Lacans Aphorismen

Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“

Hokusai, Der Traum der Fischersfrau, Holzschnitt, 1814Katsus­hi­ka Ho­ku­sai, Kra­ken und Mu­scheltau­che­rin, 1814, Holz­schnitt, 19 × 27 cm

Zu La­cans be­kann­tes­ten Sen­ten­zen ge­hört die Be­haup­tung „Il n’y a pas de rap­port se­xu­el“.1 Was soll das hei­ßen?

Was Sie schon immer über Geschlechtsverkehr nicht wissen wollten

Rap­port se­xu­el ist der im Fran­zö­si­schen üb­li­che Aus­druck für Ge­schlechts­ver­kehr. Il n’y a pas de rap­port se­xu­el heißt für ei­nen Fran­zo­sen zu­nächst ein­mal: Es gibt kei­nen Ge­schlechts­ver­kehr.

In der deut­schen Aus­ga­be von Se­mi­nar 20 wird rap­port se­xu­el mit „Ge­schlechts­ver­hält­nis“ über­setzt2, in der deut­schen Ver­si­on von Evans’ La­can-Wör­ter­buch mit „Ge­schlechts­be­zie­hung“3. Für die­se Über­set­zung spricht, dass Wil­helm Fließ – Freuds ers­ter Ge­währs­mann in Sa­chen Se­xua­li­tät – eine „Theo­rie des Ge­schlechts­ver­hält­nis­ses“ ent­wor­fen hat­te, wor­un­ter er eine ma­the­ma­ti­sche Be­zie­hung ver­stand (die Re­la­ti­on zwi­schen der 23er Pe­ri­ode und der 28er Pe­ri­ode).4

Der vor­neh­me Ton ver­ne­belt je­doch den Ver­weis aufs Vö­geln. Um von der Schär­fe der For­mu­lie­rung et­was zu ret­ten, soll­te man rap­port se­xu­el mit „se­xu­el­le Be­zie­hung“ über­set­zen, wie Nor­bert Haas und Chan­tal Creu­sot in ih­rer Über­set­zung von La­cans Vor­wort zur deut­schen Über­set­zung der Schrif­ten5, oder mit „se­xu­el­les Ver­hält­nis“, wie Pe­ter Wid­mer es tut6, was noch bes­ser ist, da La­can selbst rap­port se­xu­el ge­nau so ins Deut­sche über­setzt. In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, sagt er:

An der Spit­ze des Un­be­wuss­ten ent­deckt man nicht 36 Be­deu­tun­gen, son­dern die se­xu­el­le Be­deu­tung, den se­xu­el­len Sinn [le sens se­xu­el]. Das heißt ganz ge­nau: den sinn­lo­sen Sinn [le ‚sens non-sens‘]. Den Sinn, wo das Ver­hält­nis* schief geht. Die Be­zie­hung* fin­det da­mit statt, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis* gibt, dass es, das Ver­hält­nis*, in­so­fern es ge­schrie­ben ist, in­so­fern es auf­ge­schrie­ben wer­den kann und es Ma­them ist, dass es im­mer schief­geht.“7

Die kur­siv ge­schrie­be­nen Wör­ter und Wort­fol­gen mit Stern sind im Ori­gi­nal deutsch.

Au­ßer­dem ist die The­se Il n y a pas de rap­port se­xu­el Nach­fol­ge­rin der The­se Il n y a pas d’acte se­xu­el, „Es gibt kei­nen Ge­schlechts­akt“.8 Da wäre es wün­schens­wert, dass die Be­zie­hung auf die Ko­pu­la­ti­on durch die Über­set­zung von Il n y a pas de rap­port se­xu­el  ein we­nig hin­durch­schim­mert.

La­cans The­se lau­tet also: „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis.“9

Evans be­ginnt sei­ne Er­läu­te­rung so:

Die­se Aus­sa­ge be­zieht sich kei­nes­falls auf den Ge­schlechts­ver­kehr, son­dern auf die Fra­ge der Be­zie­hung zwi­schen der männ­li­chen Ge­schlechts­po­si­ti­on und der weib­li­chen Ge­schlechts­po­si­ti­on.“10

Er irrt sich. La­cans The­se be­zieht sich auf den Ge­schlechts­ver­kehr.

In der La­can-Ein­füh­rung von Sean Ho­mer liest man zur For­mel:

La­cans For­mu­lie­rung wird oft – fälsch­li­cher­wei­se, soll­te ich hin­zu­fü­gen – auf ähn­li­che Wei­se ver­stan­den, wie die glei­cher­ma­ßen skan­da­lö­se Be­mer­kung von Ex-US-Prä­si­dent Bill Clin­ton, er hät­te ‚kei­ne se­xu­el­len Be­zie­hun­gen (se­xu­al re­la­ti­ons)‘ mit Mo­ni­ca Le­win­sky ge­habt, wo­durch sei­ne Prä­si­dent­schaft bei­na­he zu Fall ge­bracht wor­den wäre. Bill Clin­ton fass­te ‚se­xu­el­le Be­zie­hun­gen‘ in die­sem Kon­text so auf, dass sich der Aus­druck in ei­nem ganz be­schränk­ten und wört­li­chen Sinn auf ge­ni­ta­len Sex be­zog und da­mit, ganz zu­fäl­li­ger­wei­se, jede an­de­re Form von se­xu­el­ler Be­tä­ti­gung aus­schloss. La­can spricht nicht über se­xu­el­le Be­zie­hun­gen in die­sem Sinn und be­haup­tet nicht, dass Leu­te kei­ne se­xu­el­len Be­zie­hun­gen mit­ein­an­der ha­ben, in wel­cher Form auch im­mer.“11

Auch das ist nicht halt­bar. Wenn La­can sagt, „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“, spricht er über „se­xu­el­le Be­zie­hun­gen in die­sem Sinn“, über se­xu­el­le Ak­ti­vi­tä­ten zwi­schen ei­nem Mann und ei­ner Frau mit oder ohne Ein­füh­ren des Pe­nis in die Va­gi­na.

