraterre“ (1971); vgl. die Übersetzung in diese Blog hier.

Der Buchstabe wird in Lituraterre funktional bestimmt: ein Buchstabe ist das, was den Schein auflöst. Im Diskurs der Wissenschaft sind dies die Buchstaben im üblichen Sinne des Wortes, und zwar speziell die Symbole der physikalischen Formeln. Im Diskurs der Psychoanalyse hat diese scheinauflösende Funktion das Objekt a, die Mehrlust, und insofern funktioniert das Genießen hier als Buchstabe. Auch der symbolische Phallus löst den Schein auf, er ist also Buchstabe.

Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre (4)

Zu: „Dieses Mögliche, wie ich gesagt habe, ohne dass Sie es bemerkt hätten, zumal auch ich keineswegs bemerkt habe, das Komma nicht gesetzt zu haben, dieses Mögliche, habe ich früher gesagt, das ist das, was aufhört, geschrieben zu werden, aber man muss [im Französischen] das Komma setzen, es ist das, was dadurch aufhört, Komma, dass es geschrieben wird, oder vielmehr aufhören würde, diesen Weg zu nehmen, im Fall, da endlich derjenige Diskurs aufkäme, den ich als einen solchen beschrieben habe, der nicht vom Schein wäre. (4)

Anspielung auf den Titel von Seminar 18 von 1971, D’un discours qui ne serait pas du semblant, „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“. In den Diskursformeln, die Lacan in Seminar 17 von 1969/70 entwickelt (Die Kehrseite der Psychoanalyse), ist der Platz oben links derjenige des Agenten und der Platz unten links der der (verborgenen) Wahrheit. Der Platz des Agenten ist der dominante Platz, von dem aus der Diskurs kontrolliert wird oder besser: zu kontrollieren versucht wird.188 In Seminar 18 bezeichnet er den Platz oben links als den des Scheins.189

Wahrheit wird von Lacan häufig prozesshaft verstanden, als Geschehen, als Vorgang der Enthüllung, als Entbergen, wie Heidegger es nennt. Das Wahrheitsgeschehen besteht darin, dass durch das Sprechen ein verborgener Sinn enthüllt wird, d.h. Signifikanten, die dadurch, dass sie verdrängt sind, die Funktion von Signifikaten haben.

Wahrheit als die Enthüllung von verborgenen Signifikanten ist eines der Ziele der psychoanalytischen Behandlung. Die verdrängten Signifikanten zeigen sich jedoch bereits unabhängig davon im Symptom. Das Symptom ist, wie Freud sagt, Wiederkehr des Verdrängten, mit Lacan: es besteht aus Signifikanten, die zu den verdrängten und aufzudeckenden Signifikanten in Verbindung stehen.

Das Symptom, schreibt Lacan im Jahr 1966,

„repräsentiert die Wiederkehr der Wahrheit als solcher in der Kluft eines Wissens“.190

Das Symptom repräsentiert die Wiederkehr des Verdrängten, wobei der Bezug zu den verdrängten Signifikanten unbewusst ist.

Und weiter:

„Das Symptom bewahrte eine Unschärfe, um einen Einbruch der Wahrheit zu repräsentieren. Tatsächlich ist es Wahrheit, da es aus demselben Holz gemacht ist, aus dem sie gemacht ist, wenn wir materialistisch annehmen, dass die Wahrheit das ist, was durch die Signifikantenkette eingerichtet wird.“191

Wissen, Können, Savoir-faire (4)

Zu: „Ist es eine Unmöglichkeit, dass die Wahrheit zu einem Produkt des Könnens wird, des Savoir-faire?“ (4)

Lacan versteht unter savoir, Wissen (von ihm mit S2 symbolisiert):

(a) Signifikantenverknüpfungen, im einfachsten Fall ein Signifikantenpaar,

(b) Wissen (das auf Signifikantendifferenzen beruht),

(c) Savoir-faire, also Können, Know-how, in Freuds Terminologie: Technik,

(d) im Feld der Psychoanalyse: das Unbewusste.192

Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen (4)

Zu: „Aber sie [die Wahrheit] wird dann nur halbgesagt werden, sich in einem S Index 1 (S1) des Signifikanten verkörpern, da, wo es mindestens zwei braucht, damit [daraus] die Einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals gewesen ist – mythisch in dem Sinn, dass der Mythos sie einzigartig gemacht hat: es handelt sich um Eva, von der ich gerade gesprochen habe – damit die einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals unbestreitbar besessen worden ist, da sie von der Frucht des verbotenen Baumes gekostet hat, dem der Wissenschaft.“ (4)

Die Sentenz bezieht sich auf die Deutung durch den Analytiker und hat den Charakter einer technischen Empfehlung. Der Psychoanalytiker soll berücksichtigen, dass, wenn er eine Wahrheit vorbringt, die Wahrheit sich zugleich entzieht; vgl. hierzu diesen Blogartikel.

Als Antwort auf dieses Problem empfiehlt Lacan den Analytikerinnen, ihre Deutungen in Form von Rätseln und von Zitaten vorzubringen; von Rätseln: von mehrdeutigen Formulierungen; von Zitaten: von Wiederholungen der Äußerungen des Patienten.193

Das Sagen der Wahrheit stößt auf eine Grenze, und diese Grenze ist das Genießen.

Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen – diese These formuliert Lacan zuerst in Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse. In den von Lacan veröffentlichten Texten erscheint der Begriff des Halbsagens zuerst in Lacans Vorwort zu Anika Rifflet-Lemaires Buch Jacques Lacan, Brüssel 1970. Der psychoanalytische Diskurs ist

„lehrbar, jedoch ausgehend von einem Halbsagen, nämlich der Technik, die berücksichtigt, dass die Wahrheit immer nur zur Hälfte gesagt wird. Dies setzt voraus, dass der Psychoanalytiker sich immer nur in einem asymptomatischen Diskurs manifestiert, was ja auch das mindeste ist, was man davon erwartet.“194

S1, Herrensignifikant (4)

Zu: „Aber sie wird dann nur halbgesagt werden, sich in einem S Index 1 (S1) des Signifikanten verkörpern, da, wo es mindestens zwei braucht, damit [daraus] die Einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals gewesen ist – mythisch in dem Sinn, dass der Mythos sie einzigartig gemacht hat: es handelt sich um Eva, von der ich gerade gesprochen habe – damit die einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals unbestreitbar besessen worden ist, da sie von der Frucht des verbotenen Baumes gekostet hat, dem der Wissenschaft. (4)

S1 ist Lacans Kürzel für den Signifikanten, um den ein bestimmter Diskurs kreist. Das Symbol S1 wird, in dieser speziellen Funktion, in Seminar 16 eingeführt und dem Herrn, „maître“, zugeordnet195; in Seminar 17 wird der S1 erstmals als „signifiant maître“ bezeichnet, als Herrensignifikant.196 Er wird hier mit dem point de capiton gleichgesetzt, dem Polsterstich oder Stepppunkt aus Seminar 3.197

In der Psychoanalyse ist der Herrensignifikant der urverdrängte Signifikant, um den das Unbewusste (S2) kreist. In Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, wird S1 mit dem symbolischen Phallus gleichgesetzt198, so auch in Seminar 22, Sitzung vom 11.3.1975: der Herrendiskurs macht den Phallus zum S1199 – der symbolische Phallus ist der immer fehlende Signifikant200, also das Urverdrängte.

Es braucht mindestens zwei Signifikanten (4)

Zu: „Aber sie wird dann nur halbgesagt werden, sich in einem S Index 1 (S1) des Signifikanten verkörpern, da, wo es mindestens zwei braucht, damit [daraus] die Einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals gewesen ist – mythisch in dem Sinn, dass der Mythos sie einzigartig gemacht hat: es handelt sich um Eva, von der ich gerade gesprochen habe – damit die einzigartige Die-Frau [erscheint], die jemals unbestreitbar besessen worden ist, da sie von der Frucht des verbotenen Baumes gekostet hat, dem der Wissenschaft. (4)

Die Frage nach der minimalen Signifikantenkopplung, durch die das Subjekt entsteht, beschäftigt Lacan seit dem Aufsatz Über einer Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht von 1957. Hier heißen die beiden Ursignifikanten „Begehren der Mutter“ und „Name-des-Vaters“.

In Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, entwickelt Lacan die Idee, dass es eine ursprüngliche Signifikantenkopplung gibt, die darin besteht, dass das Subjekt im Feld des Andern von einem unären Signifikanten für den binären Signifikanten repräsentiert wird; der binäre Signifikant ist die Vorstellungsrepräsentanz, der zentrale Punkt der Urverdrängung, er bewirkt die Aphanisis (das Verschwinden) des Subjekts.201

Ab Seminar 16 von 1968/69 werden die beiden Mindest-Signifikanten als S1 und S2 bezeichnet202, S2 wird „Wissen“ genannt203; ab Seminar 17 wird S1 als Herrensignifikant bezeichnet.204

S2 oder Wissen steht für eine Beziehung zwischen mindestens zwei Signifikanten (so in Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse) – Wissen ist ein Differenzsystem.

Die Beziehung zwischen S2 und S1 ist die Form der Totalisierung im Symbolischen: eine Reihe von Elementen (S2), die in Beziehung zu einem Ausnahmeelement (S1) steht.

Sokrates ist unsterblich

Zu: „Die l’Evie also ist nicht sterblich, mehr noch als Sokrates.“ (4)

Eva ist unsterblich, unsterblicher noch als Sokrates. Sokrates ist demnach keineswegs sterblich, sondern unsterblich.

Lacan bezieht sich hier auf den berühmten Syllogismus:

– Wenn dies wahr ist: Alle Menschen sind sterblich.

– Und wenn dies wahr ist: Sokrates ist ein Mensch.

– Dann ist auch dies wahr: Sokrates ist sterblich.

In Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung, spricht Lacan über das Todesbegehren von Sokrates205: Sokrates ist sich gewiss, dass er unsterblich ist. Sein Begehren ist „atopisch“, ortlos, d.h. nicht einzuordnen, rätselhaft. Dieses Begehren richtet sich darauf, nach dem Tode im Hades beständig weiterzudiskutieren. Es stützt sich also darauf, dass die Kohärenz des Signifikanten zu einem absoluten Wert erhoben wird, möglicherweise zum ersten Mal in der Geschichte.

In Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse, befasst Lacan sich ausführlich mit der Proposition „Sokrates ist sterblich“; vgl. diesen Blogartikel.

DIE Frau ist ein anderer Name für Gott (4 f.)

Zu: „DIE Frau, um die es geht, ist ein weiterer Gottesname, und insofern existiert sie nicht, wie ich es schon häufig gesagt habe.“ (4 f.)

Diese These wird in Seminar 20, 1973, Encore, vorgetragen. Gott ist ein Name für die Vollkommenheit, für die Vollständigkeit (vgl. die Gottesprädikate „All-Wissen“, „All-Macht“, „All-Güte“ usw.). Der Name Gottes, der auch „DIE Frau“ ist, wird von Lacan auch als Name-des-Vaters bezeichnet. In Seminar 22, RSI, heißt es:

„Ich beharre nicht darauf und ich verfolge weiter, was es mit dem Namen-des-Vaters auf sich hat, um ihn auf seinen Prototyp zurückzuführen und zu sagen, dass Gott – Gott in der Ausarbeitung, die wir diesem Symbolischen, diesem Imaginären und diesem Realen geben –, Gott ist Die-Frau, ‚alle‘ gemacht.“206

Der symbolische Vater (auf dem die Gottesvorstellung aufbaut) ist derjenige, der dem Mythos von Totem und Tabu zufolge alle Frauen genießt, der sich also nicht von bestimmten Frauen angezogen fühlt, sondern von der Frau schlechthin, der sich also auf DIE Frau bezieht.

„Die“ Frau ist für Lacan auch die Frau, an die man glaubt, im Gegensatz zu „eine Frau“. Es geht hier um den Unterschied zwischen „jemandem glauben“ und „an jemanden glauben“. „Eine“ Frau ist diejenige, der man glaubt oder auch nicht. „Die“ Frau ist diejenige, an die man glaubt. Diejenige, an die man glaubt (im Unterschied zu: diejenige, der man glaubt), ist in der Position Gottes, d.h. der mit einer Wahrheitsgarantie ausgestatteten Anderen.207

DIE Frau existiert nicht (4 f.)

Zu: „DIE Frau, um die es geht, ist ein weiterer Gottesname, und insofern existiert sie nicht, wie ich es schon häufig gesagt habe.“ (4 f.)

Formeln der Sexuierung„DIE Frau existiert nicht“: Ein Thema Lacans seit Seminar 18 von 1970/71, Von einem Diskurs, der nicht über den Schein wäre. Statt „DIE Frau existiert nicht“ heißt es auch „Die Frau ist nicht-alle“, eben dies wird von den Formeln der Sexuierung dargestellt (rechte Seite des Schemas). Die Formeln wurden zuerst in der Sitzung vom 12. Januar 1972 vorgestellt.208

Aristoteles will nicht, dass das Einzelne in seine Logik hineinspielt (5)

Zu: „Hier bemerkt man die gewiefte Seite von Aristoteles, der nicht will, dass das Einzelne in seine Logik hineinspielt.“ (5)

In der Logik unterscheidet man drei Arten von Urteilen:

– Urteile über Alles = universale Urteile, z.B. „Alle Menschen sind sterblich“.

— Urteile über Einiges = partikulare Urteile, z.B. „Einige Menschen sind sterblich“.

– Urteile über Einzelnes = singuläre Urteile, z.B. „Sokrates ist sterblich“.

Partikulare und singuläre Urteile werden nicht immer unterschieden; an dieser Stelle verwendet Lacan „singulär“ für „partikular“, seine These lautet also: Aristoteles will nicht, dass partikulare Urteile in seine Logik hineinspielen.

Den Hintergrund dieser Bemerkung erläutert Miller in den Anmerkungen zur offiziellen Ausgabe des Seminars.209 Demnach bezieht Lacan sich auf den Anfang von Aristotelesʼ Erster Analytik; außerdem erfährt man von Miller, dass Lacan sich für die Deutung der Aristoteles-Stelle auf einen Artikel von Jacques Brunschwig bezieht.210

Miller weist darauf hin, dass Lacan mit diesem negativen partikularen Urteil entgegengesetzt verfährt wie Aristoteles. Während Aristoteles das partikulare Urteil zurückweist, baut Lacan auf ihm auf. Er bildet seinen negativen All-Quantor „nicht-alle“ ausgehend vom negativen partikularen Urteil: „Es gibt nicht ‚alle Frauen'“, es gibt kein weibliches Universales, es gibt nicht DIE Frau.

nicht alle, mē pantes (5)

Zu: „Von daher meine Formulierung, die ich, wenn ich so sagen darf, zu Ihrem Gebrauch noch einmal wasche, indem ich mich des μη παντες (mē pantes, nicht alle) bediene, das ich im Organon aufgegriffen habe, wo es mir übrigens nicht gelungen ist, es wiederzufinden, wo ich es aber doch wirklich gelesen habe, und sogar meine Tochter, die hier anwesend ist, hat es angestrichen, und sie hat mir geschworen, dass sie wiederfinden wird, an welcher Stelle das war, dieses μη παντες (mē pantes), als der durch Aristoteles beiseitegeschobene Gegensatz zur Allgemeinaussage des πας (pas, dt.: alles). Die Frau ist nur alle in der Gestalt, deren Äquivok seinen Reiz aus der unsrigen Sprache zieht, in Gestalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), wie man sagt: Alles, nur das nicht!“ (5)

Das Organon ist eine Schrift von Aristoteles; eines der sechs Bücher des Organon ist die Erste Analytik. Die von Lacan gesuchte Stelle findet sich am Anfang der ersten Analytik. In Zekls Übersetzung liest sie sich so:

„Was verstehen wir unter ‚über alles oder von keinem ausgesagt werden‘? Vorgegebener Satz ist also eine Rede, die etwas von etwas bejahend oder verneinend aussagt. Diese erfolgt entweder in der Allform oder in der Teilform oder ist (in der Hinsicht) unbestimmt. Mit ‚Allform‘ meine ich: Entweder allem oder keinem zukommen, mit ‚Teilform‘: Einigem oder einigem nicht oder nicht allem (mē panti) zukommen, ‚unbestimmt‘: Zukommen oder Nicht-Zukommen ohne Zusatz der All- oder Teilaussage, z. B. der Satz: ‚Gegensätze sind Gegenstand eines und desselben Wissens‘ oder: ‚Lust ist nicht ein Gut‘.“ (Erste Analytik, 1. Buch, 24 a, 15-22)211

Meine Beispiele zur Erläuterung (ich wähle ein absurdes Beispiel, damit die formale Struktur deutlicher hervortritt):

Allform: z.B. die Aussage „Alle Menschen sind sterblich“ oder „Kein Mensch ist sterblich“ (positives oder negatives universales Urteil).

Teilform: z.B. „Einige Menschen sind sterblich“ oder „Einige Menschen sind nicht sterblich“ oder „Nicht alle Menschen sind sterblich“ (positives oder negatives partikulares Urteil).

Unbestimmt: z.B. „Menschen sind sterblich“ oder „Menschen sind nicht sterblich“. Die Quantität – ob alle oder einige – ist unbestimmt.

Die von Lacan gesuchte Formulierung lautet also nicht „mē pantes“, sondern „mē panti“; sie findet sich in der Ersten Analytik, dort im ersten Buch, 24a, 19.

Alles, nur das/es nicht (5)

Zu: „Von daher meine Formulierung, die ich, wenn ich so sagen darf, zu Ihrem Gebrauch noch einmal wasche, indem ich mich des μη παντες (mē pantes, nicht alle) bediene, das ich im Organon aufgegriffen habe, wo es mir übrigens nicht gelungen ist, es wiederzufinden, wo ich es aber doch wirklich gelesen habe, und sogar meine Tochter, die hier anwesend ist, hat es angestrichen, und sie hat mir geschworen, dass sie wiederfinden wird, an welcher Stelle das war, dieses μη παντες (mē pantes), als der durch Aristoteles beiseitegeschobene Gegensatz zur Allgemeinaussage des πας (pas, dt.: alles). Die Frau ist nur alle in der Gestalt, deren Äquivok seinen Reiz aus der unsrigen Sprache zieht, in Gestalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), wie man sagt: Alles, nur das nicht!“ (5)

Zu: „Es ist das ‚mais pas ça‚ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in die­sem Jahr mit mei­nem Ti­tel als das Sin­thom ein­führe.“ (5)

„Alles“ steht für die Totalität, „nur das nicht“ für die Ausnahme. Die Totalität stützt sich auf eine Ausnahme, auf etwas Ausgeschlossenes. Das entspricht den Formeln Formeln der Sexuierung - nur Seite des Mannes - nur Formelnder Sexuierung aus Seminar 19 und 20 (siehe links), und zwar der linken Seite der Tabelle, der Seite des Mannes. Das „alles“ findet man in der unteren Zeile (das umgedrehte A steht für „alle“ („für alle x gilt, dass sie der phallischen Funktion unterworfen sind“). Das „nur das nicht“ entspricht der oberen, das umgekehrte E meint „Es gibt“, „Es existiert“ („Es gibt ein x, für das gilt, dass es nicht der phallischen Funktion unterworfen ist“).

Im Sokratesbeispiel ist „Alles“ der von Sokrates akzeptierte streng geregelte Diskurs, das Definitionsfragespiel, das mit einer Was-ist-Frage beginnt, beispielsweise mit der Frage: Was ist Tapferkeit? und bei dem Sokrates die Gesprächsteilnehmer in Widersprüche zu verwickeln versucht. Das „nur das nicht“ bezieht sich auf das Sprechen seiner Frau, Xanthippe. Ein Dialogsystem wie das Sokrates Zugeschriebene konstituiert sich durch eine Ausschließung, in diesem Fall: durch die Ausschließung des Wehklagens der Frauen.

Tout, mais pas ça, Alles, nur das/es nicht.– Ça ist die französische Übersetzung von Freuds „Es“. Das Alles (die Totalisierung des Symbolischen, das heißt die Bindung des Symbolischen an die imaginäre Figur der Ganzheit) konstituiert sich durch einen Ausschluss. Der Ausschluss betrifft das Es, den Trieb, das Reale. Das Symptom ist eine Ersatzbefriedigung, sagt Freud212, also eine Befriedigung des Es (ça), die vom Ich – von der Instanz der imaginären Totalisierung – zurückgewiesen wird.

Sinthome / Saint Thome / saint homme (5)

Zu: „Es gibt im Moment für die Instanz des Buchstabens, wie sie sich gegenwärtig abzeichnet – und erhoffen Sie nichts Besseres, wie ich gesagt habe, was davon noch wirksamer sein wird, wird nicht mehr tun, als das Sinthom zu verschieben oder es gar vervielfachen – für die gegenwärtige Instanz also gibt es das Sinthom-masvonaquin, das ich schreibe, wie Sie möchten, M A S V O N A Q U I N nach Sinthom. Sie wissen, dass Joyce sich ziemlich über diesen heiligen Mann / dieses Sinthom absabberte.(5)

Die drei Ausdrücke „sinthome“, „Saint Thome“ und „saint homme“ sind homophon, was in der Übersetzung nicht nachgebildet werden kann.

sinthome: Sinthom; alte Schreibweise von symptôme, Symptom

Saint Thome: Heiliger Thom; Lacans Abkürzung für „heiliger Thomas“ (im Französischen heißt er in der Regel Saint Thomas)

saint homme: heiliger Mensch/Mann

„Sinthome madaquin“ (wörtlich: „masvonaquinsches Sinthom“) ist homophon mit „Saint Thomas d’Aquin“ (Heiliger Thomas von Aquin).

Die Schreibweise „sinthome“ ermöglicht es Lacan, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Symptom und der Idealisierung des Vaters, dem Vater als saint homme, eine Funktion, die im Falle von Joyce von Thomas von Aquin übernommen wird.

Die Idealisierung des Vaters oder allgemein des Anderen ist die Grundlage der Neurose und also die Ursache des Symptoms.

„Die absolut grundlegende Triebfeder der Neurose ist, nicht zu wollen, dass der Andere kastriert ist.“213

Über den Psychoanalytiker als Heiligen hatte Lacan sich 1973 in Television geäußert.214

Das Symptom ist eine Weise, die Wahrheit anzugehen (6)

Zu: „Man muss den Weg wäh­len, auf dem die Wahr­heit an­zu­ge­hen ist. Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den daran hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Weise hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­thoms rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat.“ (6)

Im Symptom äußert sich das Begehren, es zeigt die Wahrheit über das Subjekt.

In einem Text von 1966 schreibt Lacan:

„Der Signifikant hat nur Sinn durch seine Beziehung zu einem anderen Signifikanten. Auf dieser Artikulation beruht die Wahrheit des Symptoms. Das Symptom hat die Unbestimmtheit bewahrt, einen Einbruch der Wahrheit zu repräsentieren. Tatsächlich ist es Wahrheit, da es aus demselben Holz gemacht ist, aus der sie gemacht ist, wenn wir materialistisch annehmen, dass die Wahrheit das ist, was von der Signifikantenkette eingesetzt wird.“215

Mit der Logik kommt man zum Realen (6)

Zu: „Man muss den Weg wäh­len, auf dem die Wahr­heit an­zu­ge­hen ist. Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den daran hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Weise hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­thoms rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat.“ (6)

Für Lacan gibt es vom Symbolischen aus einen Zugang zum Realen: nicht über den Sinn, sondern über die Logik. Das Reale ist das Unmögliche, wie es ab Seminar 9 heißt, und das Unmögliche kann mit den Mitteln der Logik bestimmt werden; das Reale kann in logischen Formeln geschrieben werden, auf dem Weg über die Sackgasse der Formalisierung, d.h. durch das, was sich in einer Formalisierung als Sackgasse erweist.216 Das ist das von Lacan in den Seminaren 18 und 19 verfolgte Projekt. Die „Sackgasse der Formalisierung“ ist der Widerspruch, der nur in der Logik präzisierbar ist. Die Logik, die Lacan im Sinn hat, ist vor allem eine Logik der Unentscheidbarkeit.

„Was wichtig ist, was das Reale konstituiert, ist dies, dass durch die Logik etwas geschieht, wodurch nicht etwa bewiesen wird, dass zugleich p und nicht-p falsch sind, sondern dass weder das eine noch das andere logisch auf irgendeine Weise verifiziert werden können.“217

Vgl. vorher in dieser Sitzung von Seminar 23 die Bemerkung, er, Lacan, habe ausgesprochen, was dem Gestammel der Freud-Schüler „in guter Logik“ entnommen werden konnte und dass niemand von ihnen dem Weg der „guten Logik“ gefolgt sei218.

Phallus (7)

Zu: „Der Phal­lus ist die Zu­sam­men­fü­gung die­ses Pa­ra­si­ten, wie ich ihn ge­nannt habe, also des frag­li­chen Stück­chen Schwanz, er ist die Zu­sam­men­fü­gung von die­sem mit der Funk­tion des Spre­chens.“ (7)

Der „Phallus” ist für Lacan eine „Zusammenfügung“, eine Montage, zwischen etwas Realem – dem auf den Penis bezogenen Genießen – und der Funktion des Sprechens.

Diskurs der Universität (7)

Zu: „Nur an der Uni­ver­si­tät gibt es Joy­cia­ner, um seine Hä­re­sie52 zu ge­nie­ßen.“ (7)

Lacan bezieht sich hier indirekt und später direkt auf die Lehre von den vier Diskursen, die er zuerst in Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, entwickelt hatte; einer dieser Diskurse ist der Diskurs der Universität.

Grundlage von Lacans Diskurs-Formeln ist eine Vier-Felder-Matrix. Die beiden Spalten stehen für zwei Akteure, die linke für denjenigen, der als Agent des jeweiligen Diskurses auftritt und nach dem der Diskurs benannt wird. Die rechte Spalte repräsentiert den Adressaten des Diskurses. Die obere Zeile steht für die bewusste Ebene, die untere für die unbewusste.Vier Diskurse - Die vier PlätzeDie Bezeichnungen der Spalten findet man nicht bei Lacan (er hat hierfür keine speziellen Termini), ich habe sie deshalb in eckige Klammern gesetzt.

Die vier Plätze des Schemas werden von Lacan als der des Agenten, der des Anderen, der der Wahrheit und der der Produktion bezeichnet. Ihr Zusammenhang ist so zu lesen: Der Agent bezieht sich auf einen Anderen, einen Adressaten. Dabei stützt sich der Agent auf eine unbewusste Wahrheit, auf eine Wahrheit, die ihm entgeht. Die Beziehung des Agenten zum Anderen führt dazu, dass der Andere etwas produziert; diese Produktion ist unbewusst.

Lacan unterscheidet in Seminar 17 vier Diskurse: den Diskurs des Herrn, den Diskurs des Hysterikers, den Diskurs des Analytikers und den Diskurs der Universität. Im Diskurs des Herrn steht die linke Spalte für den Herrn, die rechte – in Hegelscher Terminologie – für den Knecht. Im Diskurs des Hysterikers repräsentiert die linke Seite den Hysteriker, die rechte den Herrn. Im Diskurs des Analytikers steht die linke Seite für den Analytiker, die rechte für den Patienten (der Patient erscheint also zweimal, im Diskurs des Hysterikers als Agent, im Diskurs des Analytikers als Anderer). Im Diskurs des Universität steht die Universität (links) den Studierenden (rechts) gegenüber.

Die vier Plätzen sind Orte, die von vier Elementen besetzt werden. Diese Elemente sind S1, S2, a und $.

S1 der Herrensignifikant. Psychoanalytisch gesehen, geht es um die symbolische Identifizierung und das Ichideal.

S2 steht für das Wissen, mit der zwei ist die Verbindung von (mindestens) zwei Signifikanten gemeint. Im Register der Psychoanalyse ist dies das Unbewusste, in der Begrifflichkeit der Umgangssprache das Wissen in seinen beiden Formen, als knowing that und als knowing how, als Können und abfragbares Faktenwissen.

a ist das Objekt a, die Mehrlust, das Mehrgenießen (plus-de-jouir), das Partialobjekt als Symbol für das Genießen, dass durch die Einwirkung der Sprache verlorengegangen ist, und auf sich der Versuch stützt, da Verlorene wiederzugewinnen (Objekt a als Ursache des Begehrens).

$ ist das gespaltene Subjekt. Psychoanalytisch geht es, mit Freud, um die Spaltung in Bewusstes und Unbewusstes, mit Lacan in die Spaltung in, einerseits, das Ausgesagte (énoncé), das sinnorientierte Sprechen, und, andererseits, den Äußerungsvorgang (énonciation), das Symptom, die freie Assoziation, den Versprecher, die Fehlleistung.

Diese vier Elemente haben eine feste Reihenfolge: S1, S2, a, $. Sie sind kreisförmig angeordnet, nach $ geht es also mit S1 weiter. Hieraus ergeben sich die vier Diskurse:

Vier Diskurse - die vier FormelnBeginnt man mit dem Diskurs des Herrn und dreht die vier Elemente um eine Vierteldrehung im Uhrzeigersinn, kommt man zum Diskurs des Hysterikers. Durch Wiederholung der Operation ergibt sich der Diskurs des Analytikers, dann der Diskurs der Universität und schließlich wieder der Diskurs des Herrn.

Als Waffe gegen das Symptom haben wir nur die Äquivokation (9)

Zu: „Denn letzt­lich ha­ben wir als Waffe ge­gen das Sym­ptom nur dies: die Äqui­vo­ka­tion.“ (9)

In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, sagt Lacan:

„Das signans ist insofern von Belang, als es uns die Möglichkeit gibt, in der Analyse zu operieren, zu lösen, auch wenn wir, wie alle anderen, nur einen Gedanken auf einmal haben können, uns aber in diesen Zustand zu versetzen, der schamhaft als ‚freischwebende Aufmerksamkeit‘ bezeichnet wird, der bewirkt, dass genau dann, wenn hier der Partner, der Analysierende (l’analysant) einen Gedanken aussendet, wir davon einen ganz anderen haben können; das ist ein glücklicher Zufall, aus dem ein Blitz aufschießt. Und genau von daher kann die Deutung vorgenommen werden, d.h. aufgrund der Tatsache, dass wir eine freischwebende Aufmerksamkeit haben, hören wir das, was er gesagt hat, manchmal einfach aufgrund einer Art Äquivokation, d.h. einer materiellen Äquivalenz; wir bekommen mit, dass das, was er gesagt hat, wir bekommen es mit, weil wir dem ausgesetzt sind, dass das, was er gesagt hat, ganz anders verstanden werden konnte. Und genau dadurch, dass wir ihn ganz anders verstehen, ermöglichen wir es ihm, mitzubekommen, von wo seine Gedanken, seine ihm eigene Semiotik, von wo sie auftaucht: sie taucht aus nichts anderem auf als aus der Ex-sistenz von Lalangue. Lalangue ex-sistiert anderswo als in dem, was er für seine Welt hält.“219

Der Begriff des Signfikanten, auf lateinisch: des signans, ist deshalb wichtig, weil er es ermöglicht, auf die Mehrdeutigkeiten des Patienten zu achten, des Analysierenden (analysant), wie Lacan sagt; die Deutung bezieht sich auf solche Äquivokationen.

Die Äquivokation steht bei Lacan in einem Spannungsverhältnis zum Sinn. In Seminar 22, RSI, heißt es:

„Was ist dieser Sinn? In der analytischen Praxis verfahren Sie vom Sinn aus. Aber auf einer anderen Seite verfahren Sie nur so, daß Sie ihn reduzieren, da Sie immer von der Äquivokation aus verfahren – ich spreche hier zu jenen, die der Bezeichnung ‚Analytiker‘ würdig sind. Die Äquivokation ist nicht der Sinn. Die Äquivokation ist grundlegend für das Symbolische, also für das, worauf sich das Unbewußte stützt, so wie ich es strukturiere. Der Sinn ist das, wodurch etwas antwortet, das etwas anderes ist als das Symbolische, nämlich – kein Mittel, es anders zu sagen – das Imaginäre.“220

Ein Beispiel für die Deutung einer Mehrdeutigkeit durch Lacan in der Analyse im Jahr 1974 gibt Susanne Hommel in dem Dokumentarfilm Rendez-vous chez Lacan von Gérard Miller, 2011; die von der Patientin vorgebrachte Äquivokation ist hier Gestapo / gèste à peau (Haut-Geste); im Internet: siehe hier.

Der Psychoanalytiker autorisiert sich selbst (9)

Zu: „Es kommt vor, dass ich mir den Lu­xus leiste, eine ge­wisse An­zahl von Leu­ten zu kon­trol­lie­ren – wie man das nennt –, von Leu­ten, die sich selbst, ge­mäß mei­ner For­mu­lie­rung, au­to­ri­siert ha­ben, Ana­ly­ti­ker zu sein.“ (9)

Lacan spricht hier über den Werdegang des Psychoanalytikers in der 1964 von ihm gegründeten École Freudienne de Paris. In der Proposition du 9 octobre 1967 sur le psychanalyste de l’École (Vorschlag vom 9. Oktober 1967 über den Psychoanalytiker der Schule) schreibt er:

„Zunächst ein Prinzip: Der Psychoanalytiker wird nur von ihm selbst autorisiert.“221

Später hat er das modifiziert:

„Er wird nur von ihm selbst autorisiert, und ich füge hinzu: und von einigen anderen.“222

Resonanz der Interpretation (9)

Zu: „Es ist nö­tig, dass es im Si­gni­fi­kan­ten et­was gibt, das re­so­niert, das Re­so­nanz gibt.“ (9)

Der Analytiker hat zu lernen, seine Deutung nicht argumentativ vorzubringen, sondern mit Mehrdeutigkeiten zu arbeiten.

Von der „Resonanz der Interpretation“ spricht Lacan bereits in Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse.223

Sagen versus Gesagtes (9)

Zu: „Sie stel­len sich vor, dass es Triebe gibt, und ob­wohl sie ‚Trieb‘ durch­aus nicht mit ‚In­stinkt‘ über­set­zen wol­len, stel­len sie sich nicht vor, dass die Triebe das Echo im Kör­per der Tat­sa­che sind, dass es ein Sa­gen gibt.“ (9)

„Sagen“, dire, meint hier vermutlich das an Äquivokationen reiche Sprechen, im Gegensatz zum „Gesagten“ (dit), dem am Sinn orientierten Sprechen. Verwandt oder vielleicht sogar synonym mit der Unterscheidung zwischen dem „Äußerungsvorgang“ (énonciation) und dem „Ausgesagten“ (énoncé).

Stimme (10)

Zu: „Weil der Kör­per ei­nige Öff­nun­gen hat, de­ren wich­tigste, weil es nicht ver­stopft, nicht ge­schlos­sen wer­den kann, de­ren wich­tigste das Ohr ist, weil es nicht ver­schlos­sen, nicht zu­ge­macht wer­den kann, aus die­sem Grund ant­wor­tet im Kör­per das, was ich die Stimme ge­nannt habe.“ (10)

Mit „Stimme“ ist hier nicht der von Menschen mit seinem Stimmapparat erzeugte Schall gemeint, sondern ein bestimmtes „Objekt a“.

Die Einfügung in die Sprache und das Sprechen führt zu einem unwiederbringlichen Verlust des Genießens; im Ethik-Seminar wird dieses unzugängliche Genießen „das Ding“ genannt. Das Objekt a, auf das die Wiederholung abzielt, ist ein Rest dieses verlorenen Genießens, sein durch die Wiederholung erreichbarer Stellvertreter. (Vgl. in diesem Blog den Artikel Das Ding – Objekt a – Objekt des Begehrens.) Das Objekt a wird ab Seminar 16 auch als plus-de-jouir bezeichnet, als „Mehrlust“.224

Das grundlegende Merkmal eines Objekt a darin besteht, dass es abgetrennt ist, dass es nicht assimilierbar ist, dass es im psychischen Apparat einen Fremdkörper darstellt, ein inneres Außen.

Lacan unterscheidet vier Objekte a: Brust, Kot, Stimme und Blick.

Die Stimme erscheint bei ihm zunächst als die vom Psychotiker halluzinierte Stimme.225 Als Objekt a wird sie eingeführt in Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, in den Sitzungen vom 22. Mai und vom 5. Juni 1963; dabei geht es um die Stimme des Über-Ichs. Zur Resonanzfunktion der Stimme als Objekt a äußert Lacan sich bereits dort.226

Körper (10)

Zu: „More geometrico – auf Grund der Form, die Platon so schätzte, erweist sich das Individuum so, wie es gebaut ist: als ein Körper. Dieser Körper hat eine solche fesselnde Kraft, dass, bis zu einem gewissen Punkt, die Blinden zu beneiden wären. (…) Das Er­staun­li­che ist dies, was ich sa­gen werde, dass die Form nur den Sack lie­fert, oder, wenn Sie so wol­len, die Blase.“ (10)

Lacan bezieht sich hier auf seine Theorie des Imaginären, wonach das Subjekt im Bild seines Körpers die Einheit antizipiert, die ihm fehlt. Dabei fungiert der Körper als Umhüllung, gewissermaßen als Sack mit Öffnungen.

