Phallus

Der Phallus, ein fehlender Signifikant

PferdeungeheurPfer­de­unge­heu­er
Ur­sprüng­li­che Zeich­nung von Un­be­kannt
Mit Pho­to­shop be­ar­bei­tet und ins In­ter­net ge­stellt von Tick­Tock­Man92, hier

In Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, sagt La­can,

es gibt ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der im­mer fehlt. War­um? Weil dies der Si­gni­fi­kant ist, der spe­zi­ell für das Ver­hält­nis des Sub­jekts zum Si­gni­fi­kan­ten zu­stän­dig ist. Die­ser Si­gni­fi­kant hat ei­nen Na­men, es ist der Phal­lus.“1

In Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, wird die­se The­se be­kräf­tigt: Der Phal­lus ist ein „feh­len­der Si­gni­fi­kant“.2

In Se­mi­nar 16 von 1968/69, D’un Aut­re à l’autre, kommt La­can auf die­se The­se zu­rück; er er­läu­tert hier aus­führ­lich und, wie ich fin­de, ver­ständ­lich, in­wie­fern der Phal­lus ein feh­len­der Si­gni­fi­kant ist.3 Von die­sem Se­mi­nar gibt es kei­ne deut­sche Aus­ga­be.

Im Fol­gen­den fin­det man mei­ne Über­set­zung die­ser Pas­sa­ge, der Um­fang be­trägt etwa sechs Druck­sei­ten. Es folgt eine Pa­ra­phra­se mit Er­gän­zun­gen so­wie eine sys­te­ma­ti­sie­ren­de Kurz­fas­sung.

Die Über­set­zung be­ruht auf der Sta­fer­la-Ver­si­on von Se­mi­nar 16; ich habe sie mit der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie (Ver­si­on J.L.) ver­gli­chen und an ei­ni­gen we­ni­gen Stel­len kor­ri­giert. Zah­len in ecki­gen Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on die­ses Se­mi­nars.4

In den An­mer­kun­gen zur Über­set­zung ver­wei­se ich auf die Tex­te, auf die La­can sich di­rekt oder in­di­rekt be­zieht (von Freud, von La­can selbst, von Drit­ten) so­wie auf Tran­skrip­ti­ons­pro­ble­me.

In der Pa­ra­phra­se un­ter­schei­de ich zwei Text­sor­ten: mei­ne Um­for­mu­lie­rung in ei­ge­nen Wor­ten (in schwar­zer Schrift) und mei­ne er­läu­tern­den Er­gän­zun­gen (in grü­ner Schrift). Die Ab­fol­ge ori­en­tiert sich an La­cans Vor­trag, so­dass man Ori­gi­nal und Um­schrei­bung be­quem ver­glei­chen kann.

Der drit­te Teil, die kur­ze Zu­sam­men­fas­sung, ist sys­te­ma­tisch, die Rei­hen­fol­ge ist hier also an­ders als in La­cans Vor­le­sung.

La­cans an­fäng­li­che Kon­zep­ti­on des Phal­lus habe ich in ei­nem frü­he­ren Ar­ti­kel dar­ge­stellt: Der ima­gi­nä­re und der sym­bo­li­sche Phal­lus (19571959).

Ei­nen gu­ten Über­blick über die Ent­wick­lung des Be­griffs des Phal­lus bei La­can ge­ben: Pierre Bru­no, Fa­bi­en­ne Guil­len: Phal­lus et fonc­tion phal­li­que. Érès, Tou­lou­se 2012.5 Cor­mac Gal­lag­her hat Se­mi­nar 16 ins Eng­li­sche über­setzt; man fin­det die Über­set­zung hier.

Herz­li­chen Dank an Eck­hard Bär und Stef­fen Dietz für jede Men­ge Kor­rek­tur­hin­wei­se, an Ger­hard Herr­gott fürs Durch­se­hen der Über­set­zung und an Da­ni­el Mir­beth für den Nach­weis ei­nes Freud-Zi­tats!

Zur Über­set­zung

Im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal sind meh­re­re Sät­ze gram­ma­tisch un­voll­stän­dig; ich habe nicht ver­sucht, das aus­zu­bes­sern.

Wör­ter mit Stern­chen* sind im Ori­gi­nal deutsch.

Ein­schü­be in [ecki­gen Klam­mern] sind von mir.

Jacques Lacan: Der Phallus als fehlender Signifikant

[319] „Wie kommt es, dass es nicht spür­bar ist, wie kommt es, dass es nicht All­ge­mein­gut ge­wor­den ist, und wie kommt es, dass es bei der Er­neue­rung der In­sti­tu­tio­nen noch in kei­ner Form wirk­sam ge­wor­den ist, näm­lich dass die Tat­sa­che, dass die Bil­der vom Spiel des Si­gni­fi­kan­ten er­fasst wer­den, da ist, um für uns spür­bar zu ma­chen – das be­zeugt die ge­sam­te psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­fah­rung –, dass das, was da­bei ver­lo­ren geht, die ima­gi­nä­re Funk­ti­on ist, als das, was für die Pas­sung zwi­schen dem Männ­chen und dem Weib­chen ver­ant­wort­lich ist –?

Wenn es et­was gibt, was die Ana­ly­se uns de­mons­triert, dann ist es dies, dass auf­grund des­sen, dass das Sub­jekt hier­von er­fasst ist, nicht nur al­les, was als männ­lich be­zeich­net wer­den kann, ganz und gar mehr­deu­tig ist, ja bei nä­he­rer Kri­tik wi­der­ru­fen wer­den kann. Dass das für den an­de­ren Teil eben­so gilt.6 Und dass dies durch eine ganz be­stimm­te Er­fah­rungs­tat­sa­che be­stimmt wird, näm­lich da­durch, dass es auf der Ebe­ne des Sub­jekts kei­ne Er­kennt­nis des Männ­chens durch das Weib­chen und des Weib­chens durch das Männ­chen gibt. Und dass al­les, was eine et­was gründ­li­che­re Er­kun­dung uns von der Ge­schich­te ei­nes Paa­res zeigt, eben dies ist, dass die Iden­ti­fi­zie­run­gen hier viel­fäl­tig ge­we­sen sind, dass sie sich über­lap­pen und letzt­lich im­mer eine zu­sam­men­ge­setz­te Ge­samt­heit bil­den.

Die Mehr­deu­tig­keit, die in Be­zug auf al­les be­stehen bleibt, wo­durch auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten das ein­ge­schrie­ben wer­den könn­te, was es mit dem auf sich hat, was sich, wie wir durch­aus wis­sen, auf der bio­lo­gi­schen Ebe­ne ra­di­kal un­ter­schei­det – wenn ich ra­di­kal sage, über­ge­he ich na­tür­lich, auf der Ebe­ne der Säu­ge­tie­re, die so­ge­nann­ten se­kun­dä­ren Ge­schlechts­merk­ma­le und die mög­li­che Un­ter­schei­dung des auf das Ge­we­be be­zo­ge­nen Ge­schlechts im Ver­hält­nis zum pha­ne­ro­ga­men Ge­schlecht, aber las­sen wir bei­sei­te, was es da­mit auf sich ha­ben mag.7 Hal­ten wir fest, dass die ana­ly­ti­sche Er­fah­rung ge­nau dies be­zeich­net, dass es auf die­ser Ebe­ne kei­ne Si­gni­fi­kan­ten­kopp­lung gibt, dass in der Theo­rie, auch wenn die Ge­gen­sät­ze ak­tiv-pas­siv8, Se­hen­der-Ge­se­he­ner9 usw. ge­bil­det wor­den sind, nichts je­mals als grund­le­gend auf den Weg ge­bracht wor­den ist, was den Ge­gen­satz männ­lich-weib­lich be­zeich­net.10

Das Wich­ti­ge, und das Wich­ti­ge, das in ge­wis­ser Wei­se vor­gän­gig ist im Ver­hält­nis zu der Fra­ge, die dar­über auf­ge­wor­fen wird, was es im Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem mit der so­ge­nann­ten Funk­ti­on des Phal­lus auf sich hat, in­so­fern die­se es ist, die ef­fek­tiv in­ter­ve­niert und auf eine Wei­se, von der ganz si­cher ist, dass es sich kei­nes­falls nur um eine drittran­gi­ge Funk­ti­on han­delt11, sei es, dass sie zu­nächst als das de­fi­niert wird, was fehlt, d..h. dass der Typ der Kas­tra­ti­on als das be­grün­det wird, was die der Frau her­bei­führt, oder als das, was im Ge­gen­satz hier­zu auf der Sei­te des männ­li­chen We­sens auf eine Wei­se, die in vie­ler Hin­sicht pro­ble­ma­tisch ist, das an­zeigt, was man das Rät­sel des ab­so­lu­ten Ge­nie­ßens | [320] nen­nen könn­te.12 Auf je­den Fall han­delt es sich da­bei nicht um kor­re­la­ti­ve Be­zü­ge, nicht um dis­tink­ti­ve Be­zü­ge: Ein und der­sel­be Be­zugs­punkt be­herrscht das ge­sam­te Re­gis­ter des­sen, wor­um es in der Be­zie­hung der­je­ni­gen geht, die ge­schlecht­lich dif­fe­ren­ziert sind [la re­la­ti­on du se­xué].

Die­ser pri­vi­le­gier­te Si­gni­fi­kant, ich will hier un­ter­strei­chen, in­wie­fern es ge­recht­fer­tigt ist, dass ich in ei­ner lan­gen Kon­struk­ti­on – die ganz im Kon­takt mit der ar­ti­ku­lier­ten Ana­ly­se vor­ge­nom­men wor­den ist, mit dem, was ge­schrie­ben wor­den ist, mit dem, was Zeug­nis un­se­rer Neu­ro­sen­er­fah­rung ge­blie­ben ist –, dass ich ihn als feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten habe cha­rak­te­ri­sie­ren kön­nen.13 Die Fra­ge ist wich­tig, denn, wenn si­cher­lich –. Was die Ar­ti­ku­la­ti­on der Funk­ti­on des Sub­jekts an­geht, se­hen Sie gut, dass, so weit die Ar­ti­ku­la­ti­on des Wis­sens auch ge­trie­ben wor­den sein mag, das Sub­jekt hier den Riss zeigt. Zu sa­gen, dass der Phal­lus der feh­len­de Si­gni­fi­kant ist, auf der Ebe­ne, auf der ich es habe aus­sa­gen kön­nen, ich glau­be, dass an dem Punkt mei­nes Dis­kur­ses, an dem ich, sa­gen wir, den ers­ten Vor­stoß ris­kiert habe, dass hier et­was, was den Kon­text bil­det, noch nicht hin­rei­chend ar­ti­ku­liert war, um das sa­gen zu kön­nen, was ich jetzt prä­zi­sie­re.

Kom­men wir – und das ist der Zweck un­se­res heu­ti­gen Be­zugs­punk­tes – auf un­se­ren Aus­gangpunkt zu­rück, auf die Spur [über die La­can frü­her in die­ser Sit­zung ge­spro­chen hat­te]. Ge­hen wir von die­sem Stütz­punkt aus und er­in­nern wir uns an das ara­bi­sche Sprich­wort, das ich in mei­nen Schrif­ten vor lan­ger Zeit ir­gend­wo zi­tiert habe.14 Es gibt vier Din­ge – ich weiß nicht mehr wel­che, ich muss sa­gen, dass ich das vier­te ver­ges­sen habe oder dass ich mich nicht be­mü­he, mich un­mit­tel­bar dar­an zu er­in­nern –, die kei­ne Spur hin­ter­las­sen, das, was ich an die­sem Wen­de­punkt in Er­in­ne­rung rief. Der Fuß der Ga­zel­le auf dem Fel­sen, es gibt auch den Fisch im Was­ser, und das, was uns mehr in­ter­es­siert, der Mann in der Frau, so sagt das Sprich­wort, hin­ter­las­sen kei­ne Spur.

Da­ge­gen kann ge­le­gent­lich et­was ein­ge­wen­det wer­den, in der fol­gen­den Form, de­ren Be­deu­tung in den Phan­tas­men der Neu­ro­ti­ker be­kannt ist: von Zeit zu Zeit eine klei­ne Krank­heit.15 Aber ge­ra­de das ist in­struk­tiv, die Rol­le der Ge­schlechts­krank­hei­ten in der Struk­tur ist kei­nes­wegs ein Zu­fall.

Wir kön­nen von kei­ner Spur aus­ge­hen, um den Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses zu fun­die­ren.

Al­les re­du­ziert sich auf die­sen Si­gni­fi­kan­ten, näm­lich auf den Phal­lus, der nicht im Sys­tem des Sub­jekts ist, weil er nicht das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, son­dern, wenn man so sa­gen kann, das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, in­so­fern es au­ßer­halb des Sys­tems ist, d..h. in­so­fern es ab­so­lut ist.16 Das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, in­so­fern es, ver­gli­chen mit al­len an­de­ren For­men des Ge­nie­ßens, die Son­der­stel­lung hat, die dar­in be­steht, dass et­was im Lust­prin­zip – das be­kannt­lich ge­gen­über dem Ge­nie­ßen eine Bar­rie­re bil­det –, dass et­was im Lust­prin­zip ihm gleich­wohl ei­nen Zu­gang er­mög­licht.17 Ge­ben Sie zu, dass, wenn man so­gar aus der Fe­der von Freud liest, dass dies das Ge­nie­ßen schlecht­hin ist, und wahr ist es au­ßer­dem, aber wenn man das aus der Fe­der ei­nes Wei­sen liest, der die­sen Ti­tel so ver­dient wie un­ser Freud, dann hat das gleich­wohl et­was, was uns zum Träu­men brin­gen kann.18 Aber es | [321] ist nicht im Sys­tem des Sub­jekts. Es gibt kein Sub­jekt des se­xu­el­len Ge­nie­ßens.

Und die­se Be­mer­kun­gen zie­len auf nichts an­de­res ab als dar­auf, uns zu er­mög­li­chen, den Sinn des Phal­lus als feh­len­dem Si­gni­fi­kan­ten zu prä­zi­sie­ren.

Er ist der Si­gni­fi­kant au­ßer­halb des Sys­tems, und, um es klar zu sa­gen, der­je­ni­ge, der üb­lich [con­ven­ti­on­nel] ist, um das se­xu­el­le Ge­nie­ßen zu be­zeich­nen, das ra­di­kal ver­wor­fen ist.19 Wenn ich mit Recht von der Ver­wer­fung [for­clu­si­on] ge­spro­chen habe, um be­stimm­te Wir­kun­gen des sym­bo­li­schen Ver­hält­nis­ses zu be­zeich­nen, so muss man hier den Punkt se­hen, so muss man hier den Punkt be­zeich­nen, wo sie nicht re­vi­dier­bar ist.20 Und wenn ich hin­zu­fü­ge, dass all das, was im Sym­bo­li­schen ver­drängt ist, im Rea­len wie­der­er­scheint21, dann eben in­so­fern, als das Ge­nie­ßen völ­lig real ist. Das heißt, dass es im Sys­tem des Sub­jekts nir­gend­wo sym­bo­li­siert ist und auch nicht sym­bo­li­siert wer­den kann.

Und dar­um ist die­se Un­ge­heu­er­lich­keit not­wen­dig, in der Aus­sa­ge, die auf der Ebe­ne der Be­haup­tung von Freud liegt, die­se Un­ge­heu­er­lich­keit, die nie­man­den zu be­un­ru­hi­gen scheint, dass das ein My­thos ist, der ganz streng kei­nem My­thos äh­nelt, der von der My­tho­lo­gie her be­kannt ist.22 Au­ßer na­tür­lich ei­ni­ge Per­so­nen, der alte Krö­ber und Lévi-Strauss, sie se­hen sehr gut, dass das nicht Teil ih­res Uni­ver­sums ist, und sie sa­gen es. Aber das ist so, als ob sie nichts sa­gen wür­den, da ja alle wei­ter­hin glau­ben, der Ödi­pus­kom­plex sei ein zu­läs­si­ger My­thos.23 In ge­wis­sem Sin­ne ist er das auch. Aber be­ach­ten Sie, dass das nichts an­de­res be­deu­tet als den Platz, an dem man das Ge­nie­ßen ver­or­ten muss, das ich eben als ab­so­lut de­fi­niert habe.24 Der My­thos vom Ur­va­ter, er ist tat­säch­lich der­je­ni­ge, der in sei­nem Ge­nie­ßen alle Frau­en ver­mengt.25 Al­lein schon die Form des My­thos sagt ge­nug dar­über, das heißt, dass man nicht weiß, um wel­ches Ge­nie­ßen es sich han­delt, um das sei­ne oder um das al­ler Frau­en?26 Ab­ge­se­hen da­von, dass das weib­li­che Ge­nie­ßen – dar­auf habe ich Sie be­reits auf­merk­sam ge­macht – in der ana­ly­ti­schen Theo­rie eben­falls im­mer den Sta­tus ei­nes Rät­sels be­hal­ten hat.

