Graph des Begehrens

Lacans Formel für den Trieb im Unbewussten: $◊D

SpendeTöpfchenbank in einem Kindergarten der DDR

Abb 1 a - Graph mit Markierung der FormelImmer wieder hat Lacan seine Theorie durch Diagramme veranschaulicht und weiterentwickelt. Dazu gehört der rechts abgebildete sogenannte Graph des Begehrens, ein Schema aus Linien und Überschneidungspunkten. Eine der Kreuzungsstellen, oben rechts, trägt die Bezeichnung ($ ◊ D), durchgestrichenes großes S, Raute, großes D.

„S“ meint hier „Subjekt“. Das durchgestrichene S steht für sujet barré, für das ausgesperrte Subjekt. Eine Grundbedeutung der Raute ist „in Beziehung zu“. Das große D steht für „demande“, Anspruch oder Forderung. In erster Annäherung kann man die Formel so lesen: „Das Subjekt im Verhältnis zum Anspruch“. Die obere Etage des Graphen, in der die Formel ihren Platz hat, steht für das Unbewusste. Zusammen also: Das Subjekt im Verhältnis zum Anspruch ist ein Knotenpunkt des Unbewussten. Was ist damit gemeint? Die kurze Antwort lautet: Der Trieb. Die lange Antwort finden Sie anschließend.

Meine Erläuterung ist chronologisch geordnet. Sie beginnt mit der Einführung der Formel in Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten (1957/58)1, und in Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung (1958/59)2. Es folgen Lacans Ausführungen zur Formel in Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, einer Arbeit von 1960, sowie in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten, einem Aufsatz, der 1962 geschrieben wurde. Daran schließen sich die Hinweise an, mit denen in den Seminaren 8 bis 11 die Formel erläutert wird, d..h. zwischen 1960 und 1964. (In Seminar 7 bezieht Lacan sich nicht auf die Formel.)

Herzlichen Dank an Steffen Dietz fürs gründliche Korrekturlesen!

Position im Graphen

Damit man im Folgenden nicht vor lauter Bäumen den Wald aus den Augen verliert, den Graphen des Begehrens vor lauter Symbolen und Symbolvariationen, hier ein grober Überblick über die Position der Formel ($ ◊ D) im Graphen.

Die Zeichenfolge ($ ◊ D) ist das Gegenstück zu einem anderen Ausdruck im Graphen, zur Formel für das Phantasma ($ ◊ a). Darauf verweist bereits die ähnliche Bauweise. Beide Formeln enthalten das Symbol $, durchgestrichenes S, in beiden findet man das Zeichen der Raute.

Abb 2 - Graph des Begehrens - Phantasma und CodeDie Gesamtkonstruktion sieht so in etwa aus: Man muss den Graphen von unten nach oben und von rechts nach links lesen. Eines der Produkte des unteren Stockwerks des Graphen ist das von der Sprache geprägte und deshalb durch ein Unbewusstes gekennzeichnete, also gespaltene Subjekt: $ unten rechts. Im Rahmen einer psychoanalytischen Kur fragt es sich nach seinem Begehren jenseits der Unterordnung unter die Sprache, unter den Anspruch. Diese Frage wird durch die Linie repräsentiert, die von A ausgeht (dem Schnittpunkt unten rechts) und nach oben führt. Es gibt zwei Wege, auf denen das Subjekt sich seine Frage beantworten kann: die Regression und das Phantasma. Die Formel ($ ◊ D) steht für die Regression, die Formel ($ ◊ a) für das Phantasmas. In der Regression sucht es sich auf dem Weg über das Symbolische, d..h. über archaische Ansprüche (D). Im Phantasma sucht es sich vermittels des Imaginären (a) (zumindest ist dies Lacans Deutung der Formel des Phantasmas in den Seminaren 5 und 6). Die eigentliche Antwort auf die Frage des Subjekts wird vom Schnittpunkt oben links repräsentiert, S(Ⱥ), Signifikant des Mangels im Anderen. Das Subjekt kann diese Botschaft dann empfangen, wenn es die Signifikanten der Regression und das Phantasma durchgearbeitet hat.

(Erläuterungen der Formel des Phantasmas findet man in diesem Blog hier, des Symbols S(Ⱥ) hier.)

Seminare 5 (1957/58), „Die Bildungen des Unbewussten“, und 6 (1958/59), „Das Begehren und seine Deutung“

Formel für den Code des Unbewussten

Die Formel ($ ◊ D) repräsentiert den „Code des Unbewussten“.3

Wenn ich das so sage, stellt sich sofort eine Vorfrage: Ist der Ausdruck ($ ◊ D) eine Formel? Lacan hätte die Frage mit Ja beantwortet; in Seminar 5 bezeichnet er die Zeichenfolge ($ ◊ D) durchgängig als „Formel“, in Seminar 6 bisweilen als „Formel“, bisweilen als „Algorithmus“. In Seminar 19 von 1971/72, … oder schlimmer, wird er für Ausdrücke dieser Art den Begriff des Mathems einführen. Der Zeichenfolge ($ ◊ D) ist keine Formel im Sinne der Mathematik, wo der Begriff der Formel für Gleichungen und Ungleichungen reserviert ist. Es handelt sich um eine Formel im Sinne der Logik oder der Chemie; für Logiker ist der Ausdruck p ˄ q (p und q) eine Formel, für Chemiker die Zeichenfolge H2O.

Wenn Lacan den Ausdruck ($ ◊ D) als Algorithmus bezeichnet, weicht er damit vom üblichen Sprachgebrauch ab. Unter einem Algorithmus versteht man für gewöhnlich eine Handlungsvorschrift, die mit Sicherheit zur Lösung eines Problems führt, im Gegensatz zu einer Heuristik, die nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man eine Lösung findet; ein Algorithmus in diesem Sinne ist beispielsweise das Verfahren der schriftlichen Division. Die Lacan-spezifische Verwendung von „Algorithmus“ findet man zuerst in Die Freudsche Sache (1956), wo er vom „algorithmischen Apparat der modernen Logik“ spricht4, in den Seminaren zuerst in Seminar 6, dort für die Formel des Phantasmas5.

Noch einmal: Die Formel ($ ◊ D) repräsentiert den Code des Unbewussten des Subjekts.

Der Graph besteht aus zwei Stockwerken, das untere entspricht dem bewussten Sprechen, das obere dem Unbewussten. Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache – bezogen auf den Graphen heißt das: Das obere Stockwerk hat dieselbe Struktur wie das untere. Die Sprache wird von Lacan durch das Verhältnis von Code und Botschaft charakterisiert. Die beiden rechten Schnittpunkte des Graphen stehen für den Code, die beiden linken für die Botschaft. In der folgenden Zeichnung habe ich die Kürzel C (für code) und M (für message, Botschaft, Nachricht, Mitteilung) in das Diagramm eingetragen.6

Abb 5 Code und BotschaftLacan hatte die Anwendung des Begriffs „Code“ auf die Sprache anfangs kritisiert. Die Sprache ist kein Code, sagt er 1955 in Seminar 2, da sie wesentlich mehrdeutig ist.7. In Seminar 5 sowie in dem Aufsatz Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht, hatte er das Begriffpaar „Code“ und „Mitteilung“ jedoch übernommen.8 Dabei stützt er sich auf eine im selben Jahr erschienene Arbeit von Roman Jakobson über „Verschieber“ (shifter); die Opposition von Code und Botschaft (code und message) ist darin grundlegend.9

Statt vom „Code“ spricht Lacan auch vom „Signifikantenschatz“ (trésor du signifiant), analog zum „Wortschatz“ (trésor des mots); auch den Ausdruck „Signifikantenschatz“ verwendet er erstmals in Seminar 5.10 Der Schnittpunkt ($ ◊ D) steht also für den Signifikantenschatz des Unbewussten des Subjekts. Diesen Code, diesen Signifikantenschatz bezeichnet Lacan auch als das „unbewusste Vokabular“.11

Die Formel ($ ◊ D) besteht aus drei Komponenten: dem durchgestrichenen großen S, also $, der Raute, d..h. dem Symbol ◊, und dem großen D. Die Klammer hat keine spezielle Bedeutung, sie sorgt nur dafür, dass man sieht, dass die drei Elemente zusammengehören. Ich erläutere zunächst die Elemente, dann ihre Verbindung.

Ausgestrichenes Subjekt ($)

Im Symbol $ steht der Buchstabe groß S für „Subjekt“, der Schrägstrich für „Signifikant“. (Aus technischen Gründen muss ich in diesem Blog den Schrägstrich durch einen senkrechten Strich ersetzen.) Die Durchstreichung des S mithilfe des Schrägstrichs meint zweierlei. Erstens, das Subjekt ist von der Sprache geprägt und wird dadurch entfremdet, in gewissem Sinne abgeschafft. Zweitens: Das Subjekt ist gespalten. Erstmals wird das Symbol $ von Lacan in Seminar 5 verwendet, dort von vornherein als Bestandteil der hier interessierenden Formel ($ ◊ D), also des Codes des Unbewussten, sowie der Formel ($ ◊ a) für das Phantasma.12

In Seminar 14 (Die Logik des Phantasmas, 1966/67) wird das Symbol $ von Lacan so erläutert werden:

„Ich erinnere daran, was das $ bedeutet: Das durchgestrichene S [le S barré] repräsentiert, vertritt in dieser Formel das, worum es sich bei der Spaltung des Subjekts dreht, die sich am Ursprung der gesamten Freud’schen Entdeckung findet und die darin besteht, dass das Subjekt von dem, wodurch es als Funktion des Unbewussten eigentlich konstituiert wird, zum Teil ausgesperrt [barré] ist.“13

Lacan spielt hier mit dem Doppelsinn von barré als, einerseits, „durchgestrichen“ und als, andererseits, „ausgesperrt“. Der Buchstabe S ist barré im Sinne von „durchgestrichen“ oder „ausgestrichen“. Dieses Symbol steht für das Subjekt, insofern es barré ist, ausgesperrt – das Subjekt ist ausgesperrt von dem, wodurch es konstituiert wird, wobei diese Konsitituierung vom Unbewussten abhängt. Der Doppelsinn von barré – ausgestrichen/ausgesperrt – lässt sich, soweit ich sehe, im Deutschen nicht nachbilden; die beste Übersetzung für sujet barré ist deshalb wohl „ausgesperrtes Subjekt“.

Freud schreibt in Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten: „Das Vergessen von Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine ‚Absperrung‘ derselben. Wenn der Patient von diesem ‚Vergessenen‘ spricht, versäumt er selten, hinzuzufügen: das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht.“14 Das sujet barré ist, so könnte man auch übersetzen, das „abgeperrte Subjekt“.

Die Wendung „sujet barré“ findet sich ebenfalls zuerst in Seminar 5. Das Subjekt, so heißt es hier, ist

„ausgeperrt oder nicht ausgesperrt, je nach Fall, das heißt je nachdem, ob es durch die Wirkung des Signifikanten markiert ist oder ob wir es einfach als noch unbestimmtes Subjekt betrachten, noch nicht zerteilt durch die Spaltung*, die aus der Aktion des Signifikanten resultiert“15.

Der Schrägstrich meint, dass das Subjekt „vom Signifikanten markiert ist“16, dass es von der Sprache geprägt ist.

Die Bedürfnisbefriedigung ist durch den sprachlich artikulierten Anspruch vermittelt, hierdurch kommt es zur Unterordnung der Antriebstruktur unter den Sprachcode und unter den hierdurch bestimmten Sinn sowie zur Identifizierung mit dem als allmächtig unterstellten Adressaten des Anspruchs, d..h. zur Herausbildung des Ichideals.

Die Prägung durch die Sprache hat zur Folge, dass das Subjekt einer Spaltung unterliegt, dass es geteilt ist in das (wie es meint) bewusst kontrollierte Sprechen und in das „Sprechen des Unbewussten“, in Gestalt von Symptomen, Wiederholungszwängen, Versprechern u.a.

Abb 1 c - Graph mit Entstehung von sujet barréDieser Zusammenhang wird vom unteren Stockwerk des Graphen dargestellt. Die von unten rechts ausgehende, von mir rosa gefärbte Linie steht für das Bedürfnis. Die Bedürfnisbefriedigung muss durch das Raster der Sprache hindurchgehen: durch einen Code (Schnittpunkt A) und durch den auf dem Code beruhenden Sinn (Schnittpunkt s(A)), außerdem wird das Bedürfnis durch die imaginäre Identifizierung modifiziert, durch die Herausbildung des Ichs (m) aufgrund der Beziehung zum Bild des anderen (i(a)). Dieser Prozess kulminiert in der Identifizierung mit dem als allmächtig unterstellten Adressaten des Anspruchs, d..h. in der Herausbildung des Ichideals (I(A)). Die Unterwerfung der Bedürfnisbefriedigung unter die Sprache führt zur Entstehung des „ausgestrichenen Subjekts“ ($ unten rechts) und das heißt, zur Spaltung des Subjekts. Kehrseite der Ichideals (I(A)) unten links) ist das ausgestrichene und gespaltene Subjekt ($ unten rechts), das Unbewusste.

Raute (◊)

Das zweite Element der Formel, das Symbol ◊, wird von Lacan ebenfalls zuerst in Seminar 5 verwendet.17 Er bezeichnet dieses Graphem als losange, als Rhombus oder Raute, später – ab 1962 – wird er es auch poinçon nennen, „Punze“.18 Bei der Einführung wird das Symbol von Lacan so erklärt:

„Es impliziert einfach nur – darin besteht sein ganzer Sinn –, daß alles das, worum es hier geht, von diesem quadratischen Verhältnis beherrscht ist, das wir seit jeher unserer Artikulation des Problems zugrundegelegt haben und welches besagt, daß es kein begreifbares – weder artikulierbares noch mögliches – $ gibt, das nicht vom ternären Verhältnis A aꞌ a unterhalten wird. All das will die Raute sagen.“19

Lacan bezieht sich hier auf das sogenannte Schema L, das er in Seminar 2 eingeführt hatte20

Schema L - für AbstractDemnach meint das Symbol der Raute, vereinfacht gesagt: Das Subjekt in seiner Beziehung zum Anderen. Dieses Verhältnis ist so beschaffen, dass der Diskurs des Anderen (A) sich auf das Subjekt richtet (S), auf das Es (auf das, was hierdurch zum fragmentierten Trieb wird). Der Diskurs des Anderen besteht, wie in Seminar 2 ausgeführt wird, aus Mandaten, die über die Generationen hinweg überliefert werden, aus „Gesetzen“, die für das Subjekt rätselhaft sind, die es aber erfüllen muss, auf eine Weise, die es selbst nicht versteht. Der Zugang zu dieser Beziehung wird durch das imaginäre Verhältnis zwischen dem Bild des anderen (aꞌ) und dem Ich (a) zugleich blockiert und vermittelt; in einer Analyse geht es darum, diese Blockierung unwirksam zu machen. (Eine ausführliche Erläuterung von Schema L findet man im Blogartikel „Lacans Schema L“.)

Etwas später in Seminar 5 kommt Lacan auf das Symbol ◊ zurück:

„Ich erinnere daran, daß die Raute, um die es geht, dasselbe wie das Quadrat eines viel älteren Grundschemas ist, das ich Ihnen eben hier im letzten Januar in einer vereinfachten Form reproduziert habe, und in welches sich das Verhältnis des Subjekts zum Anderen als Ort des Sprechens und als Botschaft einschreibt. Das ist eine erste von uns unternommene Annäherung an das, was vom Andern kommt, und die auf die Barriere der Beziehung aaꞌ stößt, welches die imaginäre Beziehung ist.

Die Raute drückt das Verhältnis des Subjekts aus – versperrt oder nicht versperrt je nach Fall, das heißt je nachdem, ob es durch die Wirkung des Signifikanten markiert ist oder ob wir es einfach als noch unbestimmtes Subjekt betrachten, noch nicht zerteilt durch die Spaltung*, die aus der Aktion des Signifikanten resultiert –, das Verhältnis also dieses Subjekts zu dem, was durch dieses quadratische Verhältnis bestimmt wird.“21

Die Raute repräsentiert die Beziehung des Subjekts zum Anderen. Das wird jetzt so präzisiert: Es geht um das Verhältnis des Subjekts zum Anderen als Ort des Sprechens sowie zum Anderen als Botschaft. Der Andere als Ort des Sprechens – der Adressat, der nicht spricht – wird im Graphen des Begehrens durch den Schnittpunkt unten rechts repräsentiert, also durch das große A; der Andere als Ort der Botschaft (bzw. der Mitteilung) – die Botschaft, insofern sie durch den Sprachcode determiniert ist – hat seinen Platz am Schnittpunkt unten links, s(A). Vom Anderen kommt sowohl der Code als auch die Botschaft. Diese Beziehung stößt auf die Barriere der imaginären Beziehung. In Schema L wird das imaginäre Verhältnis mit a – a bezeichnet, im Graphen entspricht ihm die Beziehung m – i(a) im unteren Stockwerk. Das Subjekt kann versperrt oder nicht versperrt sein (ein Unbewusstes haben oder nicht); je nachdem wird es durch ein einfaches großes S oder durch ein quergestrichenes S, also durch $, symbolisiert; das entspricht bei Freud der Unterscheidung zwischen dem präödipalen und dem ödipalen Subjekt. Bei dieser Erläuterung der Raute bezieht Lacan sich sowohl auf die Formel für den Code des Unbewussten, ($ ◊ D), als auch auf die Formel für das Phantasma.

Die Zeichenfolge ($ ◊) meint also: Das Subjekt, das durch die Sprache markiert ist und in Bewusstes und Unbewusstes gespalten ist, bezieht sich auf den Anderen mit großem A, auf den Anderen in seiner symbolischen Funktion als Sitz des Codes und als Quelle der Botschaft, wobei diese Beziehung auf die Barriere des imaginären Verhältnisses stößt.

Anspruch (D)

Der Buchstabe D ist die Abkürzung für das französische Wort demande. Der Ausdruck wird in den deutschen Lacan-Ausgaben meist mit „Anspruch“ übersetzt; Lacan selbst übersetzt demande mit „Forderung“ ins Deutsche.22

Unter einem Anspruch oder einer Forderung versteht Lacan die Artikulation von Bedürfnissen durch Signifikanten. Ein Anspruch oder eine Forderung ist beispielsweise der Satz „Gib mir Brot!“. Dabei bezieht er sich vor allem auf diejenigen Forderungen, die, ihrer Herkunft nach, auf die Befriedigung oraler und analer Bedürfnisse gerichtet sind; am Rande erwähnt er auch Ansprüche, die auf die Befriedigung genitaler Bedürfnisse abzielen.23

In Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung, wird der Unterschied zwischen oralen und analen Forderungen von Lacan prägnant erläutert. Das, was im oralen Anspruch gefordert wird, ist die Nahrung. Derjenige, der den Anspruch artikuliert, ist das Subjekt – das Kind –, der Adressat des Anspruchs ist der Erwachsene in der Funktion „Ort des Anderen“ zu sein24, d..h. der Adressat, an den der Anspruch sich richtet und von dem der Fordernde verstanden werden muss. Ein Säugling artikuliert den oralen Anspruch durch Schreie, genauer: durch ein System differentieller Schreie, also gewissermaßen durch Proto-Signifikanten. Später, wenn das Kind sprechen kann, sagt es vielleicht „Hunger!“ und noch später „Wann gibt’s denn endlich was zu essen?“

Der anale Anspruch lautet beispielsweise: „Ab aufs Töpfchen!“ Er richtet sich darauf, dass der Adressat das Exkrement zu einem bestimmten Zeitpunkt von sich gibt oder zurückhält. Die Beziehungsrichtung ist, verglichen mit dem oralen Anspruch, umgekehrt: der anale Anspruch kommt vom Anderen und wendet sich an das Subjekt. Der anale Anspruch ist ein Erziehungsanspruch; das Kind soll seine eigenen Bedürfnisse auf eine Weise befriedigen, dass es damit den Erwachsenen befriedigt. Durch den analen Anspruch wird das Subjekt aufgefordert, etwas zu geben, und damit wird es in die Ordnung der Gabe eingeführt, eine der Grundlagen der symbolischen Ordnung.25

In der klassischen Psychoanalyse spricht man von der Objektbeziehung, von der oralen, analen oder genitalen Beziehung zu einem Objekt. Die Objektbeziehung kann, Lacan zufolge, nur dann einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Subjekts ausüben, wenn sie in die Funktion eines Signifikanten übergegangen ist26, d..h. wenn sie in Forderungen artikuliert wird. Der Begriff des oralen und analen Anspruchs tritt bei Lacan an die Stelle des Begriffs der oralen oder analen Objektbeziehung.

Die orale Forderung wendet sich an einen Anderen, der die Bedürfnisbefriedigung erfüllen oder verweigern kann. Diese Verweigerung ist die Frustration oder, wie Freud sich ausdrückt, die Versagung. Das Subjekt ist für die Befriedigung seiner Bedürfnisse von diesem Anderen abhängig; hierdurch gerät für das Subjekt der Andere in eine Allmachtsposition. An diesen allmächtigen Anderen wendet sich der Liebesanspruch. Der Liebesanspruch ist die Forderung des Subjekts, vom anderen geliebt zu werden. Diese Forderung läuft, Lacan zufolge, auf die Forderung nach Anwesenheit hinaus: der Andere soll ganz für das Subjekt da sein. Wenn das Subjekt den vom Anderen kommenden analen Anspruch erfüllt oder verweigert, ist damit sein Liebesanspruch im Spiel, beispielsweise kann es den analen Anspruch aus dem Grunde erfüllen, um sich damit die Liebe des Anderen zu sichern. Als artikulierte Forderung, gehört der Liebesanspruch zum Symbolischen. Unter dem Aspekt, dass die Forderung mit der Vorstellung von der Allmacht des Anderen verbunden ist, hat sie imaginären Charakter; die Frustration ist, wie Lacan sagt, ein „imaginärer Schaden“.27

In der Formel ($ ◊ D) ist mit D jedoch gerade nicht der Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung gemeint. D steht hier für den „Anspruch als solchen“28, jenseits der Beziehung zu Bedürfnissen29. Das Symbol D bezieht sich auf Ansprüche, die zwar im Funktionszusammenhang der Bedürfnisbefriedigung entstanden sind, die sich davon jedoch abgelöst haben.

Klinik der Regression

„Bewusstwerdung“

In Seminar 5 beschreibt Lacan die Einbettung der Formel ($ ◊ D) in den Graphen so:

„Andererseits ist er [der Schnittpunkt oben links, S(Ⱥ)] auch das Homologon dieses Punktes, in dem der Anspruch beim Anderen ankommt, das heißt worin er der Existenz dieses Codes im Andern, Ort des Sprechens, unterworfen ist. Sie haben ebenfalls an diesem Horizont, was sich in der Form der sogenannten Bewußtwerdung hervorbringen kann. Doch ist dies nicht einfach nur Bewußtwerdung, es ist die Artikulation durch das Subjekt als eines, das von seinem Anspruch als solchem spricht, dem gegenüber es seinen Platz einnimmt30. Daß dies geschehen können muß, ist die fundamentale Voraussetzung der Analyse selbst. Das geschieht mit dem ersten Schritt der Analyse. Dies ist im Vordergrund, aber nicht wesentlich, die Erneuerung seiner Ansprüche durch das Subjekt. Sicher, auf eine bestimmte Weise ist es eine Erneuerung, aber es ist eine artikulierte Erneuerung. In seinem Diskurs läßt das Subjekt, sei es direkt, sei es durch seinen Diskurs durchscheinen lassend – und es ist mit Sicherheit immer viel wichtiger für uns, wenn es durchscheinend ist –, durch die Form und die Natur seines Anspruchs die Signifikanten erscheinen, unter denen dieser Anspruch sich formuliert. Insofern dieser Anspruch sich in archaischen Signifikanten formuliert, sprechen wir zum Beispiel von analer oder oraler Regression.“31

Abb 3 Graph mit 3 Linien gefärbtLacan spricht hier über das Verhältnis des Schnittpunkts oben links, S(Ⱥ), zu anderen Elementen des Graphen. Zunächst bezieht er den Schnittpunkt oben links auf den Knotenpunkt unten rechts: A, für „Anderer“, der Andere als Ort des Sprechens (als Adressat) und damit als Sitz des Codes. An diesem Punkt A kommt ein bestimmter Anspruch an, ein Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung und, damit verbunden, ein Liebesanspruch; im Graphen wird dieser Doppelanspruch – bewusster Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung, der zugleich ein Liebesanspruch ist – von der unteren Signifikantenlinie dargestellt, die von „Signifikant“ nach „Stimme“ führt [Linie 1].

Eine andere Komponente des Graphen bezieht sich auf eine Bewusstwerdung, wie man sagen könnte. Wenn man sich so ausdrückt, verfehlt man jedoch den entscheidenden Punkt, es geht nicht einfach um einen Vorgang im Bewusstsein, sondern um eine Dimension des Sprechens. Das Sprechen besteht hier nicht darin, dass das Subjekt Ansprüche erhebt, sondern dass es über seine Ansprüche spricht. Genauer: Das Subjekt spricht nicht über seine Ansprüche, sondern „von seinem Anspruch als solchem“. Das Sprechen über den Anspruch als solchen wird im Graphen von der Linie repräsentiert, die vom Schnittpunkt A, unten rechts, ausgeht und von dort nach oben zum Schnittpunkt ($ ◊ D) führt, oben rechts, sowie darüber hinaus; dies ist die Linie „Que vuoi?“ [Linie 2]. Der Anspruch als solcher, über den das Subjekt spricht, ist, so vermute ich, der Liebesanspruch, dieser wird im Graphen durch die obere Signifikantenlinie dargestellt, die von „Genießen“ nach „Kastration“ führt [Linie 3].