Mengenlehre und Zahlentheorie (10)

Zu: „Der Sack, wie er in der Men­gen­lehre vor­ge­stellt wird, so wie Can­tor sie be­grün­det hat, wird ma­ni­fest, ja gar be­wie­sen, wenn je­der Be­weis auf­ge­fasst wird als das in ihm ent­hal­tene Ima­gi­näre be­wei­send, die­ser Sack, sage ich, ver­dient es kon­no­tiert zu wer­den mit ei­ner Am­bi­gui­tät von eins und von Null, dem ein­zi­gen Trä­ger, der dem an­ge­mes­sen ist, an das die leere Menge grenzt, wel­che sich in die­ser Theo­rie auf­zwingt.“ (10)

Lacan spricht hier über die Beziehung zwischen Mengenlehre und Zahlentheorie. Die Mengenlehre soll für die verschiedenen Zweige der Mathematik eine Grundlage liefern, um so die Mathematik zu vereinheitlichen. Hierzu ist es vor allem nötig, die elementaren Objekte der Mathematik, die Zahlen, mengentheoretisch zu begründen, und das heißt zunächst: die ganzen Zahlen und damit Null, Eins und Zwei (Peano lässt die Reihe der ganzen Zahlen mit Null beginnen).

Lacan begreift Null und Eins ausgehend von der leeren Menge. Die leere Menge ist einerseits Null („Nullmenge“), andererseits aber Eins, da sie ja eine Menge ist; darin besteht ihre Ambiguität.227 In Seminar 22, RSI, sagt Lacan, in einem früheren Seminar habe er erläutert, dass es keinen Unterschied zwischen Null und Eins gibt, denn „nichts ist besser geeignet als die leere Menge, um die 1 zu suggerieren“228. Er bezieht sich damit vermutlich auf Seminar 16, Sitzung vom 11. Juni 1969.229

Das Imaginäre des Beweises (10)

Zu: „Der Sack, wie er in der Men­gen­lehre ima­gi­niert wird, so wie Can­tor sie be­grün­det hat, wird ma­ni­fest, ja gar be­wie­sen, wenn je­der Be­weis auf­ge­fasst wird als das in ihm ent­hal­tene Ima­gi­näre be­wei­send, die­ser Sack, sage ich, ver­dient es kon­no­tiert zu wer­den mit ei­ner Am­bi­gui­tät von Eins und Null, dem ein­zi­gen Trä­ger, der dem an­ge­mes­sen ist, an das die leere Menge grenzt, die sich in die­ser Theo­rie auf­zwingt.“ (10)

Jeder Beweis beruht auf einer anschaulichen Grundlage, auch in der Mathematik stützt sich das Symbolische auf ein imaginäres Fundament und erzeugt so den Sinneffekt. Beispielsweise gründet sich die Mengenlehre auf ein bestimmtes Bild: auf der Umrisszeichnung eines Sacks.230

Körper als Hautsack (10)

Zu: „Von da­her un­sere Schrei­bweise S In­dex 1 (S1), ich prä­zi­siere, dass sie so ge­le­sen wird; sie bil­det nicht die Eins, aber sie zeigt diese an als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, ein lee­rer Sack sein kann.“ (10)

Die Körperoberfläche ist die Haut; reduziert man den Körper auf die Haut und fügt man eine Öffnung hinzu, erhält man einen Sack. Im Hintergrund steht hier Freuds Bemerkung, das Ich sei „nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern die Projektion einer Oberfläche“231. Lässt man den Sack erstarren, verwandelt er sich einem Topf; vielleicht hatte Lacan hierauf vorher angespielt, als er sagte, die benannte Natur behaupte sich als pot/peau-pourri von Außernatur, als „Topf“/“Haut“ von Verfaultem (3).

Ex-sistenz und Konsistenz (10 f.)

Zu: „Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sistenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist. Sie müs­sen für real ge­hal­ten wer­den, diese Ex-sistenz und diese Kon­sis­tenz, da das Reale ist, sie zu hal­ten.“ (10 f.)

Die Begriffe Ex-sistenz und Konsistenz – sowie, als dritter Terminus, „Loch“ – wurden von Lacan in Seminar 22, RSI, zur Beschreibung des borromäischen Knotens eingeführt.

Die Ex-sistenz (statt „Existenz“) besteht darin, dass die drei Ringe einer borromäischen Verschlingung einander äußerlich (ex) sind, dass sie gegeneinanderstoßen, füreinander einen Widerstand bilden, und zwar in der Weise, dass sie nicht auseinanderfallen. Die Ex-sistenz (im Sinne der Äußerlichkeit) sorgt dafür, dass die Verschlingung Bestand hat (dass sie existitiert).

Die Konsistenz des Rings besteht darin, dass er geschlossen ist und nicht etwa einen offenen Faden bildet.232 In der Sprache der Mathematiker: Die Konsistenz eines Rings (eines Knotens) besteht in seiner Geschlossenheit. (Allerdings bezieht Lacan den Begriff der Konsistenz auch auf das offene Seil, hier besteht die Konsistenz darin, dass das Seil nicht zerreißt, wenn man sich daran festhält.233) Man muss also zwei Formen des Zusammenhalts unterscheiden: den Zusammenhalt eines Fadens oder Rings in sich (Konsistenz) und den Zusammenhalt einer Verschlingung mehrerer Ring (Ex-sistenz).

Der Knoten ist für Lacan ein Torus (eine Art Reifen); das Loch ist das Innere dieses Torus, das, wodurch man die Hand stecken kann.

Die Ex-sistenz wird von Lacan dem Realen zugeordnet234; die Konsistenz dem Imaginären235, das Loch dem Symbolischen.

Man muss die Register des Realen, des Imaginären und des Symbolischen also auf doppelte Weise dem Knoten zuordnen: zum einen entspricht jeder Ring je einem der drei Register, zum anderen hat jeder Ring einen realen, einen imaginären und einen symbolischen Aspekt.

Der Terminus „ex-sistence“ wird von Lacan in Seminar 20 von 1972/73, Encore, eingeführt, sicherlich inspiriert von Heideggers Begriff der „Ek-sistenz“ (im Brief über den Humanismus, 1947).

Bezogen auf die Körperoberfläche besteht die Ex-sistenz darin, dass die Oberfläche gegenüber dem, was im Hautsack enthalten ist, äußerlich ist. Mit Konsistenz ist gemeint, dass die Körperoberfläche in sich zusammenhält.

Das Reale im borromäischen Knoten (10 f.)

Zu: „Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sistenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist. Sie müs­sen für real ge­hal­ten wer­den, diese Ex-sistenz und diese Kon­sis­tenz, da das Reale ist, sie zu hal­ten.“ (10 f.)

Das Reale spielt beim borromäischen Knoten eine doppelte Rolle: einer der Ringe steht für das Reale, zugleich hat jeder der Ringe eine reale Dimension, nämlich dass er die anderen Ringe nicht durchdringt, dass er ihnen äußerlich ist und sich an ihnen stößt, was von Lacan als „Ex-sistenz“ bezeichnet wird.236

Homogenität der Ringe (11)

Zu: „Das Ima­gi­näre zeigt hier seine Ho­mo­ge­ni­tät mit dem Rea­len, und dass sie, diese Ho­mo­ge­ni­tät, nur von dem Fak­tum der Zahl ab­hängt, in­so­fern diese bi­när ist, eins oder Null, das heißt, dass sie die Zwei nur da­durch stützt, dass Eins nicht Null ist, dass sie der Null ex-sistiert, je­doch hier in nichts kon­sis­tiert.“ (11)

Die borromäische Verschlingung repräsentiert das Imaginäre, das Reale und das Symbolische durch je einen Ring und stellt diese drei Ordnungen damit als strukturgleich dar, als homogen. Alle sind gleichermaßen durch Konsistenz, Ex-sistenz und Loch charakterisiert, d.h. jeder dieser Ringe besteht aus einem Torus, der in sich zusammenhält, jeder ist den beiden anderen Tori äußerlich und jeder Torus hat ein zentrales Loch, durch das er mit den beiden anderen verschlungen ist.

1, 2, 3 (11 f.)

Zu: „Auf diese Weise muss Can­tors Theo­rie wie­der vom Paar aus­ge­hen, zu dem dann aber die Menge das Dritte ist. (…) Hier be­stä­tigt die Eins ihre Ab­lö­sung von der Zwei. Sie bil­det eine Drei nur durch ima­gi­nä­res Auf­het­zen, das­je­nige, das dazu nö­tigt, dass ein Wille dem ei­nen na­he­legt, den an­de­ren zu be­läs­ti­gen, ohne an ei­nen von bei­den ge­bun­den zu sein.“ (11 f.)

Die Verbindung zwischen der Nullmenge und der 1 stellt sich nicht von selbst her: beide Elemente bilden nicht bereits von sich aus eine Menge. Die Verbindung wird durch etwas Drittes hervorgebracht: durch die Menge, die in der Mengenlehre durch geschweifte Klammern symbolisiert wird: {}.

Die zitierte Formulierung bezieht sich auf das Paarmengenaxiom: Zu zwei beliebigen Elementen A und B gibt es genau eine Menge C, die diese Elemente als Menge enthält.

Vgl. hierzu auch Lacans Bemerkung über die Sentenz „Numero Deus impare gaudet“ in Seminar 22, RSI. Der Wendung stammt aus Vergils achter Ekloge und meint „an der ungeraden Zahl erfreut sich Gott“. Die scherzhafte Pennäler-Übersetzung lautet: „Die Zahl zwei freut sich darüber, dass sie ungrade ist“, Gide äußert sich hierzu zustimmend in Paludes (Die Sümpfe, 1895), und Lacan merkt hierzu an:

„Wie ich es schon seit langem sage, hat er völlig recht, denn nichts würde die Zwei realisieren, wenn es nicht das Ungerade gäbe, das Ungerade, insofern es bei der Zahl Drei beginnt – was nicht sofort ersichtlich ist und den borromäischen Knoten notwendig macht.“237

Entscheidend für die Konstituierung der Zwei ist also die Drei; die Zwei als etwas, was sich klar von der Eins unterscheidet, wird gewissermaßen rückwirkend durch die Drei konstituiert.

S2 (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es, das Sym­bol, den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spaltung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich darin de facto aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faîte du fait) oder das Fakt des ‚tut‘, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und da­mit Gren­zen des Ge­sag­ten.“ (11)

S2 steht für ein Signifikantenpaar (so schon in Seminar 16, Version Miller, S. 74). Mit dieser Dualität verweist das Symbol S2 auf das Imaginäre, auf die Stützung des Symbolischen durch das Imaginäre. Der soziale Aspekt des Imaginären besteht für Lacan in der Rivalität, einer Beziehung zwischen Zweien. Wenn man sich an einem Signifikantenpaar orientiert – wie Gerecht und Ungerecht, Gut und Böse, Links und Rechts, Ja und Nein – beruht dies auf der Bindung des Symbolischen an das Imaginäre.

Die Beziehung zwischen, einerseits, der Nullmenge und den Elementen und, andererseits, S1 und S2 wird von Lacan zuerst entwickelt in Seminar 16, Sitzung vom 11. Juni 1969.

Das Faktum des Äußerungsvorgangs (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es, das Sym­bol, den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spaltung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich darin de facto aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faîte du fait) oder das Fakt des „tut“, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und von daher Gren­ze des Ge­sag­ten.“ (11)

Ist das Unbewusste eine Tatsache? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst über den Begriff der Tatsache verständigen, des Faktums.

In Seminar 18 heißt es, bezogen auf den Titel dieses Seminars, D’un discours qui ne serait pas du semblant (Über einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre):.

„Das kann von meinem Platz aus geäußert werden und abhängig davon, was ich früher geäußert habe. Auf jeden Fall ist es ein Faktum, dass ich es äußere. Beachten Sie, dass es ein Faktum auch deshalb ist, weil ich es äußere. Mag sein, dass Sie hier nichts bemerken, d.h. dass Sie denken, dass es nicht mehr gibt als das Faktum, dass ich es äußere. Nur, wenn ich in Bezug auf den Diskurs von ‚Artefakt‘ gesprochen habe, dann deshalb, weil für den Diskurs kein Faktum, wenn ich so sagen kann, bereits da ist; ein Faktum gibt es nur durch das Faktum des Diskurses. Das geäußerte Faktum ist ganz und gar das Faktum des Diskurses. Das ist das, was ich mit dem Ausdruck ‚Artefakt‘ bezeichne, und das ist natürlich das, was reduziert werden muss.“238

Das Faktum des Faktums – die grundlegende Tatsache – ist das Faktum des Diskurses.

Das lässt sich auf das Unbewusste beziehen. In L’étourdit (1973) liest man,

„das Unbewusste ist ein Faktum, insofern es durch den Diskurs gestützt wird, der es etabliert“239.

In Seminar 22, RSI, sagt Lacan:

„Ich versuche da, Ihnen zu zeigen, daß mein Sagen an der Tatsache orientiert ist, daß alleine das Sprechen handelt. Im Anfang war die Tat*, sagt jener da, und er glaubt, das stünde im Widerspruch zu das Wort*. Aber wenn es nicht das Wort* gibt vor der Tat*, gibt es überhaupt keine Tat*. Die Analyse erfaßt, in einem gewiß sehr begrenzten Ausmaß, daß das Sprechen eine Wirklichkeit* hat. Sie tut (fait) was sie kann. Sie kann vielleicht nicht übermäßig viel, aber schließlich ist das immerhin eine Tatsache (fait).“240

Das Sprechen ist ein Handeln und es fundiert das Handeln. Das Sprechen hat eine Wirklichkeit, nämlich eine Wirksamkeit, das Sprechen bewirkt etwas. Dies, dass das Sprechen etwas bewirkt, ist für die Psychoanalyse die grundlegende Tatsache.

Signifikant und Signifikat (11)

Zu: „Das Unerhörte ist, dass die Menschen zwar sehr deutlich gesehen haben, dass das Symbol nur ein zerbrochenes Stück sein konnte, und dies, wenn ich so sagen darf, zu aller Zeit, dass sie aber zu der Zeit, zur Zeit dieses zu aller Zeit, nicht gesehen haben, dass dies Einheit und Reziprozität von Signifikant und Signifikat mit sich führte und als Konsequenz, dass das ursprüngliche Signifikat nichts besagt, dass es nur ein Zeichen der Arbitrage zwischen zwei Signifikanten ist, und dadurch kein Arbiträres für deren Wahl.“ (11)

Die klassische Symboletymologie ist eine bewusstlose Darstellung der Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat. Sie zeigt, dass es nicht etwa ein ursprüngliches Signifikat gibt, das dann sekundär mit einem Signifikanten versehen worden wäre, sondern dass es von Anfang an die Einheit und Reziprozität von zwei Signifikanten gibt.

Durch die Verdrängung kommt einer der beiden Signifikanten in die Position des Signifikats – der unbewussten Bedeutung. Dies geschieht durch eine Art Schiedsspruch (arbitrage), der Schiedsspruch ist ein Befehl, eine Entscheidung, und entspricht damit dem S1, dem Herrensignifikanten. Es geht hier um den Übergang von der Zwei zur Drei, und zwar durch die Intervention von S1 in die Beziehung zwischen den beiden Signifikanten von S2.

Schiedsspruch zwischen zwei Signifikanten (11 f.)

Zu: „Es gibt einen umpire (engl. für Schiedsrichter) – umpire, um es auf Englisch zu sagen, so schreibt es Joyce – nur ausgehend vom empire, vom Imperium über den Körper, wie alles dessen Markierung trägt, vom Ordal an. Hier bestätigt die Eins ihre Ablösung von der Zwei. Sie bildet eine Drei nur durch imaginäres Aufhetzen, dasjenige, das dazu nötigt, dass ein Wille dem einen nahelegt, den anderen zu belästigen, ohne an irgendeinen der beiden gebunden zu sein. Nun ja.“ (11 f.)

Das Ordal, das Gottesurteil, ist eine Art Schiedsspruch.

Bereits das Ordal verweist auf die Körperbeherrschung: man denke an die klassischen Beispiele: über glühende Kohlen gehen, gefesselt ins Wasser geworfen werden.

Das Ordal ist ein Beispiel für die Beziehung zwischen S2 und S1. S2 ist in diesem Fall ein Paar von möglichen Urteilen: „Sie ist eine Hexe / Sie ist keine Hexe“. Zwischen beiden wird die Entscheidung durch das Gottesurteil gefällt (sie hat es überlebt / nicht überlebt, dass sie ins Wasser geworfen wurde, also ist sie keine Hexe / eine Hexe).

Das imaginäre Aufhetzen besteht darin, dass ein Wille (der des Schiedsrichters) zwei Akteure in eine Rivalitätsbeziehung bringt, so dass diese einander belästigen. Der Dritte ist an keinen der beiden Rivalen gebunden, er ist neutral. Lacan bezieht sich hier auf das Prinzip Divide et impera, teile und herrsche, es dient ihm als soziologisches Beispiel für die Ablösung der Eins von der Zwei in der Dreierbeziehung.

Die borromäischen Ringe (12)

Zu: „Damit die Bedingung ausdrücklich gestellt werde, dass man ausgehend von drei Ringen eine Verschlingung bilde dergestalt, dass das Zerreißen eines einzigen beliebigen die beiden anderen voneinander befreie, welche sie auch seien – denn in einer Verschlingung wird dies, wenn ich das in dieser verkürzenden Weise sagen darf, durch den mittleren Ring realisiert –, die beiden anderen voneinander befreie, welche sie auch seien, musste man erst bemerken, dass dies in das Wappen der Borromäer eingeschrieben war, dass der aufgrund dessen borromäisch genannte Knoten schon da war, ohne dass jemand sich hätte einfallen lassen, daraus die Konsequenzen zu ziehen.“ (12)

Hier wird die borromäische Verschlingung aus drei Ringen beschrieben. Drei Ringe sind so ineinandergefügt, dass, wenn man einen beliebigen Ring öffnet, die beiden anderen auseinanderfallen. Bei Lacan steht einer der Ringe für das Imaginäre, ein anderer für das Symbolische (im Feld der Psychoanalyse für das Unbewusste241) und der dritte für das Reale.

Die borromäische Verschlingung wird von Lacan zuerst in Seminar 19 erwähnt, sie ist das Hauptthema des vorangegangenen Seminars, also Seminar 22 von 1974/75, RSI.

Lacan bezeichnet die borromäischen Ringe also mit zwei termini, er spricht vom „borromäischen Knoten“ (nœud borroméen) oder von der borromäischen „Verschlingung“ (chaîne). Die Bezeichnung als „borromäischer Knoten“ steht im Gegensatz zur der in der Topologie etablierten Terminologie; für Topologen ist das Element der borromäischen Ringe, also der einzelne Ring, ein Knoten (genauer gesagt, ein „trivialer Knoten“ oder „Unknoten“), nicht die Verbindung dieser Elemente. Die Bezeichnung als chaîne („Verschlingung“, „Verkettung“, „Link“) entspricht der in der Topologie üblichen Terminologie.

Von chaîne borroméenne hatte Lacan bereits im vorangegangenen Seminar 22 gesprochen.242 Neben chaîne borroméenne findet man in Seminar 23 aber auch die alte Terminologie; Lacan verwendet in Seminar 23 also nœud borroméen und chaîne borroméenne nebeneinander.

Borromäische Verschlingung aus vier Ringen (12)

Zu: „Nicht dass das Symbolische, das Imaginäre und das Reale zerrissen seien, definiert die Perversion, sondern dass sie schon unterschieden sind, und dass man ein viertes unterstellen muss, das hierbei das Sinthom ist, dass man das, was das borromäische Band ausmacht, als tetradisch unterstellen muss, dass ‚Perversion‘ nichts anderes besagt als ‚Wendung zum Vater‘, und dass der Vater alles in allem nur ein Symptom ist, oder ein Sinthom / ein saint homme, ganz wie Sie möchten.“ (12)

Lacan stellt einen Übergang her von drei nicht verschlungenen Ringen zur borromäischen Verschlingung aus vier Ringen. Diese Umwandlung wird dadurch erzeugt, dass ein vierter Ring in die drei anderen Ringe eingefädelt und dann geschlossen wird. Der vierte Ring wird so durch die anderen Ringe geführt, dass die Verschlingung borromäischen Charakter hat: wenn ein beliebiger Ring geöffnet wird, fallen die drei anderen auseinander.

In Lacans Anwendung der borromäischen Verschlingung auf die Psychoanalyse repräsentiert der vierte Ring das Symptom bzw. das Sinthom.

Eine borromäische Verschlingung aus vier Ringen hatte Lacan zuerst in Seminar 22, RSI, vorgestellt, dort in der Sitzung vom 14. Januar 1975. Er hatte hier behauptet, dies sei die Operation, die Freud vollzieht. Bei Freud hielten die drei Ringe des Imaginären, des Symbolischen und des Realen nicht von sich aus zusammen. Den Zusammenhalt stelle Freud dadurch her, dass er einen vierten Ring hinzufüge.

Dieser vierte Ring wird von Lacan gleichgesetzt mit der psychischen Realität, mit dem Ödipuskomplex, mit dem Namen-des-Vaters, mit dem Symptom bzw. Sinthom. Zur Erläuterung dieser Äquivalenzenkette vgl. diesen Blogeintrag.

Der Vater als saint homme / Sinthom / Symptom (12)

Zu: „Nicht dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­näre und das Reale zer­ris­sen seien, de­fi­niert die Per­ver­sion, son­dern dass sie schon un­ter­schie­den sind, und dass man ein vier­tes un­ter­stel­len muss, das hier­bei das Sin­thom ist, dass man das, was das bor­ro­mä­i­sche Band aus­macht, als te­tra­disch un­ter­stel­len muss, dass ‚Per­ver­sion‘ nichts an­de­res be­sagt als ‚Wen­dung zum Va­ter‘, und dass schließ­lich der Va­ter nur ein Sym­ptom ist, oder ein Sin­thom / ein saint homme, ganz wie Sie möch­ten.“ (12)

Die Neurose beruht auf der Idealisierung des Vaters, also darauf, dass der Vater als saint homme fungiert, als heiliger Mann. Der Neurotiker weigert sich, die Kastration des Anderen zu akzeptieren, sagt Lacan in Seminar 10:

„Nicht vor der Kastration weicht der Neurotiker zurück, sondern davor, aus seiner Kastration das zu machen, was dem anderen fehlt.“243

Die Idealisierung des Anderen ist die Ursache des Symptoms. Das Symptom wird hervorgerufen durch den saint homme und ist in diesem Sinne ein Sinthom.

Dies wird hier nicht auf die Neurose bezogen, sondern auf die Perversion. Demnach beruhen beide auf der Idealisierung des Vaters.

Die Ex-sistenz des Symptoms

Zu: „Die Ex-sistenz des Symptoms ist das, was von der Position impliziert wird, derjenigen, die jenes rätselhafte Band des Imaginären, des Symbolischen und des Realen unterstellt.“ (12)

In Bezug auf das Symptom muss man von seiner Ex-sistenz sprechen, nämlich von seiner äußerlichen Position im Verhältnis zum Imaginären, zum Symbolischen und zum Realen. In der borromäischen Verschlingung von vier Ringen besteht diese Äußerlichkeit darin, dass der Ring des Symptoms an die drei anderen Ringe anstößt und nicht kontinuierlich in sie übergeht.

Plättung (12)

Zu: „Wenn Sie irgendwo – ich habe es bereits gezeichnet – das finden, was das Verhältnis des Imaginären, des Symbolischen und des Realen schematisch darstellt, insofern sie voneinander getrennt sind, dann haben Sie bereits in meinen früheren figürlichen Darstellungen, in der Plättung ihrer Beziehungen, die Möglichkeit, sie durch was zu verbinden? durch das Sinthom.“ (12)

„Plättung“ (mis à plat) ist Lacans Terminus für die zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Verschlingung; der in der Topologie übliche Terminus ist „Diagramm“. Dass Verschlingungen für die Theoriebildung zweidimensional dargestellt werden müssen, d.h. als Verschlingung von kreisartigen Gebilden mit einem Innen-Außen-Gegensatz, gehört für Lacan zum Imaginären des Knotens bzw. der Verschlingung.244

Positionsveränderung der Ringe in der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen (13 f.)

Zu: „Al­les hängt hier­von ab: Wenn Sie die­ses groß S um­klap­pen, das heißt das, was sich aus der Kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen be­haup­tet, wenn Sie es um­klap­pen – wie es plauBorromäische Viererknoten - Miller 2005 S 21­si­bel ist, ich meine, sich an­bie­tet –, wenn Sie es um­klap­pen auf eine Weise, die so zu zeich­nen ist, dann ha­ben Sie, wenn diese Fi­gur kor­rekt ist – ich will sa­gen, dass es un­ter dem Reale durch­geht und Sie es of­fen­sicht­lich eben­falls un­ter dem Ima­gi­nä­ren fin­den, ab­ge­se­hen da­von, dass es hier über das Sym­bo­li­sche läuft –, dann be­fin­den Sie sich in der fol­gen­den Po­si­tion: dass sich aus­ge­hend von vier die­ses dar­stellt:

(nicht ge­spro­chen, ver­mut­lich auf der Ta­fel)

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

(Ende der Ein­fü­gung)

das heißt, Sie er­hal­ten das fol­gende Ver­hält­nis: hier zum Bei­spiel das Ima­gi­näre, das Reale und et­was an­de­res, das ich mit ei­nem Σ dar­stel­len werde, und das Sym­bo­li­sche, und dass ein je­des von ih­nen aus­drück­lich aus­tausch­bar ist. Von 1 zu 2 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 2 zu 1, von 3 zu 4 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 4 zu 3 auf eine Weise, die Ih­nen, wie ich hoffe, ein­fach er­scheint. Aber wir fin­den uns da­durch in der fol­gen­den Si­tua­tion: was 1 zu 2 ist, oder auch 2 zu 1, da es in sei­ner Mitte, wenn man so sa­gen kann, das Σ und das S hat, muss be­wir­ken – ge­nauso ist es dar­ge­stellt –, muß be­wir­ken, dass das Sym­ptom und das Sym­bol auf eine Weise ge­hal­ten werden, dass ich Ih­nen durch eine ein­fa­che Dar­stel­lung werde zei­gen müs­sen, auf eine Weise, dass es – wie Sie es dort se­hen – dass es 4 gibt, die – Sie se­hen es da – es 4 gibt, die von groß R ge­zo­gen wer­den, und hier ver­bin­det sich das I auf spe­zi­elle Weise, in­dem es über dem Sym­bol und un­ter dem Sym­ptom ver­läuft. In die­ser Ge­stalt prä­sen­tiert sich das Band im­mer, das Band, das ich hier durch die Op­po­si­tion von R und I aus­ge­drückt habe. An­ders ge­sagt: die bei­den, Sym­ptom und Sym­bol, prä­sen­tie­ren sich so, dass hier ei­nes der bei­den En­den sie in ih­rer Ge­samt­heit nimmt, wäh­rend das an­dere, sa­gen wir, über den hin­weg läuft, der oben ist und un­ter dem, der un­ten ist. Das ist die Fi­gur, die Sie re­gel­mä­ßig er­hal­ten, wenn Sie ver­su­chen, den bor­ro­mä­i­schen 4er-Knoten zu ma­chen, und das ist die, die ich hier ganz rechts ge­zeich­net habe.“ (13 f.)

Lacan beschreibt eine Manipulation, die man mit der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen im dreidimensionalen Raum vornehmen kann und bei der zwei unterschiedliche Plättungen entstehen, also zwei unterschiedliche Darstellungen im zweidimensionalen Raum. Diese Umwandlung ist möglich, ohne einen der Ringe zu öffnen.

(a) Man kann den Knoten so hinlegen, dass man, wenn man die Ringe von links nach rechts betrachtet, die Reihenfolge IRΣS erhält (im Bild: blauer, roter, schwarzer, grüner Ring).

(b) Die Ringe werden dabei so angeordnet, dass die beiden äußeren Ringe, I (blau) und S (grün), sich nicht berühren. Die vier Ringe haben also zwei unterschiedliche Positionen: außen (I und S) und vermittelnd (R und Σ). Es gibt einen linken äußeren Ring (I) und einen rechten äußeren Ring (S) und es gibt einen linken vermittelnden Ring (R) und einen rechten vermittelnden Ring (Σ).

(c) Dann können die Ringe so „umgeklappt“ werden, dass die ersten beiden Ringe und die letzten beiden untereinander ausgetauscht werden. Hierdurch verwandelt sich die Reihenfolge IRΣS in die Reihenfolge RISΣ, aus 1234 wird 2143.

(d) Die Ringe sind hierbei so anzuordnen, dass R (rot) und Σ (schwarz) die äußeren Ringe sind, die sich nicht berühren, und I (blau) und S (grün) die ineinander verschlungenen vermittelnden Ringe.

Eine ähnliche (oder dieselbe?) Manipulation hatte Lacan in der letzten Sitzung von Seminar 22, RSI, beschrieben:

„In jeder borromäischen Verschlingung gibt es eine 1, dann eine 2, hierauf ein Drittes, das Schleife macht (Figur 10). Wenn wir in einer beliebigen Verschlingung – beschränken wir uns auf die Verschlingung 1 – 2 – 3 – 4 – ein beliebiges der beiden ersten an die dritte Stelle setzen, so wird die 1 sowohl durch die 3 wie durch die 4 an die 2 geknüpft sein. (…) Es ist klar, dass die 1 und die 2 gegeneinander austauschbar sind, das heißt, dass am Anfang einer Verschlingung das erste und das zweite unbegrenzt gegeneinander austauschbar sind. Wenn wir nun das eine dieser beiden an die Stelle 3 setzen, so beobachten wir nicht nur, dass die 3 betroffen ist und an den Platz der 2 gelangt, sondern mit der 3 auch die 4. Hierin rechtfertigt sich das Interesse, das ich dem Viererknoten entgegenbringe, den ich im nächsten Jahr entwickeln werde.“245

Der Ödipuskomplex ist ein Symptom (14)

Zu: „Der Ödi­pus­kom­plex als sol­cher ist ein Sym­ptom.“ (14)

Lacan knüpft hier an die Einführung der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen in Seminar 22 von 1974/75, RSI, an. Dort heißt es über die drei Ringe des Imaginären, des Realen und des Symbolischen:

„Bei Freud halten die drei nicht, sie sind nur übereinander gelegt. Nun, was hat er getan? Er hat eine Schlinge hinzugefügt, wodurch er mit einer vierten die drei auseinanderdriftenden Konsistenzen verknüpfte (…). Diese vierte Konsistenz nennt er die psychische Realität. Was ist die psychische Realität bei Freud? Das ist der Ödipuskomplex.“246

Der vierte Ring, der in Seminar 23 vor allem als der des Symptoms bezeichnet wird, steht in Seminar 22 zunächst für die psychische Realität bzw. für den Ödipuskomplex. „Psychische Realität“ ist ein von Freud eingeführter und häufig benutzter Terminus.247 Lacans implizite These lautet: Das, was Freud zunächst als „psychische Realität“ bezeichnet hatte, die Wirksamkeit der Phantasie von der Verführung durch Erwachsene, wird von ihm später „Ödipuskomplex“ genannt.

Der Name-des-Vaters ist der Vater des Namens (14)

Zu: „In­so­fern der Name-des-Vaters eben­falls der Va­ter des Na­mens ist, wird al­les ge­stützt – wo­durch das Sym­ptom nicht min­der not­wen­dig wird.“ (14)

„Name-des-Vaters“ (oder „symbolischer Vater“) ist Lacans Begriff für den Kern des Ödipuskomplexes: für den Vater in der Funktion desjenigen, der das Gesetz repräsentiert, das Inzestverbot, für denjenigen, der Nein sagt; vgl. diesen Blogartikel.

Der Name-des-Vaters (und damit der Ödipuskomplex) wird in Seminar 23 auf den „Vater des Namens“ bezogen, d.h. auf den Vater als Benennenden. Lacan setzt hier einen Gedanken aus den Seminaren 21 und 22 fort. In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, heißt es:

„Es gibt etwas, dessen Auswirkung ich bezeichnen möchte. Denn das ist die Richtung eines bestimmten Augenblicks, nämlich desjenigen, den wir in der Geschichte durchleben – es gibt eine Geschichte, auch wenn es nicht zwangsläufig diejenige ist, die man glaubt.

Was wir leben ist sehr genau dies, dass merkwürdigerweise der Verlust, der Verlust dessen, was durch die Dimension der Liebe gestützt werden würde, wenn sie eben die ist, nicht, dass ich sage, ich kann sie nicht sagen –.

An die Stelle dieses Namens-des-Vaters tritt eine Funktion, die keine andere ist als die des „Ernennens“ [nommer-à]. Zu etwas ernannt sein, das ist das, was in einer Ordnung sprießt, die tatsächlich den Namens-des-Vaters ersetzt.

Bis auf dies, dass hier im Allgemeinen die Mutter ganz allein hinreicht, um das Projekt dieser Ordnung zu bezeichnen, um ihre Spur zu ziehen, um ihren Weg anzuzeigen. Wenn ich das Begehren des Menschen dafür definiert habe, das Begehren des Anderen zu sein, dann wird das eben hier in der Erfahrung angezeigt. Und selbst in dem Fall, in dem es sich einfach so, letztlich durch Zufall ergibt, dass sie durch einen Unfall nicht mehr da ist, ist es dennoch sie, ihr Begehren, die ihrem Sprössling das Projekt bezeichnet, das durch das Ernennen ausgedrückt wird.

Zu etwas ernannt zu sein, das ist für uns, an dem Punkt der Geschichte, an dem wir sind, etwas, was präferiert wird, ich meine wirklich präferieren, vorwärtsgehen, was gegenüber dem, was es mit dem Namen-des-Vaters auf sich hat, präferiert wird. Es ist ganz merkwürdig, dass das Soziale hier die Geltung eines Knotens bekommt, und was buchstäblich den Rahmen von so vielen Existenzen bildet, das ist, dass es diese Macht des Ernennens innehat, bis dahin, dass sich schließlich von daher eine Ordnung wiederherstellt, eine Ordnung, die aus Stahl ist.

Was bezeichnet diese Spur als Wiederkehr des Namens-des-Vaters im Realen, genau insofern, als der Name-des-Vaters verworfen*, zurückgewiesen ist; und dass es mit dieser Kategorie bezeichnet, ob diese Verwerfung, von der ich gesagt habe, dass sie das Prinzip des Wahnsinns ist –; ist dieses Ernennen nicht das Zeichen einer katastrophalen Degeneration?“248

Der Name-des-Vaters wird dadurch ersetzt, dass jemand zu etwas ernannt wird, also wohl: dass er Titel und Stelle hat. Die „Ordnung aus Stahl“ verweist auf Max Webers „stählernes Gehäuse der Hörigkeit“ und damit auf die Bürokratie. Diese Ordnung stützt sich letztlich auf das Begehren der Mutter.

In Seminar 22, RSI (1974/75) setzt Lacan diesen Gedanken fort. Das Inzestverbot, heißt es hier,

„besteht im Loch des Symbolischen, damit, individualisiert im Knoten, etwas erscheine, das ich nicht den Ödipuskomplex nenne – so komplex ist er auch nicht –, sondern den Namen-des-Vaters, was den Vater als Namen meint – was zu Beginn nichts meint –, und nicht nur den Vater als Namen, sondern den Vater als Benennenden [nommant].“249

Statt um das Ernennen (nommer à) geht es jetzt um das Benennen (nommer), und der Akzent verschiebt sich vom Begehren der Mutter zum Benennen durch den Vater.

Dass der Name-des-Vaters zugleich für den Vater als Benennenden steht, ist eine Neuerung des RSI-Seminars.250

Die Benennung hatte Lacan bereits zu Beginn dieser Sitzung angesprochen, mit dem Hinweis auf den biblischen Mythos von der Benennung der Tiere durch Adam.

Im RSI-Seminar erfährt man auch, dass die psychische Realität mit dem Namen-des-Vaters identisch ist:

„Freud, so habe ich gesagt, umgeht meine Reduktion auf das Imaginäre, das Symbolische und das Reale als drei Verknüpfte. Durch seinen Namen-des-Vaters, identisch damit, was er die psychische Realität nennt, und die nichts anderes als die religiöse Realität ist, durch diese Traumfunktion richtet Freud die Verbindung des Symbolischen, des Imaginären und des Realen ein.“251

Die Benennung ist der vierte Ring eines borromäischen Viererknotens:

„Die ganze Frage liegt darin, ob die Benennung, wie es den Anschein hat, vom Symbolischen kommt. Das mindeste, was man sagen kann, ist, daß für meinen Knoten die Benennung ein viertes Element ist. Ich habe Ihnen diese Figur (Figur 7) gezeichnet. Ein vierter Kreis verknüpft die drei zunächst als unverknüpft gesetzten.“252

Der vierte Ring, der des Symptoms, beruht also auf der Äquivalenz von

– psychischer Realität, Ödipuskomplex und Name-des-Vaters,

– benennender Funktion des Vaters und

– Symptom.

