"Das Sinthom" entziffern

Kommentar zu Lacans Vorlesung vom 18. November 1975

Jeff Wall - Untangling - 1994Fo­to­gra­fie von Jeff Wall, Un­tang­ling, 1994, ge­druckt 2006
Fo­lie in Leucht­kas­ten, 189 x 223,5 cm
Na­tio­nal Gal­le­ry of Vic­to­ria, Mel­bourne

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, „Das Sin­t­hom”

Jac­ques La­can: Se­mi­nar 23 von 1975/76: Le sin­t­home / Das Sin­t­hom

Kom­men­tar von Rolf Nemitz
ge­stützt auf die Tref­fen der Le­se­grup­pe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin ab März 2013

Ei­nen Über­blick über die Kom­men­ta­re zu den ein­zel­nen Sit­zun­gen fin­det man hier, über den ge­sam­ten Kom­men­tar hier.
Eine Über­sicht über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben des Sin­t­hom-Se­mi­nars gibt es hier.

In­halt

Vorlesung vom 18. November 1975

Psychoanalytische Bibliothek - Fenster neben dem Eingang

Psy­cho­ana­ly­ti­sche Bi­blio­thek Ber­lin

Dies ist die zwei­te Fas­sung des Kom­men­tars zu die­ser Sit­zung, ver­öf­fent­licht am 14. April 2015. Die ers­te Fas­sung er­schien, in fünf Tei­len, am 3. April, 25. April, 20. Mai, 7. Au­gust und 2. Sep­tem­ber 2013

1. bis 5. Tref­fen der Le­se­grup­pe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
am 26. März, 23. April, 21. Mai, 25. Juni und 13. Au­gust 2013 in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Bi­blio­thek Ber­lin.

TONAUFNAHME

Die Sei­ten­an­ga­ben in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sta­fer­la-Ver­si­on.

Ers­tes Drit­tel bis „… les deux or­tho­gra­phes le con­cer­nent.“ (S. 5):

Zwei­tes Drit­tel bis „… et par là li­mi­te du dit.“ (S. 7):

Drit­tes Drit­tel:

FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quel­len der La­can-Zi­ta­te

Fran­zö­si­scher Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­geben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Va­ri­an­te vom 28.6.2013, PDF-Da­tei hier. Die Tran­skrip­ti­on wur­de mit der Au­dio­auf­nah­me ver­gli­chen und ge­ring­fü­gig über­ar­bei­tet.

Deut­scher Text
Die Über­set­zung stützt sich auf die Über­set­zung von Se­mi­nar 23 durch Max Klei­ner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, lin­ke Spal­te die­ser Dop­pel­über­set­zung. Klei­ners Über­set­zung wur­de von Rolf Nemitz stark über­ar­bei­tet.

Sei­ten­zah­len

Fran­zö­si­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Ver­si­on Sta­fer­la vom 28.6.2013.

– Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­ga­be von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­si­on von 2005 die Sei­te 83“. Da Mil­ler die Tran­skrip­ti­on re­dak­tio­nell be­ar­bei­tet hat, un­ter­schei­det sich die hier ge­brach­te Tran­skrip­ti­on häu­fig von Mil­lers Aus­ga­be.

Deut­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner..

An­mer­kun­gen
Die An­mer­kun­gen zum fran­zö­si­schen Text be­zie­hen sich auf Fra­gen der Tran­skrip­ti­on.

– Die An­mer­kun­gen zur Über­set­zung lie­fern In­for­ma­tio­nen zum Text ohne Be­zug auf La­cans Theo­rie so­wie Quer­ver­wei­se.

Links in der Über­set­zung
Die Links im deut­schen Text füh­ren zum „La­can-Le­xi­kon“ in die­sem Ar­ti­kel mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu La­cans Theo­rie.

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[11] Voi­là. J’ai an­non­cé sur l’affiche « Le sin­t­home ». (3)

Ich habe auf dem Aus­hang „Das Sin­t­hom“ an­ge­kün­digt.1 (1)

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C’est une fa­çon an­ci­en­ne d’écrire ce qui a été ul­té­ri­eu­re­ment écrit « sym­ptô­me ». (3)

Das ist eine alte Schreib­wei­se für das, was spä­ter „Sym­ptom“ ge­schrie­ben wur­de. (1).

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Si je me suis per­mis de cet­te mo­di­fi­ca­ti­on d’orthographe qui mar­que évi­dem­ment une date, une date qui se trouve être l’injection dans le, le français … ce que j’appelle lalan­gue, lalan­gue mi­en­ne … l’injection de grec … de cet­te lan­gue dont Joy­ce, dans le Por­trait de l’Artiste, émet­t­ait le vœu tout à fait … non, c’est pas dans le Por­trait de l’Artiste, c’est dans le Ulys­ses, dans le Ulys­ses, au pre­mier cha­pit­re : il s’agit de hel­le­ni­se [eng­lisch aus­ge­spro­chen] … d’injecter de même lalan­gue hel­lè­ne, on ne sait pas à quoi, puis­que il ne s’agissait pas du gaé­li­que, en­core qu’il s’agit de l’Irlande, mais que Joy­ce de­vait écri­re en ang­lais. (3)

Wenn ich mir die­se Ab­än­de­rung der Or­tho­gra­fie er­laubt habe, die of­fen­sicht­lich kenn­zeich­nend ist für ein be­stimm­tes Da­tum, für das Da­tum, das hier die Ein­brin­gung in das Fran­zö­si­sche ist – das ich Lalan­gue nen­ne, die mei­ni­ge Spra­che –, die Ein­brin­gung des Grie­chi­schen, die­ser Spra­che, von der Joy­ce sich im Por­trait des Künst­lers ganz und gar wünsch­te – nein, nicht im Por­trait des Künst­lers, son­dern im Ulys­ses, im Ulys­ses im ers­ten Ka­pi­tel, da geht es dar­um, „to hel­le­ni­se“2 – die hel­le­ni­sche Spra­che auch ein­zu­brin­gen in ich-weiß-nicht-was, da es ja nicht um das Gä­li­sche geht3, ob­gleich es um Ir­land geht, aber Joy­ce in Eng­lisch schrei­ben muss­te. (1)

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Qu’il a écrit en ang­lais d’une fa­çon tel­le que … com­me l’a dit quelqu’un dont j’espère qu’il est dans cet­te as­sem­blée, Phil­ip­pe Sollers, dans Tel Quel … ‚ il l’a écrit d’une fa­çon tel­le que lalan­gue ang­lai­se n’existe plus. (3)

Dass er in Eng­lisch ge­schrie­ben hat, auf eine Wei­se, dass, wie je­mand ge­sagt hat, von dem ich hof­fe, dass er in die­ser Ver­samm­lung ist – Phil­ip­pe Sollers, in Tel Quel –, er hat es auf eine sol­che Wei­se ge­schrie­ben, dass die eng­li­sche Lalan­gue / Spra­che nicht mehr exis­tiert. (1)

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Elle avait déjà, je dirai peu de con­si­s­tan­ce, ce qui ne veut pas dire qu’il soit fa­ci­le d’écrire en ang­lais. (3)

Sie hat­te be­reits, wür­de ich sa­gen, we­nig Kon­sis­tenz4, was nicht hei­ßen soll, dass es ein­fach wäre, in Eng­lisch zu schrei­ben. (1)

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Mais Joy­ce, par la suc­ces­si­on d’œuvres | [12] qu’il a écri­tes en ang­lais, y a ajou­té ce quel­que cho­se qui fait dire au même au­teur qu’il faud­rait écri­re l’é.l.a.n.g.u.e.s, l’élangues; l’élangues par où je sup­po­se qu’il en­tend dé­si­gner quel­que cho­se com­me l’élation, cet­te éla­ti­on dont on nous dit que c’est au princi­pe de je ne sais quel sin­t­home que nous ap­pe­lons – en psych­ia­trie – la ma­nie. (3)

Aber Joy­ce hat durch die Fol­ge der Wer­ke, die er in Eng­lisch ge­schrie­ben hat5, ihr je­nes Et­was hin­zu­ge­fügt, das den­sel­ben Au­tor sa­gen lässt, dass man schrei­ben müss­te L Apo­stroph E – L – A – N – G – U – E – S, l’élangues, d’Isprachen6, l’élangues, wo­mit er, wie ich an­neh­me, et­was wie l’élation be­zeich­nen will, je­nen Über­schwang, von dem man uns sagt, er sei der Ur­sprung ei­nes Sin­t­homs, das wir, in der Psych­ia­trie, als Ma­nie be­zeich­nen7. (1 f.)

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C’est bien en ef­fet ce à quoi res­sem­ble sa der­niè­re œu­vre, à sa­voir Fin­ne­gans Wake, cel­le qu’il a si long­temps sou­te­nue pour y at­ti­rer l’attention gé­né­ra­le, cel­le aus­si à pro­pos de quoi j’ai posé dans un temps, au temps où je me suis lais­sé ent­raî­ner à … par une sol­li­ci­ta­ti­on pres­san­te, pres­san­te je dois dire de la part de Jac­ques Au­bert, ici pré­sent et tout aus­si pres­sant, … où je me suis lais­sé ent­raî­ner à in­au­gu­rer, à in­au­gu­rer au tit­re d’un sym­po­si­um Joy­ce. (3)

Eben die­ser äh­nelt tat­säch­lich sein letz­tes Werk, Fin­ne­gans Wake, das er so lan­ge be­trie­ben hat, um die all­ge­mei­ne Auf­merk­sam­keit dar­auf zu len­ken, und im Hin­blick auf das ich sei­ner­zeit be­haup­tet habe, zu der Zeit, als ich mich durch ein drin­gen­des An­su­chen habe hin­rei­ßen las­sen – drin­gend von sei­ten Jac­ques Au­berts, der hier prä­sent und drän­gend / pres­sant ist –, dass ich mich habe dazu hin­rei­ßen las­sen, bei ei­nem Sym­po­si­um Joy­ce ein­zu­füh­ren. (2)

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J’hérite de Freud, bien mal­gré moi, par ce que j’ai énon­cé – de mon temps – ce qui pou­vait être tiré, en bon­ne lo­gi­que, des ba­fouil­la­ges de ceux qu’il ap­pel­ait « sa ban­de ». (3)

Ich be­er­be Freud, ohne dass das ei­gent­lich mei­ne Ab­sicht war, durch das, was ich zu­zei­ten aus­ge­spro­chen habe, das, was in gu­ter Lo­gik dem Ge­stam­mel je­ner ent­nom­men wer­den konn­te, die er „sei­ne Ban­de“ nann­te. (2)

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Je n’ai pas be­soin de les nom­mer, c’est cet­te cli­que qui sui­vait les ré­uni­ons de Vi­en­ne et dont on ne peut pas dire qu’aucun ait sui­vi la voie que j’appelle de bon­ne lo­gi­que. (3)

Ich brau­che sie nicht zu nen­nen. Es ist die Cli­que, die an den Zu­sam­men­künf­ten von Wien teil­nahm8, und von der man nicht sa­gen kann, dass ei­ner von ih­nen dem Weg ge­folgt wäre, den ich gute Lo­gik nen­ne. (2)

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C’est par là qu’en som­me je me suis lais­sé dé­tour­ner de mon pro­jet qui était, cet­te an­née … je vous l’ai an­non­cé l’année der­niè­re … d’intituler ce sé­min­aire du « 4, 5 et 6 ». (4)

Da­durch habe ich mich letzt­lich von mei­nem Vor­ha­ben für die­ses Jahr ab­brin­gen las­sen, näm­lich in die­sem Jahr – ich habe es Ih­nen letz­tes Jahr an­ge­kün­digt – die­ses Se­mi­nar mit „4, 5 und 6“ zu be­ti­teln. (2).

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Je me suis con­ten­té du 4 et je m’enré­jou­is, car le « 4, 5, 6 », j’y au­rais sû­re­ment suc­com­bé. (3)

Ich habe mich mit der 4 be­gnügt, und dar­über freue ich mich, denn der 4, 5, 6 wäre ich si­cher­lich un­ter­le­gen ge­we­sen. (2).

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Ça ne veut pas dire que le 4 dont il s’agit me soit pour au­tant mo­ins lourd. (3)

Das heißt nicht, dass die 4, um die es geht, dar­um für mich we­ni­ger schwer wäre. (2)

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La na­tu­re, dirai-je pour cou­per court, se spé­ci­fie de n’être « pas-une »; d’où le pro­cédé lo­gi­que pour l’aborder. (3)

Die Na­tur, möch­te ich sa­gen, um es kurz zu ma­chen, zeich­net sich da­durch aus, nicht-eine zu sein; von da­her das lo­gi­sche Vor­ge­hen, um sie an­zu­ge­hen. (2 f.)

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Ap­pe­lez9 « na­tu­re » ce que vous ex­clu­ez du fait même de por­ter in­té­rêt à quel­que cho­se … ce quel­que cho­se se dis­tin­guant d’être nom­mé … la na­tu­re par ce pro­cédé ne se ris­que à rien qu’à s’affirmer d’être un pot-pour­ri de hors-na­tu­re. (3)

Nen­nen Sie Na­tur das, was Sie al­lein schon durch die Tat­sa­che, ei­ner Sa­che In­ter­es­se ent­ge­gen­zu­brin­gen, aus­schlie­ßen, wo­bei sich die­se Sa­che da­durch her­vor­hebt, dass sie be­nannt wird: die Na­tur lässt sich durch die­ses Vor­ge­hen le­dig­lich dar­auf ein, sich als Pot­pour­ri von Au­ßer-Na­tur zu be­haup­ten. (3)

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L’avantage de cet énon­cé est que si vous trou­vez … à bien le comp­ter … que le « nom­mer »10 tran­che sur ce qui pa­raît être la loi de la na­tu­re, qu’il n’y ait pas chez lui … je veux dire chez l’homme … de rap­port naturel­lement … sous tou­te ré­ser­ve donc, ce naturel­lement … na­tu­rel­le­ment se­xu­el, vous po­sez lo­gi­que­ment … ce qui se trouve être le cas … que ce n’est pas là un pri­vilège, un pri­vilège de l’homme. (3)

Der Vor­teil die­ser Aus­sa­ge ist, dass, wenn Sie fin­den – um das zu be­rück­sich­ti­gen –, dass, es zu be­nen­nen, dar­über ent­schei­det, was das Na­tur­ge­setz zu sein scheint, dass es bei ihm, ich mei­ne beim Men­schen, kein na­tür­li­ches – mit al­len Ein­schrän­kun­gen also, die­ses „na­tür­lich“ – se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, Sie lo­gi­scher­wei­se be­haup­ten, was ja der Fall ist, dass das kein Vor­recht des Men­schen ist. (3)

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[13] Veil­lez pour­tant à n’aller pas à dire que le sexe n’est rien de na­tu­rel. (3)

Pas­sen Sie je­doch auf, dass Sie nicht auch noch sa­gen, dass das Ge­schlecht nichts Na­tür­li­ches sei. (3)

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Tâchez plu­tôt de sa­voir ce qu’il en est dans chaque cas : de la bac­té­rie à l’oiseau … j’ai déjà fait al­lu­si­on à l’un et à l’autre … de la bac­té­rie à l’oiseau, puis­que ceux-là ont des noms. (3)

Ver­su­chen Sie viel­mehr zu er­fah­ren, wie es in je­den ein­zel­nen Fall da­mit steht, von der Bak­te­rie bis zum Vo­gel – auf bei­de habe ich be­reits an­ge­spielt –, von der Bak­te­rie bis zum Vo­gel, da die­se Na­men ha­ben. (3)

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Re­mar­quons au pas­sa­ge que dans la créa­ti­on dite di­vi­ne … di­vi­ne seu­le­ment en ceci qu’elle se réfè­re à la no­mi­na­ti­on … la bac­té­rie n’est pas nom­mée, et qu’elle n’est pas plus nom­mée quand Dieu, bouf­fon­nant l’homme … l’homme sup­po­sé ori­gi­nel … lui pro­po­se de com­men­cer par dire le nom de chaque bes­tio­le. (3)

Mer­ken wir ne­ben­bei an, dass in der gött­lich ge­nann­ten Schöp­fung, gött­lich al­lein dar­in, dass sie sich auf die Be­nen­nung be­zieht11, das Bak­te­ri­um nicht be­nannt wird, und dass es auch nicht be­nannt wird, als Gott, den Men­schen ver­ul­kend, den als ur­sprüng­lich un­ter­stell­ten Men­schen, ihm vor­schlägt, da­mit an­zu­fan­gen, den Na­men ei­nes je­den Tier­chens zu sa­gen. (3)

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De ce pre­mier – faut bien le dire – dé­con­na­ge, nous n’avons de trace qu’à en con­clu­re qu’Adam … com­me son nom l’indique as­sez, c’est une al­lu­si­on, ça, à « la fonc­tion de l’index » de Peirce … qu’Adam était … se­lon le joke qu’en fait Joy­ce jus­tement … qu’Adam était bien en­ten­du une M’Adam, et qu’il n’a nom­mé les bes­ti­aux que dans la lan­gue / lalan­gue de cel­le-ci, il faut bien le sup­po­ser, puis­que cel­le que j’appellerai l’Evie (e.v.i.e) … l’Evie que j’ai bien le droit d’appeler ain­si puis­que c’est ce que ça veut dire en hé­breu, si tant est que l’hébreu soit une lan­gue : « la mère des vi­vants » … eh bien l’Evie l’avait tout de sui­te, et bien pen­due cet­te lan­gue, puis­que après le sup­po­sé du « nom­mer » par Adam, la pre­miè­re per­son­ne qui s’en sert c’est bien elle, pour par­ler au ser­pent. (3)

Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam12, wie es sein Name zur Ge­nü­ge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­ti­on des In­dex bei Peirce13 –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joy­ce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war14, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer Lalan­gue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die­je­ni­ge, die ich l’Evie (E-V-I-E)15 nen­nen wer­de – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist16: „die Mut­ter der Le­ben­den“ –, also l’Evie hat­te sie so­fort und ziem­lich hän­gend, die­se Sprache/Zunge17, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist die ers­te Per­son, die sich ih­rer be­dient, eben sie: um mit der Schlan­ge zu spre­chen. (3 f.)

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La créa­ti­on dite di­vi­ne se re­dou­ble donc de la par­lo­te, du par­lêt­re com­me je l’ai ap­pelé, par quoi l’Evie fait du ser­pent ce que vous me per­mett­rez d’appeler le, le « ser­re-fes­ses », ul­té­ri­eu­re­ment dé­si­gné com­me fail­le, ou mieux phal­lus, puisqu’il en faut bien un pour fai­re le « faut-pas »18, la « fau­te » dont c’est l’avan­ta­ge de mon sin­t­home de com­men­cer par là : sin en ang­lais veut dire ça, le pé­ché, la pre­miè­re fau­te. (4)

Die so­ge­nann­te gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­re­de19 des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / ser­re-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken­klem­me zu nen­nen20, spä­ter­hin be­zeich­net als Spal­te, oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt21 zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­t­hom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sün­de, die ers­te Schuld.22 (4)

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D’où la né­ces­sité … je pen­se tout de même, à vous voir en aus­si grand nom­bre, qu’il y en a bien quel­ques-uns qui ont déjà en­ten­du mes « ba­teaux » … d’où la né­ces­sité du fait que ne ces­se pas la fail­le qui s’agrandit tou­jours, sauf à sub­ir le ces­se de la cas­tra­ti­on com­me « pos­si­ble ». (4)

Von da­her die Not­wen­dig­keit – ich glau­be doch, wenn ich Sie in so gro­ßer Zahl sehe, dass es wohl ei­ni­ge gibt, die mei­ne Nach­ti­gall be­reits trap­sen ge­hört ha­ben –, von da­her die Not­wen­dig­keit der Tat­sa­che, dass die Spal­te nicht auf­hö­re, wel­che sich stets ver­grö­ßert, au­ßer sie er­lei­det das Auf­hö­ren der Kas­tra­ti­on23 als „mög­lich“. (4)

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Ce pos­si­ble, com­me je l’ai dit … sans que vous le no­tiez, pour ce que moi-même point je ne l’ai noté de n’y pas mett­re la vir­gu­le … ce pos­si­ble, j’ai dit aut­re­fois c’est que c’est ce qui ces­se de s’écrire, mais il y faut mett­re la vir­gu­le : c’est « ce qui ces­se, vir­gu­le, de s’écrire » ou plu­tôt ces­se­rait d’en prend­re le che­min dans le cas où ad­vi­en­drait en­fin ce dis­cours que j’ai évo­qué, tel qu’il ne se­rait pas de sem­blant. (4)

Die­ses Mög­li­che, wie ich ge­sagt habe, ohne dass Sie es be­merkt hät­ten, zu­mal auch ich kei­nes­wegs be­merkt habe, das Kom­ma nicht ge­setzt zu ha­ben, die­ses Mög­li­che, habe ich frü­her ge­sagt, das ist das, was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, aber man muss [im Fran­zö­si­schen] das Kom­ma set­zen, es ist das, was da­durch auf­hört, Kom­ma, dass es ge­schrie­ben wird, oder viel­mehr auf­hö­ren wür­de, die­sen Weg zu neh­men, im Fall, da end­lich der­je­ni­ge Dis­kurs auf­kä­me, den ich als ei­nen sol­chen be­schrie­ben habe, der nicht über den Schein wäre. (4)

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Y-a-t-il im­pos­si­bi­lité que la vé­rité de­vi­en­ne un pro­du­it du sa­voir-fai­re ? (4)

Ist es eine Un­mög­lich­keit, dass die Wahr­heit zu ei­nem Pro­dukt des Kön­nens wird, des Sa­voir-fai­re?24 (4)

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Non ! (4)

Nein. (4).

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Mais elle ne sera alors que mi-dite, s’incarnant d’un S in­di­ce 1 (S1) de si­gni­fi­ant, là où il en faut au mo­ins deux pour que (en pa­rais­se25) l’unique – La femme – à avoir ja­mais été… my­thi­que, en ce sens que le my­the l’a fait sin­gu­liè­re : | [14] il s’agit d’Eve dont j’ai par­lé tout à l’heure …que l’unique – La femme – à avoir ja­mais été in­con­testa­ble­ment pos­sédée, pour avoir goûté du fruit de l’arbre dé­fen­du, ce­lui de la sci­ence. (4)

Aber sie wird dann nur halb­ge­sagt wer­den, sich in ei­nem S In­dex 1, S1, des Si­gni­fi­kan­ten ver­kör­pern, da, wo es min­des­tens zwei braucht, da­mit (dar­aus) die Ein­zig­ar­ti­ge – Die-Frau – (er­scheint), die je ge­we­sen ist – my­thisch in dem Sin­ne, dass der My­thos sie ein­zig­ar­tig ge­macht hat: es han­delt sich um Eva, von der ich ge­ra­de ge­spro­chen habe –, da­mit die Ein­zig­ar­ti­ge – Die-Frau – <er­scheint>, die je­mals un­be­streit­bar be­ses­sen wor­den ist, da sie von der Frucht des ver­bo­te­nen Bau­mes ge­kos­tet hat, dem der Wis­sen­schaft. (4)

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L’Evie donc, n’est pas mor­tel­le plus que So­cra­te. (4)

Die l’Evie also ist nicht sterb­lich, mehr noch als So­kra­tes. (4)

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La femme dont il s’agit est un aut­re nom de Dieu, et c’est en quoi elle n’existe pas, com­me je l’ai dit main­tes fois. (4)

DIE Frau, um die es geht, ist ein wei­te­rer Got­tes­na­me, und in­so­fern exis­tiert sie nicht, wie ich schon häu­fig ge­sagt habe. (4 f.)

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Ici on re­mar­que le côté futé d’Aristote, qui ne veut pas que le sin­gu­lier joue dans sa lo­gi­que. (4)

Hier be­merkt man die ge­wief­te Sei­te von Aris­to­te­les, der nicht will, dass das Ein­zel­ne in sei­ne Lo­gik hin­ein­spielt. (5)

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Con­trai­re­ment à ce qu’il ad­met­t­ait, à ce qu’il ad­met­t­ait dans la­di­te lo­gi­que, il faut dire que So­cra­te n’est pas hom­me, puisqu’il ac­cep­te de mour­ir pour que la cité vive, car il l’accepte, c’est un fait. (4)

Im Ge­gen­satz zu dem, was an­nahm, was er in der be­sag­ten Lo­gik an­nahm, muss man sa­gen, dass So­kra­tes nicht Mensch ist, da er es ak­zep­tiert zu ster­ben, da­mit die Po­lis lebe; denn das ak­zep­tiert er, das ist eine Tat­sa­che.26 (5)

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En plus, ce qu’il faut bien dire, c’est qu’à cet­te oc­ca­si­on, il ne veut pas en­tendre par­ler sa femme. (4)

Dar­über hin­aus muss man wohl auch sa­gen, dass er in die­ser Si­tua­ti­on nicht sei­ne Frau spre­chen hö­ren will.27 (5)

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D’où ma for­mu­le, que je re­la­ve si je puis dire, à vot­re usa­ge, en me ser­vant du μη παντες (mē pan­tes) que j’ai re­le­vé dans l’Or­ga­non… où d’ailleurs je n’ai pas réus­si à le re­trou­ver, mais où quand même, je l’ai bien lu, et même au point que ma fil­le, ici pré­sen­te, l’a poin­té et qu’elle me ju­rait qu’elle me re­trou­ver­ait à quel­le place c’était μη παντες (mē pan­tes) …com­me l’opposition écar­tée – écar­tée par Aris­to­te – à l’Universel du παν (pan), La femme n’est tou­te que sous la for­me dont l’équivoque prend de lalan­gue nôt­re son pi­quant, sous la for­me du « mais pas ça », com­me on dit : « tout, mais pas ça ! ». (4)

Von da­her mei­ne For­mu­lie­rung, die ich, wenn ich so sa­gen darf, zu Ih­rem Ge­brauch noch ein­mal wa­sche, in­dem ich mich des μη παντες (mē pan­tes, nicht alle) be­die­ne, das ich im Or­ga­non28 auf­ge­grif­fen habe, wo es mir üb­ri­gens nicht ge­lun­gen ist, es wie­der­zu­fin­den, wo ich es aber doch wirk­lich ge­le­sen habe, und so­gar mei­ne Toch­ter, die hier an­we­send ist, hat es an­ge­zeigt, und sie hat mir ge­schwo­ren, dass sie für mich wie­der­fin­den wird, an wel­cher Stel­le das war, die­ses μη παντες (mē pan­tes), als der durch Aris­to­te­les bei­sei­te­ge­scho­be­ne Ge­gen­satz zur All­ge­mein­aus­sa­ge des πας (pas, dt.: alle).29 Die Frau ist nur alle in der Ge­stalt, de­ren Äqui­vok sei­nen Reiz aus un­se­rer Lalan­gue zieht, in Ge­stalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), so wie man sagt: Al­les, nur das nicht!30 (5)

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C’était bien la po­si­ti­on de So­cra­te. (4)

Eben das war die Po­si­ti­on von So­kra­tes. (5)

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Le « mais pas ça » c’est ce que j’introduis sous mon tit­re de cet­te an­née com­me le sin­t­home. (4)

Es ist das „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in die­sem Jahr mit mei­nem Ti­tel als das Sin­t­hom ein­füh­re. (5)

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Il y a pour l’instant, pour L’instance de la lett­re tel­le qu’elle s’est ébau­chée à pré­sent… et n’espérez pas mieux, com­me je l’ai dit ce qui en sera plus ef­fi­cace ne fera pas mieux que de dé­pla­cer le sin­t­home, voi­re de le mul­ti­plier …pour L’instance donc, pré­sen­te, il y a le sin­t­home madaquin (La­chen) que j’écris com­me vous voud­rez, m.a.d.a.q.u.i.n après sin­t­home. (4)

Es gibt im Mo­ment für die In­stanz des Buch­sta­bens31, wie sie sich ge­gen­wär­tig ab­zeich­net – und er­hof­fen Sie nichts Bes­se­res, wie ich ge­sagt habe, was da­von noch wirk­sa­mer sein wird, wird nicht mehr tun, als das Sin­t­hom zu ver­schie­ben oder es gar ver­viel­fa­chen –, für die ge­gen­wär­ti­ge In­stanz also gibt es das Sin­t­hom-mas­vo­n­aquin (La­chen), das ich schrei­be, wie Sie möch­ten, M A S V O N A Q U I N nach Sin­t­hom.32 (5)

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Vous savez que Joy­ce en ba­vait as­sez sur ce saint hom­me / sin­t­home. (4)

Sie wis­sen, dass Joy­ce sich ziem­lich über die­sen hei­li­gen Mann / die­ses Sin­t­hom ab­sab­ber­te.33 (5)

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Faut bien dire les cho­ses : pour ce qui est de la phi­lo­so­phie on n’a ja­mais rien fait de mieux, il y a que ça de vrai. (4)

Man muss die Din­ge beim Na­men nen­nen: was die Phi­lo­so­phie an­geht, ist nie­mals et­was Bes­se­res ge­macht wor­den, es ist das ein­zig Wah­re. (5)

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Ça n’empêche pas que Joy­ce… con­sul­tez là-des­sus l’ouvrage de Jac­ques Au­bert …ne s’y re­trouve pas très bien, con­cer­nant le quel­que cho­se à laquel­le il at­ta­che un grand prix, à sa­voir ce qu’il ap­pel­le « le Beau ». (4)

Trotz­dem fin­det sich Joy­ce – kon­sul­tie­ren Sie dazu die Ar­beit von Jac­ques Au­bert34 – nicht sehr gut dar­in zu­recht, hin­sicht­lich ei­ner Sa­che, der er gro­ßen Wert bei­misst, näm­lich des­sen, was er „das Schö­ne“ nennt. (5)

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Il y a dans le sin­t­home madaquin je ne sais quoi qu’il ap­pel­le cla­ri­tas, au­quel Joy­ce sub­sti­tue quel­que cho­se com­me La splendeur de l’Être qui est bien le point fai­ble dont il s’agit. (4)

Es gibt beim Sin­t­hom-Mas­vo­n­aquin ir­gend et­was, das er cla­ri­tas [Klar­heit] nennt, was Joy­ce durch so et­was wie den Glanz des Seins er­setzt, der nun al­ler­dings der schwa­che Punkt ist, um den es geht.35 (5 f.)

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Est-ce une fai­bles­se per­son­nel­le : La splendeur de l’Être ne me frap­pe pas. (4)

Ist das eine per­sön­li­che Schwä­che? Der Glanz des Seins be­ein­druckt mich nicht. (6)

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Et c’est bien en quoi Joy­ce fait dé­choir saint hom­me / le sin­t­home / Saint Thome de son madaqui­nis­me, | [15] et con­trai­re­ment à ce qu’il pour­rait en ap­pa­raît­re, à pre­miè­re vue… à sa­voir son déta­che­ment de la po­li­tique … pro­du­it à pro­pre­ment par­ler ce que j’appellerai le « sint-home Rule ». (4)

Hier­in läßt Joy­ce den hei­li­gen Mann / das Sin­t­hom / den Hei­li­gen Thom sei­nes Mas­vo­n­aqui­nis­mus stür­zen, und – im Ge­gen­satz zu dem, als was es auf den ers­ten Blick er­schei­nen könn­te, näm­lich als sei­ne Ab­wen­dung von der Po­li­tik – bringt er im ei­gent­li­chen Sin­ne das her­vor, das ich die Sin­t­Home-Rule nen­nen wer­de.36 (6).

Freeman''s Journal - zu: "Das Sinthom" entziffernCe « home-rule » que le Freeman’s Jour­nal re­pré­sen­tait se le­vant der­riè­re la Ban­que d’Irlande, ce qui le fait – com­me par ha­sard – se le­ver au Nord-Ou­est… ce qui n’est pas d’usage pour un le­ver de soleil …c’est quand même… mal­gré le grince­ment que nous vo­y­ons à ce su­jet dans Joy­ce …c’est quand même bien le « sin­t­home-roule », le sin­t­home à rou­let­tes que Joy­ce con­joint. (4)

Die­se Home Rule, die das Freeman’s Jour­nal dar­stell­te, wie sie hin­ter der Bank von Ir­land auf­geht, was sie wie durch Zu­fall im Nord­wes­ten auf­ge­hen lässt, was für ei­nen Son­nen­auf­gang nicht üb­lich ist37, ist gleich­wohl, trotz des Knir­schens, das wir bei die­sem The­ma bei Joy­ce se­hen, ist gleich­wohl die Sin­t­Home-Rule, die Sin­t­hom-Rol­le, das Sin­t­hom auf Rol­len38, das Joy­ce zu­sam­men­fügt. (6)

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Il est cer­tain que ces deux ter­mes, on peut les nom­mer au­tre­ment, je les nom­me ain­si en fonc­tion des deux ver­s­ants qui s’offraient à l’art de Joy­ce, le­quel nous oc­cup­e­ra cet­te an­née en rai­son de ce que j’ai dit tout à l’heure : que je l’ai in­tro­du­it et que je n’ai pu fai­re mieux que de le nom­mer ce « sin­t­home » – car il le mé­ri­te – du nom qui lui con­vi­ent en en dé­pla­çant – com­me je l’ai dit – l’orthographe… (5)

Ge­wiss kann man die­se bei­den Aus­drü­cke39 auch an­ders be­nen­nen, ich be­nen­ne sie so in Ab­hän­gig­keit von den bei­den Rich­tun­gen, die sich der Kunst von Joy­ce an­bo­ten, der uns die­ses Jahr auf­grund des­sen be­schäf­ti­gen wird, was ich vor­hin ge­sagt habe, dass ich ihn ein­ge­führt habe und dass ich nichts bes­se­res tun konn­te als ihn die­ses Sin­t­hom / die­sen hei­li­gen Mann zu nen­nen – denn er ver­dient es –, mit dem Na­men, der ihm zu­kommt, in­dem ich, wie ich ge­sagt habe, sei­ne Schreib­wei­se ver­scho­ben habe.40 (6)

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Les deux, les deux or­tho­gra­phes le con­cer­nent. (5)

Bei­de, bei­de Schreib­wei­sen be­tref­fen ihn. (6)

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Mais il est un fait qu’il choi­sit. (5)

Aber es ist eine Tat­sa­che, dass er wählt.41 (6)

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En quoi, il est com­me moi un hé­ré­tique, car hai­re­sis c’est bien là ce qui spé­ci­fie l’hérétique. (5)

Da­mit ist er wie ich ein Hä­re­ti­ker, denn die αἵρεσις (hai­re­sis)42, das ist das, was den Hä­re­ti­ker aus­zeich­net. (6)

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Il faut choi­sir la voie par où prend­re la vé­rité. (5)

Man muss den Weg wäh­len, auf dem die Wahr­heit an­zu­ge­hen ist. (6)

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Ce d’autant plus, que le choix une fois fait, ça n’empêche per­son­ne de le so­u­mett­re à con­fir­ma­ti­on, c’est-à-dire d’être hé­ré­tique de la bon­ne fa­çon, cel­le qui d’avoir bien re­con­nu la na­tu­re du sin­t­home, ne se pri­ve pas d’en user lo­gi­que­ment, c’est-à-dire jusqu’à att­eind­re son Réel au bout de quoi il n’a plus soif. Ouais… (5)

Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den dar­an hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Wei­se hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­t­homs rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat. Ja.43. (6)

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Bien en­ten­du il a fait ça, lui, à vue de nez, car on ne pou­vait plus mal par­tir que lui. (5)

Ge­wiss, er hat das blind der Nase nach ge­macht, denn man konn­te nicht schlech­ter be­gin­nen als er. (6)

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Etre né à Dub­lin, avec un père soû­lo­gra­phe et plus ou mo­ins Fénian/feignant (?)44, c’est-à-dire fa­na­tique, de deux fa­mil­les, car c’est ain­si que ça se pré­sen­te pour tous quand on est fils de deux fa­mil­les, quand il se trouve qu’on se croit mâle par­ce que on a un pe­tit bout de queue. (5)

In Dub­lin ge­bo­ren zu sein mit ei­nem ver­sof­fe­nen45 und mehr oder we­ni­ger „fe­ni­schen” Va­ter46, das heißt ei­nem Fa­na­ti­ker, von zwei Fa­mi­li­en47, denn so stellt es sich für alle dar, wenn man Sohn ist, zwei­er Fa­mi­li­en, wenn man glaubt, männ­lich zu sein, weil man ein Stück­chen Schwanz hat. (6 f.)

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Na­tu­rel­le­ment – par­don­nez-moi ce mot – il en faut plus. (5)

Na­tür­lich – ver­zei­hen Sie mir die­ses Wort48 – braucht man mehr. (7).

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Mais com­me il avait la queue un peu lâche, si je puis dire, c’est son art qui a sup­pléé à sa te­nue phal­li­que. (5)

Weil er aber ei­nen et­was schlap­pen Schwanz hat­te, wenn ich so sa­gen darf49, leis­te­te sei­ne Kunst Er­satz für sei­ne phal­li­sches Hal­tung. (7)

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Et c’est tou­jours ain­si. (5)

Und so ist es im­mer. (7)

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Le phal­lus c’est la con­jonc­tion de ce que j’ai ap­pelé ce pa­ra­si­te… qui est le pe­tit bout de queue en ques­ti­on …c’est la con­jonc­tion de ceci avec la fonc­tion de la pa­ro­le. (5)

Der Phal­lus ist die Zu­sam­men­fü­gung die­ses Pa­ra­si­ten, wie ich ihn ge­nannt habe, also des frag­li­chen Stück­chen Schwanz, er ist die Zu­sam­men­fü­gung von die­sem mit der Funk­ti­on des Spre­chens. (7)

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Et c’est en quoi son art est le vrai répondant de son phal­lus. (5)

Und in­so­fern ist sei­ne Kunst der wah­re Bür­ge für sei­nen Phal­lus.50 (7)

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À part ça, di­sons que c’était un pau­vre hère, et même un pau­vre hé­ré­tique. (5)

Ab­ge­se­hen da­von, sa­gen wir, er war ein ar­mer Tropf (hére), und so­gar ein ar­mer Hä­re­ti­ker. (7)

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Il n’y a de joy­ci­ens à jouir de son hé­ré­sie que dans l’université. (5)

Nur an der Uni­ver­si­tät gibt es Joy­cia­ner, um sei­ne Hä­re­sie51 zu ge­nie­ßen. (7)

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[16] Mais c’est lui qui l’a dé­li­bé­ré­ment vou­lu que s’occupât de lui cet­te en­ge­an­ce. (5)

Aber er selbst hat es ab­sicht­lich so ge­wollt, dass sich die­ser Klün­gel mit ihm be­schäf­ti­ge. (7)

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Le plus fort est qu’il y a réus­si, et au-delà de tou­te me­s­u­re : ça dure et ça du­re­ra en­core. (5)

Das Tolls­te ist, dass es ihm ge­lun­gen ist, und über alle Ma­ßen, es dau­ert schon lan­ge und es wird noch län­ger dau­ern. (7)

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Il en vou­lait pour 300 ans, nom­mé­ment, il l’a dit : Je veux que les uni­ver­si­taires s’occupent de moi pen­dant trois cents ans, et il les aura, pour peu que Dieu ne nous ato­mi­se pas. (5)

Er woll­te es für drei­hun­dert Jah­re, aus­drück­lich, er hat es ge­sagt: „Ich will, dass sich die Uni­ver­si­täts­ge­lehr­ten drei­hun­dert Jah­re lang mit mir be­schäf­ti­gen“52 – und er wird sie ha­ben, so­lan­ge nur Gott uns nicht ato­mi­siert.53 (7)

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Ce Herr*54… car on ne peut pas dire « cet Herr* », c’est in­ter­dit par l’aspiration, ça em­bête même tel­le­ment tout le mon­de que c’est pour ça qu’on dit « le pau­vre hère » …ce Herr* s’est conçu com­me un hero55 : Ste­phen Hero. (5)

Die­ser Herr*, ce Herr* – man kann nicht sa­gen „cet Herr*“ (mit aus­ge­spro­che­nem t), das ver­bie­tet die Aspi­ra­ti­on56, das nervt alle Leu­te so sehr, dass man des­we­gen sagt „le pau­vre hère“, der arme Tropf –, die­ser Herr* hat sich als ein hero57 auf­ge­fasst: Ste­phen Hero.58 (7)

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C’est le tit­re ex­pres­sé­ment don­né pour ce­lui de là où il pré­pa­re le A Por­trait of the ar­tist as a young man. (5)

Das ist der Ti­tel, der für die­sen von da aus aus­drück­lich ge­ge­ben wur­de, wo er A por­trait of the ar­tist as a young man vor­be­rei­tet.59 (7)

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Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man, hg. v. Chester G. AndersonAh ! c’était ce que j’aurais bien so­u­haité que… je l’ai pas em­por­té, c’est trop bête …ce que j’aurais so­u­haité que vous… j’aurais pu au mo­ins vous le mon­trer …que vous le trou­viez et dont, mal aver­ti, je sa­vais que c’était dif­fi­ci­le, et c’est pour ça que je vous pré­cise la fa­çon dont vous de­vez in­sis­ter. (5)

Ah, das war das, wo­von ich mir sehr ge­wünscht hät­te, dass – ich habe es nicht mit­ge­bracht, zu dumm! – das, wo­von ich ge­wünscht hät­te, dass Sie – ich hät­te es Ih­nen zu­min­dest zei­gen kön­nen –, dass Sie es fän­den, und ich wuss­te, dass es, wenn man über we­nig In­for­ma­tio­nen ver­fügt, schwie­rig sein wür­de, und des­halb sage ich Ih­nen ge­nau­er, wie Sie da­nach fra­gen müs­sen.60 (7)

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Mais Ni­co­le Sels, ici pré­sen­te, m’a en­voyé une ba­fouil­le… une lett­re on ap­pel­le ça …ex­trê­me­ment pré­cise où pen­dant deux pa­ges, elle m’explique qu’il est im­pos­si­ble de se le pro­cu­rer. (5)

Aber Ni­co­le Sels61, die hier an­we­send ist, hat mir ei­nen Wisch ge­schickt, ei­nen Brief nennt man das, mit äu­ßerst ge­nau­en An­ga­ben, in dem sie mir zwei Sei­ten lang er­klärt, dass es un­mög­lich ist, es sich zu be­schaf­fen. (7 f.)

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Il est im­pos­si­ble à l’heure ac­tu­el­le d’avoir ce tex­te et ce que j’ai ap­pelé ce cri­ti­cis­me, c’est-à-dire ce qu’un cer­tain nom­bre de per­son­nes, tou­tes uni­ver­si­taires… c’est d’ailleurs une fa­çon d’entrer à l’université, l’université aspi­re les joy­ci­ens, mais en­fin, ils sont déjà en bon­ne place, elle leur don­ne des gra­des …bref, vous ne trou­ver­ez pas ni le… je ne sais pas com­ment ça se pro­non­ce, c’est Jac­ques Au­bert qui va me le dire : est-ce qu’on dit Bibe ou Bibi ?

Jac­ques Au­bert — D’ordinaire, on dit Bibi.

La­can — On dit Bibi ? Bon …vous ne trou­ver pas le Bee­be qui ou­vre la lis­te par un ar­ti­cle sur Joy­ce, je dois dire par­ti­cu­liè­re­ment gra­ti­né, à la sui­te de quoi vous avez Hugh Ken­ner qui à mon avis… peut-être à cau­se du sin­t­home madaquin en ques­ti­on …à mon avis, par­le as­sez bien de Joy­ce. (5)

Zur Zeit ist es un­mög­lich, die­sen Text zu be­kom­men und das, was ich den Kri­ti­zis­mus62 ge­nannt habe, näm­lich das, was eine ge­wis­se An­zahl von Per­so­nen, al­les Uni­ver­si­täts­leu­te – das ist im üb­ri­gen eine Wei­se, an die Uni­ver­si­tät zu ge­lan­gen, die Uni­ver­si­tät saugt die Joy­cia­ner an, aber schließ­lich sind sie schon an der rich­ti­gen Stel­le, sie gibt ih­nen Dienst­gra­de –, kurz, Sie fin­den we­der den, ich weiß nicht, wie das aus­ge­spro­chen wird, Jac­ques Au­bert wird es mir sa­gen: sagt man „bi-bee“ oder „bi-bi“?63

Jac­ques Au­bert: Für ge­wöhn­lich sagt man „bi-bi“.

La­can: Sie fin­den nicht den Bee­be, der die Lis­te mit ei­nem Ar­ti­kel über Joy­ce an­führt, der, ich muss schon sa­gen, obers­te Sah­ne ist64, da­nach ha­ben Sie Hugh Ken­ner, der mei­ner Mei­nung nach, viel­leicht auf­grund des frag­li­chen Sin­t­hom-Mas­vo­n­aquin, der mei­ner Mei­nung nach ziem­lich gut über Joy­ce spricht.65 (8)

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Et il y en a d’autres jusqu’à la fin, dont je re­g­ret­te que vous ne puis­siez pas dis­po­ser. (5)

Und es gibt bis zum Ende hin an­de­re, bei de­nen ich be­dau­re, dass Sie nicht dar­über ver­fü­gen kön­nen.66 (8)

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À la vé­rité c’est un « pas-de-clerc », que j’aie… c’est le cas de le dire …que j’aie mis cet­te pe­ti­te note en pe­tits ca­rac­tè­res… je les ai fait ra­pe­tis­ser, Dieu mer­ci …que j’aie fait cet­te note en pe­tits ca­rac­tè­res. (5)

In Wahr­heit habe ich wie ein No­vi­ze67 – das kann man wirk­lich sa­gen – die­se klei­ne An­mer­kung in klei­ne Buch­sta­ben ge­setzt – ich habe sie ver­klei­nern las­sen, Gott­sei­dank, dass ich die­se An­mer­kung in klei­nen Buch­sta­ben ge­macht habe.68 (8)

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Il faud­rait que vous vous ar­ran­giez avec Ni­co­le Sels pour vous en fai­re fai­re une sé­rie de pho­to­co­pies. (5)

Sie müss­ten sich mit Ni­co­le Sels ver­stän­di­gen, um sich eine Rei­he von Fo­to­ko­pi­en ma­chen zu las­sen.69 (8)

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Com­me je pen­se que dans le fond il y en a pas tel­le­ment qui, l’anglais… sur­tout l’anglais de Joy­ce …so­i­ent prêts, je veux dire pa­rés pour le par­ler, ça ne fera quand même qu’un pe­tit nom­bre. (5)

Da ich den­ke, dass es im Grun­de nicht so vie­le gibt, die das Eng­li­sche, be­son­ders das Eng­lisch von Joy­ce, in der Lage sind, ich mei­ne ge­wapp­net sind zu spre­chen, wird es ja wohl nur eine klei­ne Zahl wer­den. (8)

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Mais en­fin il y aura évi­dem­ment de l’émulation, et une ému­la­ti­on – mon Dieu – lé­giti­me, | [17] par­ce que Le Por­trait de l’Artiste ou plus ex­ac­te­ment Un Por­trait de l’Artiste, de l’Artiste qu’il faut écri­re en y met­tant tout l’accent sur le « le » qui bien sûr en ang­lais n’est pas tout à fait not­re ar­ti­cle dé­fi­ni à nous; mais on peut fai­re con­fi­an­ce à Joy­ce : s’il a dit « le » c’est bien qu’il pen­se que d’artiste, c’est lui le seul, que là il est sin­gu­lier. (6)

Aber schließ­lich wird es of­fen­bar Nach­ei­fe­rung ge­ben, und eine, mein Gott, le­gi­ti­me Nach­ei­fe­rung, weil Das Por­trät des Künst­lers, oder ge­nau­er Ein Por­trät des Künst­lers, des Künst­lers, den man schrei­ben muss, in­dem man den gan­zen Ak­zent auf das „des“ setzt, das im Eng­li­schen na­tür­lich nicht ganz und gar un­ser be­stimm­ter Ar­ti­kel ist; aber man kann Joy­ce ver­trau­en: wenn er „des” ge­sagt hat, dann weil er denkt, dass er der al­lei­ni­ge Künst­ler ist, dass er dar­in ein­zig­ar­tig ist.70 (8)

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« As » a Young Man, c’est très su­spect, car en français, ça se tra­du­i­rait par « com­me », au­tre­ment dit, ce dont il s’agit c’est du com­ment. (6)

As“ a young man, das ist ganz su­spekt, denn im Fran­zö­si­schen wäre das durch com­me (als, wie) zu über­set­zen, an­ders ge­sagt, es geht um das com­ment.71 (8 f.)

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Le français là-des­sus est, est in­di­ca­tif, est in­di­ca­tif de ceci : c’est que quand on par­le « com­me » en se ser­vant d’un ad­ver­be, quand on dit : réel­le­ment, men­ta­le­ment, hé­roïque­ment, l’adjonction de ce ment est déjà en soi suf­fi­sam­ment in­di­ca­ti­ve, in­di­ca­ti­ve de ceci : c’est qu’on ment. (6)

Das Fran­zö­si­sche ist in die­ser Hin­sicht sehr auf­schluss­reich, dar­über, dass, wenn man von „com­me“ spricht, in­dem man sich ei­nes Ad­verbs be­dient, wenn man sagt re­al­er­wei­se72, men­ta­ler­wei­se73, he­roi­scher­wei­se74, die An­fü­gung die­ses „-wei­se“, -ment, an sich schon ge­nü­gend dar­über Auf­schluss gibt: dass man weis macht, dass man lügt, ment.75 (9)

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Il y a du, il y a du men­son­ge in­di­qué dans tout ad­ver­be, et ce n’est pas là ac­ci­dent. (6)

In je­dem Ad­verb wird, wird eine Lüge an­ge­zeigt, und das ist kein Zu­fall. (9)

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Quand nous in­ter­pré­tons, nous de­vons y fai­re at­ten­ti­on. (6)

Wenn wir deu­ten, müs­sen wir dar­auf acht­ge­ben.76 (9)

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Quelqu’un qui n’est pas très loin de moi, fai­sait la re­mar­que à pro­pos de la lan­gue en tant qu’elle dé­si­gne l’instrument de la pa­ro­le, que c’était aus­si la lan­gue qui por­tait les pa­pil­les di­tes du goût. (6)

Je­mand, der mir nicht sehr fer­ne steht, mach­te die Be­mer­kung hin­sicht­lich der Zun­ge, in­so­fern sie das Werk­zeug des Spre­chens be­zeich­net, dass es eben­falls die Zun­ge ist, die die so­ge­nann­ten Ge­schmacks­pa­pil­len trägt.77 (9)

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Eh bien, je lui ré­tor­quer­ai que c’est pas pour rien que « ce qu’on dit ment » / « ce con­di­ment » . ( La­chen ). (6)

Nun, ich er­wi­de­re ihm hier­mit, dass es nicht um­sonst so ist, dass, „ce qu’on dit ment“, was man sagt, lügt / „ce con­di­ment“, die­ses Ge­würz.78 (La­chen) (9)

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Vous avez la bon­té de ri­go­ler ( La­chen ), mais c’est pas drô­le. (6)

Sie ha­ben die Güte zu la­chen (La­chen), aber das ist nicht ko­misch. (9)

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Car en fin de comp­te nous n’avons que ça com­me arme cont­re le sym­ptô­me : l’équivoque. (6)

Denn letzt­lich ha­ben wir als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom nur dies: die Äqui­vo­ka­ti­on. (9)

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Il ar­ri­ve que je me paie le luxe de… de « con­trô­ler » on ap­pel­le ça, un cer­tain nom­bre, un cer­tain nom­bre de gens qui se sont au­to­ri­sés eux-mê­mes – se­lon ma for­mu­le – à être analys­tes. (6)

Es kommt vor, dass ich mir den Lu­xus leis­te, eine ge­wis­se An­zahl von Leu­ten zu kon­trol­lie­ren79 – wie man das nennt –, von Leu­ten, die sich selbst, ge­mäß mei­ner For­mu­lie­rung, au­to­ri­siert ha­ben, Ana­ly­ti­ker zu sein. (9)

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Il y a deux étapes : Il y a une étape où ils sont com­me les rhi­no­cé­ros : ils font à peu près n’importe quoi et je les ap­prouve tou­jours. (6)

Es gibt zwei Pha­sen: es gibt eine Pha­se, auf der sie wie die Nas­hör­ner sind80: sie ma­chen so­zu­sa­gen ir­gend­was, und ich stim­me ih­nen im­mer zu. (9)

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Ils ont en ef­fet tou­jours rai­son. (6)

Sie ha­ben tat­säch­lich im­mer recht.81 (9)

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La deu­xiè­me étape con­sis­te à jou­er de cet­te équi­vo­que qui pour­rait li­bé­rer du sin­t­home, car c’est uni­que­ment par l’équivoque que l’interprétation opè­re. (6)

Die zwei­te Pha­se be­steht dar­in, mit die­ser Äqui­vo­ka­ti­on zu spie­len, das vom Sin­t­hom be­frei­en könn­te, denn die Deu­tung wirkt ein­zig und al­lein durch die Äqui­vo­ka­tion. (9)

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Il faut qu’il y ait quel­que cho­se dans le si­gni­fi­ant qui ré­son­ne. (6)

Es ist nö­tig, dass es im Si­gni­fi­kan­ten et­was gibt, das re­so­niert, das Re­so­nanz gibt.82 (9)

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Il faut dire que on est sur­pris que les phi­lo­so­phes ang­lais, ça ne leur soit nul­le­ment ap­pa­ru. (6)

Man muss sa­gen, dass man er­staunt ist, dass das den eng­li­schen Phi­lo­so­phen über­haupt nicht auf­ge­fal­len ist. (9)

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Je les ap­pel­le phi­lo­so­phes par­ce que ce ne sont pas des psy­chana­lys­tes. (6)

Ich nen­ne sie Phi­lo­so­phen, weil das kei­ne Psy­cho­ana­ly­ti­ker sind. (9)

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Ils cro­i­ent dur com­me fer à ce que la pa­ro­le ça n’a pas d’effet. (6)

Sie glau­ben fel­sen­fest dar­an, dass das Spre­chen kei­ne Wir­kung hat. (9)

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Ils ont tort. (6)

Sie ha­ben un­recht. (9)

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Ils s’imaginent qu’il y a des pul­si­ons, et en­core quand ils veu­lent bien ne pas tra­du­i­re pul­si­on par in­stinct, ils ne s’imaginent pas que les pul­si­ons c’est l’écho dans le corps du fait qu’il y a un dire. (6)

Sie stel­len sich vor, dass es Trie­be gibt, und ob­wohl sie „Trieb“ durch­aus nicht mit „In­stinkt“ über­set­zen wol­len83, stel­len sie sich nicht vor, dass die Trie­be das Echo im Kör­per der Tat­sa­che sind, dass es ein Sa­gen gibt. (9)

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Mais que ce dire, pour qu’il ré­son­ne, pour qu’il con­son­ne … pour em­ploy­er un aut­re mot du Saint Tho­mas d’Aquin … pour qu’il con­son­ne, il faut que le corps y soit sen­si­ble, et qu’il l’est, c’est un fait. (6)

Da­mit aber die­ses Sa­gen, da­mit es re­so­nie­re, Re­so­nanz gebe, da­mit es kon­so­nie­re, um ein wei­te­res Wort des Hei­li­gen Tho­mas von Aquin zu ver­wen­den, da­mit es kon­so­nie­re84, da­für ist es nö­tig, dass der Kör­per sen­si­bel da­für ist, und dass er es ist, das ist eine Tat­sa­che. (9 f.)

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C’est par­ce que le corps a quel­ques ori­fices dont le plus im­portant… dont le plus im­portant par­ce qu’il peut pas se bou­cher, se clo­re …dont le plus im­portant est l’oreille, par­ce qu’il peut pas se fer­mer, que c’est à cau­se de ça que répond dans le corps ce que j’ai ap­pelé la voix. (6)

Weil der Kör­per ei­ni­ge Öff­nun­gen hat, de­ren wich­tigs­te – de­ren wich­tigs­te, weil sie nicht, weil sie nicht ver­stopft, nicht ge­schlos­sen wer­den kann –, de­ren wich­tigs­te das Ohr ist, weil es nicht ver­schlos­sen85, nicht zu­ge­macht wer­den kann, aus die­sem Grun­de ant­wor­tet im Kör­per das, was ich die Stim­me ge­nannt habe. (10)

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[18] L’embarrassant est as­su­ré­ment qu’il n’y a pas que l’oreille, et que lui fait une con­cur­rence émi­nen­te le re­gard. (6)

Das Stö­ren­de da­bei ist si­cher­lich, dass es nicht nur das Ohr gibt und dass der Blick ihm star­ke Kon­kur­renz macht.86 (10)

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More geo­me­tri­co, à cau­se de la for­me chè­re à Pla­ton, l’individu se pré­sen­te com­me il est fou­tu : com­me un corps. (6)

More geo­me­tri­co87 – auf Grund der Form, die Pla­ton so schätz­te88, er­weist sich das In­di­vi­du­um so, wie es ge­baut ist: als ein Kör­per. (10)

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Ce corps a une puis­sance de cap­ti­va­ti­on qui est tel­le que, jusqu’à un cer­tain point, c’est les aveu­gles qu’il faud­rait en­vier. (6)

Die­ser Kör­per hat eine sol­che fes­seln­de Kraft, dass, bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, die Blin­den zu be­nei­den wä­ren (10)

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Com­ment est-ce qu’un aveug­le, si tant est qu’il se ser­ve du braille, peut lire Eu­cli­de ? (6)

Wie kann ein Blin­der, wenn er sich des Braille be­dient, Eu­klid le­sen?89 (10)

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L’étonnant est ceci que je vais énon­cer, c’est que la for­me ne li­v­re que le sac, ou si vous vou­lez la bul­le. (6)

Das Er­staun­li­che ist dies, was ich sa­gen wer­de, dass die Form nur den Sack lie­fert, oder, wenn Sie so wol­len, die Bla­se.90 (10)

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Elle est quel­que cho­se qui se gon­f­le, et dont j’ai déjà dit les ef­fets à pro­pos de l’obsessionnel, qui en est féru plus qu’un aut­re. (6)

Sie ist et­was, das sich auf­bläst und des­sen Wir­kun­gen ich schon ge­nannt habe, hin­sicht­lich des Zwangs­neu­ro­ti­kers, der mehr als an­de­re da­von be­ses­sen ist.91 (10)

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L’obsessionnel… ai-je dit, quel­que part, on me l’a rap­pelé ré­cem­ment …c’est quel­que cho­se de l’ordre de la gre­nouil­le qui veut se fai­re aus­si gros­se que le boeuf. (6)

Der Zwangs­neu­ro­ti­ker – habe ich ir­gend­wo ge­sagt, man hat mich kürz­lich dar­an er­in­nert – ist et­was von der Art des Fro­sches, der sich ge­nau­so groß wie der Och­se ma­chen will.92 (10)

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On en sait les ef­fets, par une fab­le. (6)

Die Aus­wir­kun­gen sind be­kannt, aus ei­ner Fa­bel.93 (10)

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Il est par­ti­cu­liè­re­ment dif­fi­ci­le, on le sait, d’arracher l’obsessionnel à cet­te em­pri­se du re­gard. (6)

Es ist be­kannt­lich be­son­ders schwie­rig, den Zwangs­neu­ro­ti­ker die­sen Fän­gen des Blicks zu ent­rei­ßen. (10).

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Le sac, en tant qu’il s’imagine dans la théo­rie de l’ensemble, tel­le que l’a fon­dée Can­tor, se ma­ni­fes­te, voi­re se dé­mont­re… si tou­te dé­mons­tra­ti­on est te­nue pour dé­mon­trer l’imaginaire qu’elle im­pli­que …ce sac – dis-je – mé­ri­te d’être con­no­té d’un am­bi­gu de un et de zéro, seul sup­port adéquat de ce à quoi con­fi­ne l’ensemble vide qui s’impose dans cet­te théo­rie. (6)

Der Sack, wie er in der Men­gen­leh­re ima­gi­niert wird, so wie Can­tor94 sie be­grün­det hat95, wird ma­ni­fest, ja gar be­wie­sen, wenn je­der Be­weis auf­ge­fasst wird als das in ihm ent­hal­te­ne Ima­gi­nä­re be­wei­send96, die­ser Sack, sage ich, ver­dient es kon­no­tiert zu wer­den mit ei­ner Am­bi­gui­tät von Eins und Null, dem ein­zi­gen Trä­ger, der dem an­ge­mes­sen ist, an das die lee­re Men­ge grenzt, die sich in die­ser Theo­rie auf­zwingt. (10).

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D’où not­re scrip­ti­on : S in­di­ce 1 ( S1 ), je precise, qu’elle se lit com­me ça; elle fait pas l’un, mais elle l’indique com­me pou­vant ne rien con­tenir, être un sac vide. (6)

Von da­her un­se­re Schreib­wei­se „S In­dex 1“, S1, ich prä­zi­sie­re, dass sie so ge­le­sen wird; sie bil­det nicht die Eins, aber sie ver­weist auf sie als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, das ein lee­rer Sack sein kann. (10).

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Il n’en res­te pas mo­ins qu’un sac vide res­te un sac, soit l’un qui n’est ima­gin­ab­le que d e l’ex-sistence et de la con­si­s­tan­ce qu’a le corps, qu’a le corps d’être pot / peau. (6)

Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sis­tenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist.97 (10 f.)

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Il faut les tenir… cet­te ex-sis­tence et cet­te con­sis­tence …pour réel­les, puis­que le Réel c’est de les tenir. (6)

Sie müs­sen für real ge­hal­ten wer­den, die­se Ex-sis­tenz und die­se Kon­sis­tenz, da das Rea­le ist, sie zu hal­ten. (11).

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D’où le mot Be­griff qui veut dire ça. (6)

Von da­her das Wort Be­griff, das eben dies be­deu­tet.98 (11).

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L’Imaginaire mont­re ici son ho­mo­gé­néité au Réel, et qu’elle ne ti­ent – cet­te ho­mo­gé­néité – qu’au fait du nom­bre, en tant qu’il est bin­aire, 1 ou 0, c’est-à-dire qu’il ne sup­por­te le deux que de ce qu’1 ne soit pas 0, qu’il ex-sis­te au 0, mais n’y con­sis­te en rien. (6)

Das Ima­gi­nä­re zeigt hier sei­ne Ho­mo­ge­ni­tät mit dem Rea­len, und dass sie, die­se Ho­mo­ge­ni­tät, nur von dem Fak­tum der Zahl ab­hängt, in­so­fern die­se bi­när ist, Eins oder Null, das heißt, dass sie99 die Zwei nur da­durch stützt, dass Eins nicht Null ist, dass sie der Null ex-sis­tiert, je­doch hier in nichts konsis­tiert. (11).

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C’est ain­si que la théo­rie de Can­tor doit re­par­tir du coup­le, mais qu’alors l’ensemble y est tiers. (6)

Auf die­se Wei­se muss Can­tors Theo­rie wie­der vom Paar aus­ge­hen, zu dem dann aber die Men­ge hier das Drit­te ist.100 (11).

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De l’ensemble pre­mier à ce qui est l’autre101, la jonc­tion ne se fait pas. (6)

Von der ers­ten Men­ge zu dem, was das an­de­re ist, stellt sich die Ver­bin­dung nicht her.102 (11).

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C’est bien en quoi le sym­bo­le en re­met sur l’imaginaire, lui a l’indice 2 ( S2 ), c’est-à-dire qu’indiquant qu’il est coup­le, il in­tro­du­it la di­vi­si­on dans le su­jet – quel qu’il soit – de ce qui s’y énon­ce « de fait », le « fait » restant sus­pen­du à l’énigme de l’énonciation qui n’est que « fait » fer­mé sur lui : le fait du fait… com­me on l’écrit …le fait/faîte du fait [das ers­te „fait“ mit aus­ge­spro­che­nem t] | [19] ou le fait du fait/faîte/faites [das zwei­te „fait“ mit aus­ge­spro­che­nem t] 103… com­me ça se dit104 …égaux en fait [mit aus­ge­spro­che­nem t], équi­vo­ques et équi­va­lents, et par là li­mi­te du dit. (7)

In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­nä­re ei­nen drauf­setzt, hat es, das Sym­bol, den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spal­tung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich dar­in de fac­to aus­sagt, wo­bei das Fak­tum vom Rät­sel des Aus­sa­ge­vor­gangs ab­hän­gig bleibt, der nur ein in sich ge­schlos­se­nes Fak­tum ist, das Fakt des Fakts, der Gip­fel an Tat­sa­che oder die Tat­sa­che des Ge­tan­wor­den­seins, Äqui­vo­ke und Äqui­va­len­te und von da­her Gren­ze des Ge­sag­ten. (11)

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L’inouï est que les hom­mes ai­ent très bien vu que le sym­bo­le ne pou­vait être qu’une piè­ce cas­sée, et ce – si je puis dire – de tous temps, mais qu’ils n’aient pas vu à l’époque… à l’époque de ce tous temps …que cela com­por­tait l’unité et la ré­cipro­cité du si­gni­fi­ant et du si­gni­fié, con­séquem­ment que le si­gni­fié d’origine ne veut rien dire, qu’il n’est qu’un si­gne d’arbitrage ent­re deux si­gni­fi­ants, mais de ce fait pas d’arbitraire pour le choix de ceux-ci. (7)

Das Un­er­hör­te ist, dass die Men­schen zwar sehr deut­lich ge­se­hen ha­ben, dass das Sym­bol nur ein zer­bro­che­nes Stück sein konn­te105, und dies, wenn ich so sa­gen darf, zu al­ler Zeit, dass sie aber zu der Zeit, zur Zeit die­ses zu al­ler Zeit, nicht ge­se­hen ha­ben, dass dies Ein­heit und Re­zi­pro­zi­tät von Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat mit sich führ­te106 und als Kon­se­quenz, dass das ur­sprüng­li­che Si­gni­fi­kat nichts be­sagt, dass es nur ein Zei­chen der Ar­bi­tra­ge zwi­schen zwei Si­gni­fi­kan­ten ist, und da­durch kein Ar­bi­trä­res für de­ren Wahl.107 (11)

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Il n’y a d’um­pi­reum­pi­re pour le dire en ang­lais, c’est com­me ça que Joy­ce l’écrit …qu’à par­tir de l’empire, de l’imperium sur le corps, com­me tout en por­te la mar­que dès l’ordalie. (7)

Es gibt ei­nen um­pi­re [eng­lisch für „Schieds­rich­ter“] – um­pi­re, um es auf Eng­lisch zu sa­gen, so schreibt es Joy­ce108 – nur aus­ge­hend vom em­pi­re, vom Im­pe­ri­um über den Kör­per, wie al­les des­sen Mar­kie­rung trägt, vom Ord­al an. (11)

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Ici, le un con­fir­me son déta­che­ment d’avec le deux. (7)

Hier be­stä­tigt die Eins ihre Ab­lö­sung von der Zwei.109 (11)

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Il ne fait trois que par for­ça­ge ima­gin­aire, ce­lui qui im­po­se qu’une vo­lon­té sug­gè­re à l’un de mo­les­ter l’autre, sans être lié à au­cun. Ouais…(7)

Sie bil­det eine Drei nur durch ima­gi­nä­res Auf­het­zen, das­je­ni­ge, das dazu nö­tigt, dass ein Wil­le dem ei­nen na­he­legt, den an­de­ren zu be­läs­ti­gen, ohne an ir­gend­ei­nen der bei­den ge­bun­den zu sein. Nun ja. (12).

