Eine kurze Einführung in Lacan:

Das Imaginäre, das Symbolische und, vor allem, das Reale

segeberg-grafikPlakat zu den 3. Segeberger Psychosomatik-Tagen (Ausschnitt)

Erweiterte Fassung eines Referats, das ich, auf Einladung von Prof. Dr. Lutz Götzmann, am 9. September 1916 bei den 3. Segeberger Psychosomatik-Tagen gehalten habe, die vom 9. bis 11. September 2016 in Bad Segeberg stattfanden.

Wie gibt man einen Überblick über Lacans Theorie – was wählt man aus? Ich habe mich an dem Vortrag Die Dritte (1974) orientiert, in dem Lacan ein ähnliches Problem zu lösen versucht. Die Anmerkungen verweisen deshalb immer wieder auf diesen Text (meine Übersetzung von Die Dritte findet man in diesem Blog hier).  R.N.

Einleitung

Guten Abend!

Herr Götzmann hat mich gebeten, für Sie bei diesen dritten Segeberger Psychosomatik-Tagen, „Macht und Ohnmacht des Realen“, einen Einführungsvortrag über Lacan zu halten, insbesondere über das Imaginäre, das Symbolische und das Reale. Es soll wirklich eine Einführung sein, hat er mir geschrieben, also werde ich so tun, als wüssten Sie über Jacques Lacan nicht mehr, als dass er ein einflussreicher französischer Psychoanalytiker ist. Oder war, 1981 ist er gestorben.

Wie viele Begriffe kann ich Ihnen in einer Einführung zumuten? Psychologen behaupten: sieben plus/minus zwei1, ich gehe also erstmal bis sieben und füge zum Imaginären, Symbolischen und Realen vier Termini hinzu: borromäischer Knoten, Signifikant und Signifikat sowie Genießen. Plus zwei – inspiriert durch den Titel der Tagung, der „Macht und Ohnmacht“ enthält, wähle ich Unvermögen und Unmögliches. Alle anderen Begriffe Lacans – und es sind viele – werde ich ausklammern.

Ein Vortrag zur Einführung, das heißt für mich: Ich werde Ihnen diese Begriffe gewissermaßen als zeitloses System darstellen und mich um Fragen der Chronologie und der Theorie-Entwicklung nicht kümmern. Ich werde auch keine Literaturangaben machen, nur wenig zitieren und Interpretationsprobleme beiseiteschieben. Also ganz dogmatisch neun Konzepte, mit drei Begriffen als Kern: das Imaginäre, das Symbolische und das Reale.

Ein erster Blick auf das Imaginäre, das Symbolische und das Reale

Das Imaginäre, das Symbolische und das Reale, das sind gewissermaßen die drei Dimensionen, in denen Lacan das Feld der Psychoanalyse aufspannt.2 Er verfolgt das Projekt, den gesamten theoretische Apparat, wie er vor allem von Freud entwickelt worden ist, in diese drei Dimensionen einzufügen, in diese drei „Ordnungen“ oder „Register“, wie Lacan es nennt.

Bei „imaginär“ müssen Sie das französische Wort image durchhören, Bild. Das Imaginäre ist das Bildhafte. Das Symbolische, damit ist die Sprache gemeint. In erster Annäherung könnte man sagen: Menschen verfügen über zwei Zeichenarten, über zwei Repräsentationssysteme: Bilder und Sprache, das Imaginäre und das Symbolische, mit Charles Sanders Peirce könnte man sagen: ikonische und symbolische Zeichen.3 Das, worauf diese Zeichenarten sich beziehen, der Referent, könnte dann das Reale sein. Das wäre ein leicht nachvollziehbarer Ausgangspunkt, aber so formuliert, ist das leider irreführend. Das Reale im Sinne von Lacan ist das, was gerade nicht repräsentiert werden kann, was man sich nicht vorstellen kann, was weder durch Bilder dargestellt noch sprachlich artikuliert werden kann. Und das heißt wiederum: Bilder und Sprache sind für Lacan gerade keine Repräsentationssysteme, sie re-präsentieren nichts, sie funktionieren nicht so, dass sie etwas in einem anderen Medium wiederholen, was bereits da wäre. Den Ausdruck „Repräsentation“ muss ich also wieder streichen. Aber dies dürfen Sie festhalten: Das Imaginäre und das Symbolische – Bilder und Sprache – beziehen sich auf einen Referenten, dieser ist jedoch etwas, was sie nicht erfassen können. Dieser nicht-imaginierbare und nicht-verbalisierbare Referent wird von Lacan als das Reale bezeichnet. Das gilt, Lacan zufolge, für die Sprache überhaupt, unabhängig von Fragen der Psychoanalyse: das Symbol manifestiert sich als „Mord am Ding“, sagt er in einem seiner Aufsätze4, und das heißt, weniger dramatisch formuliert, dass „die Referenz immer indirekt ist“5.

Mit dieser Dreigliederung ist nicht gemeint, dass die Welt oder das Weltverhältnis, das Sein oder die Existenz oder was auch immer auf diesen drei Koordinaten beruht. Lacan versucht nicht, eine Ontologie oder Metaphysik zu entwickeln, er fragt nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Zwar mobilisiert er, wie kein anderer Psychoanalytiker, beständig die Ressourcen der Philosophie und das hat manche dazu gebracht, Lacans Theorie als eine Art Philosophie aufzufassen. Das ist ein Missverständnis, und Lacan warnt beständig vor dieser Fehldeutung. Die Dreigliederung ist praktisch gemeint, sie ist vom Standpunkt des Psychoanalytikers aus konstruiert und soll Psychoanalytikern helfen, ihren Job zu machen. Lacans Botschaft an seine Kollegen lautet also: Sie täten gut daran, mit dieser Begriffstrinität zu arbeiten, das hilft Ihnen, Ihre Erfahrungen zu verarbeiten, das nützt Ihnen beim Umgang mit Symptomen.6

Das Imaginäre

Das Imaginäre ist also die Ordnung der Bilder. Aber auch die übliche Bedeutung von „Illusion“ ist gemeint. Das Imaginäre ist das Register der Bilder, insofern sie eine Illusion erzeugen. Aber nicht jede Art von Bild ist gemeint; im Zentrum steht vielmehr das Körperbild. Das Imaginäre ist die Ordnung des Körperbildes, insofern es eine Illusion hervorruft. Lacan rekonstruiert hier Freuds Theorie des Narzissmus.7

Immer wieder schauen wir in den Spiegel; auf den Plakaten, die die Straßen säumen, in der Werbung, im Film, in den Museen sehen wir Bilder schöner Körper. Warum sind sie uns so wichtig? Warum betrachten wir fortwährend andere Menschen unter dem Gesichtspunkt, „wie sie aussehen“, was für ein Bild sie uns bieten? Warum versuchen wir selbst, den anderen ein wenn auch vielleicht nicht schönes so doch zumindest akzeptables Bild zu bieten?

Lacans Antwort lautet: Die Körperbilder versorgen uns beständig mit dem Ideal der Einheitlichkeit. Wir brauchen diesen Bezug auf Körperbilder, damit wir uns als Einheit auffassen können. Auf dieses Ganzheits-Ideal sind wir angewiesen. Es ist für uns notwendig, um damit unsere Zerrissenheit zu übertünchen, die wir nicht ertragen könnten.

kopf2Schauen Sie auf das Plakat zur Tagung. Auf den ersten Blick sieht man einen Kopf, aus dem ein Stück herausgeschnitten ist. Wenn man genauer hinschaut, nimmt man wahr, dass hier zwei Ansichten desselben Kopfes ineinander montiert sind, die eine frontal, die andere im Profil, aber spontan sieht man gewissermaßen ein Loch im Kopf. Das wirkt ein bisschen schockierend, zumindest auf mich. Warum? Weil dieses Bild sich weigert, mir als Spiegel zu dienen, der mir die Ganzheitsillusion liefert, die ich brauche.