*

Be­vor ich mei­nen Ein­wand be­grün­de, zu­nächst ei­ni­ge all­ge­mei­ne Hin­wei­se zur For­mel.

Die Grund­be­deu­tung wird von Evans in sei­nem Ar­ti­kel klar her­aus­ge­stellt. Der Spruch be­sagt: Zwi­schen Men­schen männ­li­chen Ge­schlechts und Men­schen weib­li­chen Ge­schlechts gibt es kei­ne in­stinkt­ar­ti­ge Be­zie­hung.

Man kann es auch so sa­gen: He­te­ro­se­xua­li­tät ist ge­nau­so un­na­tür­lich wie Ho­mo­se­xua­li­tät.

Freud schreibt:

Nun wäre es eine Lö­sung von idea­ler Ein­fach­heit, wenn wir an­neh­men dürf­ten, von ei­nem be­stimm­ten Al­ter an ma­che sich der ele­men­ta­re Ein­fluß der ge­gen­ge­schlecht­li­chen An­zie­hung gel­tend und drän­ge das klei­ne Weib zum Mann, wäh­rend das­sel­be Ge­setz dem Kna­ben das Be­har­ren bei der Mut­ter ge­stat­te. Ja man könn­te hin­zu­neh­men, dass die Kin­der bei den Win­ken fol­gen, die ih­nen die ge­schlecht­li­che Be­vor­zu­gung der El­tern gibt. Aber so gut sol­len wir es nicht ha­ben, wir wis­sen kaum, ob wir an jene ge­heim­nis­vol­le, ana­ly­tisch nicht wei­ter zer­setz­ba­re Macht, von der die Dich­ter so­viel schwär­men, im Ernst glau­ben dür­fen.“12

Borromäischer Dreierknoten -Version Miller SDass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, wird in der Dar­stel­lung des psy­cho­ana­ly­ischen Fel­des durch ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten durch das Loch im Ring des Rea­len (R) dar­ge­stellt (sie­he Ab­bil­dung rechts).

Je­der Ring wird von La­can in Se­mi­nar 22 durch drei Merk­ma­le cha­rak­te­ri­siert: Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch. Die Kon­sis­tenz ei­nes Rings be­steht dar­in, dass er in sich zu­sam­men­hält, dass er sich nicht in ei­nen of­fe­nen Fa­den oder in eine Rei­he von Fä­den oder in ei­nen Staub von Par­ti­keln auf­löst. Mit der Ex-sis­tenz ei­nes Rings ist ge­meint, dass er den an­de­ren Rin­gen äu­ßer­lich ist, dass er an sie an­stößt, sie aber nicht durch­dringt, nicht mit ih­nen ver­schmelzt. Das Loch ei­nes Rings ist das, wo­durch man sei­ne Hand ste­cken kann. In La­cans zwei­di­men­sio­na­ler Dar­stel­lung des Kno­tens wird das Loch ei­nes Rings bis­wei­len, wie in der ne­ben­ste­hen­den Zeich­nung, als Kreis­flä­che dar­ge­stellt.

Im Vor­wort von 1974 zu Frank We­de­kinds Früh­lings­er­wa­chen schreibt La­can:

Freud hat her­aus­ge­fun­den, dass das, was er Se­xua­li­tät nennt, im Rea­len Loch macht.“13

In Se­mi­nar 21 bringt er das Loch im Rea­len mit der For­mel zu­sam­men, dass es kei­ne se­xu­el­le Be­zie­hung gibt:

Aber wir wis­sen al­les, weil al­les – wir er­fin­den ein Dings­da, ei­nen Trick, um das Loch im Rea­len zu stop­fen. Da, wo es kei­ne se­xu­el­le Be­zie­hung gibt, ruft das ein Trau­ma her­vor. Man er­fin­det. Man er­fin­det na­tür­lich, was man kann.“14

*

An­ders als Evans und Ho­mer mei­nen, be­zieht sich der Aus­spruch „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ auf den Ge­schlechts­ver­kehr.

In Se­mi­nar 14 von 1966/68, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, hat­te er eine frü­he­re Ver­si­on die­ser The­se prä­sen­tiert. Sie lau­tet so.

Das Ge­heim­nis der Psy­cho­ana­ly­se, das gro­ße Ge­heim­nis der Psy­cho­ana­ly­se ist, dass es kei­nen Ge­schlechts­akt gibt.“15

Ge­schlechts­akt“ ist hier kei­ne Me­ta­pher; zur Er­läu­te­rung der The­se be­zieht La­can sich bei­spiels­wei­se auf den Un­ter­schied zwi­schen dem männ­li­chen und dem weib­li­chen Or­gas­mus.

Aber na­tür­lich ist ein „Ge­schlechts­akt“ nicht das­sel­be wie ein „se­xu­el­les Ver­hält­nis“. Wie er­läu­tert La­can selbst die The­se „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“?

