Einzelner Zug

Kommentar zu Lacans Vortrag „Über Struktur als Einmischen einer Andersheit“

BaltimoreTraffic2Bal­ti­more, 2008, von hier

Mit­te des Jah­res er­schien im Au­gust-Ver­lag ein Vor­trag von La­can aus dem Jah­re 1966 mit dem schö­nen Ti­tel

Über Struk­tur als Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung ei­nes Sub­jekts“.1

In die­sem Text fasst La­can vor al­lem Se­mi­nar 12 von 1964/65 zu­sam­men, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se. Die­ses Se­mi­nar ist nicht über­setzt, es gibt auch kei­ne of­fi­zi­el­le fran­zö­si­sche Aus­ga­be. Die Über­set­zung er­mög­licht dem deutsch­spra­chi­gen Le­ser ei­nen Zu­gang zum Theo­rie­stand von etwa 1965.

Lacan, Struktur, August-VerlagDer von Do­mi­nik Fin­kel­de her­aus­ge­ge­be­ne Band ent­hält ne­ben der von ihm er­stell­ten Über­set­zung und der eng­li­schen Ori­gi­nal­fas­sung ei­nen um­fang­rei­chen Kom­men­tar. Die­ser Kom­men­tar, der eben­falls von Fin­kel­de ver­fasst wur­de, zielt dar­auf ab, die phi­lo­so­phi­schen Hin­ter­grün­de des Tex­tes aus­zu­leuch­ten.2 Das hat mich dazu ani­miert, eine Er­läu­te­rung an­de­ren Typs zu ver­su­chen, ei­nen Kom­men­tar in der Art ei­nes Clo­se Rea­ding, wie die Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler sa­gen: eng am Text, Satz für Satz, not­falls Wort für Wort, und das im­mer im Hin­blick auf Freud.

Herz­li­chen Dank an Ger­hard Herr­gott für die Hil­fe bei der Fre­ge-Lek­tü­re und für das Fine-tu­ning des Ar­ti­kels!

Zi­tier­wei­se

Die Über­set­zung der Zi­ta­te ist mei­ne Über­ar­bei­tung von Fin­kel­des meist gu­ter Über­set­zung.
Drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat wei­sen dar­auf hin, dass es an das vor­an­ge­gan­ge­ne Zi­tat lü­cken­los an­schließt.
In den Fuß­no­ten ver­weist das Stich­wort „Struk­tur“ auf die im Au­gust-Ver­lag er­schie­ne­ne Aus­ga­be.

Rahmen

Am 21. Ok­to­ber 1966 hielt La­can in Bal­ti­more (USA) den Vor­trag Of struc­tu­re as an in­mi­xing of an other­ness pre­re­qui­si­te to any sub­ject wha­te­ver („Über Struk­tur als ein Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung für wel­ches Sub­jekt auch im­mer“). Er hielt sei­nen Vor­trag in schwer ver­ständ­li­chem Eng­lisch, sa­gen die ei­nen3, ab­wech­selnd auf Eng­lisch und Fran­zö­sisch und bis­wei­len in ei­ner Mi­schung aus bei­den, sa­gen die an­de­ren.4 Die eng­li­sche Über­set­zung war von An­tho­ny Wil­den.5

Den Rah­men bil­de­te ein von René Gi­rard und Eu­ge­nio Do­na­to ver­an­stal­te­tes Sym­po­si­um über Struk­tu­ra­lis­mus mit dem Ti­tel „The lan­guages of cri­ti­cism and the sci­en­ces of man“, das vom 18. bis zum 21. Ok­to­ber 1966 am Cen­ter for the Hu­ma­nities der Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty in Bal­ti­more statt­fand. Zu den Teil­neh­mern ge­hör­ten Ro­land Bart­hes, Jac­ques Der­ri­da, Lu­ci­en Gold­mann, Ge­or­ge Pou­let, Tz­ve­tan To­do­rov, Jean-Pierre Ver­nant u.a; mit die­ser Kon­fe­renz wur­de der Struk­tu­ra­lis­mus in die USA ein­ge­führt.

Die Bei­trä­ge dern Ko­fe­renz wur­den ver­öf­fent­licht in: Ri­chard Macksey, Eu­ge­nio Do­na­to (Hg.): The lan­guages of cri­ti­cism and the sci­en­ces of man. The struc­tu­ra­list con­tro­ver­sy. The Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty Press, Bal­ti­more und Lon­don 1970. Man fin­det hier La­cans Bei­trag so­wie die dar­an an­schlie­ßen­de Dis­kus­si­on auf den Sei­ten 186 bis 195. Bei La­cans Text han­delt es sich, wie die Her­aus­ge­ber schrei­ben, um eine „über­ar­bei­te­te Tran­skrip­ti­on und Pa­ra­phra­se“ des Vor­trags und der Dis­kus­si­on.6 Wer Über­ar­bei­tung und Pa­ra­phra­se vor­ge­nom­men hat, wird uns nicht ver­ra­ten. Die Tran­skrip­ti­on ent­hält ei­nen gro­ben Feh­ler, der La­can hät­te auf­fal­len müs­sen („cross cut“ statt „cross cap“), des­halb neh­me ich an, dass La­can sie nicht oder nur ober­fläch­lich durch­ge­se­hen hat. Der ver­öf­fent­lich­te Text ist also der Ef­fekt ei­nes kaum ent­flecht­ba­ren Zu­sam­men­wir­kens zwi­schen La­can, sei­nem Über­set­zer An­tho­ny Wil­den und sei­nen Her­aus­ge­bern Ri­chard Macksey und Eu­ge­nio Do­na­to.

Exposition

Sprachstruktur

The­ma des Sym­po­si­ums ist die Struk­tur, und La­can weist zu Be­ginn sei­nes Vor­trags dar­auf hin, dass er die­sen Be­griff seit lan­gem ver­wen­det. Das lässt sich prä­zi­sie­ren: Ab 1951 traf er sich re­gel­mä­ßig mit dem Eth­no­lo­gen Clau­de Lévi-Strauss, dem Lin­gu­is­ten Émi­le Ben­ve­nis­te und dem Ma­the­ma­ti­ker Ge­or­ges Guil­baud, um über Fra­gen der Struk­tur zu dis­ku­tie­ren.7

Das Un­be­wuss­te hat eine Struk­tur, sagt La­can wei­ter; die Struk­tur, über die er spre­chen wird, ist die des Un­be­wuss­ten.

La­can fährt fort: Wenn man sagt „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che“, so sei dies das­sel­be, wie zu sa­gen, „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert“. Eine Struk­tur ist für ihn im­mer die Struk­tur ei­ner Spra­che.

Aber was heißt „Spra­che“? Da­mit sei nicht eine ver­ein­fach­te Spra­che ge­meint, er­läu­tert La­can, auch nicht eine Spe­zi­al­spra­che, so wie man von der Spra­che der My­then oder der Ma­the­ma­tik oder der Ki­ne­ma­to­gra­phie spricht. Mit „Spra­che“ sei die kon­kre­te Spra­che ge­meint, bei­spiels­wei­se das Eng­li­sche oder das Fran­zö­si­sche. La­cans be­rühm­tes Dik­tum „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che“ meint also: „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie das Eng­li­sche oder das Fran­zö­si­sche oder wie sonst eine kon­kre­te Spra­che.“

La­can er­läu­tert die­sen Hin­weis, in­dem er eine wei­te­re sei­ner Sen­ten­zen ins Spiel bringt: „Es gibt kei­ne Met­a­spra­che.„8Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che, wie das Eng­li­sche oder das Fran­zö­si­sche, und das heißt: mit „Struk­tur“ ist hier kei­ne Met­a­spra­che ge­meint, kei­ne for­ma­le Spra­che, mit der die Um­gangs­spra­che be­schrie­ben wer­den könn­te.

Mit der The­se über die Met­a­spra­che spielt La­can auf den theo­re­ti­schen Zu­sam­men­hang an, der den Hin­ter­grund sei­nes Vor­trags bil­den wird. Gott­lob Fre­ge hat­te ver­sucht, die Arith­me­tik durch die Men­gen­leh­re axio­ma­tisch zu be­grün­den (Grund­ge­set­ze der Arith­me­tik, Bd. 1:  1893, Bd. 2: 1903). Bert­rand Rus­sell hat­te ent­deckt, dass die­ses Pro­jekt zu ei­ner Pa­ra­do­xie führt, zur so­ge­nann­ten Rus­sell­schen An­ti­no­mie (The princi­ples of ma­the­ma­tics, 1903). Zur Ver­mei­dung der An­ti­no­mie wur­de die Un­ter­schei­dung von Met­a­spra­che und Ob­jekt­spra­che ein­ge­führt, 1934 von Ru­dolf Car­nap und 1935 von Al­fred Tar­ski .9

Im Bal­ti­more-Vor­trag be­grün­det La­can sei­ne The­se, es gebe kei­ne Met­a­spra­che, wie folgt: Die Ter­mi­ni ei­ner for­ma­len Spra­che müs­sen letzt­lich mit­hil­fe der All­tags­spra­che ein­ge­führt wer­den. Eine for­ma­le Spra­che ist ge­gen­über der Um­gangs­spra­che des­halb nicht in der Po­si­ti­on ei­ner letz­ten Met­a­spra­che. An­de­re Au­to­ren for­mu­lie­ren das so: Die Um­gangs­spra­che ist die letz­te Met­a­spra­che; für die Ma­the­ma­tik ist die Um­gangs­spra­che eine not­wen­di­ge aber un­kon­trol­lier­ba­re Vor­aus­set­zung. La­can wür­de hin­zu­fü­gen, dass es da­bei nicht um Spra­che, son­dern um Spre­chen geht – die Ter­mi­ni müs­sen spre­chend ein­ge­führt wer­den. Sei­ne For­mel für die­ses Merk­mal der Sprach­struk­tur ist S(Ⱥ), Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren – der Spra­che fehlt ein Si­gni­fi­kant, mit dem sie Wahr­heit oder zu­min­dest lo­gi­sche Kon­sis­tenz ga­ran­tie­ren könn­te. Husserl zu­fol­ge hat die Wis­sen­schaft ihre Grund­la­ge in der „Le­bens­welt„10 Für La­can hat sie ihre Grund­la­ge in den kon­kre­ten ge­spro­che­nen Spra­chen, also etwa im Fran­zö­si­schen oder Deut­schen. Um es in mei­nen Wor­ten zu sa­gen: Es gibt kei­nen ar­chi­me­di­schen Punkt, von dem aus man über die Spra­che spre­chen könn­te; wenn man über die Spra­che spricht, ist man auf eine Wei­se in die Spra­che ver­wi­ckelt, die sich nicht be­herr­schen lässt.

Das Ma­te­ri­al des Un­be­wuss­ten, fährt La­can fort, sei von sprach­li­cher Na­tur: es be­stehe vor­zugs­wei­se aus Wör­tern. Die­se Wör­ter funk­tio­nier­ten nicht pri­mär un­ter dem As­pekt der Be­deu­tung, des Si­gni­fi­kats. Im Vor­der­grund ste­he viel­mehr die Sei­te des Si­gni­fi­kan­ten: Eine ent­schei­den­de Rol­le spie­le die Ähn­lich­keit von Lau­ten so­wie die Mög­lich­keit, Wör­ter zu zer­tei­len, wo­durch jede Kom­po­nen­te eine neue Be­deu­tung er­hal­te.

Subjekt

Der Satz „Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che“ meint aber nicht nur – so prä­zi­siert La­can –, dass das Un­be­wuss­te aus Si­gni­fi­kan­ten be­steht. Viel­mehr gehe es da­bei um den sen­si­bels­ten Punkt in der Na­tur der Spra­che: um die Fra­ge nach dem Sub­jekt. Da­mit hat er das The­ma des Vor­trags in Um­ris­sen be­stimmt: Es geht um das Un­be­wuss­te und dar­in um das Ver­hält­nis von Struk­tur und Sub­jekt. Der Struk­tur­be­griff tritt nicht an die Stel­le des Sub­jekt­be­griffs; wenn es um die Struk­tur geht, ist viel­mehr die ent­schei­den­de Fra­ge die nach dem Sub­jekt. Dar­in un­ter­schei­det sich die Psy­cho­ana­ly­se von den Na­tur­wis­sen­schaf­ten und von der Lin­gu­is­tik, die das Sub­jekt aus­schlie­ßen; wenn es in der Psy­cho­ana­ly­se um die Struk­tur geht, dann um die Be­zie­hung zwi­schen Struk­tur und Sub­jekt.

Was also ist das Sub­jekt? Das Sub­jekt ist nicht ein­fach der Spre­cher und auch nicht das Per­so­nal­pro­no­men, sagt La­can.

Die Fra­ge, die uns von der Na­tur des Un­be­wuss­ten ge­stellt wer­de, be­zie­he sich dar­auf, „dass da im­mer et­was denkt“11, und zwar mit Wor­ten denkt. Das Un­be­wuss­te be­stehe aus Ge­dan­ken, wie Freud ge­zeigt habe12, und die Fra­ge sei, was es ist, das da denkt. Die Auf­ga­be be­steht für La­can dar­in, den Sta­tus die­ses Sub­jekts zu be­stim­men.13

Von Freud, so fährt La­can fort, wis­sen wir dar­über eins: Das, was das die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt, ist vom Be­wusst­sein aus­ge­sperrt. Der Be­griff der Aus­sper­rung oder Ab­sper­rung (engl. bar, frz. bar­re) habe vie­le An­wen­dungs­mög­lich­kei­ten, die wich­tigs­te sei, dass es eine Bar­rie­re gibt, die über­sprun­gen oder durch­schrit­ten wer­den muss; dies sei ent­schei­dend. La­can spielt hier auf sei­nen Be­griff su­jet bar­ré an (aus­ge­sperr­tes Sub­jekt, d.h. Sub­jekt, das von ei­nem kon­sti­tu­ie­ren­den Teil von sich aus­ge­sperrt ist) so­wie auf die Sym­bo­li­sie­rung die­ses Sub­jekts mit ei­nem durch­ge­stri­che­nen S (S bar­ré), also mit dem Sym­bol $.

Ist die In­stanz, die die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt, das Sub­jekt? La­can äu­ßert sich nicht dazu, aber von an­de­ren Tex­ten her ist klar, dass er die Fra­ge mit Nein be­ant­wor­ten wür­de. Das Un­be­wuss­te ist für ihn eine Si­gni­fi­kan­ten­ver­bin­dung – ein „Wis­sen“ – ohne Sub­jekt, die Ver­drän­gung im­pli­ziert nicht das Sub­jekt.14 Die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken be­zie­hen sich auf das Sub­jekt, aber nicht in der Wei­se, dass das Sub­jekt der Agent ist, der die­se Ge­dan­ken denkt. Wor­in also be­steht die Ver­bin­dung zwi­schen den un­be­wuss­ten Ge­dan­ken und dem Sub­jekt? Das bleibt zu­nächst of­fen.

Wor­in be­steht die Sper­re? La­can er­läu­tert sie in sei­nem Vor­trag mit ei­nem Grund­be­griff von Her­barts Psy­cho­lo­gie, mit dem Kon­zept der Auf­merk­sam­keit. Das un­be­wuss­te Den­ken ist ein Den­ken mit Ge­dan­ken bzw. Wor­ten, die sich der Auf­merk­sam­keit ent­zie­hen. An­ders ge­sagt: Am Sub­jekt der Psy­cho­ana­ly­se schei­tert eine be­stimm­te Form der In­ten­tio­na­li­tät: die Auf­merk­sam­keit. (In dem Auf­satz Er­in­nern, Wie­der­ho­len und Durch­ar­bei­ten for­mu­liert Freud das so: „Das Ver­ges­sen von Ein­drü­cken, Sze­nen, Er­leb­nis­sen re­du­ziert sich zu­meist auf eine ‚Ab­sper­rung‘ der­sel­ben. Wenn der Pa­ti­ent von die­sem ‚Ver­ges­se­nen‘ spricht, ver­säumt er sel­ten, hin­zu­zu­fü­gen: das habe ich ei­gent­lich im­mer ge­wußt, nur nicht dar­an ge­dacht.“15 Das su­jet bar­ré ist das „ab­ge­perr­te Sub­jekt“.)

Das sei et­was an­de­res als zu sa­gen, dass da et­was im Un­ter­ge­schoss denkt, fährt La­can fort; wenn man so spricht, un­ter­stel­le man, dass der Mensch auf na­tür­li­che Wei­se denkt. Of­fen­bar grenzt La­can sich hier vom Be­griff der „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ ab. Er deu­tet an – so neh­me ich an –, dass die To­po­lo­gie, auf die er sich spä­ter in die­sem Vor­trag be­zie­hen wird, es er­mög­licht, mit der Vor­stel­lung von der Psy­cho­ana­ly­se als ei­ner „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ zu bre­chen16, also nichts mit ei­ner „psy­chi­schen Tie­fen­di­men­si­on“ zu tun hat, wie Freud sie bei der Ein­füh­rung des „to­pi­schen Ge­sichts­punkts“ ins Spiel ge­bracht hat­te.17 Das un­be­wuss­te Den­ken er­folgt in­so­fern nicht auf na­tür­li­che Wei­se, als es nicht den Cha­rak­ter ei­nes In­stinkts hat, heißt es wei­ter, es ist kein pri­mi­ti­ves Wis­sen. Un­ter „Wis­sen“ ver­steht La­can hier ein Wis­sen, das eine An­pas­sung an die Um­welt er­mög­licht und in die­sem Sin­ne eine Er­kennt­nis dar­stellt; er ver­wen­det den Wis­sens­be­griff hier an­ders als in den spä­ten Se­mi­na­ren, in de­nen „Wis­sen“ vor al­lem für das Un­be­wuss­te steht.

Die Auf­ga­be be­steht für La­can dar­in, den Sta­tus die­ses an­de­ren Sub­jekts zu be­stim­men, und die­se Auf­ga­be kann da­durch ge­löst wer­den, sagt er, dass man von der Spra­che aus­geht.

La­can be­en­det die­sen Teil der Ein­lei­tung sei­nes Vor­trags – die Ein­füh­rung des Sub­jekt­be­griffs – mit ei­ner Al­le­go­rie des Un­be­wuss­ten.

Als ich die­sen klei­nen Vor­trag für Sie vor­be­rei­te­te, war es früh am Mor­gen. Ich konn­te Bal­ti­more durch das Fens­ter se­hen, und es war ein sehr in­ter­es­san­ter Au­gen­blick, denn es war noch nicht ganz Tag, ein Neon­zei­chen zeig­te mir jede Mi­nu­te das Ver­ge­hen der Zeit an und na­tür­lich gab es star­ken Au­to­ver­kehr, und ich sag­te zu mir, dass ex­akt al­les, was ich se­hen konn­te, ei­ni­ge Bäu­me in der Ent­fer­nung aus­ge­nom­men, das Re­sul­tat von Ge­dan­ken war, von ak­tiv den­ken­den Ge­dan­ken, wo­bei die von den Sub­jek­ten er­füll­te Funk­ti­on nicht ganz of­fen­kun­dig war. Auf je­den Fall war das so­ge­nann­te Da­sein, ver­stan­den als eine De­fi­ni­ti­on des Sub­jekts, in die­sem eher in­ter­mit­tie­ren­den oder schwin­den­den Be­ob­ach­ter an­we­send. Das bes­te Bild, um das Un­be­wuss­te zu re­sü­mie­ren, ist Bal­ti­more am frü­hen Mor­gen.“18

Ich deu­te das Bild so: Bal­ti­more, durch ein Fens­ter er­blickt, ent­spricht dem An­de­ren. Das Ne­on­licht und die Au­tos sind Si­gni­fi­kan­ten: in ih­nen sind Ge­dan­ken „ver­ge­gen­ständ­licht“, wie He­gel sa­gen wür­de. Die Funk­ti­on der Sub­jek­te (mit Hei­deg­ger: des Da­seins) war nicht of­fen­kun­dig: das Sub­jekt ist ver­sperrt, bar­ré. Das un­be­wuss­te Sub­jekt zeigt sich in­ter­mit­tie­rend im Blin­ken des Ne­on­lichts (in der Wie­der­ho­lung von Si­gni­fi­kan­ten, d.h. in dem mit dem Sym­ptom ver­bun­de­nen Wie­der­ho­lungs­zwang). Und es ver­schwin­det, wie die vor­bei­fah­ren­den Au­tos, es ent­zieht sich (es kann sich nicht als Sub­jekt der un­be­wuss­ten Äu­ße­run­gen be­nen­nen; vgl. hier­zu in die­sem Blog: Das Ver­schwin­den des Sub­jekts: Fa­ding, Apha­ni­sis).

Verlorenes Objekt

Nach der Sprach­struk­tur und dem Sub­jekt führt La­can ein­lei­tend ei­nen drit­ten Be­griff ein, den des ver­lo­re­nen Ob­jekts. Das un­be­wuss­te Sub­jekt sei als das auf­zu­fin­den, was durch das ver­lo­re­ne Ob­jekt ge­stützt wird (der Aus­druck „ver­lo­re­nes Ob­jekt“ ist von Freud19). Das ver­lo­re­ne Ob­jekt, so heißt es wei­ter, sei oft­mals ein ab­sto­ßen­des Ding20, es sei häu­fig „et­was Ge­mach­tes“21, wie alle Psy­cho­ana­ly­ti­ker sehr gut wüss­ten und auch vie­le, die sich ei­ner Psy­cho­ana­ly­se un­ter­zo­gen ha­ben – La­can spielt hier auf das Anal­ob­jekt an, auf den Kot.

Psy­cho­lo­gen sei die­ses Ob­jekt un­zu­gäng­lich; man kann er­gän­zen: und zwar des­halb, weil für sie die Ob­jekt­be­zie­hung in der er­ken­nen­den An­pas­sung des Sub­jekts an die Um­welt be­steht und das „ver­lo­re­ne Ob­jekt“ sich die­ser Ord­nung ent­zieht.

Da­mit ist der Ein­lei­tungs­teil des Vor­trags ab­ge­schlos­sen. Es geht um die Struk­tur des Un­be­wuss­ten und da­bei spe­zi­ell um die Fra­ge nach dem Ort des Sub­jekts in der Struk­tur der Spra­che, näm­lich des Sub­jekts, das in Be­zie­hung zum Den­ken der un­be­wuss­ten Ge­dan­ken steht. Die­ses Sub­jekt wird von La­can da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass es ver­sperrt ist, dass es in­ter­mit­tie­rend und schwin­dend ist und dass es sich auf ein „ver­lo­re­nes Ob­jekt“ be­zieht, bei­spiels­wei­se auf das ana­le Ob­jekt.

Zahlen und Flächen

Einheit als Totalität

La­can kommt zum Haupt­teil sei­nes Vor­trags, nimmt ei­nen neu­en An­lauf und fragt ein wei­te­res Mal: Was ist eine Struk­tur?

Als das ent­schei­den­de Kenn­zei­chen ei­ner Struk­tur gilt die Ein­heit. Für den Or­ga­nis­mus ist das ein­leuch­tend, sagt La­can, schwie­ri­ger sei es, wenn man sich auf Men­ta­les be­zieht, den­noch wer­de auch der Geist häu­fig als Ein­heit be­grif­fen; die phä­no­me­no­lo­gi­sche Be­we­gung grün­de die Ein­heit auf die In­ten­tio­na­li­tät. Und selbst man­che Psy­cho­ana­ly­ti­ker sprä­chen von der „Ge­samt­per­sön­lich­keit“ – ver­mut­lich be­zieht La­can sich hier auf Franz Alex­an­der.22

Für La­can, so sagt er über sich selbst, ist die Vor­stel­lung von der ver­ein­heit­li­chen­den Ein­heit der mensch­li­chen Exis­tenz eine skan­da­lö­se Lüge. Das Le­ben bil­de kei­ne Ein­heit, es trei­be vor sich hin, nie­mand ver­ste­he et­was von dem, was sich mit ihm er­eig­net – eben dies sei das Prin­zip der Psy­cho­ana­ly­se.

Kann man als Psy­cho­ana­ly­ti­ker gleich­wohl mit dem Be­griff der Struk­tur ar­bei­ten? Durch­aus, sagt La­can, man müs­se die Fra­ge der Ein­heit je­doch auf an­de­re Wei­se an­ge­hen, aus­ge­hend vom Un­be­wuss­ten und das hei­ße: von der Spra­che. Das Un­be­wuss­te tei­le uns et­was in Wor­ten Ar­ti­ku­lier­tes mit. La­can fragt: Wor­in be­steht das Prin­zip die­ser vom Un­be­wuss­ten mit­ge­teil­ten Wor­te?

Zählbare Einheit

Wenn man von der Spra­che aus­geht, habe man es mit ei­ner an­de­ren Art von Ein­heit zu tun, fährt La­can fort: mit der zähl­ba­ren Ein­heit. Mit „zähl­ba­ren Ein­hei­ten“ sind die gan­zen oder na­tür­li­chen Zah­len ge­meint, also Eins, Zwei, Drei usw. (Zu den na­tür­li­chen Zah­len wer­den die Zah­len Eins, Zwei, Drei usw. ge­rech­net, oft auch die Null. Zu den gan­zen Zah­len ge­hö­ren auch die ne­ga­ti­ven gan­zen Zah­len. La­can be­zieht sich im Fol­gen­den auf die na­tür­li­chen Zah­len ein­schließ­lich der Null, also auf 0, 1, 2, 3 usw.)

Mit „Ein­heit“ meint La­can – so sagt er – nicht die Zahl Eins im Un­ter­schied zu den Zah­len Zwei, Drei usw.

Die wirk­li­che Schwie­rig­keit liegt in der Tat­sa­che, dass jede gan­ze Zahl in sich selbst eine Ein­heit ist.“23

Die Zahl Zwei ist eine Ein­heit – eine Zahl –, die Zahl Drei eben­so. Wor­in be­steht die Ein­heit ei­ner na­tür­li­chen Zahl?24

Die Fra­ge nach der Zahl ist eine an­de­re als die nach dem Zäh­len, heißt es dann. Das Zäh­len sei ein­fach, da­für brau­che man eine be­stimm­te An­zahl von Men­gen und Eins-zu-Eins-Kor­re­spon­den­zen. Ver­mut­lich be­zieht sich La­can hier auf die men­gen­theo­re­ti­sche De­fi­ni­ti­on der Zahl, die sich auf Eins-zu-Eins-Zu­ord­nun­gen be­zieht.25 Das Zäh­len las­se sich nicht al­lein aus em­pi­ri­schen Da­ten ab­lei­ten (nicht aus dem An­sam­meln und Hin­zu­fü­gen von Ge­gen­stän­den); La­can ver­weist für die Kri­tik an der em­pi­ris­ti­schen Zah­len­theo­rie zu­stim­mend auf Fre­ges Die Grund­la­gen der Arith­me­tik (1884), eine Ar­beit, die für ihn in die­sem Vor­trag der Haupt­be­zugs­text blei­ben wird.

Jede Zahl sei in sich selbst eine Ein­heit (es gibt eine Eins, eine Zwei, eine Drei usw.). Wie funk­tio­niert die­se Ein­heit?

La­can kün­digt an, dass er sich auf die Zahl Zwei be­schrän­ken wer­de. Wor­in be­steht bei­spiels­wei­se die Ein­heit der Zahl Zwei?

Ge­wis­ser­ma­ßen als Kon­trast­pro­gramm wech­selt er von der Ebe­ne der Zah­len auf die der so­zia­len Be­zie­hun­gen. Auf die­ser Ebe­ne kann man sich, was die Zwei an­geht, fra­gen, wor­in die Ein­heit ei­nes he­te­ro­se­xu­el­len Paars be­steht, die Ein­heit ei­nes Man­nes und ei­ner Frau. Wenn man so fragt, be­zie­he man sich auf ei­nen an­de­ren Be­griff der Ein­heit, auf die ver­ein­heit­li­chen­de Ein­heit.