Was also be­sagt die­se phal­li­sche Funk­ti­on, die zwar nicht das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, die aber den­noch ei­nen Punkt sei­ner De­ter­mi­na­ti­on zu mar­kie­ren scheint, als ein Feld, das durch eine Be­zie­hung zu dem be­grenzt wird, was als der An­de­re struk­tu­riert ist –?27

Wenn wir das ge­nau­er ab­hor­chen, wenn wir von die­sen ra­di­ka­len Per­spek­ti­ven wie­der zu un­se­rer Er­fah­rung zu­rück­keh­ren, dann wer­den wir so­fort se­hen, wie die Din­ge sich kund­tun.

Der Wen­de­punkt, von dem das Aus­bre­chen ei­ner Neu­ro­se aus­geht, was ist das? Das ist das po­si­ti­ve Ein­drin­gen ei­nes au­to­ero­ti­schen Ge­nie­ßens, das voll­stän­dig ty­pi­siert ist, in das, was man die ers­ten Emp­fin­dun­gen nennt, die beim Kind mehr oder we­ni­ger mit der Ona­nie ver­bun­den sind, wie im­mer Sie das nen­nen wol­len.

Das Wich­ti­ge ist, dass an die­sem Punkt, bei den Fäl­len, die un­se­rer Ju­ris­dik­ti­on | [322] un­ter­ste­hen, d..h. bei den­je­ni­gen, die eine Neu­ro­se her­vor­ru­fen, dass sich an ge­nau die­sem Punkt, in eben dem Mo­ment, in dem sich die­se Po­si­ti­vie­rung des ero­ti­schen Ge­nie­ßens her­stellt, dass sich kor­re­la­tiv zu­gleich die Po­si­ti­vie­rung des Sub­jekts als Ab­hän­gig­keit vom Be­geh­ren des An­de­ren her­stellt – Anakli­tis­mus, habe ich das letz­tes Mal ge­sagt.28 Eben dies be­zeich­net den Ein­tritts­punkt, durch den die Struk­tur des Sub­jekts zum Dra­ma wird.

Die ge­sam­te Er­fah­rung ver­dient es, ar­ti­ku­liert zu wer­den, die be­stä­ti­gen wird, an wel­chen Gren­zen, an wel­chen Ver­bin­dungs­punk­ten die­ses Dra­ma aus­bre­chen wird. Ich den­ke, dass ich das letz­te Mal be­reits hin­rei­chend das Ge­wicht her­aus­ge­stellt habe, das hier­bei das Ob­jekt a an­nimmt. Nicht so sehr, in­so­fern es ver­ge­gen­wär­tigt wird, als viel­mehr in­so­fern, als es rück­wir­kend de­mons­triert, dass es das ist, was zu­vor die ge­sam­te Struk­tur des Sub­jekts aus­ge­macht hat­te.

Wir wer­den se­hen, an wel­chen an­de­ren Gren­zen das Dra­ma aus­bricht. Be­reits jetzt kön­nen wir je­doch wis­sen, auf­grund der Wie­der­kehr die­ser Wir­kun­gen, dass die po­si­ti­ve Be­zie­hung zum so­ge­nann­ten se­xu­el­len Ge­nie­ßen da­hin führt – aber ohne dass da­durch auf ir­gend­ei­ne Wei­se die se­xu­el­le Ver­ei­ni­gung ge­si­chert wür­de –, dass sich für die Po­si­ti­on des Sub­jekts et­was als we­sent­lich ab­zeich­net, näm­lich die Wiss­be­gier­de.29 Der ent­schei­den­de Schritt, den Freud ge­tan hat, be­zo­gen auf das Ver­hält­nis der se­xu­el­len Neu­gier­de zur ge­sam­ten Ord­nung des Wis­sen, das ist der we­sent­li­che Punkt der psy­cho­ana­ly­ti­schen Ent­de­ckung. Und bei der Ver­bin­dung von [ei­ner­seits] dem, wor­um es bei a geht, näm­lich um das, wo das Sub­jekt sein rea­les We­sen wie­der­fin­den kann, im We­sent­li­chen als Ge­nuss­man­gel und sonst nichts – mit wel­chem Re­prä­sen­tan­ten die­ses Man­gels es sich in der Fol­ge auch im­mer zu be­zeich­nen hat –, und an­de­rer­seits dem Feld des An­de­ren, in­so­fern sich hier das Wis­sen ord­net, bei die­ser Ver­bin­dung also ist am Ho­ri­zont die­ser ver­bo­te­ne Be­reich sei­ner Na­tur, näm­lich der des Ge­nie­ßens, und mit dem die Fra­ge des se­xu­el­len Ge­nie­ßens die­ses Mi­ni­mum an di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen her­stellt, von de­nen ich sa­gen möch­te, dass sie wirk­lich schwer auf­recht­zu­er­hal­ten sind.

In­so­fern sich et­was her­stellt, was ich ‚das Dra­ma‘ ge­nannt habe, ist die Si­gni­fi­kanz30 des An­de­ren, in­so­fern er struk­tu­riert und ge­locht ist31, et­was an­de­res als das, was wir me­ta­pho­risch den Si­gni­fi­kan­ten, der ihn locht, nen­nen kön­nen, d..h. den Phal­lus. In­so­fern das et­was an­de­res ist, se­hen wir, was ge­schieht, wenn das jun­ge Sub­jekt auf das ant­wor­ten muss, was durch das Ein­drin­gen der se­xu­el­len Funk­ti­on in sein sub­jek­ti­ves Feld her­bei­ge­führt wird.

Ich habe her­vor­ge­ho­ben, und die­je­ni­gen, die da­bei wa­ren, er­in­nern sich noch, be­zo­gen auf den klei­nen Hans32 – den klei­nen Hans, was die ex­em­pla­ri­sche Fall­stu­die ei­ner ers­ten, völ­lig un­ge­ord­ne­ten Er­kun­dung ist, die sich im Krei­se dreht, die bis zu ei­nem be­stimm­ten Punkt nicht an­ge­lei­tet ist, zu­nächst je­doch mit der im­pe­ria­lis­ti­schen Aus­rich­tung des Be­zugs | [323] auf den Va­ter, der eine Rol­le spielt, de­ren Aus­fäl­le ich her­vor­ge­ho­ben habe und die von Freud nicht ver­hehlt wer­den33, in der Freud selbst aber eben­falls der letz­te Be­zugs­punkt ist, näm­lich der ei­nes vor­geb­lich ab­so­lu­ten Wis­sens34.

Ich habe mich da­mals, wie ge­sagt, be­müht, all das, was sich in die­ser Un­ord­nung ab­zeich­nen kann, aus­führ­lich auf­zu­grei­fen, um die Schich­ten, aus de­nen sie be­steht, auf­zu­zei­gen. Aber eine von ih­nen ist nichts an­de­res als die­ses Spiel, dem der klei­ne Hans sich wid­met, näm­lich das der Kon­fron­ta­ti­on der gro­ßen Gi­raf­fe und der klei­nen Gi­raf­fe.35 Ich habe die Wich­tig­keit die­ses Spiels her­vor­he­ben kön­nen, in­dem ich ge­zeigt habe, was als Grund der Pho­bie ent­hüllt wird, näm­lich die Un­mög­lich­keit, die Män­nin [hom­mel­le]36 – die­se phal­li­sier­te Mut­ter, näm­lich die Be­zie­hung, die Hans mit der gro­ßen Gi­raf­fe aus­drückt – mit ir­gend­et­was ko­exis­tie­ren zu las­sen, was ihre Re­duk­ti­on ist.

Wenn er die klei­ne Gi­raf­fe zeich­net, dann nicht, um zu zei­gen, dass das ein Bild ist, das mit dem an­de­ren Bild ver­gleich­bar ist, son­dern dass es eine Schrift auf ei­nem Pa­pier ist.37 Und da­für zer­wu­zelt* er es, wie es im Text heißt38 – er zer­knüllt es –, und er setzt sich drauf.39 Das Wich­ti­ge ist hier nicht die ima­gi­nä­re oder iden­ti­fi­ka­to­ri­sche Funk­ti­on von Hans im Ver­hält­nis zu die­sem Kom­ple­ment sei­ner Mut­ter, wel­ches im Grun­de sein gro­ßer Ri­va­le ist, der Phal­lus. Es ist dies, dass er ihn, die­sen Phal­lus, ins Sym­bo­li­sche über­ge­hen lässt. Denn da wird er sei­ne Wirk­sam­keit ha­ben, und je­der weiß, von wel­cher Art die Wirk­sam­keit der Pho­bi­en ist.40

Wenn es et­was gibt, was, nicht ohne Grund, im po­li­ti­schen Vo­ka­bu­lar an der Ver­bin­dung von Wis­sen und Macht nütz­lich ist, dann ist es dies, dass an ei­nem be­stimm­ten Punkt der Welt – auf den ich mich vor­hin, hin­sicht­lich der Spra­che, be­reits be­zo­gen habe – die Vo­ka­bel des ‚Pa­pier­ti­gers‘ in Um­lauf ge­setzt wor­den ist.41 Was ist mehr Pa­pier­ti­ger als eine Pho­bie, da die Pho­bie sehr häu­fig eine sol­che ist, die ein Kind ge­gen­über Ti­gern in sei­nem Bil­der­buch hat, ge­gen­über Ti­gern, die tat­säch­lich aus Pa­pier sind –?42

Al­ler­dings, wenn die Po­li­ti­ker alle Mühe ha­ben, die Mas­sen da­von zu über­zeu­gen, die Pa­pier­ti­ger an ih­ren Platz zu stel­len, dann ist die Funk­ti­on oder ge­nau­er die In­di­ka­ti­on, die hier zu ge­ben ist, ge­nau die Ent­ge­gen­ge­setz­te, näm­lich der Tat­sa­che ihr gan­zes Ge­wicht zu ver­lei­hen, dass das Sub­jekt, um ei­ner Sa­che ab­zu­hel­fen, ei­ner Sa­che, die auf der Ebe­ne des Sub­jekts nicht be­wäl­tigt wer­den kann, auf der Ebe­ne der un­er­träg­li­chen Angst, dass das Sub­jekt da­für kein an­de­res Mit­tel hat als dies, dass es sei­ne Angst vor ei­nem Pa­pier­ti­ger schürt.

Das ist je­doch in­struk­tiv, da er [Hans] au­ßer­dem na­tür­lich nicht ein Sub­jekt von der Art ist, wie Psy­cho­ana­ly­ti­ker sie sich vor­stel­len43, näm­lich dass das, wie er [Freud] sich aus­drückt44, eine Leich­tig­keit des Stils ist.45 Er [Hans] macht all das, in­dem er es so ar­ran­giert, wie es für ihn das Bes­te ist.

Der Pa­pier­ti­ger, das ist in ei­nem Au­gen­blick, in dem Au­gen­blick, in dem es um das geht, was eben die Per­son des klei­nen Hans ist; sie ist ganz und gar ein Sym­ptom. In die­sem Au­gen­blick ver­wan­delt sich die Welt ganz von selbst oder zu­min­dest | [324] das, was ihre Grund­la­ge ist: Die Män­nin, mit der er kon­fron­tiert ist, ver­wan­delt sich ganz von selbst in ei­nen Pa­pier­ti­ger. Es gibt eine sehr enge Ver­bin­dung zwi­schen der Struk­tur des Sub­jekts und der Tat­sa­che, dass die Fra­ge sich so stellt, dass die Män­nin plötz­lich et­was ist, das Gri­mas­sen schnei­det und Angst macht – ob es sich da­bei um ei­nen Ti­ger han­delt oder um ein klei­ne­res Tier, eine Kat­ze, hat kei­ner­lei Ge­wicht. Kein Ana­ly­ti­ker täuscht sich über sei­ne wah­re Funk­ti­on.

Wenn wir also am Ende dazu ge­bracht wor­den sind, die Wich­tig­keit des Man­gels zu se­hen, be­zo­gen auf die­ses völ­lig rea­le Ob­jekt, näm­lich den Pe­nis, bei all dem, was die De­ter­mi­na­ti­on des­sen be­trifft, was man als ge­schlecht­lich ver­fass­te Be­zie­hung [rap­port se­xué] be­zeich­nen kann, dann des­halb, weil der Weg uns vom Neu­ro­ti­ker zu­gäng­lich ge­macht wor­den ist so­wie durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, in­so­fern er im Fel­de des Si­gni­fi­kan­ten ef­fek­tiv den Platz ei­nes Man­gels ver­wirk­licht. Das ist nur das Er­geb­nis des Dis­kur­ses, durch den wir den Fra­gen, die vom Neu­ro­ti­ker auf­ge­wor­fen wer­den, be­geg­nen müs­sen.

Erst am Ende ei­ner Psy­cho­ana­ly­se muss das, was durch­aus, wie der klei­ne Hans sagt, ‚an­ge­wach­sen‘ ist und bleibt46 – und Gott sei Dank, man wünscht es zu­min­dest den meis­ten, in ei­nem brauch­ba­ren Zu­stand –, muss das auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne zer­wu­zelt* wor­den sein, muss man eben zei­gen, dass es sich nur um ein Sym­bol han­delt.

Von da­her na­tür­lich das, wor­über ich be­reits ge­sagt habe, dass es am Ende der Kur des klei­nen Hans ein Pro­blem dar­stellt.

Wenn es si­cher­lich nö­tig ist, dass er am Ende wie je­der Neu­ro­ti­ker zu der For­mel ge­langt, ‚um ein Mann zu wer­den, habe ich nicht den Pe­nis als Sym­bol‘, weil das der Kas­tra­ti­ons­kom­plex ist –. Man muss je­doch be­ach­ten, dass das auf zwei Wei­sen ge­schnit­ten wer­den kann. [Ei­ner­seits] das ‚ich habe nicht den Pe­nis‘, was ge­nau das ist, was man sa­gen will, wenn man sagt, das Ende der Ana­ly­se be­stehe in der Rea­li­sie­rung des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes. Wo­mit na­tür­lich die Funk­ti­on, die schlicht und ein­fach die des Pe­nis ist, so wie er funk­tio­niert, an­ders­wo­hin ver­wie­sen wird, d..h. au­ßer­halb des sym­bo­li­sier­ten Re­gis­ters.

Aber das kann auch an­ders ge­schnit­ten wer­den, näm­lich: ‚Ich habe den Pe­nis nicht als Sym­bol, es ist nicht der Pe­nis, der mich als Si­gni­fi­kant mei­ner Männ­lich­keit qua­li­fi­ziert.‘ Und das hat man vom klei­nen Hans nicht er­hal­ten, denn das ist das, was durch die Ma­schen des Net­zes ge­fal­len ist.

Der klei­ne Hans, der die gan­ze Zeit über nicht auf­ge­hört hat, mit klei­nen Mäd­chen die Rol­le des­je­ni­gen zu spie­len, der ihn hat, be­wahrt, wie ich da­mals als Vor­be­halt ge­äu­ßert habe, er be­wahrt, was die se­xu­el­len Be­zie­hun­gen an­geht, et­was, was den Pe­nis in sei­ner ima­gi­nä­ren Funk­ti­on auf die ers­te Ebe­ne bringt, d..h. dass er das ist, was er als männ­lich de­fi­niert. Das heißt, so he­te­ro­se­xu­ell er sich auch dar­stel­len mag, ist er da­mit doch an ge­nau dem­sel­ben Punkt, an dem die Ho­mo­se­xu­el­len sind – ich mei­ne die­je­ni­gen, die sich als sol­che an­er­ken­nen, denn im Fel­de der Er­schei­nun­gen von nor­ma­len Ver­hält­nis­sen kann man, was die Ge­schlechts­be­zie­hun­gen an­geht, | [325] das Feld des­sen, was struk­tu­rell ei­gent­lich auf die Ho­mo­se­xua­li­tät ant­wor­tet, gar nicht weit ge­nug aus­deh­nen.47

Von da­her die Wich­tig­keit, die­se Ver­knüp­fungs­stel­le zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen zu son­die­ren und zu er­ör­tern, durch die die Funk­ti­on an ih­ren rich­ti­gen Platz ge­bracht wird48, oder ge­nau­er; die­je­ni­gen As­pek­te der Funk­ti­on, die wir als Kas­tra­ti­ons­kom­plex de­fi­nie­ren.

