"Das Sinthom" entziffern

Kommentar zu Jacques Lacans Vorlesung vom 9. März 1976

John Robinson, Creation, 1991John Ro­bin­son, Crea­ti­on, 1991, Red­wood, 3,65 x 3,65 m
Ro­bert Hef­ner III Collec­tion, As­pen (Co­lo­ra­do, USA), von hier

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, „Das Sin­t­hom“

Jac­ques La­can: Se­mi­nar 23 von 1975/76: Le sin­thome / Das Sin­t­hom

Kom­men­tar von Rolf Nemitz
ge­stützt auf die Tref­fen der Le­se­gruppe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
ab März 2013

Ei­nen Über­blick über die Kom­men­tare zu den ein­zel­nen Sit­zun­gen fin­det man hier, über den ge­sam­ten Kom­men­tar hier.

Eine Über­sicht über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben des Sin­t­hom-Se­mi­nars gibt es hier.

Vorlesung vom 9. März 1976

Psychoanalytische Bibliothek - Fenster neben dem Eingang19., 20. und 21. Tref­fen der Le­se­grup­pe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
am 27. Ja­nu­ar, 24. Fe­bru­ar und 31. März 2015
in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Bi­blio­thek Ber­lin.

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TONAUFNAHME

Die Sei­ten­zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sta­fer­la-Ver­si­on.

Ers­tes Drit­tel, bis „ … ce nœud bor­ro­méen.“ (bis 30:13 Mi­nu­ten, bis S. 68):

 

Zwei­tes Drit­tel, von „Alors cet­te fausse …“ bis „ … deux droi­tes in­fi­nies.“ (bis 1:02:24 Mi­nu­ten, bis S. 70):

 

Drit­tes Drit­tel, von „Là, l’usage … “ bis Schluss:

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FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quel­len der La­can-Zi­ta­te

Fran­zö­si­scher Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­geben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Va­ri­an­te vom 28.6.2013, PDF-Da­tei hier. Die Tran­skrip­ti­on wur­de mit der Au­dio­auf­nah­me ver­gli­chen und ge­ring­fü­gig über­ar­bei­tet.

Deut­scher Text
Die Über­set­zung stützt sich auf die Über­set­zung von Se­mi­nar 23 durch Max Klei­ner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, lin­ke Spal­te die­ser Dop­pel­über­set­zung. Klei­ners Über­set­zung wur­de von Rolf Nemitz stark über­ar­bei­tet.

Sei­ten­zah­len

Fran­zö­si­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Ver­si­on Sta­fer­la vom 28.6.2013.

– Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­ga­be von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 19751976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­si­on von 2005 die Sei­te 83“. Da Mil­ler die Tran­skrip­ti­on re­dak­tio­nell be­ar­bei­tet hat, un­ter­schei­det sich die hier ge­brach­te Tran­skrip­ti­on häu­fig von Mil­lers Aus­ga­be.

Deut­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner.

An­mer­kun­gen
Die An­mer­kun­gen zum fran­zö­si­schen Text be­zie­hen sich auf Fra­gen der Tran­skrip­ti­on.

– Die An­mer­kun­gen zur Über­set­zung lie­fern In­for­ma­tio­nen zum Text ohne Be­zug auf La­cans Theo­rie so­wie Quer­ver­wei­se.

 

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[105] Bon, ben me v’là ré­du­it à im­pro­vi­ser. (66)

Gut, ich bin dar­auf be­schränkt, zu im­pro­vi­sie­ren. (113)

 

Non pas bien sûr que je n’aie pas tra­vail­lé de­puis la der­niè­re fois – abon­dam­ment ! – mais com­me je m’attendais pas for­cé­ment à par­ler – puis­que, en princi­pe c’est la grè­ve – me v’là donc ré­du­it à fai­re ce que – quand même – j’ai un peu pré­pa­ré, même beau­coup… (66)

Na­tür­lich nicht des­we­gen, weil ich seit dem letz­ten Mal nicht ge­ar­bei­tet hät­te, reich­lich so­gar; aber da ich mich nicht un­be­dingt dar­auf ein­ge­stellt hat­te, zu spre­chen, da ja ei­gent­lich Streik ist, bin ich also dar­auf be­schränkt, das zu tun, was ich trotz­dem ein we­nig vor­be­rei­tet habe, viel so­gar. (113)

 

Je vais aujourd’hui – j’espérais que vous se­riez mo­ins nom­breux, com­me d’habitude ! – je vais aujourd’hui vous mon­trer quel­que cho­se. (66)

Ich wer­de Ih­nen heu­te – ich hoff­te, Sie wä­ren we­ni­ger zahl­reich, wie üb­lich –, ich wer­de Ih­nen heu­te et­was zei­gen. (113)

 

C’est pas for­cé­ment ce que, ce que vous at­ten­dez. (Ge­läch­ter) (66)

Das ist nicht un­be­dingt das, nicht das, was Sie er­war­ten. (Ge­läch­ter) (113)

 

Ça n’est pas sans rap­port. (66)

Das ist nicht ohne Be­zug. (113)

 

Mais, j’ai em­por­té avant de par­tir, une cho­se à laquel­le je dé­si­rais beau­coup pen­ser par­ce que je l’avais pro­mis à la per­son­ne qui n’est pas sans y être un peu in­téres­sée, c’est ceci que je vou­d­rais vous fai­re con­naît­re, vous rap­pe­ler pour ceux qui le savent déjà : que il y a quelqu’un que j’aime beau­coup qui s’appelle Hé­lè­ne Ci­xous… ça s’écrit avec un C au dé­but, ça se ter­mi­ne par un S, ça se pro­non­ce Ci­que-sou, à l’occasion …alors, la­di­te Hé­lè­ne Ci­xous avait fait déjà, pa­raît-il… je l’avais, quant à moi, lais­sé un peu va­gue dans mon sou­ve­nir …a fait déjà, pa­raît-il, dans le nu­mé­ro épui­sé de Lit­té­ra­tu­re où… on me l’a rap­pelé, je l’ignorais to­ta­le­ment …j’avais fait Litu­ra­terre dans ce nu­mé­ro épui­sé… ce qui ne vous ren­dra pas fa­ci­le de le re­trou­ver, sauf pour ceux qui l’ont déjà …elle avait fait une pe­ti­te note sur Dora. (66)

Aber ich habe, be­vor ich auf­ge­bro­chen bin, et­was mit­ge­nom­men, wor­an zu den­ken ich ei­nen gro­ßen Wunsch ver­spür­te, weil ich es der Per­son ver­spro­chen hat­te, die dar­an durch­aus et­was in­ter­es­siert ist – und zwar Fol­gen­des, was ich Ih­nen zur Kennt­nis brin­gen möch­te oder wor­an ich die­je­ni­gen, die es be­reits wis­sen, er­in­nern möch­te: dass es je­man­den gibt, den ich sehr mag, sie heißt Hé­lè­ne Ci­xous – das schreibt sich mit ei­nem C am An­fang und das en­det mit ei­nem S, das wird „ßikꞌßuh“ aus­ge­spro­chen –, also be­sag­te Hé­lè­ne Ci­xous hat­te be­reits, so scheint es – ich hat­te es mei­ner­seits in mei­nem Ge­dächt­nis ein biss­chen vage ge­las­sen –, sie hat­te be­reits, so scheint es, in der ver­grif­fe­nen Num­mer von Lit­té­ra­tu­re – wo ich, wie man mich er­in­nert hat, ich hat­te es völ­lig ver­ges­sen, Litu­ra­terre ge­macht hat­te –, in die­sem ver­grif­fe­nen Heft, was es Ih­nen nicht leicht ma­chen wird, es zu fin­den, au­ßer für die­je­ni­gen, die es be­reits ha­ben, hat­te sie eine klei­ne An­mer­kung über Dora ge­macht.1 (113)

 

Alors, de­puis elle en fait une piè­ce : Le Por­trait de Dora, d’est le tit­re, une piè­ce qui se joue au Pe­tit Or­say, c’est-à-dire à une an­ne­xe du Grand Or­say – cha­cun peut l’imaginer fa­ci­le­ment – le Grand Or­say étant oc­cupé par Jean-Lou­is Bar­rault et Ma­de­lei­ne Ren­aud. (66)

Nun, in­zwi­schen hat sie ein Stück dar­aus ge­macht: Das Por­trät von Dora – das ist der Ti­tel –, ein Stück, das im Klei­nen Or­say ge­spielt wird, das heißt in ei­nem An­bau des Gro­ßen Or­say, wie sich je­der leicht vor­stel­len kann, da das Gro­ße Or­say durch Jean-Lou­is Bar­rault und Ma­de­lei­ne Ren­aud be­legt ist.2 (113)

 

Alors, ce Por­trait de Dora, moi j’ai trou­vé ça pas mal. (66)

Also, die­ses Por­trät von Dora, ich fand das nicht schlecht. (113)

 

J’ai dit ce que j’en pen­sais à cel­le que j’appelle Hé­lè­ne, de­puis le temps que je la con­nais, et je lui ai dit que j’en par­le­rai. (66)

Ich habe zu der­je­ni­gen, die ich Hé­lè­ne nen­ne, seit ich sie ken­ne, ge­sagt, was ich da­von hal­te; und ich habe ihr ge­sagt, dass ich dar­über spre­chen wer­de. (113)

 

Le Por­trait de Dora, il s’agit de la Dora de Freud. (66)

Das Por­trät von Dora, es geht um die Dora von Freud.3 (113)

 

Et c’est bien en quoi je soupçon­ne que ça peut in­téres­ser quel­ques per­son­nes d’aller voir com­ment c’est réa­li­sé. (66)

Und des­we­gen ver­mu­te ich, dass es ei­ni­ge in­ter­es­sie­ren könn­te, zu se­hen, wie das auf­ge­führt wird. (113)

 

C’est réa­li­sé d’une fa­çon réel­le. (66)

Es wird auf eine rea­le Wei­se auf­ge­führt. (113)

 

Je veux dire que la réa­lité c’est ce qui – la réa­lité des ré­pé­ti­ti­ons par ex­emp­le – c’est ce qui, au bout du comp­te, a do­mi­né les ac­teurs. (66)