(Nach der Formulierung „dem gegenüber es [das Subjekt] seinen Platz einnimmt“ hat Miller in seiner Seminarversion die Formel des unbewussten Codes eingeführt: „ – ($ ◊ D)“. In der von Lacan in Auftrag gegebenen Stenotypie findet sich das nicht.32 Dieser Einschub beruht, so denke ich, auf einem Missverständnis. Lacan bezieht sich im Kontext auf ein Sprechen, nicht auf einen Code, und nicht ein Code ist das Thema des Subjekts, sondern der Anspruch. Ich habe Millers Einfügung deshalb rückgängig gemacht.)

Das sogenannte Bewusstwerden des Anspruchs, also das Sprechen des Subjekts über den Anspruch als solchen und damit die Herstellung einer Beziehung zum Anspruch, ist eine Voraussetzung der Psychoanalyse und ihr erster Schritt. Wird hier eine Art Phaseneinteilung der psychoanalytischen Kur angedeutet: am Anfang steht die Entzifferung des unbewussten Vokabulars auf dem Weg über die Regression?

Vordergründig geht es dabei um die Erneuerung oraler und analer Ansprüche durch das Subjekt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass es sich um eine artikulierte Erneuerung handelt, um eine Erneuerung, die in ein bestimmtes Sprechen des Subjekts eingebettet ist, in sein Sprechen im Verlauf einer psychoanalytischen Kur.

Das Subjekt formuliert in diesem Diskurs bestimmte Ansprüche, und durch diese Ansprüche schimmern archaische Signifikanten hindurch. Mit diesem Hinweis ist Lacan beim Schnittpunkt oben rechts angelangt, beim Code des Unbewussten ($ ◊ D). Die durch den Diskurs und den Anspruch hindurchschimmernden Signifikanten, mit denen der Anspruch formuliert wird, sind das Entscheidende. Je nachdem, welche Signifikanten durch den Diskurs hindurchscheinen, wird der Vorgang, bezogen auf eine psychoanalytische Kur, als anale oder orale Regression bezeichnet.

Die obere, von „Genießen“ nach „Kastration“ führende Signifikantenlinie [Linie 3] steht für die unbewussten ödipalen Liebesansprüche. Diese Forderungen werden in einem bestimmten Vokabular artikuliert, und die Formel ($ ◊ D) repräsentiert dieses Vokabular.

Regression und Fixierung

Die Formel bezieht sich, unter klinischem Aspekt betrachtet, auf einen Vorgang, der in der Psychoanalyse als „Regression“ bezeichnet wird.

Im Verlauf einer psychischen Krise oder einer psychoanalytischen Kur kommt es unter bestimmten Umständen dazu, dass ein Individuum sich „wie ein Kind“ verhält. Man sagt dann, es regrediert. Psychoanalytiker formulieren es spezieller, sie sprechen davon, dass jemand auf die orale oder anale Phase regrediert.

Lacan zufolge besteht die Regression darin, dass archaische orale oder anale oder andere Forderungen reaktiviert werden. Das kann so aussehen, dass bestimmte Ansprüche direkt artikuliert werden. Typischer ist jedoch, dass die uralten Forderungen durch das aktuelle Sprechen hindurchschimmern.33

„Was wir wirklich in der Analyse sehen, ist, daß im Verlauf der Regression – wir werden im weiteren besser sehen, was dieser Terminus besagt – das Subjekt seinen aktuellen Anspruch in der Analyse in Termini artikuliert, die uns erlauben, eine bestimmte respektive orale, anale, genitale Beziehung zu einem bestimmten Objekt zu erkennen. Dies besagt, dass die Beziehungen des Subjekts auf die gesamte Fortsetzung seiner Entwicklung einen entscheidenden Einfluß ausüben konnten, insofern sie auf einer bestimmten Etappe in die Funktion eines Signifikanten übergegangen sind.

Sowie das Subjekt auf der Ebene des Unbewussten seinen Anspruch in oralen Termini artikuliert, sein Begehren in Termini von Absorption artikuliert, befindet es sich in einer bestimmten Beziehung ($ ◊ D), das heißt auf der Ebene einer virtuellen Signifikantenartikulation, welche die des Unbewußten ist. Dies wird es uns ermöglichen, als Fixierung an ein bestimmtes Stadium etwas zu bezeichnen, das sich in einem Moment der analytischen Erforschung mit einem besonderen Wert darstellen wird, und wir werden annehmen können, daß Interesse besteht, das Subjekt auf dieses Stadium regredieren zu lassen, damit etwas wesentliches in dem Modus erhellt werden kann, unter welchem sich seine subjektive Organisation darstellt.“34

Die Regression besteht darin, dass das Subjekt seinen aktuellen Anspruch in oralen oder analen oder genitalen Termini artikuliert, d..h. in Signifikanten, die mit bestimmten Triebregungen verbunden sind. Diese Signifikanten interessieren den Psychoanalytiker deshalb, weil sie es ihm ermöglichen, bestimmte Arten von Objektbeziehungen zu erkennen. Diese Objektbeziehungen sind in die Funktion von Signifikanten übergegangen und nur dadurch konnten sie auf die Entwicklung des Subjekts entscheidenden Einfluss nehmen.

Die Formel ($ ◊ D) zeigt das Vokabular des Unbewussten, die virtuelle Signifikantenartikulation, und sie stellt dar, dass bestimmte Forderungen (D), bestimmte Signifikanten, die Funktion haben, einen speziellen Typ von Objektbeziehungen herzustellen, bestimmte Beziehungen zum Anderen ($ ◊).

Wenn man von oraler oder analer oder auch genitaler Fixierung spricht, bezieht sich das darauf, dass das Subjekt spezielle Forderungen reaktiviert, einen bestimmten Typ von Signifikanten, mit denen es eine charakteristische Beziehung zum Anderen herstellt. Die Fixierung ist an den Ablauf einer Analyse gebunden, sie zeigt sich in einem bestimmten Moment, und der Analytiker hat ein Interesse daran, das Subjekt auf das Stadium regredieren zu lassen, von dem seine subjektive Organisation wesentlich bestimmt ist.

Die Regression zeigt an, dass diese Forderungen auf die Entwicklung des Subjekts einen entscheidenden Einfluss hatten.

„Aber das, was uns interessiert, ist nicht, Schwerkraft oder Ausgleich oder gar symbolische Wiederkehr dem zu geben, was unter mehr oder weniger berechtigtem Titel zu einem gegebenen Moment der Entwicklung die Unbefriedigung des Subjekts auf der Ebene seines oralen, analen oder anderen Anspruchs, eine Unbefriedigung, in der es innehalten würde, gewesen ist. Dies interessiert uns einzig darin, daß sich für ihn in diesem Moment seines Anspruchs die Probleme seiner Beziehungen zum Anderen gestellt haben, insofern sie im weiteren für die Aufstellung seines Begehrens bestimmend waren.“35

Die Wiederbelebung archaischer Ansprüche (D) interessiert in der Psychoanalyse nicht unter dem Aspekt, dass sie auf unbefriedigte Bedürfnisse verweisen. Sie interessieren einzig insofern, als das Subjekt mit diesen Ansprüchen seine problematische Beziehung zum Anderen hergestellt hatte ($ ◊), und insofern, als die Beziehung zum Anderen wiederum für die Installierung des Begehrens bestimmend war.

Man kann die Formel ($ ◊ D) vielleicht als eine technische Anweisung an den Analytiker lesen, die ungefähr so lauten würde: Hilf dem Subjekt, die Wiederkehr bestimmter Ansprüche zu erkennen, oraler, analer, genitaler Forderungen (D). Unterstütze es dabei, dass ihm klar wird, dass diese Forderungen dazu dienen, eine bestimmte Beziehung zum Anderen herzustellen ($ ◊). Weniger interessant ist die Tatsache, dass sie für unbefriedigte Bedürfnisse stehen. Der Bezug dieses Forderungsvokabulars auf den Anderen ist deshalb wichtig, weil das Subjekt sein Begehren – das, wonach es in einer Analyse letztlich fragt – ausgehend von der Beziehung zum Anderen errichtet hat.

Konfrontation

In einer psychoanalytischen Kur geht die Regression mit einer Konfrontation einher, das Subjekt wird zurückverwiesen auf die „Konfrontation mit seinem eigenen Anspruch“36. Lacan bezieht das in Seminar 5 ausführlich auf die Zwangsneurose.

„Hier haben wir nun eine Zwangsneurose, und wie in jeder Neurose ist das, was wir zunächst zum Erscheinen zu bringen haben, insofern wir eben keine Hypnotiseure sind und nicht mittels Suggestion behandeln, eine Dimension jenseits, wo wir dem Subjekt gewissermaßen an einer Stelle ein Rendez-vous anbieten. Das ist hier auf der oberen Linie, dem Horizont der Signifikantenartikulation, dargestellt. Da ist das Subjekt, wie ich es Ihnen ausführlich das letzte Mal erklärt habe, mit seinem Anspruch konfrontiert. Es ist das, worum es geht, wenn wir von einem Wechselprozeß von aufeinanderfolgenden Regressionen und Identifizierungen sprechen. Die beiden wechseln in dem Maße, wie das Subjekt, wenn es auf eine Identifizierung stößt und dabei regrediert, auf dem Weg der Regression abstoppt. Die Regression schreibt sich ganz und gar, wie ich Ihnen das gezeigt habe, in diese retroaktive Eröffnung ein, die sich dem Subjekt darbietet, sobald es einfach nur sein Sprechen artikuliert, eben weil das Sprechen bis hin zu seinem Ursprung die ganze Geschichte dieses Anspruchs entstehen läßt, in welchen sein ganzes Leben als sprechender Mensch eingelassen ist.“37

Die obere Querlinie des Graphen bezieht sich darauf, dass das Subjekt mit seinem eigenen Anspruch „konfrontiert“ wird. Im Verlauf einer psychoanalytischen Kur entsteht durch das Sprechen die Geschichte der Ansprüche, was mit dem Wechselprozess von Regression und Identifikation verbunden ist.

In Seminar 6 greift Lacan den Begriff „Konfrontation“ wieder auf:

„Was tun wir in der Analyse, worauf stoßen wir, was erkennen wir, wenn wir sagen, dass das Subjekt dabei im oralen Stadium, im analen Stadium usw. ist? Es ist zunächst einmal nötig, es auf eine reife Weise auszudrücken, was voraussetzt, nicht das Gesamtelement zu vergessen, nämlich dass es sich immer um das Subjekt handelt, insofern es vom Sprechen markiert ist und in einer bestimmten Beziehung zu seinem Anspruch steht. Und dann muss man eben sehen, dass eine Deutung, mit der wir das Subjekt die Strukturierung seines Anspruchs spüren lassen, nicht einfach darin besteht, es dazu zu bringen, den oralen oder analen oder anderen Charakter des jeweiligen Anspruchs zu erkennen, sondern buchstäblich darum, es mit diesem Charakter zu konfrontieren. Was wir deuten, ist nicht einfach ein Charakter, der dem Anspruch des Subjekts immanent ist, wir konfrontieren es mit der Struktur seines Anspruchs als solchem.

Genau an diesem Punkt muss die Akzentuierung unserer Deutung oszillieren, schwanken, hin und her schwingen. Wenn wir in der Lage sind, sie auf bestimmte Weise zu akzentuieren, bringen wir dem Subjekt bei, auf der oberen Ebene [des Graphen] – auf der ‚Votivebene‘, auf der Ebene dessen, was es wünscht, auf der Ebene seines Wollens, insofern es unbewusst ist – die Signifikantenstützen zu erkennen, die unbewusst in seinem Anspruch verborgen sind. Die Deutung darf nicht aufhören, sich ganz in diesem Register zu bewegen. Insgesamt tun wir nichts anderes, als dem Subjekt, wenn man so sagen kann, das Sprechen beizubringen, sich als Subjekt in dem zu erkennen, was dem D entspricht, ohne ihm jedoch die Antworten zu geben.

Wenn man hingegen dem Subjekt dieses unbewusste Vokabular enthüllt, ohne es mit seinem Anspruch zu konfrontieren, dann läuft das darauf hinaus, den Zusammenbruch der Funktion des Subjekts als solchem herbeizuführen, darauf, es dazu zu drängen, sich auszulöschen und zu verschwinden. Genau das geschieht bei einer Technik, bei der die Analyse des Unbewussten sich auf die Vermittlung eines Vokabulars reduziert. Das, was verschwindet, das, was flieht, das, was zunehmend reduziert wird, ist die Forderung des Subjekts, sich jenseits von all dem in seinem Sein zu manifestieren. Wenn man es beständig auf die Ebene des Anspruchs reduziert, was bei einer bestimmten Technik als Widerstandsanalyse bezeichnet wird, dann endet man tatsächlich damit, schlicht und einfach das zu reduzieren, was sein Begehren ist.“38

Im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung kommt es dazu, dass der Psychoanalytiker das Subjekt dem oralen oder analen oder einem anderen Stadium zuordnet. Was ist damit gemeint?

Wenn man die Frage beantworten will, muss man sich zunächst klarmachen, erstens, dass es hierbei um ein Subjekt geht, das vom Sprechen geprägt ist, und zweitens, dass es in einer bestimmten Beziehung zu seinem Anspruch steht. Lacan zielt hier darauf ab, so nehme ich an, dass das Subjekt als sprechendes Subjekt in seinem Anspruch, in seiner Forderung, nicht aufgeht, dass es sich vielmehr die Frage stellt, ob mit diesem Anspruch das artikuliert wird, was es wirklich will. Das kann man auf die Formel ($ ◊ D) beziehen: das Subjekt im Verhältnis zum Anspruch, aber an dieser Stelle geht es Lacan, so vermute ich, um das Verhältnis zwischen zwei Linien des Graphen, zwischen der Linie des unbewussten Liebesanspruchs, die von „Genießen“ bis „Kastration“ verläuft (Anspruch des Subjekts) und der Linie „Que vuoi?“, die von A zu ($ ◊ D) führt und darüber hinausgeht (Frage des Subjekts). Der unbewusste Code, also ($ ◊ D), ist am Schnittpunkt dieser beiden Linien verortet. Das Subjekt ist in der Lage, seine eigenen Ansprüche zu befragen, auch seine unbewussten Ansprüche, und genau dadurch ist es ihm möglich, sein Begehren zu erkunden.

Durch die Deutung soll das Subjekt dazu gebracht werden, dass es mitbekommt, dass sein Anspruch auf bestimmte Weise strukturiert ist, nämlich durch einen speziellen Code.

Dabei ist allerdings entscheidend, wie die Deutung vorgebracht wird.

Die eine Möglichkeit besteht darin, dass das Subjekt dazu gebracht wird, den oralen oder analen oder anderen Charakter seines Anspruchs zu erkennen, ohne dass es jedoch mit diesem Charakter „konfrontiert“ wird, wie Lacan sich ausdrückt. Was man unter einer „Konfrontation“ zu verstehen hat, sagt er nicht.

Bei einer bestimmten Technik wird dieses nicht-konfrontierende Vorgehen als Widerstandsanalyse bezeichnet. Lacan bezieht sich hier auf die von Wilhelm Reich erfundene Widerstandsanalyse; mit dem Begriff des Charakters spielt er auf Reichs „Charakteranalyse“ an, die mit der Widerstandsanalyse mehr oder weniger zusammenfällt.39 An dieser Stelle ist nicht zu erkennen, ob Lacan die Widerstandsanalyse insgesamt ablehnt, oder ob sich seine Kritik gegen eine bestimmte Form der Widerstandsanalyse richtet. Die nicht-konfrontierende Vorgehensweise hält er für falsch.

Lacan plädiert dafür, das Subjekt mit seinem Charakter zu „konfrontieren“, ihm sein unbewusstes Vokabular in der Weise zu enthüllen, dass es dabei mit seinem Anspruch „konfrontiert“ wird.

Was könnte mit „Konfrontation“ gemeint sein? Einen Hinweis gibt möglicherweise der Aufsatz Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, den Lacan ein Jahr später verfassen wird und in dem er sich auf das Konfrontieren bezieht. Er kritisiert hier die Tendenz, dass die Deutung in der Psychoanalyse zunehmend in eine untergeordnete Stellung gerät, was er für falsch hält. Statt zu deuten versuche man es mit Interventionen, die keine Deutungen sind, etwa mit Erklärungen, Belohnungen oder Antworten auf den Anspruch.

„Das Verfahren verrät sich, sowie es dem Brennpunkt des Interesses sich nähert. Es hat notwendig zur Folge, daß selbst ein Gedanke, der ausgesprochen wird, das Subjekt zu Einsicht (insight) in eine seiner Verhaltensweisen zu führen, speziell in die Bedeutung einer solchen als Widerstand, jeden anderen Namen annehmen kann: Konfrontation zum Beispiel und wär’s die des Subjekts mit seiner eigenen Aussage, nur nicht Deutung, da es doch lediglich um eine erhellende Aussage geht.“40

Die „Konfrontation“ wird hier als eines der Verfahren aufgeführt, mit denen das Subjekt ohne Deutung zu der Einsicht gebracht werden soll, dass ein bestimmtes Verhalten die Funktion eines Widerstandes hat. Hierzu verweist Lacan in Die Ausrichtung der Kur auf einen Aufsatz von George Devereux.41 Devereux bestimmt dort die Konfrontation als Wiedergabe dessen, was der Patient gesagt hat, vor allem als verdeutlichende Wiedergabe ohne Beschönigung; hierdurch soll die Aufmerksamkeit des Patienten auf eine Handlung oder auf etwas von ihm Gesagtes gelenkt werden. Das von Devereux beschriebene Verfahren der Konfrontation entspricht in etwa der Interventionstechnik, die Carl Rogers als „Paraphrasieren“ bezeichnet; der Akzent liegt bei Devereux jedoch stärker darauf, den Patienten herauszufordern. Vielleicht kann man sagen: Unter „Konfrontation“ versteht Devereux zuspitzendes Paraphrasieren. Will Lacan, wenn er in Seminar 6 für das Konfrontieren plädiert, damit sagen, der Analytiker habe die Aufmerksamkeit des Subjekts in der Weise auf die Signifikanten seines Anspruchs zu lenken, dass er bestimmte Formulierungen des Patienten zugespitzt paraphrasiert?

E-Mail-Verkehr zwischen Gerhard Herrgott und Rolf Nemitz zwischen dem 3. und dem 7. Dezember 2015:

GH: „Konfrontation“ könnte heißen  Abbrechen der Sitzung.

RN: Wie kommst du darauf?

GH: Durch die Frage, welche Eingriffs-Möglichkeiten überhaupt ein Analytiker hat: er kann sprechen oder schweigen. Und Lacan hat eine weitere Möglichkeit erfunden: einen Signifikanten zu unterstreichen.

Wie auch immer, klar ist: Lacan möchte, dass die Deutung des unbewussten Vokabulars so erfolgt, dass das Subjekt nicht auf seine Ansprüche reduziert wird, denn das hieße, die Verdrängung zu verstärken und den Übergang vom Anspruch zum Begehren zu versperren.

Bei der „Konfrontation“ – was immer das sein mag – kommt es, Lacan zufolge, vielmehr darauf an, die Deutung auf bestimmte Weise zu akzentuieren und sie periodisch zu wechseln. Das sind weitere technische Hinweise, „Akzentuieren“ und „Wechseln“, und auch hier ist mir nicht klar, was konkret damit gemeint ist. Bezieht sich der Wechsel auf das Oszillieren zwischen Regression und Identifizierung, von dem er in Seminar 5 gesprochen hatte? Diese Vorgehensweise – worin immer sie bestehen mag – soll es dem Subjekt ermöglichen, die Signifikanten zu erkennen, von denen sein Begehren gestützt wird, also den Code ($ ◊ D).

Auf diese Weise wird dem Subjekt gewissermaßen das Sprechen beigebracht, sagt Lacan. Ich nehme an, dass Folgendes gemeint ist: Die Wiederkehr des Verdrängten etwa in einem Wiederholungszwang besteht darin, dass das Subjekt bestimmte Signifikanten artikuliert, dass es aber nicht in der Lage ist, sich als Subjekt dieser Signifikanten anzuerkennen. Die Deutung muss so vorgenommen werden, dass das Subjekt lernt, sich gewissermaßen nachträglich als Subjekt des Äußerungsvorgangs aufzufassen, und das heißt auch: als ein Subjekt, das sich eines bestimmten Anspruchsvokabulars bedient.

Der Psychoanalytiker gibt dem Subjekt jedoch nicht die Antworten. Das heißt wohl: Er antwortet nicht auf die Forderung, er befriedigt sie nicht. Insofern frustriert er das Subjekt, nicht um es zur Frustrationstoleranz zu erziehen, sondern um es dazu zu bringen, sich nach seiner Beziehung zum Anderen zu fragen und auf diesem Wege sein Begehren zu erkunden.

Die von Lacan kritisierte Vorgehensweise besteht darin, dass dem Subjekt zwar das unbewusste Vokabular enthüllt wird, dass es dabei jedoch nicht mit seinem Anspruch „konfrontiert“ wird (wie immer das aussehen mag). Diese problematische Technik hat zur Folge, dass das Subjekt dazu gedrängt wird, sich auszulöschen und zu verschwinden. Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es auf den Anspruch reduziert wird. Das Subjekt jedoch strebt danach, sich in seinem Sein zu manifestieren, in seinem Seinsmangel, seinem Begehren. Diese Bewegung wird durch die Intervention ohne „Konfrontation“, also durch eine bestimmte Art der Widerstandsanalyse, blockiert.

Liebesanspruch

In einer späteren Sitzung von Seminar 6 heißt es:

„Gehen wir jetzt zu ($ ◊ D) über. Was bedeutet dieser sogenannte Punkt des Codes, den wir durch die Konfrontation des ausgestrichenen Subjekts mit dem Anspruch, groß D, symbolisieren?

Heben wir zunächst hervor, dass dieser Punkt seine Bedeutung nur dadurch bekommt, dass mit der Analyse die Entzifferung der Kohärenz der oberen Kette beginnt. Das ist ganz genau derjenige Punkt, wo die Kette des Sprechens des Subjekts, in der es, jenseits des konkreten Diskurses, Fragen über sich selbst stellt, auf den Anspruch stößt.

Das Subjekt, um das es geht, ist dasjenige, das wir hier unterstellen – rückwirkend, sage ich –, als Stütze der Artikulation des Unbewussten, insofern es diese Artikulation sieht, hört, liest. Das ist das Subjekt als Subjekt des Unbewussten. Was den Anspruch angeht, welche Rolle spielt er hier? Er ist von seiner spezifisch symbolischen Form affiziert, und das ist die Bedeutung des Rautenzeichens ◊ zwischen $ und D.

Der Anspruch figuriert auf dieser Ebene insofern, als er, jenseits dessen, was er zur Befriedigung des Bedürfnisses fordert, als jener Liebesanspruch auftritt, durch den der Andere, an den er sich wendet, als derjenige eingesetzt wird, der anwesend oder abwesend sein kann. Insofern bekommt der Anspruch, sei er oral oder anal, hier eine metaphorische Funktion und wird er zum Symbol für die Beziehung zum Anderen. Die subjektive Beziehung zum Anspruch spielt hier die Rolle des Codes, insofern der Anspruch es ermöglicht, das Subjekt als eines zu konstituieren, das beispielsweise auf der Ebene dessen verortet ist, was wir in unserer Sprache als orale oder anale Phase bezeichnen.“42

Der mit ($ ◊ D) bezeichnete obere rechte Schnittpunkt ist der Punkt des (unbewussten) Code.

Die Formel zeigt das ausgestrichene Subjekt ($), das auf eine bestimmte Weise konfrontiert ist (◊) mit dem Anspruch (D).

Abb 4 - Graph mit 4 Linien gefärbtDer Punkt des Codes bekommt seine Bedeutung nur von daher, dass in einer psychoanalytischen Kur die Entzifferung des Unbewussten beginnt, die Entzifferung des Zusammenhangs der unbewussten Kette. Lacan bezieht sich damit auf den Kreislauf des Unbewussten, der im Graphen durch die Rückkoppelungsbeziehung zwischen den Punkten ($ ◊ D) und S(Ⱥ) dargestellt wird [Linie 4].

Der Punkt des Codes ist zugleich derjenige Punkt, an dem das Sprechen des Subjekts, das sich Fragen in Bezug auf sich selbst stellt, jenseits des konkreten Diskurses – jenseits des alltäglichen Sprechens – auf den Anspruch stößt. Dies bezieht sich, so nehme ich an, auf zwei andere Linien des Graphen, auf die vom Schnittpunkt unten rechts, A, ausgehende nach oben führende Linie, d..h. die Linie „Que vuoi?“, „Was willst du?“[Linie 2], und außerdem auf die Linie des unbewussten Liebesanspruchs, nämlich die von „Genießen“ nach „Kastration“ führende Linie [Linie 3]. Der Punkt des Codes ist der Schnittpunkt dieser beiden Linien: die bewusste Selbstbefragung [Linie 2] stößt auf den unbewussten Anspruch [Linie 3], auf die unbewussten ödipalen Forderungen.

In der Formel ($ ◊ D) ist das Subjekt, repräsentiert durch $, dasjenige Subjekt, das vom Analytiker als Stütze der Artikulation des Unbewussten unterstellt wird. Das Subjekt stützt insofern die Artikulation des Unbewussten, als es in einer Psychoanalyse diese Artikulation wahrnimmt und zu verstehen versucht. Anders gesagt: Das Symbol $ bezieht sich auf das Subjekt, das an seinem eigenen Unbewussten interessiert ist, das versucht, es zu entziffern und das hierdurch die Artikulation des Unbewussten befördert.

In der Formel geht es um den Anspruch, also um D, jedoch in einer speziellen symbolischen Form. Der Anspruch auf orale oder anale Bedürfnisbefriedigung fungiert im Code als Metapher für ein bestimmtes symbolisches Verhältnis zum Anderen. Auf diese Beziehung verweist das Zeichen der Raute, ◊. Die Raute ist, wie erläutert, eine vereinfachte Darstellung des L-Schemas, sie bezieht sich also auf das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem Anderen sowie auf die Modifikation dieses Verhältnisses durch die imaginäre Beziehung. Also besteht die spezielle symbolische Form des Anspruchs in erster Annäherung darin, dass der Anspruch sich an den Anderen wendet und dass in diese Beziehung das Imaginäre interveniert.

