Graph des Begehrens

Der Graph des Begehrens oder Auf der Suche nach dem „Schreibbegehren“

Eli 5 Stone, Hearing voicesEli 5 Stone, Hea­ring voices, von hier

Seit ich Co­rin­na Sig­munds in­spi­rie­ren­des Buch Schreib­be­geh­ren ge­le­sen habe1, be­schäf­tigt mich die­ser Be­griff. Wie funk­tio­niert das „Schreib­be­geh­ren“? Wie lässt sich das Kon­zept an La­cans Theo­rie des Be­geh­rens an­schlie­ßen?

FirstLoveLastRitesVor ein paar Ta­gen stieß ich im In­ter­net beim FAZ-Le­sen auf ei­nen Ar­ti­kel von Ian McE­wan, in dem er die An­fän­ge sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Tä­tig­keit be­schreibt. Der Text ist das Vor­wort zu ei­ner Neu­aus­ga­be sei­nes ers­ten Bu­ches, der 1975 er­schie­ne­nen Kurz­ge­schich­ten­samm­lung First love, last ri­tes; im Deut­schen heißt es Ers­te Lie­be – letz­te Ri­ten.2 Das Le­sen die­ser au­to­bio­gra­phi­schen Skiz­ze hat mich auf eine Idee ge­bracht.

Graph des Begehrens

Graph des Begehrens[note]Abbildung des Gra­phen des Be­geh­rens aus: J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuß­ten. In: Ders.: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i. Br. 1975, S. 165–204, hier: S. 193.[/note]

La­can hat sei­ne Theo­rie des Be­geh­rens im so­ge­nann­ten Gra­phen des Be­geh­rens zu­sam­men­ge­fasst.3 Müss­te es nicht mög­lich sein, die Be­zie­hung zwi­schen dem Be­geh­ren im Sin­ne von La­can und dem Schrei­ben da­durch zu er­hel­len, dass man McE­wans au­to­bio­gra­phi­sche Mi­nia­tur in La­cans Sche­ma ein­trägt? Wenn die bei­den Stock­wer­ke des Gra­phen, wie La­can be­haup­tet, „gleich­zei­tig beim ge­rings­ten Sprech­akt funk­tio­nie­ren“4, wenn ein Dis­kurs, wie er sagt, nur auf der Grund­la­ge der vom Gra­phen dar­ge­stell­ten Struk­tu­ren voll­zo­gen wer­den kann5, könn­te man dann nicht ver­su­chen, auch ei­nen Text wie McE­wans Vor­wort auf den Gra­phen zu be­zie­hen?

Das wäre ein ers­ter schlich­ter Zu­gang zur Fra­ge des „Schreib­be­geh­rens“. Schlicht, in­so­fern er al­les über­springt, was La­can über das Schrei­ben sagt (und schreibt); schlicht auch des­halb, weil das Vor­wort als Il­lus­tra­ti­ons­ma­te­ri­al ver­wen­det wird, nicht aber, um der Be­son­der­heit von McE­wans „Schreib­be­geh­ren“ auf die Spur zu kom­men, und auch nicht, um La­cans Theo­rie des Be­geh­rens wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Aber es wäre im­mer­hin ein Zu­gang. Auch zum Gra­phen. Also zu­gleich eine Ein­füh­rung in La­cans Theo­rie des Be­geh­rens.

Der fol­gen­de Ver­such, La­cans Gra­phen des Be­geh­rens an ei­nem kur­zen Text de­tail­liert zu er­läu­tern, ist eine Wie­der­ho­lung. Vor drei Jah­ren habe ich ei­nen sol­chen Ver­such be­reits ein­mal un­ter­nom­men, in ei­nem Vor­trag im Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lon Ber­lin zu dem 55-Se­kun­den-Vi­deo­clip „Have you seen my glas­ses?“.

Das Dia­gramm des Gra­phen, das ich im Fol­gen­den ver­wen­de, ist aus dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts. Bei der Deu­tung be­zie­he ich mich über­wie­gend auf die Se­mi­na­re 5 und 6; spä­ter von La­can vor­ge­nom­me­ne Um­deu­tun­gen las­se ich weit­ge­hend au­ßer Acht.6

Ich gebe zu­nächst ei­nen gro­ben Über­blick über das Sche­ma. Das ist ein biss­chen tro­cken. Wen das stört, der kann die­sen Teil über­sprin­gen und sich gleich dem un­te­ren Stock­werk des Gra­phen und da­mit McE­wans „Schreib­be­geh­ren“ zu­wen­den.

Ein erster Blick auf den Graphen

In der Se­kun­där­li­te­ra­tur wird das Dia­gramm als „Graph des Be­geh­rens“ be­zeich­net; La­can ver­wen­det die­sen Aus­druck nicht, er sagt meist „mein Graph“, ein­mal auch „das Gramm“ (le gram­me7), im Sin­ne von „die Schrift“ (wie in „Te­le­gramm“).

Der Graph be­steht aus Li­ni­en (aus „Kan­ten“, heißt es in der ma­the­ma­ti­schen Gra­phen­theo­rie), die sich über­schnei­den, so­dass Schnitt­punk­te ent­ste­hen („Kno­ten“). Bei den Li­ni­en han­delt es sich um Pfeil­li­ni­en, sie ha­ben also eine Rich­tung; La­can spricht von „Vek­to­ren„8, das Dia­gramm hat da­mit die Form ei­nes „ge­rich­te­ten Gra­phen“, wie die Ma­the­ma­ti­ker sa­gen. Wie bei ei­nem Gra­phen im Sin­ne der Ma­the­ma­tik in­ter­es­sie­ren ein­zig die Ver­bin­dungs­li­ni­en und die Über­kreu­zungs­punk­te; die Län­ge der Li­ni­en, ihre Form und die Fel­der zwi­schen ih­nen sind ir­rele­vant. Am bes­ten, man stellt sich vor, dass der Graph aus Fä­den ge­knüpft ist, die be­lie­big dehn­bar und knautsch­bar sind, die aber vor­über­ge­hend für di­dak­ti­sche Zwe­cke er­starrt sind, und dass die­ses Ge­bil­de wie ein Mo­bi­le im drei­di­men­sio­na­len Raum auf­ge­hängt ist.

Der Graph ist ein Graph des Sub­jekts – nicht des Sub­jekts der Er­kennt­nis­theo­rie, d.h. nicht des Sub­jekts, das an das Ob­jekt und die Welt an­ge­passt ist, son­dern des Sub­jekts, das spricht, des­sen An­triebs­sys­tem durch die Spra­che struk­tu­riert ist und des­sen Be­zie­hung zu Ob­jek­ten aus die­sem Grun­de im­mer pro­ble­ma­tisch ist.

In Se­mi­nar 5 wird der Graph aus ei­ner Ele­men­tar­zel­le ent­wi­ckelt, die von La­can un­ter an­de­rem so dar­ge­stellt wird9:

Elementarzelle - Bedürfnis und VerweigerungDie un­ten rechts be­gin­nenen­de, huf­ei­sen­för­mig ge­bo­ge­ne Pfeil­li­nie ist eine In­ten­ti­on, die aus dem Be­dürf­nis her­vor­geht, das Stre­ben nach Be­frie­di­gung des Be­dürf­nis­ses. Mit der Rede vom „Be­dürf­nis“ ori­en­tiert sich La­can ver­mut­lich an Freud, der sagt, dass man in Be­zug auf den Trieb, da er eine kon­stan­te Kraft ist, nicht von „Reiz“ spre­chen soll­te, son­dern von „Be­dürf­nis“10. „In­ten­ti­on“ meint in der phi­lo­so­phi­schen Phä­no­me­no­lo­gie das Ge­rich­tet­sein auf et­was; La­can be­zieht sich ver­mut­lich auf Freud, der das Trieb­be­dürf­nis auf ein Trieb­ziel be­zieht, das in der Be­frie­di­gung be­steht.11 Die In­ten­ti­on wäre dem­nach, im un­te­ren Stock­werk des Gra­phen, das Stre­ben nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung.

Die quer hier­zu von links nach rechts ver­lau­fen­de Li­nie re­prä­sen­tiert eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, bei­spiels­wei­se den Satz „Gib mir Brot!“.

Be­dürf­nis und Spre­chen sind durch zwei Schnitt­punk­te mit­ein­an­der ver­knüpft, sie ste­hen für zwei For­men, wie sich die Spra­che in das Sub­jekt ein­prägt.

Der rech­te Schnitt­punkt ist mit dem Buch­sta­ben A be­zeich­net, für „An­de­rer“; im Gra­phen wird un­ter dem An­de­ren der Code ei­ner Spra­che, der Wort­schatz. Die Über­kreu­zung der Li­ni­en an die­sem Punkt meint: die Not­wen­dig­keit, sich ei­nes be­stimm­ten Wort­schat­zes zu be­die­nen, führt dazu, dass sich der Wort­schatz dem Sub­jekt ein­prägt, un der Wei­se, dass es zu ei­ner Ver­än­de­rung der Be­frie­di­gungs­ab­sicht kommt.

Zwi­schen den bei­den Schnitt­punk­ten gibt es ei­nen Kreis­lauf.

Am Ende der auf dem Be­dürf­nis be­ru­hen­den Ab­sicht steht die Ver­wei­ge­rung, die Ver­sa­gung, die Frus­tra­ti­on, soll hei­ßen: Das Stre­ben nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung kann nur auf dem Weg über das Spre­chen be­frie­digt wer­den, des­halb un­ter­liegt die­se Aus­rich­tung struk­tu­rell ei­ner Frus­tra­ti­on, d.h. ei­ner Mo­di­fi­ka­ti­on, bei der ein Man­gel er­zeugt wird.

(Man muss be­ach­ten, dass die­se Ele­men­tar­zel­le in Se­mi­nar 5 zu­nächst, zur Er­klä­rung des Witz­me­cha­nis­mus, an­ders ein­ge­führt, wird, näm­lich als Über­schnei­dung ei­ner Ket­te von Se­man­te­men (die von links nach rechts ver­lau­fen­de Li­nie) mit ei­ner Ket­te von Pho­ne­men (die von rechts nach links ver­lau­fen­de, huf­ei­sen­för­mi­ge Li­nie). Die Um­deu­tung der huf­ei­sen­för­mi­gen Li­nie er­folgt im Ver­lauf von Se­mi­nar 5, be­gin­nend mit der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1957. Die pho­n­e­mi­sche Ket­te wan­dert dann, ver­ein­facht ge­sagt, in das obe­re Stock­werk des Gra­phen.)

Die Grund­struk­tur des voll­stän­di­gen Sche­mas habe ich in der fol­gen­den Ab­bil­dung durch die Farb­ge­bung her­vor­ge­ho­ben:

Graf des Begehrens - rot und blauDie rote huf­ei­sen­för­mi­ge Li­nie, die un­ten rechts in $ be­ginnt und über die Kreu­zungs­punk­te A, $◊D, S(Ⱥ) und s(A) bis zum End­punkt I(A) führt, steht für das Sub­jekt. La­can be­zeich­net die­se Li­nie als „Schlei­fe der sub­jek­ti­ven In­ten­ti­on“12.

Im un­te­ren Teil des Gra­phen be­steht die In­ten­ti­on des Sub­jekts in der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, im obe­ren Teil be­steht sie in ei­ner Fra­ge des Sub­jekts, in dem Ver­such des Sub­jekts, auf die Fra­ge nach sei­nem ei­ge­nen Be­geh­ren eine Ant­wort zu er­hal­ten.

Die bei­den von links nach rechts ver­lau­fen­den blau­en Li­ni­en – die un­te­re von „Si­gni­fi­kant“ bis „Stim­me“, die obe­re von „Ge­nie­ßen“ bis „Kas­tra­ti­on“ – re­prä­sen­tie­ren dia­chro­ne Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten, Si­gni­fi­kan­ten, die zeit­lich nach­ein­an­der mit­ein­an­der ver­bun­den sind, z.B. Sät­ze.

Bei den Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten geht es spe­zi­ell um For­de­run­gen. Sie wer­den ar­ti­ku­liert, um Be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen (un­te­rer Teil des Gra­phen) oder um die Fra­ge zu be­ant­wor­ten. Die­se Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten grei­fen in die In­ten­ti­on ein und ver­än­dern sie. Der Grund­ge­dan­ke ist anti-ex­pres­siv: die Sub­jek­ti­vi­tät – die In­ten­ti­on, das Be­dürf­nis, die Fra­ge – wird in be­stimm­ten For­de­run­gen nicht ein­fach aus­ge­drückt, sie wird durch sie nicht schlicht re­prä­sen­tiert. Die Re­prä­sen­ta­ti­on greift in das Re­prä­sen­tier­te ein und ver­än­dert es, und zwar ra­di­kal.

Die Schnitt­punk­te – die schwarz ge­färb­ten Krei­se – zei­gen an, wie das Sub­jekt in die Spra­che ein­tre­ten kann und muss, um sei­ne In­ten­ti­on, sei­ne Fra­ge zu ar­ti­ku­lie­ren.

Die un­te­re Eta­ge des Gra­phen stellt, ge­ne­tisch auf­ge­fasst, dar, wie das Es, das Be­dürf­nis, von der Spra­che er­fasst wird, und wie dies mit der Her­aus­bil­dung des Ichs, des Ide­al-Ichs und des Ichi­de­als ver­bun­den ist. La­can lehnt sich hier an Freuds zwei­te To­pik an, an die Kon­zep­ti­on, dass sich aus dem Es durch die Ein­wir­kung der Au­ßen­welt das Ich und das Über-Ich aus­dif­fe­ren­zie­ren; statt vom Über-Ich spricht Freud auch vom Ideal­ich und vom Ich-Ide­al.13 In La­cans Kon­zep­ti­on ist es die Spra­che, die als Au­ßen­welt in­ter­ve­niert. Er kom­men­tiert das un­te­re Stock­werk so:

Ich habe Sie be­reits dar­auf hin­ge­wie­sen, was aus dem in­ten­tio­na­len Pro­zess her­vor­geht, der vom Es zum gro­ßen I führt. Was an sei­nem Ur­sprung liegt, stellt sich dar in Form der Ent­fal­tung des Be­dürf­nis­ses, der Stre­bung, wie die Psy­cho­lo­gen sa­gen. Das wird in mei­nem Sche­ma auf der Ebe­ne des Es dar­ge­stellt.“14

Graph des Begehrens - EsDie­se Be­mer­kung be­zieht sich auf die in der obe­ren Zeich­nung rot ge­färb­te Li­nie. An de­ren Be­ginn muss man für die­ses Zi­tat das durch­ge­stri­che­ne S, also $, durch ein ein­fa­ches S er­set­zen, für das noch nicht von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt und zu­gleich für Es.

Das, was der Graph dar­stellt, ist – sagt La­can –

die Ein­schrei­bung des ele­men­ta­ren bio­lo­gi­schen Sub­jekts, des Sub­jekts des Be­dürf­nis­ses, in die Eng­füh­run­gen des An­spruchs.“15

In der fol­gen­den Ab­bil­dung be­to­ne ich mit der Fär­bung ei­nen an­de­ren As­pekt des Gra­phen: Er be­steht aus zwei Stock­wer­ken, die die­sel­be Struk­tur ha­ben.

Graph des Begehrens - zwei StockwerkeDie un­te­re Eta­ge (rot) ent­spricht dem Be­wuss­ten, die obe­re Eta­ge (blau) be­her­bergt das Un­be­wuss­te im Sin­ne des Ver­dräng­ten und da­mit auch das Be­geh­ren. Mit die­ser Ar­chi­tek­tur ori­en­tiert La­can sich an Freuds so­ge­nann­ter ers­ter To­pik, an der Un­ter­schei­dung der drei Sys­te­me Be­wusst, Vor­be­wusst und Un­be­wusst.16 Das un­te­re Stock­werk zeich­net die Be­zie­hung des Sub­jekts zur Struk­tur der Um­gangs­spra­che nach. Das obe­re Stock­werk ist gleich ge­baut. Das Sche­ma soll zei­gen: Das Un­be­wuss­te ist struk­tu­riert wie eine Spra­che. Die un­te­re Eta­ge zeigt das Sub­jekt in ei­nem Ver­hält­nis zur Spra­che, das da­durch cha­rak­te­ri­siert ist, dass das Sub­jekt weiß, was es tut, wenn es spricht (oder es zu­min­dest zu wis­sen glaubt), die obe­re Eta­ge stellt es in ei­nem Ver­hält­nis zur Spra­che dar, bei dem es sich nicht selbst be­zeich­nen kann, wie La­can sagt, von dem es kein Be­wusst­sein hat, ein Ver­hält­nis zur Spra­che, das von sei­nem Selbst­be­wusst­sein ab­ge­kop­pelt ist.

Wel­che Struk­tur hat die Spra­che? Sie be­ruht auf der Be­zie­hung zwi­schen der syn­chro­nen Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie und der dia­chro­nen Si­gni­fi­kan­ten­ket­te. Die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie, das ist, grob ge­sagt, der Wort­schatz; die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist mehr oder we­ni­ger die Ver­knüp­fung von Si­gni­fi­kan­ten zu Wör­tern und Sät­zen. Die Dif­fe­renz von Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie und Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ent­spricht ei­ni­ger­ma­ßen Saus­su­res Un­ter­schei­dung zwi­schen pa­ra­dig­ma­ti­schen (oder as­so­zia­ti­ven) und syn­tag­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen17; zu La­cans Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie ge­hö­ren je­doch nicht die Si­gni­fi­ka­te.

Graph des Begehrens - Batterie und KetteIm Gra­phen wird die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie in bei­den Stock­wer­ken durch den rech­ten Schnitt­punkt dar­ge­stellt (in der obe­ren Zeich­nung blau), die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te auf bei­den Ebe­nen durch die Li­nie, die die bei­den Schnitt­punk­te durch­quert (rot).