Die enge Beziehung zwischen dem Namen des Vaters bzw. dem Über-Ich und dem Symptom hatte Lacan bereits in Seminar 4 hergestellt. Der Name des Vaters (bzw. der „symbolische Vater“), so heißt es dort, ist der Kern des Über-Ichs.253

„Es gibt beim Menschen einen Signifikanten, der seine Beziehung zum Signifikanten verzeichnet, und dieser heißt Über-Ich. Es gibt deren sogar vielmehr als einen, und diese heißen Symptome.“254

Vgl. hierzu diesen Blogartikel: Vom Dreierknoten zum Viererknoten. Über die Verbindung zwischen dem RSI-Seminar und dem Sinthom-Seminar.

Artefakt (14)

Zu: „In die­sem Sinne kün­dige ich an, was in die­sem Jahr meine Be­fra­gung über die Kunst sein wird: in­wie­fern kann der Kunst­griff / das Ar­te­fakt aus­drück­lich das an­zie­len, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert?“ (14)

In Seminar 18 erläutert Lacan, wie er den Ausdruck „Artefakt“ verwendet:

„[W]enn ich in Bezug auf den Diskurs vom Artefakt gesprochen habe, dann deshalb, weil es für den Diskurs nichts Faktisches gibt, wenn ich so sagen kann; ein Faktum gibt es nur aufgrund des Faktums, dass es gesagt wird. Das geäußerte Faktum ist insgesamt das Faktum des Diskurses. Das ist das, was ich mit dem Terminus des Artefakts bezeichne, und wohlgemerkt geht es darum, das zu reduzieren.“255

Das Artefakt ist ein Diskurs-Artefakt, und Lacan bezieht sich auf dieses Artefakt in der Perspektive es zu reduzieren.

Die Wahrheit des Symptoms (14)

Zu: „In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (14)

Die Wahrheit des Symptoms ist der verborgene Sinn des Symptoms. Der Sinn wird durch die Überschneidung des Symbolischen mit dem Imaginären erzeugt; vgl. diesen Blogartikel. Durch Deutung – durch Offenlegung des verborgenen Sinns – kann ein Sympt0m beeinflusst werden.

Das Symptom ist jedoch nicht nur mit dem Sinn verbunden, also mit der Verklammerung von Imaginärem und Symbolischem, sondern auch mit dem Realen, mit dem Genießen. Freud spricht nicht nur vom Sinn des Symptoms, sondern auch von der – meist als Unlust empfundenen – „Ersatzbefriedigung“ durch das Symptom256; vgl. dazu in diesem Blog den Vergleich von Freuds und Lacans Symptombegriff.

Die Kunst kann die Wahrheit vereiteln, die sich vom Symptom aufzwingt (14)

Zu: „In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (14)

Die Joycesche Kunst ermöglicht keinen Zugang zur Wahrheit des Symptoms, zu seinem verborgenen Sinn; sie kann nicht (im Sinne der Psychoanalyse) gedeutet werden. Diese These wurde zuerst von C. G. Jung artikuliert. Über Ulysses hatte Jung geschrieben, „jeder Satz ist eine Pointe“, „es ist kein Traum und keine Offenbarung des Unbewussten“257.

Diskurs des Herrn (14 f.)

Zu: „Inwiefern kann die Kunst, das Handwerk, das vereiteln, wenn man so sagen kann, was sich vom Symptom aufzwingt, nämlich was? was ich in meinen zwei Tetraedern dargestellt habe: die Wahrheit.

Herrendiskurs zwei Tetraeder

Diskurs des Herrn (links), Achtelldrehung des Herrendiskurses im Uhrzeigersinn (rechts)

Die Wahrheit, wo ist sie in diesem Zusammenhang? Ich habe gesagt, sie sei irgendwo im Diskurs des Herrn als unterstellt im Subjekt, insofern es, gespalten, noch dem Phantasma unterworfen ist. Hier, im Gegensatz zu dem, wie ich es zunächst dargestellt habe, hier auf der Ebene der Wahrheit müssen wir das Halbsagen in Betracht ziehen. Das heißt, dass das Subjekt in dieser Etappe nur durch den Signifikanten Index 1, (S1) repräsentiert werden kann, dass der Signifikant Index 2 (S2) genau das ist, was – um es darzustellen, wie ich es eben gemacht habe – durch die Duplizität von Symbol und Symptom repräsentiert wird. Da [ich vermute: S1 am Platz oben links, RN] ist der Handwerker, der Handwerker, insofern er durch die Zusammenfügung zweier Signifikanten in der Lage ist, das, was ich eben das Objekt klein a genannt habe, zu produzieren, oder genauer, ich habe es mit dem Verhältnis zum Ohr und zum Auge illustriert, wie auch mit dem Verweis auf den geschlossenen Mund.“ (14 f.)

Das linke Viereck repräsentiert den Herrendiskurs. Das zweite Viereck entsteht dadurch, dass das erste Viereck eine Achteldrehung im Uhrzeigersinn vollzieht. Welcher Diskurs von diesem zweiten Viereck repräsentiert wird, ist mir nicht klar – offenbar ein Zwischending zwischen dem Diskurs des Herrn und dem Diskurs der Universität. Der Diskurs des Künstlers?

In allen vier Diskursen ist der Platz der Wahrheit das Feld unten links. Im Herrendiskurs ist hier das gespaltene Subjekt, $, verortet. Dieses Subjekt ist dem Phantasma unterworfen; im Diskursschema wird dies durch die Beziehung der beiden unteren Terme dargestellt, $ und a.

Lacan wechselt kurz zum Diskurs des Psychoanalytikers: am Platz der Wahrheit ist im Diskurs des Analytikers nicht, wie im Diskurs des Herrn, das Subjekt des Phantasma verortet, sondern S2, das hier für das Halbsagen der Wahrheit steht, für das Sprechen in Mehrdeutigkeiten.

Im Diskurs des Herrn wird das Subjekt $ durch den Signifikanten S1 (oben links) repräsentiert, durch den Befehl. Dieser Signifikant bezieht sich auf den Signifikantenpaar S2 oben rechts, das als Beziehung zwischen dem Symptom und dem Symbol gedeutet wird. Damit nimmt Lacan eine Zuordnung vor zwischen dem Schema der vier Diskurse und der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen: S2 entspricht den beiden Ringen des Symbolischen und des Symptoms.

Der Handwerker produziert das Objekt a, mit dieser Aussage wechselt Lacan im Herrendiskurs zum Platz unten rechts.

Lacan spricht dann über drei Formen des Objekts a. „Ohr“ verweist auf die Stimme, „Auge“ auf den Blick, der „geschlossene Mund“ auf die Brust. Im Diskurs des Herrn sind die drei Objekte a demnach durch ihr Gegenstück im imaginären Körper vertreten: durch die korrespondierenden Körperöffnungen.

Ein Signifikant ist das, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert (15)

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, dass ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen seine Stütze im Sym­ptom fin­det.“ (15)

Die im Zitat unterstrichene Sentenz, auf die Lacan immer wieder zurückkommt, erscheint in den Seminaren zuerst in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung:

„Le signifiant, à l’envers du signe, n’est pas ce qui représente quelque chose pour quelqu’un, c’est ce qui représente précisément le sujet pour un autre signifiant.”258

“Der Signifikant ist, im Gegensatz zum Zeichen, nicht das, was etwas für jemanden repräsentiert, er ist das, was genau das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert.“ (Im Sinne von: Der Signifikant repräsentiert für einen anderen Signifikanten das Subjekt.)

In den Schriften findet man den Aphorismus zuerst in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten (Vortrag von 1960, der zuerst 1966 veröffentlicht wurde):

„Notre définition du signifiant (il n’y en a pas d’autre) est : un signifiant, c’est ce qui représente le sujet pour un autre signifiant.“259

„Unsere Definition des Signifikanten – es gibt keine andere – lautet: Ein Sigifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert.“260

Im Diskurs des Herrn wird dieser Zusammenhang durch die Beziehung zwischen den Plätzen unten links, oben links und oben rechts dargestellt: das Subjekt ($ am Platz unten links) wird repräsentiert durch den Signifikanten S1 (oben links) für den anderen Signifikanten S2 (oben rechts).

Die Formel steht in Opposition zur klassischen Definition des Zeichens: „Ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden.“ Ein Signifikant repräsentiert, aber das von ihm Repräsentierte ist nicht ein Etwas, sondern das Subjekt. Ein Signifikant repräsentiert für einen Adressaten, dieser ist aber nicht ein Jemand, sondern ein anderer Signifikant. Ein Signifikant repräsentiert nicht für jemanden – er ist kein Werkzeug der Kommunikation, sondern unverständlich. Ein Signifikant repräsentiert für einen anderen Signifikanten: er repräsentiert das Subjekt in einer Signifikantenbeziehung, die vom sprechenden Subjekt nicht kontrolliert werden kann. Vgl. die Erläuterung von Juan-David Nasio in diesem Blog hier.

Lacans Aphorismus lässt sich mit einer Erläuterung von Freud zum Namensvergessen auf einfache Weise veranschaulichen. Freud erzählt, dass eine Fahrkarte kaufen will und sich nicht mehr an den Namen der nächsten größeren Stadt erinnern kann, an das Wort „Rosenheim“. Der Grund: Er hatte gerade seine Schwester Rosa besucht; der Name „Rosenheim“ rührte an seinen „persönlichen Komplex“, wie er sagt, an seinen „Familienkomplex“, wie er es auch nennt.261 In Lacans Begrifflichkeit: Der Signifikant „Rosa“ ist das, was für den Signifikanten „Rosenheim“ das Subjekt Freud repräsentiert.

Falsches Loch (15)
Reidemeister-Bewegung, Typ II

Reidemeister-Bewegung, Typ II

Zu: „In diesem Sinne kann man sagen, dass es in der Verbindung des Symptoms mit dem Symbol nur, möchte ich sagen, ein falsches Loch gibt.“ (15)

Grundlegend für die Knotentheorie ist die Unterscheidung zwischen zwei Ebenen: der Ebene des Knotens und der Ebene des Diagramm des Knotens, von Lacan als „Plättung“ bezeichnet. Von ein und demselben Knoten können unterschiedliche Diagramme hergestellt werden. Ein falsches Loch ist ein Loch, das nur im Diagramm existiert, nicht aber auf stabile Weise im Knoten. Im Knoten kann man das falsche Loch durch Ziehen an den Fadenringen zum Verschwinden bringen. In der Zeichnung erkennt man die Falschheit des Lochs daran, dass es im Diagramm durch Veränderung des Kurvenverlaufs zum Verschwinden gebracht wird. Die Bewegung, durch die im Diagramm ein solches Loch erzeugt und wieder zum Verschwinden gebracht wird, heißt in der Knotentheorie Reidemeister-Bewegung (nach dem Begründer der Knotentheorie, Kurt Reidemeister); damit sind Bewegungen im Diagramm gemeint, die nur das Diagramm verändern, nicht aber die Struktur des Knotens. Es gibt drei solche Bewegungen; diejenige, die mit Lacans „falschem Loch“ verbunden ist, wird als Typ II bezeichnet. Das Lacansche „falsche Loch“ ist, wie die Abbildung zeigt, eine der beiden Extremfiguren der Reidemeister-Bewegung vom Typ II.

„Symbol“ ist hier eine Kurzform für „das Symbolische“: das falsche Loch ist eine Beziehung zwischen dem Symptom und dem Symbolischen (in der nächsten Sitzung wird Lacan es genau so formulieren, also „Symbol“ durch „Symbolischeds“ ersetzen).

Allerdings bezeichnet Lacan auch der Loch eines einzelnen Rings als falsches Loch: Eine Öffnung reicht nicht hin, um ein Loch zu bilden, heißt es in Seminar 22, RSI.262

Die Äquivalenz von unendlicher Gerader und Kreis (16)

Zu: „Man muss jedes dieser Löcher in etwas einschließen, was bewirkt, dass sie zusammenhalten, damit wir hier etwas hätten, das als echtes Loch qualifiziert werden könnte. Das heißt, dass man sich vorstellen muss, damit diese Löcher bestehen bleiben, sich aufrechterhalten, dass man einfach hier eine Gerade annehmen muss, das wird denselben Zweck erfüllen, eine Gerade, vorausgesetzt, sie ist unendlich.“ (16).

Lacan zufolge kann in der borromäischen Verschlingung ein Ring durch eine unendliche Gerade ersetzt werden (so schon in Seminar 22, RSI). Er begründet dies damit, dass ein Kreis einer unendlichen Geraden äquivalent ist.

Die Äquivalenz der unendlichen Graden mit einem Kreis ist ein Grundgedanke der Projektiven Geometrie; als einer ihrer Begründer gilt Gérard Desargues (1591-1661), auf den Lacan im RSI-Seminar verweist. Für die Projektive Geometrie gilt, dass Parallelen sich im Unendlichen schneiden, im Gegensatz zur euklidischen Geometrie, die setzt, dass sie sich nicht schneiden. Die Projektive Geometrie liefert also eine mathematische Ausarbeitung der Zentralperspektive. Man kann sie sich als Geometrie auf einer Kugeloberfläche vorstellen – auf dieser Fläche ist eine unendliche Gerade ein Kreis.

Echtes Loch durch unendiche GeradeAlso repräsentiert beispielsweise die Zeichnung rechts einen borromäischen Knoten aus drei Ringen – ein Ring wird durch die linke Niere dargestellt, der zweite Ring durch die rechte Niere und der dritte Ring durch die Gerade, die eine unendliche Gerade symbolisiert.

In Seminar 22 von 1974/75, RSI, heißt es:

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, daß der Begriff des borromäischen Knoten keineswegs einschließt, daß es sich um Schnurschlingen oder um Tori handelt. Es ist ebenso vorstellbar, im Einklang mit der Intuition eines Desargues in der gewöhnlichen Geometrie, daß sich diese Schlingen öffnen oder, um es einfach zu sagen, zu Schnüren werden, die sich, warum nicht, im Unendlichen wieder treffen sollen.“263

„Und zuerst, welche Gemeinsamkeit besteht zwischen der Geraden als unendlicher und dem Kreis? Es ist dies – das Zerreißen des Kreises ist dem Zerreißen der unendlichen Geraden in seinen Wirkungen auf den Knoten äquivalent – es befreit die anderen Elemente des Knotens. Aber dieses Zerreißen hat in beiden Fällen nicht dieselben bleibenden Wirkungen auf das Element. Was bleibt denn wirklich vom Kreis, nachdem er zerrissen ist? Eine endliche Gerade als solche, die man ohne weiteres wegwerfen kann, ein Fetzen, ein Stück Seil aus gar nichts.“264

Und:

„Desargues hat vor langer Zeit entdeckt, daß die unendliche Gerade in allem dem Kreis homolog ist, womit er Riemann vorgegriffen hat.“265

Lacan verknüpft hier zwei Arten von Geometrie, die Topologie mit dem Teilgebiet der Knotentheorie und die projektive Geometrie. Die Knotentheorie stellt dreidimensionale Gebilde (Knoten) im zweidimensionalen Raum dar (als Diagramme oder, wie Lacan sagt, als Plättungen). In der projektiven Geometrie geht es ebenfalls um die Darstellung von dreidimensionalen Gegenständen im zweidimensionalen Raum. Von daher liegt die Frage nahe, wie sie sich verbinden lassen.

Lacans Gedanke scheint zu sein:

(a) Ebene der dreidimensionalen Knoten

– Ringe (Unknoten, triviale Knoten) sind Gebilde im dreidimensionalen Raum.

– Ringe können beliebig verformt werden, also auch eine unendliche Ausdehnung haben.

– Ringe können unter anderem die Form von kreisförmigen Kurven haben.

– Ringe können also auch die Form von Kreisen mit unendlichem Durchmesser haben.

(b) Ebene des zweidimensionalen Diagramms

– Knotendiagramme (Plättungen) liegen in der zweidimensionalen Ebene und beziehen sich auf dreidimensionale Gegenstände.

– Die Diagrammebene wird spontan im Sinne der euklidischen Geometrie gedeutet, aber nichts zwingt uns dazu – wir können sie auch im Sinne der projektiven Geometrie auffassen.

– In der projektiven Geometrie entspricht eine unendliche Gerade einem Kreis.

– In der projektiven Geometrie repräsentiert die unendliche Gerade einen Kreis im dreidimensionalen Raum.

(c) Verbindung

– Also lassen sich dreidimensionale Ringe im Diagramm durch Linien darstellen, die unendliche Geraden repräsentieren.

Problem: die unendliche Geometrie bezieht sich auf Kreise, nicht auf beliebig verformbare Kurven. Man kann durch eine unendliche Gerade einen Kreis im dreidimensionalen Raum repräsentieren, aber nicht eine geschlossene Kurve beliebiger Form.

Lacan beschreibt borromäische Knoten mit den Begriffen der Konsistenz, der Ex-sistenz und des Lochs. Wenn man einen Kreis oder Ring durch eine unendliche Gerade ersetzt, wird der Ring auf seine Konsistenz reduziert (seinen Zusammenhalt)266 sowie auf seine Ex-sistenz (auf die Äußerlichkeit im Verhältnis zu den anderen Ringen, durch die die Verschlingung zusammenhält); das Loch, um das herum der Ring gebaut ist, verschwindet.

Das Zumverschwindenbringen des Lochs durch Verwandlung des Rings in eine unendliche Gerade steht Lacan zufolge für die imaginäre Benennung, nämlich für den Bezug auf den Referenten im Sinne der Logik.267

In Seminar 22, RSI, stellt Lacan Kreis und Loch einander gegenüber.

„Das Loch, von dem ich spreche, löst uns los von dem Denken, das einen Kreis bildet, vom Denken, das plättet, und das aus dieser Tatsache heraus das Innen vom Außen unterscheidet.“268

Das Loch ist ein Loch im dreidimensionalen Raum, der Kreis liegt im zweidimensionalen Raum. Der Kreis ist grundlegend für die Innen-Außen-Differenz; die Innen-Außen-Differenz ist grundlegend für das Imaginäre. Das Loch des Torus (des Knotenrings) im dreidimensionalen Raum bewirkt, dass der Torus nicht auf der Innen-Außen-Differenz beruht.

Verwandlung des falschen Lochs von Symbol und Symptom in ein echtes Loch

Zu: „Weil das Subjekt das ist, was ein Signifikant bei einem anderen Signifikanten repräsentiert, wird es uns durch sein Insistieren notwendig, zu zeigen, daß einer dieser beiden Signifikanten des Symbolischen seine Stütze im Symptom findet.

In diesem Sinne kann man sagen, dass es in der Verbindung des Symptoms mit dem Symbol nur, möchte ich sagen, ein falsches Loch gibt. Wenn wir die Konsistenz, die Konsistenz irgendeiner dieser Funktionen, Symbolisches, Imaginäres und Reales, wenn wir annehmen, dass diese Konsistenz einen Kreis bildet, dann unterstellt das ein Loch.

Aber im Fall des Symbols und des Symptoms geht es um etwas anderes: das, was ein Loch bildet, ist die Gesamtheit – die übereinander gefaltete Gesamtheit – dieser beiden Kreise. (…) Man muss jedes dieser Löcher in etwas einschließen, was bewirkt, dass sie zusammenhalten, damit wir hier etwas hätten, das als echtes Loch qualifiziert werden könnte. Das heißt, dass man sich vorstellen muss, damit diese Löcher bestehen bleiben, sich aufrechterhalten, dass man einfach hier eine Gerade annehmen muss, das wird denselben Zweck erfüllen, eine Gerade, vorausgesetzt, sie ist unendlich.“ (15 f.) im Fall des Symbols und des Sym

Durch Hinzufügung einer unendlichen Geraden können zwei Ringe, die aufeinanderliegen, in einen borromäischen Knoten verwandelt werden und so ein echtes Loch bilden, ein Loch, das nicht nur auf der Ebene der Plättung, sondern des Knotens existiert, durch Verformung der Kurvenverläufe im Diagramm also nicht beseitigt werden kann. Diese Figur (zwei Tori, die durch Hinzufügung einer unendlichen Geraden ein echtes Loch bilden) hatte Lacan bereits in Seminar 22, RSI, vorgestellt.269

Das Insistieren – der mit dem Symptom verbundene Wiederholungszwang – macht es erforderlich, dass einer der Signifikanten des Symbolischen seine Stütze im Symptom findet (welcher dieser Signifikanten gemeint ist, ist mir nicht klar). Das Symbolische spaltet sich damit auf in das Unbewusste (das Symbol bzw. das Symbolische) und das Symptom.

Die Frage ist dann, wie das Unbewusste (das Symbol) mit dem Symptom verbunden ist.

Beide werden durch Ringe repräsentiert. Jeder dieser Ringe ist gewissermaßen um ein Loch herum gebaut; dieses ist im Augenblick jedoch nicht relevant. Ein weiteres Loch kommt ins Spiel: ein Loch, dass die beiden Ringe gemeinsam bilden.

Dieses Loch kann ein falsches Loch sein, d.h. die beiden Ringe sind nur scheinbar miteinander verschlungen, und das Loch verschwindet, wenn man die Ringe manipuliert. Das falsche Loch kann in ein echtes Loch verwandelt werden, durch Einführung eines dritten Rings, der eine borromäische Verschlingung erzeugt.

Statt eines dritten Fadenrings präferiert Lacan eine unendliche Gerade. Da sie unendlich ist, treffen sich ihre beiden Enden im Unendlichen; sie bildet also eine Art Kreis und kann deshalb die Ringe des Symbols und des Symptoms miteinander verschlingen.

Lacan setzt hier seine Überlegungen zum falschen Loch zweier Ringe fort, die er in in Seminar 22, RSI, begonnen hatte, im Vortrag vom 13.5.1975, also in der vorangegangenen Sitzung (vgl. Kleiner-Übersetzung, S. 78).

Woraus besteht der dritte Ring, aus dem Imaginären oder dem Realen? Vermutlich aus dem Realen. Das Symptom bezieht sich nicht nur auf das Unbewusste (das den verborgenen Sinn des Symptoms liefert), sondern auch auf das Reale des Genießens, es ist eine Form der „Ersatzbefriedigung“, wie Freud sagt.

Polizei: der Herrensignifikant im Diskurs der Universität bzw. der Bürokratie (16)

Zu: „Die­ser Kreis – es wird ge­wiss nö­tig sein, dass ich dar­auf zu­rück­komme –, der Kreis hat eine Funk­tion, die der Po­li­zei wohl­be­kannt ist: der Kreis dient dazu, zu zir­ku­lie­ren, und eben darin hat die Po­li­zei eine Stütze, die es nicht erst seit ges­tern gibt. He­gel hatte sehr gut ge­se­hen, was ihre Funk­tion ist, und er hat es in ei­ner Ge­stalt ge­se­hen, die ge­wiss nicht die­je­nige ist, um die es geht, die in Frage steht. Für die Po­li­zei geht es ein­fach darum, dass das Sich-im-Kreise-Drehen wei­ter­geht.“ (16)

In Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, erklärt Lacan, der Diskurs der Universität sei auch der Diskurs der Bürokratie270 – also der Policey im Sinne von Hegel. Im Diskurs der Wissenschaft (der von Lacan an dieser Stelle mit dem Diskurs der Universität gleichgesetzt wird) ist am Platz der Wahrheit (unten links) der Befehl:

„Mach weiter. Vorwärts. Mach damit weiter, immer mehr zu wissen.“271

In Seminar 22 von 1974/75, RSI, heißt es:

„Von der Polizei behauptet Hegel zurecht, daß alles, was mit Politik zu tun hat, in ihr seine Wurzeln finde. Es gibt nichts in der Politik, das nicht schließlich, in letzter Reduktion, schlicht und einfach Polizei wäre. Nun führt die Polizei immer nur dieses Wort im Munde – Weiterfahren (Circulez)!“272

Die Polizei fordert, dass sich alles weiter im Kreis dreht; sie sorgt dafür, dass die Wiederholung zu keinem Ende kommt.

ZUR SEKUNDÄRLITERATUR

Die Zahlen in Klammern nach den Überschriften und nach den Lacan-Zitaten zu Beginn der Einträge beziehen sich auf die Seiten von Max Kleiners Übersetzung von Seminar 23; oben in der Übersetzung sind sie im deutschen Text nach jedem Satz angegeben.

Orthografie von „Sinthom“ (1)

Jacques-Alain Miller, der offizielle Herausgeber des Sinthom-Seminars, sagt in seiner Vorlesung zu diesem Seminar, er wolle über das sprechen,

„was Lacan mit der Vokabel des Sinthoms in die Klinik eingeführt hat. Nicht ‚Symptom‘, sondern ‚Sinthom‘. Danach spricht Lacan bewusst vom Symptom, und ich habe nicht gedacht, dass ich das zu korrigieren hätte, wenn man einmal erfasst hat, von wo er zurückkommt, er sorgt dafür, dass man es sofort erfasst, sowohl durch den Titel als auch dadurch, dass er gleich zu Beginn ankündigt, dass er eine alte Schreibweise aufgreift, griechisch, griechischen Ursprungs schließlich.“273

Stimmt, letztlich hat „sinthome“ einen griechischen Ursprung, aber das gilt auch für „symptôme“. Lacan geht mit „sinthome“ auf die lateinische Schreibweise zurück. Die moderne Schreib- und Sprechweise „symptôme“ ist ein Versuch, korrektes Griechisch zu schreiben und zu sprechen, also ein typisches Produkt des Renaissance-Humanismus.

Herabsetzung der Logik? (3 f.)

Zu: „Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam, wie es sein Name zur Ge­nüge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­tion des In­dex bei Peirce –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joyce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer Lal­angue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die­je­nige, die ich die l’Evie (E-V-I-E) nen­nen werde – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist: „die Mut­ter der Le­ben­den“ – also l’Evie hatte sie so­fort und ziem­lich hän­gend, diese Spra­che / Zunge, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist die erste Per­son, die sich ih­rer be­dient, eben sie: um mit der Schlange zu spre­chen.“ (3 f.)

Morel schreibt über diese Passage, alles, was Lacan traditionell am Symbolischen hervorhebe, werde hier herabgesetzt, „selbst die Logik“274. Von einer Herabsetzung der Logik kann ich in dieser Sitzung des Seminars nichts erkennen. Den Freudschülern der ersten Generation wirft Lacan mangelnde Logik vor; da die Natur „nicht-eine“ ist, müsse man – so erklärt er –, um sie zu erfassen, logisch vorgehen.

Verhältnis von Herrensignifikant und Eins (10)

Zu: „Von da­her un­sere Schreib­weise ‚S In­dex 1‘, S1, ich prä­zi­siere, dass sie so ge­le­sen wird; sie bil­det nicht die Eins, aber sie ver­weist auf sie als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, das ein lee­rer Sack sein kann.“ (10)

Lacan sagt zur Schreibung als S1, „elle fait pas l’un, mais elle l’indique“ (Staferla S. 12), sie bildet nicht die Eins, sie macht nicht die Eins, aber sie zeigt diese an – als etwas, das nichts enthalten kann, das ein leerer Sack sein kann (Kleiner-Übersetzung, S. 10).

Morel kommentiert die Passage so:

„le S1 est le ‚Un'“, das S1 ist die ‚Eins‘275.

Genau diese Deutung wird von Lacan an dieser Stelle zurückgewiesen. S1 ist nicht die Eins, sondern verweist auf die Eins im Sinne der leeren Menge. Der Herrensignifikant bezieht sich auf den Hautsack, auf die Eins im Sinne der leeren Menge, er muss davon aber unterschieden werden.

Rolle des Körpers (10 f.)

Zu: „Weil der Kör­per ei­nige Öff­nun­gen hat, de­ren wich­tigste – de­ren wich­tigste, weil sie nicht weil es nicht ver­stopft, ge­schlos­sen wer­den kann –, de­ren wich­tigste das Ohr ist, weil es nicht ver­schlos­sen, nicht zu­ge­macht wer­den kann, aus die­sem Grund ant­wor­tet im Kör­per das, was ich die Stimme ge­nannt habe. (…) More geo­me­trico – auf Grund der Form, die Pla­ton so schätzte, er­weist sich das In­di­vi­duum so, wie es ge­baut ist: als ein Kör­per. Die­ser Kör­per hat eine sol­che fes­selnde Kraft, dass, bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, die Blin­den zu be­nei­den wä­ren. (10)

„Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sistenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist.“ (10 f.)

„Es gibt ei­nen um­pire [engl. für Schieds­rich­ter] – um­pire, um es auf Eng­lisch zu sa­gen, so schreibt es Joyce – nur aus­ge­hend vom em­pire, vom Im­pe­rium über den Kör­per, wie al­les des­sen Mar­kie­rung trägt, vom Ordal an.“ (11)

Morel schreibt über den Körper bei Lacan:

„zunächst in Das Spiegelstadium imaginär und durch das Spiegelbild gestützt, wird er stückweise signifikant, bis hin zu Radiophonie, wo er nur dank des Symbolischen existiert, das sein Gestell bildet“276.

Von einer solchen Ent-Imaginarisierung des Körpers kann ich in dieser Sitzung des Seminars nichts erkennen. Das Körperbild liefert gewissermaßen den Rohstoff für die Nullmenge und damit für die Fundierung der Mathematik, es wird damit aber nicht zum Signifikanten. Morels These von der Verdrängung des Imaginären durch das Symbolische steht auch im Gegensatz zum Grundgedanken des borromäischen Knotens, in dem das Imaginäre ja gleichwertig neben dem Symbolischen und dem Realen steht.

Die Spaltung des Subjekts (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es (das Sym­bol) den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spaltung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich darin de facto aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faîte du fait) oder das Fakt des „tut“, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und da­mit Gren­zen des Ge­sag­ten.“ (11)

Worin besteht die Spaltung des Subjekts? Morel deutet die Stelle so, dass S2 das Subjekt zwischen dem Äußerungsvorgang (énonciation) und dem Faktum spaltet.277 Die beiden Seiten der Spaltung sind für sie also der Äußerungsvorgang und das Faktum.

Ich nehme an, die beiden Seiten der Spaltung sind, einerseits, der Äußerungsvorgang, der ein Faktum ist, und, andererseits, das Ausgesagte, bin mir aber nicht sicher, die Stelle ist zu andeutungshaft. Ich vermute, dass gemeint ist: Solche Sprechereignisse sind das Faktum schlechthin, das, auf dem die gesamte Analyse aufbaut. Für Sartre ist das Bewusstsein eine „absolute Tatsache“278, für Lacan – so nehme ich an – der Äußerungsvorgang, in dem sich das Unbewusste manifestiert.

Ein Signifikant repräsentiert ein Subjekt für einen anderen Signifikanten (15)

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, daß ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen seine Stütze im Sym­ptom fin­det.“ (15)

Morel schreibt über das RSI- und das Sinthom-Seminar:

„Verschwunden ist die klassische zirkuläre Definition des Subjekt und des Signifikanten, ‚ein Signifikant repräsentiert ein Subjekt für einen anderen Signifikanten‘. Die repräsentative Funktion des Signifikanten als S1 tendiert, wie gezeigt, dazu, zugunsten der Äquivokation abgeschafft zu werden.“279

Etwas später spricht sie vom „Ende des Repräsentiertwerdens des Subjekts durch den Signifikanten und also der damit verbundenen zirkulären Definition des Signifikanten und des Subjekts.“280 Zumindest in dieser Passage des Sinthom-Seminars ist die von Morel erwähnte Definition des Signifikanten noch in vollem Betrieb. Das Subjekt, sagt Lacan zunächst, wird „durch den Signifikanten Index 1 repräsentiert“, anschließend erläutert er den Signifikanten mit dem Index 2. Die „klassische“ Definition des Signifikanten, wie Morel sie nennt, wird hier nicht abgeschafft, sondern ausgebaut, durch die Neudefinition von S2 als Beziehung zwischen Symbol und Symptom.

„Der Signifikant“,

schreibt Morel zur Erläuterung ihrer These,

„reduziert sich auf die gesprochene Äquivokation, auf eine Verwindung der Stimme.“281

Ich denke, dass die Unterscheidung von S1 und S2 von Lacan im Sinthom-Seminar keineswegs aufgelöst wird. Sie wird vielmehr bekräftigt: in die Dualität zweier Signifikanten, S2, greift ein dritter Signifikant ein, S1, und bewirkt die Verdrängung eines der beiden. Die Joyceschen Äquivokationen werden durch S2 dargestellt (das zugleich für die Spaltung in Symbol und Symptom steht). Der das Subjekt repräsentierende Signifikant S1 ist etwas anderes: die Home Rule als Vaterersatz. Ein Beispiel für diese Beziehung gibt Lacan etwas weiter unten: Das Gottesurteil (S1) steht in Beziehung zur Körperbeherrschung (zur Eins im Sinne der leeren Menge).

Umwandlung eines falschen Lochs in ein echtes Loch (15 f.)

Zu: „Weil das Subjekt das ist, was ein Signifikant bei einem anderen Signifikanten repräsentiert, wird es uns durch sein Insistieren notwendig, zu zeigen, daß einer dieser beiden Signifikanten des Symbolischen seine Stütze im Symptom findet.

In diesem Sinne kann man sagen, dass es in der Verbindung des Symptoms mit dem Symbol nur, möchte ich sagen, ein falsches Loch gibt. Wenn wir die Konsistenz, die Konsistenz irgendeiner dieser Funktionen, Symbolisches, Imaginäres und Reales, wenn wir annehmen, dass diese Konsistenz einen Kreis bildet, dann unterstellt das ein Loch.

Aber im Fall des Symbols und des Symptoms geht es um etwas anderes: das, was ein Loch bildet, ist die Gesamtheit – die übereinander gefaltete Gesamtheit – dieser beiden Kreise. (…) Man muss jedes dieser Löcher in etwas einschließen, was bewirkt, dass sie zusammenhalten, damit wir hier etwas hätten, das als echtes Loch qualifiziert werden könnte. Das heißt, dass man sich vorstellen muss, damit diese Löcher bestehen bleiben, sich aufrechterhalten, dass man einfach hier eine Gerade annehmen muss, das wird denselben Zweck erfüllen, eine Gerade, vorausgesetzt, sie ist unendlich.“ (15 f.)

Bezogen auf die beiden Ringe, die ein falsches Loch bilden, das durch das Einschieben einer unendlichen Geraden in ein echtes Loch verwandelt wird, nimmt Morel folgende Zuordnungen vor:

– Symptom: Reales

– Symbol: Unbewusstes

– unendliche Gerade: Imaginäres.282

Im RSI-Seminar und im Sinthom-Seminar wird das Symptom mit dem vierten Ring des borromäischen Viererknotens gleichgesetzt. Also kann es nicht mit dem Realen identifiziert werden. Die unendliche Gerade ist demnach entweder das Imaginäre oder das Reale.

DEUTUNGSIDEEN

Die Zahlen in Klammern nach den Überschriften und nach den Lacan-Zitaten zu Beginn der Einträge beziehen sich auf die Seiten von Max Kleiners Übersetzung von Seminar 23; oben in der Übersetzung sind sie im deutschen Text nach jedem Satz angegeben.

Joyce und der Diskurs des Herrn (7)

Zu: „Die­ser Herr*, ce Herr* – man kann nicht sa­gen ‚cet Herr’“ (mit aus­ge­spro­che­nem t), das ver­bie­tet die As­pi­ra­tion, das nervt alle Leute so sehr, dass man des­we­gen sagt ‚le pau­vre hère‘, der arme Tropf –, die­ser Herr* hat sich als ein hero auf­ge­fasst: Ste­phen Hero.“ (7)

Miller zufolge begreift Lacan den Diskurs der Joyceschen Kunst nicht als Herrendiskurs.283 Ich denke, dass Lacan ihn durchaus als Herrendiskurs auffasst.

„Ce Herr“, sagt Lacan über Joyce, „dieser Herr*“. Das ist, nehme ich an, eine Anspielung auf den Diskurs des Herrn, der sich wiederum auf die Hegelsche Dialektik von „Herr und Knecht“ bezieht und damit auf das deutsche Wort „Herr“.

Ich vermute, dass Lacan in seinen Bemerkungen zu Joyce folgende Bezüge herstellt:

S1: Joyce (linke Seite) agiert von bestimmten Herrensignifikanten aus (S1 am Platz oben links): „Häretiker“, „Held“, „der“ Künstler. Der Künstler „als“, „comme“: das „comme“ lügt, wie „comment“ anzeigt, durch die Identifizierung mit dem Herrensignifikanten (Thomas von Aquin, Home-Rule) wird die Wahrheit über das Begehren verhüllt.

$ (unten links): Die verborgene Wahrheit ist, dass er „einen etwas laschen Schwanz hatte“, dass die Übermittlung des Phallus vom Vater an den Sohn nur unzureichend stattgefunden hatte.

