Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre

Jacques Lacan: Seminar XVIII, 1. Sitzung (13. Januar 1971), Übersetzung und Erläuterung

Masaccio, Die Vertreibung aus dem Paradies
1426-1428, Fresko, 208 x 88 cm, Brancacci-Kapelle, Florenz

Jacques Lacan:
Seminar XVIII (1971): Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre
1. Sitzung, 13. Januar 1971
Übersetzt von Rolf Nemitz

Vollständige Übersetzung von Seminar 18 auf der Grundlage der Version Staferla, der Version Espaces Lacan und einer Tonaufnahme

Zweite Fassung vom 13. Mai 2016 mit Paraphrase, erläuternden Ergänzungen und Fragen sowie einer Überarbeitung der Übersetzung (die erste Fassung vom 20. März 2016 enthielt nur eine Übersetzung)

In Millers Version des Seminars ist dies Kapite I, „Introduction au titre de ce séminaire“ („Einführung in den Titel dieses Seminars“), S. 9–21.

Die Übersetzung wird zweimal gebracht, einmal nur deutsch, einmal in einer Interlinearversion: ein Satz französisch, ein Satz deutsch.

Die zweisprachige Fassung enthält in den Anmerkungen zum französischen Text Hinweise auf Transkriptionsprobleme und auf größere Abweichungen in Millers Version; im deutschen Text findet man Links und Bilder, in den Anmerkungen zum deutschen Text Literaturangaben und inhaltliche Erläuterungen.

Seminar 18 wird in diesem Blog bis zum Frühjahr 2017 vollständig übersetzt werden, etwa jeden Monat erscheint die Übersetzung einer weiteren Sitzung.

Einen Überblick über die verschiedenen Ausgaben von Seminar 18 findet man hier, Links zu Übersetzungen weiterer Sitzungen des Seminars hier.

Herzlichen Dank an Gerhard Herrgott für geduldige Hilfe beim Übersetzen!

Textgrundlage

Grundlage der Übersetzung ist:

Version Staferla von Seminar 18:
Jacques Lacan: D’un discours qui ne serait pas du semblant. Auf der Website staferla.free.fr, PDF-Datei, Fassung vom 25.10.2015, hier

Die Lacan-Seminare auf der Staferla-Website werden von Zeit zu Zeit überarbeitet, ohne dass dies kenntlich gemacht wird. Aus diesem Grunde habe ich oben das Datum der von mir verwendeten Fassung angegeben.1 Zur Sicherheit habe ich diese Fassung der Staferla-Version hier gespeichert.

Die Transkription der Staferla-Version wurde von mir mit einer Tonbandaufnahme der Sitzung und mit der von Jacques-Alain Miller erstellten (redaktionell bearbeiteten) Version verglichen und an wenigen Stellen geändert. Wortwiederholungen, bei denen offenkundig ist, dass Lacan nach einer Formulierung sucht, habe ich gestrichen. Der Schnitt der Sätze (Punkt oder Semikolon oder Komma) sowie die Orthografie wurden bisweilen verändert. Die Gliederung in Absätze ist von mir.

Die Tonaufnahme findet man auf der Website von Patrick Valas, valas.fr, hier. Millers Version ist: J. Lacan: Le séminaire, livre XVIII. D’un discours qui ne serait pas du semblant. 1971. Textherstellung Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 2007.

Die chinesischen Schriftzeichen wurden aus der Staferla-Version übernommen, die Transkription dieser Schriftzeichen aus Millers Ausgabe.

Wörter mit Sternchen: im Original deutsch.

Der Schrägsstrich / verbindet Übersetzungsvarianten.

Einfügungen in runden Klammern enthalten Formulierungen des französischen Originals.

Einfügungen in eckigen Klammern dienen der Erläuterung und sind nicht von Lacan.

Einfügungen in spitzen Klammern: Ersatz für vermutlich ausgefallenen Text.

¿ Gelb markierte und von umgekehrten Fragezeichen eingeklammerte Passagen der Übersetzung ¿ weisen darauf hin, dass die Übersetzung hier sehr unsicher ist.

Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift, z..B. [10], verweisen auf die Seiten von Millers Ausgabe des Seminars.

Titel des Seminars

D’un discours qui ne serait pas du semblant

Lacan zufolge ist mit „du semblant“ sowohl der Genitivus subjectivus als auch der Genitivus objectivus gemeint.2

Genitivus objectivus: „Über einen Diskurs, der nicht über den Schein wäre“, im Sinne von „der keinen Schein produzieren würde“

Genitivus subjectivus: „Über einen Diskurs, dessen Urheber nicht der Schein wäre“.

Die hier gewählte Übersetzung „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ hat beide Bedeutungen.

Sitzung vom 13. Januar 1971

Tonaufnahme

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Jacques Lacan, Seminar 18, D’un discours qui ne serait pas du semblant (1971), 1. Sitzung (13. Januar 1971)

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Deutsch

Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten von Millers Ausgabe des Seminars.

[9] An der Tafel

Über einen Diskurs,
der nicht vom Schein wäre (D’un discours, qui ne serait pas du semblent)

Über einen Diskurs – es ist nicht meiner, um den es geht.

Ich denke, ich habe Sie letztes Jahr hinreichend spüren lassen, was man unter diesem Ausdruck „Diskurs“ verstehen soll. Ich erinnere an den Diskurs des Herrn und an diese vier – sagen wir – Positionen und die Verschiebungen dieser Termini, bezogen auf eine Struktur, die darauf reduziert ist, tetraedisch zu sein.

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleinerIch habe es denjenigen, die sich damit befassen möchten, überlassen, genauer auszuarbeiten, wodurch gerechtfertigt ist, dass ich diese Gleitbewegungen, die mehr diversifiziert hätten sein können, auf vier reduziert habe. Zum Vorrang dieser vier, falls niemand sich damit beschäftigt, werde ich Ihnen in diesem Jahr vielleicht nebenbei einen Hinweis geben.

Ich habe diese Bezüge nur im Hinblick auf das gewählt, was mein Ziel war, und was durch diesen Titel ausgedrückt wurde, Die Kehrseite der Psychoanalyse. Der Diskurs des Herrn ist nicht die Kehrseite der Psychoanalyse, die Kehrseite der Psychoanalyse ist dort, wo sich, so möchte ich sagen, die eigene Verwindung des Diskurses der Psychoanalyse zeigt, das, was dazu führt, dass dieser Diskurs die Frage nach einer „Vorderseite“ und einer „Rückseite“ aufwirft, denn Sie kennen ja das Gewicht des Betonung, die in der Theorie, seit Freud sie in die Welt gesetzt hat, das Gewicht der Betonung, die auf die zweifache Niederschrift gelegt wird. Was ich Sie spüren lassen wollte, war die Möglichkeit einer zweifachen Niederschrift, auf der Vorderseite und auf der Rückseite, ohne dass dabei ein Rand überschritten werden muss. Das ist die seit langem wohlbekannte Struktur des sogenannten Möbiusbandes, von der ich einfach nur Gebrauch machen musste.

[10] Mit diesen Plätzen und diesen Elementen wird bezeichnet, dass das, was im eigentlichen Sinne Diskurs ist, auf keine Weise seinen Bezug von einem Subjekt her nehmen kann, obwohl er es determiniert.

Da ist sicherlich die Mehrdeutigkeit dessen, womit ich das eingeführt habe, was ich glaubte, im Inneren des psychoanalytischen Diskurses verständlich machen zu müssen. Erinnern Sie sich an meine Termini zu der Zeit, als ich einem bestimmten Bericht diesen Titel gegeben habe: Über Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse? „Intersubjektivität“ habe ich damals geschrieben, und Gott weiß, zu welch falscher Spur das Äußern solcher Termini Anlass geben kann. Man möge mir nachsehen, dass ich sie, diese Spuren, zuerst habe machen müssen – nur durch das Missverständnis konnte ich vorwärtsgehen. „Inter“, gewiss, das ist das, was erst die Folge mir erlaubt hat, über eine Inter-Signifikanz zu äußern, „Subjektivität“, von deren Ergebnis her, wobei der Signifikant das ist, wodurch ein Subjekt repräsentiert wird, für einen anderen Signifikanten, wo das Subjekt nicht ist. Insofern es dort, wo es repräsentiert ist, abwesend ist, es aber gleichwohl repräsentiert ist, findet es sich auf diese Weise gespalten.

Der „Diskurs“, es geht nicht nur darum, dass er von da an nicht mehr anders als im Lichte seiner unbewussten Triebfeder beurteilt werden kann, sondern darum, dass er nicht mehr anders ausgesagt werden kann denn als das, was von einer Struktur her artikuliert ist, in der er irgendwo auf irreduzible Weise entfremdet ist. Von daher meine einleitende Bemerkung über den Diskurs: „Über einen Diskurs“, ich halte inne, „es ist nicht meiner“. Von dieser Bemerkung, über den Diskurs als etwas, das als solches nicht Diskurs einer bestimmten Person sein kann, sondern durch eine Struktur gegründet ist, und von der Betonung, den er durch die Aufteilung und das Gleiten bestimmter seiner Termini erhält, von da gehe ich in diesem Jahr aus, bezogen auf das, was den Titel hat: Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

Diejenigen, die im letzten Jahr diesen Ausführungen, die hier vorausgesetzt sind, nicht folgen konnten, weise ich darauf hin, dass das Erscheinen von Scilicet 2/3, das bereits mehr als einen Monat zurückliegt, ihnen die hauptsächlichen Bezüge liefern wird. Sciliet 2/3, da es eine Schrift ist, ist das ein Ereignis, wenn nicht eine Ankunft, des Diskurses. Zunächst insofern, als derjenige <Diskurs>, dessen Instrument ich bin, ohne dass man umgehen könnte, dass hierfür ihr Druck (presse) nötig ist, anders gesagt, dass sie da sind, und zwar genau unter dem Aspekt, aus dem etwas Einzigartiges uns den Druck macht. Sicherlich, mit, sagen wir, den Folgen unserer Geschichte ist das etwas, was sich spüren lässt, | [11] etwas, wodurch die Frage erneuert wird, was mit dem Diskurs sein mag, insofern er der Diskurs des Herrn ist. Das etwas, was nichts tun kann als <die Diskurse> zu verbinden, etwas, wobei man sich fragt, wie man es nennen soll – seien wir nicht zu schnell damit, dass wir uns des Wortes „Revolution“ bedienen. Aber es ist klar, dass man das, was es damit auf sich hat, von dem unterscheiden muss, was es mir insgesamt ermöglicht, meine Äußerung dieser Formel fortzusetzen: Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

Zwei Merkmale sind hier in diesem Heft von Scilicet festzuhalten.

Nämlich dass ich meinen Diskurs vom letzten Jahr auf die Probe stelle, im Großen und Ganzen – bis auf etwas, was hinzukommt –, in einer Konfiguration, die eben genau durch die Abwesenheit dessen charakterisiert ist, was ich diesen Druck (presse) Ihrer Präsenz genannt habe. Und um hier die volle Betonung darauf zu legen, werde ich es in diesen Termini sagen: Das, was diese Präsenz bedeutet, werde ich als gepresste Mehrlust (plus-de-jouir pressé) bezeichnen.

Denn genau von dieser Figur aus kann beurteilt werden, wenn sie über ein Unbehagen, wie man sagt, hinausgeht, bezogen auf ein Zuviel an Scheinhaftigkeit (semblance) in dem Diskurs, in den sie eingeschrieben sind, den Universitätsdiskurs, diejenige, die leicht zu kritisieren ist, bezogen auf eine Neutralität beispielsweise, die zu stützen dieser Diskurs keineswegs vorgeben kann, bezogen auf eine Selektion durch Konkurrenz, während es doch nur um Zeichen geht, die sich an diejenigen wenden, die bereits Bescheid wissen, bezogen auf eine Bildung des Subjekts, wo es doch um etwas ganz anderes geht. Wenn man über dieses Unbehagen am Schein hinauszugehen will, damit etwas erhofft, das es ermöglicht, da herauszukommen, so ist dies nur dadurch möglich, dass man annimmt, dass ein bestimmter Modus, ein bestimmter Modus der Strenge im Vorbringen eines Diskurses nicht das spaltet, in dominanter Position in diesem Diskurs, was es mit der Auslese dieser Kügelchen an Mehrlust auf sich hat, in deren Namen Sie vom Universitätsdiskurs erfasst werden.

Eben dies, dass jemand, ausgehend vom analytischen Diskurs, sich für Ihren Blick in die Position des Analysanten bringt – das ist nicht neu, ich habe es bereits gesagt, aber niemand hat dem Achtung geschenkt –, das ist es, was die Originalität dieses Unterrichts ausmacht. Und das, was das Motiv für das liefert, was Sie zu ihm mit ihrem „Druck“ beisteuern, das ist es, was ich, als ich im Radio sprach, der Probe der Subtraktion eben dieser Präsenz ausgesetzt habe, dieser Raum, in dem Sie sich drängen, annulliert und ersetzt durch das reine „es existiert“ dieser Inter-Signifikanz, von der ich eben gesprochen habe, damit das Subjekt hier ins Wanken gerät. Es ist einfach eine Weichenstellung in Richtung auf etwas, dessen mögliche Reichweite die Zukunft zeigen wird.

Es gibt noch ein weiteres Merkmal dessen, was ich dieses Ereignis, diese Ankunft des Diskurses genannt habe, und das ist diese gedruckte Sache, die Scilicet heißt, das ist – wie eine bestimmte Anzahl bereits weiß –, dass man hier schreibt, ohne zu unterzeichnen. Was ist damit | [12] gemeint? Dass jeder dieser Namen, die man in einer Spalte auf der letzten Seite dieser drei Hefte findet, die ein Jahr bilden, dass jeder mit jedem anderen permutiert werden kann, wodurch bekräftigt wird, dass kein Diskurs der eines Autors sein kann. Da spricht es, im anderen Fall ist es die Weiche, da wird die Zukunft zeigen, ob dies die Formel ist, die in, sagen wir, fünf, sechs Jahren alle Zeitschriften übernehmen werden, die guten Zeitschriften, versteht sich. [Gelächter] Nun, man wird sehen!

Bei dem, was ich sage, versuche ich nicht, aus dem herauszukommen, was in meinen Aussagen als etwas gespürt wird, erlebt wird, womit das Artefakt des Diskurses betont wird und womit es festgehalten wird.

Das heißt natürlich – das ist das Mindeste –, wenn ich das tue, dann schließt das aus, dass ich vorgebe, alles abzudecken. Das kann kein System sein, und insofern ist das keine Philosophie. Es ist klar, dass für jeden, der die Perspektive übernimmt, durch die die Analyse es uns gestattet, das zu erneuern, worum es beim Diskurs geht, dass dies für jeden impliziert, dass man sich, ich möchte sagen, in einem „Desuniversum“ hin und her bewegt. Das ist nicht dasselbe wie ein „Diverses“. Aber auch diesem Diversen würde ich mich nicht widersetzen, nicht nur soweit, als es die Diversität enthält, sondern auch bis dahin, was es an Diversion einbringt. Es ist auch ganz klar, dass ich nicht über alles spreche, dass selbst in dem, was ich äußere, sich etwas dem widersetzt, über alles seine Meinung zu sagen. Das ist täglich mit dem Finger zu spüren, auch bezogen darauf, dass ich äußere, dass ich nicht alles sage, das ist etwas anderes, ich habe es bereits gesagt: das beruht darauf, dass die Wahrheit sich nur halbsagen lässt.

Dieser Diskurs also, der sich darauf beschränkt, nur im Artefakt zu handeln, ist letztlich nur die Verlängerung der Position des Analytikers, insofern sie dadurch definiert ist, dass sie das Gewicht seiner Mehrlust an einen bestimmten Platz stellt. Das ist jedoch die Position, die ich hier nicht einnehmen kann, und zwar genau deshalb nicht, weil ich nicht in der Position des Analytikers bin. Wie ich eben gesagt habe – bis auf dies, dass Ihnen hier das Wissen fehlt –, es ist vielmehr so, dass Sie da sind, mit ihrem Druck.

Was kann, nach dem Gesagten, die Tragweite dessen sein, dass ich in diesem Bezug äußere Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre? Das kann von meinem Platz aus geäußert werden und abhängig von dem, was ich früher geäußert habe. Auf jeden Fall ist es ein Faktum, dass ich es äußere. Beachten Sie, dass es ein Faktum auch deshalb ist, weil ich es äußere. Mag sein, dass Sie hier nichts bemerken, d..h. dass Sie denken, dass es nicht mehr gibt als das Faktum, dass ich es äußere. Nur, wenn ich in Bezug auf den Diskurs von „Artefakt“ gesprochen habe, dann deshalb, weil für den Diskurs kein Faktum, wenn ich so sagen kann, bereits da ist; ein Faktum gibt es nur durch das Faktum des Diskurses. Das geäußerte Faktum ist ganz und gar das Faktum des Diskurses. Das ist das, was ich mit dem Ausdruck „Artefakt“ bezeichne, und das ist natürlich das, was reduziert werden muss.

[13] Denn wenn ich vom Artefakt spreche, dann nicht deshalb, um daraus die Idee von etwas auftauchen zu lassen, was anders wäre, einer Natur, in Bezug worauf Sie einen Fehler machen würden, wenn Sie sich daranmachen würden, sich deren Behinderungen entgegenzusetzen, da Sie da nicht wieder herauskämen.

Die Frage stellt sich nicht in diesen Ausdrücken: „Ist es sagbar oder nicht?“, sondern in diesen: „Es ist gesagt oder es ist nicht gesagt“.

Ich gehe von dem aus, was in einem Diskurs gesagt ist, von dessen Artefakt angenommen wird, dass es dafür hinreicht, dass Sie da sind. Hier ein Schnitt, denn ich füge nicht hinzu, „dafür, dass Sie da sind im Zustand der gepressten Mehrlust“. Ich habe „Schnitt“ gesagt, da es fraglich ist, ob mein Diskurs Sie bereits als gepresste Mehrlust versammelt. Es ist nicht entschieden, was auch immer der eine oder andere darüber denken mag, ob es dieser Diskurs ist – derjenige, der aus der Folge der Äußerungen besteht, die ich Ihnen präsentiere –, der Sie in diese Position bringt, von der aus er befragt werden kann, durch das „nicht“ eines Diskurses, der nicht vom Schein wäre.

Vom Schein, was bedeutet das? Was bedeutet das in dieser Äußerung?

Beispielsweise vom Schein des Diskurses? Wie Sie wissen, ist das die Position des sogenannten logischen Positivismus. Nämlich wenn man von einem Signifikanten ausgeht, der auf etwas hin zu überprüfen ist, was mit Ja oder Nein entschieden wird, dann ist das, was dieser Prüfung nicht unterzogen werden kann, das, was als sinnlos definiert wird. Aber damit glaubt man, eine bestimmte Anzahl von Fragen los zu sein, die als metaphysisch qualifiziert werden. Das ist sicherlich nichts, woran ich mich halte, ich halte aber daran fest, darauf aufmerksam zu machen, dass die Position des logischen Positivismus unhaltbar ist, auf jeden Fall, wenn man von der analytischen Erfahrung ausgeht, insbesondere von ihr. Wenn die analytische Erfahrung nun darin verwickelt ist, dass sie ihre Adelstitel vom Ödipusmythos hernimmt, dann bewahrt sie damit das Schneidende der Äußerung des Orakels. Und ich möchte darüber hinaus sagen, dass die Deutung immer auf eben dieser Ebene bleibt. Wahr ist sie nur durch ihre Folgen, ganz wie das Orakel. Die Deutung wird nicht auf eine Wahrheit hin überprüft, die durch Ja oder durch Nein entschieden werden könnte – sie entfesselt die Wahrheit als solche. Sie ist nur insofern wahr, als ihr wahrhaft gefolgt wird.

Wir werden bald noch sehen, dass die Schemata der Implikation, ich meine der logischen Implikation, in ihren klassischsten Formen, dass diese Schemata selbst den Boden dieses Veri- | [14] dischen erfordern, insofern es zum Sprechen gehört, selbst wenn es, streng gesagt, sinnlos ist. Der Übergang von diesem Moment, in dem über die Wahrheit allein durch ihre Entfesselung entschieden wird, zu dem einer Logik, die versuchen wird, dieser Wahrheit Körper zu verleihen, das ist sehr genau der Moment, in dem der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz zurückgewiesen wird, disqualifiziert wird. Und wenn das mit ihm geschehen kann, dann deshalb, weil er es teilweise immer schon ist, und eben das nennt man Verdrängung. Es ist nicht mehr eine Vorstellung, die er repräsentiert.

Es ist diese Fortsetzung des Diskurses, die als Wahrheitseffekt charakterisiert wird. Dieser Wahrheitseffekt ist nicht vom Schein.

Und der Ödipuskomplex ist da, um uns zu klarzumachen – wenn Sie erlauben –, um uns klarzumachen, dass hier Blut geflossen ist. [Gelächter] Allerdings, das Blut widerlegt nicht den Schein, es färbt ihn, es verleiht ihm neuen Schein (re-semblant), es verbreitet ihn. Ein bisschen Sägemehl und der Zirkus beginnt von vorn. Und eben deshalb kann sich die Frage nach einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre, auf der Ebene des Artefakts stellen, der Diskursstruktur. Während man darauf wartet, gibt es keinen Schein des Diskurses, gibt es, um das zu beurteilen, keine Metasprache (métalangage), gibt es keinen Anderen des Anderen, gibt es nicht Wahres über das Wahre.

Ich habe mich mal damit amüsiert, die Wahrheit sprechen zu lassen.

Ich frage, wo hier die Paradoxie ist, was könnte wahrer sein als die Äußerung „ich lüge“? Die klassische Wortklauberei, die mit dem Ausdruck der Paradoxie geäußert wird, erhält nur dann einen Körper, wenn Sie dieses „ich lüge“ auf Papier bringen, als etwas Geschriebenes. Jeder spürt, dass man bei bestimmten Gelegenheiten nichts Wahreres sagen kann, als zu sagen, „ich lüge“. Das ist sogar ganz gewiss die einzige Wahrheit, die dann nicht zerbricht. Wer wüsste nicht, dass man, wenn man sagt, „ich lüge nicht“, absolut nicht davor geschützt ist, etwas Falsches zu sagen.

Was soll das heißen? Die Wahrheit, um die es geht, wenn sie spricht – diejenige, von der ich gesagt habe, dass sie „ich“ sagt, die sich als Orakel äußert –, wer spricht da? Dieser Schein ist der Signifikant an sich selbst.

Wer sieht denn nicht, dass das, was ihn charakterisiert, diesen Signifikanten, von dem ich in den Augen von Sprachwissenschaftlern einen Gebrauch mache, der sie peinlich berührt –. Es hat sich einer gefunden, diese Zeilen zu schreiben, die dazu ausersehen sind, die Warnung zu verkünden, dass, ganz ohne Zweifel, Ferdinand de Saussure davon nicht die geringste Vorstellung hatte. Was weiß man darüber? Ferdinand de Saussure machte es wie ich, er sagte nicht alles, der Beweis dafür ist, dass man unter seinen Papieren Sachen gefunden hat, die er niemals herausbringen wollte.

Der Signifikant, man glaubt, dass das ein nettes kleines Ding ist, einfach so, das vom Strukturalismus gezähmt worden ist. Man glaubt, das ist der Andere als Anderes und die Batterie des Signifikanten und natürlich all das, was ich erkläre. Das kommt natürlich vom Himmel, weil ich Idealist bin, hier jedenfalls.

[15] „Artefakt“ habe ich anfangs gesagt, gewiss, das Artefakt, es ist absolut sicher, dass das unser alltägliches Schicksal ist. Wir finden es an jeder Straßenecke, in Reichweite der geringsten Geste unserer Hände.

Wenn es etwas gibt, was ein haltbarer Diskurs ist, oder jedenfalls einer, der sich gehalten hat, nämlich derjenige der Wissenschaft, so ist es vielleicht nicht unnütz, sich daran zu erinnern, dass er ganz speziell von der Erörterung von Formen des Scheins (de semblants) ausgegangen ist. Der Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Denkens, ich spreche über die Geschichte, was ist das? Die Beobachtung der Sterne. Was ist das anderes als die Konstellation, d..h. der typische Schein? Die ersten Schritte der modernen Physik, worum drehen sie sich zu Beginn? Nicht, wie man glaubt, um Elemente, denn die Elemente, die vier – und selbst dann, wenn Sie die Quintessenz hinzufügen –, das gehört bereits zum philosophischen Diskurs, und wie! Das dreht sich um die Meteore. Descartes schreibt eine Abhandlung über Meteore. Der entscheidende Schritt, einer der entscheidenden Schritte dreht sich um die Theorie des Regenbogens. Und wenn ich von einem Meteor spreche, so ist das etwas, was dadurch definiert ist, dass es als solches durch einen Schein charakterisiert ist. Niemand hat je geglaubt, dass der Regenbogen – nicht einmal bei den primitivsten Leuten –, dass der Regenbogen ein Ding wäre, das da ist, gebogen und aufgerichtet. Er wird als Meteor befragt.

Der charakteristischste Meteor, der ursprünglichste, derjenige, bei dem nicht zu bezweifeln ist, dass er mit der Struktur von allem, was Diskurs ist, verbunden ist, das ist der Donner. Wenn ich meine Rom-Rede mit der Anrufung des Donners beendet habe, dann absolut nicht einfach so, aus meiner Phantasie heraus. Es gibt keinen haltbaren Namen-des-Vaters ohne den Donner, wobei alle sehr gut wissen, dass man nicht einmal weiß, von was der Donner ein Zeichen ist. Eben das ist die Gestalt des Scheins.

Und insofern gibt es keinen Schein des Diskurses. Alles, was Diskurs ist, kann sich nur von dem her als Schein geben, und nichts wird darauf aufgebaut, was nicht auf der Grundlage dessen ist, was Signifikant genannt wird, der in dem Licht, in dem ich ihn heute für Sie vorbringe, mit diesem Status des Scheins als solchem identisch ist. Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre – damit daraus eine Aussage wird, darf dieses vom Schein keinesfalls durch Bezug auf | [16] „Diskurs“ vervollständigt werden.

Es geht um etwas anderes, und zweifellos um den Referenten. Halten Sie sich ein ganz klein wenig zurück! [Gelächter] Dieser Referent ist wahrscheinlich nicht sogleich der Gegenstand, denn das bedeutet genau dies, dass es eben dieser Referent ist, der herumwandert.

Der Schein, in dem der Signifikant mit sich selbst identisch ist – das ist eine Ebene des Ausdrucks „Schein“ –, ist der Schein in der Natur. Nicht ohne Grund habe ich Sie daran erinnert, dass kein Diskurs, der die Natur beschwört, jemals etwas anderes getan hat als von dem auszugehen, was in der Natur Schein ist, denn die Natur ist voll davon. Ich spreche nicht von der tierischen Natur, bei der ganz offensichtlich ist, dass sie davon im Überfluss hat. Das ist genau das, was dazu führt, dass es sanfte Träumer gibt, die denken, dass die gesamte tierische Natur, von den Fischen bis zu den Vögeln, das Lob Gottes singt. Das versteht sich von selbst – jedes Mal, wenn sie, einfach so, etwas öffnen, einen Kopf, einen Mund, einen Kiemendeckel, ist das ein manifester Schein, und nichts macht dieses Aufklaffen notwendig.

Wenn wir in etwas eintreten, dessen Wirksamkeit (efficace) nicht geklärt ist, aus dem einfachen Grunde, dass wir nicht wissen, wie es gekommen ist, dass hier, wenn ich so sagen darf, eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat, denn die Signifikanten, Achtung, ich sag’s Ihnen, sind in der Welt verbreitet, in der Natur gibt es sie haufenweise.

Damit die Sprache entsteht, das ist schon was, das in Gang zu setzen!, damit die Sprache entsteht, musste irgendwo das eingerichtet werden, worauf ich Sie bereits anlässlich der Wette hingewiesen habe – da ging’s um Pascals Wette, wir erinnern uns nicht mehr daran –, wenn man das annimmt, ist das Ärgerliche, dass dies das Funktionieren der Sprache bereits voraussetzt.

Da es um das Unbewusste geht, das Unbewusste und sein Spiel, bedeutet das, dass es unter den zahlreichen Signifikanten, die in der Welt in Umlauf sind, darüber hinaus den zerstückelten Körper geben wird.

Gleichwohl gibt es Dinge, die –, von denen man ausgehen kann, indem man denkt, dass sie bereits existieren, sie existieren bereits in einem bestimmten Funktionieren, bei dem wir nicht gezwungen wären, die Akkumulation des Signifikanten zu berücksichtigen. Das sind die Geschichten über das Territorium.

Wenn der Signifikant „Ihr rechter Arm“ im Territorium Ihres Nachbarn etwas erntet – solche Dinge geschehen fortwährend –, dann ergreift Ihr Nachbar natürlich Ihren Signifikanten „rechter Arm“ und wirft ihn Ihnen über den Zaun wieder zurück, das ist das, was Sie sonderbarerweise „Projektion“ nennen, das ist eine Art und Weise, sich zu verstehen. [Gelächter] Von einem solchen Phänomen sollte man ausgehen.

Wenn Ihr rechter Arm im Garten Ihres Nachbarn nicht völlig mit dem Ernten beispielsweise von Äpfeln beschäftigt gewesen wäre, wenn er ruhig geblieben wäre, dann ist ziemlich wahrscheinlich, dass Ihr | [17] Nachbar ihn angebetet hätte. Das ist der Ursprung des Herrensignifikanten: ein rechter Arm, das Szepter. Der Herrensignifikant, dafür ist nur erforderlich, dass man auf diese Weise beginnt, ganz am Anfang. Unglücklicherweise braucht es etwas mehr; das ist kein sehr befriedigendes Schema. Darüber hinaus liefert es Ihnen das Szepter. Sofort sehen Sie, wie die Sache sich als Signifikant materialisiert.

Der Prozess der Geschichte stellt sich – nach allen Zeugnissen, soweit wir sie haben – als ein ganz klein wenig komplizierter dar. Es ist gewiss, dass die kleine Parabel, diejenige, mit der ich zunächst angefangen hatte, nicht wahr, der Arm, der Ihnen vom einen Territorium zum anderen wieder zurückgeschickt wird, es ist nicht zwangsläufig so, dass es Ihr Arm ist, der zu Ihnen zurückkommt [Gelächter], denn die Signifikanten sind nicht individuell, man weiß nicht, welcher wem gehört.

Also sehen Sie, hier treten wir in eine Art von anderem Ursprungsspiel ein, bezogen auf die Funktion des Zufalls, anders als das des Ödipuskomplexes. Sie schaffen eine Welt – in diesem Fall sagen wir: ein Schema –, eine Stütze, die auf diese Weise in eine bestimmte Anzahl von Territorialzellen aufgeteilt ist. Das geschieht auf einem bestimmten Niveau, demjenigen, auf dem es darum geht, vorzubringen, auf dem es darum geht, das, was geschehen ist, ein wenig zu begreifen.

Letztlich kann man nicht nur einen Arm erhalten, der nicht der eigene ist – durch diesen Prozess der Ausstoßung, den Sie, man weiß nicht warum, „Projektion“ genannt haben, außer natürlich, weil Ihnen das zugeworfen/projiziert wird –, nicht nur einen Arm, der nicht der Ihre ist, sondern mehrere andere Arme. Nun, von diesem Moment an ist es nicht mehr wichtig, ob es Ihrer ist oder ob es nicht Ihrer ist.

Aber nun ja, da man vom Inneren eines Territoriums aus letztlich nur dessen eigene Grenzen kennt und man nicht genötigt ist, zu wissen, dass hinter dieser Grenze sechs weitere Territorien liegen, schleudert man das ein klein bisschen so, wie man’s grad kann, und dann kann es passieren, dass es davon <in diesen> Territorien einen Regen gibt. Die Idee, dass es eine Beziehung geben kann zwischen der Zurückweisung von etwas und der Entstehung dessen, was ich Ihnen eben als Herrensignifikanten bezeichnet habe, ist sicherlich eine Idee, die man festhalten sollte. Damit sie aber ihren vollen Wert annimmt, ist es sicherlich nötig, dass so, durch einen Zufallsprozess, an bestimmten Punkten eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat. Von da aus kann etwas begriffen werden, was die Entstehung einer Sprache wäre.

Das, was wir als ersten Modus sehen, was im strengen Sinne aufgebaut wird, um das, was als Sprache dient, durch die Schrift zu unterstützen, gibt davon jedenfalls eine gewisse Vorstellung. Jeder weiß, dass der Buchstabe A ein umgedrehter Stierkopf ist, und dass eine bestimmte Anzahl von ähnlichen beweglichen Elementen3 noch ihre Spuren hinterlassen haben.

Es ist wichtig, nicht zu schnell vorwärtszugehen und zu sehen, wo weiterhin Löcher bleiben. Beispielsweise ist ganz offensichtlich, dass der Ausgangspunkt | [18] dieser Skizze bereits mit etwas verbunden war, was den Körper mit einer Möglichkeit der Ektopie und des „Ausflugs“ markierte, die offenkundig problematisch bleibt. Aber alles in allem ist auch hier noch immer alles da. Wir hatten – das ist schließlich ein sehr empfindlicher Punkt, den wir noch täglich überprüfen können – vor gar nicht langer Zeit, noch in dieser Woche, etwas, ein sehr schönes Photo einer Zeitung, an dem sich sicherlich alle ergötzt haben. Die Möglichkeiten, das Zerschneiden eines menschlichen Wesens auf einem menschlichen Wesen zu vollziehen, sind absolut beeindruckend, von da ist alles ausgegangen.

Es bleibt ein weiteres Loch. Wie Sie wissen, hat man sich den Kopf darüber zerbrochen, man hat ja die Bemerkung gemacht, dass das bei Hegel alles sehr schön ist, dass es aber dennoch etwas gibt, was er nicht erklärt. Er erklärt die Dialektik von Herr und Knecht, aber er erklärt nicht, warum es eine Gesellschaft von Herren gibt. Es ist völlig klar, dass das, was ich Ihnen eben erklärt habe, sicherlich insofern interessant ist, als allein schon durch das Spiel der Projektion und der Retorsion klar ist, dass es am Ende einer bestimmten Anzahl von Zügen sicherlich, möchte ich sagen, in einigen Territorien einen Signifikantendurchschnitt geben wird, der höher ist als in anderen. Es bleibt jedoch noch zu sehen, wie diese Signifikanten in einem Territorium gewissermaßen eine Signifikantengesellschaft werden bilden können. Man sollte niemals das, was man nicht erklärt, im Schatten lassen, unter dem Vorwand, dass es einem ja gelungen ist, einen kleinen Erklärungsansatz zu liefern.

