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Der Liebesanspruch: komm (geh)! — 4 Kommentare

  1. Lie­ber Rolf,
    vie­len Dank!
    Im obi­gen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel „Graph des Be­geh­rens“ bleibt die Fra­ge der Be­deu­tung der un­te­ren Ebe­ne m – i(a) für die bei­den „obe­ren Stock­wer­ken des Gra­phen“, für die „For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung“ und den „Lie­bes­an­spruchs“ so­wie für die „Zwi­schen­de­cke/-ge­schoss“ des Be­geh­rens of­fen. Da­bei geht es um die Fra­ge: Wie steht die­se un­te­re Ebe­ne, die sich auf das Spie­gel­sta­di­ums, auf die nar­ziss­ti­sche und die Ebe­ne der Ide­al-Ich und Ich-Ide­al­bil­dung und da­mit auf die nar­ziss­ti­sche Lie­be be­zieht zu dem, was für das obe­re Stock­werk be­züg­lich des Lie­bes­an­spruchs, so­wie für die Stock­wer­ke Be­dürf­nis und Be­geh­ren ar­ti­ku­liert wurde?
    Soll­te es dir mög­lich sein in Be­zug dar­auf ei­ni­ge Be­mer­kun­gen oder Quer­ver­wei­se zu er­gän­zen­den, wäre dies für das Ver­ständ­nis des Ge­samt­zu­sam­men­hang des „Graph des Be­geh­rens“ grundlegend.
    Mit ei­nem sehr herz­li­chen Gruß
    Eckhard

    • Lie­ber Eckhard,
      ich ver­ste­he den Zu­sam­men­hang so:
      – Je­der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (Quer­li­nie im un­te­ren Stock­werk) ist zu­gleich ein Lie­bes­an­spruch (so in Se­mi­nar 5), die­ser ge­ne­tisch ele­men­ta­re Lie­bes­an­spruch deckt sich mit der un­te­ren Quer­li­nie, also dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Beim obe­ren Stock­werk geht es, grob ge­sagt, um das Un­be­wuss­te. Der Lie­bes­an­spruch, der von der obe­ren Quer­li­nie re­prä­sen­tiert wird, ist spe­zi­ell der beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes ver­dräng­te Lie­bes­an­spruch, der un­be­wuss­te Lie­bes­an­spruch. Der ver­dräng­te Lie­bes­an­spruch wird in ei­nem Trieb­vo­ka­bu­lar artikuliert.
      – Das Be­dürf­nis spielt nur im un­te­ren Stock­werk eine Rol­le, als Aus­gangs­punkt für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Das Be­geh­ren ist ein Ef­fekt des Zu­sam­men­sto­ßes von Be­dürf­nis und An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Der Zu­sam­men­hang Be­dürf­nis – An­spruch – Be­geh­ren wird aus­führ­lich in Se­mi­nar 5 und in den Auf­sät­zen „Die Be­deu­tung des Phal­lus“, „Die Aus­rich­tung der Kur“ und „Sub­ver­si­on des Sub­jekts“ entwickelt.
      – Das Be­geh­ren hat sei­nen Platz im obe­ren Stock­werk, zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem ver­dräng­ten Lie­bes­an­spruch. Das Be­geh­ren ist das, was die Wie­der­ho­lung der (in ei­nem Trieb­vo­ka­bu­lar ar­ti­ku­lier­ten) un­be­wuss­te Lie­bes­an­sprü­che an­treibt, da es in den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­sprü­chen ver­fehlt wird. Dar­auf ver­weist die Po­si­tio­nie­rung von „d“ (Be­geh­ren) ne­ben dem obe­ren Rückkoppelungskreis.
      – Die Zwi­schen­po­si­ti­on des Be­geh­rens zwi­schen dem beu­uss­ten An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch ist, glau­be ich, die Haupt­idee für die Kon­struk­ti­on des Gra­phen („jen­seits“ und „dies­seits“, das wird von La­can mehr­fach be­tont). To­po­lo­gisch ist das pro­ble­ma­tisch, da es in ei­nem Netz kein Zwi­schen gibt, da kei­ne sta­bi­len Ab­stän­de (vgl. mei­nen Ar­ti­kel „Das Ver­schwin­den? des Gra­fen?“)
      – Der Graf wird aus­führ­lich in Se­mi­nar 5 er­läu­tert (Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten) (etwa letz­tes Drit­tel) so­wie im ge­sam­ten Se­mi­nar 6 (Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung); Se­mi­nar 6 ist nicht ins Deut­sche über­setzt, man fin­det aber im In­ter­net eine Über­set­zung ins Eng­li­sche von Cor­mac Gal­lag­her. Au­ßer­dem gibt es auf deutsch die Zu­sam­men­fas­sung der Se­mi­na­re 4, 5 und 6 von Pontalis.
      – Den Ge­samt­zu­sam­men­hang des Gra­phen habe ich in dem Ar­ti­kel „Deer Graph des Be­geh­rens oder Auf der Su­che nach dem „Schreib­be­geh­ren““ dar­zu­stel­len versucht.
      Herzlich
      Rolf