Wappen der Familie Borromeo

Wap­pen der Fa­mi­lie Borromeo[note]Quelle: Wi­ki­me­dia Commons.[/note]

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Pour que la con­di­ti­on fût ex­pres­sé­ment po­sée de ce qu’à par­tir de trois an­ne­aux, on fît une chaî­ne tel­le que la rup­tu­re d’un seul ren­dît – l’un de l’autre – les deux au­tres li­bres, quels qu’ils fus­sent… car dans une chaî­ne l’anneau du mi­lieu, si je puis dire de cet­te fa­çon ab­ré­gée, réa­li­se ça : les deux au­tres li­bres, quels qu’ils fus­sent …il a fal­lu qu’on s’aperçût que c’était in­scrit aux ar­moi­ries des Bor­ro­mée, que le nœud – de ce fait dit bor­ro­méen – était déjà là sans que per­son­ne se fût avi­sé d’en ti­rer con­séquence. (7)

Ausschnitt aus dem Borromäer-Wappen

Aus­schnitt aus dem Bor­ro­meo-Wap­pen

Da­mit die Be­din­gung aus­drück­lich ge­stellt wer­de, dass man aus­ge­hend von drei Rin­gen eine Ver­schlin­gung bil­de der­ge­stalt, dass das Zer­rei­ßen ei­nes ein­zi­gen be­lie­bi­gen die bei­den an­de­ren von­ein­an­der be­freie, wel­che sie auch sei­en – denn in ei­ner Ver­schlin­gung wird dies, wenn ich das in die­ser ver­kür­zen­den Wei­se sa­gen darf, durch den mitt­le­ren Ring rea­li­siert –, die bei­den an­de­ren von­ein­an­der be­freie, wel­che sie auch sei­en, muss­te man erst be­mer­ken, dass dies in das Wap­pen der Bor­ro­mä­er ein­ge­schrie­ben war, dass der auf­grund des­sen bor­ro­mä­isch ge­nann­te Kno­ten schon da war, ohne dass je­mand sich hät­te ein­fal­len las­sen, dar­aus die Kon­se­quen­zen zu zie­hen. (12)

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C’est bien là, c’est bien là que gît ceci : que c’est une err­eur de pen­ser que ce soit une nor­me pour le rap­port de trois fonc­tions qui n’existent… l’une à l’autre dans leur ex­er­ci­ce …que chez l’être qui de ce fait se croit être hom­me. (7)

Borromäischer Dreierknoten -Version Miller S

Bor­ro­mäi­sche Rin­ge mit Zu­ord­nung zum Rea­len (R), Ima­gi­nä­ren (I) und Sym­bo­li­schen (S)[note]Quelle: Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 20.[/note]

Eben hier­an, ja eben hier­an liegt es, dass es ein Irr­tum ist zu den­ken, das sei eine Norm für das Ver­hält­nis von drei Funk­tio­nen, die in ih­rer Aus­übung zu­sam­men nur bei dem We­sen exis­tie­ren, das aus die­sem Grun­de glaubt, Mensch zu sein. (12).

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Ce n’est pas que so­i­ent rom­pus le Sym­bo­li­que, l’Imaginaire et le Réel qui dé­fi­nit la per­ver­si­on, c’est que ils sont déjà dis­tinc­tes110, et qu’il en faut sup­po­ser un qua­triè­me… qui est le sin­t­home en l’occasion …qu’il faut sup­po­ser té­tra­di­que ce qui fait le lien bor­ro­méen, que « per­ver­si­on » ne veut dire que « ver­si­on vers le père », et qu’en som­me le père est un sym­ptô­me ou un sin­t­home, com­me vous le voud­rez. (7)

Nicht dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le zer­ris­sen sei­en, de­fi­niert die Per­ver­si­on, son­dern dass sie schon un­ter­schie­den sind, und dass man ein Vier­tes un­ter­stel­len muss, das hier­bei das Sin­t­hom ist, dass man das, was das bor­ro­mäi­sche Band aus­macht, als te­tra­disch un­ter­stel­len muss, dass „Per­ver­si­on“ nichts an­de­res be­sagt als „Wen­dung zum Va­ter“, und dass der Va­ter al­les in al­lem nur ein Sym­ptom ist, oder ein Sin­t­hom / ein saint hom­me, ganz wie Sie möch­ten. (12)

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L’ex-sistence du sym­ptôme c’est ce qui est im­pli­qué par la po­si­ti­on même, cel­le qui sup­po­se ce lien – de l’Imaginaire, du Sym­bo­li­que et du Réel – énig­ma­tique. (7)

Die Ex-sis­tenz des Sym­ptoms ist das, was von der Po­si­ti­on im­pli­ziert wird, der­je­ni­gen, die je­nes rät­sel­haf­te Band des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len un­ter­stellt. (12)

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[20] Si vous trou­vez quel­que part… je l’ai déjà des­si­né …ceci qui sché­ma­tise le rap­port de l’Imaginaire, du Sym­bo­li­que et du Réel en tant que sé­pa­rés l’un de l’autre, vous avez déjà, dans mes pré­cé­den­tes fi­gu­ra­ti­ons, mis à plat leur rap­port, la pos­si­bi­lité de les lier – par quoi ? – Par le sin­t­home. (7)

Borromäische Viererknoten - Miller 2005 S 21

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung von vier Ringen[note]Abbildung aus: Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler 2005, S. 21.[/note]

Wenn Sie ir­gend­wo – ich habe es be­reits ge­zeich­net – das fin­den, was das Ver­hält­nis des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len sche­ma­tisch dar­stellt, in­so­fern sie von­ein­an­der ge­trennt sind, dann ha­ben Sie be­reits in mei­nen frü­he­ren fi­gür­li­chen Dar­stel­lun­gen, in der Plät­tung ih­rer Be­zie­hun­gen, die Mög­lich­keit, sie durch was zu ver­bin­den? durch das Sin­t­hom. (12)

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Si j’avais ici un craie de cou­leur…
Glo­ria Gon­zá­lez — De quel­le cou­leur vous la vou­lez ?
Com­ment ?

Glo­ria Gon­zá­lez — De quel­le cou­leur ?
Rouge, si vous le vou­lez bien. Vous êtes vrai­ment trop gen­til­le. (7)

La­can: Wenn ich hier eine far­bi­ge Krei­de hät­te …

Glo­ria Gon­zá­lez111: In wel­cher Far­be möch­ten Sie sie?

La­can: Wie?

Gon­zá­lez: In wel­cher Far­be?

La­can: Rot, wenn das mög­lich ist. Sie sind wirk­lich zu freund­lich. (12 f.)

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Tout dé­pend de ceci : C’est que à ra­batt­re ce grand S… c’est-à-dire ce qui s’affirme de la con­si­s­tan­ce du Sym­bo­li­que …à le ra­batt­re, com­me il est plau­si­ble, je veux dire of­fert, à le ra­batt­re d’une fa­çon qui se trace ain­si, vous avez… si cet­te fi­gu­re est cor­rec­te, je veux dire que glis­sant sous le Réel, c’est évi­dem­ment aus­si sous l’Imaginaire qu’il doit se trou­ver, à ceci près qu’ici, c’est sur le Sym­ptô­ma­tique qu’il doit pas­ser …vous vous trou­vez dans la po­si­ti­on sui­v­an­te, c’est qu’à par­tir de quat­re, ce qui se fi­gu­re est ceci : [nicht ge­spro­chen, ver­mut­lich auf der Ta­fel:]

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

[Ende der Ein­fü­gung]

c’est à sa­voir que vous au­rez le rap­port sui­vant, ici par ex­emp­le, l’Imaginaire, le Réel, et le sym­ptô­me que je vais fi­gu­rer d’un sig­ma, Σ, et le Sym­bo­li­que, mais que cha­cun d’entre eux est éch­an­ge­ab­le. Ex­pres­sé­ment, de un à deux peut s’invertir en deux à un, de trois à quat­re peut s’invertir de quat­re à trois, d’une fa­çon qui, j’espère, vous pa­raît simp­le. (7 f.)

Al­les hängt hier­von ab: Wenn Sie die­ses groß S um­klap­pen, das heißt das, was sich aus der Kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen be­haup­tet, wenn Sie es um­klap­pen – wie es plau­si­bel ist, ich mei­ne, sich an­bie­tet –, wenn Sie es um­klap­pen auf eine Wei­se, die so ge­zeich­net wird, dann ha­ben Sie, wenn die­se Fi­gur kor­rekt ist – ich will sa­gen, dass es un­ter dem Rea­le durch­geht und Sie es of­fen­sicht­lich eben­falls un­ter dem Ima­gi­nä­ren fin­den, ab­ge­se­hen da­von, dass es hier über das Sym­bo­li­sche lau­fen muss –, dann be­fin­den Sie sich in der fol­gen­den Po­si­ti­on: dass sich aus­ge­hend von vier die­ses dar­stellt:

[nicht ge­spro­chen, ver­mut­lich auf der Ta­fel]

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

[Ende der Ein­fü­gung]

das heißt, Sie er­hal­ten das fol­gen­de Ver­hält­nis: hier zum Bei­spiel das Ima­gi­nä­re, das Rea­le und das Sym­ptom, das ich mit ei­nem Σ dar­stel­len wer­de, und das Sym­bo­li­sche, und dass ein je­des von ih­nen aus­tausch­bar ist. Aus­drück­lich, von 1 zu 2 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 2 zu 1, von 3 zu 4 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 4 zu 3, auf eine Wei­se, die Ih­nen, wie ich hof­fe, als ein­fach er­scheint. (13)

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[21] Mais nous nous trou­vons de ce fait dans la si­tua­ti­on sui­v­an­te, c’est que ce qui est un à deux voi­re deux à un, pour avoir dans son mi­lieu, si l’on peut dire, le Σ et le S, doit fai­re… c’est pré­cis­é­ment ici que c’est fi­gu­ré …doit fai­re que le sym­ptô­me et le sym­bo­le se trou­vent pris d’une fa­çon tel­le… il faud­rait que je vous mont­re par quel­que fi­gu­ra­ti­on simp­le …d’une fa­çon tel­le que il y en a… com­me vous le voy­ez là-bas …qu’il y en a quat­re qui sont… vous le voy­ez là …il y en a quat­re qui sont ti­rés par le grand R, et ici c’est d’une cer­tai­ne fa­çon que le I se com­bi­ne en pas­sant au-des­sus du sym­bo­le ici fi­gu­ré, et au-des­sous du sym­ptô­me. (8)

Aber wir fin­den uns da­durch in der fol­gen­den Si­tua­ti­on: was 1 zu 2 ist, oder auch 2 zu 1, da es in sei­ner Mit­te, wenn man so sa­gen kann, das Σ und das S hat, muss be­wir­ken – ge­nau­so ist es hier dar­ge­stellt –, muss be­wir­ken, dass das Sym­ptom und das Sym­bol auf eine Wei­se ge­hal­ten wer­den, ich wer­de es Ih­nen durch eine ein­fa­che Dar­stel­lung zei­gen müs­sen, auf eine Wei­se, dass es – wie Sie es dort se­hen – dass es 4 gibt, die – Sie se­hen es da –, dass es 4 gibt, die von groß R ge­zo­gen wer­den, und hier ver­bin­det sich das I auf spe­zi­el­le Wei­se, in­dem es über dem hier dar­ge­stell­ten Sym­bol und un­ter dem Sym­ptom ver­läuft. (13)

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C’est tou­jours sous cet­te for­me que se pré­sen­te le lien, le lien que j’ai ex­pri­mé ici par l’opposition du R au I. (8)

In die­ser Ge­stalt prä­sen­tiert sich das Band im­mer, das Band, das ich hier durch die Op­po­si­ti­on von R und I aus­ge­drückt habe. (13)

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Au­tre­ment dit, les deux – sym­ptô­me et sym­bo­le – se pré­sen­tent de fa­çon tel­le que ici, un des deux ter­mes les prend dans leur en­sem­ble, alors que l’autre pas­se, di­sons sur ce­lui qui est au-des­sus et sous ce­lui qui est au-des­sous. (8)

An­ders ge­sagt: die bei­den, Sym­ptom und Sym­bol, prä­sen­tie­ren sich so, dass hier ei­nes der bei­den En­den sie in ih­rer Ge­samt­heit nimmt, wäh­rend das an­de­re, sa­gen wir, über den hin­weg läuft, der oben ist und un­ter dem, der un­ten ist. (13)

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C’est la fi­gu­re que vous ob­te­nez ré­gu­liè­re­ment dans une ten­ta­ti­ve de fai­re le nœud bor­ro­méen à quat­re et c’est cel­le que j’ai mis ici, sur l’extrême droi­te. (8)

Das ist die Fi­gur, die Sie re­gel­mä­ßig er­hal­ten, wenn Sie ver­su­chen, den bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten zu ma­chen, und das ist die, die ich hier ganz rechts ge­zeich­net habe. (14).

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung von vier Rin­gen mit sym­me­tri­scher Plättung[note]Quelle: Ver­si­on Mil­ler, S. 22.[/note]

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[In der Mil­ler-Ver­si­on von 2005 liest man statt des letz­ten Sat­zes den fol­gen­den Satz:].

J’ajoute en­core ici une fi­gu­re dif­fé­ren­te, elle sy­m­é­tri­que, que vous ob­te­nez ré­gu­liè­re­ment en ten­tant de fai­re le nœud bor­ro­méen à quat­re.“ (Ver­si­on Mil­ler 2005, 22)

Ich füge hier noch eine an­de­re Fi­gur ein, eine, die sym­me­trisch ist, die Sie re­gel­mä­ßig er­hal­ten, wenn sie ver­su­chen, den bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten zu bilden.“112

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Le com­ple­xe d’Œdipe, com­me tel, est un sym­ptô­me. (8)

Der Ödi­pus­kom­plex als sol­cher ist ein Sym­ptom. (14).

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C’est en tant que le Nom du Père est aus­si le père du nom que tout se sou­ti­ent, ce qui ne rend pas mo­ins né­ces­saire le sym­ptô­me. (8)

In­so­fern der Name-des-Va­ters eben­falls der Va­ter des Na­mens ist, wird al­les ge­stützt – wo­durch das Sym­ptom nicht min­der not­wen­dig wird. (14).

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Cet Aut­re dont il s’agit, c’est ce quel­que cho­se qui dans Joy­ce se ma­ni­fes­te par ceci : qu’il est en som­me char­gé de père. (8)

Die­ser An­de­re, um den es geht, ist je­nes Et­was, das sich bei Joy­ce dar­in zeigt, dass er letzt­lich für den Va­ter ver­ant­wort­lich ist. (14).

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C’est dans la me­s­u­re où ce père… com­me il s’avère dans l’Ulys­ses …il doit le sou­ten­ir pour qu’il sub­sis­te, que Joy­ce par son art… son art qui est tou­jours le quel­que cho­se qui, du fond des âges, nous vi­ent com­me issu de l’artisan …c’est par son art que Joy­ce fait sub­sis­ter non seu­le­ment sa fa­mil­le, mais l’illustre si l’on peut dire, et du même coup il­lus­tre ce qu’il ap­pel­le quel­que part my coun­try. (8)

In dem Maße, wie er die­sen Va­ter, wie sich im Ulys­ses her­aus­stellt, stüt­zen muß, da­mit er fort­be­steht113, lässt Joy­ce durch sei­ne Kunst, sei­ne Kunst, die im­mer das Et­was ist, das aus dem Grun­de der Zei­ten als et­was zu uns kommt, das vom Hand­wer­ker aus­ge­gan­gen ist114, lässt Joy­ce durch sei­ne Kunst nicht nur sei­ne Fa­mi­lie fort­be­stehen, son­dern er „il­lus­triert“ sie, wenn man so sa­gen darf, er macht sie zu ei­ner il­lus­tren Fa­mi­lie, und zu­gleich „il­lus­triert“ er das, was er ir­gend­wo „my coun­try“ nennt, er macht es il­lus­ter.115 (14)

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L’esprit in­créé – dit-il – de sa race… c’est ce par quoi fi­nit Le Por­trait de l’Artiste …c’est là ce dont il se don­ne la mis­si­on. (8)

Der un­ge­schaf­fe­ne Geist, sagt er, sei­ner Ras­se – da­mit en­det das Por­trät des Künst­lers –, eben die­se Mis­si­on gibt er sich.116 (14).

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En ce sens, j’annonce ce que va être cet­te an­née mon in­ter­ro­ga­ti­on sur l’art : en quoi l’artifice peut-il vi­ser ex­pres­sé­ment ce qui se pré­sen­te d’abord com­me sym­ptô­me ? (9)

In die­sem Sin­ne kün­di­ge ich an, was in die­sem Jahr mei­ne Be­fra­gung über die Kunst sein wird: in­wie­fern kann der Kunst­griff / das Ar­te­fakt aus­drück­lich das an­zie­len, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert? (14)

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En quoi l’art, l’artisanat peut—il dé­jou­er, si l’on peut dire, ce qui s’impose du sym­ptô­me – à sa­voir quoi ? – | [23] mais ce que j’ai fi­gu­ré dans mes deux té­traèd­res : la vé­rité. (9)

In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern117 dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit. (14)

Herrendiskurs zwei Tetraeder

Dis­kurs des Herrn (links), Ach­tel­dre­hung im Uhr­zei­ger­sinn (rechts)

La vé­rité, où est-elle dans cet­te oc­ca­si­on ? (9)

Die Wahr­heit, wo ist sie in die­sem Zu­sam­men­hang? (14).

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J’ai dit qu’elle était quel­que part dans le dis­cours du maît­re, com­me sup­po­sée dans le su­jet, en tant que di­vi­sé il est en­core su­jet au fan­tas­me. (9)

Ich habe ge­sagt, sie sei ir­gend­wo im Dis­kurs des Herrn als un­ter­stellt im Sub­jekt, in­so­fern es, ge­spal­ten, noch dem Phan­tas­ma un­ter­wor­fen ist. (14)

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C’est, con­trai­re­ment à ce que j’avais fi­gu­ré d’abord, c’est ici, au ni­veau de la vé­rité que nous de­vons con­s­idé­rer le mi-dire. (9)

Hier, im Ge­gen­satz zu dem, wie ich es zu­nächst dar­ge­stellt habe, hier auf der Ebe­ne der Wahr­heit müs­sen wir das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. (14)

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C’est-à-dire que le su­jet, à cet­te étape118, ne peut se re­pré­sen­ter que du si­gni­fi­ant in­di­ce 1 (S1), que le si­gni­fi­ant in­di­ce 2 (S2), c’est très pré­cis­é­ment ce qui se re­pré­sen­te de la… pour le fi­gu­rer com­me je l’ai fait tout à l’heure …de la du­pli­cité du sym­bo­le et du sym­ptom. (9)

Das heißt, dass das Sub­jekt in die­ser Etap­pe nur durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1 (S1) re­prä­sen­tiert wer­den kann, dass der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) ge­nau das ist, was – um es dar­zu­stel­len, wie ich es eben ge­macht habe – durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird. (14 f.)

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Là est l’artisan, l’artisan en tant que par la con­jonc­tion de deux si­gni­fi­ants, il est ca­pa­ble de pro­du­i­re ce que tout à l’heure j’ai ap­pelé l’objet (a) ou plus ex­ac­te­ment je l’ai il­lus­tré du rap­port à l’oreille et à l’œil, voi­re évo­quant la bou­che clo­se. (9)

Da ist der Hand­wer­ker, der Hand­wer­ker, in­so­fern er durch die Zu­sam­men­fü­gung zwei­er Si­gni­fi­kan­ten in der Lage ist, das, was ich eben das Ob­jekt klein a ge­nannt habe, zu pro­du­zie­ren, oder ge­nau­er, ich habe es mit dem Ver­hält­nis zum Ohr und zum Auge il­lus­triert, wie auch mit dem Ver­weis auf den ge­schlos­se­nen Mund. (15)

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C’est bien en tant que le dis­cours du maît­re règ­ne, que S2 se di­vi­se, et cet­te di­vi­si­on, c’est la di­vi­si­on du sym­bo­le et du sym­ptô­me. (9)

Eben in­so­weit der Dis­kurs des Herrn herrscht, spal­tet sich das S2, und die­se Spal­tung ist die in Sym­bol und Sym­ptom. (15)

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Mais cet­te di­vi­si­on du sym­bo­le et du sym­ptô­me, elle est si l’on peut dire, re­flé­tée dans la di­vi­si­on du su­jet. (9)

Aber die­se Spal­tung in Sym­bol und Sym­ptom, sie wird re­flek­tiert, wenn man so sa­gen kann, in der Spal­tung des Sub­jekts. (15)

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C’est par­ce que le su­jet c’est ce qu’un si­gni­fi­ant re­pré­sen­te au­près d’un aut­re signi­fi­ant que nous som­mes né­ces­sités par son in­si­s­tan­ce, à mon­trer que c’est dans le sym­ptô­me que un de ces deux si­gni­fi­ants du Sym­bo­li­que, prend son sup­port. (9)

Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig119, zu zei­gen, dass ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det. (15)

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Falsches-Loch-zweier-Ringe 2En ce sens, on peut dire que dans l’articulation du sym­ptô­me au sym­bo­le, il n’y a, je dirai qu’un faux trou. (9)

In die­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass es in der Ver­bin­dung des Sym­ptoms mit dem Sym­bol nur, möch­te ich sa­gen, ein fal­sches Loch gibt.120 (15).

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Si nous sup­po­sons la con­si­s­tan­ce… con­si­s­tan­ce d’une quel­con­que de ces fonc­tions, Sym­bo­li­que, Ima­gin­aire et Réel …si nous sup­po­sons cet­te con­si­s­tan­ce com­me faisant cer­cle, ceci sup­po­se un trou. (9)

Wenn wir die Kon­sis­tenz, die Kon­sis­tenz ir­gend­ei­ner die­ser Funk­tio­nen, Sym­bo­li­sches, Ima­gi­nä­res und Rea­les, wenn wir an­neh­men, dass die­se Kon­sis­tenz ei­nen Kreis bil­det, dann un­ter­stellt das ein Loch. (15).

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Mais dans le cas du sym­bo­le et du sym­ptô­me, c’est aut­re cho­se dont il s’agit : | [24] ce qui fait trou c’est l’ensemble – c’est l’ensemble pliés l’un sur l’autre – de ces deux cer­cles. (9)

Aber im Fall des Sym­bols und des Sym­ptoms geht es um et­was an­de­res: das, was ein Loch bil­det, ist die Ge­samt­heit – die über­ein­an­der ge­fal­te­te Ge­samt­heit – die­ser bei­den Krei­se. (15)

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Ici, com­me l’a as­sez bien fi­gu­ré Sou­ry… pour l’appeler par son nom, je sais pas s’il est ici …il faut en­cad­rer par quel­que cho­se qui res­sem­ble à une souf­flu­re, à ce que nous ap­pe­lons dans la to­po­lo­gie, un tore. (9)

Hier, wie es Sou­ry121 – um ihn bei sei­nem Na­men zu nen­nen, ich weiß nicht, ob er hier ist – ziem­lich gut zeich­ne­risch dar­ge­stellt hat, muss man das, was wir in der To­po­lo­gie ei­nen To­rus nen­nen, mit et­was ein­rah­men, was ei­ner Guss­bla­se äh­nelt.122 (15 f.)

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Il faut cer­ner cha­cun de ces trous dans quel­que cho­se qui les fait tenir en­sem­ble, pour que nous ay­ons ici quel­que cho­se qui puis­se être qua­li­fié du vrai trou. (9)

Man muss je­des die­ser Lö­cher in et­was ein­schlie­ßen, was be­wirkt, dass sie zu­sam­men­hal­ten, da­mit wir hier et­was hät­ten, das als ech­tes Loch qua­li­fi­ziert wer­den könn­te. (16)

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C’est dire que : il faut ima­gi­ner pour que ces trous sub­sis­tent, se main­ti­en­nent, sup­po­ser123 sim­ple­ment ici une droi­te… ça rem­pli­ra le même rôle …une droi­te pour peu qu’elle soit in­fi­nie. (9)

Das heißt, dass man sich vor­stel­len muss, da­mit die­se Lö­cher be­stehen blei­ben, sich auf­recht­erhal­ten, dass man ein­fach hier eine Ge­ra­de an­neh­men muss, das wird den­sel­ben Zweck er­fül­len, eine Ge­ra­de, vor­aus­ge­setzt, sie ist un­end­lich. (16).

Echtes Loch durch unendiche Gerade

Zwei Rin­ge mit ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den, die das fal­sche Loch in ein ech­tes Loch ver­wan­delt

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Ce cer­cle – il fau­dra as­su­ré­ment que j’y re­vi­en­ne – le cer­cle a une fonc­tion qui est bien con­nue de la po­li­ce : le cer­cle ça sert à cir­cu­ler et c’est bien en ça que la po­li­ce a un sou­ti­en qui ne date pas d’hier. (10)

Die­ser Kreis – es wird ge­wiss nö­tig sein, dass ich dar­auf zu­rück­kom­me –, der Kreis hat eine Funk­ti­on, die der Po­li­zei wohl­be­kannt ist: der Kreis dient dazu, zu zir­ku­lie­ren, und eben dar­in hat die Po­li­zei eine Stüt­ze, die es nicht erst seit ges­tern gibt.124 (16)

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He­gel avait très bien vu, quel­le en était la fonc­tion, et il l’avait vu sous une for­me qui n’est as­su­ré­ment pas cel­le dont il s’agit, ce qui est en ques­ti­on. (10)

He­gel hat­te sehr gut ge­se­hen, was ihre Funk­ti­on ist, und er hat es in ei­ner Ge­stalt ge­se­hen, die ge­wiss nicht die­je­ni­ge ist, um die es geht, die in Fra­ge steht.125 (16)

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Il s’agit pour la po­li­ce, sim­ple­ment que le tour­na­ge en rond se per­pé­tue. (10)

Für die Po­li­zei geht es ein­fach dar­um, dass das Sich-im-Krei­se-Dre­hen wei­ter­geht. (16)

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Le fait que nous puis­si­ons, dans ce faux trou, fai­re l’adjonction, l’adjonction d’une droi­te in­fi­nie, et qu’à soi seul ceci fas­se de ce faux trou, un trou qui bor­ro­méen­ne­ment sub­sis­te, c’est là le point sur le­quel je m’arrête aujourd’hui. (10)

Die Tat­sa­che, dass wir zu die­sem fal­schen Loch et­was hin­zu­fü­gen könn­ten, eine un­end­li­che Ge­ra­de hin­zu­fü­gen könn­ten, und dass al­lein dies schon aus die­sem fal­schen Loch ein Loch macht, das auf bor­ro­mäi­sche Wei­se Be­stand hat, das ist der Punkt, mit dem ich heu­te auf­hö­re.126 (16 f.)

 

KLEINES LACAN-LEXIKON

Das Le­xi­kon ist nicht al­pha­be­tisch ge­ord­net, son­dern nach der Rei­hen­fol­ge des Auf­tre­tens der Be­grif­fe und The­sen in La­cans Vor­trag.

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den La­can-Zi­ta­ten zu Be­ginn der Ein­trä­ge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Am Ende je­des Le­xi­kon­ein­trags steht ein Pfeil nach un­ten mit der Spit­ze nach links (↩); wenn man ihn an­klickt, kommt man zur ent­spre­chen­den Stel­le der Über­set­zung zurück.

Sinthom (1)

Zu: „Ich habe auf dem Aus­hang ‚Das Sin­thom‘ an­ge­kün­digt. Das ist eine alte Schreib­weise für das, was spä­ter ‚Sym­ptom‘ ge­schrie­ben wur­de.“ (1)

Der Be­griff „Sym­ptom“ geht zu­rück auf das grie­chi­sche Wort συμπίπτω (sum­pip­tō), „zu­sam­men­tref­fen“. Das Wort σύμπτωμα (sump­tō­ma) meint „Un­fall“, „Zu­sam­men­tref­fen“; es be­ruht au dem Prä­fix σύν (sun), „mit“, und dem Stamm­wort πίπτω (pip­tō), „ge­sche­hen“, „sich er­eig­nen“. „Sym­ptom“ meint also, sei­ner Her­kunft nach: das was zu­sam­men auf­tritt (vgl. hier). Im Spät­la­tei­ni­schen wird hier­aus „sym­pto­ma“, im mit­tel­al­ter­li­chen La­tein „sin­t­ho­ma“ (sie­he hier). La­can geht mit „Sin­t­hom“ also von der heu­te üb­li­chen, grä­zi­sie­ren­den Schreib­wei­se zu­rück auf die la­ti­ni­sie­ren­de, „mit­tel­al­ter­li­che“ oder „scho­las­ti­sche“ Or­tho­gra­phie.

Sym­ptô­me“ wird mit p aus­ge­spro­chen, „sin­t­home“ ohne; da La­can sehr deut­lich ar­ti­kuliert, ist auf gu­ten Ton­auf­nah­men meist klar zu er­ken­nen, ob es um das eine oder um das an­de­re geht.

Lalangue (1, 3 f.)

Zu: „Wenn ich mir die­se Ab­än­de­rung der Or­tho­gra­fie er­laubt habe, die of­fen­sicht­lich kenn­zeich­nend ist für ein be­stimm­tes Da­tum, für das Da­tum, das hier die Ein­brin­gung in das Fran­zö­si­sche ist – das ich Lalan­gue nen­ne, die mei­ni­ge Spra­che –, die Ein­brin­gung des Grie­chi­schen, die­ser Spra­che, von der Joy­ce sich im Porträt des Künst­lers ganz und gar wünsch­te – nein, nicht im Porträt des Künst­lers, son­dern im Ulys­ses, im Ulys­ses im ers­ten Ka­pi­tel, da geht es dar­um, ‚to hel­le­ni­se‘, ob­gleich es um Ir­land geht, aber Joy­ce in Eng­lisch schrei­ben muss­te.“ (1)

Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam, wie es sein Name zur Ge­nü­ge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­ti­on des In­dex bei Peirce –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joy­ce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer Lalan­gue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die, die ich l’Evie (E-V-I-E) nen­nen wer­de – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist: die Mut­ter der Le­ben­den –, also l’Evie hat­te sie so­fort und ziem­lich hän­gend, die­se Spra­che / Zun­ge, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist sie die ers­te Per­son, die sich ih­rer be­dient: um zur Schlan­ge zu spre­chen.“ (3 f.)

Lalan­gue“ ist ein von La­can ge­bil­de­ter Neo­lo­gis­mus, er dient bei ihm als Ge­gen­be­griff zu lan­ga­ge. Mit lan­ga­ge („Spra­che“) meint La­can das durch Re­geln der Gram­ma­tik be­stimm­te Sprach­sys­tem, das weit­ge­hend eine theo­re­ti­sche Fik­ti­on ist – die, so darf man La­can er­gän­zen, durch Schul­sys­tem und Ver­lags­we­sen mit ih­rer Ori­en­tie­rung an der Schrift­lich­keit prak­tisch wirk­sam ist. Lalan­gue (von la lan­gue, „die Spra­che“, in ei­nem Wort ge­schrie­ben) ist die tat­säch­lich ge­spro­che­ne Spra­che, wie sie in der Per­spek­ti­ve der Psy­cho­ana­ly­se er­scheint: durch Mehr­deu­tig­kei­ten und Laut­ver­zer­run­gen be­stimmt und mit Ge­nie­ßen ver­bun­den, mit Er­re­gun­gen, wie Freud sa­gen wür­de Freud. La­can schreibt la lan­gue des­halb in ei­nem Wort, als lalan­gue, um da­mit, wie er sagt, an lal­la­ti­on zu er­in­nern, wo­mit so­wohl das La-la-la-Sin­gen ge­meint ist, mit dem man Kin­der zum Schla­fen bringt, als auch das Lal­len oder Brab­beln ei­nes Säug­lings.

Un­ter ge­ne­ti­schem As­pekt ist lalan­gue das Spre­chen der Mut­ter, mit dem das Kind kon­fron­tiert ist, und zwar aus der Per­spek­ti­ve des Kin­des auf­ge­fasst, das nicht oder kaum spre­chen kann (in La­cans struk­tu­ra­lis­ti­scher Per­spek­ti­ve ist der ge­ne­ti­sche Ge­sichts­punkt zwar nicht zu­rück­zu­wei­sen, aber doch se­kun­där).

La­can ver­wen­det den Aus­druck „lalan­gue“ zum ers­ten Mal am 4. No­vem­ber 1971, im ers­ten Vor­trag sei­ner Vor­le­sungs­rei­he mit dem Ti­tel „Le sa­voir de l’analyste“ (Das Wis­sen des Ana­ly­ti­kers).127

In Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, sagt er:

Die Spra­che (lan­ga­ge) ist eine Hirn­ge­spinst des Wis­sens (élucu­bra­ti­on du sa­voir) über lalan­gue.“128

In L’étourdit (1973) heißt es: Lalan­gue ist das

Ge­samt der Äqui­vo­ka­tio­nen (in­té­gra­le des équi­vo­ques)“129.

Mi­cha­el Turn­heim er­läu­tert den Be­griff so, dass es

bei Spra­che zu­nächst we­ni­ger um Kom­mu­ni­ka­ti­on als um Ge­nie­ßen als et­was Un­ge­re­gel­tem geht. Ge­meint ist da­mit, dass das­je­ni­ge, was die Lin­gu­is­tik an Ord­nung be­züg­lich Spra­che fest­zu­ma­chen ver­sucht und wor­in La­can im Gro­ßen und Gan­zen lan­ge Zeit größ­tes Ver­trau­en ge­setzt hat, be­reits ei­ner Idea­li­sie­rung ent­spricht. In Wirk­lich­keit ha­ben wir es ur­sprüng­lich mit ei­ner Art mehr oder we­ni­ger form­lo­ser Sprach­sup­pe na­mens lalan­gue zu tun, die von Zwei­deu­tig­kei­ten wim­melt.“130

Die Zeit­schrift Es­saim hat dem The­ma lalan­gue ein Heft ge­wid­met; in der An­kün­di­gung wird der Be­griff so be­stimmt:

In ei­nem Wort (so muss man das sa­gen), lalan­gue ist die Mut­ter­spra­che. Sie trägt in sich die ers­ten Zeug­nis­se der Stimm­übun­gen zwi­schen dem Säug­ling und sei­ner Mut­ter. Sie ist so­nor und si­gni­fi­kant. Lalan­gue hat ih­ren Ur­sprung im Lal­len, im Ge­sang (und auch im Feld) der Si­gni­fi­kan­ten [un­über­setz­ba­res Wort­spiel: „du chant (et aus­si du champ) si­gni­fi­ant“]. Die Ho­mo­pho­nie nimmt hier ei­nen her­aus­ra­gen­den Platz ein, den der Ana­ly­ti­ker bei der Deu­tung spä­ter wird nut­zen kön­nen. Lalan­gue ist ein neu­er Stein, der von La­can in den Gar­ten sei­ner Lin­gu­is­te­rie ge­setzt wor­den ist, Jung­brun­nen der Spra­che, in ei­ner al­ten Dis­kus­si­on – wie schon in Pla­tons Kra­ty­los – über das Ver­hält­nis zwi­schen der Ar­bi­tra­ri­tät und der Iko­ni­zi­tät des Zei­chens.“131

La­cans be­rühm­tes­te Fomel lau­tet L’inconscient est struc­tu­ré com­me un lan­ga­ge, „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che“. Un­ter lan­ga­ge ver­steht La­can die Ein­zel­spra­che, etwa das Fran­zö­si­sche oder das Chi­ne­si­sche.132 Die­se For­mel wird durch den Be­griff Lalan­gue zu­rück­ge­nom­men oder zu­min­dest stark mo­di­fi­ziert. Das Un­be­wuss­te ist nicht struk­tu­riert wie eine lan­ga­ge – nicht wie eine Ein­zel­spra­che –, son­dern wie lalan­gue.

Joyce (1)

Zu: „Wenn ich mir die­se Ab­än­de­rung der Schreib­weise er­laubt habe, die of­fen­sicht­lich ein Da­tum mar­kiert, ein Da­tum, das hier die Ein­brin­gung in das Fran­zö­si­sche ist – das ich Lal­angue nen­ne, die mei­nige Spra­che –, die Ein­brin­gung von Grie­chisch, die­ser Spra­che, von der Joy­ce sich im Por­trait des Künst­lers ganz und gar wünsch­te – nein, nicht im Por­trait des Künst­lers, son­dern im Ulys­ses, im Ulys­ses im ers­ten Ka­pi­tel, da geht es dar­um, ‚to hel­le­nise‘ – die hel­le­ni­sche Spra­che auch ein­zu­brin­gen in ich-weiß-nicht-was, da es ja noch gar nicht um das Gä­li­sche geht, ob­gleich es um Ir­land geht, aber Joy­ce in Eng­lisch schrei­ben muss­te.“ (1)

Auf Joy­ce ver­weist La­can zum ers­ten Mal in dem Auf­satz Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“ (1956); er be­zieht sich dort auf ein Wort­spiel, das im li­te­ra­ri­schen Kreis um Joy­ce er­fun­den wor­den war und das Joy­ce auf­ge­grif­fen hat­te: a let­ter, a lit­ter (ein Brief, eine Streu).133

In den Se­mi­na­ren hat­te La­can sich in den fol­gen­den Sit­zun­gen auf Joy­ce be­zo­gen:

– Se­mi­nar 18: am 12. Mai 1971.134

– Se­mi­nar 20: am 9. Ja­nu­ar 1973.135

– Se­mi­nar 22: Am 8. April 1975 ver­weist er dar­auf, dass er sich bei Joy­ce um­ge­schaut hat, weil man ihn ge­be­ten hat, auf ei­nem Kon­gress über Joy­ce ei­nen Vor­trag zu hal­ten.

Vom 16. bis zum 20. Juni 1975 fand in Pa­ris das fünf­te in­ter­na­tio­na­le Joy­ce-Sym­po­si­um statt, auf dem La­can am 16. Juni zur Er­öff­nung den Vor­trag „Joy­ce le sym­ptô­me“ hielt. Von die­sem Vor­trag gibt es zwei Ver­sio­nen, die sich stark un­ter­schei­den: eine Tran­skrip­ti­on des münd­li­chen Vor­trags (meist „Joy­ce le sym­ptô­me I“ ge­nannt) und eine von La­can für den Druck be­ar­bei­te­te Fas­sung („Joy­ce le sym­ptô­me II“).

Joy­ce das Sym­ptom I

Die münd­li­che Fas­sung be­ruht auf ei­ner Mit­schrift von Eric Lau­rent und wur­de 1982 von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­ben, in: L’âne, 1982, Nr. 6. Die­se Ver­si­on wur­de au­ßer­dem ver­öf­fent­licht in:

– Jac­ques Au­bert (Hg.): Joy­ce avec La­can. Na­va­rin, Pa­ris 1987, S. 21–30

– La­can, Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler 2005, S. 161–169

– Im In­ter­net hier

– Mei­ne Über­set­zung fin­det man in die­sem Blog hier.

Joy­ce das Sym­ptom II

Die von La­can für den Druck über­ar­bei­te­te Fas­sung er­schien zu­erst 1979 in den Ak­ten des Kon­gres­ses, im Band mit den fran­zö­sisch­spra­chi­gen Bei­trä­gen (ein zwei­ter Kon­gress­band, mit eng­li­schem Ti­tel, ent­hält die in eng­li­scher Spra­che ge­hal­te­nen Vor­trä­ge):

– Jac­ques Au­bert, Ma­ria Jo­las (Hg.): Joy­ce & Pa­ris. 1902 … 1920–1940 … 1975. Ac­tes du 5. Sym­po­si­um In­ter­na­tio­nal Ja­mes Joy­ce, Pa­ris 16 – 20 juin 1975. Pu­bli­ca­ti­ons de l’Université de Lil­le, Édi­ti­ons du C.N.R.S., Pa­ris 1979, S. 13–17.

Die zwei­te Ver­si­on wur­de au­ßer­dem ver­öf­fent­licht in:

– Jac­ques Au­bert (Hg.): Joy­ce avec La­can. Na­va­rin, Pa­ris 1987, S.31–37

– La­can: Au­tres écrits. Edi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2001, S. 565–570

– Im In­ter­net hier.

Hin­wei­se auf spä­te­re Vor­trä­ge von La­can über Joy­ce fin­det man m Kom­men­tar „‚Das Sin­t­hom‘ ent­zif­fern“ hier (un­ter „Wei­te­re Tex­te La­cans im Um­kreis von Se­mi­nar 23“).

Logik (2)

Zu: „Ich be­erbe Freud, ohne dass das ei­gent­lich mei­ne Ab­sicht war, durch das, was ich zu­zei­ten aus­ge­spro­chen habe, das, was in gu­ter Lo­gik dem Ge­stam­mel je­ner ent­nom­men wer­den konn­te, die er ‚sei­ne Ban­de‘ nann­te.“ (2)

Die Na­tur, möch­te ich sa­gen, um es kurz zu ma­chen, zeich­net sich da­durch aus, nicht-eine zu sein; von da­her das lo­gi­sche Vor­ge­hen, um sie zu an­zu­ge­hen.“ (2 f.)

Der Vor­teil die­ser Aus­sage ist, dass, wenn Sie fin­den – um das zu be­rück­sich­ti­gen –, dass, es zu be­nen­nen, dar­über ent­schei­det, was das Ge­setz der Na­tur zu sein scheint, dass es bei ihm, ich mei­ne beim Men­schen, kein na­tür­li­ches – mit al­len Ein­schrän­kun­gen also, die­ses „na­tür­lich“ – se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, Sie lo­gi­scher­weise be­haup­ten, was ja der Fall ist, dass das kein Vor­recht des Men­schen ist.“ (3)

In L’acte psy­chana­ly­tique (1969), ei­ner Zu­sam­men­fas­sung des gleich­na­mi­gen Se­mi­nars 15 von 1967/68, schreibt La­can:

nichts ver­weist dar­auf, dass das Ob­jekt klein a nicht eine Kon­sis­tenz hät­te, die durch rei­ne Lo­gik ge­stützt wird“136.

Po­si­tiv for­mu­liert: Das Ob­jekt a zeich­net sich durch Kon­sis­tenz aus, und zwar durch eine Kon­sis­tenz, die durch rei­ne Lo­gik ge­stützt wird. Was wohl heißt: Man kann das Ob­jekt a mit dem Mit­teln der Lo­gik be­grün­den, durch Buch­sta­ben-Ma­ni­pu­la­tio­nen. Falls ich recht sehe, fasst der Satz nicht das Se­mi­nar zu­sam­men, son­dern hat pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter.

Seit Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, ent­wi­ckelt La­can eine Lo­gik der Se­xu­ie­rung mit dem Quan­tor „nicht-alle“. Mög­li­cher­wei­se ist dies ein Ver­such, den pro­gram­ma­ti­schen Satz aus L’acte psy­chana­ly­tique ein­zu­lö­sen.

Die Lo­gik be­ruht nicht auf dem Sinn, son­dern auf der Ma­ni­pu­la­ti­on von Buch­sta­ben. Dies er­mög­licht es, den Wi­der­spruch zu iso­lie­ren (die Pa­ra­do­xie, die An­ti­no­mie). Der for­ma­li­sier­te Wi­der­spruch er­mög­licht, vom Sym­bo­li­schen aus, ei­nen Zu­gang zum Rea­len, d.h. zu dem, was sich nicht sym­bo­li­sie­ren lässt.

 

Viergliedrige Strukturen (2)

Zu: „Ich habe mich mit der 4 be­gnügt [mit ei­nem bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus vier Rin­gen], und dar­über freue ich mich, denn der 4, 5, 6 wäre ich si­cher­lich un­ter­le­gen ge­we­sen.“ (2)

Vier­glied­ri­ge Struk­tu­ren sind für La­cans Dia­gram­me und For­meln cha­rak­te­ris­tisch.

– Das in Se­mi­nar 2 ein­ge­führ­te Sche­ma L hat vier Eck­punk­te137, die­ses Dia­gramm liegt meh­re­ren an­de­ren Sche­ma­ta zu­grun­de.

– Im Se­mi­nar über E.A. Poes “Der ent­wen­de­te Brief“ (1957) wird die Fol­ge α, β, γ, δ un­ter­sucht.138

– Der in Se­mi­nar 5 vor­ge­stell­te Graph des Be­geh­rens zeich­net sich durch vier Kno­ten­punk­te aus.139

– Das so­ge­nann­te ödi­pa­le Drei­eck wird von La­can als Vier­eck auf­ge­fasst, be­stehend aus Mut­ter, Kind, Phal­lus und Va­ter.140

– In Se­mi­nar 9 stützt La­can sich auf das so­ge­nann­te lo­gi­sche Qua­drat.141

– Das in Se­mi­nar 14 vor­ge­führ­te Sche­ma der Ent­frem­dung be­steht aus vier Venn-Dia­gram­men.142

– Die in Se­mi­nar 17 be­han­del­ten Dis­kurs­for­meln ste­hen für vier Dis­kur­se mit je vier Plät­zen, auf de­nen sich vier Sym­bo­le ver­schie­ben.143

– Bei den For­meln der Se­xu­ie­rung, die in Se­mi­nar 18 und 19 ent­wi­ckelt wer­den, han­delt es sich um ge­nau vier For­meln.144.

Ist die Vier­glied­rig­keit zwin­gend? Das ist eine Fra­ge, die La­can be­schäf­tigt. In Se­mi­nar 6 sagt er:

Es ist die­se Syn­chro­nie der Si­gni­fi­kan­ten, näm­lich die Exis­tenz ei­ner be­stimm­ten Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie, in be­zug auf die man das Pro­blem stel­len kann, wel­ches die mi­ni­ma­le Bat­te­rie ist. Ich habe ver­sucht, mich an die­sem klei­nen Pro­blem zu be­tä­ti­gen. Die Fra­ge, ob man mit dem, was die Mi­ni­m­al­bat­te­rie zu sein scheint, näm­lich mit ei­ner Vie­rer-Bat­te­rie, letzt­lich eine Spra­che (lan­ga­ge) schaf­fen kann, wür­de Sie von Ih­rer Er­fah­rung nicht all­zu weit ent­fer­nen. Ich glau­be nicht, dass das un­denk­bar ist, aber las­sen wir das bei­sei­te.“145

In Kant mit Sade (1963) schreibt er zu ei­ner Ab­wand­lung von Sche­ma L:

Es han­delt sich also um eine vier­tei­li­ge Struk­tur, de­ren es, aus­ge­hend vom Un­be­wuß­ten, stets be­darf, um die Ver­fas­sung des Sub­jek­ti­ven in sei­ner Kon­struk­ti­on zu er­fas­sen. Dem ent­spre­chen un­se­re di­dak­ti­schen Sche­ma­ta.“146

Für die Vier­glied­rig­keit des Sche­mas der Ent­frem­dung be­ruft La­can sich auf die Klein­sche Vie­rer­grup­pe.147 Die­se Grup­pe ist grund­le­gend für die Psy­cho­lo­gie von Jean Pia­get, sie bil­det hier die Ba­sis des so­ge­nann­ten INCR-Sche­mas; La­cans Recht­eck der Ent­frem­dung ist deut­lich von Pia­gets Sche­ma in­spi­riert.

4, 5, 6

In Se­mi­nar 22 hat­te La­can das fol­gen­de Se­mi­nar – also das hier kom­men­tier­te Se­mi­nar 23 – mit ei­nem Kin­der­vers an­ge­kün­digt:

Die­ses Jahr habe ich RSI ge­sagt [für Rea­les, Sym­bo­li­sches, Ima­gi­nä­res]. War­um nicht un, deux, trois [eins, zwei, drei]? .…. nous irons au bois [wir wer­den in den Wald ge­hen]. Sie wis­sen, wie es wei­ter­geht – quat­re, cinq, six [vier, fünf, sechs], cueil­lir des cé­ri­ses [Kir­schen pflü­cken], sept, huit, neuf [sie­ben, acht, neun], dans mon pa­nier neuf [in mei­nen neu­en Korb]. Ich wer­de bei 4, 5, 6 auf­hö­ren.“148

Er er­klärt dort, dass man, wenn man von der Vier aus­geht, also von ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen, „ei­nen be­stimm­ten Weg fin­det, der nur bis zur Sechs führt“, also bis zur bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus sechs Rin­gen. Mil­ler ver­mu­tet, dass die­ser „be­son­de­re Weg“ in ei­ner be­stimm­ten Kom­bi­na­to­rik be­steht.149

Nicht-eine (2 f.)

Zu: „Die Na­tur, möch­te ich sa­gen, um es kurz zu ma­chen, zeich­net sich da­durch aus, nicht-eine zu sein; von da­her das lo­gi­sche Vor­ge­hen, um sie an­zu­ge­hen.“ (2 f.)

Den Aus­druck „pas-une“ (nicht-eine) im Sin­ne ei­nes lo­gi­schen Ter­mi­nus ver­wen­det La­can zu­erst in Se­mi­nar 19, er ge­hört zu den „For­meln der Se­xu­ie­rung“.150 „Nicht-eine“ be­zieht be­zieht sich auf den ne­gier­ten Exis­tenz­quan­tor:Negierter Existenzquantor Kopiezu le­sen als „Es gibt nicht eine x“. Die­ser For­mel wird von La­can die mo­da­le Ka­te­go­rie des „Un­mög­li­chen“ zu­ge­ord­net151; das Un­mög­li­che wird von ihm de­fi­niert als „das, was nicht auf­hört, sich nicht zu schrei­ben / nicht ge­schrie­ben zu wer­den“. „Die Na­tur ist nicht-eine“ meint also auch: Die Na­tur „exis­tiert“ nicht, im Sin­ne von: es ist un­mög­lich, sie zu schrei­ben, sie hört nicht auf, nicht ge­schrie­ben zu wer­den.

Der ne­gier­te Exis­tenz­quan­tor (nicht-eine) be­zieht sich in den For­meln der Se­xu­ie­rung auf das weib­li­che Ge­nie­ßen; der voll­stän­di­ge Aus­druck sieht so aus:Formeln weibliches Genießen oben - nicht E von nicht Phi„Es gibt nicht eine x, für die gilt, dass das Ge­nie­ßen nicht eine Funk­ti­on des Phal­lus ist.“152

Natur behauptet sich als Potpourri von Außer-Natur (3)

Zu: „Nen­nen Sie Na­tur das, was Sie al­lein schon durch die Tat­sa­che, ei­ner Sa­che In­ter­es­se ent­ge­gen­zu­brin­gen, aus­schlie­ßen, wo­bei sich die­se Sa­che da­durch her­vor­hebt, dass sie be­nannt wird: die Na­tur lässt sich durch die­ses Vor­ge­hen le­dig­lich dar­auf ein, sich als Pot­pour­ri von Au­ßer-Na­tur zu be­haup­ten.“ (3)

Die Na­tur (das an­geb­lich na­tür­li­che se­xu­el­le Ver­hält­nis) be­haup­tet sich als Au­ßer-na­tur (es gibt kein na­tür­li­ches se­xu­el­les Ver­hält­nis), was es an die­ser Stel­le gibt, ist ein Pot­pour­ri.

Max Klei­ner ver­weist in sei­ner Über­set­zung auf die Ety­mo­lo­gie von „pot-pour­ri“: Topf von Ver­faul­tem.

Mit dem „Ver­faul­ten“ spielt La­can ver­mut­lich auf Freuds Kon­zep­ti­on der Par­ti­al­trie­be an. Der Se­xu­al­trieb be­steht aus ei­ner Rei­he un­ter­schied­li­cher Kom­po­nen­ten, in die­sem Sin­ne ist er ein „Pot­pour­ri“. Die­se Stre­bun­gen sind per­vers, was häu­fig mit „un­na­tür­lich“ gleich­ge­setzt wird. Es sind vor al­lem die ko­pro­phi­len Trie­b­an­tei­le, die ver­drängt wer­den – das Pot­pour­ri ist ein Topf von „Ver­faul­tem“.153

Pot, „Topf“, ist ho­mo­phon mit peau,Haut“; die Haut fun­giert als eine Art Topf. Dies ver­weist vor­aus auf die Be­mer­kun­gen über den Haut­sack spä­ter in die­ser Sit­zung.

Jac­ques-Alain Mil­ler macht dar­auf auf­merk­sam, dass die The­se „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ hier ver­all­ge­mei­nert wird; die­se Ver­all­ge­mei­ne­rung er­mög­licht den Über­gang zu an­de­ren Le­bens­for­men, etwa zu den Bak­te­ri­en.154

Es gibt kein sexuelles Verhältnis (3)

Zu: „Der Vor­teil die­ser Aus­sage ist, dass, wenn Sie fin­den – um das zu be­rück­sich­ti­gen –, dass, es zu be­nen­nen, dar­über ent­schei­det, was das Ge­setz der Na­tur zu sein scheint, dass es bei ihm, ich mei­ne beim Men­schen, kein na­tür­li­ches – mit al­len Ein­schrän­kun­gen also, die­ses „na­tür­lich“ – se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, Sie lo­gi­scher­weise be­haup­ten, was ja der Fall ist, dass das kein Vor­recht des Men­schen ist.“ (3)

Rap­port se­xu­el“ meint in der Um­gangs­spra­che, dass zwei Men­schen Sex mit­ein­an­der ha­ben. Die For­mel „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ meint „Es gibt kein na­tür­li­ches se­xu­el­les Ver­hält­nis“, das An­ge­zo­gen­wer­den durch das an­de­re Ge­schlecht ist nichts Na­tür­li­ches; Men­schen wer­den nicht durch In­stink­te auf das bio­lo­gi­sche Ge­gen­ge­schlecht be­zo­gen und auch nicht durch das Un­be­wuss­te. Wenn ein Mann und eine Frau mit­ein­an­der Sex ha­ben, ist das also, al­len Be­haup­tun­gen zum Trotz, nichts Na­tür­li­ches. Sie be­die­nen sich kul­tu­rell tra­dier­ter Er­fin­dun­gen.

Die Trie­be sind, wie Freud sagt, po­ly­morph-per­vers, kei­nes­wegs auf Zwei­ge­schlecht­lich­keit hin aus­ge­legt. Die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit wird, Freud zu­fol­ge, wäh­rend der kind­li­chen Ent­wick­lung nicht re­prä­sen­tiert, bei­de Ge­schlech­ter ken­nen nur ein Or­gan, das männ­li­che und er­set­zen die Ge­schlech­ter­dif­fe­renz durch die Vor­stel­lung von der An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit des Pe­nis. Die in­fan­ti­le Ge­ni­tal­or­ga­ni­sa­ti­on zeich­net sich da­durch aus, schreibt Freud,

dass für bei­de Ge­schlech­ter nur ein Ge­ni­ta­le, das männ­li­che, eine Rol­le spielt. Es be­steht also nicht ein Ge­ni­tal­pri­mat, son­dern ein Pri­mat des Phallus.“[1. S. Freud: Die in­fan­ti­le Ge­ni­tal­or­ga­ni­sa­ti­on (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 238.]

Zö­gernd sagt er: Die Li­bi­do ist männ­lich:

Ja, wüß­te man den Be­grif­fen ‚männ­lich und weib­lich‘ ei­nen be­stimm­te­ren In­halt zu ge­ben, so lie­ße sich auch die Be­haup­tung ver­tre­ten, die Li­bi­do sei re­gel­mä­ßig und ge­setz­mä­ßig männ­li­cher Na­tur, ob sie nun beim Man­ne oder beim Wei­be vor­kom­me und ab­ge­se­hen von ih­rem Ob­jekt, mag dies der Mann oder das Weib sein.“155

In der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se schreibt Freud:

Nun wäre es eine Lö­sung von idea­ler Ein­fach­heit, wenn wir an­neh­men dürf­ten, von ei­nem be­stimm­ten Al­ter an ma­che sich der ele­men­ta­re Ein­fluß der ge­gen­ge­schlecht­li­chen An­zie­hung gel­tend und drän­ge das klei­ne Weib zum Mann, wäh­rend das­sel­be Ge­setz dem Kna­ben das Be­har­ren bei der Mut­ter ge­stat­te. Ja man könn­te hin­zu­neh­men, daß die Kin­der den Win­ken fol­gen, die ih­nen die ge­schlecht­li­che Be­vor­zu­gung der El­tern gibt. Aber so gut sol­len wir es nicht ha­ben, wir wis­sen kaum, ob wir an jene ge­heim­nis­vol­le, ana­ly­tisch nicht wei­ter zer­setz­ba­re Macht, von der die Dich­ter so­viel schwär­men, im Ernst glau­ben dür­fen.“156

La­can über­nimmt die­se Kon­zep­ti­on: im Un­be­wuss­ten ist die Zwei­ge­schlecht­lich­keit – die Be­zie­hung zum an­de­ren Ge­schlecht – nicht re­prä­sen­tiert:

Aber nichts – und das ist der Grund, wes­halb die ge­sam­te Af­fekt­psy­cho­lo­gie bis hin zu Freud zum Schei­tern ver­ur­teilt war –, nichts re­prä­sen­tiert hier den An­dern, das ra­di­ka­le An­de­re, den An­dern als sol­chen. Und ge­nau die­se Re­prä­sen­ta­ti­on des An­dern fehlt zwi­schen den bei­den ent­ge­gen­ge­setz­ten Wel­ten, die Se­xua­li­tät im Männ­li­chen und im Weib­li­chen auf­zei­gen.“157

Das Geschlecht (le sexe) (3)

Zu: „Pas­sen Sie je­doch auf, dass Sie nicht auch noch sa­gen, dass das Ge­schlecht nichts Na­tür­li­ches sei.“ (3)

Le sexe“ meint das Ge­schlecht, das Ge­schlechts­or­gan oder den Ge­schlechts­ver­kehr, bei La­can aber auch die Ge­schlechts­zel­len (Ga­me­ten, Keim­zel­len). In Se­mi­nar 19 spricht er über das Ge­schlecht (le sexe) als rea­les und fährt fort:

Vor al­lem, seit ei­ni­ger Zeit ha­ben wir im Mi­kro­skop ge­se­hen, was das war. Ich spre­che nicht von den Ge­schlechts­or­ga­nen, son­dern von den Ga­me­ten.“158

Das er­in­nert an eine Be­mer­kung von Freud über die Un­ter­schei­dung von „männ­lich“ und „weib­lich“:

Die zwei­te, bio­lo­gi­sche Be­deu­tung von männ­lich und weib­lich ist die, wel­che die klars­te Be­stim­mung zu­läßt. Männ­lich und weib­lich sind hier durch die An­we­sen­heit der Sa­men-, re­spek­ti­ve Ei­zel­le und durch die von ih­nen aus­ge­hen­den Funk­tio­nen charakterisiert.“[/note]Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–145, hier: S. 123 (Zu­satz von 1915).[/note]

La­can be­zieht sich mit „le sexe“ also auf das bio­lo­gi­sche Ge­schlecht im Sin­ne von Freud.

Bakterien (3)

Zu: „Ver­su­chen Sie viel­mehr zu er­fah­ren, wie es in je­den ein­zel­nen Fall da­mit steht, von der Bak­te­rie bis zum Vo­gel – auf bei­de habe ich be­reits an­ge­spielt –, von der Bak­te­rie bis zum Vo­gel, da die­se Na­men ha­ben.“ (3)

Um das Ver­hält­nis von Bak­te­ri­en und Se­xua­li­tät ging es be­reits in den Se­mi­na­ren 18 und 21.

In Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, heißt es, wenn man ir­gend­wo an­fan­gen kön­ne, sich die bio­lo­gi­sche Sei­te der Se­xua­li­tät klar­zu­ma­chen, dann eher auf der Sei­te der Bak­te­ri­en.159

In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, be­zieht sich La­can für ei­nen ähn­li­chen Ge­dan­ken aus­drück­lich auf das Buch von Elie Woll­man und François Ja­cob: La se­xua­lité des bac­te­ries. Édi­ti­ons Mas­son, Pa­ris 1959, ge­nau­er, auf die eng­li­sche Über­set­zung die­ser Ar­beit: Se­xua­li­ty and the ge­ne­tics of bac­te­ria. Aca­de­mic press, New York 1961.160

Er fragt sich hier, ob Bak­te­ri­en „ge­nie­ßen“ – ob sie Emp­fin­dun­gen ha­ben – , und er er­klärt, ihm sei zu Oh­ren ge­kom­men, der ein­zi­ge Mo­ment sei mög­li­cher­wei­se der, in dem sie von Bak­te­rio­pha­gen (von bak­te­ri­en­fres­sen­den Vi­ren) in­fi­ziert (also „ge­fres­sen“) wer­den. Was also heißt, dass Bak­te­ri­en mög­li­cher­wei­se eine Form des Ge­nie­ßens ken­nen, das be­zo­gen auf den Men­schen als pas­siv-oralsadis­tisch oder pas­siv-kan­ni­ba­lis­tisch zu be­zeich­nen wäre, als Lust am Ge­fres­sen­wer­den.

Des wei­te­ren in­ter­es­siert ihn die­je­ni­ge Be­zie­hung, die Woll­mann und Ja­cob als „Se­xua­li­tät“ von Bak­te­ri­en be­zeich­nen, wo­bei La­can be­tont, dass dies kei­ne wirk­li­che Se­xua­li­tät ist, son­dern nur eine Struk­tur­ähn­lich­keit; es ist klar, dass Bak­te­ri­en sich durch Zell­tei­lung ver­meh­ren.

Woll­mann und Ja­cob ar­gu­men­tie­ren so: An­ge­nom­men, es gibt zwei Mu­ta­tio­nen von Bak­te­ri­en von der­sel­ben Ab­stam­mungs­li­nie, und die eine Li­nie ver­mehrt sich stär­ker als die an­de­re, dann herrscht zwi­schen die­sen Li­ni­en fol­gen­de Be­zie­hung:

– Wenn Bak­te­ri­en, die sich stär­ker ver­meh­ren, auf sol­che tref­fen, die sich schwä­cher ver­meh­ren, führt dies dazu, dass die­je­ni­gen mit schwä­che­rer Ver­meh­rung so mu­tie­ren, dass sie sich stär­ker ver­meh­ren. (Falls ich La­cans For­mu­lie­rung rich­tig ver­stan­den habe. Er sagt: „Les foi­son­nan­tes-plus, quand el­les se ren­con­t­rent avec les foi­son­nan­tes-mo­ins, les font mu­ter du côté du foi­son­ne­ment.“)

– Im um­ge­kehr­ten Fall ist es nicht so: Falls Bak­te­ri­en, die sich schwä­cher ver­meh­ren, auf sol­che tref­fen, die sich stär­ker ver­meh­ren, führt dies nicht dazu, dass die­je­ni­gen mit stär­ke­rer Ver­meh­rung so mu­tie­ren, dass sie sich schwä­cher ver­meh­ren.

La­can hebt her­vor, dass es bei die­ser pri­mi­ti­ven Form des Le­bens dem­nach das gibt, was er als „Nicht-Ver­hält­nis“ be­zeich­net.

Benennung (3 f.)

Zu: „Mer­ken wir ne­ben­bei an, dass in der gött­lich ge­nann­ten Schöp­fung, gött­lich al­lein dar­in, dass sie sich auf die Be­nen­nung be­zieht, das Bak­te­rium nicht be­nannt wird, und dass es auch nicht be­nannt wird, als Gott, den Men­schen ver­ul­kend, den als ur­sprüng­lich un­ter­stell­ten Men­schen, ihm vor­schlägt, da­mit an­zu­fan­gen, den Na­men ei­nes je­den Tier­chens zu sa­gen. Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam, wie es sein Name zur Ge­nüge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­tion des In­dex bei Peirce –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joy­ce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer lal­angue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die, die ich l’Evie (E-V-I-E) nen­nen wer­de – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist: die Mut­ter der Le­ben­den –, also l’Evie hat­te sie so­fort und ziem­lich hän­gend, die­se Spra­che/Zunge, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist sie die ers­te Per­son, die sich ih­rer be­dient: um zur Schlan­ge zu spre­chen.“ (3 f.)

Be­nen­nung der Tie­re in frü­he­ren Se­mi­na­ren

Über die Be­nen­nung und den bi­bli­schen My­thos von der Be­nen­nung der Tie­re spricht La­can be­reits in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se.

Die Macht, die Ob­jek­te zu be­nen­nen, struk­tu­riert die Wahr­neh­mung selbst. Das per­ci­pi des Men­schen ver­mag sich nur in­ner­halb ei­ner Zone der Be­nen­nung zu hal­ten. Durch die Be­nen­nung läßt der Mensch die Ob­jek­te in ei­ner ge­wis­sen Kon­sis­tenz be­stehen. Stün­den sie nur in ei­ner nar­ziß­ti­schen Be­zie­hung zum Sub­jekt, dann wür­den die Ob­jek­te im­mer nur in in­stanta­ner Wei­se wahr­ge­nom­men. Das Wort, das Wort, wel­ches be­nennt, ist das Iden­ti­sche. Das Wort ent­spricht nicht der räum­li­chen Dis­tink­ti­on des Ob­jekts, die im­mer be­reit ist, sich in ei­ner Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Sub­jekt auf­zu­lö­sen, son­dern sei­ner zeit­li­chen Di­men­si­on. Das Ob­jekt, ei­nen Au­gen­blick kon­sti­tu­iert als ein dem mensch­li­chen Sub­jekt Ähn­li­ches, ein Dou­ble sei­ner selbst, zeigt den­noch ei­nen ge­wis­sen Per­ma­nenz­as­pekt durch die Zeit hin­durch, der nicht un­end­lich dau­er­haft ist, denn alle Ob­jek­te sind ver­gäng­lich. Die­se Er­schei­nung, die eine ge­wis­se Zeit an­dau­ert, ist streng nur durch die Ver­mitt­lung des Na­mens er­kenn­bar. Der Name ist die Zeit des Ob­jekts.“161

Die Be­nen­nung stif­tet die vor­über­ge­hen­de Dau­er des Ge­gen­stands, in der Spra­che der Psy­cho­lo­gie: die Ob­jekt­kon­stanz. La­can fährt fort:

Die Be­nen­nung kon­sti­tu­iert ei­nen Pakt, durch den zwei Sub­jek­te gleich­zei­tig über­ein­kom­men, das­sel­be Ob­jekt zu er­ken­nen (re­con­nait­re). Wenn das mensch­li­che Sub­jekt – was, wie die Ge­ne­sis sagt, im ir­di­schen Pa­ra­dies ge­sche­hen ist – nicht zu­nächst die Haupt­gat­tun­gen be­nennt, wenn die Sub­jek­te sich nicht über die­se Er­kennt­nis (re­con­nais­sance) ver­stän­di­gen, dann gibt es kei­ne Welt, nicht ein­mal eine per­zep­ti­ve, die län­ger als ei­nen Au­gen­blick halt­bar wäre.“162

Die Be­nen­nung ist re­con­nais­sance, zu­gleich Er­kennt­nis und An­er­ken­nung. Die Sub­jek­te kom­men dar­in über­ein, das­sel­be Ob­jekt zu er­ken­nen, sie voll­zie­hen da­bei eine wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung in Be­zug dar­auf, dass es be­stimm­te Ob­jek­te gibt. Der nächs­te Satz lau­tet:

Da ist das Bin­de­glied, das Auf­tau­chen der Di­men­si­on des Sym­bo­li­schen im Ima­gi­nä­ren.“163

Die Be­nen­nung ist hier­nach im Über­schnei­dungs­be­reich zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen zu ver­or­ten; in der Be­griff­lich­keit von Se­mi­nar 23 wäre dies das Feld des Sinns.

In Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, heißt es:

Ist das nicht et­was, das Ih­nen er­schei­nen mag — wenn’s über­haupt so ist, daß la­pares­se [die Träg­heit], die die Ihre ist, auf­ge­weckt wer­den könn­te durch ir­gend­ei­ne Er­schei­nung — in der Ge­ne­sis? Sie er­zählt uns nichts an­de­res als die Schöp­fung — aus nichts in der Tat — wor­aus? — aus nichts an­de­rem als aus Si­gni­fi­kan­ten. So­bald die­se Schöp­fung auf­taucht, ar­ti­ku­liert sie sich durch die Bena­mung des­sen, was ist. Ist das nicht die Schöp­fung in ih­rem We­sen? Wenn Aris­to­te­les nicht um­hin kann zu sa­gen, daß, wenn es je et­was ge­ge­ben hat, es seit je war, daß es da war, geht es dann nicht, in der krea­tio­nis­ti­schen Idee, um die Schöp­fung aus­ge­hend von nichts, und also aus dem Si­gni­fi­kan­ten?“164

Die zeit­li­che Struk­tur ist hier un­klar. Ers­te Les­art: Nach der Schöp­fung aus dem Nichts durch Gott, aus nichts als Si­gni­fi­kan­ten, kommt es zur Be­nen­nung des­sen, was ist. Zwei­te Les­art: Zu­sam­men mit der gött­li­chen Schöp­fung aus dem Nichts kommt es zur Be­nen­nung des­sen was ist, bei­des fällt mehr oder we­ni­ger zu­sam­men.

In Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, be­zieht La­can sich in der Sit­zung vom 11. 3. 1975 auf den Be­nen­nungs­my­thos (wo­bei er das Be­nen­nen der Tie­re irr­tüm­lich Gott zu­schreibt, ein Feh­ler, den er in die­ser Sit­zung von Se­mi­nar 23 kor­ri­giert).

Be­nen­nung vs. Kom­mu­ni­ka­ti­on

In Se­mi­nar 23 geht es in der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975 in der Pas­sa­ge über die Be­nen­nung der Tie­re of­fen­bar um den Un­ter­schied zwi­schen drei Funk­tio­nen von Lalan­gue: Ge­nie­ßen, Be­nen­nen und Kom­mu­ni­ka­ti­on.

In Se­mi­nar 21 heißt es: Der Si­gni­fi­kant un­ter­schei­det sich vom Zei­chen dar­in, dass wir mit dem Zei­chen in ei­ner ob­jek­ti­vier­ten Welt Zir­ku­la­ti­on her­stel­len kön­nen, das Zei­chen ist das, was vom Sen­der zum Emp­fän­ger geht und das, was dem Emp­fän­ger das Zei­chen des Sen­ders gibt.165 Un­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­steht La­can dem­nach die Be­zie­hung zum An­de­ren durch Zei­chen: ein Zei­chen re­prä­sen­tiert et­was für je­man­den.

In Se­mi­nar 22 wird die Be­nen­nung von der Kom­mu­ni­ka­ti­on un­ter­schie­den:

Be­nen­nung ist nicht Kom­mu­ni­ka­ti­on. An die­ser Stel­le knüpft sich die Spre­che (la par­lot­te) an et­was Rea­les.“166

Die Be­nen­nung be­zieht das Sym­bo­li­sche dem­nach nicht auf das Ima­gi­nä­re, wie es in Se­mi­nar 2 ge­hei­ßen hat­te, son­dern auf das Rea­le.

Auf die Be­zie­hung zum Rea­len ver­weist in zi­tier­ten der Pas­sa­ge aus Se­mi­nar 23 der Be­griff „In­dex“. Peirce un­ter­schei­det drei Zei­chen­funk­tio­nen, iko­ni­sche, sym­bo­li­sche und in­de­xi­ka­li­sche Zei­chen; das in­de­xi­ka­li­sche Zei­chen be­zieht sich auf den Re­fe­ren­ten, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: auf das Rea­le.167

Die Be­nen­nung „macht Loch“

Die For­mu­lie­rung fai­re trou ohne Ar­ti­kel, „Loch ma­chen“, ist an­ti­quier­tes Fran­zö­sisch; heu­te ge­hört sie zum Jar­gon der La­ca­nia­ner.

In Se­mi­nar 22, RSI, heißt es:

Die Be­nen­nung ist das ein­zi­ge, von dem wir si­cher sein kön­nen, daß es Loch macht.“168

Loch“ ist eine der drei Ka­te­go­ri­en, mit de­nen La­can in Se­mi­nar 22, RSI, den bor­ro­mäi­schen Kno­ten be­schreibt: Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch. Kon­sis­tenz meint, dass ein Fa­den in sich zu­sam­men­hält und auf die­se Wei­se ei­nen Ring bil­det; die Ex-sis­tenz be­steht dar­in, dass die Fa­den­rin­ge an­ein­an­der­sto­ßen, sich äu­ßer­lich sind, sich nicht durch­drin­gen und auf die­se Wei­se zu­sam­men­hal­ten; das Loch ist ge­wis­ser­ma­ßen das In­ne­re des Fa­den­rings, das, wo­durch man den Fin­ger oder die Hand ste­cken kann; der Ring ist um ein Loch her­um ge­baut. Man muss also zwei Ar­ten des Zu­sam­men­halts un­ter­schei­den: den Zu­sam­men­halt ei­nes Fa­dens oder Rin­ges in sich (Kon­sis­tenz) und den Zu­sam­men­halt der Ring­ver­schlin­gung (Ex-sis­tenz).

Je­der der drei Rin­ge zeich­net sich aus durch Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch; es gibt also ein Loch im Ima­gi­nä­ren, ei­nes im Rea­len und ei­nes im Sym­bo­li­schen. Das Loch im im Ring des Ima­gi­nä­ren re­prä­sen­tiert die Kör­per­öff­nun­gen169, das Loch im Ring des Rea­len be­zieht sich auf die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses170; das In­zest­ver­bot ist in­so­fern ein Loch, als die Ver­drän­gung des In­zest­ver­bots nicht auf­ge­ho­ben wer­den kann, es ist „ur­ver­drängt“, wie Freud sagt.[Vgl. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1973, hier; Ver­si­on Mil­ler S. 41; Über­set­zung von Max Klei­ner S. 33.]

Das Loch, das durch die Be­nen­nung er­zeugt wird, ist, so neh­me ich an, das Loch im Rea­len, die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.

Der Va­ter als Be­nen­nen­der

Die Be­nen­nung wird von La­can in Se­mi­nar 22 mit der Funk­ti­on des Va­ters zu­sam­men­ge­bracht. Mit dem Na­men-des-Va­ters (La­cans Ver­si­on des Zu­sam­men­hangs von Ödi­pus­kom­plex, In­zest­ver­bot und Kas­tra­ti­ons­kom­plex) ist auch der Va­ter als be­nen­nen­der ge­meint, heißt es dort.

Be­nen­nung und Sym­ptom

Die Be­nen­nung wird in Se­mi­nar 22 auf das Sym­ptom be­zo­gen: Das Sym­ptom ist eine Form der Be­nen­nung. Vgl. hier­zu in die­sem Blog den Ar­ti­kel „Vom Drei­er­kno­ten zum Vie­rer­kno­ten. Über die Ver­bin­dung zwi­schen dem RSI-Se­mi­nar und dem Sin­t­hom-Se­mi­nar“. Der Vor­trag „Joy­ce das Sym­ptom“ be­zog sich be­reits mit dem Ti­tel auf die Be­nen­nung: der Ti­tel soll wie Joy­ces Name ge­le­sen wer­den, er­läu­tert La­can in die­sem Vor­trag, also bei­spiels­wei­se wie „Jack the Kni­fe“.

Sprechwesen (parlêtre) (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent /serre-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken-Klem­me zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spal­te oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sün­de, die ers­te Schuld.“ (4)

Par­lêt­re, „Sprech­we­sen“: ein von La­can er­fun­de­ner Neo­lo­gis­mus, mit dem Dop­pel­sinn von „spre­chen­des We­sen“ und (vom Spre­chen der El­tern) „ge­spro­che­nes We­sen“. Der Ter­mi­nus ent­hält den Be­griff des Seins (être); das Sein des Men­schen ist der durch das Spre­chen her­ge­stell­te Be­zug zur Spra­che, dar­in be­steht der Un­ter­schied zu den an­de­ren Tie­ren. Ge­meint ist nicht „das auf das Spre­chen re­du­zier­ba­re We­sen“, son­dern „das durch das Spre­chen be­stimm­te We­sen“, also ein We­sen, das über die pure Si­gni­fi­kan­ten­ver­ket­tung hin­aus­geht.

Der Mensch als Sprech­we­sen wird von der Spra­che „pa­ra­si­tiert“.171 Sprech­we­sen ist der Mensch in­so­fern, als auf sei­nen Kör­per Si­gni­fi­kan­ten ein­wir­ken: so­wohl auf den rea­len Kör­per, den Kör­per als Ort des Ge­nie­ßens (der Er­re­gun­gen), als auch auf den ima­gi­nä­ren Kör­per, auf die Be­zie­hung zum Kör­per­bild. Die Ein­wir­kung der Si­gni­fi­kan­ten trans­for­miert so­wohl die Er­re­gungs­ab­läu­fe als auch die Wir­kungs­wei­se des Kör­pers­bil­des.

La­can ver­wen­det den Aus­druck par­lêt­re zu­erst in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, in der Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1975. In den von ihm ver­öf­fent­lich­ten Tex­ten fin­det man par­lêt­re aus­schließ­lich in Joy­ce le Sym­ptô­me II, der für den Druck über­ar­bei­te­ten Ver­si­on des Joy­ce-Vor­trags von 1975, die 1979 ver­öf­fent­licht wur­de.172

Arschbackenklemme (serre-fesse) (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede, des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / ser­re-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken-Klem­me zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spal­te oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sün­de, die ers­te Schuld. (4)

Der Phal­lus ist das Merk­mal des­je­ni­gen, der das Ver­bot aus­spricht, der das „faut-pas“ sagt. War­um wird die Schlan­ge (ser-pent) von La­can zu­nächst in eine „Arsch­ba­cken-Klem­me“ (ser­re-fes­se) um­ge­deu­tet, be­vor sie, ganz klas­sisch, zum Phal­lus wird, und war­um wird hier eine zeit­li­che Ord­nung ins Spiel ge­bracht?

Mein Deu­tungs­vor­schlag: La­can spielt hier auf Freuds Leh­re von der ana­len Pha­se an und da­mit auf die so­ge­nann­te „sym­bo­li­sche Glei­chung“ von Kot und Phal­lus.

Freud schreibt, „daß in den Pro­duk­tio­nen des Un­be­wuß­ten – Ein­fäl­len, Phan­ta­si­en und Sym­pto­men – die Be­grif­fe Kot (Geld, Ge­schenk), Kind und Pe­nis schlecht aus­ein­an­der­ge­hal­ten und leicht mit­ein­an­der ver­tauscht wer­den.“173 Gleich­set­zun­gen die­ses Typs wer­den von ihm als „sym­bo­li­sche Glei­chun­gen“ be­zeich­net.174 In die­sem Fal­le be­stün­de die sym­bo­li­sche Glei­chung in der Ket­te Schlan­ge = Kot = Phal­lus.

War­um „Arsch­ba­cken-Klem­me“? In der ana­len Pha­se lernt das Kind, sei­ne Pflicht zu tun und den Sphink­ter zum ge­wünsch­ten Zeit­punkt zu­sam­men­zu­knei­fen bzw. zu lo­ckern, kurz: es lernt die „Arsch­ba­cken­klem­me“. Hier­durch wird die ana­le ero­ge­ne Zone kon­sti­tu­iert. In La­can­scher Ter­mi­no­lo­gie ist die „Arsch­ba­cken­klem­me“ der Schnitt als das, wo­durch eine ero­ge­nen Zone kon­sti­tu­iert wird.175 Rück­wir­kend, von der spä­te­ren Ent­wick­lung aus, wird die Anal­er­zie­hung und die da­mit ver­bun­de­ne Ord­nung der Gabe zu ei­ner Ein­füh­rung in die Schuld.

Be­zo­gen auf die Kno­ten­to­po­lo­gie be­zieht sich die „Arsch­ba­cken­klem­me“ auf die ana­le Öff­nung und da­mit auf ei­nes der Lö­cher im Ring des Ima­gi­nä­ren – das Loch im Ima­gi­nä­ren steht für die Kör­per­öff­nun­gen.176

Bei die­ser Deu­tung den­ke ich an La­can Aus­füh­run­gen zum ana­len Sta­di­um in Se­mi­nar 8:

Was ist der An­spruch im ana­len Sta­di­um?

Sie ha­ben alle, den­ke ich, ge­nug Er­fah­rung, da­mit ich nicht mehr zu ver­an­schau­li­chen brau­che, was ich den An­spruch nen­nen wer­de, das Ex­kre­ment zu­rück­hal­ten, in­so­fern er zwei­fel­los et­was be­grün­det, das ein Be­geh­ren aus­zu­sto­ßen ist. Aber das ist nicht so ein­fach, denn die­se Aus­sto­ßung wird eben­so zu ei­ner be­stimm­ten Zeit vom er­zie­hend­ne El­tern­teil ge­for­dert. Da­bei wird vom Sub­jekt be­an­sprucht, et­was zu ge­ben, das die Er­war­tung des in die­sem Fall müt­ter­li­chen Er­zie­hen­den be­frie­digt.

Die Aus­ar­bei­tung, die aus der Kom­ple­xi­tät die­ses An­spruchs re­sul­tiert, ver­dient, dass wir uns da­mit be­fas­sen, denn sie ist we­sent­lich. Be­ach­ten wir, dass es sich hier nicht mehr um die ein­fa­che Be­zie­hung ei­nes Be­dürf­nis­ses zu sei­ner be­an­spruch­ten Form han­delt, die an den se­xu­el­len Über­schuß ge­bun­den ist. Es ist et­was an­de­res. Es han­delt sich um eine Dis­zi­plin des Be­dürf­nis­ses, und die Se­xua­li­sie­rung kommt erst in der Be­we­gung der Rück­kehr zum Be­dürf­nis zu­stan­de. Die­se Be­we­gung le­gi­ti­miert, wenn ich das sa­gen darf, das Be­dürf­nis als Gabe an die Mut­ter, wel­che er­war­tet, dass das Kind sei­nen Pflich­ten nach­kommt (sa­tis­fas­se à ses fonc­tions) und et­was her­aus­kom­men, er­schei­nen läßt, das der all­ge­mei­nen Bei­pflich­tung wür­dig ist.

Eben­so ist der Ge­schenk­cha­rak­ter, den das Ex­kre­ment an­nimmt, wohl­be­kannt und seit An­be­ginn der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung ver­merkt. Es wird hier in die­sem Re­gis­ter ein Ob­jekt so deut­lich er­lebt, dass das Kind es im Ex­zeß sei­ner ge­le­gen­ti­chen Über­tre­tun­gen auf na­tür­li­che Wei­se, kann man sa­gen, als Aus­drucks­mit­tel ver­wen­det. Das ex­kre­men­tel­le Ge­schenk ge­hört zur äl­tes­ten The­ma­tik der Ana­ly­se. (…)

Mer­ken Sie sich die Kon­se­quenz , die das hat – die Rand­zo­ne des Plat­zes, der dem Sub­jekt bleibt, an­ders ge­sagt, das Be­geh­ren, er­fährt in die­ser Si­tua­ti­on sei­ne Sym­bo­li­sie­rung duch das, was in dem Tun weg­ge­schafft wird. Das Be­geh­ren macht sich buch­stäb­lich über das Scheiß­haus aus dem Staub. Auf die Sym­bo­li­sie­rung des Sub­jekts als das, was sei­nen Ab­gang in den Topf oder ins Loch macht, wer­den wir in der Er­fah­rung als das am tiefs­ten an die Po­si­ti­on des ana­len Be­geh­rens Ge­bun­de­ne sto­ßen. (…)

So­lan­ge Sie nicht an die­ser Stel­le die tief­sit­zen­de, grund­le­gen­de Be­zie­hung des Sub­jekts als Be­geh­ren mit dem un­an­ge­nehms­ten Ob­jekt er­ken­nen, wer­den Sie, das ver­si­che­re ich Ih­nen, in der Ana­ly­se der Be­din­gun­gen des Be­geh­rens kei­nen gro­ßen Schritt ge­tan ha­ben. (…)

Das, was im ana­len Sta­di­um als sa­dis­ti­sche oder sa­do­ma­so­chis­ti­sche Struk­tur kon­sti­tu­iert wird, mar­kiert – von ei­nem Punkt ma­xi­ma­ler Aus­lö­schung des Se­xu­el­len, von ei­ner Stel­le rei­ner ana­ler Ob­la­ti­vi­tät aus – den Wie­der­auf­stieg hin zu dem, was sich auf der ge­ni­ta­len Büh­ne rea­li­sie­ren wird.“177

Wenn man sich auf die Mut­ter und ihr Spre­chen be­zieht, kommt man nicht weit, wenn man die Anal­er­zie­hung aus­klam­mert.

faut-pas / Faux-pas, faute (4)

Zu: „Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede, des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / ser­re-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken-Klem­me zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spal­te oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht /den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sün­de, die ers­te Schuld. (4)

Der Phal­lus ist das Merk­mal des­je­ni­gen, der das Ver­bot aus­spricht, der das faut-pas sagt (il ne faut pas: „man darf nicht“, „das darf man nicht“), also des sym­bo­li­schen Va­ters.

Das Ver­bot ist die Be­din­gung für den Fehl­tritt (faux pas) – ohne Ge­setz gäbe es kei­ne Sün­de.178

Die Über­tre­tung ist die Be­din­gung für die Schuld und das Schuld­ge­fühl.

Die Schuld ist die Vor­aus­set­zung für die Sym­ptom­bil­dung, also für das, was das The­ma des Se­mi­nars ist.

Notwendiges, Unmögliches, Mögliches, Zufälliges (4)

Zu: „Von da­her die Not­wen­dig­keit – ich glau­be doch, wenn ich Sie in so gro­ßer Zahl sehe, dass es wohl ei­ni­ge gibt, die mei­ne Nach­ti­gall be­reits trap­sen ge­hört ha­ben –, von da­her die Not­wen­dig­keit der Tat­sa­che, dass die Spal­te nicht auf­hö­re, wel­che sich stets ver­grö­ßert, au­ßer sie er­lei­det das Auf­hö­ren der Kas­tra­ti­on als ‚mög­lich‘. Die­ses Mög­li­che, wie ich ge­sagt habe, ohne dass Sie es be­merkt hät­ten, zu­mal auch ich kei­nes­wegs be­merkt habe, das Kom­ma nicht ge­setzt zu ha­ben, die­ses Mög­li­che, habe ich frü­her ge­sagt, das ist das, was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, aber man muss [im Fran­zö­si­schen] das Kom­ma set­zen, es ist das, was da­durch auf­hört, dass es ge­schrie­ben wird, oder viel­mehr auf­hö­ren wür­de, die­sen Weg zu neh­men, im Fall, da end­lich der Dis­kurs auf­kä­me, den ich als ei­nen sol­chen be­schrie­ben habe, der nicht über den Schein wäre.“ (4)

Not­wen­dig­keit und Mög­lich­keit sind Ka­te­go­ri­en der Mo­da­li­tät; zu den Mo­dal­ka­te­go­ri­en ge­hö­ren au­ßer­dem Exis­tenz und Zu­fäl­lig­keit (Kon­tin­genz), so­wie de­ren Ne­ga­tio­nen: vor al­lem Nicht-Not­wen­dig­keit und Un­mög­lich­keit.

Mo­dal­ka­te­go­ri­en wer­den in Ur­tei­len über die Wahr­heit von an­de­ren Ur­tei­len ver­wandt. Das an­de­re Ur­teil sei p (p kann z.B. sein „Er liebt mich“), dann kann man fol­gen­de Ur­tei­le über die­ses Ur­teil bil­den: „Es ist not­wen­dig, dass p“ („Es ist not­wen­dig, dass er mich liebt“), „Es ist mög­lich, dass p“, „Es ist der Fall, dass p“, „Es ist zufällig/kontingent, dass p“ usw., so­wie de­ren Ne­ga­tio­nen: „Es ist un­mög­lich, dass p“ usw.

La­can hat­te sich ge­fragt, wie sich die Mo­dal­ka­te­go­ri­en von der Psy­cho­ana­ly­se aus dar­stel­len. Eine ers­te Deu­tung fin­det man in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se179, den Dreh- und An­gel­punkt bil­det hier die For­mel „Das Rea­le ist das Un­mög­li­che“.

In Se­mi­nar 23 be­zieht La­can sich auf sei­ne Re­kon­struk­ti­on der Mo­dal­ka­te­go­ri­en in den Se­mi­na­ren 20 (En­core, 1972/73) und 21 (Les non-du­pes er­rent, 1973/74). Dort geht er vom fran­zö­si­schen Wort „né­ces­sité“ aus, Not­wen­dig­keit. Es setzt sich zu­sam­men aus „ne“, nicht, und „ces­ser“, auf­hö­ren. Die „né­ces­sité“ ist also das, was nicht auf­hört. Das er­gibt eine ers­te Al­ter­na­ti­ve: Ist es not­wen­dig oder nicht not­wen­dig? An­ders ge­fragt: Hört et­was auf oder hört es nicht auf? Das bringt die Zeit ins Spiel; La­can knüpft hier of­fen­kun­dig an sein al­tes Pro­jekt ei­ner Lo­gik der Zeit an.180

Ein zwei­ter Be­zugs­punkt ist, nach der Zeit, das „Schrei­ben“. Das Schrei­ben ist für La­can die­je­ni­ge Ope­ra­ti­on, durch die vom Sym­bo­li­schen aus ein Be­zug zum Rea­len her­ge­stellt wer­den kann. Ma­the­ma­tik und Lo­gik be­ru­hen auf der Schrift; die schrift­ge­stütz­ten Ver­fah­ren der Lo­gik und der Ma­the­ma­tik er­mög­li­chen es, das zu be­stim­men, was „un­mög­lich“ ist. Das lo­gisch oder ma­the­ma­tisch Un­mög­li­che ist für La­can das Rea­le. An­ders for­mu­liert: das, was „nicht ge­schrie­ben wer­den kann“, ist das Rea­le.

Das Schrei­ben ver­weist au­ßer­dem auf den Be­griff des Buch­sta­bens. Ab Se­mi­nar 18 von 1971 (Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre) un­ter­schei­det La­can scharf zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten und dem Buch­sta­ben. Ein Si­gni­fi­kant hat ei­nen Sinn, der ent­zif­fert wer­den kann (ei­nen ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten); ein Buch­sta­be ist ein Ele­ment, das un­mit­tel­bar mit ei­nem Ge­nie­ßen ver­knüpft ist.

Im nächs­ten Schritt ver­knüpft La­can die bei­den Al­ter­na­ti­ven, ob et­was auf­hört oder nicht auf­hört und ob et­was ge­schrie­ben wird oder nicht ge­schrie­ben wird. Die Ver­bin­dung er­folgt durch eine Vier-Fel­der-Ma­trix; hier­aus er­ge­ben sich vier Mo­dal­ka­te­go­ri­en:Modalkategorien

Das Sche­ma hat ei­nen be­stimm­ten Be­zugs­punkt: es ist un­mög­lich, mög­lich, not­wen­dig, zu­fäl­lig, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis ge­schrie­ben wird.

Un­mög­li­ches:

– ce qui ne ces­se pas de ne pas s’écrire

– das, was nicht auf­hört, nicht ge­schrie­ben zu wer­den

– in­tui­ti­ve An­nä­he­rung (RN): eine Schreib­blo­cka­de – et­was, was ge­schrie­ben wer­den soll, kann hart­nä­ckig nicht ge­schrie­ben wer­den;

– La­cans An­wen­dung: vor al­lem das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis. An­ders ge­sagt: „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis.“ Eine Er­läu­te­rung fin­det man in die­sem Blog­bei­trag.

– zu­erst in Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 65

Not­wen­di­ges:

– ce qui ne ces­se pas de s’écrire

– das, was nicht auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den

– in­tui­ti­ve An­nä­he­rung (RN): eine Schreib­zwang – et­was muss zwang­haft im­mer wie­der ge­schrie­ben wer­den, ohne dass sich das stop­pen lässt

– La­cans An­wen­dung: der Wie­der­ho­lungs­zwang, das Sym­ptom181

– zu­erst in Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 65

– Ent­spre­chung bei Freud: Wie­der­ho­lungs­zwang

Zufälliges/Kontingentes

– ce qui ces­se de ne pas s’écrire

– das, was auf­hört, nicht ge­schrie­ben zu wer­den

– in­tui­ti­ve An­nä­he­rung (RN): Auf­lö­sung ei­ner Schreib­blo­cka­de – et­was, was lan­ge nicht ge­schrie­ben wer­den konn­te, kann end­lich ge­schrie­ben wer­den

– La­cans An­wen­dung: die Kon­tin­genz, den Pe­nis zu ha­ben; S1 als Her­ren­si­gni­fi­kant des phal­li­schen Ge­nie­ßens, Grund­la­ge der Lie­be (Pe­nis haben/nichthaben, also Phal­lus und Her­ren­si­gni­fi­kant ver­wei­sen auf die Va­ter­me­tapher; die Kon­tin­genz ist also ver­mut­lich die Me­ta­pher als Grund­la­ge für die Ent­ste­hung von neu­en Be­deu­tun­gen)

– zu­erst Se­mi­nar 20, S. 101, Grund­la­ge der Lie­be (Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 158)

– Ent­spre­chung bei Freud: Auf­de­ckung des Un­be­wuss­ten (neh­me ich an)

Mög­li­ches

– ce qui ces­se de s’écrire

– was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den

– in­tui­ti­ve An­nä­he­rung (RN): Auf­lö­sung ei­nes Schreib­zwangs – et­was, was be­stän­dig ge­schrie­ben wer­den muss­te, hört auf, ge­schrie­ben wer­den zu müs­sen

– La­cans An­wen­dung: das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis in Ge­sell­schaf­ten mit In­itia­ti­on182, das Ende des mit dem Sym­ptom ver­bun­de­nen Wie­der­ho­lungs­zwangs183

– Ent­spre­chung bei Freud: Be­sei­ti­gung des Sym­ptoms

 

Un­mög­li­ches und Not­wen­di­ges

– in­tui­tiv (RN): Un­mög­li­ches und Not­wen­di­ges sind zwei For­men der Nicht-Ver­än­de­rung, des Nicht-Auf­hö­rens: es lässt sich nicht ab­stel­len, dass et­was im­mer wie­der ge­schrie­ben wird (Not­wen­di­ges) bzw. dass et­was harn­tä­ckig nicht ge­schrie­ben wer­den kann (Un­mög­li­ches)

Zufälliges/Kontingentes und Mög­li­ches

– in­tui­tiv (RN): Zufälliges/Kontingentes und Mög­li­ches sind For­men der Ver­än­de­rung, des Auf­hö­rens

—- et­was, was nicht ge­schrie­ben wer­den konn­te, kann end­lich ge­schrie­ben wer­den (Zufälliges/Kontingentes); et­was, was hart­nä­ckig ge­schrie­ben wer­den muss­te, kommt end­lich zur Ruhe (Mög­li­ches)

Spalte, gespaltenes Subjekt (4)

Zu: „Von da­her die Not­wen­dig­keit – ich glau­be doch, wenn ich Sie in so gro­ßer Zahl sehe, dass es wohl ei­ni­ge gibt, die mei­ne Nach­ti­gall be­reits trap­sen ge­hört ha­ben –, von da­her die Not­wen­dig­keit der Tat­sa­che, dass die Spal­te nicht auf­hö­re, wel­che sich stets ver­grö­ßert, au­ßer sie er­lei­det das Auf­hö­ren der Kas­tra­ti­on als ‚mög­lich‘.“ (4)

La­can zu­fol­ge ent­steht das Sub­jekt, mit dem die Psy­cho­ana­ly­se es zu tun hat, durch eine Spal­tung, ge­schrie­ben als durch­ge­stri­che­nes S (S bar­ré), also $, für das su­jet bar­ré, das aus­ge­sperr­te Sub­jekt – das Sub­jekt, das von ei­nem we­sent­li­chen Teil von sich aus­ge­sperrt ist, dem Un­be­wuss­tem – und das des­halb ein su­jet di­vi­sé ist, ein ge­spal­te­nes Sub­jekt; vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.

Die Spal­tung ist nichts, was zum Sub­jekt hin­zu­kommt – das Sub­jekt der Psy­cho­ana­ly­se wird durch die Spal­tung kon­sti­tu­iert.

Der Be­griff des ge­spal­te­nen Sub­jekts lässt sich auf die ers­te Freud­sche To­pik be­zie­hen, auf die Spal­tung in Be­wuss­tes und Un­be­wuss­tes so­wie auf den Zu­sam­men­hang von Ver­drän­gung (oder Ab­wehr) und Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten. Der Be­griff ver­weist aber auch auf die zwei­te To­pik, auf das Ver­hält­nis zwi­schen der ab­weh­ren­den In­stanz, dem Ich, und dem, was ab­ge­wehrt wird, dem Es; der Buch­sta­be S steht dann für das Es, das Durch­strei­chen des S, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie, für die Trieb­un­ter­drü­ckung.

In La­cans Sicht be­steht die Spal­tung in der Tei­lung zwi­schen dem Aus­ge­sag­ten (énon­cé) und dem Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on), zwi­schen dem sinn­ori­en­tier­ten Spre­chen (énon­cé) und den „Spre­chen“ des Sym­ptoms (énon­cia­ti­on), des­sen Sinn dem Sub­jekt ver­sperrt ist. Die Spal­tung des Sub­jekts zeigt sich also im Sym­ptom. Der Ge­gen­satz zwi­schen die­sen bei­den Di­men­sio­nen des Spre­chens, der sinn­haf­ten Aus­sa­ge und dem über­ra­schen­den Äu­ße­rungs­vor­gang, ist die Spal­tung des Sub­jekts.

Mit dem Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on) ist, be­zo­gen auf die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kur, das­je­ni­ge Spre­chen ge­meint, auf das die Re­gel der frei­en As­so­zia­ti­on ab­zielt: die Be­kun­dung des Un­be­wuss­ten, etwa durch ei­nen Ver­spre­cher oder ei­nen über­ra­schen­den Ein­fall, also ein Spre­chen, bei dem das Sub­jekt nicht weiß, was es tut.184

Im „Gra­fen des Be­geh­rens“ wird das Aus­ge­sag­te durch die un­te­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie dar­ge­stellt, der Äu­ße­rungs­vor­gang durch die obe­re.185

In L’étourdit for­mu­liert La­can es so:

qu’on dise res­te ou­blié der­riè­re ce qui se dit dans ce qui s’entend.“186

Dass man sagt, bleibt ver­ges­sen hin­ter dem, was ge­sagt wird in dem, was ver­stan­den wird.“

Die Tat­sa­che, dass man spricht – der Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on) – wird ver­ges­sen, durch die Wir­kung des­sen, was ge­sagt und ver­stan­den wird, also des Aus­ge­sag­ten (énon­cé).

Durch die in Se­mi­nar 23 vor­an­ge­hen­de Be­mer­kung über Schuld und Sün­de wird die ab­weh­ren­de Sei­te der Spal­tung auf das Über-Ich be­zo­gen. Das Ich, sagt Freud, führt sei­nen Ab­wehr­kampf ge­gen be­stimm­te Trieb­re­gun­gen bis­wei­len im Auf­trag des Über-Ichs.187

Kastration (4)

Zu: „Von da­her die Not­wen­dig­keit – ich glau­be doch, wenn ich Sie in so gro­ßer Zahl sehe, dass es wohl ei­ni­ge gibt, die mei­ne Nach­ti­gall be­reits trap­sen ge­hört ha­ben –, von da­her die Not­wen­dig­keit der Tat­sa­che, dass die Spal­te nicht auf­hö­re, wel­che sich stets ver­grö­ßert, au­ßer sie er­lei­det das Auf­hö­ren der Kas­tra­ti­on als ‚mög­lich‘.“ (4)

La­can ver­wen­det den Aus­druck „Kas­tra­ti­on“ in zwei Be­deu­tun­gen. Zum ei­nen ist da­mit der Ver­lust an Ge­nie­ßen ge­meint, der durch die Spra­che er­lit­ten wird, ent­spre­chend Freuds Vor­stel­lung von der Ein­schrän­kung des li­bi­di­nö­sen Kör­pers auf we­ni­ge Li­bi­do­zo­nen. Zum an­de­ren ver­wen­det er „Kas­tra­ti­on“ als Kür­zel für das Ak­zep­tie­ren die­ses Ver­lusts, für sei­ne An­nah­me, Auf­sich­nah­me (as­somp­ti­on); die­se Über­nah­me er­folgt die durch die Sym­bo­li­sie­rung der Kas­tra­ti­on des An­de­ren. An die­ser Stel­le ist die zwei­te Be­deu­tung ge­meint. Durch das Ak­zep­tie­ren der Kas­tra­ti­on des An­de­ren ist es mög­lich, den Bann des Wie­der­ho­lungs­zwangs zu bre­chen: er hört auf, ge­schrie­ben zu wer­den.

Schreiben (4)

Zu: „Die­ses Mög­li­che, wie ich ge­sagt habe, ohne dass Sie es be­merkt hät­ten, zu­mal auch ich kei­nes­wegs be­merkt habe, das Kom­ma nicht ge­setzt zu ha­ben, die­ses Mög­li­che, habe ich frü­her ge­sagt, das ist das, was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, aber man muss (im Fran­zö­si­schen) das Kom­ma set­zen, es ist das, was da­durch auf­hört, dass es ge­schrie­ben wird, oder viel­mehr auf­hö­ren wür­de, die­sen Weg zu neh­men, im Fall, da end­lich der Dis­kurs auf­käme, den ich als ei­nen sol­chen be­schrie­ben habe, der nicht über den Schein wäre.“ (4)

Die aus­führ­lichs­te Dar­stel­lung des spä­ten La­can zum Be­griff des Buch­sta­bens fin­det man ihn sei­nem Auf­satz „Litu­ra­terre“ (1971); vgl. die Über­set­zung in die­se Blog hier.

Der Buch­sta­be wird in Litu­ra­terre funk­tio­nal be­stimmt: ein Buch­sta­be ist das, was den Schein auf­löst. Im Dis­kurs der Wis­sen­schaft sind dies die Buch­sta­ben im üb­li­chen Sin­ne des Wor­tes, und zwar spe­zi­ell die Sym­bo­le der phy­si­ka­li­schen For­meln. Im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se hat die­se schein­auf­lö­sen­de Funk­ti­on das Ob­jekt a, die Mehr­lust, und in­so­fern funk­tio­niert das Ge­nie­ßen hier als Buch­sta­be. Auch der sym­bo­li­sche Phal­lus löst den Schein auf, er ist also Buch­sta­be.

Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre (4)

Zu: „Die­ses Mög­li­che, wie ich ge­sagt habe, ohne dass Sie es be­merkt hät­ten, zu­mal auch ich kei­nes­wegs be­merkt habe, das Kom­ma nicht ge­setzt zu ha­ben, die­ses Mög­li­che, habe ich frü­her ge­sagt, das ist das, was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, aber man muss [im Fran­zö­si­schen] das Kom­ma set­zen, es ist das, was da­durch auf­hört, Kom­ma, dass es ge­schrie­ben wird, oder viel­mehr auf­hö­ren wür­de, die­sen Weg zu neh­men, im Fall, da end­lich der­je­ni­ge Dis­kurs auf­kä­me, den ich als ei­nen sol­chen be­schrie­ben habe, der nicht vom Schein wäre. (4)

An­spie­lung auf den Ti­tel von Se­mi­nar 18 von 1971, D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant, „Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre“. In den Dis­kurs­for­meln, die La­can in Se­mi­nar 17 von 1969/70 ent­wi­ckelt (Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se), ist der Platz oben links der­je­ni­ge des Agen­ten und der Platz un­ten links der der (ver­bor­ge­nen) Wahr­heit. Der Platz des Agen­ten ist der do­mi­nan­te Platz, von dem aus der Dis­kurs kon­trol­liert wird oder bes­ser: zu kon­trol­lie­ren ver­sucht wird.188 In Se­mi­nar 18 be­zeich­net er den Platz oben links als den des Scheins.189

Wahr­heit wird von La­can häu­fig pro­zess­haft ver­stan­den, als Ge­sche­hen, als Vor­gang der Ent­hül­lung, als Ent­ber­gen, wie Hei­deg­ger es nennt. Das Wahr­heits­ge­sche­hen be­steht dar­in, dass durch das Spre­chen ein ver­bor­ge­ner Sinn ent­hüllt wird, d.h. Si­gni­fi­kan­ten, die da­durch, dass sie ver­drängt sind, die Funk­ti­on von Si­gni­fi­ka­ten ha­ben.

Wahr­heit als die Ent­hül­lung von ver­bor­ge­nen Si­gni­fi­kan­ten ist ei­nes der Zie­le der psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung. Die ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten zei­gen sich je­doch be­reits un­ab­hän­gig da­von im Sym­ptom. Das Sym­ptom ist, wie Freud sagt, Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten, mit La­can: es be­steht aus Si­gni­fi­kan­ten, die zu den ver­dräng­ten und auf­zu­de­cken­den Si­gni­fi­kan­ten in Ver­bin­dung ste­hen.

Das Sym­ptom, schreibt La­can im Jahr 1966,

re­prä­sen­tiert die Wie­der­kehr der Wahr­heit als sol­cher in der Kluft ei­nes Wis­sens“.190

Das Sym­ptom re­prä­sen­tiert die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten, wo­bei der Be­zug zu den ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten un­be­wusst ist.

Und wei­ter:

Das Sym­ptom be­wahr­te eine Un­schär­fe, um ei­nen Ein­bruch der Wahr­heit zu re­prä­sen­tie­ren. Tat­säch­lich ist es Wahr­heit, da es aus dem­sel­ben Holz ge­macht ist, aus dem sie ge­macht ist, wenn wir ma­te­ria­lis­tisch anneh­men, dass die Wahr­heit das ist, was durch die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ein­ge­rich­tet wird.“191

Wissen, Können, Savoir-faire (4)

Zu: „Ist es eine Un­mög­lich­keit, dass die Wahr­heit zu ei­nem Pro­dukt des Kön­nens wird, des Sa­voir-fai­re?“ (4)

La­can ver­steht un­ter sa­voir, Wis­sen (von ihm mit S2 sym­bo­li­siert):

(a) Si­gni­fi­kan­ten­ver­knüp­fun­gen, im ein­fachs­ten Fall ein Si­gni­fi­kan­ten­paar,

(b) Wis­sen (das auf Si­gni­fi­kan­ten­dif­fe­ren­zen be­ruht),

(c) Sa­voir-fai­re, also Kön­nen, Know-how, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: Tech­nik,

(d) im Feld der Psy­cho­ana­ly­se: das Un­be­wuss­te.192

Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen (4)

Zu: „Aber sie [die Wahr­heit] wird dann nur halb­ge­sagt wer­den, sich in ei­nem S In­dex 1 (S1) des Si­gni­fi­kan­ten ver­kör­pern, da, wo es min­des­tens zwei braucht, da­mit [dar­aus] die Ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals ge­we­sen ist – my­thisch in dem Sinn, dass der My­thos sie ein­zig­ar­tig ge­macht hat: es han­delt sich um Eva, von der ich ge­ra­de ge­spro­chen habe – da­mit die ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals un­be­streit­bar be­ses­sen wor­den ist, da sie von der Frucht des ver­bo­te­nen Bau­mes ge­kos­tet hat, dem der Wis­sen­schaft.“ (4)

Die Sen­tenz be­zieht sich auf die Deu­tung durch den Ana­ly­ti­ker und hat den Cha­rak­ter ei­ner tech­ni­schen Emp­feh­lung. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker soll be­rück­sich­ti­gen, dass, wenn er eine Wahr­heit vor­bringt, die Wahr­heit sich zu­gleich ent­zieht; vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.

Als Ant­wort auf die­ses Pro­blem emp­fiehlt La­can den Ana­ly­ti­ke­rin­nen, ihre Deu­tun­gen in Form von Rät­seln und von Zi­ta­ten vor­zu­brin­gen; von Rät­seln: von mehr­deu­ti­gen For­mu­lie­run­gen; von Zi­ta­ten: von Wie­der­ho­lun­gen der Äu­ße­run­gen des Pa­ti­en­ten.193

Das Sa­gen der Wahr­heit stößt auf eine Gren­ze, und die­se Gren­ze ist das Ge­nie­ßen.

Die Wahr­heit lässt sich nur halb­sa­gen – die­se The­se for­mu­liert La­can zu­erst in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se. In den von La­can ver­öf­fent­lich­ten Tex­ten er­scheint der Be­griff des Halb­sa­gens zu­erst in La­cans Vor­wort zu Ani­ka Riff­let-Le­mai­res Buch Jac­ques La­can, Brüs­sel 1970. Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Dis­kurs ist

lehr­bar, je­doch aus­ge­hend von ei­nem Halb­sa­gen, näm­lich der Tech­nik, die be­rück­sich­tigt, dass die Wahr­heit im­mer nur zur Hälf­te ge­sagt wird. Dies setzt vor­aus, dass der Psy­cho­ana­ly­ti­ker sich im­mer nur in ei­nem asym­pto­ma­ti­schen Dis­kurs ma­ni­fes­tiert, was ja auch das min­des­te ist, was man da­von er­war­tet.“194

S1, Herrensignifikant (4)

Zu: „Aber sie wird dann nur halb­ge­sagt wer­den, sich in ei­nem S In­dex 1 (S1) des Si­gni­fi­kan­ten ver­kör­pern, da, wo es min­des­tens zwei braucht, da­mit [dar­aus] die Ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals ge­we­sen ist – my­thisch in dem Sinn, dass der My­thos sie ein­zig­ar­tig ge­macht hat: es han­delt sich um Eva, von der ich ge­ra­de ge­spro­chen habe – da­mit die ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals un­be­streit­bar be­ses­sen wor­den ist, da sie von der Frucht des ver­bo­te­nen Bau­mes ge­kos­tet hat, dem der Wis­sen­schaft. (4)

S1 ist La­cans Kür­zel für den Si­gni­fi­kan­ten, um den ein be­stimm­ter Dis­kurs kreist. Das Sym­bol S1 wird, in die­ser spe­zi­el­len Funk­ti­on, in Se­mi­nar 16 ein­ge­führt und dem Herrn, „maît­re“, zu­ge­ord­net195; in Se­mi­nar 17 wird der S1 erst­mals als „si­gni­fi­ant maît­re“ be­zeich­net, als Her­ren­si­gni­fi­kant.196 Er wird hier mit dem point de ca­pi­ton gleich­ge­setzt, dem Pols­ter­stich oder Stepp­punkt aus Se­mi­nar 3.197

In der Psy­cho­ana­ly­se ist der Her­ren­si­gni­fi­kant der ur­ver­dräng­te Si­gni­fi­kant, um den das Un­be­wuss­te (S2) kreist. In Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, wird S1 mit dem sym­bo­li­schen Phal­lus gleich­ge­setzt198, so auch in Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11.3.1975: der Her­ren­dis­kurs macht den Phal­lus zum S1199 – der sym­bo­li­sche Phal­lus ist der im­mer feh­len­de Si­gni­fi­kant200, also das Ur­ver­dräng­te.

Es braucht mindestens zwei Signifikanten (4)

Zu: „Aber sie wird dann nur halb­ge­sagt wer­den, sich in ei­nem S In­dex 1 (S1) des Si­gni­fi­kan­ten ver­kör­pern, da, wo es min­des­tens zwei braucht, da­mit [dar­aus] die Ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals ge­we­sen ist – my­thisch in dem Sinn, dass der My­thos sie ein­zig­ar­tig ge­macht hat: es han­delt sich um Eva, von der ich ge­ra­de ge­spro­chen habe – da­mit die ein­zig­ar­ti­ge Die-Frau [er­scheint], die je­mals un­be­streit­bar be­ses­sen wor­den ist, da sie von der Frucht des ver­bo­te­nen Bau­mes ge­kos­tet hat, dem der Wis­sen­schaft. (4)

Die Fra­ge nach der mi­ni­ma­len Si­gni­fi­kan­ten­kopp­lung, durch die das Sub­jekt ent­steht, be­schäf­tigt La­can seit dem Auf­satz Über ei­ner Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht von 1957. Hier hei­ßen die bei­den Ur­si­gni­fi­kan­ten „Be­geh­ren der Mut­ter“ und „Name-des-Va­ters“.

In Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, ent­wi­ckelt La­can die Idee, dass es eine ur­sprüng­li­che Si­gni­fi­kan­ten­kopp­lung gibt, die dar­in be­steht, dass das Sub­jekt im Feld des An­dern von ei­nem unä­ren Si­gni­fi­kan­ten für den bi­nä­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert wird; der bi­nä­re Si­gni­fi­kant ist die Vor­stel­lungs­re­prä­sen­tanz, der zen­tra­le Punkt der Ur­ver­drän­gung, er be­wirkt die Apha­ni­sis (das Ver­schwin­den) des Sub­jekts.201

Ab Se­mi­nar 16 von 1968/69 wer­den die bei­den Min­dest-Si­gni­fi­kan­ten als S1 und S2 be­zeich­net202, S2 wird „Wis­sen“ ge­nannt203; ab Se­mi­nar 17 wird S1 als Her­ren­si­gni­fi­kant be­zeich­net.204

S2 oder Wis­sen steht für eine Be­zie­hung zwi­schen min­des­tens zwei Si­gni­fi­kan­ten (so in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se) – Wis­sen ist ein Dif­fe­renz­sys­tem.

Die Be­zie­hung zwi­schen S2 und S1 ist die Form der To­ta­li­sie­rung im Sym­bo­li­schen: eine Rei­he von Ele­men­ten (S2), die in Be­zie­hung zu ei­nem Aus­nah­me­ele­ment (S1) steht.

Sokrates ist unsterblich

Zu: „Die l’Evie also ist nicht sterb­lich, mehr noch als So­kra­tes.“ (4)

Eva ist un­sterb­lich, un­sterb­li­cher noch als So­kra­tes. So­kra­tes ist dem­nach kei­nes­wegs sterb­lich, son­dern un­sterb­lich.

La­can be­zieht sich hier auf den be­rühm­ten Syl­lo­gis­mus:

– Wenn dies wahr ist: Alle Men­schen sind sterb­lich.

– Und wenn dies wahr ist: So­kra­tes ist ein Mensch.

– Dann ist auch dies wahr: So­kra­tes ist sterb­lich.

In Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, spricht La­can über das To­des­be­geh­ren von So­kra­tes205: So­kra­tes ist sich ge­wiss, dass er un­sterb­lich ist. Sein Be­geh­ren ist „ato­pisch“, ort­los, d.h. nicht ein­zu­ord­nen, rät­sel­haft. Die­ses Be­geh­ren rich­tet sich dar­auf, nach dem Tode im Ha­des be­stän­dig wei­ter­zu­dis­ku­tie­ren. Es stützt sich also dar­auf, dass die Ko­hä­renz des Si­gni­fi­kan­ten zu ei­nem ab­so­lu­ten Wert er­ho­ben wird, mög­li­cher­wei­se zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te.

In Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se, be­fasst La­can sich aus­führ­lich mit der Pro­po­si­ti­on „So­kra­tes ist sterb­lich“; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

DIE Frau ist ein anderer Name für Gott (4 f.)

Zu: „DIE Frau, um die es geht, ist ein wei­te­rer Got­tes­na­me, und in­so­fern exis­tiert sie nicht, wie ich es schon häu­fig ge­sagt habe.“ (4 f.)

Die­se The­se wird in Se­mi­nar 20, 1973, En­core, vor­ge­tra­gen. Gott ist ein Name für die Voll­kom­men­heit, für die Voll­stän­dig­keit (vgl. die Got­tes­prä­di­ka­te „All-Wis­sen“, „All-Macht“, „All-Güte“ usw.). Der Name Got­tes, der auch „DIE Frau“ ist, wird von La­can auch als Name-des-Va­ters be­zeich­net. In Se­mi­nar 22, RSI, heißt es: 

Ich be­har­re nicht dar­auf und ich ver­fol­ge wei­ter, was es mit dem Na­men-des-Va­ters auf sich hat, um ihn auf sei­nen Pro­to­typ zu­rück­zu­füh­ren und zu sa­gen, dass Gott – Gott in der Aus­ar­bei­tung, die wir die­sem Sym­bo­li­schen, die­sem Ima­gi­nä­ren und die­sem Rea­len ge­ben –, Gott ist Die-Frau, ‚alle‘ ge­macht.“206

Der sym­bo­li­sche Va­ter (auf dem die Got­tes­vor­stel­lung auf­baut) ist der­je­ni­ge, der dem My­thos von To­tem und Tabu zu­fol­ge alle Frau­en ge­nießt, der sich also nicht von be­stimm­ten Frau­en an­ge­zo­gen fühlt, son­dern von der Frau schlecht­hin, der sich also auf DIE Frau be­zieht.

Die“ Frau ist für La­can auch die Frau, an die man glaubt, im Ge­gen­satz zu „eine Frau“. Es geht hier um den Un­ter­schied zwi­schen „je­man­dem glau­ben“ und „an je­man­den glau­ben“. „Eine“ Frau ist die­je­ni­ge, der man glaubt oder auch nicht. „Die“ Frau ist die­je­ni­ge, an die man glaubt. Die­je­ni­ge, an die man glaubt (im Un­ter­schied zu: die­je­ni­ge, der man glaubt), ist in der Po­si­ti­on Got­tes, d.h. der mit einer Wahr­heits­ga­ran­tie aus­ge­stat­te­ten An­de­ren.207

DIE Frau existiert nicht (4 f.)

Zu: „DIE Frau, um die es geht, ist ein wei­te­rer Got­tes­na­me, und in­so­fern exis­tiert sie nicht, wie ich es schon häu­fig ge­sagt habe.“ (4 f.)

Formeln der SexuierungDIE Frau exis­tiert nicht“: Ein The­ma La­cans seit Se­mi­nar 18 von 1970/71, Von ei­nem Dis­kurs, der nicht über den Schein wäre. Statt „DIE Frau exis­tiert nicht“ heißt es auch „Die Frau ist nicht-alle“, eben dies wird von den For­meln der Se­xu­ie­rung dar­ge­stellt (rech­te Sei­te des Sche­mas). Die For­meln wur­den zu­erst in der Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 1972 vor­ge­stellt.208

Aristoteles will nicht, dass das Einzelne in seine Logik hineinspielt (5)

Zu: „Hier be­merkt man die ge­wief­te Sei­te von Aris­to­te­les, der nicht will, dass das Ein­zel­ne in sei­ne Lo­gik hin­ein­spielt.“ (5)

In der Lo­gik un­ter­schei­det man drei Ar­ten von Ur­tei­len:

– Ur­tei­le über Al­les = uni­ver­sa­le Ur­tei­le, z.B. „Alle Men­schen sind sterb­lich“.

– Ur­tei­le über Ei­ni­ges = par­ti­ku­la­re Ur­tei­le, z.B. „Ei­ni­ge Men­schen sind sterb­lich“.

– Ur­tei­le über Ein­zel­nes = sin­gu­lä­re Ur­tei­le, z.B. „So­kra­tes ist sterb­lich“.

Par­ti­ku­la­re und sin­gu­lä­re Ur­tei­le wer­den nicht im­mer un­ter­schie­den; an die­ser Stel­le ver­wen­det La­can „sin­gu­lär“ für „par­ti­ku­lar“, sei­ne The­se lau­tet also: Aris­to­te­les will nicht, dass par­ti­ku­la­re Ur­tei­le in sei­ne Lo­gik hin­ein­spie­len.

Den Hin­ter­grund die­ser Be­mer­kung er­läu­tert Mil­ler in den An­mer­kun­gen zur of­fi­zi­el­len Aus­ga­be des Se­mi­nars.209 Dem­nach be­zieht La­can sich auf den An­fang von Aris­to­te­le­sʼ Ers­ter Ana­ly­tik; au­ßer­dem er­fährt man von Mil­ler, dass La­can sich für die Deu­tung der Aris­to­te­les-Stel­le auf ei­nen Ar­ti­kel von Jac­ques Brun­schwig be­zieht.210

Mil­ler weist dar­auf hin, dass La­can mit die­sem ne­ga­ti­ven par­ti­ku­la­ren Ur­teil ent­ge­gen­ge­setzt ver­fährt wie Aris­to­te­les. Wäh­rend Aris­to­te­les das par­ti­ku­la­re Ur­teil zu­rück­weist, baut La­can auf ihm auf. Er bil­det sei­nen ne­ga­ti­ven All-Quan­tor „nicht-alle“ aus­ge­hend vom ne­ga­ti­ven parti­ku­la­ren Ur­teil: „Es gibt nicht ‚alle Frau­en‘“, es gibt kein weib­li­ches Uni­ver­sa­les, es gibt nicht DIE Frau.

nicht alle, mē pantes (5)

Zu: „Von da­her mei­ne For­mu­lie­rung, die ich, wenn ich so sa­gen darf, zu Ih­rem Ge­brauch noch ein­mal wa­sche, in­dem ich mich des μη παντες (mē pan­tes, nicht alle) be­die­ne, das ich im Or­ga­non auf­ge­grif­fen habe, wo es mir üb­ri­gens nicht ge­lun­gen ist, es wie­der­zu­fin­den, wo ich es aber doch wirk­lich ge­le­sen habe, und so­gar mei­ne Toch­ter, die hier an­we­send ist, hat es an­ge­stri­chen, und sie hat mir ge­schwo­ren, dass sie wie­der­fin­den wird, an wel­cher Stel­le das war, die­ses μη παντες (mē pan­tes), als der durch Aris­to­te­les bei­sei­te­ge­scho­be­ne Ge­gen­satz zur All­ge­mein­aus­sa­ge des πας (pas, dt.: al­les). Die Frau ist nur alle in der Ge­stalt, de­ren Äqui­vok sei­nen Reiz aus der uns­ri­gen Spra­che zieht, in Ge­stalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), wie man sagt: Al­les, nur das nicht!“ (5)

Das Or­ga­non ist eine Schrift von Aris­to­te­les; ei­nes der sechs Bü­cher des Or­ga­non ist die Ers­te Ana­ly­tik. Die von La­can ge­such­te Stel­le fin­det sich am An­fang der ers­ten Ana­ly­tik. In Ze­kls Über­set­zung liest sie sich so:

Was ver­ste­hen wir un­ter ‚über al­les oder von kei­nem aus­ge­sagt wer­den‘? Vor­ge­ge­be­ner Satz ist also eine Rede, die et­was von et­was be­ja­hend oder ver­nei­nend aus­sagt. Die­se er­folgt ent­we­der in der All­form oder in der Teil­form oder ist (in der Hin­sicht) un­be­stimmt. Mit ‚All­form‘ mei­ne ich: Ent­we­der al­lem oder kei­nem zu­kom­men, mit ‚Teil­form‘: Ei­ni­gem oder ei­ni­gem nicht oder nicht al­lem (mē pan­ti) zu­kom­men, ‚un­be­stimmt‘: Zu­kom­men oder Nicht-Zu­kom­men ohne Zu­satz der All- oder Teil­aus­sa­ge, z. B. der Satz: ‚Ge­gen­sät­ze sind Ge­gen­stand ei­nes und des­sel­ben Wis­sens‘ oder: ‚Lust ist nicht ein Gut‘.“ (Ers­te Ana­ly­tik, 1. Buch, 24 a, 15–22)211

Mei­ne Bei­spie­le zur Er­läu­te­rung (ich wäh­le ein ab­sur­des Bei­spiel, da­mit die for­ma­le Struk­tur deut­li­cher her­vor­tritt):

All­form: z.B. die Aus­sa­ge „Alle Men­schen sind sterb­lich“ oder „Kein Mensch ist sterb­lich“ (po­si­ti­ves oder ne­ga­ti­ves uni­ver­sa­les Ur­teil).

Teil­form: z.B. „Ei­ni­ge Men­schen sind sterb­lich“ oder „Ei­ni­ge Men­schen sind nicht sterb­lich“ oder „Nicht alle Men­schen sind sterb­lich“ (po­si­ti­ves oder ne­ga­ti­ves par­ti­ku­la­res Ur­teil).

Un­be­stimmt: z.B. „Men­schen sind sterb­lich“ oder „Men­schen sind nicht sterb­lich“. Die Quan­ti­tät – ob alle oder ei­ni­ge – ist un­be­stimmt.

Die von La­can ge­such­te For­mu­lie­rung lau­tet also nicht „mē pan­tes“, son­dern „mē pan­ti“; sie fin­det sich in der Ers­ten Ana­ly­tik, dort im ers­ten Buch, 24a, 19.

Alles, nur das/es nicht (5)

Zu: „Von da­her mei­ne For­mu­lie­rung, die ich, wenn ich so sa­gen darf, zu Ih­rem Ge­brauch noch ein­mal wa­sche, in­dem ich mich des μη παντες (mē pan­tes, nicht alle) be­die­ne, das ich im Or­ga­non auf­ge­grif­fen habe, wo es mir üb­ri­gens nicht ge­lun­gen ist, es wie­der­zu­fin­den, wo ich es aber doch wirk­lich ge­le­sen habe, und so­gar mei­ne Toch­ter, die hier an­we­send ist, hat es an­ge­stri­chen, und sie hat mir ge­schwo­ren, dass sie wie­der­fin­den wird, an wel­cher Stel­le das war, die­ses μη παντες (mē pan­tes), als der durch Aris­to­te­les bei­sei­te­ge­scho­be­ne Ge­gen­satz zur All­ge­mein­aus­sa­ge des πας (pas, dt.: al­les). Die Frau ist nur alle in der Ge­stalt, de­ren Äqui­vok sei­nen Reiz aus der uns­ri­gen Spra­che zieht, in Ge­stalt des „mais pas ça“ (nur das nicht / nur es nicht), wie man sagt: Al­les, nur das nicht!“ (5)

Zu: „Es ist das ‚mais pas ça‘ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in die­sem Jahr mit mei­nem Ti­tel als das Sin­thom ein­führe.“ (5)

Al­les“ steht für die To­ta­li­tät, „nur das nicht“ für die Aus­nah­me. Die To­ta­li­tät stützt sich auf eine Aus­nah­me, auf et­was Aus­ge­schlos­se­nes. Das ent­spricht den For­meln Formeln der Sexuierung - nur Seite des Mannes - nur Formelnder Se­xu­ie­rung aus Se­mi­nar 19 und 20 (sie­he links), und zwar der lin­ken Sei­te der Ta­bel­le, der Sei­te des Man­nes. Das „al­les“ fin­det man in der un­te­ren Zei­le (das um­ge­dreh­te A steht für „alle“ („für alle x gilt, dass sie der phal­li­schen Funk­ti­on un­ter­wor­fen sind“). Das „nur das nicht“ ent­spricht der obe­ren, das um­ge­kehr­te E meint „Es gibt“, „Es exis­tiert“ („Es gibt ein x, für das gilt, dass es nicht der phal­li­schen Funk­ti­on un­ter­wor­fen ist“).

Im So­kra­tes­bei­spiel ist „Al­les“ der von So­kra­tes ak­zep­tier­te streng ge­re­gel­te Dis­kurs, das De­fi­ni­ti­ons­fra­ge­spiel, das mit ei­ner Was-ist-Fra­ge be­ginnt, bei­spiels­wei­se mit der Fra­ge: Was ist Tap­fer­keit? und bei dem So­kra­tes die Ge­sprächs­teil­neh­mer in Wi­der­sprü­che zu ver­wi­ckeln ver­sucht. Das „nur das nicht“ be­zieht sich auf das Spre­chen sei­ner Frau, Xan­thip­pe. Ein Dia­log­sys­tem wie das So­kra­tes Zu­ge­schrie­be­ne kon­sti­tu­iert sich durch eine Aus­schlie­ßung, in die­sem Fall: durch die Aus­schlie­ßung des Weh­kla­gens der Frau­en.

Tout, mais pas ça, Al­les, nur das/es nicht.– Ça ist die fran­zö­si­sche Über­set­zung von Freuds „Es“. Das Al­les (die To­ta­li­sie­rung des Sym­bo­li­schen, das heißt die Bin­dung des Sym­bo­li­schen an die ima­gi­nä­re Fi­gur der Ganz­heit) kon­sti­tu­iert sich durch ei­nen Aus­schluss. Der Aus­schluss be­trifft das Es, den Trieb, das Rea­le. Das Sym­ptom ist eine Er­satz­be­frie­di­gung, sagt Freud212, also eine Be­frie­di­gung des Es (ça), die vom Ich – von der In­stanz der ima­gi­nä­ren To­ta­li­sie­rung – zu­rück­ge­wie­sen wird.

Sinthome / Saint Thome / saint homme (5)

Zu: „Es gibt im Mo­ment für die In­stanz des Buch­sta­bens, wie sie sich ge­gen­wär­tig ab­zeich­net – und er­hof­fen Sie nichts Bes­se­res, wie ich ge­sagt habe, was da­von noch wirk­sa­mer sein wird, wird nicht mehr tun, als das Sin­t­hom zu ver­schie­ben oder es gar ver­viel­fa­chen – für die ge­gen­wär­ti­ge In­stanz also gibt es das Sin­t­hom-mas­vo­n­aquin, das ich schrei­be, wie Sie möch­ten, M A S V O N A Q U I N nach Sin­t­hom. Sie wis­sen, dass Joy­ce sich ziem­lich über die­sen hei­li­gen Mann / die­ses Sin­t­hom ab­sab­ber­te.(5)

Die drei Aus­drü­cke „sin­t­home“, „Saint Thome“ und „saint hom­me“ sind ho­mo­phon, was in der Über­set­zung nicht nach­ge­bil­det wer­den kann.

sin­t­home: Sin­t­hom; alte Schreib­wei­se von sym­ptô­me, Sym­ptom

Saint Thome: Hei­li­ger Thom; La­cans Ab­kür­zung für „hei­li­ger Tho­mas“ (im Fran­zö­si­schen heißt er in der Re­gel Saint Tho­mas)

saint hom­me: hei­li­ger Mensch/Mann

Sin­t­home madaquin“ (wört­lich: „mas­vo­n­aquin­sches Sin­t­hom“) ist ho­mo­phon mit „Saint Tho­mas d’Aquin“ (Hei­li­ger Tho­mas von Aquin).

Die Schreib­wei­se „sin­t­home“ er­mög­licht es La­can, eine Ver­bin­dung her­zu­stel­len zwi­schen dem Sym­ptom und der Idea­li­sie­rung des Va­ters, dem Va­ter als saint hom­me, eine Funk­ti­on, die im Fal­le von Joy­ce von Tho­mas von Aquin über­nom­men wird.

Die Idea­li­sie­rung des Va­ters oder all­ge­mein des An­de­ren ist die Grund­la­ge der Neu­ro­se und also die Ur­sa­che des Sym­ptoms.

Die ab­so­lut grund­le­gen­de Trieb­fe­der der Neu­ro­se ist, nicht zu wol­len, dass der An­de­re kas­triert ist.“213

Über den Psy­cho­ana­ly­ti­ker als Hei­li­gen hat­te La­can sich 1973 in Te­le­vi­si­on ge­äu­ßert.214

Das Symptom ist eine Weise, die Wahrheit anzugehen (6)

Zu: „Man muss den Weg wäh­len, auf dem die Wahr­heit an­zu­ge­hen ist. Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den dar­an hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Wei­se hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­thoms rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat.“ (6)

Im Sym­ptom äu­ßert sich das Be­geh­ren, es zeigt die Wahr­heit über das Sub­jekt.

In ei­nem Text von 1966 schreibt La­can:

Der Si­gni­fi­kant hat nur Sinn durch sei­ne Be­zie­hung zu ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten. Auf die­ser Ar­ti­ku­la­ti­on be­ruht die Wahr­heit des Sym­ptoms. Das Sym­ptom hat die Un­be­stimmt­heit be­wahrt, ei­nen Ein­bruch der Wahr­heit zu re­prä­sen­tie­ren. Tat­säch­lich ist es Wahr­heit, da es aus dem­sel­ben Holz ge­macht ist, aus der sie ge­macht ist, wenn wir ma­te­ria­lis­tisch an­neh­men, dass die Wahr­heit das ist, was von der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ein­ge­setzt wird.“215

Mit der Logik kommt man zum Realen (6)

Zu: „Man muss den Weg wäh­len, auf dem die Wahr­heit an­zu­ge­hen ist. Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den dar­an hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Wei­se hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­thoms rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat.“ (6)

Für La­can gibt es vom Sym­bo­li­schen aus ei­nen Zu­gang zum Rea­len: nicht über den Sinn, son­dern über die Lo­gik. Das Rea­le ist das Un­mög­li­che, wie es ab Se­mi­nar 9 heißt, und das Un­mög­li­che kann mit den Mit­teln der Lo­gik be­stimmt wer­den; das Rea­le kann in lo­gi­schen For­meln ge­schrie­ben wer­den, auf dem Weg über die Sack­gas­se der For­ma­li­sie­rung, d.h. durch das, was sich in ei­ner For­ma­li­sie­rung als Sack­gas­se er­weist.216 Das ist das von La­can in den Se­mi­na­ren 18 und 19 ver­folg­te Pro­jekt. Die „Sack­gas­se der For­ma­li­sie­rung“ ist der Wi­der­spruch, der nur in der Lo­gik prä­zi­sier­bar ist. Die Lo­gik, die La­can im Sinn hat, ist vor al­lem eine Lo­gik der Un­ent­scheid­bar­keit.

Was wich­tig ist, was das Rea­le kon­sti­tu­iert, ist dies, dass durch die Lo­gik et­was ge­schieht, wo­durch nicht etwa be­wie­sen wird, dass zu­gleich p und nicht-p falsch sind, son­dern dass we­der das eine noch das an­de­re lo­gisch auf ir­gend­ei­ne Wei­se ve­ri­fi­ziert wer­den kön­nen.“217

Vgl. vor­her in die­ser Sit­zung von Se­mi­nar 23 die Bemerkung, er, La­can, habe aus­ge­spro­chen, was dem Ge­stam­mel der Freud-Schü­ler „in gu­ter Lo­gik“ ent­nom­men wer­den konn­te und dass nie­mand von ih­nen dem Weg der „gu­ten Lo­gik“ ge­folgt sei218.

Phallus (7)

Zu: „Der Phal­lus ist die Zu­sam­men­fü­gung die­ses Pa­ra­si­ten, wie ich ihn ge­nannt habe, also des frag­li­chen Stück­chen Schwanz, er ist die Zu­sam­men­fü­gung von die­sem mit der Funk­tion des Spre­chens.“ (7)

Der „Phal­lus” ist für La­can eine „Zu­sam­men­fü­gung“, eine Mon­ta­ge, zwi­schen et­was Rea­lem – dem auf den Pe­nis be­zo­ge­nen Ge­nie­ßen – und der Funk­ti­on des Spre­chens.

Diskurs der Universität (7)

Zu: „Nur an der Uni­ver­si­tät gibt es Joy­cia­ner, um sei­ne Hä­re­sie52 zu ge­nie­ßen.“ (7)

La­can be­zieht sich hier in­di­rekt und spä­ter di­rekt auf die Leh­re von den vier Dis­kur­sen, die er zu­erst in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, ent­wi­ckelt hat­te; ei­ner die­ser Dis­kur­se ist der Dis­kurs der Uni­ver­si­tät.

Grund­la­ge von La­cans Dis­kurs-For­meln ist eine Vier-Fel­der-Ma­trix. Die bei­den Spal­ten ste­hen für zwei Ak­teu­re, die lin­ke für den­je­ni­gen, der als Agent des je­wei­li­gen Dis­kur­ses auf­tritt und nach dem der Dis­kurs be­nannt wird. Die rech­te Spal­te re­prä­sen­tiert den Adres­sa­ten des Dis­kur­ses. Die obe­re Zei­le steht für die be­wuss­te Ebe­ne, die un­te­re für die un­be­wuss­te.Vier Diskurse - Die vier PlätzeDie Be­zeich­nun­gen der Spal­ten fin­det man nicht bei La­can (er hat hier­für kei­ne spe­zi­el­len Ter­mi­ni), ich habe sie des­halb in ecki­ge Klam­mern ge­setzt.