Lacans Hauptthese zum Körperbild ist, dass es auf uns einwirkt, dass es uns verändert, dass es bestimmt, wie wir funktionieren. Das Körperbild ist keine Re-Präsentation, sondern eher, könnte man sagen, eine Im-Pression: es prägt sich uns ein, es formt uns um. Denken Sie an die Diskussion über „Magermodels“. Die Bilder dieser ausgehungerten Körper, so wird angenommen, modellieren die Körper der Frauen, die diese Bilder betrachten. Diese Auffassung über die prägende Kraft der im äußeren Raum existierenden Körperbilder – die also nicht einfach Vorstellungen sind – ist dicht an Lacans Auffassung des Imaginären.

Die Einheit stiftende Funktion des Körperbildes hat, Lacan zufolge, weitreichende Konsequenzen. Vier davon will ich kurz anreißen.

(1) Die Beziehung zum idealisierten Körperbild interveniert in die sozialen Beziehungen und induziert Rivalität und Hass.8 Wir projizieren das Bild der Ganzheit auf andere, die uns ähnlich sind, und machen sie dadurch zu unseren Idealen; die Beziehung zu den idealisierten anderen ist jedoch ambivalent, wir haben das Gefühl, dass sie unseren Platz einnehmen wollen, und dass wir sie deshalb bekämpfen müssen.9

Wenn ein Analysant seinem Analytiker gegenüber eine Konkurrenzposition einnimmt (etwa indem er ihm zeigen will, dass er mehr von Psychoanalyse versteht als der ungebildete Praktiker), ist, von Lacan aus gesehen, das Imaginäre im Spiel.

(2) Die Beziehung zum Körperbild  strukturiert unsere Beziehung zum Raum. Das Körperbild-Paradigma sorgt dafür, dass wir uns am Gegensatz von Innen und Außen orientieren. Der Saal, in dem wir uns gerade befinden, ist gewissermaßen ein Körper, der uns einhüllt und der einige Öffnungen hat, die nach draußen führen, und das ist nicht nur eine Vorstellung, er ist von vornherein so konstruiert. Das Universum stellen wir uns als einen Raum vor, der alles einhüllt und also ausnahmsweise kein Außen hat. Astronomen beschreiben das Universum anders, als vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum; das verwirrt uns, weil eine solche Konzeption die Orientierung am Körperbild radikal hinter sich lässt.

(3) Das Köperbild verleiht uns dadurch eine Einheit, dass es vom Körper etwas abspaltet. Keine Einheit ohne Rest. Das, was abgeschnitten wird, sind bestimmte Objekte, beispielsweise der Kot, auf Psychoanalytisch: das anale Objekt. Es gibt weitere solche abgetrennten Objekte, Partialobjekte hat Melanie Klein sie genannt. In der Graphik zur Tagung, auf die ich mich bereits bezogen habe, finden Sie ein solches abgetrenntes Objekt: Durch die Montage der beiden Kopf-Ansichten wirkt das Ohr auf den ersten Blick so, als sei es abgeschnitten worden und als hätte man es wieder angeklebt. Lacan würde wohl sagen: Die Stimme als verlorenes Objekt, dargestellt im Imaginären. Und wenn sie genauer hinschauen, werden Sie sehen, dass auch das Auge nicht passt, es ist frontal statt seitlich und wirkt damit, als sei es ausgeschnitten und wieder eingeklebt worden ist. Stimme und Blick.

(4) Das Körperbild führt zu einer weiteren Abtrennung, zu einer Abspaltung auf der Ebene der Lüste und Unlüste, der Gefühle und Affekte. Lacan nennt diesen Aspekt des Körpers jouissance. Jouissance, das heißt normalerweise „Orgasmus“. Lacan verwendet den Ausdruck anders, in Freuds Vokabular übersetzt, meint Lacans jouissance in etwa „Lust“10 oder „Erregung“ oder oder „Triebbefriedigung“; im Deutschen hat sich die Übersetzung mit „Genießen“ durchgesetzt.11  

Das Genießen, sagt Lacan, ist an dan Körper gebunden.12 Es fängt mit Kribbeln an und hört damit auf, dass man, mit Benzin übergossen, in Flammen aufgeht, all das ist jouissance13 – auch der Schmerz gehört also zum Genießen. Genießen ist für Lacan auch diejenige Lust, die sich einstellt, wenn man Gymnastik treibt.14 Auch Tiere genießen – wenn eine Katze schnurrt, sagt Lacan, haben wir den Eindruck, dass sie genießt, dass sie Lust empfindet.15 Er fragt sich sogar, ob das Genießen möglicherweise ein Merkmal des Lebendigen schlechthin ist, das heißt, ob auch Pflanzen genießen.16 In all diesen Formen grenzt das Genießen an das Leid oder wird als ein Leiden empfunden – „wenn die Pflanze nicht offenkundig leiden würde, wüssten wir nicht, dass sie lebt“, heißt es beispielsweise in einem der Seminar17.

Eine Hauptstoßrichtung der Arbeit von Lacan besteht darin, die verschiedenen Formen des Genießens zu unterschieden, die verschiedenen Lustarten; er unterscheidet sie danach, in welchen Beziehungen sie zum Imaginären stehen – zum Körperbild – und zum Symbolischen, zum Sprechen, und wo es sich beim Genießen um etwas Reales handelt, um etwas, was sich der Imagination und der Verbalisierung entzieht.

Das Körperbild, so lautet Lacans These, reguliert die Art und Weise, wie wir genießen, wie wir Lust empfinden. Es sorgt dafür, dass wir versuchen, unser Erregungsniveau in bestimmten Grenzen zu halten. Sprache und Sprechen sind mit dem Genießen vor allem durch Verbote  verbunden; dies betrifft vor allem das sexuelle Genießen. Die reale Dimension des Genießens besteht darin, dass starke Erregungen traumatischen Charakter haben können, Freud hat das immer betont, und für Lacan heißt das, dass diese Erregungen die Regulierung durch das Körperbild sprengen und nicht verbalisiert werden können und deshalb als etwas erlebt werden, was sich unserem Körper von außen aufzunötigen scheint. Dieses „parasitäre Genießen“, wie Lacan sich ausdrückt, ist, ihm zufolge, eine entscheidende Quelle der Symptombildung.18 Die Beziehung zwischen dem Körper und dem Genießen ist also verwickelt: das Genießen ist an den Körper gebunden, bestimmte Formen des Genießens sind vom Körper jedoch abgespalten.19 Das Genießen ist , wie er sagt, „das derangierte Verhältnis zu seinem eigenen Körper“20

Vom Imaginären aus kann man über den Titel dieser Tagung nachdenken, „Macht und Ohnmacht des Realen“. Macht gibt es für Lacan erst, wenn es Sprache gibt21, nämlich Befehle und Wissen (und, wie man hinzufügen muss, Drohungen). Die Ohnmacht gehört für ihn zum imaginären Register, sie ist die Kehrseite der imaginären Allmacht.22 Man könnte den Tagungstitel demnach so deuten: Wie stellt sich das Reale im Schema der Ohnmacht dar und damit im Register des Imaginären? Eine erste Antwort scheint die bereits mehrfach erwähnte Grafik anzudeuten; man sieht auf ihr nicht nur einen Kopf, sondern auch den Schriftzug „Macht und Ohnmacht des Realen“, in Buchstaben, die an einen Horrorfilm denken lassen. Auf der imaginären Ebene zeigt sich das Reale möglicherweise darin, dass dem Körperbild etwas fehlt – als Amputation, als Loch. Und auf der symbolischen Ebene? Als Buchstabe?

Das Symbolische

Das Symbolische – damit ist die Sprache gemeint.23

„Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“, so lautet Lacans berühmtester Aphorismus.24 Lacan versteht darunter unter anderem: Unser Unbewusstes besteht aus sprachlichen Elementen, aus den Forderungen, die unsere Eltern an uns gerichtet haben, als wir klein waren, und die dadurch bestimmt sind, welche Rolle wir für sie gespielt haben. „Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen“, heißt das auch bei Lacan.

„Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“ meint aber mehr. Wie ist eine Sprache strukturiert? Eine Sprache besteht aus Elementen, die nach bestimmten Regeln miteinander kombiniert werden. Solche Elemente sind beispielsweise Wörter. Bei einem Wort sind zwei Seiten zu unterscheiden, die Lautseite, etwa be, a, te, oder besser [b], [a:], [t] und die Bedeutungsseite. Die Lautfolge [ba:t] hat mehre Bedeutungen: z.B. „Badewanne“ oder auch „Kurort“, wie in „Bad Segeberg“; im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin, ist [ba:t] auch die Bezeichnung für das Gesichtshaar. Die Lautseite wird von den Linguisten signifiant genannt, „das Bedeutende“, zu deutsch: „Signifikant“; die Bedeutungsseite heißt bei ihnen signifié, „das Bedeutete“, der deutsche Ausdruck ist „Signifikat“.

Für Lacan sind Signifikanten die Elemente des Symbolischen. „Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“ meint also auch: Es besteht aus Signifikanten. Aus Freuds „unbewussten Vorstellungen“ werden bei Lacan meist Signifikanten als Elementen des Unbewussten.

Lacan übernimmt den Begriff des Signifikanten von der Linguistik und, ausgehend von den praktischen Problemen des Psychoanalytikers, deutet er ihn etwas um. Oft geht es hier um Symptome oder um Träume, und das heißt: um rätselhafte Gebilde, von denen angenommen wird, dass sie eine Bedeutung haben – ein Signifikat –, jedoch so, dass diese Bedeutung nicht bekannt ist, aber gesucht wird. Und so verwendet Lacan den Begriff des Signifikanten häufig: ein rätselhaftes, manchmal überraschendes isolierbares Element, dessen Bedeutung unbekannt ist, aber gesucht wird. Dieser Signifikant muss nicht sprachlicher Natur sein, es kann auch in einem bestimmten Verhalten bestehen, etwa in einer störenden Angewohnheit, die man sich vergeblich abzugewöhnen versucht hat, oder darin, dass man zur eigenen Überraschung etwas tut, das man auf keinen Fall tun wollte. Das Verfahren der „freien Assoziation“ zeigt, dass solche Verhaltens- Signifikanten mit einem unendlichen Netz von Signifikanten verknüpft sind, die sprachlicher Natur sind, mit dem Unbewussten.

Das wichtigste Merkmal der unbewussten Signifikanten ist für Lacan ihre Mehrdeutigkeit. Ein Signifikant ist im Unbewussten nicht mit einem bestimmten Signifikat verschweißt, er hat viele und gegensätzliche und wechselnde Bedeutungen.

Signifikanten sind miteinander verknüpft, synchron und diachron, sie bilden Ketten und Netze, sie können einander ersetzen, und der wichtigste Verknüpfungsfaktor ist im Unbewussten die Lautähnlichkeit. Da ich mit der Bibel großgeworden bin, könnte in meinem Unbewussten der Ausdruck „Bad-Se-ge-berg“ beispielsweise mit „Bath-se-ba“ verknüpft sein, zumindest war das meine erste Assoziation,  Bathseba, die schöne Dame, die von König David im Bad beobachtet wurde, im [ba:t]. Er schwängerte sie, und um die sich daraus ergebenden Komplikationen zu vermeiden, sorgte er dafür, dass ihr Mann getötet wurde. Der Blick, die Zeugung und der Mord – ich schweife ab.

Wie das Imaginäre greift auch das Symbolische in den Menschen ein, und das, worauf es einwirkt, ist ebenfalls der Körper als Sitz des Genießens. Durch die Anpassung des Kindes an die Bedingungen des Sprechens wird ein Teil der Körpererregungen, also des Genießens, abgetötet25; in Freuds Begrifflichkeit ist dies ein von der Kultur herbeigeführter „Triebverzicht“, eine „Kulturversagung“26. Zugleich werden bestimmte Signifikanten mit Erregung aufgeladen. Diese Signifikanten bilden für Lacan gewissermaßen den harten Kern des Unbewussten, Lautfolgen, die nur vage mit verschiedenen Bedeutungen verbunden sind, vor allem aber mit einem Genießen.27

Das Reale

Und schließlich das Reale. Das Reale im Sinne von Lacan ist etwas, das wir uns nicht vorstellen können, etwas, das wir nicht in Bilder und nicht in Worte bringen können. Das Reale, ich zitiere, ist das, „was der Symbolisierung absolut widersteht“28, etwas, wie er auch sagt, was außerhalb der Vermittlung durch das Symbolische oder das Imaginäre ist.29

Lacan versteht unter dem Realen also nicht die Realität, nicht die Wirklichkeit. Die Realität, so wie er den Begriff verwendet, das ist etwas, was wir mithilfe von Sprache und Bildern selbst konstruiert haben. Das Reale hingegen ist das, was sich in unserer Konstruktion der Realität gerade entzieht.

Damit drängt sich die Frage auf. Wie kann uns das, was wir uns nicht vorstellen können, dennoch auf irgendeine Weise zugänglich sein?

In erster Annäherung gesagt: Das Reale zeigt sich, Lacan zufolge, darin, dass die Dinge nicht so laufen, wie wir möchten, also darin, dass sich etwas querstellt.30 Um es auf den Titel der Tagung zu beziehen: Das Reale ist das, woran die Macht scheitert. Für den Psychoanalytiker heißt das, dass die Behandlung – die „Kur“, wie die Lacanianer sagen – ins Stocken gerät, dass die Assoziationen des Patienten um etwas kreisen, was nicht gesagt werden kann und dass diese Blockierung durch die Deutung nicht aufgehoben werden kann. Der Freud’sche Terminus hierfür ist „Widerstand“. Für den Psychoanalytiker zeigt sich das Reale im Widerstand.31 Ich habe Lacans früheste Definition des Realen eben zitiert, man muss nur genau hinhören: Das Reale ist das, „was der Symbolisierung absolut widersteht“.32

Lacan hat mehrere Formeln für das Reale erfunden und ausgearbeitet. Die wichtigsten sind: „Das Reale ist das, was am selben Platz immer wiederkehrt“, „Der Schnitt ist die Einschreibung des Realen im Symbolischen“, „Das Reale ist das Unmögliche“ und „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“.33

„Das Reale ist das, was am selben Platz immer wiederkehrt.“

„Das Reale ist das, was am selben Platz immer wiederkehrt“.34 Lacan vergleicht hier das  Reale mit den Sternen. Die Sternbilder scheinen im Verlauf eines Jahres über den Himmel zu wandern, aber ein Jahr später sehen wir sie an genau derselben Stelle wieder. Anders gesagt: sie wiederholen sich. Das ist eine Metapher, mehr nicht, die Sterne sind nicht das Reale. Gemeint ist: Das Reale zeigt sich in dem, was Freud „Wiederholungszwang“ nennt und Lacan meist einfach „Wiederholung“.35 Bereits Freud hatte die astronomischen Regelmäßigkeiten mit dem Wiederholungszwang verglichen36 und Lacan knüpft hieran an.37 

Der Wiederholungszwang besteht, Freud zufolge, darin, dass jede menschliche Beziehung denselben Ausgang nimmt: ein Wohltäter wird von seinen Schützlingen nach einiger Zeit immer wieder im Groll verlassen; Männer werden von ihren Freunden immer wieder verraten; andere Personen werden immer wieder zur Autorität erhoben, dann gestürzt und durch neue ersetzt. Ein unheimlicher Fall ist die Frau, die dreimal hintereinander Männer heiratete, die nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden mussten.38

Das Reale besteht also darin, dass etwas nicht läuft, dass die Macht scheitert. Das, in Bezug worauf die Macht an ihre Grenzen stößt, ist der Wiederholungszwang.39 Die Wiederholung wiederum wird dadurch angetrieben, dass etwas nicht symbolisiert werden kann; in der Wiederholung insistiert etwas Unsagbares.

Lacans Begriff des Realen hat eine gewisse Nähe zu Kants Begriff des Dings an sich. Das Ding an sich ist das Ding jenseits der Erscheinungen; da unsere Erkenntnis auf Erscheinungen beruht – sagen wir: auf strukturierten Wahrnehmungen – kann das Ding an sich nicht erkannt werden, sagt uns Kant. Soweit würde Lacan zustimmen: das Reale kann nicht erkannt werden. Zugleich funktioniert Lacans Begriff des Realen völlig anders. Das Reale im Sinne von Lacan liegt nicht einfach friedlich hinter den Erscheinungen. Es macht sich vielmehr auf höchst dramatische Weise bemerkbar: in den Wiederholungszwängen, die unser gesamtes Leben bestimmen. Diese Wiederholungen sind gewissermaßen beständig scheiternde Versuche, etwas zu sagen, was nicht gesagt werden kann.