Wie auch immer, die Aussage unseres Titels von diesem Jahr, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, betrifft etwas, das mit einer Ökonomie zu tun hat. Hier das „vom Schein“ – wir sagen nicht „für ihn selbst“, es ist nicht Schein von etwas anderem, es ist im Sinne des Genitivus objectivus zu nehmen, es geht um den Schein als ein eigenes Objekt, von dem her die Ökonomie des Diskurses geregelt wird.

Werden wir sagen, dass es auch ein Genitivus subjectivus ist? Bezieht sich das „vom Schein“ auch auf das, was den Diskurs hält? Nur das Wort „subjektiv“ ist hier zurückzuweisen, aus dem einfachen Grunde, weil das Subjekt nur erscheint, wenn irgendwo diese Signifikantenverbindung eingerichtet ist, weil ein Subjekt nur das Produkt der Signifikantenverknüpfung sein kann, weil ein Subjekt als solches niemals, in keinem Fall, diese Artikulation beherrscht, sondern davon im eigentlichen Sinne determiniert ist.

Ein Diskurs macht, seiner Natur nach, Schein, so wie man sagen kann, qu’il fait florès (dass es zum Leuchten bringt), oder qu’il fait léger (dass es locker wirkt, leicht aussieht) oder qu’il fait chic (dass es was hermacht, chic wirkt). Wenn das, was an Sprechen geäußert wird, genau deshalb wahr ist, weil es immer ganz authentisch das ist, was es ist, auf der Ebene, auf der wir sind, des Objektiven und der Artikulation, dann tritt der Schein also genau als Objekt dessen auf, was im Diskurs produziert wird. Von daher der, streng gesagt, | [19] sinnlose Charakter dessen, was artikuliert wird.

Man muss jedoch sagen, dass eben da enthüllt wird, was es mit dem Reichtum der Sprache auf sich hat, dass sie nämlich eine Logik enthält, die weit hinausgeht über alles, was uns gelingt, aus ihr herauszukristallisieren, herauszulösen. Ich habe die hypothetische Form verwendet, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre. Jeder kennt die Entwicklungen, die die Logik nach Aristoteles genommen hat, dass sie die Betonung auf die hypothetische Funktion gelegt hat. Alles, was artikuliert wird, indem der Artikulation der Hypothese der Wert Wahr oder Falsch zugeordnet wird, und indem die Schlussfolgerung gezogen wird, die sich daraus ergibt, dass ein bestimmter Term im Inneren dieser Hypothese als wahr angezeigt wird. Das ist die Einsetzung dessen, was man den Modus ponens nennt sowie vieler anderer Modi. Jeder weiß, was daraus gemacht worden ist. Es ist verblüffend, dass, zumindest meiner Kenntnis nach, niemals irgendjemand irgendwo die Ressource zu einem eigenen Gegenstand gemacht hat, die die Verwendung dieser Hypothese in negativer Form mit sich führt.

Eine verblüffende Sache, wenn man sich beispielsweise auf das bezieht, was dazu in meine Schriften aufgenommen wurde, als jemand – zu der Zeit, in der heroischen Zeit, als ich anfing, das Terrain der Analyse urbar zu machen –, als es jemandem gelang, zur Entzifferung der Verneinung* einen Beitrag zu leisten. Obgleich er Freud Buchstabe für Buchstabe kommentierte, hat er sehr gut wahrgenommen, Freud sagt das sehr deutlich, dass die Bejahung* nur ein Attributionsurteil enthält – worin Freud wirklich eine Finesse und eine Kompetenz an den Tag legt, die zu der Zeit, als er das schrieb, völlig außergewöhnlich war, denn nur einige Logiker von bescheidener Verbreitung konnten das zu dieser Zeit herausgearbeitet haben –, ein Attributionsurteil, das kein Urteil über die Existenz vorwegnimmt. Einzig das Setzen einer Verneinung* impliziert die Existenz von etwas, nämlich genau dessen, was negiert wird. Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, behauptet, dass der Diskurs, wie ich eben geäußert habe, vom Schein ist.

Wenn man das so formuliert, hat das den großen Vorteil, dass man nicht sagt, vom Schein von was. Nun, natürlich liegt da der Punkt, um den herum wir vorhaben, unsere Aussagen vorzubringen, nämlich zu wissen, worum es dort geht, wo es nicht vom Schein wäre.

Natürlich ist das Gelände vorbereitet, durch einen einzigartigen und zaghaften Schritt, nämlich denjenigen, den Freud in Jenseits des Lustprinzips getan hat. Ich will hier – da ich mehr jetzt nicht tun kann – nur auf den Knoten hinweisen, den in diesen Aussagen die Wiederholung und das Genießen bilden. Davon ist abhängig, dass die Wiederholung dem Lustprinzip zuwiderläuft, das sich davon, möchte ich sagen, nicht wieder erholt.

Im Lichte der analytischen Erfahrung kann der Hedonismus nur wieder zu dem zurückkehren, was er ist, nämlich ein philosophischer Mythos, ich meine ein Mythos einer streng definierten Klasse. Das ist eine These, und ich habe sie | [20] letztes Jahr geäußert, über die Hilfe, die sie, die Philosophen, bei einem bestimmten Prozess des Herrn geleistet haben, indem sie es dem Diskurs des Herrn als solchem ermöglicht haben, ein Wissen aufzubauen. Dieses Wissen ist Wissen des Herrn. Dieses Wissen hat angesichts des Herrn – denn der philosophische Diskurs trägt noch die Spur davon – die Existenz eines anderen Wissens unterstellt, wovon –. Gott sei Dank ist der philosophische Diskurs nicht verschwunden, ohne zuvor festgehalten zu haben, dass es zwischen diesem Wissen und dem Genießen eine Beziehung geben müsste. Derjenige, der den philosophischen Diskurs so abgeschlossen hat – Hegel, um seinen Namen zu nennen –, sieht natürlich nur die Art und Weise, in der es dem Knecht durch die Arbeit gelingen wird, was zu vollenden? Nichts anderes als das Wissen des Herrn.

Aber was führt das, was ich „die Freud’sche Hypothese“ nennen werde, was führt sie an Neuem ein? Das ist, in einer außergewöhnlich vorsichtigen, aber gleichwohl syllogistischen Form, das Folgende: Wenn wir „Lustprinzip“ dies nennen, dass das Lebendige durch sein Verhalten beständig auf ein Niveau zurückgekommen ist, welches das der minimalen Erregung ist und dass hierdurch seine Ökonomie reguliert wird, und wenn sich erweist, dass die Wiederholung auf eine Weise operiert, die dazu führt, dass ein gefährliches Genießen zurückgebracht wird, ein Genießen, das diese minimale Erregung übersteigt, ist es dann möglich – in dieser Form äußert Freud die Frage –, dass man annimmt, dass das Leben, in seinem Zyklus erfasst – das ist etwas Neues bezogen auf die Welt, die das nicht universal enthält –, dass das Leben diese Möglichkeit der Wiederholung enthält, die die Rückkehr zu dieser Welt wäre, insofern sie Schein ist?

Grafik A

Aufsteigende und abfallende Kurven, die an eine höchste Grenze heranführen

Grafik B

Niedrigster Punkt einer oberen Grenze (suprem)

Mit einer Graphik an der Tafel kann ich Ihnen zeigen, dass dies umfasst – anstatt einer Folge von aufsteigenden und abfallenden Erregungskurven, die alle an eine Grenze herangehen, die eine obere Grenze ist –, dass dies die Möglichkeit einer Erregungsintensität umfasst, die auch bis ins Unendliche gehen kann, wobei das, was als Genießen aufgefasst wird, in sich selbst im Prinzip keine andere Grenze enthält als diesen unteren Tangentialpunkt, diesen Punkt, den wir | [21] „suprem“ nennen werden, indem wir diesem Wort seinen eigentlichen Sinn geben, der den niedrigsten Punkt einer oberen Grenze bedeutet, so wie „infim“ der höchste Punkt einer unteren Grenze ist, die Kohärenz, die von dem tödlichen Punkt gegeben wird, der von da an, ohne dass Freud das hervorhebt, als ein Charakteristikum des Lebens aufgefasst wird.

Aber in Wahrheit ist das, woran man nicht denkt, tatsächlich dies, nämlich dass man das mit dem verwechselt, was zum Nicht-Leben gehört und was weit davon entfernt ist – Achtung! –, sich nicht zu bewegen, dieses „ewige Schweigen der unendlichen Räume“, das Descartes [Pascal] in Erstaunen versetzte – sie sprechen, sie singen, sie bewegen sich auf jede Weise, jetzt, für unsere Blicke. Die sogenannte unbelebte Welt ist nicht der Tod.

Der Tod ist ein Punkt, wird als ein Endpunkt bezeichnet, als ein Endpunkt von was? des Genießens des Lebens. Das ist sehr genau das, was durch die Freud’sche Aussage eingeführt wird, durch diejenige, die wir als Hyper-Hedonismus qualifizieren werden, wenn ich mich auf diese Weise ausdrücken darf.

Wer nicht sieht, dass die Ökonomie – selbst diejenige der Natur – immer ein Diskursfaktum ist, der kann nicht erfassen, dass dies darauf verweist, dass es sich hier um das Genießen nur insofern handeln kann, als es nicht nur ein Fakt (fait), sondern ein Effekt (effet) ist, ein Diskurseffekt.

Wenn etwas, was das Unbewusste heißt, als Sprachstruktur halbgesagt werden kann, dann deshalb, damit uns schließlich die Konturen dieses Diskurseffekts erscheinen, der uns bis dahin als unmöglich erschien, nämlich die Mehrlust.

Heißt das – um an eine meiner Formeln anzuschließen –, dass sie, insofern es wie unmöglich war, als Reales funktionierte?

Ich werfe die Frage auf, denn in Wahrheit impliziert nichts, dass der Einbruch des Diskurses des Unbewussten – so stammelnd er bleibt – irgendetwas impliziert, in dem, was ihm vorausging, was seiner Struktur unterworfen war.

Der Diskurs des Unbewussten ist eine Emergenz, er ist die Emergenz einer bestimmten Funktion des Signifikanten. Dass er, der Signifikant, bis dahin als Anzeichen (enseigne) existierte, unter diesem Aspekt habe ich ihn vor Ihnen an den Ursprung des Scheins gesetzt. Und die Konsequenzen seiner Emergenz, das ist das, was eingeführt werden muss, damit sich etwas verändert – was sich nicht verändern kann, denn das gehört nicht zum Möglichen. Wenn ein Diskurs vielmehr dadurch zentriert wird, dass seine Wirkung etwas Unmögliches ist, hätte er eine gewisse Chance, ein Diskurs zu sein, der nicht vom Schein wäre.

Französisch/Deutsch mit Anmerkungen

Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten von Millers Ausgabe des Seminars.

[9] Au tableau
D’un discours qui ne serait pas du semblant

An der Tafel
Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre

D’un discours : ce n’est pas du mien qu’il s’agit.

Über einen Diskurs – es ist nicht meiner, um den es geht.

Je pense l’année dernière vous avoir assez fait sentir ce qu’il faut entendre par ce terme « discours ».

Ich denke, ich habe Sie letztes Jahr hinreichend spüren lassen, was man unter diesem Ausdruck „Diskurs“ verstehen soll.4

Je rappelle le discours du maître et ces quatre – disons – positions, les déplacements de ces termes au regard d’une structure, réduite à être tétraédrique.

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleinerIch erinnere an den Diskurs des Herrn und an diese vier – sagen wir – Positionen und die Verschiebungen dieser Termini5, bezogen auf eine Struktur, die darauf reduziert ist, tetraedisch zu sein6.

J’ai laissé à qui voudrait s’y employer de préciser ce qui justifie que ces glissements qui auraient pu être plus diversifiés, je les ai réduits à quatre.

Ich habe es denjenigen, die sich damit befassen möchten, überlassen, genauer auszuarbeiten, wodurch gerechtfertigt ist, dass ich diese Gleitbewegungen, die mehr diversifiziert hätten sein können, auf vier reduziert habe.

Le privilège de ces quatre, si personne ne s’y emploie, peut-être cette année vous en donnerais-je en passant l’indication.

Zum Vorrang dieser vier, falls niemand sich damit beschäftigt, werde ich Ihnen in diesem Jahr vielleicht nebenbei einen Hinweis geben.

Je ne prenais ces références qu’au regard de ce qui était ma fin, énoncée dans ce titre L’envers de la psychanalyse.

Ich habe diese Bezüge nur im Hinblick auf das gewählt, was mein Ziel war, und was durch diesen Titel ausgedrückt wurde, Die Kehrseite der Psychoanalyse.

Le discours du maître n’est pas l’envers de la psychanalyse, il est où se démontre la torsion propre, dirais-je, du discours de la psychanalyse : ce qui fait que ce discours fait poser la question d’un « endroit » et d’un « envers », puisque vous savez l’importance de l’accent qui est mis dans la théorie, dès son émission par Freud, l’importance de l’accent qui est mis sur la double inscription.

Der Diskurs des Herrn ist nicht die Kehrseite der Psychoanalyse7, sie ist dort, wo sich, so möchte ich sagen, die eigene Verwindung des Diskurses der Psychoanalyse zeigt, das, was dazu führt, dass dieser Diskurs die Frage nach einer „Vorderseite“ und einer „Rückseite“ aufwirft, denn Sie kennen ja das Gewicht des Betonung, die in der Theorie, seit Freud sie in die Welt gesetzt hat, das Gewicht der Betonung, die auf die zweifache Niederschrift8 gelegt wird.

Or ce qu’il s’agissait de vous faire toucher du doigt, c’est la possibilité d’une inscription double, à l’endroit, à l’envers, sans qu’ait à être franchi un bord.

Was ich Sie spüren lassen wollte, war die Möglichkeit einer zweifachen Niederschrift, auf der Vorderseite und auf der Rückseite, ohne dass dabei ein Rand überschritten werden muss.

C’est la structure, dès longtemps bien connue, dont je n’ai eu qu’à faire usage, dite de la bande de Mœbius.

Möbiusband

Möbiusband

Das ist die seit langem wohlbekannte Struktur des sogenannten Möbiusbandes, von der ich einfach nur Gebrauch machen musste.

[10] Ces places et ces éléments, c’est où se désigne que ce qui est, à proprement parler, discours ne saurait d’aucune façon se référer d’un sujet, bien qu’il le détermine.

Mit diesen Plätzen und diesen Elementen wird bezeichnet, dass das, was im eigentlichen Sinne Diskurs ist, auf keine Weise seinen Bezug von einem Subjekt her nehmen kann, obwohl er es determiniert.

C’est là sans doute l’ambiguïté de ce par quoi j’ai introduit ce que je pensais devoir faire entendre à l’intérieur du discours psychanalytique.

Da ist sicherlich die Mehrdeutigkeit dessen, womit ich das eingeführt habe, was ich glaubte, im Inneren des psychoanalytischen Diskurses verständlich machen zu müssen.

Rappelez-vous mes termes au temps où j’intitulais un certain rapport De la fonction et du champ de la parole et du langage dans la psychanalyse.

Erinnern Sie sich an meine Termini zu der Zeit, als ich einem bestimmten Bericht diesen Titel gegeben habe: Über Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse?9

« Intersubjectivité » écrivais-je alors, et Dieu sait à quelle fausse trace l’énoncé de termes tels que celui-là peut donner occasion.

„Intersubjektivität“ habe ich damals geschrieben, und Gott weiß, zu welch falscher Spur das Äußern solcher Termini Anlass geben kann.

Qu’on m’excuse d’avoir eu – ces traces – à les faire premières, je ne pouvais aller au devant que du malentendu.

Man möge mir nachsehen, dass ich sie, diese Spuren, zuerst habe machen müssen – nur durch das Missverständnis konnte ich vorwärtsgehen.

« Inter» certes, en effet, c’est ce que seule la suite m’a permis d’énoncer d’une intersignifiance, « subjectivité » de sa conséquence, le signifiant étant ce qui représente un sujet pour un autre signifiant, où le sujet n’est pas.

„Inter“, gewiss, das ist das, was erst die Folge mir erlaubt hat, über eine Inter-Signifikanz zu äußern, „Subjektivität“, von deren Ergebnis her, wobei der Signifikant das ist, wodurch ein Subjekt repräsentiert wird, für einen anderen Signifikanten, wo das Subjekt nicht ist.10

C’est bien en cela que : pour ce que là où il est représenté, il est absent, que représenté tout de même, il se trouve ainsi divisé.

Insofern es dort, wo es repräsentiert ist, abwesend ist, es aber gleichwohl repräsentiert ist, findet es sich auf diese Weise gespalten.

Le « discours », ce n’est pas seulement qu’il ne peut plus dès lors être jugé qu’à la lumière de son ressort inconscient, c’est qu’il ne peut plus être énoncé comme quelque chose d’autre que ce qui s’articule d’une structure où quelque part il se trouve aliéné d’une façon irréductible.

Der „Diskurs“, es geht nicht nur darum, dass er von da an nicht mehr anders als im Lichte seiner unbewussten Triebfeder beurteilt werden kann, sondern darum, dass er nicht mehr anders ausgesagt werden kann denn als das, was von einer Struktur her artikuliert ist, in der er irgendwo auf irreduzible Weise entfremdet ist.

D’où mon énoncé du discours introductif : « D’un discours », je m’arrête, « ce n’est pas le mien ».

Von daher meine einleitende Bemerkung über den Diskurs: „Über einen Diskurs“, ich halte inne, „es ist nicht meiner“.

C’est de cet énoncé du discours comme ne pouvant être comme tel discours d’aucun particulier, mais se fondant d’une structure, et de l’accent que lui donne la répartition, le glissement, de certains de ses termes, c’est de là que je pars cette année pour ce qui s’intitule D’un discours qui ne serait pas du semblant.

Von dieser Bemerkung, über den Diskurs als etwas, das als solches nicht Diskurs einer bestimmten Person sein kann, sondern durch eine Struktur gegründet ist, und von der Betonung, den er durch die Aufteilung und das Gleiten bestimmter seiner Termini erhält, von da gehe ich in diesem Jahr aus, bezogen auf das, was den Titel hat: Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

À ceux qui n’ont pu l’année dernière suivre ces énoncés qui sont donc préalables, j’indique que la parution, qui date déjà de plus d’un mois, de Scilicet 2/3 leur en donnera les références principales.

Diejenigen, die im letzten Jahr diesen Ausführungen, die hier vorausgesetzt sind, nicht folgen konnten, weise ich darauf hin, dass das Erscheinen von Scilicet 2/3, das bereits mehr als einen Monat zurückliegt, ihnen die hauptsächlichen Bezüge liefern wird.11

Scilicet 2/3, parce que c’est un écrit, est un événement, sinon avènement de discours.

Sciliet 2/3, da es eine Schrift ist, ist das ein Ereignis, wenn nicht eine Ankunft, des Diskurses.12

D’abord en ceci : c’est que celui dont je me trouve instrument13 – sans qu’on puisse éluder qu’il nécessite votre presse, autrement dit que vous soyez là, et très précisément sous cet aspect dont quelque chose de singulier nous fait la presse.

Zunächst insofern, als derjenige <Diskurs>, dessen Instrument ich bin, ohne dass man umgehen könnte, dass hierfür ihr Druck (presse) nötig ist, anders gesagt, dass sie da sind, und zwar genau unter dem Aspekt, aus dem etwas Einzigartiges uns den Druck macht.

Assurément avec, disons les incidences de notre histoire, il est quelque chose qui se touche, qui | [11] renouvelle la question de ce qui peut en être du discours en tant qu’il est le discours du maître.

Sicherlich, mit, sagen wir, den Folgen unserer Geschichte ist das etwas, was sich spüren lässt, etwas, wodurch die Frage erneuert wird, was mit dem Diskurs sein mag, insofern er der Diskurs des Herrn ist.14

Ce quelque chose qui ne peut faire que de lier, quelque chose dont on s’interroge à le dénommer – n’allons pas trop vite à nous servir du mot « révolution ».

Das etwas, was nichts tun kann als <die Diskurse> zu verbinden, etwas, wobei man sich fragt, wie man es nennen soll – seien wir nicht zu schnell damit, dass wir uns des Wortes „Revolution“ bedienen.15

Mais il est clair qu’il faut discerner ce qu’il en est de ce qui en somme me permet de poursuivre mes énoncés de cette formule D’un discours qui ne serait pas du semblant.

Aber es ist klar, dass man das, was es damit auf sich hat, von dem unterscheiden muss, was es mir insgesamt ermöglicht, meine Äußerung dieser Formel fortzusetzen: Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

Deux traits sont ici à retenir dans ce numéro de Scilicet.

Zwei Merkmale sind hier in diesem Heft von Scilicet festzuhalten.

C’est que je mets à l’épreuve somme toute, à peu près – à quelque chose près qui est en plus mon discours de l’année dernière, dans une configuration qui justement se caractérise par l’absence de ce que j’ai appelé cette presse de votre présence.

Nämlich dass ich meinen Diskurs vom letzten Jahr auf die Probe stelle, im Großen und Ganzen – bis auf etwas, was hinzukommt –, in einer Konfiguration, die eben genau durch die Abwesenheit dessen charakterisiert ist, was ich diesen Druck (presse) Ihrer Präsenz genannt habe.16

Et pour y mettre son plein accent, je la dirai de ces termes : ce que cette présence (signifie, je l’épinglerai du plus-de-jouir pressé.

Und um hier die volle Betonung darauf zu legen, werde ich es in diesen Termini sagen: Das, was diese Präsenz bedeutet, werde ich als gepresste Mehrlust (plus-de-jouir pressé) bezeichnen.

Car c’est très précisément de cette figure que peut être estimé, si elle va au-delà d’une gêne, comme on dit, concernant trop de semblance dans le discours où vous êtes inscrits : le discours universitaire, celle qu’il est facile de dénoncer, d’une neutralité par exemple, que ce discours ne peut prétendre soutenir, d’une sélection compétitive, quand il ne s’agit que des signes qui s’adressent aux avertis, d’une formation du sujet, quand il s’agit de bien autre chose.

Denn genau von dieser Figur aus kann beurteilt werden, wenn sie über ein Unbehagen, wie man sagt, hinausgeht, bezogen auf ein Zuviel an Scheinhaftigkeit (semblance) in dem Diskurs, in den sie eingeschrieben sind, den Universitätsdiskurs, diejenige, die leicht zu kritisieren ist, bezogen auf eine Neutralität beispielsweise, die zu stützen dieser Diskurs keineswegs vorgeben kann, bezogen auf eine Selektion durch Konkurrenz, während es doch nur um Zeichen geht, die sich an diejenigen wenden, die bereits Bescheid wissen17, bezogen auf eine Bildung des Subjekts, wo es doch um etwas ganz anderes geht.18

Pour aller au-delà de cette gêne des semblants, pour que quelque chose s’espère qui permette d’en sortir, rien ne le permet que de poser qu’un certain mode, un certain mode de rigueur dans l’avancement d’un discours ne clive [?], en position dominante dans ce discours, ce qu’il en est de ces triages de ces globules de plus-de-jouir au titre de quoi vous vous trouvez, dans le discours universitaire, pris.

Wenn man über dieses Unbehagen am Schein hinauszugehen will, damit etwas erhofft wird, das es gestattet, da herauszukommen, so ist dies nur dadurch möglich, dass man annimmt, dass ein bestimmter Modus, ein bestimmter Modus der Strenge im Vorbringen eines Diskurses nicht das spaltet, in dominanter Position in diesem Diskurs, was es mit der Auslese dieser Kügelchen an Mehrlust auf sich hat, in deren Namen Sie vom Universitätsdiskurs erfasst werden.19

C’est précisément que quelqu’un, à partir du discours analytique, se mette à votre regard20 dans la position de l’analysant – ce n’est pas nouveau, je l’ai déjà dit, mais personne n’y a fait attention – ce qui constitue l’originalité de cet enseignement.

Eben dies, dass jemand, ausgehend vom analytischen Diskurs, sich für Ihren Blick in die Position des Analysanten bringt – das ist nicht neu, ich habe es bereits gesagt, aber niemand hat dem Achtung geschenkt –, das ist es, was die Originalität dieses Unterrichts ausmacht.21

Et ce qui motive ce que vous lui apportez de votre « presse », c’est ce qu’à parler à la radio [Radiophonie], j’ai mis à l’épreuve de cette soustraction précisément de cette présence, cet espace où vous vous pressez, annulé et remplacé par l’« il existe » pur de cette inter-signifiance dont je parlais tout à l’heure, pour qu’y vacille le sujet.

Und das, was das Motiv für das liefert, was Sie zu ihm mit ihrem „Druck“ beisteuern, das ist es, was ich, als ich im Radio sprach, der Probe der Subtraktion eben dieser Präsenz ausgesetzt habe, dieser Raum, in dem Sie sich drängen, annulliert und ersetzt durch das reine „es existiert“ dieser Inter-Signifikanz, von der ich eben gesprochen habe, damit das Subjekt hier ins Wanken gerät.22

C’est simplement une aiguillage vers quelque chose dont l’avenir dira la portée possible.

Es ist einfach eine Weichenstellung in Richtung auf etwas, dessen mögliche Reichweite die Zukunft zeigen wird.

Il est un autre trait dans ce que j’ai appelé cet événement, cet avènement de discours, c’est cette chose imprimée qui s’appelle Scilicet, c’est comme un certain nombre déjà le savent qu’on y écrit sans signer.

Es gibt noch ein weiteres Merkmal dessen, was ich dieses Ereignis, diese Ankunft des Diskurses genannt habe, und das ist diese gedruckte Sache, die Scilicet heißt, das ist – wie eine bestimmte Anzahl bereits weiß –, dass man hier schreibt, ohne zu unterzeichnen.23

Qu’est-ce que ça | [12] veut dire ?

Was ist damit gemeint?

Que chacun de ces noms, qui se trouvent mis en colonne à la dernière page de ces trois numéros qui constituent une année, peut être permuté avec chacun des autres, affirmant de là qu’aucun discours ne saurait être d’auteur.24

Dass jeder dieser Namen, die man in einer Spalte auf der letzten Seite dieser drei Hefte findet, die ein Jahr bilden, dass jeder mit jedem anderen permutiert werden kann, wodurch bekräftigt wird, dass kein Diskurs der eines Autors sein kann.25

Là ça parle, dans l’autre cas c’est l’aiguille, là l’avenir dira si c’est la formule que, disons dans cinq, six ans, adopteront toutes les revues, les revues bien s’entend. [Gelächter]

Da spricht es, im anderen Fall ist es die Weiche, da wird die Zukunft zeigen, ob dies die Formel ist, die in, sagen wir, fünf, sechs Jahren alle Zeitschriften übernehmen werden, die guten Zeitschriften, versteht sich. [Gelächter]

Enfin26, on verra !

Nun, man wird sehen!

Je n’essaie pas, dans ce que je dis, de sortir de ce qui est ressenti, éprouvé, dans mes énoncés comme accentuant, comme tenant à l’artefact du discours.

Bei dem, was ich sage, versuche ich nicht, aus dem herauszukommen, was in meinen Aussagen als etwas gespürt wird, erlebt wird, womit das Artefakt des Diskurses betont wird und womit es festgehalten wird.

C’est dire bien sûr c’est la moindre des choses que ce faisant, ça exclut que je prétende tout en couvrir.

Das heißt natürlich – das ist das Mindeste –, wenn ich das tue, dann schließt das aus, dass ich vorgebe, alles abzudecken.

Ça ne peut être un système, ça n’est à ce titre pas une philosophie.

Das kann kein System sein, und insofern ist das keine Philosophie.

Il est clair qu’à quiconque prend sous le biais où l’analyse nous permet de renouveler ce qu’il en est du discours, ceci implique qu’on se déplace, je dirais dans un « désunivers ».

Es ist klar, dass für jeden, der die Perspektive übernimmt, durch die die Analyse es uns gestattet, das zu erneuern, worum es beim Diskurs geht, dass dies für jeden impliziert, dass man sich, ich möchte sagen, in einem „Desuniversum“ hin und her bewegt.

Ce n’est pas la même chose qu’un « divers ».

Das ist nicht dasselbe wie ein „Diverses“ [¿ Diversum ¿].27

Mais même à ce divers je ne répugnerais pas, et pas seulement pour ce qu’il implique de diversité, mais jusqu’à ce qu’il applique de diversion.

Aber auch diesem Diversen würde ich mich nicht widersetzen, nicht nur soweit, als es die Diversität enthält, sondern auch bis zu dem, was es an Diversion einbringt.

Il est très clair aussi que je ne parle pas de tout, que même dans ce que j’énonce ça résiste à ce qu’on parle de tout à son propos.

Es ist auch ganz klar, dass ich nicht über alles spreche, dass selbst in dem, was ich äußere, sich etwas dem widersetzt, über alles seine Meinung zu sagen.

Ça se touche du doigt tous les jours, même sur ce que j’énonce que je ne dise pas tout, cela est autre chose, je l’ai déjà dit, ça tient à ceci que la vérité n’est qu’à mi-dire.

Das ist täglich mit dem Finger zu spüren, auch bezogen darauf, dass ich äußere, dass ich nicht alles sage, das ist etwas anderes, ich habe es bereits gesagt: das beruht darauf, dass die Wahrheit sich nur halbsagen lässt.

Ce discours donc, qui se confine à n’agir que dans l’artefact, n’est en somme que le prolongement de la position de l’analyste, en tant qu’elle se définit de mettre le poids de son plus-de-jouir à une certaine place.

Dieser Diskurs also, der sich darauf beschränkt, nur im Artefakt zu handeln, ist letztlich nur die Verlängerung der Position des Analytikers, insofern sie dadurch definiert ist, dass sie das Gewicht seiner Mehrlust an einen bestimmten Platz stellt.28

C’est néanmoins la position qu’ici je ne saurai soutenir, très précisément de n’être pas dans cette position de l’analyste.

Das ist jedoch die Position, die ich hier nicht einnehmen kann, und zwar genau deshalb nicht, weil ich nicht in der Position des Analytikers bin.

Comme je l’ai dit tout à l’heure à ceci près qu’il vous y manque le savoir c’est plutôt vous qui y seriez, dans votre presse.

Wie ich eben gesagt habe – bis auf dies, dass Ihnen hier das Wissen fehlt –, es ist vielmehr so, dass Sie da sind, mit ihrem Druck.29

Ceci dit, quelle peut être la portée de ce que dans cette référence j’énonce D’un discours qui ne serait pas du semblant ?

Was kann, nach dem Gesagten, die Tragweite dessen sein, dass ich in diesem Bezug äußere Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre?

Ça peut s’énoncer de ma place et en fonction de ce que j’ai énoncé précédemment.

Das kann von meinem Platz aus geäußert werden und abhängig von dem, was ich früher geäußert habe.

C’est un fait en tout cas que je l’énonce.

Auf jeden Fall ist es ein Faktum, dass ich es äußere.

Remarquez que c’est un fait aussi puisque je l’énonce.

Beachten Sie, dass es ein Faktum auch deshalb ist, weil ich es äußere.

Vous pouvez n’y voir que du feu, c’est-à-dire penser qu’il n’y a rien de plus que le fait que je l’énonce.

Mag sein, dass Sie hier nichts bemerken, d..h. dass Sie denken, dass es nicht mehr gibt als das Faktum, dass ich es äußere.

Seulement si j’ai parlé à propos du discours d’« artefact », c’est que pour le discours il n’y a rien de fait si je puis dire, déjà, il n’y a de fait que du fait du discours.

Nur, wenn ich in Bezug auf den Diskurs von „Artefakt“ gesprochen habe, dann deshalb, weil für den Diskurs kein Faktum, wenn ich so sagen kann, bereits da ist; ein Faktum gibt es nur durch das Faktum des Diskurses.

Le fait énoncé est tout ensemble le fait du discours.

Das geäußerte Faktum ist ganz und gar das Faktum des Diskurses.

C’est ça que je désigne par le terme d’artefact, et, bien entendu, c’est ce qu’il s’agit de réduire.

Das ist das, was ich mit dem Ausdruck „Artefakt“ bezeichne, und das ist natürlich das, was reduziert werden muss.

[13] Parce que si je parle d’artefact c’est pas pour en faire surgir l’idée de quelque chose qui serait autre, d’une nature dont vous auriez tort de vous y engager pour en affronter les embarras parce que vous n’en sortiriez pas.

Denn wenn ich vom Artefakt spreche, dann nicht deshalb, um daraus die Idee von etwas auftauchen zu lassen, was anders wäre, einer Natur, in Bezug worauf Sie einen Fehler machen würden, wenn Sie sich daranmachen würden, sich deren Behinderungen entgegenzusetzen, da Sie da nicht wieder herauskämen.

La question ne s’instaure pas dans les termes « Est-ce, ou n’est-ce pas dicible ? », mais dans ceci : « c’est dit ou ce n’est pas dit ».

Die Frage stellt sich nicht in diesen Ausdrücken: „Ist es sagbar oder nicht?“30, sondern in diesen: „Es ist gesagt oder es ist nicht gesagt“.

Je pars de ce qui est dit dans un discours dont l’artefact est supposé suffire à ce que vous soyez là.

Ich gehe von dem aus, was in einem Diskurs gesagt ist, von dessen Artefakt angenommen wird, dass es dafür hinreicht, dass Sie da sind.

Ici coupure, car je n’ajoute pas : « à ce que vous soyez là à l’état de plus-de-jouir pressé ».

Hier ein Schnitt, denn ich füge nicht hinzu, „dafür, dass Sie da sind im Zustand der gepressten Mehrlust“.

J’ai dit « coupure » parce qu’il est questionnable de savoir si c’est en tant que plus-de-jouir pressé déjà que mon discours vous rassemble.

Ich habe „Schnitt“ gesagt, da es fraglich ist, ob mein Diskurs Sie bereits als gepresste Mehrlust versammelt.

Il n’est pas tranché, quoi qu’en pense tel ou tel, que ce soit ce discours, celui de la suite des énoncés que je vous présente, qui vous mette vous dans cette position d’où il est questionnable par le « pas » d’un discours qui ne serait pas du semblant.31

Es ist nicht entschieden, was auch immer der eine oder andere darüber denken mag, ob es dieser Diskurs ist – derjenige, der aus der Folge der Äußerungen besteht, die ich Ihnen präsentiere –, der Sie in diese Position bringt, von der aus er befragt werden kann, durch das nicht / den Schritt eines Diskurses, der nicht vom Schein wäre.