S2 (oben rechts): Die Universitätsmenschen nehmen im Joyceschen Diskurs des Herrn die Position des Sklaven bzw. des Knechts ein (rechte Seite der Formel); die abwertende Charakterisierung als engeance, Klüngel, spielt vermutlich darauf an. Joyce lässt die Universitätsleute für sich arbeiten, und das heißt, dass er ihr Wissen in seinen Dienst stellt.

a (unten rechts): Das Produkt dieses Diskurses besteht darin, dass die Universitätsmenschen die Häresie genießen; dem entspricht in der Formel das a für die Mehrlust.

Joyce und der Diskurs der Universität (8)

Zu: „Zur Zeit ist es un­mög­lich, die­sen Text zu be­kom­men und das, was ich den Kri­ti­zis­mus ge­nannt habe, näm­lich das, was eine ge­wisse An­zahl von Per­so­nen, al­les Uni­ver­si­täts­leute – das ist im üb­ri­gen eine Weise, an die Uni­ver­si­tät zu ge­lan­gen, die Uni­ver­si­tät saugt die Joy­cia­ner an, aber schließ­lich sind sie schon an der rich­ti­gen Stelle, sie gibt ih­nen Dienst­grade (…)“ (8)

Damit bezieht Lacan sich, nehme ich an, auf den Diskurs der Universität.

S2, das Wissen, ist in diesem Fall: das gelehrte Wissen über Joyce.

S1: Für die Stellen und die Dienstgrade (und auch die Titel) steht in der Formel das Kürzel S1 am Platz unten links, der Herrensignifikant am Platz der verborgenen Wahrheit. In Seminar 17, Die Kehrseite der Psychoanalyse, heißt es, im Diskurs der Universität bestehe der Herrensignifikant im Doktortitel und im Autorennamen.284

Spaltung von S2 (14 f.)

Zu: „Die Wahr­heit, wo ist sie in die­sem Zu­sam­men­hang? Ich habe ge­sagt, sie sei ir­gendwo im Dis­kurs des Herrn als un­ter­stellt im Sub­jekt, in­so­fern es, ge­spal­ten, noch dem Phan­tasma un­ter­wor­fen ist. Hier, im Ge­gen­satz zu dem, wie ich es zu­nächst dar­ge­stellt habe, hier auf der Ebene der­ Wahr­heit müs­sen wir das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. Das heißt, dass das Sub­jekt in die­ser Etappe nur durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1, (S1) re­prä­sen­tiert wer­den kann, dass der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) ge­nau das ist, was – um es dar­zu­stel­len, wie ich es eben ge­macht habe – durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird.“ (14 f.)

Wann immer der Diskurs des Herrn die Herrschaft innehat, „spaltet sich das S2„, wie Lacan sagt, „und diese Spaltung ist die zwischen Symbol und Symptom“ (Staferla-Version, S. 17).

Morel deutet die Stelle so:

„Das Reale der Spaltung des Subjekts zwischen S1 und S2 reflektiert die Duplizität des Symbol und des Symptoms“285.

Die Zweiheit von Symbol und Symptom besteht ihr zufolge also in der Dualität von S1 und S2.

Lacan sagt etwas anderes: Es ist S2, das sich spaltet, und zwar in Symbol und Symptom. Er formuliert eine neue These zum Herrendiskurs: unter der Wirkung dieses Diskurses – des Herrensignifikanten am Platz des Agenten – spaltet sich derjenige Teil des Symbolischen, der in der Formel des Herrendiskurses durch S2 repräsentiert wird (das „Wissen“); es teilt sich auf in das Symbol (in das Unbewusste) und in das Symptom. In Freudscher Terminologie: durch die Identifizierung mit dem Ichideal kommt es zur Verdrängung bestimmter Vorstellungen und zur Wiederkehr des Verdrängten im Symptom.

Position des Handwerkers im Herrendiskurs (15)

Zu: „Da [Ich vermute: S1 am Platz oben links, RN] ist der Hand­wer­ker, der Hand­wer­ker, in­so­fern er durch die Zu­sam­men­fü­gung zweier Si­gni­fi­kan­ten in der Lage ist, das, was ich eben das Ob­jekt klein a ge­nannt habe, zu pro­du­zie­ren, oder ge­nauer, ich habe es mit dem Ver­hält­nis zum Ohr und zum Auge il­lus­triert, wie auch mit dem Ver­weis auf den ge­schlos­se­nen Mund.“ (15)

„Là est l’artisan“, da ist der Handwerker, sagt Lacan und deutet dabei auf das Diagramm des Herrendiskurses an der Tafel. Wohin zeigt er?

Erste Möglichkeit: auf S2 am Platz oben rechts. Hierfür spricht, dass Lacan in Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, das Symbol S2 mit dem Sklaven, dem Knecht, dem Handwerker gleichsetzt.286

Zweite Möglichkeit: Lacan deutet auf S1 am Platz oben links. Für die zweite Möglichkeit spricht, dass Joyce im Herrendiskurs den Platz S1 einnimmt – was allerdings voraussetzt, dass man die Zuordnung von Joyce zum Herrendiskurs akzeptiert.

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zahlen in eckigen Klammern in grauer Schrift verweisen auf die entsprechenden Seiten der von Jacques-Alain Miller herausgegebenen offiziellen Ausgabe von Seminar 23 (Jacques Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Éditions du Seuil, Paris 2005). „[12]“ meint: „hier etwa beginnt in Millers Version von 2005 die Seite 12“.

Passagen in schwarzer Schrift sind Zusammenfassungen, Passagen in eckigen Klammern in grüner Schrift sind meine erläuternden Ergänzungen, Passagen in eckigen Klammern, die mit zwei Fragezeichen beginnen und hellgrün unterlegt sind, enthalten meine Fragen zum Textverständnis.

Titel und Thema des Seminars

Sinthom

[11] Lacan hat dieses Seminar mit dem Titel „Le sinthome“ angekündigt, zu Deutsch: das Sinthom. Das ist eine besondere Orthografie für „Symptom“: sinthome statt des üblichen symptôme. Sinthome ist eine alte Schreibweise [eine Schreibweise, die sich am mittelalterlichen Latein orientiert], sie wurde durch [das am Griechischen orientierte] „symptôme“ verdrängt. [Damit wird eine erste Frage aufgeworfen: ist „Sinthom“ nur eine andere Schreibweise für das Symptom, oder unterscheidet Lacan zwei psychische Formationen, das „Symptom“ und das „Sinthom“? Falls es zwei Formationen sind, wie verhalten sie sich zueinander? Miller und Morel deuten es in ihren Sinthom-Kommentaren so: das „Sinthom“ ist eine Modifikation des ursprünglichen „Symptoms“. 287

Joyce

Die Veränderung der Schreibweise verweist auf auf ein historisches Ereignis, auf das [mit dem Renaissance-Humanismus verbundene Zurückdrängen des Lateinischen durch das Griechische und damit auf das] Eindringen des Griechischen in das Französische, also in Lacans Lalangue [in Lacans Muttersprache]. Lacan bezieht sich mit seiner ungewöhnlichen Rechtschreibung auf einen Wunsch von Joyce, der sich im Ulysses eine Hellenisierung Irlands wünschte, also ein Eindringen des Griechischen. [Im Roman wünscht sich das Buck Mulligan, der hier von Lacan als Sprecher von Joyce genommen wird. Mit dem Rückgang von der griechischen zur lateinischen Schreibweise betreibt Lacan eine Enthellenisierung des Französischen, seine Operation läuft also den Ansprüchen von Mulligan bzw. Joyce zuwider.] Aber in welche Sprache soll das Griechische eindringen? Joyce geht es um Irland, und die wahre Sprache Irlands ist für Joyce das Gälische [das heute die offizielle Erstsprache der Republik Irland ist]. Joyce war jedoch gezwungen, Englisch zu schreiben [die Sprache der Invasoren]. Joyce hat auf sehr spezielle Weise Englisch geschrieben. [Der Schriftsteller und Joyce-Übersetzer] Philippe Sollers [der Lacans Seminare besuchte] hat in einem Aufsatz in Tel Quel erklärt, Joyce habe auf eine Weise geschrieben, dass das Englische nicht mehr existiert [dass es nicht mehr als geschlossenes Sprachsystem existiert, da Joyce beständig Bezüge zu anderen Sprachen herstellt]. Allerdings hatte das Englische bereits vorher wenig Konsistenz [unter anderem aufgrund des starken Einflusses der französischen Sprache], was jedoch nicht heißen soll, dass es einfach wäre, in Englisch zu schreiben. [Damit bringt Lacan den Begriff der Konsistenz ins Spiel, der bei der Beschreibung des borromäischen Knotens im vorangegangenen Seminar, RSI, eine Schlüsselrolle gespielt hatte und der auch in diesem Seminar für die Behandlung der Knoten wichtig werden wird. An dieser Stelle geht es Lacan speziell um die Inkonsistenz des Symbolischen. Das Symbolische gewinnt, Lacan zufolge, seine Konsistenz durch den Namen-des-Vaters; die Psychose beruht darauf, dass der Name-des-Vaters „verworfen“ ist, dass er nie gebildet wurde (so seit Seminar 3 von 1955/56 über die Psychosen). Wenn Lacan betont, dass eine Sprache wenig Konsistenz hat, könnte er damit auf eine Störung in Bezug auf den Namen-des-Vaters sowie auf das Problem der Psychose hindeuten.] | [12] Sollers hat außerdem gesagt, Joyce habe dem Englischen durch die Folge seiner Schriften etwas hinzugefügt, so dass man l’élangues schreiben müsse [also nicht les langues, die Sprachen, sondern, mit einem lautgleichen Neologismus, l’élangues]. Lacan deutet das als Anspielung auf l’élation, den Überschwang: die Sprache von Joyce hat etwas Überschwängliches. Joyce hat dem Englischen durch seine Werke also noch etwas [anderes] hinzugefügt [als den symbolischen Bezug auf andere Sprachen]: diesen Überschwang. [Mit dem Überschwang, der gehobenen Stimmung, sind wir bei den Affekten und damit beim Realen und beim Genießen. Joyces Art zu schreiben steht in einer Beziehung zum Genießen, wie Lalangue.] Vom Überschwang sagt man in der Psychiatrie, er sei der Ursprung eines Symptoms, nämlich der Manie. Finnegans Wake gleicht sogar insgesamt einer Manie. Deswegen hat Lacan seinen Vortrag zur Eröffnung des [fünften internationalen] Joyce-Symposiums [im Juni 1975 in Paris], zu dem Jacques Aubert ihn, wie Lacan sagt, gedrängt hatte, mit Joyce das Symptom überschrieben. [Vgl. die Übersetzung in diesem Blog.– Der Titel „Joyce das Symptom“ enthält also, wenn man alle bisherigen Anspielungen zusammennimmt, die These: Joyces Art zu schreiben ist ein Symptom, und das heißt: sie steht in Beziehung zur Inkonsistenz des Symbolischen – zu einem Problem mit dem Namen-des-Vaters – und außerdem dient sie dem Genießen.] [Am Rande sei festgehalten, dass Lacan in dieser Passage auf drei Beziehungen zwischen Sprachen verweist, drei Formen, durch die ein Sprachsystem inkonsistent wird: auf das Eindringen des Griechischen in das Französische, auf Buck Mulligans Wunsch, Irland zu hellenisieren (von Lacan als Wunsch von Joyce gedeutet), und auf die Kolonialisierung des Gälischen durch das Englische. Außerdem bezieht er sich zwei Mal auf das Benennen.]]

Die borromäische Verschlingung von vier Ringen

Die Arbeit am Joyce-Vortrag hat Lacan dazu gebracht, das Seminarprogramm für dieses Jahr und damit auch den Seminartitel zu ändern. Er hatte [im vorangegangenen Seminar 22, RSI] angekündigt, dass das Folgeseminar „4, 5, 6“ heißen würde [was sich auf borromäische Knoten mit vier, fünf und sechs Ringen bezieht, wie Lacan im RSI-Seminar erläutert hatte]. Wegen des Joyce-Vortrags [der seine Vorbereitungszeit für das Seminar verkürzt hatte] wird er sich jedoch mit dem borromäischen Viererknoten begnügen. [Der Titel „Das Symptom“ steht für den vierten Ring einer borromäischen Verschlingung aus vier Ringen, neben den Ringen für das Reale, das Imaginäre und das Symbolische.] Über diese Änderung sei er erleichtert, sagt Lacan, denn es wäre ihm, so meint er, wohl kaum gelungen, den Weg vom Vierer- zum Sechserknoten zu durchlaufen. Bereits die Konzeption der Vier [also der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen, um die es in diesem Seminar gehen wird] sei für ihn schwierig.

Der Zugang zum Realen durch die Logik

Psychoanalysekongress Weimar 1911

3. Internationaler psychoanalytischer Kongress in Weimar 1911 –[note]Das Foto zeigt: 2. Reihe, 1.von links: Otto Rank. 1. Reihe, 1. von links: Eugen Bleuler. 2. Reihe, 7. von links: Sandor Ferenczi. 2. Reihe, 8. von links: Sigmund Freud. 2. Reihe, 9. von links: C. G. Jung. 2. Reihe, 2. von rechts: Ernest Jones.[/note]

Lacan sagt über sich, er beerbe Freud, was eigentlich nicht seine Absicht gewesen sei. Er habe sich zunächst auf die erste Generation der Freudschüler bezogen. [Damit verweist Lacan auf seine Arbeiten vor 1950, vor der „Rückkehr zu Freud“, etwa auf den Aufsatz über die Familie von 1937.] Er brauche diese Gruppe nicht zu nennen. [Damit wird in diesem Seminar zum ersten Mal die Benennung angesprochen, eines der wichtigen Themen.] Es ist die Gruppe, die sich in Wien getroffen hat und die Freud „meine Bande“ nannte [?? wo?] –, und er, Lacan, habe versucht, aus dem, was diese Generation auf unklare Weise artikuliert hatte, die logischen Konsequenzen zu ziehen. Diese Schülergeneration sei sich selbst jedoch untreu geworden, niemand von dieser Generation habe „in guter Logik“ das weiterverfolgt, was er oder sie bereits ansatzweise gedacht hatte. [Gemeint ist wohl: Sie haben den Zugang über das Symbolische aufgegeben, vor allem durch die Entwicklung der Widerstandsanalyse (der Widerstand hat seine Grundlage im Narzissmus) und der Ich-Psychologie. Statt vom „Symbolischen“ spricht Lacan von der Logik, die ihn in früheren Seminaren immer wieder beschäftigt hatte.] [Für seine Joyce-Deutung stützt Lacan sich übrigens teilweise auf C. G. Jung, ohne ihn zu nennen, auf dessen Aufsatz über Ulysses aus dem Jahr 1932.]t

Die Natur zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht-eine ist. [Einheit ist das Merkmal des Imaginären, das Reale (hier die „Natur“) ist nicht das Imaginäre; es bildet keine Einheit. Begreift man die Natur als Einheit, wird sie zur „Welt“, aus der das Reale ausgeschlossen ist.– Die Formulierung erinnert an Freud: Der Sexualtrieb besteht aus einer großen Reihe von nicht vereinheitlichten Komponenten.]

Da die Natur „nicht-eine“ ist, muss man, um sie zu erfassen, logisch vorgehen. [Vom Symbolischen aus gibt es einen Zugang zum Realen, allerdings nicht durch den Sinn (der die Einheit voraussetzt), sondern durch die Logik. Das Reale ist das logisch Unmögliche; man kann es deshalb auf dem Weg über eine Logik der Unentscheidbarkeit angehen, eine Logik, in der, neben den Wahrheitswerten „wahr“ und „falsch“ auch der Wahrheitswert „unbestimmt“ zugelassen ist.] Die Natur ist das, was durch das Benennen ausgeschlossen wird, obwohl sie gerade das ist, was benannt werden soll. [Das Benennen, so hatte Lacan in Seminar 22 ausgeführt, erzeugt den Sinn, der auf der Verbindung des Symbolischen mit dem Imaginären beruht. Das Reale ist das, was durch den Sinn und damit durch die Benennung ausgeschlossen wird – das Benennen zielt auf das Reale, schließt es aber von sich aus. Das ausgeschlossene Reale jedoch verbindet das Imaginäre mit dem Symbolischen zum Sinn; eben darin besteht die Struktur des borromäischen Knotens.288] Das Benennen führt dazu, dass die Natur sich als Potpourri (wörtlich: als Topf von Verfaultem) von Außer-Natur behauptet. [Die Sinngebung durch Benennung hinterlässt einen vom Sinn nicht erfassbaren Rest, einen Abfall: das Reale. Die Formulierung spielt möglicherweise auf Freuds Triebkonzeption an. Freud zufolge besteht der Trieb aus einem Ensemble von nicht vereinheitlichten Partialtrieben, insofern bildet er ein „Potpourri“. Am stärksten verdrängt sind die koprophilen Triebanteile – solche, die sich auf das „Verfaulte“ richten. Die Partialtriebe sind pervers; perverse Strebungen gelten als unnatürlich, insofern stehen sie „außer der Natur“. Die verdrängten Triebkomponenten „behaupten“ sich: sie zeigen sich im Wiederholungszwang, im Symptom.]

Struktur des Symptoms

Aufgrund der Benennung gibt es kein natürliches sexuelles Verhältnis

Der Vorteil dieser Aussage [dass die Natur „nicht-eine“ ist] ist der, dass man – wenn man dies berücksichtigt – folgendes sieht: Die Tatsache, dass der Mensch benannt wird [dass die Sprache auf ihn einwirkt], führt dazu, dass das sexuelle Verhältnis bei ihm kein Naturgesetz ist, dass es bei ihm kein natürliches sexuelles Verhältnis gibt. [Die Benennung (die Einwirkung der Sprache) führt dazu, dass die beiden Geschlechter nicht „durch die Natur“ aufeinander bezogen sind, nicht durch Instinkte.] Diese Formulierung ist eine grobe Annäherung, da der Ausdruck „natürliches sexuelles Verhältnis“ nur mit Einschränkungen verwendet werden kann. [Die Rede vom „natürlichen sexuellen Verhältnis“ suggeriert, dass die außermenschliche lebendige Natur insgesamt so beschaffen ist, dass hier die Geschlechter auf natürliche Weise aufeinander bezogen sind.] Das Fehlen einer natürlichen sexuellen Beziehung ist nichts, was den Menschen auszeichnet, es gibt noch andere Lebewesen, die das natürliche sexuelle Verhältnis nicht kennen [z.B die Einzeller]. | [13] Damit soll aber nicht gesagt werden, dass beim Menschen das Geschlecht [die Dualität der Geschlechtsorgane bzw. der Geschlechtszellen] nichts Natürliches wäre [es gibt beim Menschen durchaus eine biologische Zweigeschlechtlichkeit]. Man muss in jedem Einzelfall prüfen, ob es bei einer bestimmten Gattung von Lebewesen ein natürliches sexuelles Verhältnis gibt. Auf [die sogenannte Sexualität von] Bakterien [und deren Nicht-Beziehung] hatte er sich bereits früher [nämlich in Seminar 21] bezogen, ebenso auf die der Vögel [?? wo?].

Die Schöpfung wird als göttlich bezeichnet. Göttlich an ihr ist allein, dass sie sich auf die Benennung bezieht [auf die Schöpfung aus dem Nichts durch den Signifikanten]. Als Gott dem mythischen Urmenschen den Auftrag gab, alle Tiere zu benennen, hat er ihn verulkt; zu beachten ist, dass das Bakterium nicht benannt wird. [Der biblischen Schöpfungsgeschichte zufolge gibt Gott dem Menschen – Adam – den Auftrag, die Tiere der Luft und des Landes zu benennen (1. Mose, Kap. 2, Verse 19 und 20). Der Auftrag suggeriert, dass mit dem Benennen das Reale erreicht werden kann, was jedoch unmöglich ist. Die Benennung besteht darin, dass Lalangue auf das Imaginäre einwirkt (11. 3. 1975), also auf das Sichtbare. Die Bakterien werden nicht benannt, da sie nicht sichtbar sind. Das Reale ist das, was aus dem Symbolischen ausgestoßen wird, was ihm ex-sistiert289; die Bakterien gehören als, bezogen auf den biblischen Benennungsakt, zum Realen.]

Der Mythos über den göttlichen Auftrag an den Menschen, die Tiere zu benennen, ist Unsinn. [Er beruht auf dem Traum, das Sprechen mit anderen Wesen zu teilen, in diesem Falle mit einem Gott.290] Von dieser unsinnigen Vorstellung bleiben uns noch Spuren: man kann sagen, dass der Name „Adam“ etwas „anzeigt“, und „anzeigen“ verweist auf den Begriff des Index bei Pierce. [Indexikalische Zeichen sind, nach Pierce, Zeichen die sich auf den Referenten beziehen, in Lacans Terminologie: auf das Reale. Lacan zufolge schließt die Benennung das Reale aber gerade aus.] Adam ist, wie der Witz lautet, der sich bei Joyce findet, eine „M’Adam“: er hat die Tiere in der Sprache / in lalangue von Eva benannt [und in diesem Sinne war er eine Madam. Die Benennung ist sekundär, sie setzt voraus, dass es bereits ein Sprechen gibt, das Sprechen der Mutter, also Lalangue. Die Benennung erfolgt in Lalangue, sie ist eine bestimmte Verwendung von Lalangue, nicht zum Zweck des Genießens, sondern zu dem der Bezeichnung. Die Frage, die sich damit stellt, ist die nach dem Verhältnis zwischen zwei Formen des Sprechens, zwischen der Verwendung von Lalangue zum Zweck des Genießens und ihrer Verwendung zum Benennen.] Lacan nennt Eva l’Evie, womit er sich der hebräischen Sprache annähert, denn l’Evie enthält vie, Leben, und das hebräische Wort „Eva“ bedeutet „Mutter der Lebenden“ – falls das Hebräische eine Sprache ist [?? inwiefern könnte das Hebräische keine Sprache sein?].

Die Schuld

Eva/l’Evie hatte die Sprache / die Zunge sofort, und zwar ziemlich hängend, denn nachdem Adam die Sprache angeblich verwendet hat, um die Tiere zu benennen, ist sie, Eva, im biblischen Mythos die erste, die die Sprache verwendet, um mit jemand anderem zu sprechen, nämlich mit der Schlange. [Lalangue ist die Sprache, die zunächst von Eva als Mittel zum Genießen verwendet wird, dann von Adam zum Benennen. Jetzt geht es um eine dritte Verwendungsweise von Lalangue: um die Sprache als Kommunikationsmittel (in Seminar 22 unterscheidet Lacan ausdrücklich das Benennen von der Kommunikation, 11. 3. 1975). Diese Aktivität wird von Lacan wieder Eva zugeschrieben.] Sie spricht mit der Schlange mit hängender Zunge. [Lalangue ist eine Sprache, die dem Genießen dient.] Die sogenannte göttliche Schöpfung verdoppelt sich im Geschwätz des Sprechwesens. [Die göttliche Schöpfung ist eine Schöpfung durch das göttliche Wort, und im Geschwätz des Sprechwesens wird das verdoppelt.] Durch das Sprechen macht Eva aus der serpent, der Schlange, die serre-fesse, die Arschbackenklemme. [Das heißt wohl: Es geht im Sprechen der Mutter zunächst um Analerziehung, wodurch die anale erogene Zone installiert wird, der anale „Schnitt“, wie die erogene Zone im Aufsatz Dialektik des Subjekts und Subversion des Begehrens genannt wird. Die Schlange wäre also zunächst der Kot.] Letztlich wird die Schlange als Spalte bezeichnet oder besser als Phallus. [Erste Ebene der Bedeutung: Die Schlange ist ein klassisches Phallus-Symbol, aber zugleich das Symbol der weiblichen Spalte – der Penis steht in derselben Beziehung zum Phallus wie seine Abwesenheit.291 Zweite Ebene der Bedeutung: die Schlange führt die Unterscheidung von Gut und Böse ein, also die Verdrängung und damit die Spaltung des Subjekts.] Denn um das faut-pas / den faux-pas zu realisieren, das Darf-nicht / den Fehler, braucht es einen Phallus. [Das faut-pas ist im Mythos das von Gott verhängte Verbot, das Gesetz; der Faux-pas ist die Übertretung des Verbots. Wenn es kein Gesetz gäbe, gäbe es auch keine Sünde, sagt Paulus; das ist ein Thema von Seminar 7 über die Ethik der Psychoanalyse. Die Artikulation des Gesetzes, des Inzestverbots, ist die Funktion des Namens-des-Vaters und mit dem Phallus verbunden.] Ein Vorteil der Schreibweise Sinthom besteht darin, dass sie auf den Zusammenhang zwischen dem Verbot und der Schuld verweist: der Ausdruck beginnt mit „sin“, und das englische Wort sin meint „Sünde“. [Das Sinthom ist, so lässt sich das Wortspiel bequem eindeutschen, ein „Sündtom“, es beruht beruht auf dem Verbot und auf dem Schuldgefühl.]

Das Symptom hört nicht auf, geschrieben zu werden (Notwendigkeit)

Das Symptom beruht auf einer Spalte [auf der Spaltung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, mit Lacan: zwischen dem sinnorientierten Sprechen (énoncé) und dem „Sprechen“ in Gestalt des Symptoms (énonciation), einem Sprechen, dessen Sinn dem Subjekt nicht zugänglich ist]. Diese Spalte hört nicht auf, geschrieben zu werden [sie wiederholt sich, das Symptom ist mit der Wiederholung verbunden]. Wir haben es also mit einer Notwendigkeit zu tun. [So ist die Notwendigkeit von Lacan in Seminar 20 definiert worden: als das, was nicht aufhört, geschrieben zu werden.] Die Spalte hört nicht auf, sich zu vergrößern. [Vielleicht im Sinne von: Die Abwehr verstärkt sich, und evtl. verschlimmert sich das Symptom.]

Das Symptom hört auf durch die Kastration (Möglichkeit)

Diese Notwendigkeit [also diese Wiederholung] hält so lange an, bis die Kastration sich ereignet. Sie hat zur Folge, dass das hartnäckige „Geschriebenwerden“ [des Symptoms, der Wiederholungszwang] aufhört. Das Aufhören des „Geschriebenwerdens“ [des Symptoms] durch die Kastration entspricht der Modalität der Möglichkeit [denn so war die Möglichkeit von Lacan in Seminar 21 definiert worden: dass etwas aufhört, geschrieben zu werden, dass ein Wiederholungszwang zu einem Ende kommt]. [Das Symptom beruht auf Kastrationsangst bzw. Penisneid und hört deshalb dann auf, wenn die Kastration akzeptiert wird.] Dass etwas aufhört, geschrieben zu werden, kommt dadurch zustande, dass es geschrieben wird. [Die Wiederholung des Symptoms hört dann auf, wenn in einer psychoanalytischen Kur etwas „geschrieben wird“] [??Was meint, dass im Verlauf einer psychoanalytischen Behandung etwas „geschrieben“ wird?]

Die Wahrheit kann zu einem Ergebnis des Savoir-faire werden, kann aber nur halbgesagt werden

Der Wechsel von der Notwendigkeit des Geschriebenwerdens [vom Wiederholungszwang] zum Aufhören des Geschriebenwerdens [zur Reduktion des Symptoms] würde durch einen Diskurs erfolgen, der nicht über den Schein wäre, wie Lacan in Seminar 18 gesagt hatte [also durch den Diskurs der Psychoanalyse, der die Nicht-Existenz des (natürlichen) sexuellen Verhältnisses nicht durch einen Schein kaschiert – genau darin bestünde die Kastration]. Eben dies ist Wahrheit. [„Wahrheit“ hier im Gegensatz zum Schein; die Wahrheit besteht also darin, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt.]

Kann die so verstandene Wahrheit zu einem Ergebnis des savoir faire werden [des knowing how, also der psychoanalytischen „Technik“, wie Freud sagt] oder ist das eine Unmöglichkeit? Es ist durchaus möglich, dass die Wahrheit [der Zugang dazu, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt] durch ein Know-how herbeigeführt wird [durch die Psychoanalyse als Technik]. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen: Die Wahrheit kann [vom Psychoanalytiker] nur halbgesagt werden [er muss in Andeutungen zu sprechen: in Mehrdeutigkeiten und in Patienten-Zitaten.] Die Wahrheit wird sich in Herrensignifikanten verkörpern, in S1. [Der Patient wird im Verlauf der psychoanalytischen Kur bestimmte Schlüsselsignifikanten isolieren.] [?? Worin besteht der Zusammenhang dazwischen, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, und dem Herrensignifikanten?]

DIE Frau ist ein anderer Name für Gott, sie existiert nicht

Und zwar dort, wo es mindestens zwei Signifikanten braucht [damit ist vermutlich das „Wissen“ gemeint, S2, das Unbewusste], damit DIE Frau erscheint, die durch den Mythos zu einer Einzigartigen gemachte [als einer Form des nicht-gespaltenen Anderen]. [?? Inwiefern braucht es zwei Signifikanten, damit DIE Frau erscheint?] | [14] Für die Position der Allwissenden ist Eva oder l’Evie bestens geeignet, da sie ja vom verbotenen Baum gegessen hat, dem der Wissenschaft [sie hat vom Baum der „Erkenntnis“ gegessen, wie es in der Bibel heißt].

L’Evie, die mythische Eva, ist unsterblich [sie ist eine Signifikantenkonstruktion, und Signifikanten sind unsterblich, sie überleben die sterblichen Menschen]. Sie ist noch unsterblicher als Sokrates [der von den Logikern also zu Unrecht zum Musterfall des sterblichen Menschen gemacht worden ist]. DIE Frau ist ein anderer Name Gottes. [Es geht hier auch um den Unterschied zwischen: „die Frau, an die man glaubt“ und „eine Frau, der man glaubt oder auch nicht glaubt“. Die Frau, an die man glaubt, ist ein anderer Name für den nicht-gespaltenen, nicht-kastrierten Anderen, den Anderen, der mit einer Wahrheitsgarantie ausgestattet ist.] Und genau darin existiert DIE Frau nicht. [Es gibt kein Wesen der Frau.].

Aristoteles schließt das Singuläre aus seiner Logik aus

Aristoteles war ein gewiefter Logiker; das sieht man daran, dass er das Singuläre [das singuläre Urteil] aus seiner Logik ausschließt. [Singläre Urteile sind Urteile über Einzelnes, z.B. „Dieser Mensch ist sterblich“.– Die Aristotelische Logik beruht demnach auf einem Ausschluss.] [Aristoteles schließt Urteile aus seiner Logik aus, die sich auf „nicht alle“ beziehen. Inwiefern schließt er damit das Singuläre aus seiner Logik aus?]

Wenn Aristoteles in seiner Logik allerdings behauptet, dass Sokrates ein Mensch war, dann hat er sich geirrt. Sokrates akzeptiert zu sterben, damit die Polis lebt [der Andere? das Gesetz? eine konkrete symbolische Ordnung?], also war er kein Mensch [vielleicht insofern nicht, als ein Mensch nicht in der symbolischen Dimension aufgeht, er lebt zugleich in der imaginären und der realen Dimension, er ist der „Knoten“ dieser drei Ordnungen].

Sokratesʼ Verhältnis zu Xanthippes Jammern: Alles, nur das nicht = das Symptom

Sokrates ist [im Zusammenhang des Seminarthemas] insofern interessant, als er in den Stunden vor seinem Tod nicht seine Frau sprechen hören wollte [wie Platon im Phaidon berichtet: Xanthippe besuchte Sokrates im Gefängnis und klagte über seinen bevorstehenden Tod, Sokrates ließ sie daraufhin fortbringen]. Die Beziehung zwischen dem Reden des Sokrates und dem von Xanthippe hat die Struktur des „nicht alles“, genauer des „alles, nur das nicht“ / „alles, nur nicht es“.

[„Alles, nur das nicht“ ist die symbolische Artikulation der Abwehr im Namen der Totalität, des Imaginären, des Ichs. Freud sagt, der „Kampf ge­gen die Trieb­re­gung fin­det seine Fort­set­zung in dem Kampf ge­gen das Sym­ptom“, dies sei der „se­kun­däre Ab­wehr­kampf“292 In Seminar 22 hatte Lacan erklärt: Für den Mann ist eine Frau ein Symptom; vgl. diesen Blogartikel. Sokrates führt einen Abwehrkampf gegen Xanthippe – sie ist sein Symptom. Die Totalität der streng geregelten, auf den Sinn bezogenen Sokratischen Dialoge mit ihren Was-ist-Fragen beruht auf einem Ausschluss. Das, was ausgeschlossen wird, ist das Jammern seiner Ehefrau, also ein affektives Sprechen, ein Sprechen, dass dem Genießen dient, hier in der Form des Leidens. Insofern ist Xanthippe in ihrem Jammern Sokratesʼ Symptom.] [?? Wo ist Sokrates in den Formeln der Sexuierung anzusiedeln, auf der männlichen oder auf der weiblichen Seite? Oder ist er in diesen Formeln nicht unterzubringen?]

Das „nicht alles“ (griechisch mē pantes) hat Lacan in Aristoteles‘ Organon gelesen; er kann die Stelle jedoch nicht mehr finden. [Sie steht, wie Miller in den Anmerkungen zu seiner Seminaredition nachweist, in der Ersten Analytik, 1. Buch, 24a, 19, die genaue Formulierung ist mē panti.] Aristoteles spricht dort über den Gegensatz zwischen dem allgemeinen Urteil, das im Griechischen mit pantes beginnt, alle [z.B. „Alle Menschen sind sterblich“, und dem verneinenden Urteil, das mit mē pantes beginnt, nicht alle, z.B. „Nicht alle Menschen sind sterblich“]. Dieses negierte allgemeine Urteil wird von Aristoteles zurückgewiesen. [Die Zurückweisung des negierten allgemeinen Urteils ist für Lacan offenbar die Ablehnung des singulären Urteils, von der er vorher gesprochen hatte.] [?? Warum identifiziert Lacan das negierte allgemeine Urteil mit dem singulären Urteil?]

Wenn die Frau „alle“ ist [also DIE Frau], beruht dies auf der logischen Struktur des tout, mais pas ça, alles, nur das nicht / alles, nur nicht Es [die Totalität konstituiert sich durch einen Ausschluss, durch den Ausschluss des Es]. Dabei ist zu beachten, dass das Französische mais pas (aber nicht) so ähnlich klingt und so ähnlich geschrieben wird wie das Griechische mē pas (nicht alles). Dieses „alles, nur das nicht“ / „alles, nur nicht Es“, das war Sokrates‘ Position. [Die Totalität seines Diskurses – seiner speziellen Art des Dialogs – konstituiert sich durch den Ausschluss des mit dem Genießen verbundenen Sprechens, z.B. des Sprechens von Xanthippe, das mit Leiden verbunden ist, mit einem „Genießen“ im Sinne von Lacan; die Totalität des Sokratischen Dialogs konstituiert sich durch den Ausschluss von lalangue als Mittel des Genießens jenseits des Lustprinzips.]

Das mais pas ça, nur das nicht / nur Es nicht, entspricht dem Titel des Seminars, also dem Sinthom. [Im Symptom bzw. im Sinthom wird das, was durch eine Totalisierung – durch ein „Alles“ – ausgeschlossen wird, teilweise realisiert. Das Symptom ist, wie Freud sagt, eine „Ersatzbefriedigung“ für den verdrängten Wunsch. In Lacans Begrifflichkeit: Das Symptom ist ein Ersatz = eine Metapher; das Symptom ist zugleich eine Form des Genießens.]

Für die Instanz des Buchstabens [?? was meint das hier?], wie er sich im Augenblick abzeichnet, ist nichts Besseres zu erwarten [als solche Wortspiele wie mē pas / mais pas, da man die Wahrheit nur halb sagen kann, d.h. in Äquivokationen]. Angeblich wirkungsvollere Techniken werden höchstens eine Symptomverschiebung herbeiführen oder auch eine Vervielfachung des Symptoms. [Die „ganze“ Wahrheit zu sagen, würde darauf hinauslaufen, einen neuen Herrensignifikanten einzuführen, der das Symptom verstärkt.]