Auf der unbewussten Ebene ist der Anspruch nicht Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung, sondern Liebesanspruch – die Forderung, geliebt zu werden –, und nicht der Liebesanspruch schlechthin, sondern der unbewusste Liebesanspruch. Der Liebesanspruch fordert die Anwesenheit des Anderen, damit wird der Andere als derjenige eingesetzt, der anwesend oder abwesend sein kann. Die Opposition von Anwesenheit und Abwesenheit ist grundlegend für das Symbolische, und damit ist der Andere, insofern er dem Subjekt unter dieser Alternative erscheint, ein symbolischer Anderer. (Der Liebesanspruch ist ambivalent, er ist auch die Forderung nach Abwesenheit des Anderen, sofern er anwesend ist.) Diese Konzeption des symbolischen Anderen hatte Lacan in Seminar 4 eingeführt: Die Mutter ist für das Kind insofern die symbolische Mutter, als sie dem Kind unter der Alternative von Anwesenheit und Abwesenheit erscheint.43

Die Formel ($ ◊ D) repräsentiert den Code, in dem der unbewusste Liebesanspruch artikuliert wird. Der Buchstabe D steht für orale oder anale Ansprüche; sie haben hier eine metaphorische Funktion, sie dienen als Symbole für die Beziehung zum Anderen, um auf diese Weise den Liebesanspruch artikulieren zu können.

Die Formel ($ ◊ D) ist insofern der Code des Subjekts, als die Formel das Subjekt als eines erfasst, das aufgrund der Regression in einer bestimmten Phase ist, etwa in der oralen oder analen Phase. Sie stellt dar, dass das Subjekt sich in seiner Beziehung zum Anderen als dem Adressaten des Liebesanspruchs eines bestimmten Forderungsvokabulars bedient, oraler oder analer Signifikanten.

Zusammenfassung

Die Zeichenfolge ($ ◊ D) ist so zu lesen.

Die Formel steht für den „Code des Unbewussten“ des Subjekts. Code ist Gegenbegriff zu „Mitteilung“ oder „Botschaft“ (message). Statt vom Code spricht Lacan auch vom „Signifikantenschatz“, eine Analogbildung zum Ausdruck „Wortschatz“, oder auch vom unbewussten Vokabular.

Der Code des Unbewussten besteht aus Ansprüchen, aus oralen, analen, genitalen und anderen Forderungen (D). Gemeint sind archaische Ansprüche, die im Verlauf einer psychoanalytischen Kur auftauchen, teils direkt, teils in der Weise, dass sie durch die aktuell erhobenen Ansprüche hindurchschimmern.

Die beiden Symbole $ und ◊ weisen darauf hin, dass diese Ansprüche aus dem Zusammenhang der Bedürfnisbefriedigung, in dem sie entstanden sind, herausgelöst sind, und eine andere Funktion haben: sie dienen dem Subjekt auf der Ebene des Unbewussten ($) als Vokabular, um sich an den Anderen zu wenden (◊).

Das Symbol $ meint: das „ausgestrichene Subjekt“, das von der Sprache geprägte und deshalb gespaltene Subjekt, das Subjekt, das auf zwei Ebenen spricht, auf der bewussten Ebene und auf der des Unbewussten.

Die Raute, also das Symbol ◊, ist eine Kurzdarstellung des sogenannten L-Schemas. Damit ist im Zusammenhang der Formel gemeint: Die archaischen Forderungen (D) sind aus dem Zusammenhang der Bedürfnisbefriedigung herausgelöst und dienen dem „ausgestrichenen Subjekt“ dazu, sich an den symbolischen Anderen zu wenden. Die Forderung, die es an den Anderen richtet, ist der Liebesanspruch, also die Forderung, vom Anderen geliebt zu werden; die oralen, analen usw. Forderungen fungieren als Metaphern des Liebesanspruchs. Der Andere, an den der Liebesanspruch sich wendet, ist insofern ein symbolischer Anderer, als der Liebesanspruch sich auf ihn unter dem Gesichtspunkt bezieht, dass er abwesend oder anwesend sein kann; die Opposition von Abwesenheit und Anwesenheit ist für das Symbolische grundlegend. Die Beziehung zum Anderen ist ein entscheidender Aspekt der Formel, da es dem Subjekt in einer Psychoanalyse darum geht, sein Begehren zu erkunden und da sein Begehren in seine Beziehung zum Anderen verwickelt ist.

Um es in einem Satz zu sagen: Der Code des Unbewussten, der unbewusste Signifikantenschatz, ($ ◊ D), besteht aus oralen, analen usw. Forderungen (D), die dem von der Sprache geprägten Subjekt ($) als Metaphern dienen, um sich damit auf den Anderen zu beziehen (◊), um ihm gegenüber einen Liebesanspruch zu erheben.

Abb 4 - Graph mit 4 Linien gefärbtIm Graphen liegt die Formel am Schnittpunkt dreier Linien: der Linie „Que vuoi?“ [Linie 2], der Linie des unbewussten Liebesanspruchs [Linie 3] und der beiden Linien des unbewussten Kreislaufs (die Rückkoppelungslinien zwischen den Punkten ($ ◊ D) und S(Ⱥ)) [Linie 4]. Diesees Liniennetz stellt dar: Das Subjekt fragt sich bewusst, was sein Begehren ist, jenseits der Unterordnung unter den Anspruch (dies wird repräsentiert durch die Linie „Que vuoi?“ (Was willst du?) [Linie 2]). Hierbei stößt es auf den unbewussten Liebesanspruch (die von „Genießen“ nach „Kastration“ führende Linie [Linie 3]). Damit beginnt die Entzifferung des Unbewussten, dargestellt durch die Rückkoppelungslinien zwischen ($ ◊ D) und S(Ⱥ) [Linie 4]. Zur Erkundung des eigenen Begehrens gehört die Rekonstruktion des unbewussten Vokabulars ($ ◊ D), in dem der Liebesanspruch artikuliert wird.

Unter klinischem Aspekt betrachtet bezieht sich die Formel auf einen Vorgang in einer psychoanalytischen Kur, der als „Regression“ bezeichnet wird. Die Regression besteht darin, dass das Subjekt archaische orale oder anale Ansprüche artikuliert (direkt oder in der Weise, dass sie durch seinen Diskurs hindurchschimmern), als dem Vokabular, mit dessen Hilfe es an den Anderen seinen Liebesanspruch richtet, an den als allmächtig unterstellten Anderen. In einer psychoanalytischen Kur geht es unter anderem darum, das Subjekt dabei zu unterstützen, dass ihm sein Code „bewusst wird“, besser gesagt, dass es sich in seinem Sprechen darauf bezieht; die vom Analytiker geförderte Regression ist das Mittel dazu.

Lacan unterscheidet zwei Verfahren, wie ein Analytiker versuchen kann, dem Subjekt den Code bewusst zu machen. Ohne Konfrontation und mit Konfrontation; mir ist nicht klar, was damit gemeint ist. Das erste Verfahren, sagt Lacan, ist meist mit der Widerstandsanalyse oder mit einer bestimmten Form der Widerstandsanalyse verbunden. Lacan lehnt diese Vorgehensweise ab, da sie das Subjekt auf den Anspruch reduziert. Das zweite Verfahren, die Konfrontation, ist durch eine oszillierende Akzentuierung der Deutung verbunden; auch hier ist mir nicht klar, worauf Lacan sich bezieht. Entscheidend ist, dass die Deutung so erfolgt, dass das Subjekt nicht auf den Anspruch reduziert wird, sondern dass es ihm möglich wird, sich in seinem „Sein“ zu manifestieren, in seinem Seinsmangel, in seinem Begehren, so dass es sich gewissermaßen rückwirkend zum Subjekt des Unbewussten machen kann.

$: Subjekt im Fading

Im Verlauf von Seminar 6 werden zwei Elemente der Formel ($ ◊ D) von Lacan neu gedeutet: das durchgestrichene S und die Raute.

Lacan spricht über „dieses Schema“, über den Graphen des Begehrens:

„Die Ver­men­gung, um die es geht, wird für Sie ge­nau durch die­ses Schema ma­te­ria­li­siert. Sie be­steht darin, die Dia­lek­tik des Ob­jekts mit der Dia­lek­tik des An­spruchs zu ver­wech­seln. Diese Ver­men­gung ist er­klär­lich, denn in bei­den Fäl­len be­fin­det sich das Sub­jekt in sei­ner Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten in ei­ner Po­si­tion, die die­selbe ist – das Sub­jekt ist hier in ei­ner Po­si­tion der Ver­finsterung (éclipse).

Schauen Sie auf diese bei­den Punkte un­se­res Gramms. Hier, der Code auf der Ebene des Un­be­wuss­ten, ($ ◊ D), das heißt die Reihe der Be­zie­hun­gen, die das Sub­jekt zu ei­nem be­stimm­ten Ap­pa­rat des An­spruchs un­ter­hält. Dort die ima­gi­näre Be­zie­hung ($ ◊ a), die es be­vor­zugt kon­sti­tu­iert, in ei­ner be­stimm­ten Hal­tung, auch sie de­fi­niert durch seine Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten, vor ei­nem Ob­jekt a. An bei­den Punk­ten ist das Sub­jekt in der Po­si­tion der Ver­dun­ke­lung.

Diese Po­si­tion, ich habe das letzte Mal an­ge­fan­gen, sie mit dem Be­griff des Fa­ding zu ar­ti­ku­lie­ren. Ich habe die­sen Aus­druck aus al­ler­lei phi­lo­lo­gi­schen Grün­den ge­wählt und auch, weil er, be­zo­gen auf den Ge­brauch der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­räte, die die uns­ri­gen sind, völ­lig ver­traut ge­wor­den ist. Das Fa­ding ist ge­nau das, was sich in ei­nem Ge­rät zur Kom­mu­ni­ka­tion, zur Stimm­wie­der­gabe dann her­stellt, wenn die Stimme ver­schwin­det, ein­bricht, schwin­det, um, ab­hän­gig von ei­ner Ver­än­de­rung im Trä­ger, in der Über­mitt­lung, wie­der­zu­er­schei­nen. Wir wer­den dem, was hier nur eine Me­ta­pher ist, na­tür­lich seine rea­len Ko­or­di­na­ten zu ge­ben ha­ben.

In­so­fern sich also das Sub­jekt im sel­ben Mo­ment des Os­zil­lie­rens be­fin­det, dem­je­ni­gen, der das Fa­ding vor dem An­spruch und vor dem Ob­jekt kenn­zeich­net, kann die Ver­men­gung sich her­stel­len.

Tat­säch­lich ist das, was Ob­jekt­be­zie­hung ge­nannt wird, im­mer eine Be­zie­hung des Sub­jekts nicht, wie man sagt, zu Ob­jek­ten, son­dern zu Si­gni­fi­kan­ten des An­spruchs und dies in dem pri­vi­le­gier­ten Mo­ment be­sag­ten Fa­dings des Sub­jekts. In­so­fern der An­spruch fi­xiert bleibt, kann man die Modi des Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rats ar­ti­ku­lie­ren, der den un­ter­schied­li­chen Ty­pen des An­spruchs ent­spricht, oral, anal und an­dere, und das auf eine Weise, die tat­säch­lich eine Art kli­ni­sche Ent­spre­chung zur Ob­jekt­be­zie­hung dar­stellt. Nichts­des­to­we­ni­ger hat es be­trächt­li­che Nach­teile, wenn man das, was eine Be­zie­hung zum Si­gni­fi­kan­ten ist, mit dem ver­mengt, was eine Be­zie­hung zum Ob­jekt ist.“44

Zwei Dialektiken sind auseinanderzuhalten: die des Objekts und die des Anspruchs. Der Graph hat unter anderem die Funktion, diesen Unterschied zu verdeutlichen. Auf die Dialektik des Objekts bezieht sich die Formel des Phantasmas, $ ◊ a, auf die Dialektik des Anspruchs die Formel für den unbewussten Code, $ ◊ D. Die beiden Formeln sind so gebaut, dass man auf den ersten Blick sieht, warum man diese Dialektiken so leicht verwechseln kann: Beide Formeln beginnen mit dem durchgestrichenen S gefolgt von der Raute, mit $ ◊.

In den Formeln wird das Subjekt in einer Position der Eklipse dargestellt, sie beziehen sich gewissermaßen auf eine Subjektfinsternis. „Eklipse“ kommt vom griechischen Wort ekleípō, „ich verschwinde“; die Subjektfinsternis besteht darin, dass das Subjekt verschwindet. In der Formel für den unbewussten Code, ($ ◊ D), bezieht sich das verfinsterte Subjekt ($) auf einem Apparat von Ansprüchen (D), in der Formel für das Phantasma, ($ ◊ a), steht es in einer imaginären Beziehung zu einem Objekt (a).

Die astronomische Metapher der Eklipse ist jedoch nur vorläufig. Die Position des Subjekts, auf die beide Formeln sich beziehen, wird von Lacan letztlich als „Fading“ bezeichnet. Das englische Wort to fade bedeutet „verblassen“, „verklingen“, „nachlassen“, „schwinden“, „verschwinden“. Der Ausdruck soll an das Verschwinden der Stimme bei der Übermittlung einer Botschaft erinnern: In der Nachrichtentechnik meint Fading das Nachlassen der Stärke der Funkübertragung.

Das Subjekt ist also im Fading, $, und bezieht sich dabei entweder auf den Anspruch, D, oder auf das Objekt, a.

Das, was in der Psychoanalyse üblicherweise Objektbeziehung genannt wird – wobei man orale, anale und andere Objektbeziehungen unterscheidet –, ist in Wirklichkeit eine Beziehung nicht zu Objekten, sondern zu Ansprüchen, zu Ansprüchen oraler, analer und anderer Art. Die Formel ($ ◊ D) repräsentiert also das, was Objektbeziehung genannt wird. Aber diese Bezeichnung ist irreführend, eigentlich geht es hier nicht um eine Objektbeziehung. Um eine Objektbeziehung geht es in der anderen Formel, der für das Phantasma, also in der Formel ($ ◊ a).

(In einer späteren Sitzung von Seminar 6 wird Lacan das Fading des Subjekts mit der Aphanisis des Subjekts gleichsetzen.45 In späteren Seminaren wird er vor allem von der Aphanisis des Subjekts sprechen, etwa in den Seminaren 11 und 14.

Was meint „Verschwinden des Subjekts“ oder „Fading des Subjekts“?

„ (…) die Verdrängung ist, wenn sie eingeführt wird, wesentlich gebunden an die absolut notwendige Erscheinung dessen, dass das Subjekt auf der Ebene des Äußerungsvorgangs ausgelöscht wird und verschwindet.“46

Lacan unterscheidet zwei Ebenen des Sprechens, énoncé und énonciation, Aussage und Äußerungsvorgang. Mit „Aussage“ ist das (mehr oder weniger) bewusst kontrollierte Sprechen gemeint, mit „Äußerungsvorgang“ das „Sprechen“ des Unbewussten, also die Produktion von Wiederholungszwängen, Symptomen und Fehlleistungen. Auf der Ebene des Äußerungsvorgangs verschwindet das Subjekt. Damit verschiebt sich die Frage: Was heißt es, dass das Subjekt auf der Ebene des Äußerungsvorgangs verschwindet?

In einer späteren Sitzung von Seminar 6 spricht Lacan über den Unterschied zwischen dem diachronen und dem synchronen Zugang zum Unbewussten. Der diachrone Ansatz, die Stadienkonzeption, habe sich als fruchtbar erwiesen, er aber – Lacan – interessiere sich wesentlich für die synchrone Dimension.

„Diese Beziehung ist die Beziehung des Subjekts zum Signifikanten, insofern das Subjekt sich hier als Subjekt nicht bezeichnen kann, sich nicht benennen kann.“47

Das Subjekt kann sich in seiner Beziehung zum Signifikanten nicht bezeichnen. Eben darin besteht das Verschwinden des Subjekts: Auf der Ebene des Äußerungsvorgangs kann es sich nicht benennen.

„Im Wesentlichen stellt sich uns das Unbewusste immer als eine Artikulation dar, die unendlich oft wiederholt wird. (…) Auf dieser Ebene ist das Subjekt letztlich das, was die Markierung, die Stigmata einer Wiederholung trägt, die für es nicht nur mehrdeutig, sondern strenggenommen unzugänglich bleibt, bis zu dem Punkt, dass die analytische Erfahrung, durch den Endpunkt, den sie dem Subjekt gibt, es dem Subjekt ermöglicht, sich hier zu benennen, sich zu verorten, sich zu bezeichnen, als das, was die Stütze dieser Sanktion ist.

Auf dieser Ebene kann von ihm kein ‚Ich‘ (Je) artikuliert werden. Die Erfahrung stellt sich im Gegenteil dar als Das geschieht von außen. Zu sagen, dass das geschieht, ist bereits viel, das Subjekt kann es auch bloß als ein Es spricht lesen. Es gibt da einen solchen Abstand, dass nicht gesagt ist, dass das Subjekt ihn auf irgendeine Weise überschreiten kann und dass es das Ziel erreichen kann, das Freud uns anzuzielen auffordert, mit seinem Gebot Wo Es war, soll Ich werden.“48

Die Signifikanten des Unbewussten zeigen sich im Wiederholungszwang, mit einem Beispiel von Freud etwa darin, immer wieder von einem Freund verraten zu werden 49. Für solche Signifikantenketten – also etwa für die Wiederholung des Verratenwerdens durch einen Freund – gilt, dass das Subjekt den Eindruck hat, dass ihm die Dinge von außen zustoßen, dass es keineswegs der Träger der Ereignisse ist. Es kann sich nicht als deren Stütze benennen, es kann sie nicht mit einem „ich“ verknüpfen. Das Fading des Subjekts besteht darin, dass es sich nicht als Subjekt des Äußerungsvorgangs benennen kann, und das heißt, dass es sich bestimmte Signifikanten nicht zuschreiben kann, etwa die Signifikanten eines Wiederholungszwangs. Die psychoanalytische Kur zielt darauf ab, es dem Subjekt möglich zu machen, sich als Stütze, als Träger dieser Äußerungen zu benennen. Eben dies meint Freuds Formulierung „Wo Es war, soll Ich werden“: das Subjekt soll sich als Subjekt dieser Äußerungen benennen. (Eine ausführliche Rekonstruktion der Begriffe Fading und Aphanisis findet man in diesen Blogbeitrag.)

Liest man das Symbol $ in der Formel ($ ◊ D) als „das Subjekt im Fading“ und bezieht man im Graphen die von A aus nach oben führende Linie, die Linie „Que vuoi?“, auf den Schnittpunkt ($ ◊ D), kann man den Zusammenhang so lesen: Das Subjekt fragt sich bewusst nach seinem wahren Begehren jenseits der Unterordnung unter den Anspruch („Que vuoi?“). Die Antwort wird ihm auf der Ebene des Äußerungsvorgangs gegeben, anders gesagt, sie besteht in Wiederholungszwängen, Symptomen, Versprechern usw. Es ist ihm jedoch nicht möglich, sich die Signifikanten des unbewussten Diskurses selbst zuzuschreiben, es kann sich als Subjekt des Äußerungsvorgangs nicht benennen, es verschwindet als Subjekt des Äußerungsvorgangs. Damit stellt sich die Frage, wie es unter dieser Bedingung dem Subjekt möglich ist, sich in seinem Begehren jenseits des Anspruchs zu erfassen, jenseits des Ichideals. Einer der Wege ist die Entzifferung des unbewussten Codes ($ ◊ D) und die Rekonstruktion der damit verbundenen Beziehung zum Anderen.

◊: Raute als Schnitt

Im letzten Drittel von Seminar 6 gibt Lacan auch der Raute eine neue Deutung. Diese Umdeutung ist stärker als die Akzentverschiebung in Bezug auf das durchgestrichene S. Die Raute wird völlig neu interpretiert. Von jetzt an gilt ihm die Raute nicht mehr nur, wie zuvor, als verkürzte Version des L-Schemas, sondern zugleich als Symbol für den Schnitt (coupure). 50

Dabei bezieht er sich allerdings nicht auf die Raute in der Formel für den Code des Unbewussten, $ ◊ D, sondern auf die Raute in der Formel für das Phantasma, $ ◊ a. Ein Jahr später wird er die Interpretation der Raute als Schnitt auch auf die Formel ($ ◊ D) beziehen. Aus diesem Grunde fasse ich an dieser Stelle zusammen, wie er in Seminar 6 den Begriff des Schnitts erläutert; die Anwendung auf die Formel für das Phantasma deute ich dabei nur an.

Lacans Hauptaussage zum Schnitt lautet: Der Schnitt ist die Art und Weise, wie sich im Symbolischen das Reale manifestiert. Zunächst einige Annäherungen an diese These.

Signifikanten sind differentiell organisiert.51 Zu dieser Differentialität gehört, dass der Übergang zwischen ihnen nicht kontinuierlich ist, nicht analog, sondern sprunghaft, also diskret; darin unterscheidet sich die phonologische Ebene, zu welcher der Begriff des Signifikanten gehört, von der phonetischen Ebene.

Es geht also um einen Abstand. Unabhängig von der Signifikantenbeziehung bezeichnet Lacan sowohl den zeitlichen als auch den räumlichen Abstand – die Zwischenzeit und den Zwischenraum – als intervalle; in Seminar 1 spricht er beispielsweise vom „Intervall zwischen dem ersten und dem zweiten Schlagen der Türe“ (l’intervalle entre les deux battants de porte), also für eine zeitliche Beziehung52, in Seminar 2 spricht er vom intervalle zwischen Kathode und Anode in einer Triode und verwendet den Ausdruck damit für den räumlichen Abstand.53

In Seminar 6 bezieht Lacan den Ausdruck intervalle auf den Abstand zwischen Signifikanten, insofern sie eine unbewusste Kette bilden, also zeitlich nacheinander verkettet sind.54 Ähnlich wird es einige Jahre später in Die Stellung des Unbewussten heißen:

Separare, se parare [trennen, sich schmücken]: um sich mit dem Signifikanten, dem es unterliegt, zu schmücken (se parer), attackiert das Subjekt die Kette – die wir knapp auf eine Binarität reduziert haben – am Punkt des Intervalls. Das sich wiederholende Intervall, radikalste Struktur der Signifikantenkette, ist der Ort, an dem die Metonymie ihr Wesen treibt, Träger, zumindest lehren wir das, des Begehrens.“55

Hier bezieht sich „Intervall“ auf die Kette, auf die Metonymie und damit auf die Zwischenzeit.

Im Jones-Aufsatz (1959) bezieht Lacan den Terminus intervalle auf den Abstand zwischen dem verdrängenden und dem verdrängten Signifikanten, also auf eine synchrone Beziehung, gewissermaßen auf den räumlichen Abstand.56

Wenn das zeitliche Intervall verstärkt wird, spricht Lacan häufig von einer „Skandierung“ (scansion), etwa bei den abgebrochenen Sätzen des Gerichtspräsidenten Schreber.57 Unter Skandierung versteht er aber gelegentlich auch einfach das Intervall zwischen den Signifikanten im gewöhnlichen Sprechen, beispielsweise wenn er in Seminar 6 sagt, das Intervall sei die wesentliche „Skandierung“, auf der das Sprechen aufbaut.58

Da das Symbolische differentiell verfasst ist, ist das Intervall zwischen den Signifikanten, so heißt es in Seminar 6, das letzte strukturelle Charakteristikum des Symbolischen.59

Das Intervall wird in Seminar 6 auch als „Schnitt“ bezeichnet.60 Der Schnitt ist der diachrone oder synchrone Abstand zwischen den Signifikanten, das, wodurch ihre Differenz konstituiert wird.

Diese erste Annäherung muss präzisiert werden: Der coupure ist nicht einfach ein Intervall, sondern ein Einschnitt – ein Einschnitt in etwas.

In diesem Sinne hatte Lacan den Begriff des Schnitts bereits in Seminar 2 verwendet. Dort hatte er den Schnitt so beschrieben, dass der Strom einer ursprünglichen Spannung von einer Reihe von Alternativen erfasst wird und dass hierdurch eine Maschine entsteht. Er spricht hier von „zeitlichen Einschnitten“61; die „Symbolisierung des Realen“, so heißt es hier auch, ist ein „Schnitt auf dem Niveau einer dieser Kopplungen“62. In Seminar 6 bezieht er sich für den Begriff des Schnitts ausdrücklich auf dieses frühere Beispiel.63 „Schnitt“ meint hier also den zeitlichen Abstand.

Im Schnitt, so heißt es in Seminar 6, manifestiert sich im Symbolischen das Reale. Das Reale ist das, was nicht symbolisiert werden kann. Auf der Ebene des Symbolischen gibt es jedoch eine Verbindung mit dem Realen, und das ist der Schnitt. Er ist im Symbolischen zugänglich – als Abstand zwischen Signifikanten. In gewissem Sinne ist er auch nicht zugänglich, insofern, als er die Symbolisierung überhaupt erst ermöglicht und damit immer vorausgesetzt werden muss; insofern auch, als er keinen Sinn hat.

