Lacans Aphorismen

Eine Frau ist ein Symptom des Mannes.“

Waterhouse lamia 1905 - 2John Wil­liam Wa­ter­hou­se: La­mia,.1905
Öl auf Lein­wand, 145 x 117 cm, Pri­vat­be­sitz

Für ei­nen Mann ist eine Frau ein Sym­ptom, be­haup­tet La­can in Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI. Im Fol­gen­den über­set­ze und kom­men­tie­re ich die Pas­sa­ge, in der er die The­se vor­stellt und be­grün­det. Da­nach wer­fe ich ei­nen Blick auf spä­te­re Ver­wen­dun­gen der Sen­tenz und auf die Se­kun­där­li­te­ra­tur. Den Ab­schluss bil­det eine sys­te­ma­ti­sie­ren­de Zu­sam­men­fas­sung.

Herz­li­chen Dank an Ger­hard Herr­gott für die Hil­fe bei der Über­set­zung!

Drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat wei­sen dar­auf hin, dass es an das vor­an­ge­gan­ge­ne lü­cken­los an­schließt. In ei­nem Zi­tat sind <Aus­drü­cke in spit­zen Klam­mern> mei­ne  Er­gän­zun­gen.

Eine Frau

In der Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975 sagt La­can:

Ich wer­de da­mit schlie­ßen, dass ich zu Ih­nen über ‚eine Frau‘ spre­che. Nun, all das habe ich wohl ge­tan, um zu ver­mei­den, von ‚ei­ner Frau‘ zu spre­chen.

Weil ich Ih­nen sage, ‚die Frau‘, das exis­tiert nicht, ha­ben na­tür­lich alle Jour­na­lis­ten ge­sagt, ich hät­te ge­sagt, ‚die Frau­en‘, das exis­tie­re nicht. Es gibt sol­che Din­ge, dass man nicht kann –, le don­ne [in ita­lie­nisch] –, die sich aus­ge­drückt ha­ben, also sol­che Din­ge, dass man –. Sie sind nicht ein­mal in der Lage, zu be­mer­ken, dass ‚die Frau‘ zu sa­gen nicht das­sel­be ist wie ‚die Frau­en‘ zu sa­gen, ob­wohl sie ‚die Frau‘ doch stän­dig im Mun­de füh­ren, nicht wahr. ‚Die Frau‘ ist of­fen­kun­dig et­was, was per­fekt ge­zeich­net wer­den kann: ‚alle Frau­en‘, wie man sagt. Aber ich sage auch, dass die Frau­en ‚nicht-alle‘ sind, das stellt doch ei­nen klei­nen Ein­wand dar, nicht wahr. Aber ‚die Frau‘, das ist, sa­gen wir, das ist ‚alle Frau­en‘. Das ist je­doch eine lee­re Men­ge, denn die­se Men­gen­leh­re ist im­mer­hin et­was, was es ge­stat­tet, den Ge­brauch des Aus­drucks ‚alle‘ mit ein biss­chen Se­rio­si­tät zu ver­se­hen. Nun ja.“1

La donna 2

La don­na, 25. De­zem­ber 1908, mit Kö­ni­gin Ele­na

The­ma ist: „eine Frau“ im Ge­gen­satz zu „die Frau“. Für den ers­ten Aus­druck kann man, statt des Sin­gu­lars „eine Frau“ auch den Plu­ral ver­wen­den: „Frau­en“ oder „die Frau­en“.

Mit „die Frau“ ist nicht die Ver­wen­dung in Sät­zen wie „die be­stimm­te Frau da“ ge­meint, son­dern in Äu­ße­run­gen, die sich auf die Frau im All­ge­mei­nen be­zie­hen: „die Frau ist so­und­so be­schaf­fen“.

Man muss also un­ter­schei­den:
– „die Frau­en“ als Plu­ral­bil­dung von „eine Frau“
– und „die Frau“ in der Rede von der Frau schlecht­hin.

La­can hat­te hier­über in Ita­li­en ge­spro­chen und be­zieht sich des­halb auch auf die ita­lie­ni­sche Ter­mi­no­lo­gie; hier geht es um den Ge­gen­satz zwi­schen, ei­ner­seits, una don­na (eine Frau) bzw. im Plu­ral le don­ne (Frau­en, die Frau­en) und an­de­rer­seits la don­na (die Frau).

Als La­can bei sei­nem Vor­trag in Ita­li­en ge­sagt hat­te, „die Frau“ (la don­na) exis­tie­re nicht, wur­de er von Jour­na­lis­ten falsch ver­stan­den, sie be­rich­te­ten, er habe ge­sagt, „die Frau­en“ (le don­ne) exis­tier­ten nicht. Da­bei spre­chen Jour­na­lis­ten doch be­stän­dig von „der Frau“, sagt La­can – die Vor­stel­lung von „der Frau“ wird nicht zu­letzt von den Mas­sen­me­di­en ge­pflegt. Aber auch Freud be­zieht sich auf „die Frau“, etwa wenn er die Fra­ge stellt „Was will das Weib?“ oder wenn er von der „Weib­lich­keit“ spricht.2

Der Un­ter­schied zwi­schen „die Frau“ und „eine Frau“ (bzw. zwi­schen „die Frau“ und „die Frau­en“) wird von La­can durch den Ge­gen­satz von „alle“ und „nicht-alle“ prä­zi­siert. Wenn man Aus­sa­gen über „die Frau“ macht, spricht man da­mit über „alle Frau­en“; „die Frau ist x“ meint „alle Frau­en sind x“ (für x kann man ein be­lie­bi­ges Prä­di­kat ein­set­zen: emo­tio­nal, ver­nünf­tig, kratz­bürs­tig, fried­fer­tig, schön, häss­lich, lang­wei­lig, auf­re­gend – was auch im­mer; der In­halt des Prä­di­kats spielt für La­cans Ar­gu­ment kei­ne Rol­le). Wenn man Aus­sa­gen über „eine Frau“ oder über „Frau­en“ macht, spricht man nicht über „alle Frau­en“.

Aus­sa­gen kön­nen die fol­gen­de Form ha­ben: „Alle A sind x“ oder auch „nicht alle A sind x“. Die Par­ti­kel „alle“ und „nicht alle“ ge­ben die Quan­ti­tät an, auf die sich die Aus­sa­ge be­zieht, sie wer­den des­halb als Quan­to­ren be­zeich­net. „Die Frau“ wird von La­can also durch den Quan­tor „alle“ be­stimmt; um „die Frau“ geht es dann, wenn man sagt: „alle Frau­en sind x“. An­ders aus­ge­drückt, „die Frau“ ist eine Grö­ße, über die man All­aus­sa­gen macht, Aus­sa­gen vom Typ „alle A sind x“.

Eine Frau“ hin­ge­gen wird von La­can durch den Quan­tor „nicht-alle“ cha­rak­te­ri­siert (ei­nen von ihm er­fun­de­nen Quan­tor), im Plu­ral er­gibt das „nicht-alle Frau­en“; die Aus­sa­gen, die man über „Frau­en“ macht, ha­ben die Form „nicht-alle Frau­en sind x“. An­ders ge­sagt: über „eine Frau“ bzw. über „Frau­en“ macht man kei­ne All­aus­sa­gen.

Über „die Frau“ sagt La­can, sie exis­tiert nicht (bzw. „alle Frau­en“ exis­tie­ren nicht). Dass man eine All­aus­sa­ge über et­was macht, im­pli­ziert nicht, dass man da­mit zu­gleich be­haup­tet, dass es exis­tiert. Über Ein­hör­ner kann man All­aus­sa­gen ma­chen (etwa „Alle Ein­hör­ner ha­ben ein Horn auf der Stirn“), aber da­mit be­haup­tet man nicht zu­gleich, dass Ein­hör­ner exis­tie­ren. Der Aus­druck „die Frau“ hat für La­can ei­nen ähn­li­chen Sta­tus wie der Aus­druck „das Ein­horn“.

Na­tür­lich kann man über Ge­gen­stän­de, über die man All­aus­sa­gen macht, auch Exis­tenz­be­haup­tun­gen ma­chen, und die­se Exis­tenz­be­haup­tun­gen kön­nen wahr oder falsch sein.

La­can stellt also drei The­sen auf:
(1) Aus­sa­gen über „die Frau“ („die Frau ist x“) kön­nen in All­aus­sa­gen um­ge­wan­delt wer­den, in Aus­sa­gen über „alle Frau­en“ („alle Frau­en sind x“).
(2) Eine All­aus­sa­ge im­pli­ziert kei­ne Exis­tenz­be­haup­tung, die Exis­tenz­be­haup­tung muss zu­sätz­lich vor­ge­nom­men wer­den.
(3) Im Fal­le der All­aus­sa­ge „Alle Frau­en sind x“ ist die Exis­tenz­be­haup­tung falsch. „Die Frau“ exis­tiert nicht.

Die Nicht-Exis­tenz von „die Frau“ lässt sich men­gen­theo­re­tisch for­mu­lie­ren: „die Frau“ (bzw. „alle Frau­en“), das ist eine Null­men­ge, eine lee­re Men­ge; die Men­ge „die Frau“ ent­hält kein Ele­ment. In der Ter­mi­no­lo­gie der Me­ta­phy­sik: Es gibt kein We­sen der Frau.

Der Mann

La­can fährt fort:

… „‚Eine Frau‘ zu­nächst, die Fra­ge stellt sich nur für den An­de­ren, ‚die Frau­en‘ des­je­ni­gen, für den es eine de­fi­nier­ba­re Men­ge gibt, eine Men­ge, die durch et­was de­fi­niert wer­den kann, was da an der Ta­fel ge­schrie­ben steht.

Boromäischer Knoten mit Hemmung Angst Symptom

Bor­ro­mäi­sche Rin­ge mit Hem­mung, Sym­ptom und Angst[note]Quelle der Gra­phik: Se­mi­nar 22, Ver­si­on Sta­fer­la, geändert.[/note]

Das ist nicht JΦ, das ist nicht das phal­li­sche Ge­nie­ßen, das ist dies: Φ; Φ, das ex-sis­tiert; Φ, das ist der Phal­lus.“3

Was ist eine Frau?“ bzw. „Was sind Frau­en?“, die­se Fra­ge stellt sich nur für den An­de­ren, für die Mit­glie­der der an­de­ren Ge­schlechts­grup­pe.

Die­je­ni­gen, für die sich die­se Fra­ge stellt, bil­den ein de­fi­nier­ba­re Men­ge, das heißt ver­mut­lich: eine Men­ge, die kei­ne Null­men­ge ist. Es gibt nicht „die Frau“ bzw. „alle Frau­en“; es gibt aber durch­aus „den Mann“ bzw. „alle Män­ner“ (in bei­den Fäl­len: be­zo­gen auf die Funk­ti­on des Phal­lus); die­se The­se hat­te La­can in den Se­mi­na­ren 18 und 19 ent­wi­ckelt (Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre; Se­mi­nar 19 von 1971/72, … oder schlim­mer).

Die Men­ge der Män­ner kann ins­ge­samt durch den Phal­lus de­fi­niert wer­den und da­mit durch das Sym­bol Φ.

La­can be­zieht sich an die­ser Stel­le auf das Sche­ma der bor­ro­mäi­schen Rin­ge, das wäh­rend der Sit­zung an der Ta­fel steht.

Den drei Rin­gen sind hier die drei La­can­schen Re­gis­ter zu­ge­ord­net, das Rea­le (R, blau), das Sym­bo­li­sche (S, weiß) und das Ima­gi­nä­re (I, rot). Durch die Über­la­ge­rung der Rin­ge in der zwei­di­men­sio­na­len Dar­stel­lung gibt es vier Über­schnei­dungs­be­rei­che: Sinn, JA (jouis­sance de l’Autre, Ge­nie­ßen des An­de­ren), JΦ (jouis­sance phal­li­que, phal­li­sches Ge­nie­ßen) und a (Ob­jekt a). Je­der Ring wirft eine Art Schat­ten, und das in zwei Rich­tun­gen. Die bei­den Schat­ten bil­den zwei un­ter­schied­lich ge­form­te Fel­der, ei­ner­seits ein Feld, das au­ßer­halb der drei Rin­ge liegt und an ei­nen spit­zen Hut er­in­nert, sa­gen wir, ein drei­ecki­ges Feld, und an­de­rer­seits ein Feld in Form ei­ner Hai­fisch­flos­se im In­ne­ren der an­de­ren bei­den Rin­ge, ein keil­för­mi­ges Feld. Dem Ring des Rea­len ist das Drei­eck Φ zu­ge­ord­net, sym­bo­li­scher Phal­lus, so­wie der Keil „Angst“. Der Ring des Sym­bo­li­schen ist mit dem Drei­eck „Un­be­wuss­tes“ ver­bun­den und mit dem Keil „Sym­ptom“. Der Ring des Ima­gi­nä­ren er­zeugt den Keil „Hem­mung“; hier trägt das Drei­eck kei­ne Be­schrif­tung.

