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Lacans Sentenzen
„Das Symbol manifestiert sich als Mord am Ding.“
— 3 Kommentare

  1. Hal­lo Herr Nemitz,

    vie­len Dank für Ihre gut nach­voll­zieh­ba­ren Dar­stel­lun­gen!

    Sie schrei­ben oben „Die Äuße­rung der sym­bo­li­schen Oppo­si­ti­on von „Fort“ und „Da“ ist ver­bun­den mit der Zer­stö­rung des Objekts, wobei des­sen Zer­stö­rung dar­in besteht, dass das Kind das Objekt erschei­nen und ver­schwin­den lässt.“
    Wenn die Zer­stö­rung eines Objek­tes dar­in besteht es erschei­nen und ver­schwin­den zu las­sen, dann fra­ge ich mich, war­um dafür der Begriff Zer­stö­rung, noch mehr der Begriff Mord her­an­ge­zo­gen wird. Ist das nicht über­trie­ben? Wenn das Obkjekt wirk­lich zer­stört wür­de, dann wür­de ja auch das Spiel, das Erschei­nen und Ver­schwin­den gar nicht mehr funk­tio­nie­ren. Das Kind muss ja die rea­le Exis­tenz des Objek­tes wei­ter­hin anneh­men, um sein Spiel als rea­les (und nicht nur sym­bo­li­sches oder ima­gi­nier­tes) fort­set­zen zu kön­nen. Wür­de es nicht aus­rei­chen (und wäre sogar tref­fen­der), statt von Zer­stö­rung oder Mord von einer Art Degra­die­rung des Objek­tes zu spre­chen, inso­fern ihm ein Begriff über­ge­ord­net wird, wo vor­her das Objekt qua­si ganz allei­ne (An-sich) war, und es (das Objekt) nun über sei­nen Begriff und Namen ange­spro­chen und diri­giert wird. Wenn das Kind hier von der Rol­le des blo­ßen Betrach­ters (des Objek­tes An-sich) in die Rol­le eines, sagen wir, Dra­ma­tur­gen und Regis­seurs wech­selt, der ein Schick­sal des Objek­tes insze­niert, dann braucht es aber immer noch die­ses rea­le Objekt als Aus­füh­ren­des. Oder was über­se­he ich da?

    Auch die ande­ren Bei­spie­le dazu ver­ste­he ich in ana­lo­ger Wei­se nicht: „Wenn aber der Sinn (das Wesen) ‚Hund‘ in das Wort ‚Hund‘ über­geht, d.h. sobald er abs­trak­ter Begriff wird, der von der sinn­li­chen Wirk­lich­keit unter­schie­den ist, die er durch sei­nen Sinn offen­bart, stirbt der Sinn (das Wesen): das Wort ‚Hund‘ läuft nicht umher, trinkt nicht und frißt nicht; in ihm hört der Sinn (das Wesen) zu leben auf, d.h. sie stirbt. Und des­halb kommt das Begrei­fen der empi­ri­schen Wirk­lich­keit einem Mord gleich.““: Frei­lich läuft das Wort „Hund“ nicht umher, aber der Begriff des Hun­des schließt sein Umher­lau­fen, Fres­sen, Sau­fen doch ein, oder zumin­dest nicht aus. Wenn ich auf die segriff­li­che Ebe­ne wech­se­le, dann ver­las­se ich die sinn­li­che – aber ich las­se sie doch ein­fach zurück, und zer­stö­re sie nicht; sie ist doch im Begriff „auf­ge­ho­ben“ in Sin­ne von kon­ser­viert, auch wenn ich mich mit „begriff­li­cher Ebe­ne“ expli­zit von der sinn­lich erfahr­ba­ren Ebe­ne abgren­ze (die­se aber eben jen­seits die­ser Abgren­zung bestehen las­se).

    Auch sehe ich weder Lei­che noch Tat­ort: Das Objekt wird weder auf der ding­li­chen Ebe­ne zer­stört, noch auf der begriff­li­chen (das Kind zer­stört die Spu­le nicht wirk­lich, aber auch nicht begriff­lich, denn sonst hät­te es den Begriff einer zer­stör­ten Spu­le gebil­det, was es nicht hat).

    Mei­ne Fra­ge also: muss das als Zer­stö­rung (Mord etc.) begrif­fen wer­den, oder ist das über­trie­ben?

    Dan­ke und Gruß,

    Ever

    • Ja, natür­lich ist „Mord am Ding“ eine über­trie­be­ne For­mu­lie­rung. Ist das mehr als ein poe­ti­scher Ein­fall? Gute Fra­ge.