Du semblant, qu’est-ce que ça veut dire ?

Vom Schein, was bedeutet das?

Qu’est-ce que ça veut dire dans cet énoncé ?

Was bedeutet das in dieser Äußerung?

Du semblant de discours par exemple ?

Beispielsweise vom Schein des Diskurses?

Vous le savez, c’est la position dite du logico-positivisme.

Wie Sie wissen, ist das die Position des sogenannten logischen Positivismus.32

C’est que si à partir d’un signifiant à mettre à l’épreuve de quelque chose qui tranche par oui ou par non, ce qui ne permet pas de s’offrir à cette épreuve voilà ce qui est défini ne vouloir rien dire.

Nämlich wenn man von einem Signifikanten ausgeht, der auf etwas hin zu überprüfen ist, was mit Ja oder Nein entschieden wird, dann ist das, was dieser Prüfung nicht unterzogen werden kann, das, was als sinnlos definiert wird.

Mais avec ça on se croit quitte d’un certain nombre de questions qualifiées de métaphysiques.

Aber damit glaubt man, eine bestimmte Anzahl von Fragen los zu sein, die als metaphysisch qualifiziert werden.33

Ce n’est pas certes que j’y tienne, mais je tiens à faire remarquer que la position du logico-positivisme est intenable, en tout cas à partir de l’expérience analytique notamment.

Das ist sicherlich nichts, woran ich mich halte, ich halte aber daran fest, darauf aufmerksam zu machen, dass die Position des logischen Positivismus unhaltbar ist, auf jeden Fall, wenn man von der analytischen Erfahrung ausgeht, insbesondere von ihr.

Si l’expérience analytique se trouve impliquée, de prendre ses titres de noblesse du mythe œdipien, c’est bien qu’elle préserve le tranchant de l’énonciation de l’oracle.

Wenn die analytische Erfahrung nun darin verwickelt ist, dass sie ihre Adelstitel vom Ödipusmythos hernimmt, dann bewahrt sie damit das Schneidende der Äußerung des Orakels.34

Et je dirai plus : que l’interprétation y reste toujours du même niveau.

Und ich möchte darüber hinaus sagen, dass die Deutung immer auf eben dieser Ebene bleibt.

Elle n’est vraie que par ses suites, tout comme l’oracle.

Wahr ist sie nur durch ihre Folgen, ganz wie das Orakel.35

L’interprétation n’est pas mise à l’épreuve d’une vérité qui se trancherait par oui ou par non, elle déchaîne la vérité comme telle.

Die Deutung wird nicht auf eine Wahrheit hin überprüft, die durch Ja oder durch Nein entschieden werden könnte – sie entfesselt die Wahrheit als solche.

Elle n’est vraie qu’en tant que vraiment suivie.

Sie ist nur insofern wahr, als ihr wahrhaft gefolgt wird.

Nous verrons tout à l’heure les schémas de l’implication j’entends de l’implication logique dans leurs formes les plus classiques, ces schémas eux-mêmes nécessitent le fond de ce véri- | [14] dique en tant qu’il appartient à la parole, fût-elle à proprement parler insensée.

Wir werden bald noch sehen, dass die Schemata der Implikation, ich meine der logischen Implikation, in ihren klassischsten Formen36, dass diese Schemata selbst den Boden dieses Veridischen37 erfordern, insofern es zum Sprechen gehört, selbst wenn es, streng gesagt, sinnlos ist.38

Le passage de ce moment où la vérité se tranche de son seul déchaînement, à celui d’une logique qui va tenter de donner corps à cette vérité, c’est très précisément le moment où le discours en tant que représentant de la représentation est renvoyé, disqualifié.

Der Übergang von diesem Moment, in dem über die Wahrheit allein durch ihre Entfesselung entschieden wird, zu dem einer Logik, die versuchen wird, dieser Wahrheit Körper zu verleihen, das ist sehr genau der Moment, in dem der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz zurückgewiesen wird, disqualifiziert wird.39

Et s’il peut l’être c’est parce qu’en quelque partie il l’est toujours déjà, que c’est ça que l’on appelle le refoulement.

Und wenn das mit ihm geschehen kann, dann deshalb, weil er es teilweise immer schon ist, und eben das nennt man Verdrängung.

Ce n’est plus une représentation qu’il représente.

Es ist nicht mehr eine Vorstellung, die er repräsentiert.40

C’est cette suite de discours qui se caractérise comme effet de vérité.

Es ist diese Fortsetzung des Diskurses, die als Wahrheitseffekt charakterisiert wird.

Cet effet de vérité n’est pas du semblant.

Dieser Wahrheitseffekt ist nicht vom Schein.

Et l’œdipe est là pour nous apprendre si vous me permettez pour nous apprendre que c’est du sang rouge. [Gelächter]

Und der Ödipuskomplex ist da, um uns zu klarzumachen – wenn Sie erlauben –, um uns klarzumachen, dass hier Blut geflossen ist. [Gelächter]

Seulement voilà, le sang rouge ne réfute pas le semblant, il le colore, il le rend re-semblant, il le propage.

Allerdings, das Blut widerlegt nicht den Schein, es färbt ihn, es verleiht ihm neuen Schein [re-semblant], es verbreitet ihn.

Un peu de sciure et le cirque recommence.

Ein bisschen Sägemehl und der Zirkus beginnt von vorn.

C’est bien pour cela que c’est au niveau de l’artefact, de la structure du discours, que peut s’élever la question d’un discours qui ne serait pas du semblant.

Und eben deshalb kann sich die Frage nach einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre, auf der Ebene des Artefakts stellen, der Diskursstruktur.

En attendant, il n’y a pas de semblant de discours, il n’y a pas de métalangage pour en juger, il n’y a pas d’Autre de l’Autre, il n’y a pas de vrai sur le vrai.

Während man darauf wartet, gibt es keinen Schein des Diskurses, gibt es, um das zu beurteilen, keine Metasprache (métalangage)41, gibt es keinen Anderen des Anderen, gibt es nicht Wahres über das Wahre.42

Je me suis amusé un jour à faire parler la vérité.

Ich habe mich mal damit amüsiert, die Wahrheit sprechen zu lassen.43

Je demande où il y a un paradoxe : qu’est-ce qu’il peut y avoir de plus vrai que l’énonciation « je mens » ?

Ich frage, wo hier die Paradoxie ist, was könnte wahrer sein als die Äußerung „ich lüge“?44

Le chipotage classique qui s’énonce du terme de paradoxe, ne prend corps que si ce « je mens », vous le mettez sur un papier à titre d’écrit.

Die klassische Wortklauberei, die mit dem Ausdruck der Paradoxie geäußert wird, erhält nur dann einen Körper, wenn Sie dieses „ich lüge“ auf Papier bringen, als etwas Geschriebenes.

Tout le monde sent qu’il n’y a rien de plus vrai qu’on puisse dire à l’occasion, que de dire « je mens ».

Jeder spürt, dass man bei bestimmten Gelegenheiten nichts Wahreres sagen kann, als zu sagen, „ich lüge“.

C’est même très certainement la seule vérité qui à l’occasion ne soit pas brisée.

Das ist sogar ganz gewiss die einzige Wahrheit, die dann nicht zerbricht.

Qui ne sait qu’à dire que « je ne mens pas » on n’est absolument pas à l’abri de dire quelque chose de faux.

Wer wüsste nicht, dass man, wenn man sagt, „ich lüge nicht“, absolut nicht davor geschützt ist, etwas Falsches zu sagen.

Qu’est-ce à dire ?

Was soll das heißen?

La vérité dont il s’agit quand elle parle celle dont j’ai dit qu’elle parle « je », qui s’énonce comme oracle qui parle ?

Die Wahrheit, um die es geht, wenn sie spricht – diejenige, von der ich gesagt habe, dass sie „ich“ sagt, die sich als Orakel äußert –, wer spricht da?

Ce semblant, c’est le signifiant en lui-même !

Dieser Schein ist der Signifikant an sich selbst.45[/note]

Qui ne voit que ce qui le caractérise ce signifiant, dont au regard des linguistes je fais cet usage qui les gêne ?

Wer sieht denn nicht, dass das, was ihn charakterisiert, diesen Signifikanten, von dem ich in den Augen von Sprachwissenschaftlern einen Gebrauch mache, der sie peinlich berührt –.

Il s’en est trouvé pour écrire ces lignes, destinées à bien avertir que sans doute,Ferdinand de Saussure n’en avait pas la moindre idée.

Es hat sich einer gefunden, diese Zeilen zu schreiben, die dazu ausersehen sind, die Warnung zu verkünden, dass, ganz ohne Zweifel, Ferdinand de Saussure davon nicht die geringste Vorstellung hatte.

Qu’est-ce qu’on en sait ?

Was weiß man darüber?

Ferdinand de Saussure faisait comme moi, il ne disait pas tout, la preuve c’est qu’on a trouvé dans ses papiers des choses qu’il n’a jamais voulu faire sortir.

Ferdinand de Saussure machte es wie ich, er sagte nicht alles, der Beweis dafür ist, dass man unter seinen Papieren Sachen gefunden hat, die er niemals herausbringen wollte.46

Le signifiant, on croit que c’est une bonne petite chose, comme ça, qui est apprivoisée par le structuralisme.

Der Signifikant, man glaubt, dass das ein nettes kleines Ding ist, einfach so, das vom Strukturalismus gezähmt worden ist.

On croit que c’est l’Autre en tant qu’Autre et la batterie du signifiant, et tout ce que j’explique bien sûr.

Man glaubt, das ist der Andere als Anderes47 und die Batterie des Signifikanten48 und natürlich all das, was ich erkläre.

Bien entendu ça vient du ciel parce que je suis un idéaliste, pour l’occasion…

Das kommt natürlich vom Himmel49, weil ich Idealist bin, hier jedenfalls.

[15] « Artefact » ai-je dit d’abord, bien sûr, l’artefact, c’est absolument certain que ce soit notre sort de tous les jours.

„Artefakt“ habe ich anfangs gesagt, gewiss, das Artefakt, es ist absolut sicher, dass das unser alltägliches Schicksal ist.

Nous le trouvons à tous les coins de rue, à la portée du moindre geste de nos mains.

Wir finden es an jeder Straßenecke, in Reichweite der geringsten Geste unserer Hände.

S’il y a quelque chose qui soit un discours soutenable, en tout cas soutenu, celui de la science nommément, ce n’est peut-être pas vain de se souvenir qu’il est parti très spécialement de la considération de semblants.

Wenn es etwas gibt, was ein haltbarer Diskurs ist, oder jedenfalls einer, der sich gehalten hat, nämlich derjenige der Wissenschaft50, so ist es vielleicht nicht unnütz, sich daran zu erinnern, dass er ganz speziell von der Erörterung von Formen des Scheins (de semblants) ausgegangen ist.

Le départ de la pensée scientifique je parle de l’histoire qu’est-ce que c’est ?

Der Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Denkens, ich spreche über die Geschichte, was ist das?

L’observation des astres.

Die Beobachtung der Sterne.

Qu’est-ce que c’est si ce n’est la constellation, c’est-à-dire le semblant typique ?

Was ist das anderes als die Konstellation, d..h. der typische Schein?51

Les pas premiers de la physique moderne, autour de quoi est-ce que ça tourne au départ ?

Die ersten Schritte der modernen Physik, worum drehen sie sich zu Beginn?

Non pas comme on le croit des éléments, car les éléments, les quatre enfin même si vous y ajoutez – la quintessence c’est déjà du discours, du discours philosophique, et comment !

Nicht, wie man glaubt, um Elemente, denn die Elemente, die vier52 – und selbst dann, wenn Sie die Quintessenz53 hinzufügen –, das gehört bereits zum philosophischen Diskurs, und wie!

C’est des météores !

Das dreht sich um die Meteore.54

Descartes fait un traité des météores.

Descartes schreibt eine Abhandlung über Meteore.55

Le pas décisif un des pas décisifs tourne autour de la théorie de l’arc-en-ciel.

Der entscheidende Schritt, einer der entscheidenden Schritte dreht sich um die Theorie des Regenbogens.

Et quand je parle d’un météore, c’est quelque chose qui se définit d’être qualifié comme tel d’un semblant.

Und wenn ich von einem Meteor spreche, so ist das etwas, was dadurch definiert ist, dass es als solches durch einen Schein charakterisiert ist.

Personne n’a jamais cru que l’arc-en-ciel même parmi les gens les plus primitifs que l’arc-en-ciel était une chose qui était là, courbée, dressée.

Niemand hat je geglaubt, dass der Regenbogen – nicht einmal bei den primitivsten Leuten –, dass der Regenbogen ein Ding wäre, das da ist, gebogen und aufgerichtet.

C’est en tant que météore qu’il est interrogé.

Er wird als Meteor befragt.

Le météore le plus caractéristique, le plus originel, celui dont il est hors de doute qu’il est lié à la structure même de tout ce qui est discours, c’est le tonnerre.

Der charakteristischste Meteor, der ursprünglichste, derjenige, bei dem nicht zu bezweifeln ist, dass er mit der Struktur von allem, was Diskurs ist, verbunden ist, das ist der Donner.

Si j’ai terminé mon Discours de Rome sur l’évocation du tonnerre, ce n’est pas absolument comme ça par fantaisie.

Wenn ich meine Rom-Rede mit der Anrufung des Donners beendet habe, dann absolut nicht einfach so, aus meiner Phantasie heraus.56

Il n’y a pas de Nom-du-Père tenable sans le tonnerre, dont tout le monde sait très bien qu’on ne sait même pas le signe de quoi c’est, le tonnerre.

Es gibt keinen haltbaren Namen-des-Vaters ohne den Donner57, wobei alle sehr gut wissen, dass man nicht einmal weiß, von was der Donner ein Zeichen ist.58

C’est la figure même du semblant.

Eben das ist die Gestalt des Scheins.

C’est en cela qu’il n’y a pas de semblant du discours.

Und insofern gibt es keinen Schein des Diskurses.59

Tout ce qui est discours ne peut que se donner en semblant, et rien ne s’y édifie qui ne soit à base de ce quelque chose qui s’appelle signifiant, qui dans la lumière où je vous le produis aujourd’hui, est identique à ce statut comme tel du semblant.

Alles, was Diskurs ist, kann sich nur von dem her als Schein geben, und nichts wird darauf aufgebaut, was nicht auf der Grundlage dessen ist, was Signifikant genannt wird, der in dem Licht, in dem ich ihn heute für Sie vorbringe, mit diesem Status des Scheins als solchem identisch ist.

D’un discours qui ne serait pas du semblant pour que ça fasse énoncé, il faut donc que d’aucune façon ce « du semblant » ne soit complétable de la | [16] référence de discours.

Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre – damit daraus eine Aussage wird, darf dieses vom Schein keinesfalls durch Bezug auf „Diskurs“ vervollständigt werden.60

C’est d’autre chose qu’il s’agit, du référent sans doute.

Es geht um etwas anderes, und zweifellos um den Referenten.

Contenez-vous un tout petit peu. [Gelächter]

Halten Sie sich ein ganz klein wenig zurück! [Gelächter]

Ce référent n’est pas probablement tout de suite l’objet, puisque justement ce que ça veut dire c’est que ce référent c’est justement lui qui se promène.

Dieser Referent ist wahrscheinlich nicht sogleich der Gegenstand, denn das bedeutet genau dies, dass es genau dieser Referent ist, der herumwandert.61

Le semblant dans lequel le signifiant62 est identique à lui-même, c’est un niveau du terme « semblant » , c’est le semblant dans la nature.

Der Schein, in dem der Signifikant mit sich selbst identisch ist63 – das ist eine Ebene des Ausdrucks „Schein“ – ist der Schein in der Natur.

Ce n’est pas pour rien que je vous ai rappelé qu’aucun discours qui évoque la nature n’a jamais fait que de partir de ce qui dans la nature est semblant, car la nature en est pleine.

Nicht ohne Grund habe ich Sie daran erinnert, dass kein Diskurs, der die Natur beschwört, jemals etwas anderes getan hat als von dem auszugehen, was in der Natur Schein ist, denn die Natur ist voll davon.

Je ne parle pas de la nature animale dont il est bien évident qu’elle en surabonde.

Ich spreche nicht von der tierischen Natur, bei der ganz offensichtlich ist, dass sie davon im Überfluss hat.

C’est même ce qui fait qu’il y a de doux rêveurs qui pensent que toute entière la nature animale, des poissons aux oiseaux, chante la louange divine.

Das ist genau das, was dazu führt, dass es sanfte Träumer gibt, die denken, dass die gesamte tierische Natur, von den Fischen bis zu den Vögeln, das Lob Gottes singt.64

Ça va de soi, chaque fois qu’ils ouvrent comme ça quelque chose une tête, une bouche, un opercule c’est un semblant manifeste, et rien nécessite ces béances.

Das versteht sich von selbst – jedes Mal, wenn sie, einfach so, etwas öffnen, einen Kopf, einen Mund, einen Kiemendeckel, ist das ein manifester Schein, und nichts macht dieses Aufklaffen notwendig.

Quand nous entrons dans quelque chose dont l’efficace n’est pas tranché pour la simple raison que nous ne savons pas comment ça s’est fait qu’il y ait eu, si je puis dire, accumulation de signifiants, car les signifiants – hein, je vous le dis – sont répartis dans le monde, dans la nature, il y en a à la pelle.

Wenn wir in etwas eintreten, dessen Wirksamkeit (efficace) nicht geklärt ist, aus dem einfachen Grunde, dass wir nicht wissen, wie es gekommen ist, dass hier, wenn ich so sagen darf, eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat65, denn die Signifikanten, Achtung, ich sag’s Ihnen, sind in der Welt verbreitet, in der Natur gibt es sie haufenweise.

Pour que naisse le langage c’est déjà quelque chose d’amorcer ça ! pour que naisse le langage il a fallu que quelque part s’établisse ce quelque chose que je vous ai déjà indiqué à propos du pari : c’était le pari de Pascal, nous ne nous en souvenons, supposer ceci, l’ennuyeux c’est que ça suppose déjà le fonctionnement du langage.

Damit die Sprache entsteht, das ist schon was, das in Gang zu setzen!, damit die Sprache entsteht, musste irgendwo das eingerichtet werden, worauf ich Sie bereits anlässlich der Wette hingewiesen habe – da ging’s um Pascals Wette, wir erinnern uns nicht mehr daran66 –, wenn man das annimmt, ist das Ärgerliche, dass dies das Funktionieren der Sprache bereits voraussetzt.

Parce qu’il s’agit de l’inconscient, l’inconscient et son jeu, ça veut dire que parmi les nombreux signifiants qui courent le monde, il va y avoir en plus le corps morcelé.

Da es um das Unbewusste geht, das Unbewusste und sein Spiel, bedeutet das, dass es unter den zahlreichen Signifikanten, die in der Welt in Umlauf sind, darüber hinaus den zerstückelten Körper geben wird.67

 

Il y a quand même des choses qui… dont on peut partir en pensant qu’elles existent déjà, elles existent déjà dans un certain fonctionnement où nous ne serions pas forcés de considérer l’accumulation du signifiant.

Gleichwohl gibt es Dinge, die –, von denen man ausgehen kann, indem man denkt, dass sie bereits existieren, sie existieren bereits in einem bestimmten Funktionieren, bei dem wir nicht gezwungen wären, die Akkumulation des Signifikanten zu berücksichtigen.

C’est les histoires de territoire.

Das sind die Geschichten über das Territorium.

Si le signifiant « votre bras droit » va dans le territoire du voisin faire une cueillette c’est des choses qui arrivent tout le temps naturellement votre voisin saisit votre signifiant « bras droit » et vous le re-balance par-dessus la chose mitoyenne, c’est ce que vous appelez curieusement « projection », c’est une façon de s’entendre. [Gelächter]

Wenn der Signifikant „Ihr rechter Arm“68 im Territorium Ihres Nachbarn etwas erntet – solche Dinge geschehen fortwährend –, dann ergreift Ihr Nachbar natürlich Ihren Signifikanten „rechter Arm“ und wirft ihn Ihnen über den Zaun wieder zurück, das ist das, was Sie sonderbarerweise „Projektion“ nennen69, das ist eine Art und Weise, sich zu verstehen. [Gelächter]

C’est d’un phénomène comme ça qu’il faudrait partir.

Von einem solchen Phänomen sollte man ausgehen.70

Si votre bras droit chez votre voisin n’était pas entièrement occupé à la cueillette, des pommes par exemple, s’il était resté tranquille, il est assez probable que votre | [17] voisin l’aurait adoré.

Wenn Ihr rechter Arm im Garten Ihres Nachbarn nicht völlig mit dem Ernten beispielsweise von Äpfeln beschäftigt gewesen wäre, wenn er ruhig geblieben wäre, dann ist ziemlich wahrscheinlich, dass Ihr Nachbar ihn angebetet hätte.

C’est l’origine du signifiant-maître: un bras droit, le sceptre.

Das ist der Ursprung des Herrensignifikanten: ein rechter Arm, das Szepter.

Le signifiant-maître, ça ne demande qu’à commencer comme ça, tout au début.

Der Herrensignifikant, dafür ist nur erforderlich, dass man auf diese Weise beginnt, ganz am Anfang.

Il en faut malheureusement un peu plus, c’est un schéma pas très satisfaisant.

Unglücklicherweise braucht es etwas mehr; das ist kein sehr befriedigendes Schema.

En plus ça vous donne le sceptre.

Darüber hinaus liefert es Ihnen das Szepter.

Tout de suite vous voyez la chose se matérialiser comme signifiant.

Sofort sehen Sie, wie die Sache sich als Signifikant materialisiert.

Le procès de l’histoire se montre, d’après tous les témoignages de ce qu’on a, un tout petit peu plus compliqué.

Der Prozess der Geschichte stellt sich – nach allen Zeugnissen, soweit wir sie haben – als ein ganz klein wenig komplizierter dar.

Il est certain que la petite parabole celle par laquelle j’avais commencé d’abord, n’est-ce pas le bras qui vous est re-renvoyé d’un territoire à l’autre c’est pas forcé que ce soit votre bras qui vous revienne [Gelächter], parce que les signifiants c’est pas individuel, on ne sait pas lequel est à qui.

Es ist gewiss, dass die kleine Parabel, diejenige, mit der ich zunächst angefangen hatte, nicht wahr, der Arm, der Ihnen vom einen Territorium zum anderen wieder zurückgeschickt wird, es ist nicht zwangsläufig so, dass es Ihr Arm ist, der zu Ihnen zurückkommt [Gelächter], denn die Signifikanten sind nicht individuell, man weiß nicht, welcher wem gehört.

Alors voyez-vous, là nous entrons dans une espèce de… d’autre jeu originel quant au… à la fonction du hasard, que celui d‘œdipe.

Also sehen Sie, hier treten wir in eine Art von anderem Ursprungsspiel ein, bezogen auf die Funktion des Zufalls, anders als das des Ödipuskomplexes.

Vous faites un monde, pour l’occasion disons un schéma : un support divisé comme ça en un certain nombre de cellules territoriales.

Sie schaffen eine Welt – in diesem Fall sagen wir: ein Schema –, eine Stütze, die auf diese Weise in eine bestimmte Anzahl von Territorialzellen aufgeteilt ist.71

Cela se passe à un certain niveau, celui où il s’agit de produire, où il s’agit de comprendre un peu ce qui s’est passé.

Das geschieht auf einem bestimmten Niveau, demjenigen, auf dem es darum geht, vorzubringen, auf dem es darum geht, das, was geschehen ist, ein wenig zu begreifen.

Après tout, non seulement on peut recevoir un bras qui n’est pas le sien par ce processus d’expulsion que vous avez appelé on ne sait pourquoi « projection », si ce n’est que ça vous est projeté, bien sûr non seulement un bras qui n’est pas le vôtre, mais plusieurs autres bras.

Letztlich kann man nicht nur einen Arm erhalten, der nicht der eigene ist – durch diesen Prozess der Ausstoßung, den Sie, man weiß nicht warum, „Projektion“ genannt haben, außer natürlich, weil Ihnen das zugeworfen/projiziert wird –, nicht nur einen Arm, der nicht der Ihre ist, sondern mehrere andere Arme.

Alors à partir de ce moment-là, cela n’a plus d’importance que ce soit le vôtre ou que ce ne soit pas le vôtre.

Nun, von diesem Moment an ist es nicht mehr wichtig, ob es Ihrer ist oder ob es nicht Ihrer ist.

Mais enfin comme après tout, de l’intérieur d’un territoire, on ne connaît que ses propres frontières, et qu’on n’est pas forcé de savoir que sur cette frontière il y a six autres territoires, on balance ça un petit peu comme on peut, et alors il se peut que [dans ces]72 territoires il y en ait une pluie.

Aber nun ja, da man vom Inneren eines Territoriums aus letztlich nur dessen eigene Grenzen kennt und man nicht genötigt ist, zu wissen, dass hinter dieser Grenze sechs weitere Territorien liegen, schleudert man das ein klein bisschen so, wie man’s grad kann, und dann kann es passieren, dass es davon <in diesen> Territorien einen Regen gibt.73

L’idée du rapport qu’il peut y avoir entre le rejet de quelque chose et la naissance de ce que je vous appelais tout à l’heure le signifiant-maître est certainement une idée à retenir.

Die Idee, dass es eine Beziehung geben kann zwischen der Zurückweisung von etwas und der Entstehung dessen, was ich Ihnen eben als Herrensignifikanten bezeichnet habe, ist sicherlich eine Idee, die man festhalten sollte.74

Mais pour qu’elle prenne tout son prix, il faut certainement qu’il y ait eu, comme ça, par un processus de hasard, en certains points accumulation de signifiants.

Damit sie aber ihren vollen Wert annimmt, ist es sicherlich nötig, dass so, durch einen Zufallsprozess, an bestimmten Punkten eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat.

À partir de là, peut se concevoir quelque chose qui soit la naissance d’un langage.

Von da aus kann etwas begriffen werden, was die Entstehung einer Sprache wäre.

Ce que nous voyons à proprement parler s’édifier comme premier mode de supporter dans l’écriture ce qui sert de langage, en donne en tout cas une certaine idée.

Das, was wir als ersten Modus sehen, was im strengen Sinne aufgebaut wird, um das, was als Sprache dient, durch die Schrift zu unterstützen, gibt davon jedenfalls eine gewisse Vorstellung.

Chacun sait que la lettre « A » est une tête de taureau renversée et qu’un certain nombre d’éléments comme celui-là, mobiliers, laissent encore leur trace.

Tier und Schrift

Protosinaitische und protophönizische Zeichen[note]Aus: James G. Février: Histoire de l’écriture. Payot, Paris 1948, S. 196; aus Version Staferla von Seminar 18.[/note]

Jeder weiß, dass der Buchstabe A ein umgedrehter Stierkopf ist, und dass eine bestimmte Anzahl von ähnlichen beweglichen Elementen noch ihre Spuren hinterlassen haben.75

Ce qui est important, c’est de ne pas aller trop vite et de voir où continuent de rester les trous.

Es ist wichtig, nicht zu schnell vorwärtszugehen und zu sehen, wo weiterhin Löcher bleiben.

Par exemple, il est bien évident que le départ | [18] de cette esquisse était déjà lié à quelque chose de marquant le corps d’une possibilité d’ectopie et de « balade », qui évidemment reste problématique.

Beispielsweise ist ganz offensichtlich, dass der Ausgangspunkt dieser Skizze bereits mit etwas verbunden war, was den Körper mit einer Möglichkeit der Ektopie76 und des „Ausflugs“ markierte, die offenkundig problematisch bleibt.77

Mais après tout, là encore, tout est toujours là.

Aber alles in allem ist auch hier noch immer alles da.

Nous avons enfin, c’est un point très sensible que nous pouvons encore contrôler tous les jours – il y a pas très longtemps, encore cette semaine, quelque chose : une très jolie photo d’un journal dont certainement tout le monde s’est délecté.

Wir hatten – das ist schließlich ein sehr empfindlicher Punkt, den wir noch täglich überprüfen können – vor gar nicht langer Zeit, noch in dieser Woche, etwas, ein sehr schönes Photo einer Zeitung, an dem sich sicherlich alle ergötzt haben.

Les possibilités de l’exercice du découpage de l’être humain, sur l’être humain sont tout à fait impressionnantes, c’est de là que tout est parti.

Die Möglichkeiten, das Zerschneiden eines menschlichen Wesens auf einem menschlichen Wesen zu vollziehen, sind absolut beeindruckend, von da ist alles ausgegangen.

Il reste un autre trou.

Es bleibt ein weiteres Loch.

Vous le savez on s’est cassé la tête, on a bien fait la remarque que Hegel c’est très joli mais qu’il y a quand même quelque chose qu’il n’explique pas, il explique la dialectique du maître et de l’esclave, mais il n’explique pas qu’il y ait une société de maîtres.

Wie Sie wissen, hat man sich den Kopf darüber zerbrochen, man hat ja die Bemerkung gemacht, dass das bei Hegel alles sehr schön ist, dass es aber dennoch etwas gibt, was er nicht erklärt. Er erklärt die Dialektik von Herr und Knecht, aber er erklärt nicht, warum es eine Gesellschaft von Herren gibt.

Il est tout à fait clair que ce que je viens de vous expliquer est certainement intéressant en ceci : que par le seul jeu de la projection, de la rétorsion, il est clair qu’au bout d’un certain nombre de coups, il y aura certainement, je dirais, une moyenne de signifiants plus importante dans certains territoires que dans d’autres.

Es ist völlig klar, dass das, was ich Ihnen eben erklärt habe, sicherlich insofern interessant ist, als allein schon durch das Spiel der Projektion und der Retorsion78 klar ist, dass es am Ende einer bestimmten Anzahl von Zügen sicherlich, möchte ich sagen, in einigen Territorien einen Signif­ikantendurchschnitt geben wird, der höher ist als in anderen.79

Mais enfin il reste encore à voir comment ces signifiants vont pouvoir dans un territoire en quelque sorte faire société de signifiants.

Es bleibt jedoch noch zu sehen, wie diese Signifikanten in einem Territorium gewissermaßen eine Signifikantengesellschaft werden bilden können.80

Il convient de ne jamais laisser dans l’ombre ce qu’on n’explique pas, sous prétexte que l’on a réussi à donner un petit commencement d’explication.

Man sollte niemals das, was man nicht erklärt, im Schatten lassen, unter dem Vorwand, dass es einem ja gelungen ist, einen kleinen Erklärungsansatz zu liefern.

Quoi qu’il en soit, l’énoncé de notre titre de cette année, D’un discours qui ne serait pas du semblant, concerne quelque chose qui a affaire avec une économie.

Wie auch immer, die Aussage unseres Titels von diesem Jahr, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, betrifft etwas, das mit einer Ökonomie zu tun hat.

Ici le « du semblant », nous tairons « à lui-même », il n’est pas semblant d’autre chose, il est à prendre au sens du génitif objectif, il s’agit du semblant comme objet propre dont se règle l’économie du discours.

Hier das „vom Schein“ – wir sagen nicht „für ihn selbst“, es ist nicht Schein von etwas anderem, es ist im Sinne des Genitivus objectivus zu nehmen, es geht um den Schein als ein eigenes Objekt, von dem her die Ökonomie des Diskurses geregelt wird.81

Est-ce que nous allons dire que c’est aussi un génitif subjectif ?

Werden wir sagen, dass es auch ein Genitivus subjectivus ist?82

Est-ce que le « du semblant » concerne aussi ce qui tient le discours ?

Bezieht sich das „vom Schein“ auch auf das, was den Diskurs hält?

Seul le mot « subjectif » est ici à repousser, pour la simple raison que le sujet n’apparaît qu’une fois instaurée quelque part cette liaison des signifiants, qu’un sujet ne saurait être produit que de l’articulation signifiante, qu’un sujet comme tel ne maîtrise jamais en aucun cas cette articulation mais en est à proprement parler déterminé.

Nur das Wort „subjektiv“ ist hier zurückzuweisen, aus dem einfachen Grunde, weil das Subjekt nur erscheint, wenn irgendwo diese Signifikantenverbindung eingerichtet ist, weil ein Subjekt nur das Produkt der Signifikantenverknüpfung sein kann83, weil ein Subjekt als solches niemals, in keinem Fall, diese Artikulation beherrscht, sondern davon im eigentlichen Sinne determiniert ist.84

Un discours, de sa nature, fait semblant, comme on peut dire « qu’il fait florès » ou « qu’il fait léger » ou « qu’il fait chic ».

Ein Diskurs macht, seiner Natur nach, Schein, so wie man sagen kann, qu’il fait florès85 (dass es zum Leuchten bringt86), oder qu’il fait léger (dass es locker wirkt, leicht aussieht) oder qu’il fait chic (dass es was hermacht, chic wirkt).

Si ce qui s’énonce de parole est justement vrai d’être toujours très authentiquement ce qu’elle est, au niveau où nous sommes de l’objectif et de l’articulation, c’est donc très préciséent comme objet de ce qui se produit dans le discours que le semblant se pose.

Wenn das, was an Sprechen geäußert wird, genau deshalb wahr ist, weil es immer ganz authentisch das ist, was es ist, auf der Ebene, auf der wir sind, des Objektiven und der Artikulation, dann tritt der Schein also genau als Objekt dessen auf, was im Diskurs produziert wird.

D’où le caractère à proprement parler | [19] insensé de ce qui s’articule.

Von daher der, streng gesagt, sinnlose Charakter dessen, was artikuliert wird.

Mais il faut dire que c’est bien là que se révèle ce qu’il en est de la richesse du langage, à savoir qu’il détient une logique qui dépasse de beaucoup tout ce que nous arrivons à en cristalliser, à en détacher.

Man muss jedoch sagen, dass eben da enthüllt wird, was es mit dem Reichtum der Sprache auf sich hat, dass sie nämlich eine Logik enthält, die weit hinausgeht über alles, was uns gelingt, aus ihr herauszukristallisieren, herauszulösen.87

J’ai employé la forme hypothétique, D’un discours qui ne serait pas du semblant.

Ich habe die hypothetische Form verwendet, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

Chacun sait les développements qu’a pris après Aristote la logique, de mettre l’accent sur la fonction hypothétique.

Jeder kennt die Entwicklungen, die die Logik nach Aristoteles genommen hat, dass sie die Betonung auf die hypothetische Funktion gelegt hat.88

Tout ce qui s’est articulé… de donner la valeur « Vrai » ou « Faux » à l’articulation de l’hypothèse, et à combiner ce qui en résulte de l’implication d’un terme, à l’intérieur de cette hypothèse, comme étant signalé comme Vrai.