Die ver­ein­heit­li­chen­de Ein­heit des Paa­res sei von an­de­rer Art als die Ein­heit der Zahl Zwei. Die Ein­heit des Paars sei in­sta­bil, zur Zahl Zwei hin­ge­gen ge­hö­re we­sent­lich, dass ihre Ein­heit sta­bil ist. Die Paar­be­zie­hung gehe nicht über in die Drei­er­be­zie­hung, die Zahl Zwei hin­ge­gen habe ei­nen Nach­fol­ger, die Drei – zwar kön­ne aus dem Paar durch ein Kind eine Drei­heit wer­den, aber das lie­ge auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne. Zur Ein­heit der Zahl Zwei ge­hört, das möch­te ich fest­hal­ten, dass sie ei­nen Nach­fol­ger hat.

Wor­in also be­steht die Ein­heit ei­ner na­tür­li­chen Zahl?

Eins mehr

Ma­the­ma­ti­ker, sagt La­can, be­zie­hen sich auf die Ge­ne­se der na­tür­li­chen Zah­len mit der fol­gen­den For­mel:

n + 1

Der Buch­sta­be n steht hier für eine be­lie­bi­ge na­tür­li­che Zahl. Zur 1 kommt 1 hin­zu, da­durch ent­steht die 2; zur 2 kommt 1 hin­zu, dar­aus er­gibt sich die 3 usw.

Der Schlüs­sel zur Ge­ne­se der na­tür­li­chen Zah­len, fährt La­can fort, ist dem­nach das „eins mehr“, die Ope­ra­ti­on „+ 1“, die Funk­ti­on des Nach­fol­gers. Die Ein­heit ei­ner na­tür­li­chen Zahl be­ruht auf die­sem „plus Eins“. Ich möch­te es so sa­gen: Eine Zahl ist sie selbst plus Eins (He­gel wür­de sa­gen: ihre Ein­heit ist dia­lek­tisch, sie be­steht in die­sem im­ma­nen­ten über sich Hin­aus­ge­hen). Wie also funk­tio­niert die Nach­fol­ger­be­zie­hung?

Hier­nach ist die Ar­gu­men­ta­ti­on so ge­drängt, dass ich aus­führ­lich zi­tie­re.

Es ist not­wen­dig, dass die­se Zwei die ers­te gan­ze Zahl kon­sti­tu­iert, die, be­vor die Zwei er­scheint, als Zahl noch nicht ge­bo­ren ist. Sie ha­ben dies da­durch mög­lich ge­macht, dass es hier die Zwei gibt, um der ers­ten Eins die Exis­tenz zu ge­wäh­ren: set­zen Sie Zwei an die Stel­le von Eins, und folg­lich se­hen Sie Drei an der Stel­le der Zwei er­schei­nen.“26

In La­cans Deu­tung funk­tio­niert die Nach­fol­ger-Re­la­ti­on – also die Be­zie­hung (n + 1) – fol­gen­der­ma­ßen: Die ers­te gan­ze Zahl, näm­lich die Eins, wird durch die Zwei kon­sti­tu­iert. Be­vor es nicht die Zwei gibt, gibt es auch kei­ne Eins; die Zwei ge­währt der Eins die Exis­tenz. Die Eins wird rück­wir­kend durch die Zwei er­zeugt, in­so­fern ist die Eins zu­gleich die Zwei.

Das lässt sich auf die Be­zie­hung zwi­schen der Zwei und der Drei über­tra­gen: man setzt an die Stel­le der Eins die Zwei, dar­auf­hin er­scheint an der­je­ni­gen Stel­le, an der frü­her die Zwei war, die Drei, und dann gilt ent­spre­chend: Die Drei ge­währt der Zwei ihre Exis­tenz. Die Zwei ge­winnt ihre Ein­heit rück­wir­kend, als Ef­fekt des­sen, dass sie ei­nen Nach­fol­ger hat, die Drei. Ver­all­ge­mei­nert ge­spro­chen: das „plus Eins“ er­mög­licht das n.

In der an den Vor­trag an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on er­läu­tert La­can, war­um er sich auf das Ver­hält­nis von Eins und Zwei be­zo­gen hat­te: weil die Fra­ge nach der Zwei für die Psy­cho­ana­ly­se na­he­liegt. Für Fre­ge sei nicht das Ver­hält­nis von Eins und Zwei grund­le­gend, son­dern das von Null und Eins. Die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen Eins und Zwei steht also für den Be­zug der Null zur Eins, wie er von Fre­ge ent­wi­ckelt wird.

Die Zwei habe er, La­can, des­halb als psy­cho­ana­ly­ti­sche Re­fe­renz ver­wen­det, weil die Zwei ein wich­ti­ges Sche­ma für Freuds Be­griff des Eros sei – für Freud sei Eros die­je­ni­ge Kraft, die das Ge­trenn­te ver­ei­nigt. Für all­zu vie­le Psy­cho­ana­ly­ti­ker sei der Eros als ver­ei­ni­gen­de Zwei die Grund­la­ge da­für, die ge­ni­ta­le Rei­fe als Grund­la­ge der per­fek­ten Ehe zu prei­sen.27

Die un­aus­ge­spro­che­ne The­se, um die es La­can im Vor­trag geht, lau­tet dem­nach: Die Null wird durch die Eins kon­sti­tu­iert.28 Die Eins, so könn­te man es zu­spit­zen, ist zu­gleich die Null, und die Null ist zu­gleich die Eins.

Markierung

La­can fährt so fort:

… „Wir ha­ben hier et­was, was ich als Mar­kie­rung [mark] be­zeich­nen kann. Sie ha­ben be­reits et­was, das mar­kiert ist, oder et­was, das nicht mar­kiert ist. Durch die ers­te Mar­kie­rung kommt es dazu, dass wir den Sta­tus des Dings ha­ben.“29

Mar­kie­rung

Den Aus­druck „Mar­kie­rung“ hat­te La­can als theo­re­ti­schen Be­griff erst­mals im Se­mi­nar über die Iden­ti­fi­zie­rung ver­wen­det (Se­mi­nar 9 von 1961/62). Eine Mar­kie­rung be­steht dar­in, dass ein Zei­chen di­rekt auf ei­nem Ge­gen­stand an­ge­bracht wird. La­can über­nimmt den Ter­mi­nus von John Stuart Mill, A sys­tem of lo­gic (1843). Mill ver­gleicht das Funk­tio­nie­ren ei­nes Ei­gen­na­mens mit den Krei­de­mar­kie­run­gen, die in der Er­zäh­lung Ali Baba und die 40 Räu­ber von der Skla­vin Mor­gia­na an den Tü­ren ei­ner Stadt an­ge­bracht wer­den.30 Mill re­fe­rie­rend, sagt La­can in Se­mi­nar 9:

Wenn et­was ein Ei­gen­na­me ist, dann in­so­fern, als es nicht die Be­deu­tung des Ob­jekts ist, den er mit sich führt, son­dern et­was, was von der Ord­nung ei­ner Mar­kie­rung ist, die ge­wis­ser­ma­ßen auf dem Ob­jekt an­ge­bracht wird, auf es auf­ge­tra­gen wird“31 (vgl. hier­zu in die­sem Blog den Ar­ti­kel Jac­ques La­can über den Ei­gen­na­men (I): Se­mi­nar 9).

Die Mar­kie­rung be­steht nicht dar­in, dass eine Be­zie­hung zu ei­ner Be­deu­tung her­ge­stellt wird. Viel­mehr wird auf ei­nem Ge­gen­stand ein Kenn­zei­chen an­ge­bracht, mit der Fol­ge, dass der Ge­gen­stand mo­di­fi­ziert wird – eine Tür mit Krei­de­zei­chen ist et­was an­de­res als eine Tür ohne.32 Die Mar­kie­rung be­nö­tigt eine Un­ter­la­ge, auf der sie an­ge­bracht wird; die Be­din­gung da­für, dass von ei­ner Mar­kie­rung ge­spro­chen wer­den kann, ist die Ein­schrei­bung in eine Un­ter­la­ge und da­mit die Mo­di­fi­zie­rung ei­ner Flä­che. Der Ei­gen­na­me ver­sieht – in La­cans Deu­tung (die an Mill an­schließt) – nicht et­was Ge­ge­be­nes mit ei­ner Be­deu­tung, er funk­tio­niert viel­mehr wie eine Mar­kie­rung: er wird ge­wis­ser­ma­ßen auf dem Be­nann­ten an­ge­bracht und ver­än­dert es da­durch – er mo­di­fi­ziert die Er­re­gungs­ab­läu­fe des Kör­pers.

Um em­pi­ri­sche Be­zugs­punk­te zu ha­ben, kann man bei „Mar­kie­rung“ für den An­fang an Strich­lis­ten den­ken oder an Brand­zei­chen oder an Tä­to­wie­run­gen oder an Ei­gen­na­men, in­so­fern für sie gilt, dass sie ähn­lich wie Tä­to­wie­run­gen in die Kör­per ein­ge­schrie­ben wer­den. Das Ein­rit­zen ei­ner Nar­be ver­än­dert an die­ser Stel­le die Sen­si­bi­li­tät der Haut, die Be­schnei­dung mo­di­fi­ziert die Er­reg­bar­keit der Ei­chel.

Wir ha­ben hier et­was, was ich als Mar­kie­rung be­zeich­ne“, heißt es an der zi­tier­ten Stel­le. In­wie­fern ha­ben wir die Mar­kie­rung? In den Sät­zen zu­vor ging es um die Kon­sti­tu­ie­rung der na­tür­li­chen Zah­len durch den Nach­fol­ger. La­can ver­bin­det also das „plus Eins“ mit der Mar­kie­rung, of­fen­bar be­greift er die Ope­ra­ti­on (+ 1) als das An­brin­gen ei­ner Mar­kie­rung. Das wird an­schau­lich, wenn man sich statt der ara­bi­schen Eins eine rö­mi­sche Eins vor­stellt, also ei­nen trait un­aire, ei­nen Ein­zel­strich: (+ I). Man sieht dann beim plus Eins das An­brin­gen ei­ner Mar­kie­rung ge­wis­ser­ma­ßen vor sich, etwa das Hin­zu­fü­gen ei­ner Ker­be auf ei­nem Zähl­stock.

Mar­kiert / nicht mar­kiert

Die Mar­kie­rung funk­tio­niert so, dass nicht al­les mar­kiert ist, heißt es wei­ter: ei­ni­ges ist mar­kiert, an­de­res nicht. Man denkt spon­tan an ein simp­les Bei­spiel, etwa, ei­ni­ge Rin­der tra­gen ein Brand­zei­chen, an­de­re nicht; das ist je­doch nicht ge­meint. In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on wird La­can nach dem Un­ter­schied zwi­schen dem Mar­kier­ten und dem Un­mar­kier­ten ge­fragt und ob das Mar­kier­te das Sys­tem des Be­wusst­seins sei und das Un­mar­kier­te das un­be­wuss­te Sys­tem. La­can ant­wor­tet so:

Bei der Fra­ge der Ver­drän­gung ist es ab­so­lut not­wen­dig zu wis­sen, dass Freud die Mög­lich­keit der Ver­drän­gung auf et­was grün­de­te, was im Deut­schen ‚Ur­ver­drän­gung‘ heißt.“33

Aus­führ­li­cher for­mu­liert: Wenn Sie so fra­gen, stüt­zen Sie sich auf den Ge­gen­satz zwi­schen dem Be­wuss­ten und dem Un­be­wuss­ten. Da­mit un­ter­stel­len Sie, dass das Un­be­wuss­te – das Ver­dräng­te – ein ho­mo­ge­nes Sys­tem ist. Tat­säch­lich aber ist das Un­be­wuss­te, wie Freud ge­zeigt hat, zwei­stö­ckig auf­ge­baut. Es be­steht aus dem Ur­ver­dräng­ten und dem Ver­dräng­ten. Das Ur­ver­dräng­te ist Freud zu­fol­ge das, was die Ver­drän­gung in Gang hält und, an­ders als das üb­ri­ge Ver­dräng­te, auf kei­ne Wei­se er­in­nert wer­den kann.34

Die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Mar­kier­ten und dem Un­mar­kier­ten hat dem­nach mit der Ur­ver­drän­gung zu tun. Wor­in be­steht die­se Be­zie­hung?

Ers­te Mar­kie­rung

Vom Be­griff der Mar­kie­rung wech­selt La­can zu dem der „ers­ten Mar­kie­rung“, man könn­te auch sa­gen: zur Ur­mar­kie­rung. Die­se Ur­mar­kie­rung ist, in Freuds Be­griff­lich­keit, die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung.

Im Iden­ti­fi­zie­rungs­se­mi­nar heißt es:

Be­zo­gen auf die ers­te Tat­sa­che, die Ver­bin­dung des Sub­jekts mit die­sem ein­zel­nen Zug (trait un­aire), wer­de ich heu­te – da ich den­ke, dass der Weg hin­rei­chend ar­ti­ku­liert ist – den End­punkt set­zen, in­dem ich Sie dar­an er­in­ne­re, dass die­se Tat­sa­che, die in un­se­rer Er­fah­rung so wich­tig ist und die von Freud her­aus­ge­stellt wur­de, in Be­zug auf das, was er als Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen be­zeich­net, dass dies das­sel­be ist wie das, was ich die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs nen­ne, denn das ist nichts an­de­res als die Tat­sa­che, dass aus­ge­hend von ei­ner klei­nen Dif­fe­renz – und ‚klei­ne Dif­fe­renz‘ zu sa­gen, be­deu­tet nichts an­de­res als die­se ab­so­lu­te Dif­fe­renz, über die ich zu Ih­nen spre­che, die­se Dif­fe­renz, die von je­dem mög­li­chen Ver­gleich ab­ge­löst ist –, dass aus­ge­hend von die­ser klei­nen Dif­fe­renz, in­so­fern sie die­sel­be Sa­che ist wie das gro­ße I, das Ichi­de­al, dass sich aus­ge­hend da­von, ob das Sub­jekt als Trä­ger die­ses ein­zi­gen Zugs kon­sti­tu­iert ist oder nicht, die ge­sam­te nar­ziss­ti­sche Stre­bung ak­kom­mo­die­ren kann.“35

Der ein­zel­ne Zug ist die „klei­ne Dif­fe­renz“, die Dif­fe­renz schlech­tin, und aus­ge­hend von die­ser ab­so­lu­ten Dif­fe­renz kon­sti­tu­iert sich das Ichi­de­al.

Beim ein­zel­nen Zug geht es um die­je­ni­ge Iden­ti­fi­zie­rung, die Freud als „pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung“ be­zeich­net, so er­läu­tert La­can den Be­griff in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se. Er be­zieht sich hier auf die

pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung, die Iden­ti­fi­zie­rung des ein­zel­nen Zugs, die Iden­ti­fi­zie­rung des I, von wo aus sich für das Sub­jekt ir­gend­wo al­les ord­net“, als dem Punkt des­sen, „was er­rich­tet wird als In­ter­sub­jek­ti­vi­tät“36.

In der schrift­li­chen Zu­sam­men­fas­sung von Se­mi­nar 12 wie­der­holt La­can die Zu­ord­nung des ein­zel­nen Zugs zur pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung. Es gebe ei­nen „Ter­mi­nus“, heißt es dort,

den wir in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang den ein­zel­nen Zug ge­nannt ha­ben, die Mar­kie­rung ei­ner pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung, die als Ide­al funk­tio­nie­ren wird“37

In Se­mi­nar 15 spricht er von

die­sem be­rühm­ten gro­ßen I des ein­zel­nen Zugs, dem­je­ni­gen, von dem man aus­geht, um zu se­hen, wie sich in der Ent­wick­lung tat­säch­lich die­ser Me­cha­nis­mus der Ein­wir­kung des Si­gni­fi­kan­ten, wie er sich in der Ent­wick­lung her­stellt, näm­lich die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung“38.

La­cans Be­zug­nah­me auf Freud ist also, was den „einzigen/einzelnen/unären Zug“ an­geht, ver­wi­ckelt:

Wenn Freud von der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem „ein­zi­gen Zug“ spricht, be­zieht er sich da­mit auf die ödi­pa­le Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ver­lo­re­nen Lie­bes­ob­jekt. Freud un­ter­schei­det die­se Form der Iden­ti­fi­zie­rung von zwei an­de­ren Iden­ti­fi­zie­rungs­ar­ten, von der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung und von der hys­te­ri­schen Iden­ti­fi­zie­rung.39 La­can nimmt eine an­de­re Zu­ord­nung vor, er ent­lehnt von Freud den Aus­druck „ein­zi­ger Zug“, deu­tet ihn um in den „ein­zel­nen Zug“ oder „unä­ren Zug“ und setzt die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug mit der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung gleich.

Da­mit lässt sich La­cans Hin­weis auf die Ur­ver­drän­gung ver­ar­bei­ten: Die pri­mä­re Mar­kie­rung als pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter steht in ei­ner en­gen Be­zie­hung zur Ur­ver­drän­gung, dazu, dass die Mut­ter zum ver­lo­re­nen Ob­jekt wird und dass der Si­gni­fi­kant, der sich hier­auf be­zieht, ur­ver­drängt wird.

Es scheint um fol­gen­den Zu­sam­men­hang zu ge­hen:
– Das „plus Eins“ ist „+ I“, ist das An­brin­gen ei­ner Mar­kie­rung, das Ein­schrei­ben ei­nes ein­zel­nen Zugs.
– Die ers­te Mar­kie­rung ent­spricht der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter.
– Die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Va­ter steht in Ver­bin­dung mit der Ur­ver­drän­gung des Si­gni­fi­kan­ten, der sich auf die Mut­ter als ver­lo­re­nes Ob­jekt be­zieht.

Ding

Durch die ers­te Mar­kie­rung, sagt La­can im Bal­ti­more-Vor­trag, kommt es dazu, dass wir den Sta­tus des Dings ha­ben.

Der Be­griff „Ding“ geht auf Freuds Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie zu­rück: das Ding ist (in La­cans Freud-Deu­tung) das, wor­um die Vor­stel­lun­gen krei­sen, ohne es er­rei­chen zu kön­nen. Freud schreibt im Ent­wurf:

Und so son­dert sich der Kom­plex des Ne­ben­men­schen in 2 Be­stand­tei­le, von de­nen der eine durch kon­stan­tes Ge­fü­ge im­po­niert, als Ding bei­sam­men bleibt, wäh­rend der an­de­re durch Er­in­ne­rungs­ar­beit ver­stan­den, d. h. auf eine Nach­richt vom ei­ge­nen Kör­per zu­rück­ge­führt wer­den kann.“40

An spä­te­rer Stel­le heißt es im Ent­wurf:

Zu Be­ginn der Ur­teils­leis­tung, wenn die Wahr­neh­mun­gen we­gen ih­rer mög­li­chen Be­zie­hung zum Wunsch­ob­jekt in­ter­es­sie­ren und ihre Kom­ple­xe (wie be­reits ge­schil­dert) in ei­nen un­assi­mi­lier­ba­ren Teil (das Ding) und ei­nen dem Ich aus ei­ge­ner Er­fah­rung be­kann­ten (Ei­gen­schaft, Tä­tig­keit) zer­le­gen, was man Ver­ste­hen heißt, er­ge­ben sich für die Sprach­äu­ße­rung zwei Ver­knüp­fun­gen.“41

Das Ding ist also für Freud das, was an die Er­in­ne­rungs­ar­beit nicht as­si­mi­liert wer­den kann.

La­can hat­te den Be­griff „Ding“ im Ethik-Se­mi­nar ein­ge­führt (Se­mi­nar 7 von 1959/60).  Das „Ding“ ist das Ob­jekt, auf das sich das Stre­ben des Sub­jekts letzt­lich rich­tet, es ist das Ob­jekt des Ge­nie­ßens, un­ab­hän­gig vom Ge­setz (und da­mit ist es nicht das Ob­jekt des Be­geh­rens, denn das Be­geh­ren be­zieht sich be­reits auf das Ge­setz42). Das Ding ge­hört zur Ord­nung des Rea­len, d.h. es kann nicht sym­bo­li­siert und nicht ima­gi­niert wer­den.43 Zu­gäng­lich ist das Ding vor al­lem als Ang­st­ob­jekt.44

In klas­si­scher psy­cho­ana­ly­ti­scher Ter­mi­no­lo­gie ist das Ding der In­zest mit der Mut­ter.

Durch die ers­te Mar­kie­rung ha­ben wir den Sta­tus des Dings

In Se­mi­nar 12 heißt es:

Die Be­nen­nung – das Eti­kett, um das es geht – geht von der Mar­kie­rung aus, geht von der Spur aus, geht von et­was aus, was in die ‚Din­ge‘ ein­tritt und, in­dem es sie mo­di­fi­ziert, den Aus­gangs­punkt da­für bil­det, dass sie den Sta­tus von Din­gen ha­ben.“45

Aus­gangs­punkt sind bei der ers­ten Mar­kie­rung nicht Din­ge, son­dern ge­wis­ser­ma­ßen Pro­to-Din­ge. Die ers­te Mar­kie­rung sorgt da­für, dass et­was, was noch kein Ding war, den Sta­tus ei­nes Dings er­hält. Das Un­mar­kier­te, von dem La­can in Bal­ti­more ge­spro­chen hat­te, ist of­fen­bar das Ding, be­vor es ein wahr­haf­tes Ding war, d.h. be­vor es un­er­reich­bar wur­de.

Durch die ers­te Mar­kie­rung kommt es dazu, dass wir den Sta­tus des Dings ha­ben. Auf die Freud­sche Be­griff­lich­keit re­du­ziert, heißt das: Durch die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem idea­li­sier­ten Va­ter wird die Mut­ter in ge­wis­sem Sin­ne un­zu­gäng­lich.

Null und Eins

Im Bal­ti­more-Vor­trag heißt es wei­ter:

… „Auf ge­nau die­se Art und Wei­se er­klärt Fre­ge die Ge­ne­se der Zahl. Die Klas­se, die da­durch cha­rak­te­ri­siert ist, dass sie kei­ne Ele­men­te hat, ist die ers­te Klas­se; man hat die Eins an der Stel­le der Null, und da­nach ist leicht zu ver­ste­hen, wie die Stel­le der Eins zur zwei­ten Stel­le wird, die Platz macht für Zwei, Drei usw.“46

La­can kommt auf Fre­ge zu­rück und be­haup­tet, in den Grund­la­gen der Arith­me­tik wür­den die na­tür­li­chen Zah­len auf eben die Wei­se er­klärt, wie La­can es zu­vor skiz­ziert hat­te, dass also die Null rück­wir­kend durch die Eins kon­sti­tu­iert wird. Er re­fe­riert Fre­ge so: Die Klas­se, die kei­ne Ele­men­te hat, ist die ers­te Klas­se und da­mit hat man die Eins an der Stel­le der Null. Of­fen­bar geht es hier um die Be­zie­hung zwi­schen der Null (kei­ne Ele­men­te) und der Eins (ers­te Klas­se).

Fre­ge ar­bei­tet mit drei Kon­zep­ten: „Be­griff“, „Ge­gen­stand“ und „An­zahl“  – un­ter die Be­grif­fe fal­len die Ge­gen­stän­de, und den Be­grif­fen wer­den An­zah­len zu­ge­wie­sen, d.h. Kar­di­nal­zah­len. La­can ver­wen­det, wenn er sich auf Fre­ge be­zieht, die durch die Men­gen­leh­re ge­präg­te und bis heu­te üb­li­che Ter­mi­no­lo­gie: statt von „Be­grif­fen“ spricht er von „Klas­sen“, statt von „Ge­gen­stän­den“ von „Ele­men­ten“.

Fre­ge be­ginnt da­mit, dass er die An­zahl Null kon­stru­iert. Aus­gangs­punkt ist hier­bei der Be­griff „das, was mit sich selbst un­gleich ist“. Un­ter die­sen Be­griff fällt kein Ge­gen­stand (im Rah­men der Lo­gik ent­hält „mit sich selbst un­gleich“ ei­nen Wi­der­spruch und Wi­der­sprü­che wer­den nicht zu­ge­las­sen). Dem Be­griff „mit sich selbst un­gleich“ wird die An­zahl Null zu­ge­wie­sen.47 La­can drückt das so aus: Es geht hier um die­je­ni­ge Klas­se, die da­durch cha­rak­te­ri­siert ist, dass sie kei­ne Ele­men­te hat.

Die An­zahl Eins wird von Fre­ge auf fol­gen­de Wei­se ge­ne­riert: Der Be­griff ist hier „das, was gleich Null ist“. Un­ter die­sen Be­griff fällt als Ge­gen­stand – die Null und nur die Null. Dem Be­griff „das, was gleich Null ist“ wird als An­zahl die Eins zu­ge­ord­net.48

Da­nach ist leicht zu ver­ste­hen, wie die üb­ri­gen Zah­len er­zeugt wer­den, sagt Lacan.Da sich die Ge­ne­rie­rung der üb­ri­gen Zah­len auf das Kon­zept des Nach­fol­gers stützt, und die­se die­se Struk­tur, La­can zu­fol­ge, nach der Ex­pli­ka­ti­on der Be­zie­hung von Null und Eins leicht zu ver­ste­hen ist, dür­fen wir ver­mu­ten, dass der Nach­fol­ger letzt­lich auf der Be­zie­hung zwi­schen Null und Eins be­ruht.

Mit die­ser an­deu­ten­den Deu­tung der Nach­fol­ger­be­zie­hung be­zieht La­can sich mög­li­cher­wei­se auf ei­nen Vor­trag über Fre­ge, den Jac­ques-Alain Mil­ler in La­cans Se­mi­nar 12 ge­hal­ten hat­te. Mil­ler hat­te dar­in die die Nach­fol­ger­be­zie­hung so re­kon­stru­iert: An­ge­nom­men, der Be­griff ist „Rei­he der na­tür­li­chen Zah­len, die mit 3 auf­hört“. Die­sem Be­griff wird die An­zahl 4 zu­ge­ord­net, und zwar des­halb, weil zu den Ge­gen­stän­den, die un­ter die­sen Be­griff fal­len, nicht nur die 1, die 2 und die 3 ge­hö­ren, son­dern auch die 0. Die Nach­fol­ger­be­zie­hung ist in die­sem Fall die Be­zie­hung zwi­schen der 3, die im Be­griff er­scheint und der 4, die sich da­durch er­gibt, dass zu den Ge­gen­stän­den auch die 0 ge­hört.49

La­can be­haup­tet an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le, dass Fre­ge die Zah­len „auf ge­nau die­se Wei­se“ ab­lei­tet wie La­can. Nun hat­te La­can mit dem Be­griff der Mar­kie­rung ope­riert, den Fre­ge nicht ver­wen­det. Fre­ge ver­bin­det den Be­griff „gleich Null“ mit der Zahl Eins. Dar­in sieht La­can eine Ent­spre­chung zu sei­nem ei­ge­nen Be­griff der Mar­kie­rung. Der Voll­zug der Mar­kie­rung kor­re­spon­diert für ihn, so scheint es, dem Akt, durch wel­chen dem Be­griff „gleich Null“ die Zahl Eins zu­ge­wie­sen wird. La­cans im­pli­zi­te The­se lau­tet, wie oben dar­ge­stellt, dass die Null rück­wir­kend durch die Eins kon­sti­tu­iert wird. Of­fen­bar deu­tet La­can den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­griff „gleich Null“ und der An­zahl Eins als eine rück­wir­ken­de Kon­sti­tu­ie­rung der Null durch die Eins.