Im Sche­ma der bor­ro­mäi­schen Rin­ge ist das Sym­bol Φ den Rin­gen des Rea­len und des Sym­bo­li­schen zu­ge­ord­net: es liegt in der Nähe ih­res äu­ße­ren Kreu­zungs­punkts, al­ler­dings im Drei­eck des Rea­len, es ge­hört, so legt die Zeich­nung nahe, mehr zum Rea­len als zum Sym­bo­li­schen.

Was ist der sym­bo­li­sche Phal­lus, was ist Φ?

Φ „ex-sis­tiert“, sagt La­can, es ist au­ßen, das heißt wohl zu­nächst: das Sym­bol Φ liegt im Dia­gramm au­ßer­halb der Rin­ge.

La­can be­zieht sich an die­ser Stel­le nicht nur auf das Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge, er spielt gleich­zei­tig auf die vier For­meln der Se­xu­ie­rung an, die er in den Se­mi­na­ren 18 und 19 ent­wi­ckelt hat­te:

\exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}}        \overline {\exists \text {x}} \overline {\Phi \text {x}}

\forall \text {x} \Phi \text {x}        \overline {\forall \text {x}} \Phi \text {x}

Die bei­den For­meln auf der lin­ken Sei­te be­zie­hen sich auf die männ­li­che Po­si­ti­on, die auf der rech­ten Sei­te auf die Po­si­ti­on der Frau­en. Ge­meint sind psy­chi­sche Po­si­tio­nen oder bes­ser: un­be­wuss­te Po­si­tio­nen, nicht bio­lo­gi­sche Merk­ma­le; bio­lo­gi­sche Frau­en kön­nen sich auf der Sei­te des Man­nes ein­schrei­ben, bio­lo­gi­sche Män­ner auf der Sei­te der Frau­en. In al­len vier For­meln geht es um den Phal­lus, in den bei­den obe­ren For­meln wird er ne­giert, für die Ne­ga­ti­on steht der waa­ge­rech­te Strich über dem Aus­druck Φx; in den bei­den un­te­ren For­meln wird er af­fir­miert, be­jaht (hier gibt es über Φx kei­nen Ne­ga­ti­ons­strich). Im ak­tu­el­len Kon­text geht es um die For­mel un­ten links: ∀x Φx.  Das um­ge­kehr­te A ist der Quan­tor „alle“. Die For­mel ist so zu le­sen: „Für alle x auf der lin­ken Sei­te gilt, dass sie sich auf Φ be­zie­hen, auf die Funk­ti­on des Phal­lus.“ (Die For­mel dar­über be­sagt, dass ih­nen dies durch die Kas­tra­ti­ons­dro­hung mög­lich ist.) Die Ele­men­te die­ser Men­ge, also x, sind al­le­samt da­durch cha­rak­te­ri­siert, dass sie sich auf den Phal­lus be­zie­hen, auf Φ. Dies ge­stat­tet es, ih­nen der Quan­tor „alle“ zu­zu­ord­nen, ∀; es gibt „Alle Män­ner“, es gibt „Den Mann“ – be­zo­gen auf die Funk­ti­on des Phal­lus. Alle We­sen, die sich auf der lin­ken Sei­te ein­schrei­ben, ord­nen sich un­be­wusst den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten zu, und zwar des­halb, weil sie durch die Kas­tra­ti­ons­dro­hung hin­durch­ge­gan­gen sind, durch die Ne­ga­ti­on die­ses Si­gni­fi­kan­ten. Be­zo­gen auf die Phal­lus­funk­ti­on gibt es nicht „die Frau“ (dies meint un­ten rechts \overline {\forall \text {x}} \Phi \text {x} ), aber es gibt „den Mann“; um­gangs­sprach­lich: es gibt zwar kei­ne Weib­lich­keit, aber durch­aus eine Männ­lich­keit (in bei­den Fäl­len: be­zo­gen auf den Phal­lus); me­ta­phy­sisch: es gibt kein We­sen der Frau, aber es gibt ein We­sen des Man­nes (be­zo­gen auf den Phal­lus).

… „Was ist das, der Phal­lus? Gut, da man na­tür­lich her­um­schleppt, bin schließ­lich ich es, der her­um­schleppt, na­tür­lich, der die­se gan­ze Fuh­re hin­ter sich her­schleppt. Also ich wer­de Ih­nen heu­te nicht sa­gen, was das ist, der Phal­lus. Aber im­mer­hin, Sie kön­nen dazu den­noch ei­nen klei­nen Ver­dacht ha­ben: wenn das phal­li­sche Ge­nie­ßen da ist, dann muss der Phal­lus wohl et­was an­de­res sein, oder? Also, der Phal­lus, was ist das? Nun, ich stel­le Ih­nen die Fra­ge, weil ich mich ja heu­te nicht zu lan­ge dar­über aus­brei­ten kann. Ist das das Ge­nie­ßen ohne das Or­gan oder das Or­gan ohne das Ge­nie­ßen? Nun, ich be­fra­ge sie in die­ser Form, um die­ser Fi­gur – ach! – Sinn zu ver­lei­hen. Nun, die­sen Schritt wer­de ich über­sprin­gen.“

Was ist der Phal­lus, was ist Φ, fragt La­can? Und er be­tont, dass er nicht sa­gen wird, was der Phal­lus ist, dass er die­sen Schritt über­sprin­gen wird.

Er stellt eine Fra­ge, und er sagt, dass er die Fra­ge nicht be­ant­wor­ten wird. In Se­mi­nar 8 hat­te er das Sym­bol Φ so er­läu­tert: Φ ist das Sym­bol für das Feh­len von Si­gni­fi­kan­ten, Φ kommt an den Platz des feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten.4 Was aber ist ein feh­len­der Si­gni­fi­kant, fragt er dort wei­ter. Ein feh­len­der Si­gni­fi­kant ist eine Fra­ge ohne Ant­wort, heißt es dann.5 In der zi­tier­ten Pas­sa­ge aus Se­mi­nar 22 er­läu­tert La­can den Be­griff Φ ge­wis­ser­ma­ßen durch Vor­ma­chen: er stellt in Be­zug auf den Phal­lus eine Fra­ge, die er nicht be­ant­wor­tet, er be­tont die­se rhe­to­ri­sche Fi­gur, und er gibt da­mit ei­nen Wink: der Phal­lus ist eine Fra­ge ohne Ant­wort, also ein feh­len­der Si­gni­fi­kant. Wel­cher Si­gni­fi­kant fehlt? Der Si­gni­fi­kant der Ge­schlechts­dif­fe­renz. Der Ge­gen­satz der Ge­schlech­ter ist im Un­be­wuss­ten nicht re­prä­sen­tiert; an die Stel­le die­ses Ge­gen­sat­zes tritt der von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit des Pe­nis, der Phal­lus, und da­mit ist der Phal­lus das Sym­bol für das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten bzw. für das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten­paars.

Der nächs­te Hin­weis ist eben­falls ne­ga­tiv: der Phal­lus ist nicht das phal­li­sche Ge­nie­ßen, Φ ist nicht JΦ. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist „da“, La­can zeigt hier­bei auf das Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge, dar­in auf den mit JΦ be­zeich­ne­ten Über­schnei­dungs­be­reich des Rea­len und des Sym­bo­li­schen. Φ ist im Dia­gramm wo­an­ders. Der Phal­lus ist nicht mit dem phal­li­schen Ge­nie­ßen zu ver­wech­seln. Der Phal­lus als Si­gni­fi­kant für das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­op­po­si­ti­on ist et­was an­ders als die durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex um­ge­form­te ge­ni­ta­le Er­re­gung und „Trieb­be­frie­di­gung“.

Als nächs­tes gibt La­can eine Al­ter­na­ti­ve vor: der Phal­lus ist ent­we­der das Ge­nie­ßen ohne das Or­gan oder das Or­gan ohne das Ge­nie­ßen. Da­mit ver­weist er auf eine Kluft zwi­schen dem Pe­nis-Or­gan und ei­nem be­stimm­ten Ge­nie­ßen, der Phal­lus ist das Sym­bol ei­nes Ge­nie­ßens, das für das Pe­nis-Or­gan ge­ra­de nicht er­reich­bar ist. Das Funk­tio­nie­ren des Pe­nis un­ter­liegt dem Lust­prin­zip, und der Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant für ein un­er­reich­ba­res Ge­nie­ßen jen­seits des Lust­prin­zips, für ein un­mög­li­ches Ge­nie­ßen. Der Phal­lus ist also nicht der Si­gni­fi­kant für jouis­sance im Sin­ne des Or­gas­mus, son­dern für ein Ge­nie­ßen, das durch den Or­gas­mus ge­ra­de ver­fehlt wird. In Freuds My­thos vom Ur­va­ter­mord ist die­ses un­mög­li­che Ge­nie­ßen das des Ur­va­ters, der „alle Frau­en“ ge­nie­ßen, was un­mög­lich ist (vgl. hier­zu aus­führ­lich Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas).

La­can stellt die Fra­ge, was der Phal­lus ist, um, wie er sagt, der Fi­gur – ge­meint ist die Ab­bil­dung an der Ta­fel – Sinn zu ver­lei­hen, ge­nau­er, ihr „–  ach! – Sinn zu ver­lei­hen“.

Auch da­mit gibt er ei­nen Wink.

Sinn“ ist ei­ner der in das Dia­gramm ein­ge­tra­ge­nen Be­grif­fe. Der Phal­lus wird von La­can auf den Sinn be­zo­gen, auf den Be­griff des Sinns, wie er im Dia­gramm er­scheint. Das „ach!“ si­gna­li­siert, dass es in der Be­zie­hung des Phal­lus zum Sinn ein Pro­blem gibt (Kitt­ler wür­de sich freu­en6). Der Phal­lus steht in ei­nem pro­ble­ma­ti­schen Ver­hält­nis zum Sinn.

In Se­mi­nar 18 hat­te La­can die Funk­ti­on des Phal­lus durch Be­zug auf Fre­ges Un­ter­schei­dung von Sinn (sens) und Be­deu­tung (si­gni­fi­ca­ti­on) er­läu­tert.7 Beim Phal­lus geht es nicht um den Sinn (nicht um das Si­gni­fi­kat), son­dern um die Be­deu­tung (um den Re­fe­ren­ten).8 Also kann man den Satz „Nun, ich be­fra­ge sie in die­ser Form, um die­ser Fi­gur – ach! – Sinn zu ver­lei­hen“, so er­gän­zen: „ob­wohl es beim Phal­lus ge­ra­de nicht um den Sinn geht (nicht um das Si­gni­fi­kat, nicht um ver­dräng­te Si­gni­fi­kan­ten), son­dern um die Be­deu­tung (um den Re­fe­ren­ten).“ Der Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant ei­ner Be­deu­tung, ei­nes Re­fe­ren­ten. Im Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus (ei­nem Vor­trag von 1958) hat­te La­can die­se Be­deu­tung als das ur­ver­dräng­te Be­dürf­nis be­zeich­net9, spä­ter nennt er es das un­mög­li­che Ge­nie­ßen.

Da­mit kann man den Satz „Φ ex-sis­tiert“ so ent­zif­fern: der Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant des Ur­ver­dräng­ten, durch das die Men­ge der Män­ner kon­sti­tu­iert wird, Φ bil­det ihr fun­die­ren­des Au­ßen; die Au­ßen­stel­lung des Sym­bols Φ im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge soll das mög­li­cher­wei­se an­deu­ten.10

 

Ein Symptom

An­schlie­ßend heißt es:

… „Was ist für den­je­ni­gen, der mit dem Phal­lus be­las­tet ist, eine Frau? Ein Sym­ptom. Das ist ein Sym­ptom, und das sieht man an­hand der Struk­tur da, die ich im Be­griff bin, Ih­nen zu er­läu­tern.