Wie dem neue Nah­rung ge­ge­ben wird, durch die Er­fah­rung, die wir bei den an­de­ren For­men der Neu­ro­se mit der Ver­bin­dung des An­de­ren zum Ge­nie­ßen ha­ben, das ist das, wo­mit ich spä­ter fort­fah­ren wer­de. [Ende der Sit­zung]“49

Paraphrase mit Ergänzungen

Die Ko­or­di­nie­rung der Ge­schlech­ter durch das Ima­gi­nä­re wird von der Spra­che zer­stört

Bei nicht-mensch­li­chen Tie­ren er­folgt die Ko­or­di­nie­rung zwi­schen dem Männ­chen und dem Weib­chen durch Bil­der, d..h. durch das Ima­gi­nä­re.

Beim Men­schen wer­den die Bil­der vom Ope­rie­ren der Spra­che er­fasst, vom „Spiel der Si­gni­fi­kan­ten“.

Dies hat zur Fol­ge, dass die Ko­or­di­nie­rung zwi­schen Männ­chen und Weib­chen ver­lo­ren­geht.

Von da­her ist al­les, was beim Men­schen als „männ­lich“ und als „weib­lich“ be­zeich­net wird, mehr­deu­tig und kann in Fra­ge ge­stellt wer­den. [Als männ­lich gilt vor al­lem die Ak­ti­vi­tät, als weib­lich die Pas­si­vi­tät, aber das lässt sich nicht hal­ten, wie Freud im­mer wie­der be­tont hat.] Für bei­de bio­lo­gi­schen Ge­schlech­ter gilt hier, dass sie viel­fäl­ti­ge Iden­ti­fi­zie­run­gen ha­ben und dass die­se sich über­lap­pen. [In Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: Im Ver­lauf des Ödi­pus­kom­ple­xes iden­ti­fi­zie­ren Kin­der sich nicht nur mit dem El­tern­teil des ei­ge­nen Ge­schlechts, son­dern auch mit dem des Ge­gen­ge­schlechts.] Dies zeigt die psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­fah­rung, spe­zi­ell be­zo­gen auf die Ge­schich­te von Paa­ren. [? Was ist mit psy­cho­ana­ly­ti­scher Er­fah­rung mit der Ge­schich­te von Paa­ren kon­kret ge­meint?]

Man muss also zwei Ebe­nen un­ter­schei­den: die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit ei­ner­seits und die Ebe­ne der Iden­ti­fi­zie­run­gen und des Un­be­wuss­ten an­de­rer­seits, d..h. die Ebe­ne der [un­be­wuss­ten] Si­gni­fi­kan­ten. Auf der Ebe­ne der [un­be­wuss­ten] Si­gni­fi­kan­ten gibt es – was die Grund­la­gen an­geht – kei­ne po­la­re Kopp­lung der mensch­li­chen Männ­chen und der mensch­li­chen Weib­chen. Das ist eine em­pi­ri­sche Tat­sa­che: Die Psy­cho­ana­ly­se hat alle mög­li­chen po­la­ren Kopp­lun­gen ent­deckt, etwa ak­tiv-pas­siv, Se­hen­der-Ge­se­he­ner [beim Schau­t­rieb] usw., aber kei­ne po­la­re Kopp­lung von männ­lich und weib­lich.

[Eine ers­te Be­deu­tung von „Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ ist dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant, des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt, er ist ein Si­gni­fi­kant, der auf das Feh­len von Si­gni­fi­kan­ten ver­weist.]

 

Der Phal­lus-Si­gni­fi­kant bei Män­nern und Frau­en

Wenn man klä­ren will, was es mit der Funk­ti­on des Phal­lus auf sich hat, muss man sich zu­nächst den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Phal­lus und der Kas­tra­ti­on klar­ma­chen.

Beim Men­schen be­ruht die Be­zie­hung zwi­schen den bio­lo­gisch zwei­ge­schlecht­li­chen We­sen (la re­la­ti­on du se­xué) auf dem Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten.

Bei Frau­en [oder bes­ser ge­sagt: bei We­sen, die psy­chisch ge­se­hen der weib­li­chen Sei­te zu­zu­ord­nen sind, und dies sind über­wie­gend bio­lo­gi­sche Frau­en] fun­giert der Phal­lus als Si­gni­fi­kant für das, was ih­nen fehlt. [Für die­je­ni­gen, die auf der weib­li­che Sei­te ver­or­tet sind, ist er der Si­gni­fi­kant für das, was ih­nen fehlt, ge­wis­ser­ma­ßen das Aus­drucks­mit­tel, um um­be­wusst zu sa­gen, „mir fehlt was“.]

Beim Mann [bei den We­sen, die, psy­chisch ge­se­hen, auf der männ­li­chen Sei­te ih­ren Platz ha­ben, und dies sind über­wie­gend bio­lo­gi­sche Män­ner] be­zieht sich der Phal­lus-Si­gni­fi­kant auf ein rät­sel­haf­tes ab­so­lu­tes Ge­nie­ßen. [In Freuds Kon­struk­ti­on des Ur­va­ter­mor­des re­prä­sen­tiert der Ur­va­ter das freie, völ­lig un­ein­ge­schränk­te se­xu­el­le Ge­nie­ßen. La­can deu­tet hier an, dass auf der Sei­te des Man­nes die Kas­tra­ti­on auf der un­be­wuss­ten Be­zie­hung zu die­ser my­thi­schen Fi­gur be­ruht, zum Va­ter als dem­je­ni­gen, der gren­zen­los se­xu­ell ge­nießt. Falls ich den Hin­weis auf das ab­so­lu­te Ge­nie­ßen des Ur­va­ters rich­tig ver­ste­he, funk­tio­niert der Phal­lus auf der männ­li­chen Sei­te so: Der Phal­lus ist hier der Si­gni­fi­kant für das ge­setz­lo­se se­xu­el­le Ge­nie­ßen, und die­ses un­ge­hin­der­te Ge­nie­ßen wird von männ­li­chen We­sen un­be­wusst dem Va­ter zu­ge­schrie­ben.]

Die­se bei­den Be­zü­ge zum Phal­lus, die­se bei­den For­men der Kas­tra­ti­on füh­ren nicht dazu, dass es zwi­schen den bei­den Sei­ten eine po­la­re Be­zie­hung gibt.

Die­se Be­zie­hung zwi­schen dem Phal­lus und den bei­den For­men der Kas­tra­ti­on ist vor­gän­gig, be­zo­gen auf die Fra­ge nach dem [feh­len­den] Phal­lus vor­gän­gig. [In­wie­fern, wird in der über­setz­ten Pas­sa­ge nicht ge­klärt.]

[„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant,
(a) des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt
(b) und der die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz durch den Si­gni­fi­kant ei­nes Feh­lens er­setzt.]

 

Der Phal­lus: der ver­wor­fe­ne Si­gni­fi­kant des Ge­nie­ßens

La­can hat­te [in Se­mi­nar 8, Die Über­tra­gung] den Phal­lus als „feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten“ be­zeich­net. Das will er jetzt prä­zi­sie­ren.

[Aus den vor­an­ge­gan­gen Be­mer­kun­gen er­ge­ben sich be­reits zwei mög­li­che Deu­tun­gen. (1) Der Phal­lus ist in­so­fern der feh­len­de Si­gni­fi­kant, als er bei bei­den Ge­schlech­tern das Sym­bol für das ist, was ih­nen fehlt. (2) Der Phal­lus ist in­so­fern ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, als im Un­be­wuss­ten eine po­la­re Zu­ord­nung der bei­den Ge­schlech­ter fehlt; die­ses Feh­len ist mit dem Phal­lus ver­bun­den – auf wel­che Wei­se, ist mir nicht klar. Die­se bei­den Be­deu­tun­gen sind je­doch nicht ge­meint, wie im Fol­gen­den aus­ge­führt wird.]

Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, das heißt, dass das Un­be­wuss­te – das [un­be­wus­te] „Wis­sen“ – ei­nen Riss zeigt, wie weit auch im­mer eine Ana­ly­se vor­an­ge­trie­ben wor­den sein mag. [Der Phal­lus ist ein im Un­be­wuss­ten feh­len­der Si­gni­fi­kant. Das ist be­reits bei Freud ein gro­ßes The­ma: Im Un­be­wuss­ten feh­len be­stimm­te Vor­stel­lun­gen, sagt Freud, etwa für die Ge­schlechts­dif­fe­renz und für den ei­ge­nen Tod.]

Der Mann in der Frau hin­ter­lässt kei­ne Spur, sagt ein ara­bi­sches Sprich­wort. [Nach dem Vor­an­ge­hen­den be­deu­tet das: Im Un­be­wuss­ten gibt es kei­ne Si­gni­fi­kan­ten für die Ge­schlech­ter­po­la­ri­tät.] Man­che Neu­ro­ti­ker ha­ben eine durch be­stimm­te Phan­ta­si­en ge­stütz­te Be­zie­hung zu Ge­schlechts­krank­hei­ten: „hin und wie­der eine klei­ne Krank­heit“, und das ge­hört in die­sen Zu­sam­men­hang. [Es ist nicht zu er­ken­nen, ob La­can hier nur auf eine über­star­ke Angst vor Ge­schlechts­krank­hei­ten an­spielt oder ob er auch eine durch Phan­ta­si­en ge­stütz­te An­fäl­lig­keit für Ge­schlechts­krank­hei­ten meint. Im Fal­le ei­ner Ge­schlechts­krank­heit hin­ter­lässt der Mann in der Frau eine Spur, und um­ge­kehrt. Of­fen­bar will La­can an­deu­ten, dass bei man­chen Sub­jek­ten die Ge­schlechts­krank­heit als Wunsch­er­fül­lung funk­tio­niert, als Er­satz für die feh­len­de Si­gni­fi­kan­ten­ver­kopp­lung der Ge­schlech­ter.]

Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, das heißt: Der Phal­lus-Si­gni­fi­kant ist nicht im Sys­tem des Sub­jekts. [„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint also: im Un­be­wuss­ten des Sub­jekts gibt es nicht den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten.]

Der Phal­lus-Si­gni­fi­kant ist des­halb nicht im Sys­tem des Sub­jekts [er ist des­halb nicht im Un­be­wuss­ten], weil er nicht das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, son­dern et­was an­de­res, näm­lich das se­xu­el­le Ge­nie­ßen [jouis­sance se­xu­el­le, „se­xu­el­les Ge­nie­ßen“, meint auch den Or­gas­mus]. [La­can hat­te den Phal­lus zu­nächst, in Se­mi­nar 5 von 1957/58, als Si­gni­fi­kan­ten des Be­geh­rens be­zeich­net. Ab dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens (ge­schrie­ben 1962) de­fi­niert er ihn als Si­gni­fi­kan­ten des Ge­nie­ßens. „Der Mann in der Frau hin­ter­lässt kei­ne Spur“ hat also noch eine zwei­te Be­deu­tung: Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ge­nie­ßens.]

Dass das se­xu­el­le Ge­nie­ßen [also der Or­gas­mus] au­ßer­halb des Sys­tems des Sub­jekts ist, heißt, dass die­ses Ge­nie­ßen ab­so­lut ist [un­ein­ge­schränkt].

Un­ter al­len For­men des Ge­nie­ßens [der Er­re­gung, wür­de Freud sa­gen] hat das se­xu­el­le Ge­nie­ßen [der Or­gas­mus] eine Son­der­stel­lung. Es ist jen­seits des Lust­prin­zips. [Es be­ruht nicht auf der Kon­stan­t­hal­tung oder Ver­min­de­rung der Span­nung (= Lust­prin­zip), son­dern geht mit ei­ner Er­hö­hung der Span­nung ein­her (= jen­seits des Lust­prin­zips)]. Nor­ma­ler­wei­se wirkt das Lust­prin­zip als Bar­rie­re ge­gen Span­nungs­er­hö­hung. Das se­xu­el­le Ge­nie­ßen bil­det je­doch eine Aus­nah­me, es wird vom Lust­prin­zip ge­wis­ser­ma­ßen durch­ge­las­sen [die se­xu­el­le Er­re­gung zielt auf Span­nungs­er­hö­hung, auf den „Hö­he­punkt“ – vor dem Span­nungs­ab­fall].

Freud sagt [in den Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie, Teil III], das se­xu­el­le Ge­nie­ßen [im Sin­ne des Or­gas­mus] sei das Ge­nie­ßen par ex­cel­lence; La­can deu­tet an, dass er die­se Be­haup­tung pro­ble­ma­tisch fin­det. [? Was ist sein Ein­wand?] [Mit „se­xu­el­lem Ge­nie­ßen“ ist bei Freud der Or­gas­mus ge­meint.]

Wenn das se­xu­el­le Ge­nie­ßen nicht im [un­be­wuss­ten] Sys­tem des Sub­jekts ist, dann heißt das: Es gibt kein Sub­jekt des se­xu­el­len Ge­nie­ßens. [Es gibt in­so­fern kein Sub­jekt des se­xu­el­len Ge­nie­ßens, als für La­can das Sub­jekt im­mer das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt ist. Im se­xu­el­len Ge­nie­ßen bzw. im Or­gas­mus ist ein Mensch un­ter be­stimm­tem As­pekt für kur­ze Zeit jen­seits der Prä­gung durch die Spra­che, also kein Sub­jekt.]

Die­se Hin­wei­se sol­len es er­mög­li­chen, zu prä­zi­sie­ren, in­wie­fern der Phal­lus ein feh­len­der Si­gni­fi­kant ist. Er ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, das soll hei­ßen: Er ist au­ßer­halb des Sys­tems des Sub­jekts, er ist kein Si­gni­fi­kant im Un­be­wuss­ten. [Ich neh­me an, dass ge­meint ist: die­ser Si­gni­fi­kant ist ur­ver­drängt – im Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus hat­te La­can den Phal­lus auf die Ur­ver­drän­gung be­zo­gen.]

Po­si­tiv for­mu­liert: Der Phal­lus ist der üb­li­che Si­gni­fi­kant für das­je­ni­ge se­xu­el­le Ge­nie­ßen, das ra­di­kal ver­wor­fen ist. [Auf­fäl­lig ist, dass La­can den Be­griff der Ver­wer­fung hier nicht auf Si­gni­fi­kan­ten be­zieht, son­dern auf ein Ge­nie­ßen.]

Das, was im Sym­bo­li­schen ver­wor­fen ist, kehrt im Rea­len wie­der [hat­te La­can im Psy­cho­se-Se­mi­nar ge­sagt]. Für das se­xu­el­le Ge­nie­ßen heißt das: Da das se­xu­el­le Ge­nie­ßen im Sym­bo­li­schen ver­wor­fen ist [da es hier­für im Un­be­wuss­ten kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt und auch kei­nen ge­ben kann], er­scheint es im Rea­len wie­der. An­ders ge­sagt: das se­xu­el­le Ge­nie­ßen ist real. [Wenn La­can im­mer wie­der vom „Rea­len des Ge­nie­ßens“ spricht, ist da­mit also ge­meint: Im Un­be­wuss­ten ei­nes Sub­jekts gibt es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der das se­xu­el­le Ge­nie­ßen re­prä­sen­tiert, und ein sol­cher Si­gni­fi­kant kann im Un­be­wuss­ten auch nicht ge­bil­det wer­den – mög­li­cher­wei­se des­we­gen nicht, weil das se­xu­el­le Ge­nie­ßen jen­seits des Lust­prin­zips funk­tio­niert.]