Viel­leicht kön­nen wir uns das so vor­stel­len: Auf ei­ner Flä­che wird eine Mar­kie­rung an­ge­bracht, ein „ein­zel­ner Zug“, ein Ein­zel­strich. Das An­brin­gen der Mar­kie­rung ent­spricht dem ers­ten „plus Eins“. Durch die Mar­kie­rung, durch die Ope­ra­ti­on (+ I), ent­steht, ge­wis­ser­ma­ßen un­ter­halb der Mar­kie­rung und im sel­ben Zuge, die Leer­stel­le, die Null: \frac {\text {I}}{\text {O}}, d.h. die­sel­be Flä­che ohne die Mar­kie­rung. Zu­vor hat­te sie kei­ner­lei Be­stimmt­heit, nach der Mar­kie­rung ist sie der Platz, auf dem die Mar­ke ein­ge­tra­gen wird, aber ohne Mar­ke.

Wiederholung

La­can fährt so fort:

… „Die Fra­ge der Zwei ist für uns die Fra­ge des Sub­jekts, und hier tref­fen wir auf ein Fak­tum der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung, in­so­fern die Zwei nicht die Eins ver­voll­stän­digt, um Zwei zu er­ge­ben, viel­mehr muss sie die Eins wie­der­ho­len, um der Eins die Exis­tenz zu ge­stat­ten. Die­se ers­te Wie­der­ho­lung ist die ein­zi­ge, die not­wen­dig ist, um die Ge­ne­se der Zahl zu er­klä­ren, und nur eine Wie­der­ho­lung ist not­wen­dig, um den Sta­tus des Sub­jekts zu kon­sti­tu­ie­ren. Das un­be­wuss­te Sub­jekt ist et­was, was da­nach strebt, sich zu wie­der­ho­len, aber nur eine sol­che Wie­der­ho­lung ist not­wen­dig, um es zu kon­sti­tu­ie­ren.“50

La­can be­zieht die Zah­len­lo­gik jetzt aus­drück­lich auf das Feld der Psy­cho­ana­ly­se. Mit dem Ver­hält­nis von Eins und Zwei gibt es hier eine dop­pel­te Er­fah­rung, sagt er. Dass die Zwei die Eins wie­der­holt und ihr so rück­wir­kend die Exis­tenz er­mög­licht, sei psy­cho­ana­ly­tisch er­fahr­bar. Er­fahr­bar sei auch, dass es kei­nes­wegs so ist, dass die Zwei die Eins ver­voll­stän­digt, um Zwei zu er­ge­ben.

Die zu­rück­ge­wie­se­ne Kon­zep­ti­on der Zwei – die Ver­voll­stän­di­gungs­kon­zep­ti­on – be­zieht sich wie­der auf das Paar. Die Zwei be­ruht nicht auf ei­ner Ord­nung der Kom­plet­tie­rung, wie in Freuds (und Pla­tons) Kon­zep­ti­on des Eros. Zwei Jah­re spä­ter wird La­can es so for­mu­lie­ren: Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis.51

Viel­mehr wird die Zwei durch die Eins rück­wir­kend er­zeugt. La­can for­mu­liert hier­zu drei The­sen:
– Die rück­wir­ken­de Er­zeu­gung der Zwei durch die Eins wird durch eine Er­fah­rungs­tat­sa­che be­stä­tigt, näm­lich durch die Wie­der­ho­lung.
– Eine ein­zi­ge Wie­der­ho­lung ge­nügt, um den Wie­der­ho­lungs­zwang – das be­stän­di­ge Sich-Wie­der­ho­len – in Gang zu set­zen.
– We­sent­lich für das Sub­jekt ist die Wie­der­ho­lung.

Die ers­te Wie­der­ho­lung be­steht lo­gi­scher­wei­se aus zwei Pha­sen, dem An­fangs­mo­ment und dem ers­ten Wie­der­ho­len. Das ers­te Wie­der­ho­len hat also, La­can zu­fol­ge, die fol­gen­den Ef­fek­te: es er­zeugt den An­fangs­mo­ment, es setzt die wei­te­re Wie­der­ho­lung in Gang und es kon­sti­tu­iert das Sub­jekt.

Da­mit spielt er auf zwei Theo­re­me von Freud an, auf das Kon­zept der Nach­träg­lich­keit und auf den Be­griff der zwei­fa­chen Nie­der­schrift.

Nach­träg­lich­keit

Das un­be­wuss­te Sub­jekt äu­ßert sich, Freud zu­fol­ge, in Sym­pto­men; cha­rak­te­ris­tisch für Sym­pto­me ist der Wie­der­ho­lungs­zwang.52 Dem Wie­der­ho­lungs­zwang liegt ein Trau­ma zu­grun­de, und das Trau­ma be­ruht auf ei­ner ein­zel­nen Wie­der­ho­lung. Die­se ein­zel­ne Wie­der­ho­lung ist in Freuds Ter­mi­no­lo­gie die Be­zie­hung der Nach­träg­lich­keit.53

Be­reits im Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895) hat­te er das Trau­ma so er­klärt: Es gibt ein ers­tes Er­eig­nis, das kei­ne se­xu­el­le Er­re­gung er­weckt und nicht in ei­nen Be­deu­tungs­zu­sam­men­hang ein­ge­ord­net wer­den kann; es gibt ein zwei­tes Er­eig­nis, durch das die Er­in­ne­rung an das ers­te Er­eig­nis nach­träg­lich sei­ne Be­deu­tung er­hält; dies hat zur Fol­ge, dass die Er­in­ne­rung an das ers­te Er­eig­nis ge­weckt und mit trau­ma­ti­sie­ren­der Er­re­gung ver­bun­den wird. Die zwei­te Sze­ne ver­leiht der ers­ten ih­ren pa­tho­ge­nen Wert, die ers­te Sze­ne wird nach­träg­lich zum Trau­ma. Freud schreibt: „Die­ser Fall ist nun ty­pisch für die Ver­drän­gung bei der Hys­te­rie. Über­all fin­det sich, daß eine Er­in­ne­rung ver­drängt wird, die nur nach­träg­lich zum Trau­ma ge­wor­den ist.“54 In der Ana­ly­se des so­ge­nann­ten Wolfs­man­nes greift Freud auf das Kon­zept der Nach­träg­lich­keit zu­rück. Im Al­ter von an­dert­halb Jah­ren er­lebt das Kind eine ers­te Sze­ne: Es be­ob­ach­tet den Ko­itus der El­tern, ohne dass dies grö­ße­re Fol­gen hät­te (die „Ur­sze­ne“); im Al­ter von vier Jah­ren bringt ein Traum die frü­he­re Ko­itus­be­ob­ach­tung zur nach­träg­li­chen Wirk­sam­keit und ruft ein Trau­ma her­vor.55

Auf die Be­deu­tung der Nach­träg­lich­keit hat­te La­can be­reits im so­ge­nann­ten Rom-Vor­trag von 1953 ver­wie­sen56, in Se­mi­nar 1 hat­te er sich er­neut dar­auf be­zo­gen.57

In La­cans Fre­ge-Deu­tung wie­der­holt die Zwei die Pro­to-Eins und er­zeugt so rück­wir­kend die Eins. Da­mit will er letzt­lich sa­gen, die Eins wie­der­holt die Pro­to-Null und er­zeugt so rück­wir­kend die Null. Ent­spre­chend be­ruht der Wie­der­ho­lungs­zwang dar­auf, dass ein un­schäd­li­ches Er­eig­nis (die Pro­to-Null) durch ein ähn­li­ches Er­eig­nis wie­der­holt wird (die Eins) und hier­durch die Er­in­ne­rung an das ers­te Er­eig­nis nach­träg­lich zu ei­nem Trau­ma wird (zur Null).

Auf die­sem Trau­ma be­ruht der Wie­der­ho­lungs­zwang – eine ein­zi­ge Wie­der­ho­lung ge­nügt, um die Wie­der­ho­lung der Wie­der­ho­lung in Gang zu set­zen.

Durch die ers­te Wie­der­ho­lung wird das Sub­jekt kon­sti­tu­iert; das Sub­jekt ent­spricht der Null.

Im Se­mi­nar über die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se heißt es:

Zur Ver­an­schau­li­chung des­sen, was in der Zahl be­reits im­pli­ziert ist, von der Prä­senz des An­de­ren her, soll­te es, mein­gott! aus­rei­chen, dass ich Ih­nen sage, daß die Zah­len­fol­ge nur dar­stell­bar ist, wenn man, mehr oder we­ni­ger ka­schiert, die Null ein­führt. Nun, die Null ist die Prä­senz des Sub­jekts, das auf die­ser Ebe­ne die Sum­me bil­det. Aus der Dia­lek­tik von Sub­jekt und An­de­rem kön­nen wir die Null nicht her­aus­zie­hen. Die schein­ba­re Neu­tra­li­tät die­ses Fel­des ver­deckt die Prä­senz des Be­geh­rens als sol­chem.„58

Die Null sym­bo­li­siert das Sub­jekt – als Be­geh­ren, als Seis­man­gel.

Zwei­fa­che Nie­der­schrift

Die Nach­träg­lich­keit des Trau­mas wird von Freud im Jah­re 1896 in ei­nem Brief an Wil­helm Fließ in eine Theo­rie der mehr­fa­chen „Nie­der­schrift“ von Er­in­ne­rungs­spu­ren in­te­griert: die Er­in­ne­rungs­spu­ren er­fah­ren eine „Um­schrift“; das Ge­dächt­nis ist „in ver­schie­de­nen Ar­ten von Zei­chen“ nie­der­ge­legt. Es gibt min­des­tens drei sol­cher „Nie­der­schrif­ten“: die ers­te Nie­der­schrift ist das Wahr­neh­mungs­zei­chen, die zwei­te Nie­der­schrift ist das das Un­be­wusst­sein, und die drit­te Nie­der­schrift das Be­wusst­sein.59

In der Traum­deu­tung (1900) weist Freud die­se (von ihm nie ver­öf­fent­lich­te) Hy­po­the­se zu­rück:

Wenn wir also sa­gen, ein un­be­wuss­ter Ge­dan­ke stre­be nach Über­set­zung ins Vor­be­wuß­te, um dann zum Be­wußt­sein durch­zu­drin­gen, so mei­nen wir nicht, dass ein zwei­ter, an sei­ner Stel­le ge­le­ge­ner Ge­dan­ke ge­bil­det wer­den soll, eine Um­schrift gleich­sam, ne­ben wel­cher das Ori­gi­nal fort­be­steht; und auch vom Durch­drin­gen zum Be­wußt­sein wol­len wir jede Idee ei­ner Orts­ver­än­de­rung sorg­fäl­tig ab­lö­sen.“60 Das Be­wusst­wer­den un­be­wuss­ter Ge­dan­ken be­ruht nicht auf Um­schrift und nicht auf Orts­wech­sel, son­dern auf ei­ner Ver­le­gung der En­er­gie­be­set­zung.

In Das Un­be­wuss­te (1915) greift Freud das Pro­blem wie­der auf:

Wenn ein psy­chi­scher Akt (be­schrän­ken wir uns hier auf ei­nen sol­chen von der Na­tur ei­ner Vor­stel­lung) die Um­set­zung aus dem Sys­tem Ubw in das Sys­tem Bw (oder Vbw) er­fährt, sol­len wir an­neh­men, daß mit die­ser Um­set­zung eine neu­er­li­che Fi­xie­rung, gleich­sam eine zwei­te Nie­der­schrift der be­tref­fen­den Vor­stel­lung ver­bun­den ist, die also auch in ei­ner neu­en psy­chi­schen Lo­ka­li­tät ent­hal­ten sein kann, und ne­ben wel­cher die ur­sprüng­li­che un­be­wuß­te Nie­der­schrift fort­be­steht? Oder sol­len wir eher glau­ben, daß die Um­set­zung in ei­ner Zu­stands­än­de­rung be­steht, wel­che sich an dem näm­li­chen Ma­te­ri­al und an der­sel­ben Lo­ka­li­tät voll­zieht?“61 In die­sem Auf­satz er­klärt Freud, er hal­te bei­des für mög­lich.

Was ge­schieht mit ei­ner un­be­wuss­ten Vor­stel­lung, wenn sie be­wusst wird? Ers­te Mög­lich­keit: die Vor­stel­lung wird ein zwei­tes Mal nie­der­ge­schrie­ben, an ei­nem an­de­ren Ort des psy­chi­schen Ap­pa­rats, d.h. im Be­wusst­sein oder im Vor­be­wuss­ten (dies ist die Idee von 1896). Zwei­te Mög­lich­keit: die Vor­stel­lung bleibt, wo sie ist, nur ihr Zu­stand wird ver­än­dert; dies ist die Ver­si­on der Traum­deu­tung, die Zu­stands­ver­än­de­rung be­steht dar­in, dass eine En­er­gie­be­set­zung ver­legt oder ent­zo­gen wird.

Die „zwei­te Nie­der­schrift“ ist mit „dou­ble in­scrip­ti­on“ ins Fran­zö­si­sche über­setzt wor­den; durch Rück­über­set­zung wur­de hier­aus der Be­griff der „dop­pel­ten Ein­schrei­bung“.

Das Pro­blem der „zwei­ten Nie­der­schrift“ war 1960 von Jean La­plan­che und Ser­ge Le­c­lai­re in ei­nem Vor­trag zu lö­sen ver­sucht wor­den.62

In Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit (1965) hat­te La­can die­sen Lö­sungs­ver­such kri­ti­siert.63 In den Se­mi­na­ren 12 und 13 ent­wi­ckelt er sei­ne al­ter­na­ti­ve Auf­fas­sung von der zwei­ten Nie­der­schrift; im Bal­ti­more-Vor­trag fasst er sie zu­sam­men.

La­cans The­se zur zwei­fa­chen Nie­der­schrift lau­tet: Die zwei­te Nie­der­schrift er­zeugt rück­wir­kend die ers­te.

Markierung als Bedingung der Wiederholung

Was ist not­wen­dig, fragt La­can an­schlie­ßend, da­mit das Zwei­te das Ers­te wie­der­ho­len kann?

Die Ant­wort könn­te lau­ten, sagt er, für die Wie­der­ho­lung sei es nö­tig, dass das Ers­te und das Zwei­te das­sel­be sind; bei der Zwei wür­de es sich dann ge­wis­ser­ma­ßen um Zwil­lin­ge han­deln, bei der Drei um Dril­lin­ge usw. Und tat­säch­lich habe man, als er, La­can, zur Schu­le ging, Kin­dern bei­ge­bracht, dass sie auf kei­nen Fall Mi­kro­fo­ne mit Wör­ter­bü­chern ad­die­ren dür­fen (Äp­fel mit Bir­nen, hieß das, als ich in die Schu­le ging). Der Witz der Ad­di­ti­on be­stehe aber ge­ra­de dar­in, so be­tont La­can, dass wir durch­aus Mi­kro­fo­ne mit Wör­ter­bü­chern ad­die­ren kön­nen. In der Spra­che der Men­gen­leh­re könn­te man La­cans Ar­gu­ment so aus­drü­cken: den Ele­men­ten ei­ner Men­ge wird kei­ner­lei Ho­mo­ge­ni­täts­an­for­de­rung auf­er­legt. Dazu stel­le ich mir die fol­gen­de Sze­ne vor: Der Va­ter sagt zum Kind: Du darfst fünf Sa­chen mit­neh­men. Das Kind packt zwei Mi­kro­fo­ne, ein Wör­ter­buch, ei­nen Ap­fel und eine Bir­ne in den Kof­fer.

La­can fährt so fort:

Die Gleich­heit liegt nicht in den Din­gen, son­dern in der Mar­kie­rung, die es er­mög­licht, Din­ge ohne Be­rück­sich­ti­gung ih­rer Dif­fe­ren­zen zu ad­die­ren.“64

Dem­nach ist es zwar rich­tig, dass die Be­din­gung für die Ad­dier­bar­keit von Din­gen ihre Gleich­heit ist, da­bei han­delt es sich je­doch nicht um eine Gleich­heit, die in den Din­gen selbst liegt. Die Gleich­heit, die da­für sorgt, dass Ad­di­ti­on mög­lich ist, be­ruht viel­mehr auf der Mar­kie­rung, d.h. auf der Ope­ra­ti­on, durch die et­was als je eins ge­zählt wird. Die Mar­kie­rung tilgt die qua­li­ta­ti­ven Un­ter­schie­de zwi­schen den Din­gen.

Der Be­griff der Mar­kie­rung fin­det sich nicht bei Fra­ge. In­di­rekt sagt La­can hier: Fre­ge setzt still­schwei­gend vor­aus, dass et­was dar­auf re­du­ziert wer­den kann, Ei­nes zu sein, das zu ei­nem Be­griff ge­hört und des­sen Ex­ten­si­on aus­macht, des­sen Um­fang. Man müs­se aber fra­gen, wie die­se Re­duk­ti­on auf je Ei­nes mög­lich ist, und La­cans Ant­wort auf die­se Fra­ge lau­tet: durch die Mar­kie­rung. Die Mar­kie­rung ver­wan­delt das un­be­stimm­te Et­was in je Ei­nes. Fin­kel­de be­zeich­net in sei­nem Kom­men­tar die­se Ope­ra­ti­on als die „Auf-Eins-Zäh­lung“.65

La­can spricht also auf zwei Wei­sen von Din­gen. Ei­ni­ge Sät­ze zu­vor ging es um das Ding als et­was, was durch die Mar­kie­rung un­zu­gäng­lich ist. Jetzt geht es um Din­ge un­ter dem As­pekt, dass sie durch die Mar­kie­rung ad­diert wer­den kön­nen. Die Mar­kie­rung führt ge­wis­ser­ma­ßen zu ei­ner Spal­tung des Dings, sie hat zur Fol­ge, dass sich das un­zu­gäng­li­che Ding in sei­ner qua­li­ta­ti­ven Be­son­der­heit vom Ding als et­was Ad­dier­ba­rem schei­det, mit Kant und He­gel: das Ding an sich vom Ding für uns Rech­nen­de.

… „Die Mar­kie­rung be­wirkt, dass die Dif­fe­renz aus­ge­löscht wird, und das ist der Schlüs­sel zu dem, was dem Sub­jekt ge­schieht, dem un­be­wuss­ten Sub­jekt in der Wie­der­ho­lung; da Sie wis­sen, dass die­ses Sub­jekt et­was ei­gen­tüm­lich Si­gni­fi­kan­tes wie­der­holt, ist das Sub­jekt hier bei­spiels­wei­se in die­sem ob­sku­ren Ding, das wir in man­chen Fäl­len Trau­ma nen­nen oder ex­qui­si­te Lust [plea­su­re].“66

Die Mar­kie­rung führt zu ei­ner Aus­lö­schung der Un­ter­schie­de, da­mit kon­sti­tu­iert sich ei­ner­seits das Ding im Sin­ne von „das un­zu­gäng­li­che Ding“, an­de­rer­seits das ab­zähl­ba­re Ding.

Eine frü­he Fas­sung die­ses Ge­dan­kens fin­det sich im so­ge­nann­ten Rom-Vor­trag von 1953/56, wo es heißt „Das Sym­bol ma­ni­fes­tiert sich als Mord am Ding“ (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Die Aus­lö­schung der Un­ter­schie­de durch die Mar­kie­rung hat eine Ent­spre­chung im Feld der Psy­cho­ana­ly­se, sie ist der Schlüs­sel zu dem, was dem un­be­wuss­ten Sub­jekt ge­schieht, dem Sub­jekt, das in Be­zie­hung zum Den­ken der un­be­wuss­ten Ge­dan­ken steht. Die­ses Sub­jekt ist durch die Wie­der­ho­lung cha­rak­te­ri­siert, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: durch den Wie­der­ho­lungs­zwang.

Das, was wie­der­holt wird, ist et­was, was auf be­stimm­te Wei­se si­gni­fi­kant ist – der Wie­der­ho­lungs­zwang be­ruht auf ver­dräng­ten Vor­stel­lun­gen, wür­de Freud sa­gen, mit La­can: auf ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten. Im Se­mi­nar über die Iden­ti­fi­zie­rung (Se­mi­nar 9 von 1961/62) heißt es hier­zu:

Wenn Sie von der re­pe­ti­ti­ven In­zi­denz bei der Sym­ptom­bil­dung spre­chen, dann in­so­fern, als das, was sich wie­der­holt, nicht ein­fach nur da ist, um die na­tür­li­che Funk­ti­on des Zei­chens zu er­fül­len, wel­che dar­in be­steht, eine Sa­che zu re­prä­sen­tie­ren, die Sa­che, die hier ak­tua­li­siert wür­de, son­dern um als sol­chen den ab­we­sen­den Si­gni­fi­kan­ten zu prä­sen­ti­fi­zie­ren, zu dem die­se Ak­ti­on ge­wor­den ist. Ich sage, in­so­fern das, was ver­drängt ist, ein Si­gni­fi­kant ist, prä­sen­tiert sich an sei­ner Stel­le die­ser Zy­klus des rea­len Ver­hal­tens.“67

Die Wie­der­ho­lung be­ruht dem­nach auf der Be­zie­hung zwi­schen zwei Si­gni­fi­kan­ten. Der eine Si­gni­fi­kant ist ma­ni­fest, er be­steht in ei­nem be­stimm­ten Ver­hal­ten, in ei­nem Ver­hal­ten, das sich wie­der­holt. Der an­de­re Si­gni­fi­kant ist ver­drängt, er bil­det den Sinn des Sym­ptoms. Der Sinn des Sym­ptoms ist ein ver­dräng­ter Si­gni­fi­kant.

Im Fal­le der Wie­der­ho­lung ist das Sub­jekt in dem, was manch­mal als Trau­ma be­zeich­net wird, manch­mal als „ex­qui­si­te Lust“. Bei der Wie­der­ho­lung beht es also nicht nur um Si­gni­fi­kan­ten, es kommt auch die Lust ins Spiel.

Dass es in der Wie­der­ho­lung um das Trau­ma geht, ent­spricht Freuds Auf­fas­sung in Jen­seits des Lust­prin­zips (1920); dass die Wie­der­ho­lung auf eine ex­qui­si­te Lust ab­zielt, er­in­nert an den Be­griff des Be­frie­di­gungs­er­leb­nis­ses in Freuds Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895).

Das Trau­ma oder die ex­qui­si­te Lust ist ein „ob­sku­res Ding“: Das Trau­ma oder die ex­qui­si­te Lust sind das Ding, in­so­fern es un­zu­gäng­lich ist.

Es folgt die schwie­rigs­te Pas­sa­ge des Vor­trags.

… „Was ge­schieht hier? Wenn das ‚Ding‘ in die­ser sym­bo­li­schen Struk­tur exis­tiert, wenn die­ser ein­zel­ne Zug [unita­ry trait] ent­schei­dend ist, dann ist hier der Zug [trait] der Gleich­heit. Da­mit das ge­such­te ‚Ding‘ hier in Ih­nen ist, ist es not­wen­dig, dass der ers­te Zug [trait] aus­ge­löscht wird, denn der Zug selbst ist eine Mo­di­fi­zie­rung. Er ist das Weg­neh­men je­der Dif­fe­renz, und in die­sem Fall, ohne den Zug, ist das ers­te ‚Ding‘ schlicht ver­lo­ren. Der Schlüs­sel zu die­sem In­sis­tie­ren in der Wie­der­ho­lung be­steht dar­in, dass Wie­der­ho­lung als Wie­der­ho­lung sym­bo­li­scher Gleich­heit ih­rem We­sen nach un­mög­lich ist. Das Sub­jekt ist auf je­den Fall der Ef­fekt der Wie­der­ho­lung, in­so­fern sie das ‚Schwin­den‘ [‚fa­ding‘] – die Aus­lö­schung – der ers­ten Fun­die­rung des Sub­jekts not­wen­dig macht, wes­halb das Sub­jekt, sei­nem Sta­tus nach, im­mer als ein ge­spal­te­nes We­sen [di­vi­ded es­sence] vor­ge­stellt wird.“68

Die Ar­gu­men­ta­ti­on ist an die­ser Stel­le so ge­drängt, dass ich sie por­ti­ons­wei­se wie­der­ho­le und kom­men­tie­re.

(1) Was ge­schieht hier?

Meint: Wie funk­tio­niert die Wie­der­ho­lung?

(2) Das „Ding“ exis­tiert in die­ser sym­bo­li­schen Struk­tur, der ein­zel­ne Zug (unita­ry trait) ist ent­schei­dend.

Die ers­te Mar­kie­rung, so hat­te es zu­vor ge­hei­ßen, hat zur Fol­ge, dass et­was den Sta­tus ei­nes (un­zu­gäng­li­chen) Dings an­nimmt. Statt von der ers­ten Mar­kie­rung spricht La­can jetzt vom „ein­zel­nen Zug“, vom „unä­ren Zug“. Da­für, dass et­was zum (un­zu­gäng­li­chen) Ding wird, ist ent­schei­dend, dass eine Mar­kie­rung durch den ein­zel­nen Zug voll­zo­gen wor­den ist und dass sich auf die­se Wei­se eine sym­bo­li­sche Struk­tur auf es be­zieht.

„Ein­zel­ner Zug“ und „Mar­kie­rung“

Die Gleich­set­zung von „Mar­kie­rung“ und „ein­zel­nem Zug“ fin­det sich be­reits in Se­mi­nar 9 über die Iden­ti­fi­zie­rung:

Was bleibt, ist et­was von der Ord­nung die­ses ein­zel­nen Zugs, in­so­fern er als dis­tink­tiv funk­tio­niert und hier­bei die Rol­le der Mar­kie­rung spie­len kann.“69

In die­sem Se­mi­nar hat­te La­can den Be­griff – wenn auch nicht den Ter­mi­nus – des trait un­aire den Ma­the­ma­ti­kern zu­ge­schrie­ben, auf die Fre­ge sich be­ruft:

Sie wer­den auch kei­ne Mühe ha­ben – Sie wer­den es fin­den, wenn Sie Fre­ge le­sen, auch wenn Fre­ge, man­gels ei­ner hin­rei­chen­den Theo­rie des Si­gni­fi­kan­ten, die­sen Weg nicht be­schrei­tet –, Sie wer­den kei­ne Mühe ha­ben, im Text von Fre­ge zu fin­den, dass die bes­ten Ana­ly­ti­ker der Funk­ti­on der Ein­heit, ins­be­son­de­re Je­vons und Schrö­der, den Ak­zent ge­nau auf die Funk­ti­on des ein­zi­gen Zugs / des Ein­zel­strichs ge­setzt ha­ben, auf die­sel­be Wei­se wie ich.“70

Die ur­sprüng­li­che Mar­kie­rung ist die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung mit dem idea­li­sier­ten Va­ter. Die Be­haup­tung ‚Für die Exis­tenz des Dings ist der ein­zel­ne Zug ent­schei­dend‘ meint also, ins Psy­cho­ana­ly­ti­sche über­setzt: Durch die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung, durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem idea­li­sier­ten und ge­lieb­ten Va­ter, ent­steht das „Ding“, wird das Be­geh­ren nach dem Ge­nie­ßen der Mut­ter zu dem, was ur­ver­drängt ist.

(3) Der ein­zel­ne Zug ist der Zug der Gleich­heit, er tilgt jede Dif­fe­renz und ist so eine Mo­di­fi­zie­rung.