Es ist klar, wenn es kein Ge­nie­ßen des An­de­ren als sol­chen gibt, d.h. wenn es kei­nen Ga­ran­ten gibt, dem man im Ge­nie­ßen des Kör­pers des An­de­ren be­geg­nen könn­te, der be­wir­ken wür­de, dass das exis­tiert, näm­lich den An­de­ren als sol­chen zu ge­nie­ßen, dann ist hier das of­fen­sicht­lichs­te Bei­spiel für das Loch, für das, was nur durch das Ob­jekt a selbst ge­stützt wird, je­doch durch ei­nen Fehl­griff (mal­don­ne), durch eine Ver­wir­rung. Eine Frau ist kein Ob­jekt a, ge­nau­so we­nig wie der Mann. Sie hat die ih­ren, was ich eben ge­sagt habe, um die sie sich küm­mert; das hat nichts mit dem zu tun, von dem her sie in ir­gend­ei­nem Be­geh­ren ge­stützt wird.

Sie zum Sym­ptom zu ma­chen, die­se ‚eine Frau‘, das heißt gleich­wohl, sie in die­ser Ar­ti­ku­la­ti­on an dem Punkt zu ver­or­ten, wo das phal­li­sche Ge­nie­ßen auch ihre An­ge­le­gen­heit ist. Im Ge­gen­satz zu dem, was er­zählt wird, hat die Frau nicht mehr und nicht we­ni­ger an Kas­tra­ti­on zu er­lei­den als der Mann. Be­zo­gen auf das, wor­um es bei ih­rer Funk­ti­on als Sym­ptom geht, ist sie ganz ge­nau am sel­ben Punkt wie ihr Mann.

Es muss ein­fach ge­sagt wer­den, wie für sie, die­se Ex-sis­tenz des Rea­len, näm­lich mein Phal­lus von eben, der­je­ni­ge, in Be­zug auf den ich Sie mit hän­gen­der Zun­ge zu­rück­ge­las­sen habe, es geht dar­um zu wis­sen, was hier dem bei ihr ent­spricht. Den­ken sie nur nicht, das sei das klei­ne Ding, von dem Freud spricht, da­mit hat das nichts zu tun.

Die­se ‚Aus­las­sungs­punk­te‘ (points de sus­pen­si­ons) des Sym­ptoms sind tat­säch­lich, wenn ich so sa­gen kann, Fra­ge­zei­chen (points in­ter­ro­ga­tifs) im Nicht-Ver­hält­nis.“11

Die Fra­ge lau­tet, was ist für den, „der mit dem Phal­lus be­las­tet ist“, für den Mann, eine Frau? Was also ist eine Frau für den­je­ni­gen, der mit dem Or­gan aus­ge­stat­tet ist, von dem sich der Si­gni­fi­kant ei­nes un­mög­li­chen Ge­nie­ßens her­lei­tet? Für den Mann ist eine Frau ein Sym­ptom. Nicht „die Frau“ ist für ihn ein Sym­ptom, son­dern „eine Frau“. Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes. Sie ist nicht „das“ Sym­ptom des Man­nes, son­dern „ein“ Sym­ptom, ei­nes sei­ner Sym­pto­me – eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes.

Boromäischer Knoten mit Hemmung Angst SymptomZur Er­läu­te­rung be­zieht La­can sich auf das Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge an der Ta­fel, dar­in auf die Ter­mi­ni Sym­ptom, JA (jouis­sance de l’Autre, Ge­nie­ßen des An­de­ren, Ge­ni­ti­vus ob­jec­tivus), a (Ob­jekt a), JΦ (jouis­sance phal­li­que, phal­li­sches Ge­nie­ßen) und Φ (Phal­lus).

Ge­nie­ßen des An­de­ren“ meint: es gibt kein Ge­nie­ßen des An­de­ren als sol­chen, kein Ge­nie­ßen des an­de­ren Ge­schlechts als an­de­res Ge­schlecht (vgl. den Blog­ar­ti­kel Das Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren im Kno­ten – J Ⱥ). Der Satz ist aus der Per­spek­ti­ve des Man­nes for­mu­liert: er ge­nießt nicht eine Frau als Fall von Frau schlecht­hin, er ge­nießt nicht „die Frau“, denn im Un­be­wuss­ten ist das weib­li­che Ge­schlecht nicht re­prä­sen­tiert. An­ders ge­sagt: es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis (vgl. den Blog­ar­ti­kel Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis).

Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt – kein Ver­hält­nis Des Man­nes zu Der Frau –, ist das of­fen­sicht­lichs­te Bei­spiel für das Loch, näm­lich für das vom Sym­bo­li­schen her­vor­ge­ru­fe­ne Loch im Rea­len.12

Das Loch wird durch das Ob­jekt a ge­stützt, ge­tra­gen, er­träg­lich ge­macht, durch die Ob­jek­te Brust, Kot, Stim­me und Blick: sie kom­pen­sie­ren ei­nen Man­gel, ein Feh­len.

In Se­mi­nar 20 wird die Be­zie­hung des Man­nes zu ei­ner Frau als Ob­jekt a durch das fol­gen­de Sche­ma dar­ge­stellt13:

Formeln der Sexuierung (zu Lacan, Eine Frau ist ein Symptom des Mannes)Von der lin­ken Sei­te, d.h. von der männ­li­chen Po­si­ti­on aus, führt ein Pfeil zur rech­ten Sei­te, zur Sei­te der Frau­en. Der Pfeil be­ginnt mit $ und en­det mit a, an­ders ge­sagt: für das männ­li­che Sub­jekt hat eine Frau die Funk­ti­on des Ob­jekts a.

Die Be­zie­hung des Man­nes zu Frau­en in der Po­si­ti­on des Ob­jekts a be­ruht al­ler­dings auf ei­nem mal­don­ne, auf ei­nem fal­schen Aus­ge­ben der Kar­ten; der Aus­druck spielt zu­gleich auf das Ita­lie­ni­sche an, mal heißt hier „Krank­heit“ und don­ne, dar­auf hat­te La­can be­reits hin­ge­wie­sen, be­deu­tet „Frau­en“. Die Be­zie­hung des Man­nes zu Frau­en be­ruht auf ei­ner Ver­wechs­lung, denn eine Frau ist kein Ob­jekt a, eben­so we­nig wie der Mann.

Ist eine Frau für den Mann in­so­fern ein Sym­ptom, als sie für ihn die Po­si­ti­on des Ob­jekts a ein­nimmt? Da­ge­gen spricht, dass im Dia­gramm des bor­ro­mäi­schen Kno­tens das Ob­jekt a an ei­ner an­de­ren Stel­le ver­or­tet ist als das Sym­ptom.

Eine Frau ist kein Ob­jekt a, sie hat ihre Ob­jek­te a, etwa die Kin­der, um die sie sich küm­mert (Ob­jek­te a in­so­fern, als sie von ih­rem Kör­per ab­ge­trennt wor­den sind). Das ist je­doch et­was an­de­res als die Fra­ge, wel­che Po­si­ti­on sie im Be­geh­ren von Mit­glie­dern des an­de­ren Ge­schlechts ein­nimmt.

Wenn der Mann eine Frau zum Sym­ptom macht, wird da­mit de­ren ei­ge­nes phal­li­sches Ge­nie­ßen ins Spiel ge­bracht; im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge wird die­se Form des Ge­nie­ßens durch das Feld JΦ re­prä­sen­tiert. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ent­steht durch die Kas­tra­ti­on, durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, da­durch, dass ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen un­ter­sagt wird; das gilt für eine Frau nicht we­ni­ger als für den Mann.

Be­zo­gen auf ihre Funk­ti­on als Sym­ptom ist die (!) Frau am sel­ben Punkt wie ihr Mann; das heißt ver­mut­lich: ihre Funk­ti­on als Sym­ptom be­ruht auf der Kas­tra­ti­on, und die Kas­tra­ti­on ist eine Ge­mein­sam­keit von Frau­en und Män­nern. Wie ist das „die“ von „die Frau“ hier auf­zu­fas­sen? Ich ver­mu­te, dass es sich um eine blo­ße Un­acht­sam­keit der Rede han­delt; es er­for­dert Kon­zen­tra­ti­on, den Ge­gen­satz von „eine Frau“ und „der Mann“ kon­se­quent durch­zu­hal­ten.

Vom phal­li­schen Ge­nie­ßen kehrt La­can zum Phal­lus zu­rück, also zu Φ im Un­ter­schied zu JΦ. Man er­fährt jetzt: der Phal­lus ist die „Ex-sis­tenz des Rea­len“.

Den Be­griff der „Ex-sis­tenz“, mit Bin­de­strich, hat­te La­can in Se­mi­nar 22 zur Be­schrei­bung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung ein­ge­führt. Die Rin­ge sind im Ver­hält­nis zu­ein­an­der „ex-sis­tent“: sie sind ein­an­der äu­ßer­lich, sie sto­ßen ge­gen­ein­an­der, sie leis­ten ein­an­der Wi­der­stand, sie kön­nen nicht mit­ein­an­der ver­schmel­zen und sich nicht durch­drin­gen. Das Rea­le ist dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren ge­gen­über äu­ßer­lich, es ist das, was sich der Ima­gi­nie­rung und der Sym­bo­li­sie­rung hart­nä­ckig wi­der­setzt, so hat­te La­can das Rea­le von An­fang an de­fi­niert (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Der Phal­lus ist das Ur­ver­dräng­te, das auf kei­ne Wei­se er­in­nert wer­den kann; da­mit ist er – im Ver­hält­nis zum Un­be­wuss­ten – in der Po­si­ti­on des Rea­len, des Nicht-Sym­bo­li­sier­ba­ren.

Was ist bei Frau­en die Ent­spre­chung zum Phal­lus? Auch hier wird die Ant­wort nur ne­ga­tiv for­mu­liert. Bei Frau­en ist der Phal­lus kei­nes­wegs das „klei­ne Ding“, von dem Freud spricht, der Phal­lus ist bei ihr nicht die Kli­to­ris. Man kann die Ar­gu­men­ta­ti­on hier so er­gän­zen: Bei Frau­en ist der Phal­lus der gan­ze Kör­per: auf ih­ren Kör­per wird das Bild des Phal­lus pro­ji­ziert, ent­spre­chend der von Fe­ni­chel her­aus­ge­ar­bei­te­ten Glei­chung Mäd­chen = Phal­lus.14 In Se­mi­nar 8 von 1960/62, Die Über­tra­gung, heißt es: „Wir kon­sta­tie­ren in der Phä­no­me­no­lo­gie die leich­ter mach­ba­re Pro­jek­ti­on des Phal­lus, auf­grund sei­ner prä­gnan­ten Ge­stalt, auf das weib­li­che Ob­jekt zum Bei­spiel, und ge­nau das hat uns man­ches Mal in der per­ver­sen Phä­no­me­no­lo­gie die be­rühm­te Glei­chung Girl = Phal­lus in ih­rer ein­fachs­ten Ge­stalt, der eri­gier­ten Ge­stalt des Phal­lus, ar­ti­ku­lie­ren las­sen.“15

La­can kommt jetzt zu dem­je­ni­gen Be­griff des Sche­mas, um den es im ak­tu­el­len Zu­sam­men­hang letzt­lich geht, zum Be­griff des Sym­ptoms. Im Dia­gramm ist das Sym­ptom die grau ge­färb­te Flä­che in Form ei­ner Hai­fisch­flos­se, eine Art Schat­ten, den das Sym­bo­li­sche in den Ring des Rea­len wirft, ein we­nig auch in den des Ima­gi­nä­ren.

Frü­her in die­ser Sit­zung hat­te La­can er­wähnt, dass ei­ner sei­ner Pa­ti­en­ten über das Sym­ptom et­was ge­sagt hat­te, durch das es in die Nähe von Aus­las­sungs­punk­ten ge­bracht wur­de; La­can hat­te hier­zu an­ge­merkt, das Wich­ti­ge an der Be­mer­kung des Pa­ti­en­ten sei der Be­zug auf die Schrift: die Wie­der­ho­lung des Sym­ptoms sei eine Art wil­de Schrift. Dar­auf kommt er jetzt zu­rück. Die Aus­las­sungs­punk­te – die Wie­der­ho­lun­gen des Sym­ptoms – sind „Fra­ge­punk­te“ (points in­ter­ro­ga­tifs), Fra­ge-Zei­chen. Das Sym­ptom ist eine sich wie­der­ho­len­de Fra­ge, die durch das Nicht-Ver­hält­nis an­ge­trie­ben wird, da­von, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Die Wie­der­ho­lung be­ruht auf ei­ner Schrift: auf dem „ein­zi­gen Zug“ (vgl. die­sen und die­sen und die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel).