Lacan bezieht seine Begrifflichkeit auf die der Ontologie:

„Wenn der Ausdruck ‚Sein‘ schließlich etwas bedeutet, wenn wir ihm seine Minimaldefinition geben, dann ist es das Reale, insofern es sich in das Symbolische einschreibt.“64

In einer späteren Sitzung wird das so ausgeführt:

„Wir werden also sagen, das Sein ist eigentlich das Reale, insofern das Reale sich auf der Ebene des Symbolischen manifestiert. Dass wir uns nicht missverstehen: das ist auf der Ebene des Symbolischen – wir haben in allen Fällen, wir haben diese Sache nirgendwo anders zu betrachten, diese Sache, die ganz einfach zu sein scheint, nämlich dass es etwas Hinzugefügtes gibt, wenn wir sagen, dass etwas dies oder jenes ist, und dass diese Äußerung das Reale anzielt, insofern die Affirmation oder Zurückweisung oder Verleugnung des Realen im Symbolischen vollzogen wird. Dass wir uns nicht missverstehen, das Sein ist nirgendwo anders als in den Intervallen, da wo es das am wenigsten Signifikante der Signifikanten ist, nämlich der Schnitt. Das Sein ist dasselbe wie der Schnitt. Der Schnitt vergegenwärtigt es im Symbolischen.“65

Wenn sich das Reale auf der Ebene des Symbolischen manifestiert, dann ist dies das Sein. Das Sein ist in den Intervallen zwischen den Signifikanten. Die Intervalle zwischen den Signifikanten sind der Schnitt. Im Schnitt vergegenwärtigt sich das Sein.

Ein Zugang zum Schnitt ist dem Subjekt insofern möglich, als es die Erfahrung des Phantasmas hat. Über die Formel für das Phantasma, $ ◊ a, sagt Lacan:

„Sie bezeichnet nicht ein Verhältnis des Subjekts zum Objekt, sondern das Phantasma, insofern es das Subjekt als begehrendes stützt, d..h. an einem Punkt jenseits seines Diskurses. Sie bedeutet, dass das Subjekt im Phantasma als Subjekt des unbewussten Diskurses gegenwärtig ist. Es ist im Phantasma insofern gegenwärtig, als es durch die Funktion des Schnitts repräsentiert wird, d..h. durch die Funktion, die in einem Diskurs für das Subjekt wesentlich ist, nicht in irgendeinem Diskurs, sondern in einem Diskurs, der ihm entgeht, im Diskurs des Unbewussten.“66

Im Phantasma erscheint das Subjekt qua Schnitt etwa als Spalte, als Schlitz, als Riss (fente).67

Der obere Teil des Graphen ist insgesamt so konstruiert. Das Subjekt stellt sich bewusst die Frage nach seinem Sein, nach seinem Begehren jenseits des Anspruchs, jenseits der Unterordnung unter die Sprache und das Sprechen; hierfür steht im Graphen die von A aus nach oben führende Linie, die Linie „Que vuoi?“. Die Antwort auf diese Frage ist, auf der Seite des Anderen, der Signifikant des Mangels im Anderen, S(Ⱥ), auf der Seite des Subjekts der Schnitt. Im Schnitt hat das Subjekt die Möglichkeit, sich in seinem Sein zu erfahren.

„Insofern das Subjekt der Schnitt dieser Rede ist, ist das Subjekt im höchsten Grade von einem ‚Ich bin‘, dessen einzigartige Eigenschaft die ist, sich in dieser Realität zu erfassen, die wirklich die letzte ist, in der ein Subjekt sich erfassen kann, nämlich in der Möglichkeit, irgendwo die Rede abzuschneiden, eine Interpunktion vorzunehmen.“68

Wenn man jemandem das Wort abschneidet, gibt man ihm die (manchmal beunruhigende) Möglichkeit, sich als Schnitt zu erfahren, d..h. in seinem grundlegenden Verhältnis zur Sprache. Auch das Ende einer Sitzung, z..B. einer Vorlesung, ist ein Schnitt, der allerdings, wie Lacan sagt, den Fehler hat, dass er willkürlich vorgenommen wird.69

„Der Schnitt ist sicherlich die wirksamste Art der analytischen Deutung. Man will diesen Schnitt mechanisch vollziehen, ihn einer vorfabrizierten Zeit unterwerfen. Nun, nicht nur bringen wir ihn auf wirksame Weise ganz woanders an, wir fügen außerdem hinzu, dass dies eine der wirksamsten Methoden unserer Intervention ist. Wir müssen darauf bestehen und ihn anwenden.“70

Die Konzeption des Schnitts ist Lacans entscheidende Begründung für die Technik der variablen Sitzungsdauer. Es ist deshalb wenig sinnvoll, seine Begründung für dieses Verfahren zu rekonstruieren und dabei, wie Nicolas Langlitz, die in den Seminaren 2 und 6 entwickelte Konzeption des Schnitts zu übergehen.71

Ab Seminar 9 wird Lacan den Begriff des Schnitts mithilfe der mathematischen Topologie ausarbeiten, als Schnitt in eine Oberfläche.72

Zusammenfassung

Ab Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung, deutet Lacan die Raute auch als Symbol für den Schnitt, ab Seminar 9 wird er den Begriff des Schnitts durch Bezug auf die mathematische Topologie theoretisch ausarbeiten. Signifikanten sind differentiell verfasst, dazu gehört, dass der Übergang zwischen ihnen nicht gleitend ist, sondern sprunghaft, dass es zwischen ihnen einen Abstand gibt, sowohl diachron – in der Verkettung von Signifikanten im zeitlichen Nacheinander, etwa in Wörtern und Sätzen – und synchron, im „Signifikantenschatz“. Diesen räumlichen und zeitlichen Abstand bezeichnet Lacan ab den ersten Seminaren als Intervall; das Intervall gilt ihm als das letzte strukturelle Charakteristikum des Symbolischen. Ab Seminar 6 wird das Intervall auch als Schnitt bezeichnet. Als Schnitt betrachtet, ist das Intervall aber nicht nur einfach ein Abstand, sondern ein Einschnitt in etwas, in eine Oberfläche. Im Schnitt manifestiert sich, auf der Ebene des Symbolischen, das Reale. Im Phantasma ist dem Subjekt eine Erfahrung des Schnitts möglich, etwa als Spalte, als Schlitz oder als Riss.

„Die Ausrichtung der Kur“ (1960)

In dem Aufsatz Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht wird die Umdeutung der Formel ($ ◊ D), die in Seminar 6 begonnen hatte, weiter vorangetrieben (die Endfassung dieses Aufsatzes wurde 1960 geschrieben; veröffentlicht wurde der Text 1961).

Subjektspaltung

Lacan spricht hier von der

„Spaltung, der das Subjekt unterworfen ist, da es nur insofern Subjekt ist, als es spricht. (Das wird symbolisiert mit dem Querbalken adliger Bastardschaft, mit dem wir das S des Subjekts versehen, um damit zu notieren, dass es eben dieses Subjekt ist: $.)“73

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Familienwappen der Herzoge von Vendôme mit Schrägbalken

Im Symbol des durchgestrichenen S, also $, steht der Buchstabe S für das Subjekt. Der Schrägstrich auf dem S symbolisiert die Spaltung des Subjekts. Mit Freud ist die Subjektspaltung die in Bewusstes und Unbewusstes, mit Lacan: die in das (scheinbar) bewusst kontrollierte Sprechen und in das „Sprechen“ der Symptome, der Wiederholungszwänge, der Versprecher. Die Subjektspaltung beruht auf dem Sprechen – dies ist eine der Thesen, die Lacan seit 1953 ausarbeitet.

Der Schrägstrich auf dem S soll an den Querbalken erinnern, mit dem auf einem Wappen angezeigt wird, dass der adlige Träger des Wappens ein uneheliches Kind ist, ein „adliger Bastard“, anders gesagt, dass er keine Erbansprüche hat. Im Französischen heißt der Schrägbalken la barre.

Das gespaltene Subjekt ist das illegitime Kind des Sprechens.

Formel für den Trieb

In einer Fußnote zum letzten Satz heißt es:

„Vgl. das ($ ◊ D) und das ($ ◊ a) unseres Graphen, den wir hier in Subversion des Subjekts aufgenommen haben (Schriften II, S. 193). Das Zeichen ◊ bezeichnet die Beziehungen Einwicklung [enveloppement] – Entwicklung [développement] – Konjunktion – Disjunktion. Die Verbindungen, die damit in diesen beiden Klammern bezeichnet werden, ermöglichen es, das ausgestrichene S so zu lesen: S im fading im Schnitt des Anspruchs; S im fading vor dem Objekt des Begehrens. Nämlich: der Trieb und das Phantasma.“74

(Die Formulierung „den wir hier in Subversion des Subjekts aufgenommen haben“ usw. ist eine Änderung in den Ècrits von 1966. In der ersten veröffentlichten Version von Die Ausrichtung der Kur im Jahre 1961 steht hier ein Hinweis auf die Zusammenfassung der ersten sieben Sitzungen von Seminar 6, verfasst von J.-B. Lefevre-Pontalis und veröffentlicht im Bulletin de psychologie 171-XIII-5 vom 5. Januar 1960.75)

Die Formel ($ ◊ D) wird hier erstmals als Formel für den Trieb bezeichnet. In den Seminaren 5 und 6 hatte Lacan den Ausdruck anders genannt: Formel für den Code des Unbewussten. Wenn man das zusammenfügt, ergibt sich: Die Formel für den Code des Unbewussten ist die Formel für den Trieb. Der Ausdruck ($ ◊ D) ist die Formel für den Trieb im Unbewussten, d..h. für den Trieb, soweit er durch Signifikanten repräsentiert ist, soweit er verdrängt ist.

In Das Unbewusste schreibt Freud, nicht der Trieb werde verdrängt, sondern die Vorstellung, die ihn repräsentiert:

„Ich meine wirklich, der Gegensatz von bewußt und unbewußt hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Objekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein Affektzustand zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen. Wenn wir aber doch von einer unbewußten Triebregung oder einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht.“76

Die „Vorstellungsrepräsentanzen“ des Triebs sind für Lacan bestimmte Ansprüche; der Code des Unbewussten besteht aus diesen Vorstellungsrepräsentanzen des Triebs.

Lacan übersetzt Trieb mit pulsion, nicht, wie es vor Lacan im Französischen üblich war, mit instinct. Diese Übersetzung findet sich bereits früh. In Intervention sur le transfert (1951) spricht er vom „pulsion érotique orale“, vom „erotischen Oraltrieb“77, auch in Seminar 1 von 1953/54 übersetzt er „Trieb“ mit „pulsion“78; in Seminar 2 (1954/55) kritisiert er die Übersetzung von „Trieb“ mit „instinct“79.

Die Deutung des Ausdrucks ($ ◊ D) als Formel für den Trieb qua Signifikantenschatz schließt an die frühere Deutung der Formel als Code des Unbewussten an. Der Code des Unbewussten besteht ja, wie Lacan in den Seminaren 5 und 6 erläutert hatte, aus einem Apparat von Ansprüchen, die die Funktion haben, das Subjekt auf den Anderen zu beziehen, nämlich aus oralen und analen Ansprüchen. Der Code des Unbewussten bezieht sich also auf den Oraltrieb und den Analtrieb. Diese beiden Triebe sind mit bestimmten Signifikanten verbunden, und diese Signifikanten bildet das Vokabular des Unbewussten, in Freuds Terminologie: sie bilden die psychische Triebrepräsentanz.

Bereits in den Seminaren 5 und 6 hatte Lacan die Formel pauschal auf „andere“ Ansprüche bezogen und damit indirekt auf andere Triebe. Etwa an dieser Stelle:

„In­so­fern der An­spruch fi­xiert bleibt, kann man die Modi des Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rats ar­ti­ku­lie­ren, der den un­ter­schied­li­chen Ty­pen des An­spruchs ent­spricht, oral, anal und an­dere, und das auf eine Weise, die tat­säch­lich eine Art kli­ni­sche Ent­spre­chung zur Ob­jekt­be­zie­hung dar­stellt.“80

Bei einer der Erläuterungen der Formel ($ ◊ D) hatte er in Seminar 5 den Genitaltrieb ins Spiel gebracht:

„Wenn wir von grundlegenden Stadien oder Beziehungen zum Objekt sprechen, das wir zudem als oral, anal, ja genital bezeichnen, wovon sprechen wir dann? Von einer bestimmten Art Beziehung, die die Umwelt* des Subjekts rund um eine zentrale Funktion zentriert und sein Verhältnis zu der Welt im Lauf der Entwicklung definiert. Alles, was aus seiner Umwelt zu ihm kommt, hätte so eine spezielle Bedeutung, geschuldet der durch das typische orale, anale oder genitale Objekt erlittenen Brechung. Es gibt hier ein Trugbild – das Verständnis davon wird immer nur nachträglich rekonstruiert und in die Entwicklung reprojiziert.“81

Tatsächlich jedoch, so heißt es in Seminar 5 anschließend, geht es um die Beziehung zum Anspruch. Indirekt heißt das: auch die Beziehung zum genitalen Objekt muss als eine Beziehung des Anspruchs rekonstruiert werden.

Wenn Lacan in Die Ausrichtung der Kur die Formel ($ ◊ D) als Formel für den Trieb bezeichnet, ist das also nichts radikal Neues, sondern eine Verdeutlichung dessen, was von Anfang an angedeutet wurde, eine Zuspitzung durch explizite Generalisierung.

Die ausdrückliche Zuordnung zum Trieb überhaupt wirft die Frage auf, wie sich die anderen Triebe zum Anspruch verhalten. Worin besteht beispielsweise beim Schautrieb der Anspruch? Worin beim Genitaltrieb? Das bleibt hier offen. (In Seminar 10 wird Lacan versuchen, diese Frage für den Genitaltrieb zu beantworten, siehe unten.)

Die Deutung des Ausdrucks ($ ◊ D) als Formel für den Trieb bezieht sich auf den Graphen des Begehrens. In diesem Schema wird das Begehren durch den Buchstaben d bezeichnet (für désir). Die ausdrückliche Bezeichnung von ($ ◊ D) als Formel für den Trieb hat den Effekt, dass Begehren und Trieb deutlich getrennt werden. Der Trieb wird dem synchronen Code des Unbewussten zugeordnet, das Begehren dem Kreislauf des Unbewussten, gewissermaßen dem Sprechen, nicht dem Wortschatz. Der Trieb wird der Synchronie zugeordnet, das Begehren der Diachronie (wie auch in der Rede von der „Metonymie des Begehrens“). Diese deutliche Differenzierung ist bemerkenswert, denn in den frühen Seminaren war die Beziehung zwischen Begehren und Trieb unbestimmt geblieben. Noch im Ethikseminar (Seminar 7 von 1959/60) verwendet Lacan die Ausdrücke „Begehren“ und „Trieb“ gelegentlich synonym; er wechselt hier von pulsion de mort zu désir de mort, von „Todestrieb“ zu „Todesbegehren“, ohne einen Unterschied zu markieren.

Raute als Schnitt

In der zitierten Passage aus Die Ausrichtung der Kur wird das Symbol $ als „das Subjekt im Fading“ interpretiert; aus Seminar 6 ist das bereits bekannt. $ steht also insgesamt für das gespaltene Subjekt, nämlich das Subjekt im Fading.

Die Raute wird als Symbol für den Schnitt gedeutet. Das bezieht sich in Die Ausrichtung der Kur ausdrücklich auf die Formel ($ ◊ D); ob auch auf die Formel des Phantasmas, bleibt offen. Ausdrücklich wird die Zuordnung der Raute zum Begriff des Schnitts erst in Seminar 9, Die Identifizierung (1961/62), vorgenommen. Dort heißt es:

„Wenn ich niemals die wahrhafte Verbalisierung dieser Form ◊ eingeführt habe, Punze, Begehren, wodurch das $ mit dem a zum $ ◊ a vereint wird, dieser kleine Vierseiter muss so gelesen werden: Das Subjekt, insofern es vom Signifikanten markiert ist, ist im Phantasma speziell Schnitt von a.“82

Was ist ein Schnitt? In Seminar 6 erfährt man, dass Lacan darunter den Einschnitt zwischen den Signifikanten versteht, das, was sie trennt und damit zugleich verbindet; statt vom Schnitt spricht er hier auch vom Intervall.

„Da der Anspruchsdiskurs aus Signifikanten besteht, müsste die Linie, die ihn repräsentiert, hier in der fragmentierten Form erscheinen, wo wir sie hier fortbestehen sehen, nämlich in Form einer Abfolge von diskreten, also durch Intervalle getrennten Elementen.“83

In Die Ausrichtung der Kur wird die Raute so gedeutet: Konjunktion und Disjunktion, Einwicklung und Entwicklung.

„Konjunktion“ und „Disjunktion“ sind Termini der Logik, sie bezeichnen Formen der Verknüpfung von Aussagen. Wenn zwei Aussagen durch „und“ verbunden sind (wie in „Ich hasse dich und ich liebe dich“), ist das eine Konjunktion, wenn sie durch „oder“ verknüpft sind („Ich hasse dich oder ich liebe dich“) handelt es sich um eine Disjunktion.

In der Logik sind Konjunktion und Disjunktion verknüpfende Elemente, mit denen Aussagen verbunden werden. Die Konjunktion wird in der Logik meist durch das Graphem ∧ symbolisiert, die inklusive Disjunktion durch ∨. Aus Lacans späteren Erläuterungen der Raute (in Seminar 11) geht hervor, dass er sie horizontal spaltet und auf diese Weise die Symbole ∧ und ∨ erzeugt. Das darf man wohl auf den Aufsatz Die Ausrichtung der Kur zurückprojizieren: Die Raute steht insofern für Konjunktion und Disjunktion, als sich das Graphem der Raute in die Symbole ∧ und ∨ zerlegen lässt. Das ∨ repräsentiert die inklusive Disjunktion, anders gesagt: Der Satz „Ich hasse dich oder ich liebe dich“ steht für drei Möglichkeiten: (1) „Ich hasse dich und ich liebe dich nicht“, (2) „Ich hasse dich nicht und ich liebe dich“, (3) „Ich hasse dich und ich liebe dich“.

In der Logik sind Konjunktion und Disjunktion Verknüpfer, durch welche Aussagen miteinander verbunden und, im Falle der Disjunktion, zugleich getrennt werden. Bezogen auf die Formel des Phantasmas ist zu vermuten, dass es um die Konjunktion und Disjunktion zwischen dem Subjekt und dem Objekt a geht, um ihre Verbindung und Trennung, bezogen auf die Formel für den Trieb um die Konjunktion und Disjunktion zwischen dem Subjekt und dem Anspruch.

Hieran anknüpfend kann man vermuten, dass sich die Begriffe „Einwicklung“ und „Entwicklung“ auf diejenigen Symbole beziehen, die sich ergeben, wenn man die Raute auf andere Weise spaltet, nicht horizontal, sondern vertikal. Man erhält dann die Grapheme < und >, die in der Mathematik als Symbole für „kleiner als“ und für „größer als“ verwendet werden. Also ist vielleicht gemeint: „A ist in B eingewickelt“ = A ist kleiner als B = A < B. „A ist gegenüber B ausgewickelt“ = A ist größer als B = A > B. Was könnte damit konkret gemeint sein? Ich habe nicht die geringste Idee.

Wie auch immer, offenbar nimmt Lacan an, dass es zwischen $ und D vier Beziehungen geben kann:
– sie sind miteinander verbunden (Konjunktion,  $∧D),
– sie sind voneinander getrennt (Disjunktion, $∨D),
– sie sind also zugleich miteinander verbunden und voneinander getrennt,
– $ wird von D eingehüllt (Einwicklung, $<D),
– $ hüllt D ein (Entwicklung,  $>D).

Die Raute ◊ wäre dann ein Symbol für das Gesamt der möglichen Beziehungen zwischen dem Subjekt und dem Objekt a (in der Formel des Phantasmas) bzw. zwischen dem Subjekt und dem Anspruch (in der Formel für den Trieb).

Die Deutung der Raute als Schnitt könnte dann heißen: Der Schnitt ist zugleich eine Verbindung (Konjunktion) und eine Trennung (Disjunktion), diese Verbindung/Trennung ist das, was die Beziehung zwischen dem gespaltenen Subjekt und dem Objekt a herstellt (bezogen auf das Phantasma) und außerdem das, was die Beziehung zwischen dem gespaltenen Subjekt und dem Anspruch produziert (bezogen auf den Trieb).

Klinik der Regression

In Die Ausrichtung der Kur fährt Lacan so fort:

„Die Regression, die man in der Analyse in den Vordergrund stellt (die zeitliche Regression, sicherlich, aber unter der Bedingung, dass man präzisiert, daß es sich um die Zeit der Wiedererinnerung handelt), bezieht sich nur auf die (oralen, analen etc.) Signifikanten des Anspruchs und ausschließlich über diese auf den entsprechenden Trieb.“84

Wie schon in den Seminaren 5 und 6 wird die Formel ($ ◊ D) auch in Die Ausrichtung der Kur auf die Regression bezogen.

In der Traumdeutung hatte Freud drei Formen der Regression unterschieden, die topische, die zeitliche und die formale. Mit dem Ausdruck „topische Regression“ bezieht Freud sich auf seine erste Topik, auf die Unterscheidung von Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem; die topische Regression besteht in einem Rückgang vom Bewussten zum Unbewussten. Die zeitliche Regression ist ein „Rückgreifen auf ältere psychische Bildungen“85. Die formale Regression besteht darin, dass die gewohnten Ausdrucksweisen durch primitivere Ausdrucks- und Darstellungsweisen ersetzt werden. Lacan sagt also: Die Regression, um die es geht, ist nicht ein Rückgang vom Bewussten zum Unbewussten, sondern ein Zurückschreiten zu älteren psychischen Bildungen.

Allerdings ist die Zeit der Regression, so hebt Lacan hervor, die der Wiedererinnerung. Der Patient wird nicht zu einem Säugling, sein psychischer Apparat regrediert nicht insgesamt auf das orale oder anale Stadium. Vielmehr tauchen, angereizt durch das Erinnern im Rahmen einer psychoanalytischen Kur, bestimmte Signifikanten seiner Vorgeschichte auf: orale, anale und andere Forderungen. Durch das Sprechen und Verhalten des Subjekts schimmert hindurch, dass er bestimmte Forderungen an den Analytiker stellt oder bestimmte Forderungen von ihm erwartet. Die in einer Analyse induzierte Regression beschränkt sich auf diese Signifikanten, und sie bezieht sich auf die entsprechenden Triebe nur auf dem Weg über diese Signifikanten. Beispielsweise wird eine Beziehung zum Oraltrieb nur durch Wiederbelebung oraler Forderungen hergestellt.

Zusammenfassung

Die Formel ($ ◊ D) wird in Die Ausrichtung der Kur erstmals als Formel für den Trieb bezeichnet.

In ($ ◊ D) wie in ($ ◊ a) steht das Symbol $ für die Subjektspaltung und für das Subjekt im Fading.

Die Raute ist das Symbol für den Schnitt. In Seminar 6 hatte Lacan diese Zuordnung für die Formel des Phantasmas vorgenommen, in Die Ausrichtung der Kur wird diese Deutung erstmals ausdrücklich auf die Formel ($ ◊ D) bezogen.

Die Raute bezeichnet zwei Paare von gegensätzlichen Relationen: Einwicklung/Entwicklung und Konjunktion/Disjunktion.

Konjunktion und Disjunktion, so erfährt man in Seminar 11, entstehen durch horizontale Spaltung der Raute, hierdurch erhält man die Symbole ∧ (Und) und ∨ (inklusives Oder). Von Lacan sind damit vermutlich Signifikantenbeziehungen gemeint: Signifikanten sind verknüpft (Konjunktion) und sie sind getrennt (Disjunktion). Also kann man vermuten, dass die Termini Einwicklung und Entwicklung sich auf die vertikale Spaltung der Raute beziehen, wodurch die Symbole < und > entstehen, „kleiner als“ und „größer als“. Worum es dabei geht, ist mir nicht klar, vielleicht um Einschachtelung.

Die Regression, die man in der Analyse in den Vordergrund stellt, bezieht sich auf die Signifikanten des Anspruchs und nur auf dem Weg über diese Signifikanten auf den Trieb. Die Formel ($ ◊ D) steht also, klinisch gesehen, für die im Verlauf einer Psychoanalyse herbeigeführte Regression und weist darauf hin, dass es dabei um die Erinnerung an bestimmte Ansprüche (D) geht. Dieser Gedanke ist aus den Seminaren 5 und 6 bekannt.

Seminar 8 (1960/61), „Die Übertragung“

In Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse, bezieht Lacan sich nicht auf die Formel.

Verschwinden des Subjekts

In Seminar 8, Die Übertragung86, wird die Formel ($ ◊ D) so umschrieben:

„Letztendlich – ich sage ‚letztendlich‘ natürlich im Horizont dessen, was in der Analyse unsere Funktion ist – sind wir als ‚es‘ da, genau als ‚es‘, das schweigt und das dazu schweigt, was es zu sein verfehlt. Wir sind letztendlich, in unserer Gegenwart, unser eigener Patient (sujet), an dem Punkt, an dem er verschwindet, an dem er ausgestrichen ist. Aus diesem Grunde können wir eben den Platz ausfüllen, an dem der Patient sich selbst als Subjekt auslöscht, insofern er sich sämtlichen Signifikanten seines eigenen Anspruchs unterordnet. Das stellt sich nicht nur auf der Ebene der Regression her, auf der Ebene der ‚Signifikantenschätze‘ des Unbewussten, auf der Ebene des Vokabulars des Wunsches*, insofern wir ihn im Verlauf der analytischen Erfahrung entziffern, sondern letztendlich auf der Ebene des Phantasmas. Ich sage letztendlich, insofern das Phantasma das einzige Äquivalent für die auf den Trieb bezogene Entdeckung ist, wodurch es möglich ist, dass das Subjekt den Platz der Antwort bezeichnet, den S(Ⱥ), den es von der Übertragung erwartet, und dass dieses S(Ⱥ) Sinn macht.“87

Warum schweigt der Analytiker so häufig? Weil dies in einer Analyse letztlich seine Funktion ist. In einer Analyse ist er letztlich als „es“ da, als das, was schweigt. Und worüber schweigt er? Über seinen Seinsmangel, über sein Begehren.

Zur Erläuterung bezieht Lacan sich anspielungsweise auf das obere Stockwerk des Graphen und dort auf die Punkte ($ ◊ D), ($ ◊ a) und S(Ⱥ) sowie auf die von A über ($ ◊ D) nach S(Ⱥ) führende Linie, die Linie „Que vuoi?“.