Alles, was artikuliert wird, indem der Artikulation der Hypothese89 der Wert Wahr oder Falsch zugeordnet wird, und indem die Schlussfolgerung gezogen wird, die sich daraus ergibt, dass ein bestimmter Term im Inneren dieser Hypothese als wahr angezeigt wird.

C’est l’inauguration de ce qu’on appelle le modus ponens et bien d’autres modes encore.

Das ist die Einsetzung dessen, was man den Modus ponens nennt sowie vieler anderer Modi.90

Chacun sait ce qu’on en a fait.

Jeder weiß, was daraus gemacht worden ist.91

Il est frappant qu’au moins à ma connaissance, jamais personne nulle part n’ait individualisé la ressource que comporte l’usage de cet hypothétique sous la forme négative.

Es ist verblüffend, dass, zumindest meiner Kenntnis nach, niemals irgendjemand irgendwo die Ressource zu einem eigenen Gegenstand gemacht hat, die die Verwendung dieser Hypothese in negativer Form mit sich führt.92

Chose frappante, si l’on se réfère par exemple à ce qui en est recueilli dans mes Écrits, quand quelqu’un à l’époque, à l’époque héroïque où je commençais de défricher le terrain de l’analyse, quand quelqu’un venait contribuer au déchiffrage de la Verneinung.

Eine verblüffende Sache, wenn man sich beispielsweise auf das bezieht, was dazu in meine Schriften aufgenommen wurde, als jemand – zu der Zeit, in der heroischen Zeit, als ich anfing, das Terrain der Analyse urbar zu machen –, als es jemandem gelang, zur Entzifferung der Verneinung*93 einen Beitrag zu leisten.94

Encore qu’à commenter Freud lettre à lettre, il s’aperçut fort bien Freud le dit en toutes lettres que la Bejahung ne comporte qu’un jugement d’attribution, en quoi Freud vraiment marque une finesse et une compétence tout à fait exceptionnelles à l’époque où il écrit ceci, car seuls quelques logiciens de diffusion modeste pouvaient, à la même époque, l’avoir souligné …jugement d’attribution qui ne préjuge en rien de l’existence.

¿ Obgleich ¿ er Freud Buchstabe für Buchstabe kommentierte, hat er sehr gut wahrgenommen, Freud sagt das sehr deutlich, dass die Bejahung* nur ein Attributionsurteil enthält – worin Freud wirklich eine Finesse und eine Kompetenz an den Tag legt, die zu der Zeit, als er das schrieb, völlig außergewöhnlich war, denn nur einige Logiker von bescheidener Verbreitung konnten das zu dieser Zeit herausgearbeitet haben –, ein Attributionsurteil, das kein Urteil über die Existenz vorwegnimmt.95

La seule position d’une Verneinung implique l’existence de quelque chose qui est très précisément ce qui est nié.

Einzig das Setzen einer Verneinung* impliziert die Existenz von etwas, nämlich genau dessen, was negiert wird.96

Un discours qui ne serait pas du semblant pose que le discours comme je viens de l’énoncer est du semblant.

Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, behauptet, dass der Diskurs, wie ich eben geäußert habe, vom Schein ist.

Ce qui a un grand avantage de le poser ainsi, c’est qu’on ne dit pas du semblant de quoi.

Wenn man das so formuliert, hat das den großen Vorteil, dass man nicht sagt, vom Schein von was.

Or c’est là bien sûr c’est là ce autour de quoi se proposent d’avancer nos énoncés, c’est de savoir de quoi il s’agit, là où ce ne serait pas du semblant.

Nun, natürlich liegt da der Punkt, um den herum wir vorhaben, unsere Aussagen vorzubringen, nämlich zu wissen, worum es dort geht, wo es nicht vom Schein wäre.

Bien sûr le terrain est préparé d’un pas singulier et timide qui est celui que Freud a fait dans l’Au-delà du principe du plaisir.

Natürlich ist das Gelände vorbereitet, durch einen einzigartigen und zaghaften Schritt, nämlich denjenigen, den Freud in Jenseits des Lustprinzips getan hat.

Je ne veux ici parce que je ne peux pas en faire plus qu’indiquer le nœud que forment dans ces énoncés la répétition et la jouissance.

Ich will hier – da ich mehr jetzt nicht tun kann – nur auf den Knoten hinweisen, den in diesen Aussagen die Wiederholung und das Genießen bilden.97

C’est en fonction de ceci que la répétition va contre le principe du plaisir qui, je dirai, ne s’en relève pas.

Davon ist abhängig, dass die Wiederholung dem Lustprinzip zuwiderläuft, das sich davon, möchte ich sagen, nicht wieder erholt.98

L’hédonisme ne peut, à la lumière de l’expérience analytique, que rentrer dans ce qu’il est, à savoir un mythe philosophique, j’entends : un mythe d’une classe parfaitement définie.

Im Lichte der analytischen Erfahrung kann der Hedonismus nur wieder zu dem zurückkehren, was er ist, nämlich ein philosophischer Mythos, ich meine ein Mythos einer streng definierten Klasse.

C’est une thèse, et je l’ai | [20] énoncée l’année dernière, de l’aide qu’ils [les philosophes] ont apportée à un certain procès du maître, en permettant au discours du maître comme tel, d’édifier un savoir; ce savoir est savoir de maître.

Das ist eine These, und ich habe sie letztes Jahr geäußert, über die Hilfe, die sie, die Philosophen, bei einem bestimmten Prozess des Herrn geleistet haben, indem sie es dem Diskurs des Herrn als solchem ermöglicht haben, ein Wissen aufzubauen; dieses Wissen ist Wissen des Herrn.99

 

Ce savoir a supposé, puisque le discours philosophique en porte encore la trace, l’existence en face du maître d’un autre savoir dont –.

Dieses Wissen hat angesichts des Herrn – denn der philosophische Diskurs trägt noch die Spur davon – die Existenz eines anderen Wissens unterstellt, wovon –.

Dieu merci, le discours philosophique n’a pas disparu sans avoir épinglé avant qu’il devait y avoir un rapport entre ce savoir et la jouissance.

Gott sei Dank ist der philosophische Diskurs nicht verschwunden, ohne zuvor festgehalten zu haben, dass es zwischen diesem Wissen und dem Genießen eine Beziehung geben müsste.

Celui qui a ainsi clos le discours philosophique Hegel pour le nommer bien sûr ne voit que la façon dont, par le travail, l’esclave arrivera à accomplir quoi ? rien d’autre que le savoir du maître.

Derjenige, der den philosophischen Diskurs so abgeschlossen hat – Hegel, um seinen Namen zu nennen –, sieht natürlich nur die Art und Weise, in der es dem Knecht durch die Arbeit gelingen wird, was zu vollenden? Nichts anderes als das Wissen des Herrn.100

Mais qu’introduit, qu’introduit de nouveau ce que j’appellerai « l’hypothèse freudienne » ?

Aber was führt das, was ich „die Freud’sche Hypothese“ nennen werde, was führt sie an Neuem ein?

C’est sous une forme extraordinairement prudente, mais tout de même syllogistique, ceci.

Das ist, in einer außergewöhnlich vorsichtigen, aber gleichwohl syllogistischen Form, das Folgende:

Si nous appelons principe du plaisir ceci : que toujours de par le comportement du vivant, il est revenu à un niveau qui est celui de l’excitation minimale, et ceci règle son économie, s’il s’avère que la répétition s’exerce de façon telle qu’une jouissance dangereuse, qu’une jouissance qui outrepasse cette excitation minimale, soit ramenée, est-il possible c’est sous cette forme que Freud énonce la question qu’il soit pensé que la vie prise elle-même dans son cycle c’est une nouveauté au regard du monde qui ne la comporte pas universellement que la vie comporte cette possibilité de répétition qui serait le retour à ce monde en tant qu’il est semblant?

Wenn wir „Lustprinzip“ dies nennen, dass das Lebendige durch sein Verhalten beständig auf ein Niveau zurückgekommen ist, welches das der minimalen Erregung ist und dass hierdurch seine Ökonomie reguliert wird, und wenn sich erweist, dass die Wiederholung auf eine Weise operiert, die dazu führt, dass ein gefährliches Genießen zurückgebracht wird, ein Genießen, das diese minimale Erregung übersteigt, ist es dann möglich – in dieser Form äußert Freud die Frage –, dass man annimmt, dass das Leben, in seinem Zyklus erfasst – das [Leben] ist etwas Neues bezogen auf die Welt, die das nicht universal enthält –, dass das Leben diese Möglichkeit der Wiederholung enthält, die die Rückkehr zu dieser Welt wäre, insofern sie Schein ist?

Je peux vous faire remarquer par un graphique au tableau que ceci comporte, au lieu d’une suite de courbes d’excitation ascendante et descendante, toutes confinant à une limite, qui est une limite supérieure : la possibilité d’une intensité d’excitation qui peut aussi bien aller à l’infini, ce qui est conçu comme jouissance ne comportant de soi en principe d’autre limite que ce point de tangence inférieur : ce point que nous | [21] appellerons « suprême » en donnant son sens propre à ce mot, qui veut dire le point le plus bas d’une limite supérieure, de même qu’« infime » est le point le plus haut d’une limite inférieure, la cohérence donnée du point mortel dès lors conçu, sans que Freud le souligne, comme une caractéristique de la vie.

Grafik A

Aufsteigende und abfallende Kurven, die an eine obere Grenze heranführen

Grafik B

Niedrigster Punkt einer oberen Grenze (suprem)

Mit einer Graphik an der Tafel kann ich Ihnen zeigen, dass dies umfasst – anstatt einer Folge von aufsteigenden und abfallenden Erregungskurven, die alle an eine Grenze herangehen, die eine obere Grenze ist –, dass dies die Möglichkeit einer Erregungsintensität umfasst, die auch bis ins Unendliche gehen kann, wobei das, was als Genießen aufgefasst wird, in sich selbst im Prinzip keine andere Grenze enthält als diesen unteren Tangentialpunkt, diesen Punkt, den wir „suprem“ nennen werden, indem wir diesem Wort seinen eigentlichen Sinn geben, der den niedrigsten Punkt einer oberen Grenze bedeutet – so wie „infim“ der höchste Punkt einer unteren Grenze ist –, die Kohärenz, die von dem tödlichen Punkt gegeben wird, der von da an, ohne dass Freud das hervorhebt, als ein Charakteristikum des Lebens aufgefasst wird.101

Mais à la vérité ce à quoi on ne songe pas est en effet ceci : c’est qu’on confond ce qui est de la non-vie et qui est loin fichtre de ne pas remuer, ce « silence éternel des espaces infinis » qui sidérait Descartes [Pascal] : ils parlent, ils chantent, ils se remuent de toutes les façons à nos regards maintenant.

Aber in Wahrheit ist das, woran man nicht denkt, tatsächlich dies, nämlich dass man das mit dem verwechselt, was zum Nicht-Leben gehört und was weit davon entfernt ist – Achtung! –, sich nicht zu bewegen, dieses „ewige Schweigen der unendlichen Räume“, das Descartes [Pascal] in Erstaunen versetzte – sie sprechen, sie singen, sie bewegen sich auf jede Weise, jetzt, für unsere Blicke.102

Le monde dit inanimé n’est pas la mort.

Die sogenannte unbelebte Welt ist nicht der Tod.

La mort est un point, est désignée comme un point-terme – comme un point-terme de quoi ? de la jouissance de la vie.

Der Tod ist ein Punkt, wird als ein Endpunkt bezeichnet, als ein Endpunkt von was? des Genießens des Lebens.

C’est très précisément ce qui est introduit par l’énoncé freudien, celui que nous qualifierons de l’hyper-hédonisme, si je puis m’exprimer de cette façon.

Das ist sehr genau das, was durch die Freud’sche Aussage eingeführt wird, durch diejenige, die wir als Hyper-Hedonismus qualifizieren werden, wenn ich mich auf diese Weise ausdrücken darf.

Qui ne voit pas que l’économie même celle de la nature est toujours un fait de discours, celui-là ne peut saisir que ceci indique qu’il ne saurait s’agir ici de la jouissance qu’en tant qu’elle est elle-même non seulement « fait » mais « effet de discours ».

Wer nicht sieht, dass die Ökonomie103 – selbst diejenige der Natur – immer ein Diskursfaktum ist, der kann nicht erfassen, dass dies darauf verweist, dass es sich hier um das Genießen nur insofern handeln kann, als es nicht nur ein Fakt (fait), sondern ein Effekt (effet) ist, ein Diskurseffekt.

Si quelque chose qui s’appelle l’inconscient peut être mi-dit comme structure langagière, c’est pour qu’enfin nous apparaisse le relief de cet « effet de discours » qui jusque-là nous paraissait comme impossible, à savoir le plus-de-jouir.

Wenn etwas, was das Unbewusste heißt, als Sprachstruktur halbgesagt werden kann, dann deshalb, damit uns schließlich die Konturen dieses Diskurseffekts erscheinen, der uns bis dahin als unmöglich erschien, nämlich die Mehrlust.

Est-ce à dire pour suivre une de mes formules qu’en tant que c’était comme impossible qu’il fonctionnait comme réel ?

Heißt das – um an eine meiner Formeln anzuschließen –, dass sie, insofern es wie unmöglich war, als Reales funktionierte?104

J’ouvre la question, car à la vérité rien n’implique que l’irruption du discours de l’inconscient tout balbutiant qu’il reste implique quoi que ce soit, dans ce qui le précédait, qui fut soumis à sa structure.

Ich werfe die Frage auf, denn in Wahrheit impliziert nichts, dass der Einbruch des Diskurses des Unbewussten – so stammelnd er bleibt – irgendetwas impliziert, in dem, was ihm vorausging, was seiner Struktur unterworfen war.105

Le discours de l’inconscient est une émergence, c’est l’émergence d’une certaine fonction du signifiant.

Der Diskurs des Unbewussten ist eine Emergenz, er ist die Emergenz einer bestimmten Funktion des Signifikanten.

Qu’il existât jusque-là comme enseigne, c’est bien en quoi je vous l’ai mis au principe du semblant.

Dass er, der Signifikant, bis dahin als Anzeichen (enseigne) existierte, unter diesem Aspekt habe ich ihn vor Ihnen an den Ursprung des Scheins gesetzt.106

Et les conséquences de son émergence, c’est cela qui doit être introduit pour que quelque chose change – qui ne peut pas changer, car ce n’est pas du possible.

Und die Konsequenzen seiner Emergenz, das ist das, was eingeführt werden muss, damit sich etwas verändert – was sich nicht verändern kann, denn das gehört nicht zum Möglichen.

C’est au contraire de ce qu’un discours se centre de son effet comme impossible qu’il aurait quelque chance d’être un discours qui ne serait pas du semblant.

Wenn hingegen ein Diskurs dadurch zentriert wird, dass seine Wirkung etwas Unmögliches ist, hätte er eine gewisse Chance, ein Diskurs zu sein, der nicht vom Schein wäre.107

Paraphrase mit Erläuterungen und Fragen

Schwarze Schrift: Paraphrase
Grüne Schrift: meine Erläuterungen
Grün unterlegte Schrift: meine Fragen
Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift, z.B. [11]: die entsprechenden Seiten von Millers Ausgabe des Seminars

Das Seminar hat den Titel „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ (D’un discours qui ne serait pas du semblant), und in dieser Sitzung erläutert Lacan die Bestandteile des Titels sowie den Titel insgesamt. Die Elemente des Titels, die er erläutert,  „Über einen Diskurs“, „Diskurs“, „Schein“, „vom Schein“, „nicht wäre“. Eingeschoben ist eine Parabel über die Entstehung der Sprache des Unbewussten aus dem Schein – aus einer Himmelserscheinung. Am Schluss erläutert Lacan, wo er hier an Freud anknüpft, und er gibt eine erste Definition, was das wäre: ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre.

Die Erläuterung des Titels verbindet Lacan damit, dass er, wie häufig in der ersten Sitzung eines Seminars, einen gerafften Überblick über seine Theorie gibt – für einen fiktiven Adresssaten, der zum ersten Mal eine Lacan-Vorlesung hört und der in der Lage wäre, Lacans Andeutungen zu folgen.

Der Text ist also doppelt gegliedert: auf der Ebene des Titel und auf der Ebene der übrigen Grundbegriffe.

Titel Begriffe
„Über einen Diskurs“
„Diskurs“
Gespaltenes Subjekt ($)
Intersignifikanz (S1 → S2)
(Gepresste) Mehrlust (a)
Artefakt
„Schein“ Wahrheit und Lüge
„Ich“ (je), Signifikant an sich selbst
Zeichen, Anzeichen (enseigne)
Nicht Schein: der Referent
(Parabel von der Entstehung der Sprache) Herrensignifikant (S1),

Signifikantenakkumulation (S2)

„vom Schein“  
„nicht wäre“ Negation
Existenzbehauptung („Es gibt“)
„Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ Wissen und Genießen
Mehrlust (a) als unmöglich
Das Unmögliche als Zentrum des Diskurses

„Diskurs“

Die vier Diskurse

„Über einen Diskurs“

[9] Lacans erster Satz in diesem Seminar lautet: „Über einen Diskurs – es ist nicht meiner, um den es geht.“ [Der Diskurs, um den es gehen wird, ist nicht der von Lacan als Autor. Das ist vielleicht eine Anspielung auf die Subjektspaltung; das Subjekt wäre in diesem Fall gespalten zwischen dem Diskurs, der nicht der seine ist, und dem Subjekt als ein Fehlen, als das, was darin nicht repräsentiert ist.]

„Diskurs“

Für den Begriff „Diskurs“ verweist er auf das vorangegangene Seminar, Die Kehrseite der Psychoanalyse (Seminar 17 von 1969/70). Ein Diskurs besteht demnach aus vier Plätzen, auf denen vier Terme rotieren; die Terme sind S1, S2, a und $ [die Plätze werden von Lacan in dieser Sitzung nicht erläutert].

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleiner

[Durch die Rotation ergeben sich vier Diskurse, Lacan nennt sie „Diskurs des Herrn“, „Diskurs der Universität“, „Diskurs des Psychoanalytikers“ und „Diskurs der Hysterikerin“.] Warum gibt es genau vier Rotationsphasen? Lacan wirft die Frage auf und lässt sie offen.

[In Seminar 4 hatte Lacan gesagt, das elementare, grundlegende Spiel des Signifikanten sei die Permutation.108 In Seminar 5 referiert Lacan Roman Jakobsons These, wonach man mindestens vier Signifikanten benötigt, damit die elementaren Bedingungen für eine linguistische Analyse gegeben sind.109 Da die vier Terme eine festgelegte Reihenfolge haben, ergeben sich durch die Rotation zwangsläufig vier Diskurse. Die eigentliche Frage ist also, warum die Reihenfolge der Terme festgelegt ist.]

Lacan hatte dieses Diskurskonzept entwickelt, um die „Kehrseite der Psychoanalyse“ darzustellen. Er betont, dass er darunter keineswegs den Diskurs des Herrn versteht, sondern die eigene Verwindung des Diskurses der Psychoanalyse [ich nehme an: die Beziehung zwischen den beiden unteren Plätzen in diesem Diskurs, S1 und S2]. [In Seminar 17 hingegen hatte er ausdrücklich erklärt, der Diskurs des Herrn sei die Kehrseite des Diskurses der Psychoanalyse.110] Die Beziehung zwischen der Vorderseite [vermutlich: den oberen beiden Plätzen, der bewussten Seite] und der Rückseite oder Kehrseite der Psychoanalyse [den unteren beiden Plätzen, der unbewussten Seite] ist als Möbiusband aufzufassen, das heißt, man gelangt von der einen Seite zur anderen, ohne dabei einen Rand zu überschreiten. [Seit Seminar 9, Die Identifizierung, ist das Möbiusband für Lacan die Oberfläche, die das gespaltene Subjekt repräsentiert: man gelangt vom  Bewussten zum Unbewussten, ohne einen Rand überwinden zu müssen.] | [10] Hierfür hatte Lacan, so sagt er, an das Konzept der zweifachen Niederschrift angeknüpft, wie Freud es entwickelt hatte. [Das Konzept der zweifachen Niederschrift bezieht sich bei Freud auf das Verhältnis zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Lacan repräsentiert die zweifache Niederschrift (ebenfalls seit Seminar 9) durch die sogenannte Innenacht als Linie auf dem Möbiusband.]

Gespaltenes Subjekt als Effekt der Intersignifikanz

Lacan gibt eine negative Bestimmung des Begriffs „Diskurs“: Ein Diskurs ist nicht von seinem Bezug auf ein Subjekt her aufzufassen. Vielmehr determiniert ein Diskurs ein Subjekt. [Der Begriff „Diskurs“ ist also nicht alltagssprachlich zu verstehen, er ist nicht die Rede eines Subjekts, ein Subjekt ist nicht Urheber eines Diskurses. Man kann nicht sagen „Das Subjekt X hält einen Diskurs“ oder „mein Diskurs“, zumindest nicht, wenn man Lacans Diskursbegriff verwenden will.]

[Damit ist zugleich der Begriff des Subjekts eingeführt: Ein Subjekt ist das, was durch eine zweifache Niederschrift gekennzeichnet ist, darstellbar mit Hilfe eines Möbiusbandes, und das durch einen Diskurs determiniert wird.]

Lacan erläutert den Status des Subjektbegriffs in der Entwicklung seiner Theorie. Im sogenannten Rom-Vortrag von 1953 (Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse) hatte er von „Intersubjektivität“ gesprochen. Dieses Konzept hat er später korrigiert. Der Ausgangspunkt der Theoriebildung ist dann nicht mehr die Beziehung zwischen Subjekten, also nicht die Inter-Subjektivität, sondern die Beziehung zwischen Signifikanten, die Inter-Signifikanz [und das Subjekt wird als Wirkung einer Signifikantenbeziehung aufgefasst]. Hierfür steht Lacans Formel „Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert“. In der Signifikantenbeziehung [z.B. in einem „Traumgedanken“, wie Freud sagt, oder in der Wiederholung eines Symptoms] ist das Subjekt zugleich repräsentiert und abwesend, und insofern ist es gespalten. [Es ist gespalten zwischen den Signifikanten einerseits und dem Signifikantenmangel andererseits.]

Diskurs als Struktur

Die erste These zum Diskurs lautet, dass der Diskurs im Lichte seiner unbewussten Triebfedern beurteilt werden muss [seiner Kehrseite]. [? Bezieht Lacan sich hier auf den Diskurs im Sinne der Alltagssprache, also auf die Rede, die sich als die eines Subjekts darstellt, oder auf die beiden unteren Terme der Diskursformeln?]

Die zweite These zum Diskurs besagt, dass ein Diskurs durch eine Struktur bestimmt wird, in der er irreduzibel entfremdet ist. [Vermutlich im Sinne von: Der Diskurs im Sinne der Alltagssprache, die Rede, die als die eines Subjekts erscheint, ist durch eine Struktur bestimmt, nämlich durch den Diskurs im begrifflichen Sinne.] Deshalb hatte Lacan, wie er, sich selbst kommentierend, sagt, das Seminar mit diesem Satz begonnen: „Über einen Diskurs – es ist nicht meiner.“ Unter einem Diskurs versteht er etwas, was nicht Diskurs einer bestimmten Person sein kann, sondern was durch eine Struktur begründet ist [ein Diskurs im strengen Sinne ist letztlich diese Struktur selbst].

Radiophonie in Scilicet

Lacan gibt an, wo man seine Konzeption des Diskurses nachlesen kann: in Radiophonie, einem Artikel in dem gerade erschienenen Heft 2/3 der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Scilicet. In diesem Artikel stellt er seinen Diskurs vom letzten Jahr [seinen Diskurs über den Diskurs] auf die Probe [also das Seminar Die Kehrseite der Psychoanalyse]. Bis auf etwas, was hinzukommt [auf das Seminar Die Kehrseite der Psychoanalyse bezieht Lacan sich nur im letzten, siebten Teil dieses Artikels].

Die Beziehung zwischen den Diskursen: Ankunft, Ereignis, Revolution

Scilicet ist, da es eine Schrift ist, ein Ereignis, wenn nicht eine Ankunft des Diskurses. [Lacan spielt hier auf Heidegger an; die Begriffe „Ereignis“ und „Ankunft“ findet man in den beiden Aufsätzen, die Heidegger unter dem Titel Identität und Differenz (1957) zusammengestellt hat. „Ankunft des Diskurses“ meint vermutlich: „Ankunft eines neuen Diskurses“.]

Von hier aus kann die Frage neu gestellt werden, was mit dem Diskurs des Herrn sein mag.

| [11] Die Diskurse sind miteinander verbunden, aber wie nennt man das, was sie verbindet? Lacan warnt davor, hierfür zu schnell das Wort „Revolution“ zu verwenden [also davor, beispielsweise zu sagen, zwischen dem Diskurs des Herrn und dem Diskurs, der nicht vom Schein wäre, gibt es eine Revolution]. Aber dennoch ist klar, dass man den Diskurs des Herrn und den Diskurs, der es Lacan ermöglicht, von dem Diskurs zu sprechen, der nicht vom Schein wäre, unterscheiden muss. [Unter einer „Revolution“, wörtlich „Umdrehung“, versteht er in Seminar 17 die Drehung, die dazu führt, dass ein Diskurs in einen anderen übergeht.]

Zuhörer als gepresste Mehrlust

Lacan skizziert, was für eine Art Diskurs das Seminar ist, das er hält.

In diesem Diskurs ist er das Instrument.

Damit er das Instrument dieses Diskurses sein kann, ist für ihn die presse seiner Zuhörer nötig, ihr „Druck“, ihr „Pressen“, ihr „Drängen“, ihre „Presse“. [Das französische Wort presse meint, ähnlich wie das deutsche Wort „Druck“, sowohl die auf eine Fläche wirkende Kraft als auch den Vorgang, durch den ein Druckerzeugnis hergestellt wird. Lacan verwendet einen Signifikanten, der durch seine Mehrdeutigkeit eine Verbindung zwischen dem Andrang in seinem Seminar und der Zeitschrift Scilicet als einem Druckerzeugnis herstellt.]

Das, was den Druck macht, ist etwas „Einzigartiges“. [? Sinn?]

Bei Radiophonie war der Druck der Präsenz der Zuhörer abwesend. [Er hat diesen Text ohne Zuhörer gesprochen, vermutlich in einem Tonstudio.]

Die Präsenz der Zuhörer bedeutet für ihn „gepresste Mehrlust“ (plus-de-jouir pressé). [Die gedrängte Präsenz der Zuhörer hat für Lacan die Funktion des Objekts a qua Mehrlust.]

Diskurs der Universität

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleinerVon dieser Figur her [der der gepressten Mehrlust] kann der Universitätsdiskurs beurteilt werden, hinsichtlich dessen, dass es hier ein Zuviel an Scheinhaftigkeit (semblance) gibt. [Das ist eine erste Annäherung an den Begriff des Scheins. Der Universitätsdiskurs ist demnach einer der Diskurse, die vom Schein sind. Statt vom Schein (semblant) spricht Lacan hier von Scheinhaftigkeit (semblance).] Worin besteht die Scheinhaftigkeit des Universitätsdiskurses?

Der Universitätsdiskurs gibt vor, neutral zu sein, ist es aber nicht. [Die Staferla-Version des Seminrs verweist hierfür auf S1 am Platz unten links, also auf die versteckt determinierende Funktion des Herrensignifikanten. Die Herrensignifikanten des Universitätsdiskurses sind, so Lacan in Seminar 17, die Titel, mit denen die Lehrberechtigung erworben wird, etwa der Doktortitel, sowie die Autorennamen.]

Der Universitätsdiskurs behauptet, dass er eine Selektion durch Konkurrenz ermöglicht, wo er doch vor allem Zeichen an diejenigen gibt, die bereits Bescheid wissen. [Hier könnte Lacan sich auf Bourdieu und Passeron stützen (Les Héritiers, 1964, dt. Die Illusion der Chancengleichheit, 1971.] [? Ist der Ausdruck „Zeichen“ hier theoretisch belastbar, will er sagen, dass es in diesem Diskurs um Zeichen geht?]

Der Universitätsdiskurs verspricht die Bildung des Subjekts, wo es doch um etwas ganz anderes geht. [Diese Bemerkung bezieht sich im Schema der Diskurse auf den Platz unten rechts, den Platz der Produktion. Im Universitätsdiskurs ist hier das gespaltene Subjekt; das Produkt des Universitätsdiskurses ist also das gespaltene Subjekt. In Seminar 17 erläutert Lacan das so: Das, was vom Universitätsdiskurs produziert wird, ist die Scham (die eine Form der Subjektspaltung ist), und die Scham zeigt sich in der Unverschämtheit (als einer Abwehr der Scham).]

Lacans Seminar als Diskurs der Analyse

Wie ist es möglich, über das bloße Unbehagen am Schein [des Universitätsdiskurses] hinauszukommen?

Durch einen bestimmten Modus der Strenge im Vorbringen eines Diskurses.

Dieser Modus würde die Mehrlustkügelchen nicht spalten, wie es jedoch im Universitätsdiskurs durch die Auslese geschieht. [Lacan spielt hier wieder auf die rechte Seite der Formel des Universitätsdiskurses an. Der Platz oben rechts ist der des Adressaten, im Universitätsdiskurs findet man hier die Mehrlust, a, womit gemeint ist: in diesem Diskurs verkörpern die Studierenden die Mehrlust. Am Platz unten rechts findet man das gespaltene Subjekt, $, als das Produkt des Universitätsdiskurses. Die Spaltung wird durch die „triage“ hervorgerufen, durch die Auslese, durch die Selektion mithilfe von Hausarbeiten, Prüfungen, Zertifikaten; die Spaltung besteht in der Scham. In diesem Sinne spaltet der Universitätsdiskurs die Kügelchen der Mehrlust.]

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleinerDie Originalität von Lacans Unterricht besteht darin, dass seine Grundlege der analytische Diskurs ist, und dass sich hier jemand [nämlich Lacan] für den Blick der Zuhörer in die Position des Analysanten bringt. [Im Diskurs der Analyse ist am Platz oben links der Analytiker als Verkörperung der Mehrlust (a), am Platz oben rechts der Analysant als gespaltenes Subjekts ($). Lacans Unterricht hat demnach die Struktur des analytischen Diskurses – aber so, dass die Zuhörer die Verkörperung der Mehrlust sind (der „gepressten Mehrlust“), also den Platz des Analytikers einnehmen, während Lacan den Platz des Analysanten besetzt, des gespaltenen Subjekts.]

[Lacan ist für den „Blick“ der Zuhörer in der Position des Analysanten – deutet er damit an, dass das Objekt a, das die gedrängte Masse der Zuhörer für ihn verkörpert, der Blick ist? (Übrigens ändert Miller den Ausdruck regard, „Blick“, der auf der Tonaufnahme gut zu hören ist, in égard, „Hinsicht“.)]

[Ich springe vor auf Seite 12.] Nicht Lacan nimmt die Position des Analytikers ein, sondern die Zuhörer nehmen diesen Platz ein, durch ihren Druck.

Allerdings fehlt den Zuhörern das Wissen [S2, das im Diskurs des Analytikers am Platz unten links ist.] [Insofern wird der Diskurs des Analytikers vom Lacanschen Unterricht nur unvollständig realisiert.]

[Zurück auf S. 11.] Lacan weist darauf hin, dass er das bereits früher gesagt hatte. [? Wo hatte Lacan das früher gesagt?]

Bei dem Radiophonie genannten Interviewtext fürs Radio fehle dieser Druck der Zuhörer, fehlte dieser Raum, in dem sie sich drängen [diese „gepresste Mehrlust“]. Stattdessen gab es die reine Intersignifikanz, von der er zu Beginn der Sitzung gesprochen hatte, damit das Subjekt hier ins Wanken gerät. [Lacan spielt auf die Formel an „Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert“. Die Signifikantenbeziehung hat die Funktion, das Subjekt ins Wanken zu bringen. Das schwankende Subjekt ist das gespaltene Subjekt, zeitlich betrachtet. Anders gesagt: Von den vier Termen des Diskurses – S1, S2, $ und a – fehlte bei der Produktion von Radiophonie die Mehrlust, a, und damit das Begehren.]

Genauer: es gab das reine „es existiert“ der Intersignifikanz.[Damit kündigt Lacan vermutlich die bald folgenden Bemerkungen über den Diskurs als „Artefakt“ an, als Faktum, dass gesprochen wird oder nicht gesprochen wird. Möglicherweise spielt Lacan hier auf den Existenzquantor an – „es gibt“, „es existiert“ –, der eine der Grundlagen der Formeln der Sexuierung sein wird, die Lacan in diesem Seminar zu entwickeln beginnt.]

Dies [nämlich Radiophonie] ist eine Weichenstellung [ein „Ereignis“, hatte es vorher geheißen]; sie führt in eine Richtung, deren mögliche Reichweite die Zukunft zeigen wird [das war vielleicht mit „Ankunft“ gemeint].

Ein Ereignis oder eine Ankunft des Diskurses ist auch das Erscheinen der Zeitschrift Scilicet. Man schreibt hier, ohne mit seinem Namen zu unterzeichnen. [Für die Texte von Lacan gilt das jedoch nicht; in Seminar 17 begründet Lacan das damit, dass er kein Autor sei.] | [12] Die Namen werden auf der letzten Seite eines Heftes angegeben, und das soll zeigen, dass sie gegeneinander ausgetauscht werden können, dass also ein Diskurs nicht der Diskurs eines Autors ist: „da spricht es“. [Es fehlt damit dasjenige Element, das im Universitätsdiskurs am Platz unten links ist, der Autorenname qua Herrensignifikant.]

Die Zukunft wird zeigen, ob dies in einigen Jahren von allen guten Zeitschriften übernommen wird [fügt Lacan ironisch hinzu].

Artefakt

In Lacans Aussagen wird das Artefakt des Diskurses betont, das spürt man, sagt Lacan.

Das heißt für ihn, dass er nicht beansprucht, alles abzudecken. Das, was er aussagt, ist kein System und in diesem Sinne keine Philosophie. Er stellt sich vielmehr die [beschränkte] Aufgabe, ausgehend von der Psychoanalyse neu zu fassen, was ein Diskurs ist. [Sein Thema ist der Diskurs in der Perspektive der Psychoanalyse, nicht alles.]

