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Die Diskurselemente S1, S2, a, $: am Beispiel von Freuds Vergessen des Namens „Signorelli“ — 4 Kommentare

  1. ver­zei­hen sie mei­ne kri­tik wo bit­te ist hier etwas über die vier dis­kur­se gesagt wor­den? ein lai­en­pu­bli­kum wird sich wohl im vor­ur­teil, die lacan­sche theo­rie betref­fend, die­se sei her­me­tisch, unver­ständ­lich, abge­ho­ben ect, bestä­tigt sehen. lacan ohne kli­nik ist wie schwim­men ohne was­ser.

    herz­lich,
    chris­ti­an koh­ner-kah­ler aus wien

    • Lie­ber Herr Koh­ner-Kah­ler,

      am bes­ten ant­wor­te ich wohl Satz für Satz.

      Zu Ihrem ers­ten Satz: The­ma mei­nes Bei­trags sind nicht die vier Dis­kur­se, son­dern deren Ele­men­te. Wo ist nicht von die­sen Ele­men­ten die Rede?

      Zu Ihrem zwei­ten Satz: Sie spre­chen als Nicht-Laie (als Psy­cho­ana­ly­ti­ker) dar­über, wie, ihrer Ansicht nach, Lai­en den Arti­kel beur­tei­len. Wie wol­len Sie das wis­sen?

      Ich tei­le übri­gens die Auf­fas­sung, dass Lacans Theo­rie „her­me­tisch“ ist, im Sin­ne von: dass die Tex­te meist schwer ver­ständ­lich sind, und dass der Stil der meis­ten Schrif­ten und der spä­ten Semi­na­re dar­auf abzielt, den Zugang zu erschwe­ren. Das heißt nicht, dass die­se Theo­rie „unver­ständ­lich“ ist, man kann sie durch­aus ver­ste­hen, muss jedoch viel Arbeit inves­tie­ren. Ist sie „abge­ho­ben“? Ich den­ke schon, im Sin­ne von: sie macht vie­le Vor­aus­set­zun­gen.

      Zu Ihrem drit­ten Satz: Es fehlt Ihnen in die­sem Arti­kel die „Kli­nik“ (wie die Laca­nia­ner sagen), also der Bezug auf die Erfah­run­gen, die in einer psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur gemacht wer­den. Freuds Selbst­ana­ly­se des Ver­ges­sens eines Eigen­na­mens ist für Sie dem­nach kei­ne „Kli­nik“. War­um nicht? In Lacans Tex­ten ist der Bezug auf die „Kli­nik“ sel­ten – ist für sie Lacan zu lesen wie Schwim­men ohne Was­ser?

      Herz­lich, Rolf Nemitz

      P.S.: Ihr Bild „schwim­men ohne Was­ser“ gefällt mir. Mein Blog ist alles in allem, so möch­te ich sagen, eine Tro­cken­übung.

  2. Wie­der ein­mal ein sehr lesens­wer­ter Bei­trag, Herr Nemitz. Bei der Lek­tü­re kam mir zu fol­gen­der Pas­sa­ge ein Gedan­ke:

    Das Sub­jekt ist auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne zwar reprä­sen­tiert, vor allem durch Iden­ti­fi­ka­tio­nen (S1), aber in all die­sen Reprä­sen­ta­tio­nen ist es ent­frem­det. Die­se Ent­frem­dung ist nor­ma­ler­wei­se durch eine Täu­schung unzu­gäng­lich; sie ist jedoch erfahr­bar; die­se Erfah­rung ist, falls ich Lacan rich­tig ver­stan­den habe, trau­ma­tisch; und die­se trau­ma­ti­sche Erfah­rung des Ver­schwin­dens auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ist die „Apha­ni­sis“ des Sub­jekts, das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts.“

    Ich den­ke, man kann das trau­ma­ti­sche Ver­schwin­den des S1 durch das Auf­tau­chen von unbe­wuss­tem Wis­sen S2 ver­ständ­lich machen. Das Unbe­wuss­te ist sei­nem Wesen nach ja „Frem­des im Eige­nen“, wenn man so will, aber es stellt regel­mä­ßig die Iden­ti­fi­fi­ka­tio­nen des Sub­jekts (also sein Ich) infra­ge.

    Ein Bei­spiel von Freud fin­det sich schon in den Stu­di­en über Hys­te­rie im Fall der Eli­sa­beth von R.. Sowie Freud sei­ner Pati­en­tin deu­tet: „Sie waren also seit lan­ger Zeit in Ihren Schwa­ger ver­liebt.“ ist die­sel­be tat­säch­lich trau­ma­tisch erschüt­tert, sie fühlt sich als Per­son fun­da­men­tal in Fra­ge gestellt, sei „einer sol­chen Schlech­tig­keit nicht fähig“ und dgl.. Freud schreibt nun, dass Eli­sa­beth der Deu­tung letzt­lich zwar Recht gibt, dass sie die­ses Wis­sen über sich aber nicht als Teil ihrer Selbst anzu­er­ken­nen in der Lage ist, obwohl der the­ra­peu­ti­sche Effekt offen­sicht­lich ist usw. Das unbe­wuss­te Wis­sen bleibt „ein Fremd­kör­per“, wie Freud sich aus­drückt. Über die weni­gen Momen­te, in denen Eli­sa­beth durch­aus ein Bewusst­sein über die Lie­be für ihren Schwa­ger hat­te schreibt Freud: „Gera­de die­se Momen­te sind also als die „trau­ma­ti­schen“ zu bezeich­nen; in ihnen hat die Kon­ver­si­on statt­ge­fun­den, deren Ergeb­nis­se die Bewusst­seins­spal­tung und das hys­te­ri­sche Sym­ptom sind.“. Es trifft sich ja so, dass die­se Momen­te, in denen Eli­sa­beth dem S2 bege­ge­n­et, eben auch die Momen­te sind, die Eli­sa­beths S1 (Iden­ti­fi­ka­ti­on als mora­lisch anstän­ge Toch­ter usw.) infra­ge stel­len, viel­leicht sogar momen­tan ver­schwin­den las­sen.

    Zuge­ge­ben, das ist jetzt nicht an Lacan ent­wi­ckelt und des­we­gen nicht so rich­tig schön, aber es scheint mir mit Freud und Lacan ver­ein­bar zu sein. Das wür­de natür­lich auch die Fra­ge in den Raum stel­len, ob das Auf­tau­chen eines S2 prin­zi­pi­ell mit dem Ver­schwin­den des S1 ein­her­geht.

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