Ich will sa­gen, dass die Rea­li­tät das ist – die Rea­li­tät der Wie­der­ho­lun­gen bei­spiels­wei­se – das ist, was letzt­end­lich die Schau­spie­ler be­herrscht hat. (113)

 

[106] Je ne sais pas com­ment vous ap­pré­cie­rez. (66)

Ich weiß nicht, wie Sie ur­tei­len wer­den. (113)

 

Mais ce qu’il y a de cer­tain, c’est qu’il y a là quel­que cho­se de tout à fait frap­pant. (66)

Aber eins ist ge­wiss, näm­lich dass es da et­was ganz Ver­blüf­fen­des gibt. (113)

 

Il s’agit de l’hystérie, de l’hystérie de Dora pré­cis­é­ment, et il se trouve que c’est pas la meilleure hys­té­ri­que de la dis­tri­bu­ti­on. (66)

Es geht um die Hys­te­rie, ge­nau ge­sagt um Do­ras Hys­te­rie, und es stellt sich her­aus, dass sie in der Rol­len­ver­tei­lung nicht die bes­te Hys­te­ri­ke­rin ist. (113)

 

Cel­le qui est la meilleu­re hys­té­ri­que joue un aut­re rôle, mais elle ne mont­re pas du tout ses ver­tus d’hystérique. (66)

Die­je­ni­ge, die die bes­se­re Hys­te­ri­ke­rin ist, spielt eine an­de­re Rol­le, aber sie zeigt über­haupt nicht ihre Hys­te­ri­ker­tu­gen­den. (113)

 

Dora elle-même – en­fin, cel­le qui joue son rôle – ne le mont­re pas mal, tout au mo­ins c’est mon sen­ti­ment. (66)

Dora selbst, also die­je­ni­ge, die die­se Rol­le spielt, zeigt sie nicht schlecht, zu­min­dest ist das mein Ge­fühl. (113)

 

Il y a aus­si quelqu’un là-dedans qui fait, qui joue le rôle de Freud. (66)

Es gibt in dem Stück auch je­man­den, der die Rol­le von Freud dar­stellt, der die­se Rol­le spielt. (113)

 

Il est, bien en­ten­du, très em­bêté. (Ge­läch­ter) (66)

Das ist ihm na­tür­lich sehr un­an­ge­nehm. (Ge­läch­ter) (113)

 

Et il est très em­bêté et ça se voit, en­fin, il y va pré­cau­ti­on­neu­se­ment. (66)

Und das ist ihm sehr un­an­ge­nehm, und das merkt man denn auch, er macht das vor­sich­tig. (113)

 

Et c’est d’autant mo­ins heu­re­ux – du mo­ins pour lui – qu’il n’est pas un ac­teur, il s’est dé­voué pour ça. (66)

Und das ist umso we­ni­ger glück­lich, zu­min­dest für ihn, als er kein Schau­spie­ler ist, er hat sich dem ver­schrie­ben. (113)

 

Alors, il a tout le temps peur de char­ger Freud. (66)

Also hat er die gan­ze Zeit Angst, Freud zu char­gie­ren. (113)

 

En­fin, ça se voit dans son dé­bit. (66)

Das sieht man sei­nem Vor­trag eben an. (113)

 

En­fin, le mieux que j’ai à vous dire, c’est d’aller le voir. (66)

Nun, das Bes­te, was ich Ih­nen sa­gen kann, se­hen Sie es sich an. (113)

 

Ce que vous ver­rez est quel­que cho­se qui, quand même, est mar­qué de cet­te pré­cau­ti­on du Freud, du Freud ac­teur. (66)

Was Sie se­hen wer­den, ist den­noch et­was, das von die­ser Vor­sicht von Freud ge­prägt ist, von der Vor­sicht des Büh­nen-Freud. (113)

 

Alors, il en ré­sul­te dans l’ensemble quel­que cho­se qui est tout à fait cu­rieux en fin de comp­te. (66)

Dar­aus er­gibt sich nun in der Ge­samt­heit et­was, das letz­ten En­des ganz son­der­bar ist. (113)

 

On a là l’hystérie… je pen­se que ça vous frap­pe­ra, mais après tout, peut-être ap­pré­cie­rez-vous au­tre­ment …on a là l’hystérie que je pour­rais dire in­com­plè­te. (66)

Man hat da die Hys­te­rie – ich den­ke, das wird Sie ver­blüf­fen, aber viel­leicht wer­den Sie es auch an­ders ein­schät­zen –, man hat da die Hys­te­rie, die ich un­voll­stän­dig nen­nen könn­te. (113)

 

Je veux dire que l’hystérie c’est tou­jours – en­fin de­puis Freud – c’est tou­jours deux. (66)

Ich will sa­gen, die Hys­te­rie, das sind im­mer – nun, seit Freud –, das sind im­mer zwei. (113)

 

Et là, on la voit en quel­que sor­te ré­du­i­te, cet­te hys­té­rie, à un état que je pour­rais ap­pe­ler… et c’est pour ça d’ailleurs que ça ne va pas al­ler mal avec ce que je vais vous ex­pli­quer …à l’état en quel­que sor­te ma­té­ri­el. (66)

Und hier sieht man die­se Hys­te­rie ge­wis­ser­ma­ßen auf ei­nen Zu­stand re­du­ziert, den ich – und des­we­gen passt das üb­ri­gens nicht schlecht zu dem, was ich Ih­nen er­klä­ren wer­de –, auf den Zu­stand, den ich ge­wis­ser­ma­ßen als ma­te­ri­ell be­zeich­nen könn­te. (113 f.)

 

Il y man­que cet élé­ment qui s’est ra­jou­té de­puis quel­que temps, et de­puis avant Freud en fin de comp­te, à sa­voir com­ment elle doit être com­pri­se. (66)

Es fehlt hier das­je­ni­ge Ele­ment, das sich seit ei­ni­ger Zeit hin­zu­ge­fügt hat – und zwar letz­ten En­des seit der Zeit vor Freud –, näm­lich wie sie ver­stan­den wer­den muss. (114)

 

Ça fait quel­que cho­se de très frap­pant et de très in­st­ruc­tif. (66)

Das er­gibt et­was sehr Ver­blüf­fen­des und sehr In­struk­ti­ves. (114)

 

C’est une sor­te d’hystérie ri­gi­de. (66)

Das ist eine Art star­re Hys­te­rie. (114)

 

Vous al­lez voir – par­ce que je vais vous le mon­trer – ce que veut dire en l’occasion le mot ri­gi­dité, par­ce que je m’en vais vous par­ler d’une chaî­ne qui est ce que je me trouve avoir avan­cé de­vant vot­re at­ten­ti­on, la chaî­ne… pour l’appeler com­me ça …la chaî­ne bor­ro­méen­ne, dont ce n’est pas pour rien qu’on l’appelle nœud, par­ce que ça glis­se vers le nœud. (66)

Sie wer­den se­hen, da ich Ih­nen zei­gen wer­de, was das Wort „Starr­heit“ hier be­deu­tet, weil ich mich jetzt dar­an ma­che, zu Ih­nen über eine Ket­te zu spre­chen, die ich Ih­rer Auf­merk­sam­keit be­reits vor­ge­stellt habe, die Ket­te, um sie so zu nen­nen, die bor­ro­mäi­sche Ver­ket­tung, die man nicht um­sonst als Kno­ten be­zeich­net, weil das zum Kno­ten hin glei­tet. (114)

 

Je vais vous mon­trer ça tout de sui­te. (66)

Ich wer­de Ih­nen das gleich zei­gen. (114)

 

[107] Mais là ce que vous ver­rez, c’est une sor­te d’implantation de la ri­gi­dité de­vant ce quel­que cho­se dont il n’est pas ex­clu que le mot chaî­ne vous le re­pré­sen­ti­fie si on peut dire, par­ce qu’une chaî­ne c’est ri­gi­de quand même. (67)

Das aber, was Sie dort se­hen wer­den, ist eine Art Im­plan­ta­ti­on der Starr­heit vor je­nem Et­was, von dem nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass das Wort „Ket­te“ es Ih­nen wie­der ver­ge­gen­wär­tigt, wenn man so sa­gen kann, weil eine Ket­te ja doch starr ist. (114)

 

L’ennui, c’est que la chaî­ne dont il s’agit, ça ne peut se con­ce­voir que très soup­le. (67)

Das Pro­blem ist, dass die Ket­te, um die es geht, als sehr bieg­sam be­grif­fen wer­den muss. (114)

 

Il est même im­portant de la con­s­idé­rer com­me tout à fait soup­le. (67)

Es ist so­gar wich­tig, sie als voll­stän­dig bieg­sam auf­zu­fas­sen. (114)

 

Ça aus­si, je vais vous le mon­trer. (67)

Auch das wer­de ich Ih­nen zei­gen. (114)

 

En­fin, je ne vous en dirai pas plus long, donc, sur le Por­trait de Dora. (67)

Nun, über das Por­trät von Dora wer­de ich Ih­nen nichts wei­ter sa­gen. (114)

 

J’espère – j’espère quoi ? – en avoir quel­que écho des per­son­nes qui, par ex­emp­le, vi­en­nent me voir. (67)

Ich hof­fe, was hof­fe ich? ein Echo zu er­hal­ten von den Per­so­nen, die mich zum Bei­spiel auf­su­chen. (114)

 

Ça ar­ri­ve. (67)

Das kommt vor. (114)

 

Bon, alors là-des­sus, par­lons de ce dont il s’agit : de la chaî­ne, de la chaî­ne que j’ai été amené à ar­ti­cu­ler, voi­re à dé­cri­re, en y con­joi­gnant – com­me j’y ai été amené – le Sym­bo­li­que, l’Imaginaire et le Réel. (67)

Also gut, spre­chen wir nun dar­über, wor­um es geht: über die Ver­ket­tung, über die Ver­schlin­gung, zu de­ren Ar­ti­ku­lie­rung ich ge­bracht wur­de, zu ih­rer Be­schrei­bung, in­dem ich in ihr, da ich dazu ge­bracht wur­de, das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le zu­sam­men­ge­fügt habe. (114)

 

Ce qui est im­portant, c’est le Réel. (67)

Wich­tig ist das Rea­le. (114)

 