Die vier Plät­ze des Sche­mas wer­den von La­can als der des Agen­ten, der des An­de­ren, der der Wahr­heit und der der Pro­duk­ti­on be­zeich­net. Ihr Zu­sam­men­hang ist so zu le­sen: Der Agent be­zieht sich auf ei­nen An­de­ren, ei­nen Adres­sa­ten. Da­bei stützt sich der Agent auf eine un­be­wuss­te Wahr­heit, auf eine Wahr­heit, die ihm ent­geht. Die Be­zie­hung des Agen­ten zum An­de­ren führt dazu, dass der An­de­re et­was pro­du­ziert; die­se Pro­duk­ti­on ist un­be­wusst.

La­can un­ter­schei­det in Se­mi­nar 17 vier Dis­kur­se: den Dis­kurs des Herrn, den Dis­kurs des Hys­te­ri­kers, den Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers und den Dis­kurs der Uni­ver­si­tät. Im Dis­kurs des Herrn steht die lin­ke Spal­te für den Herrn, die rech­te – in He­gel­scher Ter­mi­no­lo­gie – für den Knecht. Im Dis­kurs des Hys­te­ri­kers re­prä­sen­tiert die lin­ke Sei­te den Hys­te­ri­ker, die rech­te den Herrn. Im Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers steht die lin­ke Sei­te für den Ana­ly­ti­ker, die rech­te für den Pa­ti­en­ten (der Pa­ti­ent er­scheint also zwei­mal, im Dis­kurs des Hys­te­ri­kers als Agent, im Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers als An­de­rer). Im Dis­kurs des Uni­ver­si­tät steht die Uni­ver­si­tät (links) den Stu­die­ren­den (rechts) ge­gen­über.

Die vier Plät­zen sind Orte, die von vier Ele­men­ten be­setzt wer­den. Die­se Ele­men­te sind S1, S2, a und $.

S1 der Her­ren­si­gni­fi­kant. Psy­cho­ana­ly­tisch ge­se­hen, geht es um die sym­bo­li­sche Iden­ti­fi­zie­rung und das Ichi­de­al.

S2 steht für das Wis­sen, mit der zwei ist die Ver­bin­dung von (min­des­tens) zwei Si­gni­fi­kan­ten ge­meint. Im Re­gis­ter der Psy­cho­ana­ly­se ist dies das Un­be­wuss­te, in der Be­griff­lich­keit der Um­gangs­spra­che das Wis­sen in sei­nen bei­den For­men, als kno­wing that und als kno­wing how, als Kön­nen und ab­frag­ba­res Fak­ten­wis­sen.

a ist das Ob­jekt a, die Mehr­lust, das Mehr­ge­nie­ßen (plus-de-jouir), das Par­ti­al­ob­jekt als Sym­bol für das Ge­nie­ßen, dass durch die Ein­wir­kung der Spra­che ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, und auf sich der Ver­such stützt, da Ver­lo­re­ne wie­der­zu­ge­win­nen (Ob­jekt a als Ur­sa­che des Be­geh­rens).

$ ist das ge­spal­te­ne Sub­jekt. Psy­cho­ana­ly­tisch geht es, mit Freud, um die Spal­tung in Be­wuss­tes und Un­be­wuss­tes, mit La­can in die Spal­tung in, ei­ner­seits, das Aus­ge­sag­te (énon­cé), das sinn­ori­en­tier­te Spre­chen, und, an­de­rer­seits, den Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on), das Sym­ptom, die freie As­so­zia­ti­on, den Ver­spre­cher, die Fehl­leis­tung.

Die­se vier Ele­men­te ha­ben eine fes­te Rei­hen­fol­ge: S1, S2, a, $. Sie sind kreis­för­mig an­ge­ord­net, nach $ geht es also mit S1 wei­ter. Hier­aus er­ge­ben sich die vier Dis­kur­se:

Vier Diskurse - die vier FormelnBe­ginnt man mit dem Dis­kurs des Herrn und dreht die vier Ele­men­te um eine Vier­tel­dre­hung im Uhr­zei­ger­sinn, kommt man zum Dis­kurs des Hys­te­ri­kers. Durch Wie­der­ho­lung der Ope­ration er­gibt sich der Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers, dann der Dis­kurs der Uni­ver­si­tät und schließ­lich wie­der der Dis­kurs des Herrn.

Als Waffe gegen das Symptom haben wir nur die Äquivokation (9)

Zu: „Denn letzt­lich ha­ben wir als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom nur dies: die Äqui­vo­ka­tion.“ (9)

In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, sagt La­can:

Das si­gn­ans ist in­so­fern von Be­lang, als es uns die Mög­lich­keit gibt, in der Ana­ly­se zu ope­rie­ren, zu lö­sen, auch wenn wir, wie alle an­de­ren, nur ei­nen Ge­dan­ken auf ein­mal ha­ben kön­nen, uns aber in die­sen Zu­stand zu ver­set­zen, der scham­haft als ‚frei­schwe­ben­de Auf­merk­sam­keit‘ be­zeich­net wird, der be­wirkt, dass ge­nau dann, wenn hier der Part­ner, der Ana­ly­sie­ren­de (l’analysant) ei­nen Ge­dan­ken aus­sen­det, wir da­von ei­nen ganz an­de­ren ha­ben kön­nen; das ist ein glück­li­cher Zu­fall, aus dem ein Blitz auf­schießt. Und ge­nau von da­her kann die Deu­tung vor­ge­nom­men wer­den, d.h. auf­grund der Tat­sa­che, dass wir eine frei­schwe­ben­de Auf­merk­sam­keit ha­ben, hö­ren wir das, was er ge­sagt hat, manch­mal ein­fach auf­grund ei­ner Art Äqui­vo­ka­ti­on, d.h. ei­ner ma­te­ri­el­len Äqui­va­lenz; wir be­kom­men mit, dass das, was er ge­sagt hat, wir be­kom­men es mit, weil wir dem aus­ge­setzt sind, dass das, was er ge­sagt hat, ganz an­ders ver­stan­den wer­den konn­te. Und ge­nau da­durch, dass wir ihn ganz an­ders ver­ste­hen, er­mög­li­chen wir es ihm, mit­zu­be­kom­men, von wo sei­ne Ge­dan­ken, sei­ne ihm ei­ge­ne Se­mio­tik, von wo sie auf­taucht: sie taucht aus nichts an­de­rem auf als aus der Ex-sis­tenz von Lalan­gue. Lalan­gue ex-sis­tiert an­ders­wo als in dem, was er für sei­ne Welt hält.“219

Der Be­griff des Si­gn­fi­kan­ten, auf la­tei­nisch: des si­gn­ans, ist des­halb wich­tig, weil er es er­mög­licht, auf die Mehr­deu­tig­kei­ten des Pa­ti­en­ten zu ach­ten, des Ana­ly­sie­ren­den (ana­ly­sant), wie La­can sagt; die Deu­tung be­zieht sich auf sol­che Äqui­vo­ka­tio­nen.

Die Äqui­vo­ka­ti­on steht bei La­can in ei­nem Span­nungs­ver­hält­nis zum Sinn. In Se­mi­nar 22, RSI, heißt es:

Was ist die­ser Sinn? In der ana­ly­ti­schen Pra­xis ver­fah­ren Sie vom Sinn aus. Aber auf ei­ner an­de­ren Sei­te ver­fah­ren Sie nur so, daß Sie ihn re­du­zie­ren, da Sie im­mer von der Äqui­vo­ka­ti­on aus ver­fah­ren – ich spre­che hier zu je­nen, die der Be­zeich­nung ‚Ana­ly­ti­ker‘ wür­dig sind. Die Äqui­vo­ka­ti­on ist nicht der Sinn. Die Äqui­vo­ka­ti­on ist grund­le­gend für das Sym­bo­li­sche, also für das, wor­auf sich das Un­be­wuß­te stützt, so wie ich es struk­tu­rie­re. Der Sinn ist das, wo­durch et­was ant­wor­tet, das et­was an­de­res ist als das Sym­bo­li­sche, näm­lich – kein Mit­tel, es an­ders zu sa­gen – das Ima­gi­nä­re.“220

Ein Bei­spiel für die Deu­tung ei­ner Mehr­deu­tig­keit durch La­can in der Ana­ly­se im Jahr 1974 gibt Su­san­ne Hom­mel in dem Do­ku­men­tar­film Ren­dez-vous chez La­can von Gé­r­ard Mil­ler, 2011; die von der Pa­ti­en­tin vor­ge­brach­te Äqui­vo­ka­ti­on ist hier Ge­sta­po / gès­te à peau (Haut-Ges­te); im In­ter­net: sie­he hier.

Der Psychoanalytiker autorisiert sich selbst (9)

Zu: „Es kommt vor, dass ich mir den Lu­xus leis­te, eine ge­wisse An­zahl von Leu­ten zu kon­trol­lie­ren – wie man das nennt –, von Leu­ten, die sich selbst, ge­mäß mei­ner For­mu­lie­rung, au­to­ri­siert ha­ben, Ana­ly­ti­ker zu sein.“ (9)

La­can spricht hier über den Wer­de­gang des Psy­cho­ana­ly­ti­kers in der 1964 von ihm ge­grün­de­ten Éco­le Freu­dien­ne de Pa­ris. In der Pro­po­si­ti­on du 9 oc­tob­re 1967 sur le psy­chana­lys­te de l’École (Vor­schlag vom 9. Ok­to­ber 1967 über den Psy­cho­ana­ly­ti­ker der Schu­le) schreibt er: 

Zu­nächst ein Prin­zip: Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker wird nur von ihm selbst au­to­ri­siert.“221

Spä­ter hat er das mo­di­fi­ziert:

Er wird nur von ihm selbst au­to­ri­siert, und ich füge hin­zu: und von ei­ni­gen an­de­ren.“222

Resonanz der Interpretation (9)

Zu: „Es ist nö­tig, dass es im Si­gni­fi­kan­ten et­was gibt, das re­so­niert, das Re­so­nanz gibt.“ (9)

Der Ana­ly­ti­ker hat zu ler­nen, sei­ne Deu­tung nicht ar­gu­men­ta­tiv vor­zu­brin­gen, son­dern mit Mehr­deu­tig­kei­ten zu ar­bei­ten.

Von der „Re­so­nanz der In­ter­pre­ta­ti­on“ spricht La­can be­reits in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se.223

Sagen versus Gesagtes (9)

Zu: „Sie stel­len sich vor, dass es Trie­be gibt, und ob­wohl sie ‚Trieb‘ durch­aus nicht mit ‚In­stinkt‘ über­set­zen wol­len, stel­len sie sich nicht vor, dass die Trie­be das Echo im Kör­per der Tat­sa­che sind, dass es ein Sa­gen gibt.“ (9)

Sa­gen“, dire, meint hier ver­mut­lich das an Äqui­vo­ka­tio­nen rei­che Spre­chen, im Ge­gen­satz zum „Gesag­ten“ (dit), dem am Sinn ori­en­tier­ten Spre­chen. Ver­wandt oder viel­leicht so­gar syn­onym mit der Un­ter­schei­dung zwi­schen dem „Äu­ße­rungs­vor­gang“ (énon­cia­ti­on) und dem „Aus­ge­sag­ten“ (énon­cé).

Stimme (10)

Zu: „Weil der Kör­per ei­nige Öff­nun­gen hat, de­ren wich­tigste, weil es nicht ver­stopft, nicht ge­schlos­sen wer­den kann, de­ren wich­tigste das Ohr ist, weil es nicht ver­schlos­sen, nicht zu­ge­macht wer­den kann, aus die­sem Grund ant­wor­tet im Kör­per das, was ich die Stim­me ge­nannt habe.“ (10)

Mit „Stim­me“ ist hier nicht der von Men­schen mit sei­nem Stim­m­ap­pa­rat er­zeug­te Schall ge­meint, son­dern ein be­stimm­tes „Ob­jekt a“.

Die Ein­fü­gung in die Spra­che und das Spre­chen führt zu ei­nem un­wie­der­bring­li­chen Ver­lust des Ge­nie­ßens; im Ethik-Se­mi­nar wird die­ses un­zu­gäng­li­che Ge­nie­ßen „das Ding“ ge­nannt. Das Ob­jekt a, auf das die Wie­der­ho­lung ab­zielt, ist ein Rest die­ses ver­lo­re­nen Ge­nie­ßens, sein durch die Wie­der­ho­lung er­reich­ba­rer Stell­ver­tre­ter. (Vgl. in die­sem Blog den Ar­ti­kel Das Ding – Ob­jekt a – Ob­jekt des Be­geh­rens.) Das Ob­jekt a wird ab Se­mi­nar 16 auch als plus-de-jouir be­zeich­net, als „Mehr­lust“.224

Das grund­le­gen­de Merk­mal ei­nes Ob­jekt a dar­in be­steht, dass es ab­ge­trennt ist, dass es nicht as­si­mi­lier­bar ist, dass es im psy­chi­schen Ap­pa­rat ei­nen Fremd­kör­per dar­stellt, ein in­ne­res Au­ßen.

La­can un­ter­schei­det vier Ob­jek­te a: Brust, Kot, Stim­me und Blick.

Die Stim­me er­scheint bei ihm zu­nächst als die vom Psy­cho­ti­ker hal­lu­zi­nier­te Stim­me.225 Als Ob­jekt a wird sie ein­ge­führt in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst, in den Sit­zun­gen vom 22. Mai und vom 5. Juni 1963; da­bei geht es um die Stim­me des Über-Ichs. Zur Re­so­nanz­funk­ti­on der Stim­me als Ob­jekt a äu­ßert La­can sich be­reits dort.226

Körper (10)

Zu: „More geo­me­tri­co – auf Grund der Form, die Pla­ton so schätz­te, er­weist sich das In­di­vi­du­um so, wie es ge­baut ist: als ein Kör­per. Die­ser Kör­per hat eine sol­che fes­seln­de Kraft, dass, bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, die Blin­den zu be­nei­den wä­ren. (…) Das Er­staun­li­che ist dies, was ich sa­gen wer­de, dass die Form nur den Sack lie­fert, oder, wenn Sie so wol­len, die Bla­se.“ (10)

La­can be­zieht sich hier auf sei­ne Theo­rie des Ima­gi­nä­ren, wo­nach das Sub­jekt im Bild sei­nes Kör­pers die Ein­heit an­ti­zi­piert, die ihm fehlt. Da­bei fun­giert der Kör­per als Um­hül­lung, ge­wis­ser­ma­ßen als Sack mit Öff­nun­gen.

Mengenlehre und Zahlentheorie (10)

Zu: „Der Sack, wie er in der Men­gen­lehre vor­ge­stellt wird, so wie Can­tor sie be­grün­det hat, wird ma­ni­fest, ja gar be­wie­sen, wenn je­der Be­weis auf­ge­fasst wird als das in ihm ent­hal­tene Ima­gi­näre be­wei­send, die­ser Sack, sage ich, ver­dient es kon­no­tiert zu wer­den mit ei­ner Am­bi­gui­tät von eins und von Null, dem ein­zi­gen Trä­ger, der dem an­ge­mes­sen ist, an das die lee­re Men­ge grenzt, wel­che sich in die­ser Theo­rie auf­zwingt.“ (10)

La­can spricht hier über die Be­zie­hung zwi­schen Men­gen­leh­re und Zah­len­theo­rie. Die Men­gen­leh­re soll für die ver­schie­de­nen Zwei­ge der Ma­the­ma­tik eine Grund­la­ge lie­fern, um so die Ma­the­ma­tik zu ver­ein­heit­li­chen. Hier­zu ist es vor al­lem nö­tig, die ele­men­ta­ren Ob­jek­te der Ma­the­ma­tik, die Zah­len, men­gen­theo­re­tisch zu be­grün­den, und das heißt zu­nächst: die gan­zen Zah­len und da­mit Null, Eins und Zwei (Pea­no lässt die Rei­he der gan­zen Zah­len mit Null be­gin­nen).

La­can be­greift Null und Eins aus­ge­hend von der lee­ren Men­ge. Die lee­re Men­ge ist ei­ner­seits Null („Null­men­ge“), an­de­rer­seits aber Eins, da sie ja eine Men­ge ist; dar­in be­steht ihre Am­bi­gui­tät.227 In Se­mi­nar 22, RSI, sagt La­can, in ei­nem frü­he­ren Se­mi­nar habe er er­läu­tert, dass es kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Null und Eins gibt, denn „nichts ist bes­ser ge­eig­net als die lee­re Men­ge, um die 1 zu sug­ge­rie­ren“228. Er be­zieht sich da­mit ver­mut­lich auf Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 11. Juni 1969.229

Das Imaginäre des Beweises (10)

Zu: „Der Sack, wie er in der Men­gen­lehre ima­gi­niert wird, so wie Can­tor sie be­grün­det hat, wird ma­ni­fest, ja gar be­wie­sen, wenn je­der Be­weis auf­ge­fasst wird als das in ihm ent­hal­tene Ima­gi­näre be­wei­send, die­ser Sack, sage ich, ver­dient es kon­no­tiert zu wer­den mit ei­ner Am­bi­gui­tät von Eins und Null, dem ein­zi­gen Trä­ger, der dem an­ge­mes­sen ist, an das die lee­re Men­ge grenzt, die sich in die­ser Theo­rie auf­zwingt.“ (10)

Je­der Be­weis be­ruht auf ei­ner an­schau­li­chen Grund­la­ge, auch in der Ma­the­ma­tik stützt sich das Sym­bo­li­sche auf ein ima­gi­nä­res Fun­da­ment und er­zeugt so den Sin­n­ef­fekt. Bei­spiels­wei­se grün­det sich die Men­gen­leh­re auf ein be­stimm­tes Bild: auf der Um­riss­zeich­nung ei­nes Sacks.230

Körper als Hautsack (10)

Zu: „Von da­her un­sere Schrei­bweise S In­dex 1 (S1), ich prä­zi­siere, dass sie so ge­le­sen wird; sie bil­det nicht die Eins, aber sie zeigt die­se an als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, ein lee­rer Sack sein kann.“ (10)

Die Kör­per­ober­flä­che ist die Haut; re­du­ziert man den Kör­per auf die Haut und fügt man eine Öff­nung hin­zu, er­hält man ei­nen Sack. Im Hin­ter­grund steht hier Freuds Be­mer­kung, das Ich sei „nicht nur ein Ober­flä­chen­we­sen, son­dern die Pro­jek­ti­on ei­ner Ober­flä­che“231. Lässt man den Sack er­star­ren, ver­wan­delt er sich ei­nem Topf; viel­leicht hat­te La­can hier­auf vor­her an­ge­spielt, als er sag­te, die be­nann­te Na­tur be­haup­te sich als pot/peau-pourri von Au­ßer­na­tur, als „Topf“/„Haut“ von Ver­faul­tem (3).

Ex-sistenz und Konsistenz (10 f.)

Zu: „Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sis­tenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist. Sie müs­sen für real ge­hal­ten wer­den, die­se Ex-sis­tenz und die­se Kon­sis­tenz, da das Rea­le ist, sie zu hal­ten.“ (10 f.)

Die Be­grif­fe Ex-sis­tenz und Kon­sis­tenz – so­wie, als drit­ter Ter­mi­nus, „Loch“ – wur­den von La­can in Se­mi­nar 22, RSI, zur Be­schrei­bung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens ein­ge­führt.

Die Ex-sis­tenz (statt „Exis­tenz“) be­steht dar­in, dass die drei Rin­ge ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung ein­an­der äu­ßer­lich (ex) sind, dass sie ge­gen­ein­an­der­sto­ßen, für­ein­an­der ei­nen Wi­der­stand bil­den, und zwar in der Wei­se, dass sie nicht aus­ein­an­der­fal­len. Die Ex-sis­tenz (im Sin­ne der Äu­ßer­lich­keit) sorgt da­für, dass die Ver­schlin­gung Be­stand hat (dass sie exis­ti­tiert).

Die Kon­sis­tenz des Rings be­steht dar­in, dass er ge­schlos­sen ist und nicht etwa ei­nen of­fe­nen Fa­den bil­det.232 In der Spra­che der Ma­the­ma­ti­ker: Die Kon­sis­tenz ei­nes Rings (ei­nes Kno­tens) be­steht in sei­ner Ge­schlos­sen­heit. (Al­ler­dings be­zieht La­can den Be­griff der Kon­sis­tenz auch auf das of­fe­ne Seil, hier be­steht die Kon­sis­tenz dar­in, dass das Seil nicht zer­reißt, wenn man sich dar­an fest­hält.233) Man muss also zwei For­men des Zu­sam­men­halts un­ter­schei­den: den Zu­sam­men­halt ei­nes Fa­dens oder Rings in sich (Kon­sis­tenz) und den Zu­sam­men­halt ei­ner Ver­schlin­gung meh­re­rer Ring (Ex-sis­tenz).

Der Kno­ten ist für La­can ein To­rus (eine Art Rei­fen); das Loch ist das In­ne­re die­ses To­rus, das, wo­durch man die Hand ste­cken kann.

Die Ex-sis­tenz wird von La­can dem Rea­len zu­ge­ord­net234; die Kon­sis­tenz dem Ima­gi­nä­ren235, das Loch dem Sym­bo­li­schen.

Man muss die Re­gis­ter des Rea­len, des Ima­gi­nä­ren und des Sym­bo­li­schen also auf dop­pel­te Wei­se dem Kno­ten zu­ord­nen: zum ei­nen ent­spricht je­der Ring je ei­nem der drei Re­gis­ter, zum an­de­ren hat je­der Ring ei­nen rea­len, ei­nen ima­gi­nä­ren und ei­nen sym­bo­li­schen As­pekt.

Der Ter­mi­nus „ex-sis­tence“ wird von La­can in Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, ein­ge­führt, si­cher­lich in­spi­riert von Hei­deg­gers Be­griff der „Ek-sis­tenz“ (im Brief über den Hu­ma­nis­mus, 1947).

Be­zo­gen auf die Kör­perober­flä­che be­steht die Ex-sis­tenz dar­in, dass die Ober­flä­che ge­gen­über dem, was im Haut­sack ent­hal­ten ist, äu­ßer­lich ist. Mit Kon­sis­tenz ist ge­meint, dass die Kör­per­ober­flä­che in sich zu­sam­men­hält.

Das Reale im borromäischen Knoten (10 f.)

Zu: „Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sis­tenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist. Sie müs­sen für real ge­hal­ten wer­den, die­se Ex-sis­tenz und die­se Kon­sis­tenz, da das Rea­le ist, sie zu hal­ten.“ (10 f.)

Das Rea­le spielt beim bor­ro­mäi­schen Kno­ten eine dop­pel­te Rol­le: ei­ner der Rin­ge steht für das Rea­le, zu­gleich hat je­der der Rin­ge eine rea­le Di­men­si­on, näm­lich dass er die an­de­ren Rin­ge nicht durch­dringt, dass er ih­nen äu­ßer­lich ist und sich an ih­nen stößt, was von La­can als „Ex-sis­tenz“ be­zeich­net wird.236

Homogenität der Ringe (11)

Zu: „Das Ima­gi­näre zeigt hier sei­ne Ho­mo­ge­ni­tät mit dem Rea­len, und dass sie, die­se Ho­mo­ge­ni­tät, nur von dem Fak­tum der Zahl ab­hängt, in­so­fern die­se bi­när ist, eins oder Null, das heißt, dass sie die Zwei nur da­durch stützt, dass Eins nicht Null ist, dass sie der Null ex-sis­tiert, je­doch hier in nichts kon­sis­tiert.“ (11)

Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung re­prä­sen­tiert das Ima­gi­nä­re, das Rea­le und das Sym­bo­li­sche durch je ei­nen Ring und stellt die­se drei Ord­nun­gen da­mit als struk­tur­gleich dar, als ho­mo­gen. Alle sind glei­cher­ma­ßen durch Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch cha­rak­te­ri­siert, d.h. je­der die­ser Rin­ge be­steht aus ei­nem To­rus, der in sich zu­sam­men­hält, je­der ist den bei­den an­de­ren Tori äu­ßer­lich und je­der To­rus hat ein zen­tra­les Loch, durch das er mit den bei­den an­de­ren ver­schlun­gen ist.

1, 2, 3 (11 f.)

Zu: „Auf die­se Wei­se muss Can­tors Theo­rie wie­der vom Paar aus­ge­hen, zu dem dann aber die Men­ge das Drit­te ist. (…) Hier be­stä­tigt die Eins ihre Ab­lö­sung von der Zwei. Sie bil­det eine Drei nur durch ima­gi­nä­res Auf­het­zen, das­je­nige, das dazu nö­tigt, dass ein Wil­le dem ei­nen na­he­legt, den an­de­ren zu be­läs­ti­gen, ohne an ei­nen von bei­den ge­bun­den zu sein.“ (11 f.)

Die Ver­bin­dung zwi­schen der Null­men­ge und der 1 stellt sich nicht von selbst her: bei­de Ele­men­te bil­den nicht be­reits von sich aus eine Men­ge. Die Ver­bin­dung wird durch et­was Drit­tes her­vor­ge­bracht: durch die Men­ge, die in der Men­gen­leh­re durch ge­schweif­te Klam­mern sym­bo­li­siert wird: {}.

Die zi­tier­te For­mu­lie­rung be­zieht sich auf das Paar­men­ge­n­axi­om: Zu zwei be­lie­bi­gen Ele­men­ten A und B gibt es ge­nau eine Men­ge C, die die­se Ele­men­te als Men­ge ent­hält.

Vgl. hier­zu auch La­cans Be­mer­kung über die Sen­tenz „Nu­me­ro Deus im­pa­re gau­det“ in Se­mi­nar 22, RSI. Der Wen­dung stammt aus Ver­gils ach­ter Eklo­ge und meint „an der un­ge­ra­den Zahl er­freut sich Gott“. Die scherz­haf­te Pen­nä­ler-Über­set­zung lau­tet: „Die Zahl zwei freut sich dar­über, dass sie un­gra­de ist“, Gide äu­ßert sich hier­zu zu­stim­mend in Pa­lu­des (Die Sümp­fe, 1895), und La­can merkt hier­zu an:

Wie ich es schon seit lan­gem sage, hat er völ­lig recht, denn nichts wür­de die Zwei rea­li­sie­ren, wenn es nicht das Un­ge­ra­de gäbe, das Un­ge­ra­de, in­so­fern es bei der Zahl Drei be­ginnt – was nicht so­fort er­sicht­lich ist und den bor­ro­mäi­schen Kno­ten not­wen­dig macht.“237

Ent­schei­dend für die Kon­sti­tuierung der Zwei ist also die Drei; die Zwei als et­was, was sich klar von der Eins un­ter­schei­det, wird ge­wis­ser­ma­ßen rück­wir­kend durch die Drei kon­sti­tu­iert.

S2 (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es, das Sym­bol, den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spal­tung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich dar­in de fac­to aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faî­te du fait) oder das Fakt des ‚tut‘, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und da­mit Gren­zen des Ge­sag­ten.“ (11)

S2 steht für ein Si­gni­fi­kan­ten­paar (so schon in Se­mi­nar 16, Ver­si­on Mil­ler, S. 74). Mit die­ser Dua­li­tät ver­weist das Sym­bol S2 auf das Ima­gi­nä­re, auf die Stüt­zung des Sym­bo­li­schen durch das Ima­gi­nä­re. Der so­zia­le As­pekt des Ima­gi­nä­ren be­steht für La­can in der Ri­va­li­tät, ei­ner Be­zie­hung zwi­schen Zwei­en. Wenn man sich an ei­nem Si­gni­fi­kan­ten­paar ori­en­tiert – wie Ge­recht und Un­ge­recht, Gut und Böse, Links und Rechts, Ja und Nein – be­ruht dies auf der Bin­dung des Sym­bo­li­schen an das Ima­gi­nä­re.

Die Be­zie­hung zwi­schen, ei­ner­seits, der Null­men­ge und den Ele­men­ten und, an­de­rer­seits, S1 und S2 wird von La­can zu­erst ent­wi­ckelt in Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 11. Juni 1969.

Das Faktum des Äußerungsvorgangs (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es, das Sym­bol, den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spal­tung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich dar­in de fac­to aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faî­te du fait) oder das Fakt des „tut“, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und von da­her Gren­ze des Ge­sag­ten.“ (11)

Ist das Un­be­wuss­te eine Tat­sa­che? Um die­se Fra­ge zu be­ant­wor­ten, muss man sich zu­nächst über den Be­griff der Tat­sa­che ver­stän­di­gen, des Fak­t­ums.

In Se­mi­nar 18 heißt es, be­zo­gen auf den Ti­tel die­ses Se­mi­nars, D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant (Über ei­nem Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre):.

Das kann von mei­nem Platz aus ge­äu­ßert wer­den und ab­hän­gig da­von, was ich frü­her ge­äu­ßert habe. Auf je­den Fall ist es ein Fak­tum, dass ich es äu­ße­re. Be­ach­ten Sie, dass es ein Fak­tum auch des­halb ist, weil ich es äu­ße­re. Mag sein, dass Sie hier nichts be­mer­ken, d.h. dass Sie den­ken, dass es nicht mehr gibt als das Fak­tum, dass ich es äu­ße­re. Nur, wenn ich in Be­zug auf den Dis­kurs von ‚Ar­te­fakt‘ ge­spro­chen habe, dann des­halb, weil für den Dis­kurs kein Fak­tum, wenn ich so sa­gen kann, be­reits da ist; ein Fak­tum gibt es nur durch das Fak­tum des Dis­kur­ses. Das ge­äu­ßer­te Fak­tum ist ganz und gar das Fak­tum des Dis­kur­ses. Das ist das, was ich mit dem Aus­druck ‚Ar­te­fakt‘ be­zeich­ne, und das ist na­tür­lich das, was re­du­ziert wer­den muss.“238

Das Fak­tum des Fak­t­ums – die grund­le­gen­de Tat­sa­che – ist das Fak­tum des Dis­kur­ses.

Das lässt sich auf das Un­be­wuss­te be­zie­hen. In L’étourdit (1973) liest man,

das Un­be­wuss­te ist ein Fak­tum, in­so­fern es durch den Dis­kurs ge­stützt wird, der es eta­bliert“239.

In Se­mi­nar 22, RSI, sagt La­can:

Ich ver­su­che da, Ih­nen zu zei­gen, daß mein Sa­gen an der Tat­sa­che ori­en­tiert ist, daß al­lei­ne das Spre­chen han­delt. Im An­fang war die Tat*, sagt je­ner da, und er glaubt, das stün­de im Wi­der­spruch zu das Wort*. Aber wenn es nicht das Wort* gibt vor der Tat*, gibt es über­haupt kei­ne Tat*. Die Ana­ly­se er­faßt, in ei­nem ge­wiß sehr be­grenz­ten Aus­maß, daß das Spre­chen eine Wirk­lich­keit* hat. Sie tut (fait) was sie kann. Sie kann viel­leicht nicht über­mä­ßig viel, aber schließ­lich ist das im­mer­hin eine Tat­sa­che (fait).“240

Das Spre­chen ist ein Han­deln und es fun­diert das Han­deln. Das Spre­chen hat eine Wirk­lich­keit, näm­lich eine Wirk­sam­keit, das Spre­chen be­wirkt et­was. Dies, dass das Spre­chen et­was be­wirkt, ist für die Psy­cho­ana­ly­se die grund­le­gen­de Tat­sa­che.

Signifikant und Signifikat (11)

Zu: „Das Un­er­hör­te ist, dass die Men­schen zwar sehr deut­lich ge­se­hen ha­ben, dass das Sym­bol nur ein zer­bro­che­nes Stück sein konn­te, und dies, wenn ich so sa­gen darf, zu al­ler Zeit, dass sie aber zu der Zeit, zur Zeit die­ses zu al­ler Zeit, nicht ge­se­hen ha­ben, dass dies Ein­heit und Re­zi­pro­zi­tät von Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat mit sich führ­te und als Kon­se­quenz, dass das ur­sprüng­li­che Si­gni­fi­kat nichts be­sagt, dass es nur ein Zei­chen der Ar­bi­tra­ge zwi­schen zwei Si­gni­fi­kan­ten ist, und da­durch kein Ar­bi­trä­res für de­ren Wahl.“ (11)

Die klas­si­sche Sym­bo­l­e­ty­mo­lo­gie ist eine be­wusst­lo­se Dar­stel­lung der Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat. Sie zeigt, dass es nicht etwa ein ur­sprüng­li­ches Si­gni­fi­kat gibt, das dann se­kun­där mit ei­nem Si­gni­fi­kan­ten ver­se­hen wor­den wäre, son­dern dass es von An­fang an die Ein­heit und Re­zi­pro­zi­tät von zwei Si­gni­fi­kan­ten gibt.

Durch die Ver­drän­gung kommt ei­ner der bei­den Si­gni­fi­kan­ten in die Po­si­ti­on des Si­gni­fi­kats – der un­be­wuss­ten Be­deu­tung. Dies ge­schieht durch eine Art Schieds­spruch (ar­bi­tra­ge), der Schieds­spruch ist ein Be­fehl, eine Ent­schei­dung, und entspricht da­mit dem S1, dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten. Es geht hier um den Über­gang von der Zwei zur Drei, und zwar durch die In­ter­ven­ti­on von S1 in die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Si­gni­fi­kan­ten von S2.

Schiedsspruch zwischen zwei Signifikanten (11 f.)

Zu: „Es gibt ei­nen um­pi­re (engl. für Schieds­rich­ter) – um­pi­re, um es auf Eng­lisch zu sa­gen, so schreibt es Joy­ce – nur aus­ge­hend vom em­pi­re, vom Im­pe­ri­um über den Kör­per, wie al­les des­sen Mar­kie­rung trägt, vom Ord­al an. Hier be­stä­tigt die Eins ihre Ab­lö­sung von der Zwei. Sie bil­det eine Drei nur durch ima­gi­nä­res Auf­het­zen, das­je­ni­ge, das dazu nö­tigt, dass ein Wil­le dem ei­nen na­he­legt, den an­de­ren zu be­läs­ti­gen, ohne an ir­gend­ei­nen der bei­den ge­bun­den zu sein. Nun ja.“ (11 f.)

Das Ord­al, das Got­tes­ur­teil, ist eine Art Schieds­spruch.

Be­reits das Ord­al ver­weist auf die Kör­per­be­herr­schung: man den­ke an die klas­si­schen Bei­spie­le: über glü­hen­de Koh­len ge­hen, ge­fes­selt ins Was­ser ge­wor­fen wer­den.

Das Ord­al ist ein Bei­spiel für die Be­zie­hung zwi­schen S2 und S1. S2 ist in die­sem Fall ein Paar von mög­li­chen Ur­tei­len: „Sie ist eine Hexe / Sie ist kei­ne Hexe“. Zwi­schen bei­den wird die Ent­schei­dung durch das Got­tes­ur­teil ge­fällt (sie hat es über­lebt / nicht über­lebt, dass sie ins Was­ser ge­wor­fen wur­de, also ist sie kei­ne Hexe / eine Hexe).

Das ima­gi­nä­re Auf­het­zen be­steht dar­in, dass ein Wil­le (der des Schieds­rich­ters) zwei Ak­teu­re in eine Ri­va­li­täts­be­zie­hung bringt, so dass die­se ein­an­der be­läs­ti­gen. Der Drit­te ist an kei­nen der bei­den Ri­va­len ge­bun­den, er ist neu­tral. La­can be­zieht sich hier auf das Prin­zip Di­vi­de et im­pe­ra, tei­le und herr­sche, es dient ihm als so­zio­lo­gi­sches Bei­spiel für die Ab­lö­sung der Eins von der Zwei in der Drei­er­be­zie­hung.

Die borromäischen Ringe (12)

Zu: „Da­mit die Be­din­gung aus­drück­lich ge­stellt wer­de, dass man aus­ge­hend von drei Rin­gen eine Ver­schlin­gung bil­de der­ge­stalt, dass das Zer­rei­ßen ei­nes ein­zi­gen be­lie­bi­gen die bei­den an­de­ren von­ein­an­der be­freie, wel­che sie auch sei­en – denn in ei­ner Ver­schlin­gung wird dies, wenn ich das in die­ser ver­kür­zen­den Wei­se sa­gen darf, durch den mitt­le­ren Ring rea­li­siert –, die bei­den an­de­ren von­ein­an­der be­freie, wel­che sie auch sei­en, muss­te man erst be­mer­ken, dass dies in das Wap­pen der Bor­ro­mä­er ein­ge­schrie­ben war, dass der auf­grund des­sen bor­ro­mä­isch ge­nann­te Kno­ten schon da war, ohne dass je­mand sich hät­te ein­fal­len las­sen, dar­aus die Kon­se­quen­zen zu zie­hen.“ (12)

Hier wird die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen be­schrie­ben. Drei Rin­ge sind so in­ein­an­der­ge­fügt, dass, wenn man ei­nen be­lie­bi­gen Ring öff­net, die bei­den an­de­ren aus­ein­an­der­fal­len. Bei La­can steht ei­ner der Rin­ge für das Ima­gi­nä­re, ein an­de­rer für das Sym­bo­li­sche (im Feld der Psy­cho­ana­ly­se für das Un­be­wuss­te241) und der drit­te für das Rea­le.

Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung wird von La­can zu­erst in Se­mi­nar 19 er­wähnt, sie ist das Haupt­the­ma des vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nars, also Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI.

La­can be­zeich­net die bor­ro­mäi­schen Rin­ge also mit zwei ter­mi­ni, er spricht vom „bor­ro­mäi­schen Kno­ten“ (nœud bor­ro­méen) oder von der bor­ro­mäi­schen „Ver­schlin­gung“ (chaî­ne). Die Be­zeich­nung als „bor­ro­mäi­scher Kno­ten“ steht im Ge­gen­satz zur der in der To­po­lo­gie eta­blier­ten Ter­mi­no­lo­gie; für To­po­lo­gen ist das Ele­ment der bor­ro­mäi­schen Rin­ge, also der ein­zel­ne Ring, ein Kno­ten (ge­nau­er ge­sagt, ein „tri­via­ler Kno­ten“ oder „Un­kno­ten“), nicht die Ver­bin­dung die­ser Ele­men­te. Die Be­zeich­nung als chaî­ne („Ver­schlin­gung“, „Ver­ket­tung“, „Link“) ent­spricht der in der To­po­lo­gie üb­li­chen Ter­mi­no­lo­gie.

Von chaî­ne bor­ro­méen­ne hat­te La­can be­reits im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar 22 ge­spro­chen.242 Ne­ben chaî­ne bor­ro­méen­ne fin­det man in Se­mi­nar 23 aber auch die alte Ter­mi­no­lo­gie; La­can ver­wen­det in Se­mi­nar 23 also nœud bor­ro­méen und chaî­ne bor­ro­méen­ne ne­ben­ein­an­der.

Borromäische Verschlingung aus vier Ringen (12)

Zu: „Nicht dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le zer­ris­sen sei­en, de­fi­niert die Per­ver­si­on, son­dern dass sie schon un­ter­schie­den sind, und dass man ein vier­tes un­ter­stel­len muss, das hier­bei das Sin­t­hom ist, dass man das, was das bor­ro­mäi­sche Band aus­macht, als te­tra­disch un­ter­stel­len muss, dass ‚Per­ver­si­on‘ nichts an­de­res be­sagt als ‚Wen­dung zum Va­ter‘, und dass der Va­ter al­les in al­lem nur ein Sym­ptom ist, oder ein Sin­t­hom / ein saint hom­me, ganz wie Sie möch­ten.“ (12)

La­can stellt ei­nen Über­gang her von drei nicht ver­schlun­ge­nen Rin­gen zur bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen. Die­se Um­wand­lung wird da­durch er­zeugt, dass ein vier­ter Ring in die drei an­de­ren Rin­ge ein­ge­fä­delt und dann ge­schlos­sen wird. Der vier­te Ring wird so durch die an­de­ren Rin­ge ge­führt, dass die Ver­schlin­gung bor­ro­mäi­schen Cha­rak­ter hat: wenn ein be­lie­bi­ger Ring ge­öff­net wird, fal­len die drei an­de­ren aus­ein­an­der.

In La­cans An­wen­dung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung auf die Psy­cho­ana­ly­se re­prä­sen­tiert der vier­te Ring das Sym­ptom bzw. das Sin­t­hom.

Eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen hat­te La­can zu­erst in Se­mi­nar 22, RSI, vor­ge­stellt, dort in der Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975. Er hat­te hier be­haup­tet, dies sei die Ope­ra­ti­on, die Freud voll­zieht. Bei Freud hiel­ten die drei Rin­ge des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len nicht von sich aus zu­sam­men. Den Zu­sam­men­halt stel­le Freud da­durch her, dass er ei­nen vier­ten Ring hin­zu­fü­ge.

Die­ser vier­te Ring wird von La­can gleich­ge­setzt mit der psy­chi­schen Rea­li­tät, mit dem Ödi­pus­kom­plex, mit dem Na­men–des-Va­ters, mit dem Sym­ptom bzw. Sin­t­hom. Zur Er­läu­te­rung die­ser Äqui­va­len­zen­ket­te vgl. die­sen Blog­ein­trag.

Der Vater als saint homme / Sinthom / Symptom (12)

Zu: „Nicht dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­näre und das Rea­le zer­ris­sen sei­en, de­fi­niert die Per­ver­sion, son­dern dass sie schon un­ter­schie­den sind, und dass man ein vier­tes un­ter­stel­len muss, das hier­bei das Sin­thom ist, dass man das, was das bor­ro­mä­i­sche Band aus­macht, als te­tra­disch un­ter­stel­len muss, dass ‚Per­ver­sion‘ nichts an­de­res be­sagt als ‚Wen­dung zum Va­ter‘, und dass schließ­lich der Va­ter nur ein Sym­ptom ist, oder ein Sin­thom / ein saint hom­me, ganz wie Sie möch­ten.“ (12)

Die Neu­ro­se be­ruht auf der Idea­li­sie­rung des Va­ters, also dar­auf, dass der Va­ter als saint hom­me fun­giert, als hei­li­ger Mann. Der Neu­ro­ti­ker wei­gert sich, die Kas­tra­ti­on des An­de­ren zu ak­zep­tie­ren, sagt La­can in Se­mi­nar 10:

Nicht vor der Kas­tra­ti­on weicht der Neu­ro­ti­ker zu­rück, son­dern da­vor, aus sei­ner Kas­tra­ti­on das zu ma­chen, was dem an­de­ren fehlt.“243

Die Idea­li­sie­rung des An­de­ren ist die Ur­sa­che des Sym­ptoms. Das Sym­ptom wird her­vor­ge­ru­fen durch den saint hom­me und ist in die­sem Sin­ne ein Sin­t­hom.

Dies wird hier nicht auf die Neu­ro­se be­zo­gen, son­dern auf die Per­ver­si­on. Dem­nach be­ru­hen bei­de auf der Idea­li­sie­rung des Va­ters.

Die Ex-sistenz des Symptoms

Zu: „Die Ex-sis­tenz des Sym­ptoms ist das, was von der Po­si­ti­on im­pli­ziert wird, der­je­ni­gen, die je­nes rät­sel­haf­te Band des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len un­ter­stellt.“ (12)

In Be­zug auf das Sym­ptom muss man von sei­ner Ex-sis­tenz spre­chen, näm­lich von sei­ner äu­ßer­li­chen Po­si­ti­on im Ver­hält­nis zum Ima­gi­nä­ren, zum Sym­bo­li­schen und zum Rea­len. In der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung von vier Rin­gen be­steht die­se Äu­ßer­lich­keit dar­in, dass der Ring des Sym­ptoms an die drei an­de­ren Rin­ge an­stößt und nicht kon­ti­nu­ier­lich in sie über­geht.

Plättung (12)

Zu: „Wenn Sie ir­gend­wo – ich habe es be­reits ge­zeich­net – das fin­den, was das Ver­hält­nis des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len sche­ma­tisch dar­stellt, in­so­fern sie von­ein­an­der ge­trennt sind, dann ha­ben Sie be­reits in mei­nen frü­he­ren fi­gür­li­chen Dar­stel­lun­gen, in der Plät­tung ih­rer Be­zie­hun­gen, die Mög­lich­keit, sie durch was zu ver­bin­den? durch das Sin­t­hom.“ (12)

Plät­tung“ (mis à plat) ist La­cans Ter­mi­nus für die zwei­di­men­sio­na­le Dar­stel­lung ei­ner drei­di­men­sio­na­len Ver­schlin­gung; der in der To­po­lo­gie üb­li­che Ter­mi­nus ist „Dia­gramm“. Dass Ver­schlin­gun­gen für die Theo­rie­bil­dung zwei­di­men­sio­nal dar­ge­stellt wer­den müs­sen, d.h. als Ver­schlin­gung von kreis­ar­ti­gen Ge­bil­den mit ei­nem In­nen-Au­ßen-Ge­gen­satz, ge­hört für La­can zum Ima­gi­nä­ren des Kno­tens bzw. der Ver­schlin­gung.244

Positionsveränderung der Ringe in der borromäischen Verschlingung aus vier Ringen (13 f.)

Zu: „Al­les hängt hier­von ab: Wenn Sie die­ses groß S um­klap­pen, das heißt das, was sich aus der Kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen be­haup­tet, wenn Sie es um­klap­pen – wie es plauBorromäische Viererknoten - Miller 2005 S 21­si­bel ist, ich mei­ne, sich an­bie­tet –, wenn Sie es um­klap­pen auf eine Wei­se, die so zu zeich­nen ist, dann ha­ben Sie, wenn die­se Fi­gur kor­rekt ist – ich will sa­gen, dass es un­ter dem Rea­le durch­geht und Sie es of­fen­sicht­lich eben­falls un­ter dem Ima­gi­nä­ren fin­den, ab­ge­se­hen da­von, dass es hier über das Sym­bo­li­sche läuft –, dann be­fin­den Sie sich in der fol­gen­den Po­si­tion: dass sich aus­ge­hend von vier die­ses dar­stellt:

(nicht ge­spro­chen, ver­mut­lich auf der Ta­fel)

I R Σ S

1 2 3 4

2 1 4 3

(Ende der Ein­fü­gung)

das heißt, Sie er­hal­ten das fol­gende Ver­hält­nis: hier zum Bei­spiel das Ima­gi­näre, das Rea­le und et­was an­de­res, das ich mit ei­nem Σ dar­stel­len wer­de, und das Sym­bo­li­sche, und dass ein je­des von ih­nen aus­drück­lich aus­tausch­bar ist. Von 1 zu 2 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 2 zu 1, von 3 zu 4 kann um­ge­kehrt wer­den zu von 4 zu 3 auf eine Wei­se, die Ih­nen, wie ich hof­fe, ein­fach er­scheint. Aber wir fin­den uns da­durch in der fol­gen­den Si­tua­tion: was 1 zu 2 ist, oder auch 2 zu 1, da es in sei­ner Mit­te, wenn man so sa­gen kann, das Σ und das S hat, muss be­wir­ken – ge­nauso ist es dar­ge­stellt –, muß be­wir­ken, dass das Sym­ptom und das Sym­bol auf eine Wei­se ge­hal­ten wer­den, dass ich Ih­nen durch eine ein­fa­che Dar­stel­lung wer­de zei­gen müs­sen, auf eine Wei­se, dass es – wie Sie es dort se­hen – dass es 4 gibt, die – Sie se­hen es da – es 4 gibt, die von groß R ge­zo­gen wer­den, und hier ver­bin­det sich das I auf spe­zi­elle Wei­se, in­dem es über dem Sym­bol und un­ter dem Sym­ptom ver­läuft. In die­ser Ge­stalt prä­sen­tiert sich das Band im­mer, das Band, das ich hier durch die Op­po­si­tion von R und I aus­ge­drückt habe. An­ders ge­sagt: die bei­den, Sym­ptom und Sym­bol, prä­sen­tie­ren sich so, dass hier ei­nes der bei­den En­den sie in ih­rer Ge­samt­heit nimmt, wäh­rend das an­dere, sa­gen wir, über den hin­weg läuft, der oben ist und un­ter dem, der un­ten ist. Das ist die Fi­gur, die Sie re­gel­mä­ßig er­hal­ten, wenn Sie ver­su­chen, den bor­ro­mä­i­schen 4er-Kno­ten zu ma­chen, und das ist die, die ich hier ganz rechts ge­zeich­net habe.“ (13 f.)

La­can be­schreibt eine Ma­ni­pu­la­ti­on, die man mit der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen im drei­di­men­sio­na­len Raum vor­neh­men kann und bei der zwei un­ter­schied­li­che Plät­tun­gen ent­ste­hen, also zwei un­ter­schied­li­che Dar­stel­lun­gen im zwei­di­men­sio­na­len Raum. Die­se Um­wand­lung ist mög­lich, ohne ei­nen der Rin­ge zu öff­nen.

(a) Man kann den Kno­ten so hin­le­gen, dass man, wenn man die Rin­ge von links nach rechts be­trach­tet, die Rei­hen­fol­ge IRΣS er­hält (im Bild: blau­er, ro­ter, schwar­zer, grü­ner Ring).

(b) Die Rin­ge wer­den da­bei so an­ge­ord­net, dass die bei­den äu­ße­ren Rin­ge, I (blau) und S (grün), sich nicht be­rüh­ren. Die vier Rin­ge ha­ben also zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen: au­ßen (I und S) und ver­mit­telnd (R und Σ). Es gibt ei­nen lin­ken äu­ße­ren Ring (I) und ei­nen rech­ten äu­ße­ren Ring (S) und es gibt ei­nen lin­ken ver­mit­teln­den Ring (R) und ei­nen rech­ten ver­mit­teln­den Ring (Σ).

(c) Dann kön­nen die Rin­ge so „um­ge­klappt“ wer­den, dass die ers­ten bei­den Rin­ge und die letz­ten bei­den un­ter­ein­an­der aus­ge­tauscht wer­den. Hier­durch ver­wan­delt sich die Rei­hen­fol­ge IRΣS in die Rei­hen­fol­ge RISΣ, aus 1234 wird 2143.

(d) Die Rin­ge sind hier­bei so an­zu­ord­nen, dass R (rot) und Σ (schwarz) die äu­ße­ren Rin­ge sind, die sich nicht be­rüh­ren, und I (blau) und S (grün) die in­ein­an­der ver­schlun­ge­nen ver­mit­teln­den Rin­ge.

Eine ähn­li­che (oder die­sel­be?) Ma­ni­pu­la­ti­on hat­te La­can in der letz­ten Sit­zung von Se­mi­nar 22, RSI, be­schrie­ben:

In je­der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung gibt es eine 1, dann eine 2, hier­auf ein Drit­tes, das Schlei­fe macht (Fi­gur 10). Wenn wir in ei­ner be­lie­bi­gen Ver­schlin­gung – be­schrän­ken wir uns auf die Ver­schlin­gung 1 – 2 – 3 – 4 – ein be­lie­bi­ges der bei­den ers­ten an die drit­te Stel­le set­zen, so wird die 1 so­wohl durch die 3 wie durch die 4 an die 2 ge­knüpft sein. (…) Es ist klar, dass die 1 und die 2 ge­gen­ein­an­der aus­tausch­bar sind, das heißt, dass am An­fang ei­ner Ver­schlin­gung das ers­te und das zwei­te un­be­grenzt ge­gen­ein­an­der aus­tausch­bar sind. Wenn wir nun das eine die­ser bei­den an die Stel­le 3 set­zen, so be­ob­ach­ten wir nicht nur, dass die 3 be­trof­fen ist und an den Platz der 2 ge­langt, son­dern mit der 3 auch die 4. Hier­in recht­fer­tigt sich das In­ter­es­se, das ich dem Vie­rer­kno­ten ent­ge­gen­brin­ge, den ich im nächs­ten Jahr ent­wi­ckeln wer­de.“245

Der Ödipuskomplex ist ein Symptom (14)

Zu: „Der Ödi­pus­kom­plex als sol­cher ist ein Sym­ptom.“ (14)

La­can knüpft hier an die Ein­füh­rung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, an. Dort heißt es über die drei Rin­ge des Ima­gi­nä­ren, des Rea­len und des Sym­bo­li­schen:

Bei Freud hal­ten die drei nicht, sie sind nur über­ein­an­der ge­legt. Nun, was hat er ge­tan? Er hat eine Schlin­ge hin­zu­ge­fügt, wo­durch er mit ei­ner vier­ten die drei aus­ein­an­der­drif­ten­den Kon­sis­ten­zen ver­knüpf­te (…). Die­se vier­te Kon­sis­tenz nennt er die psy­chi­sche Rea­li­tät. Was ist die psy­chi­sche Rea­li­tät bei Freud? Das ist der Ödi­pus­kom­plex.“246

Der vier­te Ring, der in Se­mi­nar 23 vor al­lem als der des Sym­ptoms be­zeich­net wird, steht in Se­mi­nar 22 zu­nächst für die psy­chi­sche Rea­li­tät bzw. für den Ödi­pus­kom­plex. „Psy­chi­sche Rea­li­tät“ ist ein von Freud ein­ge­führ­ter und häu­fig be­nutz­ter Ter­mi­nus.247 La­cans im­pli­zi­te The­se lau­tet: Das, was Freud zu­nächst als „psy­chi­sche Rea­li­tät“ be­zeich­net hat­te, die Wirk­sam­keit der Phan­ta­sie von der Ver­füh­rung durch Er­wach­se­ne, wird von ihm spä­ter „Ödi­pus­kom­plex“ ge­nannt.

Der Name-des-Vaters ist der Vater des Namens (14)

Zu: „In­so­fern der Name-des-Va­ters eben­falls der Va­ter des Na­mens ist, wird al­les ge­stützt – wo­durch das Sym­ptom nicht min­der not­wen­dig wird.“ (14)

Name-des-Va­ters“ (oder „sym­bo­li­scher Va­ter“) ist La­cans Be­griff für den Kern des Ödi­pus­kom­ple­xes: für den Va­ter in der Funk­ti­on des­je­ni­gen, der das Ge­setz re­prä­sen­tiert, das In­zest­ver­bot, für den­je­ni­gen, der Nein sagt; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

Der Name-des-Va­ters (und da­mit der Ödi­pus­kom­plex) wird in Se­mi­nar 23 auf den „Va­ter des Na­mens“ be­zo­gen, d.h. auf den Va­ter als Be­nen­nen­den. La­can setzt hier ei­nen Ge­dan­ken aus den Se­mi­na­ren 21 und 22 fort. In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, heißt es:

Es gibt et­was, des­sen Aus­wir­kung ich be­zeich­nen möch­te. Denn das ist die Rich­tung ei­nes be­stimm­ten Au­gen­blicks, näm­lich des­je­ni­gen, den wir in der Ge­schich­te durch­le­ben – es gibt eine Ge­schich­te, auch wenn es nicht zwangs­läu­fig die­je­ni­ge ist, die man glaubt.

Was wir le­ben ist sehr ge­nau dies, dass merk­wür­di­ger­wei­se der Ver­lust, der Ver­lust des­sen, was durch die Di­men­si­on der Lie­be ge­stützt wer­den wür­de, wenn sie eben die ist, nicht, dass ich sage, ich kann sie nicht sa­gen –.

An die Stel­le die­ses Na­mens-des-Va­ters tritt eine Funk­ti­on, die kei­ne an­de­re ist als die des „Er­nen­nens“ [nom­mer-à]. Zu et­was er­nannt sein, das ist das, was in ei­ner Ord­nung sprießt, die tat­säch­lich den Na­mens-des-Va­ters er­setzt.

Bis auf dies, dass hier im All­ge­mei­nen die Mut­ter ganz al­lein hin­reicht, um das Pro­jekt die­ser Ord­nung zu be­zeich­nen, um ihre Spur zu zie­hen, um ih­ren Weg an­zu­zei­gen. Wenn ich das Be­geh­ren des Men­schen da­für de­fi­niert habe, das Be­geh­ren des An­de­ren zu sein, dann wird das eben hier in der Er­fah­rung an­ge­zeigt. Und selbst in dem Fall, in dem es sich ein­fach so, letzt­lich durch Zu­fall er­gibt, dass sie durch ei­nen Un­fall nicht mehr da ist, ist es den­noch sie, ihr Be­geh­ren, die ih­rem Spröss­ling das Pro­jekt be­zeich­net, das durch das Er­nen­nen aus­ge­drückt wird.

Zu et­was er­nannt zu sein, das ist für uns, an dem Punkt der Ge­schich­te, an dem wir sind, et­was, was prä­fe­riert wird, ich mei­ne wirk­lich prä­fe­rie­ren, vor­wärts­ge­hen, was ge­gen­über dem, was es mit dem Na­men-des-Va­ters auf sich hat, prä­fe­riert wird. Es ist ganz merk­wür­dig, dass das So­zia­le hier die Gel­tung ei­nes Kno­tens be­kommt, und was buch­stäb­lich den Rah­men von so vie­len Exis­ten­zen bil­det, das ist, dass es die­se Macht des Er­nen­nens in­ne­hat, bis da­hin, dass sich schließ­lich von da­her eine Ord­nung wie­der­her­stellt, eine Ord­nung, die aus Stahl ist.

Was be­zeich­net die­se Spur als Wie­der­kehr des Na­mens-des-Va­ters im Rea­len, ge­nau in­so­fern, als der Name-des-Va­ters ver­wor­fen*, zu­rück­ge­wie­sen ist; und dass es mit die­ser Ka­te­go­rie be­zeich­net, ob die­se Ver­wer­fung, von der ich ge­sagt habe, dass sie das Prin­zip des Wahn­sinns ist –; ist die­ses Er­nen­nen nicht das Zei­chen ei­ner ka­ta­stro­pha­len De­ge­ne­ra­ti­on?“248

Der Name-des-Va­ters wird da­durch er­setzt, dass je­mand zu et­was er­nannt wird, also wohl: dass er Ti­tel und Stel­le hat. Die „Ord­nung aus Stahl“ ver­weist auf Max We­bers „stäh­ler­nes Ge­häu­se der Hö­rig­keit“ und da­mit auf die Bü­ro­kra­tie. Die­se Ord­nung stützt sich letzt­lich auf das Be­geh­ren der Mut­ter.

In Se­mi­nar 22, RSI (1974/75) setzt La­can die­sen Ge­dan­ken fort. Das In­zest­ver­bot, heißt es hier,

be­steht im Loch des Sym­bo­li­schen, da­mit, in­di­vi­dua­li­siert im Kno­ten, et­was er­schei­ne, das ich nicht den Ödi­pus­kom­plex nen­ne – so kom­plex ist er auch nicht –, son­dern den Na­men-des-Va­ters, was den Va­ter als Na­men meint – was zu Be­ginn nichts meint –, und nicht nur den Va­ter als Na­men, son­dern den Va­ter als Be­nen­nen­den [nom­mant].“249

Statt um das Er­nen­nen (nom­mer à) geht es jetzt um das Be­nen­nen (nom­mer), und der Ak­zent ver­schiebt sich vom Be­geh­ren der Mut­ter zum Be­nen­nen durch den Va­ter.

Dass der Name-des-Va­ters zu­gleich für den Va­ter als Be­nen­nen­den steht, ist eine Neue­rung des RSI-Se­mi­nars.250

Die Be­nen­nung hat­te La­can be­reits zu Be­ginn die­ser Sit­zung an­ge­spro­chen, mit dem Hin­weis auf den bi­bli­schen My­thos von der Be­nen­nung der Tie­re durch Adam.

Im RSI-Se­mi­nar er­fährt man auch, dass die psy­chi­sche Rea­li­tät mit dem Na­men-des-Va­ters iden­tisch ist:

Freud, so habe ich ge­sagt, um­geht mei­ne Re­duk­ti­on auf das Ima­gi­nä­re, das Sym­bo­li­sche und das Rea­le als drei Ver­knüpf­te. Durch sei­nen Na­men-des-Va­ters, iden­tisch da­mit, was er die psy­chi­sche Rea­li­tät nennt, und die nichts an­de­res als die re­li­giö­se Rea­li­tät ist, durch die­se Traum­funk­ti­on rich­tet Freud die Ver­bin­dung des Sym­bo­li­schen, des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len ein.“251

Die Be­nen­nung ist der vier­te Ring ei­nes bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­tens:

Die gan­ze Fra­ge liegt dar­in, ob die Be­nen­nung, wie es den An­schein hat, vom Sym­bo­li­schen kommt. Das min­des­te, was man sa­gen kann, ist, daß für mei­nen Kno­ten die Be­nen­nung ein vier­tes Ele­ment ist. Ich habe Ih­nen die­se Fi­gur (Fi­gur 7) ge­zeich­net. Ein vier­ter Kreis ver­knüpft die drei zu­nächst als un­ver­knüpft ge­setz­ten.“252

Der vier­te Ring, der des Sym­ptoms, be­ruht also auf der Äqui­va­lenz von

– psy­chi­scher Rea­li­tät, Ödi­pus­kom­plex und Name-des-Va­ters,

– be­nen­nen­der Funk­ti­on des Va­ters und

– Sym­ptom.

Die enge Be­zie­hung zwi­schen dem Na­men des Va­ters bzw. dem Über-Ich und dem Sym­ptom hat­te La­can be­reits in Se­mi­nar 4 her­ge­stellt. Der Name des Va­ters (bzw. der „sym­bo­li­sche Va­ter“), so heißt es dort, ist der Kern des Über-Ichs.253

Es gibt beim Men­schen ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der sei­ne Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten ver­zeich­net, und die­ser heißt Über-Ich. Es gibt de­ren so­gar viel­mehr als ei­nen, und die­se hei­ßen Sym­pto­me.“254

Vgl. hier­zu die­sen Blogar­ti­kel: Vom Drei­er­kno­ten zum Vie­rer­kno­ten. Über die Ver­bin­dung zwi­schen dem RSI-Se­mi­nar und dem Sin­t­hom-Se­mi­nar.

Artefakt (14)

Zu: „In die­sem Sin­ne kün­dige ich an, was in die­sem Jahr mei­ne Be­fra­gung über die Kunst sein wird: in­wie­fern kann der Kunst­griff / das Ar­te­fakt aus­drück­lich das an­zie­len, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert?“ (14)

In Se­mi­nar 18 er­läu­tert La­can, wie er den Aus­druck „Ar­te­fakt“ ver­wen­det:

[W]enn ich in Be­zug auf den Dis­kurs vom Ar­te­fakt ge­spro­chen habe, dann des­halb, weil es für den Dis­kurs nichts Fak­ti­sches gibt, wenn ich so sa­gen kann; ein Fak­tum gibt es nur auf­grund des Fak­t­ums, dass es ge­sagt wird. Das ge­äu­ßer­te Fak­tum ist ins­ge­samt das Fak­tum des Dis­kur­ses. Das ist das, was ich mit dem Ter­mi­nus des Ar­te­fakts be­zeich­ne, und wohl­ge­merkt geht es dar­um, das zu re­du­zie­ren.“255

Das Ar­te­fakt ist ein Dis­kurs-Ar­te­fakt, und La­can be­zieht sich auf die­ses Ar­te­fakt in der Per­spek­ti­ve es zu re­du­zie­ren.

Die Wahrheit des Symptoms (14)

Zu: „In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (14)

Die Wahr­heit des Sym­ptoms ist der ver­bor­ge­ne Sinn des Sym­ptoms. Der Sinn wird durch die Über­schnei­dung des Sym­bo­li­schen mit dem Ima­gi­nä­ren er­zeugt; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel. Durch Deu­tung – durch Of­fen­le­gung des ver­bor­ge­nen Sinns – kann ein Sym­pt0m be­ein­flusst wer­den.

Das Sym­ptom ist je­doch nicht nur mit dem Sinn ver­bun­den, also mit der Ver­klam­me­rung von Ima­gi­nä­rem und Sym­bo­li­schem, son­dern auch mit dem Rea­len, mit dem Ge­nie­ßen. Freud spricht nicht nur vom Sinn des Sym­ptoms, son­dern auch von der – meist als Un­lust emp­fun­de­nen – „Er­satz­be­frie­di­gung“ durch das Sym­ptom256; vgl. dazu in die­sem Blog den Ver­gleich von Freuds und La­cans Sym­ptom­be­griff.

Die Kunst kann die Wahrheit vereiteln, die sich vom Symptom aufzwingt (14)

Zu: „In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (14)

Die Joy­ce­sche Kunst er­mög­licht kei­nen Zu­gang zur Wahr­heit des Sym­ptoms, zu sei­nem ver­bor­ge­nen Sinn; sie kann nicht (im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se) ge­deu­tet wer­den. Die­se The­se wur­de zu­erst von C. G. Jung ar­ti­ku­liert. Über Ulys­ses hat­te Jung ge­schrie­ben, „je­der Satz ist eine Poin­te“, „es ist kein Traum und kei­ne Of­fen­barung des Un­be­wuss­ten“257.

Diskurs des Herrn (14 f.)

Zu: „In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.

Herrendiskurs zwei Tetraeder

Dis­kurs des Herrn (links), Ach­tell­dre­hung des Her­ren­dis­kur­ses im Uhr­zei­ger­sinn (rechts)

Die Wahr­heit, wo ist sie in die­sem Zu­sam­men­hang? Ich habe ge­sagt, sie sei ir­gend­wo im Dis­kurs des Herrn als un­ter­stellt im Sub­jekt, in­so­fern es, ge­spal­ten, noch dem Phan­tas­ma un­ter­wor­fen ist. Hier, im Ge­gen­satz zu dem, wie ich es zu­nächst dar­ge­stellt habe, hier auf der Ebe­ne der Wahr­heit müs­sen wir das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. Das heißt, dass das Sub­jekt in die­ser Etap­pe nur durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1, (S1) re­prä­sen­tiert wer­den kann, dass der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) ge­nau das ist, was – um es dar­zu­stel­len, wie ich es eben ge­macht habe – durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird. Da [ich ver­mu­te: S1 am Platz oben links, RN] ist der Hand­wer­ker, der Hand­wer­ker, in­so­fern er durch die Zu­sam­men­fü­gung zwei­er Si­gni­fi­kan­ten in der Lage ist, das, was ich eben das Ob­jekt klein a ge­nannt habe, zu pro­du­zie­ren, oder ge­nau­er, ich habe es mit dem Ver­hält­nis zum Ohr und zum Auge il­lus­triert, wie auch mit dem Ver­weis auf den ge­schlos­se­nen Mund.“ (14 f.)

Das lin­ke Vier­eck re­prä­sen­tiert den Her­ren­dis­kurs. Das zwei­te Vier­eck ent­steht da­durch, dass das ers­te Vier­eck eine Ach­tel­dre­hung im Uhr­zei­ger­sinn voll­zieht. Wel­cher Dis­kurs von die­sem zwei­ten Vier­eck re­prä­sen­tiert wird, ist mir nicht klar – of­fen­bar ein Zwi­schen­ding zwi­schen dem Dis­kurs des Herrn und dem Dis­kurs der Uni­ver­si­tät. Der Dis­kurs des Künst­lers?

In al­len vier Dis­kur­sen ist der Platz der Wahr­heit das Feld un­ten links. Im Her­ren­dis­kurs ist hier das ge­spal­te­ne Sub­jekt, $, ver­or­tet. Die­ses Sub­jekt ist dem Phan­tas­ma un­ter­wor­fen; im Dis­kurs­sche­ma wird dies durch die Be­zie­hung der bei­den un­te­ren Ter­me dar­ge­stellt, $ und a.