Joyce (I): die Wahl des Sinthoms

Joyces Wahl: vom Sinthome-madaquin zum SintHome-Rule

Für die gegenwärtige Instanz / für das gegenwärtige Drängen also [?? Was meint hier „Instanz“?] gibt es das sinthome madaquin, das Heiliger-Thomas-von-Aquin-Sinthom. [Lacan macht hier ein Wortspiel mit „Saint Thomas d’Aquin“ (Heiliger Thomas von Aquin), „saint homme“ (Heiliger) und „sinthome“. Das Verhältnis von Joyce zum Heiligen Thomas ist ein Sinthom. In Joyce das Symptom I sagt Lacan, dass die Schreibweise sinthome auf die Beziehung zum Heiligen verweisen soll. Im borromäischen Viererknoten steht der vierte Ring nicht nur für das Symptom, sondern auch für die Religion, wie Lacan etwas später in dieser Sitzung sagen wird. Die Orientierung des jungen Joyce an Thomas von Aquin ist ein Symptom, genauer: ein Sinthom – es hat mit dem Heiligen zu tun, mit der Religion.] Joyce hat sich häufig zu Thomas von Aquin geäußert, für ihn ist Thomas ein großer Philosoph, und Lacan teilt seine Meinung. Die Rezeption der Thomasschen Ästhetik durch Joyce ist allerdings problematisch, wie Jacques Aubert gezeigt hat [in seiner 1973 erschienenen Einführung in die Ästhetik von James Joyce]. Joyce beschäftigt die Frage des Schönen, und er orientiert sich hierbei am Heiligen Thomas / an seinem Sinthom. Thomas zufolge ist eines der Merkmale des Schönen die claritas, und Joyce übersetzt das mit [radiance, also mit] „Glanz“, „Glanz des Seins“; und eben das ist bei Joyce ein schwacher Punkt [?? Findet man die Begründung in Auberts Buch?]. Der Glanz des Seins, das ist nichts, was Lacan berührt, wie er sagt. [Im Seminar über die Ethik der Psychoanalyse liest es sich anders. Lacan spricht hier vom éclat (Leuchten, Strahlen, Glanz) von Antigone und stützt sich dabei auf den „Glanz des Seins“, eine Formulierung von Heidegger; vgl. diesen Blogbeitrag zu Lacans Begriff des Zweiten Todes.]

An einem bestimmten Punkt [seiner Rezeption von Thomas von Aquin] bringt Joyce das Sinthom seiner Verehrung des Heiligen Thomas zum Einsturz und vollzieht eine Wendung. | [15] Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine Abwendung von der Politik [vom Kampf um die Befreiung Irlands von englischer Herrschaft]. Tatsächlich aber ist das Sinthom, dass Joyce [nach dem Sinthom-madaquin, nach dem Heiligen-Thomas-Synptom] hervorbringt, ein Sinthom, das man als Sinthom-Rule / Sint-Home-Rule, als Home-Rule-Sinthom bezeichnen kann [also als ein Symptom, das mit der Home Rule verbunden ist, mit dem Streben nach nationaler Unabhängigkeit Irlands. Das neue große Thema von Joyce wird, nach Thomas von Aquin, Irland sein. Bei Joyce gibt es eine Symptom-Verschiebung; er wechselt von der Religion zur Politik.] Im Freeman’s Journal [einer nationalistischen irischen Zeitung] wird die Home Rule [die Selbstbestimmung Irlands] durch eine Sonne dargestellt, die hinter der Bank von Irland aufgeht, was heißen würde, dass sie im Nordwesten aufgeht. [Siehe das Bild oben in der Satz-für-Satz-Übersetzung. Im Ulysses gibt es eine Passage, in der Bloom sich über dieses Bild lustig macht.] Aber durch das Knirschen zu diesem Thema [durch Joyces scharfe Kritik am irischen Nationalismus] darf man sich nicht irreführen lassen. Joyce entwickelt also ein Sinthom, das sich auf die Home Rule bezieht, und dieses Sinthom, das er zusammenschmiedet [ein Symptom ist, der Etymologie nach, etwas Zusammengefügtes], ist ein Sinthom, das gut läuft. [Das Irland-Thema ist für sämtliche Schriften von Joyce ab den Dubliners bestimmend. Dieses Sinthom hat für Joyces Produktivität, sondern auch für seine psychische Stabilität eine entscheidende Bedeutung.]

Natürlich kann man das, worum es geht, auch anders bezeichnen als mit „SinThom-masvonaquin“ und „SintHome-Rule“. Die beiden Ausdrücke sollen zeigen, dass Joyce seine Kunst in zwei Richtungen verfolgen konnte und dass beide ein Sinthom darstellten. [Joyce stand vor einer Wahl, er konnte sein Schreiben auf Thomas von Aquin stützen und auf die Politik, die Home Rule.] Beide Formen des Sinthoms betrafen ihn, und Joyce wählte die „SintHome-Rule“ [er wählte Irland, also die Politik]. Durch diese Wahl definierte er sich als Häretiker, wie Lacan, denn das griechische Wort hairesis, von dem sich „Häresie“ herleitet, meint „Wahl“. [Die Häresie steht im Gegensatz zur Orthodoxie – hier: zur Thomistischen Orthodoxie. Worin besteht die Wahl von Lacan? Vielleicht darin, dass er von der Orientierung an der ersten Generation der Freudschüler dazu wechselte, dass Freud für ihn zur Autorität wurde.] [Die Charakterisierung des Künstlers durch die Wahl, die er trifft, findet sich auch bei Sartre, etwa in dessen Studie über Baudelaire; hier verwendet Sartre den Begriff der „Urwahl“. Möglicherweise orientiert sich Lacan bei seiner Joyce-Deutung an Sartres Schriftstelleranalysen.] [?? Inwiefern war Lacan ein Häretiker? Welche Wahl hat er getroffen?] Man muss den Weg wählen, auf dem man die Wahrheit angeht. [Das Sinthom, so erfährt man auf diese Weise nebenbei, ist ein Weg, auf dem man die Wahrheit angeht, ein Weg, auf dem man einen Bezug zum Verdrängten herstellt.] Man kann die Wahl aber überprüfen; wenn man die Natur des Sinthoms einmal erkannt hat, kann man es auf logische Weise angehen, dies ist das richtige Vorgehen – mit den Mitteln der Logik kommt man bis an das Reale. [Der logische Umgang mit dem Sinthom steht im Gegensatz zur Sinndeutung, zur Aufdeckung der verborgenen Wahrheit. Das Reale ist das logisch Unmögliche; einen Zugang zum Realen – und damit zur Beziehung des Sinthoms zum Genießen – hat man deshalb auf dem Weg über eine Logik der Unentscheidbarkeit, eine Logik des ausgeschlossenen Dritten.– Vielleicht ist mitgemeint, dass für Lacan die Logik die Funktion hat, sein Symptom zu überprüfen, seine Bindung an Freud.]

Joyces Vater: versoffen und faul

Joyce traf seine Wahl blind, denn er begann unter den schlechtesten Voraussetzungen. Dazu gehörte, dass er in [dem armen und unter englischer Herrschaft stehenden] Dublin geboren wurde und dass er einen Vater hatte, der, ja was war? Hier gibt es ein Transkriptionsproblem. Der fénian oder feignant oder faitnéant war, was alles gleich ausgesprochen wird. Der Vater war fénian: ein Anhänger der Fenier, ein irischer Nationalist. Der Vater war feignant: faul bzw. er war fainéant, was ebenfalls „faul“ heißt. [?? Was ist gemeint: faul oder Fenier oder beides?] Dieser Vater war außerdem soûlographe, versoffen [der Ausdruck stellt eine Beziehung zum Schreiben her, die von Lacan nicht erläutert wird. Mit seinem Symptomwechsel, seiner Wahl, antwortet Joyce also auf eine Störung in der Realisierung der Vaterfunktion.]

Joyces Kunst: ein Ersatz für seinen „schlappen Schwanz“

So stellt sich das für alle dar, wenn man Sohn von zwei Familien ist [was heißt das?], wenn man glaubt, ein männliches Wesen zu sein, weil man ein kleines Stück Schwanz hat. Natürlich braucht man mehr. [Die Schwäche der Vaterfunktion hatte Folgen:] Joyce hatte einen „schlappen Schwanz“. [Die Übertragung des männlichen Symbols vom Vater auf den Sohn hatte bei ihm nur ungenügend stattgefunden. Lacan kommt damit auf das Thema zurück, das er früher in dieser Sitzung angesprochen hatte: dass es einen Phallus braucht, um das faut-pas zu sagen, das Verbot auszusprechen und damit den Fehler, die Sünde, den faux-pas einzuführen (s.o., S. 4).] Seine Kunst leistete hierfür Ersatz.

Der Phallus ist eben dies: eine Montage aus dem männlichen Organ – das eine Art Parasit ist [ein parasitäres, fremdartiges Genießen] – und der Funktion des Sprechens. [Im Phallus-Signifikanten verbindet sich das Symbolische mit dem Realen, das Wort mit dem Fleisch; dies ermöglicht es dem Subjekt, den Gesetzen des Symbolischen zu folgen.293]

Die Kunst fungierte bei Joyce als Bürge für seinen Phallus [als Ersatz, der für den fehlenden Phallus-Signifikanten einspringt]. Abgesehen davon war Joyce ein armer Tropf (hère) / ein armer Erbe / ein armer Herr*, ja, ein armer Häretiker. [Ich nehme an, dass gemeint ist: Herr-etiker zu sein, war seine Art, ein Herr zu sein, d.h. sich im Herrendiskurs als Herr zu verorten. Vgl. die Formel des Herrendiskurses:Diskurs des Herrn ]

Das Genießen der Joycianer an der Universität

Nur an der Universität gibt es Joycianer, die seine Häresie genießen [ich nehme an: sie sind die Knechte, S2, die im Joyceschen Herrendiskurs das Objekt a erzeugen, das a am Platz unten rechts, die Mehrlust]. | [16] Er hat gewollt, dass die Universitätsmenschen sich an ihm abarbeiten, und das Verblüffende ist, dass ihm das gelungen ist und dass das noch anhalten wird. [Miller deutet die Stelle so, dass die Universitätsleute Joyce deuten, dass Lacan darin aber, im Verhältnis zu Joyce, nicht die Aufgabe der Psychoanalyse sieht, diese könne bei ihm einzig den Bezug zum Genießen erfassen. Allerdings gilt dies nur für Finnegans Wake, wie Miller einschränkend hinzufügt.294]

Joyce: ein Herr*, der sich als Held begriff, als Der Künstler

Joyce war ein Herr* (Lacan verwendet an dieser Stelle das deutsche Wort). Dieser Herr hat sich als Held begriffen, wie der Titel seines ersten [autobiographischen] Romans ausweist: Stephen Hero, Stephen der Held. Er definiert sich als „der“ Künstler, als Künstler schlechthin. Sein zweiter [ebenfalls autobiographischer] Roman, der auf Stephen der Held aufbaut, heißt Ein Porträt des Künstlers als junger Mann; hierbei ist das Wort „des“ zu betonen; Joyce ist, in seiner eigenen Sicht, „der“ einzigartige Künstler. Lacan empfiehlt hierzu die Lektüre der von Chester G. Anderson herausgegebenen Edition von A portrait of the artist, darin vor allem die Beiträge von Maurice Beebe und Hugh Kenner. In dieser Funktion, als „der“ Künstler, wird Joyce legitime Nacheiferer finden. [Genau insofern, als Joyce sich als einzigartig begreift, wird er paradoxerweise Nachahmer finden.]

[17] A portrait of the artist as a young man – in diesem Titel muss man nicht nur das „the“ hervorheben, sondern auch das „as“. Im Französischen heißt „as“ comme, „als“, und von comme ist es nicht weit zu comment, „wie“. Comment beruht auf der Verbindung von comme und ment, comme-ment; das ment kann man auch mit „lügt“ übersetzen, was dann heißt: das „als“ bzw. das „wie“ hat etwas Lügnerisches. Beim Deuten muss man auf das Lügnerische des comment, des „wie“, acht geben. [Das meint vielleicht: Wie-Vergleiche – „ich bin wie X“ – sind identifizierend, und ein Psychoanalytiker sollte sich davor hüten, solche Identifizierungen zu verstärken.– Lacan deutet hier den Romantitel als Effekt einer Verschiebung im Sinne von Freud, einer Akzentverschiebung, die dazu führt, dass die unbetonten Elemente, nämlich „the“ und „as“, die entscheidende Bedeutung tragen.] Das Französische ist, was das comme betrifft, also das „wie“, aufschlussreich. Wenn ein Ausdruck als Adverb verwendet wird, hängt man hier -ment an, man sagt also comment, so wie man réellement sagt, real, auf reale Weise, oder héroiquement, heroisch, auf heroische Weise, oder mentalement [Lacan bezieht sich auf den Helden und spielt damit auf Stephen Hero an, den Roman von Joyce, einen Titel, über den der bereits gesprochen hat. Das Mentale ist für ihn das Imaginäre.] Nun bedeutet ment aber auch „lügt“. [Das Heroische ist eine Lüge, d.h. imaginär, das Mentale ebenfalls.] Comment gibt also einen Hinweis darauf, dass man mit dem „wie“ lügt: comme-ment. Jedes Adverb verweist auf eine Lüge. Wenn Psychoanalytiker interpretieren, müssen sie darauf achtgeben. [Das heißt vielleicht: Analytiker sollten sich hüten, die Wie-Identifizierungen zu verstärken, also Identifizierungen vom Typ „Ich bin wie meine Mutter“.]

Gegen das Symptom gibt es nur eine Waffe: die Äquivokation

Warum gibt es im Französischen für „Sprache“ und „Zunge“ dasselbe Wort, nämlich langue? [Lacan hatte sich dieser Doppeldeutigkeit bereits zu Beginn dieser Sitzung bedient: „l’Evie l’avait tout de suite, et bien pendue cette langue“, 18.11.1975, Teil I, Staferla S. 5.] Lacan macht hier ein unübersetzbares Wortspiel: Ce qu’on dit ment / ce condiment: Was man sagt, lügt / dieses Gewürz. [Warum diese Wortspiele?] Letztlich hat man gegen das Symptom nur eine Waffe: die Äquivokation, die Mehrdeutigkeit. [Die Analyse geht zwar vom Sinn aus, arbeitet aber mit der Äquivokation, die kein Sinn ist.] Wenn Analytiker bei ihm in einer Kontrollanalyse sind, versucht er, ihnen eben dies beizubringen – allerdings erst in einer zweiten Phase, in der ersten gibt er ihnen immer recht. Wie die Nashörner [von Ionesco] haben Sie tatsächlich immer recht / immer einen Grund [raison; sie gehen rationalistisch vor, sie bleiben in der Ordnung des Sinns]. Sie müssen lernen, mit der Äquivokation zu spielen, um das Sinthom zu reduzieren – die Deutung wirkt einzig und allein durch die Mehrdeutigkeit. [Dies ist das „Halbsagen“ der Wahrheit, von der Lacan in dieser Sitzung bereits gesprochen hatte.] [Ist die mehrdeutige Rede, die Äquivokation, das logische Vorgehen im Umgang mit dem Symptom, das Lacan in dieser Sitzung empfiehlt?]

Resonanz der Stimme als Objekt a, Konkurrenz des Blicks

Es muss im Signifikanten etwas geben, was Resonanz gibt [résonance statt raison]. Den englischen Philosophen [?? wer ist gemeint?] scheint das nicht aufgefallen zu sein. Sie sind davon überzeugt, dass das Sprechen keine Wirkungen hat. Sie irren sich. Sie begreifen nicht, dass die Triebe eine Echo im Körper sind, ein Echo der Tatsache, dass es ein Sagen gibt. [Es gibt also eine Verbindung zwischen dem Symbolischen und dem Realen – in Freuds Sprache: den Erregungen, mit Lacan: dem Genießen.] Aber damit das Sagen Resonanz erzeugt, damit es Konsonanz gibt – um einen weiteren Begriff des Heiligen Thomas zu verwenden, des Sinthom-madaquin –, muss der Körper dafür empfänglich sein. [Consonantia, Zusammenklang, ist für Thomas eines der drei Merkmale des Schönen.] Und dass der Körper für das Sagen empfänglich ist [dass sich durch eine bestimmte Weise des Sprechens die Erregungsabläufe verändert können], ist eine Tatsache. [Das Symptom reduziert sich also nicht darauf, eine Beziehung zwischen Signifikanten zu sein, eine Metapher. Beim Symptom kommt der Körper als Ort von Erregungen ins Spiel, das „Genießen“, der Trieb; man muss also das berücksichtigen, was Freud als Libido bezeichnet, den „ökonomischen Gesichtspunkt“, wie Freud sagt, auch wenn Freuds Energiebegriff nicht haltbar ist. Die anfängliche Einwirkung des Sagens auf den Körper hat traumatischen Charakter, das ist Lacans Fundamentaltheorem, sie führt dazu, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt; das Symptom ist die Folge, der Wiederhall dieser traumatischen Einwirkung des Sagens auf den Körper.]

Das, was im Körper [auf das Sagen] antwortet, ist die Stimme [die Stimme im Sinne des Objekts a, wie Lacan es definiert hat, als ein Bündel von Erregungen, die einen Fremdkörper bilden, eine Art Erinnerung an ein auf immer verlorenes Genießen; um diesen Genuss-Rest kreist die Wiederholung]. Die Stimme antwortet deshalb, weil die wichtigste Körperöffnung das Ohr ist; das Ohr ist deshalb so wichtig, weil es, anders als der Mund, nicht verschlossen werden kann. [Zu Beginn dieser Sitzung hatte Lacan von einer weiteren Körperöffnung gesprochen, die verschlossen werden kann, der serre-fesse, der „Arschbackenklemme“, Staferla S. 5.– Was im Körper auf das Sagen Resonanz gibt – was also zwischen dem Symbolischen und dem Realen eine Beziehung herstellt –, ist demnach die Stimme als Objekt a.]

Die Stimme ist zwar das dominierende Objekt a, | [18] aber der Blick als Objekt a macht ihr Konkurrenz. [Der Blick stört die Wirksamkeit des Sprechens. Lacan knüpft hier an seine Lehre an, dass das Imaginäre die Wirksamkeit des Symbolischen blockiert, eine These, die er seit dem Rom-Vortrag und seit den ersten Seminaren entwickelt hatte. An die Stelle des Symbolischen tritt hier die Wirksamkeit der Stimme, an die des Imaginären der Blick.– Man denke an das psychoanalytische Setting: die Analytikerin sitzt hinter dem Patienten, um die Wirksamkeit des Blicks zu schwächen und die der Stimme zu stärken.] [?? Worin besteht die Beziehung zwischen dem Blick als Objekt a und dem Körperbild?]

[Vom Blick als Objekt a geht Lacan über zum Körperbild, also zum Imaginären, zum Narzissmus, zum Idealich i(a).] Das Individuum präsentiert sich als Körper. Dies ist die Form, die Platon so teuer ist. [Platons Idee (griechisch eidos) heißt im Lateinischen forma. Die Orientierung am Körperbild ist auch die Grundlage der traditionellen, also der euklidischen Geometrie.]More geometrico“ [auf geometrische Weise: dies ist die Ordnung des Imaginären.] Der Körper hat eine fesselnde Kraft, sodass, unter diesem Gesichtspunkt, die Blinden zu beneiden sind. [Mit den borromäischen Knoten versucht Lacan, sich der Fesselung durch das Körperbild ein Stück weit zu entziehen.] Wenn man Braille liest, kann man nicht Euklid lesen. Der Körper liefert nur den Sack [die Oberfläche], die Blase. Beim Zwangsneurotiker ist die Orientierung am Körperbild [also der Narzissmus] besonders stark ausgeprägt. Er will sich aufblasen, wie der Frosch [in der Fabel von Lafontaine], der so groß sein wollte wie ein Ochse, und man weiß, wie das ausging [der Frosch platzte]. Es ist sehr schwierig, den Zwangsneurotiker der Fesselung durch den Blick zu entreißen. [In Seminar 11 hatte Lacan die Beziehung zwischen dem Blick und dem Schirm entwickelt: auf den gefräßigen Blick antwortet das Subjekt mit einem Schirm, so dass sein Mangel im Tableau nicht gesehen wird. Wenn der Zwangsneurotiker sich aufblasen will, geht es, in anderer Terminologie, um den Schirm.]

0, 1, 2, 3

Die Menge als Sack zwischen Null und Eins; S1

In der Mengenlehre wird die Menge durch einen Sack veranschaulicht, also durch das Imaginäre. [Die Menge wird gewöhnlich zweidimensional durch eine Umrisslinie dargestellt; dreidimensional ist das ein Sack. Der Sack wiederum beruht auf dem Körperbild, auf dem menschlichen Körper, sofern dieser auf seine Oberfläche reduziert wird, auf die Haut (peau). Insofern dieser Hautsack als Behälter fungiert, ist er ein Topf (pot). Die Menge bezieht sich auf das Körperbild. Die Mengenlehre, die der Mathematik als Grundlage dient, hat demnach einen imaginären Aspekt.]

[Ausgehend von der leeren Menge – vom leeren Sack – versucht Lacan jetzt, die Zahlen von Null bis Drei zu rekonstruieren, beginnend mit Null und Eins.] Der Sack, die leere Menge, ist mehrdeutig: er ist Null [„Nullmenge“, wie man auch sagt] und er ist Eins [wobei die Eins sich hier auf die Funktion des Zusammenfassens bezieht, nicht auf das Zählen]. Hierfür muss der Beweis als das in ihm enthaltene Imaginäre beweisend aufgefasst werden. [Jeder Beweis stützt sich auf etwas Imaginäres, er ist nicht nur diskursiv, sondern auch anschaulich, intuitiv.]

[In welcher Verbindung steht das zur Psychoanalyse? Um diese Frage zu beantworten, bezieht Lacan sich auf die von ihm entwickelten Symbole S1 und S2. Ab Seminar 17 wird S2 als „Wissen“ bezeichnet, im Sinne von: die von Freud entdeckte Form des Wissens.[12. Vgl. etwa Seminar 22, Sitzung vom 18. Februar 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 36.]] Auf die Eins bezieht sich Lacans Symbol S1, zu lesen als „S Index 1“. Damit ist nicht gemeint, dass das Symbol S1 die Eins ist. Gemeint ist vielmehr, dass sich das Symbol S1 auf die Eins bezieht, insofern die Eins hier ja die Indexzahl ist. Das Symbol S1 bezieht sich auf die Eins in einer bestimmten Funktion der Eins, auf die Eins der leeren Menge, des leeren Sacks [auf die zusammenfassende Eins, abgelöst von dem, was durch ihn zusammengefasst wird]. [„S ist demnach ein Signifikant, der sich auf die Funktion des Zusammenfassens bezieht, auf das Erzeugen eines „Alle“.]

Der leere Sack – der Hautsack, der Körpertopf, die leere Menge, die Eins in der Funktion des Zusammenfassens – kann durch die Kategorien der Ex-sistenz und der Konsistenz näher bestimmt werden [also durch Begriffe, mit denen Lacan in Seminar 22 den borromäischen Knoten beschrieben hatte. Der Sack ist dem, was in ihm enthalten ist, äußerlich, und er hält es zusammen; dies ist seine Ex-sistenz]. Die Konsistenz besteht im Zusammenhalten, der Körper hat Konsistenz, insofern er Haut (peau) ist (in sich zusammenhält) / insofern er Topf (pot) ist (das in ihm Enthaltene zusammenhält). Man muss diese Ex-sistenz und diese Konsistenz für real halten, denn das Reale besteht darin, sie zusammenzuhalten Hierauf verweist der deutsche Ausdruck „Begriff“. [„Begriff“ kommt von „Greifen“, bezieht sich also etymologisch auf das Greifen der Hand und damit auf das „Zusammen-Fassen“. Möglicherweise spielt Lacan hier darauf an, dass Cantor die Menge ursprünglich als „Inbegriff“ bezeichnet hatte.]

Zwei und S2 und die Spaltung des Subjekts

[Nachdem die Null und die Eins andeutungsweise mengentheoretisch rekonstruiert worden sind, geht es jetzt um die Zwei.] Es gibt hier eine Homogenität des Imaginären und des Realen. [Diese Homogenität wird vom borromäischen Knoten behauptet, in dem die Ringe ja strukturgleich sind.] Diese Homogenität hängt vom Faktum der Zahl ab, insofern sie binär ist. [?? Inwiefern?]

Der Übergang zur Zwei wird dadurch möglich, dass man [die Ambiguität von Null und Eins aufgibt und] festlegt, dass Null ungleich Eins ist, dass die Null sich ihrem Wesen nach auf die Eins als auf etwas bezieht, was ihr äußerlich ist und sie zugleich fundiert, was ihr „ex-sistiert“ [und umgekehrt].

Zugleich legt man fest, dass es zwischen Null und Eins keine Konsistenz gibt. [Null und Eins halten nicht zusammen. Sie bilden nicht von sich aus bereits eine Menge. Lacan spielt hier vielleicht auch auf die These an, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, was man auch so ausdrücken könnte: zwischen den beiden gibt es keine Konsistenz, keinen (natürlichen) Zusammenhalt.] Cantors Theorie muss vom Paar ausgehen [von der leeren Menge, also ∅, und vom Element, 1]; zwischen der ersten Menge [der leeren Menge, also ∅] und dem anderen Element [der 1] stellt sich die Verbindung nicht [von selbst] her. Damit beide zusammen eine Menge bilden, muss etwas Drittes hinzukommen, nämlich die [sie zusammenfassende] Menge [die durch das Symbol der geschweiften Klammer dargestellt wird {}; zusammen ergibt das {1, ∅}].

Das Symbol S2 setzt auf das Imaginäre eins drauf. [Das Symbol S2 beruht auf dem Imaginären, insofern nämlich, als die Zwei sich, wie meist bei Lacan, auf die imaginäre Rivalität bezieht.] Das Symbol S2, zu lesen als „S Index 2“, verweist mit der 2 darauf, dass es ein Paar ist. [S2 steht bereits in Seminar 16, Von einem Anderen zum anderen, für ein Signifikantenpaar.] Mit diesem Hinweis auf das Signifikantenpaar führt S2 in das Subjekt die Teilung ein. [Insofern nämlich, als der eine der beiden Signifikanten verdrängt und damit zum Signifikat wird; der andere wird zum manifesten Signifikanten, in dem, mit Freud zu sprechen, das Verdrängte wiederkehrt]

Die Spaltung wird in das Subjekt durch den Äußerungsvorgang (énonciation) eingeführt. [Die Spaltung des Subjekts besteht in der Spaltung zwischen dem Ausgesagten (énoncé) und dem Äußerungsvorgang (énonciation). Das Ausgesagte ist das sinnhafte Sprechen. Der Äußerungsvorgang besteht in der Produktion von Symptomen: darin, dass Signifikanten auftauchen, deren Sinn dem Subjekt verborgen ist, etwa eine Zwangshandlung. Der Äußerungsvorgang besteht also aus zwei Signifikanten: dem manifesten Signifikanten und den unzugänglichen Signifikanten, dem Sinn.]

Das Rätsel des Äußerungsvorgangs ist ein Faktum | [19] sogar der Gipfel eines Faktums. [Dass das Subjekt Signifikanten produziert, deren Sinn ihm verschlossen ist, ist die letzte Tatsache, auf der die Psychoanalyse aufbaut.] Für den Äußerungsvorgang ist charakteristisch, dass die Signifikanten mehrdeutig sind und dass sie in Äquivalenzbeziehungen stehen. [Die Signifikanten des Äußerungsvorgangs sind mehrdeutig: „überdeterminiert“, sagt Freud. Sie stehen in Äquivalenzbeziehungen, mit Freud: es gibt hier „symbolische Gleichungen“295]. Der Äußerungsvorgang [die Produktion von Symptomen] bildet für das [im sinnorientierten Sprechen] Gesagte eine Grenze. [Der Versuch, das Sprechen durch den Sinn zu beherrschen, stößt hier auf seine Grenze.]

Der Begriff des Symbols wird bekanntlich auf das symbolon zurückgeführt, ein Erkennungszeichen, das aus zwei zerbrochenen Stücken besteht. Dies haben die Menschen zu aller Zeit gesehen. Das symbolon ist ein gutes Modell für das Verhältnis von Signifikant und Signifikat, es zeigt, dass das Signifikat nichts anderes ist als ebenfalls ein Signifikant, dass es also kein ursprüngliches Signifikat gibt. [Das Signifikat ist im Feld der Psychoanalyse ein Signifikant, der verdrängt ist und der so zu einem gesuchten aber unzugänglichen Sinn wird. Bei der Rekonstruktion des Symbolbegriffs muss man also von zwei Signifikanten ausgehen, vom Signifikantenpaar, von S2.] Diese Pointe des symbolon-Begriffs ist jedoch nie gesehen worden.

Drei

Wie aber kommt einer der Signifikanten in die Position des Signifikats [der verdrängten Bedeutung]? Dies beruht [gewissermaßen] auf einem Schiedsspruch (arbitrage), dem Spruch eines Schiedsrichters, auf englisch: eines umpire. [Man muss, neben dem Signifikantenpaar, ein drittes Element ins Spiel bringen, um die Entstehung des Signifikats aus dem Signifikanten zu erklären. In Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten ist dieses dritte Element die Barre, der „Bruchstrich“ zwischen dem Signifikanten (oben) und dem Signifikat (unten) (vgl. in diesem Blog den Artikel „Der Begriff des Signifikanten“). Mit der Bezeichnung als „Schiedsspruch“ wird angedeutet, dass hier ein soziales Gesetz ins Spiel kommt, ein Kommando, mit Freud: eine Zensur, mit Lacan: das Ichideal.] Es kommt hier also ein Schiedsspruch ins Spiel, eine arbitrage, das heißt aber keineswegs, dass die Wahl dessen, was zum Signifikat wird [was verdrängt wird] willkürlich wäre, arbiträr. [Was verdrängt wird, bezieht sich auf die Sexualität, sagt Freud, ist also keineswegs beliebig.] Grundlage dieses Schiedsspruchs [also des Verdrängungsvorgangs] ist die Körperbeherrschung, das empire – wie Joyce schreibt – über den Körper, das Imperium über den Körper [also die imaginäre Funktion des Körpers, damit die Eins im Sinne der leeren Menge]. [Das verdrängende Ichideal steht im Verbindung zum Idealich, zum Körperbild.] Alles, was verdrängt ist, trägt das Zeichen dieser Beziehung zum Körper. Das zeigt beispielsweise das Ordal, das Gottesurteil: das Urteil stützt sich immer auf die Körperbeherrschung. [Bei einem Gottesurteil wird der Angeklagte gezwungen, über glühende Kohlen zu laufen oder er wird ins Wasser geworfen, und das Urteil wird davon abhängig gemacht, wie er das bewältigt.] Hier löst sich also die Eins von der Zwei ab und tritt ihr gegenüber: S1, der Herrensignifikant, der Schiedsspruch [das Ichideal in seiner die Verdrängung hervorrufenden Funktion] tritt dem Signifikantenpaar S2 gegenüber [und erzeugt den Gegensatz zwischen dem verdrängten Signifikanten und dem manifesten Signifikanten]. [Ein soziologisches Modell für das Verhältnis zwischen S2 und S1 und damit für die Dreierbeziehung ist folgende Sozialform:] Zwei Akteure [S2] werden von einem neutralen Dritten [S1] in eine Rivalitätsbeziehung gebracht, auf der imaginären Ebene gegeneinander aufgehetzt. [S2 steht hier für die Beziehung der Rivalität, für die imaginäre Beziehung zum anderen. Der Dritte ist z.B. der Schiedsrichter, er ist neutral, an keinen gebunden, und er fällt über die Leistung der beiden anderen das Urteil. Auf diese Weise heizt er ihre Rivalität an und entscheidet er über ihre relative Position, also darüber, wer Sieger ist und wer Verlierer, wer gewissermaßen verdrängt wird. Neben die Freudsche Figur des Zensors stellt Lacan hier die des Schiedsrichters.]

Knoten (I): Borromäische Verschlingung aus vier Ringen

Der borromäische Dreierknoten ist beim Menschen nicht die Norm

[Ausgehend von der Null, der Eins und der Zwei ist Lacan bei der Drei angekommen. Von der Drei kann er zur Vier übergehen: von der borromäischen Verschlingung aus drei Ringen, die er im vorangegangenen Seminar, RSI, vorwiegend behandelt hatte, zur borromäischen Verschlingung aus vier Ringen, und damit zum Thema des aktuellen Seminars: zur Topik des Sinthoms.]Borromäischer Dreierknoten -Version Miller S

Der borromäische Knoten ist eine Verschlingung aus drei Ringen, derart, dass wenn ein beliebiger Ring geöffnet wird, die beiden anderen auseinanderfallen. Diese Art von Verschlingung hat man im Wappen der Borromeo-Familie gefunden, daher der Name „borromäischer Knoten“. Aber niemand hat die Konsequenzen daraus gezogen. [Erst die mathematische Knotentheorie, ein Zweig der mathematischen Topologie, hat sich für diese Gebilde interessiert. Mathematiker sprechen übrigens nicht, wie Lacan, von „borromäischen Knoten“, sondern von „borromäischen Ringen“. Eine borromäische Verschlingung kann aus beliebig vielen Ringen bestehen, das Borromäische an diesen Verschlingungen ist, dass immer gilt: wenn ein beliebiger Ring geöffnet wird, fallen die übrigen auseinander.] Die borromäische Verschlingung aus drei Ringen bezieht sich auf drei Funktionen [auf das Reale, das Imaginäre und das Symbolische], und sie stellt dar, dass sie [voneinander getrennt sind, aber zugleich] sich wechselseitig [und ohne Hierarchie] voraussetzen.

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass die borromäische Verschlingung aus drei Ringen beim Menschen die Norm ist. [Dies hatte Lacan in Seminar 22, RSI, erläutert: Die borromäische Verschlingung aus drei Ringen steht für das Subjekt, für das es den Ödipuskomplex – den Namen-des-Vaters – zwar gibt, für das er aber nicht die Funktion hat, alles zusammenzuhalten (alles: das Imaginäre, das Symbolische und das Reale). Dieses Subjekt ist möglich, es ist aber nur selten anzutreffen. Der Normalfall ist die borromäische Verschlingung aus vier Ringen. Der vierte Ring steht für den Ödipuskomplex, den Namen des Vaters, die Religion, die Benennung und das Symptom (vgl. in diesem Blog den Beitrag „Vom Dreierknoten zum Viererknoten“).] Es ist ein Irrtum, zu denken, „das sei eine Norm für das Verhältnis von drei Funktionen“ (12), anders gesagt, die drei Funktionen bezögen sich normalerweise in der Art der drei borromäischen Ringe aufeinander. Aufgrund dieser drei Funktionen glaubt ein bestimmtes Wesen, Mensch zu sein [?? Sinn?].

Perversion ist père-version, Wendung zum Vater

Die Perversion zeichnet sich keineswegs dadurch aus, dass das Symbolische, das Imaginäre und das Reale auseinanderfallen. [?? Wer nimmt das an?] Die Besonderheit der Perversion besteht vielmehr darin, dass sie auf einer borromäischen Verschlingung aus vier Ringen beruht. Der vierte Ring steht hier für das Symptom bzw. das Sinthom. Der Vater ist hier nur ein Symptom oder Sinthom, ein saint homme, ein heiliger Mann. [?? Ist es bei der Neurose anders?] Perversion meint père-version, Wendung zum Vater [z.B. als masochistische Aufopferung des Sohnes für den Vater, wie Lacan in einer späteren Sitzung des Seminars ausführen wird; „Perversohn“, könnte man sagen].

Der vierte Ring ist das Symptom

Das Symptom bezieht sich auf die anderen drei Register – auf das Imaginäre, das Symbolische und das Reale – von einer Position der Ex-sistenz aus. [In der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen ist der Ring des Symptoms den anderen drei Ringen äußerlich, er geht nicht kontinuierlich in sie über, und er hält sie zusammen.]

[20] Die Herstellung einer borromäischen Verschlingung aus vier Ringen kann man so bewerkstelligen, dass man die anderen drei Ringe – den des Imaginären, den des Symbolischen und den des Realen – nicht miteinander verbindet, sondern einfach übereinanderlegt, und dass man sie durch den vierten Ring, den des Symptoms, auf borromäische Weise miteinander verknüpft, wie in der Zeichnung dargestellt. [Man muss dabei im Auge behalten, dass auch die borromäische Verschlingung aus vier Ringen symmetrisch ist: Wie der Symptom-Ring die anderen drei verbindet, die sonst auseinanderfallen würden, so verknüpft der Ring des Imaginären die anderen drei usw. Jeder der vier Ringe ist für die anderen Ringe ein für deren Zusammenhalt wesentliches Außen.]

Unterschiedliche Plättungen des Viererknotens

Von der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen können unterschiedliche Plättungen vorgenommen werden. [Unter einer Plättung scheint Lacan im Folgenden nicht, wie sonst, eine zweidimensionale Projektion, eine Zeichnung, zu verstehen, sondern gewissermaßen das Flachlegen topologischer oder physischer Knoten im dreidimensionalen Raum.] Eine mögliche Plättung besteht darin, dass man zwei äußere Ringe bildet, die sich nicht überschneiden; die beiden übrigen Ringe stellen dann so etwas wie die vermittelnde Mitte dar. [Da die borromäische Verschlingung aus vier Ringen symmetrisch ist, kann die Position der äußeren Ringe von sämtlichen Ringen eingenommen werden.] | [21] Man kann also beispielsweise mit einer Plättung beginnen, in der I (Imaginäres) und S (Symbolisches) in der Außenposition sind, und man kann sie in eine Plättung überführen, bei der R (Reales) und Σ (der griechische Buchstabe groß Sigma für „Symptom“ oder „Sinthom“) die äußeren Ringe darstellen. [Diese Umwandlung kann man vornehmen, ohne einen der Ringe zu öffnen, wie man experimentell überprüfen kann.] [?? Worum geht es bei dieser Austauschbarkeit? Ist die Austauschbarkeit der Ringe des Symbolischen und des Symptoms eine andere Darstellungsweise für das Verhältnis zwischen S1 und S2?]