In Se­mi­nar 9 wird das Ver­hält­nis von ein­zel­nem Zug, Aus­lö­schung der Dif­fe­renz und Ding so dar­ge­stellt:

Das Er­schei­nen der Di­men­si­on des An­de­ren und das Auf­tau­chen des Sub­jekts – ich kann nicht oft ge­nug dar­an er­in­nern, um Ih­nen die Be­deu­tung des­sen zu ver­mit­teln, wor­um es geht –, des­sen Pa­ra­do­xie, so den­ke ich, für Sie hin­rei­chend ar­ti­ku­liert sein muss, in­so­fern näm­lich als das Be­geh­ren – ver­ste­hen Sie es im na­tür­lichs­ten Sin­ne – sich nur in der­je­ni­gen Span­nung kon­sti­tu­ie­ren muss und kann, die durch die­se Be­zie­hung zum An­de­ren ge­schaf­fen ist, und die ih­ren Ur­sprung in Fol­gen­dem hat: in der An­kunft des ein­zel­nen Zugs, in­so­fern er, zu­nächst und um da­mit an­zu­fan­gen, vom Ding al­les aus­löscht, die­ses et­was, al­les au­ßer die­sem Eins, das es ge­we­sen ist, für im­mer un­er­setz­bar.“71

Durch den ein­zel­nen Zug wird von ei­nem Ding (hier noch im wei­ten Sin­ne des Wor­tes) al­les aus­ge­löscht, wo­durch es sich von an­de­ren Din­gen un­ter­schei­det; es wird auf je Ei­nes re­du­ziert. Durch den ein­zel­nen Zug wird es mit an­de­ren Din­gen gleich­ge­setzt. Die­se Ope­ra­ti­on lässt das Ding nicht un­be­rührt, der ein­zel­ne Zug wird in das Ding ein­ge­schrie­ben und durch die­se Ein­schrei­bung wird es mo­di­fi­ziert. Das Ding spal­tet sich ge­wis­ser­ma­ßen in das ad­dier­ba­re Ding (je Ei­nes) und das qua­li­ta­tiv sich un­ter­schei­den­de Ding, das aus­ge­löscht ist, für im­mer un­er­setz­bar.

Die Mo­di­fi­ka­ti­on be­steht in die­ser Um­wand­lung des Dings, in sei­ner Re­duk­ti­on dar­auf, je ei­nes zu sein.

Das lässt sich auf Fre­ges Zah­len­theo­rie be­zie­hen, hier geht es um das Ver­hält­nis von Be­griff, Ge­gen­stand und Selbst­i­den­ti­tät so­wie um die Be­zie­hung zwi­schen Null und Eins. Der Be­griff ist etwa „Erd­mon­de“, dann fällt dar­un­ter als Ge­gen­stand der uns be­kann­te Mond – möch­te man mei­nen. Fre­ge zu­fol­ge kann aber nur das, was mit sich selbst iden­tisch ist, un­ter ei­nen Be­griff fal­len. Mil­ler deu­tet das in sei­nem Fre­ge-Vor­trag so, dass das, was bei Fre­ge un­ter den Be­griff „Mond“ fällt, nicht der Ge­gen­stand Mond als sol­cher ist, son­dern der Mond nur in­so­fern, als er ei­ner ist, der Mond als zähl­ba­re Ein­heit. Da­mit wird der Mond, laut Mil­ler, auf sei­nem Bei­trag zum Be­griffs­um­fang re­du­ziert, zur Ex­ten­si­on; sei­ne qua­li­ta­ti­ve Ver­schie­den­heit wird ge­tilgt. Die Selbst­i­den­ti­tät wie­der­um – so er­gänzt La­can Fre­ge – wird durch eine Mar­kie­rung her­ge­stellt, durch den ein­zel­nen Zug.

Die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung hat zur Fol­ge, dass sich das Sub­jekt als Ei­nes auf­fasst, nicht als Ein­heit im Sin­ne ei­ner Ganz­heit, son­dern als je Ei­nes, als zähl­ba­re Ein­heit, als Ei­ner oder Eine ne­ben an­de­ren. La­cans ent­schei­den­de The­se zur Iden­ti­fi­zie­rung lau­tet dem­nach: Bei der Iden­ti­fi­zie­rung geht es nicht ein­fach dar­um, dass ein Merk­mal ei­ner Be­zugs­per­son über­nom­men wird. Die Iden­ti­fi­zie­rung hat ihre Grund­la­ge viel­mehr dar­in, dass das Sub­jekt sich als je Ei­nes auf­fasst, als zähl­bar.

(4) Da­mit das ge­such­te „Ding“ in Ih­nen ist, ist es not­wen­dig, dass der ers­te Zug aus­ge­löscht wird, denn der Zug ist eine Mo­di­fi­zie­rung; wenn der ers­te Zug aus­ge­löscht ist, ist das ers­te Ding aber schlicht ver­lo­ren.

Zu be­ach­ten ist, dass La­can hier nicht vom „ein­zel­nen Zug“ (unita­ry trait) spricht, son­dern vom „ers­ten Zug“ (first trait), so wie er sich zu­vor auf die „ers­te Mar­kie­rung“ be­zo­gen hat­te. Es geht um die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung.

Der ers­te Zug muss aus­ge­löscht wer­den. Was da­mit ge­meint ist, sagt La­can, wie be­reits er­wähnt, in der Dis­kus­si­on nach dem Vor­trag: Das Aus­lö­schen des ers­ten Zu­ges ist die Ur­ver­drän­gung.

Der ers­te Zug muss des­halb aus­ge­löscht wer­den, weil es sich bei ihm um eine Mo­di­fi­zie­rung han­delt, um eine Mo­di­fi­zie­rung des Dings. Mir ist nicht klar, was mit die­sem Satz ge­meint ist.

Das Til­gen des ers­ten Zu­ges (die Ur­ver­drän­gung) hat zur Fol­ge, dass das ge­such­te Ding (das un­zu­gäng­li­che Ding) „in Ih­nen“ ist, dass es in ei­nem ist, dass es für das Sub­jekt zum ver­lo­re­nen Ob­jekt wird. Das Sub­jekt, so hat­te es zu Be­ginn des Vor­trags ge­hei­ßen, de­fi­niert sich durch den Be­zug auf ein ver­lo­re­nes Ob­jekt.

La­can re­kon­stru­iert die Be­zie­hung zum ver­lo­re­nen Ob­jekt also in zwei Schrit­ten. Der ers­te ein­zel­ne Zug hat zur Fol­ge, dass et­was den Sta­tus ei­nes „Dings“ in dem Sin­ne er­hält, dass sei­ne qua­li­ta­ti­ve Un­ter­schie­den­heit un­zu­gäng­lich wird. Im zwei­ten Schritt wird die­ser ers­te ein­zel­ne Zug aus­ge­löscht, er wird  ur­ver­drängt, und hier­durch wird das das un­zu­gäng­li­che Ding sub­jek­ti­viert, es wird zum ver­lo­re­nen Ob­jekt.

(5) Der Schlüs­sel zum In­sis­tie­ren in der Wie­der­ho­lung be­steht dar­in, dass die Wie­der­ho­lung als Wie­der­ho­lung sym­bo­li­scher Gleich­heit ih­rem We­sen nach aber un­mög­lich ist.

La­can wech­selt jetzt von der ers­ten Wie­der­ho­lung (der Ein­schrei­bung des ers­ten „ein­zel­nen Zugs“, der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung) zur Wie­der­ho­lung schlecht­hin, zum In­sis­tie­ren in der Wie­der­ho­lung, also dazu, dass et­was be­stän­dig aufs Neue wie­der­holt wird; in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie geht es jetzt um den Wie­der­ho­lungs­zwang. Das un­be­wuss­te Sub­jekt – das Sub­jekt, das die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt – ist das­je­ni­ge Sub­jekt, das in der Wie­der­ho­lung in­sis­tiert.

Das In­sis­tie­ren der Wie­der­ho­lung be­ruht dar­auf, dass sym­bo­li­sche Gleich­heit an­ge­zielt wird, die Wie­der­ho­lung sym­bo­li­scher Gleich­heit aber un­mög­lich ist. Im­mer wie­der ver­sucht das Sub­jekt, sym­bo­li­sche Gleich­heit her­zu­stel­len, und im­mer wie­der miss­lingt ihm dies.

Sym­bo­li­sche Gleich­heit von was?

Über die Un­mög­lich­keit der iden­ti­schen Wie­der­ho­lung spricht La­can be­reits in Se­mi­nar 2, un­ter Be­zug auf Kier­ke­gaar­ds Schrift Die Wie­der­ho­lung (1843). La­can sagt dort:

In­so­weit das, was sich ihm [dem Sub­jekt] prä­sen­tiert, nur par­ti­ell mit dem ko­in­zi­diert, was ihm be­reits Be­frie­di­gung ver­schafft hat, macht sich das Sub­jekt auf die Su­che und wie­der­holt sei­ne Su­che so lan­ge, bis es die­ses Ob­jekt wie­der­fin­det. Das Ob­jekt wird an­ge­trof­fen und struk­tu­riert sich auf dem Wege ei­ner Wie­der­ho­lung – das Ob­jekt wie­der­fin­den, das Ob­jekt wie­der­ho­len. Bloß ist es nie das glei­che Ob­jekt, das das Sub­jekt an­trifft. An­ders ge­sagt, es hört nicht auf, Er­satz­ob­jek­te zu er­zeu­gen.“72

Die Wie­der­ho­lung zielt dar­auf ab, ein Be­frie­di­gungs­er­leb­nis her­zu­stel­len, das ge­nau das­sel­be ist wie ein frü­he­res Be­frie­di­gungs­er­leb­nis.

In der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le aus dem Bal­ti­more-Vor­trag be­zeich­net La­can die an­ge­streb­te Iden­ti­tät des Be­frie­di­gungs­er­leb­nis­ses als „sym­bo­li­sche Gleich­heit“, da­mit ist wohl ge­meint: Die Wie­der­ho­lung ei­nes be­stimm­ten Be­frie­di­gungs­er­leb­nis­ses ist nur dann mög­lich, wenn die­ses Be­frie­di­gungs­er­leb­nis auf ir­gend­ei­ne Wei­se iden­ti­fi­ziert wird. Dazu muss es ei­nen sym­bo­li­schen Zu­gang zu eben die­sem Er­leb­nis gibt. Die Iden­ti­fi­zie­rung die­ses spe­zi­el­len Be­frie­di­gungs­er­leb­nis­ses er­folgt durch den ein­zel­nen Zug; an­ders als ver­mit­tels die­ser Mar­kie­rung kann es nicht wie­der­holt wer­den. Das, was den Zu­gang zum an­ge­streb­ten Ziel er­mög­licht – zu ei­nem sehr spe­zi­el­len Be­frie­di­gungs­er­leb­nis –, ver­sperrt ihn aber zu­gleich. Durch die Mar­kie­rung wird die Be­son­der­heit die­ses Er­leb­nis­ses aus­ge­löscht, was aber ge­sucht wird, ist ein be­stimm­tes Be­frie­di­gungs­er­leb­nis in sei­ner Be­son­der­heit, d.h. in sei­ner Dif­fe­renz. Es ist die­se struk­tu­rel­le Un­mög­lich­keit, wo­durch die Wie­der­ho­lung in Gang ge­hal­ten wird.

(6) Das Sub­jekt ist ein Ef­fekt der Wie­der­ho­lung

Die Leit­fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Struk­tur und Sub­jekt wird um­for­mu­liert, sie wird jetzt über­setzt in die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Wie­der­ho­lung und Sub­jekt.

Zu Be­ginn des Vor­trags hieß es, das Sub­jekt sei das, was die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt; das Sub­jekt wur­de hier als In­stanz ei­ner Ak­ti­vi­tät be­schrie­ben. Das war ein ers­ter Zu­gang. Jetzt heißt es, das Sub­jekt sei eine Wir­kung. Viel­leicht kann man das so syn­the­ti­sie­ren: Be­vor es als eine Ak­ti­vi­tät auf­ge­fasst wer­den kann, muss es zu­nächst als Pas­si­vi­tät be­grif­fen wer­den.

Die Pas­si­vi­tät wird auf die Wie­der­ho­lung zu­rück­ge­führt. Wer vom Wie­der­ho­lungs­zwang nicht re­den will, soll­te auch vom Sub­jekt schwei­gen. Das Sub­jekt ist aber nicht die­je­ni­ge In­stanz, die sich im Wie­der­ho­lungs­zwang be­tä­tigt, nicht der Ak­teur der Wie­der­ho­lung. Das Sub­jekt ist eine Grö­ße, die durch die Wie­der­ho­lung her­vor­ge­bracht wird.

(7) Das Sub­jekt ist in­so­fern ein Wie­der­ho­lungs­ef­fekt, als die Wie­der­ho­lung das Aus­lö­schen der ers­ten Fun­die­rung des Sub­jekts not­wen­dig macht, das „Schwin­den“ (fa­ding) des Sub­jekts.

Die Wie­der­ho­lung ist not­wen­dig da­mit ver­bun­den, dass die ers­te Fun­die­rung des Sub­jekts aus­ge­löscht wird.

Die ers­te Fun­die­rung des Sub­jekts ist die pri­märe Iden­ti­fi­zie­rung, durch sie fin­det das Sub­jekt sei­ne an­fäng­li­che Stüt­ze im Sym­bo­li­schen.

Die Aus­lö­schung die­ser ers­ten Fun­die­rung – der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung – ist, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie, die Ur­ver­drän­gung.

Die Ur­ver­drän­gung ist das, was die Ver­drän­gung in Gang hält und auf kei­ne Wei­se er­in­nert wer­den kann.

In Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, wird die Ver­drän­gung  als „Fa­ding“ oder „Apha­ni­sis“ des Sub­jekts be­zeich­net – als Ver­schwin­den des Sub­jekts. Das Ver­schwin­den des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es sich in den Äu­ße­run­gen des Un­be­wuss­ten – in der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten, z.B. in Wie­der­ho­lungs­zwän­gen – nicht wie­der­er­kennt, dass es sich dar­in nicht be­nen­nen kann, wie La­can sagt, es kann sie sich nicht zu­schrei­ben; es hat den Ein­druck, dass sie ihm von au­ßen zu­sto­ßen oder so­gar, dass sie sich ein­fach nur er­eig­nen, ohne dass es da­mit ir­gend­et­was zu tun hat (vgl. die­sen Blo­g­ar­ti­kel).

Wor­in be­steht der Zu­sam­men­hang zwi­schen der Ur­ver­drän­gung und der Wie­der­ho­lung? Die Wie­der­ho­lung ver­sucht, die ers­te Fun­die­rung des Sub­jekts zu re­pro­du­zie­ren, die ers­te Ein­schrei­bung ei­ner Mar­kie­rung und das da­mit ver­bun­de­ne Be­frie­di­gungs­er­leb­nis. Die­se ers­te Fun­die­rung ist je­doch un­zu­gäng­lich, ur­ver­drängt. Das ist es, wo­durch die Wie­der­ho­lung in Gang ge­hal­ten wird: sie zielt dar­auf ab, et­was zu re­pro­du­zie­ren, was sich nicht re­pro­du­zie­ren lässt.

(8) Aus die­sem Grun­de wird das Sub­jekt, sei­nem Sta­tus nach, im­mer als ge­spal­te­nes We­sen vor­ge­stellt.

Das Sub­jekt wird in der Psy­cho­ana­ly­se im­mer als ge­spal­ten vor­ge­stellt – La­can kon­sta­tiert das hier als Tat­sa­che. Bei Freud sind dies die Spal­tun­gen zwi­schen dem Vor­be­wuss­ten und dem Un­be­wuss­ten, zwi­schen den Ich­trie­ben und den Se­xu­al­trie­ben, zwi­schen dem Ich und dem Es, zwi­schen den Le­bens­trie­ben und den To­des­trie­ben. An der Dua­li­tät als Dua­li­tät hält Freud fest: Als er die Op­po­si­ti­on von Ich­trie­ben und Se­xu­al­trie­ben auf­gibt, kon­stru­iert er ei­nen neu­en Ge­gen­satz, den von Le­bens- und To­des­trie­ben (Jen­seits des Lust­prin­zips, 1920).

Die Fra­ge, die La­can zu be­ant­wor­ten ver­sucht, lau­tet: War­um? War­um wird das Sub­jekt als ge­spal­ten vor­ge­stellt?

In Freuds Be­griff­lich­keit ist die Spal­tung an­fangs die zwi­schen dem Be­wuss­ten und dem Un­be­wuss­ten. In La­cans Kon­zep­ti­on geht es um die Spal­tung zwi­schen der Iden­ti­fi­zie­rung und der Wie­der­ho­lung. Auf der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung bau­en die an­de­ren Iden­ti­fi­zie­run­gen auf und da­mit das Ichi­de­al. Dies ist die eine Sei­te der Spal­tung: ge­wis­ser­ma­ßen der Ich-Ap­pa­rat. Die an­de­re Sei­te der Spal­tung ist die Wie­der­ho­lung. Sie ist die grund­le­gen­de Form, in der sich das Un­be­wuss­te äu­ßert (so­fern es nicht er­in­nert wird). Die Wie­der­ho­lung ver­sucht ver­geb­lich, das ur­sprüng­li­che Be­frie­di­gungs­er­leb­nis zu wie­der­ho­len, das mit der ers­ten Ein­schrei­bung ei­ner Mar­kie­rung ver­bun­den war, mit der ers­ten Ein­schrei­bung ei­nes „ein­zel­nen Zugs“, also mit der ur­ver­dräng­ten Grund­la­ge des Ich-Ap­pa­rats. Der ein­zel­ne Zug ist so­wohl die Grund­la­ge der Iden­ti­fi­zie­rung und des Ichi­de­als als auch die Ba­sis der Wie­der­ho­lung (vgl. die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel).

Wie lässt sich das auf Fre­ge be­zie­hen? Viel­leicht so: Die Null ent­spricht der ur­ver­dräng­ten pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung, die be­stän­dig hin­zu­ge­füg­te Eins der Wie­der­ho­lung.

Nach die­ser hoch­ver­dich­te­ten Pas­sa­ge kommt La­can im Bal­ti­more-Vor­trag auf sei­nen Be­griff des „Zugs“ (trait) zu­rück, also auf das Ele­ment, das er Fre­ges Ar­gu­men­ta­ti­on hin­zu­ge­fügt hat­te.

…“Der Zug [trait] ist, ich be­har­re dar­auf, iden­tisch, aber er si­chert die Dif­fe­renz nur von Iden­ti­tät – nicht durch die Wir­kung von Gleich­heit oder Dif­fe­renz, son­dern durch die Dif­fe­renz der Iden­ti­tät. Das ist leicht zu ver­ste­hen: Wie wir im Fran­zö­si­schen sa­gen, je vous nu­mé­rot­te, ich gebe je­dem von Ih­nen eine Zahl, und das stellt si­cher, dass sie sich nu­me­risch un­ter­schei­den, aber nichts dar­über hin­aus.“73

Der Zug – z.B. der Strich in ei­ner Strich­lis­te – ist iden­tisch, dies nach dem von Leib­niz for­mu­lier­ten Kri­te­ri­um der Iden­ti­tät, auf das Fre­ge sich stützt: „Ea­dem sunt, quo­rum unum po­test sub­sti­tui al­te­ri sal­va ve­ri­ta­te“: „Iden­tisch sind die­je­ni­gen, bei de­nen es mög­lich ist, sie durch­ein­an­der zu er­set­zen und die Wahr­heit da­bei er­hal­ten bleibt.“74 Die „Züge“ sind in­so­fern iden­tisch, als man sie für­ein­an­der ein­set­zen kann und die Wahr­heit hier­bei ge­ret­tet wird. Wenn ich zwei Stri­che hin­ter­ein­an­der schrei­be, zu­erst I und dann I, re­prä­sen­tie­ren sie die Zahl Zwei. Wenn ich die bei­den Stri­che mit­ein­an­der ver­tau­sche, re­prä­sen­tie­ren sie nach wie vor die Zwei; die Wahr­heit des Sat­zes „Dies ist eine Zwei“ bleibt er­hal­ten. In­so­fern sind die Stri­che – die „Züge“ – iden­tisch. Wenn ich ara­bi­sche Zif­fern ver­wen­de, ist das an­ders. Wenn ich zwei Zah­len nach­ein­an­der no­tie­re, z.B. 1 und 2, bil­den sie zu­sam­men eine 12, als Wahr­heit kann ich fest­hal­ten: „eine Eins und eine Zwei re­prä­sen­tie­ren zu­sam­men die Zahl Zwölf“. Wenn ich sie durch­ein­an­der er­set­ze, er­hal­te ich eine an­de­re Zahl, Ein­und­zwan­zig, die Wahr­heit bleibt nicht er­hal­ten. 1 und 2 sind nicht iden­tisch.

Der Zug oder Strich si­chert Dif­fe­renz – ein Strich ist et­was an­de­res als zwei Stri­che oder drei Stri­che. Dies ist al­ler­dings eine Dif­fe­renz spe­zi­el­ler Art, eine Dif­fe­renz auf der Ba­sis der Iden­ti­tät. Wenn ich zwei Men­schen vor mir habe und je­den durch eine Zahl be­nen­ne: Eins, Zwei, dann un­ter­schei­den sie sich als „Eins“ und als „Zwei“, nicht aber dar­über hin­aus; je­der wird dar­auf re­du­ziert, ein Ein­zel­ner zu sein. Alle an­de­ren Merk­ma­le sind im Rah­men die­ser Ope­ra­ti­on ir­rele­vant.

Schnitt

Das Sub­jekt ist also die Wir­kung ei­ner Mar­kie­rung durch ei­nen „Zug“, der zu­gleich ei­ner ist und zwei, und La­can fragt als nächs­tes, wie dies der An­schau­ung zu­gäng­lich ge­macht wer­den kann, der­art, dass man ge­wis­ser­ma­ßen sieht, dass der trait – der Zug, der Strich, die Li­nie – zu­gleich Eins und Zwei ist.

La­cans Ant­wort auf die selbst­ge­stell­te Fra­ge sieht man wäh­rend sei­nes Vor­trags in Ge­stalt von Zeich­nun­gen an der Wand. Im Kon­gress­band fin­det man eine Zeich­nung ei­nes Mö­bi­us­ban­des, auf der, par­al­lel zum Rand, eine ge­schlos­se­ne Li­nie ein­ge­zeich­net ist.75 Man er­fährt nicht, ob die­se Zeich­nung von La­can ist oder von den Her­aus­ge­bern.

Möbiusband

Mö­bi­us­band, Dar­stel­lung im Kon­gress­band

Mit der Ver­wen­dung des Mö­bi­us­ban­des wird klar, dass La­can sich zur Re­kon­struk­ti­on des Ver­hält­nis­ses von Struk­tur und Sub­jekt auf eine wei­te­re Grund­la­gen­dis­zi­plin der Ma­the­ma­tik stützt, nicht nur auf die ma­the­ma­ti­sche Lo­gik, son­dern auch auf die To­po­lo­gie, eine Dis­zi­plin, die sich mit den­je­ni­gen Ei­gen­schaf­ten von Flä­chen be­fasst, die bei Ver­for­mung der Flä­chen er­hal­ten blei­ben. Eine der von der To­po­lo­gie un­ter­such­ten Flä­chen ist das Mö­bi­us­band. La­can ver­wen­det das Mö­bi­us­band, um die Struk­tur des Sub­jekts dar­zu­stel­len. Es hat nur eine Sei­te – der Ge­gen­satz von Vor­der­sei­te und Rück­sei­te exis­tiert nur lo­kal – und de­mons­triert da­mit die Ei­gen­schaft des Ver­dräng­ten, wie­der­zu­keh­ren.

In dem Auf­satz Das Un­be­wuss­te stellt Freud die Fra­ge nach der ein­fa­chen oder dop­pel­ten Nie­der­schrift im Ab­schnitt über den „to­pi­schen Ge­sichts­punkt“. Er be­tont dort, dass der to­pi­sche Ge­sichts­punkt nichts mit Ana­to­mie zu tun hat, dass es nur um „Ver­an­schau­li­chun­gen“ gehe.76 Of­fen­kun­dig knüpft La­can hier­an an; aus dem „to­pi­schen Ge­sichts­punkt“ wird die Be­zug­nah­me auf die To­po­lo­gie. Die Ein­schrei­bung, die zu­gleich eine und zwei ist, soll der An­schau­ung durch Rück­griff auf die To­po­lo­gie na­he­ge­bracht wer­den.

Da ein Mö­bi­us­band nur ei­nen ein­zi­gen Rand hat (die Rän­der, die sich an ei­ner be­stimm­ten Stel­le ge­gen­über­lie­gen, ge­hen naht­los in­ein­an­der über) ent­spricht die ge­stri­chel­te Li­nie dem Rand ei­nes Mö­bi­us­ban­des. Im Vor­trag be­zeich­net La­can die­se Li­nie als „in­ver­ted eight“, wört­lich, als „um­ge­dreh­te Acht“. Das ist die Über­set­zung des fran­zö­si­schen Aus­drucks huit in­té­ri­eur, den La­can in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, ein­ge­führt hat­te; in den deut­schen La­can­a­us­ga­ben fin­det man hier­für „In­ne­n­acht“; Fin­kel­de über­setzt mit „in­ver­tier­te Acht“.

Die In­ne­n­acht, sagt La­can, kann als eine oder als zwei Li­ni­en auf­ge­fasst wer­den. Sie ist in­so­fern eine ein­zi­ge Li­nie, als sie aus ei­nem ein­zi­gen ge­schlos­se­nen Strich be­steht; sie ist zwei Li­ni­en, in­so­fern die­ser Strich ge­wis­ser­ma­ßen zwei Krei­se dreht.

Die In­ne­n­acht ist also eine Li­nie, die an eine Acht er­in­nert, de­ren klei­ne­re Schlau­fe in die grö­ße­re ge­klappt ist. Die­se Li­nie exis­tiert je­doch nicht frei­schwe­bend im Raum, sie ist zu ver­ste­hen als Li­nie auf ei­ner Flä­che.

Hält man sich an die Zeich­nung, die im Kon­gress­band ver­öf­fent­licht wur­de, ist die Li­nie auf dem Mö­bi­us­band kei­ne In­ne­n­acht, son­dern eine Li­nie auf der Mit­te des Mö­bi­us­ban­des, par­al­lel zu den Rän­dern.  Auf ei­nem Mö­bi­us­band kann aber auch eine In­ne­n­acht ein­ge­tra­gen wer­den. Wenn man das Mö­bi­us­band par­al­lel zu den Rän­dern zer­schnei­det, er­hält man ein ein­zel­nes zwei­sei­ti­ges Band. Wenn man ei­nen Schnitt in Form ei­ner In­ne­n­acht vor­nimmt, er­hält man ein Mö­bi­us­band und ein ge­wöhn­li­ches Band mit zwei Sei­ten.77

Das Dia­gramm des Mö­bi­us­ban­des mit der ein­ge­zeich­ne­ten Li­nie kann auf­ge­fasst wer­den, so heißt es im Bal­ti­more-Vor­trag,

als Grund­la­ge für eine Art we­sent­li­che Ein­schrei­bung (in­scrip­ti­on) am Ur­sprung, in dem Kno­ten, der das Sub­jekt kon­sti­tu­iert“78

Das eng­li­sche Wort in­scrip­ti­on kann man auch mit „Nie­der­schrift“ über­set­zen; La­can spielt hier auf Freuds Be­griff der mehr­fa­chen „Nie­der­schrift“ an. Das Sub­jekt wird kon­sti­tu­iert durch eine Ur-Ein­schrei­bung, eine ur­sprüng­li­che Nie­der­schrift. Das von Freud mit die­sem Be­griff auf­ge­wor­fe­ne Pro­blem lau­tet (wie be­reits dar­ge­stellt): Was ge­schieht mit ei­ner un­be­wuss­ten Vor­stel­lung, wenn sie be­wusst wird – han­delt es sich um die­sel­be Nie­der­schrift oder um zwei ver­schie­de­ne? La­can gibt die Ant­wort, wenn ich ihn an die­ser Stel­le recht ver­ste­he: bei­des zu­gleich. Die ur­sprüng­li­che Nie­der­schrift ist zu­gleich eine und zwei, und die­ser Dop­pel­cha­rak­ter kann der An­schau­ung durch die In­ne­n­acht na­he­ge­bracht wer­den. La­can nennt die ur­sprüng­li­che Nie­der­schrift, die zu­gleich ein und zwei ist – die also nicht mit sich selbst iden­tisch ist – den „ein­zi­gen Zug“ (trait un­aire).