La­can wech­selt kurz zum Dis­kurs des Psy­cho­ana­ly­ti­kers: am Platz der Wahr­heit ist im Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers nicht, wie im Dis­kurs des Herrn, das Sub­jekt des Phan­tas­ma ver­or­tet, son­dern S2, das hier für das Halb­sa­gen der Wahr­heit steht, für das Spre­chen in Mehr­deu­tig­kei­ten.

Im Dis­kurs des Herrn wird das Sub­jekt $ durch den Si­gni­fi­kan­ten S1 (oben links) re­prä­sen­tiert, durch den Be­fehl. Die­ser Si­gni­fi­kant be­zieht sich auf den Si­gni­fi­kan­ten­paar S2 oben rechts, das als Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­ptom und dem Sym­bol ge­deu­tet wird. Da­mit nimmt La­can eine Zu­ord­nung vor zwi­schen dem Sche­ma der vier Dis­kur­se und der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen: S2 ent­spricht den bei­den Rin­gen des Sym­bo­li­schen und des Sym­ptoms.

Der Hand­wer­ker pro­du­ziert das Ob­jekt a, mit die­ser Aus­sa­ge wech­selt La­can im Her­ren­dis­kurs zum Platz un­ten rechts.

La­can spricht dann über drei For­men des Ob­jekts a. „Ohr“ ver­weist auf die Stim­me, „Auge“ auf den Blick, der „geschlos­se­ne Mund“ auf die Brust. Im Dis­kurs des Herrn sind die drei Ob­jek­te a dem­nach durch ihr Ge­gen­stück im ima­gi­nä­ren Kör­per ver­tre­ten: durch die kor­re­spon­die­ren­den Kör­per­öff­nun­gen.

Ein Signifikant ist das, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert (15)

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, dass ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det.“ (15)

Die im Zi­tat un­ter­stri­che­ne Sen­tenz, auf die La­can im­mer wie­der zu­rück­kommt, er­scheint in den Se­mi­na­ren zu­erst in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung:

Le si­gni­fi­ant, à l’envers du si­gne, n’est pas ce qui re­pré­sen­te quel­que cho­se pour quelqu’un, c’est ce qui re­pré­sen­te pré­cis­é­ment le su­jet pour un aut­re si­gni­fi­ant.”258

“Der Si­gni­fi­kant ist, im Ge­gen­satz zum Zei­chen, nicht das, was et­was für je­man­den re­prä­sen­tiert, er ist das, was ge­nau das Sub­jekt für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert.“ (Im Sin­ne von: Der Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten das Sub­jekt.)

In den Schrif­ten fin­det man den Apho­ris­mus zu­erst in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten (Vor­trag von 1960, der zu­erst 1966 ver­öf­fent­licht wur­de):

Not­re dé­fi­ni­ti­on du si­gni­fi­ant (il n’y en a pas d’autre) est : un si­gni­fi­ant, c’est ce qui re­pré­sen­te le su­jet pour un aut­re si­gni­fi­ant.“259

Un­se­re De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten – es gibt kei­ne an­de­re – lau­tet: Ein Si­gi­fi­kant ist, was für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten das Sub­jekt re­prä­sen­tiert.“260

Im Dis­kurs des Herrn wird die­ser Zu­sam­men­hang durch die Be­zie­hung zwi­schen den Plät­zen un­ten links, oben links und oben rechts dar­ge­stellt: das Sub­jekt ($ am Platz un­ten links) wird re­prä­sen­tiert durch den Si­gni­fi­kan­ten S1 (oben links) für den an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten S2 (oben rechts).

Die For­mel steht in Op­po­si­ti­on zur klas­si­schen De­fi­ni­ti­on des Zei­chens: „Ein Zei­chen re­prä­sen­tiert et­was für je­man­den.“ Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert, aber das von ihm Re­prä­sen­tier­te ist nicht ein Et­was, son­dern das Sub­jekt. Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert für ei­nen Adres­sa­ten, die­ser ist aber nicht ein Je­mand, son­dern ein an­de­rer Si­gni­fi­kant. Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert nicht für je­man­den – er ist kein Werk­zeug der Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern un­ver­ständ­lich. Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten: er re­prä­sen­tiert das Sub­jekt in ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­be­zie­hung, die vom spre­chen­den Sub­jekt nicht kon­trol­liert wer­den kann. Vgl. die Er­läu­te­rung von Juan-Da­vid Na­sio in die­sem Blog hier.

La­cans Apho­ris­mus lässt sich mit ei­ner Er­läu­te­rung von Freud zum Na­mens­ver­ges­sen auf ein­fa­che Wei­se ver­an­schau­li­chen. Freud er­zählt, dass eine Fahr­kar­te kau­fen will und sich nicht mehr an den Na­men der nächs­ten grö­ße­ren Stadt er­in­nern kann, an das Wort „Ro­sen­heim“. Der Grund: Er hat­te ge­ra­de sei­ne Schwes­ter Rosa be­sucht; der Name „Ro­sen­heim“ rühr­te an sei­nen „per­sön­li­chen Kom­plex“, wie er sagt, an sei­nen „Fa­mi­li­en­kom­plex“, wie er es auch nennt.261 In La­cans Be­griff­lich­keit: Der Si­gni­fi­kant „Rosa“ ist das, was für den Si­gni­fi­kan­ten „Ro­sen­heim“ das Sub­jekt Freud re­prä­sen­tiert.

Falsches Loch (15)
Reidemeister-Bewegung, Typ II

Rei­de­meis­ter-Be­we­gung, Typ II

Zu: „In die­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass es in der Ver­bin­dung des Sym­ptoms mit dem Sym­bol nur, möch­te ich sa­gen, ein fal­sches Loch gibt.“ (15)

Grund­le­gend für die Kno­ten­theo­rie ist die Un­ter­schei­dung zwi­schen zwei Ebe­nen: der Ebe­ne des Kno­tens und der Ebe­ne des Dia­gramm des Kno­tens, von La­can als „Plät­tung“ be­zeich­net. Von ein und dem­sel­ben Kno­ten kön­nen un­ter­schied­li­che Dia­gram­me her­ge­stellt wer­den. Ein fal­sches Loch ist ein Loch, das nur im Dia­gramm exis­tiert, nicht aber auf sta­bi­le Wei­se im Kno­ten. Im Kno­ten kann man das fal­sche Loch durch Zie­hen an den Fa­den­rin­gen zum Ver­schwin­den brin­gen. In der Zeich­nung er­kennt man die Falsch­heit des Lochs dar­an, dass es im Dia­gramm durch Ver­än­de­rung des Kur­ven­ver­laufs zum Ver­schwin­den ge­bracht wird. Die Be­we­gung, durch die im Dia­gramm ein sol­ches Loch er­zeugt und wie­der zum Ver­schwin­den ge­bracht wird, heißt in der Kno­ten­theo­rie Rei­de­meis­ter-Be­we­gung (nach dem Be­grün­der der Kno­ten­theo­rie, Kurt Rei­de­meis­ter); da­mit sind Be­we­gun­gen im Dia­gramm ge­meint, die nur das Dia­gramm ver­än­dern, nicht aber die Struk­tur des Kno­tens. Es gibt drei sol­che Be­we­gun­gen; die­je­ni­ge, die mit La­cans „fal­schem Loch“ ver­bun­den ist, wird als Typ II be­zeich­net. Das La­can­sche „fal­sche Loch“ ist, wie die Ab­bil­dung zeigt, eine der bei­den Ex­trem­fi­gu­ren der Rei­de­meis­ter-Be­we­gung vom Typ II.

Sym­bol“ ist hier eine Kurz­form für „das Sym­bo­li­sche“: das fal­sche Loch ist eine Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­ptom und dem Sym­bo­li­schen (in der nächs­ten Sit­zung wird La­can es ge­nau so for­mu­lie­ren, also „Sym­bol“ durch „Sym­bo­li­scheds“ er­set­zen).

Al­ler­dings be­zeich­net La­can auch der Loch ei­nes ein­zel­nen Rings als fal­sches Loch: Eine Öff­nung reicht nicht hin, um ein Loch zu bil­den, heißt es in Se­mi­nar 22, RSI.262

Die Äquivalenz von unendlicher Gerader und Kreis (16)

Zu: „Man muss je­des die­ser Lö­cher in et­was ein­schlie­ßen, was be­wirkt, dass sie zu­sam­men­hal­ten, da­mit wir hier et­was hät­ten, das als ech­tes Loch qua­li­fi­ziert wer­den könn­te. Das heißt, dass man sich vor­stel­len muss, da­mit die­se Lö­cher be­stehen blei­ben, sich auf­recht­erhal­ten, dass man ein­fach hier eine Ge­ra­de an­neh­men muss, das wird den­sel­ben Zweck er­fül­len, eine Ge­ra­de, vor­aus­ge­setzt, sie ist un­end­lich.“ (16).

La­can zu­fol­ge kann in der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung ein Ring durch eine un­end­li­che Ge­ra­de er­setzt wer­den (so schon in Se­mi­nar 22, RSI). Er be­grün­det dies da­mit, dass ein Kreis ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den äqui­va­lent ist.

Die Äqui­va­lenz der un­end­li­chen Gra­den mit ei­nem Kreis ist ein Grund­ge­dan­ke der Pro­jek­ti­ven Geo­me­trie; als ei­ner ih­rer Be­grün­der gilt Gé­r­ard De­s­ar­gues (1591–1661), auf den La­can im RSI-Se­mi­nar ver­weist. Für die Pro­jek­ti­ve Geo­me­trie gilt, dass Par­al­le­len sich im Un­end­li­chen schnei­den, im Ge­gen­satz zur eu­kli­di­schen Geo­me­trie, die setzt, dass sie sich nicht schnei­den. Die Pro­jek­ti­ve Geo­me­trie lie­fert also eine ma­the­ma­ti­sche Aus­ar­bei­tung der Zen­tral­per­spek­ti­ve. Man kann sie sich als Geo­me­trie auf ei­ner Ku­gel­ober­flä­che vor­stel­len – auf die­ser Flä­che ist eine un­end­li­che Ge­ra­de ein Kreis.

Echtes Loch durch unendiche GeradeAlso re­prä­sen­tiert bei­spiels­wei­se die Zeich­nung rechts ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus drei Rin­gen – ein Ring wird durch die lin­ke Nie­re dar­ge­stellt, der zwei­te Ring durch die rech­te Nie­re und der drit­te Ring durch die Ge­ra­de, die eine un­end­li­che Ge­ra­de sym­bo­li­siert.

In Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, heißt es:

Ich möch­te Sie dar­auf hin­wei­sen, daß der Be­griff des bor­ro­mäi­schen Kno­ten kei­nes­wegs ein­schließt, daß es sich um Schnur­sch­lin­gen oder um Tori han­delt. Es ist eben­so vor­stell­bar, im Ein­klang mit der In­tui­ti­on ei­nes De­s­ar­gues in der ge­wöhn­li­chen Geo­me­trie, daß sich die­se Schlin­gen öff­nen oder, um es ein­fach zu sa­gen, zu Schnü­ren wer­den, die sich, war­um nicht, im Un­end­li­chen wie­der tref­fen sol­len.“263

Und zu­erst, wel­che Ge­mein­sam­keit be­steht zwi­schen der Ge­ra­den als un­end­li­cher und dem Kreis? Es ist dies – das Zer­rei­ßen des Krei­ses ist dem Zer­rei­ßen der un­end­li­chen Ge­ra­den in sei­nen Wir­kun­gen auf den Kno­ten äqui­va­lent – es be­freit die an­de­ren Ele­men­te des Kno­tens. Aber die­ses Zer­rei­ßen hat in bei­den Fäl­len nicht die­sel­ben blei­ben­den Wir­kun­gen auf das Ele­ment. Was bleibt denn wirk­lich vom Kreis, nach­dem er zer­ris­sen ist? Eine end­li­che Ge­ra­de als sol­che, die man ohne wei­te­res weg­wer­fen kann, ein Fet­zen, ein Stück Seil aus gar nichts.“264

Und:

De­s­ar­gues hat vor lan­ger Zeit ent­deckt, daß die un­end­li­che Ge­ra­de in al­lem dem Kreis ho­mo­log ist, wo­mit er Rie­mann vor­ge­grif­fen hat.“265

La­can ver­knüpft hier zwei Ar­ten von Geo­me­trie, die To­po­lo­gie mit dem Teil­ge­biet der Kno­ten­theo­rie und die pro­jek­ti­ve Geo­me­trie. Die Kno­ten­theo­rie stellt drei­di­men­sio­na­le Ge­bil­de (Kno­ten) im zwei­di­men­sio­na­len Raum dar (als Dia­gram­me oder, wie La­can sagt, als Plät­tun­gen). In der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie geht es eben­falls um die Dar­stel­lung von drei­di­men­sio­na­len Ge­gen­stän­den im zwei­di­men­sio­na­len Raum. Von da­her liegt die Fra­ge nahe, wie sie sich ver­bin­den las­sen.

La­cans Ge­dan­ke scheint zu sein:

(a) Ebe­ne der drei­di­men­sio­na­len Kno­ten

– Rin­ge (Un­kno­ten, tri­via­le Kno­ten) sind Ge­bil­de im drei­di­men­sio­na­len Raum.

– Rin­ge kön­nen be­lie­big ver­formt wer­den, also auch eine un­end­li­che Aus­deh­nung ha­ben.

– Rin­ge kön­nen un­ter an­de­rem die Form von kreis­för­mi­gen Kur­ven ha­ben.

– Rin­ge kön­nen also auch die Form von Krei­sen mit un­end­li­chem Durch­mes­ser ha­ben.

(b) Ebe­ne des zwei­di­men­sio­na­len Dia­gramms

– Kno­ten­dia­gram­me (Plät­tun­gen) lie­gen in der zwei­di­men­sio­na­len Ebe­ne und be­zie­hen sich auf drei­di­men­sio­na­le Ge­gen­stän­de.

– Die Dia­gramm­ebe­ne wird spon­tan im Sin­ne der eu­kli­di­schen Geo­me­trie ge­deu­tet, aber nichts zwingt uns dazu – wir kön­nen sie auch im Sin­ne der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie auf­fas­sen.

– In der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie ent­spricht eine un­end­li­che Ge­ra­de ei­nem Kreis.

– In der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie re­prä­sen­tiert die un­end­li­che Ge­ra­de ei­nen Kreis im drei­di­men­sio­na­len Raum.

(c) Ver­bin­dung

– Also las­sen sich drei­di­men­sio­na­le Rin­ge im Dia­gramm durch Li­ni­en dar­stel­len, die un­end­li­che Ge­ra­den re­prä­sen­tie­ren.

Pro­blem: die un­end­li­che Geo­me­trie be­zieht sich auf Krei­se, nicht auf be­lie­big ver­form­ba­re Kur­ven. Man kann durch eine un­end­li­che Ge­ra­de ei­nen Kreis im drei­di­men­sio­na­len Raum re­prä­sen­tie­ren, aber nicht eine ge­schlos­se­ne Kur­ve be­lie­bi­ger Form.

La­can be­schreibt bor­ro­mäi­sche Kno­ten mit den Be­grif­fen der Kon­sis­tenz, der Ex-sis­tenz und des Lochs. Wenn man ei­nen Kreis oder Ring durch eine un­end­li­che Ge­ra­de er­setzt, wird der Ring auf sei­ne Kon­sis­tenz re­du­ziert (sei­nen Zu­sam­men­halt)266 so­wie auf sei­ne Ex-sis­tenz (auf die Äu­ßer­lich­keit im Ver­hält­nis zu den an­de­ren Rin­gen, durch die die Ver­schlin­gung zu­sam­men­hält); das Loch, um das her­um der Ring ge­baut ist, ver­schwin­det.

Das Zum­ver­schwin­den­brin­gen des Lochs durch Ver­wand­lung des Rings in eine un­end­li­che Ge­ra­de steht La­can zu­fol­ge für die ima­gi­nä­re Be­nen­nung, näm­lich für den Be­zug auf den Re­fe­ren­ten im Sin­ne der Lo­gik.267

In Se­mi­nar 22, RSI, stellt La­can Kreis und Loch ein­an­der ge­gen­über.

Das Loch, von dem ich spre­che, löst uns los von dem Den­ken, das ei­nen Kreis bil­det, vom Den­ken, das plät­tet, und das aus die­ser Tat­sa­che her­aus das In­nen vom Au­ßen un­ter­schei­det.“268

Das Loch ist ein Loch im drei­di­men­sio­na­len Raum, der Kreis liegt im zwei­di­men­sio­na­len Raum. Der Kreis ist grund­le­gend für die In­nen-Au­ßen-Dif­fe­renz; die In­nen-Au­ßen-Dif­fe­renz ist grund­le­gend für das Ima­gi­nä­re. Das Loch des To­rus (des Kno­ten­rings) im drei­di­men­sio­na­len Raum be­wirkt, dass der To­rus nicht auf der In­nen-Au­ßen-Dif­fe­renz be­ruht.

Verwandlung des falschen Lochs von Symbol und Symptom in ein echtes Loch

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, daß ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det.

In die­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass es in der Ver­bin­dung des Sym­ptoms mit dem Sym­bol nur, möch­te ich sa­gen, ein fal­sches Loch gibt. Wenn wir die Kon­sis­tenz, die Kon­sis­tenz ir­gend­ei­ner die­ser Funk­tio­nen, Sym­bo­li­sches, Ima­gi­nä­res und Rea­les, wenn wir an­neh­men, dass die­se Kon­sis­tenz ei­nen Kreis bil­det, dann un­ter­stellt das ein Loch. 

Aber im Fall des Sym­bols und des Sym­ptoms geht es um et­was an­de­res: das, was ein Loch bil­det, ist die Ge­samt­heit – die über­ein­an­der ge­fal­te­te Ge­samt­heit – die­ser bei­den Krei­se. (…) Man muss je­des die­ser Lö­cher in et­was ein­schlie­ßen, was be­wirkt, dass sie zu­sam­men­hal­ten, da­mit wir hier et­was hät­ten, das als ech­tes Loch qua­li­fi­ziert wer­den könn­te. Das heißt, dass man sich vor­stel­len muss, da­mit die­se Lö­cher be­stehen blei­ben, sich auf­recht­erhal­ten, dass man ein­fach hier eine Ge­ra­de an­neh­men muss, das wird den­sel­ben Zweck er­fül­len, eine Ge­ra­de, vor­aus­ge­setzt, sie ist un­end­lich.“ (15 f.) im Fall des Sym­bols und des Sym

Durch Hin­zu­fü­gung ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den kön­nen zwei Rin­ge, die auf­ein­an­der­lie­gen, in ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten ver­wan­delt wer­den und so ein ech­tes Loch bil­den, ein Loch, das nicht nur auf der Ebe­ne der Plät­tung, son­dern des Kno­tens exis­tiert, durch Ver­for­mung der Kur­ven­ver­läu­fe im Dia­gramm also nicht be­sei­tigt wer­den kann. Die­se Fi­gur (zwei Tori, die durch Hin­zu­fü­gung ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den ein ech­tes Loch bil­den) hat­te La­can be­reits in Se­mi­nar 22, RSI, vor­ge­stellt.269

Das In­sis­tie­ren – der mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Wie­der­ho­lungs­zwang – macht es er­for­der­lich, dass ei­ner der Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det (wel­cher die­ser Si­gni­fi­kan­ten ge­meint ist, ist mir nicht klar). Das Sym­bo­li­sche spal­tet sich da­mit auf in das Un­be­wuss­te (das Sym­bol bzw. das Sym­bo­li­sche) und das Sym­ptom.

Die Fra­ge ist dann, wie das Un­be­wuss­te (das Sym­bol) mit dem Sym­ptom ver­bun­den ist.

Bei­de wer­den durch Rin­ge re­prä­sen­tiert. Je­der die­ser Rin­ge ist ge­wis­ser­ma­ßen um ein Loch her­um ge­baut; die­ses ist im Au­gen­blick je­doch nicht re­le­vant. Ein wei­te­res Loch kommt ins Spiel: ein Loch, dass die bei­den Rin­ge ge­mein­sam bil­den.

Die­ses Loch kann ein fal­sches Loch sein, d.h. die bei­den Rin­ge sind nur schein­bar mit­ein­an­der ver­schlun­gen, und das Loch ver­schwin­det, wenn man die Rin­ge ma­ni­pu­liert. Das fal­sche Loch kann in ein ech­tes Loch ver­wan­delt wer­den, durch Ein­füh­rung ei­nes drit­ten Rings, der eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung er­zeugt.

Statt ei­nes drit­ten Fa­den­rings prä­fe­riert La­can eine un­end­li­che Ge­ra­de. Da sie un­end­lich ist, tref­fen sich ihre bei­den En­den im Un­end­li­chen; sie bil­det also eine Art Kreis und kann des­halb die Rin­ge des Sym­bols und des Sym­ptoms mit­ein­an­der ver­schlin­gen.

La­can setzt hier sei­ne Über­le­gun­gen zum fal­schen Loch zweier Rin­ge fort, die er in in Se­mi­nar 22, RSI, be­gon­nen hat­te, im Vor­trag vom 13.5.1975, also in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung (vgl. Klei­ner-Über­set­zung, S. 78).

Wor­aus be­steht der drit­te Ring, aus dem Ima­gi­nä­ren oder dem Rea­len? Ver­mut­lich aus dem Rea­len. Das Sym­ptom be­zieht sich nicht nur auf das Un­be­wuss­te (das den ver­bor­ge­nen Sinn des Sym­ptoms lie­fert), son­dern auch auf das Rea­le des Ge­nie­ßens, es ist eine Form der „Er­satz­be­frie­di­gung“, wie Freud sagt.

Polizei: der Herrensignifikant im Diskurs der Universität bzw. der Bürokratie (16)

Zu: „Die­ser Kreis – es wird ge­wiss nö­tig sein, dass ich dar­auf zu­rück­komme –, der Kreis hat eine Funk­tion, die der Po­li­zei wohl­be­kannt ist: der Kreis dient dazu, zu zir­ku­lie­ren, und eben dar­in hat die Po­li­zei eine Stüt­ze, die es nicht erst seit ges­tern gibt. He­gel hat­te sehr gut ge­se­hen, was ihre Funk­tion ist, und er hat es in ei­ner Ge­stalt ge­se­hen, die ge­wiss nicht die­je­nige ist, um die es geht, die in Fra­ge steht. Für die Po­li­zei geht es ein­fach dar­um, dass das Sich-im-Krei­se-Dre­hen wei­ter­geht.“ (16)

In Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, er­klärt La­can, der Dis­kurs der Uni­ver­si­tät sei auch der Dis­kurs der Bü­ro­kra­tie270 – also der Po­li­cey im Sin­ne von He­gel. Im Dis­kurs der Wis­sen­schaft (der von La­can an die­ser Stel­le mit dem Dis­kurs der Uni­ver­si­tät gleich­ge­setzt wird) ist am Platz der Wahr­heit (un­ten links) der Be­fehl:

Mach wei­ter. Vor­wärts. Mach da­mit wei­ter, im­mer mehr zu wis­sen.“271

In Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, heißt es:

Von der Po­li­zei be­haup­tet He­gel zu­recht, daß al­les, was mit Po­li­tik zu tun hat, in ihr sei­ne Wur­zeln fin­de. Es gibt nichts in der Po­li­tik, das nicht schließ­lich, in letz­ter Re­duk­ti­on, schlicht und ein­fach Po­li­zei wäre. Nun führt die Po­li­zei im­mer nur die­ses Wort im Mun­de – Wei­ter­fah­ren (Cir­cu­lez)!“272

Die Po­li­zei for­dert, dass sich al­les wei­ter im Kreis dreht; sie sorgt da­für, dass die Wie­der­ho­lung zu kei­nem Ende kommt.

ZUR SEKUNDÄRLITERATUR

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den La­can-Zi­ta­ten zu Be­ginn der Ein­trä­ge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Orthografie von „Sinthom“ (1)

Jac­ques-Alain Mil­ler, der of­fi­zi­el­le Her­aus­ge­ber des Sin­t­hom-Se­mi­nars, sagt in sei­ner Vor­le­sung zu die­sem Se­mi­nar, er wol­le über das spre­chen,

was La­can mit der Vo­ka­bel des Sin­t­homs in die Kli­nik ein­ge­führt hat. Nicht ‚Sym­ptom‘, son­dern ‚Sin­t­hom‘. Da­nach spricht La­can be­wusst vom Sym­ptom, und ich habe nicht ge­dacht, dass ich das zu kor­ri­gie­ren hät­te, wenn man ein­mal er­fasst hat, von wo er zu­rück­kommt, er sorgt da­für, dass man es so­fort er­fasst, so­wohl durch den Ti­tel als auch da­durch, dass er gleich zu Be­ginn an­kün­digt, dass er eine alte Schreib­wei­se auf­greift, grie­chisch, grie­chi­schen Ur­sprungs schließ­lich.“273

Stimmt, letzt­lich hat „sin­t­home“ ei­nen grie­chi­schen Ur­sprung, aber das gilt auch für „sym­ptô­me“. La­can geht mit „sin­t­home“ auf die la­tei­ni­sche Schreib­wei­se zu­rück. Die mo­der­ne Schreib- und Sprech­wei­se „sym­ptô­me“ ist ein Ver­such, kor­rek­tes Grie­chisch zu schrei­ben und zu spre­chen, also ein ty­pi­sches Pro­dukt des Re­nais­sance-Hu­ma­nis­mus.

Herabsetzung der Logik? (3 f.)

Zu: „Von die­sem ers­ten, man muss schon sa­gen, Stuss ha­ben wir nur eine Spur, in­dem wir dar­aus schlie­ßen, dass Adam, wie es sein Name zur Ge­nüge an­zeigt – das ist eine An­spie­lung, das hier, auf die Funk­tion des In­dex bei Peirce –, dass Adam, ge­mäß des joke, den Joy­ce dar­aus macht, dass Adam na­tür­lich eine M’Adam war, und dass er das Vieh nur in eben ih­rer Spra­che / in ih­rer Lal­angue be­nannt hat, das muss man ge­wiss an­neh­men, denn die­je­nige, die ich die l’Evie (E-V-I-E) nen­nen wer­de – l’Evie, die ich das Recht habe, so zu nen­nen, denn das heißt es auf He­brä­isch, falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist: „die Mut­ter der Le­ben­den“ – also l’Evie hat­te sie so­fort und ziem­lich hän­gend, die­se Spra­che / Zun­ge, denn nach dem ver­meint­li­chen Be­nen­nen durch Adam ist die ers­te Per­son, die sich ih­rer be­dient, eben sie: um mit der Schlan­ge zu spre­chen.“ (3 f.)

Mo­rel schreibt über die­se Pas­sa­ge, al­les, was La­can tra­di­tio­nell am Sym­bo­li­schen her­vor­he­be, wer­de hier her­ab­ge­setzt, „selbst die Lo­gik“274. Von ei­ner Her­ab­set­zung der Lo­gik kann ich in die­ser Sit­zung des Se­mi­nars nichts er­ken­nen. Den Freud­schü­lern der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on wirft La­can man­geln­de Lo­gik vor; da die Na­tur „nicht-eine“ ist, müs­se man – so er­klärt er –, um sie zu er­fas­sen, lo­gisch vor­ge­hen.

Verhältnis von Herrensignifikant und Eins (10)

Zu: „Von da­her un­sere Schreib­weise ‚S In­dex 1‘, S1, ich prä­zi­siere, dass sie so ge­le­sen wird; sie bil­det nicht die Eins, aber sie ver­weist auf sie als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, das ein lee­rer Sack sein kann.“ (10)

La­can sagt zur Schrei­bung als S1, „elle fait pas l’un, mais elle l’indique“ (Sta­fer­la S. 12), sie bil­det nicht die Eins, sie macht nicht die Eins, aber sie zeigt die­se an – als et­was, das nichts ent­hal­ten kann, das ein lee­rer Sack sein kann (Klei­ner-Über­set­zung, S. 10).

Mo­rel kom­men­tiert die Pas­sa­ge so:

le S1 est le ‚Un‘“, das S1 ist die ‚Eins’275.

Ge­nau die­se Deu­tung wird von La­can an die­ser Stel­le zu­rück­ge­wie­sen. S1 ist nicht die Eins, son­dern ver­weist auf die Eins im Sin­ne der lee­ren Men­ge. Der Her­ren­si­gni­fi­kant be­zieht sich auf den Haut­sack, auf die Eins im Sin­ne der lee­ren Men­ge, er muss da­von aber un­ter­schie­den wer­den.

Rolle des Körpers (10 f.)

Zu: „Weil der Kör­per ei­nige Öff­nun­gen hat, de­ren wich­tigste – de­ren wich­tigste, weil sie nicht weil es nicht ver­stopft, ge­schlos­sen wer­den kann –, de­ren wich­tigste das Ohr ist, weil es nicht ver­schlos­sen, nicht zu­ge­macht wer­den kann, aus die­sem Grund ant­wor­tet im Kör­per das, was ich die Stim­me ge­nannt habe. (…) More geo­me­trico – auf Grund der Form, die Pla­ton so schätz­te, er­weist sich das In­di­vi­duum so, wie es ge­baut ist: als ein Kör­per. Die­ser Kör­per hat eine sol­che fes­selnde Kraft, dass, bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, die Blin­den zu be­nei­den wä­ren. (10)

Nichts­des­to­we­ni­ger bleibt, dass ein lee­rer Sack ein Sack bleibt, näm­lich die Eins, die nur vor­stell­bar ist aus der Ex-sis­tenz und aus der Kon­sis­tenz, die der Kör­per hat, die der Kör­per von da­her hat, dass er Haut/Topf ist.“ (10 f.)

Es gibt ei­nen um­pire [engl. für Schieds­rich­ter] – um­pire, um es auf Eng­lisch zu sa­gen, so schreibt es Joy­ce – nur aus­ge­hend vom em­pire, vom Im­pe­rium über den Kör­per, wie al­les des­sen Mar­kie­rung trägt, vom Ord­al an.“ (11)

Mo­rel schreibt über den Kör­per bei La­can:

zu­nächst in Das Spie­gel­sta­di­um ima­gi­när und durch das Spie­gel­bild ge­stützt, wird er stück­wei­se si­gni­fi­kant, bis hin zu Ra­dio­pho­nie, wo er nur dank des Sym­bo­li­schen exis­tiert, das sein Ge­stell bil­det“276.

Von ei­ner sol­chen Ent-Ima­gi­na­ri­sie­rung des Kör­pers kann ich in die­ser Sit­zung des Se­mi­nars nichts er­ken­nen. Das Kör­per­bild lie­fert ge­wis­ser­ma­ßen den Roh­stoff für die Null­men­ge und da­mit für die Fun­die­rung der Ma­the­ma­tik, es wird da­mit aber nicht zum Si­gni­fi­kan­ten. Mo­rels The­se von der Ver­drän­gung des Ima­gi­nä­ren durch das Sym­bo­li­sche steht auch im Ge­gen­satz zum Grund­ge­dan­ken des bor­ro­mäi­schen Kno­tens, in dem das Ima­gi­nä­re ja gleich­wer­tig ne­ben dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len steht.

Die Spaltung des Subjekts (11)

Zu: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­näre ei­nen drauf­setzt, hat es (das Sym­bol) den In­dex 2 (S2), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Spal­tung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich dar­in de fac­to aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che (le faî­te du fait) oder das Fakt des „tut“, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und da­mit Gren­zen des Ge­sag­ten.“ (11)

Wor­in be­steht die Spal­tung des Sub­jekts? Mo­rel deu­tet die Stel­le so, dass S2 das Sub­jekt zwi­schen dem Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on) und dem Fak­tum spal­tet.277 Die bei­den Sei­ten der Spal­tung sind für sie also der Äu­ße­rungs­vor­gang und das Fak­tum.

Ich neh­me an, die bei­den Sei­ten der Spal­tung sind, ei­ner­seits, der Äu­ße­rungs­vor­gang, der ein Fak­tum ist, und, an­de­rer­seits, das Aus­ge­sag­te, bin mir aber nicht si­cher, die Stel­le ist zu an­deu­tungs­haft. Ich ver­mu­te, dass ge­meint ist: Sol­che Spre­cher­eig­nis­se sind das Fak­tum schlecht­hin, das, auf dem die ge­sam­te Ana­ly­se auf­baut. Für Sart­re ist das Be­wusst­sein eine „ab­so­lu­te Tat­sa­che“278, für La­can – so neh­me ich an – der Äu­ße­rungs­vor­gang, in dem sich das Un­be­wuss­te ma­ni­fes­tiert.

Ein Signifikant repräsentiert ein Subjekt für einen anderen Signifikanten (15)

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, daß ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det.“ (15)

Mo­rel schreibt über das RSI- und das Sin­t­hom-Se­mi­nar:

Ver­schwun­den ist die klas­si­sche zir­ku­lä­re De­fi­ni­ti­on des Sub­jekt und des Si­gni­fi­kan­ten, ‚ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert ein Sub­jekt für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten‘. Die re­prä­sen­ta­ti­ve Funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten als S1 ten­diert, wie ge­zeigt, dazu, zu­guns­ten der Äqui­vo­ka­ti­on ab­ge­schafft zu wer­den.“279

Et­was spä­ter spricht sie vom „Ende des Re­prä­sen­tiert­wer­dens des Sub­jekts durch den Si­gni­fi­kan­ten und also der da­mit ver­bun­de­nen zir­ku­lä­ren De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten und des Sub­jekts.“280 Zu­min­dest in die­ser Pas­sa­ge des Sin­t­hom-Se­mi­nars ist die von Mo­rel er­wähn­te De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten noch in vol­lem Be­trieb. Das Sub­jekt, sagt La­can zu­nächst, wird „durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1 re­prä­sen­tiert“, an­schlie­ßend er­läu­tert er den Si­gni­fi­kan­ten mit dem In­dex 2. Die „klas­si­sche“ De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, wie Mo­rel sie nennt, wird hier nicht ab­ge­schafft, son­dern aus­ge­baut, durch die Neu­de­fi­ni­ti­on von S2 als Be­zie­hung zwi­schen Sym­bol und Sym­ptom.

Der Si­gni­fi­kant“,

schreibt Mo­rel zur Er­läu­te­rung ih­rer The­se,

re­du­ziert sich auf die ge­spro­che­ne Äqui­vo­ka­ti­on, auf eine Ver­win­dung der Stim­me.“281

Ich den­ke, dass die Un­ter­schei­dung von S1 und S2 von La­can im Sin­t­hom-Se­mi­nar kei­nes­wegs auf­ge­löst wird. Sie wird viel­mehr be­kräf­tigt: in die Dua­li­tät zwei­er Si­gni­fi­kan­ten, S2, greift ein drit­ter Si­gni­fi­kant ein, S1, und be­wirkt die Ver­drän­gung ei­nes der bei­den. Die Joy­ce­schen Äqui­vo­ka­tio­nen wer­den durch S2 dar­ge­stellt (das zu­gleich für die Spal­tung in Sym­bol und Sym­ptom steht). Der das Sub­jekt re­prä­sen­tie­ren­de Si­gni­fi­kant S1 ist et­was an­de­res: die Home Rule als Va­ter­er­satz. Ein Bei­spiel für die­se Be­zie­hung gibt La­can et­was wei­ter un­ten: Das Got­tes­ur­teil (S1) steht in Be­zie­hung zur Kör­per­be­herr­schung (zur Eins im Sin­ne der lee­ren Men­ge).

Umwandlung eines falschen Lochs in ein echtes Loch (15 f.)

Zu: „Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, daß ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det.

In die­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass es in der Ver­bin­dung des Sym­ptoms mit dem Sym­bol nur, möch­te ich sa­gen, ein fal­sches Loch gibt. Wenn wir die Kon­sis­tenz, die Kon­sis­tenz ir­gend­ei­ner die­ser Funk­tio­nen, Sym­bo­li­sches, Ima­gi­nä­res und Rea­les, wenn wir an­neh­men, dass die­se Kon­sis­tenz ei­nen Kreis bil­det, dann un­ter­stellt das ein Loch. 

Aber im Fall des Sym­bols und des Sym­ptoms geht es um et­was an­de­res: das, was ein Loch bil­det, ist die Ge­samt­heit – die über­ein­an­der ge­fal­te­te Ge­samt­heit – die­ser bei­den Krei­se. (…) Man muss je­des die­ser Lö­cher in et­was ein­schlie­ßen, was be­wirkt, dass sie zu­sam­men­hal­ten, da­mit wir hier et­was hät­ten, das als ech­tes Loch qua­li­fi­ziert wer­den könn­te. Das heißt, dass man sich vor­stel­len muss, da­mit die­se Lö­cher be­stehen blei­ben, sich auf­recht­erhal­ten, dass man ein­fach hier eine Ge­ra­de an­neh­men muss, das wird den­sel­ben Zweck er­fül­len, eine Ge­ra­de, vor­aus­ge­setzt, sie ist un­end­lich.“ (15 f.)

Be­zo­gen auf die bei­den Rin­ge, die ein fal­sches Loch bil­den, das durch das Ein­schie­ben ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den in ein ech­tes Loch ver­wan­delt wird, nimmt Mo­rel fol­gen­de Zu­ord­nun­gen vor:

– Sym­ptom: Rea­les

– Sym­bol: Un­be­wuss­tes

– un­end­li­che Ge­ra­de: Ima­gi­nä­res.282

Im RSI-Se­mi­nar und im Sin­t­hom-Se­mi­nar wird das Sym­ptom mit dem vier­ten Ring des bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­tens gleich­ge­setzt. Also kann es nicht mit dem Rea­len iden­ti­fi­ziert wer­den. Die un­end­li­che Ge­ra­de ist dem­nach ent­we­der das Ima­gi­nä­re oder das Rea­le.

DEUTUNGSIDEEN

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den La­can-Zi­ta­ten zu Be­ginn der Ein­trä­ge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Joyce und der Diskurs des Herrn (7)

Zu: „Die­ser Herr*, ce Herr* – man kann nicht sa­gen ‚cet Herr‘“ (mit aus­ge­spro­che­nem t), das ver­bie­tet die As­pi­ra­tion, das nervt alle Leu­te so sehr, dass man des­we­gen sagt ‚le pau­vre hère‘, der arme Tropf –, die­ser Herr* hat sich als ein hero auf­ge­fasst: Ste­phen Hero.“ (7)

Mil­ler zu­fol­ge be­greift La­can den Dis­kurs der Joy­ce­schen Kunst nicht als Her­ren­dis­kurs.283 Ich den­ke, dass La­can ihn durch­aus als Her­ren­dis­kurs auf­fasst.

Ce Herr“, sagt La­can über Joy­ce, „die­ser Herr*“. Das ist, neh­me ich an, eine An­spie­lung auf den Dis­kurs des Herrn, der sich wie­der­um auf die He­gel­sche Dia­lek­tik von „Herr und Knecht“ be­zieht und da­mit auf das deut­sche Wort „Herr“.

Ich ver­mu­te, dass La­can in sei­nen Be­mer­kun­gen zu Joy­ce fol­gen­de Be­zü­ge her­stellt:

S1: Joy­ce (lin­ke Sei­te) agiert von be­stimm­ten Her­ren­si­gni­fi­kan­ten aus (S1 am Platz oben links): „Hä­re­ti­ker“, „Held“, „der“ Künst­ler. Der Künst­ler „als“, „com­me“: das „com­me“ lügt, wie „com­ment“ an­zeigt, durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten (Tho­mas von Aquin, Home-Rule) wird die Wahr­heit über das Be­geh­ren ver­hüllt.

$ (un­ten links): Die ver­bor­ge­ne Wahr­heit ist, dass er „ei­nen et­was la­schen Schwanz hat­te“, dass die Über­mitt­lung des Phal­lus vom Va­ter an den Sohn nur un­zu­rei­chend statt­ge­fun­den hat­te.

S2 (oben rechts): Die Uni­ver­si­täts­men­schen neh­men im Joy­ce­schen Dis­kurs des Herrn die Po­si­ti­on des Skla­ven bzw. des Knechts ein (rech­te Sei­te der For­mel); die ab­wer­ten­de Cha­rak­te­ri­sie­rung als en­ge­an­ce, Klün­gel, spielt ver­mut­lich dar­auf an. Joy­ce lässt die Uni­ver­si­täts­leu­te für sich ar­bei­ten, und das heißt, dass er ihr Wis­sen in sei­nen Dienst stellt.

a (un­ten rechts): Das Pro­dukt die­ses Dis­kur­ses be­steht dar­in, dass die Uni­ver­si­täts­men­schen die Hä­re­sie ge­nie­ßen; dem ent­spricht in der For­mel das a für die Mehr­lust.

Joyce und der Diskurs der Universität (8)

Zu: „Zur Zeit ist es un­mög­lich, die­sen Text zu be­kom­men und das, was ich den Kri­ti­zis­mus ge­nannt habe, näm­lich das, was eine ge­wisse An­zahl von Per­so­nen, al­les Uni­ver­si­täts­leute – das ist im üb­ri­gen eine Wei­se, an die Uni­ver­si­tät zu ge­lan­gen, die Uni­ver­si­tät saugt die Joy­cia­ner an, aber schließ­lich sind sie schon an der rich­ti­gen Stel­le, sie gibt ih­nen Dienst­grade (…)“ (8)

Da­mit be­zieht La­can sich, neh­me ich an, auf den Dis­kurs der Uni­ver­si­tät.

S2, das Wis­sen, ist in die­sem Fall: das ge­lehr­te Wis­sen über Joy­ce.

S1: Für die Stel­len und die Dienst­gra­de (und auch die Ti­tel) steht in der For­mel das Kür­zel S1 am Platz un­ten links, der Her­ren­si­gni­fi­kant am Platz der ver­bor­ge­nen Wahr­heit. In Se­mi­nar 17, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, heißt es, im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät be­stehe der Her­ren­si­gni­fi­kant im Dok­tor­ti­tel und im Au­to­ren­na­men.284

Spaltung von S2 (14 f.)

Zu: „Die Wahr­heit, wo ist sie in die­sem Zu­sam­men­hang? Ich habe ge­sagt, sie sei ir­gendwo im Dis­kurs des Herrn als un­ter­stellt im Sub­jekt, in­so­fern es, ge­spal­ten, noch dem Phan­tasma un­ter­wor­fen ist. Hier, im Ge­gen­satz zu dem, wie ich es zu­nächst dar­ge­stellt habe, hier auf der Ebe­ne der­ Wahr­heit müs­sen wir das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. Das heißt, dass das Sub­jekt in die­ser Etap­pe nur durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1, (S1) re­prä­sen­tiert wer­den kann, dass der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) ge­nau das ist, was – um es dar­zu­stel­len, wie ich es eben ge­macht habe – durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird.“ (14 f.)

Wann im­mer der Dis­kurs des Herrn die Herr­schaft in­ne­hat, „spal­tet sich das S2″, wie La­can sagt, „und die­se Spal­tung ist die zwi­schen Sym­bol und Sym­ptom“ (Sta­fer­la-Ver­si­on, S. 17).

Mo­rel deu­tet die Stel­le so:

Das Rea­le der Spal­tung des Sub­jekts zwi­schen S1 und S2 re­flek­tiert die Du­pli­zi­tät des Sym­bol und des Sym­ptoms„285.

Die Zwei­heit von Sym­bol und Sym­ptom be­steht ihr zu­fol­ge also in der Dua­li­tät von S1 und S2.

La­can sagt et­was an­de­res: Es ist S2, das sich spal­tet, und zwar in Sym­bol und Sym­ptom. Er for­mu­liert eine neue The­se zum Her­ren­dis­kurs: un­ter der Wir­kung die­ses Dis­kur­ses – des Her­ren­si­gni­fi­kan­ten am Platz des Agen­ten – spal­tet sich der­je­ni­ge Teil des Sym­bo­li­schen, der in der For­mel des Her­ren­dis­kur­ses durch S2 re­prä­sen­tiert wird (das „Wis­sen“); es teilt sich auf in das Sym­bol (in das Un­be­wuss­te) und in das Sym­ptom. In Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ichi­de­al kommt es zur Ver­drän­gung be­stimm­ter Vor­stel­lun­gen und zur Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten im Sym­ptom.

Position des Handwerkers im Herrendiskurs (15)

Zu: „Da [Ich ver­mu­te: S1 am Platz oben links, RN] ist der Hand­wer­ker, der Hand­wer­ker, in­so­fern er durch die Zu­sam­men­fü­gung zwei­er Si­gni­fi­kan­ten in der Lage ist, das, was ich eben das Ob­jekt klein a ge­nannt habe, zu pro­du­zie­ren, oder ge­nauer, ich habe es mit dem Ver­hält­nis zum Ohr und zum Auge il­lus­triert, wie auch mit dem Ver­weis auf den ge­schlos­se­nen Mund.“ (15)

Là est l’artisan“, da ist der Hand­wer­ker, sagt La­can und deu­tet da­bei auf das Dia­gramm des Her­ren­dis­kur­ses an der Ta­fel. Wo­hin zeigt er?

Ers­te Mög­lich­keit: auf S2 am Platz oben rechts. Hier­für spricht, dass La­can in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, das Sym­bol S2 mit dem Skla­ven, dem Knecht, dem Hand­wer­ker gleich­setzt.286

Zwei­te Mög­lich­keit: La­can deu­tet auf S1 am Platz oben links. Für die zwei­te Mög­lich­keit spricht, dass Joy­ce im Her­ren­dis­kurs den Platz S1 ein­nimmt – was al­ler­dings vor­aus­setzt, dass man die Zu­ord­nung von Joy­ce zum Her­ren­dis­kurs ak­zep­tiert.

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grau­er Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­ga­be von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[12]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­si­on von 2005 die Sei­te 12“. 

Pas­sa­gen in schwar­zer Schrift sind Zu­sam­men­fas­sun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern in grü­ner Schrift sind mei­ne er­läu­tern­den Er­gän­zun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern, die mit zwei Fra­ge­zei­chen be­gin­nen und hell­grün un­ter­legt sind, ent­hal­ten mei­ne Fra­gen zum Text­ver­ständ­nis.

Titel und Thema des Seminars

Sinthom

[11] La­can hat die­ses Se­mi­nar mit dem Ti­tel „Le sin­t­home“ an­ge­kün­digt, zu Deutsch: das Sin­t­hom. Das ist eine be­son­de­re Or­tho­gra­fie für „Sym­ptom“: sin­t­home statt des üb­li­chen sym­ptô­me. Sin­t­home ist eine alte Schreib­wei­se [eine Schreib­wei­se, die sich am mit­tel­al­ter­li­chen La­tein ori­en­tiert], sie wur­de durch [das am Grie­chi­schen ori­en­tier­te] „sym­ptô­me“ ver­drängt. [Da­mit wird eine ers­te Fra­ge auf­ge­wor­fen: ist „Sin­t­hom“ nur eine an­de­re Schreib­wei­se für das Sym­ptom, oder un­ter­schei­det La­can zwei psy­chi­sche For­ma­tio­nen, das „Sym­ptom“ und das „Sin­t­hom“? Falls es zwei For­ma­tio­nen sind, wie ver­hal­ten sie sich zu­ein­an­der? Mil­ler und Mo­rel deu­ten es in ih­ren Sin­t­hom-Kom­men­ta­ren so: das „Sin­t­hom“ ist eine Mo­di­fi­ka­ti­on des ur­sprüng­li­chen „Sym­ptoms“. 287

Joyce

Die Ver­än­de­rung der Schreib­wei­se ver­weist auf auf ein his­to­ri­sches Er­eig­nis, auf das [mit dem Re­nais­sance-Hu­ma­nis­mus ver­bun­de­ne Zu­rück­drän­gen des La­tei­ni­schen durch das Grie­chi­sche und da­mit auf das] Ein­drin­gen des Grie­chi­schen in das Fran­zö­si­sche, also in La­cans Lalan­gue [in La­cans Mut­ter­spra­che]. La­can be­zieht sich mit sei­ner un­ge­wöhn­li­chen Recht­schrei­bung auf ei­nen Wunsch von Joy­ce, der sich im Ulys­ses eine Hel­le­ni­sie­rung Ir­lands wünsch­te, also ein Ein­drin­gen des Grie­chi­schen. [Im Ro­man wünscht sich das Buck Mul­ligan, der hier von La­can als Spre­cher von Joy­ce ge­nom­men wird. Mit dem Rück­gang von der grie­chi­schen zur la­tei­ni­schen Schreib­wei­se be­treibt La­can eine Enthel­le­ni­sie­rung des Fran­zö­si­schen, sei­ne Ope­ra­ti­on läuft also den An­sprü­chen von Mul­ligan bzw. Joy­ce zu­wi­der.] Aber in wel­che Spra­che soll das Grie­chi­sche ein­drin­gen? Joy­ce geht es um Ir­land, und die wah­re Spra­che Ir­lands ist für Joy­ce das Gä­li­sche [das heu­te die of­fi­zi­el­le Erst­spra­che der Re­pu­blik Ir­land ist]. Joy­ce war je­doch ge­zwun­gen, Eng­lisch zu schrei­ben [die Spra­che der In­va­so­ren]. Joy­ce hat auf sehr spe­zi­el­le Wei­se Eng­lisch ge­schrie­ben. [Der Schrift­stel­ler und Joy­ce-Über­set­zer] Phil­ip­pe Sollers [der La­cans Se­mi­na­re be­such­te] hat in ei­nem Auf­satz in Tel Quel er­klärt, Joy­ce habe auf eine Wei­se ge­schrie­ben, dass das Eng­li­sche nicht mehr exis­tiert [dass es nicht mehr als ge­schlos­se­nes Sprach­sys­tem exis­tiert, da Joy­ce be­stän­dig Be­zü­ge zu an­de­ren Spra­chen her­stellt]. Al­ler­dings hat­te das Eng­li­sche be­reits vor­her we­nig Kon­sis­tenz [un­ter an­de­rem auf­grund des star­ken Ein­flus­ses der fran­zö­si­schen Spra­che], was je­doch nicht hei­ßen soll, dass es ein­fach wäre, in Eng­lisch zu schrei­ben. [Da­mit bringt La­can den Be­griff der Kon­sis­tenz ins Spiel, der bei der Be­schrei­bung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar, RSI, eine Schlüs­sel­rol­le ge­spielt hat­te und der auch in die­sem Se­mi­nar für die Be­hand­lung der Kno­ten wich­tig wer­den wird. An die­ser Stel­le geht es La­can spe­zi­ell um die In­kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen. Das Sym­bo­li­sche ge­winnt, La­can zu­fol­ge, sei­ne Kon­sis­tenz durch den Na­men-des-Va­ters; die Psy­cho­se be­ruht dar­auf, dass der Name-des-Va­ters „ver­wor­fen“ ist, dass er nie ge­bil­det wur­de (so seit Se­mi­nar 3 von 1955/56 über die Psy­cho­sen). Wenn La­can be­tont, dass eine Spra­che we­nig Kon­sis­tenz hat, könn­te er da­mit auf eine Stö­rung in Be­zug auf den Na­men-des-Va­ters so­wie auf das Pro­blem der Psy­cho­se hin­deu­ten.] | [12] Sollers hat au­ßer­dem ge­sagt, Joy­ce habe dem Eng­li­schen durch die Fol­ge sei­ner Schrif­ten et­was hin­zu­ge­fügt, so dass man l’élangues schrei­ben müs­se [also nicht les lan­gues, die Spra­chen, son­dern, mit ei­nem laut­glei­chen Neo­lo­gis­mus, l’élangues]. La­can deu­tet das als An­spie­lung auf l’élation, den Über­schwang: die Spra­che von Joy­ce hat et­was Über­schwäng­li­ches. Joy­ce hat dem Eng­li­schen durch sei­ne Wer­ke also noch et­was [an­de­res] hin­zu­ge­fügt [als den sym­bo­li­schen Be­zug auf an­de­re Spra­chen]: die­sen Über­schwang. [Mit dem Über­schwang, der ge­ho­be­nen Stim­mung, sind wir bei den Af­fek­ten und da­mit beim Rea­len und beim Ge­nie­ßen. Joy­ces Art zu schrei­ben steht in ei­ner Be­zie­hung zum Ge­nie­ßen, wie Lalan­gue.] Vom Über­schwang sagt man in der Psych­ia­trie, er sei der Ur­sprung ei­nes Sym­ptoms, näm­lich der Ma­nie. Fin­ne­gans Wake gleicht so­gar ins­ge­samt ei­ner Ma­nie. Des­we­gen hat La­can sei­nen Vor­trag zur Er­öff­nung des [fünf­ten in­ter­na­tio­na­len] Joy­ce-Sym­po­si­ums [im Juni 1975 in Pa­ris], zu dem Jac­ques Au­bert ihn, wie La­can sagt, ge­drängt hat­te, mit Joy­ce das Sym­ptom über­schrie­ben. [Vgl. die Über­set­zung in die­sem Blog.– Der Ti­tel „Joy­ce das Sym­ptom“ ent­hält also, wenn man alle bis­he­ri­gen An­spie­lun­gen zu­sam­men­nimmt, die The­se: Joy­ces Art zu schrei­ben ist ein Sym­ptom, und das heißt: sie steht in Be­zie­hung zur In­kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen – zu ei­nem Pro­blem mit dem Na­men-des-Va­ters – und au­ßer­dem dient sie dem Ge­nie­ßen.] [Am Ran­de sei fest­ge­hal­ten, dass La­can in die­ser Pas­sa­ge auf drei Be­zie­hun­gen zwi­schen Spra­chen ver­weist, drei For­men, durch die ein Sprach­sys­tem in­kon­sis­tent wird: auf das Ein­drin­gen des Grie­chi­schen in das Fran­zö­si­sche, auf Buck Mul­ligans Wunsch, Ir­land zu hel­le­ni­sie­ren (von La­can als Wunsch von Joy­ce ge­deu­tet), und auf die Ko­lo­nia­li­sie­rung des Gä­li­schen durch das Eng­li­sche. Au­ßer­dem be­zieht er sich zwei Mal auf das Be­nen­nen.]]

Die borromäische Verschlingung von vier Ringen

Die Ar­beit am Joy­ce-Vor­trag hat La­can dazu ge­bracht, das Se­mi­nar­pro­gramm für die­ses Jahr und da­mit auch den Se­mi­nar­ti­tel zu än­dern. Er hat­te [im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar 22, RSI] an­ge­kün­digt, dass das Fol­ge­se­mi­nar „4, 5, 6“ hei­ßen wür­de [was sich auf bor­ro­mäi­sche Kno­ten mit vier, fünf und sechs Rin­gen be­zieht, wie La­can im RSI-Se­mi­nar er­läu­tert hat­te]. We­gen des Joy­ce-Vor­trags [der sei­ne Vor­be­rei­tungs­zeit für das Se­mi­nar ver­kürzt hat­te] wird er sich je­doch mit dem bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten be­gnü­gen. [Der Ti­tel „Das Sym­ptom“ steht für den vier­ten Ring ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen, ne­ben den Rin­gen für das Rea­le, das Ima­gi­nä­re und das Sym­bo­li­sche.] Über die­se Än­de­rung sei er er­leich­tert, sagt La­can, denn es wäre ihm, so meint er, wohl kaum ge­lun­gen, den Weg vom Vie­rer- zum Sech­s­er­kno­ten zu durch­lau­fen. Be­reits die Kon­zep­ti­on der Vier [also der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen, um die es in die­sem Se­mi­nar ge­hen wird] sei für ihn schwie­rig.

Der Zugang zum Realen durch die Logik

Psychoanalysekongress Weimar 1911

3. In­ter­na­tio­na­ler psy­cho­ana­ly­ti­scher Kon­gress in Wei­mar 1911 -[note]Das Foto zeigt: 2. Rei­he, 1.von links: Otto Rank. 1. Rei­he, 1. von links: Eu­gen Bleu­ler. 2. Rei­he, 7. von links: San­dor Fe­ren­c­zi. 2. Rei­he, 8. von links: Sig­mund Freud. 2. Rei­he, 9. von links: C. G. Jung. 2. Rei­he, 2. von rechts: Er­nest Jones.[/note]

La­can sagt über sich, er be­er­be Freud, was ei­gent­lich nicht sei­ne Ab­sicht ge­we­sen sei. Er habe sich zu­nächst auf die ers­te Ge­ne­ra­ti­on der Freud­schü­ler be­zo­gen. [Da­mit ver­weist La­can auf sei­ne Ar­bei­ten vor 1950, vor der „Rück­kehr zu Freud“, etwa auf den Auf­satz über die Fa­mi­lie von 1937.] Er brau­che die­se Grup­pe nicht zu nen­nen. [Da­mit wird in die­sem Se­mi­nar zum ers­ten Mal die Be­nen­nung an­ge­spro­chen, ei­nes der wich­ti­gen The­men.] Es ist die Grup­pe, die sich in Wien ge­trof­fen hat und die Freud „mei­ne Ban­de“ nann­te [?? wo?] –, und er, La­can, habe ver­sucht, aus dem, was die­se Ge­ne­ra­ti­on auf un­kla­re Wei­se ar­ti­ku­liert hat­te, die lo­gi­schen Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Die­se Schü­ler­ge­ne­ra­ti­on sei sich selbst je­doch un­treu ge­wor­den, nie­mand von die­ser Ge­ne­ra­ti­on habe „in gu­ter Lo­gik“ das wei­ter­ver­folgt, was er oder sie be­reits an­satz­wei­se ge­dacht hat­te. [Ge­meint ist wohl: Sie ha­ben den Zu­gang über das Sym­bo­li­sche auf­ge­ge­ben, vor al­lem durch die Ent­wick­lung der Wi­der­stands­ana­ly­se (der Wi­der­stand hat sei­ne Grund­la­ge im Nar­ziss­mus) und der Ich-Psy­cho­lo­gie. Statt vom „Sym­bo­li­schen“ spricht La­can von der Lo­gik, die ihn in frü­he­ren Se­mi­na­ren im­mer wie­der be­schäf­tigt hat­te.] [Für sei­ne Joy­ce-Deu­tung stützt La­can sich üb­ri­gens teil­wei­se auf C. G. Jung, ohne ihn zu nen­nen, auf des­sen Auf­satz über Ulys­ses aus dem Jahr 1932.]t

Die Na­tur zeich­net sich da­durch aus, dass sie nicht-eine ist. [Ein­heit ist das Merk­mal des Ima­gi­nä­ren, das Rea­le (hier die „Na­tur“) ist nicht das Ima­gi­nä­re; es bil­det kei­ne Ein­heit. Be­greift man die Na­tur als Ein­heit, wird sie zur „Welt“, aus der das Rea­le aus­ge­schlos­sen ist.– Die For­mu­lie­rung er­in­nert an Freud: Der Se­xu­al­trieb be­steht aus ei­ner gro­ßen Rei­he von nicht ver­ein­heit­lich­ten Kom­po­nen­ten.]

Da die Na­tur „nicht-eine“ ist, muss man, um sie zu er­fas­sen, lo­gisch vor­ge­hen. [Vom Sym­bo­li­schen aus gibt es ei­nen Zu­gang zum Rea­len, al­ler­dings nicht durch den Sinn (der die Ein­heit vor­aus­setzt), son­dern durch die Lo­gik. Das Rea­le ist das lo­gisch Un­mög­li­che; man kann es des­halb auf dem Weg über eine Lo­gik der Un­ent­scheid­bar­keit an­ge­hen, eine Lo­gik, in der, ne­ben den Wahr­heits­wer­ten „wahr“ und „falsch“ auch der Wahr­heits­wert „un­be­stimmt“ zu­ge­las­sen ist.] Die Na­tur ist das, was durch das Be­nen­nen aus­ge­schlos­sen wird, ob­wohl sie ge­ra­de das ist, was be­nannt wer­den soll. [Das Be­nen­nen, so hat­te La­can in Se­mi­nar 22 aus­ge­führt, er­zeugt den Sinn, der auf der Ver­bin­dung des Sym­bo­li­schen mit dem Ima­gi­nä­ren be­ruht. Das Rea­le ist das, was durch den Sinn und da­mit durch die Be­nen­nung aus­ge­schlos­sen wird – das Be­nen­nen zielt auf das Rea­le, schließt es aber von sich aus. Das aus­ge­schlos­se­ne Rea­le je­doch ver­bin­det das Ima­gi­nä­re mit dem Sym­bo­li­schen zum Sinn; eben dar­in be­steht die Struk­tur des bor­ro­mäi­schen Kno­tens.288] Das Be­nen­nen führt dazu, dass die Na­tur sich als Pot­pour­ri (wört­lich: als Topf von Ver­faul­tem) von Au­ßer-Na­tur be­haup­tet. [Die Sinn­ge­bung durch Be­nen­nung hin­ter­lässt ei­nen vom Sinn nicht er­fass­ba­ren Rest, ei­nen Ab­fall: das Rea­le. Die For­mu­lie­rung spielt mög­li­cher­wei­se auf Freuds Trieb­kon­zep­ti­on an. Freud zu­fol­ge be­steht der Trieb aus ei­nem En­sem­ble von nicht ver­ein­heit­lich­ten Par­ti­al­trie­ben, in­so­fern bil­det er ein „Pot­pour­ri“. Am stärks­ten ver­drängt sind die ko­pro­phi­len Trie­b­an­tei­le – sol­che, die sich auf das „Ver­faul­te“ rich­ten. Die Par­ti­al­trie­be sind per­vers; per­ver­se Stre­bun­gen gel­ten als un­na­tür­lich, in­so­fern ste­hen sie „au­ßer der Na­tur“. Die ver­dräng­ten Trieb­kom­po­nen­ten „be­haup­ten“ sich: sie zei­gen sich im Wie­der­ho­lungs­zwang, im Sym­ptom.]

Struktur des Symptoms

Aufgrund der Benennung gibt es kein natürliches sexuelles Verhältnis

Der Vor­teil die­ser Aus­sa­ge [dass die Na­tur „nicht-eine“ ist] ist der, dass man – wenn man dies be­rück­sich­tigt – fol­gen­des sieht: Die Tat­sa­che, dass der Mensch be­nannt wird [dass die Spra­che auf ihn ein­wirkt], führt dazu, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis bei ihm kein Na­tur­ge­setz ist, dass es bei ihm kein na­tür­li­ches se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. [Die Be­nen­nung (die Ein­wir­kung der Spra­che) führt dazu, dass die bei­den Ge­schlech­ter nicht „durch die Na­tur“ auf­ein­an­der be­zo­gen sind, nicht durch In­stink­te.] Die­se For­mu­lie­rung ist eine gro­be An­nä­he­rung, da der Aus­druck „na­tür­li­ches se­xu­el­les Ver­hält­nis“ nur mit Ein­schrän­kun­gen ver­wen­det wer­den kann. [Die Rede vom „na­tür­li­chen se­xu­el­len Ver­hält­nis“ sug­ge­riert, dass die au­ßer­mensch­li­che le­ben­di­ge Na­tur ins­ge­samt so be­schaf­fen ist, dass hier die Ge­schlech­ter auf na­tür­li­che Wei­se auf­ein­an­der be­zo­gen sind.] Das Feh­len ei­ner na­tür­li­chen se­xu­el­len Be­zie­hung ist nichts, was den Men­schen aus­zeich­net, es gibt noch an­de­re Le­be­we­sen, die das na­tür­li­che se­xu­el­le Ver­hält­nis nicht ken­nen [z.B die Ein­zel­ler]. | [13] Da­mit soll aber nicht ge­sagt wer­den, dass beim Men­schen das Ge­schlecht [die Dua­li­tät der Ge­schlechts­or­ga­ne bzw. der Ge­schlechts­zel­len] nichts Na­tür­li­ches wäre [es gibt beim Men­schen durch­aus eine bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit]. Man muss in je­dem Ein­zel­fall prü­fen, ob es bei ei­ner be­stimm­ten Gat­tung von Le­be­we­sen ein na­tür­li­ches se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Auf [die so­ge­nann­te Se­xua­li­tät von] Bak­te­ri­en [und de­ren Nicht-Be­zie­hung] hat­te er sich be­reits frü­her [näm­lich in Se­mi­nar 21] be­zo­gen, eben­so auf die der Vö­gel [?? wo?].

Die Schöp­fung wird als gött­lich be­zeich­net. Gött­lich an ihr ist al­lein, dass sie sich auf die Be­nen­nung be­zieht [auf die Schöp­fung aus dem Nichts durch den Si­gni­fi­kan­ten]. Als Gott dem my­thi­schen Ur­men­schen den Auf­trag gab, alle Tie­re zu be­nen­nen, hat er ihn ver­ulkt; zu be­ach­ten ist, dass das Bak­te­ri­um nicht be­nannt wird. [Der bi­bli­schen Schöp­fungs­ge­schich­te zu­fol­ge gibt Gott dem Men­schen – Adam – den Auf­trag, die Tie­re der Luft und des Lan­des zu be­nen­nen (1. Mose, Kap. 2, Ver­se 19 und 20). Der Auf­trag sug­ge­riert, dass mit dem Be­nen­nen das Rea­le er­reicht wer­den kann, was je­doch un­mög­lich ist. Die Be­nen­nung be­steht dar­in, dass Lalan­gue auf das Ima­gi­nä­re ein­wirkt (11. 3. 1975), also auf das Sicht­ba­re. Die Bak­te­ri­en wer­den nicht be­nannt, da sie nicht sicht­bar sind. Das Rea­le ist das, was aus dem Sym­bo­li­schen aus­ge­sto­ßen wird, was ihm ex-sis­tiert289; die Bak­te­ri­en ge­hö­ren als, be­zo­gen auf den bi­bli­schen Be­nen­nungs­akt, zum Rea­len.]

Der My­thos über den gött­li­chen Auf­trag an den Men­schen, die Tie­re zu be­nen­nen, ist Un­sinn. [Er be­ruht auf dem Traum, das Spre­chen mit an­de­ren We­sen zu tei­len, in die­sem Fal­le mit ei­nem Gott.290] Von die­ser un­sin­ni­gen Vor­stel­lung blei­ben uns noch Spu­ren: man kann sa­gen, dass der Name „Adam“ et­was „an­zeigt“, und „an­zei­gen“ ver­weist auf den Be­griff des In­dex bei Pier­ce. [In­de­xi­ka­li­sche Zei­chen sind, nach Pier­ce, Zei­chen die sich auf den Re­fe­ren­ten be­zie­hen, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: auf das Rea­le. La­can zu­fol­ge schließt die Be­nen­nung das Rea­le aber ge­ra­de aus.] Adam ist, wie der Witz lau­tet, der sich bei Joy­ce fin­det, eine „M’Adam“: er hat die Tie­re in der Spra­che / in lalan­gue von Eva be­nannt [und in die­sem Sin­ne war er eine Ma­dam. Die Be­nen­nung ist se­kun­där, sie setzt vor­aus, dass es be­reits ein Spre­chen gibt, das Spre­chen der Mut­ter, also Lalan­gue. Die Be­nen­nung er­folgt in Lalan­gue, sie ist eine be­stimm­te Ver­wen­dung von Lalan­gue, nicht zum Zweck des Ge­nie­ßens, son­dern zu dem der Be­zeich­nung. Die Fra­ge, die sich da­mit stellt, ist die nach dem Ver­hält­nis zwi­schen zwei For­men des Spre­chens, zwi­schen der Ver­wen­dung von Lalan­gue zum Zweck des Ge­nie­ßens und ih­rer Ver­wen­dung zum Be­nen­nen.] La­can nennt Eva l’Evie, wo­mit er sich der he­bräi­schen Spra­che an­nä­hert, denn l’Evie ent­hält vie, Le­ben, und das he­bräi­sche Wort „Eva“ be­deu­tet „Mut­ter der Le­ben­den“ – falls das He­bräi­sche eine Spra­che ist [?? in­wie­fern könn­te das He­bräi­sche kei­ne Spra­che sein?].