Après avoir longue­ment par­lé du Sym­bo­li­que et de l’Imaginaire j’ai été amené à me de­man­der ce que pou­vait être, dans cet­te con­jonc­tion, le Réel, et le Réel, il est bien en­ten­du que ça ne peut pas être un seul de ces ronds de ficel­le. (67)

Nach­dem ich lan­ge Zeit vom Sym­bo­li­schen und vom Ima­gi­nä­ren ge­spro­chen habe, wur­de ich dazu ge­bracht, mich zu fra­gen, was in die­ser Zu­sam­men­fü­gung das Rea­le sein könn­te, und das Rea­le, es ist klar, dass es nicht ein ein­zel­ner die­ser Fa­den­rin­ge sein kann. (114)

 

C’est la fa­çon de les pré­sen­ter dans leur nœud de chaî­ne qui à elle tout en­t­iè­re fait le Réel du nœud. (67)

Die Art und Wei­se, wie sie in ih­rem ver­schlun­ge­nen Kno­ten prä­sen­tiert wer­den, macht für sich als Gan­zes das Rea­le des Kno­tens aus. (114)

 

Alors, je vous de­man­de par­don de m’écarter du mi­cro. (67)

Also, ich bit­te Sie um Ent­schul­di­gung, dass ich mich vom Mi­kro ent­fer­ne. (114)

 

Vous de­vez quand même déjà avoir un peu pigé ce dont j’ai es­sayé de sup­por­ter la chaî­ne bor­ro­méen­ne. (67)

Sie müs­sen nun doch schon ein biss­chen ka­piert ha­ben, wo­mit ich ver­sucht habe, die bor­ro­mäi­sche Ket­te zu stüt­zen. (114)

 

Voi­là en som­me ce que ça don­ne, quel­que cho­se qui se­rait à peu près com­me ça : (67)

Abb 1 - Borromäischer Knoten

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Recht­ecken in drei Ebe­nen

Hier se­hen Sie letzt­lich, was das er­gibt: et­was, das un­ge­fähr so aus­se­hen wür­de. (114)

 

J’étais pas por­té à le com­plé­ter, mais il est évi­dent que… il faut le com­plé­ter pour fai­re sen­tir ce dont il s’agit. (67)

Mir war nicht da­nach, es zu ver­voll­stän­di­gen, aber es ist of­fen­sicht­lich, dass man es ver­voll­stän­di­gen muss, um spü­ren zu las­sen, wor­um es geht. (114)

 

Voi­là la chaî­ne ty­pi­que. (67)

Hier die ty­pi­sche Ket­te. (114)

 

Il est cer­tain que le fait que je le des­si­ne ain­si, [108] vous avez vu déjà com­ment ceci peut se trans­for­mer, pour un rien, en quel­que cho­se qui a l’air de bien mieux mé­ri­ter le nom de chaî­ne, c’est-à-dire de fai­re ent­re le bleu et le rouge quel­que cho­se  là on ne sait plus com­ment dire  qui fait chaî­ne ou qui fait nœud, par­ce que c’est quand même ça qui res­sem­ble le plus – j’ai in­ver­sé peu im­por­te – qui res­sem­ble le plus à ce qu’on met d’habitude, ce qu’on con­s­idè­re d’habitude com­me une chaî­ne. (67)

Linkshändige Kleeblattknoten

Klee­blatt­kno­ten, links­dre­hend

Abb 3 - Zwei Ringe, ineinandergreifend

Hopf-Ver­schlin­gung

Es ist ge­wiss, dass die Tat­sa­che, dass ich es so zeich­ne [Klee­blatt­kno­ten?], Sie ha­ben schon ge­se­hen, wie sich dies hier um ein Nichts in et­was ver­wan­deln kann, das die Be­zeich­nung „Ket­te“ bes­ser zu ver­die­nen scheint [Hopf-Ver­schlin­gung], das heißt zwi­schen dem blau­en und dem ro­ten et­was zu ma­chen – hier weiß man nicht mehr, wie man sa­gen soll –, das eine Ket­te bil­det oder ei­nen Kno­ten bil­det, weil das ja doch am meis­ten dem äh­nelt – ich habe es ver­tauscht, nicht so wich­tig –, das am meis­ten dem äh­nelt, was man üb­li­cher­wei­se als Ket­te an­sieht, als Ket­te be­trach­tet. (114)

 

Ce qu’il y a avan­ta­ge, fi­na­le­ment, à le re­pré­sen­ter com­me ça : à sa­voir à re­pré­sen­ter les trois ronds d’une fa­çon, en som­me, qu’il faut ap­pe­ler pro­jec­tive, c’est aus­si bien ce qui vaut. (67)

Abb 4 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus ei­nem Kreis und zwei un­end­li­chen Ge­ra­den

Das, was den Vor­teil hat, es letzt­lich so dar­zu­stel­len, näm­lich die drei Rin­ge ins­ge­samt in ei­ner Wei­se dar­zu­stel­len, die man pro­jek­tiv nen­nen muss, das ist auch et­was, was ei­nen Wert hat. (114)

 

[109] Il n’en res­te­ra pas mo­ins que ce qui sera ain­si pré­sen­té: ça sera… at­ten­ti­on, ici vous voy­ez bien que nous som­mes for­cés de mett­re les trois ronds d’une fa­çon qui re­spec­te la dis­po­si­ti­on de ce que j’ai des­si­né d’abord. (68)

Abb 5 - Borromäischer Knoten - Armillarsphäre

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Krei­sen in der Art ei­ner Ar­mil­larsphä­re

Es bleibt nicht we­ni­ger, dass das, was so dar­ge­stellt wird, ein – Ach­tung, hier kön­nen Sie gut se­hen, dass wir ge­zwun­gen sind, die drei Rin­ge in ei­ner Wei­se zu set­zen, wel­che die An­ord­nung des­sen, was ich zu­erst ge­zeich­net habe, re­spek­tiert. (114)

 

Com­me on le voit, l’avantage qui ré­sul­te de la fa­çon dont je l’ai pré­sen­té ain­si, c’est que ça si­mu­le la sphè­re, com­me je l’ai fait re­mar­quer à Dalí avec qui je me suis entre­te­nu de ça je ne sais plus quand. (68)

Wie man sieht, der Vor­teil, der sich aus der Wei­se er­gibt, sie so zu prä­sen­tie­ren, be­steht dar­in, dass dies die Ku­gel si­mu­liert, wie ich es Dalí ge­gen­über an­ge­merkt habe, mit dem ich mich dar­über un­ter­hal­ten habe, ich weiß nicht mehr wann.4

 

La dif­fé­rence qu’il y a ent­re cet­te chaî­ne bor­ro­méen­ne et ce qu’on des­si­ne tou­jours dans une sphè­re ar­mil­lai­re quand on es­saie de la cir­cu­la­ri­ser à trois ni­veaux, re­spec­tive­ment qu’on peut ap­pe­ler : trans­ver­sal, sagit­tal, ho­ri­zon­tal, on n’a ja­mais vu re­pré­sen­ter une sphè­re ar­mil­lai­re de la fa­çon dont se pré­sen­te ce nœud, ce nœud bor­ro­méen. (68)

Der Un­ter­schied zwi­schen die­ser bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung und dem, was man bei ei­ner Ar­mil­larsphä­re im­mer zeich­net, wenn man ver­sucht, sie als Krei­se auf drei Ebe­nen da­zu­stel­len, die man je­weils als trans­ver­sal, sagit­tal und ho­ri­zon­tal be­zeich­nen kann, be­steht dar­in, dass man eine Ar­mil­larsphä­re nie­mals auf die Wei­se dar­ge­stellt ge­se­hen hat, wie die­ser Kno­ten dar­ge­stellt wird, die­ser bor­ro­mäi­sche Kno­ten. (114 f.)

 

Alors cet­te fausse sphè­re que j’ai des­si­née là tout à fait sur la droi­te, il y a une fa­çon de la ma­ni­pu­ler, de la ma­ni­pu­ler en tant que pri­se au ni­veau de ce qui en con­sti­tue un hui­tiè­me. (68)

Die­se fal­sche Ku­gel also, die ich ganz rechts da ge­zeich­net habe, es gibt eine Wei­se, sie zu ma­ni­pu­lie­ren, sie zu ma­ni­pu­lie­ren, in­dem sie auf der Ebe­ne des­sen ge­nom­men wird, was da­von ein Ach­tel bil­det. (115)

 

Ça con­sis­te là… ceci par­ce que cet­te sphè­re est sup­por­tée de cer­cles, il y a une fa­çon de la re­tour­ner sur elle-même. (68)

Das kon­sis­tiert da – des­halb, weil die­se Ku­gel aus Krei­sen ge­bil­det wird, gibt es eine Wei­se, sie auf sich selbst um­zu­klap­pen. (115)

 

Une sphè­re com­me tel­le, c’est dif­fi­ci­le de ne pas con­ce­voir que c’est lié à l’idée de « Tout ». (68)

Was eine Ku­gel als sol­che an­geht, so ist schwer, nicht zu den­ken, dass sie an die Idee des Gan­zen ge­bun­den ist. (115)

 

Il est un fait, c’est que le fait qu’on re­pré­sen­te une sphè­re très vo­lon­tiers par un cer­cle, lie l’idée de « Tout » – qui ne se sup­por­te que de la sphè­re – lie l’idée de « Tout » au cer­cle. (68)

Es ist eine Tat­sa­che, dass da­durch, dass man eine Ku­gel sehr gern durch ei­nen Kreis dar­stellt, die Idee des Gan­zen – die nur durch die Ku­gel ge­stützt wird –, die Idee des Gan­zen mit dem Kreis ver­bin­det. (115)

 

Mais c’est une err­eur. (68)

Das ist je­doch ein Feh­ler. (115)

 

C’est une err­eur par­ce que l’idée de « Tout » im­pli­que la fer­me­tu­re. (68)

Das ist des­halb ein Feh­ler, weil die Idee des Gan­zen die Ge­schlos­sen­heit im­pli­ziert. (115)

 

Si on peut re­tour­ner ce « Tout », l’intérieur de­vi­ent l’extérieur, et c’est ce qui se pro­du­it à par­tir du mo­ment où nous avons sup­por­té de cer­cles la chaî­ne bor­ro­méen­ne, c’est que la chaî­ne bor­ro­méen­ne peut se re­tour­ner. (68)