Dafür muss man sich in einem „Desuniversum“ [aus heterogenen Bestandteilen] bewegen [und nicht in einem vereinheitlichten „Universum“; Lacan spielt hier auf den Begriff des Diskursuniversums an, der alles meint, worüber in einem bestimmten Diskurs gesprochen werden kann]. Das ist nichts „Diverses“ [nichts bloß Verstreutes]. Aber auch dem Diversen würde er sich [? in Scilicet ?] nicht widersetzen, auch nicht wenn es Diversion einbringt [wenn es ablenkt]. Im dem, was Lacan äußert, widersetzt sich etwas dem, über alles seine Meinung zu sagen. Wenn Lacan sagt, dass er nicht alles sagt, beruht das darauf, dass die Wahrheit sich nur halbsagen lässt [wie Lacan ab Seminar 17 immer wieder sagt]. Aber das ist etwas anderes als dies, dass es ihm widerstrebt, über alles seine Meinung zu sagen. [Möglicherweise spielt Lacan hier auf das „nicht alle“ an, das später in diesem und in den beiden folgenden Seminaren eine der Grundlagen der Formeln der Sexuierung sein wird.]

Dieser Diskurs beschränkt sich also darauf, nur im Artefakt zu handeln. [? Ist damit speziell der analytische Diskurs gemeint?] [„Der Diskurs handelt nur im Artefakt“, das könnte bedeuten: Es ist der Diskurs, der handelt (und nicht das Subjekt), und das Handeln des Diskurses hat die Form des „Artefakts“, des Fakten-Schaffens.]

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleinerDieser Diskurs ist die Verlängerung der Position des Analytikers, die dadurch definiert ist, dass seine Mehrlust einen bestimmten Platz einnimmt [im Diskurs des Analytikers ist die Mehrlust am Platz oben links, den Lacan in Seminar 17 als Platz des Agenten bezeichnet hatte].

Was kann, nach dem Gesagten, die Tragweite dessen sein, dass er sagt Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre? [? Ist gemeint: Was ist das für ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre?]

Das kann von seinem, Lacans, Platz aus geäußert werden und abhängig von dem, was er früher geäußert hat. [? Was ist damit gemeint, dass dies von seinem Platz aus geäußert werden kann: vom Platz des Analysanten?]

Wenn Lacan äußert „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“, ist das ein Faktum, und zwar nicht nur, wie man denken mag, das Faktum, dass er es äußert, sondern auch ein Faktum, weil er es äußer [etwas wird dadurch zum Faktum, dass es geäußert wird].

Wenn Lacan vom Diskurs als Artefakt spricht, soll das heißen: Für den Diskurs gib es kein vorher oder außerhalb existierendes Faktum; ein Faktum gibt es für den Diskurs nur aufgrund des Faktums des Diskurses. [Das hatte Lacan in Seminar 17 aufgeführt: Dass es Tag ist, ist nur deshalb eine Tatsache (fait), weil jemand geäußert hat, „es ist Tag“ (il fait jour).111 Anders gesagt: das Faktum, mit dem der Diskurs es zu tun hat, ist nicht der Referent; der Referent kann unmöglich bezeichnet werden und ist deshalb real, wie es in der dritten Sitzung dieses Seminars heißen wird.

Was hängt davon ab? In L’étourdit wird es zwei Jahre später heißen,

„das Unbewusste ist ein Faktum, insofern es durch den Diskurs gestützt wird, der es etabliert“112.

Der Diskurs konstituiert das Faktum, und da das Unbewusste durch einen Diskurs gestützt wird, ist es ein Faktum, eine Tatsache.]

Dies ist das, was reduziert werden muss. [? In welchem Sinne muss das Faktum des Diskurses reduziert werden?]

[13] Mit „Artefakt“ ist nicht gemeint, dass der Diskurs etwas Künstliches ist und dass es darum ginge, etwas Natürliches auftauchen zu lassen [etwa den natürlichen Trieb], es geht keineswegs darum, die Behinderungen, denen das Natürliche unterliegt, zu bekämpfen [wie bei La Mettrie oder bei Wilhelm Reich].

Die Frage ist nicht, ob etwas sagbar ist oder nicht. [Das bezieht sich möglicherweise auf eine Kontroverse darüber, ob Psychoanalytiker sich zur Krise der Universität im Gefolge des Mai 1968 äußern sollten ohne nicht. In Seminar 16 hatte Lacan diejenigen unter seinen Kollegen kritisiert, sich auf eine Unmöglichkeit beriefen, hierzu etwas zu sagen.113 Ganz allgemein spielt für Lacan die Frage des Unsagbaren eine zentrale Rolle: Das Unsagbare ist das Reale, und es geht für ihn darum, über das Reale etwas zu sagen und zu schreiben.]

Das Diskursfaktum – das „Artefakt“ – besteht darin, dass etwas gesagt ist oder nicht gesagt ist. [Das ist eine anti-empiristische These. Die Tatsache ist nicht, wie bei Berkeley oder Locke oder Carnap, die elementare Einzelwahrnehmung, sondern dass etwas gesagt ist oder nicht gesagt ist.]

Vom Artefakt des Diskurses – von der Tatsache, dass in einem Diskurs etwas gesagt wird – wird angenommen, dass es dafür hinreicht, „dass Sie da sind“. [? Wer ist „Sie“? Bezieht sich das wieder auf die „Präsenz“ der Zuhörer, von der er vorher gesprochen hatte. Ist also gemeint: es reicht hin, dass der Analytiker da ist – ?]

Lacan betont, dass er hier einen Schnitt macht und dass er nicht hinzufügt, „dass Sie da sind im Zustand der gepressten Mehrlust“. Es sei fraglich, ob sein Diskurs sie, die Zuhörer, bereits als gepresste Mehrlust versammelt; es sei nicht entschieden, ob Lacans Diskurs die Zuhörer in die Position bringt, von der aus sein Diskurs befragt werden kann, die Folge seiner Äußerungen. [Unter „Diskurs“ versteht Lacan hier, das ist festzuhalten, die Folge seiner Äußerungen und nicht eine Struktur. Er wechselt also zwischen zwei verschiedenen Bedeutungen von „Diskurs“.]

[Ich verstehe diese Bemerkung so: Für Lacan verkörpert die gedrängte Masse der Zuhörer die Mehrlust, anders gesagt: diese „gepresste Mehrlust“ bringt ihn zum Sprechen, zu einem Sprechen, das Ähnlichkeit mit dem Sprechen eines Analysanten hat. Ob die Zuhörer dies aber für sich übernehmen, das heißt, ob dieser Unterricht auch für sie eine Form des analytischen Diskurses ist, in dem sie die Position des Analytikers einnehmen, ist für Lacan offen. Wenn sie diesen Platz einnehmen würden, könnten sie den Diskurs von Lacan befragen, könnten sie Deutungen vornehmen.]

Wenn die Zuhörer diese Position einnehmen würden, könnten sie seinen Diskurs durch das „nicht“ eines Diskurses befragen, eines Diskurses, der nicht vom Schein wäre. [Lacan wechselt hier zurück zum Diskurs als Struktur aus Plätzen mit Termen. Die Befragung von Lacans Diskurs durch die Zuhörer würde durch einen Diskurs erfolgen, der nicht vom Schein wäre, und zwar speziell durch das „nicht“ darin – die Negation spielt dabei eine entscheidende Rolle. Damit soll vielleicht (sehr vielleicht) dies angedeutet werden: Einen Zugang zum Objekt a hat der Analysant durch die Negation, durch die Verleugung, als einer Form der Subjektspaltung: „ich nehme nicht“ (Brust), „ich lasse nicht los“ (Kot), „ich sehe nicht“ (Blick), „ich sage nicht“ (Stimme).114 Die Negation ermöglicht also einen Zugang zur Beziehung zwischen dem gespaltenen Subjekt und dem Objekt a, und die Zuhörer würden die Position des Analytikers dann einnehmen, wenn sie auf diese Negation achten würden.[/note]

„Schein“: der mit sich selbst identische Signifikant

Lacan kommentiert weiterhin den Titel des Seminars und geht vom Ausdruck „Diskurs“ zum Ausdruck „Schein“ über. Was ist in der Formulierung „Von einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ mit „Schein“ gemeint? [Lacan führt hier den Begriff „Schein“ (semblant) als theoretischen Terminus ein, man findet ihn nicht in früheren Seminaren und Schriften.]

Wahrheit: ihre Entfesselung durch die Deutung

[Im Folgenden geht es um die Wahrheit; im Schema der vier Diskurse ist dies der Platz unten links.]

Mit „Von einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ ist nicht gemeint: „Von einem Diskurs, der kein Schein-Diskurs wäre“. Das wäre die Position des logischen Positivismus, welche besagt: Eine Aussage, bei der es nicht möglich ist, [empirisch oder logisch] festzustellen, ob sie wahr ist oder falsch, ist sinnlos, und ein Problem, das durch solche Aussagen formuliert wird [wie die Opposition von Idealismus und Realismus], ist ein Scheinproblem.

Damit glaubt man Fragen los zu sein, die man als metaphysisch klassifiziert. [Lacan spielt hier an auf Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt und derselbe: Scheinprobleme der Philosophie, beide 1928.]

Die psychoanalytische Erfahrung zeigt das Gegenteil. Die Deutung [die ein Signifikant ist] behält immer etwas von einem Orakel, es lässt sich nicht entscheiden, ob sie wahr oder falsch ist. [Dies ist eine der Bedeutungen von Lacans Diktum „Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen“.]

Wahr ist die Deutung durch ihre Folgen, durch das, was sie freisetzt. [Lacan spielt hier auf Freuds Aufsatz Konstruktionen in der Analyse (1937) an, wo es heißt, die Wahrheit einer Konstruktion – einer Gesamtdeutung – zeige sich darin, dass der Patient in den anschließenden „freien Assoziationen“ „bestätigendes Material“ liefert.]

[Im Diskurs des Analytikers ist am Platz der Wahrheit (unten links) das Wissen, S2. Das könnte sich (unter anderem) auf die Deutung beziehen, insofern sie die Funktion hat, die Wahrheit zu entfesseln. Eine der Bedeutungen von „S2 am Platz der Wahrheit“ wäre dann: Im Diskurs der Psychoanalyse hat die Deutung (S2) die Funktion, die Wahrheit zu entfesseln.]

Das Schema der logischen Implikation – der Wenn-Dann-Beziehung – setzt den Wahrheitsbezug | [14] voraus; Lacan kündigt an, dass er das später zeigen will. [Die Implikation ist die Wenn-dann-Beziehung als Verknüpfung von Aussagen: „immer wenn a, dann auch b“, wobei a und b Aussagen sind. Beispielsweise „Immer wenn du mich besuchst, lacht der Weihnachtsmann“. Der erste Teilsatz (hier „Du besuchst mich“) wird „Antezedens“ genannt oder „Protasis“, Vordersatz, der zweite (hier „Der Weihnachtsmann lacht“) heißt „Konsequenz“ oder „Apodosis“, Hintersatz. Zu beachten ist, dass die Implikation nicht besagt, dass es zwischen den beiden Aussagen ein Kausalverhältnis gibt, das Antezedenz gilt nicht als Ursache der Konsequenz. In Seminar 14, Die Logik des Phantasmas (1966/67) hatte Lacan sich ausführlich mit der Implikation befasst. Bei logischen Verknüpfern wie der Implikation interessiert sich die Logik für die Beziehung zwischen der Wahrheit oder Falschheit der Teilaussagen (du besuchst mich, der Weihnachtsmann lacht) im Verhältnis zur Wahrheit oder Falschheit der kombinierten Gesamtaussage. Bei einer Implikation ist die Gesamtaussage nur dann falsch, wenn a wahr ist und b falsch ist. Wahr ist die Gesamtaussage dann, wenn a und b wahr sind, dann, wenn a falsch ist und b wahr ist, und dann, wenn a falsch ist und b falsch ist. Die Gesamtaussage ist also merkwürdigerweise immer wahr, wenn a falsch ist, unabhängig davon, ob b wahr oder falsch ist. Hierauf bezogen sich die Logiker der Stoa mit dem Satz ex falso sequitur quodlibet, aus Falschem folgt Beliebiges. Die Implikation „Immer wenn gilt: a ist wahr, dann gilt: b ist falsch“ ist insgesamt falsch. Die Implikation „Immer wenn gilt: a ist falsch, dann gilt: b ist wahr“ ist insgesamt wahr. Lacan deutet das in Seminar 14 so: das Wahre kann nur als Konsequenz figurieren (also bezogen auf den zweiten Teilsatz), das Falsche ist primär (das heißt das Antezedens), das heißt der Signifikant.

„Die Implikation setzt die Wahrheitsbeziehung voraus“ meint also vermutlich: Die Implikation zeigt, dass die Wahrheit eine Konsequenz des Signifikanten ist – die Wahrheit des Subjekts wird durch den Signifikanten entfesselt, durch die von der Analytikerin (oder dem Analytiker) vorgebrachte orakelhafte Deutung, unabhängig davon, ob diese „wahr“ oder „falsch“ ist.]

Das Veridische – also der Wahrheitsbezug – gehört zum Sprechen, selbst dann, wenn das Sprechen streng gesagt sinnlos ist [sinnlos wie beispielsweise in der Implikation „Wenn du mich besuchst, lacht der Weihnachtsmann“].

Es gibt den Übergang von dem Moment, in dem über eine Wahrheit allein durch ihre Entfesselung entschieden wird [wie dies in der Psychoanalyse der Fall ist] hin zu einer Logik, die versucht, dieser Wahrheit Körper zu verleihen [womit offenbar der logische Positivismus gemeint ist oder vielleicht die formale Logik]. [? Inwiefern versucht der logische Positivismus der Wahrheit Körper zu verleihen? Insofern, als er sie letztlich auf die Wahrnehmung gründet?] [? Bezieht Lacan sich hier mit „Übergang“ auf den Wechsel von einem Diskurs zu einem anderen?]

Dies ist der Moment, in dem der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz zurückgewiesen wird. [Unter „Vorstellungsrepräsentanz“ versteht Lacan, dass ein Signifikant für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert, wobei dieses Subjekt auf der Ebene des Signifikanten ein reines Fehlen ist. In Seminar 12 drückt er das so aus: „Aber es handelt sich um das Subjekt und für uns ist das Subjekt – genau insofern als es unbewusst sein kann – nicht Vorstellung, es ist die Repräsentanz der Vorstellung, es ist da am Platz der Vorstellung, die fehlt.“115 „Vorstellung“ entspricht „Signifikant“. Das Subjekt ist nicht „Vorstellung“, nicht Signifikant. Das Subjekt ist „Repräsentanz“ der Vorstellung, „Repräsentanz“ des Signifikanten, in dem Sinne, dass es an dem Platz ist, an dem die Vorstellung fehlt, insofern, als es den Platz eines fehlenden Signifikanten einnimmt.]

Die Zurückweisung des Diskurses als Vorstellungsrepräsentanz besteht demnach darin, dass abgelehnt wird, dass die Signifikantenverknüpfung eines Diskurses sich auf das Subjekt bezieht, und dass das Subjekt gerade kein Signifikant ist, sondern das Fehlen eines Signifikanten.]

Diese Zurückweisung des Diskurses als Vorstellungsrepräsentanz ist deshalb möglich, weil dieser Diskurs teilweise immer schon zurückgewiesen ist, eben darin besteht die Verdrängung; im Falle der Verdrängung repräsentiert der Diskurs nicht eine Vorstellung [nur in der Wiederkehr des Verdrängten, etwa in einem überraschenden Bemerkung im Rahmen der „freien Assoziation“, fungiert der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz, verweist die Signifikantenverbundung auf das Subjekt].

Der Wahrheitseffekt besteht [also] in der Fortsetzung des Diskurses.

Schein und Blut

Dieser Wahrheitseffekt ist nicht vom Schein. [„Wahrheit“ ist Gegenbegriff zu „Schein“. Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, ist demnach ein Diskurs, der diesen Wahrheitseffekt hätte.]

Der Bezug auf den Ödipuskomplex soll klarmachen, dass hier Blut geflossen ist. Allerdings widerlegt das Blut nicht den Schein, es wiederbelebt ihn. [Das könnte eine Anspielung auf das Objekt a sein. Auch wenn „geflossenes Blut“ nicht zu Lacans Liste der Objekte a gehört (Brust, Kot, Blick, Stimme), hat es doch dieselbe Struktur, es ist ein abgelöster Teil des Körpers. Das könnte heißen: die Objekte a können als Schein fungieren]

[Zwei Jahre später, im Encore-Seminar, wird Lacan den Schein tatsächlich auf das Objekt a beziehen; man findet dort das folgende Diagramm116]

Diagramme aus Seminar 20 - Dreieck RSI und Wahres

Deshalb kann man sich die Frage nach eine Diskurs, der nicht vom Schein wäre, nur auf der Ebene des Artefakts stellen, der Diskursstruktur [eine der Bedeutungen von „Artefakt“ ist demnach: Diskursstruktur.]. [Die mythische Form des Ödipuskomplexes gehört zur Ordnung des Scheins, im Gegensatz zur formalen Struktur des Diskurses. Man benötigt einen formaleren Zugang, der sich jedoch, anders als die Logik, darauf bezieht, dass es durch die Sprache einen Verlust gibt, und der sich nicht als Metasprache begreift.]

Während man auf den Diskurs wartet, der nicht vom Schein wäre [Erwartung einer Ankunft, eine Erwartung, die vom Seminartitel anzeigt wird], gibt es keinen Schein des Diskurses [keinen Scheindiskurs; beim warten auf den Diskurs, der nicht vom Schein wäre, kann man sich nicht auf das Konzept des Scheindiskurses stützen]. Um zu beurteilen, ob ein Diskurs vom Schein ist oder nicht, gibt es keine Metasprache, keinen Anderen des Anderen, nichts Wahres über das Wahre.

[Es gibt keine Metasprache: Mit dieser Sentenz grenzt Lacan sich vom Logischen Positivismus ab. Der Gegensatz von Metasprache und Objektsprache, wie er von Carnap und Tarski eingeführt wurde, ist unhaltbar, die Umgangssprache kann nicht zum Objekt einer formalisierten Sprache gemacht werden. Was es gibt, ist die Formalisierung, aber sie ermöglicht es nicht, die gesprochene Sprache zum Objekt zu machen; die Formalisierung ist, bei der Einführung ihrer Terme, immer auf die Umgangssprache angewiesen.]

[Es gibt keinen Anderen des Anderen: Es gibt keinen Signifikanten, der als Wahrheitsgarantie dienen könnte.]

[Das (neopositivistische) Konzept des Scheindiskurses setzt voraus, dass es eine Metasprache usw. gibt; die Suche nach einem Diskurs, der nicht vom Schein wäre, soll nicht unter dieser Voraussetzung erfolgen.]

Die Wahrheit, die „ich lüge“ sagt

Lacan hat die Wahrheit einmal sprechen lassen [in Die Freud’sche Sache, 1956]. [Dort steigt die Allegorie der Wahrheit aus einem Brunnen und sagt: „Ich, die Wahrheit, ich spreche.“ Die Wahrheit gehört nicht zur Ebene des Denkens, sondern des Sprechens; im Sprechen wird unvermeidlich ein Wahrheitsanspruch erhoben (wie Habermas sagen würde), die Frage, ob zurecht oder zu unrecht, stellt sich erst auf dieser Grundlage, und es gibt keine Metasprache, die diesen Wahrheitsanspruch unter Kontrolle bringen könnte.117]

Lacan jedoch sieht hierin keine Paradoxie. Nichts könnte bei bestimmten Gelegenheiten wahrer sein als die Äußerung „ich lüge“. [Lacan setzt hier stillschweigend die Sätze „ich spreche“ und „ich lüge“ miteinander gleich. Von der Äußerung „ich lüge“ wird gesagt, sie sei eine Paradoxie, genauer: die Äußerung „Ich lüge jetzt, mit diesem Satz“. Sie gilt deshalb als paradox, da sie wahr ist, wenn sie falsch ist, und falsch ist, wenn sie wahr ist. In Lacans Deutung ist die Äußerung „ich lüge“ also unter bestimmten Umständen nicht zugleich wahr und falsch, sondern schlicht wahr. Das könnte auf Freuds Artikel über die Verneinung anspielen: Die unbewusste Wahrheit hat oft dann einen Zugang zum bewussten Sprechen, sagt Freud, wenn ein „nein“ hinzugefügt wird. „Ich wollte sie nicht beleidigen“ meint dann „Ich wollte sie beleidigen“. Entsprechend könnte man sagen, „Ich lüge“ – also „Ich sage absichtlich nicht die Wahrheit“ – bedeutet „ich sage unabsichtlich die Wahrheit“.]

„Ich lüge“ ist sogar die einzige Wahrheit, die erhalten bleibt. [Vielleicht in diesem Sinne: Die Verdrängung sorgt dafür, dass das meiste, was wir über uns sagen, über unsere Motive und Ziele, eine „Lüge“ ist, eine „Rationalisierung“, wie Ernest Jones es genannt hat.118]

Der Satz „Ich lüge“ wird erst dann paradox, wenn man ihn aufschreibt [und am Geschriebenen formale, logische Untersuchungen anstellt – ohne etwas aufzuschreiben, kann man keine logischen Untersuchungen anstellen, das hatte Lacan in früheren Seminaren betont. Die Wahrheit, mit der die Psychoanalyse es zu tun hat, zeigt sich nur im Sprechen, genauer in der énonciation, im Äußerungsvorgang, in einem Sprechen, in dem die Intentionalität scheitert, in einem Sprechen, das den Mechanismen von Metapher und Metonymie unterworfen ist und in dem die Negation bisweilen ihr Gegenteil bedeutet. Das Sprechen ist vom Schreiben zu unterscheiden, der Signifikant vom Buchstaben. Den formalen Widerspruch gibt es nur, wenn man Buchstaben verwendet.]

Wenn man die Aussage verneint und sagt „ich lüge nicht“, ist man nicht davor geschützt, etwas Falsches zu sagen. [Das könnte heißen: Wenn man unbedingt aufrichtig sein will, ist man nicht davor geschützt, unwillentlich zu lügen, zu rationalisieren.]

[Anders gesagt: Die Theorien über die Paradoxien des Lügens verkennen, dass sie das Wahrheitsproblem nicht an Sprache überhaupt untersuchen, sondern dass sie sich auf eine speziellen Form der Sprache beziehen, auf die geschriebene Sprache. In der geschriebenen Sprache – und damit in der Logik – funktioniert Wahrheit jedoch anders als in der gesprochenen Sprache. Die Entfesselung der Wahrheit, mit der die Psychoanalyse es zu tun hat – die Aufdeckung des Verdrängten  – ist an das Sprechen gebunden, und die Wahrheit erscheint im Sprechen typischerweise als Lüge.]

Der Schein des „ich“ in „ich lüge“: der Schein des Signifikanten an sich selbst

Die Wahrheit, die spricht, die sich als Orakel äußert und die „ich“ (je) sagt [wie in „Ich, die Wahrheit, ich spreche“ oder wie in „Ich lüge“], wer spricht da? [Wer ist „ich“ (je)?] „Dieser Schein ist der Signifikant an sich selbst.“ [Der Satz „ich lüge“ ist (unter bestimmten Umständen) wahr. Das „ich“ in diesem Satz ist hingegen Schein. Dieser Schein ist der Signifikant „an sich selbst“. Eine der Formen des Scheins ist also der Signifikant „ich“. Der Schein (oder eine der Formen des Scheins?) ist die symbolische Identifizierung. [? Kann man sagen: Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, wäre ein Diskurs jenseits der Identifizierung?]

[Die Rede vom Signifikanten an sich selbst als Schein erinnert an Lacans Ausführungen über den Eigennamen in Seminar 12. Der Eigenname fungiert als eine Naht, die einem Loch „eine falsche Erscheinung des Vernähtseins“ verleiht (une fausse apparence de sauture); dieses Loch, dieser Mangel, dieser Schnitt ist das Subjekt.119 Zum „ich“ als Signifikanten in der Funktion des Scheins wäre dann der Eigenname hinzuzufügen, und die Funktion des Scheins bestünde darin, dass er den Mangel im Subjekt verdeckt, genauer: das Subjekt als Mangel. ]

[Lacan spielt hier an auf Kants Rede vom „Ding an sich selbst“ bzw. vom „Ding an sich“ (Kant verwendet beide Formulierungen). Der Signifikant an sich selbst ist ein Signifikant, der, wie das Ding an sich selbst, außerhalb einer Beziehung zu anderen Signifikanten steht. Da Signifikanten differentiell funktionieren, ist „der Signifikant an sich selbst“ Schein.]

[Den Ausdruck le signifiant en lui-même verwendet Lacan nur selten. In Seminar 10 bezieht er sich damit auf den Signifikanten im Unterschied zur Bedeutung120, in Seminar 14 auf den Signifikanten im Verhältnis zu sich selbst, der keine Bedeutung hervorruft121. In Seminar 20 hingegen heißt es, der Signifikant an sich selbst sei nicht anders definierbar denn als eine Differenz, eine Differenz zu einem anderen Signifikanten.122 Wie wird der Ausdruck hier verwendet? Später in dieser Sitzung bezeichnet Lacan den Signifikanten als Schein auch als den mit sich selbst identischen Signifikanten. Also wird auch hier der Signifikant an sich selbst der Signifikant sein, der im Verhältnis zu sich selbst steht und keine Bedeutung hervorruft.]

Was ist ein Signifikant?

Einige Sprachwissenschaftler sagen, dass Lacan vom Begriff des Signifikanten einen Gebrauch macht, der mit dem von Saussure [der diesen Begriff in die Linguistik eingeführt hatte] nichts zu tun hat. Aber was verstand Saussure unter einem Signifikanten? Lacan verweist auf dessen unveröffentlichte Papiere. [Damit bezieht er sich auf Saussures Studien über Anagramme. Freud zufolge (Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose) bildet das Unbewusste Anagramme; im Rom-Vortrag hatte Lacan darauf hingewiesen.]

Man glaubt, den Signifikanten verstanden zu haben. Man glaubt, dass der Signifikant vom Strukturalismus gezähmt worden ist. [Der Begriff des Signifikanten wurde durch Saussure zu einem Grundbegriff der Linguistik und Saussure gilt als einer der Begründer des Strukturalismus.] Man glaubt, dass der Signifikant der Andere als Anderer ist und die Batterie der Signifikanten und alles, was Lacan darüber sagt. [Man bezieht sich für den Begriff des Signifikanten nicht nur auf Saussure, sondern auch auf Lacan und dort auf den Begriff des Anderen mit großem A, als dem Ort, an dem die Signifikanten versammelt sind. Dieser Andere ist der Andere „als Anderer“ bzw. „als Anderes“, das heißt der andere, insofern er mir nicht ähnlich ist, wohingegen der andere mit kleinem a mir ähnlich ist. Mit der „Batterie der Signifikanten“ meint Lacan das synchrone System der Signifikanten. Die „Batterie der Signifikanten“ ist am Ort des Anderen versammelt. Lacan deutet hier an, dass sein eigener Signifikantenbegriff keineswegs so klar ist, wie es einigen erscheint, dass dieses Konzept vielmehr in Ausarbeitung ist; zur Entwicklung des Begriffs des Signifikanten gehört die in diesem Seminar erstmals verwendete Rede vom Signifikanten als Schein, vom Scheinsignifikanten.]

Das Zeichen des Donners und der Name-des-Vaters

„Das kommt natürlich vom Himmel, weil ich Idealist bin, hier jedenfalls.“ [Lacan signalisiert, dass er sich auf Himmelserscheinungen beziehen wird, und er deutet an, dass es einen Zusammenhang zwischen „Schein“ und „Idee „gibt.]

[15] Lacan erinnert daran, dass er anfangs gesagt hatte, der Diskurs sei ein „Artefakt“. Das Artefakt ist unser alltägliches Schicksal, wir finden es an jeder Straßenecke. [? Meint das „es wimmelt davon in der Natur“, wie er etwas später sagen wird?]

Ein Diskurs, der sich gehalten hat, ist der Diskurs der Wissenschaft. [In Seminar 17 hatte Lacan die Struktur des Diskurses der Wissenschaft mit der Struktur des Diskurses der Universität gleichgesetzt. In Radiophonie nähert er den Wissenschaftsdiskurs an den Diskurs der Hysterikerin an. In der Vorlesungsreihe Das Wissen des Analytikers (1971/72) wird er ihn mit dem Diskurs der Hyterikerin gleichsetzen.] Die Wissenschaft bezieht sich nicht auf die Elemente [nicht auf Feuer, Wasser, Luft, Erde] und auch nicht auf die Quintessenz [nicht auf das von Aristoteles postulierte fünfte Element, nicht auf den Äther]; dies gehört nicht zum Diskurs der Wissenschaft, sondern zu dem der [antiken und mittelalterlichen] Philosophie. Der Diskurs der Wissenschaft ist von der Erörterung von Formen des Scheins (de semblants) ausgegangen, nämlich der Beobachtung der Sterne, also der Konstellation. [Eine Konstellation ist die scheinbaren Stellung der Himmelskörper zueinander, etwa in einem Sternbild. Lacan bringt hier den Begriff des „Scheins“ (semblant) in die Nähe des Begriffs der „Erscheinung“ (phénomène).]

Die ersten Schritte der [modernen] Wissenschaft drehen sich um Himmelserscheinungen, um „Meteore“. [„Meteore“ sind Himmelserscheinungen, nicht zu verwechseln mit „Meteoriten“ – die Sternschnuppen, hervorgerufen durch das Eindringen von Meteoriten in die Atmosphäre, sind ein spezieller Typ von Himmelerscheinungen, von Meteoren.] Descartes schrieb eine Abhandlung über Meteore [über Himmelerscheinungen], darunter über den Regenbogen. Der Regenbogen wurde immer als Schein angesehen, niemals als ein Ding, das irgendwo da ist.

Der charakteristischste Meteor, die charakteristischste Himmelserscheinung, ist der Donner, er ist mit der Struktur von allem verbunden, was Diskurs ist. [Im Donner müssten sich also die vier bzw. acht Bestandteile des Diskurses wiederfinden lassen.] Der Donner steht in einer engen Verbindung zum Namen-des-Vaters, deshalb hatte Lacan den Rom-Vortrag mit der Anrufung des Donners beendet [mit einem Zitat aus den Upanishaden, der Anrufung des hinduistischen Gottes Prajapati als Gott des Donners]; ohne den Donner gibt es keinen haltbaren Namen-des-Vaters. Dabei weiß man nicht einmal, von was der Donner ein Zeichen ist [ich nehme an, dass die Antwort lautet: von der Stimme als Objekt a und damit von der Kastration, die von diesem Objekt symbolisiert wird]. [Der Donner ist ein „Zeichen“, von was auch immer. Demnach ist der Signifikant als Schein = das Zeichen. Anders gesagt: das Zeichen ist ein Scheinsignifikant.] [? In welchem Verhältnis stehen Name-des-Vaters und Herrensignifikant und Zeichen zueinander?]

Deshalb gibt es keinen Schein des Diskurses [im Gegensatz zu dem, was die Vertreter des logischen Positivismus behaupten]. [Das, was Schein ist, ist nicht der Diskurs, es gibt keinen Scheindiskurs.] Alles was Diskurs ist, kann sich nur von daher als Schein geben, dass es sich auf den Signifikanten stützt. [Das, was man für den Schein des Diskurses hält, ist in Wirklichkeit der Schein des Signifikanten, das Zeichen als Scheinsignifikant.] Der Signifikant ist mit dem Schein identisch. Die Formulierung „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ ist also nicht durch etwas zu ergänzen, was sich auf den | [16] Diskurs bezieht. [Der Titel ist nicht so gemeint: „Über einen Diskurs, der kein Scheindiskurs wäre“, sondern so: „Über einen Diskurs, der nicht vom Signifikanten als Schein wäre“.]

Nicht Schein: der Referent

Es geht vielmehr um den Referenten. [Der Diskurs, der nicht vom Schein wäre, ist der Diskurs, der sich auf den Referenten bezieht.] Der Referent ist nicht unmittelbar der Gegenstand. [Unter dem Referenten (oder Denotat) wird für gewöhnlich der Gegenstand verstanden, auf den sich ein sprachlicher Ausdruck bezieht, im Unterschied zur Bedeutung des Ausdrucks, zum Signifikat; diese Definition des Referenten wird hier von Lacan problematisiert.] „… denn das bedeutet genau dies, dass es eben dieser Referent ist, der herumwandert“. [? Sinn?]

[Lacan stützt sich hier auf die in der Semiotik übliche Dreiteilung Signifikant, Signifikat und Referent, und er setzt den Referenten mit dem Realen gleich. Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, wäre ein Diskurs, der sich auf das Reale bezöge. Wenn man den Begriff des Scheins nachvollziehen will, muss man ihn einerseits auf den der Wahrheit beziehen (im Diskursschema der Platz unten links), andererseits auf den des Realen. Und man hat zu klären, wie er sich zum Objekt a verhält und wie zur Lüge.]

Eine Ebene des Ausdrucks „Schein“ ist, dass der Signifikant mit sich selbst identisch ist. [Dies ist eine Präzisierung der bisherigen Hauptbestimmung des Scheins, dass der Signifikant dann Schein ist, wenn er Signifikant „an sich selbst“ ist. Der Signifikant ist dann Sigifikant an sich selbst, also Schein, wenn er mit sich selbst identisch ist. In Seminar 9 heißt es, ein Signifikant könne nicht mit sich identisch sein; mit sich selbst identisch ist nur ein Objekt im imaginären Register. Da ein Signifikant nicht mit sich identisch sein kann, ist der mit sich identische Signifikant Schein. In Seminar 17 heißt es, das mit sich selbst identische Ich sei der Herrensignifikant. Eine der Formen des Signifikanten als Schein ist also der Herrensignifikant.]

[? Wie verhält sich der Signifikant als Schein qua Zeichen zum Signifikanten als Schein qua Herrensignifikant?]

Der Schein, in dem der Signifikant mit sich identisch ist, ist der Schein in der Natur. [Das ist verblüffend, denn es scheint der Zuordnung des Signifikanten zur Sprache zu widersprechen.]

Jeder Diskurs, der die Natur beschwört, geht von dem aus, was in der Natur Schein ist, und die Natur hat davon im Überfluss. [Die Natur ist nichts prä- und außersprachliches, sie ist das, was in Diskursen beschworen wird.]