Das er­klärt, war­um im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge das Sym­ptom im In­ne­ren des Rings des Rea­len lo­ka­li­siert ist und war­um es, wie das Un­be­wuss­te, grau ge­färbt ist: das Loch im Rea­len steht da­für, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, und das Sym­ptom ist eine vom Un­be­wuss­ten ge­stütz­te sich wie­der­ho­len­de Fra­ge in Be­zug auf das Feh­len ei­nes se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.

Ein Symptom ist etwas, woran man glaubt

La­can fährt fort:

… „Ich möch­te Ih­nen aber zei­gen – um dem, was ich da ein­ge­führt habe, ei­nen Weg zu bah­nen –, un­ter wel­chem Ge­sichts­punkt das ge­recht­fer­tigt ist, die­se De­fi­ni­ti­on des Sym­ptoms.

Was ver­blüf­fend ist am Sym­ptom – an dem, was, wie dort, mit dem Un­be­wuss­ten rum­knutscht –, ist dies, dass man dar­an glaubt (on y croit).

Es gibt so we­nig an se­xu­el­len Ver­hält­nis­sen, dass ich Ih­nen da­für die Lek­tü­re ei­nes sehr schö­nen Ro­mans emp­feh­le: Un­di­ne.16 Un­di­ne ma­ni­fes­tiert das, wor­um es geht: Im Le­ben des Man­nes ist eine Frau et­was, wor­an er glaubt (à quoi il croit), er glaubt, dass es eine gibt, manch­mal zwei oder drei, und da ist üb­ri­gens in­ter­es­sant, dass er nicht nur an eine glau­ben kann, er glaubt, dass es eine Art gibt, zur Gat­tung der Syl­phen oder der Un­di­nen ge­hö­rend. Was heißt das, an Syl­phen zu glau­ben oder an Un­di­nen? Ich ma­che Sie dar­auf auf­merk­sam, dass man in die­sem Fall hier sagt cro­i­re à, ‚glau­ben an‘. Und auch dar­auf, dass die fran­zö­si­sche Spra­che hier die­se Ver­stär­kung hin­zu­fügt, die dar­in be­steht, dass man nicht cro­i­re à sagt, ‚glau­ben an‘, son­dern cro­i­re y, ‚glau­ben an / für mög­lich hal­ten / dar­an glau­ben‘ [wört­lich „dort glau­ben“], cro­i­re là, ‚da glau­ben‘. Y cro­i­re, ‚glau­ben an‘, was heißt das? Das heißt strikt nur dies, das kann se­man­tisch nur hei­ßen: an We­sen glau­ben (cro­i­re á des êtres), in­so­fern sie et­was sa­gen kön­nen. Ich for­de­re Sie auf, zu die­ser De­fi­ni­ti­on eine Aus­nah­me zu fin­den. Wenn das We­sen sind, die nichts sa­gen kön­nen – ‚sa­gen‘ im ei­gent­li­chen Sin­ne des Wor­tes, d.h. et­was äu­ßern, was sich als Wahr­heit oder als Lüge aus­zeich­net –, dann kann das nichts be­deu­ten.

Nur – die Fra­gi­li­tät die­ses dar­an Glau­bens (y cro­i­re), wor­auf die Tat­sa­che des Nicht-Ver­hält­nis­ses <sich> of­fen­sicht­lich re­du­ziert, die sich so spür­bar von über­all her über­schnei­den kann, ich mei­ne, dass sie sich über­schnei­det: es gibt kei­nen Zwei­fel, wer im­mer kommt, um uns ein Sym­ptom zu prä­sen­tie­ren, glaubt dar­an (y croit). Was soll das hei­ßen? Wenn er uns um Hil­fe bit­tet, um Un­ter­stüt­zung, dann des­halb, weil er glaubt, dass das Sym­ptom in der Lage ist, et­was zu sa­gen, und dass man es nur ent­zif­fern muss.“17

La­can möch­te zei­gen, dass sei­ne De­fi­ni­ti­on des Sym­ptoms ge­recht­fer­tigt ist, also die Be­haup­tung, eine Frau sei ein Sym­ptom des Man­nes.

Im Dia­gramm des bor­ro­mäi­schen Kno­tens ist das Sym­ptom mit dem Un­be­wuss­ten ver­bun­den, da­durch, dass bei­de als Aus­läu­fer des Sym­bo­li­schen er­schei­nen; in­so­fern knut­schen Sym­ptom und Sym­bo­li­sches mit­ein­an­der rum, wie La­can sich aus­drückt.

Sein Ar­gu­ment lau­tet:
– Ein Sym­ptom ist et­was, wor­an man glaubt.
– Für den Mann ist eine Frau et­was, wor­an er glaubt.
– Also ist eine Frau für den Mann ein Sym­ptom.

Da­mit stellt sich die Fra­ge, was es heißt, dass eine Frau für den Mann et­was ist, wor­an er glaubt.

La­can er­läu­tert das An-eine-Frau-Glau­ben, in­dem er sich auf die Er­zäh­lung Un­di­ne be­zieht, die 1811 von Fried­rich de la Mot­te Fou­qué ver­öf­fent­licht wur­de. Rit­ter Huld­brand und Un­di­ne, Pfle­ge­toch­ter ei­nes Fi­scher­ehe­paars, ver­lie­ben sich in­ein­an­der und hei­ra­ten. Nach der Ehe­schlie­ßung ver­traut Un­di­ne ih­rem Ge­mahl an, dass sie ein Was­ser­geist ist und dass ihr ei­gent­li­cher Va­ter sie zu den Fi­schern ge­ge­ben hat­te, da­mit sie durch die Hei­rat mit ei­nem Men­schen eine See­le be­kommt. Als Huld­brand sie spä­ter be­schimpft und sie zu­rück zu ih­ren Ver­wand­ten wünscht, ver­wan­delt sie sich in ein Was­ser­we­sen und ver­schwin­det; von da an er­scheint sie Huld­brand im Traum. Als er eine an­de­re hei­ra­tet, kehrt sie zu­rück und tö­tet ihn durch ei­nen Kuss.

Un­di­ne ist für den Rit­ter et­was, wor­an er glaubt. Er glaubt an eine, auch an zwei oder drei. Eine Be­son­der­heit der Be­zie­hung von Huld­brand zu Un­di­ne be­steht dar­in, dass er nicht nur an eine glaubt, nicht nur an Un­di­ne, son­dern dass er glaubt, dass sie ei­ner be­stimm­ten Art an­ge­hört, die zur Gat­tung der Un­di­nen oder Syl­phen ge­hört. Er glaubt nicht nur an Un­di­ne, er glaubt an Un­di­nen.

Was heißt es, an je­man­den zu glau­ben, dar­an zu glau­ben, was heißt cro­i­re à bzw. cro­i­re y?

An je­man­den zu glau­ben, das heißt, an We­sen un­ter dem As­pekt zu glau­ben, dass sie et­was sa­gen kön­nen – „sa­gen“ im em­pha­ti­schen Sin­ne –, näm­lich dar­an zu glau­ben, dass sie et­was sa­gen kön­nen, was eine Wahr­heit ist oder eine Lüge.

An je­man­den zu glau­ben – dar­an zu glau­ben, dass er oder sie et­was sa­gen kann, was eine Wahr­heit ist oder eine Lüge –, dar­auf re­du­ziert sich die Tat­sa­che des Nicht-Ver­hält­nis­ses, also dies, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Da­mit ist auch um­ge­kehrt ge­meint (wie aus dem Fol­gen­den her­vor­geht): die Il­lu­si­on, dass es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, stützt sich letzt­lich dar­auf, an je­man­den zu glau­ben.

Boromäischer Knoten mit Hemmung Angst SymptomIm Dia­gramm des bor­ro­mäi­schen Kno­tens kann der Keil des Sym­ptoms im Loch des Rea­len dem­nach so in­ter­pre­tiert wer­den: Das se­xu­el­le Nicht-Ver­hält­nis (das Loch im Rea­len) ruft ein be­stimm­tes Sym­ptom her­vor; ein Merk­mal des Sym­ptoms be­steht dar­in, dar­an zu glau­ben. Auf die­se Wei­se ist das Sym­ptom auf Wahr­heit be­zo­gen (und also auch auf Lüge) und da­mit auf das Sym­bo­li­sche. Das wäre eine Er­klä­rung da­für, war­um der Keil des Sym­ptoms vom Ring des Sym­bo­li­schen aus­geht.

Wer in eine Psy­cho­ana­ly­se kommt, um ein Sym­ptom zu prä­sen­tie­ren, der glaubt an das Sym­ptom, in­so­fern näm­lich, als er da­von über­zeugt ist, dass das Sym­ptom et­was sa­gen kann – dass es sich auf Wahr­heit und Lüge be­zieht –, und dass man es nur ent­zif­fern muss. An ein Sym­ptom zu glau­ben, dar­un­ter ver­steht La­can dem­nach: es auf Sinn und Wahr­heit zu be­zie­hen. Der Glau­be be­steht dar­in, zu un­ter­stel­len, dass das Sym­ptom ei­nen ver­bor­ge­nen Sinn hat, wo­bei das Ent­zif­fern die­ses Sinns ein Wahr­heits­ge­sche­hen ist.18

Der gro­ße Bo­gen, auf dem La­cans Sen­tenz be­ruht, ist also der Zu­sam­men­hang von „Phal­lus“ und „Wahr­heit“: alle, die durch den Be­zug zum Phal­lus de­fi­niert sind (also „der Mann“), ha­ben ein spe­zi­el­les Ver­hält­nis zur Wahr­heit, und des­halb wird eine Frau für sie zu „Eine Frau“, zu et­was, wor­an sie glau­ben, zu „ei­nem Sym­ptom“.

Liebe und Glaube

Die nächs­ten Sät­ze lau­ten:

… „Das­sel­be gilt für das, wor­um es bei ei­ner Frau geht, ab­ge­se­hen da­von – so et­was kommt vor, aber das ist nicht of­fen­sicht­lich –, dass man glaubt, dass sie tat­säch­lich et­was sagt. Das ist doch ein star­kes Stück: um an sie zu glau­ben, glaubt man ihr, man glaubt, was sie sagt.

Das ist das, was Lie­be ge­nannt wird.

Und in­so­fern ist das ein Ge­fühl, das ich mal als ko­misch qua­li­fi­ziert habe. Das ist das wohl­be­kann­te Ko­mi­sche, das Ko­mi­sche der Psy­cho­se, dar­um sagt man so oft, dass die Lie­be ein Wahn­sinn ist.

Der Un­ter­schied zwi­schen dem y cro­i­re, ‚glau­ben an‘, an das Sym­ptom, und dem le cro­i­re, ‚es glau­ben‘, ist je­doch of­fen­sicht­lich. Das macht den Un­ter­schied zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se aus. In der Psy­cho­se, die Stim­men, da ha­ben wir’s, sie glau­ben dar­an; sie glau­ben nicht nur dar­an (ils y cro­i­ent), son­dern sie glau­ben ih­nen (ils les cro­i­ent). Nun, da steckt al­les drin, in die­ser Gren­ze.

Ihr zu glau­ben ist, Gott sei Dank, ein ver­brei­te­ter Zu­stand, denn das ver­schafft im­mer­hin Ge­sell­schaft, man ist nicht mehr ganz al­lein. Und dar­in ist die Lie­be kost­bar – sel­ten ver­wirk­licht, wie je­der weiß, und nur eine Zeit lang dau­ernd. Und den­noch dar­aus ge­macht, dass es im We­sent­li­chen dar­um geht, die­se Mau­er zu zer­bre­chen, an der man sich nur eine Beu­le an der Stirn ho­len kann.

Wenn es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, dann lässt sich die Lie­be ge­wiss ge­mäß ei­ner be­stimm­ten An­zahl von Fäl­len klas­si­fi­zie­ren, die Stendhal sehr gut aus­ein­an­der­ge­pflückt hat: da gibt es die Wert­schät­zungs­lie­be, und die ist kei­nes­wegs un­ver­ein­bar mit der Lei­den­schafts­lie­be und auch nicht mit der Ge­schmacks­lie­be; die Haupt­form der Lie­be ist dann je­doch die­je­ni­ge, die sich dar­auf grün­det, dass man ihr glaubt, dass man ihr glaubt, weil man noch nie ei­nen Be­weis da­für ge­habt hat, dass sie nicht ab­so­lut echt wäre. Aber die­ses ‚ihr glau­ben‘ ist gleich­wohl et­was, bei dem man völ­lig aus­blen­det, dass es als Stop­fen dient, wenn ich so sa­gen darf – ich habe es be­reits ge­sagt –, und zwar da­für, um dar­an zu glau­ben (y cro­i­re), eine Sa­che, die sehr ernst­haft in Fra­ge ge­stellt wer­den kann. Denn zu glau­ben, dass es Eine gibt, Gott weiß, wo Sie das hin­führt, das bringt sie dazu, zu glau­ben, dass es Die gibt, ein Glau­be, der ganz und gar trü­ge­risch ist. Nie­mand sagt ‚die Syl­phe‘ oder ‚die Un­di­ne‘. Es gibt ‚eine Un­di­ne‘ oder ‚eine Syl­phe‘, es gibt ‚ei­nen Geist‘. Für ei­ni­ge gibt es ‚Geis­ter‘, aber all das bil­det im­mer nur ei­nen Plu­ral.