Wenn man die­ses „Gan­ze“ um­klap­pen kann, wird das In­nen zum Au­ßen; und es ist das, was sich von dem Mo­ment an her­stellt, wo wir die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung mit Krei­sen ge­bil­det ha­ben, näm­lich dass die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung um­ge­klappt wer­den kann. (115)

 

Elle peut se re­tour­ner du fait que le cer­cle, c’est pas du tout ce qu’on croit – ce qui sym­bo­li­se l’idée de « Tout » – mais que dans un cer­cle il y a un trou. (68)

Sie kann um­ge­klappt wer­den, auf­grund des­sen, dass der Kreis kei­nes­wegs das ist, was man glaubt – das, was die Idee des Gan­zen sym­bo­li­siert –, son­dern auf­grund des­sen, dass es im Kreis ein Loch gibt. (115)

 

C’est dans la me­s­u­re où les êtres sont in­er­tes, c’est-à-dire sup­por­tés par un corps, qu’on peut – com­me on l’a fait, à l’initiative de Po­pi­li­us – dire à quelqu’un : « tu ne sor­ti­ras pas de là, par­ce que j’ai fait un rond au­tour de toi, tu ne sor­ti­ras pas de là avant de m’avoir pro­mis tel­le cho­se. » (68)

In dem Maße, in dem die We­sen trä­ge sind, das heißt von ei­nem Kör­per ge­stützt wer­den, kann man, wie man es auf die An­re­gung des Po­pi­li­us hin ge­tan hat, zu je­man­dem sa­gen: „Du wirst da nicht raus­kom­men, weil ich ei­nen Kreis um dich ge­zo­gen habe, du wirst da nicht raus­kom­men, be­vor du mir nicht et­was Be­stimm­tes ver­spro­chen hast.“5 (115)

 

[110] Nous re­trou­vons là, en som­me, ceci pour quoi j’ai avan­cé que con­cer­nant ce que j’ai ap­pelé du nom de « La femme » : elle n’est « pas-tou­te ». (68)

Wir sto­ßen hier letzt­lich wie­der auf das, wes­we­gen ich be­haup­tet habe, dass, be­zo­gen auf das, was ich mit dem Na­men „Die Frau“ be­zeich­net habe, sie „nicht-alle“ ist. (115)

 

Elle n’est pas-tou­te, ceci veut dire que « les femmes » ne con­sti­tu­ent qu’un en­sem­ble. (68)

Sie ist nicht-alle, das heißt, dass die Frau­en nur eine Men­ge bil­den. (115)

 

En ef­fet, avec le temps on est ar­ri­vé à dis­so­cier l’idée de « Tout », de l’idée d’ensemble. (68)

Tat­säch­lich ist man im Lauf der Zeit dazu ge­langt, die Idee des Gan­zen von der Idee der Men­ge zu tren­nen. (115)

 

Je veux dire que… on est ar­ri­vé à la pen­sée de ceci qu’un cer­tain nom­bre d’objets peu­vent être sup­por­tés de pe­ti­tes lettres, et alors l’idée de « Tout » se dis­so­cie, à sa­voir que le cer­cle cen­sé – dans une re­pré­sen­ta­ti­on tout à fait fra­gi­le – les ras­sem­bler, le cer­cle est ex­té­ri­eur aux ob­jets pe­tit a, pe­tit b, pe­tit c, etc. (68)

Abb 6 - Menge mit a b c

Men­ge mit Ele­men­ten a, b, c

Ich will sa­gen, dass man zu dem Ge­dan­ken ge­langt ist, dass eine be­stimm­te An­zahl von Ob­jek­ten von klei­nen Buch­sta­ben ge­tra­gen wer­den kann, und da löst sich die Idee des Gan­zen bzw. des „Al­les“ da­von ab, dass näm­lich der Kreis, von dem an­ge­nom­men wird – in ei­ner ganz und gar fra­gi­len Dar­stel­lung –, dass er sie ver­sam­melt, dass der Kreis ge­gen­über den Ob­jek­ten klein a, klein b, klein c usw. äu­ßer­lich ist. (115)

 

Spé­ci­fier que la femme n’est pas-tou­te im­pli­que une dis­sy­m­é­trie ent­re un ob­jet qu’on pour­ra ap­pe­ler grand A – et il s’agit de sa­voir ce que c’est – et un en­sem­ble à un élé­ment, les deux – s’il y a coup­le – étant ré­u­nis d’être con­te­nus dans un cer­cle, qui de ce fait se trou­vent dis­tinc­tes, ce qu’on ex­prime d’habitude se­lon la for­me sui­v­an­te, ce sont des par­en­t­hè­ses dont on use et qu’on écrit ain­si : {A {B}}, il y a un élé­ment d’une part, et d’autre part un en­sem­ble à un seul élé­ment. (69)

Abb 7 - Menge in einer Menge

Men­ge mit Ele­ment A und mit ei­ner Un­ter­men­ge, die Ele­ment B ent­hält

Die Be­stim­mung, dass die Frau „nicht-alle“ ist, im­pli­ziert eine Asym­me­trie zwi­schen ei­nem Ob­jekt, das man groß A nen­nen kann – und es geht dar­um zu wis­sen, was das ist –, und ei­ner Men­ge mit ei­nem Ele­ment, wo­bei die zwei, wenn es ein Paar gibt, ver­eint sind, da sie in ei­nem Kreis ent­hal­ten sind, die aus die­sem Grun­de ver­schie­den sind, was man üb­li­cher­wei­se mit der fol­gen­den For­mel aus­drückt – es sind Klam­mern, die man ver­wen­det, und die man so schreibt: { A {B}}, auf der ei­nen Sei­te gibt es ein Ele­ment und auf der an­de­ren Sei­te eine Men­ge mit ei­nem ein­zi­gen Ele­ment. (115)

 

Com­me vous le voy­ez, j’ai fait un ba­fouil­la­ge. (69)

Wie Sie se­hen, bin ich ins Stam­meln ge­ra­ten. (115)

 

[111] Alors, il faut que je vous avoue ceci : c’est que après avoir as­sen­ti à ce que Sou­ry et Tho­mé m’avaient ar­ti­cu­lé, c’est à sa­voir qu’une chaî­ne bor­ro­méen­ne à trois se mont­re sup­por­ter deux ob­jets dif­fér­ents, à con­di­ti­on que les trois ronds qui con­sti­tu­ent la­di­te chaî­ne so­i­ent co­lo­riés et ori­en­tés : les deux étant exi­gi­bles, ce qui dis­tin­gue les deux ob­jets en ques­ti­on. (69)

Nun, ich muss Ih­nen Fol­gen­des ge­ste­hen: Nach­dem ich dem zu­ge­stimmt hat­te, was Sou­ry und Tho­mé mir ge­gen­über ar­ti­ku­liert hat­ten, dass sich näm­lich für eine bor­ro­mäi­sche Drei­er­ver­schlin­gung er­weist, dass sie zwei ver­schie­de­ne Ob­jek­te trägt, un­ter der Be­din­gung, dass die drei Rin­ge, die die be­sag­te Ket­te bil­den, ge­färbt und ori­en­tiert sind, wo­bei bei­des er­for­der­lich ist; was die bei­den be­tref­fen­den Ob­jek­te un­ter­schei­det. (115)

 

Dans un se­cond temps – c’est-à-dire après avoir as­sen­ti à ce qu’ils di­sai­ent, mais en quel­que sor­te su­per­fi­ci­el­le­ment – je me suis trou­vé dans la po­si­ti­on dé­s­agréa­ble de m’être ima­gi­né que de seu­le­ment les co­lo­ri­er suf­fi­sait à dis­tin­guer deux ob­jets, ceci par­ce que je n’avais pas… j’avais con­sen­ti tout à fait su­per­fi­ci­el­le­ment à ce dont ils m’avaient ap­por­té l’affirmation. (69)

Zu ei­nem zwei­ten Zeit­punkt, das heißt, nach­dem ich dem zu­ge­stimmt hat­te, was sie ge­sagt ha­ben, aber in ge­wis­ser Wei­se nur ober­fläch­lich, fand ich mich in der un­an­ge­neh­men Lage, mir vor­ge­stellt zu ha­ben, dass es schon aus­rei­chen wür­de, sie zu fär­ben, um zwei Ob­jek­te zu un­ter­schei­den, dies des­halb, weil ich nicht hat­te –, weil ich völ­lig ober­fläch­lich dem zu­ge­stimmt hat­te, des­sen Be­haup­tung sie mir vor­ge­legt hat­ten. (115 f.)

 

En ef­fet, ça a l’air de se sen­tir que si nous co­lo­rons en rouge un de ces trois ronds, ça n’est quand même pas le même ob­jet si nous co­lo­rons ce­lui-ci en vert et ce­lui-ci en bleu, ou si nous fai­sons l’inverse. (69)

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Blau un­ter Rot über Grün

Abb 8b - Borr Verschlingung mit blau oben

Blau über Rot un­ter Grün

In der Tat hat es den An­schein, dass man spü­ren kann, wenn wir ei­nen die­ser drei Rin­ge rot fär­ben, dass es doch nicht das­sel­be Ob­jekt ist, wenn wir die­sen hier grün und die­sen blau fär­ben, oder wenn wir das Ge­gen­teil ma­chen. (116)

 

C’est pour­tant le même ob­jet. (69)

Es ist je­doch das­sel­be Ob­jekt. (116)

 

Si nous re­tour­nons la sphè­re nous ob­ti­en­drons très aisé­ment – je vais, mon Dieu, vous le des­si­ner ra­pi­de­ment – nous ob­ti­en­drons très aisé­ment une dis­po­si­ti­on con­trai­re. (69)

Wenn wir die Ku­gel um­klap­pen, er­hal­ten wir sehr leicht – mein Gott, ich wer­de es Ih­nen sehr schnell an­zeich­nen –, er­hal­ten wir sehr leicht eine ent­ge­gen­ge­setz­te An­ord­nung. (116)

 