Die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie der Um­gangs­spra­che ist also das Le­xi­kon, das Vo­ka­bu­lar, der Wort­schatz, je­doch ohne die Si­gni­fi­ka­te; sie ist der „Si­gni­fi­kan­ten­schatz“, wie La­can sagt; in Freuds Ter­mi­no­lo­gie be­steht die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie aus „Wort­vor­stel­lun­gen“18. Wie die be­wuss­te Ebe­ne ver­fügt auch das Un­be­wuss­te über eine Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie – es gibt ein Vo­ka­bu­lar des Un­be­wuss­ten.

Auf bei­den Ebe­nen wer­den mit­hil­fe der syn­chro­nen Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie dia­chro­ne Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten er­zeugt, im zeit­li­chen Nach­ein­an­der mit­ein­an­der ver­knüpf­te Si­gni­fi­kan­ten, „Wor­te‘“ und „Sät­ze“ im wei­te­ren Sin­ne des Wor­tes. Im un­te­ren Teil des Gra­phen sind dies im ty­pi­schen Fall be­stimm­te For­de­run­gen, in all­ge­mei­ne­rer Deu­tung han­delt es sich um das, was La­can den „kon­kre­ten Dis­kurs des Sub­jekts“19 nennt, in­so­weit er dem Be­wusst­sein zu­gäng­lich ist, ge­nau­er ge­sagt: in­so­fern er als dem Be­wusst­sein zu­gäng­lich er­scheint. Was die un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten an­geht, den­ke man etwa an Freuds Rede von „un­be­wuss­ten Ge­dan­ken“20, von „un­be­wuss­ten Ge­dan­ken­ope­ra­tio­nen“21.

Die Spra­che wird im Dia­gramm durch ei­nen wei­te­ren Ge­gen­satz cha­rak­te­ri­siert, den von Code und Mit­tei­lung.

Graf des Begehrens - mit M und CIn der Zeich­nung oben steht „C“ für den Code und „M“ für messa­ge: Mit­tei­lung, Bot­schaft, Nach­richt.22 Die Op­po­si­ti­on von Code und Mit­tei­lung über­nimmt La­can von Ro­man Ja­kobson.23 Wie die Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten der be­wuss­ten Ebe­ne ha­ben auch die des Un­be­wuss­ten eine Mit­tei­lung, eine Bot­schaft, d.h. eine Be­deu­tung, ei­nen Sinn, ein Si­gni­fi­kat. Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Pra­xis zielt dar­auf ab, die Bot­schaf­ten des Un­be­wuss­ten – den Sinn der Träu­me, Sym­pto­me, Fehl­leis­tun­gen usw. – durch Deu­tung ans Licht zu ho­len.24

Mit der Ka­te­go­rie des Codes be­schreibt La­can den un­te­ren Teil des Gra­phen so:

Wir ha­ben hier be­reits das groß A des gro­ßen An­de­ren pla­ziert, in dem sich der Code be­fin­det und der den An­spruch auf­nimmt. Im Über­gang von A an den Punkt, an dem die Bot­schaft ist, kommt das Si­gni­fi­kat des An­de­ren zu­stan­de. Da­nach fin­det sich das hier in Gang ge­brach­te Be­dürf­nis dort ver­wan­delt wie­der und wird auf den ver­schie­de­nen Ebe­nen ver­schie­den be­zeich­net. Wenn wir die­se Li­nie als die der Rea­li­sie­rung des Sub­jekts neh­men, so drückt sie sich am Ende durch et­was aus, das stets mehr oder we­ni­ger ei­ner Iden­ti­fi­zie­rung, das heißt der Um­ge­stal­tung, der Ver­wand­lung auch, dem Über­gang letz­ten En­des des Be­dürf­nis­ses des Sub­jekts in den Eng­füh­run­gen des An­spruchs un­ter­steht.“25

Das un­te­re Stock­werk be­schreibt die Um­wand­lun­gen der mit dem Be­dürf­nis ver­bun­de­nen In­ten­ti­on, die sich da­durch voll­zie­hen, dass die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung sprach­lich ver­mit­telt ist, d.h. dass sie ei­nem Code un­ter­wor­fen wird so­wie an die Bil­dung von Bot­schaf­ten, von Si­gni­fi­ka­ten ge­bun­den ist.

Wich­tig sind die Be­zie­hun­gen zwi­schen Code und Mit­tei­lung: Der Code be­zieht sich auf die Mit­tei­lung und die Mit­tei­lung auf den Code; auch die­sen Ge­dan­ken über­nimmt La­can von Ja­kobson. Ja­kobsons Bei­spiel für die Be­zug­nah­me des Codes auf die Mit­tei­lung sind Per­so­nal­pro­no­men; das Wort „ich“ ist ein Ele­ment des Codes, es be­deu­tet den Spre­cher der Mit­tei­lung, in der das Wort „ich“ ver­wen­det wird, in­so­fern be­zieht sich die­ses Code-Ele­ment auf die Mit­tei­lung. Eine Mit­tei­lung, die sich auf den Code be­zieht, ist, Ja­kobson zu­fol­ge, eine Worter­läu­te­rung, das wäre also bei­spiels­wei­se der Satz „Mit dem Wort ‚wri­ter‘ be­zeich­net man im Eng­li­schen ei­nen Schrift­stel­ler“.

Abb 1 b - Graph des Begehrens - mit M und C und RückkoppelungIn der Ab­bil­dung oben habe ich die Li­ni­en, die dar­stel­len, dass sich der Code auf die Mitei­lung be­zieht, blau ge­färbt, und grün die­je­ni­gen Li­ni­en, die an­zei­gen, dass um­ge­kehrt die Mit­tei­lung auf den Code ein­wirkt. Die blau und die grün ge­färb­ten Li­ni­en stel­len zu­sam­men kreis­för­mi­ge Be­zie­hun­gen dar, Rück­kop­pe­lun­gen: der Code wirkt auf die Mit­tei­lung und die Mit­tei­lung auf den Code. Was den obe­ren Teil des Gra­phen an­geht, stellt La­can sich vor, dass sich das Ver­dräng­te im Krei­se dreht.26 Mög­li­cher­wei­se spielt er da­mit auf die Wie­der­ho­lung an, auf den Wie­der­ho­lungs­zwang – das Un­be­wuss­te, sagt La­can, stellt sich im We­sent­li­chen als eine Ar­ti­ku­la­ti­on dar, die be­stän­dig wie­der­holt wird.27

(Die von M nach C füh­ren­den Li­ni­en ha­ben also eine Dop­pel­funk­ti­on, sie sind das mitt­le­re Seg­ment ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te und sie re­prä­sen­tie­ren die Be­zug­nah­me der Mit­tei­lung auf den Code.)

Nor­ma­ler­wei­se sind die bei­den Sys­te­me ge­trennt – das un­te­re be­wuss­te und das obe­re un­be­wuss­te. Es gibt je­doch ei­nen Punkt, an dem die un­be­wuss­te Bot­schaft in die be­wuss­te Bot­schaft ein­greift und sie in Un­ord­nung bringt, dies ist das Sym­ptom. Im Gra­phen wird es durch den Schnitt­punkt un­ten links re­prä­sen­tiert, s(A).28

Das ers­te Seg­ment der Li­nie des Sub­jekts, die Li­nie der In­ten­tio­na­li­tät, be­zieht sich auf das Rea­le, das von La­can im Zu­sam­men­hang des Gra­phen als „Be­dürf­nis“ be­zeich­net wird (ähn­lich wie im Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus von 1958). Die Li­nie der In­ten­tio­na­li­tät ist mit dem Rea­len nicht iden­tisch, dar­auf ver­weist das Sym­bol $ am Be­ginn der In­ten­tio­na­li­täts­li­nie: das Sub­jekt, S, ist von Si­gni­fi­kan­ten „durch­ge­stri­chen“, es ist von der Spra­che ge­prägt, das Stre­ben nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ist im­mer schon durch die Spra­che ver­mit­telt. Viel­leicht kann man es so for­mu­lie­ren: Die Be­zie­hung zwi­schen der In­ten­tio­na­li­täts­li­nie und der Si­gni­fi­kan­ten­li­nie im un­te­ren Stock­werk des Gra­phen spielt an auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem Rea­len und dem Sym­bo­li­schen.

In das Sche­ma, das sich durch die Be­zie­hung zwi­schen der Li­nie des Sub­jekts, den Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en und den Rück­kop­pe­lun­gen zwi­schen Code und Bot­schaft er­gibt, trägt La­can dann noch das Ima­gi­nä­re ein. Das Ima­gi­nä­re in­ter­ve­niert auf bei­den Ebe­nen, auf der des be­wuss­ten Spre­chens und auf der des Un­be­wuss­ten.

Graph des Begehrens - imag 4In der oben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich die ima­gi­nä­re Be­zie­hung gelb ge­färbt. Im un­te­ren Teil des Gra­phen be­steht das Ima­gi­nä­re in der Be­zie­hung zwi­schen dem Bild des an­de­ren (i(a)) und dem Ich (m), oben zeigt es sei­ne Wirk­sam­keit dar­in, dass das Be­geh­ren (d) sich auf das Phan­tas­ma ($◊a) be­zieht.

Das Ima­gi­nä­re in­ter­ve­niert in die Be­zug­nah­me des Codes auf die Bot­schaft. Im un­te­ren Stock­werk greift es in die von A aus­ge­hen­de, un­ten her­um zu s(A) füh­ren­de (blaue) Li­nie ein, oben in­ter­ve­niert es in die von ($◊D) aus­ge­hen­de (blaue) Li­nie, die un­ten her­um zu S(Ⱥ) führt.

Die ima­gi­nä­re Be­zie­hung muss nicht in je­dem Fall in die sym­bo­li­sche Be­zie­hung ein­grei­fen.

Graph des Begehrens - imaginärer KurzschlussIm Gra­phen wird die­ser ima­gi­nä­re Kurz­schluss in bei­den Eta­gen durch die Pfeil­ver­bin­dung dar­ge­stellt, die ich in der Ab­bil­dung oben grün ge­färbt habe, sie geht von un­ten rechts aus, biegt bald nach links ab, ohne den Weg über die Si­gni­fi­kan­ten­li­nie zu neh­men, und führt di­rekt zum End­punkt. Un­ten ist das die Li­nie $ – i(a) – m – I(A), oben die Li­nie A – d – ($◊a) – s(A).

Ins­ge­samt stellt der Graph also die Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen, dem Rea­len (an­nä­he­rungs­wei­se) und dem Ima­gi­nä­ren dar. Das Sym­bo­li­sche in­ter­ve­niert in die auf dem Be­dürf­nis be­ru­hen­de In­ten­ti­on, struk­tu­riert sie um und er­zeugt schließ­lich eine neue Form der In­ten­ti­on: das Sub­jekt wird sich selbst zum Rät­sel und ar­ti­ku­liert im Spre­chen die Fra­ge, was es denn wirk­lich will. Hier­bei kommt es zu Rück­kop­pe­lun­gen zwi­schen Code und Bot­schaft, in die wie­der­um das Ima­gi­nä­re ein­greift.

Das untere Stockwerk

Nun also zu McE­wan und der Fra­ge des Schreib­be­geh­rens.

Be­dürf­nis, In­ten­tio­na­li­tät

Auf der un­te­ren Eta­ge des Gra­phen wird das fol­gen­de Dra­ma in Sze­ne ge­setzt. Das Be­dürf­nis muss, um be­frie­digt zu wer­den, durch das Ras­ter der Spra­che hin­durch­ge­hen. Es muss in An­sprü­chen – in sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­ten For­de­run­gen – ge­äu­ßert wer­den. Da­mit die­se An­sprü­che ver­stan­den wer­den kön­nen, müs­sen sie in ei­nem vor­ge­ge­be­nen Code aus­ge­drückt wer­den. Dies führt zur Um­wand­lung des Be­dürf­nis­ses, und die­se Be­dürf­nis­mo­di­fi­ka­ti­on wird letzt­lich durch eine Iden­ti­fi­zie­rung be­fes­tigt. Die obe­re Eta­ge han­delt dann da­von, wie das Sub­jekt sich be­müht, sich in sei­ner Ori­gi­na­li­tät wie­der­zu­fin­den, jen­seits des­sen, was der An­spruch von den Be­dürf­nis­sen hat er­star­ren las­sen. In die­sem Jen­seits ist das Be­geh­ren ver­or­tet.29 Der Graph re­prä­sen­tiert so die Spal­tung zwi­schen der Iden­ti­fi­zie­rung (als dem Pro­dukt des un­te­ren Stock­werks, I(A)) un­ten links) und dem Be­geh­ren (das im obe­ren Stock­werk des Gra­phen zir­ku­liert).

In die­ses Sche­ma also soll McE­wans „Schreib­be­geh­ren“ ein­ge­tra­gen wer­den. Da noch nicht klar ist, wor­in die Be­zie­hung zwi­schen dem Schrei­ben und dem Be­geh­ren im La­can­schen Sin­ne des Wor­tes ei­gent­lich be­steht, muss ich den Aus­druck „Be­geh­ren“ in „Schreib­be­geh­ren“ sus­pen­die­ren und durch ei­nen dif­fu­sen Ter­mi­nus er­set­zen, der theo­re­tisch nicht all­zu­viel prä­ju­di­ziert. Statt vom „Schreib­be­geh­ren“ wer­de ich vom „Schreib­wunsch“ spre­chen. (Den Le­ser muss ich bit­ten, auf dem Wort „Wunsch“ nicht her­um­zu­ha­cken – bei der Klä­rung von Be­grif­fen ist man im­mer ge­nö­tigt, sich un­be­stimm­ter Ober­be­grif­fe zu be­die­nen, die vage ein be­stimm­tes Feld um­rei­ßen. Kei­nes­wegs ist der Wunsch im Sin­ne von Freud ge­meint. Wer mag, kann „Schreib­wunsch“ er­set­zen, durch ei­nen Ter­mi­nus, bei dem er sich woh­ler fühlt, etwa „Schreib­ab­sicht“, „Schreib­in­ten­ti­on“, „Schreib­drang“, „Schreib­im­puls“, „Schreibjie­per“ oder was auch im­mer. Bes­ser nicht „Schreib­ver­lan­gen“, das liegt zu dicht bei „An­spruch“ und „Be­geh­ren“.) Die Fra­ge lässt sich dann so um­for­mu­lie­ren: Wor­in be­steht das Ver­hält­nis zwi­schen McE­wans Schreib­wunsch und dem Be­geh­ren à la La­can?

Und das heißt im ers­ten Schritt: Wel­ches Be­dürf­nis liegt McE­wans Schreib­wunsch zu­grun­de?

Graph des Begehrens - BedürfnisDie­ses Be­dürf­nis – wenn es denn eins gibt – wäre im un­te­ren Stock­werk der huf­ei­sen­för­mi­gen Li­nie zu­zu­ord­nen, die un­ten rechts be­ginnt, also am Punkt $, die am Schnitt­punkt A nach schräg links oben ab­zweigt und dann über s(A) zu I(A) führt. Am Punkt A wür­de die­ses Be­dürf­nis auf den Code der Spra­che tref­fen, auf den Wort­schatz, und hier­durch ein ers­tes Mal mo­di­fi­ziert wer­den. Am Punkt s(A) wür­de es mit Be­deu­tun­gen ver­se­hen wer­den und so ein zwei­tes Mal über­formt wer­den. Auf der Ach­se mi(a) wür­de es durch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung des Ichs zum an­de­ren aber­mals um­ge­wan­delt wer­den. Im Punkt I(A) käme es zur sym­bo­li­schen Iden­ti­fi­zie­rung – zur Bil­dung des Ichi­de­als – und da­mit zu ei­ner wei­te­ren Mo­di­fi­zie­rung der An­triebs­struk­tur. Am An­fang die­ser Li­nie steht im Gra­phen das Sym­bol $ – aus­ge­stri­che­nes S (S bar­ré) für das von der Spra­che ge­präg­te und des­halb aus­ge­sperr­te Sub­jekt (su­jet bar­ré), für das Sub­jekt, in­so­fern es von dem aus­ge­sperrt ist, was „das Un­be­wuss­te“ ge­nannt wird, dem Sitz des Be­geh­rens. Das soll dar­an er­in­nern, dass das Be­dürf­nis die­se Sta­tio­nen im­mer schon durch­lau­fen hat, dass es im­mer schon von der Spra­che ge­prägt ist, dass die An­nah­me ei­nes Sub­jekts als Trä­ger ei­nes vor­sprach­li­chen Be­dürf­nis­ses also eine my­thi­sche Kon­struk­ti­on ist.

Von wel­chem (sprach­lich ver­mit­tel­ten) Be­dürf­nis also wird McE­wan zum Schrei­ben ge­drängt?

Ich ver­mag es nicht zu sa­gen. McE­wans au­to­bio­gra­phi­sche Skiz­ze gibt kei­ne Hin­wei­se dar­auf. Und es wäre ab­surd, den be­rüch­tig­ten Be­dürf­nis- und Mo­ti­va­ti­ons­ka­ta­lo­gen ein wei­te­res Be­dürf­nis hin­zu­zu­fü­gen, etwa ein Sprech­be­dürf­nis, das dann zum Schreib­be­dürf­nis mu­tiert. Um trotz die­ses stot­tern­den An­fangs den Gra­phen auf den Weg zu brin­gen, be­haup­te ich dog­ma­tisch: Dem Schreib­wunsch von Ian McE­wan liegt auch ein kör­per­li­ches Be­dürf­nis zu­grun­de, sein Schreib­wunsch stützt sich auf ei­nen im Or­ga­nis­mus ver­an­ker­ten Drang. Das ist zu­min­dest nicht völ­lig un­plau­si­bel. Durch die­se Not­lö­sung gleich zu Be­ginn mei­ner Rei­se durch den Gra­phen ist im­mer­hin eine Fra­ge ent­stan­den (und das ist bei der Ap­pli­ka­ti­on ei­nes Sche­mas ja nicht das Schlech­tes­te): Wel­che kör­per­li­che Stre­bung könn­te ei­nem Schreib­wunsch zu­grun­de lie­gen?