Es geht dar­um, wel­ches der Sinn, wel­chen Sinn es hat, dar­an zu glau­ben (y cro­i­re), und ob nicht et­was völ­lig Not­wen­di­ges in der Tat­sa­che liegt, dass es, um dar­an zu glau­ben (y cro­i­re), kein bes­se­res Mit­tel gibt, als ihr zu glau­ben (la cro­i­re).

Gut, es ist zehn vor zwei. Ich habe heu­te et­was ein­ge­führt, ich habe et­was ein­ge­führt, wo­von ich glau­be, dass es Ih­nen dien­lich sein kann, denn die Ge­schich­te der Aus­las­sungs­punk­te von vor­hin, dass war je­mand, der mir das auf­ge­tischt hat in Be­zug auf eine Ver­bin­dung, nicht wahr, zu dem, was es mit Frau­en auf sich hat. Und, mein Gott, zu sa­gen, dass eine Frau ein Sym­ptom ist, das stimmt so ge­nau mit der Pra­xis über­ein, dass ich, da das bis jetzt nie je­mand ge­tan hat, ge­glaubt habe, es tun zu müs­sen.“19

Auch für die Be­zie­hung des Man­nes zu ei­ner Frau gilt, dass der Mann „dar­an glaubt“ – dass er an sie glaubt. Da­bei ge­schieht es, dass er nicht nur an sie glaubt, es kann auch vor­kom­men, dass er ihr glaubt, dass er das, was sie sagt, für wahr hält. Zwi­schen die­sen bei­den Ar­ten des Glau­bens des Man­nes gibt es eine Ver­bin­dung: um an sie zu glau­ben, glaubt er ihr, hält er das, was sie sagt, für wahr.

Eben das wird Lie­be ge­nannt.

Des­halb hat­te La­can, so bringt er in Er­in­ne­rung, bei frü­he­rer Ge­le­gen­heit – in den Se­mi­na­ren 5 und 8 – das Ge­fühl der Lie­be als ko­misch qua­li­fi­ziert.20 Das Ko­mi­sche, um das es da­bei geht, ist das der Psy­cho­se, wes­halb man oft sagt, die Lie­be sei ein Wahn­sinn. Al­ler­dings ist der Un­ter­schied zwi­schen dem an et­was glau­ben, an das Sym­ptom glau­ben, und dem et­was glau­ben, et­was Ge­sag­tes für wahr hal­ten, of­fen­sicht­lich. Auf die­ser Dif­fe­renz be­ruht der Un­ter­schied zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se. In der Psy­cho­se glaubt man an et­was, man glaubt an Stim­men, und zu­gleich glaubt man et­was, man glaubt das, was die Stim­men sa­gen. Das ist je­doch ein ent­schei­den­der Un­ter­schied. Of­fen­bar muss man La­cans Aus­füh­run­gen hier so er­gän­zen: In der Neu­ro­se fällt das an et­was Glau­ben und das et­was Glau­ben nicht zu­sam­men: man glaubt dem, was der An­de­re sagt (man bringt ihn in die Po­si­ti­on des Ichi­de­als), aber man glaubt nicht an Stim­men.

Ihr zu glau­ben – also dass der Mann für wahr hält, was eine Frau sagt –, das ist ver­brei­tet, es er­mög­licht Ge­sell­schaft, und in­so­fern ist die Lie­be kost­bar. Wor­um geht es bei der Lie­be, von der ja be­kannt ist, dass sie sel­ten ver­wirk­licht wird und dass sie nur von kur­zer Dau­er ist? Die Lie­be ist dar­auf aus, die Mau­er zu zer­bre­chen, die dar­in be­steht, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Die­se Mau­er lässt sich je­doch nicht nie­der­rei­ßen, man kann sich an ihr nur Beu­len an der Stirn ho­len.

Es stimmt, es gibt ver­schie­de­ne Ar­ten der Lie­be, etwa so, wie Stendhal sie klas­si­fi­ziert hat: Wert­schät­zungs­lie­be, Lei­den­schafts­lie­be, Ge­schmacks­lie­be.21 Da es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, grün­det sich die Haupt­form der Lie­be je­doch dar­auf, dass man ihr glaubt, dass der Mann das glaubt, was eine Frau sagt. Er glaubt ihr, weil er noch nie ei­nen Be­weis da­für ge­habt hat, dass sie nicht ab­so­lut echt wäre, kei­nen Be­weis da­für, dass sie nicht auf­rich­tig wäre. Die­ses ihr glau­ben, an ihre Auf­rich­tig­keit glau­ben, steht in Be­zie­hung dazu, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt; ihr zu glau­ben dient dazu, die­ses Loch im Rea­len zu ver­stop­fen. Ihr zu glau­ben er­mög­licht es, an sie zu glau­ben, näm­lich zu glau­ben, dass es Eine gibt, und wenn man glaubt, dass es Eine gibt, bringt ei­nen das dazu, zu glau­ben, dass es Die gibt, dass es „die Frau“ gibt – dass es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Die­sem Zu­sam­men­hang ge­gen­über ist man je­doch blind – der Mann glaubt an die Auf­rich­tig­keit ei­ner Frau und ver­kennt da­bei, dass es ihm letzt­lich dar­um geht, sich auf „die Frau“ zu be­zie­hen.

In der For­mel „Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes“ meint „Eine Frau“ also: die­je­ni­ge Frau, die für den Mann die Eine ist, die­je­ni­ge, an die er glaubt.

La­can un­ter­schei­det also vier For­men des Glau­bens des Man­nes im Ver­hält­nis zu Frau­en:
– ei­ner Frau glau­ben (für wahr hal­ten, was sie sagt, sie für auf­rich­tig hal­ten),
– an eine Frau glau­ben (für mög­lich hal­ten, dass sie et­was sagt, was sich auf Wahr­heit und Lie­be be­zieht),
– an eine Frau in der Wei­se glau­ben, dass sie die Eine ist,
– an Die Frau glau­ben.
Zwi­schen die­sen For­men des Glau­bens – also des Wahr­heits­be­zugs des Man­nes – gibt es ei­nen Zu­sam­men­hang. Die ein­fachs­te Form des Glau­bens, näm­lich ei­ner Frau zu glau­ben, hat letzt­lich die Funk­ti­on, zu glau­ben, dass es Die Frau gibt.

Der Glau­be, dass es Die Frau gibt, ist trü­ge­risch. Ei­nen Hin­weis auf den il­lu­sio­nä­ren Cha­rak­ter des Glau­bens an Die Frau gibt der Sprach­ge­brauch. Man sagt „Es gibt eine Un­di­ne“ oder im Plu­ral „Es gibt Un­di­nen“, man sagt je­doch nicht „Es gibt die Un­di­ne“.

Die Fra­ge ist, wel­chen Sinn es hat, dar­an zu glau­ben, also an sie zu glau­ben. Die Fra­ge ist auch die nach der Be­zie­hung zwi­schen die­sen bei­den For­men des Glau­bens, zwi­schen ihr zu glau­ben und an sie zu glau­ben. Ist es not­wen­dig, ihr zu glau­ben, um an sie zu glau­ben? An­ders ge­fragt, könn­te man von ih­rer Un­auf­rich­tig­keit über­zeugt sein, und trotz­dem an sie als die Eine glau­ben und letzt­lich an Die Frau?

La­can schließt mit der Be­haup­tung, die The­se, eine Frau sei das Sym­ptom des Man­nes, stim­me ge­nau mit der Pra­xis des Psy­cho­ana­ly­ti­kers über­ein.

Spätere Verwendungen der Sentenz

Neun Mo­na­te nach die­ser Sit­zung spricht La­can in Genf über das Sym­ptom. Nach dem Vor­trag sagt je­mand aus dem Pu­bli­kum, ei­nen Satz aus La­cans Vor­trag zi­tie­rend:

Oder auch: ‚Die Frau ist das, wo­mit der Mann nie zu­recht­kommt.‘ Es scheint mir, dass im Ti­tel Ih­res Vor­trags vom Sym­ptom ge­spro­chen wur­de, und ich hat­te letzt­lich den Ein­druck, dass die Frau das Sym­ptom des Man­nes ist.“

La­can:

In mei­nem Se­mi­nar habe ich das im Klar­text (en tou­te lett­re) ge­sagt.“

Der Mensch aus dem Pu­bli­kum:

Kann man um­ge­kehrt sa­gen, dass der Mann das Sym­ptom der Frau ist? Be­deu­tet das, dass beim Mäd­chen und beim klei­nen Jun­gen die Bot­schaft, die die Mut­ter über­mit­teln wird, die sym­bo­li­sche Bot­schaft, die Si­gni­fi­kan­ten­bot­schaft, über die­sel­be Sa­che emp­fan­gen wer­den wird, weil es die Mut­ter ist, die sie über­mit­telt, sei’s an das Mäd­chen, sei’s an den Jun­gen. Gibt es eine Re­zi­pro­zi­tät oder ei­nen Un­ter­schied, dem man nicht ent­kommt?“

La­can:

Si­cher­lich gibt es ei­nen Un­ter­schied, der dar­auf be­ruht, dass die Frau­en sehr gut be­grei­fen, dass der Mann ein selt­sa­mer Vo­gel ist. Man muss das auf der Ebe­ne der Ana­ly­ti­ke­rin­nen be­ur­tei­len. Die Frau­en sind die die bes­se­ren Ana­ly­ti­ker, sie sind bes­ser als der Mann.“22

Man be­ach­te, dass La­can – an­ders als der Fra­gen­de – von den Frau­en und von dem Mann spricht.

In­wie­fern ist für Frau­en der Mann kein Sym­ptom? In­so­fern er für sie ein ei­gen­ar­ti­ger Vo­gel ist, ein selt­sa­mer Kauz. Das ist also, um­gangs­sprach­lich for­mu­liert, das Ge­gen­teil da­von, an je­man­den zu glau­ben: ihn für ei­nen schrä­gen Vo­gel zu hal­ten.

Die Poin­te des Dia­logs be­steht na­tür­lich dar­in, dass La­can an­schlie­ßend er­klärt, Frau­en sei­en die bes­se­ren Ana­ly­ti­ke­rin­nen – er de­mons­triert, dass er an sie glaubt.

Ei­ni­ge Mo­na­te dar­auf sagt La­can in Se­mi­nar 23 von 1975/76, Das Sin­t­hom:

Ich habe mir er­laubt zu sa­gen, dass das Sin­t­hom ganz prä­zi­se das Ge­schlecht ist, dem ich nicht an­ge­hö­re, das heißt eine Frau. Wenn für je­den Mann (tout hom­me) eine Frau ein Sin­t­hom ist, dann ist es völ­lig klar, dass es nö­tig ist, ei­nen an­de­ren Na­men für das zu fin­den, was es für eine Frau mit dem Mann auf sich hat, da das Sin­t­hom ja eben durch die Nicht­äqui­va­lenz gekenn­zeichnet ist. Man kann sa­gen, dass der Mann für eine Frau al­les ist, was Sie wol­len, näm­lich ein Kum­mer, är­ger als ein Sin­t­hom; Sie kön­nen es ger­ne so ar­ti­ku­lie­ren, wie es Ih­nen recht ist, eine Ver­hee­rung gar.“23

Die The­se wird hier prä­zi­se wie­der­holt: Für je­den Mann bzw. für alle Män­ner (also für „den Mann“) ist eine Frau ein Sin­t­hom. Da die Be­zie­hung zwi­schen Män­nern und Frau­en asym­me­trisch ist, ist der Mann für eine Frau et­was an­de­res: ein Kum­mer, eine Ver­hee­rung – zu­min­dest aber ein selt­sa­mer Vo­gel.