Der Phal­lus be­zeich­net kon­ven­tio­nell das, was vom se­xu­el­len Ge­nie­ßen ver­wor­fen ist. [Der Phal­lus ist nicht ein Sym­bol im Un­be­wus­ten des Sub­jekts, son­dern ein kon­ven­tio­nel­les Sym­bol. Er ist ein kon­ven­tio­nel­les Sym­bol für das ab­so­lu­te, für das un­ein­ge­schränk­te Ge­nie­ßen.]

[„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant,
(a) des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt
(b) und der die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz durch den Si­gni­fi­kant ei­nes Feh­lens er­setzt.
(c) Das, was fehlt, ist ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen.
(d) Der Si­gni­fi­kant die­ses Ge­nie­ßens fehlt, er ist nicht im Sys­tem des Sub­jekt, es ist (so neh­me ich an) ur­ver­drängt.]

Ödi­pus­my­thos und Ur­va­ter­mord: das ab­so­lu­te Ge­nie­ßen des Ur­va­ters

Da es im Sys­tem des Sub­jekts kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des ab­so­lu­ten Ge­nie­ßens gibt, kann die­ses Ge­nie­ßen nur durch ei­nen My­thos dar­ge­stellt wer­den [der die­ses Ge­nie­ßen mit der Ag­gres­si­on, dem Schuld­ge­fühl und dem Ge­setz ver­bin­det].

Freud zu­fol­ge ist der Ödi­pus­my­thos [den La­can an die­ser Stel­le mit Freuds Kon­zep­ti­on des Ur­va­ter­mords zu­sam­men­wirft] ein My­thos, der an­ders ist als alle an­de­ren. [? Wo sagt Freud das und wor­in be­steht die An­ders­heit des Ödi­pus­my­thos?] Der Hin­weis auf die ab­wei­chen­de Stel­lung des Ödi­pus­my­thos ist je­doch nicht re­zi­piert wor­den, au­ßer von ei­ni­gen Spe­zia­lis­ten. Der Freud­sche [My­thos vom] Ur­va­ter­mord hat die Funk­ti­on, den Platz ei­nes ab­so­lu­ten Ge­nie­ßens zu ver­or­ten. [Freud schreibt dem Ur­va­ter den „frei­en Se­xu­al­ge­nuss“ zu, die „Trieb­frei­heit“. Das ab­so­lu­te Ge­nie­ßen ist hier dem­nach das un­ein­ge­schränk­te se­xu­el­le Ge­nie­ßen. In der Ur­va­ter-Er­zäh­lung wird die Trieb­frei­heit als Ge­nie­ßen al­ler Frau­en ge­deu­tet. Also muss man das ge­wöhn­li­che se­xu­el­le Ge­nie­ßen, den Or­gas­mus, beim Mann durch den Be­zug auf die my­thi­sche Fi­gur der ab­so­lu­ten Trieb­frei­heit ver­or­ten, ver­kör­pert durch den Ur­va­ter.] Da­bei bleibt [auf­grund der Mehr­deu­tig­keit des Ge­ni­tivs] un­be­stimmt, ob es [beim „Ge­nie­ßen al­ler Frau­en“] um das Ge­nie­ßen auf der Sei­te des Ur­va­ters geht oder um das Ge­nie­ßen auf der Sei­te al­ler Frau­en. Hin­zu­kommt, dass auch das Ge­nie­ßen auf der Sei­te der Frau­en für die psy­cho­ana­ly­ti­sche Theo­rie ein Rät­sel ge­blie­ben ist.

[„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant,
(a) des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt
(b) und der die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz durch den Si­gni­fi­kant ei­nes Feh­lens er­setzt.
(c) Das, was fehlt, ist ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen.
(d) Der Si­gni­fi­kant die­ses Ge­nie­ßens fehlt, er ist nicht im Sys­tem des Sub­jekt, es ist (so neh­me ich an) ur­ver­drängt,
(e) und kann des­halb nur durch ei­nen My­thos dar­ge­stellt wer­den, den des Ur­va­ters der alle Frau­en ge­nießt.]

Ur­sprung der Neu­ro­se: die Be­zie­hung zwi­schen dem se­xu­el­len Ge­nie­ßen des Sub­jekts und dem Be­geh­ren des An­de­ren

Wir sind hier also bei der phal­li­schen Funk­ti­on. [In Se­mi­nar 14, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, wur­de der Be­griff „phal­li­sche Funk­ti­on“ auf die Kas­tra­ti­on be­zo­gen; La­cans Sym­bol für die Kas­tra­ti­on ist mi­nus klein phi, −φ. Die phal­li­sche Funk­ti­on be­steht dar­in, so hieß es dort, dass die Kas­tra­ti­on an­zeigt, dass es im Un­be­wuss­ten des Sub­jekts kei­nen Si­gni­fi­kan­ten für das se­xu­el­le Ver­hält­nis gibt. Hier je­doch, an die­ser Stel­le von Se­mi­nar 16, geht es um eine an­de­re „phal­li­sche Funk­ti­on“, um eine an­de­re Funk­ti­on des Phal­lus: um den sym­bo­li­schen Phal­lus (Φ) als Si­gni­fi­kant des Ge­nie­ßens und dar­um, dass er als Si­gni­fi­kant des Ge­nie­ßens nicht im Un­be­wuss­ten ist.] Die phal­li­sche Funk­ti­on re­prä­sen­tiert nicht das Sub­jekt [das dürf­te nach dem vor­an­ge­hen­den hei­ßen: der Phal­lus re­prä­sen­tiert nicht das Sub­jekt, in­so­fern er das se­xu­el­le Ge­nie­ßen re­prä­sen­tiert und das se­xu­el­le Ge­nie­ßen nicht vom un­be­wuss­ten Sys­tem des Sub­jekts re­prä­sen­tiert wird]. Gleich­wohl be­zieht sich die phal­li­sche Funk­ti­on auf die De­ter­mi­na­ti­on des Sub­jekts, auf ei­nen be­stimm­ten Punkt des­sen, wo­durch das Sub­jekt de­ter­mi­niert wird [sie be­zieht sich auf das se­xu­el­le Ge­nie­ßen]. Die phal­li­sche Funk­ti­on kenn­zeich­net ein be­stimm­tes Feld [das des se­xu­el­len Ge­nie­ßens], und zwar in­so­fern als die­ses Feld [des se­xu­el­len Ge­nie­ßens] durch die Be­zie­hung zum An­de­ren be­grenzt wird, zu dem, „was als der An­de­re struk­tu­riert ist“ [zum Be­geh­ren des An­de­ren]. [Die phal­li­sche Funk­ti­on be­zieht sich also auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem se­xu­el­len Ge­nie­ßen und dem Be­geh­ren des An­de­ren.]

Die­ser Zu­sam­men­hang ist klar er­kenn­bar, wenn man sich der Fra­ge zu­wen­det, wo­durch eine Neu­ro­se aus­ge­löst wird. Eine Neu­ro­se bricht dann aus, wenn zwei Fak­to­ren zu­sam­men­kom­men. Das ist zum ei­nen das Ein­drin­gen ei­nes au­to­ero­ti­schen Ge­nie­ßen, also ers­ter se­xu­el­ler Emp­fin­dun­gen, die mit Mas­tur­ba­ti­on ver­bun­den sind [Freuds „ge­ni­ta­le Pha­se“]. Der an­de­re Fak­tor ist die Ab­hän­gig­keit des Sub­jekts vom Be­geh­ren des An­de­ren [bei Freud: Ödi­pus­kom­plex und Schlüs­sel­rol­le des Mas­tur­ba­ti­ons­ver­bots]. Wenn die­se bei­den Fak­to­ren zu­sam­men­kom­men, wird die Struk­tur des Sub­jekts zum Dra­ma. [? Wor­auf spielt La­can mit „Dra­ma“ an, au­ßer auf die Ödi­pus-Tra­gö­die?]

Die De­tails die­ser Kon­stel­la­ti­on sind noch zu be­stim­men. Eine wich­ti­ge Rol­le spielt hier­bei je­den­falls das Ob­jekt a; es de­mons­triert rück­wir­kend, dass es die Struk­tur des Sub­jekts zu­vor be­stimmt hat­te. [Das könn­te hei­ßen: Die Ob­jek­te a (Brust, Kot, Blick, Stim­me) er­hal­ten rück­wir­kend, durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, ihre Funk­ti­on, d..h. sie fun­gie­ren als Phal­lus-Sym­bo­le.] Das Ob­jekt a re­prä­sen­tiert den Ge­nuss­man­gel und da­mit das rea­le We­sen des Sub­jekts, es re­prä­sen­tiert den ver­bo­te­nen Be­reich des Ge­nie­ßens. [Die Ob­jek­te a (Brust, Kot, Stim­me, Blick) re­prä­sen­tie­ren das Ge­nie­ßen, das das Sub­jekt un­wie­der­bring­lich ver­lo­ren hat, mit Freud: durch ein Ver­bot. Das Sub­jekt ist sei­nem We­sen nach eine ne­ga­ti­ve Grö­ße: der durch die Spra­che her­bei­ge­führ­te Ge­nuss-Ver­lust.]

Die­ser Ge­nuss­man­gel steht in Ver­bin­dung zum Feld des An­de­ren als dem Ort, an dem das Wis­sen ge­ord­net ist. [Eine der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem se­xu­el­len Ge­nie­ßen und dem An­de­ren ist also das Ver­hält­nis zwi­schen den Ob­jek­ten a als Re­prä­sen­tan­ten des Ge­nuss­man­gels und dem An­de­ren als Ort des Wis­sens.] Die Ver­bin­dung zwi­schen die­sen bei­den Be­rei­chen – dem Ge­nuss­man­gel und dem An­de­ren – wird durch die se­xu­el­le Wiss­be­gier­de her­ge­stellt. Die se­xu­el­le Neu­gier ist grund­le­gend für die ge­sam­te Ord­nung des Wis­sens, also für das Feld des An­de­ren, in­so­fern hier das Wis­sen ge­ord­net wird. Die Ein­sicht, dass die se­xu­el­le Neu­gier­de die Ver­bin­dung zwi­schen dem se­xu­el­len Ge­nie­ßen und dem Wis­sen her­stellt, ist eine der gro­ßen psy­cho­ana­ly­ti­schen Ent­de­ckun­gen. [? Will La­can hier an­deu­ten, dass die se­xu­el­le Neu­gier­de dar­auf ab­zielt, den feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten des Ge­nie­ßens zu fin­den?]

[Man muss das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, das durch den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert wird, also auf den An­de­ren be­zie­hen.] Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant. Der An­de­re ist struk­tu­riert und [des­halb] ge­locht. [Eine Struk­tur ist für La­can im­mer eine Struk­tur mit ei­nem Loch. Im Fel­de des An­de­ren fehlt ein Si­gni­fi­kant; La­cans Sym­bol hier­für ist S(Ⱥ), „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“.] Me­ta­pho­risch kann man den Phal­lus als den­je­ni­gen Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­nen, der den An­de­ren locht. [? Was ist da­mit ge­meint?] Je­doch muss man die­se bei­den Kon­zep­te un­ter­schei­den, der Man­gel im An­de­ren ist nicht der Phal­lus als feh­len­der Si­gni­fi­kant [S(Ⱥ) ≠ Φ]. [„Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“ meint: es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tiert. Beim „Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren“ geht es um die Di­men­si­on der Wahr­heit und da­mit des (ver­bor­ge­nen und auf­zu­de­cken­den) Sinns, nicht um die Di­men­si­on des Ge­nie­ßens.]

[? Was meint die­ser Satz: „In­so­fern das et­was an­de­res ist, se­hen wir, was ge­schieht, wenn das jun­ge Sub­jekt auf das ant­wor­ten muss, was durch das Ein­drin­gen der se­xu­el­len Funk­ti­on in sein sub­jek­ti­ves Feld her­bei­ge­führt wird.“ Will La­can sa­gen: Den Un­ter­schied zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren und dem sym­bo­li­schen Phal­lus sieht man dann, wenn man be­ob­ach­tet, was ge­schieht, wenn das Sub­jekt auf das Ein­drin­gen der se­xu­el­len Funk­ti­on in sein sub­jek­ti­ves Feld ant­wor­ten muss – ?]

[„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant,
(a) des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt
(b) und der die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz durch den Si­gni­fi­kant ei­nes Feh­lens er­setzt.
(c) Das, was fehlt, ist ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen.
(d) Der Si­gni­fi­kant die­ses Ge­nie­ßens fehlt, er ist nicht im Sys­tem des Sub­jekt, es ist (so neh­me ich an) ur­ver­drängt,
(e) und kann des­halb nur durch ei­nen My­thos dar­ge­stellt wer­den, den des Ur­va­ters der alle Frau­en ge­nießt.
(f) Der Si­gi­fi­kant des Ge­nie­ßens fehlt im Sys­tem des Sub­jekts, das heißt: er fehlt im An­de­ren.]

 

Die Neu­ro­se des klei­nen Hans: der sym­bo­li­sche Phal­lus als Pa­pier­ti­ger

La­can wen­det sich nun Freuds Fall­stu­die über den klei­nen Hans zu [Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben] und er re­ka­pi­tu­liert Tei­le des Kom­men­tars, den er hier­zu in Se­mi­nar 4, Die Ob­jekt­be­zie­hung, vor­ge­tra­gen hat­te.

Im Zu­sam­men­hang der Fra­ge nach dem Phal­lus als ei­nem feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten ist von be­son­de­rem In­ter­es­se das Spiel, in dem Hans die gro­ße Gi­raf­fe mit der klei­nen Gi­raf­fe kon­fron­tiert. [La­can be­zieht sich hier auf das Ge­spräch von Hans mit sei­nem Va­ter über eine Gi­raf­fen-Phan­ta­sie von Hans; in die­sem Ge­spräch sym­bo­li­siert Hans die klei­ne Gi­raf­fe durch ein Stück Pa­pier, das er zer­knüllt und auf das er sich setzt.]

Der Grund für die Pho­bie ist der, dass es für Hans un­mög­lich ist, die phal­li­sier­te Mut­ter [die phal­li­sche Mut­ter], d..h. die Män­nin (hom­mel­le) [dar­ge­stellt durch die gro­ße Gi­raf­fe], mit et­was ko­exis­tie­ren zu las­sen, was ihre Re­duk­ti­on ist [mit der klei­nen Gi­raf­fe].

An der klei­nen Gi­raf­fe ist nicht ent­schei­dend, dass sie ein Bild ist, das dem Bild der gro­ßen Gi­raf­fe ähn­lich ist [wich­tig ist also nicht die Be­zie­hung der Ähn­lich­keit zwi­schen der klei­nen und der gro­ßen Gi­raf­fe, nicht die ima­gi­nä­re Be­zie­hung]. Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass die klei­ne Gi­raf­fe für Hans eine Schrift auf ei­nem Pa­pier ist, dass er die­ses Pa­pier zer­knüllt und dass er sich dar­auf­setzt. Ent­schei­dend an der Gi­raf­fen­phan­ta­sie ist nicht, dass Hans sich mit dem Kom­ple­ment sei­ner Mut­ter iden­ti­fi­ziert, mit dem [ima­gi­nä­ren] Phal­lus [der Mut­ter], mit sei­nem [Han­sens] Ri­va­len [mit der klei­nen Gi­raf­fe in die­ser ima­gi­nä­ren Funk­ti­on]. [Die­se Di­men­si­on gibt es, aber sie ist nicht das, wor­auf es hier an­kommt.] Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass Hans den [ima­gi­nä­ren] Phal­lus [die klei­ne Gi­raf­fe] ins Sym­bo­li­sche über­ge­hen lässt [in­dem er sie durch ein Pa­pier dar­stellt, das er zer­knüllt und auf das er sich setzt].