Die­ser kör­per­li­che Drang, so es ihn gibt, ist durch die Spra­che viel­fach über­formt – wo wäre das of­fen­kun­di­ger als bei ei­nem „Schreib­be­dürf­nis“.

Be­wuss­ter An­spruch

McE­wan be­ginnt sein Vor­wort so:

Im Jahr 1970, mit zwei­und­zwan­zig, zog ich nach Nor­wich und mie­te­te ein hüb­sches klei­nes Zim­mer am Stadt­rand. Ei­gent­lich war ich für ei­nen Mas­ter-Stu­di­en­gang in Eng­lisch an der Uni­ver­si­ty of East An­glia her­ge­kom­men, aber mehr als al­les an­de­re woll­te ich schrei­ben. (…) Der Um­zug nach Nor­wich war die ers­te wich­ti­ge Ent­schei­dung in mei­nem Le­ben, bei der ich mich nicht vom Vor­bild oder Rat­schlag an­de­rer hat­te lei­ten las­sen.“

Um es in La­cans Ter­mi­no­lo­gie zu über­set­zen: McE­wan bringt sich zwei „An­sprü­che“ in Er­in­ne­rung – zwei de­man­des, zwei sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­te For­de­run­gen: ‚Ich will in Nor­wich stu­die­ren, im Mas­ter-Stu­di­en­gang Eng­lisch‘ und ‚ich will schrei­ben‘.30 Die­se bei­den An­sprü­che lau­fen auf ei­nen hin­aus, denn der Mas­ter-Stu­di­en­gang Eng­lisch ist, wie man aus dem eng­li­schen Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel zu McE­wan er­fährt, ein Stu­di­en­gang in Crea­ti­ve Wri­ting.

Die­ser Schreib­an­spruch, die­se Schreib­for­de­rung, ant­wor­tet auf den „Rat­schlag“ von an­de­ren, d.h. auf an­de­re An­sprü­che.Graf des Begehrens - Schreibbegehren 2a KopieIm Gra­phen wer­den die be­wuss­ten For­de­run­gen von der un­te­ren Quer­li­nie re­prä­sen­tiert, von der Li­nie, die von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“ führt. Dies ist die Li­nie der be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­ket­te.

Das hy­po­the­ti­sche Be­dürf­nis (die mit $ be­gin­nen­de Li­nie) wird durch ei­nen Schreib­an­spruch ar­ti­ku­liert (die mit „Si­gni­fi­kant“ be­gin­nen­de Li­nie), durch die For­de­rung „Ich will schrei­ben“.

An­de­rer, A

McE­wan kann sei­nen Schreib­an­spruch nicht nur an sich sel­ber rich­ten. Er muss ihn kom­mu­ni­zie­ren, er muss dar­über mit sei­nen El­tern spre­chen, mit den In­stan­zen, von de­nen er ein Sti­pen­di­um er­hält, mit der Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung, mit den Do­zen­ten. Um den Schreib­an­spruch für sie ver­ständ­lich zu ma­chen – ver­ständ­lich in dem ele­men­ta­ren Sin­ne, dass sie ver­ste­hen, was er meint, auch wenn sie sei­ne For­de­rung viel­leicht nicht ak­zep­tie­ren –, um ihn ver­ständ­lich zu ma­chen, muss er sich ei­nes Wort­schat­zes be­die­nen, den er mit sei­nen Ge­sprächs­part­nern teilt und den er fer­tig vor­fin­det. In sei­nem Fall ist dies vor al­lem das Vo­ka­bu­lar der eng­li­schen Spra­che. Es ist dif­fe­ren­ti­ell or­ga­ni­siert, „I“ un­ter­schei­det sich von „you“, „wri­te“ von „speak“, „short sto­ry“ von „no­vel“, „pu­blish“ von „pe­rish“ usw.

Schrift­stel­ler ha­ben in der Re­gel ein be­son­de­res Ge­schick im Um­gang mit den Dif­fe­ren­zen des Vo­ka­bu­lars, mit den Se­lek­tio­nen auf der pa­ra­dig­ma­ti­schen Ach­se. Man­che von ih­nen, wie Sol­sche­ni­zyn, ver­schrei­ben sich der Auf­ga­be, den Reich­tum des Si­gni­fi­kan­ten­schat­zes zu hü­ten, an­de­re, wie Joy­ce oder Arno Schmidt, ihn über­dies zu ver­meh­ren.

Graf des Begehrens - Anderer 2Der Wort­schatz – der „Schatz der Si­gni­fi­kan­ten“, wie La­can sagt – wird im Gra­phen durch den un­te­ren rech­ten Kreu­zungs­punkt re­prä­sen­tiert. Er ist mit dem Sym­bol „A“ ge­kenn­zeich­net, für Aut­re, „An­de­rer“; die Groß­schrei­bung ver­weist dar­auf, dass es um das Sym­bo­li­sche geht. Der Wort­schatz ist in dem Sin­ne ein „An­de­rer“, als das Sub­jekt ge­nö­tigt ist, sei­nen An­spruch in ei­nem vor­ge­ge­be­nen Vo­ka­bu­lar zu ar­ti­ku­lie­ren und sich an das an­zu­pas­sen, was in sei­ner Mut­ter­spra­che sag­bar ist.

Der „An­de­re“ ist am Schnitt­punkt der Be­dürf­nis­li­nie und der Si­gni­fi­kan­ten­li­nie ver­or­tet. Was hei­ßen soll: Der Wort­schatz greift in die Be­dürf­nis­struk­tur ein, er ver­än­dert die Struk­tur der Stre­bun­gen.

Der An­de­re ist für La­can zu­gleich der Adres­sat, an den der An­spruch sich wen­det. Al­ler­dings nicht als kon­kre­te Per­son, son­dern als im­pli­zi­ter Adres­sat: als Be­zugs­punkt des Spre­chens, so­fern das Sub­jekt mit dem, was es sagt, die Di­men­si­on der Wahr­heit ins Spiel bringt – etwa durch eine Lüge. La­can nennt dies den An­de­ren als Ort des Spre­chens. Die Wahr­heits­di­men­si­on schwingt in je­dem Spre­chen mit, sie kann aber auch ex­pli­zit ge­macht wer­den; wenn man vor ge­stelz­ter Aus­drucks­wei­se nicht zu­rück­schreckt, hört sich das bei­spiels­wei­se so an: „Ich will schrei­ben, das ist mein auf­rich­ti­ger Wunsch.“ Wie könn­te eine sol­che Ex­pli­ka­ti­on bei McE­wan ge­lau­tet ha­ben? Viel­leicht ein­fach „re­al­ly“ oder „ho­nest­ly“: „I re­al­ly want to wri­te.“ „I want so wri­te, ho­nest­ly.“ Dass die Wahr­heits­di­men­si­on, die mit dem Spre­chen un­ab­schüt­tel­bar ver­bun­den ist – der Gel­tungs­an­spruch, wie Ha­ber­mas es nennt –, sich an ei­nen abs­trak­ten An­de­ren jen­seits des kon­kre­ten Ge­sprächs­part­ners wen­det, ist in man­chen Schwur­for­meln er­kenn­bar: „beim Gra­be mei­ner Mut­ter“, „bei Gott“, „so wahr mir Gott hel­fe“, „beim Bar­te des Pro­phe­ten“ usw. Man ver­spricht et­was „hoch und hei­lig“ – der An­de­re, auf den man sich da­mit be­zieht, ist das Hei­li­ge.

Aus­ge­hend von ei­nem hy­po­the­ti­schen sprach­lich über­form­ten Be­dürf­nis ar­ti­ku­liert McE­wan ei­nen Schreib­an­spruch. Er ist hier­für ge­nö­tigt, sich ei­nes vor­ge­ge­be­nen Vo­ka­bu­lars zu be­die­nen, wo­durch sei­ne An­triebs­struk­tur mo­di­fi­ziert wird, und ei­nen Wahr­heits­an­spruch zu er­he­ben, der sich an eine In­stanz wen­det, die un­ab­hän­gig ist vom kon­kre­ten Ge­gen­über.

Si­gni­fi­kat des An­de­ren (s(A))

Nach dem Ba­che­lor-Ab­schluss soll­te für mich ein neu­es Le­ben an­fan­gen. Ich sah mich als haupt­be­ruf­li­chen Schrift­stel­ler.“

Der zwang­zig­jäh­ri­ge McE­wan hat die un­ter­schied­li­chen An­sprü­che um eine Ziel­vor­stel­lung her­um or­ga­ni­siert, die des haupt­be­ruf­li­chen Schrift­stel­lers. Mit ihr ver­leiht er den An­sprü­chen ei­nen Sinn.

La­can be­tont, dass die Sinn­ge­bung nach­träg­lich er­folgt.

McE­wan ist mit al­len mög­li­chen An­sprü­chen be­fasst, die sich oft­mals wi­der­spre­chen; das gilt so­wohl für die­je­ni­gen An­sprü­che, die an­de­re an ihn rich­ten, als auch für For­de­run­gen, mit de­nen er sich selbst an an­de­re wen­det. Ir­gend­wann wird ihm klar, dass er ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler wer­den will. Zum Wort­schatz der eng­li­schen Spra­che ge­hört der Ter­mi­nus „full-time com­mi­ted wri­ter“. McE­wan greift den Ter­mi­nus auf, be­zieht ihn auf die Se­rie der he­te­ro­ge­nen An­sprü­che und ver­leiht ih­nen da­durch ei­nen be­stimm­ten Sinn: sie ha­ben sich auf je­man­den be­zo­gen, der dazu be­stimmt ist, ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler zu wer­den. In­so­fern kann man sa­gen: Der Sinn kommt vom An­de­ren, s(A). Der Sinn des­sen, was er sa­gen will, wird durch das Sprach­sys­tem mo­del­liert.

Das Sym­bol s(A) be­zeich­net den zwei­ten Kno­ten­punkt im un­te­ren Stock­werk des Gra­phen. Die­ser Punkt ent­steht durch die Über­schnei­dung der Be­dürf­nis- oder In­ten­tio­na­li­täts­li­nie mit der Li­nie des An­spruchs. Da­mit soll ge­sagt wer­den: Das Si­gni­fi­kat greift in das Be­dürf­nis ein. Das Ziel, ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler zu wer­den, mo­di­fi­ziert die An­triebs­struk­tur.

Pols­ter­stich

La­can nennt den Vor­gang, durch den ein Si­gni­fi­kant rück­wir­kend eine Rei­he von Si­gni­fi­kan­ten re­or­ga­ni­siert und ih­nen ei­nen Sinn ver­leiht, point de ca­pi­ton, „Pols­ter­stich“ oder „Stepp­punkt“.

Graph des Begehrens - Polsterstich 2Im Gra­phen des Be­geh­rens wird der Pols­ter­stich durch die Über­keu­zung zwei­er Li­ni­en dar­ge­stellt, der Li­nie des Be­dürf­nis­ses und der Li­nie des An­spruchs (in der Ab­bil­dung oben gelb mar­kiert). Die rück­wir­ken­de Funk­ti­on be­stimm­ter Si­gni­fi­kan­ten bei der Sinn­erzeu­gung wird durch das Pfeil­seg­ment an­ge­zeigt, das von A aus­geht, schräg nach links oben führt und im Kno­ten­punkt s(A) en­det, das also vom Code (A) zur Mit­tei­lung (s(A)) führt. Mit­hil­fe ei­nes aus dem Wort­schatz des Eng­li­schen (A) stam­men­den Ter­mi­nus, full-time com­mi­ted wri­ter, wird dem Wirr­warr der An­sprü­che nach­träg­lich ein Sinn ver­lie­hen (s(A)).

Ich (m) und Ide­al-Ich (i(a))

McE­wan schreibt über sein da­ma­li­ges Selbst­bild:

Zu­wei­len sah ich mich als wil­den Mann, als fau­vis­te, der sich ge­gen den bür­ger­li­chen Schei­dungs­ro­man auf­lehn­te, über den alle Welt jam­mer­te. Vier­zig Jah­re nach Er­schei­nen die­ses klei­nen Er­zäh­lungs­ban­des sehe ich das na­tur­ge­mäß an­ders. Selbst­ver­ständ­lich hat­te die eng­li­sche Li­te­ra­tur 1970 sehr viel mehr zu bie­ten als nur den so­ge­nann­ten Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­man.“

Der jun­ge McE­wan be­griff sich als Fau­vis­ten, als An­hän­ger der Wild­heit, und als Mit­glied ei­ner Grup­pe von Gleich­ge­sinn­ten, nach dem Vor­bild der Ma­ler des Fau­vis­mus. Da­bei hat­te er eine Rei­he von an­de­ren Au­to­ren scharf im Auge, die Ver­fas­ser der Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­ma­ne.

Graf des Begehrens - imag 1Dies ist die ima­gi­nä­re Ebe­ne sei­ner Be­zie­hung zum Schrei­ben, das Ver­hält­nis zwi­schen dem ima­gi­nä­ren an­de­ren (mit klei­nem a) und dem Ich. Im Gra­phen des Be­geh­rens ent­spricht die­ser Be­zie­hung die von rechts nach links ver­lau­fen­de Ach­se m ← i(a) im un­te­ren Stock­werk des Gra­phen. Den Ort des (ne­ga­tiv) idea­li­sier­ten an­de­ren neh­men die Ver­fas­ser der Hamp­s­te­ad-Ro­ma­ne ein: i(a), für image de l’autre, Bild des an­de­ren, und zu­gleich für moi idéal, Ide­al-Ich. In der Po­si­ti­on des Ichs fin­det man die Iden­ti­fi­zie­rung als Wild­heits­fan (m, für moi, Ich). Der li­te­ra­ri­sche Wil­de grenzt sich, als der wah­re Li­te­rat, vom li­te­ra­ri­schen Spie­ßer ab und ver­kennt da­bei, dass er ihn nicht nur hasst, son­dern auch liebt, dass er auf die­sen Lieb­lings­geg­ner an­ge­wie­sen ist – als Ri­va­le, als (ne­gier­tes) Ide­al-Ich –, dass er ihm als Spie­gel­bild dient, durch das es ihm erst mög­lich ist, ein gu­ter Wil­der zu sein, ei­ner, der die li­te­ra­ri­sche Leis­tung er­bringt, auf die es wahr­haft an­kommt. Man könn­te die­se Art der Be­zie­hung als „ima­gi­nä­re Ge­ge­n­iden­ti­fi­zie­rung“ be­zeich­nen.

Ver­bin­dung zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen (A → i(a) → m → s(A))

Die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zum An­de­ren und die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem Ideal­ich grei­fen in­ein­an­der ein.

Wie je­der weiß, ist es für die Kon­sti­tu­ie­rung ei­nes so­li­den so­zia­len Ge­gen­sat­zes ent­schei­dend, ei­nen Ter­mi­nus für den Geg­ner zu ha­ben und ei­nen wei­te­ren Ter­mi­nus für die ei­ge­ne Sei­te und bei­de Aus­drü­cke be­stän­dig zu wie­der­ho­len, Po­li­ker bei­spiels­wei­se spre­chen fort­wäh­rend von „Ex­tre­mis­ten“ oder „Ter­ro­ris­ten“, sich selbst be­zeich­nen sie mit Aus­drü­cken wie „der Wes­ten“ oder „die Völ­ker­ge­mein­schaft“. Bei ei­ner li­te­ra­ri­schen Geg­ner­schaft ist das nicht an­ders, auch sie ist auf Si­gni­fi­kan­ten­op­po­si­tio­nen an­ge­wie­sen. Im Fal­le von McE­wan ist dies der Ge­gen­satz von „Hamp­s­te­ad di­vorce no­vel“ und „fau­vis­te“. Gäbe es über­haupt „den“ Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­man (für ein brei­tes Spek­trum von Au­to­ren und Wer­ken), wenn der Aus­druck „Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­man“ nicht zur Ver­fü­gung stün­de? Im Gra­phen des Be­geh­rens wird die­se Ver­bin­dung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren durch den Pfeil dar­ge­stellt, der vom Schnitt­punkt un­ten rechts aus­geht, A, und nach un­ten zum Bild des an­de­ren führt, i(a). Die Ri­va­li­täts­funk­ti­on der Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­ma­ne am Platz i(a) stützt sich auf Ele­men­te des Codes, auf die Si­gni­fi­kan­ten „Hams­te­ad di­vorce no­vels“ und „fau­vis­te“.

Graph des Begehrens - imag 3Das Er­geb­nis der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, das wil­de Ich (m), in­ter­ve­niert in die vom An­de­ren kom­men­de Be­deu­tung (s(A)): Ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler zu sein, das heißt: schrei­ben wie ein Wil­der. Im Gra­phen wird dies in der un­te­ren ima­gi­nä­ren Li­nie durch das Seg­ment re­prä­sen­tiert, das von m nach s(A) führt. Das Si­gni­fi­kat, ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler zu sein, ent­steht durch die Über­la­ge­rung des Sym­bo­li­schen (des Ter­mi­nus „haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler“) und des Ima­gi­nä­ren (des Bil­des des fau­vis­ti­schen Ichs).