Bei den Tieren ist das offensichtlich. Wenn sie etwas öffnen, einen Kopf, einen Mund, einen Kiemendeckel, ist das ein manifester Schein. Fromme Seelen waren der Auffassung, dass sie damit das Lob Gottes verkünden. [Vielleicht ist dies gemeint (ich spekuliere ein bisschen): Die Körperöffnungen der Tiere sind gewissermaßen Türen, die ein Innen mit einem Außen verbinden und zugleich davon trennen; sie bilden also einen Innen-Außen-Gegensatz und sind auf diese Weise mit dem Imaginären verbunden. Um Signifikanten handelt es sich insofern, als diese Türen auf- und zugehen und damit eine Art Null-Eins-Opposition bilden. Diese Signifikanten sind insofern mit sich identisch, als sie sich nicht auf andere Signifikanten beziehen, also kein differentielles System bilden. Mit dem Lob Gottes wird ein weiteres Mal der Name-des-Vaters ins Spiel gebracht.]

[Was also ist „Schein“? Der Definition nach: der Signifikant an sich selbst, der mit sich selbst identische Signifikant, z.B. „ich“. Diesen mit sich selbst identischen Signifikanten gibt es in der Natur, wie sie in bestimmten Diskursen beschworen wird.]

„Nichts macht dieses Aufklaffen notwendig.“ [? Was könnte das heißen?]

Eine Parabel über die Signifikantenakkumulation als Meteor

„Wenn wir in etwas eintreten, dessen Wirksamkeit (efficace) nicht geklärt ist, aus dem einfachen Grunde, dass wir nicht wissen, wie es gekommen ist, dass hier, wenn ich so sagen darf, eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat …“ [Das Substantiv efficace (statt efficacité) verweist auf die religiöse Sphäre, es bezieht sich z.B. auf die Wirksamkeit von Gebeten, siehe hier.] [? Ist dies gemeint: Mit dem Thema „Lob Gottes“ betreten wir eine Sphäre, deren Wirksamkeit nicht geklärt ist, und dies deshalb nicht, weil wir nicht wissen, welche Signifikantenakkumulation hier stattgefunden hat, anders gesagt: in welcher Sprache das Lob Gottes artikuliert wird.]

„ … dass wir nicht wissen, wie es gekommen ist, dass hier, wenn ich so sagen darf, eine Signifikantenakkumulation stattgefunden hat, denn die Signifikanten, Achtung, ich sag’s Ihnen, sind in der Welt verbreitet, in der Natur gibt es sie haufenweise.“ [Damit hat Lacan eine Überleitung vom „Signifikanten an sich selbst“ – vom Herrensignifikanten, S1, – zur „Signifikantenakkumulation“ hergestellt, zum Wissen, S2.] [Möglicherweise ist folgende Problemstellung gemeint: Wie kommt es von der Verstreuung der Signifikanten in der Welt zur Akkumulation der Signifikanten, wie kommt es dazu, dass die Signifikanten an einem bestimmten Platz ein synchrones System bilden und damit differentiell funktionieren können.]

Wenn man erklären will, wie die Sprache entsteht, besteht das Problem darin, dass man das Funktionieren der Sprache dabei voraussetzen muss. [Bei der Erklärung des Ursprungs der Sprache verstrickt man sich in eine Art des Widerspruchs, die Petitio principii genannt wird: Man setzt voraus, was zu beweisen ist. Das ist bei vielen Ursprungserklärungen so. Deshalb kann die Frage des Ursprungs häufig nur durch einen Mythos oder etwas Ähnliches beantwortet werden, etwa durch eine Parabel, wie im Folgenden.]

Da es um das Unbewusste geht [um das Unbewusste als Signifikantenakkumulation, als Wissen, S2], muss man neben den Signifikanten, die in der Welt zirkulieren, außerdem den zerstückelten Körper voraussetzen. [Die Signifikanten des Unbewussten bestehen zunächst aus den Elementen des Organismus, hieß es u.a. im Psychosen-Seminar. Die Konversionshysterie beruht auf der Phantasie des zerstückelten Körpers, wie Lacan im Beitrag zur Übertragung geschrieben hatte.]

Lacan trägt dann eine Parabel über die Entstehung der Sprache vor. Er nennt das auch „Ursprungsspiel“. Das, was erklärt werden soll, ist speziell die Signifikantenakkumulation [das heißt vermutlich: der Übergang von S1 zu S2, die Entstehung des Unbewussten als Wissen]. [Die Pointe der Geschichte besteht darin, dass der zerstückelte Körper hier die Form einer Himmelserscheinung annehmen wird, eines Meteors.]

Auch hierbei wird vorausgesetzt, dass es bereits etwas gibt, nämlich Geschichten über das Territorium. [Um die Einwirkung der Sprache auf das Reale darzustellen, braucht man einen nicht-sprachlichen Ausgangspunkt. Diese Funktion hat hier das Territorium. Man solte sich daran erinnern, dass Lacan den Anderen (seit Seminar 5) als „Ort des Sprechens“ bezeichnet. In Freuds Terminologie geht es jetzt also um eine „Topik“, Lacan sagt meist „Topologie“. Auch damit ist man allerdings nicht in einer sprachfreien Sphäre – den Ausgangspunkt bilden die „Geschichten“ über das Territorium – die Topik muss umgangssprachlich eingeführt werden. Im Folgenden geht es um „Geschichten“ im engeren Sinne, um eine „Parabel“, wie Lacan sagt, um eine lehrhafte Erzählung.]

[Lacans Parabel besteht aus fünf Schritten.]

[Erster Spielzug:] Der Signifikant „mein rechter Arm“ erntet etwas im Garten des Nachbarn, z. B. Äpfel. [Es gibt aneinander angrenzende Territorien, also offenbar Privateigentum, und es gibt meinen rechten Arm offenbar als Element des zerstückelten Körpers, das heißt als abgetrenntes Ding, das seinen Platz wechseln kann. Der Mensch ist hier jemand, der, so scheint es, Hunger hat; ein Ausgangspunkt ist, wie in Seminar 5, das Bedürfnis.]

[Zweiter Spielzug:] Der Nachbar ergreift den Signifikanten „rechter Arm“ und wirft ihn zurück. Das wird „Projektion“ genannt [entsprechend der wörtlichen Bedeutung des Ausdrucks, nämlich „Wegwurf“]. [? Spielt Lacan hier auf die Fehlhandlung an? Das Pflücken des Apfels wäre dann die Handlung, der Arm wäre der Signifikant, der bei einer Handlung immer im Spiel ist123, und durch das Zurückwerfen würde die Handlung zur Fehlhandlung – ? Für die Deutung als Akt spricht, dass es hier um einen Anfang geht sowie um eine Grenzüberschreitung – der Akt setzt einen neuen Anfang und mit einer Überschreitung verbunden, heißt es in Seminar 15.124] [Die Parabel erinnert, ironisch, an Melanie Klein und das von ihr betonte Wechselspiel von Projektion und Introjektion.] [? Lacan deutet an, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen der Entstehung des Unbewussten und dem Mechanismus der Projektion. Worin besteht er?]

[Alternative zu den ersten beiden Spielzügen:] Wenn der Signifikant „rechter Arm“ im Garten des Nachbarn nicht geerntet hätte, sondern ruhig gewesen wäre, hätte der Nachbar ihn wahrscheinlich | [17] angebetet. Dies ist der Ursprung des Herrensignifikanten: ein rechter Arm, ein Szepter. Da sieht man, wie der Herrensignifikant sich materialisiert. [Der Herrensignifikant ist demnach ein Signifikant, der vom anderen angebetet wird; ein Herrensignifikant ist ein Signifikant, an den geglaubt wird. Das Szepter wird in der Psychoanalyse üblicherweise als Phallus-Metapher gedeutet. Die Anbetung verweist auf die Religion und damit wieder einmal auf den Namen-des-Vaters.]

[Man muss also zwei alternative Existenzweisen des Signifikanten „rechter Arm“ unterscheiden: als das, was verehrt wird (Herrensignifikant), und als das, was zurückgeworfen wird und damit den Ursprung der Signifikantenakkumulation bildet. Das Zurückwerfen ist möglicherweise eine Metapher für die Verdrängung. Am Anfang steht also die Identifizierung (Herrensignifikant, S1) und das „Zurückwerfen“, vermutlich: die Bildung des Unbewussten durch Verdrängung, S2.]

[Erläuterung zum zweiten Spielzug] Es ist nicht zwangsläufig so, das es mein Arm ist, der mir zugeworfen wird, denn die Signifikanten sind nicht individuell, man weiß nicht, welcher wem gehört. [Hier geht es also um den Übergang vom individuellen Charakter des Organs zum transindividuellen Charakter des Signifikanten. Das heißt vielleicht: Was verdrängt wird, kommt nicht unbedingt von mir.]

[Dritter Spielzug:] Es ist möglich, dass ich durch die „Projektion“ nicht nur einen Arm erhalte, sondern mehrere Arme. Von diesem Moment an ist nicht mehr wichtig, ob es meiner ist oder nicht. [Damit sind wir bei der Pluralität der Signifikanten an einem bestimmten Ort, also bei der Signifikantenakkumulation, also bei einer Entsprechung zu S2 als dem unbewussten Wissen.]

Dies ist ein anderes Ursprungsspiel als der Ödipuskomplex. [Die Parabel soll, wie der Ödipuskomplex, die Entstehung des Unbewussten erklären.]

Die Welt ist in Territorialzellen aufgeteilt. Dabei geht es um die Funktion des Zufalls. Es kann sein, dass man nicht nur einen fremden Arm zugeworfen bekommt, sondern mehrere. Von dem Moment an, wo einem mehrere Arme zugeworfen werden, ist es nicht mehr wichtig, ob es der eigene ist oder nicht. [? Worauf zielt das ab?]

[Vierter Spielzug:] Vom Inneren eines Territoriums aus kennt man nur die eigenen Grenzen und weiß nicht notwendigerweise, dass es hinter der Grenze sechs weitere Territorien gibt. [Diese Topik erinnert an eine Bienenwabe.] Man schleudert den Arm deshalb so, wie man’s grad kann. [Der Werfende ist jetzt offenbar „ich“; sein Wurf hat keinen bestimmten Adressaten. Mir werden mehrere Arme zugeworfen und ich werfe sie über die Grenze, ohne zu berücksichtigen, über welchen Grenzabschnitt.]

[Fünfter Spielzug:] Deshalb kann es passieren, dass es in diesen Territorien einen Regen [von rechten Armen] gibt. [Hier sind offenbar die angrenzenden Territorien gemeint. Der Regen ist ein „Meteor“, sagt Lacan in Seminar 16125, wir sind also immer noch bei den Meteoren.]

Es gibt also eine Beziehung zwischen der Zurückweisung von etwas und dem Herrensignifikanten, das sollte man festhalten. [Mein rechter Arm wird vom Nachbarn entweder zurückgewiesen oder angebetet, womit er zum Herrensignifikanten wird. Das waren die beiden ersten Spielzüge und deren Alternativen. Vielleicht eine Anspielung darauf, dass die Identifizierung (Herrensignifikant) sich auf das Liebesobjekt bezieht, das unerreichbar ist.]

Das, worum es aber vor allem geht, ist, dass ich die rechten Arme zurückwerfe und dass es hierdurch, in einem Zufallsprozess, an bestimmten Punkten [in den angrenzenden Territorien] zu einer Signifikantenakkumulation kommt.

Von hier aus kann die Entstehung einer Sprache begriffen werden.

Den Zusammenhang zwischen dem zerstückelten Körper und den Signifikanten sieht man bei der Schrift: Der Buchstabe A ist ein umgedrehter Stierkopf und es gibt weitere Elemente, die ähnlich sind. [Buchstaben sind Elemente – das griechische Wort stoicheion meint sowohl das Element als auch den Buchstaben.]

Lacan verweist auf zwei Lücken in seiner Parabel. Die eine besteht darin, | [18] dass die Möglichkeit der „Ektopie“ und des „Ausflugs“ [also der Abtrennung des Arms] vorausgesetzt wird. [Offenbar will er hier andeuten, dass er in der Parabel das Konzept des Schnitts nicht untergebracht hat.] Es ist jedoch noch alles da, vor einigen Tagen gab es ein Photo in einer Zeitung das offenbar zeigte, wie ein Mensch zerschnitten wurde [Enthauptung?]. Er wurde „auf einem menschlichen Wesen“ zerschnitten [? mir ist nicht klar, was das hier meint]. [Zerstückelungsphantasmen werden weiterhin realisiert.]

Eine zweite Lücke besteht darin, dass durch die Parabel nicht erklärt wird, wie es eine Gesellschaft von Signifikanten geben kann, analog zu der an Hegel gerichteten Frage, wie es eine Gesellschaft von Herren geben kann. [Lacan spielt hier darauf an, dass eine Gesellschaft von Herren Freud zufolge auf der Homosexualität beruht.126 [In Seminar 20 von 1972/73, Encore, wird Lacan ein Ensemble von Herrensignifikanten als essaim bezeichnen, „Schwarm“, wobei er auf die Lautgleichheit mit S1 anspielt, französisch ausgesprochen: S-un. ]

Nach einigen Spielzügen gibt es in einigen Territorien einen Signifikantendurchschnitt, der höher ist als in anderen. [Mit „Durchschnitt“ könnte gemeint sein: Die Arme bzw. Signifikanten fliegen hin und her, dadurch verändert sich in einem bestimmten Territorium beständig ihre Anzahl. Für eine bestimmte Zeit und für ein bestimmtes Territorium kann jedoch ihr Durchschnitt berechnet werden. Zufällig ist also, ob es in einem Territorium durchschnittlich mehr oder weniger rechte Arme gibt.]

Es bleibt jedoch offen, wie die Signifikanten in einem Territorium eine Signifikantengesellschaft werden bilden können. [? Bezieht sich das darauf, dass von Lacan die Funktion Name-des-Vaters nicht in die Parabel eingeführt wurde?]

[Einige Bestandteile von Lacans Parabel erinnern an Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus: Kritik des Ödipuskomplexes, Begriff des Territoriums, Bezug auf die Schizophrenie (für welche, Lacan zufolge, die Phantasie des zerstückelten Körpers charakteristisch ist). Der Anti-Ödipus erschien jedoch erst ein Jahr später, 1972. Gab es bereits vorher einen ähnlichen Text von Deleuze/Guattari, auf den Lacan sich hätte beziehen können?]

„vom Schein“: Genitivus objectivus und „subjectivus“

Der Genitiv im Titel „D’un discours qui ne sarait pas du semblant“ ist ein Genitivus objectivus, es geht um den Schein als Objekt des Diskurses. [Der Titel ist also so zu lesen: „Über einen Diskurs, der nicht ein Diskurs über den Schein wäre“, „Über einen Diskurs, in dem der Schein nicht ein Objekt des Diskurses wäre“.] [? Bezieht sich „Objekt“ hier auf das Objekt a?]

Der Bezug auf dieses Objekt, auf den Schein als eigenes Objekt, regelt die „Ökonomie“ des Diskurses. [Unter „Ökonomie“ versteht Lacan häufig den Bezug auf etwas Fehlendes. Der Schein ist vermutlich das, was den Mangel verdeckt.]

Ist der Genitiv in „D’un discours qui ne sarait pas du semblant“ auch ein Genitivus subjectivus? [Anders gefragt: Könnte der Titel auch in etwa so übersetzt werden: „Über einen Diskurs, der nicht ein vom Schein bestimmter Diskurs wäre“?] Ja. [Man kann den Titel so deuten: „Über einen Diskurs, der nicht Schein qua Herrensignifikant bestimmt wäre“.]

Allerdings ist das Wort „subjektiv“ problematisch. Das Subjekt [im Sinne von Lacan] ist der Effekt einer Signifikantenverbindung, es beherrscht nicht die Signifikantenartikulation [daran hatte Lacan zu Beginn dieser Sitzung erinnert.] [Der Seminartitel meint also sowohl „Über einen Diskurs, der nicht über den Schein wäre“ als auch „Über einen Diskurs, den nicht vom Schein hervorgerufen werden würde“. Die von mir gewählte Übersetzung enthält diese Mehrdeutigkeit: „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“, „vom Schein“ meint hier zugleich „über den Schein“ und „vom Schein herrührend“.]

[Der Schein ist also erstens das Objekt des Diskurses und zweitens das, was den Diskurs hervorbringt.]

[In welchem Sinne ist der Schein ein Objekt des Diskurses?] Ein Diskurs macht Schein, wie man sagt „il fait florès“ (es bringt zum Leuchten, er hat Erfolg) oder „il fait léger“ (es wirkt locker, es sieht leicht aus), „il fait chic“ (es macht was her, es wirkt chic). [Das „fait“ bedeutet hier in etwa „wirken als“. „Der Diskurs macht Schein“ meint also: „Der Diskurs wirkt wie Schein“, „macht den Eindruck von Schein“, „erzeugt den Eindruck von Schein“.]

„Wenn das, was an Sprechen geäußert wird, genau deshalb wahr ist, weil es immer ganz authentisch das ist, was es [das Sprechen] ist, auf der Ebene, auf der wir sind, des Objektiven und der Artikulation, dann tritt der Schein also genau als Objekt dessen auf, was im Diskurs produziert wird. Von daher der, streng gesagt, | [19] sinnlose Charakter dessen, was artikuliert wird.“
[Hier geht es wieder um die Dialektik von Wahrheit und Schein. Wenn die Wahrheit sich im authentischen Sprechen zeigt, dann ist das Objekt, das im Diskurs produziert wird, der Schein.] [? Diese Passage habe ich nicht verstanden.]
[– Was im Sprechen geäußert wird, ist deshalb wahr, weil es authentisches Sprechen ist, und zwar sowohl auf der Ebene des Objektiven als auch auf der Ebene der Artikulation, des Sprechvorgangs (der énonciation). Das erinnert an den Begriff des „vollen Sprechens“ im Rom-Vortrag. Vorher in dieser Sitzung hatte Lacan es so formuliert:  Über die Wahrheit einer Deutung wird durch die Fortsetzung des Diskurses entschieden. Wenn man beides zusammenfügt, erhält man: Über die Wahrheit einer Deutung wird durch die Fortsetzung des Diskurses (des Sprechens) entschieden, sofern dieser Diskurs ein authentisches Sprechen ist.] [? Was ist mit der Ebene des Objektiven gemeint? Der Gegenstand oder Inhalt des Sprechens (énoncé)? Das Objekt a? Beides?]
[– Deshalb tritt der Schein als Objekt dessen auf, was im Diskurs produziert wird.]
[? Deutungsidee 1: Der Schein ist die Objektseite des Sprechens qua Gegenstandsbezug, Inhalt (énoncé). Deutungsidee 2: Der Schein ist die Objektseite des Sprechens qua Objekt a als Produkt ds Diskurses.]
[- Von daher der streng gesagt sinnlose Charakter dessen, was artikuliert wird: „Schein“ wird hier mit „sinnlos“ übersetzt. Das, was im Diskurs artikuliert wird ist sinnlos, ist Schein.]

[Ein Diskurs ist insofern „vom Schein“, Genitivus objectivus, als das, was der Diskurs produziert, Schein ist. Man könnte also durchaus vom „Scheindiskurs“ sprechen, nur darf man darunter nicht einen Diskurs verstehen, der nur scheinbar ein Diskurs ist, sondern einen Diskurs, in dem Schein produziert wird, so wie das Wort „Wurstfabrik“ nicht bedeutet, dass die Fabrik aus Wurst besteht, sondern dass dort Würste fabriziert werden. ]

„nicht wäre“: implizite Existenzbehauptung

Hier zeigt sich der Reichtum der Sprache, sie enthält eine Logik, die über alles hinausgeht, was uns gelingt, aus ihr herauszuziehen. [Darauf bezieht sich Lacans Diktum „Es gibt keine Metasprache“ – jede Formalisierung muss sich letztlich auf die Umgangssprache stützen, deren Logik nicht vollständig objektiviert werden kann.]

Der Titel hat eine hypothetische Form. [Damit bezieht Lacan sich auf das „wäre“: „ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre“. Ausformuliert lautet die entsprechende Behauptung „Es gibt einen Diskurs, der nicht vom Schein ist“; sie hat den Status einer Hypothese, das heißt einer Annahme, die möglicherweise wahr ist, deren Gültigkeit jedoch nicht bewiesen ist: „Es gibt möglicherweise einen Diskus, der nicht vom Schein ist.“]

In der Logik spielt die Hypothese eine entscheidende Rolle. [Die Prämissen werden als Hypothesen aufgefasst und die Konklusion hat hypothetischen Charakter: Wenn dies wahr wäre (die Prämissen), dann ist auch dies wahr (die Konklusion).]

Im Modus ponens ergibt sich die Schlussfolgerung daraus, dass ein Term im Inneren dieser Hypothese als wahr angezeigt wird. [Der Modus ponens ist die folgende Schlussfolgerung:
Erste Prämisse: wenn p, dann q (z.B. „Wenn sie mich anlächelt, liebt sie mich.“)
Zweite Prämisse: p („Sie lächelt mich an.“)
Konklusion: q („Sie liebt mich.“)
p und q stehen für Aussagen. Mit dem „Term“ im Inneren der Hypothese, der als wahr angezeigt wird, meint Lacan vermutlicht die zweite Prämisse. Die Prämissen haben hypothetischen Charakter: „Falls dies wahr ist: ‚wenn p, dann q‘, und falls dies wahr ist, nämlich p“.]

Es gibt noch weitere solche Schlussregeln, es ist bekannt, was die Logiker damit gemacht haben. [Sie haben Kataloge von Schlussregeln erstellt: Modus tollens, Kettenschluss, Fehlschlüsse usw.]

Womit die Logiker sich offenbar noch nicht beschäftigt haben, sagt Lacan, ist die negative Hypothese. [Positive Hypothese meint hier eine Hypothese, die die Form einer bejahenden Aussage hat: „Es ist möglicherweise wahr, dass S P ist“, z.B. „Es ist möglicherweise wahr, dass der Diskurs vom Schein ist“. Negative Hypothese meint hier eine Hypothese, die sich auf eine verneinenden Aussage bezieht. „Es ist möglicherweise wahr, dass S nicht P ist“, z.B. „Es ist möglicherweise wahr, dass der Diskurs nicht vom Schein ist“.]

Dabei hatte Freud bereits auf einen wichtigen Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung verwiesen. Freud sagt, dass die Bejahung nur ein Attributionsurteil enthält, das kein Urteil über die Existenz vorwegnimmt. [In einem Attributionsurteil wird eine Eigenschaft zu- oder abgesprochen. Ein bejahendes Attributionsurteil ist beispielsweise: „Der Diskurs ist vom Schein.“ Ein verneinendes Attributionsurteil ist: „Der Diskurs ist nicht vom Schein.“ Die Eigenschaft „vom Schein“ wird zu- oder abgesprochen. Ein Existenzurteil beginnt mit „Es gibt“ oder „Es existiert“. Also beispielsweise: „Es gibt einen Diskurs.“]

[Im bejahenden Attributionsurteil wird kein Urteil über die Existenz vorweggenommen. Beispielsweise: Wenn ich behaupte: „Der Diskurs ist vom Schein“ impliziert das nicht die Behauptung „Es gibt einen Diskurs“. Ein Beispiel, womit sich das plausibel machen lässt: Die Behauptung „Hexen sind zaubernde Wesen“ impliziert nicht die Behauptung „Es gibt Hexen“.]

Das war zu Freuds Zeiten nur wenigen Logikern klar.

Einzig das Setzen einer Verneinung impliziert die Existenz dessen, was negiert wird. [Lacan sagt gewissermaßen: Wenn ich behaupte „Hexen sind keineswegs zaubernde Wesen“, behaupte ich damit implizit, dass es Hexen gibt. Wenn ich sage „Der Diskurs ist nicht vom Schein“ impliziert das die Existenzbehauptung „Es gibt einen Diskurs“. Das ist möglicherweise eine weitere Anspielung auf den Existenzquantor und auf den Gegensatz zwischen dem Existenzquantoren „es gibt“ bzw. „es gibt nicht“ und dem Allquantor „alle“ bzw. „nicht alle“, auf dem später in diesem Seminar die Formeln der Sexuierung aufgebaut sein werden und der die Spaltung des Subjekts repräsentiert.]

Aus diesem Grunde impliziert die Rede vom Diskurs, der nicht vom Schein wäre, die Behauptung, dass der Diskurs vom Schein ist. [Das negative Attributionsurteil „Der Diskurs ist nicht vom Schein“ impliziert die Existenzbehauptung „Es gibt Diskurse, die vom Schein sind“.]

[? Mir ist nicht klar, ob sich Lacans These, dass das negative Attributionsurteil ein Existenzurteil impliziert, begründen lässt und ob er irgendwo versucht, die Begründung zu liefern. Auf jeden Fall finden man diese These nicht in Freuds Aufsatz über die Verneinung.]

„Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre“

Vorbereitung durch Freud: Wiederholung jenseits des Lustprinzips

Wenn man das so formuliert [nämlich „Ein Diskurs der nicht vom Schein wäre“] hat das den Vorteil, dass man nicht sagt, um den Schein von was es dabei geht [was also gewissermaßen das nicht-scheinhafte Wesen ist, das der scheinhaften oder nicht scheinhaften Erscheinung zugrundeliegt]. Worum geht es in dem Diskurs, der nicht vom Schein wäre? Das will Lacan anschließend erläutern.

Das Gelände [das Lacan hier erkundet] ist durch Freud mit Jenseits des Lustprinzips vorbereitet worden. Der Anknüpfungspunkt ist dort der Zusammenhang von Wiederholung und Genießen. [Freud sagt dort:] Das mit der Wiederholung verbundene Genießen läuft dem Lustprinzip zuwider. [Die mit dem Wiederholungszwang verbundene Erregung untersteht nicht oder nur sekundär der Herrschaft des Lustprinzips. Das Lustprinzip besagt, dass das Funktionieren des psychischen Apparats dadurch bestimmt ist, Lust zu verschaffen, und dass Lust durch Verminderung der Erregungsquantität entsteht, was als Entspannung empfunden wird. Unter „Genießen“ versteht Lacan eine Erregungsdynamik, bei der die Spannung steigt, mit Freud: bei der die Erregungsquantitäten erhöht werden, was oft als Unlust empfunden wird.] Das Lustprinzip erholt sich davon nicht wieder [es wird für Freud zu einem Faktor, der sekundär in das Genießen eingreift]. [Praktisch zeigen dies etwa die negative therapeutische Reaktion und der Masochismus.]

Der Hedonismus [die Philosophie des Lustprinzips] erweist sich im Lichte der Psychoanalyse als ein philosophischer Mythos, das heißt als ein Mythos einer streng definierten Klasse [nämlich als ein Mythos, der im Dienste des Herrn steht, im Gegensatz zu den Mythen der sogenannten primitiven Gesellschaften, die nicht auf dem Herrendiskurs beruhen].

[20] Beim Prozess des Herrn [bei der Durchsetzung des Herrendiskurses] haben die Philosophen Hilfe geleistet, indem sie es dem Herrendiskurs ermöglicht haben, ein Wissen aufzubauen, das ein Wissen des Herrn ist [die Philosophie entzieht dem Sklaven das Wissen und macht daraus ein Herrenwissen, wie Lacan in Seminar 17 am Beispiel von Platons Dialog Menon zu zeigen versucht hatte.] [Bringt man das mit den vorangegangenen Bemerkungen zusammen, kann man sagen, dass dies damit einherging, dass sie einen Mythos von der Alleinherrschaft des Lustprinzips entwickelt haben.]

Dieses Wissen [des Herrn] hat ein anderes Wissen unterstellt, nämlich darüber, dass es eine Beziehung zwischen dem Wissen und dem Genießen [jenseits des Lustprinzips] gibt, wie Hegel [in der Phänomenologie des Geistes, im Kapitel über Herrschaft und Knechtschaft] andeutungsweise gesehen hat. Allerdings sieht Hegel nur, wie durch die Arbeit des Knechts das Wissen des Herrn vollendet wird [er sieht nicht oder nicht klar den Zusammenhang zwischen dem Wissen und dem Genießen]. [Bezogen auf die Formel des Herrendiskurses – \frac {\text S_1}{\text {\$}} \:^\rightarrow \, \frac {\text S_2}{a} – heißt das: Hegel kommt nur bis zu S2 am Platz oben rechts, nicht bis zu a am Platz unten rechts. Er sieht nicht, dass das Genießen auf der Seite des Knechts ist.127 Der Zusammenhang zwischen Wissen und Genießen jenseits des Lustprinzips ist für das Unbewusste charakteristisch: das Unbewusste (das Wissen, S2) dient, mit Freud zu sprechen, der Triebbefriedigung (dem Genießen, a).]

Der Tod als Schein

Die Freud’sche Hypothese [über den Zusammenhang von Wiederholung und Genießen in Jenseits des Lustprinzips] hat die Form eines Syllogismus.

[Erste Prämisse:] Wenn wir „Lustprinzip“ das nennen, wodurch das Lebendige dazu gebracht wird, sein Verhalten beständig auf ein Niveau der minimalen Erregung zurückzuführen.

[Zweite Prämisse:] Und wenn die Wiederholung auf eine Weise operiert, die dazu führt, dass ein gefährliches Genießen zurückgebracht wird, ein Genießen, das diese minimale Erregung übersteigt.

[Konklusion:] Dann muss man annehmen, dass das Leben die Möglichkeit der Wiederholung enthält, die eine Rückkehr zu dieser Welt wäre, insofern sie Schein ist.

[Das ist offenbar eine Umformulierung von Freuds These, dass dem belebten Organischen ein Drang zur Wiederholung eines früheren Zustands innewohnt und dass dieser frühere Zustand der Tod ist. „Das Ziel allen Lebens ist der Tod.“128

Der Syllogismus ist möglicherweise: Wenn es das Streben nach geringstmöglicher Erregung gibt, und wenn es Wiederholung gibt, dann muss es – neben der uns bekannten entgegengesetzt gerichteten Wiederholung – auch eine Wiederholung geben, die auf geringstmögliche Erregung aus ist.

Der Begriff des Scheins wird hier nicht durch den Signifikanten erläutert, sondern durch das Genießen: die Welt des Scheins ist die Welt des Genießens auf niedrigstem Niveau.] [? Inwiefern ist dies die Welt des Scheins?]

Dabei muss man berücksichtigen, dass das Leben in der Welt etwas Neues ist; die Welt enthält nicht überall Leben.

Grafik B

Obere Grenze mit niedrigstem Punkt

Das mit dem Leben verbundene Genießen lässt sich durch eine Kurve der Erregungsintensität darstellen [in Form einer Parabel], die keine obere, sondern nur eine untere Grenze hat. Nach oben kann sie bis ins Unendliche gehen. Nach unten hat sie als Grenze den unteren Tangentialpunkt, den | [21] „supremen“ Punkt, was meint: den niedrigsten Punkt einer oberen Grenze. Das Genießen ist also nicht durch eine obere, sondern durch eine untere Grenze zu charakterisieren; es ist nicht durch auf- und absteigende Erregungskurven darzustellen, die an eine obere Grenze heranführen.

Dieser niedrigste Punkt einer oberen Grenze ist ein tödlicher Punkt. Und dieser tödliche Punkt ist ein Charakteristikum des Lebens. [Lacan folgt hier Freud darin, dass das Leben auf den Tod abzielt.] Der tödliche Punkt als Charakteristikum des Lebens ist nicht zu verwechseln mit dem Nicht-Leben, mit der unbelebten Welt, in der es jede Menge Bewegung gibt [aber kein Genießen, keine Erregung]; die unbelebte Welt [keine Erregung] ist nicht der Tod [der Tod ist minimale Erregung].

Der Tod ist der Endpunkt des Genießens des Lebens. [Der Tod ist die untere Grenze in der „Genießen“ genannten Form der Erregung jenseits des Lustprinzips. Der Tod ist also keineswegs das Nicht-Genießen, er ist nur ein Genießen auf niedrigstem Niveau. Anderes gesagt: Wenn ich tot sein werde, wird mein Körper nicht anorganisch, er wird immer noch ein genießender Körper sein, es wird immer noch Leben in ihm sein, sagen wir: das Leben der Würmer, ein schwaches Genießen. Der tote Körper ist weiterhin organisch: er verfault.]

[Wie ist die Kurve zu deuten? Die beiden Äste der Parabel führen nach oben ins Unendliche, damit wird illustriert, dass das Genießen darauf aus ist, die Erregungsintensität zu steigern, ohne dass es hierfür eine innere Grenze gibt. Es gibt eine obere Grenze, aber sie wird von außen gesetzt, durch das entgegengesetzt wirkende Lustprinzip. Das Genießen hat eine innere untere Grenze. Dies ist der Tod, der ein minimalisiertes Genießen ist.]

Lacan nennt dies den Freud’schen Hyper-Hedonismus. [Der Hyper-Hedonismus von Freud besteht darin, dass auch der Tod als eine Form des Genießens aufgefasst wird, der Erregung, nur eben auf niedrigstem Niveau.]

Das Genießen ist ein Diskurseffekt: die unmögliche Mehrlust

Die Ökonomie [im Sinne der Erregungsabläufe, des Genießens] ist immer ein Diskursfaktum. Das gilt auch für die Ökonomie der Natur. [Zwei Jahre später, in Television, wird Lacan sagen,  die Energie sei keine Substanz, sondern eine Zahlenkonstante, die der Physiker für seine Berechnungen braucht.[/note]Vgl. J. Lacan: Television (1973). In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Berlin 1988, S. 55–98, hier: S. 73.[/note]]

Das Genießen ist nicht nur ein Diskurs-Fakt (fait), sondern auch ein Diskurs-Effekt (effet). [Insofern nämlich, als der Diskurs einen Genuss-Verlust herbeiführt, die Mehrlust.]

Wenn das Unbewusste als Sprachstruktur nur halbgesagt werden kann, dann deshalb, damit schließlich die Konturen dieses Diskurseffekts erscheinen, der uns bis dahin als unmöglich erschien, nämlich der Mehrlust. [Ich verstehe das so: Die halbe Wahrheit, die sich sagen lässt, ist, dass das Unbewusste strukturiert ist wie eine Sprache.Die unsagbare Hälfte bezieht sich auf die Mehrlust, sie ist unmöglich, das heißt, hier stößt das Sprechen auf eine Grenze.]

[Den Begriff der Mehrlust hatte Lacan in Seminar 16 eingeführt, Von einem Anderen zum anderen (1968/69) (eine Übersetzung der entsprechenen Sitzung findet man in diesem Blog hier). Die Mehrlust ist das durch die Einwirkung der Sprache verlorene Genießen. Der Trieb zielt auf die „Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses“, sagt Freud in Jenseits des Lustprinzips, auf das Wiederfinden eines verlorenen Genießens. Um das verlorene Genießen herum werden die Objekte gebildet, die das Begehren hervorrufen, die Objekte a: Brust Kot, Stimme, Blick. Es sind verlorene Objekte, sie verkörpern das, was dem Subjekt fehlt. Die Dimension des Mangels, des Fehlens kann von der Logik nicht erfasst werden; diese These entwickelt Lacan in Seminar 14, Die Logik des Phantasmas (1966/67).]