[Der ima­gi­nä­re Phal­lus ist der der Mut­ter zu­ge­schrie­be­ne Phal­lus, zu dem das Kind in eine Ri­va­li­täts­po­si­ti­on geht; es will die­ser Phal­lus sein. Der ima­gi­nä­re Phal­lus wird durch die klei­ne Gi­raf­fe dar­ge­stellt. Der sym­bo­li­sche Phal­lus ent­steht da­durch, dass die­se Po­si­ti­on über­wun­den wird, und zwar da­durch, dass der ima­gi­nä­re Phal­lus ers­tens zu ei­nem Si­gni­fi­kan­ten ge­macht wird (zu Schrift auf Pa­pier) und in­dem er zwei­tens ge­wis­ser­ma­ßen ab­ge­sto­ßen wird, zu­rück­ge­wie­sen wird (Zer­knül­len und Dar­auf­set­zen), zu ei­nem Si­gni­fi­kan­ten au­ßer­halb des Sys­tems des Sub­jekts. Der sym­bo­li­sche Phal­lus exis­tiert also in ei­ner Dy­na­mik, die durch zwei Merk­ma­le cha­rak­te­ri­siert ist: Er ent­steht ers­tens aus dem ima­gi­nä­ren Phal­lus durch des­sen Um­wand­lung in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, und die­ser Si­gni­fi­kant wird, zwei­tens, ei­ner Zu­rück­wei­sung un­ter­wor­fen, ei­ner Ab­sto­ßung oder Aus­sto­ßung.]

Im Sym­bo­li­schen wird der Phal­lus sei­ne Wirk­sam­keit ha­ben, näm­lich im Zu­sam­men­hang der Pho­bie. Die Wir­kungs­wei­se von Pho­bi­en wird von La­can bei den Zu­hö­rern als be­kannt vor­aus­setzt, wie er an die­ser Stel­le be­tont. [Freud zu­fol­ge wird bei der Pho­bie eine von in­nen kom­men­de über­wäl­ti­gen­de Angst, der das Sub­jekt sich nicht ent­zie­hen kann, durch eine Angst vor et­was Äu­ße­rem er­setzt, vor dem das Sub­jekt flie­hen kann, z..B. durch die Angst vor be­stimm­ten Tie­ren. Die­se Um­wand­lung wird durch die Kas­tra­ti­ons­angst er­mög­licht; die Angst, vom Va­ter kas­triert zu wer­den, wird im Fal­le des klei­nen Hans durch die Angst er­setzt, von Pfer­den ge­bis­sen zu wer­den.] Bei der Pho­bie geht der Phal­lus ins Sym­bo­li­sche über. Er nimmt bei­spiels­wei­se die Ge­stalt ei­nes „Pa­pier­ti­gers“ an; das pho­bi­sche Tier ist oft ein Tier aus ei­nem Bil­der­buch [etwa im Fal­le des „Wolfs­man­nes“]. [Die Ent­ste­hung der Tier­pho­bie soll­te also nicht von der Wahr­neh­mung le­ben­di­ger Tie­re her re­kon­stru­iert wer­den, son­dern aus­ge­hend von der Funk­ti­on die­ser Tie­re im Spre­chen und im Schrei­ben, etwa als Bild in ei­nem Bil­der­buch. Hier­bei deu­tet La­can die Zeich­nung – Li­ni­en auf Pa­pier – als eine Form der Schrift.] Der „Pa­pier­ti­ger“ – das Tier, das die Angst aus­löst – er­mög­licht es dem Kind, der un­er­träg­li­chen Angst zu ent­kom­men [der Angst, die da­durch ent­steht, dass sein se­xu­el­les Ge­nie­ßen mit dem Be­geh­ren des An­de­ren, der phal­li­schen Mut­ter, kon­fron­tiert wird]; der „Pa­pier­ti­ger“ sorgt da­für, dass die­se Angst durch eine Angst er­setzt wird, die das Kind ei­ni­ger­ma­ßen be­wäl­ti­gen kann [da sie jetzt eine von au­ßen her­vor­ge­ru­fe­ne Angst ist, der es sich ent­zie­hen kann, in­dem es nicht mehr auf die Stra­ße geht].

[Eine der Er­schei­nungs­for­men des sym­bo­li­schen Phal­lus ist also ein Tier als Ge­gen­stand ei­ner Tier­pho­bie. Der phal­li­sche Cha­rak­ter die­ses Tie­res be­steht, nach Freud, in der mit ihm ver­bun­de­nen Kas­tra­ti­ons­vor­stel­lung. Der sym­bo­li­sche Cha­rak­ter des Tie­res kann für La­can u.a. dar­in be­stehen, dass es eine Zeich­nung ist und für La­can heißt das: et­was Ge­schrie­be­nes.]

In ei­nem be­stimm­ten Mo­ment wird die Män­nin [die phal­li­sche Mut­ter] für Hans zu ei­nem We­sen, das Gri­mas­sen schnei­det und ei­nem Angst ein­jagt [zu ei­nem angst­aus­lö­sen­den Tier]. Da­mit ver­wan­delt sich die Welt des Kin­des, denn die Be­zie­hung zur Mut­ter ist die Grund­la­ge sei­ner Welt. [Die ra­di­ka­le Ver­än­de­rung be­steht dar­in, dass Hans nicht mehr die Po­si­ti­on ein­nimmt, das Ob­jekt des Be­geh­rens der Mut­ter sein zu wol­len. Da­mit er­öff­net sich für ihn die Welt an­de­rer mög­li­cher Ob­jek­te.] In ei­nem be­stimm­ten Au­gen­blick [dem der Kon­fron­ta­ti­on des se­xu­el­len Ge­nie­ßens des Sub­jekts mit dem Be­geh­ren der Mut­ter und dem Über­schwemmt­wer­den durch die Angst] ist die Per­son von Hans ganz und gar ein Sym­ptom, wo­bei das Sym­ptom dar­in be­steht, dass sich die Män­nin, mit der er kon­fron­tiert ist, für ihn in ei­nen Pa­pier­ti­ger ver­wan­delt [dass die Pfer­de­pho­bie ent­steht]. Die [durch Ver­mei­den be­wäl­tig­ba­re] Angst vor dem „Pa­pier­ti­ger“ [die Pfer­de­pho­bie] hilft ihm, die un­er­träg­li­che Angst zu be­wäl­ti­gen [die her­vor­ge­ru­fen wird durch die Ver­bin­dung zwi­schen sei­nem se­xu­el­len Ge­nie­ßen und dem Be­geh­ren der Mut­ter]. Um wel­ches Tier es sich da­bei han­delt, ist nicht wich­tig. Die­se Um­wand­lung voll­zieht sich wie von selbst. [Dies ist of­fen­bar die Leich­tig­keit des Stils von Hans.]

[In­wie­fern ist das Tier, dem die Pho­bie gilt, ein im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts feh­len­der Si­gni­fi­kant? In der über­setz­ten Pas­sa­ge äu­ßert La­can sich hier­zu nicht. Mög­li­cher­wei­se ori­en­tiert er sich an Freuds The­se, dass die Pho­bie eine in­ne­re Ge­fahr (Trieb­ge­fahr), die zu völ­li­ger Hilf­lo­sig­keit führt, in eine trakt­able äu­ße­re Ge­fahr ver­wan­delt, in eine Ge­fahr, vor der man flie­hen kann. Das Tier, dem die Pho­bie gilt, wäre dem­nach in­so­fern ein im Un­be­wuss­ten des Sub­jekts feh­len­der Si­gni­fi­kant, als der Tier-Si­gni­fi­kant für Hans tat­säch­lich au­ßer­halb von ihm ist, etwa ein Pferd auf der Stra­ße – was im Sym­bo­li­schen ver­wor­fen ist, er­scheint im Rea­len.]

[„Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint dem­nach: Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant,
(a) des­sen Schlüs­sel­stel­lung dar­auf be­ruht, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt
(b) und der die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz durch den Si­gni­fi­kant ei­nes Feh­lens er­setzt.
(c) Das, was fehlt, ist ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen.
(d) Der Si­gni­fi­kant die­ses Ge­nie­ßens fehlt, er ist nicht im Sys­tem des Sub­jekt, es ist (so neh­me ich an) ur­ver­drängt,
(e) und kann des­halb nur durch ei­nen My­thos dar­ge­stellt wer­den, den des Ur­va­ters der alle Frau­en ge­nießt.
(f) Der Si­gi­fi­kant des Ge­nie­ßens fehlt im Sys­tem des Sub­jekts, das heißt: er fehlt im An­de­ren.
(g) In der Pho­bie er­scheint die­ser ver­wor­fe­ne Si­gni­fi­kant „im Rea­len“, etwa als Tier, und die Ana­ly­se zielt dar­auf ab, ihn in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten zu­rück­zu­ver­wan­deln.]

Der sym­bo­li­sche Phal­lus in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur

Be­zo­gen auf die ge­schlecht­lich ver­fass­te Be­zie­hung (le rap­port se­xué) sind die Psy­cho­ana­ly­ti­ker dazu ge­bracht wor­den, die Wich­tig­keit des Man­gels zu se­hen. Der Man­gel be­zieht sich hier­bei auf ein rea­les Ob­jekt, auf den Pe­nis. Die Ein­sicht in die ent­schei­den­de Funk­ti­on des Man­gels ist durch den Neu­ro­ti­ker er­mög­licht wor­den, näm­lich durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex. [Das un­voll­stän­di­ge Durch­lau­fen des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes ist die letz­te Ur­sa­che der Neu­ro­se.] Die Funk­ti­on des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes be­steht dar­in, dass im Fel­de der Si­gni­fi­kan­ten der Platz ei­nes Man­gels her­ge­stellt wird. Das ist das Er­geb­nis, zu dem die Psy­cho­ana­ly­ti­ker ge­kom­men sind, um die Fra­gen be­ant­wor­ten zu kön­nen, die die Neu­ro­se auf­wirft. [Der Phal­lus ist ein im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts feh­len­der Si­gni­fi­kant, und der Weg, auf dem er zum feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten wird, ist der Kas­tra­ti­ons­kom­plex.]

Am Ende ei­ner Psy­cho­ana­ly­se muss der rea­le, der „an­ge­wach­se­ne“ Pe­nis (wie Hans sagt) auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne „zer­wu­zelt“ wer­den: dem Pa­ti­en­ten muss ge­zeigt wer­den, dass es sich nur um ein Sym­bol han­delt [der ima­gi­nä­re Phal­lus muss in den sym­bo­li­schen Phal­lus um­ge­wan­delt wer­den].

Von hier aus ge­se­hen gibt es im Fal­le des klei­nen Hans am Ende der Kur ein Pro­blem.

Am Ende ei­ner Ana­ly­se muss der [männ­li­che] Neu­ro­ti­ker zu der For­mel ge­lan­gen: „um ein Mann zu wer­den, habe ich nicht den Pe­nis als Sym­bol“. Eben dar­in be­steht der Kas­tra­ti­ons­kom­plex; und am Ende der Ana­ly­se muss der Kas­tra­ti­ons­kom­plex rea­li­siert wer­den.

Der Satz „ich habe nicht den Pe­nis als Sym­bol“ kann aber auf zwei Wei­sen „ge­schnit­ten“ wer­den, in­ter­punk­tiert wer­den, ak­zen­tu­iert wer­den [La­can wählt die Me­ta­pher des Schnei­dens, um den Kas­tra­ti­ons­kom­plex zu evo­zie­ren]. [Ers­te Mög­lich­keit:] „Ich habe nicht den Pe­nis.“ Ge­nau das meint es, wenn man sagt, das Ende der Ana­ly­se be­stehe dar­in, dass der Kas­tra­ti­ons­kom­plex rea­li­siert wird. Da­mit wird der Pe­nis in sei­nem Funk­tio­nie­ren nach au­ßer­halb ver­wie­sen, au­ßer­halb des sym­bo­li­schen Re­gis­ters des Sub­jekts. [? Ist ge­meint: „Der Pe­nis ist kein Sym­bol, sein Funk­tio­nie­ren wird nicht im Sym­bo­li­schen re­prä­sen­tiert.“ – ?]

Die zwei­te In­ter­punk­ti­on ist: Nicht der Pe­nis ist es, der mich als Si­gni­fi­kant mei­ner Männ­lich­keit qua­li­fi­ziert. [Die Ne­ga­ti­on be­zieht sich auf den Männ­lich­keits-Si­gni­fi­kan­ten. Nicht der Pe­nis ist es, der mich als männ­lich cha­rak­te­ri­siert. Der Pa­ti­ent gibt die Vor­stel­lung auf, dass sein Pe­nis (das Or­gan) sei­ne Männ­lich­keit re­prä­sen­tiert.]

Von die­ser zwei­ten Deu­tung aus sieht man, dass bei der Ana­ly­se des klei­nen Hans ein Pro­blem un­ge­löst ge­blie­ben ist. Hans spielt den Mäd­chen ge­gen­über wei­ter­hin die Rol­le des­je­ni­gen, der den Pe­nis hat. Für ihn ist der rea­le Pe­nis in sei­ner ima­gi­nä­ren [nar­ziss­ti­schen] Funk­ti­on das, was ihn als männ­lich de­fi­niert. Und das heißt, dass er letzt­lich die­sel­be Po­si­ti­on ein­nimmt, wie ein männ­li­cher Ho­mo­se­xu­el­ler, für den beim Part­ner das Vor­han­den­sein ei­nes rea­len Pe­nis in sei­ner ima­gi­nä­ren Funk­ti­on ja eben­falls die Be­din­gung da­für ist, dass den Part­ner se­xu­ell be­geh­ren kann.

Der Phal­lus ist des­halb wich­tig, weil er ein Ge­lenk zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen bil­det. Beim Kas­tra­ti­ons­kom­plex geht es dar­um, zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen die rich­ti­ge Be­zie­hung her­zu­stel­len [da­durch, dass das ima­gi­nä­re Funk­tio­nie­ren des Phal­lus durch sein sym­bo­li­sches Funk­tio­nie­ren er­setzt wird].

Kürzer

Die­se sys­te­ma­ti­sie­ren­de Zu­sam­men­fas­sung kon­zen­triert sich auf die Fra­ge, in wel­chem Sin­ne der Phal­lus ein feh­len­der Si­gni­fi­kant ist

Der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant, der ge­wis­ser­ma­ßen für ein Feh­len ein­springt: für die feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz – die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit ist im Un­be­wuss­ten nicht re­prä­sen­tiert.

Der Phal­lus re­prä­sen­tiert das se­xu­el­le Ge­nie­ßen  an die­ser The­se aus Sub­ver­si­on des Be­geh­rens hält La­can in Se­mi­nar 16 fest.

Un­ter dem se­xu­el­len Ge­nie­ßen ver­steht La­can in der über­setz­ten Pas­sa­ge das „ab­so­lu­te“ Ge­nie­ßen, d..h. das un­ein­ge­schränk­te Ge­nie­ßen.

Der Phal­lus re­prä­sen­tiert „kon­ven­tio­nell“ das un­ein­ge­schränk­te Ge­nie­ßen.

Der Phal­lus, als Si­gni­fi­kant des ab­so­lu­ten se­xu­el­len Ge­nie­ßens, ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant.

Er ist in­so­fern ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, als er im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts fehlt – im Un­be­wuss­ten qua Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat ist er nicht ent­hal­ten.

Der Phal­lus ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant“ meint also: Der Phal­lus, der Si­gni­fi­kant des ab­so­lu­ten se­xu­el­len Ge­nie­ßens, ist ein im un­be­wuss­ten sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts feh­len­der Si­gni­fi­kant.

Das ab­so­lu­te Ge­nie­ßen ist ver­wor­fen, das heißt: Es ist real. Das ver­wor­fe­ne ab­so­lu­te se­xu­el­le Ge­nie­ßen ist in­so­fern real, als es vom sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts nicht sym­bo­li­siert wird und nicht sym­bo­li­siert wer­den kann.

War­um fehlt der Phal­lus als Si­gni­fi­kant des se­xu­el­len Ge­nie­ßens im un­be­wuss­ten sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts?

Da es im Sys­tem des Sub­jekts kei­nen Si­gni­fi­kan­ten für das ab­so­lu­te Ge­nie­ßen gibt, kann diees Ge­nie­ßen nur durch ei­nen My­thos dar­ge­stellt wer­den. Der Ödi­pus­kom­plex und der von Freud er­fun­de­ne My­thos vom Ur­va­ter­mord sind Dar­stel­lun­gen die­ses Ge­nie­ßens.