Die Schuld

Eva/l’Evie hat­te die Spra­che / die Zun­ge so­fort, und zwar ziem­lich hän­gend, denn nach­dem Adam die Spra­che an­geb­lich ver­wen­det hat, um die Tie­re zu be­nen­nen, ist sie, Eva, im bi­bli­schen My­thos die ers­te, die die Spra­che ver­wen­det, um mit je­mand an­de­rem zu spre­chen, näm­lich mit der Schlan­ge. [Lalan­gue ist die Spra­che, die zu­nächst von Eva als Mit­tel zum Ge­nie­ßen ver­wen­det wird, dann von Adam zum Be­nen­nen. Jetzt geht es um eine drit­te Ver­wen­dungs­wei­se von Lalan­gue: um die Spra­che als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel (in Se­mi­nar 22 un­ter­schei­det La­can aus­drück­lich das Be­nen­nen von der Kom­mu­ni­ka­ti­on, 11. 3. 1975). Die­se Ak­ti­vi­tät wird von La­can wie­der Eva zu­ge­schrie­ben.] Sie spricht mit der Schlan­ge mit hän­gen­der Zun­ge. [Lalan­gue ist eine Spra­che, die dem Ge­nie­ßen dient.] Die so­ge­nann­te gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich im Ge­schwätz des Sprech­we­sens. [Die gött­li­che Schöp­fung ist eine Schöp­fung durch das gött­li­che Wort, und im Ge­schwätz des Sprech­we­sens wird das ver­dop­pelt.] Durch das Spre­chen macht Eva aus der ser­pent, der Schlan­ge, die ser­re-fes­se, die Arsch­ba­cken­klem­me. [Das heißt wohl: Es geht im Spre­chen der Mut­ter zu­nächst um Anal­er­zie­hung, wo­durch die ana­le ero­ge­ne Zone in­stal­liert wird, der ana­le „Schnitt“, wie die ero­ge­ne Zone im Auf­satz Dia­lek­tik des Sub­jekts und Sub­ver­si­on des Be­geh­rens ge­nannt wird. Die Schlan­ge wäre also zu­nächst der Kot.] Letzt­lich wird die Schlan­ge als Spal­te be­zeich­net oder bes­ser als Phal­lus. [Ers­te Ebe­ne der Be­deu­tung: Die Schlan­ge ist ein klas­si­sches Phal­lus-Sym­bol, aber zu­gleich das Sym­bol der weib­li­chen Spal­te – der Pe­nis steht in der­sel­ben Be­zie­hung zum Phal­lus wie sei­ne Ab­we­sen­heit.291 Zwei­te Ebe­ne der Be­deu­tung: die Schlan­ge führt die Un­ter­schei­dung von Gut und Böse ein, also die Ver­drän­gung und da­mit die Spal­tung des Sub­jekts.] Denn um das faut-pas / den faux-pas zu rea­li­sie­ren, das Darf-nicht / den Feh­ler, braucht es ei­nen Phal­lus. [Das faut-pas ist im My­thos das von Gott ver­häng­te Ver­bot, das Ge­setz; der Faux-pas ist die Über­tre­tung des Ver­bots. Wenn es kein Ge­setz gäbe, gäbe es auch kei­ne Sün­de, sagt Pau­lus; das ist ein The­ma von Se­mi­nar 7 über die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se. Die Ar­ti­ku­la­ti­on des Ge­set­zes, des In­zest­ver­bots, ist die Funk­ti­on des Na­mens-des-Va­ters und mit dem Phal­lus ver­bun­den.] Ein Vor­teil der Schreib­wei­se Sin­t­hom be­steht dar­in, dass sie auf den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Ver­bot und der Schuld ver­weist: der Aus­druck be­ginnt mit „sin“, und das eng­li­sche Wort sin meint „Sün­de“. [Das Sin­t­hom ist, so lässt sich das Wort­spiel be­quem ein­deut­schen, ein „Sünd­tom“, es be­ruht be­ruht auf dem Ver­bot und auf dem Schuld­ge­fühl.]

Das Symptom hört nicht auf, geschrieben zu werden (Notwendigkeit)

Das Sym­ptom be­ruht auf ei­ner Spal­te [auf der Spal­tung zwi­schen dem Be­wuss­ten und dem Un­be­wuss­ten, mit La­can: zwi­schen dem sinn­ori­en­tier­ten Spre­chen (énon­cé) und dem „Spre­chen“ in Ge­stalt des Sym­ptoms (énon­cia­ti­on), ei­nem Spre­chen, des­sen Sinn dem Sub­jekt nicht zu­gäng­lich ist]. Die­se Spal­te hört nicht auf, ge­schrie­ben zu wer­den [sie wie­der­holt sich, das Sym­ptom ist mit der Wie­der­ho­lung ver­bun­den]. Wir ha­ben es also mit ei­ner Not­wen­dig­keit zu tun. [So ist die Not­wen­dig­keit von La­can in Se­mi­nar 20 de­fi­niert wor­den: als das, was nicht auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den.] Die Spal­te hört nicht auf, sich zu ver­grö­ßern. [Viel­leicht im Sin­ne von: Die Ab­wehr ver­stärkt sich, und evtl. ver­schlim­mert sich das Sym­ptom.]

Das Symptom hört auf durch die Kastration (Möglichkeit)

Die­se Not­wen­dig­keit [also die­se Wie­der­ho­lung] hält so lan­ge an, bis die Kas­tra­ti­on sich er­eig­net. Sie hat zur Fol­ge, dass das hart­nä­cki­ge „Ge­schrie­ben­wer­den“ [des Sym­ptoms, der Wie­der­ho­lungs­zwang] auf­hört. Das Auf­hö­ren des „Ge­schrie­ben­wer­dens“ [des Sym­ptoms] durch die Kas­tra­ti­on ent­spricht der Mo­da­li­tät der Mög­lich­keit [denn so war die Mög­lich­keit von La­can in Se­mi­nar 21 de­fi­niert wor­den: dass et­was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, dass ein Wie­der­ho­lungs­zwang zu ei­nem Ende kommt]. [Das Sym­ptom be­ruht auf Kas­tra­ti­ons­angst bzw. Pe­nis­neid und hört des­halb dann auf, wenn die Kas­tra­ti­on ak­zep­tiert wird.] Dass et­was auf­hört, ge­schrie­ben zu wer­den, kommt da­durch zu­stan­de, dass es ge­schrie­ben wird. [Die Wie­der­ho­lung des Sym­ptoms hört dann auf, wenn in ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur et­was „ge­schrie­ben wird“] [??Was meint, dass im Ver­lauf ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­han­dung et­was „ge­schrie­ben“ wird?]

Die Wahrheit kann zu einem Ergebnis des Savoir-faire werden, kann aber nur halbgesagt werden

Der Wech­sel von der Not­wen­dig­keit des Ge­schrie­ben­wer­dens [vom Wie­der­ho­lungs­zwang] zum Auf­hö­ren des Ge­schrie­ben­wer­dens [zur Re­duk­ti­on des Sym­ptoms] wür­de durch ei­nen Dis­kurs er­fol­gen, der nicht über den Schein wäre, wie La­can in Se­mi­nar 18 ge­sagt hat­te [also durch den Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se, der die Nicht-Exis­tenz des (na­tür­li­chen) se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses nicht durch ei­nen Schein ka­schiert – ge­nau dar­in be­stün­de die Kas­tra­ti­on]. Eben dies ist Wahr­heit. [„Wahr­heit“ hier im Ge­gen­satz zum Schein; die Wahr­heit be­steht also dar­in, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt.]

Kann die so ver­stan­de­ne Wahr­heit zu ei­nem Er­geb­nis des sa­voir fai­re wer­den [des kno­wing how, also der psy­cho­ana­ly­ti­schen „Tech­nik“, wie Freud sagt] oder ist das eine Un­mög­lich­keit? Es ist durch­aus mög­lich, dass die Wahr­heit [der Zu­gang dazu, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt] durch ein Know-how her­bei­ge­führt wird [durch die Psy­cho­ana­ly­se als Tech­nik]. Da­bei ist al­ler­dings zu be­rück­sich­ti­gen: Die Wahr­heit kann [vom Psy­cho­ana­ly­ti­ker] nur halb­ge­sagt wer­den [er muss in An­deu­tun­gen zu spre­chen: in Mehr­deu­tig­kei­ten und in Pa­ti­en­ten-Zi­ta­ten.] Die Wahr­heit wird sich in Her­ren­si­gni­fi­kan­ten ver­kör­pern, in S1. [Der Pa­ti­ent wird im Ver­lauf der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur be­stimm­te Schlüs­sel­si­gni­fi­kan­ten iso­lie­ren.] [?? Wor­in be­steht der Zu­sam­men­hang da­zwi­schen, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, und dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten?]

DIE Frau ist ein anderer Name für Gott, sie existiert nicht

Und zwar dort, wo es min­des­tens zwei Si­gni­fi­kan­ten braucht [da­mit ist ver­mut­lich das „Wis­sen“ ge­meint, S2, das Un­be­wuss­te], da­mit DIE Frau er­scheint, die durch den My­thos zu ei­ner Ein­zig­ar­ti­gen ge­mach­te [als ei­ner Form des nicht-ge­spal­te­nen An­de­ren]. [?? In­wie­fern braucht es zwei Si­gni­fi­kan­ten, da­mit DIE Frau er­scheint?] | [14] Für die Po­si­ti­on der All­wis­sen­den ist Eva oder l’Evie bes­tens ge­eig­net, da sie ja vom ver­bo­te­nen Baum ge­ges­sen hat, dem der Wis­sen­schaft [sie hat vom Baum der „Er­kennt­nis“ ge­ges­sen, wie es in der Bi­bel heißt].

L’Evie, die my­thi­sche Eva, ist un­sterb­lich [sie ist eine Si­gni­fi­kan­ten­kon­struk­ti­on, und Si­gni­fi­kan­ten sind un­sterb­lich, sie über­le­ben die sterb­li­chen Men­schen]. Sie ist noch un­sterb­li­cher als So­kra­tes [der von den Lo­gi­kern also zu Un­recht zum Mus­ter­fall des sterb­li­chen Men­schen ge­macht wor­den ist]. DIE Frau ist ein an­de­rer Name Got­tes. [Es geht hier auch um den Un­ter­schied zwi­schen: „die Frau, an die man glaubt“ und „eine Frau, der man glaubt oder auch nicht glaubt“. Die Frau, an die man glaubt, ist ein an­de­rer Name für den nicht-ge­spal­te­nen, nicht-kas­trier­ten An­de­ren, den An­de­ren, der mit ei­ner Wahr­heits­ga­ran­tie aus­ge­stat­tet ist.] Und ge­nau dar­in exis­tiert DIE Frau nicht. [Es gibt kein We­sen der Frau.].

Aristoteles schließt das Singuläre aus seiner Logik aus

Aris­to­te­les war ein ge­wief­ter Lo­gi­ker; das sieht man dar­an, dass er das Sin­gu­lä­re [das sin­gu­lä­re Ur­teil] aus sei­ner Lo­gik aus­schließt. [Sin­glä­re Ur­tei­le sind Ur­tei­le über Ein­zel­nes, z.B. „Die­ser Mensch ist sterb­lich“.– Die Aris­to­te­li­sche Lo­gik be­ruht dem­nach auf ei­nem Aus­schluss.] [Aris­to­te­les schließt Ur­tei­le aus sei­ner Lo­gik aus, die sich auf „nicht alle“ be­zie­hen. In­wie­fern schließt er da­mit das Sin­gu­lä­re aus sei­ner Lo­gik aus?]

Wenn Aris­to­te­les in sei­ner Lo­gik al­ler­dings be­haup­tet, dass So­kra­tes ein Mensch war, dann hat er sich ge­irrt. So­kra­tes ak­zep­tiert zu ster­ben, da­mit die Po­lis lebt [der An­de­re? das Ge­setz? eine kon­kre­te sym­bo­li­sche Ord­nung?], also war er kein Mensch [viel­leicht in­so­fern nicht, als ein Mensch nicht in der sym­bo­li­schen Di­men­si­on auf­geht, er lebt zu­gleich in der ima­gi­nä­ren und der rea­len Di­men­si­on, er ist der „Kno­ten“ die­ser drei Ord­nun­gen].

Sokratesʼ Verhältnis zu Xanthippes Jammern: Alles, nur das nicht = das Symptom

So­kra­tes ist [im Zu­sam­men­hang des Se­mi­nar­the­mas] in­so­fern in­ter­es­sant, als er in den Stun­den vor sei­nem Tod nicht sei­ne Frau spre­chen hö­ren woll­te [wie Pla­ton im Phai­don be­rich­tet: Xan­thip­pe be­such­te So­kra­tes im Ge­fäng­nis und klag­te über sei­nen be­vor­ste­hen­den Tod, So­kra­tes ließ sie dar­auf­hin fort­brin­gen]. Die Be­zie­hung zwi­schen dem Re­den des So­kra­tes und dem von Xan­thip­pe hat die Struk­tur des „nicht al­les“, ge­nau­er des „al­les, nur das nicht“ / „al­les, nur nicht es“.

[„Al­les, nur das nicht“ ist die sym­bo­li­sche Ar­ti­ku­la­ti­on der Ab­wehr im Na­men der To­ta­li­tät, des Ima­gi­nä­ren, des Ichs. Freud sagt, der „Kampf ge­gen die Trieb­re­gung fin­det sei­ne Fort­set­zung in dem Kampf ge­gen das Sym­ptom“, dies sei der „se­kun­däre Ab­wehr­kampf“292 In Se­mi­nar 22 hat­te La­can er­klärt: Für den Mann ist eine Frau ein Sym­ptom; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel. So­kra­tes führt ei­nen Ab­wehr­kampf ge­gen Xan­thip­pe – sie ist sein Sym­ptom. Die To­ta­li­tät der streng ge­re­gel­ten, auf den Sinn be­zo­ge­nen So­kra­ti­schen Dia­lo­ge mit ih­ren Was-ist-Fra­gen be­ruht auf ei­nem Aus­schluss. Das, was aus­ge­schlos­sen wird, ist das Jam­mern sei­ner Ehe­frau, also ein af­fek­ti­ves Spre­chen, ein Spre­chen, dass dem Ge­nie­ßen dient, hier in der Form des Lei­dens. In­so­fern ist Xan­thip­pe in ih­rem Jam­mern So­kra­tesʼ Sym­ptom.] [?? Wo ist So­kra­tes in den For­meln der Se­xu­ie­rung an­zu­sie­deln, auf der männ­li­chen oder auf der weib­li­chen Sei­te? Oder ist er in die­sen For­meln nicht un­ter­zu­brin­gen?]

Das „nicht al­les“ (grie­chisch mē pan­tes) hat La­can in Aris­to­te­les‘ Or­ga­non ge­le­sen; er kann die Stel­le je­doch nicht mehr fin­den. [Sie steht, wie Mil­ler in den An­mer­kun­gen zu sei­ner Se­mi­nare­di­ti­on nach­weist, in der Ers­ten Ana­ly­tik, 1. Buch, 24a, 19, die ge­naue For­mu­lie­rung ist mē pan­ti.] Aris­to­te­les spricht dort über den Ge­gen­satz zwi­schen dem all­ge­mei­nen Ur­teil, das im Grie­chi­schen mit pan­tes be­ginnt, alle [z.B. „Alle Men­schen sind sterb­lich“, und dem ver­nei­nen­den Ur­teil, das mit mē pan­tes be­ginnt, nicht alle, z.B. „Nicht alle Men­schen sind sterb­lich“]. Die­ses ne­gier­te all­ge­mei­ne Ur­teil wird von Aris­to­te­les zu­rück­ge­wie­sen. [Die Zu­rück­wei­sung des ne­gier­ten all­ge­mei­nen Ur­teils ist für La­can of­fen­bar die Ab­leh­nung des sin­gu­lä­ren Ur­teils, von der er vor­her ge­spro­chen hat­te.] [?? War­um iden­ti­fi­ziert La­can das ne­gier­te all­ge­mei­ne Ur­teil mit dem sin­gu­lä­ren Ur­teil?]

Wenn die Frau „alle“ ist [also DIE Frau], be­ruht dies auf der lo­gi­schen Struk­tur des tout, mais pas ça, al­les, nur das nicht / al­les, nur nicht Es [die To­ta­li­tät kon­sti­tu­iert sich durch ei­nen Aus­schluss, durch den Aus­schluss des Es]. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass das Fran­zö­si­sche mais pas (aber nicht) so ähn­lich klingt und so ähn­lich ge­schrie­ben wird wie das Grie­chi­sche mē pas (nicht al­les). Die­ses „al­les, nur das nicht“ / „al­les, nur nicht Es“, das war So­kra­tes‘ Po­si­ti­on. [Die To­ta­li­tät sei­nes Dis­kur­ses – sei­ner spe­zi­el­len Art des Dia­logs – kon­sti­tu­iert sich durch den Aus­schluss des mit dem Ge­nie­ßen ver­bun­de­nen Spre­chens, z.B. des Spre­chens von Xan­thip­pe, das mit Lei­den ver­bun­den ist, mit ei­nem „Ge­nie­ßen“ im Sin­ne von La­can; die To­ta­li­tät des So­kra­ti­schen Dia­logs kon­sti­tu­iert sich durch den Aus­schluss von lalan­gue als Mit­tel des Ge­nie­ßens jen­seits des Lust­prin­zips.]

Das mais pas ça, nur das nicht / nur Es nicht, ent­spricht dem Ti­tel des Se­mi­nars, also dem Sin­t­hom. [Im Sym­ptom bzw. im Sin­t­hom wird das, was durch eine To­ta­li­sie­rung – durch ein „Al­les“ – aus­ge­schlos­sen wird, teil­wei­se rea­li­siert. Das Sym­ptom ist, wie Freud sagt, eine „Er­satz­be­frie­di­gung“ für den ver­dräng­ten Wunsch. In La­cans Be­griff­lich­keit: Das Sym­ptom ist ein Er­satz = eine Me­ta­pher; das Sym­ptom ist zu­gleich eine Form des Ge­nie­ßens.]

Für die In­stanz des Buch­sta­bens [?? was meint das hier?], wie er sich im Au­gen­blick ab­zeich­net, ist nichts Bes­se­res zu er­war­ten [als sol­che Wort­spie­le wie mē pas / mais pas, da man die Wahr­heit nur halb sa­gen kann, d.h. in Äqui­vo­ka­tio­nen]. An­geb­lich wir­kungs­vol­le­re Tech­ni­ken wer­den höchs­tens eine Sym­ptom­ver­schie­bung her­bei­füh­ren oder auch eine Ver­viel­fa­chung des Sym­ptoms. [Die „gan­ze“ Wahr­heit zu sa­gen, wür­de dar­auf hin­aus­lau­fen, ei­nen neu­en Her­ren­si­gni­fi­kan­ten ein­zu­füh­ren, der das Sym­ptom ver­stärkt.]

Joyce (I): die Wahl des Sinthoms

Joyces Wahl: vom Sinthome-madaquin zum SintHome-Rule

Für die ge­gen­wär­ti­ge In­stanz / für das ge­gen­wär­ti­ge Drän­gen also [?? Was meint hier „In­stanz“?] gibt es das sin­t­home madaquin, das Hei­li­ger-Tho­mas-von-Aquin-Sin­t­hom. [La­can macht hier ein Wort­spiel mit „Saint Tho­mas d’Aquin“ (Hei­li­ger Tho­mas von Aquin), „saint hom­me“ (Hei­li­ger) und „sin­t­home“. Das Ver­hält­nis von Joy­ce zum Hei­li­gen Tho­mas ist ein Sin­t­hom. In Joy­ce das Sym­ptom I sagt La­can, dass die Schreib­wei­se sin­t­home auf die Be­zie­hung zum Hei­li­gen ver­wei­sen soll. Im bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten steht der vier­te Ring nicht nur für das Sym­ptom, son­dern auch für die Re­li­gi­on, wie La­can et­was spä­ter in die­ser Sit­zung sa­gen wird. Die Ori­en­tie­rung des jun­gen Joy­ce an Tho­mas von Aquin ist ein Sym­ptom, ge­nau­er: ein Sin­t­hom – es hat mit dem Hei­li­gen zu tun, mit der Re­li­gi­on.] Joy­ce hat sich häu­fig zu Tho­mas von Aquin ge­äu­ßert, für ihn ist Tho­mas ein gro­ßer Phi­lo­soph, und La­can teilt sei­ne Mei­nung. Die Re­zep­ti­on der Tho­mas­schen Äs­the­tik durch Joy­ce ist al­ler­dings pro­ble­ma­tisch, wie Jac­ques Au­bert ge­zeigt hat [in sei­ner 1973 er­schie­ne­nen Ein­füh­rung in die Äs­the­tik von Ja­mes Joy­ce]. Joy­ce be­schäf­tigt die Fra­ge des Schö­nen, und er ori­en­tiert sich hier­bei am Hei­li­gen Tho­mas / an sei­nem Sin­t­hom. Tho­mas zu­fol­ge ist ei­nes der Merk­ma­le des Schö­nen die cla­ri­tas, und Joy­ce über­setzt das mit [ra­dian­ce, also mit] „Glanz“, „Glanz des Seins“; und eben das ist bei Joy­ce ein schwa­cher Punkt [?? Fin­det man die Be­grün­dung in Au­berts Buch?]. Der Glanz des Seins, das ist nichts, was La­can be­rührt, wie er sagt. [Im Se­mi­nar über die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se liest es sich an­ders. La­can spricht hier vom éclat (Leuch­ten, Strah­len, Glanz) von An­ti­go­ne und stützt sich da­bei auf den „Glanz des Seins“, eine For­mu­lie­rung von Hei­deg­ger; vgl. die­sen Blog­bei­trag zu La­cans Be­griff des Zwei­ten To­des.]

An ei­nem be­stimm­ten Punkt [sei­ner Re­zep­ti­on von Tho­mas von Aquin] bringt Joy­ce das Sin­t­hom sei­ner Ver­eh­rung des Hei­li­gen Tho­mas zum Ein­sturz und voll­zieht eine Wen­dung. | [15] Auf den ers­ten Blick sieht sie aus wie eine Ab­wen­dung von der Po­li­tik [vom Kampf um die Be­frei­ung Ir­lands von eng­li­scher Herr­schaft]. Tat­säch­lich aber ist das Sin­t­hom, dass Joy­ce [nach dem Sin­t­hom-madaquin, nach dem Hei­li­gen-Tho­mas-Syn­ptom] her­vor­bringt, ein Sin­t­hom, das man als Sin­t­hom-Rule / Sint-Home-Rule, als Home-Rule-Sin­t­hom be­zeich­nen kann [also als ein Sym­ptom, das mit der Home Rule ver­bun­den ist, mit dem Stre­ben nach na­tio­na­ler Un­ab­hän­gig­keit Ir­lands. Das neue gro­ße The­ma von Joy­ce wird, nach Tho­mas von Aquin, Ir­land sein. Bei Joy­ce gibt es eine Sym­ptom-Ver­schie­bung; er wech­selt von der Re­li­gi­on zur Po­li­tik.] Im Freeman’s Jour­nal [ei­ner na­tio­na­lis­ti­schen iri­schen Zei­tung] wird die Home Rule [die Selbst­be­stim­mung Ir­lands] durch eine Son­ne dar­ge­stellt, die hin­ter der Bank von Ir­land auf­geht, was hei­ßen wür­de, dass sie im Nord­wes­ten auf­geht. [Sie­he das Bild oben in der Satz-für-Satz-Über­set­zung. Im Ulys­ses gibt es eine Pas­sa­ge, in der Bloom sich über die­ses Bild lus­tig macht.] Aber durch das Knir­schen zu die­sem The­ma [durch Joy­ces schar­fe Kri­tik am iri­schen Na­tio­na­lis­mus] darf man sich nicht ir­re­füh­ren las­sen. Joy­ce ent­wi­ckelt also ein Sin­t­hom, das sich auf die Home Rule be­zieht, und die­ses Sin­t­hom, das er zu­sam­men­schmie­det [ein Sym­ptom ist, der Ety­mo­lo­gie nach, et­was Zu­sam­men­ge­füg­tes], ist ein Sin­t­hom, das gut läuft. [Das Ir­land-The­ma ist für sämt­li­che Schrif­ten von Joy­ce ab den Dub­li­ners be­stim­mend. Die­ses Sin­t­hom hat für Joy­ces Pro­duk­ti­vi­tät, son­dern auch für sei­ne psy­chi­sche Sta­bi­li­tät eine ent­schei­den­de Be­deu­tung.]

Na­tür­lich kann man das, wor­um es geht, auch an­ders be­zeich­nen als mit „Sin­T­hom-mas­vo­n­aquin“ und „Sin­t­Home-Rule“. Die bei­den Aus­drü­cke sol­len zei­gen, dass Joy­ce sei­ne Kunst in zwei Rich­tun­gen ver­fol­gen konn­te und dass bei­de ein Sin­t­hom dar­stell­ten. [Joy­ce stand vor ei­ner Wahl, er konn­te sein Schrei­ben auf Tho­mas von Aquin stüt­zen und auf die Po­li­tik, die Home Rule.] Bei­de For­men des Sin­t­homs be­tra­fen ihn, und Joy­ce wähl­te die „Sin­t­Home-Rule“ [er wähl­te Ir­land, also die Po­li­tik]. Durch die­se Wahl de­fi­nier­te er sich als Hä­re­ti­ker, wie La­can, denn das grie­chi­sche Wort hai­re­sis, von dem sich „Hä­re­sie“ her­lei­tet, meint „Wahl“. [Die Hä­re­sie steht im Ge­gen­satz zur Or­tho­do­xie – hier: zur Tho­mis­ti­schen Or­tho­do­xie. Wor­in be­steht die Wahl von La­can? Viel­leicht dar­in, dass er von der Ori­en­tie­rung an der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on der Freud­schü­ler dazu wech­sel­te, dass Freud für ihn zur Au­to­ri­tät wur­de.] [Die Cha­rak­te­ri­sie­rung des Künst­lers durch die Wahl, die er trifft, fin­det sich auch bei Sart­re, etwa in des­sen Stu­die über Bau­de­lai­re; hier ver­wen­det Sart­re den Be­griff der „Ur­wahl“. Mög­li­cher­wei­se ori­en­tiert sich La­can bei sei­ner Joy­ce-Deu­tung an Sar­tres Schrift­stel­ler­ana­ly­sen.] [?? In­wie­fern war La­can ein Hä­re­ti­ker? Wel­che Wahl hat er ge­trof­fen?] Man muss den Weg wäh­len, auf dem man die Wahr­heit an­geht. [Das Sin­t­hom, so er­fährt man auf die­se Wei­se ne­ben­bei, ist ein Weg, auf dem man die Wahr­heit an­geht, ein Weg, auf dem man ei­nen Be­zug zum Ver­dräng­ten her­stellt.] Man kann die Wahl aber über­prü­fen; wenn man die Na­tur des Sin­t­homs ein­mal er­kannt hat, kann man es auf lo­gi­sche Wei­se an­ge­hen, dies ist das rich­ti­ge Vor­ge­hen – mit den Mit­teln der Lo­gik kommt man bis an das Rea­le. [Der lo­gi­sche Um­gang mit dem Sin­t­hom steht im Ge­gen­satz zur Sinn­deu­tung, zur Auf­de­ckung der ver­bor­ge­nen Wahr­heit. Das Rea­le ist das lo­gisch Un­mög­li­che; ei­nen Zu­gang zum Rea­len – und da­mit zur Be­zie­hung des Sin­t­homs zum Ge­nie­ßen – hat man des­halb auf dem Weg über eine Lo­gik der Un­ent­scheid­bar­keit, eine Lo­gik des aus­ge­schlos­se­nen Drit­ten.– Viel­leicht ist mit­ge­meint, dass für La­can die Lo­gik die Funk­ti­on hat, sein Sym­ptom zu über­prü­fen, sei­ne Bin­dung an Freud.]

Joyces Vater: versoffen und faul

Joy­ce traf sei­ne Wahl blind, denn er be­gann un­ter den schlech­tes­ten Vor­aus­set­zun­gen. Dazu ge­hör­te, dass er in [dem ar­men und un­ter eng­li­scher Herr­schaft ste­hen­den] Dub­lin ge­bo­ren wur­de und dass er ei­nen Va­ter hat­te, der, ja was war? Hier gibt es ein Tran­skrip­ti­ons­pro­blem. Der fé­ni­an oder feignant oder faitnéant war, was al­les gleich aus­ge­spro­chen wird. Der Va­ter war féni­an: ein An­hän­ger der Fe­ni­er, ein iri­scher Na­tio­na­list. Der Va­ter war feignant: faul bzw. er war fai­néant, was eben­falls „faul“ heißt. [?? Was ist ge­meint: faul oder Fe­ni­er oder bei­des?] Die­ser Va­ter war au­ßer­dem soû­lo­gra­phe, ver­sof­fen [der Aus­druck stellt eine Be­zie­hung zum Schrei­ben her, die von La­can nicht er­läu­tert wird. Mit sei­nem Sym­ptom­wech­sel, sei­ner Wahl, ant­wor­tet Joy­ce also auf eine Stö­rung in der Rea­li­sie­rung der Va­ter­funk­ti­on.]

Joyces Kunst: ein Ersatz für seinen „schlappen Schwanz“

So stellt sich das für alle dar, wenn man Sohn von zwei Fa­mi­li­en ist [was heißt das?], wenn man glaubt, ein männ­li­ches We­sen zu sein, weil man ein klei­nes Stück Schwanz hat. Na­tür­lich braucht man mehr. [Die Schwä­che der Va­ter­funk­ti­on hat­te Fol­gen:] Joy­ce hat­te ei­nen „schlap­pen Schwanz“. [Die Über­tra­gung des männ­li­chen Sym­bols vom Va­ter auf den Sohn hat­te bei ihm nur un­ge­nü­gend statt­ge­fun­den. La­can kommt da­mit auf das The­ma zu­rück, das er frü­her in die­ser Sit­zung an­ge­spro­chen hat­te: dass es ei­nen Phal­lus braucht, um das faut-pas zu sa­gen, das Ver­bot aus­zu­spre­chen und da­mit den Feh­ler, die Sün­de, den faux-pas ein­zu­füh­ren (s.o., S. 4).] Sei­ne Kunst leis­te­te hier­für Er­satz.

Der Phal­lus ist eben dies: eine Mon­ta­ge aus dem männ­li­chen Or­gan – das eine Art Pa­ra­sit ist [ein pa­ra­si­tä­res, fremd­ar­ti­ges Ge­nie­ßen] – und der Funk­ti­on des Spre­chens. [Im Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten ver­bin­det sich das Sym­bo­li­sche mit dem Rea­len, das Wort mit dem Fleisch; dies er­mög­licht es dem Sub­jekt, den Ge­set­zen des Sym­bo­li­schen zu fol­gen.293]

Die Kunst fun­gier­te bei Joy­ce als Bür­ge für sei­nen Phal­lus [als Er­satz, der für den feh­len­den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten ein­springt]. Ab­ge­se­hen da­von war Joy­ce ein ar­mer Tropf (hère) / ein ar­mer Erbe / ein ar­mer Herr*, ja, ein ar­mer Hä­re­ti­ker. [Ich neh­me an, dass ge­meint ist: Herr-eti­ker zu sein, war sei­ne Art, ein Herr zu sein, d.h. sich im Her­ren­dis­kurs als Herr zu ver­or­ten. Vgl. die For­mel des Her­ren­dis­kur­ses:Diskurs des Herrn ]

Das Genießen der Joycianer an der Universität

Nur an der Uni­ver­si­tät gibt es Joy­cia­ner, die sei­ne Hä­re­sie ge­nie­ßen [ich neh­me an: sie sind die Knech­te, S2, die im Joy­ce­schen Her­ren­dis­kurs das Ob­jekt a er­zeu­gen, das a am Platz un­ten rechts, die Mehr­lust]. | [16] Er hat ge­wollt, dass die Uni­ver­si­täts­men­schen sich an ihm ab­ar­bei­ten, und das Ver­blüf­fen­de ist, dass ihm das ge­lun­gen ist und dass das noch an­hal­ten wird. [Mil­ler deu­tet die Stel­le so, dass die Uni­ver­si­täts­leu­te Joy­ce deu­ten, dass La­can dar­in aber, im Ver­hält­nis zu Joy­ce, nicht die Auf­ga­be der Psy­cho­ana­ly­se sieht, die­se kön­ne bei ihm ein­zig den Be­zug zum Ge­nie­ßen er­fas­sen. Al­ler­dings gilt dies nur für Fin­ne­gans Wake, wie Mil­ler ein­schrän­kend hin­zu­fügt.294]

Joyce: ein Herr*, der sich als Held begriff, als Der Künstler

Joy­ce war ein Herr* (La­can ver­wen­det an die­ser Stel­le das deut­sche Wort). Die­ser Herr hat sich als Held be­grif­fen, wie der Ti­tel sei­nes ers­ten [au­to­bio­gra­phi­schen] Ro­mans aus­weist: Ste­phen Hero, Ste­phen der Held. Er de­fi­niert sich als „der“ Künst­ler, als Künst­ler schlecht­hin. Sein zwei­ter [eben­falls au­to­bio­gra­phi­scher] Ro­man, der auf Ste­phen der Held auf­baut, heißt Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann; hier­bei ist das Wort „des“ zu be­to­nen; Joy­ce ist, in sei­ner ei­ge­nen Sicht, „der“ ein­zig­ar­ti­ge Künst­ler. La­can emp­fiehlt hier­zu die Lek­tü­re der von Ches­ter G. An­der­son her­aus­ge­ge­be­nen Edi­ti­on von A por­trait of the ar­tist, dar­in vor al­lem die Bei­trä­ge von Mau­rice Bee­be und Hugh Ken­ner. In die­ser Funk­ti­on, als „der“ Künst­ler, wird Joy­ce le­gi­ti­me Nach­ei­fe­rer fin­den. [Ge­nau in­so­fern, als Joy­ce sich als ein­zig­ar­tig be­greift, wird er pa­ra­do­xer­wei­se Nach­ah­mer fin­den.]

[17] A por­trait of the ar­tist as a young man – in die­sem Ti­tel muss man nicht nur das „the“ her­vor­he­ben, son­dern auch das „as“. Im Fran­zö­si­schen heißt „as“ com­me, „als“, und von com­me ist es nicht weit zu com­ment, „wie“. Com­ment be­ruht auf der Ver­bin­dung von com­me und ment, com­me-ment; das ment kann man auch mit „lügt“ über­set­zen, was dann heißt: das „als“ bzw. das „wie“ hat et­was Lüg­ne­ri­sches. Beim Deu­ten muss man auf das Lüg­ne­ri­sche des com­ment, des „wie“, acht ge­ben. [Das meint viel­leicht: Wie-Ver­glei­che – „ich bin wie X“ – sind iden­ti­fi­zie­rend, und ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker soll­te sich da­vor hü­ten, sol­che Iden­ti­fi­zie­run­gen zu ver­stär­ken.– La­can deu­tet hier den Ro­man­ti­tel als Ef­fekt ei­ner Ver­schie­bung im Sin­ne von Freud, ei­ner Ak­zent­ver­schie­bung, die dazu führt, dass die un­be­ton­ten Ele­men­te, näm­lich „the“ und „as“, die ent­schei­den­de Be­deu­tung tra­gen.] Das Fran­zö­si­sche ist, was das com­me be­trifft, also das „wie“, auf­schluss­reich. Wenn ein Aus­druck als Ad­verb ver­wen­det wird, hängt man hier -ment an, man sagt also com­ment, so wie man réel­le­ment sagt, real, auf rea­le Wei­se, oder hé­roi­que­ment, he­ro­isch, auf he­roi­sche Wei­se, oder men­ta­le­ment [La­can be­zieht sich auf den Hel­den und spielt da­mit auf Ste­phen Hero an, den Ro­man von Joy­ce, ei­nen Ti­tel, über den der be­reits ge­spro­chen hat. Das Men­ta­le ist für ihn das Ima­gi­nä­re.] Nun be­deu­tet ment aber auch „lügt“. [Das He­roi­sche ist eine Lüge, d.h. ima­gi­när, das Men­ta­le eben­falls.] Com­ment gibt also ei­nen Hin­weis dar­auf, dass man mit dem „wie“ lügt: com­me-ment. Je­des Ad­verb ver­weist auf eine Lüge. Wenn Psy­cho­ana­ly­ti­ker in­ter­pre­tie­ren, müs­sen sie dar­auf acht­ge­ben. [Das heißt viel­leicht: Ana­ly­ti­ker soll­ten sich hü­ten, die Wie-Iden­ti­fi­zie­run­gen zu ver­stär­ken, also Iden­ti­fi­zie­run­gen vom Typ „Ich bin wie mei­ne Mut­ter“.]

Gegen das Symptom gibt es nur eine Waffe: die Äquivokation

War­um gibt es im Fran­zö­si­schen für „Spra­che“ und „Zun­ge“ das­sel­be Wort, näm­lich lan­gue? [La­can hat­te sich die­ser Dop­pel­deu­tig­keit be­reits zu Be­ginn die­ser Sit­zung be­dient: „l’Evie l’avait tout de sui­te, et bien pen­due cet­te lan­gue“, 18.11.1975, Teil I, Sta­fer­la S. 5.] La­can macht hier ein un­über­setz­ba­res Wort­spiel: Ce qu’on dit ment / ce con­di­ment: Was man sagt, lügt / die­ses Ge­würz. [War­um die­se Wort­spie­le?] Letzt­lich hat man ge­gen das Sym­ptom nur eine Waf­fe: die Äqui­vo­ka­ti­on, die Mehr­deu­tig­keit. [Die Ana­ly­se geht zwar vom Sinn aus, ar­bei­tet aber mit der Äqui­vo­ka­ti­on, die kein Sinn ist.] Wenn Ana­ly­ti­ker bei ihm in ei­ner Kon­trollana­ly­se sind, ver­sucht er, ih­nen eben dies bei­zu­brin­gen – al­ler­dings erst in ei­ner zwei­ten Pha­se, in der ers­ten gibt er ih­nen im­mer recht. Wie die Nas­hör­ner [von Io­nes­co] ha­ben Sie tat­säch­lich im­mer recht / im­mer ei­nen Grund [rai­son; sie ge­hen ra­tio­na­lis­tisch vor, sie blei­ben in der Ord­nung des Sinns]. Sie müs­sen ler­nen, mit der Äqui­vo­ka­ti­on zu spie­len, um das Sin­t­hom zu re­du­zie­ren – die Deu­tung wirkt ein­zig und al­lein durch die Mehr­deu­tig­keit. [Dies ist das „Halb­sa­gen“ der Wahr­heit, von der La­can in die­ser Sit­zung be­reits ge­spro­chen hat­te.] [Ist die mehr­deu­ti­ge Rede, die Äqui­vo­ka­ti­on, das lo­gi­sche Vor­ge­hen im Um­gang mit dem Sym­ptom, das La­can in die­ser Sit­zung emp­fiehlt?]

Resonanz der Stimme als Objekt a, Konkurrenz des Blicks

Es muss im Si­gni­fi­kan­ten et­was ge­ben, was Re­so­nanz gibt [ré­so­nan­ce statt rai­son]. Den eng­li­schen Phi­lo­so­phen [?? wer ist ge­meint?] scheint das nicht auf­ge­fal­len zu sein. Sie sind da­von über­zeugt, dass das Spre­chen kei­ne Wir­kun­gen hat. Sie ir­ren sich. Sie be­grei­fen nicht, dass die Trie­be eine Echo im Kör­per sind, ein Echo der Tat­sa­che, dass es ein Sa­gen gibt. [Es gibt also eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len – in Freuds Spra­che: den Er­re­gun­gen, mit La­can: dem Ge­nie­ßen.] Aber da­mit das Sa­gen Re­so­nanz er­zeugt, da­mit es Kon­so­nanz gibt – um ei­nen wei­te­ren Be­griff des Hei­li­gen Tho­mas zu ver­wen­den, des Sin­t­hom-madaquin –, muss der Kör­per da­für emp­fäng­lich sein. [Con­so­nan­tia, Zu­sam­men­klang, ist für Tho­mas ei­nes der drei Merk­ma­le des Schö­nen.] Und dass der Kör­per für das Sa­gen emp­fäng­lich ist [dass sich durch eine be­stimm­te Wei­se des Spre­chens die Er­re­gungs­ab­läu­fe ver­än­dert kön­nen], ist eine Tat­sa­che. [Das Sym­ptom re­du­ziert sich also nicht dar­auf, eine Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten zu sein, eine Me­ta­pher. Beim Sym­ptom kommt der Kör­per als Ort von Er­re­gun­gen ins Spiel, das „Ge­nie­ßen“, der Trieb; man muss also das be­rück­sich­ti­gen, was Freud als Li­bi­do be­zeich­net, den „öko­no­mi­schen Ge­sichts­punkt“, wie Freud sagt, auch wenn Freuds En­er­gie­be­griff nicht halt­bar ist. Die an­fäng­li­che Ein­wir­kung des Sa­gens auf den Kör­per hat trau­ma­ti­schen Cha­rak­ter, das ist La­cans Fun­da­men­tal­theo­rem, sie führt dazu, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt; das Sym­ptom ist die Fol­ge, der Wie­der­hall die­ser trau­ma­ti­schen Ein­wir­kung des Sa­gens auf den Kör­per.]

Das, was im Kör­per [auf das Sa­gen] ant­wor­tet, ist die Stim­me [die Stim­me im Sin­ne des Ob­jekts a, wie La­can es de­fi­niert hat, als ein Bün­del von Er­re­gun­gen, die einen Fremd­kör­per bil­den, eine Art Er­in­ne­rung an ein auf im­mer ver­lo­re­nes Ge­nie­ßen; um die­sen Ge­nuss-Rest kreist die Wie­der­ho­lung]. Die Stim­me ant­wor­tet des­halb, weil die wich­tigs­te Kör­per­öff­nung das Ohr ist; das Ohr ist des­halb so wich­tig, weil es, an­ders als der Mund, nicht ver­schlos­sen wer­den kann. [Zu Be­ginn die­ser Sit­zung hat­te La­can von ei­ner wei­te­ren Kör­per­öff­nung ge­spro­chen, die ver­schlos­sen wer­den kann, der ser­re-fes­se, der „Arsch­ba­cken­klem­me“, Sta­fer­la S. 5.– Was im Kör­per auf das Sa­gen Re­so­nanz gibt – was also zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len eine Be­zie­hung her­stellt –, ist dem­nach die Stim­me als Ob­jekt a.]

Die Stim­me ist zwar das do­mi­nie­ren­de Ob­jekt a, | [18] aber der Blick als Ob­jekt a macht ihr Kon­kur­renz. [Der Blick stört die Wirk­sam­keit des Spre­chens. La­can knüpft hier an sei­ne Leh­re an, dass das Ima­gi­nä­re die Wirk­sam­keit des Sym­bo­li­schen blo­ckiert, eine The­se, die er seit dem Rom-Vor­trag und seit den ers­ten Se­mi­na­ren ent­wi­ckelt hat­te. An die Stel­le des Sym­bo­li­schen tritt hier die Wirk­sam­keit der Stim­me, an die des Ima­gi­nä­ren der Blick.– Man den­ke an das psy­cho­ana­ly­ti­sche Set­ting: die Ana­ly­ti­ke­rin sitzt hin­ter dem Pa­ti­en­ten, um die Wirk­sam­keit des Blicks zu schwä­chen und die der Stim­me zu stär­ken.] [?? Wor­in be­steht die Be­zie­hung zwi­schen dem Blick als Ob­jekt a und dem Kör­per­bild?]

[Vom Blick als Ob­jekt a geht La­can über zum Kör­per­bild, also zum Ima­gi­nä­ren, zum Nar­ziss­mus, zum Ideal­ich i(a).] Das In­di­vi­du­um prä­sen­tiert sich als Kör­per. Dies ist die Form, die Pla­ton so teu­er ist. [Pla­tons Idee (grie­chisch ei­dos) heißt im La­tei­ni­schen for­ma. Die Ori­en­tie­rung am Kör­per­bild ist auch die Grund­la­ge der tra­di­tio­nel­len, also der eu­kli­di­schen Geo­me­trie.]More geo­me­tri­co“ [auf geo­me­tri­sche Wei­se: dies ist die Ord­nung des Ima­gi­nä­ren.] Der Kör­per hat eine fes­seln­de Kraft, so­dass, un­ter die­sem Ge­sichts­punkt, die Blin­den zu be­nei­den sind. [Mit den bor­ro­mäi­schen Kno­ten ver­sucht La­can, sich der Fes­se­lung durch das Kör­per­bild ein Stück weit zu ent­zie­hen.] Wenn man Braille liest, kann man nicht Eu­klid le­sen. Der Kör­per lie­fert nur den Sack [die Ober­flä­che], die Bla­se. Beim Zwangs­neu­ro­ti­ker ist die Ori­en­tie­rung am Kör­per­bild [also der Nar­ziss­mus] be­son­ders stark aus­ge­prägt. Er will sich auf­bla­sen, wie der Frosch [in der Fa­bel von La­fon­tai­ne], der so groß sein woll­te wie ein Och­se, und man weiß, wie das aus­ging [der Frosch platz­te]. Es ist sehr schwie­rig, den Zwangs­neu­ro­ti­ker der Fes­se­lung durch den Blick zu ent­rei­ßen. [In Se­mi­nar 11 hat­te La­can die Be­zie­hung zwi­schen dem Blick und dem Schirm ent­wi­ckelt: auf den ge­frä­ßi­gen Blick ant­wor­tet das Sub­jekt mit ei­nem Schirm, so dass sein Man­gel im Ta­bleau nicht ge­se­hen wird. Wenn der Zwangs­neu­ro­ti­ker sich auf­bla­sen will, geht es, in an­de­rer Ter­mi­no­lo­gie, um den Schirm.]

0, 1, 2, 3

Die Menge als Sack zwischen Null und Eins; S1

In der Men­gen­leh­re wird die Men­ge durch ei­nen Sack ver­an­schau­licht, also durch das Ima­gi­nä­re. [Die Men­ge wird ge­wöhn­lich zwei­di­men­sio­nal durch eine Um­riss­li­nie dar­ge­stellt; drei­di­men­sio­nal ist das ein Sack. Der Sack wie­der­um be­ruht auf dem Kör­per­bild, auf dem mensch­li­chen Kör­per, so­fern die­ser auf sei­ne Ober­flä­che re­du­ziert wird, auf die Haut (peau). In­so­fern die­ser Haut­sack als Be­häl­ter fun­giert, ist er ein Topf (pot). Die Men­ge be­zieht sich auf das Kör­per­bild. Die Men­gen­leh­re, die der Ma­the­ma­tik als Grund­la­ge dient, hat dem­nach ei­nen ima­gi­nä­ren As­pekt.]

[Aus­ge­hend von der lee­ren Men­ge – vom lee­ren Sack – ver­sucht La­can jetzt, die Zah­len von Null bis Drei zu re­kon­stru­ie­ren, be­gin­nend mit Null und Eins.] Der Sack, die lee­re Men­ge, ist mehr­deu­tig: er ist Null [„Null­men­ge“, wie man auch sagt] und er ist Eins [wo­bei die Eins sich hier auf die Funk­ti­on des Zu­sam­men­fas­sens be­zieht, nicht auf das Zäh­len]. Hier­für muss der Be­weis als das in ihm ent­hal­te­ne Ima­gi­nä­re be­wei­send auf­ge­fasst wer­den. [Je­der Be­weis stützt sich auf et­was Ima­gi­nä­res, er ist nicht nur dis­kur­siv, son­dern auch an­schau­lich, in­tui­tiv.]

[In wel­cher Ver­bin­dung steht das zur Psy­cho­ana­ly­se? Um die­se Fra­ge zu be­ant­wor­ten, be­zieht La­can sich auf die von ihm ent­wi­ckel­ten Sym­bo­le S1 und S2. Ab Se­mi­nar 17 wird S2 als „Wis­sen“ be­zeich­net, im Sin­ne von: die von Freud ent­deck­te Form des Wis­sens.[12. Vgl. etwa Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 36.]] Auf die Eins be­zieht sich La­cans Sym­bol S1, zu le­sen als „S In­dex 1“. Da­mit ist nicht ge­meint, dass das Sym­bol S1 die Eins ist. Ge­meint ist viel­mehr, dass sich das Sym­bol S1 auf die Eins be­zieht, in­so­fern die Eins hier ja die In­dex­zahl ist. Das Sym­bol S1 be­zieht sich auf die Eins in ei­ner be­stimm­ten Funk­ti­on der Eins, auf die Eins der lee­ren Men­ge, des lee­ren Sacks [auf die zu­sam­men­fas­sen­de Eins, ab­ge­löst von dem, was durch ihn zu­sam­men­ge­fasst wird]. [„S ist dem­nach ein Si­gni­fi­kant, der sich auf die Funk­ti­on des Zu­sam­men­fas­sens be­zieht, auf das Er­zeu­gen ei­nes „Alle“.]

Der lee­re Sack – der Haut­sack, der Kör­per­topf, die lee­re Men­ge, die Eins in der Funk­ti­on des Zu­sam­men­fas­sens – kann durch die Ka­te­go­ri­en der Ex-sis­tenz und der Kon­sis­tenz nä­her be­stimmt wer­den [also durch Be­grif­fe, mit de­nen La­can in Se­mi­nar 22 den bor­ro­mäi­schen Kno­ten be­schrie­ben hat­te. Der Sack ist dem, was in ihm ent­hal­ten ist, äu­ßer­lich, und er hält es zu­sam­men; dies ist sei­ne Ex-sis­tenz]. Die Kon­sis­tenz be­steht im Zu­sam­men­hal­ten, der Kör­per hat Kon­sis­tenz, in­so­fern er Haut (peau) ist (in sich zu­sam­men­hält) / in­so­fern er Topf (pot) ist (das in ihm Ent­hal­te­ne zu­sam­men­hält). Man muss die­se Ex-sis­tenz und die­se Kon­sis­tenz für real hal­ten, denn das Rea­le be­steht dar­in, sie zu­sam­men­zu­hal­ten Hier­auf ver­weist der deut­sche Aus­druck „Be­griff“. [„Be­griff“ kommt von „Grei­fen“, be­zieht sich also ety­mo­lo­gisch auf das Grei­fen der Hand und da­mit auf das „Zu­sam­men-Fas­sen“. Mög­li­cher­wei­se spielt La­can hier dar­auf an, dass Can­tor die Men­ge ur­sprüng­lich als „In­be­griff“ be­zeich­net hat­te.]

Zwei und S2 und die Spaltung des Subjekts

[Nach­dem die Null und die Eins an­deu­tungs­wei­se men­gen­theo­re­tisch re­kon­stru­iert wor­den sind, geht es jetzt um die Zwei.] Es gibt hier eine Ho­mo­ge­ni­tät des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len. [Die­se Ho­mo­ge­ni­tät wird vom bor­ro­mäi­schen Kno­ten be­haup­tet, in dem die Rin­ge ja struk­tur­gleich sind.] Die­se Ho­mo­ge­ni­tät hängt vom Fak­tum der Zahl ab, in­so­fern sie bi­när ist. [?? In­wie­fern?]

Der Über­gang zur Zwei wird da­durch mög­lich, dass man [die Am­bi­gui­tät von Null und Eins auf­gibt und] fest­legt, dass Null un­gleich Eins ist, dass die Null sich ih­rem We­sen nach auf die Eins als auf et­was be­zieht, was ihr äu­ßer­lich ist und sie zu­gleich fun­diert, was ihr „ex-sis­tiert“ [und um­ge­kehrt].

Zu­gleich legt man fest, dass es zwi­schen Null und Eins kei­ne Kon­sis­tenz gibt. [Null und Eins hal­ten nicht zu­sam­men. Sie bil­den nicht von sich aus be­reits eine Men­ge. La­can spielt hier viel­leicht auch auf die The­se an, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, was man auch so aus­drü­cken könn­te: zwi­schen den bei­den gibt es kei­ne Kon­sis­tenz, kei­nen (na­tür­li­chen) Zu­sam­men­halt.] Can­tors Theo­rie muss vom Paar aus­ge­hen [von der lee­ren Men­ge, also ∅, und vom Ele­ment, 1]; zwi­schen der ers­ten Men­ge [der lee­ren Men­ge, also ∅] und dem an­de­ren Ele­ment [der 1] stellt sich die Ver­bin­dung nicht [von selbst] her. Da­mit bei­de zu­sam­men eine Men­ge bil­den, muss et­was Drit­tes hin­zu­kom­men, näm­lich die [sie zu­sam­men­fas­sen­de] Men­ge [die durch das Sym­bol der ge­schweif­ten Klam­mer dar­ge­stellt wird {}; zu­sam­men er­gibt das {1, ∅}].

Das Sym­bol S2 setzt auf das Ima­gi­nä­re eins drauf. [Das Sym­bol S2 be­ruht auf dem Ima­gi­nä­ren, in­so­fern näm­lich, als die Zwei sich, wie meist bei La­can, auf die ima­gi­nä­re Ri­va­li­tät be­zieht.] Das Sym­bol S2, zu le­sen als „S In­dex 2“, ver­weist mit der 2 dar­auf, dass es ein Paar ist. [S2 steht be­reits in Se­mi­nar 16, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, für ein Si­gni­fi­kan­ten­paar.] Mit die­sem Hin­weis auf das Si­gni­fi­kan­ten­paar führt S2 in das Sub­jekt die Tei­lung ein. [In­so­fern näm­lich, als der eine der bei­den Si­gni­fi­kan­ten ver­drängt und da­mit zum Si­gni­fi­kat wird; der an­de­re wird zum ma­ni­fes­ten Si­gni­fi­kan­ten, in dem, mit Freud zu spre­chen, das Ver­dräng­te wie­der­kehrt]

Die Spal­tung wird in das Sub­jekt durch den Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on) ein­ge­führt. [Die Spal­tung des Sub­jekts be­steht in der Spal­tung zwi­schen dem Aus­ge­sag­ten (énon­cé) und dem Äu­ße­rungs­vor­gang (énon­cia­ti­on). Das Aus­ge­sag­te ist das sinn­haf­te Spre­chen. Der Äu­ße­rungs­vor­gang be­steht in der Pro­duk­ti­on von Sym­pto­men: dar­in, dass Si­gni­fi­kan­ten auf­tau­chen, de­ren Sinn dem Sub­jekt ver­bor­gen ist, etwa eine Zwangs­hand­lung. Der Äu­ße­rungs­vor­gang be­steht also aus zwei Si­gni­fi­kan­ten: dem ma­ni­fes­ten Si­gni­fi­kan­ten und den un­zu­gäng­li­chen Si­gni­fi­kan­ten, dem Sinn.] 

Das Rät­sel des Äu­ße­rungs­vor­gangs ist ein Fak­tum | [19] so­gar der Gip­fel ei­nes Fak­t­ums. [Dass das Sub­jekt Si­gni­fi­kan­ten pro­du­ziert, de­ren Sinn ihm ver­schlos­sen ist, ist die letz­te Tat­sa­che, auf der die Psy­cho­ana­ly­se auf­baut.] Für den Äu­ße­rungs­vor­gang ist cha­rak­te­ris­tisch, dass die Si­gni­fi­kan­ten mehr­deu­tig sind und dass sie in Äqui­va­lenz­be­zie­hun­gen ste­hen. [Die Si­gni­fi­kan­ten des Äu­ße­rungs­vor­gangs sind mehr­deu­tig: „über­de­ter­mi­niert“, sagt Freud. Sie ste­hen in Äqui­va­lenz­be­zie­hun­gen, mit Freud: es gibt hier „sym­bo­li­sche Glei­chun­gen“295]. Der Äu­ße­rungs­vor­gang [die Pro­duk­ti­on von Sym­pto­men] bil­det für das [im sinn­ori­en­tier­ten Spre­chen] Ge­sag­te eine Gren­ze. [Der Ver­such, das Spre­chen durch den Sinn zu be­herr­schen, stößt hier auf sei­ne Gren­ze.]

Der Be­griff des Sym­bols wird be­kannt­lich auf das sym­bo­lon zu­rück­ge­führt, ein Er­ken­nungs­zei­chen, das aus zwei zer­bro­che­nen Stü­cken be­steht. Dies ha­ben die Men­schen zu al­ler Zeit ge­se­hen. Das sym­bo­lon ist ein gu­tes Mo­dell für das Ver­hält­nis von Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat, es zeigt, dass das Si­gni­fi­kat nichts an­de­res ist als eben­falls ein Si­gni­fi­kant, dass es also kein ur­sprüng­li­ches Si­gni­fi­kat gibt. [Das Si­gni­fi­kat ist im Feld der Psy­cho­ana­ly­se ein Si­gni­fi­kant, der ver­drängt ist und der so zu ei­nem ge­such­ten aber un­zu­gäng­li­chen Sinn wird. Bei der Re­kon­struk­ti­on des Sym­bol­be­griffs muss man also von zwei Si­gni­fi­kan­ten aus­ge­hen, vom Si­gni­fi­kan­ten­paar, von S2.] Die­se Poin­te des sym­bo­lon-Be­griffs ist je­doch nie ge­se­hen wor­den.

Drei

Wie aber kommt ei­ner der Si­gni­fi­kan­ten in die Po­si­ti­on des Si­gni­fi­kats [der ver­dräng­ten Be­deu­tung]? Dies be­ruht [ge­wis­ser­ma­ßen] auf ei­nem Schieds­spruch (ar­bi­tra­ge), dem Spruch ei­nes Schieds­rich­ters, auf eng­lisch: ei­nes um­pi­re. [Man muss, ne­ben dem Si­gni­fi­kan­ten­paar, ein drit­tes Ele­ment ins Spiel brin­gen, um die Ent­ste­hung des Si­gni­fi­kats aus dem Si­gni­fi­kan­ten zu er­klä­ren. In Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten ist die­ses drit­te Ele­ment die Bar­re, der „Bruch­strich“ zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten (oben) und dem Si­gni­fi­kat (un­ten) (vgl. in die­sem Blog den Ar­ti­kel „Der Be­griff des Si­gni­fi­kan­ten“). Mit der Be­zeich­nung als „Schieds­spruch“ wird an­ge­deu­tet, dass hier ein so­zia­les Ge­setz ins Spiel kommt, ein Kom­man­do, mit Freud: eine Zen­sur, mit La­can: das Ichi­de­al.] Es kommt hier also ein Schieds­spruch ins Spiel, eine ar­bi­tra­ge, das heißt aber kei­nes­wegs, dass die Wahl des­sen, was zum Si­gni­fi­kat wird [was ver­drängt wird] will­kür­lich wäre, ar­bi­trär. [Was ver­drängt wird, be­zieht sich auf die Se­xua­li­tät, sagt Freud, ist also kei­nes­wegs be­lie­big.] Grund­la­ge die­ses Schieds­spruchs [also des Ver­drän­gungs­vor­gangs] ist die Kör­per­be­herr­schung, das em­pi­re – wie Joy­ce schreibt – über den Kör­per, das Im­pe­ri­um über den Kör­per [also die ima­gi­nä­re Funk­ti­on des Kör­pers, da­mit die Eins im Sin­ne der lee­ren Men­ge]. [Das ver­drän­gen­de Ichi­de­al steht im Ver­bin­dung zum Ideal­ich, zum Kör­per­bild.] Al­les, was ver­drängt ist, trägt das Zei­chen die­ser Be­zie­hung zum Kör­per. Das zeigt bei­spiels­wei­se das Ord­al, das Got­tes­ur­teil: das Ur­teil stützt sich im­mer auf die Kör­per­be­herr­schung. [Bei ei­nem Got­tes­ur­teil wird der An­ge­klag­te ge­zwun­gen, über glü­hen­de Koh­len zu lau­fen oder er wird ins Was­ser ge­wor­fen, und das Ur­teil wird da­von ab­hän­gig ge­macht, wie er das be­wäl­tigt.] Hier löst sich also die Eins von der Zwei ab und tritt ihr ge­gen­über: S1, der Her­ren­si­gni­fi­kant, der Schieds­spruch [das Ichi­de­al in sei­ner die Ver­drän­gung her­vor­ru­fen­den Funk­ti­on] tritt dem Si­gni­fi­kan­ten­paar S2 ge­gen­über [und er­zeugt den Ge­gen­satz zwi­schen dem ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten und dem ma­ni­fes­ten Si­gni­fi­kan­ten]. [Ein so­zio­lo­gi­sches Mo­dell für das Ver­hält­nis zwi­schen S2 und S1 und da­mit für die Drei­er­be­zie­hung ist fol­gen­de So­zi­al­form:] Zwei Ak­teu­re [S2] wer­den von ei­nem neu­tra­len Drit­ten [S1] in eine Ri­va­li­täts­be­zie­hung ge­bracht, auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne ge­gen­ein­an­der auf­ge­hetzt. [S2 steht hier für die Be­zie­hung der Ri­va­li­tät, für die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum an­de­ren. Der Drit­te ist z.B. der Schieds­rich­ter, er ist neu­tral, an kei­nen ge­bun­den, und er fällt über die Leis­tung der bei­den an­de­ren das Ur­teil. Auf die­se Wei­se heizt er ihre Ri­va­li­tät an und ent­schei­det er über ihre re­la­ti­ve Po­si­ti­on, also dar­über, wer Sie­ger ist und wer Ver­lie­rer, wer ge­wis­ser­ma­ßen ver­drängt wird. Ne­ben die Freud­sche Fi­gur des Zen­sors stellt La­can hier die des Schieds­rich­ters.]

Knoten (I): Borromäische Verschlingung aus vier Ringen

Der borromäische Dreierknoten ist beim Menschen nicht die Norm

[Aus­ge­hend von der Null, der Eins und der Zwei ist La­can bei der Drei an­ge­kom­men. Von der Drei kann er zur Vier über­ge­hen: von der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen, die er im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar, RSI, vor­wie­gend be­han­delt hat­te, zur bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen, und da­mit zum The­ma des ak­tu­el­len Se­mi­nars: zur To­pik des Sin­t­homs.]Borromäischer Dreierknoten -Version Miller S

Der bor­ro­mäi­sche Kno­ten ist eine Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen, der­art, dass wenn ein be­lie­bi­ger Ring ge­öff­net wird, die bei­den an­de­ren aus­ein­an­der­fal­len. Die­se Art von Ver­schlin­gung hat man im Wap­pen der Bor­ro­meo-Fa­mi­lie ge­fun­den, da­her der Name „bor­ro­mäi­scher Kno­ten“. Aber nie­mand hat die Kon­se­quen­zen dar­aus ge­zo­gen. [Erst die ma­the­ma­ti­sche Kno­ten­theo­rie, ein Zweig der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie, hat sich für die­se Ge­bil­de in­ter­es­siert. Ma­the­ma­ti­ker spre­chen üb­ri­gens nicht, wie La­can, von „bor­ro­mäi­schen Kno­ten“, son­dern von „bor­ro­mäi­schen Rin­gen“. Eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung kann aus be­lie­big vie­len Rin­gen be­stehen, das Bor­ro­mäi­sche an die­sen Ver­schlin­gun­gen ist, dass im­mer gilt: wenn ein be­lie­bi­ger Ring ge­öff­net wird, fal­len die üb­ri­gen aus­ein­an­der.] Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen be­zieht sich auf drei Funk­tio­nen [auf das Rea­le, das Ima­gi­nä­re und das Sym­bo­li­sche], und sie stellt dar, dass sie [von­ein­an­der ge­trennt sind, aber zu­gleich] sich wech­sel­sei­tig [und ohne Hier­ar­chie] vor­aus­set­zen.

Es ist ein Irr­tum, an­zu­neh­men, dass die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen beim Men­schen die Norm ist. [Dies hat­te La­can in Se­mi­nar 22, RSI, er­läu­tert: Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen steht für das Sub­jekt, für das es den Ödi­pus­kom­plex – den Na­men-des-Va­ters – zwar gibt, für das er aber nicht die Funk­ti­on hat, al­les zu­sam­men­zu­hal­ten (al­les: das Ima­gi­nä­re, das Sym­bo­li­sche und das Rea­le). Die­ses Sub­jekt ist mög­lich, es ist aber nur sel­ten an­zu­tref­fen. Der Nor­mal­fall ist die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen. Der vier­te Ring steht für den Ödi­pus­kom­plex, den Na­men des Va­ters, die Re­li­gi­on, die Be­nen­nung und das Sym­ptom (vgl. in die­sem Blog den Bei­trag „Vom Drei­er­kno­ten zum Vie­rer­kno­ten“).] Es ist ein Irr­tum, zu den­ken, „das sei eine Norm für das Ver­hält­nis von drei Funk­tio­nen“ (12), an­ders ge­sagt, die drei Funk­tio­nen be­zö­gen sich nor­ma­ler­wei­se in der Art der drei bor­ro­mäi­schen Rin­ge auf­ein­an­der. Auf­grund die­ser drei Funk­tio­nen glaubt ein be­stimm­tes We­sen, Mensch zu sein [?? Sinn?].

Perversion ist père-version, Wendung zum Vater

Die Per­ver­si­on zeich­net sich kei­nes­wegs da­durch aus, dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le aus­ein­an­der­fal­len. [?? Wer nimmt das an?] Die Be­son­der­heit der Per­ver­si­on be­steht viel­mehr dar­in, dass sie auf ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen be­ruht. Der vier­te Ring steht hier für das Sym­ptom bzw. das Sin­t­hom. Der Va­ter ist hier nur ein Sym­ptom oder Sin­t­hom, ein saint hom­me, ein hei­li­ger Mann. [?? Ist es bei der Neu­ro­se an­ders?] Per­ver­si­on meint père-ver­si­on, Wen­dung zum Va­ter [z.B. als ma­so­chis­ti­sche Auf­op­fe­rung des Soh­nes für den Va­ter, wie La­can in ei­ner spä­te­ren Sit­zung des Se­mi­nars aus­füh­ren wird; „Per­ver­sohn“, könn­te man sa­gen].

Der vierte Ring ist das Symptom

Das Sym­ptom be­zieht sich auf die an­de­ren drei Re­gis­ter – auf das Ima­gi­nä­re, das Sym­bo­li­sche und das Rea­le – von ei­ner Po­si­ti­on der Ex-sis­tenz aus. [In der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen ist der Ring des Sym­ptoms den an­de­ren drei Rin­gen äu­ßer­lich, er geht nicht kon­ti­nu­ier­lich in sie über, und er hält sie zu­sam­men.]

[20] Die Her­stel­lung ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen kann man so be­werk­stel­li­gen, dass man die an­de­ren drei Rin­ge – den des Ima­gi­nä­ren, den des Sym­bo­li­schen und den des Rea­len – nicht mit­ein­an­der ver­bin­det, son­dern ein­fach über­ein­an­der­legt, und dass man sie durch den vier­ten Ring, den des Sym­ptoms, auf bor­ro­mäi­sche Wei­se mit­ein­an­der ver­knüpft, wie in der Zeich­nung dar­ge­stellt. [Man muss da­bei im Auge be­hal­ten, dass auch die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen sym­me­trisch ist: Wie der Sym­ptom-Ring die an­de­ren drei ver­bin­det, die sonst aus­ein­an­der­fal­len wür­den, so ver­knüpft der Ring des Ima­gi­nä­ren die an­de­ren drei usw. Je­der der vier Rin­ge ist für die an­de­ren Rin­ge ein für de­ren Zu­sam­men­halt we­sent­li­ches Au­ßen.]