In ei­nem Vor­trag von 1975 sagt er:

Kommt Ih­nen nicht in den Sinn, dass die­se ‚se­xu­el­le Rea­li­tät‘, wie ich mich eben aus­ge­drückt habe, beim Men­schen da­durch spe­zi­fi­ziert ist, dass es zwi­schen dem männ­li­chen Men­schen und dem weib­li­chen Men­schen kei­ne in­stinkt­haf­te Be­zie­hung gibt?

Dass nichts dazu führt, dass je­der Mann (tout hom­me) – um den Mann durch das zu be­zeich­nen, was ziem­lich gut zu ihm passt, an­ge­sichts des­sen, dass er na­tür­lich die Idee des Gan­zen ima­gi­niert –, dass je­der Mann nicht in der Lage ist, jede Frau (tou­te femme) zu be­frie­di­gen? Was je­doch bei an­de­ren Tie­ren die Re­gel zu sein scheint. Es ist klar, dass sie nicht alle Weib­chen be­frie­di­gen, aber es geht nur um Fä­hig­kei­ten.

Der Mann – man kann ja von Der Mann spre­chen, l’homme, l Apo­stroph – muss sich da­mit be­gnü­gen, da­von zu träu­men. Er muss sich da­mit be­gnü­gen, da­von zu träu­men, denn es ist völ­lig si­cher, nicht nur, dass er nicht jede Frau be­frie­digt, son­dern dass Die Frau – hier­für bit­te ich die Mit­glie­der der MLF, der Be­we­gung zur Frau­en­be­frei­ung, die viel­leicht an­we­send sind, um Ent­schul­di­gung –, dass Die Frau nicht exis­tiert. Es gibt Frau­en, aber Die Frau, das ist ein Traum des Man­nes.

Es ist nicht ohne Be­deu­tung, dass er sich nur mit ei­ner be­frie­digt oder auch mit meh­re­ren Frau­en. Das ist des­halb so, weil er auf die an­de­ren kei­ne Lust hat. War­um hat er auf sie kei­ne Lust? Weil sie, wenn ich mich so aus­drü­cken kann, mit sei­nem Un­be­wuss­ten nicht zu­sam­men­klin­gen.“16

Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ meint: Bei dem Tier, das „Mensch“ ge­nannt wird, gibt es zwi­schen den Männ­chen und den Weib­chen kei­ne in­stinkt­haf­te Ver­hal­tens­ko­or­di­na­ti­on. Für je­den Mann gilt: Er ist nicht in der Lage, sich an je­der be­lie­bi­gen Frau zu be­frie­di­gen oder gar jede be­lie­bi­ge Frau zu be­frie­di­gen. Die­se Un­fä­hig­keit gilt für alle Män­ner, also kann man sa­gen: sie gilt für Den Mann. Bei vie­len Tie­ren scheint das an­ders zu sein, das Männ­chen ist hier fä­hig, mit je­dem be­lie­bi­gen Weib­chen zu ko­pu­lie­ren, also mit Dem Weib­chen (wäh­rend die Weib­chen, S. weist mich dar­auf hin, häu­fig wäh­le­risch sind).

In Se­mi­nar 18 hat­te La­can es so for­mu­liert:

Der Ödi­pus­my­thos, wer sieht nicht, dass er not­wen­dig ist, um das Rea­le zu be­zeich­nen, denn eben das ist es, was er zu tun be­an­sprucht. Oder ge­nau­er, das, wor­auf der Theo­re­ti­ker re­du­ziert ist, wenn er die­sen Hy­per­my­thos for­mu­liert, ist dies, dass das Rea­le im ei­gent­li­chen Sin­ne wo­durch ver­kör­pert wird? durch das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, als was? als un­mög­lich, denn das, was der Ödi­pus be­zeich­net, ist das my­thi­sche We­sen, des­sen Ge­nie­ßen – sein ihm ei­ge­nes Ge­nie­ßen – das Ge­nie­ßen von was wäre? von al­len Frau­en.“17

Das Rea­le ist das Un­mög­li­che, näm­lich das un­mög­li­che Ge­nie­ßen, und das­je­ni­ge Ge­nie­ßen, das un­mög­lich ist, ist das Ge­nie­ßen al­ler Frau­en, Ge­ni­ti­vus ob­jec­tivus.

Der Mann träumt von Der Frau, also da­von, bei je­der Frau po­tent zu sein, aber das ist ihm nicht mög­lich. Die Frau­en, die ihn dazu brin­gen, eine Erek­ti­on zu ha­ben, sie auf­recht zu er­hal­ten und zum Or­gas­mus und zur Eja­ku­la­ti­on zu kom­men, sind ganz be­stimm­te Frau­en: sie müs­sen mit sei­nem Un­be­wuss­ten zu­sam­men­stim­men. Die Re­pro­duk­ti­on der Gat­tung hing bis zur Er­fin­dung der künst­li­chen Be­fruch­tung an die­ser pre­kä­ren Be­din­gung.