Der Phal­lus als feh­len­der Si­gni­fi­kant des se­xu­el­len Ge­nie­ßens funk­tio­niert vor dem Hin­ter­grund der Tat­sa­che, dass es im Un­be­wuss­ten kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der männ­li­che Men­schen und weib­li­che Men­schen po­lar ein­an­der zu­ord­net. Be­zo­gen auf das se­xu­el­le Ver­hält­nis gibt es also zwei im Un­be­wuss­ten feh­len­de Si­gni­fi­kan­ten: Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ge­nie­ßens, und es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz. Das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ge­nie­ßens ist mit dem sym­bo­li­schen Phal­lus (Φ) ver­bun­den. Auf das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz be­zieht sich – falls ich die in den An­mer­kun­gen zur Über­set­zung zi­tier­te Pas­sa­ge aus Se­mi­nar 14 recht ver­stan­den habe – die Kas­tra­ti­on (– φ).

Bei Frau­en fun­giert der Phal­lus als Si­gni­fi­kant für das, was fehlt. Wie das mit dem Phal­lus als dem feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ge­nie­ßens zu­sam­men­hängt, wird in der über­set­zen Pas­sa­ge nicht er­läu­tert.

Bei Män­nern ist der Phal­lus der Si­gni­fi­kant für das my­thi­sche ab­so­lu­te Ge­nie­ßen des Ur­va­ters, für die Trieb­be­frie­di­gung ohne Ein­schrän­kung. Wie das mit dem Phal­lus als dem Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ge­nie­ßens zu­sam­men­hängt, er­fährt man eben­falls nicht; of­fen­bar stellt sich La­can vor, dass sich bei Män­nern das se­xu­el­le Ge­nie­ßen im Sin­ne des Or­gas­mus auf das my­thi­sche un­be­grenz­te Ge­nie­ßen des Ur­va­ters be­zieht, aber Nä­he­res er­fährt man hier nicht.

Be­zo­gen auf die Fra­ge des feh­len­den Phal­lus – des Phal­lus als im Un­be­wuss­ten feh­len­der Si­gni­fi­kant des se­xu­el­len Ge­nie­ßens – ist die Funk­ti­on des Phal­lus bei den bei­den For­men der Kas­tra­ti­on vor­gän­gig. In­wie­fern, wird in der über­setz­ten Pas­sa­ge nicht ge­klärt.

Am Bei­spiel des „klei­nen Hans“ (Freuds Fall­stu­die) zeigt La­can, wie der Phal­lus als feh­len­der Si­gni­fi­kant funk­tio­niert, wie er her­ge­stellt wird. Hans phan­ta­siert von zwei Gi­raf­fen, die gro­ße re­prä­sen­tiert die Mut­ter, die klei­ne zu­nächst Hans in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zur Mut­ter, als Ri­va­le zum Ob­jekt des Be­geh­rens der phal­li­schen Mut­ter, als Ri­va­le zum Phal­lus der Mut­ter. Ent­schei­dend ist je­doch, dass Hans im Ge­spräch mit dem Va­ter die klei­ne Gi­raf­fe durch ein Stück Pa­pier sym­bo­li­siert, das auf eine Gi­raf­fen­zeich­nung ver­weist, die der Va­ter frü­her ein­mal an­ge­fer­tigt hat­te, und dass Hans die­ses Stück Pa­pier zer­knüllt und sich dar­auf­setzt. Da­mit ver­wan­delt er den ima­gi­nä­ren Phal­lus in den sym­bo­li­schen Phal­lus: in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten (eine Zeich­nung, eine Schrift), der zu­rück­ge­wie­sen wird (Zer­knül­len und Drauf­set­zen).

Eine zwei­te Form, in der beim klei­nen Hans der sym­bo­li­sche Phal­lus ins Spiel kommt, ist die Pho­bie. Die Pho­bie be­zieht sich auf „Pa­pier­ti­ger“, wie La­can sagt; das Tier, das die Angst her­vor­ruft, ist ein sym­bo­li­sches Ele­ment, z..B. ein Tier in ei­nem Bil­der­buch, wie bei der Pho­bie des Wolfs­manns. Die Pho­bie – die Angst vor dem Pa­pier­ti­ger – wird in dem Mo­ment er­zeugt, in dem das se­xu­el­le Ge­nie­ßen von Hans mit dem Be­geh­ren der phal­li­schen Mut­ter kon­fron­tiert ist und un­er­träg­li­che Angst in ihm auf­steigt. An die Stel­le die­ser Angst tritt die re­la­tiv harm­lo­se pho­bi­sche Angst.

Das Tier, auf das die Pho­bie sich be­zieht, ist also ein sym­bo­li­scher Phal­lus. Sym­bo­lisch ist es in­so­fern, als es in Zu­sam­men­hän­ge des Spre­chens und Schrei­bens ein­ge­bet­tet ist, etwa, in­dem es ein ge­zeich­ne­tes Tier ist.

In­wie­fern ist das Tier, dem die Pho­bie gilt, ein im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts feh­len­der Si­gni­fi­kant? In der über­setz­ten Pas­sa­ge äu­ßert La­can sich dazu nicht. Mög­li­cher­wei­se ist das Tier in­so­fern nicht im Sys­tem des Sub­jekts, als es au­ßen ist, etwa ein Pferd auf der Stra­ße oder ein Bild in ei­nem Bil­der­buch.

Der Weg, auf dem der Phal­lus zu ei­nem im sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten wird, ist der Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex be­steht eben in der Um­wand­lung des ima­gi­nä­ren Phal­lus in ei­nen sym­bo­li­schen Phal­lus, in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der au­ßer­halb des sym­bo­li­schen Sys­tems des Sub­jekts funk­tio­niert. Die Neu­ro­se be­ruht auf der un­voll­stän­di­gen Rea­li­sie­rung des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes; am Ende ei­ner Ana­ly­se muss ein Neu­ro­ti­ker den Kas­tra­ti­ons­kom­plex durch­lau­fen, und das heißt, sagt La­can, der Psy­cho­ana­ly­ti­ker muss ihm zei­gen, dass der Phal­lus nur ein Sym­bol ist.

Im Fal­le des klei­nen Hans ist das nicht ge­lun­gen, auch noch am Schluss glaubt er, dass es der Pe­nis ist, der ihn in sei­ner Männ­lich­keit aus­zeich­net, der rea­le Pe­nis in ei­ner ima­gi­nä­ren Funk­ti­on.

Ausblick: Seminar 18

In Se­mi­nar 18, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, wird La­can sa­gen:

Der Phal­lus, je­mand hat mal ge­schrie­ben, das sei der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der das Feh­len des Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­nen wür­de. Das ist ab­surd, et­was Der­ar­ti­ges habe ich nie­mals ar­ti­ku­liert. Der Phal­lus ist ganz streng das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, in­so­fern es ko­or­di­niert ist, in­so­fern es fest ver­bun­den ist mit ei­nem Schein.“50

Der ers­te Satz ist rät­sel­haft – La­can hat den Phal­lus im­mer wie­der als feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­net. Geht es ihm um den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten und ei­nem Si­gni­fi­kan­ten, der das Feh­len des Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­net?

Was könn­te es hei­ßen, dass das se­xu­el­le Ge­nie­ßen mit ei­nem Schein ver­bun­den ist? Ich neh­me an, dass dies ge­meint ist: Das se­xu­el­le Ge­nie­ßen (die se­xu­el­le Er­re­gung ein­schließ­lich des Or­gas­mus) ist in­so­fern mit dem Schein ver­bun­den, als an Phan­tas­men ge­bun­den (und nicht an das Bild ei­nes Part­ners des an­de­ren Ge­schlechts). Die­se Phan­tas­men sind mit dem Phal­lus ver­bun­den, denn das Ob­jekt a im Phan­tas­ma ist eine Phal­lus-Me­ta­pher, ein Sym­bol für den ima­gi­nä­ren Phal­lus, in­so­fern er fehlt, also ein Sym­bol für die Kas­tra­ti­on (mi­nus klein phi, ).

Spä­ter heißt es in Se­mi­nar 18: Der Phal­lus ist nicht da­durch ge­kenn­zeich­net,

der Si­gni­fi­kant des Man­gels zu sein […], son­dern da­durch, auf je­den Fall si­cher­lich das zu sein, wo­von kei­ner­lei Spre­chen aus­geht„51.

Hier wird die For­mu­lie­rung vom Phal­lus als „Si­gni­fi­kant des Man­gels“ zu­rück­ge­wie­sen. Geht es um den Un­ter­schied zwi­schen ei­nem „Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels“ und ei­nem „man­geln­den Si­gni­fi­kan­ten“?

Das, wo­von kein Spre­chen aus­geht, ist, so neh­me ich an, das Ur­ver­dräng­te. Vom Ur­ver­dräng­ten geht in­so­fern kein Spre­chen aus, als das Ver­dräng­te in die­sem Fall bei „frei­er As­so­zia­ti­on“ nicht da­nach strebt, zur Spra­che ge­bracht zu wer­den. Falls dies ge­meint ist, wür­de La­can hier auf Die Be­deu­tung des Phal­lus zu­rück­kom­men (ei­nen Vor­trag von 1958, der 1966 ver­öf­fent­licht wur­de). Der Phal­lus, so hieß es dort, ist der ur­ver­dräng­te Si­gni­fi­kant. Dies ist, so ver­mu­te ich, der sym­bo­li­sche Phal­lus, groß Phi, Φ.

Sekundärliteratur

Fa­bi­en­ne Guil­len ver­sucht das Pro­blem so zu lö­sen:

La­can ver­wen­det hier [in Se­mi­nar 14] ei­nen Aus­druck, der bei sei­nen Schü­lern ein Miss­ver­ständ­nis her­vor­ru­fen wird, denn er wird spä­ter mehr­fach sa­gen, dass er das nie­mals ge­sagt hat. Ich zi­tie­re: ‚Und die­se Be­mer­kun­gen zie­len auf nichts an­de­res ab als dar­auf, uns zu er­mög­li­chen, den Sinn des Phal­lus als feh­len­dem Si­gni­fi­kan­ten zu prä­zi­sie­ren.‘ 52 Es scheint, dass das Miss­ver­ständ­nis sich dar­auf be­zieht, dass La­can, als er den Aus­druck ‚feh­len­der Si­gni­fi­kant‘ ver­wen­de­te, da­mit nicht sa­gen woll­te, dass der Phal­lus ei­nen Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­net, der feh­len wür­de, son­dern dass der Phal­lus ein ganz spe­zi­el­ler, ja pa­ra­do­xer Si­gni­fi­kant ist, da er kein Si­gni­fi­kat hat, wie er es im En­core-Se­mi­nar prä­zi­sie­ren wird,  da er das Ge­nie­ßen be­zeich­net, dass per de­fi­ni­tio­nem dem Si­gni­fi­kan­ten ent­geht. In­so­fern er die­ser aus­ge­schlos­se­ne Si­gni­fi­kant ist, hat der Phal­lus die Funk­ti­on, den An­de­ren zu lo­chen und dem Sub­jekt sei­nen Platz zu ge­ben.„53