Zur Sekundärliteratur

Co­let­te So­ler re­fe­riert La­cans The­se so:

Wie La­can sagt, macht der Mensch Lie­be mit sei­nem Un­be­wuss­ten. Das ist die The­se, die 1973 for­mu­liert wur­de und die in den gan­zen fol­gen­den Se­mi­na­ren nach­hallt, ins­be­son­de­re in der be­rühm­ten For­mel vom 21. Ja­nu­ar 1975, wo es heißt, dass für ei­nen Mann ‚eine Frau ein Sym­ptom‘ ist. An­ders ge­sagt, ein Kör­per, der sich dem Part­ner hin­gibt, da­mit die­ser, ver­mit­tels sei­nes Un­be­wuss­ten, sei­ne Mehr­lust ent­nimmt.“24

Eine Frau ist ein Sym­ptom ei­nes Man­nes? Nein: „des“ Man­nes; auf die­sen Un­ter­schied legt La­can Wert.

So­lers Er­läu­te­rung der For­mel hat mit der­je­ni­gen, die La­can selbst gibt, nichts zu tun. So­ler be­zieht die The­se auf das Ge­nie­ßen im Ge­schlechts­akt, La­can auf das Ver­hält­nis von männ­li­cher Lie­be und Wahr­heit, auf den mit der Lie­be des Man­nes ver­bun­de­nen Glau­ben an die Eine.

Jac­que­line Rose hat in ihr Buch Se­xua­li­tät im Feld der An­schau­ung ei­nen Auf­satz auf­ge­nom­men, der mit

Die Frau als Sym­ptom“

über­schrie­ben ist.25 Mit die­sem Ti­tel be­zieht sie sich an­spie­lungs­wei­se auf La­can, des­sen Vor­le­sung vom 21. Ja­nu­ar 1975, in der die The­se vor­ge­tra­gen wird, sie ins Eng­li­sche über­setzt hat.26 Auch hier ist die For­mu­lie­rung der The­se von der­je­ni­gen, die man bei La­can fin­det, weit ent­fernt. La­can zu­fol­ge ist „eine Frau“ ein Sym­ptom, nicht, wie es bei Rose heißt, „die Frau“; der Un­ter­schied zwi­schen „eine Frau“ und „die Frau“ ist für sei­ne Theo­rie der Se­xu­ie­rung grund­le­gend.

Sla­voj Žižek be­zieht sich so auf die For­mel:

Re­call Lacan’s state­ment that ‚wo­man is a sym­ptom of man‘ – does this mean that, vul­ga­ri elo­quen­tia, a wo­man co­mes to ex-sist only when a man selects her as a po­ten­ti­al ob­ject of li­bi­di­nal in­vest­ment? So what is she pri­or to this in­vest­ment?“27

Wie über­setzt man das ar­ti­kel­lo­se „wo­man“? Die Par­al­lel­stel­lung zum ar­ti­kel­lo­sen „man“ zwingt ei­nen, so zu über­set­zen: „die Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes“. Žižek tilgt hier die Asym­me­trie zwi­schen „ei­ner Frau“ und „dem Mann“, die für La­cans Ar­gu­men­ta­ti­on je­doch ent­schei­dend ist. (Im nächs­ten Satz wech­selt Žižek von „wo­man“ zu „a wo­man“, von Frau schlecht­hin zu ei­ner Frau, und von „man“ zu „a man“, aber er be­tont, dass dies um­gangs­sprach­lich for­mu­liert ist.)

Ich sto­ße hier auf eine ver­blüf­fen­de Schwie­rig­keit, La­cans The­se in ei­nem ganz ba­na­len Sin­ne kor­rekt wie­der­zu­ge­ben, also auf ein Phä­no­men, das im Auf­merk­sam­keits­be­reich der Psy­cho­ana­ly­se liegt. Ein­mal dar­auf auf­merk­sam ge­wor­den, stö­be­re ich im In­ter­net und fin­de wei­te­re Be­le­ge:

Von Gar­ry Leo­nard gibt es eine Ar­beit von 1991 mit dem fol­gen­den Ti­tel: „The Wo­man“ as a Sym­ptom of „Mas­cu­lin­i­ty“ in „The Dead“.28 Die Frau als ein Sym­ptom.

Ein Auf­satz von Au­gust Ruhs aus dem Jahr 2003 trägt den Ti­tel Die Frau als Sym­ptom des Man­nes.29

(Ich habe bei­de Tex­te nicht ge­le­sen; es ist mög­lich, dass die Ab­wei­chung von La­cans For­mu­lie­rung von den Au­to­ren kom­men­tiert wird.)

Bei ei­ner Ta­gung der La­can-Grup­pe ALI-Pro­vence über das Sin­t­hom-Se­mi­nar im Jahr 2012 sagt eine Teil­neh­me­rin:

Dies er­öff­net wich­ti­ge Kon­se­quen­zen; bis da­hin, als La­can sag­te, dass die Frau das Sym­ptom des Man­nes ist, be­wahr­te dies das Un­mög­li­che der se­xu­el­len Be­zie­hung, auf der Grund­la­ge von: Die Frau exis­tiert nicht und im phal­li­schen Ver­hält­nis ist sie nicht-alle.“30

Die Frau ist das Sym­ptom des Man­nes.

In ei­nem Se­mi­nar von Eric Lau­rent über das Sin­t­hom-Se­mi­nar im Jahr 2013 äu­ßert sich eine Teil­neh­me­rin so:

Ich habe je­den Ih­rer Vor­trä­ge als kli­ni­schen Vor­trag ge­hört, ver­stan­den. Mir schien, dass das sehr kon­kre­te Wege auf­zeig­te, auf je­den Fall für die Kli­nik der Hys­te­rie, und ich habe mich ge­fragt –. Ich habe <das> nie­mals ge­hört – die Frau ist das Sym­ptom des Man­nes – be­zo­gen auf die Hys­te­rie.“31

Die Frau ist das Sym­ptom des Man­nes.

Im Pro­gramm­heft des 5. Frank­fur­ter Sym­po­si­ums zur struk­tu­ra­len Psy­cho­ana­ly­se Jac­ques La­cans (2013) ist die fol­gen­de An­kün­di­gung zu le­sen: „Die Frau ist das Sym­ptom des Man­nes“.

Die Asym­me­trie von „eine Frau“ und „der Mann“ kann of­fen­bar nicht re­zi­piert wer­den. Da­bei bil­det die­se Dif­fe­renz den Dreh- und An­gel­punkt von La­cans Theo­rie der Se­xu­ie­rung.

Zusammenfassung

La­cans The­se lau­tet: Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes. An­ders ge­sagt: Für den Mann ist eine Frau ein Sym­ptom.

La­can legt Wert auf den Un­ter­schied von „eine Frau“ und „die Frau“, von „der Mann“ und „ein Mann“, also ist fest­zu­hal­ten: Die The­se ist nicht „Die Frau ist ein Sym­ptom ei­nes Man­nes“ und auch nicht „Die Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes“ und auch nicht „Eine Frau ist ein Sym­ptom ei­nes Man­nes“, son­dern eben „Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes“. Sie ist auch nicht das Sym­ptom des Man­nes, son­dern ein Sym­ptom – ei­nes sei­ner Sym­pto­me.

Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes, d.h. eine Frau ist für all die­je­ni­gen ein Sym­ptom, die durch die Be­zie­hung zum Phal­lus, Φ, cha­rak­te­ri­siert sind. Da­mit ist nicht das phal­li­schen Ge­nie­ßen ge­meint, JΦ, son­dern der Phal­lus, d.h. der Pe­nis als Si­gni­fi­kant ei­nes un­ter­sag­ten, ei­nes un­mög­li­chen Ge­nie­ßens. Der Phal­lus ist der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der kei­nen „Sinn“ hat, son­dern eine „Be­deu­tung“ im Sin­ne von Fre­ge; er ist der Si­gni­fi­kant des ur­ver­dräng­ten „Be­dürf­nis­ses“, wie La­can im Phal­lus-Auf­satz sagt, er be­zieht sich nicht auf Si­gni­fi­ka­te (nicht auf ver­dräng­te Si­gni­fi­kan­ten), son­dern auf auf ei­nen Re­fe­ren­ten (auf das Ge­nie­ßen). Die Fra­ge lau­tet also: Was ist eine Frau für den­je­ni­gen, der mit dem Or­gan aus­ge­stat­tet ist, das als die­ser spe­zi­el­le Si­gni­fi­kant fun­giert, was ist eine Frau für „den Mann“? Für den so de­fi­nier­ten Mann ist eine Frau ein Sym­ptom.

In wel­chem Sin­ne ist eine Frau ein Sym­ptom des Man­nes?
– Ein Sym­ptom ist et­was, wor­an man glaubt.
– Der Mann glaubt an eine Frau.
– Also ist für den Mann eine Frau ein Sym­ptom.
Eine Frau ist für den Mann in­so­fern ein Sym­ptom, als er an sie glaubt.

An ein Sym­ptom glau­ben, heißt, dar­an glau­ben, dass es et­was sa­gen kann, dass man es nur ent­zif­fern muss; wenn je­mand in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se ein Sym­ptom prä­sen­tiert, dann des­halb, weil er da­von über­zeugt ist, dass es et­was sa­gen kann. (In mei­nen Wor­ten: weil er da­von über­zeugt ist, dass es ei­nen ver­bor­ge­nen Sinn hat, der die Wahr­heit über das Sub­jekt lie­fert, des­sen Auf­de­ckung also ein Wahr­heits­ge­sche­hen ist.)

An je­man­den glau­ben, z.B. an Geis­ter glau­ben, heißt: da­von über­zeugt sein, dass sie im em­pha­ti­schen Sin­ne et­was sa­gen kön­nen, d.h. et­was sa­gen kön­nen, was sich als Wahr­heit oder Lüge aus­zeich­net.

An je­man­den glau­ben, das ist das, was Lie­be ge­nannt wird. Ein Mann glaubt an eine Frau oder an zwei oder drei. Er glaubt, dass es Eine gibt. Er glaubt ihr, weil er kei­nen Be­weis da­für ge­habt hat, dass sie nicht echt wäre (in mei­nen Wor­ten: kei­nen Be­weis da­für, dass sie nicht auf­rich­tig wäre). Das ist kost­bar, denn das gibt Ge­sell­schaft, man ist nicht mehr al­lein.

In der For­mel „Eine Frau ist ein Sym­ptom des Man­nes“ meint „eine Frau“ also: „eine Frau, in­so­fern sie für den Mann die Eine ist“. In­so­fern eine Frau für den Mann die Eine ist, ist sie ein Sym­ptom des Man­nes.

An­ge­sichts des­sen, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, re­du­ziert sich das se­xu­el­le Ver­hält­nis dar­auf, an je­man­den zu glau­ben, also dar­an zu glau­ben, dass er oder sie et­was sa­gen kann, was eine Wahr­heit ist oder eine Lüge. Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, ist das vom Sym­bo­li­schen her­vor­ge­ru­fe­ne Loch im Rea­len, und an je­man­den zu glau­ben ist ein Stop­fen, der die­ses Loch stopft. Zu glau­ben, dass es Eine gibt, bringt ei­nen dazu, zu glau­ben, dass es Die gibt, dass es Die Frau gibt, an­ders ge­sagt, dass es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, ein Ver­hält­nis zu Der Frau. „Eine Frau“ (im Sin­ne von: eine Frau, in­so­fern sie für den Mann die Eine ist) ist also nicht „Die Frau“, aber sie bil­det eine Grund­la­ge da­für, zu glau­ben, dass es „Die Frau“ gibt.

Man muss un­ter­schei­den zwi­schen „ei­ner Frau glau­ben“ und „an eine Frau glau­ben“. Da­zwi­schen gibt es ei­nen Zu­sam­men­hang. Das bes­te Mit­tel, um an eine Frau zu glau­ben, so­dass sie die Eine ist, be­steht dar­in, ihr zu glau­ben.

Ins­ge­samt liegt La­cans The­se eine Be­zie­hung zwi­schen „Phal­lus“ und „Wahr­heit“ zu­grun­de. Für alle, die durch die Be­zie­hung zum Phal­lus de­fi­niert sind, Φ, gilt, dass sie sich auf Frau­en un­ter dem As­pekt der Wahr­heit be­zie­hen: sie glau­ben ih­nen, um an sie zu glau­ben, und in­so­fern ist eine Frau für den Mann ein Sym­ptom.

*

La­can zu­fol­ge nimmt eine Frau für den Mann die Po­si­ti­on des Ob­jekts a ein. Das Ver­hält­nis zwi­schen die­ser The­se und der The­se, eine Frau sei für den Mann ein Sym­ptom, wird in der zi­tier­ten Pas­sa­ge nicht ge­klärt.