Der Satz „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ be­zieht sich also auf den Ge­schlechts­ver­kehr. Er be­sagt: Wenn zwei Men­schen un­ter­schied­li­chen Ge­schlechts mit­ein­an­der ko­pu­lie­ren und in die­sem Sin­ne ein se­xu­el­les Ver­hält­nis ha­ben, ist das in­so­fern kein se­xu­el­les Ver­hält­nis, als das Männ­chen sich auf sei­ne Part­ne­rin nicht in der Wei­se be­zieht, dass sie für ihn Das Weib­chen ist. Er wird von ihr nicht da­durch in Er­re­gung ver­setzt, dass sie ihm die all­ge­mei­nen kör­per­li­chen Merk­ma­le ei­ner Frau zu se­hen (oder zu hö­ren, zu füh­len, zu rie­chen, zu schme­cken) gibt, son­dern da­durch, dass sein Un­be­wuss­tes auf ganz be­stimm­te Frau­en an­springt.

Man könn­te auch sa­gen: Es gibt kei­nen Ge­schlechts­ver­kehr. Beim Men­schen sind die Ge­schlech­ter nicht in der Lage, sich als Ge­schlech­ter zu paa­ren. Der Mann kann sich se­xu­ell auf eine Frau nicht als Fall-von-Frau-schlecht­hin be­zie­hen, auch dann nicht, wenn er von ih­rer Weib­lich­keit schwärmt. Wenn er ihre Fe­mi­ni­tät an­him­melt, wenn er ver­kün­det, sie sei ein rich­ti­ges Weib­chen, eine Voll­blut­frau, dann des­halb, um sich über die­se Im­po­tenz hin­weg­zu­täu­schen. Auch Goe­the hat da­von ge­träumt, die­se Un­mög­lich­keit – die­ses Rea­le – zu über­win­den. Im Faust lässt er Me­phis­to mur­meln: „Du siehst, mit die­sem Trank im Lei­be, / Bald He­le­nen in je­dem Wei­be.“ Tou­te femme. Mit dem Teu­fel ima­gi­niert Goe­the die Idee des Gan­zen.

In Se­mi­nar 22 er­läu­tert La­can das Dik­tum „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ so:

Was meint das, wenn ich das sage? Das meint na­tür­lich nicht, dass der Ge­schlechts­ver­kehr (rap­port se­xu­el) nicht in Mas­sen an­zu­tref­fen wäre und dass man zum Be­weis die­ses frot­ti-frot­ta wie­der ganz ins Zen­trum stel­len muss, die­ses Pet­ting, die­ses Her­um­sch­mu­sen, und sich da­bei wor­auf be­ru­fen?, auf das Rea­le, auf das Rea­le des Kno­tens. (…)

Also, was soll das hei­ßen, wenn ich die Aus­sa­ge ma­che, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt? Das heißt, ei­nen sehr be­grenz­ten Punkt zu be­zeich­nen, die Re­la­tio­nen­lo­gik in An­schlag zu brin­gen, näm­lich her­aus­zu­stel­len, dass R – wo­mit das Ver­hält­nis be­zeich­net wird – , dass R zwi­schen x und y zu set­zen ist (was be­reits heißt, in das Spiel des Ge­schrie­be­nen ein­tre­ten) und dass es, was das se­xu­el­le Ver­hält­nis an­geht, strikt un­mög­lich ist, auf ir­gend­ei­ne Wei­se xRy zu schrei­ben, dass es kei­ne lo­gi­fi­zier­ba­re und zu­gleich ma­the­ma­ti­sier­ba­re Aus­ar­bei­tung des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses gibt.

Das ist ge­nau der Ak­zent, den ich auf die Aus­sa­ge set­ze, ‚es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis‘, und das heißt also: Ohne den Be­zug auf die­se ver­schie­de­nen Kon­sis­ten­zen – die ich im Mo­ment nur als Kon­sis­ten­zen neh­me –, auf die­se ver­schie­de­nen Kon­sis­ten­zen, die sich gleich­wohl un­ter­schei­den, in­so­fern sie näm­lich als ima­gi­när, sym­bo­lisch und real be­zeich­net wer­den, ohne Be­zug auf die­se Kon­sis­ten­zen, in­so­fern sie sich von­ein­an­der un­ter­schei­den, gibt es kei­ne Mög­lich­keit des frot­ti-frot­ta.

Dass es kei­ne Mög­lich­keit gibt, die Dif­fe­renz die­ser Kon­sis­ten­zen auf et­was zu re­du­zie­ren, was ein­fach auf eine Wei­se ge­schrie­ben wür­de, die ge­stützt wird, ich möch­te sa­gen, die der Über­prü­fung durch die Ma­the­ma­tik stand­hält und die es ge­stat­tet, das se­xu­el­le Ver­hält­nis zu si­chern.“18

Die Be­haup­tung, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, meint nicht, dass es kei­nen Ge­schlechts­ver­kehr gibt. La­can will nicht sa­gen, dass die Leu­te, statt ein­dring­lich zu ko­pu­lie­ren, lie­ber frot­ti-frot­ta be­trei­ben, se­xu­el­le In­ter­ak­ti­on à la Clin­ton & Le­win­sky. Er be­haup­tet auch nicht, dass Men­schen des­halb mit­ein­an­der her­um­sch­mu­sen, weil die Pe­ne­tra­ti­on für sie un­mög­lich wäre, auf La­ca­ne­sisch: weil das für sie das Rea­le wäre.

Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, meint et­was an­de­res. Die Be­zie­hung zwi­schen mensch­li­chen Männ­chen und mensch­li­chen Weib­chen kann nicht in der Form xRy ge­schrie­ben wer­den. Hier­bei steht x für ein be­lie­bi­ges Ele­ment der ei­nen Ge­schlechts­grup­pe, y für ein be­lie­bi­ges Mit­glied der an­de­ren Grup­pe und R für die Re­la­ti­on, xRy also für das Ver­hält­nis zwi­schen den Mit­glie­dern der bei­den Grup­pen. Das Ver­hält­nis R wäre eine Zu­ord­nungs­re­gel, die da­für sor­gen wür­de, dass sich alle Men­schen männ­li­chen Ge­schlechts auf alle Men­schen weib­li­chen Ge­schlechts be­zie­hen wür­den und um­ge­kehrt, und zwar der­art, dass je­der be­lie­bi­ge Mann durch jede be­lie­bi­ge Frau zu se­xu­el­ler Er­re­gung und ziel­füh­ren­der Ak­ti­on ge­bracht wer­den kann und um­ge­kehrt.

La­can be­haup­tet an die­ser Stel­le nicht, wie in der vor­her zi­tier­ten Pas­sa­ge, dass es ein Ver­hält­nis zum Ge­gen­ge­schlecht em­pi­risch nicht gibt. Die The­se lau­tet hier, dass ein sol­ches Ver­hält­nis mit den schrift­ge­stütz­ten Ver­fah­ren der Lo­gik und der Ma­the­ma­tik nicht aus­ge­ar­bei­tet wer­den kann, dass es nicht „ge­schrie­ben“ wer­den kann. Für La­can heißt das, dass die­ses Ver­hält­nis „real“ ist. Vom Sym­bo­li­schen aus hat man ei­nen Zu­gang zum Rea­len auf dem Weg über das lo­gisch Un­mög­li­che, an­ders ge­sagt: über das, was nicht „ge­schrie­ben“ wer­den kann. Das se­xu­el­le Ver­hält­nis ist in­so­fern un­mög­lich (also real), als es nicht auf­hört, nicht ge­schrie­ben zu wer­den, heißt es in Se­mi­nar 20.19

In Se­mi­nar 21 for­mu­liert er es, aus­ge­hend vom bor­ro­mäi­schen Kno­ten, so:

In die­sem Kno­ten, die­sem Kno­ten, den ich ver­kün­de, in die­sem Kno­ten, die­sem Kno­ten, der in­so­fern aus dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren ge­macht ist, als dies nur et­was ist, was mit, mit drei macht, was sie ver­kno­tet – es ist das Rea­le, wor­um es geht, dass sie drei sind, dar­an hängt das Rea­le. War­um ist das Rea­le drei?

Das ist eine Fra­ge, die ich da­mit be­grün­de, da­mit recht­fer­ti­ge, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. An­ders ge­sagt, um es zu prä­zi­sie­ren, um es so zu prä­zi­sie­ren: das ge­schrie­ben wer­den kann. Wo­durch, wo­durch das, was ge­schrie­ben wird, das ist bei­spiels­wei­se, es gibt nicht ein f der­art, dass zwi­schen x und y, die hier die Grund­la­ge ir­gend­wel­cher Sprech­we­sen be­deu­ten, um sich der männ­li­chen oder weib­li­chen Sei­te zu­zu­ord­nen, dies, die­se Funk­ti­on, die die Be­zie­hung her­stel­len wür­de, die­se Funk­ti­on des Man­nes im Ver­hält­nis zur Frau, die­se Funk­ti­on der Frau im Ver­hält­nis zum Mann – es gibt kei­ne, die ge­schrie­ben wer­den könn­te: \overline {\exists \text{f}} \text { f(x,y)}.“20

In der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung von drei Rin­gen steht der Ring des Rea­len da­für, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ ist eine Kurz­fas­sung; ge­meint ist: „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis, das ge­schrie­ben wer­den kann“. Das, was nicht ge­schrie­ben wer­den kann, ist eine Funk­ti­on (f), also eine Zu­ord­nungs­re­gel zwi­schen den Ele­men­ten zwei­er Men­gen. Es kann kei­ne Funk­ti­on ge­schrie­ben wer­den, die es den „Sprech­we­sen“ er­mög­licht, sich der männ­li­chen oder {der weib­li­chen Sei­te zu­zu­ord­nen, und bei wel­cher die männ­li­che Sei­te da­durch be­stimmt wäre, dass sie sich auf die Frau be­zö­ge, die weib­li­che Sei­te auf den Mann. (Das um­ge­dreh­te E, also ∃, ist der Exis­tenz­quan­tor, zu le­sen als „es gibt ein“; das klei­ne f steht für „Funk­ti­on“, der Strich über ∃f ist ein  Ne­ga­ti­ons­zei­chen. \overline {\exists \text{f}} meint also ins­ge­samt: „Es gibt kei­ne Funk­ti­on“. Der rech­te Aus­druck spe­zi­fiert die nicht exis­tie­ren­de Funk­ti­on: eine Funk­ti­on, die x und y auf­ein­an­der be­zie­hen wür­de.)

Die Be­zie­hung zum Se­xu­al­part­ner wird nicht durch den In­stinkt her­ge­stellt, son­dern durch das Un­be­wuss­te, also nicht durch die Ord­nung der Bil­der, son­dern durch das Sym­bo­li­sche. Das Sym­bo­li­sche ist aus struk­tu­rel­len Grün­den nicht in der Lage, eine Po­lung auf das Ge­gen­ge­schlecht qua Ge­gen­ge­schlecht her­zu­stel­len.