Abb 1 d - Graph mit drei MarkierungenWenn er schweigt, ist der Analytiker ein ausgestrichenes Subjekt, ein Subjekt, das das, was es begehrt, nicht artikulieren kann – sein Begehren im Unterschied zum Anspruch, der immer vom Anderen kommt; er ist dann ein Subjekt, das für sein eigenes Begehren keinen Signifikanten hat und das insofern verschwindet. Damit ist der Analytiker am selben Platz wie der Patient, der in einer Analyse ebenfalls den Platz des verschwindenden Subjekts einnimmt.

Das Verschwinden des Patienten als Subjekt vollzieht sich in zwei Zusammenhängen, in der Regression und im Phantasma, und damit an den beiden Punkten, die im Graphen durch die Formeln ($ ◊ D) und ($ ◊ a) bezeichnet werden.

Bei der Regression geht es um die Signifikantenschätze des Unbewussten, um das Vokabular des „Wunsches“, wie Freud sagt – des „Wunsches“, der im Verlauf einer Analyse entziffert wird. Das entspricht der Formel ($ ◊ D). Sie bezieht sich darauf, dass das Subjekt ausgestrichen ist und verschwindet ($), und zwar insofern, als es sich den Signifikanten seines Anspruchs (D) unterordnet. Die Entzifferung dieses Wunschvokabulars ermöglicht eine auf den Trieb bezogene Entdeckung. Welche? Das wird nicht gesagt.

Die Ausstreichung des Subjekts vollzieht sich aber nicht nur in der Regression, also in der Formel ($ ◊ D), sondern auch im Phantasma und damit in Bezug auf die Formel ($ ◊ a).

Regression und Phantasma ermöglichen es dem Subjekt, einen Zugang zu der Antwort zu finden, die es im Rahmen der Übertragung auf die Frage nach seinem eigenen Begehren erhält („Que vuoi?“); im Graphen wird diese Frage durch die Linie repräsentiert, die von A ausgeht und über ($ ◊ D) nach S(Ⱥ) führt. Der Platz der vom Subjekt erwarteten Antwort wird im Graphen durch den Schnittpunkt oben links repräsentiert, durch die Zeichenfolge S(Ⱥ), Signifikant des Mangels im Anderen. In der zitierten Passage entspricht der Signifikant des Mangels im Anderen dem Schweigen des Analytikers. Dadurch, dass das Subjekt sich selbst in Regression und Phantasma als ausgestrichenes Subjekt erfährt, macht der Signifikant des ausgestrichenen Anderen – das Schweigen des Analytikers – für das Subjekt einen Sinn. (Zum Signifikanten des Mangels im Anderen vgl. diesen Blogartikel.)

Die Beziehung zwischen den drei Symbolen der Formel ($ ◊ D) wird hier so gedeutet: Insofern das Subjekt sich den Signifikanten des Anspruchs unterordnet (D) ist es ein verschwindendes Subjekt ($).

Zusammenfassung

Die Formel $ ◊ D steht im Übertragungs-Seminar für den Signifikantenschatz des Unbewussten, für das Wunschvokabular, für den Trieb.

Dieser Signifikantenschatz wird im Verlauf einer psychoanalytischen Kur entziffert.

In der Formel steht das Symbol $ für das Verschwinden des Subjekts. Das Subjekt verschwindet ($) insofern, als es sich den Signifikanten seines Anspruchs (D) unterordnet.

Die Entzifferung des Wunschvokabulars ist, neben der Entzifferung des Phantasmas, die Voraussetzung dafür, dass das Subjekt die Antwort auf seine Frage, was es will, entziffern kann, die Antwort, die im Graphen durch das Symbol S(Ⱥ) bezeichnet wird, Signifikant des Mangels im Anderen.

Seminar 9 (1961/62), „Die Identifizierung“

Formel für den Trieb

In Seminar 9, Die Identifizierung88 heißt es über die Formel ($ ◊ D):

„Dieser Graph, der hier so gut einzuschreiben wäre, in der Kluft, durch die das Subjekt mit der Ebene des universalen Diskurses auf doppelte Weise verbunden ist, heute werde ich hier die vier daran beteiligten Punkte eintragen, es sind diejenigen, die sie kennen:
– A,
s(A), die Bedeutung der Botschaft, insofern es sie durch die Rückkehr gibt, die vom Anderen des Signifikanten kommt, der hier verortet ist,
– hier (S ◊ D), die Beziehung des Subjekts zum Anspruch, insofern hier der Trieb (pulsion) spezifiziert wird,
– hier das S(Ⱥ), der Signifikant des Anderen, insofern der Andere letztlich nur formalisiert, signifikantisiert werden kann als selbst vom Signifikanten gekennzeichnet, anders gesagt, insofern er uns die Zurückweisung jeder Metasprache aufnötigt.“89

Die Formel wird hier explizit, wie in Die Ausrichtung der Kur, auf den Trieb bezogen; in den Seminaren findet man das hier zum ersten Mal. Die Formel gibt an, sagt Lacan, wie der Trieb spezifiziert wird. Die Partialtriebe – oral, anal u.a.– unterscheiden sich voneinander durch die Arten des Anspruchs, durch die Unterschiedlichkeit der Ansprüche gewinnen sie ihre Spezifik.

Definition des Triebs

In einer späteren Sitzung von Seminar 9 heißt es:

„ (…) diese Elemente des Signifikantenschatzes auf der Etage des Äußerungsvorgangs – ich bringe Ihnen bei, sie zu erkennen –, das ist das, was Trieb* genannt wird, pulsion. Ich formalisiere Ihnen das so: Die erste Modifikation des Realen im Subjekt durch die Einwirkung des Anspruchs ist der Trieb. Und wenn es im Trieb nicht bereits diese Wirkung des Anspruchs gegeben hat, diese Wirkung des Signifikanten, könnte er nicht in einem Schema artikuliert werden, das derart offenkundig grammatisch ist. Ich mache hier ausdrücklich eine Anspielung auf das, was ich bei allen, die mit meinen früheren Analysen vertraut sind, als bekannt voraussetze, die anderen verweise ich auf den Artikel Triebe und Triebschicksale (…).“90

Im Graphen ist die obere Etage die des Äußerungsvorgangs, die untere die der Aussage. Auf beiden Ebenen gibt es einen Signifikantenschatz, auf der unteren Ebene steht hierfür der Schnittpunkt A, auf der oberen der Schnittpunkt ($ ◊ D). Statt vom „Code“ spricht Lacan auch hier vom „Signifikantenschatz“. Nach Seminar 6 verzichtet Lacan in dem hier untersuchten Zeitraum, also bis 1964, fast vollständig auf „Code“ als theoretischen Begriff (ein einziges Mal wird der Terminus noch verwendet: das sujet supposé savoir ist das „sujet supposé du code“, das dem Code unterstellte Subjekt, heißt es in Seminar 9.91).

Der Signifikantenschatz auf der oberen Etage, dargestellt durch die Formel $ ◊ D, ist der Trieb. Wie funktioniert der Trieb? Lacan skizziert eine Bewegung aus drei Momenten:
– Es gibt etwas „Reales im Subjekt“; in den Seminaren 5 und 6 sowie im Phallus-Aufsatz wird dieses Reale „Bedürfnis“ genannt.
– Auf dieses „Reale im Subjekt“ wirken Signifikanten ein, in Gestalt von Ansprüchen, von Forderungen (D).
– Die Einwirkung der Anspruchs-Signifikanten auf das Reale des Subjekts hat zur Folge, dass das Reale im Subjekt modifiziert wird.

Die erste Modifikation des Realen im Subjekt durch den Anspruch ist der Trieb. Von daher erklärt sich, dass Freud (in Triebe und Triebschicksale) den Trieb in einem Schema artikulieren kann, das grammatischen Charakter hat. Das bezieht sich auf Freuds Charakterisierung der Triebe durch Aktiv-Passiv-Transformationen (Verkehrung ins Gegenteil) sowie durch Verkehrungen von Subjekt und Objekt (Wendung gegen die eigenen Person).92 Zu beachten ist, dass Lacan an dieser Stelle die Tatsache, dass Freud sich hier indirekt auf die Grammatik stützt, zustimmend referiert; in Subversion des Subjekts und, deutlicher noch, in Seminar 11 wird er diese Bezugnahme problematisieren. Das heißt vielleicht, dass Subversion des Subjekts nach Seminar 9 verfasst wurde, also nach 1962.

Schnitt als Differenz

In der folgenden Passage aus Seminar 9 bezieht Lacan sich zwar nicht ausdrücklich auf die Formel ($ ◊ D), er skizziert jedoch den Zusammenhang zwischen dem Signifikantenschatz und dem Schnitt und beleuchtet damit den theoretischen Hintergrund für die Deutung der Raute als Schnitt ab dem Aufsatz Die Ausrichtung der Kur. Auch die rätselhafte Gleichsetzung des Schnitts mit Einwicklung/Entwicklung und Konjunktion/Disjunktion wird von hier aus ein wenig verständlicher.

„Kann denn ein Signifikant in seinem radikalsten Wesen anders begriffen werden denn als Schnitt in eine Oberfläche, > <? Diese beiden Zeichen: größer als, >, und kleiner als, <, die sich nur von ihrer Struktur als Schnitt her aufnötigen, der in etwas eingeschrieben ist, wo beständig nicht nur die Kontinuität einer Ebene markiert ist, in die sich die Fortsetzung einschreiben wird, sondern auch die Vektorrichtung, in der diese sich befinden wird.

Warum hat sich uns der Signifikant, in seiner leiblichen, d..h. stimmlichen Verkörperung immer als wesentlich diskontinuierlich dargestellt? Wir brauchten also gar keine Fläche: Der Signifikant wird durch die Diskontinuität gebildet; zu seiner Struktur gehört die Unterbrechung in der Abfolge. Diese zeitliche Dimension des Funktionierens der Signifikantenkette, die ich für Sie zunächst als Abfolge artikuliert habe, hat zur Konsequenz, dass die Skandierung ein Element einführt, das zur Teilung der modulatorischen Unterbrechung hinzukommt, sie führt die Hast ein, die ich als logische Hast bezeichnet habe – das ist eine alte Arbeit, Die logische Zeit.93

Der nächste Schritt, den ich heute mit Ihnen gehen will, ist bereits angebahnt worden, es ist derjenige, bei dem die Diskontinuität sich mit dem verknotet, was das Wesen des Signifikanten ist, nämlich mit der Differenz. Wenn wir die Funktion des Signifikanten sich beständig darum haben drehen lassen, wenn wir sie beständig darauf zurückgeführt haben [nämlich auf die Differenz], dann deshalb, um Ihre Aufmerksamkeit auf Folgendes zu lenken: sogar wenn man denselben [Signifikanten] wiederholt, schreibt er sich, rein dadurch, dass er wiederholt wird, als verschieden ein.

Wo ist die Einfügung einer Differenz? Einzig dort, wo der Schnitt ist? Jenseits der zeitlichen Skandierung interessiert uns hier die Einführung der topologischen Dimension. Oder beruht sie eben auf dem, was wir ‚die einfache Möglichkeit, unterschieden zu sein‘ nennen werden, auf der Existenz der differentiellen Batterie, die den Signifikanten konstituiert und durch die wir, an der Wurzel des Phänomens, Synchronie keinesfalls mit Simultaneität vermengen können –? Die Synchronie – die bewirkt, dass der Signifikant, wenn er als dasselbe wiedererscheint, als von dem unterschieden wiedererscheint, was er wiederholt, und als das, was als unterscheidbar angesehen werden kann –, die Synchronie ist die Interpolation der Differenz, insofern wir als Grundlage der Signifikantenfunktion nicht die Identität von ‚A ist A‘ annehmen können, und das heißt, dass die Differenz im Schnitt ist oder in der Möglichkeit der Synchronie, durch welche die Signifikantendifferenz konstituiert wird.

Jedenfalls ist das, was sich als Signifikant wiederholt, nur von daher different, dass es eingeschrieben werden kann. Festzuhalten bleibt, dass die Funktion des Schnitts uns in erster Linie bei dem wichtig ist, was geschrieben werden kann.

Und an dieser Stelle muss der Begriff der topologischen Fläche in unser geistiges Funktionieren eingeführt werden, weil erst von daher die Funktion des Schnitts ihre Bedeutung gewinnt.

Der Einwand, dass die Einschreibung uns zum Gedächtnis zurückführt, ist zurückzuweisen. Das Gedächtnis, das uns interessiert, uns Analytiker, ist von einem organischen Gedächtnis zu unterscheiden, von demjenigen, wenn ich so sagen kann, das auf ein bestimmtes ‚Ansaugen‘ durch das Reale auf immer dieselbe Weise reagieren würde, um den Organismus davor zu schützen, auf eine Weise, durch welche die Homöostase aufrechterhalten wird, denn der Organismus erkennt dasselbe, das sich erneuert, nicht als etwas Verschiedenes. Das organische Gedächtnis (mémoire) verselbigt (‚même-orise‘).

Unser Gedächtnis ist etwas anderes. Es interveniert abhängig vom einzelnen Zug (trait unaire), der das einzige Mal markiert und der die Einschreibung zur Grundlage hat. Zwischen dem Reiz und der Reaktion muss die Einschreibung – das printing – nach Art der Gutenbergschen Druckerei in Erinnerung gerufen werden.“94

Die These lautet: Ein Signifikant kann letztlich nur als Schnitt angesehen werden.

Die Zeichen für größer als, >, und für kleiner als, <, nötigen sich nur vom Schnitt her auf. Das wird klarer (allerdings nur ein bisschen), wenn man sich an Die Ausrichtung der Kur erinnert: Das Symbol für den Schnitt ist demnach die Raute. Die Zeichen für größer als und kleiner als nötigen sich vom Schnitt her auf, sie können durch eine horizontale Teilung der Raute erzeugt werden. Aber was ist damit wiederum gemeint?

Mit Schnitt meint Lacan einen Schnitt in eine Oberfläche, einen Schnitt, der auf dieser Fläche eine bestimmte Richtung hat.

Bislang hatte Lacan sich auf die Diskontinuität zwischen den Signifikanten bezogen und damit auf die Unterbrechung des Stimmflusses im zeitlichen Nacheinander, in der Diachronie. Um diese zeitliche Diskontinuität ging es beim Begriff der Skandierung sowie bei dem der logischen Hast im Aufsatz über die logische Zeit von 1945.

Für diesen Bezug auf die Zeitstruktur der Signifikanten benötigt man nicht den Begriff der Fläche.

Wenn man jedoch die Differenz der Signifikanten begreifen will, genauer: die Differenz im synchronen System, in der „Batterie“ der Signifikanten, im Signifikantenschatz, benötigt man ein anderes Bezugssystem, nicht die Zeit, sondern den Raum.

Die Differenz des synchronen Signifikantenschatzes ist dadurch charakterisiert, dass etwas, wenn es sich wiederholt, verschieden ist. Darin unterscheidet sich das Gedächtnis, mit dem die Psychoanalyse es zu tun hat, vom organischen Gedächtnis – das organische Gedächtnis „verselbigt“.

Um die Differenz in der Wiederholung zu denken, benötigt man den Begriff des Schnitts und damit das topologische Konzept der Fläche, in die etwas eingeschrieben wird. („Schnitt“ ist ein Grundbegriff der mathematischen Topologie.) Damit wird der Schnitt auf den Raum bezogen und von der zeitlichen Diskontinuität unterschieden.

Das Gedächtnis, mit dem die Psychoanalyse es zu tun hat, beruht auf dem einzelnen Zug (trait unaire), der einzelne Zug hat die Einschreibung zur Grundlage, es wird hier etwas gedruckt, ähnlich wie in einer Druckerei.

Der Trieb ist eine Modifikation des Realen durch den Anspruch, hieß es an früherer Stelle in Seminar 9. Jetzt sagt Lacan: der Schnitt ist ein Schnitt in eine Oberfläche. Man kann also vermuten: Die Modifikation des Realen soll topologisch als Schnitt in eine Oberfläche dargestellt werden.

Wie lässt sich von hier aus die Bemerkung aus Die Ausrichtung der Kur aufklären, dass der Schnitt Einwicklung/Auswicklung und Konjunktion/Disjunktion ist? Nur soweit, dass es, wie vermutet, um die Beziehung zwischen Signifikanten geht, und dass es dabei vielleicht nicht um die Diachronie geht – um die Verkettung zu Wörtern und Sätzen –, sondern um die Synchronie.

Zusammenfassung

Der Ausdruck ($ ◊ D) wird im Seminar über die Identifizierung, wie bereits in Die Ausrichtung der Kur, als Formel für den Trieb bezeichnet. Die Formel gibt an, wie der Trieb „spezifiziert“ wird, was vermutlich heißen soll, dass die Triebe sich durch ihr unterschiedliches Verhältnis zum Anspruch unterscheiden.

Der Trieb, so heißt es, ist die erste Modifikation des Realen im Subjekt durch die Einwirkung des Anspruchs.

Der Schnitt ist die topologische Darstellung der Differenz im synchronen Signifikantensystem. Der Schnitt ist ein Schnitt in eine Oberfläche. Die Modifikation des Realen durch den Anspruch wird von Lacan vermutlich topologisch als Schnitt in eine Oberfläche dargestellt.

Vom Schnitt her nötigen sich die Symbole für „größer als“ und für „kleiner als“ auf, also > und <. Vermutlich ist gemeint: Man kann diese Symbole durch vertikale Spaltung der Raute erzeugen. Ist eine Beziehung der Verschachtelung gemeint?

„Subversion des Subjekts“ (1962)

Der Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten95 beruht auf einem Vortrag von 1960, er wurde 1962 geschrieben und 1966 veröffentlicht.96

Code

In Subversion des Subjekts zieht Lacan den Begriff „Code“ – den er nach Seminar 6 nur noch einmal verwendet hatte – ausdrücklich zurück. Er verwendet hier ausschließlich den Ausdruck „Signifikantenschatz“, den er, zusammen mit „Code“, bereits in Seminar 5 eingeführt hatte. Über die beiden unteren Schnittpunkte des Graphen heißt es:

„Der eine, mit A bezeichnet, ist der Ort des Signifikantenschatzes, was nicht heißt: der Ort des Codes, denn es geht hier nicht darum, dass hier die univoke Entsprechung zwischen einem Zeichen und irgendeiner Sache aufbewahrt würde, sondern darum, dass der Signifikant nur durch eine synchrone und abzählbare Ansammlung konstituiert wird, wobei jeder nur durch seine prinzipielle Opposition zu allen anderen Bestand hat.“97

Unter dem Signifikantenschatz soll das synchrone und differentielle System der Signifikanten verstanden werden. Der Signifikantenschatz ist deshalb kein Code, weil es bei ihm nicht um eine Eins-zu-eins-Zuordnung von Zeichen und Sache geht, wie sie beim Begriff des Codes unterstellt wird. Beim Signifikantenschatz geht es auch nicht, so kann man ergänzen, um eine Eins-zu-eins-Zuordnung von Signifikant und Signifikat.

Indirekt kritisiert Lacan sich hier selbst – eine der Grundlagen für die Konstruktion des Graphen in den Seminaren 5 und 6 war das Begriffspaar von Code und Botschaft, und auch im Psychose-Aufsatz war es ein entscheidender Bezugspunkt. Bei der Kritik des Code-Begriffs greift Lacan auf einen Einwand zurück, den er selbst bereits in Seminar 2 vorgebracht hatte: Der Signifikant ist wesentlich mehrdeutig.98

Die Formel ($ ◊ D) steht also für den Signifikantenschatz des Unbewussten.

Diachronie des Triebs

Die Formel ($ ◊ D) wird in Subversion des Subjekts so erläutert:

„Wenn nun unser vollständiger Graph uns gestattet, den Trieb (pulsion) als Signifikantenschatz zu verorten, so bewahrt seine Notation als ($ ◊ D) seine Struktur, indem sie sie mit der Diachronie verbindet. Sie ist das, was aus dem Anspruch wird, wenn das Subjekt hier verschwindet.“99

Der Ausdruck ($ ◊ D) steht für den Trieb als Signifikantenschatz, also nicht für den Trieb schlechthin, sondern für einen bestimmten Aspekt des Triebes, für den Trieb, insofern es sich bei ihm um einen Signifikantenschatz handelt, d..h. soweit er im Unbewussten repräsentiert ist. Als Übersetzung für das deutsche Wort „Trieb“ verwendet Lacan hier, wie fast immer, „pulsion“; in Subversion des Subjekts hatte er an früherer Stelle vorgeschlagen, „Trieb“ alternativ mit „dérive“ zu übersetzen.100

Die Formel ($ ◊ D) bezieht sich nicht nur auf die synchrone Struktur des Triebs, auf die Batterie der unbewussten Signifikanten, sondern auch auf seinen diachronen Aspekt – das ist ein neuer Akzent in Lacans Deutung der Formel. Mit dem Ausdruck „Diachronie“ verweist er auf die Stadientheorie und damit auf die Frage, wie ein Stadienwechsel zu erklären ist. Diese Veränderung, so lautet die These, die Lacan an der zitierten Stelle andeutet, beruht auf einem Wandel des Anspruchs. In Seminar 11 wird er das so formulieren:

„Der Übergang vom Oraltrieb zum Analtrieb erfolgt nicht in Form eines Reifungsprozesses, sondern durch das Intervenieren von etwas, was nicht auf das Feld des Triebs gehört – durch das Intervenieren, die Umkehrung, des Anspruchs des Anderen.“101

Der Oraltrieb beruht auf dem Anspruch des Subjekts an den Anderen, der Analtrieb auf dem Anspruch des Anderen an das Subjekt102; vgl. in diesem Blog den Artikel Anspruch und Begehren im oralen und analen Stadium. In der Formel ($ ◊ D) symbolisiert die Raute die Beziehung zum Anderen; man kann die Zeichenfolge (◊ D) also vielleicht so lesen: in der Triebstruktur kommt es dadurch zu einem Wechsel, dass eine andere Art des Anspruchs (D) mit einer anderen Beziehung zum Anderen verbunden wird (◊).

Um zum Aufsatz Subversion des Subjekts zurückzukehren: Der Anspruch des Anderen ist mit dem Verschwinden des Subjekts verbunden. Die Unterordnung des Subjekts unter den Anspruch geht mit Verdrängung einher und das heißt: damit, dass Äußerungen entstehen, in denen das Subjekt sich nicht benennen kann, in denen es verschwindet.

Schnitt

In Subversion des Subjekts fährt Lacan so fort:

„Dass auch der Anspruch verschwindet, versteht sich von selbst, abgesehen davon, dass der Schnitt (coupure) bleibt, denn dieser bleibt gegenwärtig in dem, was den Trieb von der organischen Funktion, die er bewohnt, unterscheidet, nämlich sein grammatischer Kunstgriff, der in den Verkehrungen seiner Verbindung mit der Quelle wie auch mit dem Objekt so offenkundig ist (hierzu ist Freud unerschöpflich).“103

Was ist damit gemeint, dass der Anspruch verschwindet und dass sich das von selbst versteht? Dass der orale und anale Anspruch als Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung verschwindet? Versteht sich das insofern von selbst, als jeder weiß, dass Kinder irgendwann einmal oral und anal entwöhnt werden?

Der Anspruch verschwindet, aber der Schnitt bleibt. Welcher Schnitt?

Die verschiedenen Triebe bewohnen unterschiedliche organische Funktionen; der Oraltrieb baut sich auf der Nahrungsaufnahme auf, der Analtrieb auf der Ausscheidung, der Schautrieb auf dem Sehen.

Diese organischen Funktionen sind nicht der Trieb. Der Trieb unterscheidet sich von ihnen durch „Verkehrungen“ (der Ausdruck ist von Freud); diese Verkehrungen beziehen sich sowohl auf die Quelle als auch auf das Objekt des Triebes.

Mit der Rede vom „Objekt“ des Triebes und der „Quelle“ des Triebes stützt Lacan sich auf Freud. Freud hatte vier Triebkomponenten unterschieden: Drang, Ziel, Quelle und Objekt.104 Der Drang ist der Trieb als „konstante Kraft“, wie Freud schreibt.105 Das Ziel des Triebes ist die Bedürfnisbefriedigung (Lacan weist darauf hin, dass der Begriff verwickelter ist, als er aussieht, da die Sublimierung eine „zielgehemmte Befriedigung“ ist und da die Symptome, an denen die Patienten leiden, eine Form der Triebbefriedigung darstellen106). Objekte des Triebes sind diejenigen Objekte, durch die der Trieb das Ziel der Bedürfnisbefriedigung erreichen kann, Objekte des Oraltriebs sind also Brust oder Flasche; Freud betont, dass diese Objekte variabel sind und beliebig oft gewechselt werden können. Die Quelle des Triebes ist, Freud zufolge, der somatische Vorgang, der psychisch als Trieb repräsentiert wird. Der Durst wird durch das Austrocknen der Mundschleimhaut hervorgerufen, der Hunger durch die Anätzung der Magenschleimhaut107; demnach sind für Freud die Quellen des Oraltriebs diese beiden Schleimhautveränderungen. Lacan fasst die Triebquelle anders, er versteht darunter die erogene Zone108, er deutet also ein Konzept aus Triebe und Triebschicksale mit einem Begriff aus den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie um.109

Im Falle von Sadismus-Masochismus und Schaulust-Exhibition betrifft die Verkehrung, Freud zufolge, das Triebziel; das aktive Ziel (quälen, beschauen) wird durch das passive Ziel ersetzt (gequält werden, beschaut werden) und umgekehrt. Die andere Form der Verkehrung, die Verkehrung des Objekts, wird von ihm auch als „Wendung gegen die eigene Person“ bezeichnet. Für den Masochisten gilt, dass er das Wüten gegen die eigene Person mitgenießt, für den Exhibitionisten das Entblößen der eigenen Person; diesen Vorgang begreift Freud als einen Wechsel des Objekts bei unverändertem Ziel.110

Diese Verkehrungen, sagt Lacan, beruhen auf grammatischer Künstlichkeit. In Seminar 11 wird er das so erläutern: Freud stützt sich an dieser Stelle seiner Argumentation auf das Verhältnis von Aktivität und Passivität sowie von Subjekt und Objekt und damit auf die Grammatik, er unterstellt, dass diesen grammatischen Beziehungen reale Beziehungen entsprechen. Lacan zufolge ist das nicht haltbar. Der Bezug auf die Grammatik ist künstlich. Die grammatische Künstlichkeit verweist auf etwas anderes, auf den Schnitt, wird er in Seminar 11 sagen. Der Triebverkehrung, die Freud beschreibt, liegt nicht die Grammatik zugrunde, sondern die Tatsache, dass der Trieb eine Kreisbahn durchläuft, d..h. dass er, nachdem er das Objekt umkreist hat, zur Triebquelle zurückkehrt. Als Triebquelle begreift Lacan die erogene Zone, und die erogene Zone ist topologisch dadurch charakterisiert, das sie durch eine Linie abgegrenzt ist, dass sie einen „Schnitt“ hat. Durch Freuds grammatisch gestützte Verkehrungsbeziehungen schimmert eine topische Struktur hindurch, der Schnitt.