Zum Bild zu Beginn des Artikels

Das Bild stellt die Be­geg­nung von La­mia und Her­mes dar. La­mia ist eine Ge­stalt der grie­chi­schen My­tho­lo­gie. Sie frisst die Kin­der an­de­rer Müt­ter. Auch in ih­rem Fall ist das Be­geh­ren das Be­geh­ren des An­de­ren – ihre Ob­jek­te a sind die Ob­jek­te a an­de­rer Müt­ter – und das Be­geh­ren stützt sich bei ihr auf ein oral-kan­ni­ba­lis­ti­sches Phan­tas­ma.

Waterhouse - Ondine 1872 - 2

J. W. Wa­ter­hou­se, On­di­ne (1872)

Wa­ter­hou­se ori­en­tiert sich für sein Ge­mäl­de an dem Ge­dicht La­mia von John Keats (1819). Dar­in wird er­zählt, wie La­mia, die in die Ge­stalt ei­ner Schlan­ge ein­ge­schlos­sen ist, dem Gott Her­mes be­geg­net, der auf der Su­che nach ei­ner Nym­phe ist. La­mia macht die Nym­phe für ihn sicht­bar, und zum Dank gibt er ihr eine mensch­li­che Ge­stalt. Als La­mia spä­ter Ly­ci­us hei­ra­tet, of­fen­bart der wei­se Apol­lo­ni­us bei der Hoch­zeits­fei­er, dass sie eine Schlan­ge ist. Dar­auf­hin ver­schwin­det La­mia, und Ly­ci­us stirbt vor Kum­mer.

Wa­ter­hou­se stellt Her­mes als Rit­ter dar, da­durch er­in­nert das Bild an die Be­geg­nung von Un­di­ne und Huld­brand, der ja ein Rit­ter ist. Von Wa­ter­hou­se gibt es ein Bild mit dem Ti­tel On­di­ne (1872); ob er die Er­zäh­lung von Mot­te Fou­qué ge­kannt hat, weiß ich nicht. An Un­di­ne er­in­nert auch der Schluss von Keat­sʼ Ge­dicht: bei der Hoch­zeit wird die wah­re Iden­ti­tät der Braut ent­hüllt, mit der Fol­ge, dass sie ver­schwin­det und der Mann stirbt.

In Wa­ter­hou­seʼ Ge­mäl­de legt La­mia ihre Hän­de auf Her­mesʼ Hand und Un­ter­arm und schaut ihm tief in die Au­gen. Es sieht so aus, als wäre sie für den Mann die­je­ni­ge, die ihn an­fleht, an sie zu glau­ben.

Kommentare

Ei­nen län­ge­ren Brief­wech­sel zwi­schen dem Au­tor und ei­nem Le­ser fin­det man hier in den Kom­men­ta­ren.

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Anmerkungen

  1. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975; Ver­si­on Sta­fer­la vom 30. Juni 2013, S. 34 f. Hilf­reich bei der Über­set­zung war die Über­set­zung von Se­mi­nar 22 durch Max Klei­ner (S. 24–26), die sich je­doch auf eine an­de­re fran­zö­si­sche Fas­sung des Se­mi­nars be­zieht (Klei­ners Über­set­zung kann man beim La­can-Ar­chiv Bre­genz er­wer­ben).
  2. Er­nest Jo­nes über­lie­fert die fol­gen­de Be­mer­kung von Freud ge­gen­über Ma­rie Bo­na­par­te: „Die gro­ße Fra­ge, die nie be­ant­wor­tet wor­den ist und die ich trotz drei­ßig Jah­re lan­gem For­schen in der weib­li­chen See­le nicht habe be­ant­wor­ten kön­nen, ist die: ‚Was will das Weib?‘“ (Er­nest Jo­nes: Sig­mund Freud. Le­ben und Werk. Band. 2. dtv, Mün­chen 1984, S. 493)
    Mit „Die Frau“ über­setzt La­can si­cher­lich auch Freuds Ter­mi­nus „Weib­lich­keit“. Vgl. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­lyse (1933), dar­in Vor­le­sung 33, „Die Weib­lich­keit“.
  3. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, a.a.O.
  4. Vgl. Se­mi­nar 8, Sit­zung vom 17. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 294, 297.
  5. Vgl. a.a.O., S. 298.
  6. Fried­rich Kitt­ler: Auf­schrei­be­sys­te­me 1800 – 1900. 4. Auf­la­ge. Fink, Mün­chen 2003, S. 53.
  7. Vgl. Gott­lob Fre­ge: Über Sinn und Be­deu­tung (1892).
  8. Vgl. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 9. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 148.
  9. Vgl. Die Be­deu­tung des Phal­lus, Schrif­ten II, hier: S. 126, 129, und hier­zu den Blog­ar­ti­kel Der Phal­lus.
  10. Vgl. Va­len­tin Nusi­no­vici: Le dé­cen­tre­ment du phal­lus dans le nœud bor­ro­méen. Auf der Web­site von A.L.I. (As­so­cia­ti­on la­ca­ni­en­ne in­ter­na­tio­na­le), Champs spe­cia­li­sés, Lan­gues étran­gè­res, 4. April 2013, http://freud-lacan.com/freud/Champs_specialises/Langues_etrangeres/Le_decentrement_du_phallus_dans_le_noeud_borromeen ab­ge­ru­fen am 7. Juli 2015.
  11. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, a.a.O.
  12. Vgl. die fol­gen­de Be­mer­kung aus Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent: „Aber wir wis­sen al­les, weil al­les – wir er­fin­den ein Dings­da, ei­nen Trick, um das Loch im Rea­len zu stop­fen. Da, wo es kei­ne se­xu­elle Be­zie­hung gibt, ruft das ein Trau­ma her­vor. Man er­fin­det. Man er­fin­det na­tür­lich, was man kann.“ (Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la) Vgl. auch: J. La­can: Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 561–563, hier: S. 562.
  13. Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, Sit­zung vom 13. März 1973; Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 85.
  14. Vgl. Otto Fe­ni­chel: Die sym­bo­li­sche Glei­chung: Mäd­chen = Phal­lus (1936). In: Ders.: Auf­sät­ze. Band II. Hg. v. Klaus La­er­mann. Ull­stein, Frank­furt am Main u.a. 1985, S. 9–25. La­can be­zieht sich auf die­sen Text im­mer wie­der, etwa in Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: La­can, Schrif­ten II, S. 61–117, hier: S. 98.
  15. Se­mi­nar 8, Sit­zung vom 26. April 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 325.
  16. Fried­rich de la Mot­te Fou­qué: Un­di­ne (1811).
  17. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, a.a.O.
  18. In Se­mi­nar 23 heißt es: „Wahr ist nur, was ei­nen Sinn hat.“ (Sit­zung vom 9. März 1976; Ver­sion Mil­ler, S. 116; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 118)
  19. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, a.a.O.
  20. Vgl. Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 18. De­zem­ber 1957; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 156–163; Se­mi­nar 8, Sit­zung vom 11. Ja­nu­ar 1961; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 143 f. Vgl. hier­zu auch Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 6. Juli 1960; Ver­si­on Miller/Haas, S. 374.
  21. La­can be­zieht sich auf Stend­hals Über die Lie­be (1822).
  22. Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me. In: J. La­can: Pas-tout La­can. Hg. von der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se. http://www.ecole-lacanienne.net//pictures/mynews/6D947CCD521655006B8FA1292DC92A37/1926%201981%20Pas-tout%20Lacan.pdf, S. 1725–1738, hier: S. 1734.
  23. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1976, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; Ver­si­on Mil­ler, S. 65; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 111.
  24. Co­let­te So­ler: Ce que La­can di­sait des femmes: étu­de de psy­chana­ly­se. Édi­ti­on du Champ La­ca­ni­en, Pa­ris 2003, S. 183, mei­ne Über­set­zung.
  25. Jac­que­line Rose: Se­xua­li­tät im Feld der An­schau­ung. Tu­ria und Kant, Wien 1996, Ka­pi­tel 9, S. 219 ff. Die­ses Ka­pi­tel gibt ei­nen Auf­satz wie­der, der zu­erst 1980 ver­öf­fent­licht wur­de.
  26. Ro­ses Über­set­zung der Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975 fin­det man in dem Sam­mel­band: J. La­can: Fe­mi­ni­ne se­xua­li­ty. Über­setzt von Ju­liet Mit­chell und Jac­que­line Rose. Macmil­lan, Lon­don 1982.
  27. Sla­voj Žižek: Less than not­hing. He­gel and the shadow of dialec­tical ma­te­ria­lism. Ver­so, Lon­don u.a. 212, S. 527, mei­ne Über­set­zung. Die­se For­mu­lie­rung hat­te Žižek be­reits in ei­nem frü­he­ren Auf­satz ver­wen­det: Ros­sel­li­ni: Wo­man as Sym­ptom of Man. In: Oc­to­ber, 54. Jg. (1990), Heft 102, S. 18–44.
  28. In: Ja­mes Joy­ce Quar­ter­ly, 28. Jg. (1991), Nr. 2, S. 451–472.
  29. In: tex­te. psy­cho­ana­lys­se. äs­the­tik. kul­tur­kri­tik. 22. Jg. (2003), Heft 1, S. 81–97.
  30. Ca­the­ri­ne Prud­hom­me: Leçon I du sé­mi­na­re „Le sin­t­home“. In: ALI-Pro­vence, 29. No­vem­ber 2012. http://www.ali-provence.com/2012/11/lecon-i-du-seminaire-le-sinthome-par-catherine-prudhomme/ ab­ge­ru­fen am 9. Juli 2015.
  31. Re­de­bei­trag von Bea­triz Pre­maz­zi in: Eric Lau­rent: „Le Sin­t­home“. La­can, Sé­min­aire XXIII. Lec­tures Freu­dien­ne à Lau­sanne, Juli 2012. https://lecturesfreudiennes.files.wordpress.com/2013/03/eric-laurent-le-sinthome-juillet-2012.pdf ab­ge­ru­fen am 9. Juli 2015.

Kommentare

Eine Frau ist ein Symptom des Mannes.“ — 12 Kommentare

  1. dan­ke, lacanireland.com ist mir be­kannt, freue mich auf Ihre Re­zen­si­on.

    La­can sagt ei­ner­seits, dass das Mo­dell der Sexuierung/die zwei Sei­ten nichts mit dem Körper(bild) zu tun habe und ‚der Phal­lus‘ leer ist, aber Pe­nis so­wie Kli­to­ris die­sen sym­bo­li­sie­ren kön­nen (Si­gni­fi­ca­ti­on of the Phal­lus). Lese ich nun Ihre sehr gründ­li­che Relek­tü­re, sehe ich al­ler­dings, dass bei La­can fort­lau­fend (nur) die Rede ist von „bio­lo­gi­schen Män­nern und Frau­en“ („Trä­ger des Or­gans“ etc.). Könn­te man sa­gen, er hält sei­ne Theo­rie selbst nicht kon­se­quent durch, oder kommt der Mo­ment der (so­zu­sa­gen) ‚Ent-Bio­lo­gi­sie­rung‘ erst mit SE XX ?

    Bes­te Grü­ße

    • Das setzt so viel vor­aus, dass ich’s nicht be­ant­wor­ten kann. Es ver­wi­ckelt mich erst ein­mal ins Fra­gen: Wo sagt La­can, dass die zwei Sei­ten – die männ­li­che und die weib­li­che – nichts mit dem Kör­per­bild zu tun ha­ben? Was meint, dass der Phal­lus „leer“ ist?
      Wie auch im­mer, ich den­ke, dass die Se­xu­ie­rung, La­can zu­fol­ge, durch­aus mit dem Kör­per­bild zu tun hat.
      Sei­ner Auf­fas­sung nach sym­bo­li­siert nicht die Kli­to­ris den Phal­lus, son­dern die Kör­per von Frau­en ins­ge­samt: das Bild des Phal­lus (nicht des Pe­nis all­ge­mein, son­dern des eri­gier­ten Pe­nis) wird auf ihre Kör­per pro­ji­ziert; da­durch wer­den Frau­en zu Ob­jek­ten des Be­geh­rens. La­can be­zieht sich da­für im­mer wie­der auf Fe­ni­chels Auf­satz „Die sym­bo­li­sche Glei­chung Mäd­chen = Phal­lus“.
      Das ist leicht nach­zu­voll­zie­hen: da­mit eine Frau als be­geh­rens­wert er­scheint, muss al­les an ihr straff sein, auf­recht, ge­streckt, an­ge­schwol­len (etwa die Lip­pen) – nichts darf schlaff sein, nichts darf hän­gen. Die Pro­jek­ti­on be­zieht sich so­wohl auf den Kör­per ins­ge­samt wie auf ein­zel­ne Kör­per­tei­le. Mit Wim­pern­tu­sche bei­spiels­wei­se wer­den selbst noch die Au­gen­wim­pern in Bat­te­ri­en von win­zi­gen Phal­li ver­wan­delt.