Im Jah­re 2015, beim Schrei­ben des neu­en Vor­worts, ist die­se ima­gi­nä­re Kon­stel­la­ti­on für McE­wan zer­fal­len. Jetzt kann er schrei­ben:

Im Üb­ri­gen ist Schei­dung ein er­gie­bi­ges The­ma und Hamp­s­te­ad ein voll­kom­men zu­läs­si­ger Schau­platz.“

Ichi­de­al (I(A))

Die Poin­te von La­cans Ich-Theo­rie be­steht dar­in, dass das Ich (moi) nicht nur durch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum Bild des an­de­ren bzw. zum Ide­al-Ich (moi idéal) kon­sti­tu­iert wird, son­dern zu­gleich durch die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zum Ichi­de­al (idéal du moi). Das Ichi­de­al ist die­je­ni­ge In­stanz, für die das Ich als lie­bens­wert er­schei­nen will, es ent­steht durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem An­de­ren, mit dem Adres­sa­ten des An­spruchs, mit dem Adres­sa­ten, der spricht und der dem Sub­jekt in­so­fern als all­mäch­tig er­scheint, als er den An­spruch er­fül­len oder zu­rück­wei­sen kann. Die­se Iden­ti­fi­zie­rung voll­zieht sich durch die Über­nah­me ei­ner „In­si­gnie“.31

Wor­in be­steht für McE­wan das Ichi­de­al? Über sei­ne ers­te Ge­schich­te, „Ge­spräch mit ei­nem Schrank­men­schen“, schreibt er:

Der Er­zäh­ler der Ge­schich­te war ein Mann, der nicht er­wach­sen wer­den woll­te – eine merk­wür­di­ge Wahl, glaub­te ich doch in die­sem Jahr, end­lich er­wach­sen ge­wor­den zu sein. Der Um­zug nach Nor­wich war die ers­te wich­ti­ge Ent­schei­dung in mei­nem Le­ben, bei der ich mich nicht vom Vor­bild oder Rat­schlag an­de­rer hat­te lei­ten las­sen.“

Der idea­le Be­zugs­punkt, von dem aus er sich be­ur­teilt und für den er als lie­bens­wert er­schei­nen möch­te, das Ichi­de­al also, scheint für ihn „der Er­wach­se­ne“ zu sein. Man den­ke dar­an, dass ein leb­haf­tes Kind von den El­tern oft zärt­lich als „Wild­fang“ be­zeich­net wird (oder be­zeich­net wur­de, ich habe das lan­ge nicht ge­hört). Ein Wil­der möch­te er, so ver­mu­te ich, für die Au­gen „des Er­wach­se­nen“ sein.

Die Iden­ti­fi­zie­rung voll­zieht sich durch die Über­nah­me ei­nes be­stimm­ten Merk­mals des An­de­ren, ei­ner „In­si­gnie“. Wor­in be­steht sie? Die fol­gen­den Be­mer­kun­gen ge­ben viel­leicht ei­nen Hin­weis:

Am Ende der ers­ten Wo­che [in Nor­wich], nach­dem sämt­li­che For­ma­li­tä­ten er­le­digt wa­ren, setz­te ich mich ei­nes Abends an den klei­nen Tisch ne­ben mei­nem Bett und nahm mir vor, die gan­ze Nacht durch­zu­ar­bei­ten, bis ich eine Kurz­ge­schich­te fer­tig hät­te. (…) Ich ar­bei­te­te in die Nacht hin­ein, er­füllt von ei­nem ro­man­ti­schen Bild mei­ner selbst: ein Schrift­stel­ler, der, ge­trie­ben von ei­ner zwin­gen­den Idee, hel­den­haft der Mor­gen­däm­me­rung ent­ge­gen­schreibt, wäh­rend die Stadt im Tief­schlaf liegt.“

Nacht­ar­beit – das könn­te das Ele­ment sein, das McE­wan aus dem Ver­hal­ten ei­nes An­de­ren her­aus­ge­bro­chen hat, aus dem Ver­hal­ten „des Er­wach­se­nen“, und das er in das Merk­mal der Nacht­ar­beit ver­wan­delt hat, in die In­si­gnie, durch de­ren Über­nah­me sich die sym­bo­li­sche Iden­ti­fi­zie­rung voll­zieht. Ist doch aus der Per­spek­ti­ve des klei­nen Kin­des der Er­wach­se­ne nicht zu­letzt der­je­ni­ge, der sei­ne All­macht da­durch be­kun­det, dass er dem Kind das Schlaf­ge­setz auf­zwingt – ihn ins Bett schickt –, der selbst aber be­lie­big lang auf­blei­ben darf.

Die „In­si­gnie“ ist ein „ein­zel­ner Zug“, wie La­can spä­ter sa­gen wird32, eine nar­ziss­tisch be­setz­te „klei­ne Dif­fe­renz“33. Das könn­te in die­sem Fall der Ge­gen­satz von Tag und Nacht sein, als von Spra­che und Kul­tur bi­när ko­dier­te Op­po­si­ti­on von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit – hier: des Son­nen­lichts.34

Graf des Begehrens - Schreibbegehren 2Im Gra­phen des Be­geh­rens wird die­ses Ele­ment durch das Sym­bol I(A) re­prä­sen­tiert, links un­ten, am Ende der rechts un­ten von $ aus­ge­hen­den Li­nie der In­ten­tio­na­li­tät; der Buch­sta­be I kann als Ein­zel­strich ge­le­sen wer­den, als trait un­aire, als „ein­zel­ner Zug“, als ab­so­lu­te Dif­fe­renz.

Das Ichi­de­al ist am Ende der Be­dürf­nis­li­nie ver­or­tet, und das soll hei­ßen: Das Ichi­de­al be­steht nicht nur aus Si­gni­fi­kan­ten, es ist zu­gleich eine Mo­di­fi­ka­ti­on der An­triebs­struk­tur. Im Fal­le der Nacht­ar­beit ist das be­son­ders ein­leuch­tend. Falls sie tat­säch­lich auf der Bil­dung des Ichi­de­als be­ruht, wür­de das ja hei­ßen: Das Ichi­de­al greift in den Schlafrhyth­mus ein, in die ge­ne­tisch ver­an­ker­te in­ne­re Uhr.

Das obere Stockwerk

Jen­seits der Fi­xie­rung des Be­dürf­nis­ses durch den Schreib­an­spruch, jen­seits des vom An­de­ren kom­men­den Sinns, ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler zu wer­den, jen­seits der Ri­va­li­tät mit dem Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­man, jen­seits des Ichi­de­als des nacht­ar­bei­ten­den Er­wach­se­nen – jen­seits die­ser For­ma­ti­on ver­sucht das Sub­jekt, sei­ne Ori­gi­na­li­tät wie­der­zu­fin­den. Was bin ich? Was will ich? Was ist mein Be­geh­ren? Die­se Fra­ge ist be­wusst; um sie sich zu be­ant­wor­ten, ge­hen man­che zur Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin.

Que vuoi?

Die Ver­bin­dung zwi­schen dem Schrei­ben und dem Be­geh­ren im Sin­ne von La­can zeigt sich im Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Schrei­ben und dem Be­geh­ren des An­de­ren.

Als ‚Ers­te Lie­be, letz­te Ri­ten‘ her­aus­kam, hat­te es bei der Kri­tik (nicht aber bei den Buch­käu­fern) ei­nen ge­wis­sen Er­folg. Doch auch die wohl­wol­len­den Re­zen­sen­ten äu­ßer­ten sich scho­ckiert: Was für ein Un­ge­heu­er war da auf­ge­taucht? Manch­mal wa­ren gute und schlech­te Re­zen­sio­nen kaum von­ein­an­der zu un­ter­schei­den, denn bei­de Sei­ten stri­chen ge­nüss­lich die vie­len Ob­szö­ni­tä­ten und ba­ro­cken Per­ver­sio­nen her­aus.“

McE­wan be­schreibt hier, wie er auf die Sper­re zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat stößt. Als Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten sind die an­geb­lich wohl­wol­len­den Re­zen­sio­nen durch­aus les­bar, aber was ist ihr Si­gni­fi­kat? Ist die Zu­stim­mung auf­rich­tig ge­meint? Was be­deu­tet es, wenn die­se Re­zen­sen­ten die ob­szö­nen und per­ver­sen As­pek­te der Ge­schich­ten so stark be­to­nen? Wie kann man da eine zu­stim­men­de von ei­ner ab­leh­nen­den Re­zen­si­on un­ter­schei­den? Will der Re­zen­sent, der ihn rühmt, ihn letzt­lich ver­nich­ten? Was will der Re­zen­sent wirk­lich? La­cans For­mel für die Fra­ge des Sub­jekts nach dem wahr­haf­ten Be­geh­ren des An­de­ren jen­seits der Mehr­deu­tig­keit der ar­ti­ku­lier­ten Ab­sich­ten ist „Que vuoi?“, ita­lie­nisch für: Was willst du? Was ist die Bot­schaft des An­de­ren?

Graph des Begehrens - Que vuoiIm Gra­phen ent­spricht die­ser Fra­ge die Li­nie, die vom Schnitt­punkt A aus­geht, nach oben führt und über ($◊D) oben her­um zu S(Ⱥ) und zu ($◊a) führt. La­can be­tont, dass die Ge­stalt die­ser Li­nie an ein Fra­ge­zei­chen er­in­nert (S(Ⱥ) und ($◊a) sind die bei­den Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge). Auch die­se Li­nie steht also für eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, je­doch für ein Spre­chen zwei­ter Ord­nung, für ein Spre­chen über das Spre­chen: sie re­prä­sen­tiert die Fra­ge des Sub­jekts nach ei­ner ver­steck­ten Be­deu­tung und da­mit die Fra­ge nach ei­nem Be­geh­ren, das sich im Spre­chen ma­ni­fes­tiert, das aber un­ver­ständ­lich ist.35

Das Be­geh­ren ist kein dem ein­zel­nen In­di­vi­du­um in­ne­woh­nen­des Abs­trak­tum (hät­te Marx ge­sagt36), es ist, wenn man den Aus­druck ver­wen­den darf, „in­ter­sub­jek­tiv“ ver­fasst – von der Be­zie­hung zum Be­geh­ren auf der Sei­te des An­de­ren ist das Be­geh­ren des Sub­jekts nicht zu lö­sen. Hät­te der An­de­re kein Be­geh­ren, gäbe es auch kein Be­geh­ren auf der Sei­te des Sub­jekts. „Das Be­geh­ren ist das Be­geh­ren des An­de­ren“, ist La­cans For­mel für die­se Ver­wick­lung (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Da­mit be­zieht er sich nicht pri­mär dar­auf, dass man be­gehrt, vom An­de­ren be­gehrt zu wer­den, son­dern dar­auf, dass man „als An­de­rer“ be­gehrt. Das so­ge­nann­te ei­ge­ne Be­geh­ren, das sind die Wün­sche der El­tern, Groß­el­tern, Ur­groß­el­tern. Die ty­pi­sche Form, in der sich ein Sub­jekt die Fra­ge nach dem ei­ge­nen Be­geh­ren stellt, ist des­halb die Fra­ge nach dem Be­geh­ren auf der Sei­te des An­de­ren, in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se: nach dem Be­geh­ren des Ana­ly­ti­kers. (Das gibt dem Be­geh­ren sei­ne Asym­me­trie, und aus die­sem Grun­de ist es nicht „in­ter­sub­jek­tiv“ ver­fasst, nicht re­zi­prok.)

Der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­geh­ren im Sin­ne von La­can und dem Schrei­ben ist des­halb un­trenn­bar ver­wi­ckelt in die Fra­ge nach dem Be­geh­ren des An­de­ren, hier also in die Fra­ge nach dem Be­geh­ren des An­de­ren – des Le­sers – in Be­zug auf das Schrei­ben des Sub­jekts, jen­seits des ar­ti­ku­lier­ten Ur­teils des An­de­ren, jen­seits des An­spruchs.

Von La­can kann man also ler­nen, dass die Fra­ge nach dem Be­geh­ren des An­de­ren der Weg ist, um das so­ge­nann­te ei­ge­ne Be­geh­ren zu er­kun­den. Er ent­nimmt den (ita­lie­ni­schen) Satz „Que vuoi?“ ei­nem (fran­zö­si­schen) Ro­man von Jac­ques Ca­zot­te, Der ver­lieb­te Teu­fel; dar­in ist es der An­de­re (der Teu­fel), der dem Sub­jekt (dem Ich-Er­zäh­ler) die­se Fra­ge stellt.37 Die Fra­ge des Sub­jekts nach dem Be­geh­ren des An­de­ren hat hier die Form der Fra­ge des An­de­ren nach dem Be­geh­ren des Sub­jekts.

Be­zo­gen auf McE­wan wür­de das hei­ßen: Wenn die Re­ak­tio­nen ei­ni­ger Re­zen­sen­ten ihn so be­un­ru­hi­gen, dass er sich fragt, was sich da­hin­ter ver­birgt, dass er sich also die Fra­ge nach ih­rem Be­geh­ren stellt, dann ist er da­mit auf dem Weg, um zu er­kun­den, was er selbst ei­gent­lich be­gehrt – jen­seits des Ichi­de­als, in der Be­griff­lich­keit der So­zio­lo­gen: jen­seits der ver­in­ner­lich­ten Nor­men. Und er ist da­mit kon­fron­tiert, dass sein ei­ge­nes Be­geh­ren durch das Be­geh­ren auf der Sei­te des An­de­ren kon­sti­tu­iert wird.

Be­geh­ren (d)

Und wo ist das Be­geh­ren des Sub­jekts im Gra­phen zu ver­or­ten, die­je­ni­ge Grö­ße also, die mich – im Hin­blick auf das „Schreib­be­geh­ren“ – am meis­ten in­ter­es­siert? Das Be­geh­ren ist ver­mit­tels des An­spruchs zu­gäng­lich, der sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­ten For­de­rung. Ei­nen Hin­weis auf die mög­li­che Ver­klam­me­rung von An­spruch und Be­geh­ren gibt die fol­gen­de Pas­sa­ge:

Die [ers­te] Ge­schich­te [die er in Nor­wich schrieb] hieß Ge­spräch mit ei­nem Schrank­men­schen und war eine von meh­re­ren, die in die­sem Jahr ent­stan­den und in mein ers­tes Buch Ein­gang fan­den, den Er­zähl­band Ers­te Lie­be, letz­te Ri­ten von 1975. Der Er­zäh­ler der Ge­schich­te war ein Mann, der nicht er­wach­sen wer­den woll­te – eine merk­wür­di­ge Wahl, glaub­te ich doch in die­sem Jahr, end­lich er­wach­sen ge­wor­den zu sein.“

Die An­sprü­che, in Nor­wich zu stu­die­ren und zu schrei­ben, wur­den von McE­wan da­mals päd­ago­gisch ko­diert, durch die Dif­fe­renz nicht-erwachsen/erwachsen. Das Nicht-Er­wach­sen­sein be­stand für ihn dar­in, sich den An­sprü­chen an­de­rer zu un­ter­wer­fen, ein Er­wach­se­ner hin­ge­gen zeich­ne­te sich in sei­nen Au­gen da­durch aus, dass er selbst­stän­dig sei­ne Ent­schei­dun­gen trifft. Der Wech­sel von An­spruch zu An­spruch ist, mit La­can ge­spro­chen, eine Me­to­ny­mie; die Trieb­kraft der Me­to­ny­mie­bil­dung ist für ihn das Be­geh­ren. Das, was La­can als „Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“ be­zeich­net, ist die Me­to­ny­mie der An­sprü­che, un­ter dem As­pekt be­trach­tet, dass in ih­nen das Be­geh­ren zit­tert. Mit dem Über­gang vom Fremd­an­spruch zum Ei­gen­an­spruch wird eine Me­to­ny­mie voll­zo­gen. Also kann man fra­gen, wie sich hier das Be­geh­ren zei­gen könn­te.

Die ers­te Ge­schich­te, die McE­wan zu Pa­pier bringt, han­delt von ei­nem Mann, der nicht er­wach­sen wer­den will. Das war, wie er im Rück­blick schreibt, eine „merk­wür­di­ge Wahl“, da er selbst ja ge­ra­de er­wach­sen wer­den woll­te. In der Rät­sel­haf­tig­keit die­ser Wahl zeigt sich, dass die Ver­drän­gung wirk­sam ist und dass der Wech­sel vom Fremd­an­spruch zum Ei­gen­an­spruch durch et­was be­stimmt wird, das im An­spruch auf Er­wach­sen­sein nicht ar­ti­ku­liert wer­den kann: durch das Be­geh­ren.

Ich lern­te [nach dem Um­zug nach Nor­wich] zahl­rei­che neue Freun­de ken­nen, dar­un­ter mei­ne künf­ti­ge ers­te Frau, las be­geis­tert die ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur der Stun­de, un­ter­nahm Wan­de­run­gen an der Küs­te von North Nor­folk, hat­te ein­mal auf dem Lan­de hal­lu­zi­no­ge­ne Dro­gen aus­pro­biert und nicht schlecht ge­staunt – und den­noch, wann im­mer ich mich zum Schrei­ben hin­setz­te, er­grif­fen die wil­des­ten, dun­kels­ten Im­pul­se von mir Be­sitz. In­zest un­ter Ge­schwis­tern, Trans­ves­tis­mus, eine Rat­te, die ein jun­ges Lie­bes­paar drang­sa­liert, Schau­spie­ler, die wäh­rend der Pro­be Sex ha­ben, Kin­der, die eine Kat­ze bra­ten, Kinds­miss­brauch und Mord, ein Mann, der ei­nen Pe­nis in ei­nem Glas auf­be­wahrt und durch eso­te­ri­sche Geo­me­trie sei­ne Frau ver­schwin­den lässt – so fins­ter die­se Ge­schich­ten sein moch­ten, schie­nen sie mir auch et­was Ko­mi­sches zu ha­ben.“

Hier kom­men wei­te­re An­sprü­che ins Spiel. Er liest be­geis­tert die ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur; die An­sprü­che, die da­mit ver­bun­den sind, wer­den nicht ex­pli­zit ar­ti­ku­liert, sie dürf­ten un­ge­fähr so ge­lau­tet ha­ben: „So wie X oder Y will auch ich schrei­ben.“ Man könn­te dies den „Schreib­an­spruch“ nen­nen. Und dann gibt es si­cher­lich An­sprü­che, die er von sei­nen neu­en Freun­den über­nimmt, Vor­stel­lun­gen, wie man zu le­ben hat.