Die ur­sprüng­li­che Ein­schrei­bung oder Nie­der­schrift bil­det den „Kno­ten“, der das Sub­jekt kon­sti­tu­iert – La­can ver­wen­det den Ter­mi­nus „Kno­ten“ hier als Me­ta­pher, noch nicht, wie ab Se­mi­nar 19, als theo­re­ti­schen Be­griff im Sin­ne der ma­the­ma­ti­schen Kno­ten­theo­rie.79

Wenn das Sub­jekt, so heißt es im Bal­ti­more-Vor­trag wei­ter, durch eine Ein­schrei­bung kon­sti­tu­iert wird, durch eine Nie­der­schrift, dann be­nö­tigt man, um das Ver­hält­nis von Struk­tur und Sub­jekt zu er­fas­sen, nicht nur den Zug bzw. die Mar­kie­rung, son­dern auch eine Flä­che, in wel­che die­ser Zug ein­ge­schrie­ben ist; in der Zeich­nung ist die­se Flä­che ein Mö­bi­us­band.

Wel­che Flä­che ist für die Mar­kie­rung am bes­ten ge­eig­net, fragt La­can wei­ter, um das Sub­jekt dar­zu­stel­len? Ein An­wär­ter, der sich ge­wis­ser­ma­ßen auf­drängt, sie die Ku­gel bzw., wie Ma­the­ma­ti­ker sa­gen, die Sphä­re (in der To­po­lo­gie – die sich nur für sol­che Struk­tu­ren in­ter­es­siert, die bei Ver­for­mung er­hal­ten blei­ben – ist eine Sphä­re von ei­nem Wür­fel oder Qua­der oder Po­ly­eder nicht zu un­ter­schei­den). La­can er­klärt die Sphä­re für un­ge­eig­net: Sie ist ein al­tes Sym­bol für Ganz­heit, das Sub­jekt soll aber ge­ra­de in sei­ner Spal­tung dar­ge­stellt wer­den.

Für die Zwe­cke der psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie­bil­dung, so heißt es wei­ter, sind an­de­re Flä­chen der To­po­lo­gie bes­ser ge­eig­net, um den „Schnitt“ in Form ei­ner In­ne­n­acht zu emp­fan­gen: der To­rus, die Kreuz­hau­be, die Klein­sche Fla­sche. Der Aus­druck „Schnitt“ – ein Grund­be­griff der To­po­lo­gie – ist hier ein Syn­onym für die Mar­kie­rung bzw. für den ein­zel­nen Zug; La­can ver­steht dar­un­ter bis­wei­len das Auf­tra­gen ei­ner Li­nie auf eine Flä­che, bis­wei­len das Zer­schnei­den ei­ner Flä­che.

La­can gibt in sei­nem Vor­trag nur knap­pe Hin­wei­se zur To­po­lo­gie; er spielt auf Zu­sam­men­hän­ge an, die er in den Se­mi­na­ren 9, 12 und 13 breit ent­wi­ckelt hat­te und auf die er in Se­mi­nar 14 zu­rück­kom­men wird. Hier ei­ni­ge Er­gän­zun­gen zum Vor­trag:

Ein To­rus ist eine Art Rei­fen oder Do­nut; im Rah­men der To­po­lo­gie muss man sich die­ses Ge­bil­de als eine Flä­che vor­stel­len, die be­lie­big ver­form­bar ist, ohne zu zer­rei­ßen.

Torus einfach Kopie

To­rus

Un­ter ei­ner Kreuz­hau­be ver­ste­hen Ma­the­ma­ti­ker das fol­gen­de Ge­bil­de:

Kreuzhaube grau

Kreuz­hau­be

La­can meint mit „Kreuz­hau­be“ meist eine Kreuz­hau­be, die ge­wis­ser­ma­ßen auf eine Halb­ku­gel auf­ge­setzt ist:

Kreuzhaube

Auf Sphä­re auf­ge­setz­te Kreuz­hau­be

Auch für die­se Form der ge­schlos­se­nen Kreuz­hau­be gilt, dass sie nicht ori­en­tier­bar ist, das also In­nen­sei­te und Au­ßen­sei­te nur lo­kal un­ter­schie­den wer­den kön­nen, nicht aber durch eine Kan­te ge­trennt sind. La­can ver­wen­det die Kreuz­hau­be, um das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sub­jekt ($) und dem Ob­jekt a im Phan­tas­ma ($ ◊ a) zu er­läu­tern: wenn man eine Kreuz­hau­be-auf-ei­ner-Sphä­re mit ei­nem Schnitt in Form ei­ner In­ne­n­acht zer­schnei­det, er­hält man zwei Flä­chen: ein Mö­bus­band, und da­mit das Sub­jekt, und eine Schei­be, die dem Ob­jekt a ent­spricht.

(In der 1970 ver­öf­fent­li­chen Ver­si­on des Vor­trags steht an die­ser Stel­le „cross cut“ Kreuz­schnitt, statt „cross cap“, Kreuz­hau­be. Das ist ein of­fen­sicht­li­cher Tran­skrip­ti­ons­feh­ler – in den Se­mi­na­ren spricht La­can im­mer von „cross cap“, nie von „cross cut“. Fin­kel­de hat den Feh­ler in sei­ner Aus­ga­be nicht kor­ri­giert; in der eng­li­schen Ver­si­on des Vor­trags be­lässt er es bei „cross cut“, und er über­setzt die­sen Aus­druck mit „Quer­schnitts­flä­che“.)

Eine Klein­sche Fla­sche ist eine Art Mö­bi­us­band ohne Rand: von der Vor­der­sei­te ge­langt man zur Rück­sei­te, ohne eine Kan­te zu über­que­ren.80

Kleinsche Flasche

Klein­sche Fla­sche

Wenn man die In­ne­n­acht als Schnitt auf un­ter­schied­li­chen Flä­chen an­bringt, lässt sich da­mit, so be­haup­tet La­can in Bal­ti­more, die Struk­tur „men­ta­ler Krank­hei­ten“ er­klä­ren. Das neu­ro­ti­sche Sub­jekt, sagt er, ent­spricht ei­nem Schnitt auf ei­nem To­rus.

In Se­mi­nar 9 hat­te er das neu­ro­ti­sche Sub­jekt da­durch de­fi­niert, dass es ver­sucht, das Ob­jekt sei­nes Be­geh­rens in An­sprü­che zu ver­wan­deln, in For­de­run­gen, und er hat­te die­se Be­zie­hung durch Krei­se und Spi­ra­len auf ei­nem To­rus dar­ge­stellt.

In der fol­gen­den Zeich­nung ste­hen die Krei­se (D), die ge­wis­ser­ma­ßen dem Schlauch­um­fang fol­gen, für die An­sprü­che, für sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­te For­der­nun­gen (D für de­man­de).81

Torus mit Kreis des Anspruchs

To­rus mit Krei­sen des An­spruchs (D)

Ein Kreis, der den ge­sam­ten To­rus um­spannt, re­prä­sen­tiert das Be­geh­ren (d für dé­sir); die zen­tra­le Lee­re des To­rus steht für das Ob­jekt des Be­geh­rens.82

Torus mit Kreis des Begehrens

To­rus mit Kreis des Be­geh­rens (d)

Die Krei­se des An­spruchs (D1, D2 usw.) kön­nen als Spi­ra­le dar­ge­stellt wer­den, wie in der fol­gen­den Ab­bil­dung.83 Die­se Spi­ra­le ist bei­des zu­gleich, so­wohl die Li­nie der An­sprü­che wie auch  die des Be­geh­rens, sie ist zu­gleich Vie­les und Ei­nes.

Torus mit Spirale

To­rus mit Spi­ra­le

Die Spi­ra­le lässt sich auf zwei Win­dun­gen zu­sam­men­zie­hen, wo­durch man das fol­gen­de Bild er­hält84; der klei­ne Kreis ent­spricht ei­nem An­spruch (D), der gro­ße dem Be­geh­ren (d).

Torus mit Innenacht rot - grauer Hintergrund

To­rus mit In­ne­n­acht

Auf die­se Wei­se ist man bei ei­ner Ge­stalt der In­ne­n­acht an­ge­langt, bei dem Schnitt auf dem To­rus, der zu­gleich Eins und Zwei ist.

Die Neu­ro­se wird von La­can durch das Ver­hält­nis zwei­er Tori dar­ge­stellt, die sich am Punkt der zen­tra­len Lee­re durch­drin­gen:

Zwei ToriDas Dia­gramm soll zei­gen, dass der Neu­ro­ti­ker ver­sucht, sein Be­geh­ren an den An­spruch des An­de­ren an­zu­pas­sen.

Wie ge­langt die In­ne­n­acht auf den To­rus? In Se­mi­nar 13 von 1965/66, Das Ob­jekt der Psy­cho­ana­ly­se, be­schreibt La­can das fol­gen­de Ver­fah­ren: Ein Mö­bi­us­band wird ein­mal der Län­ge nach zer­schnit­ten, bei­spiels­wei­se ent­lang der ge­stri­chel­ten Li­nie in der Zeich­nung wei­ter oben. Hier­durch er­hält man ein Band mit zwei Win­dun­gen. Es ist kein Mö­bi­us­band mehr (es ist ori­en­tier­bar), es re­prä­sen­tiert das Mö­bi­us­band ge­wis­ser­ma­ßen als Schnitt. Die­ses Band kann man auf ei­nem To­rus an­brin­gen.85

Eine an­de­re Art der men­ta­len Krank­heit“, heißt es im Bal­ti­more-Vor­trag wei­ter, „ent­spricht dem Schnitt auf ei­ner Kreuz­hau­be.“ Wel­che an­de­re Krank­heit ist ge­meint? Ver­mut­lich die Psy­cho­se.

Kreuzhaube1

Er­wei­ter­te Kreuz­hau­be mit Schnitt in Form ei­nes Krei­ses

Kreuzhaube2

Er­wei­ter­te Kreuz­hau­be mit Schnitt in Form ei­ner In­ne­n­acht

In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 14, ei­nen Mo­nat nach dem Vor­trag, zeigt La­can auf zwei Dia­gram­me, die Kreuz­hau­ben dar­stel­len, die mit Halb­ku­geln ver­klebt sind. Die eine hat ei­nen Schnitt in Form ei­nes Krei­ses, die an­de­re ei­nen Schnitt in Form ei­ner In­ne­n­acht. Dazu macht La­can eine Be­mer­kung, die zwar schwer ver­ständ­lich ist (der Satz ist gram­ma­tisch un­voll­stän­dig), die aber den­noch ei­nen Hin­weis gibt:

Bei der hier an­ge­zeig­ten Struk­tur ist not­wen­dig und hin­rei­chend, dass man sich klar­macht, wor­um es bei die­sem Schnitt geht, um mit­zu­be­kom­men, dass er die Ei­gen­schaft hat, da­durch, dass er sich ein­fach ver­dop­pelt, wie­der auf sich zu­rück­zu­kom­men, an­ders ge­sagt, dass es das­sel­be ist, ei­nen ein­zel­nen Schnitt zu ma­chen oder zwei da­von zu ma­chen, dass man die Kluft be­denkt, die dar­in be­steht, dass es hier gibt, zwi­schen mei­nen bei­den Um­dre­hun­gen, die nur eine aus­ma­chen, als Äqui­va­lent des ers­ten Schnitts, der tat­säch­lich: wenn ich ihn auf­sprei­ze, ist es die­se Kluft, die rea­li­siert wird [da­mit ist ver­mut­lich die links ab­ge­bil­de­te Zeich­nung ge­meint, RN], aber wenn ich in das Ge­we­be, in dem es dar­um geht, die­sen Schnitt aus­zu­füh­ren, ei­nen dop­pel­ten Schnitt ma­che [wie in der rechts wie­der­ge­ge­be­nen Zeich­nung, RN], dann löse ich dar­aus das her­aus, dann re­sti­tu­ie­re ich da­von das, was bei dem ers­ten Schnitt ver­lo­ren ge­gan­gen ist, näm­lich eine Flä­che, de­ren Vor­der­sei­te mit der Rück­sei­te in Kon­ti­nui­tät steht. Ich stel­le das ur­sprüng­li­che Nicht-Ge­trennt­sein von Rea­li­tät und Be­geh­ren wie­der her.“86

Der Kreis­schnitt öff­net die Kreuz­hau­be, ohne dass sie in zwei Tei­le zer­fällt. Der In­ne­n­acht­schnitt trennt ein Stück aus der Kreuz­hau­be her­aus, dies ist das Zen­tral­stück in der Zeich­nung. Der Rest der Kreuz­hau­be ist ein Mö­bi­us­band. (Das Mö­bi­us­band ent­spricht dem aus­ge­stri­che­nen Sub­jekt, das Zen­tral­stück dem Ob­jekt a, und die In­ne­n­acht dem Schnitt; zu­sam­men er­gibt dies die Struk­tur des Phan­tas­mas: $ ◊ a)

Für den Bal­ti­more-Vor­trag ist der letz­te Satz des Zi­tats ent­schei­dend. Auf der Kreuz­hau­be er­zeugt der Schnitt in Form ei­ner In­ne­n­acht eine Flä­che, bei wel­cher Vor­der­sei­te und Rück­sei­te in Kon­ti­nui­tät ste­hen; die­se Flä­che re­prä­sen­tiert die ur­sprüng­li­che Nicht-Ge­trennt­heit von Rea­li­tät und Be­geh­ren. Also ist die men­ta­le Krank­heit, die durch den Schnitt auf der Kreuz­hau­be dar­ge­stellt wer­den soll, ver­mut­lich die Psy­cho­se, in­so­fern sie mit dem „hal­lu­zi­na­to­ri­schen Be­set­zen der Be­frie­di­gungs­er­in­ne­rung“ ein­her­geht, wie Freud in der Traum­deu­tung sagt.87

Die Li­nie auf dem Mö­bi­us­band wird in der re­fe­rier­ten Pas­sa­ge mit dem eng­li­schen Wort in­scrip­ti­on be­zeich­net, sie ist eine „Nie­der­schrift“, eine „Ein­schrei­bung“. Es geht hier also um eine Art Schrift. Auf die Schrift ver­weist be­reits der Aus­druck trait, „Zug“, des­sen fran­zö­si­sche Ent­spre­chung, eben­falls trait, auch mit „Strich“ oder „Li­nie“ über­setzt wer­den kann. Da­mit deu­tet sich an, wie La­can den Be­griff des Buch­sta­bens ver­wen­den wird. Er hat­te die­sen Ter­mi­nus 1957 in Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten ver­wen­det und dort ge­sagt, ein Buch­sta­be sei ein ma­te­ria­li­sier­ter Si­gni­fi­kant. Ei­ni­ge Jah­re nach dem Bal­ti­more-Vor­trag, in Litu­ra­terre von 1971, wird La­can den Buch­sta­ben de­fi­ni­tiv vom Si­gni­fi­kan­ten un­ter­schei­den: der Buch­sta­be ge­hört zum Rea­len, der Si­gni­fi­kant zum Sym­bo­li­schen (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Der Buch­sta­be, so kann man in der Spra­che des Bal­ti­more-Vor­trags sa­gen, ist die we­sent­li­che ur­sprüng­li­che Nie­der­schrift, durch die das Sub­jekt kon­sti­tu­iert wird.

Nach dem Vor­trag fragt ein Zu­hö­rer, ob Ma­the­ma­tik und To­po­lo­gie nicht ein My­thos sei­en oder bes­ten­falls eine Ana­lo­gie für die Er­klä­rung des Le­bens des Geis­tes.

La­can ant­wor­tet so:

Eine Ana­lo­gie zu was? ‚S‘ be­zeich­net et­was, was ge­nau als die­ses S ge­schrie­ben wer­den kann. Und ich habe ge­sagt, dass das ‚S‘, mit dem das Sub­jekt be­zeich­net wird, In­stru­ment ist, Ma­te­ri­al, um ei­nen Ver­lust zu sym­bo­li­sie­ren. Ei­nen Ver­lust, den Sie als Sub­jekt er­fah­ren (und ich selbst eben­so). Mit an­de­ren Wor­ten, die­se Lü­cke zwi­schen ei­ner Sa­che, die mar­kier­te Be­deu­tun­gen hat, und die­ser an­de­ren Sa­che, die mei­ne ak­tu­el­le Rede ist, die ich an die Stel­le zu brin­gen ver­su­che, an der Sie sind, Sie nicht als an­de­res Sub­jekt, son­dern als Leu­te, die in der Lage sind, mich zu ver­ste­hen. Wo ist das Ana­lo­gon? Ent­we­der exis­tiert die­ser Ver­lust oder er exis­tiert nicht. Falls er exis­tiert, ist es nur mög­lich, ihn durch ein Sys­tem von Sym­bo­len zu be­zeich­nen. Auf je­den Fall exis­tiert der Ver­lust nicht, be­vor die­se Sym­bo­li­sie­rung sei­nen Platz an­zeigt. Es ist kei­ne Ana­lo­gie. Die­se Art To­rus ist wirk­lich in ei­nem Teil der Rea­li­tä­ten. Die­ser To­rus exis­tiert wirk­lich, und er ist ge­nau die Struk­tur des Neu­ro­ti­kers. Er ist kein Ana­lo­gon; er ist nicht ein­mal eine Abs­trak­ti­on, denn eine Abs­trak­ti­on ist eine Art von Ver­min­de­rung der Rea­li­tät, und ich den­ke, er ist Rea­li­tät selbst.“88

An die­ser Be­mer­kung ist mir vie­les un­ver­ständ­lich. Was meint, dass mit „S“ et­was be­zeich­net wird, was als S ge­schrie­ben wird? Was ist das für eine Lü­cke zwi­schen ei­ner Sa­che, die mar­kier­te Be­deu­tun­gen hat, und der ak­tu­el­len Rede, die sich an ei­nen an­de­ren wen­det, der ver­steht? Vor al­lem aber: was ist mit „Rea­li­tät“ oder „Wirk­lich­keit“ ge­meint? Das Rea­le? Und was ver­steht La­can hier un­ter „exis­tie­ren“? Wie gut ist La­cans Eng­lisch in die­ser im­pro­vi­sier­ten Ant­wort und wel­che Qua­li­tät hat die Tran­skrip­ti­on?

Et­was Licht auf das Pro­blem wirft die fol­gen­de Be­mer­kung, die La­can im Mai 1966 in Se­mi­nar 13 macht, ein hal­bes Jahr vor dem Bal­ti­more-Vor­trag:

Es geht für uns dar­um, un­se­re To­po­lo­gie zu ver­or­ten, uns zu ver­or­ten, uns Ana­ly­ti­ker, als sol­che, die dar­in han­deln. Kürz­lich hat mir je­mand bei ei­nem ge­schlos­se­nen Tref­fen in ei­ner ganz klei­nen Grup­pe eine Fra­ge dazu ge­stellt, dazu, dass ich über die­se To­po­lo­gie ge­sagt habe, dass sie kei­ne Me­ta­pher ist. Was hat es da­mit auf sich? Was be­deu­tet es, uns als Sub­jek­te in ei­nem Be­zug zu ver­or­ten, der nicht me­ta­pho­risch ist? Ich habe nicht ge­ant­wor­tet; der­je­ni­ge, der mir die Fra­ge ge­stellt hat­te, war im letz­ten ge­schlos­se­nen Se­mi­nar nicht an­we­send, und die el­lip­ti­sche Ant­wort, die ich hät­te ge­ben kön­nen – dass wir mit dem Ge­nie­ßen kon­fron­tiert sind –, wäre eine Ant­wort ge­we­sen, die nicht hin­rei­chend kom­men­tiert ge­we­sen wäre. In dem ver­or­tet zu sein, was nicht mehr die Me­ta­pher des Sub­jekts ist, das heißt, die Grund­la­gen sei­ner Po­si­ti­on nicht mehr in ir­gend­ei­nem Be­deu­tungs­ef­fekt zu su­chen, son­dern in dem, was sich aus der Kom­bi­na­to­rik selbst er­gibt.“89

Mög­li­cher­wei­se geht es La­can auch bei der Ant­wort auf die Fra­ge nach der Ana­lo­gie um das Ver­hält­nis von To­po­lo­gie und Me­ta­pher. Die To­po­lo­gie ist kei­ne Ana­lo­gie, die To­po­lo­gie ist kei­ne Me­ta­pher, das wür­de hei­ßen: Wenn man die To­po­lo­gie als Ana­lo­gie be­greift, deu­tet man sie als Me­ta­pher, und da­mit un­ter­stellt man, dass die Grund­la­ge der Sub­jek­ti­vi­tät die Be­deu­tung ist oder bes­ser ein Be­deu­tungs­ef­fekt. Ich, La­can, füh­re die To­po­lo­gie nun aber ge­nau des­halb in die Psy­cho­ana­ly­se ein, um zu zei­gen, dass die Grund­la­ge des Sub­jekts nicht im Be­deu­tungs­ef­fekt zu su­chen ist, son­dern in ei­ner Re­la­ti­on zwi­schen der Signifikantenkombi’natorik und dem Ge­nie­ßen. Die in Bal­ti­more ge­ge­be­ne Ant­wort wür­de dann dar­auf hin­wei­sen, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten­kom­bi­na­to­rik und Ge­nie­ßen sich auf ei­nen Ver­lust be­zieht.

Er­hel­lend ist die fol­gen­de Be­mer­kung, die man in Se­mi­nar 16 von 1968/69 fin­det, D’un Aut­re à l’autre:

Die Struk­tur ist in dem Sin­ne zu neh­men, dass sie das Re­als­te ist oder das Rea­le selbst ist.

Das ist zu­min­dest das, was ich, was mich an­geht, be­haup­te und was ich bei an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten her­vor­ge­ho­ben habe. Be­reits zu der Zeit, als ich ei­ni­ge die­ser Sche­ma­ta, durch die die To­po­lo­gie il­lus­triert wird, an die Ta­fel ge­zeich­net und so­gar ma­ni­pu­liert habe, habe ich her­vor­ge­ho­ben, dass es sich da­bei um kei­ne Me­ta­pher han­delt. Ent­we­der – Oder. Ent­we­der hat das, wo­von wir spre­chen, kei­ne Art von Exis­tenz, oder, wenn das Sub­jekt eine hat, ich mei­ne so, wie wir es ar­ti­ku­lie­ren, dann ist sie ge­nau so be­schaf­fen wie die­se Din­ge, die ich an die Ta­fel ge­schrie­ben habe, vor­aus­ge­setzt, dass sie wis­sen, dass die­ses klei­ne Bild – das al­les ist, was man, um es zu re­prä­sen­tie­ren, auf ein Blatt Pa­pier brin­gen kann – nur dazu da ist, um Ih­nen be­stimm­te Ver­bin­dun­gen bild­lich dar­zu­stel­len, die nicht ima­gi­niert wer­den kön­nen, die aber sehr wohl per­fekt ge­schrie­ben wer­den kön­nen.“90

Das sind fünf The­sen: (1) Die Struk­tur ist kei­ne Me­ta­pher, viel­mehr ist die Struk­tur ist das Rea­le. (2) Die Struk­tu­ren, um die es La­can geht (näm­lich die Struk­tu­ren des Sub­jekts), sind die Struk­tu­ren der To­po­lo­gie. (3) Die Struk­tur kann ge­schrie­ben wer­den. (4) Die Struk­tur kann nicht ima­gi­niert wer­den. (5) Wir kön­nen der Ein­bin­dung in das ima­gi­nä­re Re­gis­ter nicht ent­kom­men, wir sind ge­zwun­gen, das, was nicht ima­gi­niert wer­den kann, uns gleich­wohl bild­haft vor­zu­stel­len. Hier­zu die­nen Zeich­nun­gen oder auch Pa­pier­mo­del­le to­po­lo­gi­scher Ob­jek­te.

So­kal und Bric­mont zi­tie­ren in ih­rem Buch Ele­gan­ter Un­sinn La­cans Dis­kus­si­ons­be­mer­kung in Bal­ti­more und kri­ti­sie­ren sei­ne The­se, dass der To­rus ge­nau der Struk­tur des Neu­ro­ti­kers ent­spre­che. Ihr Ein­wand lau­tet: La­can bringt hier­für im Bal­ti­more-Vor­trag kein Ar­gu­ment. Das ist rich­tig, Be­grün­dungs­ver­su­che fin­det man nicht hier, son­dern in den Se­mi­na­ren 9, 12 und 13. Die Au­to­ren re­fe­rie­ren au­ßer­dem La­cans Zu­rück­wei­sung der Be­haup­tung, beim Schnitt auf ei­nem To­rus han­de­le es sich um eine Ana­lo­gie. Be­zo­gen auf die­se The­se deu­tet La­can in sei­nem Vor­trag eine Be­grün­dung im­mer­hin an; So­kal und Bric­mont ma­chen sich nicht die Mühe, sein Ar­gu­ment zu re­kon­stru­ie­ren. Sie stel­len sich auch nicht die Fra­ge, was La­can hier un­ter „wirk­lich“ ver­steht – sie stüt­zen sich auf eine nai­ve On­to­lo­gie, die sie of­fen­bar für selbst­ver­ständ­lich hal­ten.91

Sprache

Zahlen und Sprache

War­um be­zieht La­can sich in sei­nem Vor­trag auf die na­tür­li­chen Zah­len? Die­sen Weg habe er ge­wählt, so sagt er, weil es sich da­bei um ei­nen Ver­mitt­lungs­punkt zwi­schen Spra­che und „Rea­li­tät“ han­de­le. Spä­ter im Vor­trag wird er noch ein­mal von der „Rea­li­tät“ spre­chen, und dort wird klar, dass er da­mit die­je­ni­ge Di­men­si­on meint, die er sonst als „das Rea­le“ be­zeich­net (ich kom­me dar­auf zu­rück); im Eng­li­schen ist die sub­stan­ti­vier­te Ver­wen­dung von „real“, also „the real“, nicht üb­lich, Wil­den über­setzt „le réel“ mit „the rea­li­ty“. Also will La­can an die­ser Stel­le ver­mut­lich sa­gen, er habe die Zah­len des­halb ins Spiel ge­bracht, weil sie zwi­schen der Spra­che und dem Rea­len ver­mit­teln. Be­zieht er sich da­mit auf die ma­the­ma­ti­sche Fun­die­rung der Phy­sik und dar­auf, dass die mo­der­ne ver­wis­sen­schaft­lich­te Tech­no­lo­gie die Zah­len ge­wis­ser­ma­ßen ins Rea­le ein­ge­schrie­ben hat? Das bleibt hier of­fen.