In Subversion des Subjekts heißt es anschließend weiter:

„Die Eingrenzung der ‚erogenen Zone‘, die den Trieb vom Metabolismus der Funktion isoliert (der Freßakt betrifft andere Organe als der Mund, befragen Sie hierzu den pawlowschen Hund), ist das Faktum eines Schnitts, der begünstigt wird durch ein anatomisches Merkmal wie einen Rand oder eine Kante: Lippen, ‚Gehege der Zähne‘, Anusrand, Penisfurche, Vagina, Lidspalte, sogar Ohrmuschel (wir übergehen hier die embryologischen Präzisierungen). Die Erogeneität der Atmung ist nur ungenügend erforscht, doch ist sie in dem Spasmus, den sie ins Spiel bringt, offensichtlich.“111

Die erogene Zone ist räumlich abgegrenzt, darin unterscheidet sie sich von der Stoffwechselfunktion. Lacan nennt die räumliche Grenze „Schnitt“.

Der Schnitt als Grenze der erogenen Zone stützt sich auf anatomische Merkmale wie Ränder oder Kanten. Der Mund ist eine erogene Zone, und das heißt: Er hat eine Raumgrenze, die Lippen; sie bilden gewissermaßen eine geschlossene Linie. Die Stoffwechselfunktion hingegen – die Nahrungsaufnahme – betrifft noch weitere Organe, vor allem den Magen. Das „Gehege der Zähne“ ist Homers Metapher für den Mund112; Lacan bezieht sich hier offenbar nicht auf den Mund, sondern auf die Zähne als halbwegs geschlossener Rand. Die Penisfurche ist die ringförmige Randzone zwischen der Eichel und dem Ansatz der Vorhaut. Bei der Erogenität der Atmung scheint ebenfalls ein Schnitt im Spiel zu sein. Damit kritisiert Lacan indirekt sich selbst, in Seminar 6 hatte er gesagt, der Atmung fehle das Element des Schnitts.113 In dem Film Im Reich der Sinne (zu dem sich Lacan in Seminar 23 äußert) wird übrigens die Erogenität der Atmung höchst anschaulich in Szene gesetzt, und sie wird dabei mit dem Strangulieren verbunden, mit der Erzeugung eines Schnitts.

Über den pawlowschen Hund – also über die klassische Konditionierung – wird Lacan in Seminar 15 von 1967/68 sprechen, Der psychoanalytische Akt.114 Demnach geht es bei Pawlows berühmtem Experiment um das Subjekt im Lacanschen Sinne. Das Ertönen der Glocke ist ein Signifikant. Von diesem Signifikanten wird das Subjekt der Wissenschaft repräsentiert, nämlich Pawlow. Der Signifikant repräsentiert das Subjekt für einen anderen Signifikanten: für den Wert, den der Speichelfluss annimmt, insofern er auf einer Täuschung beruht. Demnach geht es im Experiment nicht um Zeichen oder Signale, sondern um Signifikanten. Lacans Formulierung „der Fressakt betrifft andere Organe als den Mund“ meint also vermutlich: Er betrifft die Beziehung zwischen Signifikanten; die Aufforderung, den pawlowschen Hund hierüber zu „befragen“, spielt wohl darauf an. Das „Organ“, um das es geht, dürfte dann die Sprache sein, die ja von Hamann, Herder und Humboldt als „Organon“ bezeichnet wird, als Werkzeug. Der Anspruch, um den es in der Formel für den Trieb geht, ist, so könnte man sagen, die Sprache als Werkzeug, als Organon.

In Seminar 11 wird Lacan sagen, der Begriff „Schnitt“ sei nur vorläufig, in der weiteren Entwicklung seines Diskurses wolle er vom „Rand“ sprechen.115 In Subversion des Subjekts verwendet er zwar auch den Ausdruck „Rand“, aber umgangssprachlich, nicht in Anspielung auf die mathematische Topologie („ein anatomisches Merkmal wie ein Rand oder eine Kante“).

Zusammenfassung

In Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens weist Lacan den Begriff des Codes explizit zurück; den Terminus „Signifikantenschatz“ behält er bei. Sein Einwand gegen den Codebegriff lautet, dass dieser Ausdruck mit der Vorstellung einer Eins-zu-Eins-Beziehung von Zeichen und Sache verbunden ist. Die Formel ($ ◊ D) bezieht sich also von nun an nicht mehr auf den „Code“ des Unbewussten, sondern auf den „Signifikantenschatz“ des Unbewussten.

Wie bereits in dem Aufsatz Die Ausrichtung der Kur wird auch in Subversion des Subjekts die Formel ($ ◊ D) als Formel für den Trieb bezeichnet, für den Trieb als Signifikantenschatz, d..h. für den Trieb, soweit er im Unbewussten repräsentiert ist.

Die Formel bezieht sich nicht nur auf die synchrone Struktur des Triebs, sondern auch auf seine Diachronie; der Ausdruck soll auch so gedeutet werden, dass der Wechsel der Triebphasen (oral, anal usw.) auf dem Wechsel des Anspruchs (D) und damit auf dem Wechsel in der Beziehung zum Anderen (◊) beruht.

Freud zufolge ist der Trieb durch „Verkehrungen“ charakterisiert, etwa im Verhältnis von Sadismus und Masochismus. Das ist, Lacan zufolge, ein grammatischer Kunstgriff, in dem der Schnitt gegenwärtig ist. Die erogene Zone zeichnet sich durch einen Schnitt aus, durch eine räumliche Grenze, darin unterscheidet sich der Trieb von der organischen Funktion, auf der er aufbaut.

Seminar 10 (1962/63), „Die Angst“

Schnitt in den Elan des Jägers

In Seminar 10, Die Angst116, heißt es:

„Ich habe Ihnen beigebracht, den Trieb (pulsion) ($ ◊ D) zu schreiben – zu lesen S schräggestrichen, Schnitt von groß D, der Anspruch (demande). Wir werden auf diesen Schnitt zurückkommen – Sie haben dennoch gerade eben angefangen, eine gewisse Idee davon zu erhalten, was es zu schneiden gilt, das ist der Elan des Jägers –, doch bereits die Art und Weise, wie ich Ihnen beigebracht habe, den Trieb zu schreiben, erklärt Ihnen, warum man die Triebe an den Neurotikern beschrieben hat. Nämlich ganz in dem Maße wie sich das Phantasma ($ ◊ a) beim Neurotiker bevorzugt als ($ ◊ D) darstellt. Mit anderen Worten, ein Köder der phantasmatischen Struktur beim Neurotiker hat es ermöglicht, diesen ersten Schritt zu tun, der der Trieb heißt.“117

Auch hier wird der Ausdruck ($ ◊ D) als Formel für den Trieb bezeichnet; die Raute wird als Symbol für den Schnitt gedeutet.

In was schneidet der Schnitt? In den „Elan des Jägers“, in sein Antriebssystem; in der Terminologie der Seminare 5 und 6: in sein Bedürfnis, in seine Intention. In Seminar 9 hieß es: Der Trieb ist eine Modifikation des Realen durch den Anspruch. Demnach entspricht der „Elan des Jägers“ dem Realen als derjenigen Fläche, in die der Anspruch eingeschnitten wird.

Lacan stellt dann eine Beziehung zwischen den Formeln für den Trieb, $ ◊ D, und für das Phantasma, $ ◊ a, her, also zwischen zwei Punkten in der oberen Etage des Graphen. Er spielt damit auf Freuds These an, dass die Phantasien, die den Symptomen der Hysteriker zugrunde liegen, mit den bewussten Phantasien der Perversen bis in einzelne Details zusammenfallen.118 Das Phantasma des Neurotikers ist pervers, von Lacan wird das hier so ausgedrückt: Das Phantasma des Neurotikers, ($ ◊ a), stellt sich als ($ ◊ D) dar: als Trieb; vorausgesetzt wird dabei, dass der Trieb pervers ist.

Anspruch beim Genitaltrieb

Wenn „der“ Trieb durch den Anspruch bestimmt wird, wenn also sämtliche Partialtriebe durch den Anspruch bestimmt werden, gilt das auch für den Genitaltrieb.

„Auf der oralen Stufe ist die Unterscheidung des Bedürfnisses vom Anspruch leicht durchzuhalten, während das anderswo keineswegs so ist, ohne uns vor das Problem zu stellen, wo der Trieb anzusiedeln sei. Während man sich auf der oralen Stufe mittels eines Kunstgriffs in Zweideutigkeiten über das ergehen kann, was die Gründung des Anspruchs im Trieb an Ursprünglichem hat, haben wir kein Recht, das nur auf der Stufe des Genitalen zu tun. Gerade da, wo es so scheinen könnte, als hätten wir es mit dem ursprünglichsten Trieb zu tun, dem Sexualtrieb (instinct sexuel), kommen wir nicht umhin, uns mehr noch als anderswo auf die Struktur des Triebes (pulsion) als gestützt durch die Formel ($ ◊ D), sprich durch das Verhältnis des Begehrens zum Anspruch, zu beziehen.

Was wird auf der genitalen Stufe beansprucht, und von wem?“119

Lacan deutet hier die Formel ($ ◊ D) als Verhältnis des Begehrens zum Anspruch. Demnach repräsentiert die Zeichenfolge ($ ◊) das Begehren. Das Begehren zirkuliert also im Verhältnis des verschwindenden Subjekts zum Anderen.

Die Antwort lautet so:

„Schließlich, warum sollen wir uns weigern, das, was unmittelbar spürbar ist, zu sehen, in den Tatsachen, die wir bestens kennen und die in den gängigsten Verwendungen der Sprache bedeutet werden? Was wir beanspruchen – ich habe noch nicht gesagt von wem, aber letztlich, so wie man halt etwas von jemandem beanspruchen muss, stellt sich heraus, dass es unser Partner ist, doch ist es so selbstverständlich, dass er es ist? Wir werden das in einem zweiten Schritt sehen müssen – doch was beanspruchen wir? Dass ein Anspruch befriedigt wird, der eine gewisse Beziehung mit dem Tod hat. Das geht nicht sehr weit, was wir beanspruchen – es ist der kleine Tod –, aber letztlich ist klar, dass wir ihn beanspruchen, und dass der Trieb darin zuinnerst in den Anspruch eingemischt ist, Liebe zu machen. Was wir beanspruchen, ist zu sterben, und sogar vor Lachen zu sterben – nicht grundlos hebe ich stets das hervor, was von der Liebe an dem teilhat, was ich ein komisches Gefühl nenne. Auf jeden Fall muss genau da das seinen Platz haben, was es an friedlicher Entspannung im Nach-Orgasmus gibt. Wenn das, was befriedigt wird, dieser Anspruch auf den Tod ist, nun ja, mein Gott, dann ist man günstig befriedigt worden, da man gut aus der Sache herauskommt.“120

Beim Genitaltrieb ist der Anspruch der, Sex zu haben, Liebe zu machen (wobei auffällig ist, dass dieser Anspruch meist indirekt artikuliert wird – wer sagt schon „hättest du Lust, mit mir zu vögeln?“). Dieser Anspruch läuft auf den Orgasmus hinaus; letztlich ist das, was beansprucht wird, der Orgasmus.

Der Orgasmus wird auch la petite mort genannt, „der kleine Tod“, und diese Redeweise ist Lacan zufolge belastbar: Der Orgasmus führt zur Entspannung, und die Aufhebung aller Spannungen ist, Freud zufolge, das Ziel des Todestriebs. Also beanspruchen wir mit dem Anspruch, Liebe zu machen, in gewisser Weise dies: zu sterben.

Einige Menschen bekommen nach dem Orgasmus einen Lachanfall, bei ihnen ist der Anspruch auf den Orgasmus verbunden mit dem Anspruch, „vor Lachen zu sterben“, wie man sagt. Lacan erklärt das post-orgasmische Lachen so: Letztlich ist der Anspruch auf den Orgasmus ein Anspruch auf den Tod; man lacht eben deshalb, weil man mit dem „kleinen Tod“ noch einmal gut davongekommen ist.

Von wem beanspruchen wir den Orgasmus? Offenbar vom Partner, d..h. vom imaginären anderen, vom Nebenmenschen, von Unseresgleichen, aber das ist vielleicht nicht so sicher. Lacan lässt offen, wer letztlich der Adressat des Orgasmus-Anspruchs ist. Der Andere?

Zusammenfassung

Auch im Angst-Seminar wird die Formel ($ ◊ D) als Formel für den Trieb gedeutet, die Raute als Symbol für den Schnitt.

Der Schnitt ist ein Schnitt in den Elan des Jägers: in sein Antriebssystem.

Die Formel ($ ◊ D) wird hier als Verhältnis des Begehrens zum Anspruch gedeutet. Die Zeichenfolge ($ ◊) repräsentiert demnach das Begehren. Das Begehren zirkuliert also im Verhältnis des verschwindenden Subjekts ($) zum Anderen (◊).

Die Ähnlichkeit der Formel für das Phantasma ($ ◊ a) und der Formel für den Trieb ($ ◊ D) zeigt, warum die Triebe beim Neurotiker abgelesen werden konnten: weil sich beim Neurotiker das Phantasma ($ ◊ a) als Trieb ($ ◊ D) darstellt, anders gesagt: weil das Phantasma des Neurotikers häufig pervers ist.

Im Falle des Genitaltriebs ist der Anspruch der Anspruch aufs Liebemachen, und dieser Anspruch wiederum ist ein Anspruch auf den Orgasmus. Der Orgasmus steht in Beziehung zum Tod, er wird „kleiner Tod“ genannt; der Anspruch auf den Orgasmus ist in gewissem Sinne ein Anspruch auf den Tod. Manche lachen nach dem Orgasmus – weil sie noch einmal davongekommen sind.

Seminar 11 (1964), „Die vier Grundbegriffe“

In Seminar 11, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse121, entwickelt Lacan eine neue Triebkonzeption.122 Ich konzentriere mich auf diejenigen Erläuterungen, die sich direkt oder indirekt auf die Formel ($ ◊ D) beziehen.

Rand

„Weshalb sehen wir die sogenannten erogenen Zonen nur an den Punkten, die sich für uns durch ihre Randstruktur auszeichnen? Warum spricht man vom Mund und nicht von der Speiseröhre oder vom Magen? Sie haben doch genauso Anteil an der Oralfunktion.“123

Erogene Zone: das ist ein räumlicher Begriff, und Lacan, der seit Seminar 9 dabei ist, eine Topologie des psychoanalytischen Feldes auszuarbeiten, fragt nach der Struktur dieses Raumes. Die erogenen Zonen haben Ränder, das ist für Lacan ihr entscheidendes räumliches Merkmal. Der Begriff „Rand“ ist – ebenso wie „Schnitt“ – ein Grundbegriff der mathematischen Topologie.

Zur erogenen Zone des Oraltriebs gehört nicht die Speiseröhre und nicht der Magen. Weshalb nicht? Weil sie keinen Rand haben.

Künstlichkeit der grammatischen Triebbeziehungen

Kurz danach heißt es in derselben Sitzung:

„Lesen Sie Freuds Text [Triebe und Triebschicksale] bis zum nächsten Mal, und sie werden merken, wie jeden Moment die heterogensten Bilder sprunghaft wechseln. Alles läuft nur über grammatische Beziehungen ab, die rein artifiziell sind, wie Sie beim nächsten Mal begreifen werden.

In der Tat, wie kann man schlicht und einfach, wie Freud das macht, behaupten, Exhibition sei der Gegensatz zur Schaulust, oder Masochismus der Gegensatz zum Sadismus? Er tut das aus rein grammatischen Gründen, aufgrund einer Inversion von Subjekt und Objekt, als ob es sich beim grammatischen Subjekt und Objekt um reale Funktionen handelte. Leicht zu zeigen, daß dem nicht so ist – man braucht sich nur auf <eine andere als> unsere Sprachstruktur zu beziehen und eine derartige Ableitung erweist sich als unmöglich.“124

(Ich habe im Zitat „eine andere als“ eingefügt, nur so ergibt der Satz einen Sinn, und genau so sagt Lacan es in der nächsten Sitzung.)

Freud zufolge bilden Schaulust und Exhibition sowie Sadismus und Masochismus Gegensatzpaare, wobei der Gegensatz auf einer Verkehrung der Triebziele beruht: für das aktive Ziel (quälen, beschauen) wird das passive Ziel eingesetzt (gequält werden, beschaut werden).125 Lacan merkt hierzu an, dass Freud sich an dieser Stelle auf das grammatische Verhältnis von Subjekt und Objekt stützt und dass Freud unterstellt, dass dieser grammatischen Relation eine reale Funktion entspricht. Dem ist jedoch nicht so. Man sieht das sofort, wenn man sich auf eine andere Sprachstruktur als die indogermanische bezieht – nicht in allen Sprachen gibt es die Möglichkeit der Aktiv-Passiv-Transformation mit dem Austausch von Subjekt und Objekt. Die grammatischen Beziehungen, die von Freud mobilisiert werden, sind insofern artifiziell, als es für sie keine realen Entsprechungen gibt.

Aufklaffen und Rand

In der anschließenden Diskussion spricht Lacan von einem „Aufklaffen“ (béance), das durch eine „Randstruktur“ definiert ist.126 Das Substantiv béance kommt vom Verb béer, aufreißen, aufsperren, klaffen; la béance ist das Aufgerissensein, das Aufgesperrtsein, die Öffnung, die Lücke, die Kluft. Zur Topologie des Randes im Sinne von Lacan gehört, dass der Rand um eine Öffnung herum verläuft.

„Ich habe mich auf die beiden Ränder beschränkt, die zum Tractus gehören. Ich hätte natürlich auch sagen können, daß der feuchte Lidrand, dass das Ohr, der Nabel auch Ränder sind, und daß das alles nicht weniger in die Funktion der Erotik gehört. In der analytischen Tradition beziehen wir uns immer auf das streng fokussierte Bild von Zonen, die auf ihre Randfunktion reduziert werden.“127

Eine erogene Zone ist durch ein Aufklaffen charakterisiert, eine Öffnung. Das Gebiet um die Öffnung ist relativ scharf abgegrenzt, das ist für Lacan das Entscheidende topologische Merkmal. Anders gesagt: eine erogene Zone hat einen Rand. Lacan hatte sich auf den Gastrointestinaltrakt beschränkt, mit der Mundöffnung und der Anusöffnung; es gibt weitere solche Ränder, die in den Zusammenhang der Erotik gehören, also weitere Ränder von erogenen Zonen, u. a. der Lidrand und der Rand des Ohres.

Lacan verbindet die Begriffe des Aufklaffens und des Randes so eng, dass man vermuten kann, dass Rand für ihn immer der Rand-um-ein-Aufklaffen-herum ist, so dass der Begriff des Randes für ihn mit dem des Aufklaffens beinahe zusammenfällt – die erogene Zone kann, so sagt er, auf ihre Randfunktion reduziert werden.

Kreisförmigkeit der Triebbewegung

In der Folgesitzung kommt Lacan auf Freuds Aktiv-Passiv-Beziehungen zurück:

„Freud führt uns nun in den Trieb ein auf einem der traditionsreichsten Wege, indem er immer wieder auf die Ressourcen der Sprache zurückgreift und nicht zögert, sich dabei auf etwas zu berufen, was es nur in bestimmten Sprachsystemen gibt: die drei Formen aktiv, passiv und reflexiv. Das ist aber nur eine Hülle. Wir müssen sehen, daß diese Signifikantenverkehrung eines ist, ein anderes, was Freud damit einkleidet. Grundlegend für jeden Trieb ist das Hin-und-Zurück / aller et retour, in dem dieser Struktur annimmt.

Bemerkenswert ist, daß Freud diese zwei Pole nur durch so etwas wie das Verb zu bezeichnen vermag. Beschauen und beschaut werden*, quälen* und gequält werden*. Freud stellt von Anfang an als gesichert hin, daß der Triebverlauf in keinem seiner Abschnitte von seinem Hin-und-Zurück, seiner fundamentalen Verkehrung, seinem Zirkelcharakter getrennt werden kann.“128

Freud zufolge bilden die Triebe Gegensatzpaare mit einem Hin und Zurück, also mit einer Zirkelstruktur, etwa in der Beziehung von Schaulust und Zeigelust. Zur Begründung stützt er sich auf den Gegensatz von Aktiv und Passiv, z..B. von schauen und beschaut werden. Diese Möglichkeit der Signifikantenumkehrung gibt es jedoch nur in bestimmten Sprachen. Also muss die gegensätzliche Struktur der Triebe auf andere Weise begriffen werden. Der grammatische Gegensatz von Aktiv und Passiv ist nur eine Hülle; das, was von dieser Hülle eingekleidet wird, ist etwas anderes, nämlich eine kreisläufige Struktur.

Die Kreisstruktur des Triebes besteht darin, wie Lacan anschließend ausführt, dass der Trieb von der erogenen Zone ausgeht, um zu ihr zurückzukehren. Triebziel ist die Rückkehr zum Ausgangspunkt, also eine kreisförmige Bewegung. Der Trieb, so könnte man sagen, ist letztlich autoerotisch, allerdings kommt ihm das Objekt dazwischen; der Trieb dreht sich um das Objekt, um von ihm aus zum Ausgangspunkt – zur erogenen Zone – zurückzukehren.129 Die Triebbewegung bezieht sich kreisförmig auf ein Gebilde, das sich durch einen Rand auszeichnet.

Raute als Symbol des Aufklaffens

Etwas später bezieht Lacan das Aufklaffen auf das Symbol der Raute:

„Ich konnte Ihnen zeigen, wie das Unbewußte sich situieren läßt in den Formen des Aufklaffens/béances, wie sie die Verteilung von Signifikantenbesetzungen im Subjekt instauriert, und die sich, algorithmisch, abbilden lassen mit Hilfe einer Raute [◊], die ich in den Mittelpunkt einer jeden Beziehung des Unbewußten zwischen Realität und Subjekt stelle. Nun! etwas im Apparat des Körpers ist auf eben diese Weise strukturiert, der Trieb übernimmt seine Rolle im Funktionieren des Unbewussten aufgrund der topologischen Einheit der Formen des Aufklaffens, die hier im Spiele sind.“130

In den Mittelpunkt einer jeden formalen Darstellung der Beziehung des Unbewußten zwischen Realität und Subjekt stellt Lacan das Symbol der Raute. Er spielt damit auf die Formeln für das Phantasma und für den Trieb an, auf ($ ◊ a) und auf ($ ◊ D). Beide Formeln beziehen sich auf das Verhältnis von Subjekt und Realität – demnach wird der Terminus „Realität“ hier als Oberbegriff für a und für D verwendet, für das Objekt klein a und für den Anspruch. Phantasma und Trieb sind Beziehungen des Unbewussten; im Graphen des Begehens erkennt man das daran, dass sie in der oberen Etage mit dem Kreislauf des Unbewussten verbunden sind, mit der Rückkoppelungsbeziehung zwischen den Schnittpunkten ($ ◊ D) und S(Ⱥ).

Die Raute symbolisiert die béances, die Öffnungen, die Formen des Aufklaffens, vermutlich genauer: die Ränder um Öffnungen.

Lacan unterscheidet hier zwei Typen des Aufklaffens, das Aufklaffen im Unbewussten und das Aufklaffen im Körper, und damit indirekt zwei Anwendungen des Rautensymbols.

Das Aufklaffen im Unbewussten bezieht sich auf die Verteilung von Signifikantenbesetzungen im Subjekt. Ich vermute, dass damit der Schnitt gemeint ist, wie er in Seminar 6 eingeführt wurde. In Seminar 9 hieß es hierzu: Die synchrone Signifikantendifferenz muss topologisch begriffen werden; in der Topologie entspricht ihr der Schnitt. Dieser Schnitt ist – so nehme ich an – das Aufklaffen, von dem Lacan an der zuletzt zitierten Stelle spricht. (Symbolisiert man das Aufklaffen durch eine Raute, könnte man die Raute für das Aufklaffen des Unbewussten als Raute1 notieren.)

Mit dem Aufklaffen des Körpers sind die Körperöffnungen gemeint und mit ihnen die erogenen Zonen, die um solche Öffnungen herum liegen und die durch Ränder charakterisiert sind. (Verwendet man hierfür ebenfalls das Symbol der Raute, hat man man es beim Aufklaffen des Körpers gewissermaßen mit Raute2 zu tun.)

Es gibt also eine topologische Strukturähnlichkeit zwischen dem Unbewussten und dem Apparat des Körpers. Beide Bereiche sind durch ein Aufklaffen charakterisiert. Diese Ähnlichkeit ermöglicht die Verbindung zwischen dem Trieb und dem Unbewussten. Das Aufklaffen als das, was die synchrone Differenz ermöglicht, der Schnitt, steht – wenn ich das recht verstehe – in einer Art Resonanzbeziehung zum Aufklaffen auf der Ebene des Körpers, zu den Körperöffnungen. Der Hintergedanke ist hierbei vielleicht: Und deshalb ist es möglich, auf dem Weg über die Intervention in das Unbewusste in den Trieb einzugreifen.

