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Lacans Sentenzen
„Eine Frau ist ein Symptom des Mannes.“
— 12 Kommentare

  1. danke, lacanireland.com ist mir bekan­nt, freue mich auf Ihre Rezen­sion.

    Lacan sagt ein­er­seits, dass das Mod­ell der Sexuierung/die zwei Seit­en nichts mit dem Körper(bild) zu tun habe und ‚der Phal­lus‘ leer ist, aber Penis sowie Kli­toris diesen sym­bol­isieren kön­nen (Sig­ni­fi­ca­tion of the Phal­lus). Lese ich nun Ihre sehr gründliche Relek­türe, sehe ich allerd­ings, dass bei Lacan fort­laufend (nur) die Rede ist von „biol­o­gis­chen Män­nern und Frauen“ („Träger des Organs“ etc.). Kön­nte man sagen, er hält seine The­o­rie selb­st nicht kon­se­quent durch, oder kommt der Moment der (sozusagen) ‚Ent-Biol­o­gisierung‘ erst mit SE XX ?

    Beste Grüße

    • Das set­zt so viel voraus, dass ich’s nicht beant­worten kann. Es ver­wick­elt mich erst ein­mal ins Fra­gen: Wo sagt Lacan, dass die zwei Seit­en — die männliche und die weib­liche — nichts mit dem Kör­per­bild zu tun haben? Was meint, dass der Phal­lus „leer“ ist?
      Wie auch immer, ich denke, dass die Sexuierung, Lacan zufolge, dur­chaus mit dem Kör­per­bild zu tun hat.
      Sein­er Auf­fas­sung nach sym­bol­isiert nicht die Kli­toris den Phal­lus, son­dern die Kör­p­er von Frauen ins­ge­samt: das Bild des Phal­lus (nicht des Penis all­ge­mein, son­dern des erigierten Penis) wird auf ihre Kör­p­er pro­jiziert; dadurch wer­den Frauen zu Objek­ten des Begehrens. Lacan bezieht sich dafür immer wieder auf Fenichels Auf­satz „Die sym­bol­is­che Gle­ichung Mäd­chen = Phal­lus“.
      Das ist leicht nachzu­vol­lziehen: damit eine Frau als begehrenswert erscheint, muss alles an ihr straff sein, aufrecht, gestreckt, angeschwollen (etwa die Lip­pen) — nichts darf schlaff sein, nichts darf hän­gen. Die Pro­jek­tion bezieht sich sowohl auf den Kör­p­er ins­ge­samt wie auf einzelne Kör­perteile. Mit Wim­pern­tusche beispiel­sweise wer­den selb­st noch die Augen­wim­pern in Bat­te­rien von winzi­gen Phal­li ver­wan­delt.

      • Ich muss nun ein bißchen aus­holen.

        Das der Phal­lus durch alles mögliche sym­bol­isiert wer­den kann, aber nichts davon ‚ist‘ führt zu Freud zurück, „the phal­lus is not a fanata­sy [..] Nor it is such an object […] still less it is organ — penis or cli­toris — that is sym­bol­izes“ [1] Des weit­eren schreibt Lacan, „that the organ that is endowed with this sig­ni­fy­ing func­tion takes on the val­ue of a fetish thereby“[2].

        Ich lese nun auch den Satz mit der Schoko­lade erst ‚richtig‘ und würde sagen, das sagt Jacques Lacan, würde sie es sagen, würde Jaques sagen, dass sie Fetis­chistin ist. Des weit­eren wären Ansprüche auf pos­i­tive sex­uelle Iden­tität, also auf Männlichkeit, im Sinne von ein­er Verkör­pe­rung des­sel­bi­gen (Repräsentieren/Symbolisieren des Phal­lus), nach Lacan Hochstapelei, eben­so bei der Frau bloße Masker­ade [3]. So ganz vom Kör­p­er lösen wird sich das wohl nicht lassen, da wir Kör­p­er sind. Aber am Kör­p­er-Bild (wohlge­merkt) „kleben“, sich danach ori­en­tieren, wäre doch wiederum etwas Imag­inäres?