Das ent­schei­den­de Ele­ment der zi­tier­ten Stel­le ist das Wort „den­noch“, yet. Auch die­ser Aus­druck ver­weist auf die Wirk­sam­keit von et­was Ver­dräng­tem, auch er in­di­ziert den Ge­gen­satz zwi­schen dem Schreib­an­spruch und dem Be­geh­ren. Wenn er sich zum Schrei­ben hin­setzt, er­eig­net sich et­was an­de­res als das, was er sich vor­ge­nom­men hat­te, was er „be­an­sprucht“ hat­te. „Dun­kels­te Im­pul­se“ er­grei­fen von ihm Be­sitz. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie ist dies das Be­geh­ren.

Graph des Begehrens - nur BegehrenIm Gra­phen des Be­geh­rens wird das Be­geh­ren durch das klei­ne d für dé­sir re­prä­sen­tiert, im obe­ren Stock­werk rechts.

Phan­tas­ma ($◊a)

Dass es um das Be­geh­ren geht, zeigt sich im Wu­chern der Phan­ta­si­en. Nur durch den Be­zug auf das Phan­tas­ma hat das Sub­jekt die Mög­lich­keit, sich als Be­geh­ren zu ver­or­ten.

Graph des Begehrens - Linie Begehren und PhantasmaIm Gra­phen wird die­ser Zu­sam­men­hang da­durch an­ge­zeigt, dass das Be­geh­ren sich auf ($◊a) be­zieht, auf die For­mel für das Phan­tas­ma.38

In­so­fern gibt es eine Ähn­lich­keit zwi­schen dem Be­geh­ren und dem Ich. So wie es das Ich (m) erst da­durch gibt, dass es sich auf das Bild des an­de­ren (i(a)) be­zieht, exis­tiert das Be­geh­ren (d) erst durch den Be­zug auf be­stimm­te Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen ($◊a). Die­se Phan­ta­si­en fi­xie­ren und re­gu­lie­ren und ak­ti­vie­ren das Be­geh­ren; ohne sie wür­de das Be­geh­ren ver­lö­schen.

Graph des Begehrens - Ich und BegehrenIm Gra­phen wird die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich (m) und dem Ide­al-Ich (i(a)) des­halb ana­log zur Be­zie­hung zwi­schen dem Phan­tas­ma ($◊a) und dem Be­geh­ren (d) dar­ge­stellt. Was für den Fau­vis­ten die Hamp­s­te­ader Schei­dungs­ro­ma­ne, sind für die dun­kels­ten Im­pul­se die Phan­ta­si­en vom Ge­schwis­te­rin­zest.

Das Be­geh­ren und das be­wuss­te Phan­tas­ma

Die Ver­bin­dung zwi­schen dem Be­geh­ren und dem Phan­tas­ma ist teils be­wusst, teils un­be­wusst. Graph des Begehrens - Begehren in zwei KreisläufenIm Gra­phen wird die Ver­bin­dung zwi­schen dem Be­geh­ren und dem Phan­tas­ma des­halb auf zwei un­ter­schied­li­che Kreis­läu­fe be­zo­gen, der eine re­prä­sen­tiert das be­wusst kon­trol­lier­te Spre­chen, der an­de­re das Un­be­wuss­te. Der be­wuss­te Kreis­lauf, von mir blau ge­färbt, be­ginnt in A (An­de­rer), geht von hier aus nach oben, zweigt bei d nach links ab, führt zu ($◊a) und von dort hin­un­ter zu s(A) und schließ­lich von dort aus zu­rück zu A. Der un­be­wuss­te Kreis­lauf be­ginnt am An­fang der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie (bei „Ge­nie­ßen“) und durch­läuft dann die Sta­tio­nen S(Ⱥ) (Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren), ($◊D) (Code des Un­be­wuss­ten) und d und führt über ($◊a) zu­rück zu S(Ⱥ).39 Das Be­geh­ren ist ein un­be­stimm­ter Punkt in die­sen bei­den Kreis­läu­fen, auf der Höhe der von mir lila ge­färb­ten Li­nie (lila für die In­ter­fe­renz der bei­den Kreis­läu­fe).40

Eine Be­son­der­heit von McE­wan be­steht dar­in, dass er ei­nen so leich­ten Zu­gang zu sei­nen Phan­tas­men hat, wo­bei die­se Ver­bin­dung an den Akt des Schrei­bens ge­bun­den zu sein scheint oder durch ihn un­ter­stützt wird.

Graph des Begehrens - Kreislauf des bewussten BegehrensIn der Zeich­nung oben wird der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­geh­ren und dem Phan­tas­ma, be­zo­gen auf das Ge­schich­ten­schrei­ben von McE­wan, durch die gelb ge­färb­ten Be­zie­hun­gen re­prä­sen­tiert: der obe­re Kreis­lauf des be­wuss­ten Spre­chens, der von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung des Be­geh­rens zum Phan­tas­ma er­fasst ist.

Bei den er­zähl­ten Phan­tas­men stützt sich das Spre­chen auf den Code (A), wird von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung des Be­geh­rens (d) zum Phan­tas­ma er­fasst ($◊a), er­zeugt es code­ge­stütz­te Be­deu­tun­gen (s(A)) und führt zu ei­ner Ver­än­de­rung des Code (A); man den­ke etwa den Be­griff „Lo­li­ta­kom­plex“, ein Ele­ment des Codes, das auf ei­nen Ro­man zu­rück­geht, in dem eine be­stimm­te se­xu­el­le Phan­ta­sie ela­bo­riert wird.

Das Be­geh­ren im Kreis­lauf des Un­be­wuss­ten

Die be­wuss­ten Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen er­mög­li­chen ei­nen re­la­tiv ein­fa­chen Zu­gang zum Be­geh­ren. Für die Psy­cho­ana­ly­se sind die un­be­wuss­ten Phan­tas­men in­ter­es­san­ter, da sie es sind, die die Sym­pto­me be­stim­men. Gibt der Text von McE­wan ei­nen Hin­weis auf das un­be­wuss­te Be­geh­ren in sei­ner Be­zie­hung zu un­be­wuss­ten Phan­tas­men? Mög­li­cher­wei­se in die­ser Pas­sa­ge, die ich be­reits zi­tiert habe.

Doch auch die wohl­wol­len­den Re­zen­sen­ten äu­ßer­ten sich scho­ckiert: Was für ein Un­ge­heu­er war da auf­ge­taucht? Manch­mal wa­ren gute und schlech­te Re­zen­sio­nen kaum von­ein­an­der zu un­ter­schei­den, denn bei­de Sei­ten stri­chen ge­nüss­lich die vie­len Ob­szö­ni­tä­ten und ba­ro­cken Per­ver­sio­nen her­aus.“

Dass man­che Kri­ti­ker die ob­szö­nen und per­ver­sen Sei­ten von McE­wans Ge­schich­ten be­to­nen, hat Züge ei­ner Ab­wehr. Die Ab­wehr ver­weist auf ein un­be­wuss­tes Be­geh­ren. Viel­leicht funk­tio­niert sie so: Das Phan­tas­ma hat im­mer per­ver­se Züge.41 Wenn man McE­wans Ge­schich­ten liest, wer­den die ei­ge­nen per­ver­sen Phan­tas­men ak­ti­viert, die be­wuss­ten, aber auch die un­be­wuss­ten. Das an die un­be­wuss­ten Phan­tas­men ge­bun­de­ne Be­geh­ren wird mög­li­cher­wei­se da­durch ab­ge­wehrt, dass man mit dem Fin­ger auf McE­wan zeigt: Er ist ein biss­chen per­vers (und nicht ich). Also ein Pro­jek­ti­ons­me­cha­nis­mus, der da­durch er­leich­tert wird, dass die Phan­ta­si­en von McE­wan tat­säch­lich ein biss­chen per­vers sind (was al­ler­dings nicht an­ders zu er­war­ten ist).

Graf des Begehrens - oberer Kreislauf gelbIm Gra­phen wäre das Be­geh­ren, das sich hier mög­li­cher­wei­se durch Ab­wehr kund­tut, den Ver­bin­dun­gen zu­zu­ord­nen, die ich oben gelb ge­färbt habe: dem Kreis­lauf des Un­be­wuss­ten, wie er von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung des Be­geh­rens auf das Phan­tas­ma er­fasst wird.

Es gäbe also eine In­ter­fe­renz zwi­schen dem be­wuss­ten „Schreib­be­geh­ren“ und dem un­be­wuss­ten „Le­se­be­geh­ren“.

 

Graph des Begehrens - Begehren in zwei KreisläufenDas be­reits ge­zeig­te Dia­gramm mit den bei­den Kreis­läu­fen, der eine rot, der an­de­re blau ge­färbt, lie­ße sich dann so deu­ten, dass McE­wans be­wuss­te Phan­ta­si­en (der blaue Kreis­lauf) die un­be­wuss­ten Phan­ta­si­en von uns Le­sern ak­ti­vie­ren (durch die li­la­far­be­ne In­ter­fe­renz­li­nie) und da­durch un­se­ren un­be­wuss­ten Kreis­lauf auf Tou­ren brin­gen.

Code des Un­be­wuss­ten ($◊D)

Gibt es Hin­wei­se auf das Un­be­wuss­te auf der Sei­te von McE­wan?

Ich zi­tie­re die zu­letzt wie­der­ge­ge­be­ne Pas­sa­ge noch ein­mal und schie­be ei­nen von mir zu­vor aus­ge­las­se­nen Satz ein:

Am Ende der ers­ten Wo­che, nach­dem sämt­li­che For­ma­li­tä­ten er­le­digt wa­ren, setz­te ich mich ei­nes Abends an den klei­nen Tisch ne­ben mei­nem Bett und nahm mir vor, die gan­ze Nacht durch­zu­ar­bei­ten, bis ich eine Kurz­ge­schich­te fer­tig hät­te. No­ti­zen hat­te ich kei­ne, nur Fet­zen, eine ver­schwom­me­ne Vor­stel­lung da­von, was für eine Ge­schich­te das sein soll­te. (…) Um sechs war ich fer­tig.“

McE­wan stell­te sich eine Schreib­auf­ga­be und er­füllt sie – wo soll man das in das Sche­ma ein­tra­gen? Auch hier geht es wie­der um ei­nen An­spruch: um eine For­de­rung, die der wer­den­de Schrift­stel­ler an sich sel­ber rich­tet: „Ich wer­de die gan­ze Nacht durch­ar­bei­ten, so­lan­ge, bis ich eine Ge­schich­te fer­tig habe.“ Man kann sie also im un­te­ren Teil des Gra­phen der von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“ füh­ren­den Si­gni­fi­kan­ten­li­nie zu­ord­nen.

Die­ser An­spruch hat eine spe­zi­el­le Kon­no­ta­ti­on: es geht dar­um, eine groß­ar­ti­ge Leis­tung zu er­brin­gen, eine Leis­tung, die un­be­dingt er­füllt wer­den muss, nach­dem die an­de­ren Pflich­ten or­dent­lich er­le­digt wor­den sind, und die dann auch tat­säch­lich pünkt­lich er­bracht wird. Noch 45 Jah­re spä­ter kann McE­wan sich er­in­nern, dass er die Nacht durch­ge­ar­bei­tet hat und dass er um sechs Uhr früh da­mit fer­tig war. Die­se Züge er­in­nern an Freuds Be­schrei­bung des „Anal­cha­rak­ters“, und dar­in an das Merk­mal der Or­dent­lich­keit, wozu auch die Ge­wis­sen­haf­tig­keit bei der Pflicht­er­fül­lung ge­hört.42

Na­tür­lich recht­fer­tigt die­ses De­tail es nicht, dem Schrift­stel­ler ei­nen be­stimm­ten Cha­rak­ter zu­zu­schrei­ben. Die Aus­künf­te über sein Ord­nungs­ver­hal­ten sind zu spär­lich, sie er­lau­ben es nicht ein­mal, von Or­dent­lich­keit als ei­nem sei­ner Cha­rak­ter­zü­ge zu spre­chen. Vor al­lem aber fehlt jede In­for­ma­ti­on über das „Zu­rück­hal­ten“ – etwa über ein lan­ges Auf­schie­ben des Schrei­bens – und da­mit über die bei­den an­de­ren, von Freud für we­sent­li­cher ge­hal­te­nen Merk­ma­le die­ses Cha­rak­ters: Spar­sam­keit und Ei­gen­sinn.

Der zar­te Hin­weis auf or­dent­li­che & pünkt­li­che Pflicht­er­fül­lung soll mir aber ge­nü­gen, um dog­ma­tisch eine Sub­li­mie­rung ana­lero­ti­scher Trieb­re­gun­gen zu ver­mu­ten (der Au­tor möge es mir ver­zei­hen) – for the sake of the ar­gu­ment, was in die­sem Fal­le heißt: um Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem Schrei­ben und dem Gra­phen des Be­geh­rens her­zu­stel­len zu kön­nen.

La­can stellt ei­nen be­stimm­ten As­pekt des Triebs in den Vor­der­grund: den An­spruch, durch den die Trieb­be­frie­di­gung ver­mit­telt ist, d.h. die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zum An­de­ren, von dem das Sub­jekt zum Zwe­cke der Trieb­be­frie­di­gung et­was for­dert (oral) oder der vom Sub­jekt for­dert, die Trieb­be­frie­di­gung auf eine be­stimm­te Wei­se zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt voll­zie­hen (anal). Da­mit knüpft La­can an Freud an, der von der „Spra­che der äl­tes­ten, ora­len Trieb­re­gun­gen“ spricht und der die­se Spra­che als Ar­ti­ku­la­ti­on von For­de­run­gen auf­fasst: „‚Das will ich es­sen oder will es aus­spu­cken‘, oder in wei­ter­ge­hen­der Über­tra­gung: ‚Das will ich in mich ein­füh­ren oder das aus mir aus­schlie­ßen.‘ Also: ‚Es soll in mir oder au­ßer mir sein.‘“43 Auch ter­mi­no­lo­gisch kann La­can sich auf Freud stüt­zen, der den Aus­druck „Trieb­an­spruch“ tat­säch­lich ver­wen­det.44

Die­se An­sprü­che sind im Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ent­stan­den, ha­ben sich da­von je­doch ge­löst und sind ver­drängt wor­den. Sie bil­den jetzt ge­wis­ser­ma­ßen den Wort­schatz des Un­be­wuss­ten und funk­tio­nie­ren un­ab­hän­gig vom Be­zug auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung.45 Im Fal­le der Sym­ptom­bil­dung oder der Sub­li­mie­rung oder der Re­ak­ti­ons­bil­dung sind sol­che An­sprü­che un­be­wusst wirk­sam; im Gra­phen wer­den sie des­halb nicht der un­te­ren, son­dern der obe­ren Eta­ge zu­ge­ord­net. Für sie steht im Schnitt­punkt oben rechts das gro­ße D (für de­man­de, An­spruch).

Graf des Begehrens - Trieb

Das gro­ße D ge­hört zur For­mel $◊D. Hier­in meint das durch­ge­stri­che­ne S (S bar­ré), also das Sym­bol $, das aus­ge­sperr­te Sub­jekt (su­jet bar­ré) bzw. das Sub­jekt im Fa­ding, im Ver­schwin­den. Die Rau­te, ◊, steht bei in den Se­mi­na­ren 5 und 6, in de­nen der Graph ein­ge­führt wird, für das so­ge­nann­te Sche­ma L, ver­ein­facht ge­sagt, für die Be­zie­hung des Sub­jekts zum An­de­ren; spä­ter steht die Rau­te auch für „Schnitt“ (vgl. den Blog­ar­ti­kel „La­cans For­mel für den Trieb im Un­be­wuss­ten: $◊D“).

Ins­ge­samt ist der Aus­druck $◊D die For­mel für den Code des Un­be­wuss­ten, so heißt es in den Se­mi­na­ren 5 und 6. Der Code des Un­be­wuss­ten ist da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt ($)  ora­le, ana­le und an­de­re For­de­run­gen (D) ver­wen­det, um sich da­mit auf den An­de­ren zu be­zie­hen (). Es kann die­se An­sprü­che be­fol­gen oder sich ih­nen wi­der­set­zen (so wie es bei­spiels­wei­se den Kot zu­rück­hal­ten kann, wenn es ihn her­ge­ben soll). Das Sub­jekt wird von die­sen An­sprü­chen zu­gleich re­prä­sen­tiert und nicht re­prä­sen­tiert – in­so­fern es die­se An­sprü­che ar­ti­ku­liert, ist es aus­ge­sperrt, ent­frem­det; das Sub­jekt ist jen­seits des An­spruchs.

Die For­de­rung „Ich wer­de die Nacht durch­ar­bei­ten, bis die Ge­schich­te fer­tig ist“ wäre im Gra­phen also dop­pelt ein­zu­tra­gen. Als be­wuss­te For­de­rung ent­spricht sie im un­te­ren Stock­werk der von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“ füh­ren­den Li­nie. So­weit in ihr un­be­wuss­te Trieb­an­sprü­che mit­schwin­gen, etwa die For­de­rung nach Kot-Emis­si­on zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt, ge­hört sie zum Schnitt­punkt oben rechts und dort zum Sym­bol D in der For­mel für den Code des Un­be­wuss­ten, $◊D.