C’est à sa­voir que pour par­tir de ce qui est là, de ce qui est là pour le re­pré­sen­ter ain­si, où, une fois de plus, il se re­tourne de la fa­çon sui­v­an­te : il est en ef­fet – si nous ne con­s­idé­rons pas ceci com­me ri­gi­de – tout à fait plau­si­ble de fai­re du rond rouge la pré­sen­ta­ti­on sui­v­an­te : (69)

Abb 9 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot - mit Alpha

Blau un­ter Rot über Grün

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Hoch­klap­pen des ro­ten Rings

Das heißt, um von dem aus­zu­ge­hen, was da ist, von dem, was da ist, um es so dar­zu­stel­len, wo es ein wei­te­res Mal auf die fol­gen­de Wei­se um­ge­klappt wird; es ist tat­säch­lich völ­lig plau­si­bel, wenn wir das hier nicht als starr be­trach­ten, mit dem ro­ten Ring die fol­gen­de Dar­stel­lung an­zu­fer­ti­gen. (116)

 

Si ici, com­me il est éga­le­ment plus que plau­si­ble, nous fai­sons glis­ser l’anneau de fa­çon à l’amener là où il est tout à fait évi­dent qu’il peut être, vous ob­te­nez la trans­for­ma­ti­on sui­v­an­te : (69)

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Ver­än­de­rung der Po­si­ti­on der Ge­ra­den

Wenn wir hier, wie es gleich­falls mehr als plau­si­bel ist, den Ring in der Wei­se glei­ten las­sen, dass wir ihn dort­hin füh­ren, wo es völ­lig evi­dent ist, dass er da sein kann, dann er­hal­ten Sie die fol­gen­de Um­for­mung. (116)

 

Et à par­tir de la trans­for­ma­ti­on sui­v­an­te, il est tout ce qu’il y a de plau­si­ble de fai­re glis­ser ce rond d’une fa­çon tel­le que ce qu’il s’agissait d’obtenir, à sa­voir que le rond vert soit in­ter­ne – au lieu que ce soit le rond bleu – soit in­ter­ne au rond rouge, et qu’au con­trai­re le rond bleu soit ex­ter­ne, ceci peut être ob­te­nu : (70)

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Abb 14 - Borr Verschlingung mit DELTA Kopie

Her­un­ter­klap­pen des ro­ten Rings: Blau über Rot un­ter Grün

Und aus­ge­hend von der fol­gen­den Um­for­mung ist es ganz und gar plau­si­bel, die­sen Ring auf eine Wei­se glei­ten zu las­sen, dass das, was es zu er­rei­chen galt, näm­lich dass der grü­ne Ring – an­statt des blau­en Rings – in­ner­halb des Rings liegt und dass im Ge­gen­satz dazu der blaue Ring au­ßer­halb liegt, dass dies er­reicht wer­den kann. (116)

 

Les cho­ses – je peux après tout le dire – ne sont pas si aisées à dé­mon­trer, la preuve c’est que ce qui est im­mé­di­at… à sim­ple­ment pen­ser que les trois ronds peu­vent être re­tour­nés les uns par rap­port aux au­tres …ce qui est im­mé­di­at et est ob­te­nu par la ma­ni­pu­la­ti­on, ne l’est pas – ob­te­nu – si aisé­ment que ça, la preuve c’est que les­dits Sou­ry et Tho­mé qui me re­pré­sen­tai­ent à très jus­te tit­re cet­te ma­ni­pu­la­ti­on, ne l’ont fai­te, qu’en s’embrouillant un peu. (70)

Die Din­ge – so kann ich nach al­le­dem sa­gen – sind nicht so leicht zu de­mons­trie­ren; der Be­weis da­für ist, dass das, was un­mit­tel­bar ist – wenn man ein­fach denkt, dass die drei Rin­ge im Ver­hält­nis zu­ein­an­der um­ge­dreht wer­den kön­nen –, das, was un­mit­tel­bar ist und durch die Ma­ni­pu­la­ti­on er­reicht wird, nicht so ein­fach zu er­rei­chen ist; der Be­weis da­für ist, dass die be­sag­ten Sou­ry und Tho­mé, die mir die­se Ma­ni­pu­la­ti­on sehr zu­recht dar­ge­stellt ha­ben, dies nicht ge­tan ha­ben, ohne sich ein we­nig zu ver­hed­dern. (116)

 

J’ai es­sayé de vous re­pré­sen­ter là, com­ment cet­te trans­for­ma­ti­on ef­fec­tive­ment peut être dite s’opérer. (70)

Ich habe ver­sucht, Ih­nen hier dar­zu­stel­len, wie die­se Um­wand­lung sich tat­säch­lich voll­zie­hen kann. (116)

 

Bon ! (70)

Gut! (116)

 

Qu’est-ce qui en som­me, nous ar­rête dans l’immédiateté qui est une aut­re sor­te d’évidence si je puis dire, cet­te évi­dence que – con­cer­nant le Réel – je fais avec un « joke » : que je sup­por­te de l’évidement. (70)

Was hält uns letzt­lich in der Un­mit­tel­bar­keit fest, die eine an­de­re Art Evi­denz (évi­dence) ist, wenn ich so sa­gen kann, jene Evi­denz, die ich, was das Rea­le be­trifft, mit ei­nem „joke“ ma­che, die ich mit der Ent­lee­rung (évi­de­ment) stüt­ze. (116)

 

Ce qui ré­sis­te à cet­te évi­dence-évi­de­ment, c’est l’apparence no­da­le que pro­du­it ce que j’appellerai le « chaî-nœud », en équi­vo­quant sur | [113] chaî­ne et sur nœud. (70)

Was die­ser Evi­denz-Ent­lee­rung wi­der­steht, ist die kno­ten­haf­te Er­schei­nung, die durch das er­zeugt wird, was ich die chaînœud nen­nen wer­de, die Kno­ten­ver­schlin­gung, mit ei­ner Mehr­deu­tig­keit aus chaî­ne (Ket­te, Ver­schlin­gung) und nœud (Kno­ten). (116)

 

Cet­te ap­pa­rence no­da­le, cet­te for­me de nœud si je puis dire, est ce qui fait du Réel l’assurance. (70)

Die­se kno­ten­haf­te Er­schei­nung, die­se Kno­ten­ge­stalt, wenn ich so sa­gen darf, lie­fert für das Rea­le die Ver­si­che­rung. (116)

 

Et je dirai à cet­te oc­ca­si­on que c’est donc une fal­lace – puis­que j’ai par­lé d’apparence – c’est une fal­lace qui té­moi­g­ne de ce qui est le Réel. (70)

Und hier­bei wer­de ich nun sa­gen, dass das also ein Trug ist – da ich ja von Er­schei­nung ge­spro­chen habe –, es ist ein Trug, der von dem zeugt, was das Rea­le ist. (116)

 

Il y a dif­fé­rence de la pseu­do-évi­dence… puis­que dans ma con­ne­rie j’ai tenu d’abord pour évi­dence qu’il pou­vait y avoir deux ob­jets, à seu­le­ment co­lo­ri­er les cer­cles. (70)

Das un­ter­schei­det sich von der Pseu­do-Evi­denz – da ich es in mei­ner Dumm­heit zu­nächst für eine Evi­denz ge­hal­ten hat­te, dass es zwei Ob­jek­te ge­ben kön­ne, wenn man die Krei­se aus­schließ­lich färbt. (116)

 

Qu’est-ce que veut dire ce qu’en som­me cet­te sé­rie d’artifices, je vous l’ai dé­mon­trée ? (70)

Was heißt das, was ich Ih­nen letzt­lich durch die­se Rei­he von Kunst­grif­fen de­mons­triert habe? (116)

 

C’est là que se mont­re la dif­fé­rence ent­re le mon­trer et le dé­mon­trer. (70)

Hier zeigt sich der Un­ter­schied zwi­schen dem Zei­gen und dem De­mons­trie­ren bzw. Be­wei­sen. (116)

 

Il y a, en quel­que sor­te, une idée de dé­chéan­ce dans le dé­mon­trer par rap­port au mon­trer. (70)

Im De­mons­trie­ren gibt es, im Ver­hält­nis zum Zei­gen, ge­wis­ser­ma­ßen eine Idee von Ver­fall. (116)

 

Il y a un « choir » du mon­trer. (70)

Es gibt ein „Fal­len“ ge­gen­über dem Zei­gen. (116)

 

Tout le bla-bla à par­tir de l’évidence ne fait que réa­li­ser l’évidement à con­di­ti­on de le fai­re si­gni­fi­ca­ti­ve­ment. (70)

All das von der Evi­denz aus­ge­hen­de Bla­bla macht nichts an­de­res als die Ent­lee­rung zu rea­li­sie­ren, un­ter der Be­din­gung, sie auf be­deut­sa­me Wei­se zu voll­zie­hen. (116)

 

Le more géo­me­tri­co qui a été pen­dant long­temps le sup­port idéal de la dé­mons­tra­ti­on, repo­se sur la fal­lace d’une évi­dence for­mel­le. (70)

Das more geo­me­tri­co, das lan­ge Zeit der idea­le Trä­ger der Be­weis­füh­rung ge­we­sen ist, be­ruht auf dem Trug ei­ner for­ma­len Evi­denz. (116)

 

Et ceci est tout à fait de na­tu­re à nous rap­pe­ler que géo­mé­tri­que­ment une li­gne n’est que le re­cou­pe­ment de deux sur­faces, deux sur­faces qui sont el­les-mê­mes tail­lées dans un so­li­de. (70)

Und dies ist ganz dazu an­ge­tan, uns dar­an zu er­in­nern, dass eine Li­nie, geo­me­trisch ge­se­hen, nichts an­de­res ist als die Über­schnei­dung von zwei Flä­chen, von zwei Flä­chen, die selbst wie­der­um in ei­nen Fest­kör­per ge­schnit­ten sind. (116)

 

Mais c’est un aut­re sup­port que nous four­nit l’anneau, le cer­cle – quel qu’il soit, à con­di­ti­on qu’il soit soup­le – c’est une aut­re géo­mé­trie qui est à fon­der sur la chaî­ne. (70)

Eine an­de­re Stüt­ze je­doch lie­fert uns der Ring, der Kreis, wel­cher auch im­mer, un­ter der Be­din­gung, dass er bieg­sam ist; das ist eine an­de­re Geo­me­trie, die auf die Ver­schlin­gung zu grün­den ist. (116)