        Ich finde nun die Stelle nicht, in Sem­i­nar XX, an der Lacan anmerkt, dass ein er sich eben­so auf der weib­lichen Seite ein­schreiben kann, eben­so sie auf der männlichen. Da es sich aber hier, in der Sexuierung, um eben etwas rein Sprach­lich­es han­delt, liegt das nahe. Bruce Fink jeden­falls betont in „Das Lacan­sche Sub­jekt“, dass bei dieser The­matik es sich immer„ungeachtet seines/ihres biol­o­gis­chen bzw. genetis­chen Auf­baus“ han­delt. Fink geht so weit, zu schreiben, dass sich die Formeln der Sexuierung lediglich auf sprechende Wesen beziehen und außer­dem „nur neu­ro­tis­che Subjekte“(S.140) — und das würde ich sofort unter­stre­ichen.

        Exkurs, Philoso­phie und Psy­cho­analyse:
        „Das Glat­te ist ein Nous, während das Eingekerbte […] immer einen Logos hat“ [4]

        The func­tion of the phal­lic sig­ni­fi­er touch­es here on its most pro­found rela­tion: that by which the Ancients embod­ied there­in the Nous and the Logos“[5]

        Lacan fügt mit dem Phal­lus, dem Sig­nifikan­ten, eine Dimen­sion hinzu, wo es nichts gibt. Das macht ein Denken, um sich an ‚etwas fes­thal­ten zu kön­nen‘, ori­en­tiert zu sein. Nicht jedes Wesen ‚braucht‘ das, es ist vielle­icht, wie Fink tat­säch­lich schreibt, etwas Neu­ro­tis­ches. Daher ist es fraglich, ob es diese zwei Seit­en tat­säch­lich gibt, sozusagen, sind sie nicht vielmehr etwas flu­ides:
        Diese Räume und „ihre kom­plex­en Unter­schiede; die fak­tis­chen Ver­mis­chun­gen und die Übergänge vom einen zum andern; die Gründe für die Ver­mis­chun­gen, die keineswegs sym­metrisch sind und bewirken, daß man auf­grund von völ­lig unter­schiedlichen Bewe­gun­gen mal vom glat­ten zum gekerbten und mal vom gekerbten zum glat­ten Raum übergeht“[4]

        All das, hat sehr viel zu tun mit dem, was man Phal­lozen­tris­mus nen­nt, phal­lozen­trische Ide­olo­gie — und wie wir wis­sen, ist Ide­olo­gie immer unbe­wusst. Diese wiederum bringt viele Zwänge und Lei­den mit sich, die Hys­terie find­et hier eine ihrer Wurzeln?
        Psy­cho­an­a­lytis­che The­o­rie darf keines­falls zur Legit­imierung phal­lozen­trisch­er Prak­tiken herge­zo­gen wer­den, auch wenn sie das lei­der an eini­gen Stellen tut. Allein die Pas­sagen bei Freud, dass sie ihre ero­gene Zone von der Kli­toris zur Vagi­na brin­gen müsse, ist fatal. Ich hat­te mal eine Debat­te mit Studieren­den der Medi­zin, die mich darauf aufmerk­sam macht­en, dass eine phal­lozen­trische Prak­tik, wie die der Pen­e­tra­tion, eine der Ursachen ist, die das Risiko an Gebär­mut­ter­hal­skrebs zu erkranken, erhöhe und das aus dieser Prak­tik die ‚Notwendigkeit‘ der regelm. Unter­suchun­gen resul­tiere. Ich wurde gefragt, warum, mit welch­er Recht­fer­ti­gung, die Psa-The­o­rie die Bere­itschaft zu dieser Prak­tik von der Frau abver­lange und wie ich dazu ste­he. Ich ließ mir diese Aus­sage von zwei unter­schiedlichen Gynäkolo­gen bestäti­gen und bin nach wie vor, eigentlich, sprach­los.

        Zu guter let­zt, noch eine andere Sichtweise, ein Auszug aus Potrep­tikos — zur Lek­türe von Sein und Sexuierung von Meh­di Bel­haj Kacem:
        „Die weib­liche Libido ist topol­o­gisch, während die männliche, ges­teuert von der klaren Tren­nung und Unter­schei­dung von Begehren und Genuss, eine alge­brais­che Libido ist. Die weib­liche Libido ist eine unendliche Annäherung an eine für immer ver­lorene Iden­tität von Begehren und Genuss. Die männliche Libido ist die immer wieder neu begonnene Wieder­hol­ung ein­er endlichen Alge­bra, welche vom Begehren zum Genuss führt, der auf bei­den Seit­en alles unter­bricht und entleert, bevor sie auf bei­den Seit­en zu ein­er neuen Runde auf­bricht. Das ist übri­gens die Logik des Sadis­ten.“