  2. Lie­ber Rolf,
    vie­len Dank für die­sen sehr be­rei­chern­den Ar­ti­kel für das Ver­ständ­nis des Ver­hält­nis­ses von Be­dürf­nis, Lie­bes­an­spruch und Begehren.
    Hier mein Ver­such die Schwie­rig­keit der fol­gen­den Text­stel­le aufzulösen:

    … „‚Das Be­geh­ren ge­winnt Ge­stalt in der Span­ne (mar­ge), in der der An­spruch sich vom Be­dürf­nis los­reißt: wo­bei die Span­ne eben die ist, die der An­spruch (des­sen Ap­pell be­din­gungs­los nur an den An­dern sich rich­ten kann) auf­tut in der Form ei­nes mög­li­chen Feh­lens, das das Be­dürf­nis hier bei­tra­gen kann, weil es kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung kennt (was man Angst nennt).‘ (Schrif­ten II, 189)

    – Der vom Be­dürf­nis los­ge­ris­se­ne An­spruch rich­tet sich be­din­gungs­los an den An­de­ren. ‚Be­din­gungs­los‘ meint hier: ohne Be­zug auf ein be­stimm­tes Be­dürf­nis; der Lie­bes­an­spruch ist un­ab­hän­gig von der Be­frie­di­gung ei­nes be­stimm­ten Bedürfnisses.
    – Der An­spruch be­zieht sich auf ein mög­li­ches Feh­len: Der Lie­bes­an­spruch be­zieht sich auf den An­de­ren un­ter dem Ge­sichts­punkt sei­ner mög­li­chen Ab­we­sen­heit – er soll da sein und nicht weg sein.
    – Zu die­sem Feh­len kann das Be­dürf­nis bei­tra­gen, da es kei­ne uni­ver­sel­le Be­frie­di­gung kennt. – Ver­ste­he ich nicht.“

    Das obi­ge Zi­tat lese ich so:
    Das Be­geh­ren ge­winnt in der Span­ne des sich vom Be­dürf­nis los­rei­ßen­den An­spruchs Ge­stalt, weil das Be­dürf­nis kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung für den sich an den An­de­ren rich­ten­den be­din­gungs­lo­sen Ap­pell kennt und weil das Be­dürf­nis kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung kennt, trägt das Be­dürf­nis zu dem Feh­len bei, dass der An­spruch auftut.
    Ich glau­be, du hast mit dei­nem Ar­ti­kel „Graph des Begehrens/ Ora­le und ana­le Ko­die­rung des Lie­bes­an­spruchs“ be­reits die Ant­wort ge­ge­ben. Wird nicht – ne­ben der Be­frie­di­gung der Not des Le­bens – mit der Ar­ti­ku­la­ti­on des Be­dürf­nis­ses ver­sucht, die Ab­we­sen­heit des An­de­ren durch den Schrei nach Brot etc., bis hin zu den Nör­ge­lei­en ei­ner Frau oder ei­nes Man­nes in eine An­we­sen­heit zu verwandeln?
    Zu dei­ner Fra­ge be­züg­lich der zwei­ten Klam­mer: „Wie­so ist es das Feh­len ei­ner uni­ver­sa­len Be­frie­di­gung, was man Angst nennt?“
    Ich lese das so, dass nicht das Feh­len, son­dern die ((phan­ta­sier­te) Aus­sicht auf eine) „uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung“ das ist, was man Angst nennt; lese die Klam­mer als Kom­men­tar zu „uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung“, die man Angst nen­nen würde.
    Ich den­ke, dass es auch hilf­reich wäre zu die­sem Ar­ti­kel „Graf des Be­geh­rens Der Lie­bes­an­spruch…“ die Sei­ten 126 – 128 aus „Zur Be­deu­tung des Phal­lus“ (Schrif­ten II, Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten 1975) we­gen der in­halt­li­chen und zeit­li­chen Nähe (1958) zum obi­gen Zi­tat (1960) hin­zu­zu­neh­men. Ins­be­son­de­re, was dort zum Ver­hält­nis von Be­dürf­nis, Lie­bes­an­spruch und Be­geh­ren be­reits ar­ti­ku­liert wurde.
    (…)
    Mit ei­nem herz­li­chen Gruß und den bes­ten Wün­schen zu neu­en Jahr für dich
    Eckhard

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