„Der Schnitt ist die Einschreibung des Realen in das Symbolische.“

Wenn das Reale das ist, was sich dem Sprechen entzieht, und wenn die Psychoanalyse eine Sprechpraxis ist, wie kann der Patient im Rahmen dieser Praxis dann einen Zugang zum Realen haben? Lacan zufolge durch den Schnitt; der Schnitt ist die Form, wie sich das Reale in das Symbolische einschreibt.40

Unter dem Schnitt versteht er den akzentuierten Abstand zwischen den Signifikanten. In der geschriebenen Sprache stellt der Schnitt sich beispielsweise als Abstand zwischen den Buchstaben oder den Wörtern dar. Im Sprechen besteht der Schnitt darin, dass das Sprechen unterbrochen oder abgebrochen wird. Die Halluzinationen des berühmtesten aller Paranoiker, Daniel Paul Schreber, bestehen aus abgebrochenen Sätzen: „Nun will ich mich …“, „Sie sollen nämlich …“41 usw.; anders gesagt: seine Halluzinationen enden mit einem Schnitt.

Das „Reale des Subjekts“, sagt Lacan, liegt außerhalb der möglichen Erkenntnis des Subjekts. Der Schnitt ist die Form, in der sich das Reale des Subjekts im Symbolischen manifestiert.42

Auf der Ebene des Symbolischen erfasst sich das Subjekt deshalb im Schnitt; das Abschneiden der Rede ist die letzte Realität, in der das Subjekt sich erfassen kann.43

„Das Reale ist das Unmögliche.“

Lacan dritte Formel ist: „Das Reale ist das Unmögliche“.44 Was ist hier mit dem Unmöglichen gemeint? Nicht einfach, dass man etwas nicht kann, nicht die Unfähigkeit, nicht die Ohnmacht, in Lacans Terminologie: nicht das Unvermögen. Damit wäre man im imaginären Register. Gemeint ist, dass es auf der symbolischen Ebene eine strukturelle Blockade gibt, auf der Ebene der Sprache. Lacan präzisiert seine zweite Formel deshalb so: „Das Reale ist das logisch Unmögliche“ – Logik gibt es nur auf der Grundlage der Sprache (genauer: nur auf Grundlage der Schrift, Lacan weist immer wieder darauf hin).

Was ist das Unmögliche? Bezogen auf die Wissenschaften besteht es für Lacan beispielsweise darin, dass es in jedem formalisierten Feld der Wahrheit – das meint: in der Mathematik, in der Logik, in der Physik – Dinge gibt, die man nicht beweisen kann, auf die man sich aber dennoch stützen muss.45 In diesen Wissensfeldern ist das Reale das Axiom.

Das Reale muss also durch den Bezug auf einen bestimmten Wissenstyp und im Verhältnis zu den hierfür charakteristischen symbolischen Operationen bestimmt werden. In der Mathematik ist die grundlegende Operation die Beweisführung; das Axiom kann nicht bewiesen werden, also ist es hier das Reale. In der Psychoanalyse besteht das sprachliche Verfahren in „freier Assoziation“ und Deutung; die Punkte, an denen dieses Verfahren scheitert, bilden das Reale.

Eine andere Figur des Realen ist der logische Widerspruch. Es ist logisch unmöglich, dass ich Sonntag nach Berlin zurückfahre und zugleich Sonntag nicht nach Berlin zurückfahre.

Welche Rolle spielt der logische Widerspruch  als eine Form des Realen in der psychoanalytischen Kur? Hier ein Beispiel, das ich von einem Psychoanalytiker habe, der Fall eines Zwangsneurotikers. Dieser Patient sagte immer dasselbe, auch wenn es immer andere Geschichten waren. Das eine Mal sagte er: ‚Eigentlich möchte ich mit meiner Schwester befreundet sein, aber zugleich möchte ich ihr nicht befreundet sein.‘ Beim nächsten Treffen sagte er: ‚Eigentlich möchte ich in eine andere Stadt ziehen, aber andererseits will ich auf jeden Fall hierbleiben.‘ Offenbar geht es ihm darum, dass ihm etwas zu wünschen übrig bleibt, und das gelingt ihm, indem er sich auf den logischen Widerspruch stützt, auf das Unmögliche, auf das Reale.46

Der Kongresstitel lautet „Macht und Ohnmacht des Realen“. „Ohnmacht“, das heißt im Französischen impuissance. Den Ausdruck impuissance kann man auch mit „Unvermögen“ übersetzen oder auch mit „Impotenz“. Die Kategorie der impuissance gehört für Lacan ins Register des Imaginären. Lacan verbindet das Reale nicht mit den, wenn man so reden will, imaginären Kategorien der Ohnmacht, des Unvermögens, der Impotenz, sondern mit der Kategorie der Unmöglichkeit. Seine These lautet: Das Unvermögen verschleiert das Unmögliche.47 Anders gesagt: die Ohnmacht kaschiert das Reale.

„Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“

Und nun die vierte Formel über das Reale: „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ Hier fehlt der Begriff des Realen, er ist aber mitgemeint, man kann den Satz so ausbuchstabieren: Das Reale besteht darin, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt.48

Natürlich haben Leute sexuelle Verhältnisse, manche mehr, als anderen lieb ist, das soll nicht bestritten werden. Entscheidend ist hier der Begriff des Verhältnisses. Lacan versteht darunter eine Art Zuordnungsvorschrift. Ein sexuelles Verhältnis gäbe es dann, wenn den Elementen der Menge „biologische Männer“ Elemente der Menge „biologische Frauen“ zugeordnet wären und umgekehrt. Eine solche Zuordnungsvorschrift gibt es in gewissem Sinne durchaus: auf der sozialen Ebene, und damit auch auf der Ebene der Sprache, wir unterscheiden Herrn Müller von Frau Müller, den Lehrer von der Lehrerin usw.

Anders ist es, wenn wir zum Unbewussten übergehen, zum Unbewussten im Sinne von Lacan, zum Unbewussten als einem Ensemble von Signifikanten. Eine der großen  Entdeckungen der Psychoanalyse besteht, Lacan zufolge, darin, dass es im Unbewussten keine Vorstellungen für Männer und Frauen gibt, keine Signifikanten, durch die biologische Männer auf biologische Frauen bezogen werden und umgekehrt. Diese These übernimmt er von Freud. Freud zufolge kennt das Unbewusste keine Vorstellungen für das Männliche und das Weibliche, stattdessen findet man hier Oppositionen wie aktiv versus passiv oder mit Penis versus ohne Penis.49 Natürlich sind Frauen nicht weniger aktiv als Männer und Männer nicht weniger passiv als Frauen, das war schon Freud klar, und die Unterscheidung von Penisbesitzern und Penislosen ist bizarr, man könnte die Menschheit ja auch in Plazentabesitzerinnen und Plazentalose einteilen.

Das ist eine empirisch gemeinte These, sie stützt sich auf die Erfahrungen von Psychoanalytikern. Faktisch ist es so, sagt Lacan mit Freud, dass im Unbewussten bestimmte Vorstellungen fehlen (wie Freud sich ausdrücken würde), bestimmte Signifikanten (mit Lacan zu sprechen), und was hier fehlt, sind nicht zuletzt Signifikanten für die Polung auf das biologische Gegengeschlecht.

Sie erinnern sich: Das Reale besteht darin, dass etwas nicht gesagt werden kann, und in diesem Falle heißt das, das Reale besteht darin, dass das Unbewusste nicht über ein Vokabular für die biologische Zweigeschlechtlichkeit verfügt.

Wie macht sich dieser Aspekt des Realen in der psychoanalytischen Kur bemerkbar? Lacan zufolge unter anderem darin, dass es viele Patienten beschäftigt, was es heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein, genauer gesagt, wie man sich als jemand, der doch offenbar ein Mann ist, auf Frauen beziehen sollte, und als jemand, die doch offenbar eine Frau ist, auf Männer. Für viele Neurotiker ist charakteristisch, dass ihr Geschlecht für sie eine Frage ist.