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Anmerkungen

  1. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 12. No­vem­ber 1958; Ver­si­on Mil­ler, S. 34, mei­ne Über­set­zung.
  2. Der An­de­re ist da­durch kon­sti­tu­iert, dass es ir­gend­wo ei­nen feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten gibt, und der Phal­lus ist das Zei­chen der Ab­we­sen­heit (Se­mi­nar 8, 12. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 289); groß Phi, also Φ für den sym­bo­li­schen Phal­lus, kommt an den Platz des feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten (19. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek S. 297); in Φ muss das Sub­jekt den feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten er­ken­nen kön­nen (3. Mai 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 333).
  3. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 14. Mai 1969, letz­tes Drit­tel; Ver­si­on Mil­ler, S. 319325.
  4. Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XVI. D’un Aut­re à l’autre. 19681969. Seuil, Pa­ris 2006.
  5. Zum Kon­zept des Phal­lus als feh­len­dem Si­gni­fi­kan­ten in Se­mi­nar 16 vgl. Bruno/Guillen, S. 6062.
  6. Vgl. S. Freud: „Die Ge­schlecht­lich­keit ist eine bio­lo­gi­sche Tat­sa­che, die, ob­wohl von au­ßer­or­dent­li­cher Be­deu­tung für das See­len­le­ben, psy­cho­lo­gisch schwer zu er­fas­sen ist.“ (Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191270, hier: S. 235 Fn. 2)
  7. Pha­ne­ro­ga­me sind Blü­ten­pflan­zen. Mir ist nicht klar, was La­can hier meint.
  8. In Trie­be und Trieb­schick­sa­le schreibt Freud:
    „Viel­leicht kommt man dem Ver­ständ­nis der mehr­fa­chen Ge­gen­tei­le des Lie­bens nä­her, wenn man sich be­sinnt, daß das see­li­sche Le­ben über­haupt von drei Po­la­ri­tä­ten be­herrscht wird: den Ge­gen­sät­zen von
    Sub­jekt (Ich) – Ob­jekt  (Au­ßen­welt).
    Lust – Un­lust.
    Ak­tiv – Pas­siv.“
    (Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. S 75102, hier: S. 96.)
  9. Vgl. Freud, Trie­be und Trieb­schick­sa­le, a.a.O. S. 92 f.
  10. Zum Ver­hält­nis von Ak­ti­vi­tät-Pas­si­vi­tät und Männ­lich­keit-Weib­lich­keit schreibt Freud in den Drei Ab­hand­lun­gen:
    „Es ist un­er­läß­lich, sich klar zu ma­chen, daß die Be­grif­fe ‚männ­lich‘ und ‚weib­lich‘, de­ren In­halt der ge­wöhn­li­chen Mei­nung so un­zwei­deu­tig er­scheint, in der Wis­sen­schaft zu den ver­wor­rens­ten ge­hö­ren und nach min­des­tens drei Rich­tun­gen zu zer­le­gen sind. Man ge­braucht männ­lich und weib­lich bald im Sin­ne von Ak­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät, bald im bio­lo­gi­schen und dann auch im so­zio­lo­gi­schen Sin­ne. Die ers­te die­ser drei Be­deu­tun­gen ist die we­sent­li­che und die in der Psy­cho­ana­ly­se zu­meist ver­wert­ba­re. Ihr ent­spricht es, wenn die Li­bi­do oben im Text als männ­lich be­zeich­net wird, denn der Trieb ist im­mer ak­tiv, auch wo er sich ein pas­si­ves Ziel ge­setzt hat. Die zwei­te, bio­lo­gi­sche Be­deu­tung von männ­lich und weib­lich ist die, wel­che die klars­te Be­stim­mung zu­läßt. Männ­lich und weib­lich sind hier durch die An­we­sen­heit der Sa­men-, re­spek­ti­ve Ei­zel­le und durch die von ih­nen aus­ge­hen­den Funk­tio­nen cha­rak­te­ri­siert. Die Ak­ti­vi­tät und ihre Ne­ben­äu­ße­run­gen, stär­ke­re Mus­kel­ent­wick­lung, Ag­gres­si­on, grö­ße­re In­ten­si­tät der Li­bi­do, sind in der Re­gel mit der bio­lo­gi­schen Männ­lich­keit ver­lö­tet, aber nicht not­wen­di­ger­wei­se ver­knüpft, denn es gibt Tier­gat­tun­gen, bei de­nen die­se Ei­gen­schaf­ten viel­mehr dem Weib­chen zu­ge­teilt sind. Die drit­te, so­zio­lo­gi­sche Be­deu­tung er­hält ih­ren In­halt durch die Be­ob­ach­tung der wirk­lich exis­tie­ren­den männ­li­chen und weib­li­chen In­di­vi­du­en. Die­se er­gibt für den Men­schen, daß we­der im psy­cho­lo­gi­schen noch im bio­lo­gi­schen Sin­ne eine rei­ne Männ­lich­keit oder Weib­lich­keit ge­fun­den wird. Jede Ein­zel­per­son weist viel­mehr eine Ver­men­gung ih­res bio­lo­gi­schen Ge­schlechts­cha­rak­ters mit bio­lo­gi­schen Zü­gen des an­de­ren Ge­schlechts und eine Ver­ei­ni­gung von Ak­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät auf, so­wohl in­so­fern die­se psy­chi­schen Cha­rak­ter­zü­ge von den bio­lo­gi­schen ab­hän­gen als auch in­so­weit sie un­ab­hän­gig von ih­nen sind.“
    (Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–145, hier: S. 123 (Zu­satz von 1915))
    Im Un­be­ha­gen in der Kul­tur kommt Freud auf die Fra­ge von Ak­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät zu­rück:
    „Wir sind ge­wohnt zu sa­gen: je­der Mensch zei­ge so­wohl männ­li­che als weib­li­che Trieb­re­gun­gen, Be­dürf­nis­se, Ei­gen­schaf­ten, aber den Cha­rak­ter des Männ­li­chen und Weib­li­chen kann zwar die Ana­to­mie, nicht aber die Psy­cho­lo­gie auf­zei­gen. Für sie ver­blaßt der ge­schlecht­li­che Ge­gen­satz zu dem von Ak­ti­vi­tät und Pas­si­vi­tät, wo­bei wir all­zu un­be­denk­lich die Ak­ti­vi­tät mit der Männ­lich­keit, die Pas­si­vi­tät mit der Weib­lich­keit zu­sam­men­fal­len las­sen, was sich in der Tier­rei­he kei­nes­wegs aus­nahms­los be­stä­tigt.“
    (A.a.O., S. 235 Fn. 2)
    Und in der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen heißt es:
    „Wir sind ge­wohnt, männ­lich und weib­lich auch als see­li­sche Qua­li­tä­ten zu ge­brau­chen, und ha­ben eben­so den Ge­sichts­punkt der Bi­se­xua­li­tät auf das See­len­le­ben über­tra­gen. Wir spre­chen also da­von, daß ein Mensch, ob Männ­chen oder Weib­chen, sich in die­sem Punkt männ­lich, in je­nem weib­lich be­neh­me. Aber Sie wer­den bald ein­se­hen, das ist bloß Ge­fü­gig­keit ge­gen die Ana­to­mie und ge­gen die Kon­ven­ti­on. Sie kön­nen den Be­grif­fen männ­lich und weib­lich kei­nen neu­en In­halt ge­ben. Die Un­ter­schei­dung ist kei­ne psy­cho­lo­gi­sche; wenn Sie männ­lich sa­gen, mei­nen Sie in der Re­gel ‚ak­tiv‘, und wenn Sie weib­lich sa­gen, ‚pas­siv‘. Nun ist es rich­tig, daß eine sol­che Be­zie­hung be­steht. Die männ­li­che Ge­schlechts­zel­le ist ak­tiv be­weg­lich, sucht die weib­li­che auf, und die­se, das Ei, ist un­be­weg­lich, pas­siv er­war­tend. Dies Ver­hal­ten der ge­schlecht­li­chen Ele­men­tar­or­ga­nis­men ist so­gar vor­bild­lich für das Be­neh­men der Ge­schlechts­in­di­vi­du­en beim Se­xu­al­ver­kehr. Das Männ­chen ver­folgt das Weib­chen zum Zweck der se­xu­el­len Ver­ei­ni­gung, greift es an, dringt in das­sel­be ein. Aber da­mit ha­ben Sie eben für die Psy­cho­lo­gie den Cha­rak­ter des Männ­li­chen auf das Mo­ment der Ag­gres­si­on re­du­ziert. Sie wer­den zwei­feln, ob Sie da­mit et­was We­sent­li­ches ge­trof­fen ha­ben, wenn Sie er­wä­gen, daß in man­chen Tier­klas­sen die Weib­chen die stär­ke­ren und ag­gres­si­ven sind, die Männ­chen nur ak­tiv bei dem ei­nen Akt der ge­schlecht­li­chen Ver­ei­ni­gung. (…) Selbst auf dem Ge­biet des mensch­li­chen Se­xu­al­le­bens mer­ken Sie bald, wie un­zu­rei­chend es ist, das männ­li­che Be­neh­men durch Ak­ti­vi­tät, das weib­li­che durch Pas­si­vi­tät zu de­cken. Die Mut­ter ist in je­dem Sinn ak­tiv ge­gen das Kind, selbst vom Saug­akt kön­nen Sie eben­so­wohl sa­gen, sie säugt das Kind als sie läßt sich vom Kin­de säu­gen. Je wei­ter Sie sich dann vom en­ge­ren se­xu­el­len Ge­biet ent­fer­nen, des­to deut­li­cher wird je­ner ‚Über­de­ckungs­feh­ler‘. Frau­en kön­nen gro­ße Ak­ti­vi­tät nach ver­schie­de­nen Rich­tun­gen ent­fal­ten, Män­ner kön­nen nicht mit ih­res­glei­chen zu­sam­men­le­ben, wenn sie nicht ein ho­hes Maß von pas­si­ver Ge­fü­gig­keit ent­wi­ckeln. Wenn Sie jetzt sa­gen, die­se Tat­sa­chen ent­hiel­ten eben den Be­weis, daß Män­ner wie Wei­ber im psy­cho­lo­gi­schen Sinn bi­se­xu­ell sind, so ent­neh­me ich dar­aus, daß Sie bei sich be­schlos­sen ha­ben, ‚ak­tiv‘ mit ‚männ­lich‘, ‚pas­siv‘ mit ‚weib­lich‘ zu­sam­men­fal­len zu las­sen. Aber ich rate Ih­nen da­von ab. Es er­scheint mir un­zweck­mä­ßig und es bringt kei­ne neue Er­kennt­nis.“
    (S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 488608, hier: 33. Vor­le­sung, „Die Weib­lich­keit“, S. 546 f.
  11. In Ver­si­on J.L.: „qu’elle n’est en au­cun cas qu’une fonc­tion tier­ce“.
    Nach „en au­cun cas“ schiebt Mil­ler „aut­re cho­se“ ein; das er­gibt das Ge­gen­teil (Ver­si­on Mil­ler, S. 319). Die­se Än­de­rung er­gibt ei­nen gu­ten Sinn – der Phal­lus hat in der Paar­be­zie­hung die Funk­ti­on des Drit­ten.
  12. La­can be­zieht sich auf Freuds Auf­fas­sung, dass die Trieb­ver­drän­gung da­durch er­mög­licht wird, dass die un­ein­ge­schränk­te Trieb­be­frie­di­gung den Göt­tern bzw. dem Ur­va­ter zu­ge­schrie­ben wird.
    „Ein Stück die­ser Trieb­ver­drän­gung wird von den Re­li­gio­nen ge­leis­tet, in­dem sie den ein­zel­nen sei­ne Trieblust der Gott­heit zum Op­fer brin­gen las­sen. ‚Die Ra­che ist mein‘, spricht der Herr. An der Ent­wick­lung der al­ten Re­li­gio­nen glaubt man zu er­ken­nen, daß vie­les, wor­auf der Mensch als ‚Fre­vel‘ ver­zich­tet hat­te, dem Got­te ab­ge­tre­ten und noch im Na­men des Got­tes er­laubt war, so daß die Über­las­sung an die Gott­heit der Weg war, auf wel­chem sich der Mensch von der Herr­schaft bö­ser, so­zi­al­schäd­li­cher Trie­be be­frei­te.“ (S. Freud: Zwangs­hand­lun­gen und Re­li­gi­ons­übun­gen (1907). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 1121, hier: S. 21)
    „Den Göt­tern teilt der My­thos be­kannt­lich die Be­frie­di­gung al­ler Ge­lüs­te zu, auf die das Men­schen­kind ver­zich­ten muß, wie wir es vom In­zest her ken­nen.“ (S. Freud: Zur Ge­win­nung des Feu­ers (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 445454, hier: 450)
    Über den „Ur­va­ter“ schreibt Freud, dass er „sich selbst frei­en Se­xu­al­genuß vor­be­hält und so­mit un­ge­bun­den bleibt“ (S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag Frank­furt am Main 2000, S. 61134, hier: S. 130), dass der Ur­mensch „kei­ne Trie­bein­schrän­kun­gen kann­te“, wo­bei al­ler­dings nur das Ober­haupt der Ur­fa­mi­lie „sich sol­cher Trieb­frei­heit er­freu­te“ (Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur, a.a.O., S. 243 f.).
  13. Von Φ (groß Phi) als „feh­len­dem Si­gni­fi­kan­ten“ spricht La­can in Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung. Der An­de­re ist da­durch kon­sti­tu­iert, dass es ir­gend­wo ei­nen feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten gibt (sie­he S(Ⱥ)), und der Phal­lus ist das Zei­chen der Ab­we­sen­heit (12. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 289); Φ kommt an den Platz des feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten (19. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 297); in Φ muss das Sub­jekt den feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten er­ken­nen kön­nen (3. Mai 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 333).
    Im Sprach­sy­tem fehlt kein Si­gni­fi­kant, ein Si­gni­fi­kant kann nur feh­len, wenn es eine Fra­ge gibt, ei­nen feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten kann es nur für ein Sub­jekt ge­ben (19. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 297 f.).
    Zum Phal­lus als feh­len­dem Si­gni­fi­kan­ten vgl. auch Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zun­gen vom 12. Mai 1965 und 16. Juni 1965.
  14. Un­er­reich­ba­rer un­se­ren für die Zei­chen des Wechs­lers ge­mach­ten Au­gen als das­je­ni­ge, des­sen kaum wahr­nehm­ba­re Spur der Jä­ger der Ein­öde zu er­ken­nen weiß: der Tritt der Ga­zel­le auf dem Fel­sen, wer­den sich ei­nes Ta­ges die As­pek­te der Ima­go ent­hül­len.“ (Vor­trag über die psy­chi­sche Kau­sa­li­tät. Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger. In: J.L.: Schrif­ten III. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1980, S. 123171, hier: S. 171; Écrits, S. 193) La­can kom­men­tiert das Sprich­wort in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, in der Sit­zung vom 13. De­zem­ber 1961 und in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 2. De­zem­ber 1964).
  15. Mil­ler schiebt vor „von Zeit zu Zeit“ das Wort „si“ ein: „Si, une pe­ti­te ma­la­die“. Nicht in Ver­si­on J.L.
  16. La­can hat­te den sym­bo­li­schen Phal­lus zu­nächst als Si­gni­fi­kan­ten des Be­geh­rens be­zeich­net, spä­ter als Si­gni­fi­kan­ten des Ge­nie­ßens.
    In Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, er­scheint der Phal­lus als „Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens“, ge­nau­er: als „Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens des An­de­ren“ (Sit­zung vom 23. April 1958, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 413, vgl. auch Sit­zung vom 7. Mai 1958, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 440). Ge­meint ist der Si­gni­fi­kant des­sen, was vom An­de­ren – von der Mut­ter – be­gehrt wird. Dem Phal­lus als Si­gni­fi­kan­ten des Be­geh­rens wird hier von La­can das Sym­bol Φ zu­ge­ord­net (Sit­zung vom 14. Mai 1958, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 462), an­ders ge­sagt: der sym­bo­li­sche Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens des An­de­ren.
    Im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten (ge­schrie­ben 1962) heißt es, „… es [das männ­li­che Or­gan] wird dar­in zum Φ (groß Phi), dem un­mög­lich zu ne­ga­ti­vie­ren­den sym­bo­li­schen Phal­lus, Si­gni­fi­kant des Ge­nie­ßens.“ (J. La­can: Schrif­ten, Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 362 (Écrits, S. 823). Zur Da­tie­rung des Auf­sat­zes vgl. den Hin­weis von Jac­ques-Alain Mil­ler in sei­ner Aus­ga­be von Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 602.
  17. Jouis­sance meint so­wohl „Ge­nie­ßen“ als auch „Or­gas­mus“.
  18. In der drit­ten der Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905) schreibt Freud:
    „Das neue Se­xu­al­ziel be­steht beim Man­ne in der Ent­la­dung der Ge­schlechts­pro­duk­te; es ist dem frü­he­ren, der Er­rei­chung von Lust, kei­nes­wegs fremd, viel­mehr ist der höchs­te Be­trag von Lust an die­sen End­akt des Se­xu­al­vor­gan­ges ge­knüpft.“
    (In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37145, hier: S. 112)
    Und:
    „Die­se letz­te Lust ist ih­rer In­ten­si­tät nach die höchs­te, in ih­rem Me­cha­nis­mus von der frü­he­ren ver­schie­den.“ (A.a.O., S. 115)
    An die­ser Ein­schät­zung des Or­gas­mus wird Freud fest­hal­ten. In Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930) schreibt er,
    „eine der Er­schei­nungs­for­men der Lie­be, die ge­schlecht­li­che Lie­be, hat uns die stärks­te Er­fah­rung ei­ner über­wäl­ti­gen­den Lust­emp­fin­dung ver­mit­telt und so das Vor­bild für un­ser Glücks­stre­ben ge­ge­ben“
    (in: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 213).
  19. Im Ori­gi­nal: „ce qui est, de la jouis­sance se­xu­el­le, ra­di­ca­le­ment for­clos“ (in Ver­si­on J.L. mit Kom­ma­ta, in Ver­si­on Sta­fer­la mit Ge­dan­ken­stri­chen): der An­teil des se­xu­el­len Ge­nie­ßens, der ver­wor­fen ist.
  20. Den Be­griff der Ver­wer­fung (for­clu­si­on) hat­te La­can in Se­mi­nar 3 von 1955/56 ein­ge­führt, Die Psy­cho­sen, Sit­zung vom 16. No­vem­ber 1955; Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 19. Ver­wer­fung steht im Ge­gen­satz zu Ver­drän­gung; dass ein Si­gni­fi­kant ver­wor­fen wur­de, meint, dass ein Si­gni­fi­kant, der für das Funk­tio­nie­ren des sym­bo­li­schen Sys­tems er­for­der­lich ist, nie in es auf­ge­nom­men wur­de.