 

Il est cer­tain que je res­te ex­ces­si­ve­ment frap­pé de mon err­eur, que j’ai à jus­te tit­re ap­pelée « con­ne­rie », que j’en ai été af­fec­té à un point qu’on peut dif­fi­ci­le­ment ima­gi­ner. (70)

Es ist ge­wiss, dass ich wei­ter­hin äu­ßerst ver­blüfft bin über mei­nen Irr­tum, den ich zu Recht als Dumm­heit be­zeich­net habe, dass ich von ihm in ei­nem Aus­maß be­rührt ge­we­sen bin, das man sich nur schwer vor­stel­len kann. (117)

 

C’est bien par­ce que je veux m’en re­quin­quer que je vais main­ten­ant op­po­ser à ce que je crois être – tel­le qu’ils me l’ont ex­pri­mée – l’opinion de Sou­ry et Tho­mé, qui m’ont fait la re­mar­que qu’il ne s’agit pas seu­le­ment que les trois cer­cles so­i­ent les uns co­lo­rés, les au­tres ori­en­tés… un aut­re ori­en­té. (70)

Eben weil ich mich da­von wie­der auf­rich­ten will, wer­de ich jetzt dem et­was ent­ge­gen­set­zen, was ich für die Mei­nung, so wie sie sie mir ge­gen­über aus­ge­drückt ha­ben, von Sou­ry und Tho­mé hal­te, die mir ge­gen­über die Be­mer­kung ge­macht ha­ben, dass es nicht nur dar­um geht, dass von den drei Krei­sen die ei­nen ge­färbt sind, die an­de­ren ori­en­tiert sind, ein an­de­rer ori­en­tiert ist. (117)

 

Ici je for­mu­le, et je crois pou­voir le dé­mon­trer – au sens ou dé­mon­trer est en­core pro­che du mon­trer – ce dont il s’agit. (70)

Hier for­mu­lie­re ich – und ich glau­be, es de­mons­trie­ren zu kön­nen, in dem Sin­ne, in dem De­mons­trie­ren noch nahe beim Zei­gen ist –, das, wor­um es geht. (117)

 

Sou­ry et Tho­mé ont pro­cédé par une ex­haus­ti­on com­bi­na­toire de trois co­lo­ria­ges et de trois ori­en­ta­ti­ons col­lo­quées sur cha­cun des cer­cles. (70)

Sou­ry und Tho­mé sind so vor­ge­gan­gen, dass sie eine kom­bi­na­to­ri­sche Ex­haus­ti­on von drei Fär­bun­gen und drei Ori­en­tie­run­gen vor­ge­nom­men ha­ben, die sie für je­den der Krei­se zu­sam­men­ge­stellt ha­ben. (117)

 

Ils ont cru de­voir pro­cé­der à cet­te ex­haus­ti­on pour dé­mon­trer qu’il y a deux chaî­nes bor­ro­méen­nes dif­fé­ren­tes. (70)

Sie ha­ben ge­glaubt, die­se Ex­haus­ti­on durch­füh­ren zu müs­sen, um zu de­mons­trie­ren, dass es zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen gibt. (117)

 

Je crois pou­voir ici m’opposer, m’opposer en ceci qui res­sort de la fa­çon dont je re­pré­sen­te cet­te chaî­ne bor­ro­méen­ne. (70)

Ich glau­be, das hier be­strei­ten zu kön­nen, das be­strei­ten zu kön­nen durch et­was, was sich aus der Art und Wei­se er­gibt, wie ich die­se bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung dar­stel­le. (117)

 

Pour main­tenir les mê­mes cou­leurs qui sont cel­les dont je me suis ser­vi, voi­ci com­ment je re­pré­sen­te ha­bi­tu­el­le­ment ce que vous aviez vu là. (70)

Um die­sel­ben Far­ben bei­zu­be­hal­ten wie die, de­ren ich mich be­dient habe, se­hen Sie hier, wie ich üb­li­cher­wei­se das dar­stel­le, was Sie da schon ge­se­hen ha­ben. (117)

 

Je le re­pré­sen­te en ceci dif­fé­rem­ment de ce que j’y fais jou­er deux droi­tes in­fi­nies. (70)

Ich stel­le es in­so­fern an­ders dar, als ich hier zwei un­end­li­che Ge­ra­den ins Spiel brin­ge. (117)

 

Là, l’usage de ces deux droi­tes | [114] in­fi­nies com­me op­po­sées au cer­cle qui les con­joint, suf­fit à nous per­mett­re de dé­mon­trer qu’il y a deux ob­jets dif­fér­ents dans la chaî­ne, à cet­te con­di­ti­on qu’un coup­le soit co­lo­rié et le troi­siè­me ori­en­té. (70)

Hier ge­nügt die Ver­wen­dung die­ser bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den im Ge­gen­satz zu dem Kreis, der sie zu­sam­men­hält, um uns die De­mons­tra­ti­on zu er­mög­li­chen, dass es bei der Ver­schlin­gung zwei un­ter­schied­li­che Ob­jek­te gibt, un­ter der Be­din­gung, dass ein Paar ge­färbt ist und das drit­te <Ele­ment> ori­en­tiert ist. (117)

 

Si j’ai par­lé de droi­tes in­fi­nies, c’est que la droi­te in­fi­nie, dont avec pru­dence, Sou­ry et Tho­mé ne font pas usa­ge, la droi­te in­fi­nie est un équi­va­lent du cer­cle, au mo­ins pour ce qui est de la chaî­ne. (71)

Wenn ich von un­end­li­chen Ge­ra­den ge­spro­chen habe, dann weil die un­end­li­che Ge­ra­de, von der Sou­ry und Tho­mé vor­sich­ti­ger­wei­se kei­nen Ge­brauch ma­chen, die un­end­li­che Ge­ra­de ein Äqui­va­lent zum Kreis ist, zu­min­dest was die Ver­schlin­gung be­trifft. (117)

 

C’est un équi­va­lent dont un point est à l’infini. (71)

Sie ist ein Äqui­va­lent, von dem ein Punkt im Un­end­li­chen liegt. (117)

 

Ce qui est exi­gi­ble de deux droi­tes in­fi­nies, c’est qu’elles so­i­ent con­cen­tri­ques, je veux dire qu’entre el­les, el­les ne fas­sent pas chaî­ne. (71)

Von zwei un­end­li­chen Ge­ra­den ist zu for­dern, dass sie kon­zen­trisch sind, ich will sa­gen, dass sie mit­ein­an­der kei­ne Ver­schlin­gung bil­den. (117)

 

Ce qui est le point que de­puis long­temps avait mis en val­eur De­s­ar­gues, mais sans pré­ciser ce der­nier point : c’est à sa­voir que les droi­tes dont il s’agit – droi­tes di­tes in­fi­nies – doiv­ent ne pas s’enchaîner, puis­que rien n’est pré­cisé dans ce qu’a for­mu­lé De­s­ar­gues – et que j’ai évo­qué en son temps à mon sé­min­aire – rien n’est pré­cisé sur ce qu’il en est de ce point dit à l’infini. (71)

Was der Punkt ist, den vor lan­ger Zeit De­s­ar­gues6 her­aus­ge­ar­bei­tet hat, aber ohne die­sen letz­ten Punkt zu prä­zi­sie­ren, dass näm­lich die Ge­ra­den, um die es geht, die so­ge­nann­ten un­end­li­chen Ge­ra­den, sich nicht ver­schlin­gen dür­fen, da in dem, was De­s­ar­gues for­mu­liert hat, nichts Ge­nau­es an­ge­ge­ben ist – wie ich sei­ner­zeit in mei­nem Se­mi­nar er­wähnt habe –, nichts Ge­nau­es an­ge­ge­ben ist dazu, was es mit die­sem so­ge­nann­ten Punkt im Un­end­li­chen auf sich hat.7 (117)

 

Nous vo­y­ons alors le fait sui­vant : ori­en­tons le rond dont nous di­sons qu’il n’a pas be­soin d’être dit d’une cou­leur, c’est évi­dem­ment déjà l’isoler, et à tit­re de ceci qu’il n’est pas dit d’être d’une cou­leur, c’est fai­re déjà quel­que cho­se de dif­fé­rent. (71)

Wir se­hen hier die fol­gen­de Tat­sa­che: Ori­en­tie­ren wir den Kreis, von dem wir sa­gen, dass ihm kei­ne Far­be zu­ge­spro­chen wer­den muss, dann heißt das of­fen­sicht­lich be­reits, ihn zu iso­lie­ren, und auf­grund des­sen, dass von ihm nicht ge­sagt wird, dass er eine Far­be hat, macht man ihn be­reits zu et­was Un­ter­schied­li­chem. (117)

 

Néan­mo­ins, il n’est pas in­dif­fé­rent de dire que les trois doiv­ent être ori­en­tés. (71)

Nichts­des­to­we­ni­ger ist es nicht das­sel­be zu sa­gen, dass alle drei ori­en­tiert sein müs­sen. (117)

 

Si vous pro­cé­dez à par­tir de cet­te ori­en­ta­ti­on, cet­te ori­en­ta­ti­on qui, de là où nous la vo­y­ons, est dex­tro­gy­re, il ne faut pas cro­i­re qu’une ori­en­ta­ti­on, ce soit quel­que cho­se qui se main­ti­en­ne en tous cas. (71)

Abb 15 - Borr Knoten rot rechtsdrehend

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen. Zwei Rin­ge als Ge­ra­de dar­ge­stellt, ei­ner als rechts­dre­hen­der Kreis, Blau un­ter Rot über Grün

Wenn Sie von die­ser Ori­en­tie­rung aus vor­ge­hen, die­ser Ori­en­tie­rung, die von da aus, wo wir sie se­hen, rechts­dre­hend ist –, man darf nicht glau­ben, eine Ori­en­tie­rung sei et­was, das in je­dem Fall be­stehen blie­be. (117)

 

La preuve est fa­ci­le à don­ner. C’est à sa­voir qu’à re­tour­ner… et re­tour­ner im­pli­que­ra l’inversion des droi­tes in­fi­nies …à re­tour­ner le rond, le rond rouge | [115] aura – vu à par­tir du re­tour­ne­ment – une ori­en­ta­ti­on ex­ac­te­ment in­ver­se : (71)

Borromäische Veschlingung aus drei Ringen, roter Kreis linksdrehend

Die­sel­be Ver­schlin­gung wie in der vo­ri­gen Ab­bil­dung, „Rück­sei­te“: Kreis links­dre­hend, Blau über Rot un­ter Grün

Der Be­weis ist ein­fach zu lie­fern: Wenn man näm­lich den Kreis um­dreht – und das Um­dre­hen im­pli­ziert die Um­keh­rung der un­end­li­chen Ge­ra­den –, wenn man den Kreis um­dreht, wird der rote Kreis, nach der Um­dre­hung be­trach­tet, eine ge­nau ent­ge­gen­ge­setz­te Ori­en­tie­rung ha­ben. (117)

 

J’ai dit que un seul suf­fit à être ori­en­té. (71)

Ich habe ge­sagt, dass es aus­reicht, wenn ein ein­zi­ger ori­en­tiert ist. (117)

 

Ceci est d’autant plus con­cev­a­ble qu’à fai­re les droi­tes in­fi­nies : à par­tir de quoi don­ne­ri­ons-nous ori­en­ta­ti­on aux di­tes droi­tes ? (71)

Dies ist umso be­greif­li­cher, wenn man die un­end­li­chen Ge­ra­den bil­det – von wo aus soll­ten wir den er­wähn­ten Ge­ra­den eine Ori­en­tie­rung ge­ben? (117 f.)