Ab dem Auf­satz Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (ge­schrie­ben 1960) be­zeich­net La­can den Aus­druck $◊D als For­mel für den Trieb, an­ders ge­sagt: der Trieb ist im Un­be­wuss­ten durch die mit ihm ver­bun­de­nen An­sprü­che re­prä­sen­tiert.46

Dem An­de­ren in der un­te­ren Eta­ge (Schnitt­punkt A) ent­spricht in der obe­ren der Trieb (Schnitt­punkt $◊D), soll hei­ßen: Der Trieb ist durch das Ver­hält­nis des Sub­jekts zum An­spruch struk­tu­riert (und nicht pri­mär durch das Ob­jekt) und in­so­fern ist der An­de­re als Sprach­sys­tem und als Adres­sat in den Trieb ver­wi­ckelt.

Spä­ter – im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts (ge­schrie­ben 1962) – er­klärt La­can den Be­griff des Codes für pro­ble­ma­tisch, da er eine Eins-zu-eins-Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat sug­ge­riert, wo­durch ei­nes der ent­schei­den­den Merk­ma­le des Si­gni­fi­kan­ten ge­tilgt wird, sei­ne Mehr­deu­tig­keit. Statt­des­sen spricht er nun vom Si­gni­fi­kan­ten­schatz (ana­log zum Wort­schatz).47

Un­be­wuss­ter Lie­bes­an­spruch

Ich keh­re zu­rück zur Deu­tung des Gra­phen in den Se­mi­na­ren 5 und 6 und da­mit zur In­ter­pre­ta­ti­on der For­mel $◊D als Code des Un­be­wuss­ten. Die­ser Code dient dazu, un­be­wusst ei­nen An­spruch zu ar­ti­ku­lie­ren, eine For­de­rung, die sich an den An­de­ren rich­tet. Die­ser un­be­wuss­te An­spruch ist ein Lie­bes­an­spruch, d.h. die For­de­rung an den An­de­ren, von ihm ge­liebt zu wer­den, von ihm an­er­kannt zu wer­den – die ver­dräng­te For­de­rung des Ödi­pus­kom­ple­xes. Das ist nichts an­de­res, sagt La­can, als der An­spruch auf die An­we­sen­heit des An­de­ren, um­gangs­sprach­lich for­mu­liert: Lie­be ist der Wunsch, dass der An­de­re „ganz für ei­nen da ist“. Da der An­de­re sei­ne Lie­be ge­wäh­ren oder ver­sa­gen kann, gilt er dem Sub­jekt auf der un­be­wuss­ten Ebe­ne als all­mäch­tig. Der an den all­mäch­ti­gen An­de­ren ge­rich­te­te Lie­bes­an­spruch ist ent­schei­dend für das Funk­tio­nie­ren des Un­be­wuss­ten – er ist die Haupt­quel­le für die Trieb­un­ter­drü­ckung (wie Freud es for­mu­liert) und da­mit für die Ent­ste­hung des Be­geh­rens.

Schreibbegehren - LiebesanspruchIm Gra­phen des Be­geh­rens wird der un­be­wuss­te Lie­bes­an­spruch durch die obe­re von links nach rechts ver­lau­fen­de Quer­li­nie re­prä­sen­tiert, also durch die Pfeil­li­nie, die von „Ge­nie­ßen“ nach „Kas­tra­ti­on“ führt (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Die un­be­wuss­ten ora­len oder ana­len An­sprü­che (D in $◊D) sind das Vo­ka­bu­lar, mit dem die­ser Lie­bes­an­spruch for­mu­liert wird, der Lie­bes­an­spruch kann ge­wis­ser­ma­ßen in ei­nem ora­len oder in ei­nem ana­len Dia­lekt ar­ti­ku­liert wer­den (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Gibt es in McE­wans Be­richt über die Ent­ste­hung von First love, first ri­tes Hin­wei­se auf ei­nen un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch?

Man liest hier:

Be­vor ich die­se Ge­dan­ken nie­der­schrieb, nahm ich ‚Ers­te Lie­be, letz­te Ri­ten‘ aus mei­nem Re­gal und las die Ti­tel­ge­schich­te. Das Ex­em­plar ge­hör­te ein­mal mei­nen El­tern, es ent­hält mei­ne Wid­mung an sie vom 24. April 1975. (Sie wa­ren sehr stolz und ein we­nig ent­setzt.)

Man er­fährt au­ßer­dem:

Die schwan­ge­re Rat­te, die hin­ter ei­ner Fuß­leis­te her­um­scharrt, war frei er­fun­den, aber das schö­ne, un­nah­ba­re Teen­ager-Mäd­chen, ihr jün­ge­rer Bru­der, die vor der Tren­nung ste­hen­den El­tern, das klei­ne Fi­scher­dorf und das dem Un­ter­gang ge­weih­te Aal­fang-Un­ter­neh­men wa­ren alle für kur­ze Zeit Teil mei­nes Le­bens ge­we­sen.“

Wäh­rend McE­wan die Ge­schich­ten schreibt, ste­hen sei­ne El­tern kurz vor der Tren­nung. Er schenkt ih­nen ein Ex­em­plar des ver­öf­fent­lich­ten Bu­ches und trägt dar­in eine Wid­mung ein. Die El­tern sind sehr stolz auf ihn – und ein we­nig ent­setzt. An­ders ge­sagt, ihre Re­ak­ti­on ist am­bi­va­lent. Die Am­bi­va­lenz ist cha­rak­te­ris­tisch für den Lie­bes­an­spruch, er ist nicht nur An­spruch auf Lie­be, son­dern auch eine To­des­for­de­rung. Kann man aus der Am­bi­va­lenz auf Sei­ten der El­tern auf ei­nen un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch schlie­ßen, den McE­wan an sei­nen An­de­ren rich­te­te? Wohl kaum. Es fehlt ei­nes je­ner win­zi­gen über­ra­schen­den De­tails, die es ei­nem er­mög­li­chen, mit ei­ner ge­wis­sen Plau­si­bi­li­tät auf die Ak­ti­vi­tät des Un­be­wuss­ten zu schlie­ßen. Be­dau­er­li­cher­wei­se muss ich die Li­nie des Lie­bes­an­spruchs des­halb un­be­setzt las­sen.

Aber an­ge­nom­men, nur mal an­ge­nom­men, in der Fi­gur „eine gran­dio­se Leis­tung pünkt­lich ab­lie­fern“ schwingt tat­säch­lich ein ana­ler An­spruch mit, nun, dann kann man viel­leicht be­haup­ten, das Pro­dukt, das auf die­se Wei­se ge­lie­fert wird, die Er­zäh­lung und schließ­lich das Buch, hat auf der un­be­wuss­ten Ebe­ne die Funk­ti­on ei­ner Lie­bes­ga­be – ei­ner Gabe, die dazu dient, sich der Lie­be des An­de­ren zu ver­si­chern, sei­ner An­we­sen­heit und sei­ner An­er­ken­nung.

Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren (S(Ⱥ))

Das Be­geh­ren ist das Be­geh­ren des An­de­ren; das Be­geh­ren des An­de­ren, das ist hier vor al­lem das Be­geh­ren der Le­ser und der Kri­ti­ker. Die Fra­ge nach dem „Schreib­be­geh­ren“ ist nicht ab­zu­lö­sen von de­ren „Le­se­be­geh­ren“. Aber wie weiß man, was sie be­geh­ren? Man kann sich nie si­cher sein, und das heißt: in der Be­zie­hung zum Be­geh­ren des An­de­ren (also zum ei­ge­nen Be­geh­ren) gibt es ei­nen Sprung, ei­nen Sprung über den Ab­grund.

Ich wie­der­ho­le ein wei­te­res Mal ein Zi­tat:

Der Er­zäh­ler der Ge­schich­te war ein Mann, der nicht er­wach­sen wer­den woll­te – eine merk­wür­di­ge Wahl, glaub­te ich doch in die­sem Jahr, end­lich er­wach­sen ge­wor­den zu sein. Der Um­zug nach Nor­wich war die ers­te wich­ti­ge Ent­schei­dung in mei­nem Le­ben, bei der ich mich nicht vom Vor­bild oder Rat­schlag an­de­rer hat­te lei­ten las­sen.“

McE­wan glaubt, end­lich er­wach­sen ge­wor­den zu sein, und Er­wach­sen­sein be­steht für ihn dar­in, selb­stän­dig Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, un­ab­hän­gig von an­de­ren. Sei­ne Ent­schei­dung be­zieht sich auf das Schrei­ben. Es geht ihm nicht nur dar­um, über­haupt zu schrei­ben, son­dern auch dar­um, auf eine be­stimm­te Wei­se zu schrei­ben.

Und für mich war Li­te­ra­tur gleich­be­deu­tend mit Frei­heit. Joy­ces Kampf um die Ver­öf­fent­li­chung von ‚Ulys­ses‘, der Pro­zess ge­gen ‚Lady Chat­ter­ley‘, wil­de Grenz­über­schrei­tun­gen wie ‚Port­noys Be­schwer­den‘ von Phi­lip Roth und Bur­roughs’ ‚Na­ked Lunch‘: das al­les sag­te mir, wer Bü­cher schreibt, nimmt den Le­ser an die Hand, führt ihn zum Ab­grund – und springt. Es ging dar­um, eine Gren­ze zu fin­den und sie dann zu über­schrei­ten.“

Die Ent­schei­dung führt zum Sprung in oder über den Ab­grund. Das er­in­nert an Kier­ke­gaar­ds Rede vom „Sprung als der Ent­schei­dung schlecht­hin“48 und an sei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung der Angst als dem „Schwin­del der Frei­heit“49 („Schwin­del“ im Sin­ne von Ver­ti­go, wie die Me­di­zi­ner sa­gen, es geht um das mit der Frei­heit ver­bun­de­ne Schwin­del­ge­fühl). Die freie Ent­schei­dung für eine be­stimm­te Art des Schrei­bens ist in­so­fern ein Sprung in oder über den Ab­grund, als es kei­ne Ga­ran­tie da­für gibt, dass die Ent­schei­dung die rich­ti­ge ist – wenn es sie gäbe, wäre es kei­ne Ent­schei­dung.

Der Sprung der Ent­schei­dung ist nicht ein­fach der von McE­wan. Wer Bü­cher schreibt, nimmt den Le­ser an die Hand, sagt er, der Au­tor führt den Le­ser zum Ab­grund und springt – mit ihm. Der Sprung der Ent­schei­dung ist ein Sprung, für den der Au­tor auf den Le­ser an­ge­wie­sen ist, das Sub­jekt auf den An­de­ren. Da­bei ist der Au­tor dem rät­sel­haf­ten Be­geh­ren des An­de­ren – des Le­sers – aus­ge­lie­fert, ei­nem Be­geh­ren, das er nicht kal­ku­liert her­bei­füh­ren kann und das sich nicht durch­schau­en lässt. An­ge­nom­men, das Buch wird we­nig ge­kauft: was be­deu­tet das? An­ge­nom­men, es wird auf dem Buch­markt ein Er­folg: heißt das, man hat als Künst­ler ver­sagt? An­ge­nom­men, es wird von den Kri­ti­kern ge­prie­sen – wie auf­rich­tig ist das Lob? An­ge­nom­men, es wird ver­ris­sen – was steckt wirk­lich da­hin­ter?

In La­cans Be­griff­lich­keit heißt das: Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tiert. Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, de­fi­ni­tiv zu sa­gen, was der An­de­re will, an des­sen Be­geh­ren er sich mit sei­nem Schrei­ben wen­det.

Im Li­te­ra­tur­be­trieb wird ver­sucht, die­ses Pro­blem durch die Funk­ti­on des Kri­ti­kers zu lö­sen. Er soll als der An­de­re des An­de­ren fun­gie­ren, als der­je­ni­ge, der dem Le­ser (dem ers­ten An­de­ren) sagt, was er im Fel­de der Li­te­ra­tur zu be­geh­ren hat. Die Fas­zi­na­ti­on, die von man­chen Kri­ti­kern aus­geht – wie Al­fred Kerr oder Mar­cel Reich-Ra­ni­cki –, be­weist, wie sehr die Funk­ti­on des „Li­te­ra­tur­paps­tes“ ge­wünscht wird, des li­te­ra­ri­schen Wahr­heits­ga­ran­ten, des An­de­ren des An­de­ren. Aber na­tür­lich sind die Ur­tei­le sol­cher Päps­te fehl­bar. Was bleibt, ist der Dis­sens der Kri­ti­ker.

La­cans Sym­bol für das Feh­len ei­nes wahr­heit­ga­ran­tie­ren­den Si­gni­fi­kan­ten ist die Zei­chen­fol­ge S(Ⱥ), Si­gni­fi­kant des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren, Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Graph des Begehrens - S-A-Im Gra­phen des Be­geh­rens fin­det man die­ses Sym­bol am Schnitt­punkt oben links, am Punkt der un­be­wuss­ten Bot­schaft. Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten ist: der Sprung, die Angst ma­chen­de Kon­fron­ta­ti­on mit dem rät­sel­haf­ten Be­geh­ren des An­de­ren.

Ver­gleicht man die bei­den lin­ken Schnitt­punk­te – im un­te­ren Stock­werk s(A), das vom An­de­ren kom­men­de Si­gni­fi­kant, und im obe­ren Stock­werk S(Ⱥ), Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren –, zei­gen sie die Span­nung zwi­schen der Bot­schaft „ich wer­de ein haupt­be­ruf­li­cher Schrift­stel­ler“ und der Aus­lie­fe­rung an den Le­ser, des­sen Be­geh­ren auf ewig rät­sel­haft bleibt.

Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Rät­sel des Be­geh­rens des An­de­ren wird ab­ge­wehrt. Hier­zu dient un­ter an­de­rem der un­be­wuss­te Lie­bes­an­spruch; die Lie­bes­ga­be hat die Auf­ga­be, das Sub­jekt vor die­ser trau­ma­ti­schen Er­fah­rung zu schüt­zen.

Das Be­geh­ren: jen­seits und dies­seits

Das Be­geh­ren wird durch das Zu­sam­men­wir­ken von zwei Ar­ten von An­sprü­chen er­zeugt und ab­ge­wehrt: der be­wuss­ten An­sprü­che, dar­ge­stellt durch die Si­gni­fi­kan­ten­li­nie im un­te­ren Stock­werk des Gra­phen, und des un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruchs, durch die Si­gni­fi­kan­ten­li­nie im obe­ren Stock­werk re­prä­sen­tiert – der Lie­bes­an­spruch ist Ab­wehr ge­gen das Be­geh­ren, ge­gen die Ab­hän­gig­keit des Be­geh­rens vom Be­geh­ren des An­de­ren.50

Graph des Begehrens - drei LinienIm Gra­phen ist das Be­geh­ren des­halb ge­wis­ser­ma­ßen zwi­schen die­sen bei­den An­sprü­chen auf­ge­hängt oder ein­ge­quetscht; das Be­geh­ren (grün mar­kier­te Li­nie) liegt, wie La­can sich aus­drückt, „jen­seits“ der be­wuss­ten An­sprü­che (un­te­re gelb mar­kier­te Li­nie) und „dies­seits“ des un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruchs (obe­re gelb mar­kier­te Li­nie).

Ob­jekt a

Im Phan­tas­ma be­zieht sich das aus­ge­sperr­te Sub­jekt ($) – das im Ver­schwin­den be­grif­fe­ne Sub­jekt, das im Sym­bo­li­schen nicht re­prä­sen­tier­te Sub­jekt – auf ein Ob­jekt, in dem sich für es das ver­kör­pert, was es durch den Ein­tritt in die Welt der Spra­che ver­lo­ren hat; La­can nennt es das Ob­jekt a. Das Sub­jekt, das sich in sei­nem Be­geh­ren zu er­fas­sen ver­sucht, kann sich zu­nächst nur in dem er­fas­sen, was es be­gehrt.

Wor­in be­steht für McE­wan das Ob­jekt a im Phan­tas­ma?

Eine An­deu­tung fin­det man viel­leicht in die­sem Satz (ich habe ihn be­reits zi­tiert):

No­ti­zen hat­te ich kei­ne, nur Fet­zen“ (I had no no­tes, only a scrap)

Scrap, das ist ein Frag­ment, ein Rest, ein Stück Schrott, ein Ab­fall, also mög­li­cher­wei­se, da es zu­gleich um Pa­pier geht, ein Ver­weis auf den Kot als Ob­jekt a.

Ei­nen zwei­ten, deut­li­che­ren, Hin­weis ge­ben die fol­gen­den Be­mer­kun­gen:

Nach ei­ner Stun­de be­gann mich von dem Blatt Pa­pier eine frem­de Stim­me an­zu­spre­chen. Ich ließ sie re­den. (…) An­de­re frem­de Stim­men, an­de­re bi­zar­re oder elen­de Ge­stal­ten tauch­ten in die­sem Jahr vor mir auf und schli­chen sich in mei­ne Ge­schich­ten.“

McE­wan lässt un­be­stimmt, um was für Stim­men es sich han­del­te, ob sie für ihn blo­ße Vor­stel­lun­gen wa­ren oder mas­si­ve Hal­lu­zi­na­tio­nen. Wie auch im­mer, es wa­ren „frem­de Stim­men“, die ihn „an­spra­chen“. Das ent­schei­den­de Ob­jekt von McE­wans Phan­tas­men wa­ren of­fen­bar die frem­den, die in­ne­ren und den­noch ab­ge­trenn­ten Stim­men, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: die Stim­me als Ob­jekt a.