  21. Für ge­wöhn­lich sagt La­can: Das, was im Sym­bo­li­schen ver­wor­fen wur­de, kehrt im Rea­len wie­der. Vgl. etwa Se­mi­nar 3, Sit­zung vom 11. Ja­nu­ar 1956; Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 104.
  22. Wo sagt Freud das?
  23. Al­fred Kro­eber: To­tem and ta­boo: An eth­no­lo­gic psy­cho­ana­ly­sis. in: Ame­ri­can An­thro­po­lo­gist, Band 22, Nr. 1, 1920, S. 4855; im In­ter­net hier.– Clau­de Lévi-Strauss: Die Struk­tur der My­then (1955). In: Ders.: Struk­tu­ra­le An­thro­po­lo­gie. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1969, S. 226254.
    La­can wirft hier den Ödi­pus­my­thos mit Freuds Kon­struk­ti­on ei­nes Ur­va­ter­mords zu­sam­men. Lévi-Strauss un­ter­sucht den Ödi­pus­kom­plex, Kro­eber je­doch schreibt über To­tem und Tabu; den Ödi­pus­kom­plex er­wähnt er nur kurz zu Be­ginn sei­nes Auf­sat­zes.
  24. Da­mit ist La­can wie­der beim Ur­va­ter­mord.
    Freud schreibt: „Vom Va­ter der Ur­hor­de ha­ben wir an­ge­nom­men, daß er durch sei­ne se­xu­el­le In­to­le­ranz alle Söh­ne zur Ab­sti­nenz nö­tigt und sie so in ziel­ge­hemm­te Bin­dun­gen drängt, wäh­rend er sich selbst frei­en Se­xu­al­genuß vor­be­hält und so­mit un­ge­bun­den bleibt.“ (Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61134, hier: S. 130)
    Und: „Wir wol­len aber nicht ver­ges­sen, dass in der Ur­fa­mi­lie nur das Ober­haupt sich sol­cher Trieb­frei­heit er­freu­te, die an­de­ren leb­ten in skla­vi­scher Un­ter­drü­ckung.“ (Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191270, hier: S. 243 f.)
  25. Freuds My­thos vom Ur­va­ter fin­det man v.a. in: S. Freud: To­tem und Tabu (19121913). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 287444, dar­in v.a. S. 425427.
  26. La­can spielt auf den mehr­deu­ti­gen Ge­ni­tiv „Ge­nie­ßen al­ler Frau­en“ an. Von Freud wird er nicht ver­wen­det. Bei ihm liest man: „Die Dar­win­sche Ur­hor­de hat na­tür­lich kei­nen Raum für die An­fän­ge des Tot­emis­mus. Ein ge­walt­tä­ti­ger, ei­fer­süch­ti­ger Va­ter, der alle Weib­chen für sich be­hält und die her­an­wach­sen­den Söh­ne ver­treibt, nichts wei­ter.“ (To­tem und Tabu, a.a.O., S. 425). Und, be­zo­gen auf die Zeit nach dem Va­ter­mord: „So­mit blieb den Brü­dern, wenn sie mit­ein­an­der le­ben woll­ten, nichts üb­rig, als – viel­leicht nach Über­win­dung schwe­rer Zwi­schen­fäl­le – das In­zest­ver­bot auf­zu­rich­ten, mit wel­chem sie alle zu­gleich auf die von ih­nen be­gehr­ten Frau­en ver­zich­te­ten, um de­rent­we­gen sie doch in ers­ter Li­nie den Va­ter be­sei­tigt hat­ten.“ (A.a.O., S. 428)
  27. Den Aus­druck „phal­li­sche Funk­ti­on“ ver­wen­det La­can bis ein­schließ­lich Se­mi­nar 17 nur sel­ten und mit wech­seln­den Be­deu­tun­gen. In Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, hat­te er den Ter­mi­nus ein­mal nä­her er­läu­tert, je­doch an­ders als hier. Erst in Se­mi­nar 19 wird der Aus­druck „phal­li­sche Funk­ti­on“ zu ei­nem re­gel­rech­ten Be­griff aus­ge­ar­bei­tet, im Zu­sam­men­hang der so­ge­nann­ten For­meln der Se­xu­ie­rung.
    Über dem Paar, heißt es in Se­mi­nar 14, schwebt der Schat­ten der Ein­heit, der se­xu­el­len Ver­ei­ni­gung. Das se­xu­el­le Ver­hält­nis wird je­doch sub­jek­tiv nicht rea­li­siert, an­ders ge­sagt, un­ter den Si­gni­fi­kan­ten, die im Un­be­wuss­ten für den se­xu­el­len Akt grund­le­gend sind, gibt es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses (ich er­gän­ze: son­dern statt­des­sen, bei­spiels­wei­se, die Ak­tiv-Pas­siv-Op­po­si­ti­on). Die­ses Feh­len wird wie­der­um an­ge­zeigt, und zwar durch die Kas­tra­ti­on, mi­nus klein phi (−φ). Die Kas­tra­ti­on hat also nicht nur eine ima­gi­nä­re Sei­te, son­dern auch eine si­gni­fi­kan­ten­be­zo­ge­ne Funk­ti­on, und die be­steht dar­in, dass sie das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten für das se­xu­el­le Ver­hält­nis an­zeigt.– Die­ses An­zei­gen des Feh­lens ei­nes Si­gni­fi­kan­ten für das se­xu­el­le Ver­hält­nis ist die phal­li­sche Funk­ti­on – falls ich die Stel­le rich­tig ver­ste­he. Sie lau­tet so:
    „Das heißt [= eine be­stimm­te For­mel be­sagt]: die be­deut­sa­me Be­zie­hung der phal­li­schen Funk­ti­on als we­sent­li­ches Feh­len ei­ner Ver­bin­dung des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses mit sei­ner sub­jek­ti­ven Rea­li­sie­rung, die Be­zeich­nung des­sen, un­ter den Si­gni­fi­kan­ten, die für den se­xu­el­len Akt grund­le­gend sind, dass – ob­wohl über dem Paar, über­all an­ge­ru­fen, aber sich ent­zie­hend, der Schat­ten der Ein­heit schwebt –, dass hier den­noch not­wen­di­ger­wei­se die Mar­kie­rung er­scheint, und dies auf­grund eben sei­ner Ein­füh­rung in die sub­jek­ti­ve Funk­ti­on, mi­nus klein phi (−φ), die Mar­kie­rung von et­was, was hier ein grund­le­gen­des Feh­len re­prä­sen­tie­ren muss. Dies wird ge­nannt: die Funk­ti­on der Kas­tra­ti­on, in­so­fern sie si­gni­fi­kant ist.“ (Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 22. Fe­bru­ar 1967, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)
  28. La­can be­zieht sich auf die vor­an­ge­gan­ge­ne Sit­zung (7. Mai 1969); vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 302.
    La­can spielt dort auf Freuds Un­ter­schei­dung von zwei Ty­pen der Ob­jekt­wahl an, nar­ziss­ti­scher Typ der Ob­jekt­wahl und Ob­jekt­wahl nach dem An­leh­nungs­ty­pus, im Sin­ne von An­leh­nung der Se­xu­al­trie­be an die Ich­trie­be (vgl. S. Freud: Zur Ein­füh­rung des Nar­ziß­mus (1914). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 3768, hier: S. 5456). Bei der Über­set­zung des Be­griffs „Ob­jekt­wahl nach dem An­leh­nungs­ty­pus“ wird in eng­li­schen und fran­zö­si­schen Über­set­zun­gen das Ad­jek­tiv ana­cli­tic bzw. ana­cli­tique ver­wen­det, was auf das grie­chi­sche Wort anaklin­ein zu­rück­geht, „sich an­leh­nen“ (vgl. Jean La­plan­che, Jean-Bap­tis­te Pon­ta­lis: Ar­ti­kel „Anakli­tisch (= An­leh­nungs-)“, in: Dies.: Wör­ter­buch der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Emma Mo­ersch. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 60 f.)
  29. Vgl. S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1909). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 9123, hier: S. 16, 92 f.
  30. In Mil­lers Ver­si­on fin­det man hier „si­gni­fi­ant“ statt „si­gni­fi­an­ce“; nicht in Ver­si­on J.L.
  31. Man könn­te auch sa­gen „struk­tu­riert und des­halb ge­locht ist – eine Struk­tur ist für La­can im­mer eine Struk­tur mit ei­nem Loch, mit ei­nem Feh­len; vgl. hier­zu sei­nen Bal­ti­more-Vor­trag Über Struk­tur als Ein­mi­schung ei­ner An­ders­heit in wel­ches Sub­jekts auch im­mer (1966); ei­nen Kom­men­tar zu die­sem Text fin­det man in die­sem Blog hier.
  32. S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1909). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 2000, S. 9123.
    La­cans Ana­ly­se von Freuds Fall­stu­die des klei­nen Hans fin­det man in Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung, zwei­te Hälf­te, ab der Sit­zung vom 6. März 1957.
  33. Vgl. Freud: „Der Va­ter fragt zu viel und forscht nach ei­ge­nen Vor­sät­zen, an­statt den Klei­nen sich äu­ßern zu las­sen.“ (Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 59)
  34. Freud be­rich­tet, dass er zu Hans ge­sagt hat­te: „Lan­ge, ehe er [Hans] auf der Welt war, hät­te ich [Freud] schon ge­wußt, daß ein klei­ner Hans kom­men wer­de, der sei­ne Mut­ter so lieb hät­te, daß er sich dar­um vor dem Va­ter fürch­ten müß­te, und hät­te es sei­nem Va­ter er­zählt. (…) Auf dem Heim­gan­ge frag­te Hans den Va­ter: ‚Spricht denn der Pro­fes­sor mit dem lie­ben Gott, daß er das al­les vor­her wis­sen kann?‘ Ich wäre auf die­se An­er­ken­nung aus Kin­der­mund au­ßer­or­dent­lich stolz, wenn ich sie nicht durch mei­ne scherz­haf­ten Prah­le­rei­en selbst pro­vo­ziert hät­te.“ (Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 41 f.)
    La­can kom­men­tiert dies in Se­mi­nar 4 in der Sit­zung vom 15. Mai 1957 (Ver­si­on Miller/Gondek, S. 381) so­wie in der Sit­zung vom 5. Juni 1957 (Ver­si­on Miller/Gondek, S. 429).
  35. Vgl. Freud, Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 19, 3740, 104 f..
    La­can hier­zu: Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 27. Fe­bru­ar 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 231; Sit­zung vom 6. März 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 250 f.; Sit­zung vom 13. März 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 270 f.; Sit­zung vom 27. März 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 311314; Sit­zung vom 3. April 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 323 f.; Sit­zung vom 10. April 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 345 f.; Sit­zung vom 22. Mai 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 402; Sit­zung vom 26. Juni 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 477.
  36. Ich weiß nicht, ob La­can auf das Wort­spiel in Ge­ne­sis 2 an­spielt, aber es passt: “Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von mei­nem Bein und Fleisch von mei­nem Fleisch; man wird sie Män­nin nen­nen, weil sie vom Man­ne ge­nom­men ist.“ (1. Mose 2, 23, Lu­ther­bi­bel 1984, dort mit der Er­läu­te­rung: „Lu­ther ver­sucht, mit ‚Män­nin‘ und ‚Mann‘ ein he­bräi­sches Wort­spiel wie­der­zu­ge­ben.“ Das Wort­spiel ist „isha“ und „ish“.)
  37. Nicht Hans zeich­net eine Gi­raf­fe, son­dern sein Va­ter; vgl. Freud, Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 19. Hans trägt, nach ei­ner Auf­for­de­rung durch den Va­ter, in des­sen Zeich­nung nur den „Wi­wi­ma­cher“ der Gi­raf­fe ein, ih­ren Pe­nis, und zwar durch ei­nen Strich (ebd.). Im Ge­spräch mit dem Va­ter spricht Hans über eine klei­ne Gi­raf­fe und er sym­bo­li­siert sie durch ein Stück Pa­pier, aber er zeich­net kei­ne Gi­raf­fe dar­auf.
    In Se­mi­nar 4 stellt La­can den Zu­sam­men­hang rich­tig dar; vgl. Sit­zung vom 27. März 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 313.
  38. “Zer­wu­zeln“, frü­he­re Schrei­bung „zer­wut­zeln“, ist ös­ter­rei­chisch und bai­risch für „zer­knit­tern“, „zer­knül­len“.
  39. Hans er­zählt sei­nem Va­ter von sei­ner Phan­ta­sie über eine zer­wu­zel­te Gi­raf­fe und als der nach­fragt, was das ist, holt Hans ein Stück Pa­pier, zer­knüllt es und sagt: „So war sie zer­wu­zelt.“ Als der Va­ter wei­ter nach­fragt, wie er sich auf die zer­wu­zel­te Gi­raf­fe drauf­ge­setzt hat, macht Hans es vor und setzt sich auf die Erde.
  40. Freud zu­fol­ge be­steht der Me­cha­nis­mus der Pho­bi­en dar­in, dass eine von In­nen kom­men­de Trieb­ge­fahr, der man nicht ent­rin­nen kann, durch eine von au­ßen kom­men­de Ge­fahr er­setzt wird, der man sich durch Flucht ent­zie­hen kann (vgl. S. Freud: Das Un­be­wuß­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 119173, hier: S. 142 f.)
    Im Fal­le der Tier­pho­bi­en wird die­se Ver­wand­lung durch Kas­tra­ti­ons­angst er­mög­licht. Bei Hans be­ruht die Angst vor Pfer­den auf der be­wuss­ten Vor­stel­lung, von Pfer­den ge­bis­sen zu wer­den, für Freud heißt das: auf un­be­wuss­ter Kas­tra­ti­ons­angst. Die Vor­stel­lung, vom Va­ter kas­triert zu wer­den, wird er­setzt durch die Vor­stel­lung, von Pfer­den ge­bis­sen zu wer­den. Die­se Kas­tra­ti­ons­angst er­mög­licht die Trieb­ver­drän­gung. (Vgl. S. Freud: Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 227308, hier: S. 252 f.)
  41. Ge­meint ist Mao Ze­dong, der die­sen Aus­druck häu­fig ver­wen­de­te, etwa in­dem er sag­te, der ame­ri­ka­ni­sche Im­pe­ria­lis­mus sei nur ein Pa­pier­ti­ger; da­bei be­dien­te Mao sich ei­ner Me­ta­pher, die im Chi­ne­si­schen üb­lich ist. La­can hat­te sich frü­her in die­ser Sit­zung auf das Chi­ne­si­sche be­zo­gen; vgl. Ver­si­on Mil­ler S. 317.
  42. La­can spielt dar­auf an, dass die Tier­pho­bie des „Wolfs­manns“ sich auf ei­nen Wolf in ei­nem Bil­der­buch be­zog. Vgl. S. Freud: Aus der Ge­schich­te ei­ner in­fan­ti­len Neu­ro­se (1918). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 125232, hier: S. 136 f.
    Eine ähn­li­che Be­mer­kung macht La­can in Se­mi­nar 4 in der Sit­zung vom 27. März 1957, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 314; au­ßer­dem in der Sit­zung vom 26. Juni 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 472.
    Freud hat­te die Pho­bie auf den Tot­emis­mus be­zo­gen, in bei­den Fäl­len wer­de die Angst  vor dem Va­ter auf das Tier ver­scho­ben (vgl. To­tem und Tabu, a.a.O., S. 412417); of­fen­bar wird bei La­can aus dem To­tem­tier der Pa­pier­ti­ger.
  43. Vgl. Freud, Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 118 f.
  44. Sta­fer­la hat hier im Plu­ral „com­me ils s’expriment“, kor­ri­giert nach Ver­si­on J.L. Ge­meint ist ver­mut­lich Freud über Hans.
  45. Vgl. La­can zum Stil des klei­nen Hans: Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 3. Juli 1957, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 489.
  46. Vgl. Freud, Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 35.
  47. Zur Ho­mo­se­xua­li­tät des klei­nen Hans vgl. Freud, Ana­ly­se der Pho­bie, a.a.O., S. 20 f., 22, 95 f.
    Am Ende der Ana­ly­se iden­ti­fi­ziert Hans sich mit dem ima­gi­nä­ren Phal­lus der Mut­ter, mit dem Ide­al der Mut­ter, sagt La­can in Se­mi­nar 4 (vgl. Sit­zung vom 5. Juli 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 489491).
    La­can bil­det hier den Ge­gen­satz zwi­schen den­je­ni­gen Ho­mo­se­xu­el­len, die sich als sol­che an­er­ken­nen, und den­je­ni­gen, die als „nor­mal“ er­schei­nen – als he­te­ro­se­xu­ell –, die aber, struk­tu­rell ge­se­hen, ho­mo­se­xu­ell sind.
    Vgl. Freud: „Ja, die Bin­dun­gen li­bi­di­nö­ser Ge­füh­le an Per­so­nen des glei­chen Ge­schlech­tes spie­len als Fak­to­ren im nor­ma­len See­len­le­ben kei­ne ge­rin­ge­re und als Mo­to­ren der Er­kran­kung eine grö­ße­re Rol­le als die, wel­che dem ent­ge­gen­ge­setz­ten Ge­schlecht gel­ten. Der Psy­cho­ana­ly­se er­scheint viel­mehr die Un­ab­hän­gig­keit der Ob­jekt­wahl vom Ge­schlecht des Ob­jek­tes, die gleich freie Ver­fü­gung über männ­li­che und weib­li­che Ob­jek­te, wie sie im Kin­des­al­ter, in pri­mi­ti­ven Zu­stän­den und früh­his­to­ri­schen Zei­ten zu be­ob­ach­ten ist, als das Ur­sprüng­li­che, aus dem sich durch Ein­schrän­kung nach der ei­nen oder der an­de­ren Sei­te der nor­ma­le wie der In­ver­si­ons­ty­pus ent­wi­ckeln.“ (Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–145, hier: S. 56, Zu­satz von 1915)
  48. Ich fol­ge hier Ver­si­on J.L. („qui … met“), eben­so in Ver­si­on Mil­ler; in Ver­si­on Sta­fer­la fin­det man „qui … est“.
  49. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 14. Mai 1969, letz­tes Drit­tel, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  50. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 34 (J.L.: Le sé­min­aire, li­v­re XVIII. D’un dis­cours qui ne sa­rait pas du sem­blant. 1971. Text­her­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2007).
  51. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 16. Juni 1971; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 170.
  52. Sit­zung vom 14. Mai 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 321.
  53. Fa­bi­en­ne Guil­len: Phal­lus et fonc­tion phal­li­que chez La­can (II). In: Pierre Bru­no, Fa­bi­en­ne Guil­len: Phal­lus et fonc­tion phal­li­que. Érès, Tou­lou­se 2012, S. 55–84, hier: S. 61.

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