Die Be­zie­hung zwi­schen Zah­len und Spra­che er­läu­tert La­can an­schlie­ßend so:

Spra­che wird durch die glei­che Art von ein­zel­nen Zü­gen / ein­zel­nen Merk­ma­len (unita­ry traits) ge­bil­det, die ich ver­wen­det habe, um die Eins und das Eins mehr zu er­klä­ren. Aber in der Spra­che ist die­ser Zug / die­ses Merk­mal nicht mit dem ein­zel­nen Zug iden­tisch, da wir in der Spra­che ein Bün­del dif­fe­ren­zi­el­ler Merk­ma­le (dif­fe­ren­ti­al traits) ha­ben. Mit an­de­ren Wor­ten, wir kön­nen sa­gen, dass Spra­che durch eine Men­ge von Si­gni­fi­kan­ten ge­bil­det wird – bei­spiels­wei­se b, p, t usw. –, eine Men­ge, die end­lich ist. Je­der Si­gni­fi­kant ist in der Lage, hin­sicht­lich des Sub­jekts den­sel­ben Pro­zess zu stüt­zen, und es ist sehr wahr­schein­lich, dass der Pro­zess der gan­zen Zah­len nur ein Son­der­fall die­ser Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten ist.“92

In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen Zah­len und Spra­che? Ge­mein­sam ist ih­nen, dass sie auf unita­ry traits be­ru­hen, auf „ein­zel­nen Zü­gen“, auf „unä­ren Merk­ma­len“.

Grund­la­ge der Zah­len ist die Mar­kie­rung bzw. der „ein­zel­ne Zug“; das war eine von La­cans The­sen bei der Dar­stel­lung von Fre­ges Zah­len­theo­rie.

Auch die Spra­che be­ruht auf traits, auf „Zü­gen“ oder „Merk­ma­len“. Die traits der Spra­che un­ter­schei­den sich je­doch von den traits der Zah­len. In der Spra­che hat man es mit Bün­deln von dif­fe­ren­zi­el­len Merk­ma­len zu tun, sagt La­can. Er spielt hier auf Saus­su­res Leh­re von der Dif­fe­ren­zia­li­tät des Zei­chens an – ein Si­gni­fi­kant hat kei­ne Sub­stanz, er ist nichts als die Dif­fe­renz zu al­len an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten.93 Die Rede von den dif­fe­ren­ti­al traits und das Bei­spiel b, t, p ver­wei­sen aber vor al­lem auf das Kon­zept des Phon­ems als ei­nem Bün­del von dis­tink­ti­ven Merk­ma­len, wie es von Ro­man Ja­kobson und Mit­ar­bei­tern ent­wi­ckelt wor­den ist.94 Die Pho­neme b und t un­ter­schei­den sich von­ein­an­der durch die Laut­bil­dungs­or­te bi­la­bi­al ver­sus al­veo­lar95, die Pho­neme b und p un­ter­schei­den sich als stimm­haft ver­sus stimm­los. Ja­kobson zu­fol­ge bil­den die­se un­ter­schei­den­den Merk­ma­le bi­nä­re Op­po­si­tio­nen, sei es als po­la­re Aus­prä­gun­gen (etwa kompakt/diffus), sei es als Ge­gen­satz von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit (etwa stimmhaft/stimmlos); die Merk­ma­le wer­den von Ja­kobson des­halb als Plus-Mi­nus-Op­po­si­tio­nen dar­ge­stellt (etwa Stim­me: +/-), und da­mit ist man im Um­kreis von Fre­ges Null und Eins. Der Auf­satz, in dem Ja­kobson, Cher­ry und Hal­le die­se Bi­na­ris­mus-The­se auf­ge­stellt ha­ben, spielt be­reits im Ti­tel auf die Nähe zur Lo­gik an: „Zur lo­gi­schen Be­schrei­bung von Spra­chen un­ter pho­n­e­mi­schem As­pekt“.96 Der eng­li­sche Ter­mi­nus für das dis­tink­ti­ve Merk­mal ist dis­tinc­tive fea­ture (Ja­kobsons Schrif­ten zu die­sem The­ma sind zu­erst auf Eng­lisch er­schie­nen), man kann aber auch dif­fe­ren­ti­al trait sa­gen, so wie La­can in sei­nem Vor­trag. Im Fran­zö­si­schen spricht man vom trait bin­aire, vom „bi­nä­ren Zug/Merkmal“.

Die Un­ter­schei­dung zwi­schen der Iden­ti­tät und der Dif­fe­ren­zia­li­tät des „Zugs“ oder „Merk­mals“, zwi­schen dem trait un­aire und dem trait bin­aire, läuft an die­ser Stel­le dar­auf hin­aus, so neh­me ich an, dass beim Ver­tau­schen von Ein­zel­stri­chen „die Wahr­heit er­hal­ten bleibt“, wäh­rend der Aus­tausch von dif­fe­ren­zi­el­len Merk­ma­len die Be­deu­tung ver­än­dert und da­mit den Wahr­heits­be­zug.

Je­der Si­gni­fi­kant, so fährt La­can fort, ist in der Lage, hin­sicht­lich des Sub­jekts den­sel­ben Pro­zess zu un­ter­stüt­zen. Ich neh­me an, dass er meint: Je­der Si­gni­fi­kant ist in der Lage, für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten, das Sub­jekt zu re­prä­sen­tie­ren (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Es sei sehr wahr­schein­lich, so heißt es wei­ter, dass der Pro­zess der gan­zen Zah­len nur ein Spe­zi­al­fall für die Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kan­ten ist. Ich ver­mu­te, dass es um Fol­gen­des geht: Die Pho­neme sind Bün­del von dis­tink­ti­ven Merk­ma­len, die als Plus-Mi­nus-Op­po­si­tio­nen re­kon­stru­iert wer­den kön­nen; die gan­zen Zah­len ge­hen auf die Null, die Eins und die Nach­fol­ger­be­zie­hung zu­rück – also sind Pho­neme und Zah­len ähn­lich ge­baut. Von da­her liegt die Hy­po­the­se nahe, dass die eine Struk­tur der an­de­ren zu­grun­de liegt. Ist die Struk­tur der Zah­len die Grund­la­ge für die der Spra­che oder um­ge­kehrt? La­can ver­mu­tet, dass die Sprach­struk­tur fun­die­ren­den Cha­rak­ter hat. Das wird hier von ihm nicht wei­ter aus­ge­führt, es ist aber klar, dass er die­se The­se für den Auf­bau sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on drin­gend be­nö­tigt. Das Un­be­wuss­te, so hieß es zu Be­ginn des Vor­trags, ist struk­tu­riert wie eine Spra­che; un­ter Spra­che soll nicht eine Spe­zi­al­spra­che ver­stan­den wer­den, et­was die Spra­che der Ma­the­ma­tik, son­dern die Spra­che im üb­li­chen Sin­ne, etwa das Fran­zö­si­sche. Im nächs­ten Schritt hat­te La­can die Struk­tur nicht an­hand der Spra­che er­läu­tert, son­dern durch die na­tür­li­chen Zah­len. Die Ar­gu­men­ta­ti­on ist nur dann kon­sis­tent, wenn die Struk­tur der Zah­len ein Son­der­fall der all­ge­mei­nen Sprach­struk­tur ist.

Mangel im Anderen

Die An­samm­lung der Si­gni­fi­kan­ten, so fährt La­can fort, bil­det das, was er als den „An­de­ren“ be­zeich­net. Das ist eine von ihm wie­der­holt vor­ge­brach­ten De­fi­ni­ti­on des „An­de­ren mit gro­ßem A“: der An­de­re ist der Ort des Si­gni­fi­kan­ten­schat­zes, er fun­giert da­durch als Ort, dass er die Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt, mit der Fol­ge, dass sie eine syn­chro­ne Struk­tur bil­den.97

Für Si­gni­fi­kan­ten gel­te, dass sie mit sich selbst meist nicht iden­tisch sei­en,

und zwar ge­nau des­halb, weil wir eine Samm­lung von Si­gni­fi­kan­ten ha­ben und in die­ser Samm­lung sich ein Si­gni­fi­kant selbst be­zeich­nen kann oder nicht.“98

Ich habe die­se Stel­le nicht ver­stan­den. Ist ge­meint: „Ein Si­gni­fi­kant ist dann mit sich selbst iden­tisch, wenn er sich selbst be­zeich­net, was al­ler­dings sel­ten vor­kommt“? Wel­cher Si­gni­fi­kant be­zeich­net sich selbst? Be­zeich­net der Si­gni­fi­kant „Wort“ sich selbst, weil er ein Wort ist?

La­can geht zu eine spe­zi­el­len Form der Selbst­be­züg­lich­keit über, zu der­je­ni­gen, die als Rus­sell­sche An­ti­no­mie be­rühmt ge­wor­den ist; ich habe sie zu Be­ginn be­reits er­wähnt. Wenn man die Men­ge al­ler Men­gen, die sich nicht selbst ent­hal­ten, zu be­stim­men ver­sucht, ge­rät man in eine Pa­ra­do­xie – die­se Men­ge ent­hält sich selbst und sie ent­hält nicht sich selbst. (La­can re­fe­riert hier üb­ri­gens falsch und spricht von der „Men­ge al­ler Ele­men­te“, statt von der „Men­ge al­ler Men­gen“.)

Die­se An­spie­lung auf die Lo­gik der Ma­the­ma­tik dient La­can als Sprung­brett für eine The­se über die Spra­che. Sie lau­tet: In ei­nem Dis­kurs­uni­ver­sum gibt es nichts, was al­les ent­hält, ein Dis­kurs­uni­ver­sum bil­det kei­ne To­ta­li­tät. Er be­lässt es bei die­ser knap­pen An­deu­tung.

Der Aus­druck „Dis­kurs­uni­ver­sum“ ist ein Be­griff der Lo­gik; er meint das, wor­über über­haupt ge­spro­chen wer­den kann. Es ist nicht mög­lich, über al­les zu spre­chen, und das nicht nur aus kon­tin­gen­ten Grün­den (aku­ter Zeit­man­gel, Feh­len von be­stimm­tem Wis­sen usw.), son­dern auf­grund der Struk­tur der Spra­che. Ein Be­leg hier­für ist, La­can zu­fol­ge, die Rus­sell­sche An­ti­no­mie; der Ver­such, der Ma­the­ma­tik (durch Lo­gik oder Men­gen­leh­re) ein Fun­da­ment zu un­ter­le­gen und auf die­se Wei­se ihre ver­schie­de­nen Zwei­ge zu ver­ein­heit­li­chen, stößt auf eine Gren­ze des Sag­ba­ren – ob die Men­ge al­ler Men­gen, die sich nicht selbst ent­hal­ten, sich selbst ent­hält, darf nicht ge­fragt wer­den. Die­ser Ver­such stößt auf et­was lo­gisch Un­mög­li­ches, und da­mit auf das Rea­le. Das Rea­le ist das Un­mög­li­che, die­se The­se ent­wi­ckelt La­can ab Se­mi­nar 9. An­ders ge­sagt: Es gibt im Sym­bo­li­schen ei­nen Zu­gang zum Rea­len (zu dem, was sich nicht sym­bo­li­sie­ren lässt), und zwar durch die Lo­gik, das heißt nicht auf dem Weg über das Spre­chen, son­dern ver­mit­tels der Schrift – die for­ma­le Lo­gik ba­siert auf der Ma­ni­pu­la­ti­on von Buch­sta­ben.

In an­de­ren Tex­ten ver­wen­det La­can als Be­griff für die Be­grenzt­heit des syn­chro­nen Si­gni­fi­kan­ten­sys­tems meist den Aus­druck „Man­gel im An­de­ren“ oder „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“; das Sym­bol hier­für ist Ⱥ bzw. S(Ⱥ). Da­mit ist an­fangs ge­meint (ab Se­mi­nar 6): Ver­sucht man, in der Spra­che eine Wahr­heit zu be­grün­den, kommt es zur Ver­wei­sung von Si­gni­fi­kant auf Si­gni­fi­kant, ohne dass es da­bei ei­nen Halt gibt; es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Ab Se­mi­nar 12 ver­schiebt sich bei La­can die Be­deu­tung des Kon­zepts „Man­gel im An­de­ren“; der Man­gel im An­de­ren be­steht nun vor al­lem dar­in, dass im Un­be­wuss­ten die Ge­schlechts­dif­fe­renz nicht re­prä­sen­tiert ist. Mit dem Be­griff des „Man­gels im An­de­ren“ ela­bo­riert La­can die von Freud im­mer wie­der vor­ge­brach­te The­se, dass das Un­be­wuss­te de­fi­zi­tä­ren Cha­rak­ter hat, dass be­stimm­te Vor­stel­lun­gen in ihm nicht ent­hal­ten sind.

Die Ver­bin­dung zwi­schen der Rus­sell­schen An­ti­no­mie und La­cans Theo­rem vom „Man­gel im An­de­ren“ be­steht dar­in, dass in bei­den die Selbst­be­züg­lich­keit zum Pro­blem wird. Ein Si­gni­fi­kant, der das Ge­setz ga­ran­tie­ren oder au­to­ri­sie­ren wür­de, wäre ein Si­gni­fi­kant, der sich auf das Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem als Gan­zes be­zö­ge, der also eine Form der Selbst­be­züg­lich­keit des Sym­bo­li­schen wäre.99

Subjekt als Verlust

La­can fährt so fort: Es gibt kein Dis­kurs­uni­ver­sum, und dar­in fin­det man die­je­ni­ge Kluft wie­der, durch die das Sub­jekt kon­sti­tu­iert wird. Das Sub­jekt ist im Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem eine Leer­stel­le, es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). La­can spricht auch Ver­schwin­den des Sub­jekts, von sei­nem Fa­ding, sei­ner Apha­ni­sis; das Ver­schwin­den be­steht dar­in, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des un­be­wuss­ten Sub­jekts gibt, das Un­be­wuss­te zeich­net sich da­durch aus, dass das Sub­jekt sich in sei­nen Ma­ni­fes­ta­tio­nen nicht als Sub­jekt be­nen­nen kann (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Die Kor­re­spon­denz zwi­schen dem Man­gel im An­de­ren und dem Ver­schwin­den des Sub­jekts, ist ei­nes der Haupt­the­men der Se­mi­na­re ab Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung; im Bal­ti­more-Vor­trag wird die­se Ent­spre­chung, ohne Ar­gu­ment, nur be­haup­tet.

Da­nach heißt es:

Das Sub­jekt ist die Ein­füh­rung ei­nes Ver­lusts in das Rea­le [rea­li­ty], je­doch kann nichts dies ein­füh­ren, da das Rea­le sei­nem Sta­tus nach so voll wie mög­lich ist. Der Be­griff des Ver­lusts ist eine Wir­kung, die durch die In­stanz des Zugs/Strichs her­vor­ge­ru­fen wird, der das ist, wo­durch – durch In­ter­ven­ti­on ei­nes Buch­sta­bens ih­rer Wahl, bei­spiels­wei­se a1, a2, a3 – Plät­ze zu­ge­wie­sen wer­den; die Plät­ze sind Räu­me für ei­nen Man­gel. Wenn das Sub­jekt den Platz des Man­gels ein­nimmt, wird in das Wort ein Ver­lust ein­ge­führt, und dies ist die De­fi­ni­ti­on des Sub­jekts. Um ihn (es?) ein­zu­schrei­ben, ist es aber not­wen­dig, es in ei­nem Zir­kel zu de­fi­nie­ren, was ich die An­ders­heit der Sphä­re der Spra­che nen­ne. Al­les was Spra­che ist, ist die­ser An­ders­heit ent­lehnt, und des­halb ist das Sub­jekt im­mer ein schwin­den­des Ding (fa­ding thing), das un­ter der Ket­te der Si­gni­fi­kan­ten läuft.“100

Fin­kel­de über­setzt hier rea­li­ty mit „Rea­li­tät“. La­can un­ter­schei­det le réel und la réa­lité, „das Rea­le“ und „die Rea­li­tät“, Wil­den über­setzt im­mer mit rea­li­ty, so dass man sich bei je­der Ver­wen­dung fra­gen muss, ob „das Rea­le“ oder „die Rea­li­tät“ ge­meint ist. An die­ser Stel­le geht es ein­deu­tig um das Rea­le; ich habe die Über­set­zung des­halb ge­än­dert.

In Se­mi­nar 4 hat­te La­can die Be­zie­hung zwi­schen dem Ver­lust und dem Si­gni­fi­kan­ten so be­schrie­ben:

Al­les, was real ist, ist im­mer und ob­li­ga­to­risch an sei­nem Platz, selbst wenn man es aus sei­ner Bahn wirft. Das Rea­le hat die Ei­gen­schaft, daß es sei­nen Platz an der Soh­le sei­ner Schu­he mit­führt. Sie kön­nen das Rea­le so sehr um­stül­pen, wie sie nur möch­ten; den­noch wer­den auch nach ei­ner Atom­bom­ben­ex­plo­si­on un­se­re Kör­per im­mer noch an ih­rem Platz sein, als klei­ne Fet­zen zwar, aber an ih­rem Platz. Die Ab­we­sen­heit von et­was im Rea­len ist rein sym­bo­lisch. Aus die­sem Grun­de le­gen wir per Ge­setz fest, daß es da sein soll­te, daß ein Ob­jekt an sei­nem Platz fehlt. An nichts läßt sich das bes­ser zei­gen als an fol­gen­dem – den­ken Sie dar­an, was ge­schieht, wenn Sie in ei­ner Bi­blio­thek ein Buch an­for­dern. Man sagt Ih­nen, daß es nicht an sei­nem Platz ist, an sei­nem Platz fehlt; es kann di­rekt da­ne­ben ste­hen, nichts­des­to­we­ni­ger fehlt es im Prin­zip an sei­nem Platz, es ist vom Prin­zip her un­sicht­bar. Das heißt, dass der Bi­blio­the­kar voll­stän­dig in ei­ner sym­bo­li­schen Welt lebt. Wenn wir von Pri­va­ti­on spre­chen, geht es um ein sym­bo­li­sches Ob­jekt und um nichts an­de­res.“101

Da­mit ist klar, dass im Bal­ti­more-Vor­trag an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le mit rea­li­ty „das Rea­le“ ge­meint, ei­nes der drei Re­gis­ter, in de­nen La­can das Feld der Psy­cho­ana­ly­se auf­spannt. Das Sub­jekt ist die Ein­füh­rung ei­nes Ver­lusts in das Rea­le. Die Mar­kie­rung, die Ein­schrei­bung des ein­zel­nen Zugs (die Eins) führt zu ei­nem Ver­lust im Rea­len, zu ei­nem „Seins­man­gel“, wie La­can auch sagt (zur Null), und das Sub­jekt ist der im Rea­len durch die Mar­kie­rung her­vor­ge­ru­fe­ne Ver­lust.

Die­se Be­stim­mung ist, La­can zu­fol­ge, al­ler­dings un­voll­stän­dig. Im Rea­len fehlt nichts. Da­mit das Sub­jekt ein Ver­lust sein kann, muss das Sym­bo­li­sche in­ter­ve­nie­ren, als eine An­ord­nung von Plät­zen, an de­nen et­was an­we­send oder ab­we­send sein kann. Es muss ei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Ver­lusts ge­ben.

Durch den Zug bzw. Strich wer­den Plät­ze zu­ge­wie­sen, und die­se Plät­ze sind Orte, an de­nen et­was an­we­send oder ab­we­send sein kann. Zur Ver­deut­li­chung kann man sich ein Brett vor­stel­len, auf dem, wie auf ei­nem Schach­brett, Li­ni­en (traits) ein­ge­zeich­net sind; sie de­fi­nie­ren Plät­ze, die leer oder be­setzt sein kön­nen. Die­se Plät­ze kön­nen mit Sym­bo­len be­zeich­net wer­den, etwa – wie im Schach –  mit a1, a2, a3 usw. Wenn man for­dert, dass ein Platz be­setzt sein soll (bei­spiels­wei­se dass zu Be­ginn des Spiels auf a1 ein wei­ßer Turm ste­hen soll) und wenn die­se Be­din­gung nicht er­füllt ist, kann man sa­gen, dass an ei­nem Platz et­was fehlt.

La­can spielt hier auf die Vor­stel­lung von der Ab­we­sen­heit des Pe­nis bei der Mut­ter an, eine Vor­stel­lung, die, Freud zu­fol­ge, für den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ent­schei­dend ist. Von La­can wird die­ser Typ des Feh­lens als „Pri­va­ti­on“ be­zeich­net; die aus Se­mi­nar 4 zi­tier­te Pas­sa­ge über das Feh­len ei­nes Bu­ches in ei­ner Bi­blio­thek dien­te ihm dazu, den Be­griff der Pri­va­ti­on zu er­läu­tern. Der Phal­lus ist für La­can der Si­gni­fi­kant für das Feh­len-an-ei­nem-Platz. (Vgl. hier­zu in die­sem Blog den Ar­ti­kel Der Phal­lus.)

Die Vor­stel­lung des An-ei­nem-Platz-Feh­lens, der Phal­lus, ist der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, durch den das Sub­jekt sich als Ver­lust er­fas­sen kann.

Giraffe des kleinen Hans 2

Gi­raf­fe, ge­zeich­net vom Va­ter des „klei­nen Hans“, mit von Hans hin­zu­ge­füg­tem Strich für den Pe­nis

In­wie­fern ist bei der Vor­stel­lung des Feh­lens-an-ei­nem-Platz der „Zug“ oder „Strich“ im Spiel, wie La­can an der zi­tier­ten Stel­le sagt? Ist ge­meint, dass der „Zug“ in der Wei­se be­tei­ligt ist, wie beim „klei­nen Hans“, wenn er in der Zeich­nung von der Gi­raf­fe den Pe­nis des Tie­res (den „Wi­wi­ma­cher“, wie er sagt) durch ei­nen senk­rech­ten Strich dar­stellt?102 Im­mer­hin hat­te La­can hier­zu in Se­mi­nar 4 an­ge­merkt:

Die­se Zeich­nung war be­reits auf dem Weg zum Sym­bol, denn wäh­rend der Rest völ­lig klar ist und sich alle Glie­der rich­tig an ih­rem Platz be­fin­den, ist der der Gi­raf­fe hin­zu­ge­füg­te Wi­wi­ma­cher wahr­lich gra­phisch, es ist ein Strich (trait), und au­ßer­dem noch, da­mit wir es nicht über­se­hen kön­nen, vom Kör­per der Gi­raf­fe ge­trennt.“103

Das Sub­jekt nimmt den Platz des Man­gels ein. Es ar­ti­ku­liert sich ei­ner Rei­he von For­de­run­gen, von An­sprü­chen, und das Sub­jekt ist das, was in die­sen An­sprü­chen ge­ra­de nicht ar­ti­ku­liert wer­den kann, was un­ter ih­nen ver­schwin­det und un­ter ih­nen da­von­läuft. La­can nennt dies die „Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“: Das Be­geh­ren ar­ti­ku­liert sich in An­sprü­chen (in sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­ten For­de­run­gen), in die­sen wird das, was be­gehrt wird, sys­te­ma­tisch ver­fehlt, und auf die­se Wei­se kommt es zu ei­ner „Me­to­ny­mie“, zu ei­ner Ver­schie­bung von An­spruch zu An­spruch zu An­spruch. Das Be­geh­ren be­steht in die­ser be­stän­di­gen Ver­schie­bung (dies ist La­cans Re­kon­struk­ti­on von Freuds Be­griff der Li­bi­do).

Das Sub­jekt muss durch den Be­zug auf die Spra­che de­fi­niert wer­den. Für das Sub­jekt hat die Spra­che den Sta­tus der An­ders­heit, sie ist das, was das Sub­jekt nicht ist, was dem Sub­jekt fremd ist. Die­se De­fi­ni­ti­on ist in ge­wis­sem Sin­ne zir­ku­lär, ich ver­ste­he das so: Sie de­fi­niert das Sub­jekt von der Spra­che aus, um zu sa­gen, dass das Sub­jekt das ist, was in der Spra­che fehlt.

In der Dis­kus­si­on nach dem Vor­trag fragt ei­ner der Zu­hö­rer nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem, was La­can über das „Nichts“ ge­sagt habe – über not­hing­ness – und dem, was Husserl und Sart­re dar­über ge­sagt ha­ben. (33)

La­can ant­wor­tet, er habe kei­nes­wegs über das Nichts ge­spro­chen und er kön­ne dar­über auch kaum et­was sa­gen; dann fährt er fort:

Das Ent­glei­ten und die Schwie­rig­keit des Er­fas­sens, das Nie-hier – es ist hier, wenn ich dort su­che, es ist dort, wenn ich hier bin – ist nicht Nichts.“104

In sei­nem nächs­ten Se­mi­nar, Die Lo­gik des Phan­tas­mas (Se­mi­nar 14 von 1966/67), wer­de er sich be­mü­hen,

die un­ter­schied­li­chen Ar­ten des Man­gels, des Ver­lus­tes, der Lee­re zu de­fi­nie­ren, die von ganz un­ter­schied­li­cher Na­tur sind“105.

Das Feh­len des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es sich auf der Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten nicht er­fas­sen kann. Es ist nicht da, wo es sich sucht, und da wo es ist, sucht es sich nicht.

Signifikant

La­can gibt nun eine vor­läu­fi­ge Zu­sam­men­fas­sung des Vor­trags. Aus­gangs­punkt ist hier­bei die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Zei­chen und dem Si­gni­fi­kan­ten.

… „Denn die De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten ist, dass er ein Sub­jekt nicht für ein an­de­res Sub­jekt re­prä­sen­tiert, son­dern für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten. Das ist die ein­zig mög­li­che De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten in sei­nem Un­ter­schied zum Zei­chen. Das Zei­chen ist et­was, was et­was für je­man­den re­prä­sen­tiert, aber der Si­gni­fi­kant ist et­was, was ein Sub­jekt für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert. Das hat zur Fol­ge, dass das Sub­jekt ver­schwin­det, ge­nau wie im Fall der zwei ein­zel­nen Züge, wäh­rend un­ter dem zwei­ten Si­gni­fi­kan­ten das er­scheint, was Sinn oder Be­deu­tung ge­nannt wird; und dann er­scheint die Fol­ge der an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten und an­de­rer Be­deu­tun­gen.“106

Ein Si­gni­fi­kant ist, was für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, die­se Be­stim­mung hat­te La­can erst­mals 1962 im Iden­ti­fi­zie­rungs­se­mi­nar vor­ge­tra­gen.107

Die De­fi­ni­ti­on hat nicht die Auf­ga­be, den Si­gni­fi­kan­ten ab­so­lut zu be­stim­men; sie hat re­la­ti­ven Cha­rak­ter, sie dient dazu, den Si­gni­fi­kan­ten vom Zei­chen ab­zu­gren­zen. Das Zei­chen wird von La­can so de­fi­niert: „Ein Zei­chen re­prä­sen­tiert et­was für je­man­den.“ Das ent­spricht un­ge­fähr der Zei­chen­de­fi­ni­ti­on von Charles San­ders Peirce. Peirce be­stimmt das Zei­chen als tria­di­sche Be­zie­hung zwi­schen ei­nem Re­prä­sen­ta­men, ei­nem Ob­jekt und ei­nem In­ter­pre­t­an­ten. Mit La­can: Ein Zei­chen (ein Re­prä­sen­ta­men) re­prä­sen­tiert et­was (ein Ob­jekt) für je­man­den (für ei­nen In­ter­pre­ten, bei dem sie ei­nen In­ter­pre­t­an­ten her­vor­ruft, eine Deu­tung).108 In die­ser De­fi­ni­ti­on des Zei­chens gibt es al­ler­dings nicht den Je­man­den, an sei­ne Stel­le tritt der In­ter­pre­tant, d.h. ein an­de­res Zei­chen.