      • Ich muss nun ein biß­chen aus­ho­len.

        Das der Phal­lus durch al­les mög­li­che sym­bo­li­siert wer­den kann, aber nichts da­von ‚ist‘ führt zu Freud zu­rück, „the phal­lus is not a fa­na­ta­sy [..] Nor it is such an ob­ject […] still less it is or­gan – pe­nis or cli­to­ris – that is sym­bo­li­zes“ [1] Des wei­te­ren schreibt La­can, „that the or­gan that is en­do­wed with this si­gni­fy­ing func­tion ta­kes on the va­lue of a fe­tish thereby“[2].

        Ich lese nun auch den Satz mit der Scho­ko­la­de erst ‚rich­tig‘ und wür­de sa­gen, das sagt Jac­ques La­can, wür­de sie es sa­gen, wür­de Jaques sa­gen, dass sie Fe­ti­schis­tin ist. Des wei­te­ren wä­ren An­sprü­che auf po­si­ti­ve se­xu­el­le Iden­ti­tät, also auf Männ­lich­keit, im Sin­ne von ei­ner Ver­kör­pe­rung des­sel­bi­gen (Repräsentieren/Symbolisieren des Phal­lus), nach La­can Hoch­sta­pe­lei, eben­so bei der Frau blo­ße Mas­ke­ra­de [3]. So ganz vom Kör­per lö­sen wird sich das wohl nicht las­sen, da wir Kör­per sind. Aber am Kör­per-Bild (wohl­ge­merkt) „kle­ben“, sich da­nach ori­en­tie­ren, wäre doch wie­der­um et­was Ima­gi­nä­res?

        Ich fin­de nun die Stel­le nicht, in Se­mi­nar XX, an der La­can an­merkt, dass ein er sich eben­so auf der weib­li­chen Sei­te ein­schrei­ben kann, eben­so sie auf der männ­li­chen. Da es sich aber hier, in der Se­xu­ie­rung, um eben et­was rein Sprach­li­ches han­delt, liegt das nahe. Bruce Fink je­den­falls be­tont in „Das La­can­sche Sub­jekt“, dass bei die­ser The­ma­tik es sich immer„ungeachtet seines/ihres bio­lo­gi­schen bzw. ge­ne­ti­schen Auf­baus“ han­delt. Fink geht so weit, zu schrei­ben, dass sich die For­meln der Se­xu­ie­rung le­dig­lich auf spre­chen­de We­sen be­zie­hen und au­ßer­dem „nur neu­ro­ti­sche Subjekte“(S.140) – und das wür­de ich so­fort un­ter­strei­chen.

        Ex­kurs, Phi­lo­so­phie und Psy­cho­ana­ly­se:
        „Das Glat­te ist ein Nous, wäh­rend das Ein­ge­kerb­te […] im­mer ei­nen Lo­gos hat“ [4]

        The func­tion of the phal­lic si­gni­fier tou­ches here on its most pro­found re­la­ti­on: that by which the An­ci­ents em­bo­di­ed ther­ein the Nous and the Logos“[5]

        La­can fügt mit dem Phal­lus, dem Si­gni­fi­kan­ten, eine Di­men­si­on hin­zu, wo es nichts gibt. Das macht ein Den­ken, um sich an ‚et­was fest­hal­ten zu kön­nen‘, ori­en­tiert zu sein. Nicht je­des We­sen ‚braucht‘ das, es ist viel­leicht, wie Fink tat­säch­lich schreibt, et­was Neu­ro­ti­sches. Da­her ist es frag­lich, ob es die­se zwei Sei­ten tat­säch­lich gibt, so­zu­sa­gen, sind sie nicht viel­mehr et­was flu­i­des:
        Die­se Räu­me und „ihre kom­ple­xen Un­ter­schie­de; die fak­ti­schen Ver­mi­schun­gen und die Über­gän­ge vom ei­nen zum an­dern; die Grün­de für die Ver­mi­schun­gen, die kei­nes­wegs sym­me­trisch sind und be­wir­ken, daß man auf­grund von völ­lig un­ter­schied­li­chen Be­we­gun­gen mal vom glat­ten zum ge­kerb­ten und mal vom ge­kerb­ten zum glat­ten Raum übergeht“[4]

        All das, hat sehr viel zu tun mit dem, was man Phal­lo­zen­tris­mus nennt, phal­lo­zen­tri­sche Ideo­lo­gie – und wie wir wis­sen, ist Ideo­lo­gie im­mer un­be­wusst. Die­se wie­der­um bringt vie­le Zwän­ge und Lei­den mit sich, die Hys­te­rie fin­det hier eine ih­rer Wur­zeln?
        Psy­cho­ana­ly­ti­sche Theo­rie darf kei­nes­falls zur Le­gi­ti­mie­rung phal­lo­zen­tri­scher Prak­ti­ken her­ge­zo­gen wer­den, auch wenn sie das lei­der an ei­ni­gen Stel­len tut. Al­lein die Pas­sa­gen bei Freud, dass sie ihre ero­ge­ne Zone von der Kli­to­ris zur Va­gi­na brin­gen müs­se, ist fa­tal. Ich hat­te mal eine De­bat­te mit Stu­die­ren­den der Me­di­zin, die mich dar­auf auf­merk­sam mach­ten, dass eine phal­lo­zen­tri­sche Prak­tik, wie die der Pe­ne­tra­ti­on, eine der Ur­sa­chen ist, die das Ri­si­ko an Ge­bär­mut­ter­hals­krebs zu er­kran­ken, er­hö­he und das aus die­ser Prak­tik die ‚Not­wen­dig­keit‘ der re­gelm. Un­ter­su­chun­gen re­sul­tie­re. Ich wur­de ge­fragt, war­um, mit wel­cher Recht­fer­ti­gung, die Psa-Theo­rie die Be­reit­schaft zu die­ser Prak­tik von der Frau ab­ver­lan­ge und wie ich dazu ste­he. Ich ließ mir die­se Aus­sa­ge von zwei un­ter­schied­li­chen Gy­nä­ko­lo­gen be­stä­ti­gen und bin nach wie vor, ei­gent­lich, sprach­los.

        Zu gu­ter letzt, noch eine an­de­re Sicht­wei­se, ein Aus­zug aus Po­t­rep­ti­kos – zur Lek­tü­re von Sein und Se­xu­ie­rung von Meh­di Bel­haj Ka­cem:
        „Die weib­li­che Li­bi­do ist to­po­lo­gisch, wäh­rend die männ­li­che, ge­steu­ert von der kla­ren Tren­nung und Un­ter­schei­dung von Be­geh­ren und Ge­nuss, eine al­ge­brai­sche Li­bi­do ist. Die weib­li­che Li­bi­do ist eine un­end­li­che An­nä­he­rung an eine für im­mer ver­lo­re­ne Iden­ti­tät von Be­geh­ren und Ge­nuss. Die männ­li­che Li­bi­do ist die im­mer wie­der neu be­gon­ne­ne Wie­der­ho­lung ei­ner end­li­chen Al­ge­bra, wel­che vom Be­geh­ren zum Ge­nuss führt, der auf bei­den Sei­ten al­les un­ter­bricht und ent­leert, be­vor sie auf bei­den Sei­ten zu ei­ner neu­en Run­de auf­bricht. Das ist üb­ri­gens die Lo­gik des Sa­dis­ten.“

        [1] J.Lacan: The Si­gni­fi­ca­ti­on of the Phal­lus, in Écrits, p.579, im Ori­gi­nal p.690
        [2] ebd., p.583, im Ori­gi­nal p.694
        [3] Joan Cop­jec: Lies mein Be­geh­ren, La­can ge­gen die His­to­ris­ten, 264f
        [4] G. De­leu­ze + F. Guatta­ri: Tau­send Pla­teaus, „Das Glat­te und das Ge­kerb­te“ (S. 658ff)
        [5] La­can: Si­gni­fi­ca­ti­on.… p. 584, im Ori­gi­nal p.695

        Was Sie nun be­schrie­ben, dass die Frau „glatt“ sein müs­se, lässt mich an Si­gusch den­ken, der von wis­sen­schaft­li­chen Re­sul­ta­ten be­rich­tet, die zei­gen, dass vie­le Män­ner, „wenn auch un­be­wusst“ eine Erek­ti­on be­kom­men, an­ge­sichts jun­ger, nack­ter Mäd­chen. Wir be­fin­den uns mit die­ser Dis­kus­si­on im Be­reich männ­li­cher Phan­tas­men, im Be­reich von dem, was man Phal­lo­zen­tris­mus nennt.
        http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43140

  2. Ich mei­ne die Se­mi­na­re 18 und 19, „Von ei­nem Dis­kurs, der nicht über den Schein wäre“ und „… oder schlim­mer“; hier wer­den die so­ge­nann­ten For­meln der Se­xu­ie­rung ent­wi­ckelt. Deut­sche Über­set­zun­gen gibt es nicht, wohl aber eng­li­sche, auf der Sei­te lacaninireland.com

  3. Alle Män­ner ha­ben Kas­tra­ti­ons­angst“ wäre dem­nach eine „gül­ti­ge Aus­sa­ge“. Und ir­gend­wie hat das viel­leicht mit der The­ma­tik der Wie­der­ho­lung zu tun?

    Ich bin ge­spannt und war­te. So­zu­sa­gen.
    (Mei­nen Sie Se­mi­na­re zwi­schen 25–28? Le­sen Sie sie in deut­scher Über­set­zung, falls es die­se gibt?)

  4. Das wüßt ich auch gern. In zwei Jah­ren weiß ich mehr – dann habe ich die bei­den Se­mi­na­re durch­ge­ar­bei­tet, in de­nen das er­läu­tert wird.

  5. Ein schö­nes Zi­tat und eine schö­ne Ant­wort.

    So kom­me ich zu der Fra­ge, wenn ich darf, kann, oder war­um eine All-Aus­sa­ge über „die Män­ner“ ge­trof­fen wer­den kann?

  6. das wirft wei­te­re Fra­gen auf.
    Was ist eine All­aus­sa­ge? Was be­deu­tet dies für das so­ge­nann­te „Sym­bo­li­sche“?
    Was hät­te, ja tat­säch­lich, Jac­que­line La­can ge­sagt?

    • Eine All­aus­sa­ge ist eine Aus­sa­ge, die mit „alle“ be­ginnt, etwa „Alle Frau­en ha­ben Pe­nis­neid“ oder „Alle Frau­en ha­ben kei­nen Pe­nis­neid“.
      Für das so­ge­nann­te Sym­bo­li­sche heißt das: Es ist kei­ne ge­schlos­se­ne Ord­nung, eher eine Un­ord­nung.
      Jac­que­line La­can hät­te tat­säch­lich dies ge­sagt: „J’abandonnerais bien le cho­co­lat mais je ne suis pas du gen­re à lâcher le morceau…“ Was man so über­set­zen könn­te: „Ich wer­de die Scho­ko­la­de wohl auf­ge­ben, aber ich ge­hö­re nicht zu dem Ge­schlecht, das das gute Stück fal­len lässt…“

  7. Vie­len Dank für die­se aus­führ­li­che und de­tail­lier­te Aus­ar­bei­tung die­ser The­ma­tik.
    Ich möch­te nur ei­nes hin­zu­fü­gen, in Fra­ge stel­len:
    „..über „eine Frau“ bzw. über „Frau­en“ kann man kei­ne All­aus­sa­gen ma­chen“; ge­nau­er:
    „über „eine Frau“ bzw. über „Frau­en“ kann mann kei­ne All­aus­sa­gen ma­chen“, ver­mut­lich liegt die Sa­che so.

    • Dan­ke! Ihr Kom­men­tar wirft drei in­ter­es­san­te Fra­gen auf:
      Von wel­cher Po­si­ti­on aus ist La­cans Theo­rie for­mu­liert?
      Wie sieht er das selbst?
      Von wel­cher Po­si­ti­on aus ver­mu­ten Sie, dass das „man“ (das ich La­can zu­schrei­be) ein „mann“ ist? 

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