Dieses Reale ist für Lacan eine Hauptquelle der Symptombildung, zumindest bei den Neurotikern. Lacan formuliert es so, „dass das Symptom etwas ist, was (…) nicht aufhört, vom Realen her geschrieben zu werden“50. Das Reale, das nicht aufhört, im Symptom geschrieben zu werden, im Wiederholungszwang, ist dies, dass es im Unbewussten kein sexuelles Verhältnis gibt.

Das Unvermögen verschleiert das Unmögliche (die Ohnmacht verschleiert das Reale), das lässt sich unter anderem so konkretisieren: In manchen Fällen hat die Impotenz die Funktion, zu verschleiern, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt.

Die Beziehung zwischen den drei Registern: der borromäische Knoten

In welchen Beziehungen stehen die drei Register zueinander?

Theorien der Psychoanalyse arbeiten implizit oder explizit mit räumlichen Modellen, man denke an Freuds zeichnerische Darstellung des psychischen Apparats in Das Ich und das Es (1923).

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, Das Ich und das Es, 1923

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik (Das Ich und das Es, 1923)

Freuds Diagramm beruht auf dem Innen-Außen-Gegensatz – an der Umrisslinie ist das deutlich zu sehen –, und das heißt für Lacan: es steht im Banne des Imaginären. Er hat sich bemüht, eine räumliche Darstellung der Beziehungen zwischen dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen zu entwickeln, in der die Bindung an das Imaginäre stark zurückgedrängt wird.

Hierfür stützt er sich auf die sogenannten „borromäischen Ringe“.

Borromäischer Knoten aus drei Ringen mit RSI

Diagramm eines borromäischen Knotens mit Zuordnung der Ringe zum Imaginären (I), zum Symbolischen (S) und zum Realen (R)

Dieses  Gebilde besteht aus drei Ringen; Lacan spricht von Fadenringen. Einer der Ringe steht für das Imaginäre, ein anderer für das Symbolische und der dritte für das Reale. Die Ringe sind im dreidimensionalen Raum auf spezielle Weise ineinander verschlungen, sie sind so ineinander gefügt, dass sie auseinanderfallen, wenn man einen beliebigen auftrennt.

Statt von „borromäischen Ringen“ spricht Lacan meist vom „borromäischen Knoten“; für die Arbeit mit dieser Figur stützt er sich auf die Knotentheorie, ein Teilgebiet der mathematischen Topologie.51

Zwischen den Ringen gibt keine Hierarchie. Der Ring des Imaginären hält die Ringe des Symbolischen und des Realen zusammen, der Ring des Symbolischen verbindet die Ringe des Realen und des Imaginären, und der Ring des Realen verknüpft das Imaginäre mit dem Symbolischen. Jeder Ring dominiert die beiden anderen, und das heißt: keiner von ihnen ist  dominant.

Der borromäische Knoten stellt also dar, wie sich das Imaginäre, das Symbolische und das Reale zueinander verhalten. Lacan schätzt diese Darstellungsweise, da sie die Orientierung am Körperbild weit zurückdrängt. Es ist nicht möglich, das Innere eines Ringes (sagen wir: das, wodurch der Finger geht) und das Äußere eines Rings voneinander zu unterscheiden. Das Innen-Außen-Gegensatz greift nicht, die Verschlingung der Fadenringe besteht gewissermaßen vor allem aus Löchern, und auf diese Weise bricht der borromäische Knoten mit der Fixierung auf das Imaginäre.

Wie ist ein Zugang zum Realen möglich? Andeutung, Signifikant, Schnitt

Wenn das Symptom letztlich vom Realen her „geschrieben“ wird und wenn die psychoanalytische Behandlung darauf abzielt, das Symptom zu beeinflussen – es vielleicht nicht zu beseitigen, aber doch zumindest zu reduzieren, erträglich zu machen –, muss es auf irgendeine Weise gelingen, an das Reale heranzukommen, es gewissermaßen zu erschüttern.

Wie soll das möglich sein, wenn die Psychoanalyse eine Sprechkur ist und wenn das Reale eben darin besteht, dass etwas hartnäckig nicht gesagt (und nicht verbildlicht) werden kann?

Lacans Antwort ist, im ersten Schritt, traditionell: durch die Deutung, durch die Interpretation, also durchaus auf dem Weg des Sprechens, im Register des Symbolischen.

Die nächsten Schritte sind weniger klassisch. Die Deutung hat auf eine spezielle Weise zu erfolgen: sie muss andeutend sein, sie muss zu verstehen  geben.52 Er formuliert das auch so: „Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen.“ Das Signifikat (der Sinn des Symptoms) soll nicht als Antwort des Analytikers ins Spiel gebracht werden, sondern als Frage des Patienten, und dabei hilft eine Frage, die sich auf die Intervention des Analytikers bezieht – was sollte das jetzt wieder bedeuten?

Die andeutende Deutung soll mehrdeutig sein, und das heißt heißt, sie soll den Signifikanten ins Spiel bringen, die Lautseite der Sprache.53 Dabei unterscheidet Lacan verschiedene Arten der Mehrdeutigkeit: die auf Homophonie beruhende, die grammatische und die logische Mehrdeutigkeit.54

Wenn hingegen die Deutung den Sinn des Symptoms festlegt, ihn fixiert, dann füttert sie das Symptom, wie Lacan sich ausdrückt55, sie verstärkt es. Inwiefern? Weil der feste Sinn für Lacan eine Form der Abwehr ist.56 Das Symptom beruht letztlich nicht auf einem verborgenen Sinn, der sich benennen ließe, es ist kein Zeichen, sondern auf Signifikanten, die mit einem Genießen verbunden sind und gewissermaßen wie Axiome fungieren, d.h. auf dem Realen.57

Die Deutung besteht für Lacan aber nicht nur in orakelhaften Andeutungen, sondern auch im Schnitt, in der Akzentuierung des Abstands zwischen den Signifikanten, in der Unterbrechung des Redeflusses. Der Schnitt ist, Lacan zufolge, eine der wirksamsten Methoden der psychoanalytischen Intervention.58 Eine der Formen des Schnitts ist die Beendigung einer Sitzung.59 Lacan begründet hiermit seine Technik der variablen Sitzungsdauer: sie zielt auf das „Reale des Subjekts“60.

Vielen Dank.