      Im Arti­kel zei­ge ich, dass Lacan eine Ver­bin­dung zu Freuds Kon­zept des Todes­triebs andeu­ten will. Dann wäre „Mord am Ding“ ein Platz­hal­ter für eine noch aus­zu­ar­bei­ten­de The­se über den Zusam­men­hang von Todes­trieb und Oppo­si­ti­on von Anwe­sen­heit und Abwe­sen­heit. Viel­leicht ent­wi­ckelt er so sei­ne Ide­en: zunächst eine über­schar­fe, noch unaus­ge­wie­se­ne For­mu­lie­rung, und dann eine müh­sa­me Aus­ar­bei­tung in den Semi­na­ren.

      Im Arti­kel ver­su­che ich außer­dem zu zei­gen, dass er sich durch die Wahl die­ser Meta­pher auf einen Dis­kus­si­ons­zu­sam­men­hang bezieht, der von Hegel über Kojè­ve zu Sart­re und Blan­chot reicht. Das ergibt eine Reso­nanz.

      Und schließ­lich geht es Lacan wohl auch dar­um, den Leser durch ver­blüf­fen­de For­mu­lie­run­gen zum Nach­den­ken zu brin­gen. Immer­hin hat es bei mir funk­tio­niert, anders hät­te ich den Arti­kel nicht geschrie­ben. Und auch bei Ihnen hat die dra­ma­ti­sche For­mu­lie­rung etwas in Bewe­gung gesetzt — Sie haben die­sen Kom­men­tar geschrie­ben. Das ist Lacans Didak­tik: durch rät­sel­haf­te For­mu­lie­run­gen Leu­te zum Nach­den­ken brin­gen.

      Eine von der Spra­che aus­ge­hen­de Rekon­struk­ti­on des Todes­triebs wird Lacan (wie im Arti­kel erwähnt) in Semi­nar 7, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se (1959/60), ent­wi­ckeln. Greift er dabei auf das Fort-Da-Spiel zurück? Mei­ner Erin­ne­rung nach nicht. Irgend­wo wird er den Wech­sel eines Objekts zwi­schen Anwe­sen­heit und Abwe­sen­heit auch dem Ima­gi­nä­ren zurech­nen, nicht dem Sym­bo­li­schen, da die Dif­fe­renz­be­zie­hung zu ande­ren Ele­men­ten fehlt.

      • Ist das mehr als ein poe­ti­scher Ein­fall?“ Nach mei­nem, sicher­lich beschränk­ten, Ver­ständ­nis ist es das. Es ist eine Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen: es gab gar kei­nen Mord (und auch kei­ne Zer­stö­rung) am Ding durch das Sym­bol. Begrün­dung: „Ein Signi­fi­kant unter­schei­det sich von einem Zei­chen zunächst dar­in (…), dass die Signi­fi­kan­ten zunächst nur die Gegen­wart der Dif­fe­renz als sol­cher mani­fes­tie­ren und nichts ande­res. Die ers­te Sache also, die er impli­ziert, ist, dass das Ver­hält­nis des Zei­chens zur Sache aus­ge­löscht wird.“. Die­se „Aus­lö­schung“ wäre der Mord, wenn die „Sache“ davon betrof­fen wäre. Sie ist es aber nicht, da nicht die Sache aus­ge­löscht wird, son­dern ers­tens steht das Ver­hält­nis des Zei­chens zur Sache zur Dis­po­si­ti­on und zwei­tens wird die­ses Ver­hält­nis durch den Signi­fi­kan­ten nicht über­nom­men („aus­ge­löscht“), wenn er sich an die Stel­le des Zei­chens setzt, nicht das Zei­chen selbst. Da sehe ich also zwei Ver­hält­nis­se: eins zwi­schen Zei­chen und Sache, die­ses bleibt unbe­rührt; und eines das neu hin­zu­kommt zwi­schen Signi­fi­kant und Sache (oder ver­mut­lich bes­ser Signi­fi­kat). Man kann sich jetzt fra­gen, was das Ver­hält­nis die­ser bei­den Ver­hält­nis­se ist, was sie bei­de mit­ein­an­der zu tun haben. Ob es viel­leicht die ursprüng­li­che Sache ist, an deren Stel­le das Signi­fi­kat getre­ten ist. Aber jeden­falls ver­ste­he ich nicht, wie, wenn das Ver­hält­nis zwi­schen Sache (Ding) und Zei­chen (Sym­bol) aus­ge­löscht ist, sie doch noch in ein Ver­hält­nis (Ermor­dung des Dings durch das Sym­bol) mit­ein­an­der gebracht wer­den kön­nen.

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