[22] Miller fügt eine Zeichnung hinzu, die zeigt, dass die beiden mittleren Ringe auf zwei Weisen geplättet werden können: asymmetrisch und symmetrisch [auch diese beiden Plättungen können ineinander überführt werden, ohne einen der Ringe zu öffnen]. Bei asymmetrischer Plättung sind die Kreuzungsmuster der beiden Vermittlungsringe ungleich, also die Abfolge von Überquerungen und Unterlaufungen; bei symmetrischer Plättung sind die Kreuzungsmuster der beiden Vermittlungsringe gleich.

Der Ödipuskomplex ist ein Symptom

Der Ödipuskomplex [in Lacans Terminologie: der Name-des-Vaters] ist ein Symptom. [In Lacans Deutung des borromäischen Viererknotens steht der vierte Ring für das Symptom. Das Symptom besteht darin, dass der Ödipuskomplex bzw., in Lacans Terminologie, der Name-des-Vaters eine zusammenhaltende Funktion hat, dass ohne ihn das Imaginäre, das Symbolische und das Reale auseinanderflögen – wobei diese zusammenhaltende Funktion darauf beruht, dass der Vater idealisiert wird, dass er ein Heiliger ist, ein saint homme (ein heiliger Mann) / ein Sinthom.]

Der Name des Vaters ist auch der Vater des Namens

Bezogen auf die Vaterfunktion ist zu berücksichtigen, dass der Name-des-Vater auch der „Vater des Namens“ ist. [Der Vater ist auch derjenige, der die Namen gibt, der benennt. Diese These hatte Lacan zuerst in Seminar 22 von 1974/75, RSI, aufgestellt; an sie hatte er bereits zu Beginn dieser Sitzung angeknüpft, mit der Anspielung auf die Benennung der Tiere durch Adam.] Dass der Vater auch derjenige ist, der die Namen gibt, stützt alles. [Dass der Vater die Namen gibt, sorgt dafür, dass die Funktionen des Symbolischen, des Imaginären und des Realen zusammenhalten. Dies wird im borromäischen Viererknoten dadurch dargestellt, dass der Symptomring – der auch für den benennenden Vater steht – die drei übrigen Ringe auf borromäische Weise verbindet. Der vierte Ring steht also auch für die Funktion des Benennens.] Die Realisierung der Vaterfunktion durch die Namensgebung verhindert nicht, dass das Symptom notwendig ist. [Auch dann, wenn die Vaterfunktion voll realisiert wird, gibt es Symptome, und zwar notwendigerweise, im Sinne von „unvermeidlich“. Das Symptom ist noch in einem zweiten Sinn notwendig: es „hört nicht auf sich zu schreiben“, es wiederholt sich.]

Joyce (II): die Funktion der Kunst

Durch die Kunst stützt Joyce seinen Vater und Irland

Bei Joyce zeigt sich die Bedeutung des Anderen, nämlich der Vaterfunktion darin, dass er letztlich für den Vater verantwortlich ist, er muss den Vater [der ausgefallen ist] stützen, damit er [der Vater] fortbesteht. Das stellt sich im Ulysses heraus [?? inwiefern?].

Joyce stützt den Vater durch seine Kunst. Die Kunst ist, historisch gesehen, vom Handwerk ausgegangen. [Der französische Begriff für Kunst, art, geht auf das lateinische Wort ars zurück, und ars meint das Handwerk, die Technik, die Kunstfertigkeit. Das deutsche Wort „Kunst“ meint ursprünglich eine Technik, wie z.B. heute noch im Begriff „Wasserkunst„.] Joyce „illustriert“ seine Familie durch seine Kunst [durch seine Kunst macht er seine Familie berühmt, illustre, durch ihn wird sie zu einer „illustren“ Familie]. Dasselbe gilt für sein Land. Irland ist für Joyce my country, wie er sagt. [Die Joycesche Kunst dient dem Ruhm Irlands. Dies entspricht der Orientierung von Joyce an der Home Rule, also dem SintHome-Rule.] Im Porträt des Künstlers gibt Joyce [bzw. Stephen Dedalus] sich die Mission, der esprit, der Geist, seiner „Rasse“ zu sein [seines Volks]. [Bei Joyce findet man conscience of my race, Bewusstsein / Gewissen meiner Rasse, Lacan macht daraus esprit, also „Geist“ im Sinne der Hegelschen Geistphilosophie – Joyce gibt sich die Mission, der irische Volksgeist zu sein.]

Wie bezieht sich Joyces Kunst so auf das Symptom, dass dessen Wahrheit versperrt ist?

In diesem Seminar wird es auch darum gehen, die Kunst zu befragen. Inwiefern kann die Kunst, der Kunstgriff, das Artefakt [also Joyces literarische Technik] sich ausdrücklich auf das beziehen, was sich zunächst als Symptom präsentiert? [Damit wird eine zeitliche Abfolge angedeutet: zunächst stellt sich etwas als Symptom dar (bei Joyce das Symptom der aufgezwungenen Wörter, wie Lacan in einer späteren Sitzung ausführt), im zweiten Schritt bezieht sich die Kunst (die literarische Technik) auf das Symptom, und zwar ausdrücklich (bei Joyce durch die Konstruktion von Mehrdeutigkeiten).] Wie kann sich die Kunst bzw. das Handwerk so auf das Symptom beziehen, dass damit verhindert wird, dass sich im Symptom die Wahrheit zeigt [der unbewusste Sinn des Symptoms]? [Wie kann die literarische Technik dafür sorgen, dass der Zugang zur Wahrheit, den das Symptom zunächst ermöglicht, versperrt wird? Im Unterschied zur Technik der Psychoanalyse, die darauf abzielt, dass die im Symptom enthaltene Wahrheit enthüllt wird.]

[Lacans Thesen zu Joyce lauten also bis hierher:

(1) Joyces Kunst ist eine Art Umarbeitung von etwas, was sich bei Joyce zunächst als Symptom zeigt.

(2) Die Joycesche Kunst zielt mit ihrer technischen Perfektion darauf ab, dass sich im umgearbeiteten Symptom die Wahrheit des Unbewussten gerade nicht zeigt; darin besteht der Gegensatz zur Technik der Psychoanalyse.

(3) Eine Joycesche Mehrdeutigkeit funktioniert nicht wie ein „Freudscher Versprecher“; Joyces Kunst kann nicht nach dem Schema des Unbewussten gedeutet werden.

Die zweite und die dritte These sind zuerst von C. G. Jung formuliert worden, in einem Aufsatz über Ulysses aus dem Jahr 1932. Möglicherweise bezieht sich Lacans Hinweis zu Beginn dieser Sitzung, dass er Ideen von Freudschülern logisch zu Ende führt, auch auf Jung.]

Wahrheit im Herrendiskurs und in der Kunst

Diskurs des Herrn[23] Wo ist hierbei die Wahrheit? [In allen vier Diskursen ist die Wahrheit der Platz unten links.]

Im Herrendiskurs wird der Platz der Wahrheit vom gespaltene Subjekt ($) eingenommen, die Wahrheit wird dem gespaltenen Subjekt unterstellt. Als gespaltenes Subjekt ist es dem Phantasma unterworfen. [Betrachtet man im Herrendiskurs den Zusammenhang der beiden unteren Plätze, also die unbewusste Ebene insgesamt, sieht man, dass dieses gespaltene Subjekt sich auf das Objekt a am Platz unten rechts bezieht, zusammen ergibt das die Formel für das Phantasma, $ ◊ a.]

Hier [im Diskurs der Kunst], im Gegensatz zu dem, wie er es zunächst dargestellt hatte [im Gegensatz zum Diskurs des Herrn], müssen wir auf der Ebene der Wahrheit das Halbsagen in Betracht ziehen. [Die Kunst ist in der Lage, die unbewusste Wahrheit halbzusagen, anzudeuten; Freud hat das immer betont.]

S1 und S2 im Herrendiskurs: Der Handwerker und die Duplizität von Symptom und Symbol

[Lacan wechselt zurück zum Diskurs des Herrn.] Das Subjekt wird durch den Signifikanten Index 1 (S1) [am Platz oben links] repräsentiert.

Die Versionen von Kleiner und Miller enthalten an dieser Stelle neben dem Schema des Herrendiskurses ein Schema, das einen um einen Achtelkreis im Uhrzeigersinn gedrehten Herrendiskurs darstellt, also ein Zwischending zwischen Herrendiskurs und Diskurs der Universität. [?? Worum geht es bei diesem zweiten Schema?]

Der Signifikant Index 2 (S2) [am Platz oben rechts] ist das, was durch die Duplizität von Symbol und Symptom repräsentiert wird, so wie Lacan es eben [in Bezug auf den Äußerungsvorgang] erläutert hatte. [S2 ist ein Signifikantenpaar:] Der eine dieser beiden Signifikanten repräsentiert das Symptom [dies ist der manifeste Signifikant], der andere repräsentiert das Symbol [dies ist der latente Signifikant, das Verdrängte, die unbewusste Wahrheit des Symptoms]. [Ähnlich findet man das in Seminar 11: „Das Urverdrängte / le refoulé primordial ist ein Signifikant, und wir können, was über diesem sich aufbaut und das Symptom konstituiert, ohne weiteres als Signifikantengerüst betrachten. Verdrängtes und Symptom sind homogen und reduzierbar auf Signifikantenfunktionen. Ihre Struktur, die sich zwar wie ein jedes Gebäude nach und nach aufbaut, ist, am Ende, gleichwohl in synchronischen Termen einschreibbar.“296]

Hier [im Herrendiskurs am Platz oben links, dem Platz des Agenten, besetzt von S1] ist der Handwerker.

Dieser Handwerker fügt zwei Signifikanten zusammen; [dies ist im Herrendiskurs S2 am Platz oben rechts].

Objekt a im Herrendiskurs

Auf diese Weise produziert er das Objekt a. [Im Herrendiskurs ist das Objekt a am Platz unten rechts.] Lacan erinnert daran, dass er sich auf die Objekte a bereits früher in dieser Sitzung bezogen hatte: als er über das Ohr, das Auge und den geschlossenen Mund sprach [über die Körperöffnungen, die die imaginären Gegenstücke zu den Objekten a bilden: der Mund bezieht sich auf die Brust, das Auge auf den Blick, das Ohr auf die Stimme.]

Wann immer der Diskurs des Herrn die Herrschaft innehat, spaltet sich das S2 in Symptom und Symbol [in das manifeste Symptom und den unbewussten Sinn dieses Symptoms, der in den Signifikanten des Unbewussten (als eines Bereichs des Symbolischen) besteht].

[Ich nehme an, dass Lacan folgenden Zusammenhang andeutet: Der Diskurs der Kunst ermöglicht einen Zugang zur unbewussten Wahrheit. Bei Joyce ist das nicht der Fall. Das liegt daran, dass er die Position des Handwerker-Herrn einnimmt; seine Position wird durch den Herrendiskurs bestimmt. Das Produkt dieses Diskurses ist ein verlorenes Genießen (das Objekt a als Mehrlust); diejenigen, die Joyces Häresie genießen, sind die Universitätsleute.]

Die Spaltung des Subjekts, $, reflektiert die Spaltung von S2

Die Spaltung in Symbol und Symptom [also die beiden Seiten des Äußerungsvorgangs] wird reflektiert in der Spaltung des Subjekts [in der Spaltung in Äußerungsvorgang und Ausgesagtes].

[Lacan erinnert an eine seiner Formeln aus Subversion des Subjekts (1960).] Das Subjekt ist das, was von einem Signifikanten für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird. Nun gibt es ein Insistieren des Signifikanten [im Wiederholungszwang, also im Symptom]. [Wie ist diese Formel auf die Unterscheidung von Symbol und Symptom zu beziehen? Die Antwort lautet:] Einer der beiden Signifikanten findet seine Stütze im Symptom. [?? Offen bleibt, ob dies der Signifikant ist, der das Subjekt repräsentiert oder derjenige, für den es repräsentiert wird. Unklar ist auch, wie „Stütze“ gemeint ist: unterscheidet sich der Signifikant vom Symptom oder fällt er mit ihm zusammen?]

Knoten (II): Kreis im Knoten

Verwandlung eines falschen Lochs in ein echtes Loch durch eine unendliche Gerade, d.h. einen Kreis

Falsches Loch zweier Ringe[Nachdem Lacan die Unterscheidung von Symbol und Symptom im Herrendiskurs verortet hat, geht er jetzt wieder zurück zur Knoten-Topologie. Die Beziehung zwischen Symbol und Symptom ist hier die zwischen zwei Ringen, zwei Tori.] Bildet die Verbindung von [nur] zwei Ringen, für Symptom und Symbol[isches], ein echtes Loch? [Lacan setzt hier die Überlegungen zum falschen Loch zweier Ringe fort, die er in der letzten Sitzung des vorangehenden Seminars, also RSI, begonnen hatte. Kann man aus zwei Ringen, die nicht direkt wie zwei Kettenglieder ineinandergreifen, ein Loch bilden, das irreduzibel ist, d.h. das bei Verformung erhalten bleibt? Dieses Loch steht vermutlich für das Objekt a, also für die „Mehrlust“, das verlorene Genießen, auf dessen Wiedergewinnung das Symptom in der Wiederholung abzielt; bereits in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, wurde das Objekt a durch das Loch dargestellt, das durch einen Torus gebildet wird.] Die Antwort ist negativ: wenn man zwei Ringe [ohne sie aufzuschneiden und wiederzusammenzufügen] so ineinanderlegt, dass sie miteinander ein Loch bilden, ist dieses Loch „falsch“ [es ist reversibel, es lässt sich durch Verformung der Ringe zum Verschwinden bringen.]

Jeder der beiden Ringe hat eine Konsistenz, die eine Art Kreis bildet [jeder Ring hat einen kreisartigen Zusammenhalt, und eben dies nennt Lacan „Konsistenz“]. Jeder dieser Kreise ist um ein Loch herum organisiert. [Lacan charakterisiert in Seminar 22, RSI, den Gesamtknoten durch drei Begriffe: Konsistenz, Ex-sistenz und Loch, die er dem Imaginären, dem Realen und dem Symbolischen zuordnet. Mit Konsistenz ist der Zusammenhalt des Fadens in sich gemeint; im Falle des Torus bildet die Konsistenz eine Art Kreis, sie ist geschlossen. Die Konsistenz stellt den imaginären Aspekt eines Knotens dar, gewissermaßen die Abwehr der Drohung des Auseinanderfallens. Die Ex-sistenz ist die Äußerlichkeit der Ringe zueinander, dass sie nicht miteinander verschmolzen sind, und dass sie durch diese Art der Äußerlichkeit zusammenhalten, dass die Verschlingung existiert. Mit Loch ist das Loch gemeint, um das herum die einzelnen Ringe gewissermaßen gebaut sind – das Loch, durch das man den Finger oder die Hand stecken kann. Das Loch ist der symbolische Aspekt des borromäischen Knotens: die Benennung erzeugt ein Loch, die Sprache erzeugt einen Mangel, dies ist für Lacan die Grundfunktion des Symbolischen. „Le signifiant fait trou“, heißt es in Seminar 22, RSI, „der Signifikant bildet ein Loch“.297

[Dieses Loch ist hier jedoch nicht gemeint.] Es geht um ein anderes Loch: das Loch, das Symbol[isches] und Symptom zusammen bilden,| [24] und zwar dadurch, dass sie auf bestimmte Weise – wie in der Zeichnung – übereinandergefaltet sind.

Soury hat in einer Zeichnung gezeigt, dass man einen Torus in eine Art Gussblase einschließen muss [?? Was meint das?].

Dieses Loch ist also ein falsches Loch [es verschwindet, wenn man an den Ringen zieht]. Man kann dieses falsche Loch in ein echtes Loch verwandeln [in ein Loch, dass bei Verformung der Ringe erhalten bleibt]. Dazu muss in das falsche Loch etwas eingeschoben werden: eine Gerade, und diese Gerade muss unendlich sein, denn eine unendliche Gerade ist einem Kreis verwandt [wie Lacan bereits im vorangehenden Seminar RSI erläutert hatte.] [Diese unendliche Gerade steht vermutlich für das Reale. Das Symptom hat nicht nur einen verborgenen Sinn (es bezieht sich nicht nur auf das Unbewusste), es dient auch der „Ersatzbefriedigung“, wie Freud sagt (es bezieht sich auf das Reale des Genießens.]

Die Polizei befiehlt: Weiter im Kreis drehen!
Diskurs der Universität

Diskurs der Universität

[25] Der Kreis hat eine Funktion: er dient dazu, zu zirkulieren. Dieses Zirkulieren ist der Polizei wohlbekannt, sie sagt: „Circulez“, Weiterfahren. Hegel hatte [in den Grundlinien der Philosophie des Rechts] gut die Funktion der Polizei gesehen, sie allerdings in einer Form beschrieben, die anders ist als die von Lacan [vermutlich: in Form der Dialektik]. Für die Polizei geht es darum, dass das Sich-im-Kreise-Drehen weitergeht [also darum, die Verdrängung und damit den Wiederholungszwang aufrechtzuerhalten]. [Die beiden Ringe repräsentieren das Symbolische und das Symptom, also das Signifikantenpaar S2; der Kreis der unendlichen Geraden (der Befehl der Polizei) entspricht demnach S1, dem Herrensignifikanten.]

ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Folgenden werden alle Stellen aufgeführt, an denen Lacan die Ausdrücke „Symptom“ oder „Sinthom“ verwendet. Die Zahlen in runden Klammern sind Seitenzahlen, sie verweisen auf die Übersetzung von Max Kleiner.

Allgemeines zum Symptom/Sinthom

Schreibweise

Sinthome („Sinthom“) ist eine alte Schreibweise für das, was später symptôme („Symptom“) geschrieben wurde. Sinthome orientiert sich am mittelalterlichen Latein, symptôme ist eine gräzisierende Schreibweise, die sich unter dem Einfluss des Renaissance-Humanismus durchsetzt.

Da Lacan äußerst deutlich artikuliert, ist auf der Tonaufnahme dieser Sitzung zweifelsfrei zu erkennen, wann er sinthome sagt und wann symptôme; ich habe die Transkription überprüft, sie ist korrekt.

Verwendung von „Sinthom“ und „Symptom“

In der Sitzung vom 18. November 1975 verwendet Lacan die Ausdrücke „Sinthom“ und „Symptom“ synonym.

(a) Er bezeichnet den vierten Ring der borromäischen Verschlingung abwechselnd als „Sinthom“ und als „Symptom“. Der vierte Ring ist der des „Symptoms“:

„Die Ex-sistenz des Symptoms ist das, was von der Position impliziert wird, derjenigen, die jenes rätselhafte Band des Imaginären, des Symbolischen und des Realen unterstellt.“ (12)

Der vierte Ring ist der des „Sinthoms“:

„Nicht dass das Symbolische, das Imaginäre und das Reale zerrissen seien, definiert die Perversion, sondern dass sie schon unterschieden sind, und dass man ein viertes unterstellen muss, das hierbei das Sinthom ist, dass man das, was das borromäische Band ausmacht, als tetradisch unterstellen muss, (…).“ (12)

(b) Der Vater wird von Lacan synonym als „Symptom“ und als „Sinthom“ bezeichnet. Das letzte Zitat geht so weiter:

„… dass ‚Perversion‘ nichts anderes besagt als ‚Wendung zum Vater‘, und dass der Vater alles in allem nur ein Symptom ist, oder ein Sinthom / ein saint homme, ganz wie Sie möchten.“ (12)

(c) Zu Beginn der Sitzung heißt es über den Überschwang,

„er sei der Ursprung eines Sinthoms, das wir, in der Psychiatrie, als Manie bezeichnen.“ (1 f.)

Hier bezieht der Ausdruck „Sinthom“ sich nicht auf eine spezielle Formation, er dient als Synonym zu „Symptom“, wie der Ausdruck von Psychiatern verwendet wird.

Trotzdem könnte es sinnvoll sein, „Symptom“ und „Sinthom“ zu unterscheiden, nämlich dann, wenn Lacans frühere Erklärung des Symptoms anders ist als die im Sinthom-Seminar; man könnte dann den Ausdruck „Sinthom“ für die neue Symptom-Konzeption reservieren, auch wenn das nicht mit Lacans Sprachgebrauch übereinstimmt.

Außerdem ist es natürlich möglich, dass Lacan in späteren Sitzungen des Sinthom-Seminars „Symptom“ und „Sinthom“ unterscheidet.

Das Heilige und die Schuld

Mit der Schreibweise sinthome bringt Lacan den Gegensatz des Heiligen und der Sünde bzw. der Schuld ins Spiel.

Sinthome spielt auf saint homme an „heiliger Mann“. Im Genf-Vortrag von 1975 heißt es:

„Ein gewisser Heiliger Thomas von Aquin – auch er ist ein Heiliger Mann / un saint homme, und sogar ein Symptom, hat etwas geschrieben was sich De ente et essentia nennt.“298

Die Verbindung zu Sünde und Schuld wird in Seminar 23 durch die folgende Bemerkung hergestellt:

„Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / serre-pan / Schlange zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die serre-fesses / Arschbacken-Klemme zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spalte oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht / den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sünde, die erste Schuld.“ (4)

Die Schreibweise als „Sinthom“ bringt also den Zusammenhang zwischen Symptom und Über-Ich ins Spiel.

In Seminar 4, Die Objektbeziehungen (1956/57), hatte Lacan das Heilige so erklärt:

„Diese hei­lige Macht (puis­sance), die in den my­thi­schen Er­zäh­lun­gen, wel­che er­klä­ren, wie der Mensch mit ihr in Be­zie­hung ge­tre­ten ist, un­ter­schied­lich be­zeich­net wird, läßt sich für uns in ei­ner of­fen­kun­di­gen Iden­ti­tät mit der Macht der Be­deu­tungs­ge­bung (pou­voir de la si­gni­fi­ca­tion) und ganz spe­zi­ell ih­res In­stru­men­tes Si­gni­fi­kant ver­or­ten.“[Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 301 f., Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­sion Sta­ferla.]

Das Heilige ist die Macht der Bedeutungsgebung durch den Signifikanten.

Das Symptom ist das Abgewehrte

Das Sinthom hat die Struktur „nur das nicht“:

„Es ist das ‚mais pas ça‘ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in diesem Jahr mit meinem Titel als das Sinthom einführe.“ (5)

Das Sinthom ist das Zurückgewiesene, in Freudscher Terminologie: Das Symptom ist das vom Ich Abgewehrte, die Wiederkehr des Verdrängten.

Borromäische Verschlingung

In der borromäischen Verschlingung von vier Ringen ist der vierte Ring der des „Sinthoms“ bzw. des „Symptoms“. (13 f.)

Umgang mit dem Symptom

Ein Sinthom kann logisch benutzt werden, bis sein Reales erreicht ist.

„Dies umso mehr, als die Wahl, einmal getroffen, niemanden daran hindert, sie der Überprüfung zu unterziehen, das heißt, auf die gute Weise häretisch zu sein, welche, da sie die Natur des Sinthoms richtig erkannt hat, nicht darauf verzichtet, es logisch zu benutzen, das heißt bis sein Reales erreicht ist, wo er dann genug hat.“ (6)

Gegen das Symptom hilft nur die mehrdeutige Rede.

„Denn letztlich haben wir als Waffe gegen das Symptom nur dies: die Äquivokation. (9)

Was heißt, das Sinthom (bzw. das Symptom) logisch zu benutzen, bis sein Reales erreicht ist? Als Waffe gegen das Symptom die Äquivokation zu verwenden, so dass das Sprechen den Zusammenhang zwischen dem Symptom und dem Genießen erreicht?

Aufspaltung von S2 in Symptom und Symbol

„ … hier auf der Ebene der Wahrheit müssen wir das Halbsagen in Betracht ziehen. Das heißt, dass das Subjekt in dieser Etappe nur durch den Signifikanten Index 1, (S1) repräsentiert werden kann, dass der Signifikant Index 2 (S2) genau das ist, was – um es darzustellen, wie ich es eben gemacht habe – durch die Duplizität von Symbol und Symptom repräsentiert wird. (…) Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, dass ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen seine Stütze im Sym­ptom fin­det.“ (14 f.)

Das Subjekt wird in dieser Etappe – im Herrendiskurs – nur durch den Signifikanten S1 repäsentiert, durch den Signifikanten, der den Sinneffekt hervorbringt. Der Signifikant S2 steht für ein Signifikantenpaar und repräsentiert das Unbewusste, das unbewusste Wissen (so hatte Lacan den Ausdruck S2 von Anfang an erläutert, in den Seminaren 16 und 17). Jetzt wird das Signifikantenpaar S2 aufgespalten in Symbol (in das Symbolische) und Symptom, womit vermutlich gemeint ist: in das Verdrängte (das Symbolische im Sinne des Unbewussten) und die Wiederkehr des Verdrängten (Symptom).

Falsches Loch zwischen Symptom und Symbol

„In diesem Sinne kann man sagen, dass es in der Verbindung des Symptoms mit dem Symbol nur, möchte ich sagen, ein falsches Loch gibt.“ (15).

Ein falsches Loch ist ein Loch, das durch Überlagerung zweier Ringe entsteht, aber durch Ziehen an den Ringen rückgängig gemacht werden kann. Das heißt, eine stabile Verbindung zwischen dem Symptom und dem Symbolischen gibt es nur dadurch, dass ein dritter Ring ins Spiel kommt, das Imaginäre oder das Reale.

Das heißt: es ist nicht möglich, ein Symptom nur durch die Beziehung zum Unbewussten zu erklären (es steht nicht nur in Beziehung zum „Symbol“, zum Symbolischen), man muss es auf etwas Drittes beziehen – auf das Reale des Genießens (nehme ich an).

Zu Joyce

Zwei Sinthome

Joyce entwickelte zunächst das sinthome-madaquin, das Thomas-von-Aquin-Sinthom, und dann das sinthome-rule, das Home-Rule-Sinthom; dies sind die beiden Richtungen, die sich der Kunst von Joyce anboten. Joyce wählt das Home-Rule-Sinthom (vgl. 5 f.).

Das Sinthom gibt vor, in welche Richtung sich die Kunst entwickeln kann.

Vereitelung der Wahrheit des Symptoms durch die Kunst

„In diesem Sinne kündige ich an, was in diesem Jahr meine Befragung über die Kunst sein wird: inwiefern kann der Kunstgriff / das Artefakt ausdrücklich das anzielen, was sich zunächst als Symptom präsentiert? Inwiefern kann die Kunst, das Handwerk, das vereiteln, wenn man so sagen kann, was sich vom Symptom aufzwingt, nämlich was? was ich in meinen zwei Tetraedern dargestellt habe: die Wahrheit.“ (14)

Vom Symptom her zwingt sich eine Wahrheit auf, die Aufdeckung eines verborgenen Sinns. Das Artefakt, das Kunstwerk kann den Zugang zur Wahrheit gezielt vereiteln, es kann dafür sorgen, dass das Symptom nicht gedeutet werden kann.

OFFENE FRAGEN

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner. Sie sind oben in der Übersetzung nach jedem Satz angegeben.

Hauptfragen

Man muss das Sinthom logisch benutzen, bis sein Reales erreicht ist (6); als Waffe gegen das Symptom haben wir nur die Äquivokation (9). Ist die Äquivokation die logische Verwendung des Sinthoms?

Das Mögliche ist das, was aufhört geschrieben zu werden, dadurch, dass es geschrieben wird (4). Was meint, dass im Verlauf einer psychoanalytischen Behandung etwas „geschrieben“ wird?

In der Perversion ist der Vater ein Symptom (12). Ist der Vater in der Neurose kein Symptom? Wenn ja: worin unterscheidet sich das Vater-Sympton in der Perversion von dem in der Neurose?

Das Symptom hört auf geschrieben zu werden oder würde vielmehr aufhören, wenn der Diskurs aufkäme, der nicht über den Schein wäre (4). Meint Lacan, dass es noch nie dazu gekommen ist, dass es aufhört, sich zu schreiben, und zwar deshalb, weil es den Diskurs, der nicht über den Schein wäre, noch nicht gibt?

Der Name des Vaters ist auch der Va­ter des Na­mens (14). Was ist hier mit Benennung durch den Vater gemeint? Inwiefern ist die Benennung eine Funktion des Vaters?

Der Ring des Symbolische und der des Symptoms bilden ein falsches Loch, dass durch eine unendliche Gerade zu einem echten Loch wird (15 f.). Stimmt die Vermutung, dass es bei dem vom Symbolischen und vom Symptom gebildeten Loch um das Objekt a geht?

Die unendliche Gerade ist einem Kreis verwandt (16). Warum interessiert Lacan die Verwandtschaft zwischen dem Kreis und der unendlichen Geraden? Was ist die psychoanalytische Entsprechung?

Worin besteht der Zusammenhang dazwischen, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, und dem Herrensignifikanten?

Weitere Fragen

Sinthom (1): Gibt es im alten Deutsch die Schreibweise „Sinthom“ oder etwas Ähnliches?

Lacan orientierte sich zunächst an denjenigen, die Freud „meine Bande“ nannte (2). Wo spricht Freud von „meiner Bande“?

Lacan fordert seine Hörer auf, sich daran zu erinnern, wo er bereits über das sexuelle Verhältnis bei den Vögeln gesprochen hatte (vgl. 3). Wo hatte er das getan?

Lacan stellt die Frage, ob das Hebräische eine Sprache ist (3). Warum sollte das Hebräische keine Sprache sein? Bezieht Lacan sich hier darauf, dass das Bibelhebräische zu dem Zeitpunkt, als die Bibel geschrieben wurde, eine tote Sakralsprache war?

Es braucht mindestens zwei Signifikanten, damit DIE Frau erscheint (4). Welche beiden Signifikanten sind gemeint?

„tout, mais pa ça“ (alles, nur das nicht) – „mē panti“ (nicht alle) (5). Die Sokratische Position ist „alles, nur das/es nicht“ (tout, mais pas ça), d.h. die Totalität gründet sich auf eine Ausnahme. In den Formeln der Sexuierung entspricht dies der linken (männlichen) Seite des Diagramms. Das „nicht alles“ (mê pantes), gehört zur rechten (weiblichen) Seite des Schemas mit dem negierten Allquantor. Wo steht Sokrates, auf der männlichen oder auf der weiblichen Seite?

Aristoteles schließt das Singuläre aus seiner Logik aus (5). Warum identifiziert Lacan die Zurückweisung des negierten allgemeinen Urteils durch Aristoteles (die Zurückweisung von „Nicht alle x sind y“) mit der Zurückweisung des Singulären?

Für die „Instanz des Buchstabens“ ist im Moment nichts Besseres zu erwarten als die Mehrdeutigkeit (….). Was meint hier „Instanz des Buchstabens“?

Für die „gegenwärtige Instanz“ gibt es nur das Sinthome-madaquin (5). Was meint hier „Instanz“?

Dass Joyce claritas mit radiance/splendeur übersetzt, ist ein schwacher Punkt (5 f.). Wo liegt für Lacan das Problem? (Eine Antwort findet man möglicherweise in Auberts Buch über die Joycesche Ästhetik.)

Joyces Vater war versoffen und was? (6 f.) War der Vater „Fénian“ oder „feignant“ / „faitnéant“, „Fenier“ oder „faul“ oder beides? (6 f.)

Ein Häretiker ist derjenige, der ein Wahl trifft; Lacan war wie Joyce ein Häretiker (6). Welche Wahl hat Lacan getroffen?

Sohn zweier Familien (6 f.). Was ist mit den „zwei Familien“ gemeint, auf die Joyce-Vater oder Joyce-Sohn sich beziehen?

 

Den englischen Philosophen scheint nicht aufgefallen zu sein, dass es im Signifikanten etwas gibt, das Resonanz gibt (9). Welche Philosophen sind gemeint?

Der Blick macht dem Ohr Konkurrenz (10). Worin genau besteht der Zusammenhang zwischen dem Blick als Objekt a und dem Imaginären im Sinne der Fixierung auf das Bild des ganzen Körpers?

Die Homogenität von Imaginärem und Realem hängt nur vom Faktum der Zahl ab, insofern diese binär ist, Eins oder Null, insofern Eins nicht Null ist (11). Was meint das?

Aufgrund der drei Funktionen des Imaginären, des Symbolischen und des Realen glaubt ein bestimmtes Wesen, Mensch zu sein (12). Was meint hier „glaubt“? Dass der Begriff des Menschen letztlich auf das Zusammenwirken der drei Funktionen verweist?

Die Per­ver­sion zeich­net sich kei­nes­wegs da­durch aus, dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­näre und das Reale aus­ein­an­der­fal­len (12). Wer nimmt das an?

Im borromäischen Viererknoten können die Ringe für das Symbolische und für das Symptom ausgetauscht werden (13). Worum geht es bei dieser Austauschbarkeit? Ist die Austauschbarkeit der Ringe des Symbolischen und des Symptoms eine andere Darstellungsweise für das Verhältnis zwischen S1 und S2?

Bei Joyce zeigt sich die Bedeutung der Vaterfunktion darin, dass er letztlich für den Vater verantwortlich ist, er muss den Vater stützen, das stellt sich im Ulysses heraus (14). Inwiefern stellt sich im Ulysses heraus, dass Joyce den Vater stützen muss?

Das Schema des Herrendiskurses wird im Diagramm um eine Achteldrehung im Uhrzeigersinn gedreht (14). Was bedeutet die Achteldrehung des Herrendiskurses?

Ich habe Lacans Beschreibung von Joyce als Künstler dem Herrendiskurs zugeordnet (14 f.). Ist das haltbar?

Lacan setzt S2 gleich mit der Spaltung in Symbol und Symptom (14 f.). Ist das eine Neuerung des Sinthom-Seminars?

Das Subjekt ist das, was von einem Signifikanten für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird. Nun gibt es ein Insistieren des Signifikanten. Einer der beiden Signifikanten findet seine Stütze im Symptom (15). Ist dies der Signifikant, der das Subjekt repräsentiert oder derjenige, für den es repräsentiert wird? Wie ist „Stütze“ hier gemeint: unterscheidet sich der Signifikant vom Symptom oder fällt er mit ihm zusammen?

Soury hat gezeigt, das man einen Torus in eine Art Gussblase einschließen muss (15 f.). Wieso muss ein Torus in eine Gussblase eingeschlossen werden?

Die unendliche Gerade steht für einen dritten Ring, genauer gesagt für eine Art Kreis (16). Wofür steht der durch die unendliche Gerade dargestellte dritte Ring, für das Imaginäre oder für das Reale?

LITERATURVERZEICHNIS

Das Verzeichnis beschränkt sich auf die in diesem Beitrag zitierte oder erwähnte Literatur.

Die Übersetzungen von Zitaten sind von Rolf Nemitz, falls nicht anders vermerkt.

Lacan, Sinthom-Seminar

Version NN
Lacan: Le sinthome. Wort-für-Wort-Transkription eines anonymen Herausgebers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreibmaschine, durch Fotokopien verbreitet. Auf diese Version bezieht sich Max Kleiners Übersetzung, linke Spalte.

Ver­sion Sta­ferla
Jacques Lacan: Le sin­thome. 1975 — 76. Wort-für-Wort-Transkription, herausgegeben und veröffentlicht von der Website staferla.free.fr, ohne Ort. Diese Transkription wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Varianten der Staferla-Ver­sion. Für diesen Kommentar wurde die Variante vom 28.6.2013 verwendet; man findet sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 1976-77/Kleiner
Le sin­thom. 1975 – 1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Der Text ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Erste Spalte: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Version NN/Kleiner), zweite Spalte: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, dritte Spalte: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim Lacan-Archiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Datei.