Ein Zei­chen ist bei­spiels­wei­se die Spur ei­nes nack­ten Fu­ßes, wie Ro­bin­son sie zu sei­nem Ent­set­zen im Sand ent­deckt. Die Fuß­spur (das Zei­chen) re­prä­sen­tiert et­was (den un­be­kann­ten Pas­san­ten) für je­man­den (für Ro­bin­son).109 Ein Zei­chen re­prä­sen­tiert et­was für je­man­den: für ein ver­ste­hen­des Be­wusst­sein, in Sar­tres Ter­mi­no­lo­gie: für ein Für-Sich. Ro­bin­son ver­steht die Spur, er weiß, was sie be­deu­tet: dass hier ein Mensch vor­über­ging (die­se Deu­tung ist der In­ter­pre­tant im Sin­ne von Peirce).

Ein Si­gni­fi­kant funk­tio­niert an­ders als ein Zei­chen. Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert nicht „für je­man­den“, er de­fi­niert sich nicht durch den Be­zug auf ein ver­ste­hen­des Be­wusst­sein. Ein grund­le­gen­des Merk­mal des Si­gni­fi­kan­ten be­steht dar­in, dass er nicht ver­stan­den wird.

Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert das Sub­jekt (nicht für ein Sub­jekt son­dern) für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten. Im Iden­ti­fi­zie­rungs­se­mi­nar ver­an­schau­licht La­can die­se Re­la­ti­on durch ein Sie­gel auf ei­nem Brief, der nicht ge­öff­net wird. Das Sie­gel (der Si­gni­fi­kant) re­prä­sen­tiert den Sen­der (das Sub­jekt) für den Brief, für den Brieftext (für an­de­re Si­gni­fi­kan­ten). 110

Ein Si­gni­fi­kant ist, was für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten das Sub­jekt re­prä­sen­tiert“, da­mit ist, in ers­ter An­nä­he­rung, ge­meint: das Sub­jekt kann nur von Si­gni­fi­kan­ten­be­zie­hun­gen aus be­stimmt wer­den.

Das Sub­jekt wird von ei­nem Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert: der Si­gni­fi­kant sorgt da­für, dass das Sub­jekt als Sinn er­scheint. Das ent­spricht der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung als Kern des Ichi­de­als.

Das Sub­jekt wird durch die Si­gni­fi­kan­ten­be­zie­hung je­doch nicht nur re­prä­sen­tiert, es er­scheint nicht nur als Sinn. Eben da­durch, dass ein Si­gni­fi­kant das Sub­jekt re­prä­sen­tiert und es als Sinn er­schei­nen lässt, ver­schwin­det das Sub­jekt. In Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, wird die Dia­lek­tik von Auf­tau­chen und Ver­schwin­den des Sub­jekts auf eine ur­sprüng­li­che Ver­kop­pe­lung von zwei Si­gni­fi­kan­ten be­zo­gen. Durch den ei­nen Si­gni­fi­kan­ten taucht das Sub­jekt als Sinn auf, durch den an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten ver­schwin­det es. In Se­mi­nar 3 wird die Sinn­erzeu­gungs­funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten als „Stepp­punkt“ bzw. „Pols­ter­stich“ be­zeich­net, im Se­mi­nar 11 spricht La­can vom „unä­ren Si­gni­fi­kan­ten“ 111, in spä­te­ren Se­mi­na­ren heißt ein Si­gni­fi­kant, der die­se Funk­ti­on wahr­nimmt, Her­ren­si­gni­fi­kant und wird durch S1 sym­bo­li­siert (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, durch den das Sub­jekt ver­schwin­det, wird in Se­mi­nar 11 als „bi­nä­rer Si­gni­fi­kant“ be­zeich­net oder auch als „Vor­stel­lungs­re­prä­sen­tanz“; die­ser bi­nä­re Si­gni­fi­kant bil­det den zen­tra­len Punkt der Ur­ver­drän­gung, heißt es dort.112 Das Ur­ver­dräng­te ist, Freud zu­fol­ge, auf kei­ne Wei­se er­in­ner­bar, es ist ge­wis­ser­ma­ßen ein auf ewig ver­lo­re­ner Si­gni­fi­kant, und in­so­fern ver­schwin­det hier das Sub­jekt: der ur­ver­dräng­te Si­gni­fi­kant ist ihm un­zu­gäng­lich. Das Ur­ver­dräng­te ist, wie Freud schreibt, der An­zie­hungs­punkt der Ver­drän­gung, es hält die Ver­drän­gung in Gang. Das Un­be­wuss­te, das sich auf der Ur­ver­drän­gung auf­baut, wird in spä­te­ren Se­mi­na­ren als „Wis­sen“ be­zeich­net und mit S2 sym­bo­li­siert (ab Se­mi­nar 17).

Die ur­sprüng­li­che Spal­tung des Sub­jekts ist die zwi­schen ei­nem ver­drän­gen­den Si­gni­fi­kan­ten und ei­nem ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten: zwi­schen Sinn und Fa­ding, zwi­schen unä­rem und bi­nä­rem Si­gni­fi­kan­ten, zwi­schen pri­mä­rer Iden­ti­fi­zie­rung und Ur­ver­dräng­tem; im Auf­satz Über ei­ner Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958) ist dies die Spal­tung zwi­schen dem Na­men-des-Va­ters und dem Phal­lus.

Das Sub­jekt ver­schwin­det, so heißt es im Bal­ti­more-Vor­trag, „ge­nau wie im Fall der zwei ein­zel­nen Züge“. Da­mit wird die Si­gni­fi­kan­ten­de­fi­ni­ti­on so­wie die Op­po­si­ti­on von Sinn und Fa­ding auf die Fre­gesche Zah­len­theo­rie be­zo­gen. In Se­mi­nar 12 hat­te La­can den Ver­gleich de­tail­lier­ter aus­ge­führt. Dort heißt es:

Es soll mir hier ge­nü­gen, dar­auf hin­zu­wei­sen, in Ver­bin­dung mit der Fi­gur des Krei­ses, dass man dazu ge­langt, und ge­ra­de dann, wenn man sich von der ma­the­ma­ti­schen For­schung lei­ten lässt, dass man zu ei­nem Sche­ma ge­langt, das strikt ho­mo­log mit dem ist, das ich hier vor­brin­ge, wenn ich Ih­nen den Si­gni­fi­kan­ten als das an­ge­be, was für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten das Sub­jekt re­prä­sen­tiert. Die ma­the­ma­ti­sche Theo­rie, die zu­gleich die Lö­sung – das ist das, was ich in Fra­ge stel­le – wie auch das Wi­der­la­ger, viel­leicht ist es zu­tref­fen­der, die­ses Ver­suchs dar­stellt, näm­lich des Ver­suchs, die Funk­ti­on der gan­zen Zahl in der ma­the­ma­ti­schen Spra­che zu re­du­zie­ren, zu lö­sen, die­se ma­the­ma­ti­sche Theo­rie führt zu der fol­gen­den For­mel, die auf ge­nau die­sel­be Wei­se sche­ma­ti­siert wird, wie ich es Ih­nen zei­ge: näm­lich wie das Sub­jekt sich in ge­wis­ser Wei­se von Si­gni­fi­kant zu Si­gni­fi­kant fort­be­wegt, wo­bei je­der ei­nen Si­gni­fi­kan­ten für den ihm fol­gen­den re­prä­sen­tiert, das heißt, un­ter der Eins die Null, um die es geht, für die Fol­ge der Ein­sen, die fol­gen: 1,  n+1. An­ders ge­sagt, die Ent­de­ckung, die durch die neu­es­te lo­gisch-ma­the­ma­ti­sche For­schung be­dingt ist, die Ent­de­ckung, dass es not­wen­dig ist, dass die Null, das Feh­len, der letz­te Grund für die Funk­ti­on der gan­zen Zahl ist, dass die Eins ur­sprüng­lich die Null re­prä­sen­tiert, und dass die Ent­ste­hung der Dya­de sich für uns stark von der Pla­to­ni­schen Ge­ne­se un­ter­schei­det, in­so­fern als die Dya­de be­reits in der Eins ist, in­so­fern die Eins das ist, was für eine an­de­re Eins die Null re­prä­sen­tie­ren wird. Eine ein­zig­ar­ti­ge Sa­che, dies, was be­wirkt und was bei je­der Zahl n die Not­wen­dig­keit von n+1 mit sich führt, ge­nau von die­ser Null her, die sich hier hin­zu­fügt, eine au­ßer­ge­wöhn­li­che Sa­che.“113

Der ers­te ein­zel­ne Zug bzw. die ers­te Eins re­prä­sen­tiert die Null für den zwei­ten ein­zel­nen Zug, für die zwei­te Eins. Das ent­spricht der De­fi­ni­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten. So wie ein Si­gni­fi­kant das Sub­jekt für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, re­prä­sen­tiert die ers­te Eins die Null für die zwei­te Eins. Die ers­te Eins kann man der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung zu­ord­nen und die zwei­te Eins dem ur­ver­dräng­ten Si­gni­fi­kan­ten; dem ver­schwin­den­den Sub­jekt ent­spricht die Null.

Nach der ers­ten Si­gni­fi­kan­ten­kop­pe­lung „er­scheint die Fol­ge der an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten und an­de­rer Be­deu­tun­gen“, heißt es im Bal­ti­more-Vor­trag: nach­dem die ers­te Si­gni­fi­kan­ten­ver­knüp­fung her­ge­stellt ist, die Ur­ver­drän­gung durch Ide­al­bil­dung, kommt der nor­ma­le Ver­drän­gungs­pro­zess in Gang, das Un­be­wuss­te baut sich auf und es ent­steht eine Se­rie von Iden­ti­fi­zie­run­gen. Die Fol­ge der wei­te­ren Si­gni­fi­kan­ten hat bei Fre­ge ihre Ent­spre­chung in der Fort­set­zung der Zah­len­rei­he.

Begehren

Der Be­griff des ver­schwin­den­den Sub­jekts dient im Bal­ti­more-Vor­trag an­schlie­ßend dazu, den Be­griff des Be­geh­rens ein­zu­füh­ren.

Das Sub­jekt un­ter­liegt dem Schwin­den (also, wie oben er­läu­tert, der Ur­ver­drän­gung – kei­ner der Si­gni­fi­kan­ten des Un­be­wuss­ten re­prä­sen­tiert das Sub­jekt). Es sehnt sich da­nach, sich selbst wie­der­zu­fin­den – das Be­geh­ren ist ein Be­stre­ben, sich selbst wie­der­zu­fin­den. (La­can setzt hier vor­aus, dass dem Sub­jekt das Sich-selbst-Wie­der­fin­den auf der Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten nicht mög­lich ist – die Si­gni­fi­kan­ten bil­den, wie der Vor­trags­ti­tel an­zeigt, eine An­ders­heit.)

Um sich selbst wie­der­zu­fin­den, be­zieht sich das Sub­jekt auf das „wun­der­ba­re Ding“ (28), auf das ver­lo­re­ne Ob­jekt, auf das Ob­jekt a, wie es durch das Phan­tas­ma de­fi­niert wird. (Im Ob­jekt a ver­kör­pert sich für das Sub­jekt das, was ihm durch den Ein­tritt in die Spra­che – durch das Ein­mi­schen der An­ders­heit – un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren ge­gan­gen ist). Für die Ein­bil­dungs­kraft ist das Ob­jekt a, sagt La­can, ein schreck­li­ches Ding (da­mit ist viel­leicht ge­meint, dass es im ima­gi­nä­ren Re­gis­ter als Ang­st­ob­jekt er­scheint). Psy­cho­ana­ly­ti­kern sei es wohl­be­kannt (man darf er­gän­zen: un­ter dem Na­men des Par­ti­al­ob­jekts). Auf das Ob­jekt a grün­de sich die ge­sam­te Exis­tenz der Psy­cho­ana­ly­se (La­can spielt hier auf den Ti­tel sei­nes ge­ra­de be­en­de­ten Se­mi­nars 13 von 1965/66 an, Das Ob­jekt der Psy­cho­ana­ly­se; das Feld der Psy­cho­ana­ly­se ist durch die Spal­tung des Sub­jekts struk­tu­riert, und das Ob­jekt a hat die Funk­ti­on, die Sub­jekt­spal­tung zu mas­kie­ren114).

Graf des Begehrens - Linie Begehren - Phantasma gelb

Graph des Be­geh­rens

Das Be­geh­ren be­zieht sich auf das Ob­jekt a im Rah­men ei­nes Phan­tas­mas, heißt es wei­ter; das Phan­tas­ma hat die Grund­struk­tur, dass sich in ihm das aus­ge­stri­che­ne Sub­jekt, $, auf das Ob­jekt a be­zieht, $◊a.115 (Das Phan­tas­ma ist eine Sze­ne der „Wunsch­er­fül­lung“, wie Freud sagt, der Ver­ei­ni­gung des Sub­jekts mit dem, was ihm fehlt, mit dem ver­lo­re­nen Ob­jekt; der Be­zug auf die­se Sze­ne treibt es von An­spruch zu An­spruch und hält so das Be­geh­ren auf­recht. Im „Gra­phen des Be­geh­rens“ wird die Stüt­zungs­funk­ti­on des Phan­tas­mas für das Be­geh­ren durch die Pfeil­li­nie dar­ge­stellt, die von d (dé­sir) zu ($◊a) führt.116)

Das Be­geh­ren ist nichts an­de­res als die „Me­to­ny­mie jed­we­der Be­deu­tung“ (28). (In Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten hat­te La­can ge­schrie­ben, die Me­to­ny­mie sei die „Über­tra­gung (vi­re­ment) der Be­deu­tung“.117) Die Be­deu­tung wird von Si­gni­fi­kant zu Si­gni­fi­kant über­tra­gen, ver­scho­ben, die­se Be­we­gung ist das Be­geh­ren; sie wird durch den Be­zug auf das Phan­tas­ma in Gang ge­hal­ten. Die Fi­xie­rung auf die uto­pi­sche Wie­der­ver­ei­ni­gungs­sze­ne un­ter­mi­niert die Fi­xie­rung auf eine be­stimm­te Be­deu­tung.

Genießen

La­can schließt mit ei­nem Nach­trag. Er habe nicht über das Ima­gi­nä­re und das Sym­bo­li­sche ge­spro­chen, ob­wohl es we­sent­lich sei, wenn man ver­ste­hen wol­le, wie die sym­bo­li­sche Ord­nung in die ge­leb­te Er­fah­rung ein­ge­hen kann (um es auf den Vor­trags­ti­tel zu be­zie­hen: wie sich die An­ders­heit „ein­mi­schen“ kann). Ist ge­meint, dass er den Be­griff des Sym­bo­li­schen nicht ver­wen­det hat?

Er gibt hier­zu nur ei­nen Hin­weis.

Die un­be­kann­tes­te und zu­gleich ge­wis­ses­te Tat­sa­che über das my­thi­sche, un­er­gründ­li­che Sub­jekt, über die emp­find­sa­me Pha­se des Le­be­we­sens, sei die, dass das Sub­jekt in der Lage ist, zwi­schen Ge­burt und Tod das gan­ze Spek­trum von Schmerz und Lust ab­zu­de­cken. Die­ses Sub­jekt, sagt La­can, hei­ße auf Fran­zö­sisch su­jet de la jouis­sance, „Sub­jekt des Ge­nie­ßens“.

Jouis­sance, so er­läu­tert er, habe nichts zu tun mit to en­joy, wie in En­joy Coca Cola; im Eng­li­schen gebe es kei­ne ge­naue Ent­spre­chung. Wenn das Sub­jekt als Le­be­we­sen aber über­haupt denk­bar sei, dann vor al­lem als Sub­jekt der jouis­sance, des „Ge­nie­ßens“. Al­ler­dings er­zeu­ge das Lust­prin­zip – die Un­lust­ver­mei­dung – sehr bald eine Bar­rie­re für das Ge­nie­ßen; der Or­ga­nis­mus schei­ne be­strebt zu sein, all­zu viel Ge­nie­ßen zu ver­mei­den (wenn das Ge­nie­ßen zu­nimmt, be­gin­nen wir Schmerz zu emp­fin­den und uns von die­sem Ge­nie­ßen zu­rück­zu­zie­hen).

Falls das Lust­prin­zip un­ein­ge­schränkt herr­schen wür­de – so fährt La­can fort –, wür­den wir an die­sem Punk­te in­ne­hal­ten. Es gebe je­doch eine ei­gen­ar­ti­ge Or­ga­ni­sa­ti­on, die uns zwin­ge, die Bar­rie­re des Lust­prin­zips zu durch­bre­chen oder auch viel­leicht dazu, dass wir nur da­von träu­men, sie ein­zu­rei­ßen. (Die­se Or­ga­ni­sa­ti­on ist, so neh­me ich an, im ers­ten Fall der Trieb, im zwei­ten Fall das Be­geh­ren.)

Es folgt der letz­te Satz des Vor­trags; in ihm skiz­ziert La­can den Ge­samt­zu­sam­men­hang sei­ner Theo­rie der Psy­cho­ana­ly­se.

All das, was durch die sub­jek­ti­ve Kon­struk­ti­on aus­ge­ar­bei­tet wird, nach dem Maße des Si­gni­fi­kan­ten in sei­nem Ver­hält­nis zum An­de­ren und was sei­ne Wur­zel in der Spra­che hat, ist nur dazu da, um es dem gan­zen Spek­trum des Be­geh­rens zu er­mög­li­chen, dass wir uns die­ser Art von un­ter­sag­tem jouis­sance nä­hern, dass wir sie er­pro­ben, die­se jouis­sance, die den ein­zig wert­vol­len Sinn dar­stellt, der un­se­rem Le­ben ge­ge­ben ist.“118

The­ma des Vor­trags war die Struk­tur des Sub­jekts, und zwar aus­ge­hend vom Si­gni­fi­kan­ten im Ver­hält­nis zum An­de­ren, pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung und Ur­ver­drän­gung. Die­se Struk­tur be­ruht letzt­lich auf der Spra­che.

Auf der Grund­la­ge un­ter­schied­li­cher Ar­ten von Phan­tas­men ent­wi­ckeln die Sub­jek­te ein Spek­trum des Be­geh­rens: hys­te­ri­sches Be­geh­ren, zwangs­neu­ro­ti­sches Be­geh­ren, per­ver­ses Be­geh­ren.

Das Be­geh­ren hat die Funk­ti­on, dass wir uns dem ver­bo­te­nen Ge­nie­ßen an­nä­hern.

Graf des Begehrens - A DEUTSCH - 300 pxDie­ses un­ter­sag­te (und auf­grund des Lust­prin­zips nur schwer zu­gäng­li­che) Ge­nie­ßen ist der ein­zig wert­vol­le Sinn, der un­se­rem Le­ben ge­ge­ben ist. Der „Sinn“, an dem ich mich als Sub­jekt ori­en­tie­re, ist letzt­lich kein sprach­lich ver­fass­ter Sinn, kein si­gni­fi­kan­ten­ge­stütz­tes Si­gni­fi­kat, son­dern ein Ge­nie­ßen: eine Er­re­gung, die mir all­zu­schnell un­er­träg­lich wird. Die­sen Zu­sam­men­hang deu­tet der „Graph des Be­geh­rens“ an. Das Un­be­wuss­te ver­fügt nicht über ei­nen letz­ten Si­gni­fi­kan­ten, der als Sinn­ga­ran­tie fun­gie­ren könn­te (dies wird an­ge­zeigt durch den Kno­ten­punkt S(Ⱥ) oben links, der für das Feh­len ei­nes sol­chen Si­gni­fi­kan­ten steht). Der letz­te Be­zugs­punkt ist das Ge­nie­ßen; es hat sei­nen Ort am An­fang der obe­ren von links nach rechts ver­lau­fen­den Pfeil­li­nie. Das vom Phan­tas­ma ($◊a) ge­stütz­te Be­geh­ren (d) dient der An­nä­he­rung an das Ge­nie­ßen.

Der Titel

Der Ori­gi­nal­ti­tel des Vor­trags ist: Of struc­tu­re as an in­mi­xing of an other­ness pre­re­qui­si­te to any sub­ject wha­te­ver,  „Über Struk­tur als Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung für wel­ches Sub­jekt auch im­mer“. Fin­kel­de über­setzt mit „Über Struk­tur als ein Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung ei­nes Sub­jekts“, er tilgt den Ver­weis auf „any sub­ject wha­te­ver“.

Die An­ders­heit (other­ness) ist die der Spra­che.

Die Spra­che in ih­rer An­ders­heit „mischt sich ein“. Die­se Ein­mi­schung heißt im Vor­trag in­scrip­ti­on – „Nie­der­schrift“, „Ein­schrei­bung“ – oder auch „Mar­kie­rung“, „ein­zel­ner Zug“, „Schnitt“.

Die Spra­che mischt sich ein in was? In das Rea­le, to­po­lisch: die Nie­der­schrift er­folgt auf eine Flä­che, der Schnitt ist Schnitt in eine Ober­flä­che.

Durch die Ein­mi­schung der Spra­che in das Rea­le ent­steht die Struk­tur. In Se­mi­nar 12 heißt es: „Die Spra­che tritt in das Rea­le ein und er­zeugt hier die Struk­tur.“119

Die Struk­tur, auf die der Ti­tel des Vor­trags sich be­zieht, ist also nicht die Struk­tur der Spra­che in sich selbst, son­dern die Struk­tur der Ein­mi­schung der Spra­che in das Rea­le. Der Be­griff der Struk­tur wird auf das Ver­hält­nis zwi­schen zwei Re­gis­tern be­zo­gen, auf die Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len.

Die Er­zeu­gung der Struk­tur – durch Ein­mi­schung der Spra­che in das Rea­le  – ist eine Vor­be­din­gung. Wo­für? Für das Sub­jekt. Das Ver­hält­nis von Struk­tur und Sub­jekt ist für La­can kei­ne Al­ter­na­ti­ve, die Fra­ge „Struk­tur oder Sub­jekt?“ stellt sich für ihn nicht. Die Struk­tur ist die Be­din­gung des Sub­jekts. Das Sub­jekt, so heißt es bei­spiels­wei­se in Se­mi­nar 16, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, ist der ers­te und haupt­säch­li­che Ef­fekt der Ein­wir­kung des Sym­bo­li­schen auf das Rea­le.120

Das Sub­jekt ist der Man­gel: der durch die Ein­mi­schung der Spra­che in das Rea­le er­zeug­te Man­gel.

Der Ti­tel des Bal­ti­more-Vor­trags for­mu­liert es an­ders. Die Er­zeu­gung der Struk­tur ist eine Vor­be­din­gung nicht für „das Sub­jekt“, auch nicht für „ein Sub­jekt“ (wie Fin­kel­de den Ti­tel über­setzt), son­dern, wört­lich, „für ir­gend­ein Sub­jekt, wel­ches auch im­mer“. War­um die­se ba­ro­cke Wen­dung? Sie gibt ei­nen Hin­weis auf die Be­schaf­fen­heit (wenn man so sa­gen kann) des Sub­jekts, auf den Cha­rak­ter sei­ner Sub­jek­ti­vi­tät.

Im Vor­trag be­zieht La­can sich dar­auf, dass die Ein­mi­schung der Spra­che in das Rea­le zur pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung führt (zur Eins), das die­se un­ver­meid­lich mit ei­nem Ver­lust ver­bun­den ist, ei­nem Man­gel, mit ei­ner Ur­ver­drän­gung (mit ei­ner Null), dass die Be­zie­hung zwi­schen der Iden­tif­zie­rung und dem Man­gel eine Se­rie von Si­gni­fi­kan­ten nach sich zieht (eine un­end­li­che Zahl von Nach­fol­gern), und dass der Man­gel durch das ver­lo­re­ne Ob­jekt re­prä­sen­tiert wird, durch das Ob­jekt a.

Viel­leicht soll die Rede von „ir­gend­ei­nem Sub­jekt, wel­chem auch im­mer“ dar­auf hin­wei­sen, dass das Sub­jekt das ist, was in der Spra­che nicht be­stimmt wer­den kann. In der Ord­nung der Si­gni­fi­kan­ten ist es un­be­stimmt und un­be­stimm­bar – auf die­ser Ebe­ne ist es die be­stän­di­ge Ver­schie­bung der Be­deu­tung, die Me­to­ny­mie des Be­geh­rens.

Literatur

Lacan, „Über Struktur“

Über Struk­tur als Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung ei­nes Sub­jekts [Vor­trag mit Dis­kus­sion]. Über­setzt von Do­mi­nik Fin­kel­de. In: J. La­can: Struk­tur. An­ders­heit. Sub­jekt­kon­sti­tu­tion. Her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und kom­men­tiert von Do­mi­nik Fin­kelde. Au­gust Ver­lag, Ber­lin (Im­print im Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her Kö­nig, Köln) 2015, deutsch: Vor­trag: S. 11–30, Dis­kus­sion: S. 31–42; eng­lisch: Vor­trag: S. 45–59, Dis­kus­sion: S. 61–70

Of struc­ture as an in­mi­xing of an other­ness pre­re­qui­site to any sub­ject wha­te­ver. In: Ri­chard Macksey, Eu­ge­nio Do­na­to (Hg.): The lan­guages of cri­ti­cism and the sci­en­ces of man. The struc­tu­ra­list con­tro­ver­sy. The Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty Press, Bal­ti­more und Lon­don 1970, S. 186–195

Of struc­ture as an in­mi­xing of an other­ness pre­re­qui­site to any sub­ject wha­te­ver. In: Pas-tout La­can. Web­site www.ecole-lacanienne.net, S. 970–979.– Über­set­zung ins Fran­zö­si­sche, ohne Ti­tel: Pas-tout La­can, a.a.O., S. 980–989 (der Über­set­zer wird nicht ge­nannt)

Lacan, Aufsätze

Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J. La­can.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i.Br., 1975, S. 15–55

Die Be­deu­tung des Phal­lus. Über­setzt von Chan­tal Creu­sot, Nor­bert Haas und Sa­mu­el M. We­ber. In: Schrif­ten II,  a.a.O., S. 119–132

Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit. Über­setzt von Hans-Jörg Rhein­ber­ger. In: Schrif­ten II, a.a.O., S. 231–257

Funk­tion und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­lyse. Über­setzt von Klaus La­er­mann. In: J. La­can: Schrif­ten I. Hg. v. Nor­bert Haas. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 71–169

Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­lyse. Comp­te ren­du du sé­mi­n­aire 1964–1965. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 199–202

Ra­dio­pho­nie. Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger. In: J. La­can: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1988, S. 5–54

Sub­ver­sion des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. Über­setzt von Chan­tal Creu­sot und Nor­bert Haas. In: Schrif­ten II, a.a.O., S. 165–204

Lacan, Seminare

Se­mi­nar 1:  Freuds tech­ni­sche Schrif­ten. Das Se­mi­nar, Buch I (1953/54). Über­setzt von Wer­ner Ha­ma­cher. Über­setzt von Wer­ner Ha­ma­cher nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler erstell­ten Ver­si­on. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten 1978

Se­mi­nar 4:  Die Ob­jekt­be­zie­hung. Das Se­mi­nar, Buch IV (1956/57). Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Tu­ria und Kant, Wien 2003

Se­mi­nar 7: Die Ethik der Psy­cho­ana­lyse. Das Se­mi­nar, Buch VII (1959–1960). Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1996

Se­mi­nar 9:  L’identification. Sé­min­aire 9, 1961/62. Ver­si­on Sta­fer­la, www.staferla.free.fr/S9

Se­mi­nar 10: Die Angst. Das Se­mi­nar, Buch X (1962–1963). Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Tu­ria und Kant, Wien 2010

Se­mi­nar 11: Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­lyse. Das Se­mi­nar, Buch XI (1964). Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain er­stel­len Ver­si­on. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten 1964

Se­mi­nar 12: Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­ly­se. Sé­min­aire 12, 1964/65. Ver­si­on Sta­fer­la, www.staferla.free.fr/S12

Se­mi­nar 13:  L’objet de la psy­chana­ly­se. Sé­min­aire 13, 1965/66. Ver­si­on Sta­fer­la, www.staferla.free.fr/S13

Se­mi­nar 14: La lo­gi­que du phan­tas­me. Sé­min­aire 14, 1966/67. Ver­si­on Sta­fer­la, www.staferla.free.fr/S14

Se­mi­nar 16: D’un Aut­re à l’autre. Le sé­mi­n­aire, li­v­re XVI. 1968–1969. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2006

Vorträge in Lacans Seminaren 12 und 13 über Freges „Grundlagen der Arithmetik“

(Sämt­li­che Vor­trä­ge fin­det man in der Sta­fer­la-Ver­si­on der Se­mi­na­re)

Du­roux, Yves: Le nom­bre et le man­que, in: Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 27. Ja­nu­ar 1965

Mil­ler, Jac­ques-Alain: Élé­ments de la lo­gi­que du si­gni­fi­ant, in: Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 24. Fe­bru­ar 1965

Le­c­lai­re, Ser­ge: [Kom­men­tar zum Vor­trag von Mil­ler], in: Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 26. Mai 1965

Mil­ler, Jac­ques-Alain: [Ant­wort auf Ser­ge Le­c­lai­re], in: Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 2. Juni 1965

Green, An­dré: [Zu Mil­lers „Élé­ments de la lo­gi­que du si­gni­fi­ant“], in: Se­mi­nar 13, Sit­zung vom 22. De­zem­ber 1965

Andere Autoren

Alex­an­der, Franz: Psy­cho­ana­lyse der Ge­samt­per­sön­lich­keit. Neun Vor­le­sun­gen über die An­wen­dung von Freuds Ich­theo­rie auf die Neu­ro­sen­lehre. In­ter­na­tio­na­ler Psy­cho­ana­ly­ti­scher Ver­lag, Leip­zig 1927

Ba­diou, Alain: Mar­que et man­que: à pro­pos du Zéro. In: Ca­hiers pour l’Analyse, 1969, S. 150–173 [Kri­tik an Mil­lers Auf­satz über „Suture“], im In­ter­net hier

Caws, Pe­ter: The un­conscious is struc­tu­red like a city. Freud, La­can, and the pro­ject of the hu­man sci­en­ces. In: Ja­nus Head (2000), im In­ter­net hier.