Wenn die Mehrlust unmöglich war, ist sie dann Reales? [Lacan spielt hier an auf sein Diktum „Das Reale ist das Unmögliche“, das er seit Seminar 9 in jedem Seminar aufgegriffen hatte.] Lacan wirft die Frage auf. [Im folgenden Satz deutet er eine Antwort an.]

Der Einbruch des Diskurses des Unbewussten in das, was ihm vorausging, impliziert nichts, was bereits seiner Struktur unterworfen war. [Ich nehme an, das Folgendes gemeint ist: Das, wohinein der Diskurs des Unbewussten einbricht, ist das Genießen (die Erregungsabläufe). Das Genießen hat eine völlig andere Struktur als der Diskurs des Unbewussten. Aus diesem Grunde ist das Genießen bzw. die Mehrlust etwas Reales, das heißt etwas, was zu symbolisieren unmöglich ist.]

Der Diskurs des Unbewussten ist eine Emergenz [etwas radikal Neues], die Emergenz einer bestimmten Funktion des Signifikanten [also die Entstehung einer völlig neuen Signifikantenfunktion]. [? Worin besteht die neue Signifikantenfunktion? In der Konstituierung des Subjekts?]

Bis zum Einbruch des Diskurses des Unbewussten hatte der Signifikant als Anzeichen (enseigne) existiert. Unter diesem Aspekt hatte er, Lacan, den Signifikanten an den Ursprung des Scheins gesetzt. [Die These über den Signifikanten als Schein lautet demnach: Der Signifikant als Schein ist das Anzeichen. Der Signifikant in der Natur ist die Natur als Anzeichen.] [? Was heißt, dass der Signifikant als Anzeichen fungiert? Dass er in Bezug auf die Sache aufgefasst wurde statt auf andere Signifikanten? Meint also „Signifikant als Schein“ nichts anderes als „Zeichen“?]

Ein Diskurs, dessen Zentrum das Unmögliche wäre

Die Konsequenzen der Emergenz des Diskurses des Unbewussten und damit einer neuen Funktion des Signifikanten, das ist das, was eingeführt werden muss. [? Welche Konsequenz ist gemeint? Hier meine (spekulative) Vermutung: Die Konsequenz des Diskurses des Unbewussten besteht darin, dass es keinen sexuellen Akt gibt (wie Lacan ab Seminar 14 sagt129), kein sexuelles Verhältnis (wie er ab Seminar 16 sagt), also im Fehlen eines Signifikanten, der das sexuelle Verhältnis herstellen würde. Dieses Fehlen wird durch den Phallus symbolisiert. Und dieser Signifikant ermöglicht es, dass die Suche nach Mehrlust als Ersatz dient.]

Die Konsequenz des Diskurses des Unbewussten muss eingeführt werden, damit sich etwas verändert – was sich aber nicht verändern kann, das gehört nicht zum Möglichen [und damit sind wir wieder beim Unmöglichen]. [Die Konsequenz der Einführung des Diskurses des Unbewussten steht also in einer Beziehung zum Unmöglichen, das heißt zum Realen. Für das Reale gibt es hier eine schöne Definition: Das Reale besteht darin, dass (durch das Sprechen) etwas verändert werden muss, was aber nicht verändert werden kann.]

Schluss-Satz: „Wenn ein Diskurs vielmehr dadurch zentriert wird, dass seine Wirkung etwas Unmögliches ist, hätte er eine gewisse Chance, ein Diskurs zu sein, der nicht vom Schein wäre.“ [Was also ist ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre? Ein Diskurs, der sein Zentrum darin hätte, das seine Wirkung etwas Unmögliches ist. Das Unmögliche ist das Reale. Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, ist ein Diskurs, der sich vor allem auf das Reale als das Unmögliche bezöge.]

Zusammenfassung zum Begriff „Schein“

Zusammenfassungen in eigenen Worten.

Die Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift, z.B. [13],  verweisen auf die Seitenzahlen der Miller-Ausgabe.
Sätze in eckigen Klammern und grüner Schrift: meine Ergänzungen

(1) Mit dem Diskurs, der vom Schein ist, ist nicht der Scheindiskurs gemeint, in dem Sinne, dass ein Scheindiskurs ein Diskurs wäre, bei dem sich nicht entscheiden ließe, ob er wahr oder falsch ist. [13]

– Diese Auffassung von „Scheindiskurs“ setzt voraus, dass es eine Metasprache gibt, von der aus man entscheiden könnte, oder ein Diskurs Schein ist oder nicht. Es gibt jedoch keine Metasprache. [13]

(2) Der Schein ist ein Produkt des Diskurses

– Der Schein ist das, was im Diskurs produziert wird. [18] [Man könnte sagen: Ein Diskurs ist dann vom Schein, wenn er ein Scheindiskurs im Sinne von „schein-produzierender Diskurs“ ist.]

– Es geht um den Schein als ein eigenes Objekt, von dem her die Ökonomie des Diskurses geregelt wird. [18]

(3) Die Grundlage des Scheins ist der Signifikant. [15]

– Im Lichte dessen, was Lacan in dieser Sitzung vorbringt, ist der Signifikant mit dem Status des Scheins identisch. [16]

(4) Schein ist der Signifikant, der mit sich identisch ist: der Signifikant „ich“

– Die Wahrheit sagt von sich „ich spreche“, sie äußert sich als Orakel; das „ich lüge“ ist die einzige haltbare Wahrheit. Hingegen ist das „ich“ in „ich spreche“ oder in „ich lüge“ der Schein.  Dieser Schein ist der Signifikant an sich selbst. [14]

– Eine Ebene des Ausdrucks „Schein“ ist: der Signifikant, der mit sich identisch ist. [16] [Ein Signifikant kann nicht mit sich identisch sein (Seminar 9), der mit sich identische Signifikant ist deshalb Schein.]

(5) Bestimmte Gestalten des Scheins verweisen auf den Namen-des-Vaters

– Der charakteristischste Meteor (Himmelserscheinung) ist der Donner. „Es gibt keinen haltbaren Namen-des-Vaters ohne den Donner, wobei alle sehr gut wissen, dass man nicht einmal weiß, von was der Donner ein Zeichen ist. Eben das ist die Gestalt des Scheins.“ [15]

(6) Der Ursprung des Scheins ist das Anzeichen

– Der Schein, in dem der Signifikant mit sich identisch ist, ist der Schein in der Natur. [15]

– Der Schein im Sinne von Himmelserscheinungen (Meteore) war der Gegenstand der frühen Naturwissenschaften: Konstellationen, Regenbogen („kein Ding“).  [15]

– Sofern der Signifikant als Anzeichen (enseigne) fungiert, ist er der Ursprung des Scheins. [21]

– Wenn die Tiere etwas öffnen, etwa einen Kiemendeckel, ist das ein manifester Schein. [16]

(7) Der Schein steht im Gegensatz zum Genießens

– Bei Freuds Todestriebhypothese – Todestrieb als Streben nach Rückkehr zu einem unbelebten Zustande – geht es um die Rückkehr zu einer Welt, insofern sie Schein ist. [20] [Demnach ist das minimale Erregungsniveau der Schein.]

(8) Das Blut verbreitet den Schein. [4] [Ist das eine Anspielung auf das Objekt a?]

(9) Gegenbegriffe zu „Schein“: der Referent, das Unmögliche

– Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, bezöge sich auf den Referenten. [16]

– Ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, wäre dadurch zentriert, dass seine Wirkung etwas Unmögliches ist. [21] [Das Unmögliche ist das Reale; ein Diskurs, der nicht vom Schein wäre, bezöge sich demnach auf das Reale.]

Sekundärliteratur zu Seminar 18

Flecher, Guy: Plus de Chine [Zum Chinesischen in Seminar 18]. In: Jean-Marie Jadin, Marcel Ritter (Hg.): La jouissance au fil de l’enseignement de Lacan. Érès, Toulouse 2009, S. 300–316, Inernet hier

––: Retour sur un traduction de Mencius par Lacan. In: Website „Lacan et le monde chinois“, 2009, http://www.lacanchine.com/FG09.html

Lacan et le monde chinois. Website mit zahlreichen Beiträgen

Miller, Jacques-Alain: De la nature des semblants. Cours 1991/92. Transkription im Internet hier

—: Des semblants dans la relation entre les sexes. In: La Cause freudienne, no. 36, 1997, S. 7–16, im Internet hier.

Ritter, Marcel: Vers l’écriture de la jouissance sexuelle … [Zum Begriff des Genießens in Seminar 18]. In: Jean-Marie Jadin, Marcel Ritter (Hg.): La jouissance au fil de l’enseignement de Lacan. Érès, Toulouse 2009, S. 317–336

Salecl, Renata (Hg.): Sexuation. Duke University Press, Durham 2000

Veken, Cyril: XVIII. D’un discours qui ne serait pas du semblant [Zusammenfassung von Seminar 18]. In: Moustapha Safouan (Hg.): Lacaniana. Les séminaires de Jacques Lacan. Tome 2. 1964–1979. Fayard, Paris 2005, S. 227–252 (dt. Übersetzung in diesem Blog hier)

A.L.I., Seminar von Claude Landmann und Stéphane Thibierge: 
Lecture du séminaire XVIII de J. Lacan : D’un discours qui ne serait pas du semblant (Seminar Sommer 2008)
– Cyril Veken: Introduction à „D’un discours qui ne serait pas du semblant“, hier
– Valentin Nusinovici
: Notes sur le semblant, hier
Jean-Louis Chassaing: Dans un discours le semblant au contraire, hier
– Alain Bellet:
Le plus-de-jouir, ça presse ?, hier
Martine Lerude: Quand Lacan parlait de „Sex and Gender“ – Leçon du 21 janvier 1971, hier
Isabelle Dhonte
: Semblant homme, semblant femme, hier 
– S. Thibierge: Remarques sur l’écriture et la lettre dans « D’un discours qui ne serait pas du semblant » (Vortrag von 1996), hier
Claude Landman: Commentaire de la leçon du 10 mars 1971 du séminaire de J.Lacan „D’un discours qui ne serait pas du semblant“, hier
– Stéphane Tibierge: Commentaire des leçons V (10 mars 71) et VI (17 mars 71) „D’un discours qui ne serait pas du semblant“, hier
– Monique Mossion de Lagontrie: « Aaah ! depuis Hellas… ô combien la lettre „s’expand“ !.. », hier
– Hubert de Novion: Les mythes freudiens dans le séminaire « D’un discours qui ne serait pas du semblant », hier
– Cyril Veken: À propos de „Lituraterre“, hier
– Bénédicte Metz: Sur le ravinement : une lecture de Lituraterre et de ce que Lacan y apporte concernant les rapports du semblant et de l’écrit, hier
– Esther Tellermann: Igitur : pur semblant ou expansion totale de la lettre, hier
– Cyril Veken: Écrit et écriture, hier
– J. Pasmantier-Sebban: QHLT – L’Écclésiaste (Vortrag von 1996), hier
– Charles Melman: La fonction paternelle (Vortrag von 1990), hier
Pierre Coerchon, Monique de Lagontrie, Thierry Florentin: Bibliographie non-exhaustive commentée à propos du Séminaire „D’un discours qui ne serait pas du semblant“, hier

NLS – New Lacanian School of Psychoanalysis, Heft 20, 2010, „Objekt a &  The Semblant“, darin zum Semblant:
– Joseph Attié: Melancholia
– Graciela Brodsky: Truth and Lies
– Jésus Santiago: Semblantisation and Nominalism
– Hebe Tizio: The Analyst and the Semblants
– Marie-Hélène Blancard: The Invention of a Writing
 Vollständiges Inhaltsverzeichnis im Internet hier

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Anmerkungen

  1. Das Erstellungsdatum einer PDF-Datei findet man im Adobe Acrobat Reader DC Version 2015 unter Datei > Eigenschaften > Beschreibung > Erstellt am.
  2. Sitzung vom 13. Januar 1971; vgl. Version Miller, S. 18.
  3. Buchstaben sind Elemente – das griechische Wort stoicheion meint sowohl das Element als auch den Buchstaben.
  4. Lacan bezieht sich auf Seminar 17 von 1969/70, L’envers de la psychanalyse (Die Kehrseite der Psychoanalyse). Offizielle Version: Jacques Lacan: Le séminaire, livre XVII. L’envers de la psychanalyse. 19691970. Texte établi par Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 1991. Eine deutsche Übersetzung von Gerhard Schmitz findet man hier im Internet.
  5. Vier Diskurse
    Die vier Elemente sind:
    S1: Herrensignifikant
    S2: Wissen
    a: Mehrlust
    $: Subjekt
    Die vier Plätze werden von Lacan auf zwei unterschiedliche Weisen bezeichnet.
    Dies ist die erste Fassung (vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 106):

    Vier Plätze 1Die zweite Fassung sieht so aus (vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 196):

    Vier Plätze 2Eine Erläuterung der vier Diskurselemente S1, S2, a und $ findet man in diese Blog hier.

  6. Tetraeder
    Die Bezeichnung der Diskursformeln als „Tetraeder“ findet sich hier zum ersten Mal; in Seminar 17 hatte Lacan diesen Ausdruck nicht verwendet.
    Ein Tetraeder ist ein „Vierflächner“. Darunter versteht man normalerweise ein dreidimensionales Gebilde aus vier dreieckigen Seitenflächen, beispielsweise eine Pyramide mit dreieckigem Grundriss. Lacan verwendet den Ausdruck offenbar anders, er scheint sich damit auf ein zweidimensionales Objekt zu beziehen; die vier Flächen sind möglicherweise die vier Plätze.
  7. In Seminar 17 sagt Lacan das Gegenteil: „Allmählich muß sich Ihnen zeigen, daß die Kehrseite der Analyse genau das ist, was ich dieses Jahr unter dem Titel des Diskurses des Herrn vorbringe.“ (Sitzung vom 18. Februar 1970; Version Miller, S. 99, Übersetzung von Gerhard Schmitz)
  8. Zweifache Niederschrift
    Das Konzept der zweifachen Niederschrift bezieht sich auf das Verhältnis zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Es steht bei Freud im Zusammenhang mit der Auffassung von der Nachträglichkeit des Traumas.
    Im Entwurf einer Psychologie (1895) hatte Freud das Trauma so erklärt: Es gibt ein erstes Ereignis, das keine sexuelle Erregung erweckt und nicht in einen Bedeutungszusammenhang eingeordnet werden kann; es gibt ein zweites Ereignis, durch das die Erinnerung an das erste Ereignis nachträglich seine Bedeutung erhält; dies hat zur Folge, dass die Erinnerung an das erste Ereignis geweckt und mit traumatisierender Erregung verbunden wird. Die zweite Szene verleiht der ersten ihren pathogenen Wert, die erste Szene wird nachträglich zum Trauma. Freud schreibt hierzu:
    „Dieser Fall ist nun typisch für die Verdrängung bei der Hysterie. Überall findet sich, daß eine Erinnerung verdrängt wird, die nur nachträglich zum Trauma geworden ist.“ (S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­lyse 1887-1902. Briefe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1962, S. 299-384, hier: S. 356)
    In der Analyse des sogenannten Wolfsmannes greift Freud auf das Konzept der Nachträglichkeit zurück. Im Alter von anderthalb Jahren erlebt das Kind eine erste Szene: Es beobachtet den Koitus der Eltern, ohne dass dies größere Folgen hätte (die „Urszene“); im Alter von vier Jahren bringt ein Traum die frühere Koitusbeobachtung zur nachträglichen Wirksamkeit und ruft ein Trauma hervor. (S. Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (1918). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 8. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 125-232, hier: S. 156-165)
    Die Nachträglichkeit des Traumas wird von Freud im Jahre 1896 in einem Brief an Wilhelm Fließ in eine Theorie der mehrfachen „Niederschrift“ von Erinnerungsspuren integriert: die Erinnerungsspuren erfahren eine „Umschrift“; das Gedächtnis ist „in verschiedenen Arten von Zeichen“ niedergelegt. Es gibt mindestens drei solcher „Niederschriften“: die erste Niederschrift ist das Wahrnehmungszeichen, die zweite Niederschrift ist das Unbewusste, und die dritte Niederschrift das Bewusstsein. (Vgl. S. Freud: Brief an Wilhelm Fließ vom 6. Dezember 1896. In: Ders.: Briefe an Wilhelm Fließ. Hg v. Jeffrey Moussaieff Masson. S. Fischer, Frankfurt am Main 1986, S. 217-226.).
    In der Traumdeutung (1900) weist Freud diese (von ihm nie veröffentlichte) Hypothese zurück:
    „Wenn wir also sagen, ein unbewusster Gedanke strebe nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann zum Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir nicht, dass ein zweiter, an seiner Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Umschrift gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung sorgfältig ablösen.“ (S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 578)
    Das Bewusstwerden unbewusster Gedanken beruht demnach nicht auf Umschrift und nicht auf Ortswechsel, sondern auf einer Verlegung der Energiebesetzung.
    In Das Unbewusste (1915) greift Freud das Problem wieder auf:
    „Wenn ein psychischer Akt (beschränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer Vorstellung) die Umsetzung aus dem System Ubw in das System Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite Niederschrift der betreffenden Vorstellung verbunden ist, die also auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann, und neben welcher die ursprüngliche unbewußte Niederschrift fortbesteht? Oder sollen wir eher glauben, daß die Umsetzung in einer Zustandsänderung besteht, welche sich an dem nämlichen Material und an derselben Lokalität vollzieht?“ (S. Freud: Das Unbewusste (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 118-173, hier: S. 132 f.)
    In diesem Aufsatz erklärt Freud also, er halte beides für möglich.
    Was geschieht mit einer unbewussten Vorstellung, wenn sie bewusst wird? Erste Möglichkeit: die Vorstellung wird ein zweites Mal niedergeschrieben, an einem anderen Ort des psychischen Apparats, das heißt im Bewusstsein oder im Vorbewussten (dies ist die Idee von 1896). Zweite Möglichkeit: die Vorstellung bleibt, wo sie ist, nur ihr Zustand wird verändert; dies ist die Version der Traumdeutung, die Zustandsveränderung besteht darin, dass eine Energiebesetzung verlegt oder entzogen wird.
    Die „zweite Niederschrift“ ist mit „double inscription“ ins Französische übersetzt worden; durch Rückübersetzung wurde hieraus der Begriff der „doppelten Einschreibung“.
    Das Problem der „zweiten Niederschrift“ war 1960 von Jean Laplanche und Serge Leclaire in einem Vortrag zu lösen versucht worden. (L’inconscient, une étude psy­chana­ly­ti­que. Der Vortrag wurde in zwei Fassungen veröffentlicht, eine erste Version in Les Temps mo­der­nes, 17. Jg. (1961), Nr. 183, S. 81-99, eine zweite, längere Fassung in: Henri Ey (Hg.): L’Inconscient. VIe Col­lo­que de Bon­ne­val. De­s­clée, De Brou­wer, Pa­ris 1966, S. 95-130.)
    In Die Wissenschaft und die Wahrheit (1965) hatte Lacan diesen Lösungsversuch kritisiert. (Vgl. J. Lacan: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten 1975, S. 243. Der Übersetzer, Hans-Jörg Rheinberger, übersetzt hier double inscription mit „doppelte Inschrift“.)
    In den Seminaren 12 und 13 hatte Lacan seine alternative Auffassung von der zweiten Niederschrift entwickelt; im Baltimore-Vortrag hatte er diese Konzeption zusammengefasst. Lacans These zur zweifachen Niederschrift lautet: Die zweite Niederschrift erzeugt rückwirkend die erste.
  9. Jacques Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Übersetzt von Klaus Laermann. In: J.L.: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71169. Vortrag von 1953, der 1956 veröffentlicht wurde.
  10. In den Schriften findet man das Diktum „Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert“ zuerst in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens (geschrieben zwischen 1960 und 1966; vgl. Schriften II, hg v. Norbert Haas, S. 195), in den Seminaren wird es zuerst vorgebracht in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung (Sitzung vom 24. Januar 1962); vgl. hierzu diesen Blogartikel. In den vier Diskursen wird dieses Verhältnis durch die Beziehung zwischen den Termen S1, S2 und $ repräsentiert.
  11. Scilicet ist die von Lacan herausgegebene Zeitschrift der École freudienne de Paris, sie erschien unregelmäßig von 1968 bis 1976.
    Das lateinische Wort scilicet wird meist in der Bedeutung von „man höre!“ verwendet; es setzt sich zusammen aus „scire“ (wissen) und „licet“ (man darf), bedeutet also wörtlich „man darf wissen“. Vielleicht ist der Titel Scilicet eine Anspielung auf das lateinische Sprichwort sapere aude, „wage zu wissen!“.
  12. „Ereignis“ und „Ankunft“ sind Begriffe der Philosophie Heideggers. Zum Ereignis vgl.: Martin Heidegger: Der Satz der Identität (1957). In: Ders.: Identität und Differenz. Neske, Pfullingen 1957, S. 9–30, hier: S. 24–27.– Zur Ankunft vgl.: Ders.: Die onto-theologische Verfassung der Metaphysik (1957). In: Ders.: Identität und Differenz, a.a.O., S. 31–67, hier: S. 56 f.
  13. Die Transkription „dont je me trouve instrument“ findet man in Version Chollet. Versionen Staferla und Espace Lacan haben hier:“dont je me trouve instruit“. Version Miller: „dont je me trouve être l’instrument“. Die Audioaufnahme dieser Sitzung auf der Website von Patrick Valas ist an dieser Stelle von so schlechter Qualität, dass eine Entscheidung zwischen den Versionen nicht möglich ist.
  14. Vermutlich eine Anspielung auf Heideggers Begriff der Seinsfrage, der Frage nach dem Sein. Der Begriff „Seinsfrage“ ist ein Grundbegriff bereits von Heideggers Sein und Zeit (1927).
  15. Unter einer „Revolution“, wörtlich „Umdrehung“, versteht Lacan im Zusammenhang der Diskurstheorie die Drehung, die dazu führt, dass ein Diskurs in einen anderen übergeht. Vgl. Seminar 17, Sitzungen vom 18. Februar 1970 (Version Miller, S 99) und vom 13. Mai 1970 (Version Miller, S. 173, 176).
  16. In Heft 2/3 von Scilicet erschien Lacans Radiophonie (auf S. 5599), in dem man auch eine Art Zusammenfassung von Seminar 17 finden kann. Dieser Text ist die Transkription eines Interviews mit Lacan, das 1970 im belgischen Rundfunk gesendet wurde. Die Fragen hatte Robert Georgin formuliert, Lacan hatte die Antworten schriftlich formuliert. Ob er die Antworten selbst vorgelesen hatte oder ob sie von einem anderen gelesen wurden, habe ich nicht feststellen können.
  17. Das erinnert an eine einflussreiche Studie zur Bildungssoziologie von Bourdieu und Passeron: Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron: Les Héritiers. Les étudiants et la culture. Éditions de Minuit, Paris 1964 (dt.: Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Klett, Stuttgart 1971)
  18. Das bezieht sich im Rahmen des Universitätsdiskurses auf $, das gespaltene Subjekt, am Platz unten rechts, am Platz der Produktion. In Seminar 17 erläutert Lacan dieses Diskurselement so: Das, was vom Universitätsdiskurs produziert wird, ist die Scham (als Form der Subjektspaltung), und die Scham zeigt sich in der Unverschämtheit (Sitzung vom 17. Juni 1970, Version Miller, S. 203). Mit der Scham als Produkt des Universitätsdiskurses bezieht Lacan sich vermutlich auf die Effekte der Ausleseverfahren wie Hausarbeiten und Prüfungen.
  19. Lacan spielt hier auf die rechte Seite der Formel des Universitätsdiskurses an. Am Platz oben rechts ist hier die Mehrlust, a, womit gemeint ist: die Adressaten dieses Diskurses – die Studierenden – als Verkörperung der Mehrlust. Am Platz unten rechts ist das gespaltene Subjekt, $, als Produkt des Universitätsdiskurses, gespaltn durch die Scham als Effekt des Ausleseprozesses In diesem Sinne spaltet der Universitätsdiskurs die „Kügelchen der Mehrlust“.
  20. Auf der Tonaufnahme hört man „à votre regard“, für Ihren Blick; Miller ändert zu „à votre égard“, in Ihrer Hinsicht“.
  21. Im Diskurs der Analyse ist am Platz oben links der Analytiker als Verkörperung der Mehrlust (a), am Platz oben rechts der Analysant als gespaltenes Subjekts ($). Lacan deutet an, dass in seinem Unterricht die Zuhörer die Verkörperung der Mehrlust sind, also am Platz des Analytikers, und dass Lacan den Platz des Analysanten einnimmt, des gespaltenen Subjekts.
  22. Lacan bezieht sich auf Radiophonie, ein Interview, in dem er auf sieben Fragen antwortet, die ihm von Robert Georgin gestellt worden waren und die er schriftlich beantwortet (und dann offenbar vorgelesen) hatte. Die ersten vier Frage-Antwort-Sequenzen wurden am 1., 10., 19. und 26. Juni 1970 im belgischen Rundfunksender R.T.B. (3. Programm) gesendet und am 7. Juni 1970 vom französischen Rundfunksender O.R.T.F (France-Culture) übernommen. Veröffentlicht wurde der vollständige Text in Scilicet 2/3, Seuil, Paris 1970, S. 5599. Deutsche Übersetzung: J. Lacan: Radiophonie. Übersetzt von Hans-Joachim Metzger. In: J. Lacan: Radiophonie. Television. Quadriga, Berlin 1988, S. 554.
    Zu den vier Diskursen äußert Lacan sich bei der Beantwortung der siebten Frage (Metzger-Übersetzung, S. 46-49).
  23. Mit Ausnahme von Lacan. Zu dieser Ausnahmestellung äußert er sich in Seminar 17 mit dem Argument, er sei kein Autor (Sitzung vom 17. Juni 1970, Version Miller, S. 221).
  24. Miller schließt an: Là, c’est un pari – nicht in der Audioaufnahme.
  25. In Seminar 16 hatte Lacan Foucaults Vortrag Was ist ein Autor? (1969) kommentiert (in der Sitzung vom 12. Februar 1969).
    In Seminar 17 sagt Lacan zu Scilicet:
    „Es gibt eine Art vorbereitende Maßnahme, die auf der Schwelle zur Universität liegt. Man wird das Recht haben, dort zu sprechen, ausgenommen diese Übereinkunft, daß ganz streng gilt, daß Sie durch Ihre Doktorarbeit für immer festgenagelt sind. Das verleiht Ihrem Namen sein Gewicht. Nichtsdestoweniger sind Sie an das, was in dieser Doktorarbeit steht, in der Folge überhaupt nicht gebunden. Für gewöhnlich übrigens geben Sie sich damit zufrieden. Aber das bedeutet nicht viel, Sie werden alles sagen können, was Sie wollen, wenn Sie bereits zu Namen gekommen sind. Genau das spielt die Rolle eines Herrensignifikanten. Darf ich es sagen? Denn ich möchte dem, was ich gemacht habe, nicht zuviel Bedeutung beilegen: Genau so ist mir die Idee zu einem Ding gekommen, von dem Sie seit einiger Zeit nicht mehr viel hören: Scilicet. Trotzdem sind einige überrascht gewesen darüber, daß ich gesagt habe, es wäre ein Ort, an dem nichtsignierte Sachen geschrieben werden müßten.“ (Seminar 17, Sitzung vom 17. Juni 1970, Version Miller, S. 221, Übersetzung von Gerhard Schmitz)
  26. Miller-Version: C’est un pari (nicht in der Audioaufnahme.
  27. frz. faits divers: Vermischte Nachrichten, Lokalnachrichten.
  28. Im Diskurs des Analytikers ist die Mehrlust am Platz oben links, am Platz des Agenten.
  29. Das heißt, die Zuhörer sind in der Position des Analytikers. Im Diskurs des Analytikers ist am Platz unten links das Wissen, und dieses Wissen fehlt den Zuhörern.
  30. Das erinnert an die folgende Passage aus Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen:
    „Es ist völlig unzulässig, in dem Augenblick, in dem die Psychoanalyse aufgerufen ist, etwas dazu zu sagen – glauben Sie nicht, dass ich vorhabe, das zu streichen –, zu der Krise, die das Verhältnis des Studierenden zur Universität durchmacht, es ist undenkbar, dass man darauf mit der Aussage antwortet, es gebe Dinge, die auf keine Weise in einem Wissen definieren werden können. Wenn die Psychoanalyse nicht als ein Wissen geäußert werden kann und nicht als solche gelehrt werden kann, hat sie ganz streng dort nichts zu suchen, wo es um nichts anderes geht.“ (Seminar 16, Sitzung vom 13. November 1968, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 18).
  31. Der letzte Nebensatz, ab „d’où“, fehlt in Millers Version.
  32. Lacan bezieht sich hierfür in der 4. Sitzung dieses Seminars (17. Februar 1971) vor allem auf das folgende Werk: Charles Kay Ogden, Ivor Armstrong Richards, mit Beiträgen von F. G. Crookshank und Bronislaw Malinowski : The Meaning of meaning. A study of the influence of language upon thought and of the science of symbolism. Kegan Paul, Trench, Trubner and Co., London 1923.
  33. Möglicherweisse eine Anspielung auf Carnaps Begriff des „Scheinproblems“. Vgl. Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt. Weltkreis-Verlag, Berlin 1928, sowie: Ders.: Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit. Weltkreis-Verlag, Berlin 1928.
  34. trancher: schneiden; sich entscheiden.
  35. Anspielung auf S. Freud: Konstruktionen in der Analyse (1937). In: Ders.: Studienausgabe. Schriften zur Behandlungstechnik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 393406.– Die Wahrheit einer Konstruktion (einer umfassenden Deutung) zeigt sich darin, dass der Patient bestätigendes Material produziert, sagt Freud hier.
  36. Die Implikation ist die Wenn-dann-Beziehung als Verknüpfung von Aussagen: „immer wenn a, dann auch b“, wobei a und b Aussagen sind. Beispielsweise „Immer wenn du mich besuchst, lacht der Weihnachtsmann“. Der erste Teilsatz (hier „Du besuchst mich“) wird „Antezedens“ oder „Protasis“ genannt, Vordersatz, der zweite Teilsatz (hier „Der Weihnachtsmann lacht“) heißt „Konsequenz“ oder „Apodosis“, Hintersatz. Zu beachten ist, dass die Implikation nicht besagt, dass es zwischen den beiden Aussagen ein Kausalverhältnis gibt, das Antezedens gilt nicht als Ursache der Konsequenz. In Seminar 14, Die Logik des Phantasmas (1966/67) hatte Lacan sich ausführlich mit der Implikation befasst (Sitzung vom 7. Dezember 1966). Bei logischen Verknüpfern wie der Implikation interessiert sich die Logik für die Beziehung zwischen der Wahrheit oder Falschheit der Teilaussagen (du besuchst mich, der Weihnachtsmann lacht) im Verhältnis zur Wahrheit oder Falschheit der kombinierten Gesamtaussage. Bei einer Implikation ist Gesamtaussage nur dann falsch, wenn a wahr ist und b falsch ist. Wahr ist die Gesamtaussage: wenn a und b wahr sind; wenn a falsch ist und b wahr ist; und wenn a falsch ist und b falsch ist. Die Gesamtaussage ist also merkwürdigerweise immer wahr, wenn a falsch, ist unabhängig davon ob b wahr oder falsch ist. Hierauf bezogen sich die Logiker der Stoa mit dem Satz ex falso sequitur quodlibet, aus Falschem folgt Beliebiges. Die Implikation „Immer wenn gilt: a ist wahr, dann gilt: b ist falsch“ ist insgesamt falsch. Die Implikation „Immer wenn gilt: a ist falsch, dann gilt: b ist wahr“ ist insgesamt wahr. Lacan deutet das in Seminar 14 so: das Wahre kann nur als Konsequenz figurieren (also bezogen auf den zweiten Teilsatz), primär (das heißt in der Position des Antezedens) ist das Falsche, das heißt der Signifikant. „Die Implikation setzt die Wahrheitsbeziehung voraus“ meint also vermutlich: Die Implikation beruht darauf, dass die Wahrheit eine Konsequenz des Signifikanten ist, die Entfasselung der Wahrheit beruht auf dem Signifikanten
  37. Frz. véridique, dt. veridisch: wahrheitsgemäß, von latenisch veridicus, „wer wahr sagt“.
  38. Wie beispielsweise die Implikation „Wenn du mich besuchst, lacht der Weihnachtsmann“.
  39. Freud spricht von der „psychischen (Vorstellungs-) Repräsentanz des Triebes“, die, außer im Fall der Urverdrängung, ins Bewusstsein aufgenommen werden kann. Vgl. S. Freud: Die Verdrängung (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 103118, hier: S. 109.
  40. Lacan spielt hier vermutlich auf den Diskurs des Analytikers an. Am Platz unten links, dem der Wahrheit, ist hier das Wissen, S2, was wohl heißt: das Wissen des Analytikers hat die Funktion, Wahrheitseffekte auszulösen, das heißt, es hat die Aufgabe, das Sprechen des Patienten dazu anzureizen, dass Verdrängtes artikuliert wird.
  41. Die Sentenz „Es gibt keine Metasprache“ findet man zuerst in Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten. Hier heißt es:
    „Lassen Sie mich Ihnen ebenfalls im Vorübergehen sagen, daß der Begriff Metasprache sehr häufig auf unangemessenste Weise verwandt wird, um so mehr, eben weil man dieses hier verkennt – entweder hat die Metasprache formale Anforderungen solcher Art, daß sie das gesamte Phänomen einer Strukturierung, in der sie ihren Ort finden soll, entstellen oder aber die Metasprache selbst bewahrt die Ambiguitäten der Sprache. Anders gesagt, es gibt keine Metasprache, es gibt Formalisierungen – entweder auf der Ebene der Logik oder auf der Ebene dieser Signifikantenstruktur, deren autonome Ebene ich Ihnen freizulegen versuche. Es gibt keine Metasprache im Sinne beispielsweise einer vollkommenen Mathematisierung des Phänomens der Sprache und dies genau deshalb, weil es kein Mittel gibt, über das hinaus zu formalisieren, was als ursprüngliche Struktur der Sprache gegeben ist. Nichtsdestoweniger ist diese Formalisierung nicht nur einzufordern, sondern ist sie auch notwendig.“ (Sitzung vom 27. November 1957; Version Miller/Gondek, S. 86, Übersetzung geändert)
    Bertrand Russell hatte entdeckt, dass Freges Projekt einer mengentheoretischen Fundierung der Mathematik zu einer Paradoxie führt, der sogenannten Russellschen Antinomie (The principles of mathematics, 1903). Zur Vermeidung der Antinomie wurde die Unterscheidung von Metasprache und Objektsprache eingeführt, 1934 von Rudolf Carnap und 1935 von Alfred Tarski .[note]Vgl. R. Carnap: Logische Syntax der Sprache. Springer, Wien 1934, Teil IV A.– A. Tarski: Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen (1935). In: Karel Berka und Lothar Kreiser (Hg.): Logik-Texte. Kommentierte Auswahl zur Geschichte der modernen Logik. Akademie-Verlag, Berlin 1983, S. 445–546). Tarski hatte Kontakte zum Wiener Kreis und damit zum logischen Positivismus. Das Konzept der Metaspache stützt sich auf  Russells Idee einer unendlichen Hierarchie von Sprachebenen.
  42. Lacans Symbol dafür, dass es keine Metasprache usw. gibt, ist S(Ⱥ), Signifikant des Mangels im Anderen.