 

Le se­cond ob­jet est tout à fait pos­si­ble à mett­re en évi­dence à par­tir de ceci… qui était au princi­pe de mon il­lu­si­on sur le co­lo­ria­ge …à par­tir de ceci : qu’à prend­re le pre­mier – en in­ver­s­ant les cou­leurs – à prend­re le pre­mier de ce que j’ai des­si­né là : à sa­voir en met­tant ici la cou­leur ver­te, et ici la cou­leur bleue, on ob­ti­ent un ob­jet in­con­testa­ble­ment dif­fé­rent, à con­di­ti­on de lais­ser l’orientation de ce­lui qui est ori­en­té, de la lais­ser la même. (71)

Abb 17 - rechtsdrehender roter Ring mit Farbwechsel

Zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen durch Wech­sel der Po­si­ti­on der Ge­ra­den und Bei­be­hal­ten der Ori­en­tie­rung des Krei­ses (rechts­dre­hend)

Das zwei­te Ob­jekt evi­dent zu ma­chen ist ab­so­lut mög­lich, wenn man von dem aus­geht, was mei­ner Il­lu­si­on über die Fär­bung zu Grun­de lag, wenn man da­von aus­geht, dass man, wenn man das ers­te nimmt und die Far­ben um­kehrt, wenn man das ers­te nimmt – das ist das, was ich hier ge­zeich­net habe –, wenn man also hier die grü­ne Far­be und hier die blaue Far­be nimmt, dass man ein un­be­streit­bar un­ter­schied­li­ches Ob­jekt er­hält, un­ter der Be­din­gung, die Ori­en­tie­rung des­sen, was ori­en­tiert ist, bei­zu­be­hal­ten, sie als die­sel­be bei­zu­be­hal­ten. (118)

 

Pour­quoi en ef­fet chan­ge­rais-je l’orientation ? (71)

War­um in der Tat soll­te ich die Ori­en­tie­rung än­dern? (118)

 

L’orientation n’a pas de rai­son d’être chan­gée si j’ai chan­gé le coup­le des cou­leurs; com­ment re­con­naî­trais-je la non-iden­tité de l’objet to­tal, si je chan­ge l’orientation ? (71)

Es gibt kei­nen Grund da­für, die Ori­en­tie­rung zu än­dern, wenn ich das Far­ben­paar ge­än­dert habe; wie soll­te ich die Nicht­iden­ti­tät des Ge­samt­ob­jek­tes er­ken­nen, wenn ich die Ori­en­tie­rung än­de­re? (118)

 

Et même si vous le re­tour­nez : vous vous aper­ce­v­rez que cet ob­jet est bel et bien dif­fé­rent : (72)

 

Abb 18 - linksdrehende Ringe mit Farbwechsel

Zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen mit kon­stan­tem links­dre­hen­dem Kreis

Aber auch, wenn Sie es um­dre­hen, wer­den Sie mer­ken, dass die­ses Ob­jekt völ­lig an­ders ist. (118)

 

Car ce qu’il s’agit de compa­rer, c’est l’objet con­sti­tué par ceci [2], à sa­voir en le faisant tour­ner par ici [1], le compa­rer avec cet ob­jet qui est là [3] et | [116] en som­me, nous aper­ce­voir qu’ici c’est l’orientation – l’orientation main­te­nue de cet ob­jet – l’orientation main­te­nue qui s’oppose, qui dif­fé­ren­cie ce trip­le [2] de ce [3] en quoi il peut être dit avoir « la même pré­sen­ta­ti­on ». (72)

Abb 19 - Drei borromäische Ringe nebeneinander

1 und 2: die­sel­be Ver­schlin­gung, von zwei Sei­ten be­trach­tet. 2 und 3: zwei un­ter­schied­li­che Ver­schlin­gun­gen mit Wech­sel der Ori­en­tie­rung des Krei­ses und Bei­be­hal­ten der Po­si­ti­on der Ge­ra­den

Denn was es zu ver­glei­chen gilt, ist das O1b­jekt, das hier­aus [2] be­steht – in­dem man näm­lich von hier [1] aus­geht und es um­dreht –, es ist zu ver­glei­chen mit dem Ob­jekt, das da [3] ist und uns letzt­lich klar­zu­ma­chen, dass es hier die Ori­en­tie­rung ist, die von die­sem Ob­jekt bei­be­hal­te­ne Ori­en­tie­rung [2 und 3], die bei­be­hal­te­ne Ori­en­tie­rung, die den Ge­gen­satz bil­det, die die­ses Tri­pel [2] von dem [3] un­ter­schei­det, in­so­fern ihm die­sel­be Dar­stel­lung zu­ge­spro­chen wer­den kann. (118)

 

Ceci nous per­met de dis­tin­guer la dif­fé­rence de ce que j’ai ap­pelé tout à l’heure le Réel com­me mar­qué de fal­lace, de ce qu’il en est du vrai. (72)

Das er­mög­licht es uns, den Un­ter­schied zu be­stim­men zwi­schen dem, was ich vor­hin ge­nannt habe „das Rea­le als vom Trug ge­kenn­zeich­net“, und dem, was es mit dem Wah­ren auf sich hat. (118)

 

N’est vrai que ce qui a un sens. (72)

Wahr ist nur, was ei­nen Sinn hat. (118)

 

Quel­le est la re­la­ti­on du Réel au vrai ? (72)

Was ist die Be­zie­hung des Rea­len zum Wah­ren? (118)

 

Le vrai sur le Réel, si je puis m’exprimer ain­si, c’est que le Réel, le Réel du coup­le ici, n’a au­cun sens. (72)

Das Wah­re über das Rea­le – wenn ich mich so aus­drü­cken darf – ist, dass das Rea­le, das Rea­le des Paa­res hier, kei­ner­lei Sinn hat. (118)

 

Ceci joue sur l’équivoque du mot sens. (72)

Das spielt mit der Mehr­deu­tig­keit des Wor­tes „Sinn“. (118)

 

Quel est le rap­port du sens à ce qui, ici, s’écrit com­me ori­en­ta­ti­on ? (72)

Wel­ches ist das Ver­hält­nis des Sinns zu dem, was hier als Ori­en­tie­rung ge­schrie­ben wird? (118)

 

On peut po­ser la ques­ti­on, et on peut sug­gé­rer une ré­pon­se, c’est à sa­voir que c’est le temps. (72)

Man kann die Fra­ge stel­len, und man kann eine Ant­wort vor­schla­gen: dass es näm­lich die Zeit ist. (118)

 

L’important est ceci : c’est que nous fai­sons jou­er dans l’occasion un coup­le dit co­lo­rié, et que ceci n’a au­cun sens. (72)

Wich­tig ist dies, dass wir hier­bei ein Paar ins Spiel brin­gen, das wir ge­färbt nen­nen, und dass dies kei­ner­lei Sinn / Rich­tung hat. (118)

 

L’apparence de la cou­leur est-elle de la vi­si­on – au sens où je l’ai dis­tin­guée – ou du re­gard ? (72)

Ist die Er­schei­nung der Far­be ein Se­hen, in dem Sin­ne, wie ich die­ses un­ter­schie­den habe, oder ein Blick? (118)

 

Est-ce le re­gard ou la vi­si­on qui dis­tin­gue la cou­leur ? (72)

Wird die Far­be durch den Blick oder durch das Se­hen un­ter­schie­den? (118)

 

C’est une ques­ti­on que pour aujourd’hui je lais­se­rai en sus­pens. (72)

Das ist eine Fra­ge, die ich für heu­te in der Schwe­be las­se. (118)

 

La no­ti­on de coup­le, de coup­le co­lo­rié, est là pour sug­gé­rer que dans le sexe, il n’y a rien de plus que, je dirais « l’être de la cou­leur », ce qui sug­gè­re en soi qu’il peut y avoir hom­me cou­leur de femme, dirais-je, ou femme cou­leur d’homme. (72)

Der Be­griff des Paars, des ge­färb­ten Paars, steht hier, um na­he­zu­le­gen, dass es beim Ge­schlecht nicht mehr gibt als, möch­te ich sa­gen, das Sein der Far­be / das Farb­we­sen, was an sich na­he­legt, dass es ei­nen Mann in Frau­en­far­be, wenn ich so sa­gen darf, oder eine Frau in Män­ner­far­be ge­ben kann. (118)

 

[117] Les se­xes en l’occasion – si nous sup­por­tons du rond rouge ce qu’il en est du Sym­bo­li­que – les se­xes en l’occasion sont op­po­sés com­me l’Imaginaire et le Réel, com­me l’Idée et l’impossible, pour re­prend­re mes ter­mes. (72)