        [1] J.Lacan: The Sig­ni­fi­ca­tion of the Phal­lus, in Écrits, p.579, im Orig­i­nal p.690
        [2] ebd., p.583, im Orig­i­nal p.694
        [3] Joan Cop­jec: Lies mein Begehren, Lacan gegen die His­toris­ten, 264f
        [4] G. Deleuze + F. Guat­tari: Tausend Plateaus, „Das Glat­te und das Gekerbte“ (S. 658ff)
        [5] Lacan: Sig­ni­fi­ca­tion.… p. 584, im Orig­i­nal p.695

        Was Sie nun beschrieben, dass die Frau „glatt“ sein müsse, lässt mich an Sigusch denken, der von wis­senschaftlichen Resul­tat­en berichtet, die zeigen, dass viele Män­ner, „wenn auch unbe­wusst“ eine Erek­tion bekom­men, angesichts junger, nack­ter Mäd­chen. Wir befind­en uns mit dieser Diskus­sion im Bere­ich männlich­er Phan­tas­men, im Bere­ich von dem, was man Phal­lozen­tris­mus nen­nt.
        http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43140

  2. Ich meine die Sem­i­nare 18 und 19, „Von einem Diskurs, der nicht über den Schein wäre“ und „… oder schlim­mer“; hier wer­den die soge­nan­nten Formeln der Sexuierung entwick­elt. Deutsche Über­set­zun­gen gibt es nicht, wohl aber englis­che, auf der Seite lacaninireland.com

  3. Alle Män­ner haben Kas­tra­tionsangst“ wäre dem­nach eine „gültige Aus­sage“. Und irgend­wie hat das vielle­icht mit der The­matik der Wieder­hol­ung zu tun?

    Ich bin ges­pan­nt und warte. Sozusagen.
    (Meinen Sie Sem­i­nare zwis­chen 25–28? Lesen Sie sie in deutsch­er Über­set­zung, falls es diese gibt?)

  4. Das wüßt ich auch gern. In zwei Jahren weiß ich mehr — dann habe ich die bei­den Sem­i­nare durchgear­beit­et, in denen das erläutert wird.

  5. Ein schönes Zitat und eine schöne Antwort.

    So komme ich zu der Frage, wenn ich darf, kann, oder warum eine All-Aus­sage über „die Män­ner“ getrof­fen wer­den kann?

  6. das wirft weit­ere Fra­gen auf.
    Was ist eine Allaus­sage? Was bedeutet dies für das soge­nan­nte „Sym­bol­is­che“?
    Was hätte, ja tat­säch­lich, Jacque­line Lacan gesagt?

    • Eine Allaus­sage ist eine Aus­sage, die mit „alle“ begin­nt, etwa „Alle Frauen haben Penis­neid“ oder „Alle Frauen haben keinen Penis­neid“.
      Für das soge­nan­nte Sym­bol­is­che heißt das: Es ist keine geschlossene Ord­nung, eher eine Unord­nung.
      Jacque­line Lacan hätte tat­säch­lich dies gesagt: „J’abandonnerais bien le choco­lat mais je ne suis pas du genre à lâch­er le morceau…“ Was man so über­set­zen kön­nte: „Ich werde die Schoko­lade wohl aufgeben, aber ich gehöre nicht zu dem Geschlecht, das das gute Stück fall­en lässt…“

  7. Vie­len Dank für diese aus­führliche und detail­lierte Ausar­beitung dieser The­matik.
    Ich möchte nur eines hinzufü­gen, in Frage stellen:
    „..über „eine Frau“ bzw. über „Frauen“ kann man keine All­aus­sa­gen machen“; genauer:
    „über „eine Frau“ bzw. über „Frauen“ kann mann keine All­aus­sa­gen machen“, ver­mut­lich liegt die Sache so.

    • Danke! Ihr Kom­men­tar wirft drei inter­es­sante Fra­gen auf:
      Von welch­er Posi­tion aus ist Lacans The­o­rie for­muliert?
      Wie sieht er das selb­st?
      Von welch­er Posi­tion aus ver­muten Sie, dass das „man“ (das ich Lacan zuschreibe) ein „mann“ ist?

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