Unterschiedliche Plättungen des Viererknotens

Von der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen kön­nen un­ter­schied­li­che Plät­tun­gen vor­ge­nom­men wer­den. [Un­ter ei­ner Plät­tung scheint La­can im Fol­gen­den nicht, wie sonst, eine zwei­di­men­sio­na­le Pro­jek­ti­on, eine Zeich­nung, zu ver­ste­hen, son­dern ge­wis­ser­ma­ßen das Flach­le­gen to­po­lo­gi­scher oder phy­si­scher Kno­ten im drei­di­men­sio­na­len Raum.] Eine mög­li­che Plät­tung be­steht dar­in, dass man zwei äu­ße­re Rin­ge bil­det, die sich nicht über­schnei­den; die bei­den üb­ri­gen Rin­ge stel­len dann so et­was wie die ver­mit­teln­de Mit­te dar. [Da die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus vier Rin­gen sym­me­trisch ist, kann die Po­si­ti­on der äu­ße­ren Rin­ge von sämt­li­chen Rin­gen ein­ge­nom­men wer­den.] | [21] Man kann also bei­spiels­wei­se mit ei­ner Plät­tung be­gin­nen, in der I (Ima­gi­nä­res) und S (Sym­bo­li­sches) in der Au­ßen­po­si­ti­on sind, und man kann sie in eine Plät­tung über­füh­ren, bei der R (Rea­les) und Σ (der grie­chi­sche Buch­sta­be groß Sig­ma für „Sym­ptom“ oder „Sin­t­hom“) die äu­ße­ren Rin­ge dar­stel­len. [Die­se Um­wand­lung kann man vor­neh­men, ohne ei­nen der Rin­ge zu öff­nen, wie man ex­pe­ri­men­tell über­prü­fen kann.] [?? Wor­um geht es bei die­ser Aus­tausch­bar­keit? Ist die Aus­tausch­bar­keit der Rin­ge des Sym­bo­li­schen und des Sym­ptoms eine an­de­re Dar­stel­lungs­wei­se für das Ver­hält­nis zwi­schen S1 und S2?]

[22] Mil­ler fügt eine Zeich­nung hin­zu, die zeigt, dass die bei­den mitt­le­ren Rin­ge auf zwei Wei­sen ge­plät­tet wer­den kön­nen: asym­me­trisch und sym­me­trisch [auch die­se bei­den Plät­tun­gen kön­nen in­ein­an­der über­führt wer­den, ohne ei­nen der Rin­ge zu öff­nen]. Bei asym­me­tri­scher Plät­tung sind die Kreu­zungs­mus­ter der bei­den Ver­mitt­lungs­rin­ge un­gleich, also die Ab­fol­ge von Über­que­run­gen und Un­ter­lau­fun­gen; bei sym­me­tri­scher Plät­tung sind die Kreu­zungs­mus­ter der bei­den Ver­mitt­lungs­rin­ge gleich.

Der Ödipuskomplex ist ein Symptom

Der Ödi­pus­kom­plex [in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: der Name-des-Va­ters] ist ein Sym­ptom. [In La­cans Deu­tung des bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­tens steht der vier­te Ring für das Sym­ptom. Das Sym­ptom be­steht dar­in, dass der Ödi­pus­kom­plex bzw., in La­cans Ter­mi­no­lo­gie, der Name-des-Va­ters eine zu­sam­men­hal­ten­de Funk­ti­on hat, dass ohne ihn das Ima­gi­nä­re, das Sym­bo­li­sche und das Rea­le aus­ein­an­der­flö­gen – wo­bei die­se zu­sam­men­hal­ten­de Funk­ti­on dar­auf be­ruht, dass der Va­ter idea­li­siert wird, dass er ein Hei­li­ger ist, ein saint hom­me (ein hei­li­ger Mann) / ein Sin­t­hom.]

Der Name des Vaters ist auch der Vater des Namens

Be­zo­gen auf die Va­ter­funk­ti­on ist zu be­rück­sich­ti­gen, dass der Name-des-Va­ter auch der „Va­ter des Na­mens“ ist. [Der Va­ter ist auch der­je­ni­ge, der die Na­men gibt, der be­nennt. Die­se The­se hat­te La­can zu­erst in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, auf­ge­stellt; an sie hat­te er be­reits zu Be­ginn die­ser Sit­zung an­ge­knüpft, mit der An­spie­lung auf die Be­nen­nung der Tie­re durch Adam.] Dass der Va­ter auch der­je­ni­ge ist, der die Na­men gibt, stützt al­les. [Dass der Va­ter die Na­men gibt, sorgt da­für, dass die Funk­tio­nen des Sym­bo­li­schen, des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len zu­sam­men­hal­ten. Dies wird im bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten da­durch dar­ge­stellt, dass der Sym­ptom­ring – der auch für den be­nen­nen­den Va­ter steht – die drei üb­ri­gen Rin­ge auf bor­ro­mäi­sche Wei­se ver­bin­det. Der vier­te Ring steht also auch für die Funk­ti­on des Be­nen­nens.] Die Rea­li­sie­rung der Va­ter­funk­ti­on durch die Na­mens­ge­bung ver­hin­dert nicht, dass das Sym­ptom not­wen­dig ist. [Auch dann, wenn die Va­ter­funk­ti­on voll rea­li­siert wird, gibt es Sym­pto­me, und zwar not­wen­di­ger­wei­se, im Sin­ne von „un­ver­meid­lich“. Das Sym­ptom ist noch in ei­nem zwei­ten Sinn not­wen­dig: es „hört nicht auf sich zu schrei­ben“, es wie­der­holt sich.]

Joyce (II): die Funktion der Kunst

Durch die Kunst stützt Joyce seinen Vater und Irland

Bei Joy­ce zeigt sich die Be­deu­tung des An­de­ren, näm­lich der Va­ter­funk­ti­on dar­in, dass er letzt­lich für den Va­ter ver­ant­wort­lich ist, er muss den Va­ter [der aus­ge­fal­len ist] stüt­zen, da­mit er [der Va­ter] fort­be­steht. Das stellt sich im Ulys­ses her­aus [?? inwie­fern?].

Joy­ce stützt den Va­ter durch sei­ne Kunst. Die Kunst ist, his­to­risch ge­se­hen, vom Hand­werk aus­ge­gan­gen. [Der fran­zö­si­sche Be­griff für Kunst, art, geht auf das la­tei­ni­sche Wort ars zu­rück, und ars meint das Hand­werk, die Tech­nik, die Kunst­fer­tig­keit. Das deut­sche Wort „Kunst“ meint ur­sprüng­lich eine Tech­nik, wie z.B. heu­te noch im Be­griff „Was­ser­kunst“.] Joy­ce „il­lus­triert“ sei­ne Fa­mi­lie durch sei­ne Kunst [durch sei­ne Kunst macht er sei­ne Fa­mi­lie be­rühmt, il­lus­tre, durch ihn wird sie zu ei­ner „il­lus­tren“ Fa­mi­lie]. Das­sel­be gilt für sein Land. Ir­land ist für Joy­ce my coun­try, wie er sagt. [Die Joy­ce­sche Kunst dient dem Ruhm Ir­lands. Dies ent­spricht der Ori­en­tie­rung von Joy­ce an der Home Rule, also dem Sin­t­Home-Rule.] Im Por­trät des Künst­lers gibt Joy­ce [bzw. Ste­phen De­da­lus] sich die Mis­si­on, der es­prit, der Geist, sei­ner „Ras­se“ zu sein [sei­nes Volks]. [Bei Joy­ce fin­det man con­sci­ence of my race, Be­wusst­sein / Ge­wis­sen mei­ner Ras­se, La­can macht dar­aus es­prit, also „Geist“ im Sin­ne der He­gel­schen Geist­phi­lo­so­phie – Joy­ce gibt sich die Mis­si­on, der iri­sche Volks­geist zu sein.]

Wie bezieht sich Joyces Kunst so auf das Symptom, dass dessen Wahrheit versperrt ist?

In die­sem Se­mi­nar wird es auch dar­um ge­hen, die Kunst zu be­fra­gen. In­wie­fern kann die Kunst, der Kunst­griff, das Ar­te­fakt [also Joy­ces li­te­ra­ri­sche Tech­nik] sich aus­drück­lich auf das be­zie­hen, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert? [Da­mit wird eine zeit­li­che Ab­fol­ge an­ge­deu­tet: zu­nächst stellt sich et­was als Sym­ptom dar (bei Joy­ce das Sym­ptom der auf­ge­zwun­ge­nen Wör­ter, wie La­can in ei­ner spä­te­ren Sit­zung aus­führt), im zwei­ten Schritt be­zieht sich die Kunst (die li­te­ra­ri­sche Tech­nik) auf das Sym­ptom, und zwar aus­drück­lich (bei Joy­ce durch die Kon­struk­ti­on von Mehr­deu­tig­kei­ten).] Wie kann sich die Kunst bzw. das Hand­werk so auf das Sym­ptom be­zie­hen, dass da­mit ver­hin­dert wird, dass sich im Sym­ptom die Wahr­heit zeigt [der un­be­wuss­te Sinn des Sym­ptoms]? [Wie kann die li­te­ra­ri­sche Tech­nik da­für sor­gen, dass der Zu­gang zur Wahr­heit, den das Sym­ptom zu­nächst er­mög­licht, ver­sperrt wird? Im Un­ter­schied zur Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, die dar­auf ab­zielt, dass die im Sym­ptom ent­hal­te­ne Wahr­heit ent­hüllt wird.] 

[La­cans The­sen zu Joy­ce lau­ten also bis hier­her:

(1) Joy­ces Kunst ist eine Art Um­ar­bei­tung von et­was, was sich bei Joy­ce zu­nächst als Sym­ptom zeigt.

(2) Die Joy­ce­sche Kunst zielt mit ih­rer tech­ni­schen Per­fek­ti­on dar­auf ab, dass sich im um­ge­ar­bei­te­ten Sym­ptom die Wahr­heit des Un­be­wuss­ten ge­ra­de nicht zeigt; dar­in be­steht der Ge­gen­satz zur Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se.

(3) Eine Joy­ce­sche Mehr­deu­tig­keit funk­tio­niert nicht wie ein „Freud­scher Ver­spre­cher“; Joy­ces Kunst kann nicht nach dem Sche­ma des Un­be­wuss­ten ge­deu­tet wer­den.

Die zwei­te und die drit­te The­se sind zu­erst von C. G. Jung for­mu­liert wor­den, in ei­nem Auf­satz über Ulys­ses aus dem Jahr 1932. Mög­li­cher­wei­se be­zieht sich La­cans Hin­weis zu Be­ginn die­ser Sit­zung, dass er Ide­en von Freud­schü­lern lo­gisch zu Ende führt, auch auf Jung.]

Wahrheit im Herrendiskurs und in der Kunst

Diskurs des Herrn[23] Wo ist hier­bei die Wahr­heit? [In al­len vier Dis­kur­sen ist die Wahr­heit der Platz un­ten links.]

Im Her­ren­dis­kurs wird der Platz der Wahr­heit vom ge­spal­te­ne Sub­jekt ($) ein­ge­nom­men, die Wahr­heit wird dem ge­spal­te­nen Sub­jekt un­ter­stellt. Als ge­spal­te­nes Sub­jekt ist es dem Phan­tas­ma un­ter­wor­fen. [Be­trach­tet man im Her­ren­dis­kurs den Zu­sam­men­hang der bei­den un­te­ren Plät­ze, also die un­be­wuss­te Ebe­ne ins­ge­samt, sieht man, dass die­ses ge­spal­te­ne Sub­jekt sich auf das Ob­jekt a am Platz un­ten rechts be­zieht, zu­sam­men er­gibt das die For­mel für das Phan­tas­ma, $ ◊ a.]

Hier [im Dis­kurs der Kunst], im Ge­gen­satz zu dem, wie er es zu­nächst dar­ge­stellt hat­te [im Ge­gen­satz zum Dis­kurs des Herrn], müs­sen wir auf der Ebe­ne der Wahr­heit das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. [Die Kunst ist in der Lage, die un­be­wuss­te Wahr­heit halb­zu­sa­gen, an­zu­deu­ten; Freud hat das im­mer be­tont.]

S1 und S2 im Herrendiskurs: Der Handwerker und die Duplizität von Symptom und Symbol

[La­can wech­selt zu­rück zum Dis­kurs des Herrn.] Das Sub­jekt wird durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1 (S1) [am Platz oben links] re­prä­sen­tiert.

Die Ver­sio­nen von Klei­ner und Mil­ler ent­hal­ten an die­ser Stel­le ne­ben dem Sche­ma des Her­ren­dis­kur­ses ein Sche­ma, das ei­nen um ei­nen Ach­tel­kreis im Uhr­zei­ger­sinn ge­dreh­ten Her­ren­dis­kurs dar­stellt, also ein Zwi­schen­ding zwi­schen Her­ren­dis­kurs und Dis­kurs der Uni­ver­si­tät. [?? Wor­um geht es bei die­sem zwei­ten Sche­ma?]

Der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) [am Platz oben rechts] ist das, was durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird, so wie La­can es eben [in Be­zug auf den Äu­ße­rungs­vor­gang] er­läu­tert hat­te. [S2 ist ein Si­gni­fi­kan­ten­paar:] Der eine die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert das Sym­ptom [dies ist der ma­ni­fes­te Si­gni­fi­kant], der an­de­re re­prä­sen­tiert das Sym­bol [dies ist der la­ten­te Si­gni­fi­kant, das Ver­dräng­te, die un­be­wuss­te Wahr­heit des Sym­ptoms]. [Ähn­lich fin­det man das in Se­mi­nar 11: „Das Ur­ver­dräng­te / le re­fou­lé pri­mor­di­al ist ein Si­gni­fi­kant, und wir kön­nen, was über die­sem sich auf­baut und das Sym­ptom kon­sti­tu­iert, ohne wei­te­res als Si­gni­fi­kan­ten­ge­rüst be­trach­ten. Ver­dräng­tes und Sym­ptom sind ho­mo­gen und re­du­zier­bar auf Si­gni­fi­kan­ten­funk­tio­nen. Ihre Struk­tur, die sich zwar wie ein je­des Ge­bäu­de nach und nach auf­baut, ist, am Ende, gleich­wohl in syn­chro­ni­schen Ter­men ein­schreib­bar.“296]

Hier [im Her­ren­dis­kurs am Platz oben links, dem Platz des Agen­ten, be­setzt von S1] ist der Hand­wer­ker.

Die­ser Hand­wer­ker fügt zwei Si­gni­fi­kan­ten zu­sam­men; [dies ist im Her­ren­dis­kurs S2 am Platz oben rechts].

Objekt a im Herrendiskurs

Auf die­se Wei­se pro­du­ziert er das Ob­jekt a. [Im Her­ren­dis­kurs ist das Ob­jekt a am Platz un­ten rechts.] La­can er­in­nert dar­an, dass er sich auf die Ob­jek­te a be­reits frü­her in die­ser Sit­zung be­zo­gen hat­te: als er über das Ohr, das Auge und den ge­schlos­se­nen Mund sprach [über die Kör­per­öff­nun­gen, die die ima­gi­nä­ren Ge­gen­stü­cke zu den Ob­jek­ten a bil­den: der Mund be­zieht sich auf die Brust, das Auge auf den Blick, das Ohr auf die Stim­me.]

Wann im­mer der Dis­kurs des Herrn die Herr­schaft in­ne­hat, spal­tet sich das S2 in Sym­ptom und Sym­bol [in das ma­ni­fes­te Sym­ptom und den un­be­wuss­ten Sinn die­ses Sym­ptoms, der in den Si­gni­fi­kan­ten des Un­be­wuss­ten (als ei­nes Be­reichs des Sym­bo­li­schen) be­steht].

[Ich neh­me an, dass La­can fol­gen­den Zu­sam­men­hang an­deu­tet: Der Dis­kurs der Kunst er­mög­licht ei­nen Zu­gang zur un­be­wuss­ten Wahr­heit. Bei Joy­ce ist das nicht der Fall. Das liegt dar­an, dass er die Po­si­ti­on des Hand­wer­ker-Herrn ein­nimmt; sei­ne Po­si­ti­on wird durch den Her­ren­dis­kurs be­stimmt. Das Pro­dukt die­ses Dis­kur­ses ist ein ver­lo­re­nes Ge­nie­ßen (das Ob­jekt a als Mehr­lust); die­je­ni­gen, die Joy­ces Hä­re­sie ge­nie­ßen, sind die Uni­ver­si­täts­leu­te.]

Die Spaltung des Subjekts, $, reflektiert die Spaltung von S2

Die Spal­tung in Sym­bol und Sym­ptom [also die bei­den Sei­ten des Äu­ße­rungs­vor­gangs] wird re­flek­tiert in der Spal­tung des Sub­jekts [in der Spal­tung in Äu­ße­rungs­vor­gang und Aus­ge­sag­tes].

[La­can er­in­nert an eine sei­ner For­meln aus Sub­ver­si­on des Sub­jekts (1960).] Das Sub­jekt ist das, was von ei­nem Si­gni­fi­kan­ten für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert wird. Nun gibt es ein In­sis­tie­ren des Si­gni­fi­kan­ten [im Wie­der­ho­lungs­zwang, also im Sym­ptom]. [Wie ist die­se For­mel auf die Un­ter­schei­dung von Sym­bol und Sym­ptom zu be­zie­hen? Die Ant­wort lau­tet:] Ei­ner der bei­den Si­gni­fi­kan­ten fin­det sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom. [?? Of­fen bleibt, ob dies der Si­gni­fi­kant ist, der das Sub­jekt re­prä­sen­tiert oder der­je­ni­ge, für den es re­prä­sen­tiert wird. Un­klar ist auch, wie „Stüt­ze“ ge­meint ist: un­ter­schei­det sich der Si­gni­fi­kant vom Sym­ptom oder fällt er mit ihm zu­sam­men?]

Knoten (II): Kreis im Knoten

Verwandlung eines falschen Lochs in ein echtes Loch durch eine unendliche Gerade, d.h. einen Kreis

Falsches Loch zweier Ringe[Nach­dem La­can die Un­ter­schei­dung von Sym­bol und Sym­ptom im Her­ren­dis­kurs ver­or­tet hat, geht er jetzt wie­der zu­rück zur Kno­ten-To­po­lo­gie. Die Be­zie­hung zwi­schen Sym­bol und Sym­ptom ist hier die zwi­schen zwei Rin­gen, zwei Tori.] Bil­det die Ver­bin­dung von [nur] zwei Rin­gen, für Sym­ptom und Sym­bol[isches], ein ech­tes Loch? [La­can setzt hier die Über­le­gun­gen zum fal­schen Loch zwei­er Rin­ge fort, die er in der letz­ten Sit­zung des vor­an­ge­hen­den Se­mi­nars, also RSI, be­gon­nen hat­te. Kann man aus zwei Rin­gen, die nicht di­rekt wie zwei Ket­ten­glie­der in­ein­an­der­grei­fen, ein Loch bil­den, das ir­re­du­zi­bel ist, d.h. das bei Ver­for­mung er­hal­ten bleibt? Die­ses Loch steht ver­mut­lich für das Ob­jekt a, also für die „Mehr­lust“, das ver­lo­re­ne Ge­nie­ßen, auf des­sen Wie­der­ge­win­nung das Sym­ptom in der Wie­der­ho­lung ab­zielt; be­reits in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, wur­de das Ob­jekt a durch das Loch dar­ge­stellt, das durch ei­nen To­rus ge­bil­det wird.] Die Ant­wort ist ne­ga­tiv: wenn man zwei Rin­ge [ohne sie auf­zu­schnei­den und wie­der­zu­sam­men­zu­fü­gen] so in­ein­an­der­legt, dass sie mit­ein­an­der ein Loch bil­den, ist die­ses Loch „falsch“ [es ist re­ver­si­bel, es lässt sich durch Ver­for­mung der Rin­ge zum Ver­schwin­den brin­gen.]

Je­der der bei­den Rin­ge hat eine Kon­sis­tenz, die eine Art Kreis bil­det [je­der Ring hat ei­nen kreis­ar­ti­gen Zu­sam­men­halt, und eben dies nennt La­can „Kon­sis­tenz“]. Jeder die­ser Krei­se ist um ein Loch her­um or­ga­ni­siert. [La­can cha­rak­te­ri­siert in Se­mi­nar 22, RSI, den Ge­samt­kno­ten durch drei Be­grif­fe: Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch, die er dem Ima­gi­nä­ren, dem Rea­len und dem Sym­bo­li­schen zu­ord­net. Mit Kon­sis­tenz ist der Zu­sam­men­halt des Fa­dens in sich ge­meint; im Fal­le des To­rus bil­det die Kon­sis­tenz eine Art Kreis, sie ist ge­schlos­sen. Die Kon­sis­tenz stellt den ima­gi­nä­ren As­pekt ei­nes Kno­tens dar, ge­wis­ser­ma­ßen die Ab­wehr der Dro­hung des Aus­ein­an­der­fal­lens. Die Ex-sis­tenz ist die Äu­ßer­lich­keit der Rin­ge zu­ein­an­der, dass sie nicht mit­ein­an­der ver­schmol­zen sind, und dass sie durch die­se Art der Äu­ßer­lich­keit zu­sam­men­hal­ten, dass die Ver­schlin­gung exis­tiert. Mit Loch ist das Loch ge­meint, um das her­um die ein­zel­nen Rin­ge ge­wis­ser­ma­ßen ge­baut sind – das Loch, durch das man den Fin­ger oder die Hand ste­cken kann. Das Loch ist der sym­bo­li­sche As­pekt des bor­ro­mäi­schen Kno­tens: die Be­nen­nung er­zeugt ein Loch, die Spra­che er­zeugt ei­nen Man­gel, dies ist für La­can die Grund­funk­ti­on des Sym­bo­li­schen. „Le si­gni­fi­ant fait trou“, heißt es in Se­mi­nar 22, RSI, „der Si­gni­fi­kant bil­det ein Loch“.297

[Die­ses Loch ist hier je­doch nicht ge­meint.] Es geht um ein an­de­res Loch: das Loch, das Sym­bol[isches] und Sym­ptom zu­sam­men bil­den,| [24] und zwar da­durch, dass sie auf be­stimm­te Wei­se – wie in der Zeich­nung – über­ein­an­der­ge­fal­tet sind.

Sou­ry hat in ei­ner Zeich­nung ge­zeigt, dass man ei­nen To­rus in eine Art Guss­bla­se ein­schlie­ßen muss [?? Was meint das?].

Die­ses Loch ist also ein fal­sches Loch [es ver­schwin­det, wenn man an den Rin­gen zieht]. Man kann die­ses fal­sche Loch in ein ech­tes Loch ver­wan­deln [in ein Loch, dass bei Ver­for­mung der Rin­ge er­hal­ten bleibt]. Dazu muss in das fal­sche Loch et­was ein­ge­scho­ben wer­den: eine Ge­ra­de, und die­se Ge­ra­de muss un­end­lich sein, denn eine un­end­li­che Ge­ra­de ist ei­nem Kreis ver­wandt [wie La­can be­reits im vor­an­ge­hen­den Se­mi­nar RSI er­läu­tert hat­te.] [Die­se un­end­li­che Ge­ra­de steht ver­mut­lich für das Rea­le. Das Sym­ptom hat nicht nur ei­nen ver­bor­ge­nen Sinn (es be­zieht sich nicht nur auf das Un­be­wuss­te), es dient auch der „Er­satz­be­frie­di­gung“, wie Freud sagt (es be­zieht sich auf das Rea­le des Ge­nie­ßens.]

Die Polizei befiehlt: Weiter im Kreis drehen!
Diskurs der Universität

Dis­kurs der Uni­ver­si­tät

[25] Der Kreis hat eine Funk­ti­on: er dient dazu, zu zir­ku­lie­ren. Die­ses Zir­ku­lie­ren ist der Po­li­zei wohl­be­kannt, sie sagt: „Cir­cu­lez“, Wei­ter­fah­ren. He­gel hat­te [in den Grund­li­ni­en der Phi­lo­so­phie des Rechts] gut die Funk­ti­on der Po­li­zei ge­se­hen, sie al­ler­dings in ei­ner Form be­schrie­ben, die an­ders ist als die von La­can [ver­mut­lich: in Form der Dia­lek­tik]. Für die Po­li­zei geht es dar­um, dass das Sich-im-Krei­se-Dre­hen wei­ter­geht [also dar­um, die Ver­drän­gung und da­mit den Wie­der­ho­lungs­zwang auf­recht­zu­er­hal­ten]. [Die bei­den Rin­ge re­prä­sen­tie­ren das Sym­bo­li­sche und das Sym­ptom, also das Si­gni­fi­kan­ten­paar S2; der Kreis der un­end­li­chen Ge­ra­den (der Be­fehl der Po­li­zei) ent­spricht dem­nach S1, dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten.]

ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Fol­gen­den wer­den alle Stel­len auf­ge­führt, an de­nen La­can die Aus­drü­cke „Sym­ptom“ oder „Sin­t­hom“ ver­wen­det. Die Zah­len in run­den Klam­mern sind Sei­ten­zah­len, sie ver­wei­sen auf die Über­set­zung von Max Klei­ner.

All­ge­mei­nes zum Symptom/Sinthom

Schreib­wei­se

Sin­t­home („Sin­t­hom“) ist eine alte Schreib­wei­se für das, was spä­ter sym­ptô­me („Sym­ptom“) ge­schrie­ben wur­de. Sin­t­home ori­en­tiert sich am mit­tel­al­ter­li­chen La­tein, sym­ptô­me ist eine grä­zi­sie­ren­de Schreib­wei­se, die sich un­ter dem Ein­fluss des Re­nais­sance-Hu­ma­nis­mus durch­setzt.

Da La­can äu­ßerst deut­lich ar­ti­ku­liert, ist auf der Ton­auf­nah­me die­ser Sit­zung zwei­fels­frei zu er­ken­nen, wann er sin­t­home sagt und wann sym­ptô­me; ich habe die Tran­skrip­ti­on über­prüft, sie ist kor­rekt.

Ver­wen­dung von „Sin­t­hom“ und „Sym­ptom“

In der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975 ver­wen­det La­can die Aus­drü­cke „Sin­t­hom“ und „Sym­ptom“ syn­onym.

(a) Er be­zeich­net den vier­ten Ring der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung ab­wech­selnd als „Sin­t­hom“ und als „Sym­ptom“. Der vier­te Ring ist der des „Sym­ptoms“:

Die Ex-sis­tenz des Sym­ptoms ist das, was von der Po­si­ti­on im­pli­ziert wird, der­je­ni­gen, die je­nes rät­sel­haf­te Band des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len un­ter­stellt.“ (12)

Der vier­te Ring ist der des „Sin­t­homs“:

Nicht dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le zer­ris­sen sei­en, de­fi­niert die Per­ver­si­on, son­dern dass sie schon un­ter­schie­den sind, und dass man ein vier­tes un­ter­stel­len muss, das hier­bei das Sin­t­hom ist, dass man das, was das bor­ro­mäi­sche Band aus­macht, als te­tra­disch un­ter­stel­len muss, (…).“ (12)

(b) Der Va­ter wird von La­can syn­onym als „Sym­ptom“ und als „Sin­t­hom“ be­zeich­net. Das letz­te Zi­tat geht so wei­ter:

… dass ‚Per­ver­si­on‘ nichts an­de­res be­sagt als ‚Wen­dung zum Va­ter‘, und dass der Va­ter al­les in al­lem nur ein Sym­ptom ist, oder ein Sin­t­hom / ein saint hom­me, ganz wie Sie möch­ten.“ (12)

(c) Zu Be­ginn der Sit­zung heißt es über den Über­schwang,

er sei der Ur­sprung ei­nes Sin­t­homs, das wir, in der Psych­ia­trie, als Ma­nie be­zeich­nen.“ (1 f.)

Hier be­zieht der Aus­druck „Sin­t­hom“ sich nicht auf eine spe­zi­el­le For­ma­ti­on, er dient als Syn­onym zu „Sym­ptom“, wie der Aus­druck von Psych­ia­tern ver­wen­det wird.

Trotz­dem könn­te es sinn­voll sein, „Sym­ptom“ und „Sin­t­hom“ zu un­ter­schei­den, näm­lich dann, wenn La­cans frü­he­re Er­klä­rung des Sym­ptoms an­ders ist als die im Sin­t­hom-Se­mi­nar; man könn­te dann den Aus­druck „Sin­t­hom“ für die neue Sym­ptom-Kon­zep­ti­on re­ser­vie­ren, auch wenn das nicht mit La­cans Sprach­ge­brauch über­ein­stimmt.

Au­ßer­dem ist es na­tür­lich mög­lich, dass La­can in spä­te­ren Sit­zun­gen des Sin­t­hom-Se­mi­nars „Sym­ptom“ und „Sin­t­hom“ un­ter­schei­det.

Das Hei­li­ge und die Schuld

Mit der Schreib­wei­se sin­t­home bringt La­can den Ge­gen­satz des Hei­li­gen und der Sün­de bzw. der Schuld ins Spiel.

Sin­t­home spielt auf saint hom­me an „hei­li­ger Mann“. Im Genf-Vor­trag von 1975 heißt es:

Ein ge­wis­ser Hei­li­ger Tho­mas von Aquin – auch er ist ein Hei­li­ger Mann / un saint hom­me, und so­gar ein Sym­ptom, hat et­was ge­schrie­ben was sich De ente et es­sen­tia nennt.„298

Die Ver­bin­dung zu Sün­de und Schuld wird in Se­mi­nar 23 durch die fol­gen­de Be­mer­kung her­ge­stellt:

Die so­ge­nannte gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­rede des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / ser­re-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken-Klem­me zu nen­nen, spä­ter­hin be­zeich­net als Spal­te oder bes­ser als Phal­lus, da es ja ei­nen sol­chen braucht, um das Faut-pas / den Faux-pas / das Darf-nicht / den fal­schen Schritt zu tun, die Schuld, mit der zu be­gin­nen mein Sin­thom sich aus­zeich­net. Sin be­deu­tet im Eng­li­schen: die Sün­de, die ers­te Schuld.“ (4)

Die Schreib­wei­se als „Sin­t­hom“ bringt also den Zu­sam­men­hang zwi­schen Sym­ptom und Über-Ich ins Spiel.

In Se­mi­nar 4, Die Ob­jekt­be­zie­hun­gen (1956/57), hat­te La­can das Hei­li­ge so er­klärt:

Die­se hei­lige Macht (puis­sance), die in den my­thi­schen Er­zäh­lun­gen, wel­che er­klä­ren, wie der Mensch mit ihr in Be­zie­hung ge­tre­ten ist, un­ter­schied­lich be­zeich­net wird, läßt sich für uns in ei­ner of­fen­kun­di­gen Iden­ti­tät mit der Macht der Be­deu­tungs­ge­bung (pou­voir de la si­gni­fi­ca­tion) und ganz spe­zi­ell ih­res In­stru­men­tes Si­gni­fi­kant ver­or­ten.“[Seminar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 301 f., Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­sion Sta­ferla.]

Das Hei­li­ge ist die Macht der Be­deu­tungs­ge­bung durch den Si­gni­fi­kan­ten.

Das Sym­ptom ist das Ab­ge­wehr­te

Das Sin­t­hom hat die Struk­tur „nur das nicht“:

Es ist das ‚mais pas ça‘ (nur das nicht / nur es nicht / aber nicht Es), was ich in die­sem Jahr mit mei­nem Ti­tel als das Sin­t­hom ein­füh­re.“ (5)

Das Sin­t­hom ist das Zu­rück­ge­wie­se­ne, in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: Das Sym­ptom ist das vom Ich Ab­ge­wehr­te, die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten.

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung

In der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung von vier Rin­gen ist der vier­te Ring der des „Sin­t­homs“ bzw. des „Sym­ptoms“. (13 f.)

Um­gang mit dem Sym­ptom

Ein Sin­t­hom kann lo­gisch be­nutzt wer­den, bis sein Rea­les er­reicht ist.

Dies umso mehr, als die Wahl, ein­mal ge­trof­fen, nie­man­den dar­an hin­dert, sie der Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen, das heißt, auf die gute Wei­se hä­re­tisch zu sein, wel­che, da sie die Na­tur des Sin­t­homs rich­tig er­kannt hat, nicht dar­auf ver­zich­tet, es lo­gisch zu be­nut­zen, das heißt bis sein Rea­les er­reicht ist, wo er dann ge­nug hat.“ (6)

Ge­gen das Sym­ptom hilft nur die mehr­deu­ti­ge Rede.

Denn letzt­lich ha­ben wir als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom nur dies: die Äqui­vo­ka­ti­on. (9)

Was heißt, das Sin­t­hom (bzw. das Sym­ptom) lo­gisch zu be­nut­zen, bis sein Rea­les er­reicht ist? Als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom die Äqui­vo­ka­ti­on zu ver­wen­den, so dass das Spre­chen den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Sym­ptom und dem Ge­nie­ßen er­reicht?

Auf­spal­tung von S2 in Sym­ptom und Sym­bol

… hier auf der Ebe­ne der Wahr­heit müs­sen wir das Halb­sa­gen in Be­tracht zie­hen. Das heißt, dass das Sub­jekt in die­ser Etap­pe nur durch den Si­gni­fi­kan­ten In­dex 1, (S1) re­prä­sen­tiert wer­den kann, dass der Si­gni­fi­kant In­dex 2 (S2) ge­nau das ist, was – um es dar­zu­stel­len, wie ich es eben ge­macht habe – durch die Du­pli­zi­tät von Sym­bol und Sym­ptom re­prä­sen­tiert wird. (…) Weil das Sub­jekt das ist, was ein Si­gni­fi­kant bei ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wird es uns durch sein In­sis­tie­ren not­wen­dig, zu zei­gen, dass ei­ner die­ser bei­den Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom fin­det.“ (14 f.)

Das Sub­jekt wird in die­ser Etap­pe – im Her­ren­dis­kurs – nur durch den Si­gni­fi­kan­ten S1 re­pä­sen­tiert, durch den Si­gni­fi­kan­ten, der den Sin­n­ef­fekt her­vor­bringt. Der Si­gni­fi­kant S2 steht für ein Si­gni­fi­kan­ten­paar und re­prä­sen­tiert das Un­be­wuss­te, das un­be­wuss­te Wis­sen (so hat­te La­can den Aus­druck S2 von An­fang an er­läu­tert, in den Se­mi­na­ren 16 und 17). Jetzt wird das Si­gni­fi­kan­ten­paar S2 auf­ge­spal­ten in Sym­bol (in das Sym­bo­li­sche) und Sym­ptom, wo­mit ver­mut­lich ge­meint ist: in das Ver­dräng­te (das Sym­bo­li­sche im Sin­ne des Un­be­wuss­ten) und die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten (Sym­ptom).

Fal­sches Loch zwi­schen Sym­ptom und Sym­bol

In die­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass es in der Ver­bin­dung des Sym­ptoms mit dem Sym­bol nur, möch­te ich sa­gen, ein fal­sches Loch gibt.“ (15).

Ein fal­sches Loch ist ein Loch, das durch Über­la­ge­rung zwei­er Rin­ge ent­steht, aber durch Zie­hen an den Rin­gen rück­gän­gig ge­macht wer­den kann. Das heißt, eine sta­bi­le Ver­bin­dung zwi­schen dem Sym­ptom und dem Sym­bo­li­schen gibt es nur da­durch, dass ein drit­ter Ring ins Spiel kommt, das Ima­gi­nä­re oder das Rea­le.

Das heißt: es ist nicht mög­lich, ein Sym­ptom nur durch die Be­zie­hung zum Un­be­wuss­ten zu er­klä­ren (es steht nicht nur in Be­zie­hung zum „Sym­bol“, zum Sym­bo­li­schen), man muss es auf et­was Drit­tes be­zie­hen – auf das Rea­le des Ge­nie­ßens (neh­me ich an).

Zu Joy­ce

Zwei Sin­t­home

Joy­ce ent­wi­ckel­te zu­nächst das sin­t­home-madaquin, das Tho­mas-von-Aquin-Sin­t­hom, und dann das sin­t­home-rule, das Home-Rule-Sin­t­hom; dies sind die bei­den Rich­tun­gen, die sich der Kunst von Joy­ce an­bo­ten. Joy­ce wählt das Home-Rule-Sin­t­hom (vgl. 5 f.).

Das Sin­t­hom gibt vor, in wel­che Rich­tung sich die Kunst ent­wi­ckeln kann.

Ver­ei­te­lung der Wahr­heit des Sym­ptoms durch die Kunst 

In die­sem Sin­ne kün­di­ge ich an, was in die­sem Jahr mei­ne Be­fra­gung über die Kunst sein wird: in­wie­fern kann der Kunst­griff / das Ar­te­fakt aus­drück­lich das an­zie­len, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert? In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (14)

Vom Sym­ptom her zwingt sich eine Wahr­heit auf, die Auf­de­ckung ei­nes ver­bor­ge­nen Sinns. Das Ar­te­fakt, das Kunst­werk kann den Zu­gang zur Wahr­heit ge­zielt ver­ei­teln, es kann da­für sor­gen, dass das Sym­ptom nicht ge­deu­tet wer­den kann.

OFFENE FRAGEN

Die Zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner. Sie sind oben in der Über­set­zung nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Hauptfragen

Man muss das Sin­t­hom lo­gisch be­nut­zen, bis sein Rea­les er­reicht ist (6); als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom ha­ben wir nur die Äqui­vo­ka­ti­on (9). Ist die Äqui­vo­ka­ti­on die lo­gi­sche Ver­wen­dung des Sin­t­homs?

Das Mög­li­che ist das, was auf­hört ge­schrie­ben zu wer­den, da­durch, dass es ge­schrie­ben wird (4). Was meint, dass im Ver­lauf ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­han­dung et­was „ge­schrie­ben“ wird?

In der Per­ver­si­on ist der Va­ter ein Sym­ptom (12). Ist der Va­ter in der Neu­ro­se kein Sym­ptom? Wenn ja: wor­in un­ter­schei­det sich das Va­ter-Sym­pton in der Per­ver­si­on von dem in der Neu­ro­se?

Das Sym­ptom hört auf ge­schrie­ben zu wer­den oder wür­de viel­mehr auf­hö­ren, wenn der Dis­kurs auf­kä­me, der nicht über den Schein wäre (4). Meint La­can, dass es noch nie dazu ge­kom­men ist, dass es auf­hört, sich zu schrei­ben, und zwar des­halb, weil es den Dis­kurs, der nicht über den Schein wäre, noch nicht gibt?

Der Name des Va­ters ist auch der Va­ter des Na­mens (14). Was ist hier mit Be­nen­nung durch den Va­ter ge­meint? In­wie­fern ist die Be­nen­nung eine Funk­ti­on des Va­ters?

Der Ring des Sym­bo­li­sche und der des Sym­ptoms bil­den ein fal­sches Loch, dass durch eine un­end­li­che Ge­ra­de zu ei­nem ech­ten Loch wird (15 f.). Stimmt die Ver­mu­tung, dass es bei dem vom Sym­bo­li­schen und vom Sym­ptom ge­bil­de­ten Loch um das Ob­jekt a geht?

Die un­end­li­che Ge­ra­de ist ei­nem Kreis ver­wandt (16). War­um in­ter­es­siert La­can die Ver­wandt­schaft zwi­schen dem Kreis und der un­end­li­chen Ge­ra­den? Was ist die psy­cho­ana­ly­ti­sche Ent­spre­chung?

Wor­in be­steht der Zu­sam­men­hang da­zwi­schen, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, und dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten?

Weitere Fragen

Sin­t­hom (1): Gibt es im al­ten Deutsch die Schreib­wei­se „Sin­t­hom“ oder et­was Ähn­li­ches?

La­can ori­en­tier­te sich zu­nächst an den­je­ni­gen, die Freud „mei­ne Ban­de“ nann­te (2). Wo spricht Freud von „mei­ner Ban­de“?

La­can for­dert sei­ne Hö­rer auf, sich dar­an zu er­in­nern, wo er be­reits über das se­xu­el­le Ver­hält­nis bei den Vö­geln ge­spro­chen hat­te (vgl. 3). Wo hat­te er das ge­tan?

La­can stellt die Fra­ge, ob das He­bräi­sche eine Spra­che ist (3). War­um soll­te das He­bräi­sche kei­ne Spra­che sein? Be­zieht La­can sich hier dar­auf, dass das Bi­bel­he­bräi­sche zu dem Zeit­punkt, als die Bi­bel ge­schrie­ben wur­de, eine tote Sa­kral­spra­che war?

Es braucht min­des­tens zwei Si­gni­fi­kan­ten, da­mit DIE Frau er­scheint (4). Wel­che bei­den Si­gni­fi­kan­ten sind ge­meint?

tout, mais pa ça“ (al­les, nur das nicht) – „mē pan­ti“ (nicht alle) (5). Die So­kra­ti­sche Po­si­ti­on ist „al­les, nur das/es nicht“ (tout, mais pas ça), d.h. die To­ta­li­tät grün­det sich auf eine Aus­nah­me. In den For­meln der Se­xu­ie­rung ent­spricht dies der lin­ken (männ­li­chen) Sei­te des Dia­gramms. Das „nicht al­les“ (mê pan­tes), ge­hört zur rech­ten (weib­li­chen) Sei­te des Sche­mas mit dem ne­gier­ten All­quan­tor. Wo steht So­kra­tes, auf der männ­li­chen oder auf der weib­li­chen Sei­te?

Aris­to­te­les schließt das Sin­gu­lä­re aus sei­ner Lo­gik aus (5). War­um iden­ti­fi­ziert La­can die Zu­rück­wei­sung des ne­gier­ten all­ge­mei­nen Ur­teils durch Aris­to­te­les (die Zu­rück­wei­sung von „Nicht alle x sind y“) mit der Zu­rück­wei­sung des Sin­gu­lä­ren?

Für die „In­stanz des Buch­sta­bens“ ist im Mo­ment nichts Bes­se­res zu er­war­ten als die Mehr­deu­tig­keit (.…). Was meint hier „In­stanz des Buch­sta­bens“?

Für die „ge­gen­wär­ti­ge In­stanz“ gibt es nur das Sin­t­home-madaquin (5). Was meint hier „In­stanz“?

Dass Joy­ce cla­ri­tas mit radiance/splendeur über­setzt, ist ein schwa­cher Punkt (5 f.). Wo liegt für La­can das Pro­blem? (Eine Ant­wort fin­det man mög­li­cher­wei­se in Au­berts Buch über die Joy­ce­sche Äs­the­tik.)

Joy­ces Va­ter war ver­sof­fen und was? (6 f.) War der Va­ter „Fé­ni­an“ oder „feignant“ / „faitnéant“, „Fe­ni­er“ oder „faul“ oder bei­des? (6 f.)

Ein Hä­re­ti­ker ist der­je­ni­ge, der ein Wahl trifft; La­can war wie Joy­ce ein Hä­re­ti­ker (6). Wel­che Wahl hat La­can ge­trof­fen?

Sohn zwei­er Fa­mi­li­en (6 f.). Was ist mit den „zwei Fa­mi­li­en“ ge­meint, auf die Joy­ce-Va­ter oder Joy­ce-Sohn sich be­zie­hen?

 

Den eng­li­schen Phi­lo­so­phen scheint nicht auf­ge­fal­len zu sein, dass es im Si­gni­fi­kan­ten et­was gibt, das Re­so­nanz gibt (9). Wel­che Phi­lo­so­phen sind ge­meint?

Der Blick macht dem Ohr Kon­kur­renz (10). Wor­in ge­nau be­steht der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Blick als Ob­jekt a und dem Ima­gi­nä­ren im Sin­ne der Fi­xie­rung auf das Bild des gan­zen Kör­pers?

Die Ho­mo­ge­ni­tät von Ima­gi­nä­rem und Rea­lem hängt nur vom Fak­tum der Zahl ab, in­so­fern die­se bi­när ist, Eins oder Null, in­so­fern Eins nicht Null ist (11). Was meint das?

Auf­grund der drei Funk­tio­nen des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len glaubt ein be­stimm­tes We­sen, Mensch zu sein (12). Was meint hier „glaubt“? Dass der Be­griff des Men­schen letzt­lich auf das Zu­sam­men­wir­ken der drei Funk­tio­nen ver­weist?

Die Per­ver­sion zeich­net sich kei­nes­wegs da­durch aus, dass das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­näre und das Rea­le aus­ein­an­der­fal­len (12). Wer nimmt das an?

Im bor­ro­mäi­schen Vie­rer­kno­ten kön­nen die Rin­ge für das Sym­bo­li­sche und für das Sym­ptom aus­ge­tauscht wer­den (13). Wor­um geht es bei die­ser Aus­tausch­bar­keit? Ist die Aus­tausch­bar­keit der Rin­ge des Sym­bo­li­schen und des Sym­ptoms eine an­de­re Dar­stel­lungs­wei­se für das Ver­hält­nis zwi­schen S1 und S2?

Bei Joy­ce zeigt sich die Be­deu­tung der Va­ter­funk­ti­on dar­in, dass er letzt­lich für den Va­ter ver­ant­wort­lich ist, er muss den Va­ter stüt­zen, das stellt sich im Ulys­ses her­aus (14). In­wie­fern stellt sich im Ulys­ses her­aus, dass Joy­ce den Va­ter stüt­zen muss? 

Das Sche­ma des Her­ren­dis­kur­ses wird im Dia­gramm um eine Ach­tel­dre­hung im Uhr­zei­ger­sinn ge­dreht (14). Was be­deu­tet die Ach­tel­dre­hung des Her­ren­dis­kur­ses?

Ich habe La­cans Be­schrei­bung von Joy­ce als Künst­ler dem Her­ren­dis­kurs zu­ge­ord­net (14 f.). Ist das halt­bar?

La­can setzt S2 gleich mit der Spal­tung in Sym­bol und Sym­ptom (14 f.). Ist das eine Neue­rung des Sin­t­hom-Se­mi­nars?

Das Sub­jekt ist das, was von ei­nem Si­gni­fi­kan­ten für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert wird. Nun gibt es ein In­sis­tie­ren des Si­gni­fi­kan­ten. Ei­ner der bei­den Si­gni­fi­kan­ten fin­det sei­ne Stüt­ze im Sym­ptom (15). Ist dies der Si­gni­fi­kant, der das Sub­jekt re­prä­sen­tiert oder der­je­ni­ge, für den es re­prä­sen­tiert wird? Wie ist „Stüt­ze“ hier ge­meint: un­ter­schei­det sich der Si­gni­fi­kant vom Sym­ptom oder fällt er mit ihm zu­sam­men?

Sou­ry hat ge­zeigt, das man ei­nen To­rus in eine Art Guss­bla­se ein­schlie­ßen muss (15 f.). Wie­so muss ein To­rus in eine Guss­bla­se ein­ge­schlos­sen wer­den?

Die un­end­li­che Ge­ra­de steht für ei­nen drit­ten Ring, ge­nau­er ge­sagt für eine Art Kreis (16). Wo­für steht der durch die un­end­li­che Ge­ra­de dar­ge­stell­te drit­te Ring, für das Ima­gi­nä­re oder für das Rea­le?

LITERATURVERZEICHNIS

Das Ver­zeich­nis be­schränkt sich auf die in die­sem Bei­trag zi­tier­te oder er­wähn­te Li­te­ra­tur.

Die Über­set­zun­gen von Zi­ta­ten sind von Rolf Nemitz, falls nicht an­ders ver­merkt.

La­can, Sin­t­hom-Se­mi­nar

Ver­si­on NN
La­can: Le sin­t­home. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schi­ne, durch Fo­to­ko­pi­en ver­brei­tet. Auf die­se Ver­si­on be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, lin­ke Spal­te.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 1975 — 76. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Die­se Tran­skrip­ti­on wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wur­de die Va­ri­an­te vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 1976–77/Kleiner
Le sin­thom. 1975 – 1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Der Text ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Ers­te Spal­te: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­si­on NN/Kleiner), zwei­te Spal­te: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, drit­te Spal­te: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim La­can-Ar­chiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Da­tei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sin­t­hom-Kom­men­tars ist eine über­ar­bei­te­te Fas­sung von Ver­si­on NN/Kleiner; mit „Klei­ner-Über­set­zung“ ist die­se Ver­si­on ge­meint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 1975–1976. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Wei­te­re Tex­te von La­can

Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me, 4. Ok­to­ber 1975. In: Pas-tout La­can, PDF-Da­tei auf der Web­site der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se, S. 1672–1685, http://www.ecole-lacanienne.net/pictures/mynews/6D947CCD521655006B8FA1292DC92A37/Pas-tout%20Lacan.pdf

Du su­jet en­fin en ques­ti­on. In: J. La­can: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 229–236

Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 15–55

Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­dete Brief“. In: J. La­can: Schrif­ten I. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 7–60

Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. In: J. La­can: Schrif­ten I. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 71–169

Ich spre­che zu den Wän­den. Tu­ria und Kant, Wien 2013

Joy­ce le Sym­ptô­me I. In: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 161–169

Joy­ce le Sym­ptôme II. In: Jac­ques Au­bert (Hg.): Joy­ce avec La­can. Na­va­rin, Pa­ris 1987, S. 31–37

Kant mit Sade. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 133–163

L’acte psy­chana­ly­ti­que. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 375–383

L’étourdit. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 449–497

Pré­face à une thé­se. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 393–402 [Vor­wort zu Ani­ka Riff­let-Le­mai­re: Jac­ques La­can. Dessart, Brüs­sel 1970]

Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 561–563

Pro­po­si­tion du 9 oc­tobre 1967 sur le psy­chana­lyste de l’École. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 243–260

Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 165–204

Te­le­vi­si­on. In: J. La­can: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 55–95

Se­mi­na­re

Se­mi­nar 2 = Das Se­mi­nar, Buch II (1954–1955). Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1980

Se­mi­nar 3 = Das Se­mi­nar, Buch III (1955–1956). Die Psy­cho­sen. Über­setzt von Mi­cha­el Turn­heim nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1997

Se­mi­nar 4 = Das Se­mi­nar, Buch IV (1956/57). Die Ob­jekt­be­zie­hung. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Tu­ria und Kant, Wien 2003

Se­mi­nar 5 = Das Se­mi­nar, Buch V (1957–1958). Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Tu­ria und Kant, Wien 2006

Se­mi­nar 6 = Le sé­min­aire, li­v­re VI. Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­ti­on. 1958–1959. Tex­ter­stel­lung Jac­ques-Alain Mil­ler. La Mar­ti­niè­re, Pa­ris 2013

Se­mi­nar 7 = Das Se­mi­nar, Buch VII (1959–1960). Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1996

Se­mi­nar 8 = Das Se­mi­nar, Buch VIII (1960–1961). Die Über­tra­gung. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on in der zwei­ten, kor­ri­gier­ten Auf­la­ge von 2002. Pas­sa­gen, Wien 2008

Se­mi­nar 9 = L’identification. 1961–62. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­fer­la (staferla.free.fr), auf der Grund­la­ge der Ver­sio­nen JL, rue CB und Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 10 = Das Se­mi­nar, Buch X. Die Angst. 1962 – 1963. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Tu­ria und Kant, Wien 2010

Se­mi­nar 11 = Das Se­mi­nar, Buch XI (1964). Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1978

Se­mi­nar 14 = Lo­gi­que du fan­tas­me. 1966–67. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­fer­la (staferla.free.fr), auf der Grund­la­ge der Ver­sio­nen ELP, rue CB u.a. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 16 = Le sé­min­aire, li­v­re XVI. D’un Aut­re à l’autre. 1968–1969. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2006

Se­mi­nar 17 = Le sé­mi­na­re, li­v­re XVII. L’envers de la psy­chana­ly­se. 1969–1970. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1991

Se­mi­nar 18 = Le sé­min­aire, li­v­re XVIII. D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant. 1971. Text­her­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1991

Se­mi­nar 19 = Le sé­mi­na­re, li­v­re XIX. … ou pire. 1971–1971. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2011

Se­mi­nar 20 = Das Se­mi­nar, Buch XX (1972–1973). En­core. Über­setzt von Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger, nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1986

Se­mi­nar 21 = Les non-du­pes er­rent. 1973–74. Hg. v. der Web­site Sta­fer­la (staferla.free.fr), auf der Grund­la­ge ei­ner Ton­auf­nah­me so­wie der Tran­skrip­tio­nen auf den Web­sites Lu­te­ci­um und Gao­goa. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 22 = Se­mi­nar XXII. RSI. 1974–75. Über­setzt von Max Klei­ner auf der Grund­la­ge ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten vor­läu­fi­gen Ver­si­on. Her­aus­ge­ge­ben vom La­can-Ar­chiv Bre­genz 2012

An­de­re Au­to­ren

Aris­to­te­les: Ers­te Ana­ly­tik. Zwei­te Ana­ly­tik. Grie­chisch-deutsch. Or­ga­non Band 3/4. Über­setzt von Hans Gün­ter Zekl. Mei­ner, Ham­burg 1998

Au­bert, Jac­ques: In­tro­duc­tion à l’esthétique de Ja­mes Joy­ce. Di­dier, Pa­ris u.a. 1973 (engl. Über­set­zung: The Ae­s­thetics of Ja­mes Joy­ce. Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty Press 1992)

—: Joy­ce und Tho­mas von Aquin. Zur Äs­the­tik des Po­la­er No­tiz­buchs. In: Klaus Rei­chert, Fritz Senn (Hg.): Ma­te­ria­li­en zu Ja­mes Joy­ces „Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann“. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 290–303

—: No­tes de lec­tu­re. In: J. La­can: Le sé­mi­na­re, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 189–198

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Anmerkungen

  1. Das be­zieht sich auf die schrift­li­che Se­mi­nar­ankün­di­gung.
  2. Buck Mul­ligan sagt zu Ste­phen De­da­lus:

    – Cra­cked loo­king­glass of a ser­vant! Tell that to the oxy chap down­stairs and touch him for a gui­nea. Heʼs stin­king with mo­ney and thinks youʼ­re not a gen­tle­man. His old fel­low made his tin by sel­ling ja­lap to Zu­lus or some bloo­dy swind­le or other. God, Kinch, if you and I could only work to­ge­ther we might do so­me­thing for the is­land. Hel­le­ni­se it.“ (J. Joy­ce: Ulys­ses. Pen­guin Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Pen­guin Clas­sics“), S. 6

    Der ge­bors­te­ne Spie­gel ei­nes Dienst­mäd­chens. Er­zähl das doch mal dem och­si­gen Schnö­sel da un­ten und hau ihn um eine Gui­nee an. Der stinkt doch vor Geld, und für ei­nen Gen­tle­man hält er dich so­wie­so nicht. Sein al­ter Herr hat den Zu­lus Ja­la­pen an­ge­dreht oder sonst ei­nen dre­cki­gen Schwin­del und da­mit sein Moos ge­macht. Gott, Kinch, wenn wir bei­de bloß zu­sam­men­ar­bei­ten könn­ten, wir wür­den viel­leicht was tun für die In­sel! Sie hel­le­ni­sie­ren.“ (J. Joy­ce: Ulys­ses. Über­setzt von Hans Woll­schlä­ger. Suhr­kamp 1979, S. 12) 

  3. Das Gä­li­sche oder Iri­sche ist die ur­sprüng­lich in Ir­land ge­spro­che­ne Spra­che. Un­ter der eng­li­schen Ko­lo­ni­al­herr­schaft wur­de es zu ei­ner Min­der­hei­ten­spra­che. Im Ulys­ses be­klagt Ste­phen die Un­ter­drü­ckung des Iri­schen durch das Eng­li­sche; in die­sem Ro­man und in Fin­ne­gans Wake er­schei­nen im­mer wie­der Bruch­stü­cke des Iri­schen. „Der Künst­ler in Joy­ce war mit As­pek­ten der eng­li­schen Spra­che un­zu­frie­den“ (De­clan Ki­berd: In­tro­duc­tion. In: Joy­ce: Ulys­ses. Pen­gu­in Books, Lon­don 2000, S. IX-LXXX, hier: S. XXXVIII).

    In der Re­pu­blik Ir­land ist das Iri­sche heu­te die of­fi­zi­el­le Erst­spra­che, in Nord­ir­land eine of­fi­zi­ell an­er­kann­te Min­der­hei­ten­spra­che.

  4. Das Al­teng­li­sche wur­de vom Kel­ti­schen, vom La­tei­ni­schen und, sehr stark, vom Fran­zö­si­schen be­ein­flusst.Der Be­griff der Kon­sis­tenz wur­de in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, zur Be­schrei­bung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens ein­ge­führt, er meint dort den Zu­sam­men­halt ei­nes ein­ze­nen Rings in sich oder der ge­sam­ten Ver­bin­dung al­ler Rin­ge. Hier geht es um die Nicht-Kon­sis­tenz ei­ner be­stimm­ten Form des Sym­bo­li­schen: ei­ner be­stimm­ten Spra­che.
  5. Joy­ces Haupt­wer­ke: Dub­li­ners (1914), A por­trait of the ar­tist as a young man (1916), Ulys­ses (1922), Fin­ne­gans Wake (1939).
  6. Sollers schreibt statt „les lan­gues“ (die Spra­chen) „lé­lan­gues“. „Les lan­gues“ und „lé­lan­gues“ sind ho­mo­phon; „lé­lan­gues“ ist ein Neo­lo­gis­mus, viel­leicht mit ei­ner An­spielng auf élan, den Elan.

    Der Schrift­stel­ler Phil­ip­pe Sollers, der La­cans Se­mi­na­re be­such­te, hat zu­sam­men mit Ste­phen He­ath Pas­sa­gen aus Fin­ne­gans Wake über­setzt, ver­öf­fent­licht in Tel Quel Nr. 54. Auf dem Joy­ce-Sym­po­si­um hat er meh­re­re Bei­trä­ge ge­hal­ten, die in Tel Quel un­ter dem Ti­tel Joy­ce et Cie. zu­sam­men­ge­fasst wur­den (Tel Quel Nr. 64, No­vem­ber 1975, S. 15–24). Ei­nen Aus­zug aus Joy­ce et Cie fin­det man hier, eine eng­li­sche Über­set­zung ist: Phil­ip­pe Sollers: Joy­ce & Co. In: D. Hay­man, E. An­der­son (Hg.): In the Wake of the Wake. Uni­ver­si­ty of Wis­con­sin Press, Ma­di­son u.a. 1978.

    Sollers schreibt in Joy­ce et Cie.:

    Pour la plu­part, en ce mo­ment, nous par­lons ang­lais. Mais je vous de­man­de sim­ple­ment si vous avez con­sci­ence que, de­puis que Fin­ne­gans Wake a été écrit, l’anglais n’existe plus. Il n’existe plus en tant que lan­gue auto-suf­fi­san­te, pas plus d’ailleurs qu’aucune aut­re lan­gue. Joy­ce in­tro­du­it un re­port per­ma­nent du sens de lan­gue à lan­gues, d’énoncé à énon­cés, de ponc­tua­lité de su­jet d’énonciation à sé­ries.“ (mei­ne Her­vor­he­bung)

    Der­zeit spre­chen wir meist eng­lisch. Aber ich fra­ge Sie ganz ein­fach, ob Ih­nen be­wusst ist, dass das Eng­li­sche, seit Fin­ne­gans Wake ge­schrie­ben wor­den ist, nicht mehr exis­tiert. Es exis­tiert nicht mehr als sich selbst ge­nü­gen­de Spra­che, so we­nig üb­ri­gens wie ir­gend­ei­ne an­de­re Spra­che. Joy­ce führt eine per­ma­nen­te Be­zie­hung des Sinns von Spra­che zu Spra­chen ein, von Aus­sa­ge zu Aus­sa­gen, der Punk­tua­li­tät des Sub­jekts der Äu­ße­rung zu Se­ri­en.“

    Das Eng­li­sche“ exis­tiert also in­so­fern nicht mehr, als es nicht mehr als eine sich selbst ge­nü­gen­de Spra­che exis­tiert; es ist nicht mehr ein ge­schlos­se­nes Sys­tem, son­dern be­zieht sich auf an­de­re Spra­chen. Man könn­te auch sa­gen: „Das“ Eng­li­sche exis­tiert nicht, so wie La­can sagt, „Die“ Frau exis­tiert nicht.

  7. In ei­ner ma­ni­schen Epi­so­de ist die ge­ho­be­ne Stim­mung häu­fig mit Red­se­lig­keit oder Re­de­zwang ver­bun­den; so etwa nach dem DSM-IV TR.
  8. Ab 1902 ver­sam­mel­te sich im Hau­se Freuds re­gel­mä­ßig eine „Psy­cho­lo­gi­sche Mitt­woch-Ge­sell­schaft“. Sie wur­de 1908 in „Wie­ner Psy­cho­ana­ly­ti­sche Ver­ei­ni­gung“ um­be­nannt; zu die­sem Zeit­punkt hat­te sie 22 Mit­glie­der. Das of­fi­zi­el­le Grün­dungs­da­tum ist der 12. Ok­to­ber 1910. Zu den Mit­glie­dern ge­hör­ten u.a. Karl Abra­ham, Al­fred Ad­ler, Lud­wig Binswan­ger, San­dor Fe­ren­c­zi, Carl Jung, Otto Rang und Sa­bi­na Spiel­rein. Vgl. Her­mann Nun­berg, Ernst Fe­dern (Hg.): Pro­to­kol­le der Wie­ner Psy­cho­ana­ly­ti­schen Ver­ei­ni­gung. 1906–1918. Bd. I-IV. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1976–1981.– Karl Fal­lend: Son­der­lin­ge, Träu­mer, Sen­si­ti­ve. Psy­cho­ana­ly­se auf dem Weg zur In­sti­tu­ti­on und Pro­fes­si­on. Pro­to­kol­le der Wie­ner Psy­cho­ana­ly­ti­schen Ver­ei­ni­gung und bio­gra­phi­sche Stu­di­en. Gey­er, Wien 1995.
  9. Oder „Ap­pe­ler“
  10. Ver­si­on NN schreibt „que le nom­mé“, von Klei­ner mit „dass das Be­nann­te“ über­setzt. Mil­ler 2005 hört wie NN und fügt zur Ver­deut­li­chung „hom­me“ hin­zu, Mensch/Mann, (das Wort ist nicht auf dem Band); zu­sam­men er­gibt das „que le nom­mé hom­me“, „dass ge­nann­ter Mensch“. Ich fin­de die Sta­fer­la-Les­art (que le „nom­mer“) am plau­si­bels­ten; sie passt am bes­ten zur Be­nen­nungs­pro­ble­ma­tik.
  11. Die bi­bli­sche Schöp­fungs­ge­schich­te er­zählt von zwei Ar­ten von Be­nen­nun­gen, de­nen durch Gott und de­nen durch den Men­schen. Gott voll­zieht die Schöp­fung, in­dem er spricht.

    Dann sprach Gott: Ein Ge­wöl­be ent­ste­he mit­ten im Was­ser und schei­de Was­ser von Was­ser. Gott mach­te also das Ge­wöl­be und schied das Was­ser un­ter­halb des Ge­wöl­bes vom Was­ser ober­halb des Ge­wöl­bes. So ge­schah es.“ (Ge­ne­sis 1, 6–7, hier und im Fol­gen­den Ein­heits­über­set­zung)

    Von die­sem Spre­chen wird ein Akt der Na­mens­ge­bung durch Gott un­ter­schie­den, z.B.:

    Und Gott nann­te das Ge­wöl­be Him­mel.“ (Ge­ne­sis 1, 8) 

    Die von Gott aus­drück­lich voll­zo­ge­nen Na­mens­ge­bun­gen sind „Tag“ und „Nacht“, „Him­mel“, „Erde und „Meer“. Die von Gott vor­ge­nom­me­nen Be­nen­nun­gen wer­den von La­can nicht zum The­ma ge­macht.

    Spä­ter er­teilt Gott dem Men­schen (Adam) ei­nen Be­nen­nungs­auf­trag:

    „Gott, der Herr, form­te aus dem Acker­bo­den alle Tie­re des Fel­des und alle Vö­gel des Him­mels und führ­te sie dem Men­schen zu, um zu se­hen, wie er sie be­nen­nen wür­de. Und wie der Mensch je­des le­ben­di­ge We­sen be­nann­te, so soll­te es hei­ßen. Der Mensch gab Na­men al­lem Vieh, den Vö­geln des Him­mels und al­len Tie­ren des Fel­des.“ (Ge­ne­sis 2, 19–20)

    Der Schöp­fungs­my­thos un­ter­schei­det drei Tier­grup­pen: Gott hat die Was­ser­tie­re, die Land­tie­re und die Vö­gel ge­schaf­fen; die Be­nen­nung durch den Men­schen be­schränkt sich auf die Land­tie­re und die Vö­gel.

  12. Joy­ces Fin­ne­gans Wake be­ginnt (mit­ten im Satz) mit „ri­ver­run, past Eve and Adam’s …“.
  13. Charles San­ders Peirce un­ter­schei­det drei Zei­chen­ar­ten oder bes­ser Zei­chen­funk­tio­nen: iko­ni­sche, sym­bo­li­sche und in­de­xi­ka­li­sche Zei­chen. Dies ent­spricht, wie La­can spä­ter in Se­mi­nar 23 her­vor­hebt, La­cans Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren, dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len (Sit­zung vom 16. März 1976; Ver­si­on Mil­ler, S. 120 f.). Ge­meint ist also die Be­zie­hung zum Rea­len.
  14. Klei­ner ver­weist in sei­ner Über­set­zung auf das Pa­lin­drom „Ma­dam, I’m Adam“. Im Ulys­ses er­scheint es zu­sam­men mit ei­nem wei­te­ren Pa­lin­drom:

    Le­ne­han bo­wed to a shape of air, an­noun­cing: – Ma­dam, I’m Adam. And Able was I ere I saw Elba.“ (Ae­o­lus-Epi­so­de, Pen­gu­in-Clas­sic-Aus­ga­be, S. 174; Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1975, S. 192)

    Auch in Fin­ne­gans Wake gibt es ei­nen Über­gang von „Adam“ zu „Ma­dam“:

    when Adam was del­vin and his ma­dame­en spin­ning wa­ter­silts“ (S. 21),

    eine Um­for­mung von „when Adam del­ved and Eve span“ (Als Adam grub und Eva spann); aus „Eva“ wird „ma­dame­en“, eine An­spie­lung auf die Re­gis­te­r­a­rie in Mo­zarts Don Gio­van­ni, die im Ita­lie­ni­schen mit „Ma­dami­na“ be­ginnt (im Deut­schen mit „Schö­ne Don­na“, im Eng­li­schen mit „My dear lady“). (Die­se In­for­ma­tio­nen sind aus Ra­pha­el Sle­pons FAAW.)