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Anmerkungen

  1. Ich  beziehe mich auf einen der meistzitierten Artikel der Psychologie: George A. Miller: The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. In. Psychological Review, 63. Jg. (1956), Heft 2, S.81–97.
  2. Zum ersten Mal hatte Lacan diese Begriffsdreiheit im Jahre 1953 vorgestellt, in „Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale“, einem Vortrag, den er am 8. Juli 1953 vor der Société française de psychanalyse gehalten hatte (dt. in: J.L.: Namen-des-Vaters. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant Wien 2006, S. 11–63). Berühmt wurde die dreigliedrige Begrifflichkeit durch Lacans Text Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Pychoanalye, einen Vortrag vom 26. und 27. September 1953, der 1956 veröffentlicht wurde (dt. Übersetzng von Klaus Laermann in: J.L.: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975, S. 71–169).
  3. Auf die Nähe zur Peirce’schen Zeichenklassifikation verweist Lacan in Seminar 23 von 1975/76, Das Sinthom, in der Sitzung vom 16. März 1976; vgl. Version Miller, S. 120 f.
  4. Funktion und Feld, a.a.O., S. 166, Übersetzung geändert.
  5. Seminar 18, Sitzung vom 17. Februar 1971; Version Miller, S. 58.
  6. In Die Dritte (1974) sagt Lacan: „Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale, das ist eine Aussage über das, was effektiv in Ihrem Sprechen operiert, wenn Sie sich vom analytischen Diskurs her verorten, wenn Sie, als Analytiker, er sind. Bei „imaginär“ müssen Sie das französische Wort image durchhören, Bild. Das Imaginäre ist das Bildhafte. Aber auch die übliche Bedeutung ist gemeint, die der Illusion. Das Imaginäre ist also das Bildhaft-Illusionäre, beim Imaginären geht es um die durch Bilder erzeugten Illusionen. Aber diese Termini tauchen wirklich nur für und durch diesen Diskurs auf.“
    (Jacques Lacan: La troisième (1974). S. 183.
    Hier und im Folgenden meine Übersetzung nach der von Patrick Valas und anderen erstellten Transkription, veröffentlicht am 21. September 2015 auf der Website von Patrick Valas (valas.fr). Eine frühere Transkription von Die Dritte erschien in: Lettres de l’École freudienne. Bulletin intérieur de l’École Freudienne de Paris, Nr. 16, 1975, S. 177–203, eine Kopie dieser ersten Transkription gibt es im Internet hier, eine Abschrift bietet die Website der École lacanienne de Paris hier. Meine Seitenangaben beziehen sich auf diese ältere Transkription, als Übersetzungsvorlage verwende ich jedoch die Valas-Transkription, da sie einige wichtige Korrekturen enthält. Eine deutsche Übersetzung von Die Dritte, von Nicole Taubes erstellt, wurde 2009 auf der Website von Patrick Valas veröffentlicht, hier.
    Mein Vortrag orientiert sich insgesamt locker an diesem Text von Lacan.
  7. Den Terminus „das Imaginäre“ übernimmt Lacan von Sartre (vgl. Jean-Paul Sartre: L’Imaginaire. Psychologie phénoménologique de l’imagination. Gallimard, Paris 1940; dt.: Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft. Übersetzt von Hans Schöneberg. Rowohlt, Reinbek 1971; Schöneberg-Übersetzung, überarbeitet von Vincent von Wroblewsky. Rowohlt, Reinbek 1994), die mit dem Konzept des Imaginären verbundene Theorie des Spiegelstadiums von Henri Wallon (vgl. Henri Wallon: Les origines du caractère chez l’enfant. Les préludes du sentiment de personnalité. Boivin, Paris 1934.– Vgl. Émile Jalley: Freud, Wallon, Lacan: l’enfant au miroir. EPEL, Paris 1998), ohne auf ihn hinzuweisen.
  8. Vgl. Die Dritte: „Der Mensch ist sich ja doch in seinem Wesen/Sein näher als in seinem Spiegelbild. Was ist also an dieser Geschichte mit dem Gebot ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘, wenn das nicht auf dieser Fata Morgana beruht, die doch immerhin etwas Komisches ist, aber da diese Fata Morgana genau das ist, was den Menschen dazu bringt zu hassen, zwar nicht den Nächsten, aber Seinesgleichen (son semblable), so ist das eine Sache, die leicht daneben ginge, wenn man nicht dächte, dass Gott doch wissen muss, was er sagt, es gibt etwas, was bei jedem noch mehr geliebt wird als sein Bild.“ (A.a.O., S. 191)
  9. Die Verbindung von Idealisierung und Aggression ist bereits Thema von Lacans vor-psychoanalytischer Arbeit Über die paranoische Psychose und ihre Beziehungen zur Persönlichkeit (1932). In: Ders.: Über die paranoische Psychose und ihre Beziehungen zur Persönlichkeit und Frühe Schriften über die Paranoia. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Passagen-Verlag, Wien 2002, S. 21–358.
    Sie steht dann im Mittelpunkt seiner Theorie des Spiegelstadiums; vgl. J. Lacan: Die Familie (1937). In: Ders.: Schriften III. Walter-Verlag, Olten u.a. 1980, S. 39–100, v.a. S. 54–62.
  10. In Seminar 13 (Das Objekt der Psychoanalyse, 1965/66) erläutert Lacan den Begriff jouissance  ausgehend vom englischen Terminus sexual enjoyment. Es ist schwierig, heißt es hier, „eine Stütze für etwas zu geben, was ein Äquivalent für unser französisches Wort jouissance ist; enjoyment hat nicht dieselben Resonanzen wie jouissance, man müsste es gewissermaßen mit dem Ausdruck Lust* kombinieren, der vielleicht ein bisschen besser wäre“ (Sitzung vom 27. April 1966, meine Übersetzung nach Version Staferla, „Lust“ im Original deutsch).
  11. Warum wird jouissance nicht einfach mit „Lust“ übersetzt? Freuds „Lustprinzip“ heißt im Französischen principe de plaisir; im Anschluss hieran unterscheidet Lacan jouissance und plaisir; plaisir ist für ihn, mit Freud, das Streben nach Spannungsverminderung und Unlustvermeidung. Man muss in der Übersetzung also die jouissance vom plaisir unterscheiden. Da plaisir wegen der Beziehung auf den Begriff des „Lustprinzips“ mit „Lust“ übersetzt werden muss, bleibt für jouissance kaum ein anderer Terminus übrig als eben der des Genießens.
  12. In Seminar 13 (Das Objekt der Psychoanalyse, 1965/66) heißt es, „das Genießen kann für uns nur identisch sein mit jeder Gegenwart des Körpers, das Genießen lässt sich nur vom Körper her erfassen“ (Sitzung vom 27. April 1966, meine Übersetzung nach Version Staferla).
  13. Vgl. Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Sitzung vom 11. Februar 1970; Version Miller, S. 83.
  14. Vgl. Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, Sitzung vom 11. Juni 1974.
  15. In Die Dritte heißt es, dass „das Schnurren ohne jeden Zweifel das Genießen (jouissance) der Katze ist. Ob das durch ihren Kehlkopf geht oder wodurch sonst, darüber weiß ich nichts: wenn ich sie streichle, wirkt es, als käme es aus dem ganzen Körper“ (a.a.O., S. 179).
  16. „Die Frage wird von dem Moment an interessant, wenn man sie erweitert und wenn man sich im Namen des Lebens fragt, ob die Pflanze genießt. Das ist durchaus etwas, was einen Sinn hat, denn das ist ja immerhin etwas, was man uns angedreht hat, man hat uns die Lilien auf dem Felde angedreht. Sie weben nicht und sie spinnen nicht, hat man hinzugefügt. Es ist jedoch sicher, dass wir uns jetzt damit nicht mehr zufriedengeben können, aus dem guten Grund, dass es eben doch ihre Sache ist, zu weben und zu spinnen. Für uns, die wir das unter dem Mikroskop betrachten, gibt es kein offenkundigeres Beispiel für etwas Gesponnenes als dieses. Also ist es vielleicht das, was sie genießen: zu weben und zu spinnen. Das lässt die Sache insgesamt jedoch ganz und gar in der Schwebe. Über die Frage, ob Leben mit Genießen einhergeht, muss noch entschieden werden.“ (Die Dritte, a.a.O., S. 192)
  17. J. Lacan: Seminar 18, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre (1971), Sitzung vom 17. März 1971, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  18. Die Dritte: „Er ist wirklich keine Leuchte, dieser Mashimi [gemeint ist der japanische Schriftsteller Mishima Yukio]. Wenn er uns sagt, dass es der Heilige Sebastian war, der für ihn Anlass zu seiner erste Ejakulation war, muss ihn das wirklich verblüfft haben, diese Ejakulation. Wir sehen das täglich, Typen, die einem erzählen, dass sie sich an ihre erste Masturbation immer erinnern werden, dass sprengt den Schirm. Tatsächlich versteht man gut, warum das den Schirm sprengt: weil das nicht aus dem Inneren des Schirms kommt. Der Körper, der kommt in die Ökonomie des Genießens – von dort bin ich ausgegangen –auf dem Weg über das Körperbild.“ (S. 190 f.)