Die Übersetzung in diesem Beitrag des Sinthom-Kommentars ist eine überarbeitete Fassung von Version NN/Kleiner; mit „Kleiner-Übersetzung“ ist diese Version gemeint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jacques Lacan: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Weitere Texte von Lacan

Conférence à Genève sur le symptôme, 4. Oktober 1975. In: Pas-tout Lacan, PDF-Datei auf der Website der École lacanienne de psychanalyse, S. 1672-1685, http://www.ecole-lacanienne.net/pictures/mynews/6D947CCD521655006B8FA1292DC92A37/Pas-tout%20Lacan.pdf

Du sujet enfin en question. In: J. Lacan: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 229-236

Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 15-55

Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­dete Brief“. In: J. Lacan: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 7-60

Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In: J. Lacan: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71-169

Ich spreche zu den Wänden. Turia und Kant, Wien 2013

Joyce le Symptôme I. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 161-169

Joyce le Sym­ptôme II. In: Jacques Aubert (Hg.): Joyce avec Lacan. Navarin, Paris 1987, S. 31-37

Kant mit Sade. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 133-163

L’acte psy­chana­ly­ti­que. In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 375-383

L’étourdit. In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449-497

Préface à une thése. In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 393-402 [Vorwort zu Anika Rifflet-Lemaire: Jacques Lacan. Dessart, Brüssel 1970]

Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: J. Lacan: Au­tres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 561-563

Pro­po­si­tion du 9 oc­tobre 1967 sur le psy­chana­lyste de l’École. In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 243-260

Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 165-204

Television. In: J. Lacan: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 55-95

Seminare

Seminar 2 = Das Seminar, Buch II (1954-1955). Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse. Übersetzt von Hans-Joachim Metzger nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Walter-Verlag, Olten u.a. 1980

Seminar 3 = Das Seminar, Buch III (1955-1956). Die Psychosen. Übersetzt von Michael Turnheim nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Quadriga, Weinheim u.a. 1997

Seminar 4 = Das Seminar, Buch IV (1956/57). Die Objektbeziehung. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Turia und Kant, Wien 2003

Seminar 5 = Das Seminar, Buch V (1957-1958). Die Bildungen des Unbewussten. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Turia und Kant, Wien 2006

Seminar 6 = Le séminaire, livre VI. Le désir et son interprétation. 1958-1959. Texterstellung Jacques-Alain Miller. La Martinière, Paris 2013

Seminar 7 = Das Seminar, Buch VII (1959-1960). Die Ethik der Psychoanalyse. Übersetzt von Norbert Haas nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Quadriga, Weinheim u.a. 1996

Seminar 8 = Das Seminar, Buch VIII (1960-1961). Die Übertragung. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version in der zweiten, korrigierten Auflage von 2002. Passagen, Wien 2008

Seminar 9 = L’identification. 1961-62. Herausgegeben von der Website Staferla (staferla.free.fr), auf der Grundlage der Versionen JL, rue CB und Roussan. Ohne Ort, ohne Jahr

Seminar 10 = Das Seminar, Buch X. Die Angst. 1962 – 1963. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Turia und Kant, Wien 2010

Seminar 11 = Das Seminar, Buch XI (1964). Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Übersetzt von Norbert Haas nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Walter, Olten u.a. 1978

Seminar 14 = Logique du fantasme. 1966-67. Herausgegeben von der Website Staferla (staferla.free.fr), auf der Grundlage der Versionen ELP, rue CB u.a. Ohne Ort, ohne Jahr

Seminar 16 = Le séminaire, livre XVI. D’un Autre à l’autre. 1968-1969. Texterstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 2006

Seminar 17 = Le séminare, livre XVII. L’envers de la psychanalyse. 1969-1970. Texterstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 1991

Seminar 18 = Le séminaire, livre XVIII. D’un discours qui ne serait pas du semblant. 1971. Textherstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 1991

Seminar 19 = Le séminare, livre XIX. … ou pire. 1971-1971. Texterstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 2011

Seminar 20 = Das Seminar, Buch XX (1972-1973). Encore. Übersetzt von Norbert Haas, Vreni Haas und Hans-Joachim Metzger, nach einer von Jacques-Alain Miller erstellten Version. Quadriga, Weinheim u.a. 1986

Seminar 21 = Les non-dupes errent. 1973-74. Hg. v. der Website Staferla (staferla.free.fr), auf der Grundlage einer Tonaufnahme sowie der Transkriptionen auf den Websites Lutecium und Gaogoa. Ohne Ort, ohne Jahr

Seminar 22 = Seminar XXII. RSI. 1974-75. Übersetzt von Max Kleiner auf der Grundlage einer von Jacques-Alain Miller erstellten vorläufigen Version. Herausgegeben vom Lacan-Archiv Bregenz 2012

Andere Autoren

Aristoteles: Erste Analytik. Zweite Analytik. Griechisch-deutsch. Organon Band 3/4. Übersetzt von Hans Günter Zekl. Meiner, Hamburg 1998

Aubert, Jacques: Introduction à l’esthétique de James Joyce. Didier, Paris u.a. 1973 (engl. Übersetzung: The Aesthetics of James Joyce. Johns Hopkins University Press 1992)

—: Joyce und Thomas von Aquin. Zur Ästhetik des Polaer Notizbuchs. In: Klaus Reichert, Fritz Senn (Hg.): Materialien zu James Joyces „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 290-303

—: Notes de lecture. In: J. Lacan: Le séminare, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Seuil, Paris 2005, S. 189-198

Beebe, Maurice: The artist as hero. In: James Joyce: A portrait of the artist as a young man. Text, criticism and notes. Hg. v. Chester G. Anderson. The Viking Critical Library, New York 1968, S. 340-357, im Internet hier (aus M. Beebe: Ivory towers and sacred founts. New York, New York University Press 1964)

Brunschwig, Jacques: La proposition particulière et les preuves de non-concluance chez Aristote. In: Cahiers pour l’analyse, Nr. 10, 1969, S. 3-26

Burde, Gerhard; Zieschang, Heiner: Knots. Zweite überarbeite und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2003

Ellmann, Richard: James Joyce. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979

Essaim (Zeitschrift, Éditions Érès, Toulouse), Nr. 29 vom Herbst 2012

Fallend, Karl: Sonderlinge, Träumer, Sensitive. Psychoanalyse auf dem Weg zur Institution und Profession. Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und biographische Studien. Geyer, Wien 1995

Freud, Sigmund: Studienausgabe in 10 Bänden und einem Ergänzungsband. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013 (=Werke, Bd. 7)

Ionesco, Eugène: Die Nashörner. Schauspiel in drei Akten. Aus dem Französischen von Claus Bremer und H. R. Stauffacher. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009

Joyce, James: A portrait of the artist as a young man. Text, criticism and notes. Hg. v. Chester G. Anderson. The Viking Critical Library, New York 1968. – Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Übersetzt von Klaus Reichert. In: J. Joyce: Stephen der Held. Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, S. 251-533

—: Finnegans Wake. Oxford University Press, Oxford 2012.– Finnegans Wake. Deutsch. Hg. v. Klaus Reichert und Fritz Senn. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989

—: Oeuvres, Bd. 1. Hg. v. J. Aubert. Gallimard, Paris 1996

—: Stephen Hero. Hg. v. Theodore Spencer. Cape, London 1991.– Stephen der Held. Übersetzt von Klaus Reichert. In: In: J. Joyce: Stephen der Held. Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, S. 5-250

—: Ulysses. Penguin Books, London 2000 (Serie „Penguin Classics“).– Ulysses. Übersetzt von Hans Wollschläger. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979

Jung, Carl Gustav: Ulysses. Ein Monolog. In: Ders.: Wirklichkeit der Seele. Zürich 1934, S. 132–169 (zuerst in: Europäische Revue 8, 1932, S. 547–568, auch in: Ders.: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Olten 1971, Bd. 15, Über das Phänomen des Geistes in Kunst und Wissenschaft, S. 121–149), im Internet auszugsweise hier

Kenner, Hugh: The Portrait in perspective. In: James Joyce: A portrait of the artist as a young man. Text, criticism and notes. Hg. v. Chester G. Anderson. The Viking Critical Library, New York 1968, S. 416-439, im Internet hier (aus: H. Kenner: Dublin’s Joyce. Indiana University Press und Chatto und Windos, Bloomington 1956)

Kiberd, Declan: Introduction. In: James Joyce: Ulysses. Penguin Books, London 2000, S. IX-LXXX

La Fontaine, Jean de: Die Fabeln. Fourier und Fertig, Wiesbaden 1978

Laplanche, Jean; Pontalis, Jean-Baptiste: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975

Miller, Jacques-Alain: Pièces détachées. Seminar 2004/05. In: La Cause freudienne 60-63, 2005-2006 (Teile I-II in: La Cause freudienne, 60 (2005), S. 153-172; III-IV in: La Cause freudienne, 61 (2005), S. 131-153; VI in: La Cause freudienne, 62 (2006), S. 75-83; VII-VIII in: La Cause freudienne, 63 (2006), S. 119-145). Die Transkription des gesamten Seminars findet man im Internet hier.

—: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminare, livre XXIII. Le sinthome. Seuil, Paris 2005, S. 199-248

Morel, Geneviève: La loi de la mère. Essai sur le sinthome sexuel. Economica u.a., Paris 2008

Nunberg, Hermann; Federn, Ernst (Hg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 1906-1918. Bd. I-IV. S. Fischer, Frankfurt am Main 1976-1981

Platon: Phaidon. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher. In: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. 2. Neu herausgegeben von Ursula Wolf. Reinbek, Rowohlt 2011

Porge, Erik: Jacques Lacan, un psychanalyste. Érès, Ramonville Saint-Agne 2000

Roudinesco, Elisabeth: Jacques Lacan. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996

Sartre, Jean-Paul: Die Transzendenz des Ego. In: Ders.: Die Transzendenz des Ego. Philosophische Essays 1931-1939. Rowohlt, Reinbek 1994, S. 39–96

Saussure, Ferdinand de: Cours de linguistique générale. Publié par Charles Bailly et Albert Séchehaye. Édition critique préparée par Tulio de Mauro. Éditions Payot & Rivages, Paris 1995

—: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Übersetzt von Peter von Polenz. Walter de Gruyter, Berlin 2. Aufl. 1967

Slepon, Raphael: Finnegans Wake Extensible Treasury. Website. http://www.fweet.org/

Sollers, Philippe: Joyce et Cie. In: Tel Quel, Nr. 64, November 1975, S. 15-24 (englische Teilübersetzung: Philippe Sollers: Joyce & Co. In: D. Hayman, E. Anderson (Hg.): In the Wake of the Wake. University of Wisconsin Press, Madison u.a. 1978)

Turnheim, Michael: Lacans sinthome. In: Ders.: Mit der Vernunft schlafen. diaphanes, Zürich, Berlin 2009, S. 55-75

Wittgenstein, Ludwig: Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (1956). Hg. v. G.E.M. Anscombe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986 (= Werkausgabe, Bd. 6), Teil 4, Nr. 21, S. 235, „Das Bild als Beweis“

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Das bezieht sich auf die schriftliche Seminarankündigung.
  2. Buck Mulligan sagt zu Stephen Dedalus:

    „– Cracked lookingglass of a servant! Tell that to the oxy chap downstairs and touch him for a guinea. Heʼs stinking with money and thinks youʼre not a gentleman. His old fellow made his tin by selling jalap to Zulus or some bloody swindle or other. God, Kinch, if you and I could only work together we might do something for the island. Hellenise it.“ (J. Joyce: Ulysses. Pen­guin Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Pen­guin Clas­sics“), S. 6

    „Der geborstene Spiegel eines Dienstmädchens. Erzähl das doch mal dem ochsigen Schnösel da unten und hau ihn um eine Guinee an. Der stinkt doch vor Geld, und für einen Gentleman hält er dich sowieso nicht. Sein alter Herr hat den Zulus Jalapen angedreht oder sonst einen dreckigen Schwindel und damit sein Moos gemacht. Gott, Kinch, wenn wir beide bloß zusammenarbeiten könnten, wir würden vielleicht was tun für die Insel! Sie hellenisieren.“ (J. Joyce: Ulysses. Übersetzt von Hans Wollschläger. Suhrkamp 1979, S. 12)

  3. Das Gälische oder Irische ist die ursprünglich in Irland gesprochene Sprache. Unter der englischen Kolonialherrschaft wurde es zu einer Minderheitensprache. Im Ulysses beklagt Stephen die Unterdrückung des Irischen durch das Englische; in diesem Roman und in Finnegans Wake erscheinen immer wieder Bruchstücke des Irischen. „Der Künstler in Joyce war mit Aspekten der englischen Sprache unzufrieden“ (Declan Kiberd: Introduction. In: Joyce: Ulysses. Penguin Books, London 2000, S. IX-LXXX, hier: S. XXXVIII).

    In der Republik Irland ist das Irische heute die offizielle Erstsprache, in Nordirland eine offiziell anerkannte Minderheitensprache.

  4. Das Altenglische wurde vom Keltischen, vom Lateinischen und, sehr stark, vom Französischen beeinflusst.Der Begriff der Konsistenz wurde in Seminar 22 von 1974/75, RSI, zur Beschreibung des borromäischen Knotens eingeführt, er meint dort den Zusammenhalt eines einzenen Rings in sich oder der gesamten Verbindung aller Ringe. Hier geht es um die Nicht-Konsistenz einer bestimmten Form des Symbolischen: einer bestimmten Sprache.
  5. Joyces Hauptwerke: Dubliners (1914), A portrait of the artist as a young man (1916), Ulysses (1922), Finnegans Wake (1939).
  6. Sollers schreibt statt „les langues“ (die Sprachen) „lélangues“. „Les langues“ und „lélangues“ sind homophon; „lélangues“ ist ein Neologismus, vielleicht mit einer Anspielng auf élan, den Elan.

    Der Schriftsteller Philippe Sollers, der Lacans Seminare besuchte, hat zusammen mit Stephen Heath Passagen aus Finnegans Wake übersetzt, veröffentlicht in Tel Quel Nr. 54. Auf dem Joyce-Symposium hat er mehrere Beiträge gehalten, die in Tel Quel unter dem Titel Joyce et Cie. zusammengefasst wurden (Tel Quel Nr. 64, November 1975, S. 15-24). Einen Auszug aus Joyce et Cie findet man hier, eine englische Übersetzung ist: Philippe Sollers: Joyce & Co. In: D. Hayman, E. Anderson (Hg.): In the Wake of the Wake. University of Wisconsin Press, Madison u.a. 1978.

    Sollers schreibt in Joyce et Cie.:

    „Pour la plupart, en ce moment, nous parlons anglais. Mais je vous demande simplement si vous avez conscience que, depuis que Finnegans Wake a été écrit, l’anglais n’existe plus. Il n’existe plus en tant que langue auto-suffisante, pas plus d’ailleurs qu’aucune autre langue. Joyce introduit un report permanent du sens de langue à langues, d’énoncé à énoncés, de ponctualité de sujet d’énonciation à séries.“ (meine Hervorhebung)

    „Derzeit sprechen wir meist englisch. Aber ich frage Sie ganz einfach, ob Ihnen bewusst ist, dass das Englische, seit Finnegans Wake geschrieben worden ist, nicht mehr existiert. Es existiert nicht mehr als sich selbst genügende Sprache, so wenig übrigens wie irgendeine andere Sprache. Joyce führt eine permanente Beziehung des Sinns von Sprache zu Sprachen ein, von Aussage zu Aussagen, der Punktualität des Subjekts der Äußerung zu Serien.“

    „Das Englische“ existiert also insofern nicht mehr, als es nicht mehr als eine sich selbst genügende Sprache existiert; es ist nicht mehr ein geschlossenes System, sondern bezieht sich auf andere Sprachen. Man könnte auch sagen: „Das“ Englische existiert nicht, so wie Lacan sagt, „Die“ Frau existiert nicht.

  7. In einer manischen Episode ist die gehobene Stimmung häufig mit Redseligkeit oder Redezwang verbunden; so etwa nach dem DSM-IV TR.
  8. Ab 1902 versammelte sich im Hause Freuds regelmäßig eine „Psychologische Mittwoch-Gesellschaft“. Sie wurde 1908 in „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“ umbenannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie 22 Mitglieder. Das offizielle Gründungsdatum ist der 12. Oktober 1910. Zu den Mitgliedern gehörten u.a. Karl Abraham, Alfred Adler, Ludwig Binswanger, Sandor Ferenczi, Carl Jung, Otto Rang und Sabina Spielrein. Vgl. Hermann Nunberg, Ernst Federn (Hg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 1906-1918. Bd. I-IV. S. Fischer, Frankfurt am Main 1976-1981.– Karl Fallend: Sonderlinge, Träumer, Sensitive. Psychoanalyse auf dem Weg zur Institution und Profession. Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und biographische Studien. Geyer, Wien 1995.
  9. Oder „Appeler“
  10. Version NN schreibt „que le nommé“, von Kleiner mit „dass das Benannte“ übersetzt. Miller 2005 hört wie NN und fügt zur Verdeutlichung „homme“ hinzu, Mensch/Mann, (das Wort ist nicht auf dem Band); zusammen ergibt das „que le nommé homme“, „dass genannter Mensch“. Ich finde die Staferla-Lesart (que le „nommer“) am plausibelsten; sie passt am besten zur Benennungsproblematik.
  11. Die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt von zwei Arten von Benennungen, denen durch Gott und denen durch den Menschen. Gott vollzieht die Schöpfung, indem er spricht.

    „Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es.“ (Genesis 1, 6-7, hier und im Folgenden Einheitsübersetzung)

    Von diesem Sprechen wird ein Akt der Namensgebung durch Gott unterschieden, z.B.:

    „Und Gott nannte das Gewölbe Himmel.“ (Genesis 1, 8)

    Die von Gott ausdrücklich vollzogenen Namensgebungen sind „Tag“ und „Nacht“, „Himmel“, „Erde und „Meer“. Die von Gott vorgenommenen Benennungen werden von Lacan nicht zum Thema gemacht.

    Später erteilt Gott dem Menschen (Adam) einen Benennungsauftrag:

    „Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.“ (Genesis 2, 19-20)

    Der Schöpfungsmythos unterscheidet drei Tiergruppen: Gott hat die Wassertiere, die Landtiere und die Vögel geschaffen; die Benennung durch den Menschen beschränkt sich auf die Landtiere und die Vögel.

  12. Joyces Finnegans Wake beginnt (mitten im Satz) mit „riverrun, past Eve and Adam’s …“.
  13. Charles Sanders Peirce unterscheidet drei Zeichenarten oder besser Zeichenfunktionen: ikonische, symbolische und indexikalische Zeichen. Dies entspricht, wie Lacan später in Seminar 23 hervorhebt, Lacans Unterscheidung zwischen dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen (Sitzung vom 16. März 1976; Version Miller, S. 120 f.). Gemeint ist also die Beziehung zum Realen.
  14. Kleiner verweist in seiner Übersetzung auf das Palindrom „Madam, I’m Adam“. Im Ulysses erscheint es zusammen mit einem weiteren Palindrom:

    „Lenehan bowed to a shape of air, announcing: — Madam, I’m Adam. And Able was I ere I saw Elba.“ (Aeolus-Episode, Penguin-Classic-Ausgabe, S. 174; Wollschläger-Übersetzung 1975, S. 192)

    Auch in Finnegans Wake gibt es einen Übergang von „Adam“ zu „Madam“:

    „when Adam was delvin and his madameen spinning watersilts“ (S. 21),

    eine Umformung von „when Adam delved and Eve span“ (Als Adam grub und Eva spann); aus „Eva“ wird „madameen“, eine Anspielung auf die Registerarie in Mozarts Don Giovanni, die im Italienischen mit „Madamina“ beginnt (im Deutschen mit „Schöne Donna“, im Englischen mit „My dear lady“). (Diese Informationen sind aus Raphael Slepons FAAW.)

  15. „L’Evie“ enthält vie: Leben.
  16. Das Hebräische war in der Zeit, als die Bibel verfasst wurde, eine sakrale Schriftsprache, die nicht mehr gesprochen wurde – gesprochen wurde das Aramäische. Ist das gemeint?
  17. Lacan spielt hier mit dem Doppelsinn des französischen Wortes „langue“: (a) Sprache, (b) Zunge.
  18. Faux-pas (Fehltritt) ist homophon mit faut-pas (darf-nicht). Kleiners Vorlage NN transkribiert mit „faux-pas“, Staferla und Miller 2005 transkribieren „faut-pas“.
  19. Von Eva
  20. Lacan verwandelt „serpent“ (Schlange) in „serre-fesses“, Kleiner findet hierfür die Übersetzung „Arschbacken-Klemme“; rückwirkend verwandelt sich hierdurch „serpent“ in „serre-pan“ (Mauer-Klemme, Schoßklemme – Schoß im Sinne von Rockschoß; vgl. Kleiner in den Anmerkungen zur Übersetzung).
  21. Faut-pas: darf-nicht; faux-pas: Fehltritt. Il ne faut pas: man darf nicht, es ist verboten.
  22. Die Rede von der ersten Schuld erinnert an den lateinischen Begriff peccatum originale (wörtlich „ursprüngliche Sünde“, frz. péché originel, dt. Erbsünde). Dieser Begriff findet sich zuerst bei Augustinus in Ad Simplicianum (396 n. Chr.).
  23. „das Aufhören der Kastration“ im Sinne von „das Aufhören, nämlich die Kastration“. Die Kastration besteht in einem Aufhören.
  24. „Savoir-faire“ heißt wörtlich „Zu-tun-Wissen“. Das Französische unterscheidet „savoir“ und „savoir-faire“, was im Englischen der Unterscheidung zwischen „knowing that“ und „knowing how“ entspricht, zwischen einem Wissen, das abgefragt werden kann, und einem Wissen, das sich darin zeigt, dass man etwas tun kann, dass man etwas „zu tun weiß“, etwa Fahrradfahren. Im Deutschen wird das Begriffspaar meist mit „Wissen und Können“ übersetzt oder auch mit „Kenntnisse und Fertigkeiten“.
  25. Ergänzung von Miller in Version Miller 2005.
  26. Vielleicht ist gemeint: Sokrates hielt sich für unsterblich, vielleicht aber auch: Sokrates akzeptiert zu sterben, damit die Polis lebe; er reduziert sich ganz und gar auf die symbolische Dimension – auf die symbolische Ordnung der Polis – und ist insofern kein lebendiger Mensch.
  27. Platons Dialog Phaidon handelt von Sokrates am Tag der Hinrichtung. Sokrates wurde an diesem Tag von Freunden und Verwandten besucht; er ließ Xanthippe wegen ihres Jammerns fortbringen. Phaidon berichtet:

    „Als wir nun hineintraten, fanden wir den Sokrates eben entfesselt, und Xanthippe (du kennst sie doch), sein Söhnchen auf dem Arm haltend, saß neben ihm. Als uns Xanthippe nun sah, wehklagte sie und redete allerlei dergleichen, wie die Frauen pflegen, wie: »O Sokrates, nun reden diese deine Freunde zum letztenmale mit dir, und du mit ihnen!« Da wendete sich Sokrates zum Kriton und sprach: »O Kriton, laß doch jemand diese nach Hause führen!« Da führten einige von Kritons Leuten sie ab, heulend und sich übel gebärdend.“ (Seite 734 der Stephanus-Zählung, Schleiermacher-Übersetzung)

    Danach tritt Sokrates in einen Dialog über das Fortleben der Seele nach dem Tode ein.

  28. von Aristoteles
  29. πας (pas), dt.: alle.– Das Wort „alle“ hat im Griechischen drei grammatische Geschlechter: Maskulinum: pas; Femininum: pasa; Neutrum: pan. Das lässt sich mit der Deklination von „jeder“ im Deutschen vergleichen: „jeder“, „jede“, „jedes“.
  30. Mit „äquivok“ ist die Lautähnlichkeit von griechisch „mē pas“ (nicht alles) und französisch „mais pas“ (aber nicht) gemeint.
  31. „Pour l’instant“ heißt „im Moment“; „pour l’instance“ heißt „hinsichtlich der Instanz / des Drängens“. Die Formulierung spielt an auf Lacans Aufsatz von 1957, L’instance de la lettre dans l’inconscient ou la raison depuis, auf deutsch: Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 15-55.
  32. Etwa einen Monat vor dieser Sitzung hatte Lacan in einem Vortrag erklärt:

    „Un certain Saint Thomas d’Aquin – c’est un saint homme lui aussi, et même un symptôme – a écrit quelque chose qui s’appelle De ente et essentia.“

    „Ein gewisser Heiliger Thomas von Aquin – auch er ist ein Heiliger Mann / un saint homme, und sogar ein Symptom, hat etwas geschrieben was sich De ente et essentia nennt.“ (Conférence à Genève sur le symptôme, 4. Oktober 1975. In: Pas-tout Lacan, PDF-Datei auf der Website der École lacanienne de psychanalyse, S. 1672-1685, hier: S. 1677)

    Thomas von Aquin ist für Lacan ein Symptom.

  33. Der junge Joyce hatte die Absicht, eine Abhandlung über Ästhetik zu verfassen, ausgehend von einigen Texten von Thomas von Aquin. Vgl. J. Joyce: Oeuvres, Bd. 1. Hg. v. J. Aubert. Gallimard, Paris 1996, S. 735 f., 1003 (Hinweis von Jacques Aubert in ders.: Notes de lecture. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Seuil, Paris 2005, S. 189-198, hier: S. 190). Vgl. auch Jacques Aubert: Joyce und Thomas von Aquin. Zur Ästhetik des Polaer Notizbuchs. In: Klaus Reichert, Fritz Senn (Hg.): Materialien zu James Joyces „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S.290-303.
  34. Lacan bezieht sich hier auf: Jacques Aubert: Introduction à l’esthétique de James Joyce. Didier, Paris u.a. 1973 (engl. Übersetzung: The Aesthetics of James Joyce. Johns Hopkins University Press 1992).
  35. claritas (..) Glanz des Seins“

    Thomas von Aquin zufolge hat die Schönheit drei Aspekte: integritas, consonantia, claritas (Ganzheitlichkeit, Zusammenklang, Klarheit). In Joyces A portrait of the artist as a young man nimmt der Protagonist, Stephen, hierauf Bezug:

    „—To finish what I was saying about beauty, said Stephen, the most satisfying relations of the sensible must therefore correspond to the necessary phases of artistic apprehension. Find these and you find the qualities of universal beauty. Aquinas says: AD PULCRITUDINEM TRIA REQUIRUNTUR INTEGRITAS, CONSONANTIA, CLARITAS. I translate it so: THREE THINGS ARE NEEDED FOR BEAUTY, WHOLENESS, HARMONY, AND RADIANCE. Do these correspond to the phases of apprehension? Are you following?“ (Version Project Gutenberg, hier.)

    „– Um zu Ende zu bringen, was ich über die Schönheit sagen wollte, sagte Stephen, so müssen also die befriedigenden Relationen des Sensiblen den notwendigen Phasen der künstlerischen Wahrnehmung korrespondieren. Finde die, und du findest die Qualitäten der universalen Schönheit. Der Aquinate sagt: ad pulcritudinem tria requirunter, integritas, consonantia, claritas. Ich übersetze das so: Dreierlei ist der Schönheit wesentlich, Ganzheit, Harmonie und Ausstrahlung. Korrespondieren diese den Phasen der Wahrnehmung? Kannst du folgen?“ (Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Übersetzt von Klaus Reichert. In: Joyce: Stephen der Held. Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, S. 251-534, hier: S. 486.)

    Stephen bzw. Joyce übersetzt also „claritas“ mit „radiance“ (in Reicherts Übersetzung: „Ausstrahlung“). Lacan übersetzt „radiance“ mit „splendeur“ (Glanz) und ergänzt „d’être“, Glanz des Seins.

  36. Home Rule, „Heimat-Herrschaft“, „Herrschaft über die Heimat“, nationale Selbstbestimmung. Der nationale Befreiungskampf der Iren gegen die englische Herrschaft wurde im Namen der Home Rule geführt.
  37. Anspielung auf eine Passage im Ulysses, die sich auf das Freeman’s Journal bezieht, eine nationalistische irische Zeitung.

    „Probably not a bit like it really. Kind of stuff you read: in the track of the sun. Sunburst on the titlepage. He smiled, pleasing himself. What Arthur Griffith said about the headpiece over the FREEMAN leader: a homerule sun rising up in the northwest from the laneway behind the bank of Ireland. He prolonged his pleased smile. Ikey touch that: homerule sun rising up in the north-west.“ (Penguin Classics 2000, S. 68)

    „Wahrscheinlich ja kein bißchen so in Wirklichkeit. Irgend so ein Zeug bloß, was du mal gelesen hast: Auf den Spuren der Sonne. Der Sunburst auf dem Titelblatt: Aufgang des Glanzes. Er lächelte selbstzufrieden. Was Arthur Griffith von der Kopfleiste über dem Freeman-Leitartikel sagte: eine Homerule-Sonne, die im Nordwesten aus der Gasse hinter der Bank von Irland aufgeht. Er verlängerte sein zufriedenes Lächeln. Hat direkt ein bißchen was Itziges an sich: Homerule-Sonne, die im Nordwesten aufgeht.“ (Wollschläger-Übersetzung 1975, S. 81)

  38. Sinthome à roulette, Assonanz zu SintHome-Rule. Meint vermutlich „ein Symptom, das gut läuft“.
  39. Le sinthome madaquin und le sinthome rule.
  40. Die Schreibweise von symptôme wurde zu sinthome verschoben, aus sinthome wurde das sinthome madaquin und das sinthome rule.
  41. Anspielung auf das griechische Wort hairesis, das „Wahl“ bedeutet. Das erinnert an Freuds Begriff der Neurosenwahl.

    Miller erläutert die Passage so: Joyce wählt das sinthome rule, gegen das sinthome madaquin, gegen die Orthodoxie, und wird so zum Häretiker; vgl. Jacques-Alain Miller: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminare, livre XXIII. Le sinthome. Seuil, Paris 2005, S. 199-248, hier: S. 208 f.

  42. Griechisch für „Wahl“.
  43. au bout de quoi il n’a plus soif, wörtlich: an dessen Ende er keinen Durst mehr hat. (Anmerkung von Kleiner in seiner Übersetzung)
  44. Es gibt hier drei Transkriptionsmöglichkeiten. (a) Staferla und Miller transkribieren „Fénian“. (b) Aubert macht einen anderen Vorschlag: „Der Vater von Joyce war weniger fénian (fenisch) als vielmehr feignant (faul).“ (Aubert, Notes de lecture, a.a.O., S. 190) „Fénian“ und „feignant“ sind homophon; vielleicht handelt es sich auch um eine gezielte Äquivokation. (c) „fáinéant“ (ebenfalls „faul“).
  45. soû­lo­gra­phe. Seltener Ausdruck, der vielleicht eine Beziehung zum Geschriebenen (graphe) andeuten soll; welche, ist unklar.
  46. Vater von James Joyce war John Stanislaus Joyce, 1849 – 1931.

    Als Fenier werden die Anhänger der irischen Unabhängigkeitsbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet; demnach wäre der Vater ein irischer Nationalist. Ellmann erwähnt, dass sich John Joyce während der Studienzeit in Cork mit dem Fenianismus einließ (Richard Ellmann: James Joyce. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, S. 38).

  47. Was ist mit den zwei Familien gemeint?

    (a) Kleiner weist in seiner Übersetzung darauf hin, dass die Fenier 1858/59 in zwei Teilen gegründet wurden, der (geheimen) Irish Republican Brotherhood in Dublin und der Fenian Brotherhood in New York. Diese Deutung setzt voraus, dass die Transkription „fénian“ richtig ist.

    (b) Vielleicht bezieht sich Lacan hier aber auch auf die Verwandten auf Seiten des Vaters einerseits und auf Seiten der Mutter andererseits. Ellmanns Joyce-Biographie beginnt so:

    “Stephen Dedalus sagte, die Familie sei ein Netz, an dem er vorbeifliegen wolle, James Joyce aber zog es vor, sich selbst und seine Werke in diesem Netz zu verstricken. Seine Verwandten erscheinen in seinen Büchern unter leicht durchschaubaren Masken. Im allgemeinen kommen dabei die Träger des Namens Joyce besser weg als die Familie mütterlicherseits: die Murrays. Mit diesem etwas einseitigen Vorgehen wandelt Joyce in den Fußstapfen seines Vaters, der sich einmal darüber beklagte, der Name Murray beleidige seine Nase, während vom Klang des Namens Joyce ein berauschender Wohlgeruch ausgehe.” (Ellmann, a.a.O., S. 31)

    Dann wäre „de deux familles“ nicht auf den Vater zu beziehen, sondern auf den Sohn. „… einem mehr oder weniger fenianischen/faulen, d.h. fanatischen Vater, von zwei Familien …“.