Das sol­len die For­meln der Se­xu­ie­rung zei­gen, die La­can ab Se­mi­nar 18 ent­wi­ckelt hat. In de­ren Mit­tel­punkt ste­hen zwei Quan­to­ren, also zwei Aus­drü­cke, die dazu die­nen, Aus­sa­gen auf Quan­ti­tä­ten zu be­zie­hen: der in der Lo­gik üb­li­che Quan­tor „alle“ (wie in „Alle Men­schen sind sterb­lich“) und der von La­can er­fun­de­ne Quan­tor „nicht-alle“. Die Ge­schlech­ter un­ter­schei­den sich durch ih­ren Be­zug zur „Idee des Gan­zen“, wie es im vor­an­ge­hen­den Zi­tat in der Spra­che der Phi­lo­so­phie hieß. In der Ter­mi­no­lo­gie der Lo­gik for­mu­liert: sie un­ter­schei­den sich durch ih­ren Be­zug zum Qan­tor tout oder tou­te, „alle“ bzw. „jeder/jede“. Män­ner bil­den in be­stimm­ter Hin­sicht eine Men­ge, die so ver­fasst ist, dass man sa­gen kann: „Alle Män­ner sind … “ oder „Je­der Mann ist …“ oder „Der Mann ist …“; für Frau­en gilt das nicht, wohl­ge­merkt: in ei­ner be­stimm­ten Hin­sicht. In wel­cher? In Be­zug auf die Kas­tra­ti­on. Ich habe die­sen Schritt zu we­nig ver­stan­den, um ihn er­läu­tern zu kön­nen.

La­can kommt, in der zu­letzt zi­tier­ten Pas­sa­ge, auf das frot­ti-frot­ta zu­rück. Auch Ge­schlechts­ver­kehr ohne Pe­nis-Va­gi­na-In­ter­ak­ti­on, wie der zwi­schen dem Prä­si­den­ten und der Prak­ti­kan­tin, ist nur da­durch mög­lich, dass drei „Kon­sis­ten­zen“ ins Spiel kom­men, der Zu­sam­men­halt der drei Fa­den­rin­ge des bor­ro­mäi­schen Kno­tens: das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le. An­ders ge­sagt: Ge­schlechts­ver­kehr wird durch das Un­be­wuss­te er­mög­licht, das an das In­ein­an­der­grei­fen die­ser drei Ord­nun­gen ge­bun­den ist und in dem das an­de­re Ge­schlecht als an­de­res Ge­schlecht nicht re­prä­sen­tiert ist.

Il n’y a pas de rap­port se­xu­el, „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ meint: Wenn Mit­glie­der der bei­den Ge­schlechts­grup­pen ei­nen rap­port se­xu­el ha­ben, ist das kein rap­port se­xu­el. Wenn sie mit­ein­an­der Sex ha­ben – ob mit Pe­ne­tra­ti­on oder ohne –, wird das nicht da­durch er­mög­licht, dass der Kör­per des an­de­ren der an­de­re Ge­schlechts­kör­per ist. Das Ver­hält­nis zum Kör­per des an­de­ren Ge­schlechts wird we­der ima­gi­när her­ge­stellt, durch bild­ge­steu­er­tes In­stinkt­ver­hal­ten, noch sym­bo­lisch, durch den Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat des Un­be­wuss­ten. War­um nicht? Weil Men­schen spre­chen oder weil das Ver­hält­nis nicht ge­sagt wer­den kann? Das kann man nicht wis­sen.21 La­cans For­mu­lie­rung spielt auf bei­de Mög­lich­kei­ten an: Die Spra­che macht Loch im Rea­len.22

Wenn es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, was sorgt dann aber da­für, dass Män­ner und Frau­en gleich­wohl mit­ein­an­der Sex ha­ben und Kin­der ma­chen? Das, was die Psy­cho­ana­ly­se als „Kas­tra­ti­on“ be­zeich­net.23

Zum Bild zu Beginn des Artikels

Die Ab­bil­dung zeigt ei­nen Holz­schnitt aus Ho­ku­sais Buch Ki­noe no ko­matsu 喜能会之故真通 (Jun­ge Kie­fern am ers­ten Tag im Jahr der Rat­te), das 1814 ver­öf­fent­licht wur­de. Das Bild ist re­tu­schiert. Der Holz­schnitt er­streckt sich über zwei Buch­sei­ten, ge­wis­ser­ma­ßen ein Cen­ter­fold; die Re­tu­sche ver­sucht, den Bund­knick un­kennt­lich zu ma­chen.

Im Buch hat das Bild kei­nen Ti­tel. In Ja­pan wird es Tako to ama ge­nannt, „Kra­ken und Mu­scheltau­che­rin“. Der im Deut­schen üb­li­che Ti­tel ist pa­tri­ar­cha­li­scher Kitsch: Der Traum der Fi­schers­frau.24

Der Holz­schnitt ist eine Schrift-Bild-Kom­bi­na­ti­on: die Tau­che­rin schwimmt in ei­nem Meer von Si­gni­fi­kan­ten, ja­pa­ni­schen Schrift­zei­chen. Nur die Kur­siv­schrift Hi­ra­ga­na wird ver­wen­det, nicht Ka­t­aka­na und nicht Kan­ji: der Text ist fürs brei­te Pu­bli­kum be­stimmt. Er ver­zeich­net, mit ver­teil­ten Rol­len, das Ge­spräch zwi­schen den drei Ak­teu­ren, skan­diert von Schlürf- und Stöhn­ge­räu­schen, die ono­ma­to­poe­tisch re­prä­sen­tiert wer­den.25 Der Un­ter­hal­tung ist zu ent­neh­men, dass die bei­den Ok­to­po­den männ­li­chen Ge­schlechts sind und dass der gro­ße der Papa des klei­nen ist.