  15. L’Evie“ ent­hält vie: Le­ben.
  16. Das He­bräi­sche war in der Zeit, als die Bi­bel ver­fasst wur­de, eine sa­kra­le Schrift­spra­che, die nicht mehr ge­spro­chen wur­de – ge­spro­chen wur­de das Ara­mäi­sche. Ist das ge­meint?
  17. La­can spielt hier mit dem Dop­pel­sinn des fran­zö­si­schen Wor­tes „lan­gue“: (a) Spra­che, (b) Zun­ge.
  18. Faux-pas (Fehl­tritt) ist ho­mo­phon mit faut-pas (darf-nicht). Klei­ners Vor­la­ge NN tran­skri­biert mit „faux-pas“, Sta­fer­la und Mil­ler 2005 tran­skri­bie­ren „faut-pas“.
  19. Von Eva
  20. La­can ver­wan­delt „ser­pent“ (Schlan­ge) in „ser­re-fes­ses“, Klei­ner fin­det hier­für die Über­set­zung „Arsch­ba­cken-Klem­me“; rück­wir­kend ver­wan­delt sich hier­durch „ser­pent“ in „ser­re-pan“ (Mau­er-Klem­me, Schoß­klem­me – Schoß im Sin­ne von Rock­schoß; vgl. Klei­ner in den An­mer­kun­gen zur Über­set­zung).
  21. Faut-pas: darf-nicht; faux-pas: Fehl­tritt. Il ne faut pas: man darf nicht, es ist ver­bo­ten.
  22. Die Rede von der ers­ten Schuld er­in­nert an den la­tei­ni­schen Be­griff pec­ca­tum ori­gi­na­le (wört­lich „ur­sprüng­li­che Sün­de“, frz. pé­ché ori­gi­nel, dt. Erb­sün­de). Die­ser Be­griff fin­det sich zu­erst bei Au­gus­ti­nus in Ad Sim­pli­cia­num (396 n. Chr.).
  23. das Auf­hö­ren der Kas­tra­ti­on“ im Sin­ne von „das Auf­hö­ren, näm­lich die Kas­tra­ti­on“. Die Kas­tra­ti­on be­steht in ei­nem Auf­hö­ren.
  24. Sa­voir-fai­re“ heißt wört­lich „Zu-tun-Wis­sen“. Das Fran­zö­si­sche un­ter­schei­det „sa­voir“ und „sa­voir-fai­re“, was im Eng­li­schen der Un­ter­schei­dung zwi­schen „kno­wing that“ und „kno­wing how“ ent­spricht, zwi­schen ei­nem Wis­sen, das ab­ge­fragt wer­den kann, und ei­nem Wis­sen, das sich dar­in zeigt, dass man et­was tun kann, dass man et­was „zu tun weiß“, etwa Fahr­rad­fah­ren. Im Deut­schen wird das Be­griffs­paar meist mit „Wis­sen und Kön­nen“ über­setzt oder auch mit „Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten“.
  25. Er­gän­zung von Mil­ler in Ver­si­on Mil­ler 2005.
  26. Viel­leicht ist ge­meint: So­kra­tes hielt sich für un­sterb­lich, viel­leicht aber auch: So­kra­tes ak­zep­tiert zu ster­ben, da­mit die Po­lis lebe; er re­du­ziert sich ganz und gar auf die sym­bo­li­sche Di­men­si­on – auf die sym­bo­li­sche Ord­nung der Po­lis – und ist in­so­fern kein le­ben­di­ger Mensch.
  27. Pla­tons Dia­log Phai­don han­delt von So­kra­tes am Tag der Hin­rich­tung. So­kra­tes wur­de an die­sem Tag von Freun­den und Ver­wand­ten be­sucht; er ließ Xan­thip­pe we­gen ih­res Jam­merns fort­brin­gen. Phai­don be­rich­tet:

    Als wir nun hin­ein­tra­ten, fan­den wir den So­kra­tes eben ent­fes­selt, und Xan­thip­pe (du kennst sie doch), sein Söhn­chen auf dem Arm hal­tend, saß ne­ben ihm. Als uns Xan­thip­pe nun sah, weh­klag­te sie und re­de­te al­ler­lei der­glei­chen, wie die Frau­en pfle­gen, wie: »O So­kra­tes, nun re­den die­se dei­ne Freun­de zum letz­ten­ma­le mit dir, und du mit ih­nen!« Da wen­de­te sich So­kra­tes zum Kri­ton und sprach: »O Kri­ton, laß doch je­mand die­se nach Hau­se füh­ren!« Da führ­ten ei­ni­ge von Kri­tons Leu­ten sie ab, heu­lend und sich übel ge­bär­dend.“ (Sei­te 734 der Ste­pha­nus-Zäh­lung, Schlei­er­ma­cher-Über­set­zung)

    Da­nach tritt So­kra­tes in ei­nen Dia­log über das Fort­le­ben der See­le nach dem Tode ein.

  28. von Aris­to­te­les
  29. πας (pas), dt.: alle.– Das Wort „alle“ hat im Grie­chi­schen drei gram­ma­ti­sche Ge­schlech­ter: Mas­ku­li­num: pas; Fe­mi­ni­num: pasa; Neu­trum: pan. Das lässt sich mit der De­kli­na­ti­on von „je­der“ im Deut­schen ver­glei­chen: „je­der“, „jede“, „je­des“.
  30. Mit „äqui­vok“ ist die Laut­ähn­lich­keit von grie­chisch „mē pas“ (nicht al­les) und fran­zö­sisch „mais pas“ (aber nicht) ge­meint.
  31. Pour l’instant“ heißt „im Mo­ment“; „pour l’instance“ heißt „hin­sicht­lich der In­stanz / des Drän­gens“. Die For­mu­lie­rung spielt an auf La­cans Auf­satz von 1957, L’instance de la lett­re dans l’inconscient ou la rai­son de­puis, auf deutsch: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 15–55.
  32. Etwa ei­nen Mo­nat vor die­ser Sit­zung hat­te La­can in ei­nem Vor­trag er­klärt:

    Un cer­tain Saint Tho­mas d’Aquin – c’est un saint hom­me lui aus­si, et même un sym­ptô­me – a écrit quel­que cho­se qui s’appelle De ente et es­sen­tia.“

    Ein ge­wis­ser Hei­li­ger Tho­mas von Aquin – auch er ist ein Hei­li­ger Mann / un saint hom­me, und so­gar ein Sym­ptom, hat et­was ge­schrie­ben was sich De ente et es­sen­tia nennt.“ (Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me, 4. Ok­to­ber 1975. In: Pas-tout La­can, PDF-Da­tei auf der Web­site der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se, S. 1672–1685, hier: S. 1677)

    Tho­mas von Aquin ist für La­can ein Sym­ptom.

  33. Der jun­ge Joy­ce hat­te die Ab­sicht, eine Ab­hand­lung über Äs­the­tik zu ver­fas­sen, aus­ge­hend von ei­ni­gen Tex­ten von Tho­mas von Aquin. Vgl. J. Joy­ce: Oeu­vres, Bd. 1. Hg. v. J. Au­bert. Gal­li­mard, Pa­ris 1996, S. 735 f., 1003 (Hin­weis von Jac­ques Au­bert in ders.: No­tes de lec­tu­re. In: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 189–198, hier: S. 190). Vgl. auch Jac­ques Au­bert: Joy­ce und Tho­mas von Aquin. Zur Äs­the­tik des Po­la­er No­tiz­buchs. In: Klaus Rei­chert, Fritz Senn (Hg.): Ma­te­ria­li­en zu Ja­mes Joy­ces „Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann“. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S.290–303.
  34. La­can be­zieht sich hier auf: Jac­ques Au­bert: In­tro­duc­tion à l’esthétique de Ja­mes Joy­ce. Di­dier, Pa­ris u.a. 1973 (engl. Über­set­zung: The Ae­s­thetics of Ja­mes Joy­ce. Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty Press 1992).
  35. cla­ri­tas (..) Glanz des Seins“

    Tho­mas von Aquin zu­fol­ge hat die Schön­heit drei As­pek­te: in­te­gri­tas, con­so­nan­tia, cla­ri­tas (Ganz­heit­lich­keit, Zu­sam­men­klang, Klar­heit). In Joy­ces A por­trait of the ar­tist as a young man nimmt der Prot­ago­nist, Ste­phen, hier­auf Be­zug:

    —To fi­nish what I was say­ing about be­au­ty, said Ste­phen, the most sa­tis­fy­ing re­la­ti­ons of the sen­si­ble must the­re­fo­re cor­re­spond to the ne­cessa­ry pha­ses of ar­tis­tic ap­pre­hen­si­on. Find the­se and you find the qua­li­ties of uni­ver­sal be­au­ty. Aqui­nas says: AD PULCRITUDINEM TRIA REQUIRUNTUR INTEGRITAS, CONSONANTIA, CLARITAS. I trans­la­te it so: THREE THINGS ARE NEEDED FOR BEAUTY, WHOLENESS, HARMONY, AND RADIANCE. Do the­se cor­re­spond to the pha­ses of ap­pre­hen­si­on? Are you fol­lo­wing?“ (Ver­si­on Pro­ject Gu­ten­berg, hier.)

    – Um zu Ende zu brin­gen, was ich über die Schön­heit sa­gen woll­te, sag­te Ste­phen, so müs­sen also die be­frie­di­gen­den Re­la­tio­nen des Sen­si­blen den not­wen­di­gen Pha­sen der künst­le­ri­schen Wahr­neh­mung kor­re­spon­die­ren. Fin­de die, und du fin­dest die Qua­li­tä­ten der uni­ver­sa­len Schön­heit. Der Aqui­na­te sagt: ad pul­c­ritu­di­nem tria re­quir­un­ter, in­te­gri­tas, con­so­nan­tia, cla­ri­tas. Ich über­set­ze das so: Drei­er­lei ist der Schön­heit we­sent­lich, Ganz­heit, Har­mo­nie und Aus­strah­lung. Kor­re­spon­die­ren die­se den Pha­sen der Wahr­neh­mung? Kannst du fol­gen?“ (Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­setzt von Klaus Rei­chert. In: Joy­ce: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251–534, hier: S. 486.)

    Ste­phen bzw. Joy­ce über­setzt also „cla­ri­tas“ mit „ra­dian­ce“ (in Rei­cherts Über­set­zung: „Aus­strah­lung“). La­can über­setzt „ra­dian­ce“ mit „splendeur“ (Glanz) und er­gänzt „d’être“, Glanz des Seins.

  36. Home Rule, „Hei­mat-Herr­schaft“, „Herr­schaft über die Hei­mat“, na­tio­na­le Selbst­be­stim­mung. Der na­tio­na­le Be­frei­ungs­kampf der Iren ge­gen die eng­li­sche Herr­schaft wur­de im Na­men der Home Rule ge­führt.
  37. An­spie­lung auf eine Pas­sa­ge im Ulys­ses, die sich auf das Freeman’s Jour­nal be­zieht, eine na­tio­na­lis­ti­sche iri­sche Zei­tung.

    Pro­bab­ly not a bit like it re­al­ly. Kind of stuff you read: in the track of the sun. Sun­burst on the tit­le­page. He smi­led, plea­sing him­s­elf. What Ar­thur Grif­fith said about the head­pie­ce over the FREEMAN lea­der: a home­ru­le sun ri­sing up in the nor­thwest from the la­ne­way be­hind the bank of Ire­land. He pro­lon­ged his plea­sed smi­le. Ikey touch that: home­ru­le sun ri­sing up in the north-west.“ (Pen­gu­in Clas­sics 2000, S. 68)

    Wahr­schein­lich ja kein biß­chen so in Wirk­lich­keit. Ir­gend so ein Zeug bloß, was du mal ge­le­sen hast: Auf den Spu­ren der Son­ne. Der Sun­burst auf dem Ti­tel­blatt: Auf­gang des Glan­zes. Er lä­chel­te selbst­zu­frie­den. Was Ar­thur Grif­fith von der Kopf­leis­te über dem Free­man-Leit­ar­ti­kel sag­te: eine Home­ru­le-Son­ne, die im Nord­wes­ten aus der Gas­se hin­ter der Bank von Ir­land auf­geht. Er ver­län­ger­te sein zu­frie­de­nes Lä­cheln. Hat di­rekt ein biß­chen was It­zi­ges an sich: Home­ru­le-Son­ne, die im Nord­wes­ten auf­geht.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1975, S. 81) 

  38. Sin­t­home à rou­let­te, As­so­nanz zu Sin­t­Home-Rule. Meint ver­mut­lich „ein Sym­ptom, das gut läuft“.
  39. Le sin­t­home madaquin und le sin­t­home rule.
  40. Die Schreib­wei­se von sym­ptô­me wur­de zu sin­t­home ver­scho­ben, aus sin­t­home wur­de das sin­t­home madaquin und das sin­t­home rule.
  41. An­spie­lung auf das grie­chi­sche Wort hai­re­sis, das „Wahl“ be­deu­tet. Das er­in­nert an Freuds Be­griff der Neu­ro­sen­wahl.

    Mil­ler er­läu­tert die Pas­sa­ge so: Joy­ce wählt das sin­t­home rule, ge­gen das sin­t­home madaquin, ge­gen die Or­tho­do­xie, und wird so zum Hä­re­ti­ker; vgl. Jac­ques-Alain Mil­ler: Noti­ce de fil en ai­guil­le. In: J. La­can: Le sé­mi­na­re, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. Seuil, Pa­ris 2005, S. 199–248, hier: S. 208 f.

  42. Grie­chisch für „Wahl“.
  43. au bout de quoi il n’a plus soif, wört­lich: an des­sen Ende er kei­nen Durst mehr hat. (An­mer­kung von Klei­ner in sei­ner Über­set­zung)
  44. Es gibt hier drei Tran­skrip­ti­ons­mög­lich­kei­ten. (a) Sta­fer­la und Mil­ler tran­skri­bie­ren „Fé­ni­an“. (b) Au­bert macht ei­nen an­de­ren Vor­schlag: „Der Va­ter von Joy­ce war we­ni­ger fé­ni­an (fe­nisch) als viel­mehr feignant (faul).“ (Au­bert, No­tes de lec­tu­re, a.a.O., S. 190) „Fé­ni­an“ und „feignant“ sind ho­mo­phon; viel­leicht han­delt es sich auch um eine ge­ziel­te Äqui­vo­ka­ti­on. (c) „fái­néant“ (eben­falls „faul“).
  45. soû­lo­gra­phe. Sel­te­ner Aus­druck, der viel­leicht eine Be­zie­hung zum Ge­schrie­be­nen (gra­phe) an­deu­ten soll; wel­che, ist un­klar.
  46. Va­ter von Ja­mes Joy­ce war John Sta­nis­laus Joy­ce, 1849 – 1931.

    Als Fe­ni­er wer­den die An­hän­ger der iri­schen Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung Mit­te des 19. Jahr­hun­derts be­zeich­net; dem­nach wäre der Va­ter ein iri­scher Na­tio­na­list. Ell­mann er­wähnt, dass sich John Joy­ce wäh­rend der Stu­di­en­zeit in Cork mit dem Fe­nia­nis­mus ein­ließ (Ri­chard Ell­mann: Ja­mes Joy­ce. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979, S. 38).

  47. Was ist mit den zwei Fa­mi­li­en ge­meint?

    (a) Klei­ner weist in sei­ner Über­set­zung dar­auf hin, dass die Fe­ni­er 1858/59 in zwei Tei­len ge­grün­det wur­den, der (ge­hei­men) Irish Re­pu­bli­can Bro­ther­hood in Dub­lin und der Fe­ni­an Bro­ther­hood in New York. Die­se Deu­tung setzt vor­aus, dass die Tran­skrip­ti­on „fé­ni­an“ rich­tig ist.

    (b) Viel­leicht be­zieht sich La­can hier aber auch auf die Ver­wand­ten auf Sei­ten des Va­ters ei­ner­seits und auf Sei­ten der Mut­ter an­de­rer­seits. Ell­manns Joy­ce-Bio­gra­phie be­ginnt so:

    “Ste­phen De­da­lus sag­te, die Fa­mi­lie sei ein Netz, an dem er vor­bei­flie­gen wol­le, Ja­mes Joy­ce aber zog es vor, sich selbst und sei­ne Wer­ke in die­sem Netz zu ver­stri­cken. Sei­ne Ver­wand­ten er­schei­nen in sei­nen Bü­chern un­ter leicht durch­schau­ba­ren Mas­ken. Im all­ge­mei­nen kom­men da­bei die Trä­ger des Na­mens Joy­ce bes­ser weg als die Fa­mi­lie müt­ter­li­cher­seits: die Mur­rays. Mit die­sem et­was ein­sei­ti­gen Vor­ge­hen wan­delt Joy­ce in den Fuß­stap­fen sei­nes Va­ters, der sich ein­mal dar­über be­klag­te, der Name Mur­ray be­lei­di­ge sei­ne Nase, wäh­rend vom Klang des Na­mens Joy­ce ein be­rau­schen­der Wohl­ge­ruch aus­ge­he.” (Ell­mann, a.a.O., S. 31)

    Dann wäre „de deux fa­mil­les“ nicht auf den Va­ter zu be­zie­hen, son­dern auf den Sohn. „… ei­nem mehr oder we­ni­ger fenianischen/faulen, d.h. fa­na­ti­schen Va­ter, von zwei Fa­mi­li­en …“.

  48. Das An­ge­zo­gen­wer­den durch das bio­lo­gi­sche Ge­gen­ge­schlecht ist nichts Na­tür­li­ches, das ist für La­can eine der grund­le­gen­den Ein­sich­ten der Psy­cho­ana­ly­se – es gibt kein (na­tür­li­ches) se­xu­el­les Ver­hält­nis; der Aus­druck „na­tür­lich“ ist an die­ser Stel­le des­halb un­an­ge­mes­sen.
  49. Da­mit ist hier ge­meint, dass die Funk­ti­on des Phal­lus bei ihm un­zu­rei­chend aus­ge­bil­det war, wohl nicht pri­mär im Sin­ne von Im­po­tenz, son­dern im Sin­ne der Über­tra­gung des männ­li­chen Sym­bols vom Va­ter auf dem Sohn. Vgl. Mi­cha­el Turn­heim: La­cans sin­t­home. In: Ders.: Mit der Ver­nunft schla­fen. dia­pha­nes, Zü­rich, Ber­lin 2009, S. 55–75, hier: S. 61. Viel­leicht ist aber auch die erek­ti­le Dys­funk­ti­on ge­meint – nur: wo­her soll­te La­can dar­über et­was wis­sen?
  50. Die Kunst springt dort ein, wo die Phal­lus-Funk­ti­on aus­fällt.
  51. Das fran­zö­si­sche Wort hé­ré­sie ist ho­mo­phon mit RSI, La­cans Ab­kür­zung für die Tria­de von Rea­lem, Sym­bo­li­schem und Ima­gi­nä­rem.
  52. Klei­ner zi­tiert in den An­mer­kun­gen zu sei­ner Über­set­zung Ell­mann:

    ‚War­um ha­ben Sie das Buch (Fin­ne­gans Wake) ge­ra­de so ge­schrie­ben?‘ woll­te je­mand an­de­res wis­sen. ‚Um die Kri­ti­ker drei­hun­dert Jah­re lang zu be­schäf­ti­gen.‘“ (Ell­mann, a.a.O., S. 1033)

    Und zum fran­zö­si­schen Über­set­zer des Ulys­ses, der den Plan des Bu­ches ha­ben woll­te, sag­te Joy­ce:

    Wenn ich al­les so­fort preis­gä­be, wür­de ich mei­ne Un­sterb­lich­keit ver­lie­ren. Ich habe so vie­le Rät­sel und Ge­heim­nis­se hin­ein­ge­steckt, dass es die Pro­fes­so­ren jahr­hun­der­te­lang in Streit dar­über hal­ten wird, was ich wohl ge­meint habe, und nur so si­chert man sich sei­ne Un­sterb­lich­keit.“ (Ell­mann, a.a.O., S. 773) 

  53. Mehr zur Ge­fahr der ato­ma­ren Zer­stö­rung sagt La­can in Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 278 f.
  54. La­can spricht das Wort mit ei­nem h im An­laut aus, wie in der Ton­auf­nah­me zu hö­ren ist.
  55. La­can spricht auch hier ein h im An­laut, er ver­wen­det also das eng­li­sche Wort hero.
  56. Das aus­ge­spro­che­ne h am An­fang des deut­schen Worts „Herr“ ver­bie­tet das „cet“ (mit aus­ge­spro­che­nen t), das man im Fran­zö­si­schen vor ei­nem Aus­druck im Mas­ku­li­num ver­wen­det, der mit h be­ginnt.
  57. La­can ver­wen­det hier das eng­li­sche Wort, wie die Ton­auf­nah­me zeigt. Dass Joy­ce sich, wie vie­le Au­to­ren, als Held be­grif­fen hat, ist eine The­se von Mau­rice Bee­be, auf des­sen Ar­ti­kel The ar­tist as hero sich La­can wei­ter un­ten zu­stim­mend be­zieht.
  58. Ti­tel von Joy­ces ers­tem Ro­man, 1904/05 ge­schrie­ben, 1944 pos­tum ver­öf­fent­licht.
  59. A por­trait of the ar­tist as a young man: zwei­ter Ro­man von Joy­ce, 1914 bis 1916 ver­öf­fent­licht, auf ei­ner Um­ar­bei­tung von Ste­phen Hero be­ru­hend.
  60. Das be­zieht sich, Au­bert zu­fol­ge, auf die von La­can in der An­kün­di­gung des Se­mi­nars emp­foh­le­ne Aus­ga­be von „Ein Por­trät des Künst­lers“: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Vi­king Cri­ti­cal Li­bra­ry, New York 1968 (vgl. Au­bert, No­tes de lec­tu­re, a.a.O., S. 191).
  61. Mil­ler zu­fol­ge ist sie die Se­kre­tä­rin der Éco­le freu­dien­ne de Pa­ris (vgl. Jac­ques-Alain Mil­ler: Noti­ce de fil en ai­guil­le, a.a.O., S. 210), Rou­di­nes­co be­zeich­net sie als de­ren Bi­blio­the­ka­rin (vgl. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 1996, S. 606).
  62. Frz. cri­ti­cis­me, zu­gleich das eng­li­sche Wort cri­ti­cism, (Literatur-)Kritik, Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft; der Aus­druck er­scheint im Un­ter­ti­tel der Aus­ga­be von „Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann“, auf die La­can ver­weist.
  63. Ge­meint ist Mau­rice Bee­be.
  64. In An­der­sons Aus­ga­be von Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann, auf die La­can sich be­zieht, fin­det man: Mau­rice Bee­be, „The ar­tist as hero“, S. 340–357, aus M. Bee­be: Ivo­ry towers and sa­c­red founts. New York Uni­ver­si­ty Press 1964; im In­ter­net hier.
  65. Die An­der­son-Aus­ga­be von A Por­trait ent­hält: Hugh Ken­ner, „The Por­trait in per­spec­tive“, S. 416–439, aus: H. Ken­ner: Dublin’s Joy­ce. In­dia­na Uni­ver­si­ty Press und Chat­to und Win­dos, Bloo­m­ing­ton 1956, im In­ter­net hier.
  66. In­halts­ver­zeich­nis im In­ter­net hier.
  67. An­mer­kung Klei­ner: d’un pas de clerc: un­nüt­zes und kom­pro­mit­tie­ren­des Vor­ge­hen; clerc meint wört­lich den ju­ris­ti­schen No­vi­zen.
  68. Das könn­te sich auf die Se­mi­nar­ankün­di­gung mit der An­ga­be der An­der­son-Aus­ga­be von A por­trait of the ar­tist be­zie­hen.
  69. Ge­meint sind Ko­pi­en von An­der­sons Aus­ga­be von A por­trait of the ar­tist.
  70. Mau­rice Bee­be zu­fol­ge ist Joy­ces Ro­man nicht ein Por­trät ei­nes Künst­lers, son­dern ein Por­trät des Künst­lers (a.a.O., S. 343); er ver­weist dar­auf, dass Künst­ler sich ih­rer In­di­vi­dua­li­tät rüh­men, dass sich aber die Künst­ler in den vie­len Por­trät-des-Künst­lers-Ro­ma­nen sehr ähn­lich sind: emp­find­sam, in­tro­ver­tiert, pas­siv, geis­tes­ab­we­send usw., a.a.O., S. 342 f.
  71. La­can deu­tet im Fol­gen­den das Suf­fix -ment (-wei­se) als Verb ment (lügt), com­me-ment heißt dann: „wie-lügt“.
  72. réel­le­ment, von La­can ge­deu­tet als Kom­po­si­tum aus réel­le, real, und ment, lügt.
  73. Das Men­ta­le ist für La­can das Ima­gi­nä­re; vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 47.
  74. La­can kommt hier auf hero in Ste­phen Hero zu­rück.
  75. Bee­be ver­weist auf eine Pas­sa­ge in A por­trait of the ar­tist, in der Ste­phen De­da­lus den Künst­ler mit dem Schöp­fer­gott ver­gleicht:

    The myste­ry of es­thetic like that of ma­te­ri­al crea­ti­on is ac­com­plished. The ar­tist, like the God of the crea­ti­on, re­mains wi­t­hin or be­hind or bey­ond or above his han­di­work, in­vi­si­ble, re­fi­ned out of exis­tence, in­dif­fe­rent, pa­ring his fin­ger­nails.“ (An­der­son-Aus­ga­be, a.a.O., S. 215)

    Das Mys­te­ri­um der äs­the­ti­schen Schöp­fung ist voll­bracht wie das der ma­te­ri­el­len. Der Künst­ler, wie der Gott der Schöp­fung, bleibt in oder hin­ter oder jen­seits oder über dem Werk sei­ner Hän­de, un­sicht­bar, aus der Exis­tenz hin­aus­sub­li­miert, gleich­gül­tig, und ma­ni­kürt sich die Fin­ger­nä­gel.“ (Rei­chert-Über­set­zung, a.a.O., S. 490)

    Der letz­te Satz des Ro­mans lau­tet:

    Old fa­ther, old ar­ti­fi­cer, stand me now and ever in good ste­ad.“ (An­der­son-Aus­ga­be, a.a.O., S. 253)

    Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex, steh hin­ter mir, jetzt und im­mer­dar.“ (Rei­chert-Über­set­zung, a.a.O., S. 533)

  76. Viel­leicht ist Fol­gen­des ge­meint: Wenn der Pa­ti­ent sich mit je­man­dem ver­gleicht und com­me sagt, „wie“ (z.B. „Je par­le com­me mon père“, „Ich spre­che wie man Va­ter“), ver­weist das auf eine Iden­ti­fi­zie­rung; eine Iden­ti­fi­zie­rung ist eine „Lüge“, Ab­wehr ei­nes Be­geh­rens; der Ana­ly­ti­ker muss sich da­vor hü­ten, sol­che Iden­ti­fi­zie­run­gen zu ver­stär­ken.
  77. Das fran­zö­si­sche Wort lan­gue be­deu­tet so­wohl „Spra­che“ als auch „Zun­ge“.
  78. Die For­mu­lie­rung be­zieht sich auf das am Sinn ori­en­tier­te Spre­chen (le dit), im Ge­gen­satz zu den Äu­ße­run­gen des Un­be­wuss­ten (le dire).
  79. Mit dem Aus­druck „kon­trol­lie­ren“ be­zieht La­can sich auf die so­ge­nann­te Kon­trollana­ly­se, also die Su­per­vi­si­on ei­nes Psy­cho­ana­ly­ti­kers, der An­fän­ger ist, durch ei­nen er­fah­re­ne­ren Psy­cho­ana­ly­ti­ker.
  80. An­spie­lung auf Die Nas­hör­ner von Eu­gè­ne Io­nes­co, im Ori­gi­nal: Rhi­no­cé­ros, Er­zäh­lung von 1957, Thea­ter­stück von 1959. Die Ein­woh­ner ei­ner Stadt ver­wan­deln sich in Nas­hör­ner, bis auf den Prot­ago­nis­ten Bé­ren­ger (in der deut­schen Über­set­zung: Beh­rin­ger) und sei­ne Freun­din Da­i­sy. Da­i­sy be­zwei­felt, dass sie bei­de das Recht ha­ben, Men­schen zu blei­ben, da die Mehr­heit sich in Nas­hör­ner ver­wan­delt hat und die Mehr­heit im­mer recht habe.
  81. Ils ont en ef­fet tou­jours rai­son, sie ha­ben tat­säch­lich im­mer rai­son. Rai­son meint Ver­stand, Ver­nunft, Grund. (a) La­can gibt ih­nen im­mer recht, (b) sie ge­hen ver­nünf­tig vor, ra­tio­na­lis­tisch.
  82. qui ré­son­ne, „das Re­so­nanz gibt“. La­can spielt mit der Laut­ähn­lich­keit von rai­son, Ver­stand, und ré­son­ne, gibt Re­so­nanz, was Klei­ner mit „re­so­niert“ wie­der­zu­ge­ben ver­sucht. Die Schrei­bung ré­son statt rai­son geht auf Fran­cis Pon­ge zu­rück (Pour un Mal­her­be, 1952); vgl. den Hin­weis von Hans-Die­ter Gon­dek in J. La­can: Ich spre­che zu den Wän­den. Tu­ria und Kant, Wien 2013, S. 109 Fn. 86/17.
  83. Der Freud­sche Be­griff „Trieb“ wird mit „in­stinct“ oder mit „dri­ve“ ins Eng­li­sche über­setzt. Schon in den ers­ten Se­mi­na­ren kri­ti­siert La­can die Über­set­zung mit „in­stinct“; der Ein­wand, den er im­mer wie­der vor­bringt, lau­tet: der In­stinkt­be­griff setzt eine Um­welt­an­pas­sung der se­xu­el­len Stre­bun­gen vor­aus, die beim Men­schen – da er spricht – nicht ge­ge­ben ist.
  84. con­son­ne, von La­can neu ge­bil­de­tes Verb zu con­so­nan­ce, “Klang”, also „zu­sam­men­klin­ge“. Für Tho­mas von Aquin ist die con­so­nan­tia (der „Zu­sam­men­klang“, „Ein­klang“) eine der drei Merk­ma­le der Schön­heit.
  85. bou­cher, ver­stop­fen, ver­schlie­ßen, ist eine An­spie­lung auf den Mund, bou­che, wie La­can spä­ter in die­ser Sit­zung aus­drück­lich er­klärt.
  86. Mit Blick ist hier der Blick als Ob­jekt a ge­meint. Der Blick als Ob­jekt a wur­de von La­can eben­falls in Se­mi­nar 9, Die Angst, ein­ge­führt, in der Sit­zung vom 8. Mai 1963. An­ders als das Ohr ist die Au­gen­öff­nung ver­schließ­bar.
  87. More geo­me­tri­co

    More geo­me­tri­co“ be­sagt meist, dass die Theo­rie be­an­sprucht, nach Art von Eu­klids Ele­men­ten auf­ge­baut zu sein, d.h. in Form ei­ner zwin­gen­den Ab­lei­tung, aus­ge­hend von obers­ten Sät­zen, die evi­dent sind, d.h. die ohne Be­grün­dung je­der­mann ein­leuch­ten (Axio­men, Prin­zi­pi­en). Spi­no­zas Ethik (1677) hat im la­tei­ni­schen Ori­gi­nal den Ti­tel Ethi­ca, or­di­ne geo­me­tri­co de­mons­tra­ta, Ethik, nach geo­me­tri­scher Me­tho­de dar­ge­legt. La­can be­zieht sich im Fol­gen­den al­ler­dings nicht auf den de­duk­ti­ven Auf­bau, son­dern auf die Be­zie­hung zwi­schen Geo­me­trie und und dem mensch­li­chen Kör­per als Maß; vgl. Se­mi­nar 13, Das Ob­jekt der Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 4. Mai 1966.

    Zu Spi­no­zas more geo­me­tri­co hat­te La­can sich in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, so ge­äu­ßert:

    Ein Spi­no­za brüs­te­te sich da­mit, nach dem von den Al­ten vor­ge­ge­be­nen Mo­dell wei­ter­zu­spin­nen, zu de­du­zie­ren. Die­ses more geo­me­tri­co de­fi­niert ei­nen im ei­gent­li­chen Sin­ne ma­the­ma­ti­schen In­tui­ti­ons­mo­dus, der sich kei­nes­wegs von selbst ver­steht. Der Punkt, die Li­nie wer­den von ei­ner Fik­ti­on an­ge­zet­telt, und eben­so die Flä­che, die sich nur durch den Spalt auf­recht­erhält, durch eine Bruch­stel­le, die da­durch ge­kenn­zeich­net ist, dass sie zwei Di­men­sio­nen hat – aber da die Li­nie eine Di­men­si­on nur ist, in­so­fern sie im ei­gent­li­chen Sin­ne ohne Kon­sis­tenz ist, be­sagt es nicht viel, wenn man eine wei­te­re hin­zu­fügt. Und die drit­te, die sich durch eine Lot­rech­te zur Flä­che auf­rich­tet, ist eben­falls sehr selt­sam. Das ist nichts als Abs­trak­ti­on, ge­grün­det auf ei­nen Sä­ge­schnitt. Wie, ohne zum Seil zu­rück­zu­fin­den, die­se Kon­struk­ti­on zu­sam­men­hal­ten las­sen? An­de­rer­seits ha­ben sich die­se Din­ge si­cher­lich nicht durch Zu­fall so er­ge­ben. Si­cher­lich gibt es da eine Not­wen­dig­keit, die her­rührt von der Schwä­che ei­nes Hand­we­sens, Homo fa­ber, wie man ge­sagt hat. Aber war­um ist die­ser Homo fa­ber, der ma­ni­pu­liert, der webt und spinnt, zum Punkt ge­langt, zur Li­nie, zur Flä­che, ohne beim Kno­ten ste­hen­zu­blei­ben? Viel­leicht steht das in Zu­sam­men­hang mit ei­ner Ver­drän­gung. Ist die­ses Ver­dräng­te das ur­sprüng­li­che, das Ur­ver­dräng­te*, das, was Freud als das Un­zu­gäng­li­che des Un­be­wuß­ten be­zeich­net?“ (Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 34)

    Und et­was spä­ter im sel­ben Se­mi­nar:

    Dies, um sie spü­ren zu las­sen, was ich dar­un­ter ver­ste­he, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Ge­wiß gebe ich dem Wort Ver­hält­nis den Sinn Pro­por­ti­on, aber der mos geo­me­tri­cum (sic) Eu­klids, der so lan­ge Zeit als das Mus­ter an Lo­gik er­schien, ist völ­lig un­zu­rei­chend. So gibt es, wenn man sich auf die Fi­gur des Kno­tens ein­läßt, eine ganz an­de­re Wei­se, das Nicht­ver­hält­nis der Ge­schlech­ter dar­zu­stel­len – zwei Krei­se als un­ver­knüpf­te.“ (Sit­zung vom 13. Mai 1974, Klei­ner-Über­set­zung S. 74) 

  88. Pla­tons Ter­mi­ni für die Idee sind die grie­chi­schen Wör­ter ei­dos und idea; ei­dos, Bild, ist für La­can eine gute Über­set­zung für das Ima­gi­nä­re (Se­mi­nar 20, Sit­zung vom 11. März 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 41); im La­tei­ni­schen heißt die Pla­ton­sche Idee for­ma, Form, Ge­stalt.
  89. Ge­meint sind Eu­klids Ele­men­te (ca. 3. Jh. v. Chr.), ein Werk, das die geo­me­tri­schen Ob­jek­te und die na­tür­li­chen Zah­len un­ter­sucht und das, von De­fi­ni­tio­nen, Pos­tu­la­ten und Axio­men aus­ge­hend, de­duk­tiv auf­ge­baut ist: das Vor­bild für ei­nen Theo­rie­auf­bau more geo­me­tri­co.
  90. Das Kör­per­bild lie­fert den Um­riss, die Dif­fe­renz von Fi­gur und Hin­ter­grund; drei­di­men­sio­nal auf­ge­fasst ist das ein Sack.– Den Be­griff der Bla­se ver­wen­det Freud in Jen­seits des Lust­prin­zips: „Stel­len wir uns den le­ben­den Or­ga­nis­mus in sei­ner größt­mög­li­chen Ver­ein­fa­chung als un­dif­fe­ren­zier­tes Bläs­chen reiz­ba­rer Sub­stanz vor, dann ist sei­ne der Au­ßen­welt zu­ge­kehr­te Ober­flä­che durch ihre Lage selbst dif­fe­ren­ziert und dient als rei­z­auf­neh­men­des Or­gan.“ (Freud: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 236)
  91. Zum fre­ne­ti­schen Nar­ziss­mus des Zwangs­neu­ro­ti­kers vgl. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 218. Man den­ke an die be­kann­ten Ord­nungs- und Sau­ber­keits­zwän­ge des Zwangs­neu­ro­ti­kers; sie be­ru­hen dem­nach auf der be­son­ders star­ken Bin­dung an die ge­schlos­se­ne Ge­stalt, an die Ein­heit des Kör­per­bil­des.
  92. Vgl. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 320.
  93. Der Frosch platzt; vgl. La Fon­tai­ne, „Der Frosch, der groß sein will wie ein Och­se“, Fa­beln, Buch 1, Fa­bel 3.
  94. Ge­org Can­tor, 1845–1918.
  95. Mit dem Sack in der Men­gen­leh­re ist die Men­ge ge­meint; sie wird durch eine Um­riss­li­nie ver­an­schau­licht, drei­di­men­sio­nal durch ei­nen Sack.
  96. Der Hin­weis er­in­nert an Witt­gen­steins Be­haup­tung, der Be­weis sei ein Bild. Vgl.: Lud­wig Witt­gen­stein: Be­mer­kun­gen über die Grund­la­gen der Ma­the­ma­tik (1956). Hg. v. G.E.M. An­s­com­be. Werk­aus­ga­be, Bd. 6. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1986, Teil 4, Nr. 21, S. 235, „Das Bild als Be­weis“.
  97. Die fran­zö­si­schen Wör­ter pot (Topf) und peau (Haut) sind ho­mo­phon.
  98. La­can be­zieht das deut­sche Wort „Be­griff“ auf den Griff, das In-die-Hand-Neh­men (vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 40; Sit­zung vom 18. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 50). Can­tors an­fäng­li­cher Ter­mi­nus für die Men­ge ist nicht „Be­griff“, son­dern „In­be­griff“.
  99. Der Be­zug von il ist un­klar. Das Pro­no­men kann sich auf die Zahl be­zie­hen, auf das Ima­gi­nä­re und auf das Rea­le.
  100. Das wird von Mil­ler so er­klärt: Das Aus­gangs­paar ist die Eins als Ein­zel­strich und die lee­re Men­ge: 1, ∅. Die Men­ge, {}, kommt als Drit­tes hin­zu, das er­gibt: {1, ∅} (vgl. Mil­ler, Noti­ce de fil en ai­guil­le, a.a.O., S. 215, Über­set­zung hier).
  101. Mil­ler tran­skri­biert mit “Aut­re”.
  102. Die ers­te Men­ge ist ver­mut­lich die Null­men­ge oder lee­re Men­ge, ∅, das an­de­re die 1.
  103. NN tran­skri­biert „fai­tes“.
  104. Das Wort „fait“ kann auf zwei Wei­sen aus­ge­spro­chen wer­den, ohne oder mit t.
  105. La­can re­fe­riert hier die klas­si­sche Ety­mo­lo­gie des grie­chi­schen Worts sym­bo­lon: Das sym­bo­lon war ein in Tei­le ge­bro­che­nes Er­ken­nungs­zei­chen un­ter Freun­den (etwa ein Ring), das nur die­se bei ei­nem spä­te­ren Tref­fen wie­der rich­tig zu­sam­men­set­zen konn­ten. Sym­ball­ein heißt „zu­sam­men­fü­gen“.
  106. Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat sind bei­de Si­gni­fi­kan­ten – das The­ma ist also wei­ter­hin das Si­gni­fi­kan­ten­paar, S2.
  107. Ar­bi­tra­ri­tät des Zei­chens

    La­can spielt hier auf Saus­su­res The­se vom ar­bi­trä­ren Cha­rak­ter des Zei­chens an, im Sin­ne der will­kür­li­chen, be­lie­bi­gen Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat. Die­se The­se wird von La­can (wie schon von Ja­kobson) ab­ge­lehnt; sie be­ruht, ihm zu­fol­ge, auf der Stüt­zung des Uni­ver­si­täts­dis­kur­ses durch den Her­ren­si­gni­fi­kan­ten. In Ra­dio­pho­nie (1970) schreibt er:

    Es, dies Be­son­de­re [der Spra­che], als ar­bi­trär qua­li­fi­zie­ren, ist Lap­sus, den Saus­su­re be­gan­gen hat, dar­aus daß, wi­der­wil­lig ge­wiß, aber da­durch um so mehr dem Stol­pern aus­ge­setzt, er sich da ‚ver­schanz­te‘ (denn man bringt mir bei, daß das ein Wort von mir ist) hin­ter dem uni­ver­si­tä­ren Dis­kurs, von dem ich ge­zeigt habe, daß der Hehl eben die­ser Si­gni­fi­kant ist, der den Dis­kurs des Herrn be­herrscht, den des Ar­bi­trä­ren.“ (J. La­can: Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 14)

    Der Hehl ist im Sche­ma der Dis­kurs­for­meln der Platz un­ten links, der der ver­bor­ge­nen Wahr­heit; im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät ist an die­sem Platz der Her­ren­si­gni­fi­kant. Zur Kri­tik am Be­griff der Ar­bi­tra­ri­tät vgl. auch Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 24.

    Der Schieds­spruch (ar­bi­tra­ge) ist nicht be­lie­big (ar­bi­trai­re).

    Bei Saus­su­re heißt es:

    Pre­mier princi­pe: l’arbitraire du si­gne“: „Le lien unisssant le si­gni­fi­ant au si­gni­fié est ar­bi­trai­re, ou en­core, puis­que nous en­ten­dons par si­gne le to­tal ré­sul­tant de l’association d’un si­gni­fi­ant à un si­gni­fié, nous pou­vons dire plus sim­ple­ment : le si­gne lin­gu­is­tique est ar­bi­trai­re*.“ (Fer­di­nand de Saus­su­re: Cours de lin­gu­is­tique gé­né­ra­le. Pu­blié par Charles Bail­ly et Al­bert Séche­haye. Édi­ti­on cri­tique pré­pa­rée par Tu­lio de Mau­ro. Édi­ti­ons Payot & Ri­va­ges, Pa­ris 1995, S. 100)

    Zu deutsch:

    Ers­ter Grund­satz: Be­lie­big­keit des Zei­chens“. „Das Band, wel­ches das Be­zeich­ne­te mit der Be­zeich­nung ver­knüpft, ist be­lie­big; und da wir un­ter Zei­chen das durch die as­so­zia­ti­ve Ver­bin­dung ei­ner Be­zeich­nung mit ei­nem Be­zeich­ne­ten er­zeug­te Gan­ze ver­ste­hen, so kön­nen wir da­für auch ein­fa­cher sa­gen: das sprach­li­che Zei­chen ist be­lie­big.“ (F. de Saus­su­re: Grund­la­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Über­setzt von Pe­ter von Po­lenz. Wal­ter de Gruy­ter, Ber­lin 2. Aufl. 1967, S. 79)

  108. Joy­ce ver­wen­det den Aus­druck vier Mal in „Fin­ne­gans Wake“: S. 337, 481, 543, 556; vgl. die Web­site von Ra­pha­el Sle­pon, Fin­ne­gans Wake Ex­ten­si­ble Treasa­ry, www.fweet.org. In A por­trait und im Ulys­ses wird das Wort nicht ver­wen­det. Au­bert ver­mu­tet, dass La­can sich hier auf eine Sze­ne in der zwei­ten Epi­so­de von Ulys­ses be­zieht, in der Mr. Dea­sy in ei­nen Streit zwi­schen Schü­lern ein­greift (Au­bert, No­tes de lec­tu­re, a.a.O., S. 191; vgl. Joy­ce, Ulys­ses, Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 42).
  109. Ge­meint sind hier of­fen­bar nicht nur die Zah­len 1 und 2, son­dern auch S1 und S2.
  110. In den Se­mi­nar-23-Ver­sio­nen von Sta­fer­la und Mil­ler „dis­tincts“, Kor­rek­tur nach der Ton­auf­nah­me.
  111. Glo­ria Gon­zá­lez ist La­cans Se­kre­tä­rin.
  112. Mil­ler deu­tet den letz­ten Satz der Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on so, dass La­can hier auf ei­nen Vie­rer­kno­ten mit an­de­rer Plät­tung ver­weist. Die­se neue Plät­tung des Vie­rer­kno­tens ist – an­ders als die in der vor­her­ge­hen­den Ab­bil­dung – sym­me­trisch. Sym­me­trisch meint: der lin­ke ver­mit­teln­de Ring (der rote) ver­läuft ab­wech­selnd über und un­ter dem lin­ken äu­ße­ren Ring (den blau­en), für den rech­ten ver­mit­teln­den Ring (den schwar­zen) gilt im Ver­hält­nis zum rech­ten äu­ße­ren Ring (dem grü­nen) das­sel­be.
  113. Am 13. Ja­nu­ar 1976 heißt es im Sin­t­hom-Se­mi­nar über Ste­phen De­da­lus: „Es ist sein Va­ter, an den er die­ses Ge­bet rich­tet, sein Va­ter, der sich ge­ra­de da­durch aus­zeich­net, dass er, na ja, wir kön­nen ihn letzt­lich so nen­nen, ein un­wür­di­ger Va­ter ist, ein aus­fal­len­der Va­ter, ei­ner, den er im gan­zen Ulys­ses in Ge­stal­ten su­chen wird, in de­nen er ihn nicht im ge­rings­ten Maße fin­det, weil es of­fen­kun­dig ir­gend­wo ei­nen Va­ter gibt, näm­lich Bloom, ei­nen Va­ter, der sich ei­nen Sohn sucht. Aber Ste­phen ent­geg­net ihm ein „Ohne mich, bei dem Va­ter, den ich ge­habt habe, da­von habe ich die Nase voll, kei­nen Va­ter mehr. Und vor al­lem ist die­ser Bloom, die­ser frag­li­che Bloom, nicht ver­lo­ckend.“ (Klei­ner-Über­set­zung, S. 58)
  114. Ste­phen De­da­lus ist die Haupt­per­son in Ste­phen der Held und in Ein Por­trät des Künst­lers als Jun­ger Mann so­wie eine der bei­den Haupt­fi­gu­ren in Ulys­ses (in Ste­phen der Held wird der Nachnna­me an­ders ge­schrie­ben, als „Da­eda­lus“). Die­ser Name ver­weist auf das Hand­werk: in den grie­chi­schen My­then ist Dai­da­los der ge­nia­le Hand­wer­ker und Er­fin­der.
  115. Die For­mu­lie­rung „my coun­try“ fin­det sich nicht in Ein Por­trät, je­doch mehr­fach im Ulys­ses. Viel­leicht be­zieht La­can sich auf die­se Stel­le:

    Mr Bloom hal­ted be­hind the foreman’s spa­re body, ad­mi­ring a glos­sy crown. Stran­ge he ne­ver saw his real coun­try. Ire­land my coun­try.“ (Pen­gu­in Clas­sics 2000, S. 150)

    Mr Bloom blieb hin­ter dem Kör­per des Fak­tors ste­hen, eine glän­zen­de Glat­ze be­wun­dernd. Ko­misch, sei­ne wirk­li­che Hei­mat hat der nie ge­se­hen. Ir­land mein Va­ter­land.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1979, S. 167)

  116. Der vor­letz­te Satz des Ro­mans lau­tet:

    “Wel­co­me, O life, I go to en­coun­ter for the mil­lionth time the rea­li­ty of ex­pe­ri­ence and to for­ge in the smit­hy of my soul the un­crea­ted con­sci­ence of my race.”

    Rei­chert über­setzt so:

    “Will­kom­men, Le­ben! Als Mil­li­ons­ter zieh ich aus, um die Wirk­lich­keit der Er­fah­rung zu fin­den und in der Schmie­de mei­ner See­le das un­ge­schaff­ne Ge­wis­sen mei­nes Vol­kes zu schmie­den.” (A.a.O., S. 284 f.)

    La­can über­setzt „con­sci­ence“ (Gewissen/Bewusstsein) mit es­prit und nä­hert den Be­griff so He­gels Geist­be­griff an (im Fran­zö­si­schen es­prit), aber auch dem des Hei­li­gen Geis­tes (saint es­prit) und da­mit der Drei­heit Va­ter, Sohn und Hei­li­ger Geist.

  117. Ein Te­tra­eder ist ein Vier­fläch­ner, eine Py­ra­mi­de mit drei­ecki­ger Grund­flä­che. La­can ver­wen­det den Aus­druck an­ders, im Sin­ne von „vier­glied­ri­ges Ob­jekt“.
  118. Ver­si­on NN hört „état“, die Ton­auf­nah­me er­mög­licht kei­ne Ent­schei­dung.
  119. In­sis­tie­ren: es hört nicht auf, ge­schrie­ben zu wer­den. Es geht also um den Mo­dus der Not­wen­dig­keit.
  120. Sym­bol“ meint hier „Sym­bo­li­sches“; in der Fol­ge­sit­zung spricht La­can vom fal­schen Loch zwi­schen dem Sym­ptom und dem Sym­bo­li­schen.
  121. Pierre Sou­ry, mit La­can be­freun­de­ter Ma­the­ma­ti­ker, ge­bo­ren 1936. Vgl. zu Sou­ry: E. Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Kie­pen­heu­er & Witsch 1996, S. 536–541.
  122. Je­der ein­zel­ne Ring ei­nes phy­si­schen bor­ro­mäi­schen Kno­tens ist ein To­rus. Eine Guss­bla­se ist ein Hohl­raum in ei­nem Stück Me­tall, wäh­rend des Gieß­vor­gangs durch eine Gas­bla­se ent­stan­den.
  123. Ver­si­on NN liest “Sup­po­sez”.
  124. Cir­cu­ler meint auch „wei­ter­fah­ren“, la cir­cu­la­ti­on ist der Ver­kehr. „Cir­cu­ler!“ ist der ty­pi­sche Be­fehl ei­nes Ver­kehrs­po­li­zis­ten.
  125. Über die Po­li­zei schreibt He­gel in den Grund­li­ni­en der Phi­lo­so­phie des Rechts, §§ 231–249 (vgl. den Hin­weis von Mil­ler in Ver­si­on Mil­ler 2005, S. 215). „Po­li­zei“ (ge­schrie­ben „Po­li­cey“) ist der äl­te­re deut­sche Aus­druck für das, was man heu­te „Ver­wal­tung“ nennt. Mit der „Form“, in der He­gel die Po­li­zei ge­se­hen hat, ist ver­mut­lich die Dia­lek­tik ge­meint.
  126. Borromäischer Knoten mit vier Überschneidungsbereichen KopieErst drei Rin­ge bil­den zu­sam­men also ein ech­tes Loch. Die­ses von drei Rin­gen ge­mein­sam ge­bil­de­te Loch ist das Ob­jekt a, wie in Se­mi­nar 22 aus­ge­führt wird. Vgl. die ne­ben­ste­hen­de Zeich­nung aus Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler 2005, S. 72.
  127. Vgl. J. La­can: Ich spre­che zu den Wän­den. Tu­ria und Kant, Wien u. a. 2013, S. 18.
  128. Ver­si­on Mil­ler, S. 127, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 151, Über­set­zung ge­än­dert.
  129. J. La­can: L’étourdit. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 449–497, hier: S. 490.
  130. Mi­cha­el Turn­heim: La­cans sin­t­home. In: Ders.: Mit der Ver­nunft schla­fen. dia­pha­nes, Zü­rich und Ber­lin 2009, S. 55–75, hier: S. 64.
  131. Es­saim, Num­mer 29 vom Herbst 2012, hier.
  132. Vgl. etwa den Bal­ti­more-Vor­trag (vgl. den Kom­men­tar hier) oder Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1971, Über­set­zung in die­sem Blog hier.
  133. Vgl. J. La­can: Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­dete Brief“. In: ders.: Schrif­ten I. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 7–60, hier: S. 24.
  134. Vgl. Ver­si­on Mil­ler 2007, S. 113.
  135. Vgl. Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 41.
  136. Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 377.– Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in Piè­ces déta­chées. Se­mi­nar 2004/05. In: La Cau­se freu­dien­ne 60–63, 2005–2006, Sit­zung vom 19. Ja­nu­ar 2005, S. 57.
  137. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310.
  138. Schrif­ten I, S. 48 ff.
  139. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 402.
  140. Vgl. Se­mi­nar 5.
  141. Se­mi­nar 9, zu­erst am 17. Ja­nu­ar 1962.
  142. Zu­erst am 11. Ja­nu­ar 1967.
  143. Zu­erst Ver­si­on Mil­ler, S. 31.
  144. Zu­erst Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 111.
  145. Sit­zung vom 12. No­vem­ber 1958.
  146. Kant mit Sade. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 133–163, hier: S. 145.
  147. Vgl. Sit­zung vom 14. De­zem­ber 1966.
  148. Sit­zung vom 13. Mai 1975.
  149. Vgl. Mil­ler, Noti­ce de fil en ai­guil­le, a.a.O., S. 202 f.
  150. Vgl. Se­mi­nar 19, Sit­zung vom 1. Juni 1972; Ver­si­on Mil­ler, S. 209.
  151. Vgl. Se­mi­nar 19, Sit­zung vom 1. Juni 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 207.
  152. Den ge­sam­ten Aus­druck fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 19, Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 1972; Ver­si­on Mil­ler, S. 39.
  153. Vgl. etwa S. Freud: Über die all­ge­meins­te Er­nied­ri­gung des Lie­bes­le­bens (1912). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 208.
  154. Vgl. Jac­ques-Alain Mil­ler: Piè­ces déta­chées. Cours 2004/05, Sit­zung vom 8. De­zem­ber 2004, Tran­skrip­ti­on S. 33.
  155. Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 123.
  156. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 550.
  157. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 202.
  158. Sit­zung vom 4. Mai 1972; Ver­si­on Mil­ler, S. 155.
  159. Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971.
  160. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 23. April 1974.
  161. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 217.
  162. Se­mi­nar 2, a.a.O., S. 217.
  163. Se­mi­nar 2, a.a.O., S. 217.
  164. Se­mi­nar 20, Sit­zung vom 16. Ja­nu­ar 1973; Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 45 f.
  165. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  166. Sit­zung vom 11. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 41.
  167. Die­se Zu­ord­nung nimmt La­can spä­ter in Se­mi­nar 23 vor; vgl. Sit­zung vom 16. März 1976, Ver­si­on Mil­ler, S. 120 f.
  168. Sit­zung vom 5. April 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 74.
  169. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975.
  170. Im Vor­wort zu Frank We­de­kinds Früh­lings­er­wa­chen schreibt La­can 1974:

    Freud hat her­aus­ge­fun­den, dass das, was er Se­xua­li­tät nennt, im Rea­len Loch macht.“ (J. La­can: Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 562).

    Im sel­ben Jahr heißt es in Se­mi­nar 21:

    Aber wir wis­sen al­les, weil al­les – wir er­fin­den ein truc, ein Dings­da, ei­nen Trick, um das Loch im Rea­len zu stop­fen. Da, wo es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, ruft das ein Trau­ma her­vor. Man er­fin­det! Man er­fin­det was man kann na­tür­lich.“ (Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974)

    Das Loch im Rea­len be­steht dar­in, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Wir wis­sen also nicht al­les. Die Il­lu­si­on, al­les zu wis­sen be­ruht auf et­was dem Phan­tas­ma. Das Loch im Sym­bo­li­schen be­steht im Inzestverbot[1. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 15. April 1975.

  171. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975.
  172. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 565–570.
  173. S. Freud: Über Trie­bum­set­zun­gen, ins­be­son­de­re der Ana­lero­tik (1917). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 126.
  174. Vgl. S. Freud: Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 250.
  175. Vgl. J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. In: J. La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 165–204, hier: S. 193 f.
  176. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975; Ver­si­on Sta­fer­la, Schluss, nicht in der Klei­ner-Über­set­zung.
  177. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 255–258.
  178. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 104.
  179. Sit­zung vom 16. Juni 1965.
  180. Vgl. J. La­can: Die lo­gi­sche Zeit und die As­ser­ti­on der an­ti­zi­pier­ten Ge­wiss­heit. Ein neu­es So­phis­ma (1945). Übers. v. Hans-Joa­chim Metz­ger. In: J.L.: Schrif­ten III. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten u.a. 1980, S. 123–171.
  181. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974.
  182. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 15. Ja­nu­ar 1974.
  183. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 9. April 1974
  184. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. De­zem­ber 1958.
  185. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. De­zem­ber 1958, so­wie die Dia­gram­me in Ver­si­on Mil­ler, S. 113, 142.
  186. La­can, L’étourdit, a.a.O., S. 447.
  187. Vgl. S. Freud: Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 2000, S. 237.
  188. Vgl. Sit­zung vom 10. Juni 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 196.
  189. Vgl. Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 25.] Da­mit be­zie­hen sich die bei­den lin­ken Plät­ze auf die klas­si­sche Op­po­si­ti­on von Wahr­heit und Schein. Alle vier Dis­kurs­ar­ten ge­hen also vom Schein aus und sind in die­sem Sin­ne „vom Schein“.

    Der Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, ist der von La­can an­ge­ziel­te Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se. Im Mit­tel­punkt die­ses Dis­kur­ses steht, dass es kein Ge­schlechts­ver­hält­nis gibt.

    Der Be­griff „Schein“ (sem­blant) meint eine ima­gi­nä­re Fi­gu­ra­ti­on, die den Man­gel im An­de­ren ka­schiert. Im Feld der Psy­cho­ana­ly­se be­zieht sich der Man­gel im An­de­ren auf das se­xu­el­le Ver­hält­nis – es gibt im Un­be­wuss­ten kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die An­zie­hung durch das bio­lo­gi­sche Ge­gen­ge­schlecht her­bei­führt. Das Feh­len des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses wird durch die ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Klei­dung, den ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Ha­bi­tus usw. ka­schiert, die da­mit die Funk­ti­on des Scheins über­neh­men.

    Wahrheit (4)

    Zu: „Ist es eine Un­mög­lich­keit, dass die Wahr­heit zu ei­nem Pro­dukt des Kön­nens wird, des Sa­voir-fai­re?“ (4)

    Wahr­heit be­zieht sich, La­can zu­fol­ge, auf Sinn:

    Wahr ist nur, was ei­nen Sinn hat.“[note]Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 9. März 1976; Ver­sion Mil­ler, S. 116; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 118.

  190. Du su­jet en­fin en ques­ti­on. In: J. La­can: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 229–236, hier: S. 234.
  191. A.a.O.
  192. Vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 21.
  193. Vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 40.
  194. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 394.
  195. Vgl. Sit­zung vom 25. Juni 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 398.
  196. Vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 101.
  197. Vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 219.
  198. Vgl. Se­mi­nar 16, Ver­si­on Mil­ler, S. 398.
  199. Klei­ner-Über­set­zung, S. 47.
  200. Vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 34.
  201. Sit­zung vom 3. Juni 1964; Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 229.
  202. Ab der ers­ten Sit­zung die­ses Se­mi­nars, 13. No­vem­ber 1968.
  203. Zu­erst in Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 25. Juni 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 398.
  204. Zu­erst Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 101. Die Zu­ord­nung zwi­schen dem S1 und dem Herrn fin­det man be­reits in der letz­ten Sit­zung von Se­mi­nar 16 (25. Juni 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 398), dort wird je­doch noch nicht der Aus­druck „si­gni­fi­ant maît­re“ ver­wen­det.
  205. Vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 110, 134–137.
  206. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975; Ver­si­on Sta­fer­la, S. 173; vgl. Ver­si­on NN/Kleiner, S. 45.
  207. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975.
  208. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 39.
  209. Vgl. Mil­ler, Noti­ce de fil en ai­guil­le, a.a.O., S. 207 f., § 4.
  210. Jac­ques Brun­schwig: La pro­po­si­ti­on par­ti­cu­liè­re et les preu­ves de non-con­clu­an­ce chez Aris­to­te. In: Ca­hiers pour l’analyse, Nr. 10, 1969, S. 3–26.
  211. Aris­to­te­les: Ers­te Ana­ly­tik. Zwei­te Ana­ly­tik. Grie­chisch-deutsch. Or­ga­non Band 3/4. Über­setzt von Hans Gün­ter Zekl. Mei­ner, Ham­burg 1998.
  212. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 220.
  213. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1959, Ver­si­on Mil­ler, S. 275.
  214. J. La­can: Te­le­vi­si­on. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 55–95, zum Hei­li­gen: S. 70–72.
  215. Du su­jet en­fin en ques­ti­on (1966), in: Ecrits, S. 235.
  216. Vgl. Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 100.
  217. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974.
  218. Klei­ner-Über­set­zung, S. 2.
  219. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  220. Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974; Klei­ner-Über­set­zung S. 3 f., Über­set­zung ge­än­dert
  221. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 243–260, hier: S. 243.
  222. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 9. April 1974.
  223. Vor­trag von 1953, ver­öf­fent­licht 1956, in: J. La­can: Schrif­ten I. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 71–169, hier: S. 131, „III. Die Re­so­nanz (ré­so­nan­ce) der In­ter­pre­ta­ti­on und die Zeit des Sub­jekts in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Tech­nik“.
  224. Vgl. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1968; Ver­si­on Mil­ler, S. 17.
  225. In Se­mi­nar 3 von 1955/56, Die Psy­cho­sen.
  226. Se­mi­nar 10, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 344–347.
  227. Vgl. die Er­läu­te­rung von J.-A. Mil­ler, „D’un corps à la Can­tor“, in: ders.: Noti­ce de fil en ai­guil­le, a.a.O., S.211–215, Über­set­zung in die­sem Kom­men­tar hier.
  228. Sit­zung vom 11. März 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 40.
  229. Vgl. Se­mi­nar 16, Ver­si­on Mil­ler, v.a. S. 360.
  230. Vgl. hier­zu La­cans Be­mer­kun­gen über das Ver­hält­nis von Ar­gu­men­ta­ti­on und An­schau­ung (In­tui­ti­on) in der Ma­the­ma­tik in Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 17. März 1971; Ver­sion Mil­ler, S. 98–101, in die­sem Blog­ar­ti­kel über­setzt.
  231. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 294.
  232. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 42.
  233. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975.
  234. Sit­zun­gen vom 17. De­zem­ber 1974, Klei­ner-Über­set­zung, S. 11; vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 75.
  235. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 75.
  236. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974, Klei­ner-Über­set­zung, S. 9.
  237. Sit­zung vom 15. April 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 65.
  238. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 1971; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; Ver­si­on Mil­ler, S. 12 .
  239. J. La­can: L’étourdit (1973). In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 449–495, hier: 478, mei­ne Über­set­zung.
  240. Sit­zung vom 15. April 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 68.
  241. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 46.
  242. Dans tou­te chaî­ne…  pour vous ima­gi­ner la plus simp­le :    …dans tou­te chaî­ne bor­ro­méen­ne, il y a un Un puis un deux.“ (Sit­zung vom 13. Mai 1975, zi­tiert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  243. Se­mi­nar 10, Sit­zung vom 5. De­zem­ber 1962; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 64.
  244. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1975.
  245. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 77.
  246. Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 20.
  247. Vgl. den Ar­ti­kel „Rea­li­tät, psy­chi­sche“ in: Jean La­plan­che, Jean-Bap­tis­te Pon­ta­lis: Das Vo­ka­bu­lar der Psy­cho­ana­ly­se. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 425–427.
  248. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 19. März 1974; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  249. Sit­zung vom 15. April 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 69.
  250. Vgl. Erik Por­ge: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Érès, Ra­mon­vil­le Saint-Agne 2000, S. 163–168; eine Über­set­zung die­ser Pas­sa­ge fin­det man in die­sem Blog hier.
  251. Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 31.
  252. Sit­zung vom 13. Mai 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 74.
  253. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 245, 250.
  254. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 250.
  255. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 12.
  256. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main, S. 220.
  257. Carl Gus­tav Jung: Ulys­ses. Ein Mo­no­log. In: Ders.: Wirk­lich­keit der See­le. Zü­rich 1934, S. 132–169, hier: S. 136 und 156 (zu­erst in: Eu­ro­päi­sche Re­vue 8, 1932, S. 547–568, auch in: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten 1971, Bd. 15, Über das Phä­no­men des Geis­tes in Kunst und Wis­sen­schaft, S. 121–149; im In­ter­net aus­zugs­wei­se hier). Den Hin­weis auf Jung fin­det man in Mi­cha­el Turn­heims Auf­satz „La­cans sin­t­home“, in: M. Turn­heim: Mit der Ver­nunft schla­fen. dia­pha­nes, Zü­rich, Ber­lin 2009, S. 55–75, hier: S. 62.
  258. Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961, Ver­si­on Sta­fer­la, S. 81.
  259. J. La­can: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 819.
  260. A.a.O., S. 195
  261. S. Freud: Zur Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens. Über Ver­ges­sen, Ver­spre­chen, Ver­grei­fen, Aber­glau­ben und Irr­tum (1904). Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Mai 1954, S. 28 f.
  262. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 78.
  263. Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974, Klei­ner-Über­set­zung S. 6.
  264. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung von Se­mi­nar 22, S. 74.
  265. Sit­zung vom 13. Mai 1975; vgl. Klei­ner-Über­set­zung von Se­mi­nar 22, S. 75.
  266. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 17. De­zem­ber 1974, Klei­ner-Über­set­zung S. 12.
  267. Sit­zung vom 13. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 77 f.
  268. Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 31
  269. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 74.
  270. Vgl. Sit­zung vom 17. De­zem­ber 1969, Ver­si­on Mil­ler, S. 32.
  271. Sit­zung vom 10. März 1970, Ver­si­on Mil­ler, S. 120.
  272. Sit­zung vom 13. Mai 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 72.
  273. Mil­ler, Piè­ces déta­chées, a.a.O., Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 2005, S. 47.
  274. Ge­ne­viè­ve Mo­rel: Le loi de la mère. Es­sai sur le sin­t­home se­xu­el. Eco­no­mi­ca, An­thro­pos, Pa­ris 2008, S. 90.
  275. Ge­ne­viè­ve Mo­rel: La loi de la mère. Es­sai sur le sin­t­home se­xu­el. Eco­no­mi­ca u.a., Pa­ris 2008, S. 103, sie wie­der­holt die­se Iden­ti­fi­zie­rung auf S. 110.
  276. Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 97
  277. Vgl. Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 103.
  278. J.-P. Sart­re: Die Tran­szen­denz des Ego. In: Ders.: Die Tran­szen­denz des Ego. Phi­lo­so­phi­sche Es­says 1931–1939. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, S. 39–96, hier: S. 42 f.
  279. Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 101.
  280. A.a.O., S. 110 f.
  281. A.a.O., S. 111.
  282. Vgl. die Zeich­nung in Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 108.
  283. Vgl. Mil­ler, Piè­ces déta­chées, a.a.O., Sit­zung vom 15. De­zem­ber 2004, S. 41.
  284. Sit­zung vom 17. Juni 1970, Ver­si­on Mil­ler, S. 221.
  285. Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 108.
  286. So deu­tet das Mo­rel, vgl. Mo­rel, La loi de la mère, a.a.O., S. 104.
  287. Vgl. Mil­ler, Piè­ces déta­chées; Mo­rel, La loi de la mère.
  288. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 39–41.
  289. Sit­zung vom 11. März 1975.
  290. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 40.
  291. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975: „Der ein­zi­ge Un­ter­schied zwi­schen dem Af­fen und dem Men­schen be­steht dar­in, daß der Phal­lus bei die­sem nicht min­der kon­sis­tiert in dem, was er an Weib­li­chem hat, als in dem, was er an Männ­li­chem hat – da ein Phal­lus gleich viel gilt wie sei­ne Ab­we­sen­heit.“ (Über­set­zung von Max Klei­ner S. 40)
  292. Freud, Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 243.
  293. Vgl. Turn­heim, a.a.O., S. 61.
  294. Vgl. Mil­ler, Piè­ces déta­chées, a.a.O., S. 14.
  295. Vgl. Freud, Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes (1925), a.a.O., S. 250.
  296. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 13. Mai 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 184.
  297. Sit­zung vom 15. April 1975.
  298. Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me, 4. Ok­to­ber 1975. In: Pas-tout La­can, PDF-Da­tei auf der Web­site der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se, S. 1672–1685, hier: S. 1677.

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