  48. Das Angezogenwerden durch das biologische Gegengeschlecht ist nichts Natürliches, das ist für Lacan eine der grundlegenden Einsichten der Psychoanalyse – es gibt kein (natürliches) sexuelles Verhältnis; der Ausdruck „natürlich“ ist an dieser Stelle deshalb unangemessen.
  49. Damit ist hier gemeint, dass die Funktion des Phallus bei ihm unzureichend ausgebildet war, wohl nicht primär im Sinne von Impotenz, sondern im Sinne der Übertragung des männlichen Symbols vom Vater auf dem Sohn. Vgl. Michael Turnheim: Lacans sinthome. In: Ders.: Mit der Vernunft schlafen. diaphanes, Zürich, Berlin 2009, S. 55-75, hier: S. 61. Vielleicht ist aber auch die erektile Dysfunktion gemeint – nur: woher sollte Lacan darüber etwas wissen?
  50. Die Kunst springt dort ein, wo die Phallus-Funktion ausfällt.
  51. Das französische Wort hérésie ist homophon mit RSI, Lacans Abkürzung für die Triade von Realem, Symbolischem und Imaginärem.
  52. Kleiner zitiert in den Anmerkungen zu seiner Übersetzung Ellmann:

    „‚Warum haben Sie das Buch (Finnegans Wake) gerade so geschrieben?‘ wollte jemand anderes wissen. ‚Um die Kritiker dreihundert Jahre lang zu beschäftigen.‘“ (Ellmann, a.a.O., S. 1033)

    Und zum französischen Übersetzer des Ulysses, der den Plan des Buches haben wollte, sagte Joyce:

    „Wenn ich alles sofort preisgäbe, würde ich meine Unsterblichkeit verlieren. Ich habe so viele Rätsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren jahrhundertelang in Streit darüber halten wird, was ich wohl gemeint habe, und nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.“ (Ellmann, a.a.O., S. 773)

  53. Mehr zur Gefahr der atomaren Zerstörung sagt Lacan in Seminar 7, Version Miller/Haas, S. 278 f.
  54. Lacan spricht das Wort mit einem h im Anlaut aus, wie in der Tonaufnahme zu hören ist.
  55. Lacan spricht auch hier ein h im Anlaut, er verwendet also das englische Wort hero.
  56. Das ausgesprochene h am Anfang des deutschen Worts „Herr“ verbietet das „cet“ (mit ausgesprochenen t), das man im Französischen vor einem Ausdruck im Maskulinum verwendet, der mit h beginnt.
  57. Lacan verwendet hier das englische Wort, wie die Tonaufnahme zeigt. Dass Joyce sich, wie viele Autoren, als Held begriffen hat, ist eine These von Maurice Beebe, auf dessen Artikel The artist as hero sich Lacan weiter unten zustimmend bezieht.
  58. Titel von Joyces erstem Roman, 1904/05 geschrieben, 1944 postum veröffentlicht.
  59. A portrait of the artist as a young man: zweiter Roman von Joyce, 1914 bis 1916 veröffentlicht, auf einer Umarbeitung von Stephen Hero beruhend.
  60. Das bezieht sich, Aubert zufolge, auf die von Lacan in der Ankündigung des Seminars empfohlene Ausgabe von „Ein Porträt des Künstlers“: A portrait of the artist as a young man. Text, criticism and notes. Hg. v. Chester G. Anderson. The Viking Critical Library, New York 1968 (vgl. Aubert, Notes de lecture, a.a.O., S. 191).
  61. Miller zufolge ist sie die Sekretärin der École freudienne de Paris (vgl. Jacques-Alain Miller: Notice de fil en aiguille, a.a.O., S. 210), Roudinesco bezeichnet sie als deren Bibliothekarin (vgl. Elisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996, S. 606).
  62. Frz. criticisme, zugleich das englische Wort criticism, (Literatur-)Kritik, Literaturwissenschaft; der Ausdruck erscheint im Untertitel der Ausgabe von „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, auf die Lacan verweist.
  63. Gemeint ist Maurice Beebe.
  64. In Andersons Ausgabe von Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, auf die Lacan sich bezieht, findet man: Maurice Beebe, „The artist as hero“, S. 340-357, aus M. Beebe: Ivory towers and sacred founts. New York University Press 1964; im Internet hier.
  65. Die Anderson-Ausgabe von A Portrait enthält: Hugh Kenner, „The Portrait in perspective“, S. 416-439, aus: H. Kenner: Dublin’s Joyce. Indiana University Press und Chatto und Windos, Bloomington 1956, im Internet hier.
  66. Inhaltsverzeichnis im Internet hier.
  67. Anmerkung Kleiner: d’un pas de clerc: unnützes und kompromittierendes Vorgehen; clerc meint wörtlich den juristischen Novizen.
  68. Das könnte sich auf die Seminarankündigung mit der Angabe der Anderson-Ausgabe von A portrait of the artist beziehen.
  69. Gemeint sind Kopien von Andersons Ausgabe von A portrait of the artist.
  70. Maurice Beebe zufolge ist Joyces Roman nicht ein Porträt eines Künstlers, sondern ein Porträt des Künstlers (a.a.O., S. 343); er verweist darauf, dass Künstler sich ihrer Individualität rühmen, dass sich aber die Künstler in den vielen Porträt-des-Künstlers-Romanen sehr ähnlich sind: empfindsam, introvertiert, passiv, geistesabwesend usw., a.a.O., S. 342 f.
  71. Lacan deutet im Folgenden das Suffix -ment (-weise) als Verb ment (lügt), comme-ment heißt dann: „wie-lügt“.
  72. réellement, von Lacan gedeutet als Kompositum aus réelle, real, und ment, lügt.
  73. Das Mentale ist für Lacan das Imaginäre; vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975, Kleiner-Übersetzung S. 47.
  74. Lacan kommt hier auf hero in Stephen Hero zurück.
  75. Beebe verweist auf eine Passage in A portrait of the artist, in der Stephen Dedalus den Künstler mit dem Schöpfergott vergleicht:

    „The mystery of esthetic like that of material creation is accomplished. The artist, like the God of the creation, remains within or behind or beyond or above his handiwork, invisible, refined out of existence, indifferent, paring his fingernails.“ (Anderson-Ausgabe, a.a.O., S. 215)

    „Das Mysterium der ästhetischen Schöpfung ist vollbracht wie das der materiellen. Der Künstler, wie der Gott der Schöpfung, bleibt in oder hinter oder jenseits oder über dem Werk seiner Hände, unsichtbar, aus der Existenz hinaussublimiert, gleichgültig, und manikürt sich die Fingernägel.“ (Reichert-Übersetzung, a.a.O., S. 490)

    Der letzte Satz des Romans lautet:

    „Old father, old artificer, stand me now and ever in good stead.“ (Anderson-Ausgabe, a.a.O., S. 253)

    „Urvater, uralter Artifex, steh hinter mir, jetzt und immerdar.“ (Reichert-Übersetzung, a.a.O., S. 533)

  76. Vielleicht ist Folgendes gemeint: Wenn der Patient sich mit jemandem vergleicht und comme sagt, „wie“ (z.B. „Je parle comme mon père“, „Ich spreche wie man Vater“), verweist das auf eine Identifizierung; eine Identifizierung ist eine „Lüge“, Abwehr eines Begehrens; der Analytiker muss sich davor hüten, solche Identifizierungen zu verstärken.
  77. Das französische Wort langue bedeutet sowohl „Sprache“ als auch „Zunge“.
  78. Die Formulierung bezieht sich auf das am Sinn orientierte Sprechen (le dit), im Gegensatz zu den Äußerungen des Unbewussten (le dire).
  79. Mit dem Ausdruck „kontrollieren“ bezieht Lacan sich auf die sogenannte Kontrollanalyse, also die Supervision eines Psychoanalytikers, der Anfänger ist, durch einen erfahreneren Psychoanalytiker.
  80. Anspielung auf Die Nashörner von Eugène Ionesco, im Original: Rhinocéros, Erzählung von 1957, Theaterstück von 1959. Die Einwohner einer Stadt verwandeln sich in Nashörner, bis auf den Protagonisten Bérenger (in der deutschen Übersetzung: Behringer) und seine Freundin Daisy. Daisy bezweifelt, dass sie beide das Recht haben, Menschen zu bleiben, da die Mehrheit sich in Nashörner verwandelt hat und die Mehrheit immer recht habe.
  81. Ils ont en ef­fet tou­jours rai­son, sie haben tatsächlich immer raison. Raison meint Verstand, Vernunft, Grund. (a) Lacan gibt ihnen immer recht, (b) sie gehen vernünftig vor, rationalistisch.
  82. qui résonne, „das Resonanz gibt“. Lacan spielt mit der Lautähnlichkeit von raison, Verstand, und résonne, gibt Resonanz, was Kleiner mit „resoniert“ wiederzugeben versucht. Die Schreibung réson statt raison geht auf Francis Ponge zurück (Pour un Malherbe, 1952); vgl. den Hinweis von Hans-Dieter Gondek in J. Lacan: Ich spreche zu den Wänden. Turia und Kant, Wien 2013, S. 109 Fn. 86/17.
  83. Der Freudsche Begriff „Trieb“ wird mit „instinct“ oder mit „drive“ ins Englische übersetzt. Schon in den ersten Seminaren kritisiert Lacan die Übersetzung mit „instinct“; der Einwand, den er immer wieder vorbringt, lautet: der Instinktbegriff setzt eine Umweltanpassung der sexuellen Strebungen voraus, die beim Menschen – da er spricht – nicht gegeben ist.
  84. consonne, von Lacan neu gebildetes Verb zu consonance, “Klang”, also „zusammenklinge“. Für Thomas von Aquin ist die consonantia (der „Zusammenklang“, „Einklang“) eine der drei Merkmale der Schönheit.
  85. boucher, verstopfen, verschließen, ist eine Anspielung auf den Mund, bouche, wie Lacan später in dieser Sitzung ausdrücklich erklärt.
  86. Mit Blick ist hier der Blick als Objekt a gemeint. Der Blick als Objekt a wurde von Lacan ebenfalls in Seminar 9, Die Angst, eingeführt, in der Sitzung vom 8. Mai 1963. Anders als das Ohr ist die Augenöffnung verschließbar.
  87. More geometrico

    Anspielung auf Spinozas Ethik (1677), im lateinischen Original heißt sie Ethica, ordine geometrico demonstrata, Ethik, nach geometrischer Methode dargelegt. „More geometrico“ besagt meist, dass die Theorie beansprucht, nach Art von Euklids Elementen aufgebaut zu sein, d.h. in Form einer zwingenden Ableitung, ausgehend von obersten Sätzen, die evident sind, d.h. die ohne Begründung jedermann einleuchten (Axiomen, Prinzipien). Lacan bezieht sich im Folgenden allerdings nicht auf den deduktiven Aufbau, sondern auf den visuellen (imaginären) Aspekt der Geometrie. Unter diesem Aspekt steht die Geometrie, mit ihrer Orientierung an geschlossenen Gestalten, im Gegensatz zur Knotentheorie.

    Zu Spinozas more geometrico hatte Lacan sich in Seminar 22 von 1974/75, RSI, so geäußert:

    „Ein Spinoza brüstete sich damit, nach dem von den Alten vorgegebenen Modell weiterzuspinnen, zu deduzieren. Dieses more geometrico definiert einen im eigentlichen Sinne mathematischen Intuitionsmodus, der sich keineswegs von selbst versteht. Der Punkt, die Linie werden von einer Fiktion angezettelt, und ebenso die Fläche, die sich nur durch den Spalt aufrechterhält, durch eine Bruchstelle, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie zwei Dimensionen hat – aber da die Linie eine Dimension nur ist, insofern sie im eigentlichen Sinne ohne Konsistenz ist, besagt es nicht viel, wenn man eine weitere hinzufügt. Und die dritte, die sich durch eine Lotrechte zur Fläche aufrichtet, ist ebenfalls sehr seltsam. Das ist nichts als Abstraktion, gegründet auf einen Sägeschnitt. Wie, ohne zum Seil zurückzufinden, diese Konstruktion zusammenhalten lassen? Andererseits haben sich diese Dinge sicherlich nicht durch Zufall so ergeben. Sicherlich gibt es da eine Notwendigkeit, die herrührt von der Schwäche eines Handwesens, Homo faber, wie man gesagt hat. Aber warum ist dieser Homo faber, der manipuliert, der webt und spinnt, zum Punkt gelangt, zur Linie, zur Fläche, ohne beim Knoten stehenzubleiben? Vielleicht steht das in Zusammenhang mit einer Verdrängung. Ist dieses Verdrängte das ursprüngliche, das Urverdrängte*, das, was Freud als das Unzugängliche des Unbewußten bezeichnet?“ (Sitzung vom 18. Februar 1975; Kleiner-Übersetzung S. 34)

    Und etwas später im selben Seminar:

    „Dies, um sie spüren zu lassen, was ich darunter verstehe, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt. Gewiß gebe ich dem Wort Verhältnis den Sinn Proportion, aber der mos geometricum (sic) Euklids, der so lange Zeit als das Muster an Logik erschien, ist völlig unzureichend. So gibt es, wenn man sich auf die Figur des Knotens einläßt, eine ganz andere Weise, das Nichtverhältnis der Geschlechter darzustellen – zwei Kreise als unverknüpfte.“ (Sitzung vom 13. Mai 1974, Kleiner-Übersetzung S. 74)

  88. Platons Termini für die Idee sind die griechischen Wörter eidos und idea; eidos, Bild, ist für Lacan eine gute Übersetzung für das Imaginäre (Seminar 20, Sitzung vom 11. März 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 41); im Lateinischen heißt die Platonsche Idee forma, Form, Gestalt.
  89. Gemeint sind Euklids Elemente (ca. 3. Jh. v. Chr.), ein Werk, das die geometrischen Objekte und die natürlichen Zahlen untersucht und das, von Definitionen, Postulaten und Axiomen ausgehend, deduktiv aufgebaut ist: das Vorbild für einen Theorieaufbau more geometrico.
  90. Das Körperbild liefert den Umriss, die Differenz von Figur und Hintergrund; dreidimensional aufgefasst ist das ein Sack.– Den Begriff der Blase verwendet Freud in Jenseits des Lustprinzips: „Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reizbarer Substanz vor, dann ist seine der Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ.“ (Freud: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 236)
  91. Zum frenetischen Narzissmus des Zwangsneurotikers vgl. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 218. Man denke an die bekannten Ordnungs- und Sauberkeitszwänge des Zwangsneurotikers; sie beruhen demnach auf der besonders starken Bindung an die geschlossene Gestalt, an die Einheit des Körperbildes.
  92. Vgl. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 320.
  93. Der Frosch platzt; vgl. La Fontaine, „Der Frosch, der groß sein will wie ein Ochse“, Fabeln, Buch 1, Fabel 3.
  94. Georg Cantor, 1845-1918.
  95. Mit dem Sack in der Mengenlehre ist die Menge gemeint; sie wird durch eine Umrisslinie veranschaulicht, dreidimensional durch einen Sack.
  96. Der Hinweis erinnert an Wittgensteins Behauptung, der Beweis sei ein Bild. Vgl.: Ludwig Wittgenstein: Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (1956). Hg. v. G.E.M. Anscombe. Werkausgabe, Bd. 6. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, Teil 4, Nr. 21, S. 235, „Das Bild als Beweis“.
  97. Die französischen Wörter pot (Topf) und peau (Haut) sind homophon.
  98. Lacan bezieht das deutsche Wort „Begriff“ auf den Griff, das In-die-Hand-Nehmen (vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 40; Sitzung vom 18. März 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 50). Cantors anfänglicher Terminus für die Menge ist nicht „Begriff“, sondern „Inbegriff“.
  99. Der Bezug von il ist unklar. Das Pronomen kann sich auf die Zahl beziehen, auf das Imaginäre und auf das Reale.
  100. Das wird von Miller so erklärt: Das Ausgangspaar ist die Eins als Einzelstrich und die leere Menge: 1, ∅. Die Menge, {}, kommt als Drittes hinzu, das ergibt: {1, ∅} (vgl. Miller, Notice de fil en aiguille, a.a.O., S. 215, Übersetzung hier).
  101. Miller transkribiert mit “Autre”.
  102. Die erste Menge ist vermutlich die Nullmenge oder leere Menge, ∅, das andere die 1.
  103. NN transkribiert „faites“.
  104. Das Wort „fait“ kann auf zwei Weisen ausgesprochen werden, ohne oder mit t.
  105. Lacan referiert hier die klassische Etymologie des griechischen Worts symbolon: Das symbolon war ein in Teile gebrochenes Erkennungszeichen unter Freunden (etwa ein Ring), das nur diese bei einem späteren Treffen wieder richtig zusammensetzen konnten. Symballein heißt „zusammenfügen“.
  106. Signifikant und Signifikat sind beide Signifikanten – das Thema ist also weiterhin das Signifikantenpaar, S2.
  107. Arbitrarität des Zeichens

    Lacan spielt hier auf Saussures These vom arbiträren Charakter des Zeichens an, im Sinne der willkürlichen, beliebigen Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat. Diese These wird von Lacan (wie schon von Jakobson) abgelehnt; sie beruht, ihm zufolge, auf der Stützung des Universitätsdiskurses durch den Herrensignifikanten. In Radiophonie (1970) schreibt er:

    „Es, dies Besondere [der Sprache], als arbiträr qualifizieren, ist Lapsus, den Saussure begangen hat, daraus daß, widerwillig gewiß, aber dadurch um so mehr dem Stolpern ausgesetzt, er sich da ‚verschanzte‘ (denn man bringt mir bei, daß das ein Wort von mir ist) hinter dem universitären Diskurs, von dem ich gezeigt habe, daß der Hehl eben dieser Signifikant ist, der den Diskurs des Herrn beherrscht, den des Arbiträren.“ (J. Lacan: Radiophonie. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 14)

    Der Hehl ist im Schema der Diskursformeln der Platz unten links, der der verborgenen Wahrheit; im Diskurs der Universität ist an diesem Platz der Herrensignifikant. Zur Kritik am Begriff der Arbitrarität vgl. auch Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 24.

    Der Schiedsspruch (arbitrage) ist nicht beliebig (arbitraire).

    Bei Saussure heißt es:

    „Premier principe: l’arbitraire du signe“: „Le lien unisssant le signifiant au signifié est arbitraire, ou encore, puisque nous entendons par signe le total résultant de l’association d’un signifiant à un signifié, nous pouvons dire plus simplement : le signe linguistique est arbitraire*.“ (Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale. Publié par Charles Bailly et Albert Séchehaye. Édition critique préparée par Tulio de Mauro. Éditions Payot & Rivages, Paris 1995, S. 100)

    Zu deutsch:

    „Erster Grundsatz: Beliebigkeit des Zeichens“. „Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist beliebig.“ (F. de Saussure: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Übersetzt von Peter von Polenz. Walter de Gruyter, Berlin 2. Aufl. 1967, S. 79)

  108. Joyce verwendet den Ausdruck vier Mal in „Finnegans Wake“: S. 337, 481, 543, 556; vgl. die Website von Raphael Slepon, Finnegans Wake Extensible Treasary, www.fweet.org. In A portrait und im Ulysses wird das Wort nicht verwendet. Aubert vermutet, dass Lacan sich hier auf eine Szene in der zweiten Episode von Ulysses bezieht, in der Mr. Deasy in einen Streit zwischen Schülern eingreift (Aubert, Notes de lecture, a.a.O., S. 191; vgl. Joyce, Ulysses, Wollschläger-Übersetzung, a.a.O., S. 42).
  109. Gemeint sind hier offenbar nicht nur die Zahlen 1 und 2, sondern auch S1 und S2.
  110. In den Seminar-23-Versionen von Staferla und Miller „distincts“, Korrektur nach der Tonaufnahme.
  111. Gloria González ist Lacans Sekretärin.
  112. Miller deutet den letzten Satz der Wort-für-Wort-Transkription so, dass Lacan hier auf einen Viererknoten mit anderer Plättung verweist. Diese neue Plättung des Viererknotens ist – anders als die in der vorhergehenden Abbildung – symmetrisch. Symmetrisch meint: der linke vermittelnde Ring (der rote) verläuft abwechselnd über und unter dem linken äußeren Ring (den blauen), für den rechten vermittelnden Ring (den schwarzen) gilt im Verhältnis zum rechten äußeren Ring (dem grünen) dasselbe.
  113. Am 13. Januar 1976 heißt es im Sinthom-Seminar über Stephen Dedalus: „Es ist sein Vater, an den er dieses Gebet richtet, sein Vater, der sich gerade dadurch auszeichnet, dass er, na ja, wir können ihn letztlich so nennen, ein unwürdiger Vater ist, ein ausfallender Vater, einer, den er im ganzen Ulysses in Gestalten suchen wird, in denen er ihn nicht im geringsten Maße findet, weil es offenkundig irgendwo einen Vater gibt, nämlich Bloom, einen Vater, der sich einen Sohn sucht. Aber Stephen entgegnet ihm ein „Ohne mich, bei dem Vater, den ich gehabt habe, davon habe ich die Nase voll, keinen Vater mehr. Und vor allem ist dieser Bloom, dieser fragliche Bloom, nicht verlockend.“ (Kleiner-Übersetzung, S. 58)
  114. Stephen Dedalus ist die Hauptperson in Stephen der Held und in Ein Porträt des Künstlers als Junger Mann sowie eine der beiden Hauptfiguren in Ulysses (in Stephen der Held wird der Nachnname anders geschrieben, als „Daedalus“). Dieser Name verweist auf das Handwerk: in den griechischen Mythen ist Daidalos der geniale Handwerker und Erfinder.
  115. Die Formulierung „my country“ findet sich nicht in Ein Porträt, jedoch mehrfach im Ulysses. Vielleicht bezieht Lacan sich auf diese Stelle:

    „Mr Bloom halted behind the foreman’s spare body, admiring a glossy crown. Strange he never saw his real country. Ireland my country.“ (Penguin Classics 2000, S. 150)

    „Mr Bloom blieb hinter dem Körper des Faktors stehen, eine glänzende Glatze bewundernd. Komisch, seine wirkliche Heimat hat der nie gesehen. Irland mein Vaterland.“ (Wollschläger-Übersetzung 1979, S. 167)

  116. Der vorletzte Satz des Romans lautet:

    “Welcome, O life, I go to encounter for the millionth time the reality of experience and to forge in the smithy of my soul the uncreated conscience of my race.”

    Reichert übersetzt so:

    “Willkommen, Leben! Als Millionster zieh ich aus, um die Wirklichkeit der Erfahrung zu finden und in der Schmiede meiner Seele das ungeschaffne Gewissen meines Volkes zu schmieden.” (A.a.O., S. 284 f.)

    Lacan übersetzt „conscience“ (Gewissen/Bewusstsein) mit esprit und nähert den Begriff so Hegels Geistbegriff an (im Französischen esprit), aber auch dem des Heiligen Geistes (saint esprit) und damit der Dreiheit Vater, Sohn und Heiliger Geist.

  117. Ein Tetraeder ist ein Vierflächner, eine Pyramide mit dreieckiger Grundfläche. Lacan verwendet den Ausdruck anders, im Sinne von „viergliedriges Objekt“.
  118. Version NN hört „état“, die Tonaufnahme ermöglicht keine Entscheidung.
  119. Insistieren: es hört nicht auf, geschrieben zu werden. Es geht also um den Modus der Notwendigkeit.
  120. „Symbol“ meint hier „Symbolisches“; in der Folgesitzung spricht Lacan vom falschen Loch zwischen dem Symptom und dem Symbolischen.
  121. Pierre Soury, mit Lacan befreundeter Mathematiker, geboren 1936. Vgl. zu Soury: E. Roudinesco: Jacques Lacan. Kiepenheuer & Witsch 1996, S. 536–541.
  122. Jeder einzelne Ring eines physischen borromäischen Knotens ist ein Torus. Eine Gussblase ist ein Hohlraum in einem Stück Metall, während des Gießvorgangs durch eine Gasblase entstanden.
  123. Version NN liest “Supposez”.
  124. Circuler meint auch „weiterfahren“, la circulation ist der Verkehr. „Circuler!“ ist der typische Befehl eines Verkehrspolizisten.
  125. Über die Polizei schreibt Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts, §§ 231-249 (vgl. den Hinweis von Miller in Version Miller 2005, S. 215). „Polizei“ (geschrieben „Policey“) ist der ältere deutsche Ausdruck für das, was man heute „Verwaltung“ nennt. Mit der „Form“, in der Hegel die Polizei gesehen hat, ist vermutlich die Dialektik gemeint.
  126. Borromäischer Knoten mit vier Überschneidungsbereichen KopieErst drei Ringe bilden zusammen also ein echtes Loch. Dieses von drei Ringen gemeinsam gebildete Loch ist das Objekt a, wie in Seminar 22 ausgeführt wird. Vgl. die nebenstehende Zeichnung aus Seminar 23, Version Miller 2005, S. 72.
  127. Vgl. J. Lacan: Ich spreche zu den Wänden. Turia und Kant, Wien u. a. 2013, S. 18.
  128. Version Miller, S. 127, Version Miller/Haas u.a., S. 151, Übersetzung geändert.
  129. J. Lacan: L’étourdit. In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449-497, hier: S. 490.
  130. Michael Turnheim: Lacans sinthome. In: Ders.: Mit der Vernunft schlafen. diaphanes, Zürich und Berlin 2009, S. 55-75, hier: S. 64.
  131. Essaim, Nummer 29 vom Herbst 2012, hier.
  132. Vgl. etwa den Baltimore-Vortrag (vgl. den Kommentar hier) oder Seminar 18, Sitzung vom 10. Februar 1971, Übersetzung in diesem Blog hier.
  133. Vgl. J. Lacan: Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­dete Brief“. In: ders.: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 7-60, hier: S. 24.
  134. Vgl. Version Miller 2007, S. 113.
  135. Vgl. Version Miller/Haas u.a., S. 41.
  136. Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 377.– Hinweis von Jacques-Alain Miller in Pièces détachées. Seminar 2004/05. In: La Cause freudienne 60-63, 2005-2006, Sitzung vom 19. Januar 2005, S. 57.
  137. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 310.
  138. Schriften I, S. 48 ff.
  139. Vgl. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 402.
  140. Vgl. Seminar 5.
  141. Seminar 9, zuerst am 17. Januar 1962.
  142. Zuerst am 11. Januar 1967.
  143. Zuerst Version Miller, S. 31.
  144. Zuerst Seminar 19, Version Miller, S. 111.
  145. Sitzung vom 12. November 1958.
  146. Kant mit Sade. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 133-163, hier: S. 145.
  147. Vgl. Sitzung vom 14. Dezember 1966.
  148. Sitzung vom 13. Mai 1975.
  149. Vgl. Miller, Notice de fil en aiguille, a.a.O., S. 202 f.
  150. Vgl. Seminar 19, Sitzung vom 1. Juni 1972; Version Miller, S. 209.
  151. Vgl. Seminar 19, Sitzung vom 1. Juni 1970; Version Miller, S. 207.
  152. Den gesamten Ausdruck findet man zuerst in Seminar 19, Sitzung vom 12. Januar 1972; Version Miller, S. 39.
  153. Vgl. etwa S. Freud: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens (1912). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 208.
  154. Vgl. Jacques-Alain Miller: Pièces détachées. Cours 2004/05, Sitzung vom 8. Dezember 2004, Transkription S. 33.
  155. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 123.
  156. S. Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 550.
  157. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 202.
  158. Sitzung vom 4. Mai 1972; Version Miller, S. 155.
  159. Sitzung vom 20. Januar 1971.
  160. Seminar 21, Sitzung vom 23. April 1974.
  161. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 217.
  162. Seminar 2, a.a.O., S. 217.
  163. Seminar 2, a.a.O., S. 217.
  164. Seminar 20, Sitzung vom 16. Januar 1973; Version Miller/Haas u.a., S. 45 f.
  165. Seminar 21, Sitzung vom 21. Mai 1974.
  166. Sitzung vom 11. März 1975, Kleiner-Übersetzung S. 41.
  167. Diese Zuordnung nimmt Lacan später in Seminar 23 vor; vgl. Sitzung vom 16. März 1976, Version Miller, S. 120 f.
  168. Sitzung vom 5. April 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 74.
  169. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 14. Januar 1975.
  170. Im Vorwort zu Frank Wedekinds Frühlingserwachen schreibt Lacan 1974:

    Freud hat her­aus­ge­fun­den, dass das, was er Se­xua­li­tät nennt, im Rea­len Loch macht.“ (J. Lacan: Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 562).

    Im selben Jahr heißt es in Seminar 21:

    Aber wir wis­sen al­les, weil al­les – wir er­fin­den ein truc, ein Dingsda, ei­nen Trick, um das Loch im Rea­len zu stop­fen. Da, wo es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, ruft das ein Trauma her­vor. Man er­fin­det! Man er­fin­det was man kann na­tür­lich.“ (Sitzung vom 19. Februar 1974)

    Das Loch im Realen besteht darin, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt. Wir wissen also nicht alles. Die Illusion, alles zu wissen beruht auf etwas dem Phantasma. Das Loch im Symbolischen besteht im Inzestverbot[1. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 15. April 1975.

  171. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975.
  172. In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 565-570.
  173. S. Freud: Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik (1917). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 7. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 126.
  174. Vgl. S. Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes (1924). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 250.
  175. Vgl. J. Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 165-204, hier: S. 193 f.
  176. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 14. Januar 1975; Version Staferla, Schluss, nicht in der Kleiner-Übersetzung.
  177. Version Miller/Gondek, S. 255-258.
  178. Vgl. Seminar 7, Version Miller/Haas, S. 104.
  179. Sitzung vom 16. Juni 1965.
  180. Vgl. J. Lacan: Die logische Zeit und die Assertion der antizipierten Gewissheit. Ein neues Sophisma (1945). Übers. v. Hans-Joachim Metzger. In: J.L.: Schriften III. Hg. v. Norbert Haas. Walter Verlag, Olten u.a. 1980, S. 123–171.
  181. Vgl. Seminar 21, Sitzung vom 19. Februar 1974.
  182. Vgl. Seminar 21, Sitzung vom 15. Januar 1974.
  183. Vgl. Seminar 21, Sitzung vom 9. April 1974
  184. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 3. Dezember 1958.
  185. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 3. Dezember 1958, sowie die Diagramme in Version Miller, S. 113, 142.
  186. Lacan, L’étourdit, a.a.O., S. 447.
  187. Vgl. S. Freud: Hemmung, Symptom und Angst (1926). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6. Fischer Taschenbuch Verlag 2000, S. 237.
  188. Vgl. Sitzung vom 10. Juni 1970; Version Miller, S. 196.
  189. Vgl. Sitzung vom 20. Januar 1971; Version Miller, S. 25.] Damit beziehen sich die beiden linken Plätze auf die klassische Opposition von Wahrheit und Schein. Alle vier Diskursarten gehen also vom Schein aus und sind in diesem Sinne „vom Schein“.

    Der Diskurs, der nicht vom Schein wäre, ist der von Lacan angezielte Diskurs der Psychoanalyse. Im Mittelpunkt dieses Diskurses steht, dass es kein Geschlechtsverhältnis gibt.

    Der Begriff „Schein“ (semblant) meint eine imaginäre Figuration, die den Mangel im Anderen kaschiert. Im Feld der Psychoanalyse bezieht sich der Mangel im Anderen auf das sexuelle Verhältnis – es gibt im Unbewussten keinen Signifikanten, der die Anziehung durch das biologische Gegengeschlecht herbeiführt. Das Fehlen des sexuellen Verhältnisses wird durch die geschlechtsspezifische Kleidung, den geschlechtsspezifischen Habitus usw. kaschiert, die damit die Funktion des Scheins übernehmen.

    Wahrheit (4)

    Zu: „Ist es eine Unmöglichkeit, dass die Wahrheit zu einem Produkt des Könnens wird, des Savoir-faire?“ (4)

    Wahrheit bezieht sich, Lacan zufolge, auf Sinn:

    Wahr ist nur, was ei­nen Sinn hat.“[note]Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 9. März 1976; Ver­sion Mil­ler, S. 116; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 118.

  190. Du sujet enfin en question. In: J. Lacan: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 229-236, hier: S. 234.
  191. A.a.O.
  192. Vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 21.
  193. Vgl. Version Miller, S. 40.
  194. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 394.
  195. Vgl. Sitzung vom 25. Juni 1969; Version Miller, S. 398.
  196. Vgl. Seminar 17, Sitzung vom 18. Februar 1970; Version Miller, S. 101.
  197. Vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 219.
  198. Vgl. Seminar 16, Version Miller, S. 398.
  199. Kleiner-Übersetzung, S. 47.
  200. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 34.
  201. Sitzung vom 3. Juni 1964; Version Miller/Haas u.a., S. 229.
  202. Ab der ersten Sitzung dieses Seminars, 13. November 1968.
  203. Zuerst in Seminar 16, Sitzung vom 25. Juni 1969; Version Miller, S. 398.
  204. Zuerst Seminar 17, Sitzung vom 18. Februar 1970; Version Miller, S. 101. Die Zuordnung zwischen dem S1 und dem Herrn findet man bereits in der letzten Sitzung von Seminar 16 (25. Juni 1969; Version Miller, S. 398), dort wird jedoch noch nicht der Ausdruck „signifiant maître“ verwendet.
  205. Vgl. Version Miller/Gondek, S. 110, 134-137.
  206. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975; Version Staferla, S. 173; vgl. Version NN/Kleiner, S. 45.
  207. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 21. Januar 1975.
  208. Vgl. Seminar 19, Version Miller, S. 39.
  209. Vgl. Miller, Notice de fil en aiguille, a.a.O., S. 207 f., § 4.
  210. Jacques Brunschwig: La proposition particulière et les preuves de non-concluance chez Aristote. In: Cahiers pour l’analyse, Nr. 10, 1969, S. 3-26.
  211. Aristoteles: Erste Analytik. Zweite Analytik. Griechisch-deutsch. Organon Band 3/4. Übersetzt von Hans Günter Zekl. Meiner, Hamburg 1998.
  212. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 220.
  213. Seminar 6, Sitzung vom 11. Februar 1959, Version Miller, S. 275.
  214. J. Lacan: Television. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 55-95, zum Heiligen: S. 70-72.
  215. Du sujet enfin en question (1966), in: Ecrits, S. 235.
  216. Vgl. Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 100.
  217. Seminar 21, Sitzung vom 19. Februar 1974.
  218. Kleiner-Übersetzung, S. 2.
  219. Seminar 21, Sitzung vom 11. Juni 1974, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  220. Sitzung vom 10. Dezember 1974; Kleiner-Übersetzung S. 3 f., Übersetzung geändert
  221. In: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 243-260, hier: S. 243.
  222. Seminar 21, Sitzung vom 9. April 1974.
  223. Vortrag von 1953, veröffentlicht 1956, in: J. Lacan: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71-169, hier: S. 131, „III. Die Resonanz (résonance) der Interpretation und die Zeit des Subjekts in der psychoanalytischen Technik“.
  224. Vgl. Seminar 16, Sitzung vom 13. November 1968; Version Miller, S. 17.
  225. In Seminar 3 von 1955/56, Die Psychosen.
  226. Seminar 10, Version Miller/Gondek, S. 344-347.
  227. Vgl. die Erläuterung von J.-A. Miller, „D’un corps à la Cantor“, in: ders.: Notice de fil en aiguille, a.a.O., S.211–215, Übersetzung in diesem Kommentar hier.
  228. Sitzung vom 11. März 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 40.
  229. Vgl. Seminar 16, Version Miller, v.a. S. 360.
  230. Vgl. hierzu Lacans Bemerkungen über das Verhältnis von Argumentation und Anschauung (Intuition) in der Mathematik in Seminar 18, Sit­zung vom 17. März 1971; Ver­sion Mil­ler, S. 98-101, in diesem Blogartikel übersetzt.
  231. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 294.
  232. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 42.
  233. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 14. Januar 1975.
  234. Sitzungen vom 17. Dezember 1974, Kleiner-Übersetzung, S. 11; vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 75.
  235. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 75.
  236. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 10. Dezember 1974, Kleiner-Übersetzung, S. 9.
  237. Sitzung vom 15. April 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 65.
  238. Seminar 18, Sitzung vom 12. Januar 1971; meine Übersetzung nach Version Staferla; Version Miller, S. 12 .
  239. J. Lacan: L’étourdit (1973). In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449–495, hier: 478, meine Übersetzung.
  240. Sitzung vom 15. April 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 68.
  241. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 46.
  242. „Dans toute chaîne…  pour vous imaginer la plus simple :    …dans toute chaîne borroméenne, il y a un Un puis un deux.“ (Sitzung vom 13. Mai 1975, zitiert nach Version Staferla.
  243. Seminar 10, Sitzung vom 5. Dezember 1962; Version Miller/Gondek, S. 64.
  244. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 10. Dezember 1975.
  245. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 77.
  246. Sitzung vom 14. Januar 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 20.
  247. Vgl. den Artikel „Realität, psychische“ in: Jean Laplanche, Jean-Baptiste Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 425–427.
  248. Seminar 21, Sitzung vom 19. März 1974; meine Übersetzung nach Version Staferla.
  249. Sitzung vom 15. April 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 69.
  250. Vgl. Erik Porge: Jacques Lacan, un psychanalyste. Érès, Ramonville Saint-Agne 2000, S. 163–168; eine Übersetzung dieser Passage findet man in diesem Blog hier.
  251. Sitzung vom 11. Februar 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 31.
  252. Sitzung vom 13. Mai 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 74.
  253. Vgl. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 245, 250.
  254. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 250.
  255. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971; Version Miller, S. 12.
  256. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 220.
  257. Carl Gustav Jung: Ulysses. Ein Monolog. In: Ders.: Wirklichkeit der Seele. Zürich 1934, S. 132–169, hier: S. 136 und 156 (zuerst in: Europäische Revue 8, 1932, S. 547–568, auch in: Ders.: Gesammelte Werke. Walter-Verlag, Olten 1971, Bd. 15, Über das Phänomen des Geistes in Kunst und Wissenschaft, S. 121–149; im Internet auszugsweise hier). Den Hinweis auf Jung findet man in Michael Turnheims Aufsatz „Lacans sinthome„, in: M. Turnheim: Mit der Vernunft schlafen. diaphanes, Zürich, Berlin 2009, S. 55–75, hier: S. 62.
  258. Sitzung vom 6. Dezember 1961, Version Staferla, S. 81.
  259. J. Lacan: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 819.
  260. A.a.O., S. 195
  261. S. Freud: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum (1904). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Mai 1954, S. 28 f.
  262. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung S. 78.
  263. Sitzung vom 10. Dezember 1974, Kleiner-Übersetzung S. 6.
  264. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung von Seminar 22, S. 74.
  265. Sitzung vom 13. Mai 1975; vgl. Kleiner-Übersetzung von Seminar 22, S. 75.
  266. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 17. Dezember 1974, Kleiner-Übersetzung S. 12.
  267. Sitzung vom 13. März 1975, Kleiner-Übersetzung S. 77 f.
  268. Sitzung vom 11. Februar 1975, Kleiner-Übersetzung S. 31
  269. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung S. 74.
  270. Vgl. Sitzung vom 17. Dezember 1969, Version Miller, S. 32.
  271. Sitzung vom 10. März 1970, Version Miller, S. 120.
  272. Sitzung vom 13. Mai 1975, Kleiner-Übersetzung, S. 72.
  273. Miller, Pièces détachées, a.a.O., Sitzung vom 12. Januar 2005, S. 47.
  274. Geneviève Morel: Le loi de la mère. Essai sur le sinthome sexuel. Economica, Anthropos, Paris 2008, S. 90.
  275. Geneviève Morel: La loi de la mère. Essai sur le sinthome sexuel. Economica u.a., Paris 2008, S. 103, sie wiederholt diese Identifizierung auf S. 110.
  276. Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 97
  277. Vgl. Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 103.
  278. J.-P. Sartre: Die Transzendenz des Ego. In: Ders.: Die Transzendenz des Ego. Philosophische Essays 1931-1939. Rowohlt, Reinbek 1994, S. 39–96, hier: S. 42 f.
  279. Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 101.
  280. A.a.O., S. 110 f.
  281. A.a.O., S. 111.
  282. Vgl. die Zeichnung in Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 108.
  283. Vgl. Miller, Pièces détachées, a.a.O., Sitzung vom 15. Dezember 2004, S. 41.
  284. Sitzung vom 17. Juni 1970, Version Miller, S. 221.
  285. Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 108.
  286. So deutet das Morel, vgl. Morel, La loi de la mère, a.a.O., S. 104.
  287. Vgl. Miller, Pièces détachées; Morel, La loi de la mère.
  288. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975; Übersetzung von Max Kleiner, S. 39-41.
  289. Sitzung vom 11. März 1975.
  290. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 40.
  291. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 11. März 1975: „Der einzige Unterschied zwischen dem Affen und dem Menschen besteht darin, daß der Phallus bei diesem nicht minder konsistiert in dem, was er an Weiblichem hat, als in dem, was er an Männlichem hat – da ein Phallus gleich viel gilt wie seine Abwesenheit.“ (Übersetzung von Max Kleiner S. 40)
  292. Freud, Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 243.
  293. Vgl. Turnheim, a.a.O., S. 61.
  294. Vgl. Miller, Pièces détachées, a.a.O., S. 14.
  295. Vgl. Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes (1925), a.a.O., S. 250.
  296. Seminar 11, Sitzung vom 13. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 184.
  297. Sitzung vom 15. April 1975.
  298. Conférence à Genève sur le symptôme, 4. Oktober 1975. In: Pas-tout Lacan, PDF-Datei auf der Website der École lacanienne de psychanalyse, S. 1672-1685, hier: S. 1677.

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