Graf des Begehrens - StimmeIm Gra­phen des Be­geh­rens er­scheint die Stim­me (ab dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts) am Ende der un­te­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie, als Rest der Ope­ra­ti­on, dass sich die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung durch den Eng­pass hin­durch­zwän­gen muss, in Si­gni­fi­kan­ten ar­ti­ku­liert wird und da­bei ein Si­gni­fi­kat er­zeugt; die vom in­ne­ren Mo­no­log ab­ge­trenn­te Stim­me ist ge­wis­ser­ma­ßen das Rau­schen des Spre­chens als Über­bleib­sel der Er­zeu­gung ei­ner Bot­schaft. Man kann die ab­ge­trenn­te Stim­me aber auch dem klei­nen a in der For­mel des Phan­tas­mas zu­ord­nen – der Wahn ist eine der For­men des Ob­jekts a.51

Um was für eine Stim­me han­delt es sich? Um die des Über-Ichs? Si­cher­lich nicht. Um eine hal­lu­zi­nier­te Stim­me, also um ein psy­cho­ti­sches Sym­ptom? Dar­auf gibt es kei­nen Hin­weis. Um die Stim­me, wie sie im sa­do­ma­so­chis­ti­schen Phan­tas­ma ins Spiel kommt? Das wür­de zum In­halt ei­ni­ger von McE­wans Ge­schich­ten pas­sen. Aber viel­leicht hat die Stim­me vor al­lem die Funk­ti­on, dem Schrei­ben­den zu er­mög­li­chen, die Angst vor dem Be­geh­ren des An­de­ren zu über­win­den52, die Angst an­ge­sichts der Lee­re, die ihm ant­wor­tet, wenn er sich fragt, was es denn ge­nau ist, was Le­ser und Kri­ti­ker und li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der von ihm wol­len, die Angst also an­ge­sichts des Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren. Dann wäre es viel­leicht eine be­feh­len­de Stim­me, eine Stim­me, die Ge­hor­sam und Glau­be ver­langt, nicht, in­dem sie For­de­run­gen ar­ti­ku­liert, son­dern als eine Stim­me, die sich dem Sym­bo­li­schen ent­zieht und die das Sub­jekt zwingt, zu schrei­ben und es ihm so er­mög­licht, den Sprung zu tun.

Graph des Begehrens - Trieb und PhantasmaMan kann das obe­re Stock­werk des Gra­phen so le­sen, dass die For­mel für das Phan­tas­ma ($◊a) ge­wis­ser­ma­ßen auf die For­meln für den Code des Un­be­wuss­ten ($◊D) und für den Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren S(Ⱥ) ant­wor­tet: das Phan­tas­ma ver­sucht die Pro­ble­me zu lö­sen, die der Code des Un­be­wuss­ten und der Man­gel im An­de­ren auf­wer­fen. Im Code des Un­be­wuss­ten ($◊D) wird das Sub­jekt durch die Be­zie­hung zum Sym­bo­li­schen, zum An­spruch (D), zum Ver­schwin­den ge­bracht ($), sein Be­geh­ren ist jen­seits der ora­len, ana­len usw. An­sprü­che. Das Sub­jekt ist hier eine sym­bo­li­sche Leer­stel­le: das, was in den An­sprü­chen nicht ar­ti­ku­liert wer­den kann. Beim Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren, S(Ⱥ), geht es dar­um, dass das Sub­jekt mit dem un­er­gründ­li­chen Be­geh­ren des An­de­ren kon­fron­tiert ist, wo­durch ver­hin­dert wird, dass es sich in dem, was ge­sagt wird, sta­bil ver­or­ten kann, dass es dar­in ei­nen si­chern Halt fin­det. Im Phan­tas­ma ($◊a) be­zieht sich das vom Ver­schwin­den be­droh­te Sub­jekt ($) auf et­was, das es ihm er­mög­licht, sein Be­geh­ren jen­seits des An­spruchs zu sta­bi­li­sie­ren und jen­seits des Ab­grunds des Be­geh­rens des An­de­ren.

Das Be­geh­ren des An­de­ren und das Be­geh­ren des Sub­jekts

McE­wan schreibt nicht nur Ge­schich­ten, er ver­öf­fent­licht sie auch. Er rich­tet sei­ne Phan­tas­men an ein an­ony­mes Pu­bli­kum, an den An­de­ren. Er stellt sich die Fra­ge, was die­ser An­de­re be­gehrt und er gibt sich dar­auf die Ant­wort: Dein Be­geh­ren stützt sich auf sol­che Phan­tas­men. Das Be­geh­ren von McE­wan ist das Be­geh­ren nach An­er­ken­nung sei­nes Be­geh­rens durch das Pu­bli­kum, durch den An­de­ren.

Kas­tra­ti­on

Un­ter den Ob­jek­ten von McE­wans Phan­tas­men ver­dient der ein­ge­weck­te Pe­nis be­son­de­res In­ter­es­se, zu­min­dest in psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve. Er hat sei­nen Auf­tritt in der Er­zäh­lung, die den Band er­öff­net; im Eng­li­schen heißt sie So­lid Geo­me­try („Fest­kör­per-Geo­me­trie“, d.h. Geo­me­trie des drei­di­men­sio­na­len Rau­mes), der deut­sche Ti­tel ist (lei­der) „Geo­me­trie der räum­li­chen Ge­bil­de“. Ich habe die Ge­schich­te nach­ge­le­sen und ar­gu­men­tie­re ein wei­te­res Mal un­sau­ber: ich wechs­le von der ex­tra­die­ge­ti­schen zur in­tra­die­ge­ti­schen Ebe­ne.

Der ein­ge­leg­te Pe­nis, wun­der­bar er­hal­ten, hat­te einst ei­nem Cap­tain Ni­cholls ge­hört. Vom Ur­groß­va­ter des Er­zäh­lers war das kon­ser­vier­te Or­gan bei ei­ner Auk­ti­on er­stei­gert wor­den; auf ein weib­li­ches Ge­gen­stück, das eben­falls zum Ver­kauf stand – und das einst das Klein­od ei­ner Lady Bar­ry­mo­re war –, hat­te der Ur­groß­va­ter auf An­ra­ten sei­nes Freun­des ver­zich­tet. Wäh­rend der Er­zäh­ler die Ta­ge­bü­cher sei­nes Ur­groß­va­ters für eine Ver­öf­fent­li­chung vor­be­rei­tet, steht das Glas mit dem kon­ser­vier­ten Or­gan auf sei­nem Schreib­tisch. Seit sechs Jah­ren ist er ver­hei­ra­tet und das se­xu­el­le Be­geh­ren hat ihn ver­las­sen. An des­sen Stel­le ist ein an­de­rer Wunsch ge­tre­ten: er will ein Rät­sel in den Ta­ge­bü­chern sei­nes Ur­groß­va­ters lö­sen, die Fun­die­rung ei­ner Ab­so­lu­ten Ma­the­ma­tik; sie wür­de es er­mög­li­chen, Ob­jek­te zum Ver­schwin­den zu brin­gen (das „Schreib­be­geh­ren“ des An­de­ren, sei­ne Su­che nach ei­ner For­mel, ist pure Ne­ga­ti­vi­tät, mit Freud: „To­des­trieb“). Sei­ne Gat­tin al­ler­dings ist wei­ter­hin scharf auf ihn. Das stört ihn bei der Ar­beit, er weist sie zu­rück, und bei dem Streit, der sich dar­aus er­gibt, schmet­tert sie das Glas ge­gen die Wand. Aus ei­ner wert­vol­len Ku­rio­si­tät ver­wan­delt sich das aus­ge­mus­ter­te Or­gan in eine schreck­li­che Ob­szö­ni­tät. Vol­ler Ekel wi­ckelt der Er­zäh­ler den Pe­nis­ab­fall in ein Stück Zei­tung und ver­gräbt ihn un­ter den Ge­ra­ni­en. An­schlie­ßend bringt er, mit­hil­fe der Ab­so­lu­ten Ma­the­ma­tik, ein wei­te­res Ob­jekt zum Ver­schwin­den: die lüs­ter­ne und hoch­er­reg­te Ehe­frau (und rea­li­siert da­mit das über die Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg über­lie­fer­te „Schreib­be­geh­ren“ des An­de­ren, das Be­geh­ren des Ur­groß­va­ters).

Die Ge­schich­te er­zählt von der Um­wand­lung des ima­gi­nä­ren Phal­lus in den sym­bo­li­schen Phal­lus auf dem Weg über die Kas­tra­ti­on. Der Pe­nis von Cap­tain Ni­cholls ist sehr, sehr halt­bar – wir sind im Reich der (iro­ni­schen) Po­tenz­phan­ta­si­en. Aus der Per­spek­ti­ve des Cap­ta­ins ist der Pe­nis ab­we­send, für den Er­zäh­lers ist er an­we­send; es lässt sich nicht fi­xie­ren, ob er ab­we­send oder an­we­send ist. Mit die­sen Merk­ma­len fun­giert der Ein­weck-Pe­nis als ima­gi­nä­rer Phal­lus (klein phi, φ): Bild der Dau­er­po­tenz, un­ent­schie­den zwi­schen An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit, das, was dem An­de­ren die All­macht si­chert. Wäh­rend der Er­zäh­ler an den Ta­ge­bü­chern des Ur­groß­va­ters ar­bei­tet, steht die Pe­nis­kon­ser­ve auf sei­nem Schreib­tisch: er ist die­ser Pe­nis, er ist der­je­ni­ge, der dem Ur­groß­va­ter das klei­ne Stück lie­fert, was ihm, dem Ur­groß­va­ter, zu sei­ner Voll­kom­men­heit fehlt, die Ver­öf­fent­li­chung des Ta­ge­buchs. Im Gra­phen des Be­geh­rens ist der ima­gi­nä­re Phal­lus nicht di­rekt ver­tre­ten.

Als Stra­fe für das se­xu­el­le Fehl­ver­hal­ten des Er­zäh­lers schleu­dert sei­ne Ehe­frau die Pe­nis­kon­ser­ve ge­gen die Wand. Dies ent­spricht der Kas­tra­ti­on. Die Kas­tra­ti­on ist eine sym­bo­li­sche Ak­ti­on: Stra­fe für die Über­tre­tung des Ge­set­zes, in die­sem Fall für die Ver­let­zung der ehe­li­chen Pflich­ten. Sie wird voll­zo­gen an ei­nem ima­gi­nä­ren Ob­jekt, am ima­gi­nä­ren Phal­lus (vgl. die­sen Blog­bei­trag).

Graph des Begehrens - KastrationIm Gra­phen des Be­geh­rens ist die Kas­tra­ti­on oben rechts ver­or­tet, am Ende der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie. Die Kas­tra­ti­on be­steht dar­in, dass der ima­gi­nä­ren Phal­lus ne­ga­ti­viert wird; La­cans Sym­bol für die Kas­tra­ti­on ist des­halb „mi­nus klein phi“ (−φ), ne­ga­ti­vier­ter ima­gi­nä­rer Phal­lus.53 Statt „Kas­tra­ti­on“ könn­te man hier auch (−φ) schrei­ben, da­mit fän­de der ima­gi­nä­re Phal­lus im Gra­phen sei­nen Platz. Die Kas­tra­ti­on steht am Ende der Li­nie des un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruchs, sie sorgt, in Freuds Be­griff­lich­keit, für den Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes. (Die Kas­tra­ti­on bil­det aber auch die Grund­la­ge des Phan­tas­mas, man kann (–φ) also auch der For­mel des Phan­tas­mas zu­ord­nen.)

Ge­nie­ßen, sym­bo­li­scher Phal­lus (Φ)

Auf die Pe­nis-Be­er­di­gung folgt das Zum-Ver­schwin­den-Brin­gen der Ehe­frau. Sie ist se­xu­ell äu­ßerst er­regt und ver­kör­pert da­mit la jouis­sance se­xu­el­le, das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, spe­zi­ell das für den Er­zäh­ler un­er­träg­li­che weib­li­che Ge­nie­ßen.

Graph des Begehrens - Genießen 2Im Gra­phen hat das Ge­nie­ßen oben links sei­nen Platz, am Be­ginn der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten­li­nie.

Die er­reg­te Ehe­frau wird vom Er­zäh­ler de­fi­ni­tiv zum Ver­schwin­den ge­bracht, da­mit ver­kör­pert sie das Ge­nie­ßen, in­so­fern es ir­rever­si­bel un­zu­gäng­lich ist.

Der Er­zäh­ler an­ni­hi­liert die wol­lüs­ti­ge Ehe­frau nicht mit­hil­fe von Pis­to­le und Säge, son­dern durch An­wen­dung ei­ner ma­the­ma­ti­schen For­mel. Sie ver­kör­pert das­je­ni­ge Ge­nie­ßen, das durch das Ope­rie­ren des Sym­bo­li­schen un­er­reich­bar ist.

Die Ehe­frau ist nach die­ser Ope­ra­ti­on ver­schwun­den, sie fehlt da­nach im Sys­tem des Sub­jekts.

Und da­mit ist sie der sym­bo­li­sche Phal­lus. Der sym­bo­li­sche Phal­lus ist ein im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekt feh­len­der Si­gni­fi­kant; er be­zeich­net das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, das durch das Ope­rie­ren des Sym­bo­li­schen ir­rever­si­bel un­zu­gäng­lich ist (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

La­cans Kür­zel für den sym­bo­li­schen Phal­lus ist groß Phi, Φ. In ei­ner frü­he­ren Ver­si­on des Gra­phen stand die­ses Sym­bol oben links, am An­fang der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie.

Graf des Begehrens - 4Zu die­sem Zeit­punkt (Se­mi­nar 5 von 1957/58) be­griff La­can den sym­bo­li­schen Phal­lus bzw. Φ als Si­gni­fi­kan­ten für das Be­geh­ren des An­de­ren. Das än­dert er in Se­mi­nar 8; dort be­stimmt er den sym­bo­li­schen Phal­lus als im Un­be­wuss­ten ir­rever­si­bel feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten des Ge­nie­ßens, wor­an er von da an fest­hält. Das Ge­nie­ßen kann vom Un­be­wuss­ten des Sub­jekts nicht sym­bo­li­siert wer­den; das Ge­nie­ßen ist et­was Rea­les, et­was Nicht-Sym­bo­li­sier­ba­res.

In der end­gül­ti­gen Fas­sung des Gra­phen des Be­ge­hens wird „Φ“ durch „Ge­nie­ßen“ er­setzt. Die Poin­te der End­fas­sung des Gra­phen be­steht an die­ser Stel­le also dar­in, dass der Si­gni­fi­kant für das Ge­nie­ßen, Φ, ge­ra­de fehlt. Das Feh­len von Φ am Platz des Ge­nie­ßens be­sagt: Das Ge­nie­ßen ist et­was Rea­les.

Der sym­bo­li­sche Phal­lus trat in der Er­zäh­lung be­reits vor der An­ni­hi­la­ti­on der Ehe­frau in Er­schei­nung. Der Er­zäh­ler wi­ckelt den kon­ser­vier­ten Pe­nis in ein Stück Zei­tungs­pa­pier und be­gräbt ihn un­ter den Ge­ra­ni­en. Da­mit ver­wan­delt er den ima­gi­nä­ren Phal­lus in den sym­bo­li­schen Phal­lus. Die Sze­ne er­in­nert an die Gi­raf­fen­epi­so­de in Freuds Fall­stu­die zum Klei­nen Hans (Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben) und an La­cans Kom­men­tar hier­zu in den Se­mi­na­ren 4 und 16. Hans phan­ta­siert von zwei Gi­raf­fen, ei­ner gro­ßen und ei­ner klei­nen. Die klei­ne re­prä­sen­tiert den ima­gi­nä­ren Phal­lus, den Phal­lus der phal­li­schen Mut­ter. Im Ge­spräch mit dem Va­ter re­prä­sen­tiert Hans die klei­ne Gi­raf­fe durch ein Blatt Pa­pier und be­zieht sich da­mit auf eine Gi­raf­fen­zeich­nung, die der Va­ter an­ge­fer­tigt hat­te. Hans zer­knüllt die­ses Pa­pier (er „zer­wu­zelt“ es, wie er auf Wie­ne­risch sagt), und er setzt sich dar­auf. In La­cans Deu­tung: Hans ver­wan­delt den ima­gi­nä­ren Phal­lus (die klei­ne Gi­raf­fe) in ei­nen sym­bo­li­schen Phal­lus (qua Zeich­nung auf Pa­pier), in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten au­ßer­halb des Sys­tems des Sub­jekts (Zer­knül­len und Dar­auf­set­zen). Dem Pa­pier und der Gi­raf­fen­zeich­nung ent­spricht in McE­wans Er­zäh­lung das Ein­wi­ckeln in Zei­tungs­pa­pier, dem Zer­knül­len und Dar­auf­set­zen das Be­gra­ben un­ter den Ge­ra­ni­en.

Üb­ri­gens er­scheint auch in der Er­zäh­lung So­lid Geo­me­try die Stim­me als Ob­jekt a. Nach­dem der Er­zäh­ler sei­ne Ehe­frau mit­hil­fe der Ma­the­ma­tik sei­nes Ur­groß­va­ters in Nichts auf­ge­löst hat, en­det die Ge­schich­te so:

Dann war sie ver­schwun­den – und nicht ver­schwun­den. Ihre Stim­me war ziem­lich dünn, ‚Was ist los?‘, und al­les, was blieb, war das Echo ih­rer Fra­ge über den tief­blau­en La­ken.“54

Das ge­nau ist die Struk­tur des Phan­tas­mas: das durch das Sym­bo­li­sche ver­schwin­den­de Sub­jekt ($) (der Er­zäh­ler, der sich in den Pa­pie­ren des Groß­va­ters nicht wie­der­fin­den kann),  fin­det sei­nen Re­prä­sen­tan­ten im Ob­jekt a (in ei­nem ab­ge­trenn­ten Stimm­rest). Die­ses Ob­jekt a tritt an die Stel­le des An­de­ren, des­sen Be­geh­ren un­er­träg­lich ist (an die Stel­le der lüs­ter­nen Ehe­frau).

Da die Stim­me bei McE­wan so­wohl ex­tra­die­ge­tisch wie in­tra­die­ge­tisch eine Schlüs­sel­rol­le spielt, liegt die Ver­mu­tung nicht fern, dass sich sein „Schreib­be­geh­ren“ – sein mit dem Schrei­ben ver­bun­de­nes Be­geh­ren – auf die­ses Ob­jekt stützt: auf die Stim­me als Ob­jekt a im Phan­tas­ma.