  43. Vgl. J. Lacan: Die Freud’sche Sache oder Sinn der Rückkehr zu Freud in der Psychoanalyse (1956). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 472–513, hier S. 481 ff. Die Allegorie der Wahrheit steigt hier hier aus eine Brunnen und sagt: „Ich, die Wahrheit, ich spreche.“ (A.a.O., S. 481) Vgl. hierzu auch Seminar 13, Sitzungen vom 5. Januar und vom 19. Januar 1965.
  44. Gemeint ist die Äußerung „Ich lüge jetzt, mit diesem Satz, den ich gerade spreche“. Diese Äußerung gilt insofern als paradoxie, als sie dann, wenn sie wahr ist, falsch ist, und dann, wenn sie falsch ist, wahr ist. Wenn sie wahr ist, lügt man nicht mit diese Satz, im Gegensatz zur Behauptung, also ist sie falsch. Wenn sie falsch ist, lügt man nicht, also ist sie wahr.
  45. Den Ausdruck „an sich selbst“ findet man sehr häufig in Kants Kritik der reinen Vernunft, in der Rede vom „Ding an sich selbst“ (oder vom „Ding an sich“), etwa in der bekannten Formulierung, dass die Kritik lehre, das Objekt in zweierlei Bedeutung zu nehmen, „nämlich als Erscheinung oder als Ding an sich selbst“ (B XXVII). „Das Ding an sich selbst“ wird mit „la chose en soi même“ oder mit „la chose en lui-même“ ins Französische übersetzt.
  46. Vgl. Jean Starobinski: Wörter unter Wörtern. Die Anagramme von Ferdinand de Saussure (1971). Übersetzt und eingeleitete von Henriette Beese. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1980. Auf Saussures Anagramm-Studien hatte Starobinski zuerst 1964 in einem Aufsatz im France Mercure aufmerksam gemacht; Lacan verweist hierauf in eine Fußnote von 1966 zu seinem Aufsatz Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud (übersetzt von Norbert Haas. In: Ders.: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 15-55, hier: S. 28 Fußnote 18).
    Freud zufolge bildet das Unbewusste u. a. Anagramme (vgl. S. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 7. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 85 f.). Im sogenannten Rom-Vortrag hatte Lacan darauf hingewiesen (Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Übersetzt von Klaus Laermann. In: J.L.: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71-170, hier: S. 145.
  47. Mit dem Anderen als Anderem ist der (symbolische) Andere mit großem A gemeint, der Andere als Ort des Sprechens, im Unterschied zum (imaginären) anderen mit kleinem a, dem anderen, der mir ähnlich ist. Den Unterschied zwischen dem Anderen und dem anderen führt Lacna in Seminar 2 von 1954/55 ein (Sitzung vom 25. Mai 1955), (vgl. diesen Blogartikel).
  48. „Batterie“ hier im Sinne eines synchronen Systems gleichartiger Elemente. Den Ausdruck batterie signifiante verwendet Lacan zuerst in Seminar 5 von 1957/58 (Sitzung vom 12. März 1958, vgl. Version Miller/Gondek, S. 335), die Version batterie des signifiants zuerst in Seminar 8 von 1960/61 (Sitzung vom 19. April 1961, vgl. Version Miller/Gondek, S. 297). In den Schriften erscheint batterie des signifiants erstmals im Jones-Aufsatz, geschrieben 1959, veröffentlicht 1960 (vgl. J.L.: Zum Gedenken an Ernest Jones: Über seine Theorie der Symbolik. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 205-229, hier: S. 222).
  49. Vielleicht eine Ankündigung der Betrachtungen über Himmelserscheinungen einige Sätze später.
  50. In Seminar 17 hatte Lacan die Struktur des Diskurses der Wissenschaft mit der Struktur des Diskurses der Universität gleichgesetzt; vgl. Sitzung vom 11. März 1970, Version Miller, S. 119.
  51. Eine Konstellation ist die scheinbare Stellung von Himmelskörpern im Verhältnis zueinander, beispielsweise ein Sternbild; das Wort kommt von lateinisch „con“, zusammen, und „stella“, Stern.
  52. Feuer, Wasser, Luft, Erde.
  53. Das von Aristoteles angenommene fünfte Element, der Äther.
  54. „Meteor“ (nicht zu verwechseln mit Meteoriten) meint „Himmelserscheinungen“ jeder Art, man denke an den Begriff „Meteorologie“ für Wetter- und Klimakunde. In diesem Sinne sind Regenbögen oder Donner Meteore: Erscheinungen der Atmosphäre. Von griechisch meteôros, „über den Lüften“.
  55. René Descartes: Les Météores (1637), in: Ders.: Œuvres. Gallimard, Paris 1953, S. 230, „Discours huitième: De l’arc en ciel“.
  56. Vgl. J. Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Übersetzt von Klaus Laermann. In: Ders.: Schriften I. Hg. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71169, hier: S. 169.
    Lacan zitiert an dieser Stelle eine Anrufung des hinduistischen Gottes Prajapati als Gott des Donners aus den Upanishaden. Er folgt hierbei vermutlich, ohne die Quelle zu nennen, T. S. Eliot in The Waste Land (1922).
  57. Anspielung auf die Donnergötter, die es in zahlreichen Religionen gibt, etwa Thor bei den Germanen oder Zeus bzw. Jupiter bei den Griechen und Römern (daher „Donnerstag“). Nach jüdischer Vorstellung spricht Jahwe im Donner.
  58. In Lacans Begrifflichkeit ist der göttliche Donner eine der Formen der Stimme als Objekt a.
    Im Lagache-Aufsatz von 1961 hatte Lacan geschrieben, es lasse sich entdecken
    „dass das Über-Ich in seinem innersten Imperativ sehr wohl in Wirklichkeit die ‚Stimme des Gewissens‘ ist, das heißt eine Stimme zunächst einmal, und eine, die sich sehr wohl stimmlich verlautbart, und ohne mehr Autorität als laute Stimme zu sein: die Stimme, von der uns mindestens eine Textstelle aus der Bibel sagt, dass sie sich dem rund um den Sinai kampierenden Volk vernehmbar machte, nicht ohne dass dieser Kunstgriff darin nahelegt, dass in ihrem Aussagen sie ihm seinen eigenen Lärm zurücksandte, wobei die Gesetzestafeln nicht minder notwendig bleiben, um ihr Ausgesagtes zu kennen“ (Anmerkung zum Bericht von Daniel Lagache „Psychoanalyse und Struktur der Persönlichkeit“. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant 2015, S. 146-191, hier: S. 190).
  59. Wie die logischen Positivisten behaupten.
  60. Der Titel ist nicht so zu verstehen: „Über einen Diskurs, der kein Scheindiskurs wäre“.
  61. Mit „Referent“ ist hier vermutlich das Reale gemeint; das Reale ist das, was an derselben Stelle beständig wiederkehrt, hatte Lacan in Seminar 2 gesagt; sein Beispiel waren die Sterne (vgl. Sitzung vom 22. Juni 1955, v.a. S. 376378).
  62. „signifiant“ in Version Staferla; in Version Miller findet man hier „discours“. Die Tonaufnahme ist an dieser Stelle schlecht, ich höre eher „signifiant“.
  63. Der Schein des mit sich selbst identischen Signifikanten ist vermutlich der Herrensignifikant.
    In Seminar 9 heißt es, gegen den Satz der Identität, also gegen A = A, „dass der Signifikant von daher fruchtbar ist, dass er in keinem Fall mit sich identisch sein kann“ (Sitzung vom 6. Dezember 1971, meine Übersetzung nach Version Staferla)
    Damit spielt Lacan vermutlich auf das Konzept von der Differentialität des Signifikanten an, also darauf, „dass es in der Sprache nur Verschiedenheiten gibt“, wie Saussure sich ausdrückt (Ferdinand de Saussure: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hg. v. Charles Bally und Albert Sechehaye. Übersetzt von Herman Lommel. De Gruyter, Berlin 1967, Zweiter Teil, Kapitel IV, § 4, „Das Zeichen als Ganzes betrachtet“, S. 143)
    In Seminar 16 sagt Lacan:
    „Es ist klar, dass sich alles von einer vergangenen Zeit unterscheidet, in der geäußert werden konnte, dass die gesamte Mathematik nur aus Tautologien besteht; dass der menschliche Diskurs bleiben kann, da dies ein Feld ist, das – diesem Sagen zufolge – das der Tautologie gehalten hätte; dass es irgendwo ein A gibt, das ein großes A bleibt, das mit sich selbst identisch ist.“ (Sitzung vom 11. Dezember 1968, meine Übersetzung nach Version Staferla, vgl. Version Miller, S. 86)
    Anders gesagt: Die Auffassung, dass A mit sich selbst identisch ist, gehört einer vergangenen Zeit an, seither – seit Saussure – hat sich alles geändert.
    In Seminar 17 liest man:
    „Das transzendentale Ich, das ist dasjenige, das jeder, der ein Wissen auf eine bestimmte Weise ausgesagt hat, als Wahrheit verhehlt, der S1, das Ich des Herrn. Das mit sich selbst identische Ich, das ist ganz genau das, mittels dessen sich der S1 des reinen Imperativs konstituiert.“ (Sitzung vom 21. Januar 1970, Version Miller S. 70, Übersetzung von Gerhard Schmitz)
    Eine der Formen des Herrensignifikanten, also von S1, ist das mit sich selbst identische Ich.
  64. Dass die Tiere das Lob Gottes singen, ist ein traditionelles jüdisches und christliches Motiv.
    In den Psalmen heißt es:
    „Lobet den Herrn auf Erden, ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres,
    Feuer, Hagel, Schnee und Nebel, Sturmwinde, die sein Wort ausrichten,
    ihr Berge und alle Hügel, fruchttragende Bäume und alle Zedern,
    ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel,
    ihr Könige auf Erden und alle Völker, Fürsten und alle Richter auf Erden,
    Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen! (Psalm 148, Verse 7–12)
    In Clemens Brentanos Märchen von Gockel und Hinkel (1838) findet man das folgende Lied, das in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde:
    „Kein Tierlein ist auf Erden
    Dir, lieber Gott, zu klein,
    Du ließt sie alle werden,
    Und alle sind sie dein.
    Zu dir, zu dir
    Ruft Mensch und Tier.
    Der Vogel dir singt,
    Das Fischlein dir springt,
    Die Biene dir brummt,
    Der Käfer dir summt,
    Auch pfeifet dir das Mäuslein klein:
    Herr Gott, du sollst gelobet sein!
    Das Vöglein in den Lüften
    Singt dir aus voller Brust,
    Die Schlange in den Klüften
    Zischt dir in Lebenslust.
    Zu dir, zu dir
    Ruft Mensch und Tier usw.
    Die Fischlein, die da schwimmen,
    Sind, Herr, vor dir nicht stumm,
    Du hörest ihre Stimmen,
    Ohn dich kommt keines um.
    Zu dir, zu dir usw.“ (Auszug)
  65. Das Substantiv efficace (statt efficacité) verweist auf die religiöse Sphäre, es bezieht sich z.B. auf die Wirksamkeit von Gebeten, siehe hier. Vielleicht ist gemeint: Mit dem Thema „Lob Gottes“ betreten wir eine Sphäre, deren Wirksamkeit nicht geklärt ist, und dies deshalb nicht, da wir nicht wissen, welche Signifikantenakkumulation hier stattgefunden hat, anders gesagt: in welcher Sprache das Lob Gottes artikuliert wird.
  66. Über Pascals Wette hatte Lacan gesprochen in Seminar 13 von 1965/66, Das Objekt der Psychoanalyse, in den Sitzungen vom 2. Februar, 9. Februar und 25. Mai 1966.
  67. Der Begriff des „zerstückelten Körpers“ gehört zu den frühesten Konzepten Lacans, man findet ihn bereits im Aufsatz über die Familie von 1938 (J. Lacan: Die Familie. Übersetzt von Friedrich A. Kittler. In: J.L.: Schriften III. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten u.a. 1980, S. 39-100, hier: S. 79, 90).
    Lacan versteht darunter die Zerstückelungsphantasien als Kehrseite des Spiegelbildes bzw. des imaginären anderen.
    Das Konzept des zerstückelten Körpers verwendet Lacan u.a. zur Deutung von Konversionssystemen, also von Symptomen, die darin bestehen, dass psychische Konflikte in körperliche Phänomene umgewandelt werden, in Lähmungen, Anästhesien, Schmerzen usw. Im Beitrag zur Übertragung schreibt er:
    „Um zu dieser Anerkennung ihrer Weiblichkeit zu kommen, müsste sie dieses Akzeptieren ihres eigenen Körpers vollziehen, mangels dessen sie für die funktionale Zerstückelung offenbleibt (um uns auf die theoretische Stütze des Spiegelstadiums zu beziehen), wodurch die Konversionssymptome gebildet werden.“ (J.L.: Intervention sur le transfert. in: Ders.: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 215–226, hier: 221; geschrieben 1951, veröffentlicht 1952)
    Die Bestandteile des zerstückelten Körpers sind Signifikanten. In Seminar 3, Die Psychosen (1955/56), heißt es:
    „Wovon rühren die Symptome her? wenn nicht von der Verwicklung des menschlichen Organismus in etwas, das strukturiert ist wie eine Sprache, wodurch dieses oder jenes Element seines Funktionierens als Signifikant ins Spiel kommen wird.“ (Sitzung vom 11. April 1956, Version Miller/Turnheim, S. 225)
  68. Der rechte Arm
    Vermutlich spielt Lacan hier auf den von Josef Breuer dargestellten Fall Anna O. an: der rechte Arm der Patientin (Bertha von Pappenheim) war vollständig gelähmt. Hierzu schreibt Breuer:
    „Juli 1880 war der Vater der Kranken auf dem Lande an einem subpleuralen Abszesse schwer erkrankt; Anna teilte sich mit der Mutter in die Pflege. Einmal wachte sie nachts in großer Angst um den hochfiebernden Kranken und in Spannung, weil von Wien ein Chirurg zur Operation erwartet wurde. Die Mutter hatte sich für einige Zeit entfernt, und Anna saß am Krankenbette, den rechten Arm über die Stuhllehne gelegt. Sie geriet in einen Zustand von Wachträumen und sah, wie von der Wand her eine schwarze Schlange sich dem Kranken näherte, um ihn zu beißen. (…) Sie wollte das Tier abwehren, war aber wie gelähmt; der rechte Arm, über die Stuhllehne hängend, war ‚eingeschlafen‘, anästhetisch und paretisch geworden, und als sie ihn betrachtete, verwandelten sich die Finger in kleine Schlangen mit Totenköpfen (Nägel). Wahrscheinlich machte sie Versuche, die Schlange mit der gelähmten rechten Hand zu verjagen, und dadurch trat die Anästhesie und Lähmung derselben in Assoziation mit der Schlangenhalluzination.“ (Vgl. J. Breuer: Fräulein Anna O …, In: J. Breuer, S. Freud: Studien über Hysterie (1895). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 20–40, hier: S. 33 f., Hervorhebung im Original)
    In einem anderen Teil der Studien über Hysterie kommt Breuer darauf zurück:
    „(…) so strebt Anna O. im Schreckaffekte den durch Drucklähmung bewegungslosen Arm zu strecken, um die Schlange abzuwehren; von da an wird der Tetanus des rechten Armes durch den Anblick aller schlangenähnlichen Dinge hervorgerufen.“ (J. Breuer: Theoretisches. In: Studien über Hysterie, a.a.O., S. 149–203, hier: S. 167)
    In Lacans Seminar über die Angst (Seminar 10) heißt es über den Arm:
    „Wenn ich mich mit seiner Funktion befasse [mit der Funktion des Armes], so, insofern er einen Augenblick isoliert ist und er um jeden Preis will, dass ich ihn auf irgendeinem Umweg wieder einspanne. Ich muss also die Tatsache sogleich modifizieren, dass er, auch wenn er Instrument ist, dennoch nicht frei ist. Ich muss mich, wenn ich das so sagen kann, vor der Tatsache nun nicht gleich seiner Amputation, aber seiner Nicht-Kontrolle schützen – vor der Tatsache, dass ein anderer sich seiner bemächtigen könnte, dass ich der rechte Arm oder der linke Arm eines anderen werden könnte – oder einfach vor der Tatsache, dass ich ihn in der Metro vergessen könnte wie einen gewöhnlichen Regenschirm, wie diese Korsetts, die man, scheint es, darin noch vor einigen Jahren im Überfluss vorfand.
    Wir Analytiker, wir wissen, was das bedeutet. Die Erfahrung der Hysterischen ist für uns hinreichend bezeichnend, damit wir wissen, dass dieser Vergleich, mit dem angedeutet wird, dass der Arm vergessen werden kann, nicht mehr und nicht weniger, wie ein mechanischer Arm, keine überzogene Metapher ist.“ (Seminar 10, Sitzung vom 8. Mai 1963, Version Miller/Gondek, S. 271)
    Im Seminar Von einem Anderen zum anderen (Seminar 16) bezieht Lacan sich ausdrücklich auf den Arm von Anna O.:
    „Wie sollte man sich nicht fragen, worum es sich handelt bei dem Verhältnis dieser Erzählungen – dieser talking cure, der Sprechkur, deren Terminus Anna O. selbst erfunden hat – zu diesem Symptom, das sich im Falle des Hysterikers besonders klar angeben lässt, nämlich etwas, was sich auf der Ebene des Körpers entleert: ein Feld, wo das Empfindungsvermögen verschwindet, und ein weiteres Feld, damit verbunden oder auch nicht, wo die Bewegungsfähigkeit fehlt.
    Dafür kann nichts anderes als eine Signifikanten-Einheit den Grund angeben. Der Anti-Anatomismus des hysterischen Symptoms ist von Freud selbst hinreichend herausgearbeitet worden. Das heißt, wenn ein hysterischer Arm gelähmt ist, dann deshalb, weil er ‚Arm‘ heißt und nichts anderes, denn nichts in irgendeiner realen Verteilung der Nervenbahnen liefert einen Grund für die Grenze, die dessen Feld bezeichnet. Hier gelangt der Körper ja dazu, als Stütze für ein ursprüngliches Symptom zu dienen, für das typischste, von daher, dass wir es deswegen befragen, weil es am Ursprung der analytischen Erfahrung steht.“ (Seminar 16, Sitzung vom 18. Juni 1969; Version Miller, S. 382, meine Übersetzung)
  69. „Projektion“ kommt vom lateinischen Verb proicere, „hinauswerfen“.
    In der Psychoanalyse ist Projektion ein Abwehrmechanismus, der darin besteht, dass man Triebregungen, Gefühle, Wünsche, Gedanken aus sich ausschließt und im Anderen lokalisiert, wie etwa bei der Paranoia oder bei der Phobie.
  70. „Phänomen“ verweist auf „semblant“ im Titel des Seminars. Das Wort „Phänomen“ geht auf das griechische Substantiv phainomenon zurück: „das sich Zeigende“, „das Erscheinende“, „der Schein“.
  71. In Version Staferla findet man hier einen Verweis auf Bernard de Mandeville, Die Bienenfabel (17051732).
  72. Die Audioaufnahme ist an dieser Stelle nicht verständlich.
  73. Die Vorstellung eines Territoriums mit sechs angrenzenden Territorien bezieht sich möglicherweise auf die Bienenwabe.
  74. Vermutlich eine Anspielung auf Freuds Konzept der Identifizierung mit dem verlorenen Liebesobjekt (S. Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag 2000, S. 61134, hier: S. 99 f.
  75. Version Staferla verweist hier auf Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, Sitzung vom 10. Februar 1962, Lacan bezieht sich dort auf: James G. Février: Histoire de l’écriture. Payot, Paris 1948, darin findet man ein vergleichende Tabelle bestimmter protosinaitischer und protophönizischer Zeichen (S. 196).
  76. „Ektopie“ (von griechisch ektos (außen) und topos (Ort), wörtlich „Außerörtlichkeit“: medizinischer Fachbegriff dafür, dass sich ein Gewebe an einer anderen Stelle befindet als gewöhnlich. Hier im Sinne von Ortsverlagerung. Lacan bezieht sich auf das Schleuern des Arms.
  77. Möglicherweise bezieht sich Lacan hier auf das Konzept des Schnitts, insofern es in der Parabel fehlt.
    Couper les bras (die Arme abschneiden) meint im Argot „überraschen“, „verblüffen“, „erstaunen“.
  78. Die Projektion besteht darin, dass mein Nachbar mir meinen rechten Arm zuwirft. Also besteht die Retorsion vermutlich darin, dass ich selbst die Arme, die in meinem Territorium landen, über die Grenze werfe.
  79. Das könnte heißen: Die Arme bzw. Signifikanten fliegen hin und her, dadurch verändert sich in einem bestimmten Territorium beständig ihre Anzahl, insofern kann für eine bestimmte Periode für ein bestimmtes Territorium ihr Durchschnitt berechnet werden.
  80. In Seminar 20 wird Lacan ein Ensemble von Herrensignifikanten als essaim bezeichnen, als „Schwarm“, er spielt dabei an auf die Lautgleichheit von essaim und S1, französisch ausgesprochen: S-un (vgl. J.L.: Seminar 20 von 1972/73, Encore. Übersetzt von Norbert Haas u.a. Quadriga, Weinheim u.a. 1986, S. 156.
  81. D’un discours qui ne serait pas du semblant. Genitivus objectivus: etwa „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein handeln würde“.
  82. Genitivus subjectivus: etwa „Über einem Diskurs, den nicht der Schein hervorrufen würde“.
  83. Daran hatte Lacan gleich zu Beginn dieser Sitzung erinnert, mit der Formel „Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert“ (Version Miller, S 10).
  84. „du semblant“ ist also grammatisch auch als Genitivus subjectivus aufzufassen, wobei der Terminus „subjectivus“ allerdings zu problematisieren ist.
    Die Übersetzung mit „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“ hat dieselbe Doppeldeutigkeit, sie meint sowohl „Über einen Diskurs, der nicht über den Schein wäre“ als auch „Über einen Diskurs, der nicht durch den Schein bestimmt würde“.
  85. Wörtlich: „er macht Blüten“, „er erblüht“, von lateinisch flores, Blüten.
  86. Auch in der Bedeutung von „dass er Erfolg hat“.
  87. Lacans Formel für diesen Zusammenhang ist „Es gibt keine Metasprache“.
  88. In der Logik besteht ein Schluss (oder ein Argument) aus Prämissen und einer Schlussfolgerung (oder Konklusion). Die Wahrheit der Prämissen und der Schlussfolgerung ist hypothetisch: Wenn p wahr wäre (p ist die erste Prämisse), und wenn q wahr wäre (zweite Prämisse), dann wäre auch r wahr (die Schlussfolgerung).
  89. Unter einer Hypothese versteht Lacan hier, wie in der Logik üblich, die Prämissen eines Arguments.
  90. Der Modus ponens ist ein logisches Argument von folgender Struktur:
    Erste Prämisse: Folgendes ist wahr: wenn p, dann q. (Implikation).
    Zweite Prämisse: p ist wahr.
    Konklusion: Dann ist auch q wahr.
    Die erste Prämisse ist eine Hypothese. p ist ein Term im Inneren dieser Hypothese. p ist wahr, dies ist die zweite Prämisse.
  91. Lacan bezieht sich hier vermutlich auf den Katalog der Schlussregeln: modus ponens, modus tollens, Kettenschluss usw.
  92. Unter einer Hypothese in negativer Form versteht Lacan hier eine Hypothese, die sich auf eine verneinende Aussage bezieht: „Es ist möglicherweise wahr, dass S nicht P ist“, hier: „Es ist ist möglicherweise wahr, dass der Diskurs nicht vom Schein ist.“
  93. S. Freud: Die Verneinung (1925). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 371–388.
  94. Lacan bezieht sich hier auf: Jean Hyppolite: Gesprochener Kommentar über die „Verneinung“ von Freud. Übersetzt von Ursula Rütt-Förster. In: J. Lacan: Schriften III. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten u.a. 1980, S. 191200 (vorgetragen in Lacans Seminar 1 von 1953/54, Freuds technische Schriften, am 10. Februar 1954, zuerst veröffentlicht 1956 in der Zeitschrift La Psychanalyse).
  95. Attributionsurteil – Existenzurteil
    Freud schreibt in Die Verneinung (1925): „Die Urteilsfunktion hat im wesentlichen zwei Entscheidungen zu treffen. Sie soll einem Ding eine Eigenschaft zu- oder absprechen, und sie soll einer Vorstellung die Existenz in der Realität zugestehen.“ (A.a.O., S. 374)
    Freuds erstes Beispiel für ein verneinendes Urteil, in dem eine Eigenschaft abgesprochen ist, lautet: „Sie werden jetzt denken, ich will etwas Beleidigendes sagen, aber ich habe wirklich nicht diese Absicht.“ (A.a.O., S. 373) Vereinfacht man das, ergibt sich: „Ich will Sie beleidigen.“ Das korrespondierende Urteil, in dem dieselbe Eigenschaft zugesprochen wird, würde dann lauten: „Ich will Sie nicht beleidigen.“ Um es an die Form S ist P als der allgemeinen Form des Urteils heranzuführen:
    „Ich bin nicht das und das“ (verneinendes Attributionsurteil) versus
    „Ich bin das und das“ (bejahendes Attributionsurteil),
    („Ich“ ist das Subjekt, S, „bin“ ist die Kopula“, „das und das“ ist das Prädikat, P).
    Freud führt das Zu- oder Absprechen von Eigenschaften, also die beiden Formen des Attributionsurteils, darauf zurück, dass das ursprüngliche Lust-Ich alles Gute in sich einschließen will (Ursprung des bejahenden Attributionsurteils) und alles Schlechte von sich werfen will (Ursprung des verneinenden Attributionsurteils); das Bejahren gehört dem Eros an, die Verneinung dem Todestrieb.
    Ein Existenzurteil (oder, wie man heute sagt, eine Existenzaussage) ist den Lehrbüchern zufolge eine Aussage, die mit „es gibt“ beginnt. Da Lacan sich auf die Mutterbrust bezieht, könnte man als Beispiel für ein Existenzurteil diesen Satz konstruieren: „Es gibt etwas, was eine Mutterbrust ist.“
    Freud führt die Existenzaussage darauf zurück, dass das Real-Ich (das aus dem Lust-Ich hervorgegangen ist und die Funktion der Realitätsprüfung hat) feststellen will, ob etwas Vorgestelltes in der realen Wahrnehmung wiederzufinden ist, ob es noch vorhanden ist oder ob die Brust nur halluziniert ist.
  96. Wenn ich sage „Das Einhorn trägt nicht zwei Hörner auf der Stirn“ setzte ich damit die Existenz des Einhorns voraus.
  97. Freud fragt sich, ob der beobachtbare Zwang, unlustvolle Erlebnisse zu wiederholen, jenseits des Lustprinzips erfolgt. Unklar ist, wie die Alpträume der Unfallneurotiker zu erklären sind. Manche Wiederholungsphänomene scheinen durch das Lustprinzip einigermaßen erklärt werden zu können, z.B. das Fort-Da-Spiel von Freuds Enkel. Es gibt jedoch zwei Wiederholungsphänomene, die ganz klar jenseits des Lustprinzips liegen: die Wiederholung unlustvoller Kindheitserfahrungen in der psychoanalytischen Behandlung auf der Grundlage der Übertragung und außerdem der „Schicksalszwang“, der etwa darin besteht, dass bei Männern jede Freundschaft denselben Ausgang nimmt usw. Von daher kann man auch die Träume der Unfallneurotiker und das Kinderspiel auf einen Wiederholungszwang beziehen, der sich über das Lustprinzip hinwegsetzt. Die Motivierung der Wiederholung ist in der Regel gemischt, in ihr ist sowohl das Lustprinzip wirksam als auch der Wiederholungszwang jenseits des Lustprinzips, wobei letzterer jedoch ursprünglicher ist, triebhafter.
  98. In Jenseits des Lustprinzips erläutert Freud das Lustprinzip so:
    „In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angereget wird und dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt.“ (S. Freud: Jenseits es Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213272, hier: S. 217.
  99. Vgl. Seminar 17, Sitzungen vom 26. November 1969 (Version Miller, S. 20–24), vom 17. Dezember 1969 (Version Miller, S. 34), vom 18. Februar 1970 (Version Miller, S. 99) und vom 13. Mai 1970 (Version Miller, S. 173).
  100. Lacan bezieht sich auf Hegels Phänomenologie des Geistes (1807), darin auf der Kapitel über Herrschaft und Knechtschaft („IV. Die Wahrheit der Gewissheit seiner selbst, A. Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstseins; Herrschaft und Knechtschaft“). Hegel verweist häufig hierauf, zuletzt immer wieder in Seminar 17, Die Kehrseite der Pychoanalyse.
  101. Die Parabel in der unteren Zeichnung hat nur eine untere Grenze, nach oben hin ist sie unbegrenzt; in diesem Sinne geht sie bis ins Unendliche.
  102. Auf diese Sentenz kommt Lacan immer wieder zurück; zuerst findet man sie in Seminar 2, Sitzung vom 25. Mai 1955; Version Miller/Metzger, S. 304. Bereits hier findet man die Verwechslung von Pascal mit Descartes (von Miller in seiner Edition korrigiert).
  103. Freud bezeichnet als „Ökonomie“ (oder „ökonomischen Gesichtspunkt“) alles, was mit der Verteilung, Erhöhung, Verringerung der Triebenergie zu tun hat.
  104. Lacan bezieht sich auf die Formel „Das Reale ist das Unmögliche“, die er ab Seminar 9 in sämtlichen Seminaren aufgegriffen und ausgearbeitet hat.
  105. Vermutlich im Sinne von: „was bereits seiner Struktur unterworfen war“ – der Einbruch des Diskurses des Unbewussten impliziert nicht, dass das, wohinein der einbrach, eine Struktur hatte, die der des Unbewussten ähnlich war.
  106. Enseigne: Aushängeschild, Feldzeichen, von lat. signum, Zeichen.
    Den Terminus „Anzeichen“ verwendet Husserl in der Ersten logischen Untersuchung (Logische Untersuchungen. Zweiter Band: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. I. Ausdruck und Bedeutung. 1. Kapitel: „Die wesentlichen Unterscheidungen“, v.a. §§ 1 und 2.
  107. Seminar 16 beginnt mit dem an die Tafel geschriebenen Satz „Das Wesen der psychoanalytischen Theorie ist ein Diskurs ohne Sprechen“ (siehe hier). Das heißt vielleicht, dass der Diskurs der Psychoanalyse sich auf etwas Unmögliches bezieht.
  108. Seminar 4, Sitzung vom 3. April 1957; Version Miller/Gondek, S. 333.
  109. Seminar 5, Sitzung vom 6. November 1957; Version Miller/Gondek, S. 12.
  110. „Es muss sich Ihnen langsam zeigen, dass die Kehrseite der Psychoanalye eben das ist, was ich in diesem Jahr unter dem Titel ‚Diskurs des Herrn‘ vorbringe.“ (Sitzung vom 18. Februar 1970; Version Miller, S. 99, meine Übersetzung).
  111. Vgl. Seminar 17, Sitzung vom 21. Januar 1970; Version Miller, S. 67–70.
  112. J. Lacan: L’étourdit (1973). In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449–495, hier: 478, meine Übersetzung.
  113. Vgl. Version Miller, S. 18.
  114. Vgl. Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Ende der Sitzung vom 20. März 1968.
  115. Seminar 12, Sitzung vom 19. Mai 1965, meine Übersetzung nach Version Stafarla.
  116. Seminar 20, Sitzung vom 20. März 1973; Version Miller/Haas u.a., S. 97.
  117. Vgl. Seminar 13, Sitzung vom 12. Januar 1966.
  118. Ernest Jones: Rationalization in every-day life. In: The Journal of Abnormal Psychology, 3. Jg. (1908), S. 161-169.
  119. Die zitierte Formulierung findet man in Seminar 12, Sitzung vom 6. Januar 1965; vgl. zu Eigenname und Naht außerdem die Sitzung vom 7. April 1965; vgl. die Übersetzung in diesem Blog hier.
  120. Vgl. Seminar 10, Die Angst (1962/63), Sitzung vom 9. Januar 1963; Version Miller, S 102.
  121. Vgl. Seminar 14, Die Logik des Phantasmas (1966/67), Sitzung  vom 23. November 1966.
  122. Vgl. Seminar 20, Encore (1972/73), Sitzung vom 26. Juni 1973; Version Miller/Haas u.a., S. 154, „le signifiant en lui-même“ wird hier mit „der Signifikant in sich selbst“ übersetzt.
  123. Vgl. Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 6. Dezember 1967.
  124. Vgl. Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, Sitzung vom 6. Dezember 1967.
  125. Vgl. Seminar 16, Sitzung vom 13. November 1968.
  126. Vgl. Seminar 13 von 1965/66, Das Objekt der Psychoanalyse, Sitzung vom 8. Juni 1966.
  127. In Seminar 13 heißt es, „die Wesen, denen das Genießen zugewiesen war, das schlicht und einfache Genießen, waren die Sklaven“ (Sitzung vom 20. April 1966, meine Übersetzung nach Version Staferla).
  128. Jenseits des Lustprinzips, a.a.O. S. 248.
  129. Vgl. Seminar 14, Sitzung vom 12. April 1967.

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