    „Wie ich Ihnen vorhin gesagt habe, zweigt von diesem Platz der Mehrlust jede Art des Genießen ab und also das, was den einzelnen Überschneidungsbereichen äußerlich ist, das, was einem dieser Felder äußerlich ist, anders ausgedrückt, hier das phallische Genießen, das, was ich hier als JΦ geschrieben habe, das ist das, wodurch das definiert ist, was ich vorhin als seinen außerkörperlichen Charakter gekennzeichnet habe.“ (S. 199 f.)
  19. In Seminar 14 (Die Logik des Phantasmas, 1966/67) spricht Lacan von der „konstitutiven Trennung des Körpers und des Genießens“, von der „Disjunktion des Genießens und des Körpers“ (Sitzung vom 7. Juni 1967).
  20. Seminar 19, Sitzung vom 12. Januar 1972; Version Miller, S. 43, meine Übersetzung.
  21. „Die Macht des Symbolischen, sie muss nicht demonstriert werden. Es gibt keine Spur von Macht in der Welt vor dem Auftauchen der Sprache.“  (J. Lacan: Ich spreche zu den Wänden. Gespräche aus der Kapelle von Sainte-Anne. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2013, S. 37)
  22. In Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, heißt es, dass das Subjekt, „von dem die Privation ausgehen kann, die Äußerung der Privation, dass dies das Subjekt der imaginären Allmacht ist, das heißt das umgekehrte Bild der Ohnmacht“ (Sitzung vom 28. Februar 1962, meine Übersetzung nach Version Staferla). In Radiophonie spricht Lacan vom „imaginären Unvermögen“ (J. Lacan: Radiophonie (1970). In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 5–54, hier: S. 42).
  23. Lacan übernimmt den Begriff von Lévi-Strauss, dem zufolge die Kultur als ein Ensemble von „symbolischen Systemen“ begriffen werden kann (vgl. Claude Lévi-Strauss: Einleitung in das Werk von Marcel Mauss (1950). In: Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie, Bd. 1. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1978, S. 7–41, hier: S.  15).
    Zum Verhältnis Lacan – Lévi-Strauss vgl. Markos Zafiropoulos: Lacan et Lévi-Strauss ou le retour à Freud 1951 – 1957. Presses universitaires des France, Paris 2003; die Substantivierung „das Symbolische“ ist, soweit ich es übersehe, Lacans Erfindung.
  24. Auch diese These übernimmt er von Lévi-Strauss; vgl. Claude Lévi-Strauss: Die Wirksamkeit der Symbole (1949). In: Ders.: Strukturale Anthropologie (1958). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967, S. 204-225.
  25. Die Dritte: „Über die Frage, ob Leben mit Genießen einhergeht, muss noch entschieden werden. Wenn die Frage aber für das Pflanzenreich offenbleibt, so wird damit umso mehr zur Geltung gebracht, dass dies für das Sprechen nicht gilt, dass Lalangue – in der das Genießen fehlt, in dem es einen Niederschlag bildet, wie gesagt, nicht ohne es abzutöten, nicht wahr, nicht ohne dass es sich als Totholz darstellt –, dass Lalangue jedoch  Zeugnis davon ablegt, dass das Leben, aus dem eine Sprache (langage) einen rejet macht, eine Verwerfung / einen Schößling, uns wohl eine Idee davon gibt, dass das etwas ist, was zur Ordnung des Pflanzlichen gehört.“ (S. 192)
  26. S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur, 1930. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 227.
  27. Der späte Lacan unterscheidet solche Elemente von den Signifikanten und bezeichnet sie als „Buchstaben“ (ab Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, darin Vorlesung vom 12. Mai 1971, „Lituraterre“, Übersetzung in diesem Blog hier). Das Ensemble der „Buchstaben“ bezeichnet er als lalangue (la langue, die Sprache, jedoch in einem Wort geschrieben); lalangue ist Gegenbegriff zu langage. Unter langage versteht Hypothese der Linguistik, wonach die Sprache ein System ist, das durch grammatische Regeln bestimmt wird und der Kommunikation dient. Die Opposition von lalangue und langage wird von ihm zuerst 1973 in Seminar 20 entwickelt (vgl. Seminar 20, Encore, Sitzung vom 26. Juni 1973; Version Haas u.a., S. 150 f.).
  28. Vgl. Seminar 1, von 1953/54, Freuds technische Schriften, Sitzung vom 17. Februar 1954; Version Miller/Hamacher, S. 89.
  29. Vgl. Seminar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, Sitzung vom 23. März 1955; Version Miller/Metzger, S. 225.
    In Seminar 22 von 1974/75, RSI, heißt es, das Reale sei das, was aus dem Sinn ausgestoßen ist, wobei der Sinn wiederum durch das Zusammenwirken des Imaginären und des Symbolischen entsteht (vgl. Sitzung vom 11. März 1975; Kleiner-Übersetzung S. 41).
    Ein wichtiger Bezugspunkt bei Freud ist dessen Theorie des Traumas (vgl. etwa S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 239–243); Inspirationsquellen sind außerdem Kants Konzept des „Dings an sich“ und Sartres Begriff des „An-sich“ (vgl. J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts (1943). Übers. von Hans Schöneberg und Traugott König. Rowohlt, Reinbek 1994).
  30. Die Dritte: „Der Diskurs des Herrn beispielsweise, sein Zweck besteht darin, dass die Dinge sich im allgemeinen Gleichschritt vollziehen. Nun ja, das ist keineswegs dasselbe wie das Reale, denn das Reale, das ist genau das, was nicht läuft, was mit diesem Tross über Kreuz liegt, mehr noch, was nicht aufhört, sich zu wiederholen, um diesen Vormarsch zu behindern.“ (S. 183)
  31. Über den Diskurs der Wissenschaft sagt Lacan in Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre:
    „Er hat keine Referenz außer dem Unmöglichen, zu dem seine Ableitungen führen – dieses Unmögliche ist das Reale. Der Diskursapparat, insofern er in seiner Strenge auf die Grenzen seiner Konsistenz stößt, das ist das, womit wir in der Physik etwas anzielen, was das Reale ist.(…) Was uns betrifft, so haben wir es mit etwas zu tun, was davon Rechenschaft ablegt, dass es sich von dieser Position des Realen in der Physik unterscheidet. Dieses Etwas, was widersteht, was nicht durchlässig ist für einen Sinn, der Folge unseres Diskurses ist, das nennt sich Phantasma.“ (Seminar 18, Sitzung vom 20. Januar 1971; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 28)
    Im Diskurs der Psychoanalyse ist das Reale das, was dem Sinn als Folge des psychoanalytischen Diskurses widersteht, also der Widerstand (der wiederum auf dem Phantasma beruht).
  32. Das Reale ist das, was widersteht, anders gesagt: das Reale manifestiert sich im Widerstand, an dieser Definition hält Lacan fest. In Seminar 18 heißt es:„Was uns [Analytiker] betrifft, so haben wir es mit etwas zu tun, was davon Rechenschaft ablegt, dass es sich von dieser Position des Realen in der Physik unterscheidet. Dieses Etwas, was widersteht, was nicht durchlässig ist für einen Sinn, der Folge unseres Diskurses ist, das nennt sich Phantasma. (…) An diesem Platz, wo es befragt wird, muss das Phantasma seinen Status annehmen, seinen Status, der eben durch den Anteil der Unmöglichkeit definiert ist, den es in der analytischen Befragung gibt.“ (Seminar 18, Sitzung vom 20. Januar 1971, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 28)
  33. Eine weitere Formel lautet: „Was im Symbolischen verworfen ist, kehrt im Realen wieder“, nämlich als Halluzination (zuerst in Seminar 3 von 1956/57, Die Psychosen). Da mir nicht klar ist, was Lacan hier unter dem Realen versteht, klammere ich in diesem einführenden Text diese Formel aus.
  34. Zuerst in Seminar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, wo es heißt, die Sterne seien real, da man sie immer am selben Platz wiederfindet (Sitzung vom 25. Mai 1955; Version Miller/Metzger, S. 303). Als Formel zuerst in Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung, in der Sitzung vom 1. Juli 1959; Version Miller, S. 565.
  35. Der entscheidende Anknüpfungspunkt bei Freud sind dessen Überlegungen zum Verhältnis von Erinnern, Widerstand und Wiederholung. Vgl. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 228 ff.