Kurz

Das „Schreib­be­geh­ren“ ist das­je­ni­ge Be­geh­ren, das von der Me­to­ny­mie der Schreib­an­sprü­che ein­ge­kreist wird, das Be­geh­ren, das von ih­nen an­ge­zielt und ver­fehlt wird. Die­ses Be­geh­ren be­zieht sich auf das Be­geh­ren des An­de­ren – der Kri­ti­ker, der Le­ser –, das un­er­gründ­lich und be­droh­lich ist. Die Phan­tas­men, die im Fal­le von McE­wan an den Akt des Schrei­bens ge­bun­den zu sein schei­nen, die­nen nicht nur dazu, das ei­ge­ne Be­geh­ren zu stüt­zen, son­dern auch dazu, die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Be­geh­ren des An­de­ren ab­zu­weh­ren. Das Ob­jekt die­ser Phan­tas­men ist bei McE­wan die Stim­me – eine Stim­me in sei­nem In­ne­ren, die ihm fremd ist: die Stim­me als Ob­jekt a. Die­ses Ob­jekt steht in ei­ner von McE­wans Ge­schich­ten in Be­zie­hung zum Phal­lus, ge­nau­er: zu ei­ner Kri­se, durch die der ima­gi­nä­re in den sym­bo­li­schen Phal­lus um­ge­wan­delt wird.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Co­rin­na Sig­mund: Schreib­be­geh­ren. Be­geh­rens­sub­jek­te, Be­geh­rens­tex­te und skrip­tu­ra­le Le­bens­form. Par­odos, Ber­lin 2014.
  2. Ian McE­wan: Li­te­ra­tur als gut­ar­ti­ge Ex­plo­si­on. Aus dem Eng­li­schen von Wer­ner Schmitz. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 16. Ok­to­ber 2015. Die Neu­aus­ga­be mit dem neu­en Vor­wort er­schien 2015 bei Vin­ta­ge Books, New York, ei­nem Im­print der Knopf-Grup­pe, die wie­der­um zu Ran­dom Hou­se ge­hört.
  3. La­can ent­wi­ckelt die­sen Gra­phen in den Se­mi­na­ren 5 und 6 so­wie im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts:
    J. La­can: Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten. Se­mi­nar 5 von 1957/58. Tex­ter­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler, über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2006.
    J. La­can: Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­ti­on. Se­mi­nar 6 von 1958/59. Tex­ter­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler. Mar­ti­ni­que, Pa­ris 2013. Eine Über­set­zung der sie­ben Ham­let-Vor­le­sun­gen aus die­sem Se­mi­nar fin­det man im In­ter­net hier.
    J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. In: Ders.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i. Br. 1975, S. 165204; die­ser Text be­ruht auf ei­nem Vor­trag von 1960, wur­de 1962 ge­schrie­ben und 1966 ver­öf­fent­licht (zur Da­tie­rung auf das Jahr 1962 vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 602).
    Die ers­ten ver­öf­fent­lich­ten Ver­sio­nen des Gra­phen fin­det man in:
    J.-B. Pon­ta­lis: Zu­sam­men­fas­sen­de Wie­der­ga­ben der Se­mi­na­re IVVI von Jac­ques La­can. Übers. von Jo­han­na Drob­nig, un­ter Mit­ar­beit von Hans Nau­mann und Max Klei­ner. Tu­ria und Kant, Wien, 2., durch­ge­se­he­ne Auf­la­ge 1999.
    Das im fol­gen­den ver­wen­de­te Dia­gramm des Gra­phen ist aus Sub­ver­si­on des Sub­jekts, a.a.O., S. 193.
  4. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 19. No­vem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 39, mei­ne Über­set­zung.
  5. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 26. No­vem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 76.
  6. Be­zü­ge auf den Gra­phen fin­det man in den von La­can ver­öf­fent­lich­ten Tex­ten zu­letzt in L’étourdit von 1973 (J. La­can: Au­tres écrits. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2001, S. 468), in den Se­mi­na­ren zum letz­ten Mal am 19. März 1974 (Se­mi­nar 21, Les non-du­pes er­rent).

    Hilf­rei­che Se­kun­där­li­te­ra­tur zum Gra­phen:

    Marc Dar­mon: Es­sais sur la to­po­lo­gie la­canien­ne. Édi­ti­ons de l’Association Freu­dien­ne, Pa­ris 1990, cha­pit­re V, „Le gra­phe“, S. 147165.
    Joël Dor: In­tro­duc­tion to the rea­ding of La­can. The un­con­scious struc­tu­red like a lan­guage. Other Press, New York 1998 (zu­erst auf Fran­zö­sisch 1985), dar­in zum Gra­phen: Teil III, “De­si­re – Lan­guage – The Un­cons­cous”, S. 181254.
    Al­fre­do Ei­delsztein: The graph of de­si­re. Using the work of Jac­ques La­can. Kar­nac, Lon­don 2009 (Vor­le­sung von 1993, zu­erst auf Spa­nisch ver­öf­fent­licht 1995).
    Erik Por­ge: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Érès, Ra­mon­vil­le Sain­te-Ange 2004, zum Gra­phen: S. 8898.
    Mar­cel Rit­ter: L’inconscient a la lu­miè­re du gra­phe. In: J.-P. Drey­fuss, J.-M. Ja­din, M. Rit­ter (Hg.): Quest-ce que l’inconscient ? 2, L’inconscient struc­tu­ré com­me un lan­ga­ge. Arca­nes, Stras­bourg 1999, S. 159198.
    Sla­voj Žižek: Psy­cho­ana­ly­se und Phi­lo­so­phie des deut­schen Idea­lis­mus. Tu­ria und Kant, Wien 2008, dar­in: „Der Graph des Be­geh­rens: eine po­li­ti­sche Lek­tü­re“, S. 233270.

  7. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 8. April 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 345.
  8. Die Be­zeich­nung der Pfeil­li­ni­en als „Vek­to­ren“ ist ir­re­füh­rend, da un­ter Vek­to­ren für ge­wöhn­lich Li­ni­en ver­stan­den wer­den, die nicht nur eine Rich­tung ha­ben, son­dern au­ßer­dem durch ei­nen Be­trag cha­rak­te­ri­siert sind, der durch die Län­ge dar­ge­stellt wird. Im Gra­phen des Be­geh­rens hat die Län­ge der Li­ni­en je­doch kei­ne Be­deu­tung.
  9. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 79.
  10. Vgl. S. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 75102, hier: S. 82.
  11. Vgl. Freud, Trie­be und Trieb­schick­sa­le, a.a.O., S. 85 f.
  12. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 463.)
  13. Vgl. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273330.
  14. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 12. No­vem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 23, mei­ne Über­set­zung.
  15. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 7. Ja­nu­ar 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 14o, mei­ne Über­set­zung.
  16. Vgl. S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 517.
  17. Vgl. Fer­di­nand de Saus­sure: Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Hg. von Charles Bal­ly und Al­bert Se­che­haye. Über­setzt von Her­man Lom­mel. De Gruy­ter, Ber­lin 1967, Zwei­ter Teil, Ka­pi­tel V, „Syn­tag­ma­ti­sche und as­so­zia­ti­ve Be­zie­hun­gen“, S. 147152.
  18. Vgl. etwa S. Freud: Das Un­be­wuß­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 119173, hier: 159162.
  19. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 464.
  20. Vgl. etwa S. Freud: Zur Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens (1904). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Bd. 4. Hg. v. Anna Freud u.a. Ima­go, Lon­don 1947, S. 213 und öf­ter.
  21. A.a.O., S. 279.
  22. Ich habe die Sym­bo­le M und C in die end­gül­ti­ge Fas­sung des Gra­phen ein­ge­tra­gen; eine Zeich­nung mit M und C an al­len vier Über­schnei­dungsspunk­ten fin­det man nicht in den La­can-Aus­ga­ben. Die Zu­ord­nung von M und C zu den vier Über­kreu­zungs­stel­len er­gibt sich aus La­cans Er­läu­te­run­gen in den Se­mi­na­ren 5 und 6 so­wie aus den ver­öf­fent­lich­ten Zeich­nun­gen.
    In Se­mi­nar 5 wird der lin­ke Kno­ten­punkt häu­fig mit „M“ be­zeich­net, der rech­te je­doch nie mit „C“, statt­des­sen meist mit „A“ (im Fol­gen­den ver­wen­de ich die Un­ter­schei­dung von vier Kon­struk­ti­ons­stu­fen des Gra­phen aus Sub­ver­si­on des Sub­jekts). Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 105 (zwei­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe = ein­stö­cki­ger Graph), 111 (zwei­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe), 179 (zwei­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe), 224 (vier­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe = zwei­stö­cki­ger Graph, im un­te­ren Stock­werk), 235 (vier­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe, im un­te­ren Stock­werk), 237 (vier­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe, im obe­ren Stock­werk), 261 (ers­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe = Pols­ter­stich), 393 (vier­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe, un­ten), 608 (zwei­te Kon­struk­ti­ons­stu­fe).
    In Se­mi­nar 6 fin­det man die Be­zeich­nung der bei­den Kreu­zungs­punk­te mit M und C, dort so­wohl für den ele­men­ta­ren, ein­stö­cki­gen Gra­phen (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 21), als auch bei der drit­ten Kon­struk­ti­ons­stu­fe des Gra­phen (dem mit dem Fra­ge­zei­chen) (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 163).
  23. Vgl. Ro­man Ja­kob­son: Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­sian verb (1957). In: Ders.: Selec­ted Wri­t­ings, Vol. II: Word and Lan­guage. Den Haag: Mou­ton 1972. S. 130–147.– Dt.: Ver­schie­ber, Ver­bka­te­go­rien und das rus­si­sche Verb. In: Ders.: Form und Sinn: Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 35–54; im In­ter­net hier.
  24. Vgl. etwa das Ka­pi­tel „Der Sinn der Sym­pto­me“ in: S. Freud: Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1916/17). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 34445, hier: S. 258272.
  25. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 14. Mai 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 462.
  26. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 19. De­zem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 50, 54.– Mil­ler be­zieht das auf den un­te­ren Kreis­lauf zwi­schen den obe­ren bei­den Schnitt­punk­ten, Sta­fer­la auf den obe­ren.
  27. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 466.
  28. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 19. De­zem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 54.
  29. Vgl. etwa Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 28. Ja­nu­ar 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 208.
  30. La­cans Ter­mi­nus de­man­de wird meist mit „An­spruch“ über­setzt, von La­can selbst aber mit dem deut­schen Wort „For­de­rung“ (vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 455).
  31. Von der In­si­gnie (in­si­gne) spricht La­can zu­erst in Se­mi­nar 5, in der Sit­zung vom 19. März 1958 (Ver­sion Miller/Gondek, S. 349); vgl. auch Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pien ih­rer Macht, Schrif­ten I, S. 220.
  32. Den Ter­mi­nus trait un­aire (als Über­set­zung von Freuds „ein­zi­ger Zug“, aber mit der Be­deu­tung „ein­zel­ner Zug“) ver­wen­det La­can zu­erst in Se­mi­nar 9, in der Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961.
    Die Gleich­set­zung von „In­si­gnie“ und „ein­zi­ger Zug“ wird von La­can vor­ge­nom­men in Sub­ver­sion des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten, Schrif­ten II, S. 192 f.; in der deut­schen Über­set­zung (von Creu­sot und Haas) ist das nicht zu er­ken­nen, da dort in­si­gne falsch mit „Zei­chen“ über­setzt wird.
  33. Im Iden­ti­fi­zie­rungs­se­mi­nar sagt La­can:
    „Be­zo­gen auf die ers­te Tat­sa­che, die Ver­bin­dung des Sub­jekts mit die­sem ein­zel­nen Zug (trait un­aire), wer­de ich heu­te – da ich den­ke, dass der Weg hin­rei­chend ar­ti­ku­liert ist – den End­punkt set­zen, in­dem ich Sie dar­an er­in­ne­re, dass die­se Tat­sa­che, die in un­se­rer Er­fah­rung so wich­tig ist und die von Freud her­aus­ge­stellt wur­de, in Be­zug auf das, was er als Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen be­zeich­net, dass dies das­sel­be ist wie das, was ich die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs nen­ne, denn das ist nichts an­de­res als die Tat­sa­che, dass aus­ge­hend von ei­ner klei­nen Dif­fe­renz – und ‚klei­ne Dif­fe­renz‘ zu sa­gen, be­deu­tet nichts an­de­res als die­se ab­so­lu­te Dif­fe­renz, über die ich zu Ih­nen spre­che, die­se Dif­fe­renz, die von je­dem mög­li­chen Ver­gleich ab­ge­löst ist –, dass aus­ge­hend von die­ser klei­nen Dif­fe­renz, in­so­fern sie die­sel­be Sa­che ist wie das gro­ße I, das Ichi­de­al, dass sich aus­ge­hend da­von, ob das Sub­jekt als Trä­ger die­ses ein­zi­gen Zugs kon­sti­tu­iert ist oder nicht, die ge­sam­te nar­ziss­ti­sche Stre­bung ak­kom­mo­die­ren kann.“ (Se­mi­nar 9, von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  34. Zu Tag/Nacht als ele­men­ta­rer Si­gni­fi­kan­ten­op­po­si­ti­on vgl. Se­mi­nar 3, Sit­zung vom 15. Fe­bru­ar 1956; Ver­si­on Miller/Thurnheim, S. 177 f.
  35. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 465.
  36. Vgl. The­sen über Feu­er­bach, 6. The­se.
  37. Vgl. Jac­ques Ca­zot­te: Der ver­lieb­te Teu­fel. Aus dem Fran­zö­si­schen von Franz Kal­ten­beck. In­sel, Frank­furt am Main 1982.
  38. Durch­ge­stri­che­nes S (S bar­ré), $: aus­ge­sperr­tes Sub­jekt (su­jet bar­ré), Sub­jekt im Fa­ding; Rau­te ◊: „im Ver­hält­nis zu“ oder „Schnitt“; a: Ob­jekt a.
  39. Vgl. die Be­schrei­bung des Kreis­lau­fes des Un­be­wuss­ten in Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 18. März 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 337 f.– In die­ser Sit­zung steht am Be­ginn der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie noch nicht „Ge­nie­ßen“, son­dern nur das Del­ta, mit dem die Pfeil­li­nie be­ginnt. Der Be­griff „Ge­nie­ßen“ wird erst im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts hin­zu­ge­fügt.
  40. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 15. April 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 366.
  41. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 15. April 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 366.
  42. Vgl. S. Freud: Cha­rak­ter und Ana­lero­tik (1908). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 2330.
  43. S. Freud: Die Ver­nei­nung (1925). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 371377, hier: S. 374.
  44. S. Freud: “Die ers­te un­se­rer Fra­gen hat ge­lau­tet: ‚Ist es mög­lich, ei­nen Kon­flikt des Triebs mit dem Ich oder ei­nen pa­tho­ge­nen Trieb­an­spruch an das Ich durch ana­ly­ti­sche The­ra­pie dau­ernd und end­gül­tig zu er­le­di­gen?‘ Es ist wahr­schein­lich zur Ver­mei­dung von Miß­ver­ständ­nis nicht un­nö­tig, nä­her aus­zu­füh­ren, was mit der Wort­fü­gung: dau­ern­de Er­le­di­gung ei­nes Trieb­an­spruchs ge­meint ist.“ In: Ders.: Die end­li­che und die un­end­li­che Ana­ly­se (1937). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Er­gän­zungs­band. Schrif­ten zur Be­hand­lungs­tech­nik. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 351392, hier: S. 365, vgl. auch S. 366.
  45. Vgl. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 30. April 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 431; Sit­zung vom 14. Mai 1958, S. 463. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 27. Mai 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 467.
  46. Vgl. J. La­can: Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht. In: Ders.: Schrif­ten I. Hg. v. Nor­bert Haas. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2000, S. 171239, hier: S. 227 Fn. 31.
  47. Die Kri­tik am Code­be­griff fin­det man in Sub­ver­si­on des Sub­jekts , a.a.O., S. 180. Zur Da­tie­rung die­ses Auf­sat­zes auf das Jahr 1962 vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 602.
  48. Vgl. Sö­ren Kier­ke­gaard (Jo­han­nes Cli­ma­cus): Ab­schlie­ßen­de un­wis­sen­schaft­li­che Nach­schrift zu den phi­lo­so­phi­schen Bro­cken. Ers­ter Teil. Ge­sam­mel­te Wer­ke, hg. v. E. Hirsch u.a. Gü­ters­lo­her Ver­lags­haus, Gü­ters­loh 1994, S. 9698.
  49. Vgl. Sö­ren Kier­ke­gaard (Vi­gi­li­us Hauf­ni­en­sis): Der Be­griff Angst. Eine schlich­te psy­cho­lo­gisch-an­deu­ten­de Über­le­gung in Rich­tung auf das dog­ma­ti­sche Pro­blem der Erb­sün­de. Ge­sam­mel­te Wer­ke, hg. v. E. Hirsch u.a. Gü­ters­lo­her Ver­lags­haus, Gü­ters­loh 1991, S. 60.
  50. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 266 f.
  51. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zun­gen vom 20. und vom 27. Mai 1959.
  52. Vgl. Se­mi­nar 10, Sit­zung vom 5. Juni 1963.
  53. Die­se De­fi­ni­ti­on der Kas­tra­ti­on wird in Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung, ent­wi­ckelt, dort wer­den auch die Sym­bo­le φ, klein phi, für den ima­gi­nä­ren Phal­lus und Φ, groß Phi, für den sym­bo­li­schen Phal­lus ein­ge­führt. Das Sym­bol für die Kas­tra­ti­on (−φ) wird in Se­mi­nar 6 vor­ge­stellt.
  54. Mei­ne Über­set­zung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.