Das Bild eig­net sich für die ge­fürch­te­te sub­su­mie­ren­de Deu­tung, an­ders ge­sagt: als Un­ter­richts­ma­te­ri­al. Der Schrift­be­reich steht für das Sym­bo­li­sche, das ist ein­fach. Das Bild des Kör­pers der Tau­che­rin re­prä­sen­tiert was? na­tür­lich das Ima­gi­nä­re. Der Fels steht für das Rea­le – Un­ein­sich­ti­ge ver­wei­se man auf Freuds Rede vom „ge­wach­se­nen Fels“ des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes.

Die Lin­sen­au­gen der gro­ßen Kra­ke, von de­nen nicht nur die Tau­che­rin, son­dern auch der Bild­be­trach­ter an­ge­starrt wird, so dass er in sei­nem be­gehr­li­chen Schau­en er­wischt wird: der Blick als Ob­jekt a.

Die Sze­ne kon­fron­tiert die To­pik der Öff­nung mit der des Lochs. To­po­lo­gisch ge­se­hen, sind Va­gi­nal­ein­gang und Mund kei­ne Lö­cher, son­dern Öff­nun­gen; sie füh­ren in das In­ne­re des Kör­per­sacks und be­ru­hen da­mit auf der ima­gi­nä­ren Kon­zep­ti­on des Raums, auf der Pro­jek­ti­on des Kör­pers, die den Ge­gen­satz von In­nen und Au­ßen stif­tet.26

Die Fang­ar­me des Kopf­füß­lers ver­wei­sen auf eine an­de­re Raum­welt: auf die To­po­lo­gie. Ho­ku­sai hat die Ten­ta­kel so ge­zeich­net, dass sie sich für den Be­trach­ter schlie­ßen und, an­deu­tungs­wei­se, Rin­ge bil­den, Ge­bil­de, die um Lö­cher her­um or­ga­ni­siert sind – um Lö­cher, die sich dem Ge­gen­satz von In­nen und Au­ßen ent­zie­hen. In der Spra­che der To­po­lo­gen: die Ten­ta­kel deu­ten tri­via­le Kno­ten an, die in die­sem Fall nicht aus Li­ni­en be­stehen, son­dern aus Ober­flä­chen: Tori. Die Kno­ten sind auf un­ent­wirr­ba­re Wei­se mit­ein­an­der ver­schlun­gen. Von die­ser Ring-Ver­schlin­gung wird das Bild be­stimmt, stär­ker als durch die Ek­sta­se der Tau­che­rin, mehr noch als durch die Dar­stel­lung ih­res Ge­schlechts. In der Zeich­nung der Fels­kan­ten und in den Win­dun­gen der Schrift­zei­chen fin­det die Ver­kno­tung der Ten­ta­kel ein Echo.

PSC: LOW-RES PROOF REQ? = YES 1Ho­ku­sais Per­len­tau­che­rin ist ein Ge­gen­stück zu El Gre­cos Der Tod Lao­koons und sei­ner Söh­ne (um 1610; Bild zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).27 Bei­de Bil­der stel­len eine kno­ten­ar­ti­ge Ver­schlin­gung dar. Wei­te­re Ge­mein­sam­kei­ten: der Mo­ment der Ek­sta­se, die ein­ge­fro­re­ne Be­we­gung, die nack­te lie­gen­de Fi­gur mit ge­spreiz­ten Bei­nen in der Bild­mit­te, die Zen­tral­stel­lung der Au­gen (Lao­koons Au­gen / die Au­gen der gro­ßen Kra­ke), zwei Schlan­gen / zwei Kra­ken, die Ein­bet­tung der Sze­ne in eine Land­schaft, der Be­zug auf eine Er­zäh­lung. Der ra­di­ka­le Un­ter­schied be­trifft die Schrift. El Gre­cos Ge­mäl­de ver­weist auf die Schrift, näm­lich auf die ge­schrie­be­ne Er­zäh­lung des Ver­gil, je­doch als et­was, was aus ihm aus­ge­schlos­sen ist. Nicht ein­mal eine Si­gna­tur scheint es zu ge­ben. In Ho­ku­sais Holz­schnitt ste­hen Bild und Schrift in ei­ner Be­zie­hung der Nach­bar­schaft (um ei­nen Ter­mi­nus der To­po­lo­gie zu ver­wen­den).

Ein gu­ter Ti­tel für Ho­ku­sais Holz­schnitt wäre, mit Ian Fle­ming, Oc­to­pus­sy. Octo– meint „acht“. Schreibt man die Zif­fer Acht in ei­nem Zug und legt man für den Über­kreu­zungs­punkt fest, wel­cher Li­ni­en­ab­schnitt über­kreuzt und wel­cher un­ter­kreuzt, ist die 8 ein Dia­gramm ei­nes tri­via­len Kno­tens, ei­nes Fa­den­rings, wie La­can sagt. Der Ring, um den es geht, ist der des Rea­len. Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, ist das Loch im Ring des Rea­len.