Vom Schnitt zum Rand

In einer späteren Sitzung heißt es:

„Alles geht aus der Struktur des Signifikanten hervor. Das Fundament dieser Struktur ist in dem, was ich vorläufig die Struktur eines Schnitts [coupure] genannt habe, was jetzt aber, in der weiteren Entwicklung meines Diskurses, sich in der topologischen Funktion eines Rands artikuliert.

Die Beziehung des Subjekts zum Anderen entsteht in der Gänze im Prozeß einer béance / eines Klaffens.“131

In der weiter oben zitierten Passage aus Seminar 9 hieß es: Die Signifikantenstruktur beruht auf der synchronen Differenz. Die synchrone Differenz ist topologisch zu rekonstruieren. Die topologische Entsprechung zur Differenz ist der Schnitt.

Jetzt kündigt Lacan an, dass er vom Begriff des Schnitts zu einem anderen Begriff der Topologie übergehen will, zu dem des Randes. Offenbar soll der Begriff des Randes den des Schnitts ersetzen.

Das Verhältnis des Subjekts zum Anderen beruht auf dem Klaffen; dieses Aufklaffen, so hatte es früher in Seminar 11 geheißen, wird durch die Raute symbolisiert. Diese Deutung der Raute kann an die in Seminar 5 vorgestellte erste Darstellung der Raute anschließen, die Deutung der Raute als Kurzdarstellung von Schema L: dieses Schema hatte ja genau die Funktion, die Beziehung des Subjekts zum Anderen darzustellen.

Zerlegung der Raute in Konjunktion und Disjunktion

Kurz danach heißt es:

„Ich komme nun zu den zwei Operationen, die ich heute im Verhältnis des Subjekts zum Anderen unterscheiden möchte.

Als Verlauf eines Rands, als zirkulärer Prozeß ist das fragliche Verhältnis in Form einer kleinen Raute festzuhalten, deren ich mich als Algorithmus in meinem Graphen bediene. Sie muß notwendig einigen der Endprodukte dieser Dialektik integriert werden.

Es ist unmöglich, beispielsweise, sie nicht dem Phantasma zu integrieren – $ ◊ a [S barré, poinçon petit a / gebälktes S, Punze klein a]. Es ist auch nicht möglich, sie nicht jenem radikalen Knoten zu integrieren, in dem Anspruch und Trieb zusammenkommen, ausgedrückt durch $ ◊ D [S barré, poinçon grand D / gebälktes S, Punze groß D], was man den ‚Schrei‘ nennen könnte.“132

Es geht um die Beziehung des Subjekts zum Anderen.

Das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem Anderen verläuft wie ein Rand, wobei der Rand eine kreisartige Struktur hat. Dieser zirkuläre Verlauf eines Randes wird durch das Symbol der Raute dargestellt, wie man sie in „meinem Graphen“ findet, im Graphen des Begehrens, also in den Formeln für das Phantasma und den Trieb.

Die Raute stellt die zirkuläre, dialektische Beziehung zum Anderen dar. Das entspricht der Deutung der Raute als Schema L, wie Lacan sie in Seminar 5 und 6 vorgetragen hatte. Beim L-Schema geht es ja ebenfalls um die Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Anderen, und auch beim L-Schema gibt es eine Art Zirkularität. Die Kreisstruktur besteht darin, dass der Andere sich auf das Subjekt bezieht und das Subjekt auf den Anderen.

Phantasma und Trieb sind zwei Endprodukte in der zirkulären, dialektischen Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Anderen, in beiden Formeln steht die Raute für diese zirkuläre Beziehung.

Die Formel ($ ◊ D) bezieht sich auf den Trieb. Sie stellt dar, dass Anspruch und Trieb radikal miteinander verknotet sind. Das erinnert an eine Formulierung in Seminar 9, worin es heißt, die Formel beziehe sich auf das Verhältnis des Subjekts zum Anspruch, insofern hier der Trieb „spezifiziert“ werde.133 Der radikale Knoten von Anspruch und Trieb besteht also vermutlich darin, dass der Trieb durch den Anspruch spezifiziert wird, dass die verschiedenen Triebe sich durch ihre unterschiedliche Beziehung zum Anspruch und damit zum Anderen unterscheiden.

An der zuletzt zitierten Stelle schließt Lacan mit der Bemerkung, man könne die Formel ($ ◊ D) auch als „Schrei“ bezeichnen. Das verstehe ich nicht.

Er fährt so fort:

„Halten wir uns nur an diese kleine Raute! Sie stellt einen Rand dar, einen funktionierenden Rand. Wir müssen sie nur vektorisieren, und zwar im umgekehrten Uhrzeigersinn – was dem Umstand Rechnung trägt, daß wir gewohnt sind, zumindest in unseren Schriften, von links nach rechts zu lesen.

Raute vektorisiertAber Vorsicht! das ist nur eine Gedankenstütze. Ohne solche Künstlichkeit gäbe es aber keine Topologie – was ja letztlich auch eine Folge der Signifikantenabhängigkeit des Subjekts ist, oder anders gesagt: von einer gewissen Ohnmacht ihres Denkens zeugt.

Das kleine ∨ der unteren Rautenhälfte nennen wir hier das vel, das in jener ersten Operation konstituiert wird, mit der ich sie jetzt einen Moment beschäftigen möchte.“134

Lacan bemüht sich darum, die beiden Beziehungen zwischen dem Subjekt und dem Anderen aus der Raute hervorgehen zu lassen. Hierzu wird die Raute im ersten Schritt vektorisiert, d..h. sie erhält eine Richtung: entgegengesetzt zum Uhrzeiger. Als nächstes wird das Graphem horizontal geteilt. Danach setzt es sich aus den Zeichen ∨ und ∧ zusammen. In der Logik ist ∨ das übliche Symbol für die (inklusive) Disjunktion („vel“). Das Zeichen ∧ ist das Symbol für die Konjunktion, für die Und-Verbindung. In dem Aufsatz Die Ausrichtung der Kur hatte Lacan die Raute als Schnitt bereits auf Konjunktion und Disjunktion bezogen, ich habe das oben dargestellt. Die Richtung sorgt dafür, dass diejenigen, die es gewohnt sind, von links nach rechts zu lesen, spontan mit dem Oder-Symbol beginnen.

Ausgehend vom Oder entwickelt Lacan nun die Beziehung der Entfremdung oder Alienation, ausgehend vom Und die Beziehung der Trennung oder Separation.

Zusammenfassung

Im Seminar über die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse bezieht Lacan sich ausdrücklich auf die Formel ($ ◊ D), er bezeichnet sie hier, wie bereits in Die Ausrichtung der Kur, als Formel für den Trieb.

Neu ist die Deutung der Raute. Die Raute wird jetzt als Symbol für ein Aufklaffen (béance) gedeutet. Lacan unterscheidet zwei Arten des Aufklaffens, das Aufklaffen auf der Ebene des Unbewussten und das Aufklaffen auf der Ebene des Körpers. Auf der Ebene des Unbewussten symbolisiert die Raute die zirkuläre Beziehung des Subjekts zum Anderen; das schließt an die Deutung der Raute als L-Schema in Seminar 5 an. Mit dem Aufklaffen auf der Ebene des Unbewussten ist vielleicht auch der Schnitt im Sinne von Seminar 9 gemeint, der Schnitt als topologische Entsprechung der synchronen Signifikantendifferenz. Das Aufklaffen auf der Ebene des Körpers sind die Körperöffnungen. Die Raute symbolisiert diese beiden Formen des Aufklaffens.

Um Körperöffnungen herum liegen die erogenen Zonen. Im Funktionieren des Triebes spielen sie eine Schlüsselrolle: Der Trieb vollzieht eine Kreisbahn, er geht von der erogenen Zone aus und kehrt (auf dem Umweg über das Objekt) zu ihr zurück. Auf dieser Kreisstruktur beruht die Verschränkung von Exhibitionismus und Voyeurismus, von Sadismus und Masochismus.

Das wesentliche Merkmal einer erogenen Zone besteht für Lacan darin, dass sie abgegrenzt ist, dass sie einen „Rand“ hat. Mit diesem Ausdruck verwendet er einen Grundbegriff der mathematischen Topologie. In Subversion des Subjekts hatte er diese Grenzlinie als „Schnitt“ bezeichnet, in Seminar 11 wechselt er ausdrücklich vom „Schnitt“ zum „Rand“. Die Topik der erogenen Zone, ihre Raumstruktur, ist also durch zwei Merkmale charakterisiert: Öffnung und Rand. Lacan bringt das eng zusammen, offenbar versteht er unter einem Rand den Rand-um-eine-Öffnung.

Die Raute erhält damit eine weitere Bedeutung. Sie symbolisiert nicht mehr nur die unbewusste Beziehung des Subjekts zum Anderen in den Formeln für den Trieb und für das Phantasma, sondern auch den Rand einer erogenen Zone.

Durch einen horizontalen Schnitt zerlegt Lacan die Raute ◊ in die Grapheme ∨ und ∧ und damit in die Symbole für Oder und Und, wie sie in der Logik üblich sind. Mit diesem Vorgehen schließt er an eine knappe Bemerkung in Die Ausrichtung der Kur an, in welcher die Raute der Konjunktion und der Disjunktion zugeordnet wird. Von hier aus entwickelt Lacan zwei Beziehungen zwischen dem Subjekt und dem Anderen: die auf dem Oder aufbauende Entfremdung und die auf dem Und aufbauende Trennung.

Zusammenfassung

Bezeichnung der Formel

Die Formel ($ ◊ D) wird in Seminar 5 eingeführt. Von Anfang an bezieht sie sich auf den Graphen des Begehrens, dort auf den Schnittpunkt oben rechts. Im Graphen ist sie das Gegenstück zum Ausdruck ($ ◊ a), zur Formel für das Phantasma, das sieht man auf den ersten Blick an der ähnlichen Bauweise.

Für den Ausdruck ($ ◊ D) verwendet Lacan fünf Bezeichnungen: „Code des Unbewussten“, „Signifikantenschatz“, „Vokabular des Unbewussten“, „Trieb“ und „Wunschvokabular“.

In den Seminaren 5 und 6, in denen die Formel eingeführt wird, bezeichnet Lacan den Ausdruck ($ ◊ D) als „Code des Unbewussten“ (Miller ändert ihn in „unbewusster Code“). Danach verwendet Lacan diese Formulierung nicht mehr, im Aufsatz Subversion des Subjekts weist er den Begriff des Codes ausdrücklich zurück, wegen der damit verbundenen Unterstellung einer Eins-zu-eins-Zuordnung von Zeichen und Sache.

In Seminar 5 bezeichnet Lacan die Formel auch als „Signifikantenschatz“ – eine Analogbildung zu „Wortschatz“ – sowie als „Vokabular des Unbewussten“. Die Benennung als „Signifikantenschatz“ behält er in dem hier betrachteten Zeitraum, bis 1964, bei.

In dem Aufsatz Die Ausrichtung der Kur (1960) wird der Ausdruck ($ ◊ D) als Formel für den Trieb bezeichnet; auch diese Zuordnung behält er bei. Die Bezeichnungen als „Signifikantenschatz“ und als „Trieb“ laufen bei Lacan nebeneinander her.

Den Ausdruck „Wunschvokabular“ gebraucht Lacan in Seminar 8, wobei er das deutsche Wort „Wunsch“ verwendet.

Die Formel ($ ◊ D) repräsentiert den Signifikantenschatz, durch den im Unbewussten eines Subjekts der Trieb repräsentiert wird.

$

Das durchgestrichene S, also das Symbol $, wird von Lacan auf zwei Weisen gelesen, als „ausgestrichenes Subjekt“ und als „Subjekt im Fading“; diese beiden Lesweisen meinen dasselbe mit unterschiedlicher Akzentuierung.

Der Begriff „ausgesperrtes Subjekt“ (sujet barré) wird in Seminar 5 eingeführt, er dient von Anfang an dazu, das durchgestrichene S in den Formeln ($ ◊ D) und ($ ◊ a) zu benennen. Das „ausgesperrte Subjekt“ ist das von der Sprache geprägte und durch sie gespaltene Subjekt. Die Subjektspaltung besteht darin, dass das Subjekt auf zwei Ebenen spricht. Die eine ist das (scheinbar) bewusst kontrollierte Sprechen (Ebene der Aussage, énoncé), die andere das „Sprechen“ der Symptome, Wiederholungszwänge, Versprecher (Ebene des Äußerungsvorgangs, énonciation). Auch die Unterscheidung von Aussage und Äußerungsvorgang wird in Seminar 5 eingeführt.

Den Begriff „Subjekt im Fading“ bzw. „Fading des Subjekts“ verwendet Lacan erstmals in Seminar 6. Der englische Ausdruck fading meint Verklingen, Verschwinden; das Subjekt im Fading ist das verschwindende Subjekt. In Seminar 6 verwendet Lacan den Ausdruck „Fading des Subjekts“ synonym mit „Aphanisis des Subjekts“ – „Aphanisis“ ist das griechische Wort für „Verschwinden“.

Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass das Subjekt sich zu erfassen versucht, in seinem Begehren, dass es sich aber entzieht. Es erlebt die Signifikanten, in denen sich sein Unbewusstes äußert – z..B. einen Wiederholungszwang –, als etwas, was ihm zustößt, als etwas ihm Fremdes, es ist ihm nicht möglich, sich die Signifikanten des unbewussten Diskurses zuzuschreiben. Es kann sich als Subjekt des Äußerungsvorgangs nicht benennen, es verschwindet als Subjekt des Äußerungsvorgangs.

Das Symbol ◊ wird von Lacan als losange bezeichnet, „Raute“ oder „Rhombus“ (ab Seminar 5) oder als poinçon, „Punze“ (ab Seminar 9); er verwendet die Bezeichnungen parallel.

Das Symbol der Raute hat vier Bedeutungen: Kurzdarstellung von Schema L, Schnitt, Rand und Junktor.

In den Seminaren 5 und 6 deutet Lacan die Raute als Kurzdarstellung für das Schema L, das er in Seminar 2 zum ersten Mal vorgestellt hatte (noch nicht unter diesem Namen). Als Schema L begriffen, stellt die Raute die Beziehung des Anderen zum Subjekt und des Subjekts zum Anderen dar, wobei dieses Doppelverhältnis durch die imaginäre Beziehung zwischen dem Bild des anderen und dem Ich zugleich blockiert und vermittelt wird.

Der Andere, auf den das Subjekt sich im Kontext der Formel bezieht, ist der Andere als Adressat des Liebesanspruchs, d..h. der Forderung des Subjekts, vom Anderen geliebt zu werden. Der Liebesanspruch ist die Forderung nach Anwesenheit des Anderen, d..h. er bezieht sich auf den Anderen, insofern er anwesend oder abwesend sein kann und in diesem Sinne auf den symbolischen Anderen.

Ab Seminar 6 (1959) deutet Lacan die Raute auch als Symbol für den Schnitt. In diesem Seminar verweist er dabei nur auf die Formel für das Phantasma, also auf ($ ◊ a). Ab Die Ausrichtung der Kur (1960) bezieht er diese Deutung auch auf die Formel ($ ◊ D).

Signifikanten sind differenziell verfasst, dazu gehört, dass der Übergang zwischen ihnen nicht gleitend ist, sondern sprunghaft, dass es zwischen ihnen also einen Abstand gibt. Diese Distanz gibt es sowohl in der diachronen Beziehung von Signifikanten – in der Verkettung im zeitlichen Nacheinander, etwa zu Wörtern oder Sätzen – als auch in der synchronen Beziehung, im Signifikantenschatz. Ab den ersten Seminaren bezeichnet Lacan diesen Abstand als „Intervall“; das Intervall ist das letzte strukturelle Charakteristikum des Symbolischen, heißt es in Seminar 6. Dieses Intervall wird ab Seminar 6 auch als Schnitt bezeichnet.

Im Schnitt, so heißt es in Seminar 6, manifestiert sich auf der Ebene des Symbolischen das Reale. Im Phantasma ist dem Subjekt eine Erfahrung des Schnitts möglich, etwa als Spalte, als Schlitz oder als Riss.

Ab Seminar 9 wird der Begriff des Schnitts von Lacan durch Bezug auf die mathematische Topologie theoretisch weiter ausgearbeitet. Der Schnitt ist die topologische Darstellung der Differenz im synchronen Signifikantensystem, heißt es hier. Die Modifikation des Realen durch den Anspruch wird von ihm hier topologisch als Schnitt in eine Oberfläche konzeptualisiert.

In Seminar 10 heißt es: Der Schnitt ist ein Schnitt in den Elan des Jägers (in sein Antriebssystem).

In Seminar 11 wechselt Lacan vom Begriff „Schnitt“ zu einem anderen Begriff der mathematischen Topologie, zum „Rand“.

Die Raute wird in Seminar 11 als Symbol für ein Aufklaffen (béance) gedeutet. Lacan unterscheidet zwei Arten des Aufklaffens, das Aufklaffen auf der Ebene des Unbewussten und das Aufklaffen auf der Ebene des Körpers. Auf der Ebene des Unbewussten symbolisiert die Raute die zirkuläre Beziehung des Subjekts zum Anderen; das schließt an die Deutung der Raute als L-Schema in Seminar 5 an. Mit dem Aufklaffen auf der Ebene des Unbewussten ist vielleicht auch der Schnitt im Sinne von Seminar 9 gemeint, der Schnitt als topologische Entsprechung der synchronen Signifikantendifferenz. Das Aufklaffen auf der Ebene des Körpers sind die Körperöffnungen. Die Raute symbolisiert diese beiden Formen des Aufklaffens.

Um Körperöffnungen herum liegen die erogenen Zonen. Im Funktionieren des Triebes spielen sie eine Schlüsselrolle: Der Trieb vollzieht eine Kreisbahn, er geht von der erogenen Zone aus und kehrt (auf dem Umweg über das Objekt) zu ihr zurück. Auf dieser Kreisstruktur beruht die Verschränkung von Exhibitionismus und Voyeurismus, von Sadismus und Masochismus. Das wesentliche Merkmal einer erogenen Zone besteht für Lacan darin, dass sie abgegrenzt ist, dass sie einen „Rand“ hat. In Subversion des Subjekts hatte er diese Grenzlinie als „Schnitt“ bezeichnet, in Seminar 11 wechselt er ausdrücklich vom „Schnitt“ zum „Rand“. Die Topik der erogenen Zone, ihre Raumstruktur, ist also durch zwei Merkmale charakterisiert: Öffnung und Rand. Lacan bringt das eng zusammen, offenbar versteht er unter einem Rand den Rand-um-eine-Öffnung.

Die Raute erhält damit eine weitere Bedeutung. Sie symbolisiert nicht mehr nur die unbewusste Beziehung des Subjekts zum Anderen in den Formeln für den Trieb und für das Phantasma, sondern auch den Rand einer erogenen Zone.

Im Aufsatz Die Ausrichtung der Kur (1960) beginnt Lacan damit, die Raute als ein Ensemble von Junktoren zu deuten, von Verknüpfern.

Die Raute, so heißt es in diesem Aufsatz, bezeichnet zwei Paare von gegensätzlichen Relationen: Einwicklung/Entwicklung und Konjunktion/Disjunktion. Konjunktion und Disjunktion, so erfährt man in Seminar 11, entstehen durch horizontale Spaltung der Raute, hierdurch erhält man die Symbole ∧ (Und) und ∨ (inklusives Oder). Damit sind vermutlich die Beziehungen zwischen dem ausgestrichenen Subjekt ($) und dem Objekt a gemeint (beim Phantasma) sowie die Beziehungen zwischen dem ausgestrichenen Subjekt ($) und dem Anspruch (D) gemeint (bezogen auf den Trieb).

In Seminar 10 heißt es: Vom Schnitt her nötigen sich die Symbole für „größer als“ und für „kleiner als“ auf, also > und <. Vermutlich ist gemeint: Man kann diese Symbole durch vertikale Spaltung der Raute erzeugen. Mir ist nicht klar, was damit gemeint ist.

In Seminar 11 schließt Lacan an die Aufspaltung der Raute in ∧ (Und) und ∨ (inklusives Oder) an und entwickelt von hier aus zwei Beziehungen zwischen dem Subjekt und dem Anderen: die auf dem Oder aufbauende Entfremdung und die auf dem Und aufbauende Trennung.

$ ◊

Die Formel ($ ◊ D) wird in Seminar 10 als Verhältnis des Begehrens zum Anspruch gedeutet. Die Zeichenfolge ($ ◊) repräsentiert demnach das Begehren. Das Begehren zirkuliert also im Verhältnis des verschwindenden Subjekts ($) zum Anderen (◊).

D

Das große D steht für demande, „Anspruch“ oder „Forderung“. Gemeint sind damit orale, anale, genitale und andere Forderungen.

Der Unterschied zwischen oralen und analen Forderungen wird in Seminar 8 erläutert: Eine orale Forderung ist die Forderung des Subjekts nach Nahrung, sie richtet sich an den Anderen. Eine anale Forderung ist die Forderung nach Ausscheiden oder Zurückhalten der Exkremente, sie kommt vom Anderen und richtet sich an das Subjekt. In Seminar 10 wird die genitale Forderung so charakterisiert: Das, was gefordert wird, ist das Liebemachen und damit der Orgasmus, der „kleine Tod“; also ist die genitale Forderung auf den Todestrieb zu beziehen. Diese Forderung scheint sich an den Partner zu richten, aber das ist nicht so sicher, sagt Lacan.

Die Formel ($ ◊ D) bezieht sich auf diese Forderungen, insofern sie aus dem Zusammenhang der Bedürfnisbefriedigung herausgelöst sind und als Metaphern für den Liebesanspruch fungieren.

Die Formel insgesamt

Die Formel ($ ◊ D) steht für den Code des Unbewussten, für den unbewussten Signifikantenschatz, für das Vokabular, dass das Unbewusste verwendet, wenn es spricht. Es ist zugleich die Formel für den Trieb. Der Signifikantenschatz ist also der mit dem Trieb verbundene Signifikantenschatz. Die Formel bezieht sich auf den Trieb, sofern er im Unbewussten durch Signifikanten repräsentiert ist, man könnte sagen: auf das Triebvokabular.

Der Trieb, so heißt es in Seminar 9, ist die erste Modifikation des Realen im Subjekt durch die Einwirkung des Anspruchs.

Der Code des Unbewussten besteht aus Ansprüchen, aus oralen, analen, genitalen und anderen Forderungen (D). Gemeint sind archaische Ansprüche, die im Verlauf einer psychoanalytischen Kur durch die aktuell erhobenen Ansprüche hindurchschimmern.

Die beiden Symbole $ und ◊ weisen darauf hin, dass diese Ansprüche aus dem Zusammenhang der Bedürfnisbefriedigung, in dem sie entstanden sind, herausgelöst sind, und eine andere Funktion haben: sie dienen dem Subjekt auf der Ebene des Unbewussten ($) als Vokabular, um sich an den Anderen zu wenden (◊). Das Triebvokabular liefert die Metaphern für den Liebesanspruch. Der Liebesanspruch ermöglicht wiederum einen Zugang zum Begehren.

Die Formel gibt an, wie der Trieb „spezifiziert“ wird, heißt es in Seminar 9, womit vermutlich gemeint ist, dass die Triebe sich durch ihr unterschiedliches Verhältnis zum Anspruch unterscheiden, nämlich durch die unterschiedliche Art, wie im Anspruch (D) die Beziehung zum Anderen (◊) hergestellt wird.

Die Formel bezieht sich nicht nur auf die synchrone Struktur des Triebs, sondern auch auf seine Diachronie, erfährt man in Subversion des Subjekts. Der Ausdruck soll auch so interpretiert werden, dass der Wechsel der Triebphasen (oral, anal usw.) auf der Veränderung des Anspruchs (D) und damit auf einem Wandel in der Beziehung zum Anderen (◊) beruht.

Die Beziehung zwischen dem Verschwinden des Subjekts ($) und dem Anspruch (D) wird von Lacan auf zwei Weisen gedeutet. In den Seminaren 5 und 6 wird der Zusammenhang so dargestellt: Das Subjekt fragt sich bewusst nach seinem wahren Begehren jenseits der Unterordnung unter den Anspruch („Que vuoi?“). Die Antwort wird ihm auf der Ebene des Äußerungsvorgangs gegeben, anders gesagt, auf der Ebene von Wiederholungszwängen, Symptomen, Versprechern usw. Es ist ihm jedoch nicht möglich, sich die Signifikanten des unbewussten Diskurses selbst zuzuschreiben, es kann sich als Subjekt des Äußerungsvorgangs nicht benennen, es verschwindet als Subjekt des Äußerungsvorgangs ($). Damit stellt sich die Frage, wie es unter dieser Bedingung dem Subjekt möglich ist, sich in seinem Begehren jenseits des Anspruchs zu erfassen, jenseits des Ichideals. Einer der Wege ist die Entzifferung des unbewussten Codes ($ ◊ D), d..h. eines Vokabulars von Ansprüchen (D), die es ihm ermöglichen, seiner Beziehung zum Anderen (◊) und damit seinem Begehren auf die Spur zu kommen.

In Seminar 8 beschreibt Lacan die Beziehung zwischen dem Verschwinden des Subjekts und dem Anspruch etwas anders: Das Subjekt verschwindet insofern, als es sich den Signifikanten seines Anspruchs unterordnet.

Die beiden Lesarten sind vereinbar: Das Subjekt verschwindet insofern, als es sich den Signifikanten des Anspruchs unterordnet, aber eben diese entfremdenden Signifikanten ermöglichen ihm einen Zugang zur Rekonstruktion seines Begehrens.