  36. Freud: „Aber während wir Reinlichkeit in der Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ordnung vielmehr der Natur abgelauscht; die Beobachtung der großen astronomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen nicht nur das Vorbild sondern die ersten Anhaltspunkte für die Einführung der Ordnung in sein Leben gegeben. Die Ordnung ist eine Art Wiederholungszwang, die durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann, wo und wie etwas getan werden soll, so daß man in jedem gleichen Falle Zögern und Schwanken erspart.“ (S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 223 f.)
  37. Die Formel bringt außerdem den Begriff des „Selben“ ins Spiel – „an derselben Stelle“; um das „Selbe“ geht es bei der Identifizierung. Die Formel wirft also insgesamt die Frage nach dem Verhältnis von Wiederholung und Identifizierung auf.
  38. Vgl. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 231 f.
  39. Die Dritte: „Der Diskurs des Herrn beispielsweise, sein Zweck besteht darin, dass die Dinge sich im allgemeinen Gleichschritt vollziehen. Nun ja, das ist keineswegs dasselbe wie das Reale, denn das Reale, dass ist genau das, was nicht läuft, was sich zu diesem Tross querstellt, mehr noch, was nicht aufhört, sich zu wiederholen, um diesen Vormarsch zu behindern.“ (S. 183)
  40. Diese These wird von Lacan in Seminar 6 von 1958/59 entwickelt, Das Begehren und seine Deutung, in den Sitzungen vom 20. Mai 1959 bis zum 1. Juli 1959; vgl. diesen Blogartikel.
  41. Vgl. J. Lacan: Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht (1958). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 9–71, hier: S. 20.
  42. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 27. Mai 1995; Version Miller, S. 474.
  43. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; Version Miller, S. 540.
  44. Eine frühe Version der Formel ist eine Bemerkung in Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse, wo es heißt, dass es für das Ding charakteristisch ist, „dass es uns unmöglich ist, es uns vorzustellen (imaginer)“ (Seminar 7, Sitzung vom 27. Januar 1960, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller/Haas, S. 155)
    Das Konzept „Das Reale ist das Unmögliche“ wird von Lacan zuerst vorgestellt in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung,  in den Sitzungen vom 14. März und vom 21. März 1962. Lacan kommt in jedem der folgenden Seminare darauf zurück, bis einschließlich Seminar 24, also dem vorletzten Seminar. Die genaue Formulierung „le réel c’est l’impossible“ (das Reale ist das Unmögliche) findet sich erstmals in Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse, in der Sitzung vom 16. Juni 1965.
    Die Definition „Das Unmögliche ist das, was nicht aufhört, nicht geschrieben zu werden“, wird erstmals in Seminar 20 von 1972/73, Encore, vorgestellt, in der Sitzung vom 13. Februar 1973, Version Miller/Haas u. a., S. 65, und in der Sitzung vom 20. März 1973, S. 102.
  45. Vgl. Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Sitzung vom 20. Mai 1970; Version Miller, S. 190.
  46. In Seminar 9 wird die Formel „Das Reale ist das Unmögliche“ ausgehend von der Funktion des Unmöglichen in der Zwangsneurose entwickelt.
    Melanie Klein spricht vom frühkindlichen Über-Ich als einer Macht, die „widersprüchliche Befehle erteilte, die das Kind unmöglich ausführen könnte“ (M. Klein: Die frühe Entwicklung des Gewissens beim Kind (1933). In: Dies.: Frühstadien des Ödipuskomplexes. Frühe Schriften 1928–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1985, S. 89–101, hier: S. 93)
  47. Vgl. Seminar 17, a.a.O., Impromptu 2 vom 3. Juni 1970, Übersetzung von Gerhard Schmitz, S. 170 (nicht in Version Miller enthalten); Radiophonie, a.a.O., S. 47.
    Ähnlich heißt es bereits in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, das Unvermögen des Anderen sei in einem Unmöglichen verwurzelt (Sitzung vom 21. März 1962).
  48. Zuerst in Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, Sitzung vom 12. März 1969; Version Miller, S. 226; vgl. diesen Blogartikel. Eine frühere Version dieser Formel lautet „Es gibt keinen Geschlechtsakt“, in: Seminar 14 von 1966/67, Die Logik des Phantasmas, Sitzung vom 12. April 1967.
  49. Zu Aktivität und Passivität vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 37–145, hier: S. 123 f., Zusatz von 1915.–  Ders.: Das Unbehagen in der Kultur (1930). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 235 f. Fn. 2.
  50. Die Dritte, S. 194.
  51. In der Topologie versteht man unter einem Knoten einen einzelnen „Fadenring“, vor allem, wenn er in sich selbst verschlungen ist. So gesehen, bestehen die borromäischen Ringe aus einer Verschlingung von drei Knoten. Als Lacan das klar wird (am Ende von Seminar 22, vor allem aber in Seminar 23) ändert er seine Terminologie und spricht meist, wie die Mathematiker, von einer „borromäischen Verschlingung“.
  52. Diese Konzeption der Deutung stellt Lacan bereits in seinem ersten Rom-Vortrag vor, Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, a.a.O., S. 137 f.
    In Die Dritte erinnert er hieran: „„Die erste [Romrede] also, diejenige, die wiederkehrt, sodass sie nicht aufhört, geschrieben zu werden, notwendig, die erste, Funktion und Feld, darin habe ich gesagt, was gesagt werden musste. Die Deutung, habe ich dort geschrieben, ist nicht Sinndeutung, sondern Spiel mit der Mehrdeutigkeit. Darum habe ich die Betonung auf den Signifikanten in der Sprache gelegt.“ (S. 188)
  53. In Die Dritte heißt es: „Nur wenn in der Deutung die analytische Intervention einzig auf dem Signifikanten beruht, kann etwas vom Feld des Symptoms zurückgehen.“ (S. 200) In Seminar 23 von 1975/76, Das Sinthom, liest man: „Denn letztlich haben wir als Waffe gegen das Symptom nur dies: die Äquivokation.“ (Sitzung vom 18. November 1975, Version Miller S. 9, Übersetzung von Max Kleiner.)
  54. Vgl. J. Lacan: L’étourdit. In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449–496, hier: S. 491 f.
  55. Die Dritte: „ … das Wesentliche, was es im Wortspiel gibt, darauf muss unsere Deutung abzielen, um nicht die zu sein, die das Symptom mit Sinn füttert.“ (S. 193)
  56. Dies ist die Stoßrichtung von Lacans Definition des Signifikanten als das, wodurch bei einem anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird. In Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, in dem diese Definition von ihm erstmals artikuliert wird, heißt es: „Der Signifikant definiert sich dadurch, bei einem anderen Signifikanten das Subjekt zu repräsentieren: unendliche Verweisung des Sinns. Und wenn das etwas bedeutet, dann deshalb, weil der Signifikant beim anderen Signifikanten diese besondere Sache bedeutet, die das Subjekt als nichts ist.“ (Seminar 9, Sitzung vom 21. März 1962, meine Übersetzung nach Version Staferla)
  57. Die Dritte: „Der Sinn des Symptoms ist nicht der, mit dem man es füttert, sodass es entweder wuchert oder ausstirbt, der Sinn des Symptoms, das ist das Reale, das Reale als das, was sich querstellt / was über Kreuz liegt, um zu verhindern, dass die Dinge in dem Sinne laufen, dass sie auf zufriedenstellende Weise von sich selbst Rechenschaft ablegen – zufriedenstellend zumindest für den Herrn.“ (S. 186)
    „Ich beharre darauf, vor allem auf der Pressekonferenz habe ich darauf beharrt: Wenn man das Symptom, das Reale, mit Sinn füttert, tut man nichts anderes, als für seinen Fortbestand zu sorgen. In dem Maße hingegen, wie im Symbolischen etwas durch das eingeengt wird, was ich das Wortspiel genannt habe, die Äquivokation, die zur Abschaffung des Sinns führt, kann alles, was das Genießen betrifft, ebenfalls eingeengt, insbesondere das phallische Genießen, denn das geht nicht, ohne dass Sie sich über den Platz des Symptoms in diesen verschiedenen Feldern klar werden.“ (S. 200)
  58. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 1. Juli 1959; vgl. Version Miller, S. 571 f. Eine Übersetzung der Passage findet man in diesem Blogartikel.
  59. Das Ende der Sitzung hatte Lacan zunächst als „Interpunktion“ bezeichnet. Vgl. J. Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse (1953). Übersetzt von Klaus Laermann. In: Ders.: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71169, hier: S. 129, 155162.
  60. Seminar 6, Sitzung vom 20. Mai 1959; vgl. Version Miller, S. 450.

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