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Anmerkungen

  1. La­can ver­wen­det die For­mel zu­erst in Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, Sit­zung vom 22. März 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 226. – Im Druck er­scheint sie erst­mals 1970 in Ra­dio­pho­nie; vgl. J. La­can: Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 17; sie wird dort von Hans-Joa­chim Metz­ger über­setzt mit „Es gibt kein Ge­schlechts­ver­hält­nis“.
  2. Vgl. La­can, Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core. Her­aus­ge­ge­ben von Jac­ques-Alain Mil­ler, über­setzt von Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1986, S. 11 und öf­ter; die kom­plet­te For­mel „Es gibt kein Ge­schlechts­ver­hält­nis“ fin­det man in die­ser Aus­ga­be zu­erst auf S. 39.
  3. Vgl. Evans, Wör­ter­buch der La­can­schen Psy­cho­ana­ly­se, a.a.O., S 122.
  4. Vgl. Wil­helm Fließ: Der Ab­lauf des Le­bens. Grund­le­gung zur ex­ak­ten Bio­lo­gie. (1906). Leip­zig, Wien 1923, S. 247–258. Fließ spielt da­mit auf ein Werk von Carl Dü­sing an, Die Re­gu­lie­rung des Ge­schlechts­ver­hält­nis­ses (1884), das sich auf das sta­tis­ti­sche Ver­hält­nis der Ge­bur­ten und Tot­ge­bur­ten von männ­li­chen und weib­li­chen Kin­dern be­zog. Vgl. Mai We­ge­ner: Neu­ro­nen und Neu­ro­sen. Der psy­chi­sche Ap­pa­rat bei Freud und La­can. Ein his­to­risch-theo­re­ti­scher Ver­such zu Freuds „Ent­wurf“ von 1895. Fink, Mün­chen 2004, S. 176–183.
  5. J. La­can: Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be mei­ner aus­ge­wähl­ten Schrif­ten – (not­wen­dig be­zo­gen und ge­stützt auf den Über­set­zer). In: Ders.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1975, S. 7–14, hier: S. 8.
  6. Vgl. Pe­ter Wid­mer: Sub­ver­si­on des Be­geh­rens. Eine Ein­füh­rung in Jac­ques La­cans Werk. Tu­ria + Kant, Wien 2012, S. 97.
  7. Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 20. No­vem­ber 1973; Ver­si­on Sta­fer­la 22.8.2009, S. 31, mei­ne Über­set­zung.
  8. Zu­erst in Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 12. April 1967.
  9. Zu­erst in Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, Sit­zung vom 12. März 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 226.
  10. Evans, Wör­ter­buch der La­can­schen Psy­cho­ana­ly­se, a.a.O., S. 122.
  11. Sean Ho­mer: Jac­ques La­can. Rout­ledge, Abing­don 2005, S. 106, mei­ne Über­set­zung. – Clin­ton fass­te den Aus­druck se­xu­al re­la­ti­ons noch be­schränk­ter auf, als Ho­mer es dar­stellt, nicht im Sin­ne von  Sex (die Ge­ni­ta­li­en von Bill und Mo­ni­ca wa­ren ja im Spiel), son­dern von Sex mit Ein­füh­ren des Pe­nis in die Va­gi­na.
  12. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 550.
  13. La­can: Pré­face à L’Éveil du prin­temps. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 562, mei­ne Über­set­zung.
  14. Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  15. Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 12. April 1967.
  16. Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me, 4. Ok­to­ber 1975, in: Pas-tout La­can 1926–1981, S. 1678.
  17. Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Mil­ler, S. 33.
  18. Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zung vom 18. März 1975, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la. – Vgl. auch die Über­set­zung von Se­mi­nar 22 durch Max Klei­ner, S. 50 f.; Klei­ner be­zieht sich auf eine über­ar­bei­te­te Fas­sung der Tran­skrip­ti­on.
  19. Vgl. Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 65.
  20. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 15. Ja­nu­ar 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  21. Vgl. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 16. Juni 1971, Ver­si­on Mil­ler, S. 168.
  22. Vgl. Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 31 f.
  23. Vgl. Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 166–169.
  24. In­for­ma­tio­nen zum Bild hier und hier.
  25. Eine Über­set­zung ins Eng­li­sche fin­det man hier.
  26. Vgl. etwa Se­mi­nar 22, RSI, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1975.
  27. Zur Kno­ten­struk­tur von El Gre­cos Lao­koon vgl. Hu­bert Da­misch: To­po­lo­gy in­corpo­ra­ted. Lao­koon im Kino. In: Wolf­ram Pich­ler, Ralph Ubl (Hg.): To­po­lo­gie. Fal­ten, Kno­ten, Net­ze, Stül­pun­gen in Kunst und Theo­rie. Tu­ria + Kant, Wien 2009, S. 67–90, zu El Gre­cos Bild: S. 68–79.

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Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ — 3 Kommentare

  1. Der Text von Nemitz „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ auf den ich durch Zu­fall ge­stos­sen bin, ist der ers­te dt­spra­chi­ge Text über La­can dem ich be­geg­ne, der völ­lig auf der Höhe ist und dies nicht in Zei­len­län­ge oder apho­ris­tisch son­dern of­fen­bar „nach­hal­tig“, auf meh­re­ren auf­ein­an­der­fol­gen­den Sei­ten. Sonst ist oft al­les hin­ter Eu­phe­mis­men und Küns­te­lei­en oder bei­dem ver­schüt­tet ge­we­sen, auch und be­son­ders in der Über­set­zung, und man hat den An­reiz der Wei­ter­be­fas­sung da­mit so­gleich aus den Au­gen ver­lo­ren. Es gibt jetzt ein dt­spra­chi­ges Ver­hält­nis zu La­can.

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