Stellung im Graphen

Abb 4 - Graph mit 4 Linien gefärbtIm Graphen liegt die Formel am Schnittpunkt dreier Linien: der Linie „Que vuoi?“ [Linie 2], der Linie des unbewussten Liebesanspruchs [Linie 3] und der beiden Linien des unbewussten Kreislaufs (der Rückkoppelungslinien zwischen den Punkten $ ◊ D und S(Ⱥ)) [Linie 4]. Diese Linienüberkreuzung stellt dar: Das Subjekt fragt sich bewusst, was sein Begehren ist, jenseits der Unterordnung unter den Anspruch (dies wird repräsentiert durch die Linie „Que vuoi?“ [Linie 2]). Hierbei stößt es auf den unbewussten Liebesanspruchs (die von „Genießen“ nach „Kastration“ führende Linie [Linie 3]). Damit beginnt die Entzifferung des Unbewussten, dargestellt durch die Rückkoppelungslinien zwischen ($ ◊ D) und S(Ⱥ) [Linie 4]. Zur Erkundung des eigenen Begehrens gehört die Rekonstruktion des unbewussten Vokabulars ($ ◊ D), in dem der Liebesanspruch artikuliert wird.

Klinik

Die Formel ($ ◊ D) bezieht sich auf den Signifikantenschatz des Unbewussten, der im Verlauf einer psychoanalytischen Kur entziffert wird. Durch die während einer Kur vom Patienten aktuell erhobenen Forderungen schimmern andere, archaische Forderungen hindurch (D), um diese Forderungen geht es.

Die Bedingung dafür, diese archaischen Forderungen entziffern zu können ist der Vorgang, der als „Regression“ bezeichnet wird. Sie besteht darin, dass das Subjekt mehr oder weniger deutlich verdrängte orale oder anale oder andere Ansprüche artikuliert und dies in der Weise, dass es damit an den Anderen seinen Liebesanspruch richtet, dass also die beim Untergang des Ödipuskomplexes verdrängte Liebesforderung aktualisiert wird. In einer psychoanalytischen Kur geht es unter anderem darum, dass dem Subjekt dieser Code, dieser Signifikantenschatz „bewusst wird“, besser gesagt, dass es sich in seinem Sprechen darauf bezieht; die vom Analytiker geförderte Regression ist das Mittel dazu.

Lacan unterscheidet in Seminar 6 zwei Verfahren, wie ein Analytiker versuchen kann, dem Subjekt den Code bewusst zu machen. Ohne Konfrontation und mit Konfrontation; mir ist nicht klar, was damit gemeint ist. Das erste Verfahren, sagt Lacan, ist meist mit der Widerstandsanalyse oder mit einer bestimmten Form der Widerstandsanalyse verbunden. Lacan lehnt diese Vorgehensweise ab, da sie das Subjekt auf den Anspruch reduziert. Das zweite Verfahren, die Konfrontation, geht mit einer oszillierenden Akzentuierung der Deutung einher; auch hier ist mir nicht klar, worauf Lacan sich bezieht. Entscheidend ist, dass die Deutung so erfolgt, dass das Subjekt nicht auf den Anspruch reduziert wird, sondern dass es ihm möglich wird, sich in seinem „Sein“ zu manifestieren, in seinem Seinsmangel, in seinem Begehren, so dass es sich gewissermaßen rückwirkend zum Subjekt des Unbewussten machen kann.

Die Entzifferung des Triebvokabulars ist, neben der Entzifferung des Phantasmas, die Voraussetzung dafür, dass das Subjekt die Antwort auf seine Frage, was es will, entziffern kann, die Antwort, die im Graphen durch das Symbol S(Ⱥ) bezeichnet wird, Signifikant des Mangels im Anderen (Seminar 8).

Verhältnis zum Phantasma

Die Ähnlichkeit der Formel für das Phantasma ($ ◊ a) und der Formel für den Trieb ($ ◊ D) zeigt, warum die Triebe beim Neurotiker abgelesen werden konnten: weil sich beim Neurotiker das Phantasma ($ ◊ a) als Trieb ($ ◊ D) darstellt, anders gesagt: weil das Phantasma des Neurotikers häufig pervers ist (Seminar 10).

Zusammenfassung der Zusammenfassung

Die Formel ($ ◊ D) steht für das Vokabular, mit dem der Trieb im Unbewussten repräsentiert ist. Dieses Vokabular besteht aus oralen, analen, genitalen und anderen Ansprüchen (D). Die  Symbole ($ ◊) weisen darauf hin, dass diese Ansprüche aus dem Zusammenhang der Bedürfnisbefriedigung, in dem sie entstanden sind, herausgelöst sind, und als Vokabular dienen, mit denen sich das Subjekt des Unbewussten ($) auf den Anderen bezieht (◊), um ihm gegenüber einen Liebesanspruch zu erheben; in dieser Beziehung zum Anderen zirkuliert das Begehren. Unter klinischen Aspekt steht die Formel für die Entzifferung des Triebvokabulars im Rahmen der Regression in einer psychoanalytischen Kur.

Ausblick

Auch in späteren Texten bezieht Lacan sich immer wieder auf die Formel ($ ◊ D). Besonders ausführlich spricht er über sie in Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen135; noch in dem Aufsatz L’étourdit von 1973 spielt er auf sie an.136, das bezieht sich auf die Raute in der Formel ($ ◊ D).

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Anmerkungen

  1. J. Lacan: Die Bildungen des Unbewußten. Das Seminar, Buch V (19571958). Textherstellung von Jacques-Alain Miller, Übersetzung von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2006.
  2. J. Lacan: Le désir et son interprétation. Le séminaire, livre VI (19581959). Textherstellung von Jacques-Alain Miller. La Martinière, Paris 2013. Übersetzungen im Folgenden sind von mir, RN.
  3. Im Original „code de l’inconscient“, Seminar 6, Sitzung vom 18. März 1959. Die Formulierung findet man in der von Lacan in Auftrag gegebenen Stenotypie (S. 26), ebenso in Version Staferla. Jacques-Alain Miller ändert die Stelle und schreibt stattdessen „code inconscient“ (unbewusster Code) (Version Miller, S. 337).
  4. J. Lacan: Das Freud’sche Ding oder Der Sinn einer Rückkehr zu Freud in der Psychoanalyse. Übersetzt von Monika Mager. Turia und Kant, Wien 2011, S. 60; erweiterte Fassung eines Vortrags von 1955, erschienen 1956.
  5. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 18. Dezember 1958; Version Miller, S. 124 f.
  6. Eine Zeichnung mit M und C an allen vier Überschneidungspunkten findet man nicht in den Lacan-Ausgaben. Die Zuordnung von M und C zu den vier Überkreuzungsstellen ergibt sich aus Lacans Erläuterungen in den Seminaren 5 und 6 sowie aus den veröffentlichten Zeichnungen.
    In Seminar 5 wird der linke Knotenpunkt häufig mit „M“ bezeichnet, der rechte jedoch nie mit „C“, stattdessen meist mit „A“ (im Folgenden verwende ich die Unterscheidung von vier Konstruktionsstufen des Graphen aus Subversion des Subjekts). Vgl. Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten, Version Miller/Gondek, S. 105 (zweite Konstruktionsstufe = einstöckiger Graph), 111 (zweite Konstruktionsstufe), 179 (zweite Konstruktionsstufe), 224 (vierte Konstruktionsstufe = zweistöckiger Graph, im unteren Stockwerk), 235 (vierte Konstruktionsstufe, im unteren Stockwerk), 237 (vierte Konstruktionsstufe, im oberen Stockwerk), 261 (erste Konstruktionsstufe = Polsterstich), 393 (vierte Konstruktionsstufe, unten), 608 (zweite Konstruktionsstufe).
    In Seminar 6 findet man die Bezeichnung der beiden Kreuzungspunkte mit M und C, dort sowohl für den elementaren, einstöckigen Graphen (vgl. Version Miller, S. 21), als auch bei der dritten Konstruktionsstufe des Graphen (der mit dem Fragezeichen) (vgl. Version Miller, S. 163).
  7. Vgl. Seminar 2, Sitzung vom 15. Juni 1955; Version Miller/Metzger, S. 354.
  8. Die erste Verwendung findet man in der Sitzung vom 6. November 1957 (Seminar 5); Version Miller/Gondek, S. 17. Der Psychose-Aufsatz wurde im Dezember 1957 und Januar 1958 geschrieben.
  9. Vgl. Ro­man Ja­kob­son: Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­sian verb (1957). In: Ders.: Selec­ted Wri­t­ings, Vol. II: Word and Lan­guage. Den Haag: Mou­ton 1972. S. 130–147.– Dt.: Ver­schie­ber, Ver­bka­te­go­rien und das rus­si­sche Verb. In: Ders.: Form und Sinn: Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 35–54; im In­ter­net hier.
  10. Zum ersten Mal in Seminar 5, Sitzung vom 8. Januar 1958; Version Miller/Gondek, S. 182.
  11. Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung, Sitzung vom 7. Januar 1959; Version Miller, S. 148.
  12. Zuerst findet man das Symbol $ in Seminar 5, Sitzung vom 26. März 1958; Version Miller/Gondek, S. 359.
  13. Seminar 14, Sitzung vom 16. November 1966, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  14. S. Freud: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (1914). In: Ders.: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet. Bd. 10, Werke aus den Jahren 19131917. Imago, London 1949, S. 125136, hier: S. 127 f.
  15. Seminar 5, Sitzung vom 11. Juni 1958; Version Miller/Gondek, S. 518, Übersetzung geändert; im Französischen steht hier „sujet barré ou pas barré“.
    In den Écrits findet man die Rede vom sujet barré zuerst in Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, einem Vortrag von 1958, dessen Endfassung 1960 geschrieben wurde und der 1961 veröffentlicht wurde.
  16. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 19. November 1958; Version Miller, S. 48 (bezogen auf $ in der Formel für das Phantasma, $ ◊ a). Dieselbe Formulierung verwendet Lacan für den Querstrich auf dem A in der Formel S(Ⱥ); vgl. Sitzung vom 7. Januar 1959, Version Miller, S. 148.
  17. Vgl. Seminar 5, Sitzung vom 26. März 1958; Version Miller/Gondek, S. 359. Speziell zur Raute vgl. Seminar 5, Sitzung vom 11. Juni 1958; Version Miller/Gondek, S. 517 f.
  18. Von poinçon spricht Lacan erstmals in Seminar 9, Die Identifizierung, Sitzung vom 16. Mai 1962. In den Écrits findet man die Bezeichnung von ◊ als poinçon nur in Kant avec Sade, allerdings noch nicht in der Version von 1963, sondern erst in der von 1966 (Écrits, S. 774; Schriften II, S. 145).
  19. Seminar 5, Sitzung vom 26. März 1958; Version Miller/Gondek, S. 374.
  20. Schema L wird, ohne diese Bezeichnung, in Seminar 2 in der Sitzung vom 25. Mai 1955 zum ersten Mal dargestellt (vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger S. 310); die Etikettierung als „Schema L“ findet man zuerst in dem 1957 veröffentlichten Poe-Aufsatz (vgl. J. Lacan: Seminar über E.A. Poes „Der entwendete Brief“. In: Ders.: Schriften I, a.a.O., S. 760, hier: S. 53).
  21. Seminar 5, Sitzung vom 11. Juni 1958; Version Miller/Gondek, S. 517 f.
  22. Vgl. Seminar 5, Sitzung vom 14. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 455.
  23. Vgl. Seminar 5, Sitzung vom 21. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 487489
  24. Vgl. Seminar 8, 15. März 1961; Version Miller/Gondek, S. 252.
  25. Vgl. Seminar 8, Sitzung vom 15. März 1961; Version Miller/Gondek, S. 255 f.
  26. Vgl. Seminar 5, Sitzung vom 21. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 488.
  27. Seminar 4, Sitzung vom 12. Dezember 1956; Version Miller/Gondek, S. 67.
  28. Seminar 5, Sitzung vom 30. April 1958, Version Miller/Gondek, S. 431; Sitzung vom 14. Mai 1958, Version Miller/Gondek, S. 463.
  29. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 27. Mai 1959; Version Miller, 467.
  30. Miller fügt hiernach ein: „ – ($ ◊ D)“
  31. Seminar 5, Sitzung vom 11. Juni 1958; Version Miller/Gondek, S. 519, Übersetzung geändert.
  32. Vgl. Séminaire 5, Version JL, auf der Seite der École Lacanienne de Paris, Sitzung vom 11. Juni 1958, S. 4.
  33. Vgl. Seminar 5, Sitzung vom 11. Juni 1958, S. 519; Sitzung vom 2. Juli 1958, S. 582.
  34. Seminar 5, Sitzung vom 21. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 488, Übersetzung geändert.
  35. Seminar 5, Sitzung vom 21. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 489.
  36. Seminar 5, Sitzung vom 25. Juni 1958; Version Miller/Gondek, S. 562; vgl. auch in derselben Sitzung S. 573.
  37. Seminar 5, Sitzung vom 2. Juli 1958; Version Miller/Gondek, S. 582.
  38. Seminar 6, Sitzung vom 7. Januar 1959; Version Miller, S. 147 f.
  39. Vgl. Wilhelm Reich: Charakteranalyse. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1989, darin v.a. „Zur Technik der Deutung und der Widerstandsanalyse“ (1927), S. 4971; „Zur Technik der Charakteranalyse“ (1933), S. 72160.
  40. J. Lacan: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht. Übersetzt von Norbert Haas. In: Ders.: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 181. Dieser Text wurde 1960 geschrieben, er beruht auf einem Vortrag von 1958 und wurde 1961 veröffentlicht.
  41. George Devereux: Some criteria for the timing of confrontations and interpretations. In: The International Journal of Psycho-Analysis, 32. Jg. (1951), Heft 1, S. 1924.
  42. Seminar 6, Sitzung vom 27. Mai 1959; Version Miller/Gondek, S. 467.
  43. Vgl. Seminar 4, Sitzung vom 12. Dezember 1956; Version Miller/Gondek, S. 76 f., 8284. Vgl. auch die Tabelle in der Sitzung vom 6. März 1957, Version Miller/Gondek, S. 235, sowie in der Sitzung vom 3. April 1957, Version Miller/Gondek, S. 317.
  44. Seminar 6, Sitzung vom 15. April 1959; Version Miller, S. 368.
  45. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 10. Juni 1959; Version Miller, S. 501.
  46. Seminar 6, Sitzung vom 3. Dezember 1958; Version Miller, S. 96.
  47. Seminar 6, Sitzung vom 13. Mai 1959; Version Miller, S. 435.
  48. Semnar 6, Sitzung vom 27. Mai 1959; Version Miller, S. 466 f.
  49. Vgl. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213272, hier: S. 232.
  50. Das Konzept der Raute als Schnitt entwickelt Lacan in Seminar 6 in den Sitzungen vom 20. Mai, 27. Mai, 3. Juni, 10. Juni, 24. Juni und 1. Juli 1959.
  51. Saussure: „Alles Vorausgehende läuft darauf hinaus, daß es in der Sprache nur Verschiedenheiten gibt. Mehr noch, eine Verschiedenheit setzt im allgemeinen positive Einzelglieder voraus, zwischen denen sie besteht; in der Sprache aber gibt es nur Verschiedenheiten ohne positive Einzelglieder. Ob man Bezeichnetes [Signifikate] oder Bezeichnendes [Signifikanten] nimmt, die Sprache enthält weder Vorstellungen noch Laute, die gegenüber dem sprachlichen System präexistent wären, sondern nur begriffliche und lautliche Verschiedenheiten, die sich aus dem System ergeben.“ (Ferdinand de Saussure: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Hg. v. Charles Bally und Albert Sechehaye. Übersetzt von Herman Lommel. De Gruyter, Berlin 1967, Zweiter Teil, Kapitel IV, § 4, „Das Zeichen als Ganzes betrachtet“, S. 143 f.)
  52. Seminar 1, Sitzung vom 24. Februar 1954, meine Übersetzung nach Version Miller; Hamacher übersetzt falsch mit „Türzwischenraum“ (Version Miller/Hamacher, S. 113).
  53. Seminar 2, Sitzung vom 9. Februar 1955; Version Miller/Metzger, S. 156; Metzger übersetzt hier „dans l’intervalle“ mit „dazwischen“.
  54. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 19. November 1958; Version Miller, S. 42.
  55. Die Stellung des Unbewussten. Übersetzt von Norbert Haas. In: J. Lacan: Schriften II. Walter-Verlag, Olten und Freiburg i.Br. 1975, S. 205230, hier: S. 222 f., Übersetzung geändert. Die Endfassung von Die Stellung des Unbewussten wurde 1964 geschrieben; der Text beruht auf einem Vortrag von 1960, wurde 1962 geschrieben und 1966 veröffentlicht.
  56. Sur la théorie du symbolisme d’Ernest Jones. In: J. Lacan: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 708. Der Aufsatz wurde 1959 geschrieben und 1960 veröffentlicht.
  57. Vgl. etwa Seminar 3, Sitzung vom 25. Januar 1956; Version Miller/Turnheim, S. 135; Sitzung vom 6. Juni 1956; Version Miller/Turnheim, S. 307.
  58. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 1. Juli 1959; Version Miller, S. 564 f.
  59. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 27. Mai 1959; Version Miller, S. 471.
  60. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 20. Mai 1959; Version Miller, S. 451.
  61. Seminar 2, Sitzung vom 15. Juni 1955; Version Miller/Metzger, S. 361.
  62. Seminar 2, Sitzung vom 29. Juni 1955; Version Miller/Metzger, S. 408.
  63. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; Version Miller, S. 539.
  64. Seminar 6, Sitzung vom 20. Mai 1959; Version Miller, S. 450.
  65. Seminar 6, Sitzung vom 3. Juni 1959; Version Miller, S. 482.
  66. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; Version Miller, S. 536.
  67. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 10. Juni 1959; Version Miller, S. 495.
  68. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; Version Miller, S. 540.
  69. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 3. Juni 1959; Version Miller, S. S. 497.
  70. Seminar 6, Sitzung vom 1. Juli 1959; Version Miller, S. 572.
  71. Vgl. Nicolas Langlitz: Die Zeit der Psychoanalyse. Lacan und das Problem der Sitzungsdauer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
  72. Einen Überblick über die topologische Konzeption des Schnitts findet man in: Bernard Vandermersch: Artikel coupure. In: Ders. u. Roland Chemama (Hg.): Dictionnaire de la psychanalyse. Larousse, Paris 2009, S. 121126.
  73. J. Lacan: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht. Übersetzt von Norbert Haas. In: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 171239, hier: 227, Übersetzung geändert.
  74. Die Ausrichtung der Kur, a.a.O., S. 227, Übersetzung geändert.
  75. Vgl. Pas-tout Lacan. Hg. v. der École lacanienne de psychanalyse, S. 785.
    Die Zusammenfassung von Pontalis ist übersetzt worden: Jean-Bertrand Pontalis: Zusammenfassende Wiedergaben der Seminare IV-VI von Jacques Lacan. 2., durchgesehene Auflage. Turia und Kant, Wien 1999, S. 143-173.
  76. S. Freud: Das Unbewußte (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 119173, hier: S. 136.
  77. Écrits, S. 221; Vortrag von 1951, der 1952 veröffentlicht wurde.
  78. Vgl. Seminar 1, Sitzung vom Sitzung vom 24. März 1954; Version Miller/Hamacher, S.156, 158.
  79. Vgl. Seminar 2, Sitzung vom 26. Januar 1955; Version Miller/Metzger, S. 124.
  80. Seminar 6, Sitzung vom 15. April 1959; Version Miller, S. 368.
  81. Seminar 5, Sitzung vom 21. Mai 1958; Version Miller/Gondek, S. 487.
  82. Seminar 9, Sitzung vom 16. Mai 1962; meine Übersetzung nach Version Staferla.
  83. Seminar 6, Sitzung vom 19. November 1958; Version Miller, S. 42.
  84. Die Ausrichtung der Kur, a.a.O., S. 227, meine Übersetzung.
  85. S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 524.– Die Unterscheidung der drei Regressionsarten ist ein Zusatz zur Traumdeutung von 1914.
  86. J. Lacan: Die Übertragung. Das Seminar, Buch VIII (19601961). Textherstellung von Jacques-Alain Miller, übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Passagen-Verlag, Wien 2008.
  87. Seminar 8, Sitzung vom 3. Mai 1961; Version Miller/Gondek, S. 333 f., Übersetzung geändert nach Version Staferla; „Wunsch“ im Original deutsch.
  88. J. Lacan: L’identification. Séminaire 9, 1961/62. Hg. v. der Website staferla.free.fr, o.O., o.J., im Internet hier.
  89. Seminar 9, Sitzung vom 21. März 1962; Version Staferla. Die Übersetzung von Passagen aus Seminar 9 ist hier und im Folgenden von mir, RN.
  90. Seminar 9, Sitzung vom 30. Mai 1962; Version Staferla, meine Übersetzung, „Trieb“ im Original deutsch.
  91. Seminar 9, Sitzung vom 15. November 1961
  92. Vgl. S. Freud: Triebe und Triebschicksale (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 75-102, v.a. S. 90-96.
  93. Vgl. J. Lacan: Die lo­gi­sche Zeit und die As­ser­tion der an­ti­zi­pier­ten Ge­wiss­heit. Ein neues So­phisma (1945). Übers. v. Hans-Joachim Metz­ger. In: Ders.: Schrif­ten III. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag Olten und Freiburg i.Br. 1980, S. 123171.
  94. Seminar 9, Sitzung vom 16. Mai 1962; meine Übersetzung nach Version Staferla.
  95. J. Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten. Übersetzt von Chantal Creusot und Norbert Haas. In: J. Lacan: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1975, S. 165204.
  96. Zur Datierung auf das Jahr 1962 vgl. den Hinweis von Jacques-Alain Miller in seiner Ausgabe von Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten, Version Miller/Gondek, S. 602.
  97. Subversion des Subjekts, a.a.O., S. 180, meine Übersetzung.
  98. Seminar 2, Sitzung vom 15. Juni 1955; Version Miller/Metzger, S. 354.
  99. Subversion, a.a.O., S. 193.
  100. Vgl. Subversion, a.a.O., S. 177.
  101. Seminar 11, Sitzung vom 13. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 189.
  102. Vgl. Seminar 8, Sitzung vom 15. März 1961.
  103. Subversion, a.a.O., S. 193, Übersetzung geändert.
  104. Vgl. S. Freud: Triebe und Triebschicksale (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Man 2000, S. 75102, v.a. S. 8587.
    Lacan kommentiert diese vier Begriffe ausführlich in Seminar 11, in der Sitzung vom 6. Mai 1964.
  105. Triebe und Triebschicksale, a.a.O., S. 82.
  106. Vgl. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 173176.
  107. Vgl. Triebe und Triebschicksale, a.a.O., S. 82.
  108. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 177.
  109. Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. S. 37145, hier: S. 7678, 8893, 112118.
  110. Vgl. Triebe und Triebschicksale, a.a.O., S. 90.
  111. Subversion des Subjekts, a.a.O., S. 193, meine Übersetzung.
  112. Beispielsweise Odyssee, 1. Gesang, Zeile 64, wörtliche Übersetzung: „Welche Rede, mein Kind, ist dem Gehege deiner Zähne entflohen?“ Voß übersetzt leider mit: „Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen?“
  113. Vgl. Seminar 6, Sitzung vom 20. Mai 1959; Version Miller, S. 454.
  114. Sitzung vom 15. November 1965.
  115. Vgl. Seminar 11, Sitzung vom 27. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 217.
  116. J. Lacan: Die Angst. Das Seminar, Buch X (19621963). Textherstellung von Jacques-Alain Miller, Übersetzung von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2010.
  117. Seminar 10, Sitzung vom 12. Dezember 1962; Version Miller/Gondek, S. 89.
  118. Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 74.
  119. Seminar 10, Sitzung vom 29. Mai 1963; Version Miller/Gondek, S. 328.
  120. Seminar 10, Sitzung vom 29. Mai 1963; Version Miller/Gondek, S. 329, Übersetzung geändert.
  121. J. Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Das Seminar, Buch XI (1964). Textherstellung von Jacques-Alain Miller, Übersetzung von Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten und Freiburg i.Br. 1978.
  122. Vor allem in den Sitzungen vom 6., 13. und 20. Mai 1964 (die Sitzung vom 20. Mai ist in Version Miller/Haas irrtümlich auf den 29. Mai datiert).
  123. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 177.
  124. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 178, Übersetzung geändert.
  125. Vgl. Triebe und Triebschicksale, a.a.O., S. 90.
  126. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 180.
  127. Seminar 11, Sitzung vom 6. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 181.
  128. Seminar 11, Sitzung vom 13. Mai 1965; Version Miller/Haas, S. 186, Übersetzung geändert.
  129. Vgl. Seminar 11, Sitzung vom 13. Mai 1965; Version Miller/Haas, S. 186188.
  130. Seminar 11, Sitzung vom 13. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 190, Übersetzung geändert.
  131. Seminar 11, Sitzung vom 27. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 217, Übersetzung geändert.
  132. Semianr 11, Sitzung vom 27. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 219, Übersetzung geändert.
  133. Seminar 9, Sitzung vom 21. März 1962; Version Staferla, meine Übersetzung.
  134. Seminar 11, Sitzung vom 27. Mai 1964; Version Miller/Haas, S. 220.
  135. Vgl. in Seminar 16 die Sitzungen vom 27. November 1968 (Version Miller, S. 54), vom 11. Dezember 1968 (Version Miller, S. 87 f.), vom 8. Januar 1969 (Version Miller, S. 101), vom 22. Januar 1969 (Version Miller, S. 123) und vom 26. März 1969 (Version Miller, S. 251 f.).
  136. Lacan spricht hier von der Funktion des Lochs in bezug auf den Trieb, und dass die Analyse daraus ein Mathem gemacht habe. Vgl. J. Lacan: L’étourdit. In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 449495, hier: 485.

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