Char­raud, Na­tha­lie: Ma­t­hé­ma­ti­ques avec La­can. In: Al­lia­ge, Num­mer 35–36, 1998, S. 237–249 [zur Kri­tik von So­kol und Bric­mont], im In­ter­net hier

Cher­ry, E. C.; Hal­le, M.; Ja­kob­son, R.: Toward the lo­gi­cal de­scrip­tion of lan­gua­ges in their pho­n­emic as­pect. In: Lan­guage, 29. Jg. (1953), S. 34–46

Fin­kelde, Do­mi­nik: Kom­men­tar: La­can, Fre­ges Zah­len­ge­nese und die Null­stelle des Un­be­wuss­ten. In: J. La­can: Struk­tur. An­ders­heit. Sub­jekt­kon­sti­tu­tion. Au­gust-Ver­lag, Ber­lin 2015, S. 73–132

Fre­ge, Gott­lob: Die Grund­la­gen der Arith­me­tik. Eine lo­gisch-ma­the­ma­ti­sche Un­ter­su­chung über den Be­griff der Zahl. Re­clam jun., Stutt­gart 1987, im In­ter­net hier

Freud, Sig­mund: Ana­lyse der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1909). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 9–123

—: Aus der Ge­schichte ei­ner in­fan­ti­len Neu­rose (1918). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 125–232

—: Brie­fe an Wil­helm Fließ. Hg v. Jef­frey Mous­saieff Mas­son. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1986

—: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273–330

—: Das Un­be­wusste (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 119–173

—: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000

—: Die Ver­drän­gung (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 103–118

—: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­lyse 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1962, S. 299–384

—: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272

—: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61–134

—: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­lyse (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 447–608

—: Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­lyse (1916–17). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 34–445

Ja­kob­son, Ro­man; Hal­le, Mor­ris: Fun­da­men­tals of lan­guage. Mou­ton, Den Haag 1956; dt: Grund­la­gen der Spra­che. Aka­de­mie-Ver­lag Ber­lin 1960.

La­plan­che, Jean; Pon­ta­lis, Jean-Bert­rand: Vo­ka­bu­lar der Psy­cho­ana­lyse. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1972

La­plan­che, Jean; Le­c­lai­re, Ser­ge: L’inconscient, une étu­de psy­chana­ly­ti­que. Der Vor­trag wur­de in zwei Fas­sun­gen ver­öf­fent­licht, eine ers­te Ver­sion in Les Temps mo­der­nes, 17. Jg. (1961), Nr. 183, S. 81–99, eine zwei­te, län­gere Fas­sung in: Hen­ri Ey (Hg.): L’Inconscient. VIe Col­lo­que de Bon­ne­val. De­s­clée, De Brou­wer, Pa­ris 1966, S. 95–130

Mill, John Stuart: A sys­tem of lo­gic, ratio­ci­na­ti­ve and in­duc­tive, being a con­nec­ted view of the princi­ples of evi­dence, and the me­thods of sci­en­ti­fic in­ves­ti­ga­ti­on (1843). Dt.:  Sys­tem der de­duk­ti­ven und in­duk­ti­ven Lo­gik. Eine Dar­le­gung der Princi­pi­en wis­sen­schaft­li­cher For­schung, ins­be­son­de­re der Na­tur­for­schung. Über­setzt von J. Schiel. View­eg, Braun­schweig 1868, im In­ter­net hier

Mil­ler, Jac­ques-Alain: La suture (Élé­ments der de la lo­gi­que du si­gni­fi­ant). In: Ca­hiers pour l’Analyse, Bd 1, Fe­bru­ar 1966 [über­ar­bei­te­te Fas­sung des Vor­trags vom 24. Fe­bru­ar 1965 in La­cans Se­mi­nar], im In­ter­net hier

Peirce, Charles S.: Phä­no­men und Lo­gik der Zei­chen. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1993

Rou­di­nes­co, Eli­sa­beth: La ba­tail­le de cent ans. His­toire de la psy­chana­ly­se en Fran­ce. 2. Seuil, Pa­ris 1986

—: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schichte ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heuer und Witsch, Köln 1996

Saus­sure, Fer­di­nand de: Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Hg. von Charles Bal­ly u. Al­bert Se­che­haye, über­setzt von Her­man Lom­mel. 2. Auf­lage. Wal­ter de Gruy­ter, Ber­lin 1967

So­kal, Alan; Bric­mont, Jean: Ele­gan­ter Un­sinn. Wie die Den­ker der Post­mo­der­ne die Wis­sen­schaft miß­brau­chen. Beck, Mün­chen 1999 (zu­erst USA 1998), dar­in Kap. 2, „Jac­ques La­can“, S. 36–55

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Jac­ques La­can: Über Struk­tur als Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit als Vor­aus­set­zung ei­nes Sub­jekts [Vor­trag mit Dis­kus­si­on]. In: Ders: Struk­tur. An­ders­heit. Sub­jekt­kon­sti­tu­ti­on. Her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und kom­men­tiert von Do­mi­nik Fin­kel­de. Au­gust Ver­lag, Ber­lin (Im­print im Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her Kö­nig, Köln) 2015, deutsch: Vor­trag: S. 11–30, Dis­kus­si­on: S. 31–42; eng­lisch: Vor­trag: S. 45–59, Dis­kus­si­on: S. 61–70.
    Im In­ter­net fin­det man die eng­li­sche Ver­si­on des Vor­trags hier.
  2. Vgl. Do­mi­nik Fin­kel­de: Kom­men­tar: La­can, Fre­ges Zah­len­ge­ne­se und die Null­stel­le des Un­be­wuss­ten. In: J. La­can: Struk­tur. An­ders­heit. Sub­jekt­kon­sti­tu­ti­on. A.a.O., S. 73–132.
  3. Die­se In­for­ma­ti­on fin­det man bei Pe­ter Caws, der da­bei war: P. Caws: The un­con­scious is struc­tu­red like a city. Freud, La­can, and the pro­ject of the hu­man sci­en­ces. In: Ja­nus Head (2000), im In­ter­net hier.
  4. Vgl. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: La ba­tail­le de cent ans. His­toire de la psy­chana­ly­se en Fran­ce. 2. Seuil, Pa­ris 1986, S. 412–414.
  5. In der an den Vor­trag an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on be­zeich­net sich Wil­den als den „un­glück­li­chen Über­set­zer“ (Struk­tur, S. 33).
  6. A.a.O., S. 186.
  7. Vgl. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schich­te ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 1996, S. 535.
  8. Das Dik­tum „Es gibt kei­ne Met­a­spra­che“ fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, in der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1957; vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 86.
  9. Vgl. R. Car­nap: Lo­gi­sche Syn­tax der Spra­che. Sprin­ger, Wien 1934, Teil IV A.– A. Tar­ski: Der Wahr­heits­be­griff in den for­ma­li­sier­ten Spra­chen (1935). In: Ka­rel Ber­ka und Lo­thar Krei­ser (Hg.): Lo­gik-Tex­te. Kom­men­tier­te Aus­wahl zur Ge­schich­te der mo­der­nen Lo­gik. Aka­de­mie-Ver­lag, Ber­lin 1983, S. 445–546). Das Kon­zept der Me­taps­ra­che stützt sich auf Bert­rand Rus­sells Idee ei­ner un­end­li­chen Hier­ar­chie von Sprach­ebe­nen.
  10. Vgl. Ed­mund Husserl: Die Kri­sis der eu­ro­päi­schen Wis­sen­schaf­ten und die tran­szen­den­ta­le Phä­no­me­no­lo­gie. Eine Ein­lei­tung in die phä­no­me­no­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie (1936). Mei­ner, Ham­burg 2012.
  11. Struk­tur, S. 16.
  12. Von „un­be­wuss­ten Ge­dan­ken“ spricht Freud bei­spiels­wei­se in den Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1916–17). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 34–445, hier: 138.
  13. Ähn­lich sagt La­can in Se­mi­nar 11: „Völ­lig ana­log dazu [näm­lich zu Des­car­tes] ist Freud, wo er zwei­felt – und es sind ja sei­ne Träu­me und er zwei­felt zu­nächst – sich ge­wiß, daß ein Den­ken ist, das un­be­wußt ist, und das hießt, das die­ses Den­ken sich als ein ab­we­sen­des dar­stellt. An eben die­sen Platz ruft Freud, so­wie er mit an­dern zu tun hat, das ich den­ke, in dem sich dann das Sub­jekt ent­hüllt. Al­les in al­lem ist Freud si­cher, daß die­ses Den­ken, wenn man so sa­gen kann, ganz ohne sein ich bin da ist – wenn nur, und da ist der Sprung, ei­ner an sei­ner Stel­le denkt.“ (Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 29. Ja­nu­ar 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 42.
  14. Vgl. etwa Se­mi­nar 15, Sit­zung vom 17. Ja­nu­ar 1968.
  15. S. Freud: Er­in­nern, Wie­der­ho­len und Durch­ar­bei­ten (1914). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Bd. 10, Wer­ke aus den Jah­ren 1913–1917. Ima­go, Lon­don 1949, S. 125–136, hier: S. 127 f.
  16. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 14. März 1962.
  17. Vgl. S. Freud: Das Un­be­wuss­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 119–173, hier: S. 133.
  18. Struk­tur, S. 18, „Da­sein“ im Ori­gi­nal deutsch.
  19. Vgl. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273–330, hier: S. 296. Vgl. auch: Ders.: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 447–608, S. 502.
  20. Mit „ab­sto­ßend“ über­set­ze ich den eng­li­schen Aus­druck „ab­ject“; Fin­kel­de über­setzt mit „kläg­lich“. In Se­mi­nar 10 wird das Ob­jekt des Zwangs­neu­ro­ti­kers als „ab­ject“ be­zeich­net, Gon­dek über­setzt mit „nie­der­träch­tig“ (Vgl. Se­mi­nar 10, Ver­si­on Gon­dek, S. 403).
  21. Struk­tur, S. 18.
  22. Vgl. Franz Alex­an­der: Psy­cho­ana­ly­se der Ge­samt­per­sön­lich­keit. Neun Vor­le­sun­gen über die An­wen­dung von Freuds Ich­theo­rie auf die Neu­ro­sen­leh­re. In­ter­na­tio­na­ler Psy­cho­ana­ly­ti­scher Ver­lag, Leip­zig 1927.
  23. Struk­tur, S. 21.
  24. Für So­kal und Bric­mont ist die­se Fra­ge un­ver­ständ­lich, was mir un­ver­ständ­lich ist. Vgl. Sokal/Bricmont, a.a.O., S. 46.
  25. Viel­leicht spielt La­can auch auf Fre­ges Kon­zept der Zah­len­gleich­heit an: Um die Zah­len lo­gisch be­grün­den zu kön­nen, be­nö­tigt man eine ers­te Ope­ra­ti­on, durch wel­che man die Zah­len auf eine rein lo­gi­sche Re­la­ti­on be­zie­hen kann. Die­se Ope­ra­ti­on ist die Her­stel­lung ei­ner Be­zie­hung der Gleich­heit; sie er­mög­licht es, Ge­gen­stän­de voll­stän­dig 1:1 ein­an­der zu­zu­ord­nen. Vgl. Gott­lob Fre­ge, Grund­la­gen der Arith­me­tik, § 62–67, so­wie den Vor­trag von Yves Du­roux über Fre­ges Grund­la­gen der Arith­me­tik, „Le nom­bre et le man­que“, in Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 27. Ja­nu­ar 1965.
  26. Struk­tur, S. 21 f.
  27. Vgl. Struk­tur, S. 36.
  28. La­can ori­en­tiert sich hier mög­li­cher­wei­se an der Fre­ge-Deu­tung, die Yves Du­roux in La­cans Se­mi­nar vor­ge­tra­gen hat­te, a.a.O. Du­roux zu­fol­ge hat Fre­ge den Be­griff des Nach­fol­gers und der Eins si­mul­tan be­stimmt, so, dass sie sich wech­sel­sei­tig vor­aus­set­zen: „die De­fi­ni­ti­on, die er für den Nach­fol­ger gibt, ist nur von dem Mo­ment an denk­bar, wo er die Eins aus­ge­hend von die­ser Nach­fol­ger­de­fi­ni­ti­on be­stimmt hat.“
  29. Struk­tur, S. 22.
  30. J. S. Mill, A sys­tem of lo­gic, Buch I, Ka­pi­tel 2, § 5.
  31. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 20. De­zem­ber 1961, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  32. Vgl. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 2. De­zem­ber 1964.
  33. Struk­tur, S. 37, „Ur­ver­drän­gung“ im Ori­gi­nal deutsch.
  34. Vgl. etwa S. Freud: Die Ver­drän­gung (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 103–118, hier: S. 109.
  35. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  36. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 6. Ja­nu­ar 1965; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  37. J. La­can: Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­ly­se. Comp­te ren­du du sé­min­aire 1964–1965. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 199–202, hier: S. 200.
  38. Se­mi­nar 15 von 1967/68, Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Akt, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1967; Ver­si­on Sta­fer­la 25.10.2015, S. 31, mei­ne Über­set­zung.
  39. Vgl. Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61–134, hier: S. 98–100.
  40. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1962, S. 299–384, hier: S. 338, Her­vor­he­bun­gen im Ori­gi­nal.
  41. Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie, a.a.O., S. 365, Ein­fü­gun­gen in Klam­mern und Her­vor­he­bun­gen im Ori­gi­nal.
  42. Vgl. Se­mi­nar 10, Sit­zung vom 23. Ja­nu­ar 1963; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 158.
  43. Cha­rak­te­ris­tisch für das Ding ist, „daß wir uns un­mög­lich von ihm vor­stel­lend ein Bild ma­chen kön­nen“ (Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 27. Ja­nu­ar 1960; Ver­si­on Miller/Haas, S. 155.
  44. Vgl. Se­mi­nar 10, Sit­zung vom 26. Juni 1963; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 393.
  45. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 7. April 1965; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  46. Struk­tur, S. 22
  47. Vgl. Die Grund­la­gen der Arith­me­tik, § 74.
  48. Vgl. Die Grund­la­gen der Arith­me­tik, § 77.
  49. Vgl. Jac­ques-Alain Mil­ler: Élé­ments de la lo­gi­que du si­gni­fi­ant. Vor­trag über Fre­ges Grund­la­gen der Arith­me­tik in La­cans Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 24. Fe­bru­ar 1965, Ver­si­on Sta­fer­la im In­ter­net hier.
  50. Struk­tur, S. 22.
  51. La­can ver­wen­det die­se For­mel zu­erst in Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, Sit­zung vom 22. März 1969; Ver­sion Mil­ler, S. 226. – Im Druck er­scheint sie erst­mals 1970 in Ra­dio­pho­nie; vgl. J. La­can: Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1988, S. 5–54, hier: 17; sie wird dort von Hans-Joa­chim Metz­ger über­setzt mit „Es gibt kein Ge­schlechts­ver­hält­nis“.
  52. Zum Wie­der­ho­lungs­zwang vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272, vor al­lem Ab­schnitt III, S. 228–233.
  53. Vgl. den Ar­ti­kel „Nach­träg­lich­keit“. In: Jean La­plan­che, Jean-Bert­rand Pon­ta­lis: Vo­ka­bu­lar der Psy­cho­ana­ly­se. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1972, S. 313–317.
  54. Vgl. Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie, a.a.O., S. 356.
  55. Vgl. S. Freud: Aus der Ge­schich­te ei­ner in­fan­ti­len Neu­ro­se (1918). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 125–232, hier: S. 156–165.
  56. Vgl. J. La­can: Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. In: Ders.: Schrif­ten I. Hg. v. Nor­bert Haas. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 71–169, hier: S. 95.
  57. Se­mi­nar 1, Sit­zung vom 19. Mai 1954, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 244.
  58. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 3. Juni 1964, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Mil­ler; Ver­si­on Miller/Haas, S. 238.
  59. Vgl. S. Freud: Brief an Wil­helm Fließ vom 6. De­zem­ber 1896. In: Ders.: Brie­fe an Wil­helm Fließ. Hg v. Jef­frey Mous­sai­eff Mas­son. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1986, S. 217–226.
  60. Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 578.
  61. S. Freud: Das Un­be­wuss­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 118–173, hier: S. 132 f.
  62. L’inconscient, une étu­de psy­chana­ly­ti­que. Der Vor­trag wur­de in zwei Fas­sun­gen ver­öf­fent­licht, eine ers­te Ver­si­on in Les Temps mo­der­nes, 17. Jg. (1961), Nr. 183, S. 81–99, eine zwei­te, län­ge­re Fas­sung in: Hen­ri Ey (Hg.): L’Inconscient. VIe Col­lo­que de Bon­ne­val. De­s­clée, De Brou­wer, Pa­ris 1966, S. 95–130.
  63. Vgl. Schrif­ten II, S. 243. Rhein­ber­ger über­setzt hier dou­ble in­scrip­ti­on mit „dop­pel­te In­schrift“.
  64. Struk­tur, S. 23.
  65. Vgl. Struk­tur, S. 124.
  66. Struk­tur, S. 23.
  67. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 13. De­zem­ber 1961; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  68. Struk­tur, S. 23 f.
  69. 20. De­zem­ber 1961, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  70. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la. La­can be­zieht sich auf Fre­ges Die Grund­la­gen der Arith­me­tik, § 35.
  71. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. März 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la
  72. Se­mi­nar 2, Sit­zung vom 26. Ja­nu­ar 1955; Ver­si­on Miller/Metzger, S. 132.
  73. Struk­tur, S. 24.
  74. Vgl. Die Grund­la­gen der Arith­me­tik, § 65; Mil­ler ar­bei­tet in sei­nem Fre­ge-Vor­trag her­aus, dass Leib­nizens Iden­ti­täts­prin­zip für Fre­ges Zah­len­theo­rie ent­schei­den­de Be­deu­tung hat.
  75. Ab­bil­dung aus: J. La­can: Of struc­tu­re as an in­mi­xing of an other­ness pre­re­qui­si­te to any sub­ject wha­te­ver. In: Pas-tout La­can. Web­site www.ecole-lacanienne.net, S. 970–979, hier: 974.
  76. Vgl. S. Freud, Das Un­be­wuss­te, Stu­di­en­aus­ga­be Bd. 3, a.a.O., S. 133 f.
  77. Vgl. Ber­nard Van­derm­ersch: Ar­ti­kel „Coupu­re“: In: Ro­land Che­ma­ma, Ber­nard Van­derm­ersch (Hg.): Dic­tionn­aire de la psy­chana­ly­se. Larous­se, Pa­ris 2009, S. 121–126.
  78. Struk­tur, S. 25.
  79. Die me­ta­pho­ri­sche Ver­wen­dung des Aus­drucks „Kno­ten“ fin­det man auch zu Be­ginn des Auf­sat­zes Die Be­deu­tung des Phal­lus (1958): der un­be­wuss­te Kas­tra­ti­ons­kom­plex hat die Funk­ti­on ei­nes „Kno­tens“ für die Struk­tu­rie­rung der Sym­pto­me und für die Re­gu­lie­rung der Ent­wick­lung (Schrif­ten II, S. 119).
  80. Die Klein­sche Fla­sche be­han­delt La­can vor al­lem in Se­mi­nar 12, Sit­zun­gen vom 9. und 16. De­zem­ber 1964 und vom 6. Ja­nu­ar 1965.
  81. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 14. März 1962; Zeich­nung aus Ver­si­on Sta­fer­la.
  82. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. März 1965, Zeich­nun­gen aus Ver­si­on Sta­fer­la.
  83. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 7. März 1962, Zeich­nung aus Ver­si­on Sta­fer­la.
  84. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 26. März 1962, Zeich­nung aus Ver­si­on Sta­fer­la, leicht ge­än­dert.
  85. Vgl. Se­mi­nar 13, Sit­zung vom 15. De­zem­ber 1965.
  86. Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 16. No­vem­ber 1966; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  87. S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 568.
  88. Struk­tur, S. 32.
  89. Se­mi­nar 13, Sit­zung vom 4. Mai 1966, Ver­si­on Sta­fer­la 16.8.2013, S. 196, mei­ne Über­set­zung.
  90. Se­mi­nar 16 von 1968/69, D’un Aut­re à l’autre, Sit­zung vom 20. No­vem­ber 1968; Ver­si­on Mil­ler, S. 30.
  91. Vgl. Alan So­kal, Jean Bric­mont: Ele­gan­ter Un­sinn. Wie die Den­ker der Post­mo­der­ne die Wis­sen­schaft miß­brau­chen. Beck, Mün­chen 1999, S. 38.
  92. Struk­tur, S. 26.
  93. Vgl. Fer­di­nand de Saus­su­re: Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Hg. von Charles Bal­ly u. Al­bert Se­che­haye, über­setzt von Her­man Lom­mel. 2. Auf­lage. Wal­ter de Gruy­ter, Ber­lin 1967, Teil 2, Ka­pi­tel IV, § 4 „Das Zei­chen als Gan­zes be­trach­tet“.
  94. Ro­man Ja­kobson, Mor­ris Hal­le: Fun­da­men­tals of lan­guage. Mou­ton, Den Haag 1956; dt: Grund­la­gen der Spra­che. Aka­de­mie-Ver­lag Ber­lin 1960.
  95. “Bi­la­bi­al“ meint, dass der Laut durch Zu­sam­men­fü­gen von Ober- und Un­ter­lip­pe ge­bil­det wird; „al­veo­lar“ heißt, er wird da­durch er­zeugt, dass die Zun­ge an die Al­veo­len ge­legt wird, an das Zahn­fach.
  96. E. C. Cher­ry, M. Hal­le, R. Ja­kobson: Toward the lo­gi­cal de­scrip­ti­on of lan­guages in their pho­n­emic as­pect. In: Lan­guage, 29. Jg. (1953), S. 34–46.
  97. Der An­de­re „ist der Ort des Si­gni­fi­kan­ten­schat­zes“ („le lieu du tré­sor du si­gni­fi­ant“) heißt es in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens. Creu­sot und Haas über­set­zen mit „A bil­det den Hort des Si­gni­fi­kan­ten“ (A.a.O., S. 180); sie über­se­hen den Be­griff, der an die­ser Stel­le ent­schei­dend ist, den des Or­tes – der Ort ist das, was ver­sam­melt.
  98. Struk­tur, S. 26.
  99. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 605.
  100. Struk­tur, S. 27, Über­set­zung ge­än­dert.
  101. Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 28. No­vem­ber 1956; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 43.
  102. Vgl. S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1909). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 9–123, hier: S. 19.
  103. Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 27. März 1957; Ver­si­on Miller/Haas, S. 313.
  104. Struk­tur, S. 34.
  105. Struk­tur, S. 34.
  106. Struk­tur, S. 27 f.
  107. Vgl. Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, Sit­zung von 24. Ja­nu­ar 1962. In den Schrif­ten fin­det man die De­fi­ni­ti­on in Sub­ver­sion des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, a.a.O., S. 195).
  108. Peirce: „Ein Zei­chen oder Re­prä­sen­ta­men ist al­les, was in ei­ner sol­chen Be­zie­hung zu ei­nem Zwei­ten steht, das sein Ob­jekt ge­nannt wird, dass es fä­hig ist, ein Drit­tes, das sein In­ter­pre­tant ge­nannt wird, da­hin ge­hend zu be­stim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Re­la­ti­on zu je­ner Re­la­ti­on auf das Ob­jekt zu ste­hen, in der es sel­ber steht. Dies be­deu­tet, dass der In­ter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Ob­jekts be­stimmt und so fort ohne Ende.“ (Charles S. Peirce: Phä­no­men und Lo­gik der Zei­chen. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2. Aufl. 1993, S. 64)
  109. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 24. Ja­nu­ar 1962.
  110. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 27. Juni 1962.
  111. Vgl. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 3. Juni 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 229.
  112. Vgl. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 3. Juni 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 229.
  113. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1965; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la. In der Sta­fer­la-Aus­ga­be fin­det man in der ers­ten For­mel nicht „n+1“ son­dern „1n“, was kei­nen Sinn er­gibt.
  114. Vgl. Se­mi­nar 13, Sit­zung vom 1. De­zem­ber 1965.
  115. In der deut­schen Aus­ga­be des Bal­ti­more-Vor­trags wird an die­ser Stel­le „bar­red sub­ject“ mit „ge­spal­te­nes Sub­jekt“ über­setzt. „Ge­spal­te­nes Sub­jekt“ wäre „di­vi­ded sub­ject“.
  116. Zeich­nung aus: La­can, Sub­ver­si­on des Sub­jekts, a.a.O., S. 193.
  117. J. La­can: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. In: Schrif­ten II, S. 36. Vi­re­ment meint die Über­wei­sung im Bank­ver­kehr oder die Über­tra­gung von Haus­halts­mit­teln, vi­re­ment de bord ist das Wen­den beim Se­geln. Haas über­setzt vi­re­ment mit „Um­stel­lung“.
  118. Struk­tur, S. 30.
  119. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 16. De­zem­ber 1964 ; Ver­si­on Sta­fer­la 15.5.2010, S. 81, mei­ne Über­set­zung.
  120. Vgl. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 26. März 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 252.

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