Die Ge­schlech­ter sind hier­bei – wenn wir mit dem ro­ten Kreis das stüt­zen, was es mit dem Sym­bo­li­schen auf sich hat –, die Ge­schlech­ter sind hier­bei ent­ge­gen­ge­setzt wie das Ima­gi­nä­re und das Rea­le, wie die Idee dem Un­mög­li­chen, um mei­ne Ter­mi­ni wie­der auf­zu­grei­fen. (118)

 

Mais est-il bien sûr que tou­jours ce soit le Réel qui soit en cau­se ? (72)

Ist es aber denn si­cher, dass das Rea­le im­mer dar­an be­tei­ligt ist? (118)

 

J’ai avan­cé que dans le cas de Joy­ce, c’est l’idée et le sin­t­home plu­tôt, com­me je l’appelle. (72)

Ich habe be­haup­tet, im Fal­le von Joy­ce sind es eher die Idee und das Sin­t­hom, wie ich es nen­ne. (118)

 

D’où l’éclairage qui en ré­sul­te de ce qu’est une femme : pas-tou­te ici, de n’être pas sai­sie, de res­ter – à Joy­ce nom­mé­ment – étran­gè­re, de n’avoir pas de sens pour lui. (72)

Von da­her die Er­hel­lung, die sich aus dem er­gibt, was eine Frau ist: nicht-alle hier, da sie nicht er­fasst wird, da sie – für Joy­ce ins­be­son­de­re – fremd bleibt, da sie für ihn kei­nen Sinn hat. (118)

 

Une femme, au res­te, a-t-elle ja­mais un sens pour l’homme ? (72)

Hat üb­ri­gens eine Frau je ei­nen Sinn für den Mann? (118)

 

L’homme est por­teur de l’idée de si­gni­fi­ant, et l’idée de si­gni­fi­ant se sup­por­te, dans la lan­gue, de la syn­ta­xe, es­sen­ti­el­le­ment. (72)

Der Mann ist der Trä­ger der Idee des Si­gni­fi­kan­ten, und die Idee des Si­gni­fi­kan­ten wird in der Spra­che we­sent­lich von der Syn­tax ge­stützt. (118)

 

Il n’en res­te pas mo­ins que si quel­que cho­se dans l’Histoire peut être sup­po­sé, c’est que c’est « l’ensemble des femmes » qui… de­vant une lan­gue qui se dé­com­po­se : le la­tin dans l’occasion, puis­que c’est de cela qu’il s’agissait à l’origine de nos lan­gues …que c’est « l’ensemble des femmes » qui en­gend­re ce que j’ai ap­pelé lalan­gue. (72)

Das än­dert nichts dar­an, dass, wenn in der Ge­schich­te et­was an­ge­nom­men wer­den kann, es dies ist, dass es die Men­ge der Frau­en ist, die an­ge­sichts ei­ner Spra­che, die sich auf­löst – hier das La­tei­ni­sche, denn dar­um han­del­te es sich am Ur­sprung un­se­rer Spra­chen –, dass es die Men­ge der Frau­en ist, die das er­zeugt, was ich „Lalan­gue“ ge­nannt habe. (118 f.)

 

C’est ce dire in­ter­ro­gé sur ce qu’il en est de lalan­gue, sur ce qui a pu gui­der un sexe sur les deux, vers ce que j’appellerai cet­te pro­t­hè­se de l’équivoque, car ce qui ca­rac­té­ri­se lalan­gue par­mi tou­tes, ce sont les équi­vo­ques qui y sont pos­si­bles. (73)

Das ist das­je­ni­ge Sa­gen, das dar­über be­fragt wird, was es mit der Spra­che auf sich hat, dar­über, was ein Ge­schlecht von bei­den zu je­ner, wie ich es nen­nen wer­de, Pro­the­se der Mehr­deu­tig­keit ge­führt ha­ben mag, denn was für eine Lalan­gue cha­rak­te­ris­tisch ist, im Ver­hält­nis zu al­len an­de­ren, das sind die Äqui­vo­ka­tio­nen, die in ihr mög­lich sind. (119)

 

C’est ce que j’ai il­lus­tré de l’équivoque de « deux » (d, e, u, x) avec « d’eux » (d, apo­stro­phe, e, u, x). (73)

Das habe ich mit der Äqui­vo­ka­ti­on von „deux“– d, e, u, x – („zwei“) und d’eux“ – d, Apo­stroph, e, u, x („von ih­nen“) il­lus­triert.8 (119)

 

Un « en­sem­ble des femmes » a en­gendré dans chaque cas lalan­gue. (73)

Eine Men­ge von Frau­en hat in je­dem Fall Lalan­gue er­zeugt. (119)

 

Là-des­sus, je veux quand même vous in­di­quer quel­que cho­se. (73)

Hier­zu möch­te ich Sie doch auf et­was hin­wei­sen. (119)

 

C’est que nous avons par­lé de bien des cho­ses aujourd’hui, sauf de ce qui fait le prop­re de la chaî­ne bor­ro­méen­ne. (73)

Näm­lich dar­auf, dass wir heu­te von vie­len Din­gen ge­spro­chen ha­ben, au­ßer da­von, was das Ei­gent­li­che der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus­macht. (119)

 

La chaî­ne bor­ro­méen­ne n’aurait pas lieu s’il n’y avait pas ceci que je des­si­ne, et que, com­me d’habitude, je des­si­ne mal par­ce que c’est com­me ça que ça doit être des­si­né qui en est le prop­re et qui est ce que j’appellerai le faux-trou. (73)

Abb 20 - Falsches Loch

Zwei Rin­ge, die ein fal­sches Loch bil­den

Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung wür­de nicht statt­fin­den, wenn es nicht das gäbe, was ich zeich­ne und was ich wie üb­lich schlecht zeich­ne, weil das so ge­zeich­net wer­den muss, was da­von das Ei­gen­tüm­li­che ist und was ich das fal­sche Loch nen­nen wer­de. (119)

 

Dans un cer­cle – ai-je sou­li­gné tout à l’heure – il y a un trou. (73)

In ei­nem Kreis, habe ich eben her­vor­ge­ho­ben, gibt es ein Loch. (119)

 

Qu’on puis­se avec un cer­cle en y ad­joi­gnant un aut­re, fai­re ce trou qui con­sis­te | [118] dans ce qui pas­se là, au mi­lieu, et qui n’est ni le trou de l’un, ni le trou de l’autre, c’est ça que j’appelle le faux-trou. (73)

Dass man mit ei­nem Kreis, in­dem man ihm ei­nen wei­te­ren hin­zu­fügt, die­ses Loch bil­den kann, das aus dem be­steht, was hier durch die Mit­te läuft und was we­der das Loch des ei­nen noch das Loch des an­de­ren ist, das ist das, was ich das fal­sche Loch nen­ne. (119)

 

Mais il y a ceci sur quoi repo­se tou­te l’essence de la chaî­ne bor­ro­méen­ne : c’est que « droi­te in­fi­nie » ou « cer­cle », s’il y a quel­que cho­se qui tra­ver­se ce que j’ai ap­pelé à l’instant le faux-trou, s’il y a quel­que cho­se – je le ré­pè­te, droi­te ou cer­cle – ce faux-trou est, si l’on peut dire, vé­ri­fié. (73)

Abb 21 - Falsches Loch mit unendicher Gerader ohne Beschriftung

Ver­wand­lung ei­nes fal­schen Lochs in ein wah­res Loch durch eine un­end­li­che Ge­ra­de

Es gibt je­doch dies, wor­auf das gan­ze We­sen der bor­ro­mäi­schen Ket­te be­ruht: wenn es näm­lich et­was gibt, un­end­li­che Ge­ra­de oder Kreis, das das durch­quert, was ich ge­ra­de fal­sches Loch ge­nannt habe, wenn es et­was gibt – ich wie­der­ho­le es: Ge­ra­de oder Kreis –, so wird die­ses fal­sche Loch, wenn man so sa­gen kann, ve­ri­fi­ziert. (119)

 

La fonc­tion de ceci : la vé­ri­fi­ca­ti­on du faux-trou, le fait que cet­te vé­ri­fi­ca­ti­on le trans­for­me en Réel, c’est là. (73)

De­ren Funk­ti­on, die der Ve­ri­fi­zie­rung des fal­schen Lochs, die Tat­sa­che, dass die­se Ve­ri­fi­zie­rung es in ein rea­les um­formt, ist da. (119)

 

Et je me per­mets à cet­te oc­ca­si­on de rap­pe­ler que j’ai eu l’occasion de re­li­re ma « Si­gni­fi­ca­ti­on du Phal­lus ». (73)

Und ich er­lau­be mir hier­bei, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ich die Ge­le­gen­heit ge­habt habe, mei­ne „Be­deu­tung des Phal­lus“ wie­der zu le­sen.9 (119)

 

J’y ai eu la bon­ne sur­pri­se de trou­ver dès les pre­miè­res li­gnes l’évocation du nœud, ceci à une date où j’étais bien loin de m’être in­téres­sé à ce qu’on ap­pel­le le nœud bor­ro­méen. (73)

Mir wi­der­fuhr die schö­ne Über­ra­schung, von den ers­ten Zei­len an den Kno­ten er­wähnt zu fin­den, und dies zu ei­nem Zeit­punkt, als ich recht weit da­von ent­fernt war, mich da­für zu in­ter­es­sie­ren, was man den bor­ro­mäi­schen Kno­ten nennt. (119)

 

Les pre­miè­res li­gnes de la « Si­gni­fi­ca­ti­on du Phal­lus » in­di­quent le nœud com­me étant ce qui est du res­sort en l’occasion …c’est ce phal­lus qui a ce rôle de vé­ri­fier, du faux-trou, qu’il est Réel. (73)

Die ers­ten Zei­len der „Be­deu­tung des Phal­lus“ ver­wei­sen auf den Kno­ten als das, wor­um es da­bei geht – es ist die­ser Phal­lus, der die Rol­le hat, zu ve­ri­fi­zie­ren, dass es, das fal­sche Loch, real ist.10 (119)

 

C’est en tant que le sin­t­home fait un faux-trou avec le Sym­bo­li­que, qu’il y a une pra­xis quel­con­que, c’est-à-dire quel­que cho­se qui relè­ve du dire, de ce que j’appellerai aus­si bien à l’occasion l’art-dire, voi­re, pour glis­ser vers l’ardeur. (73)

In­so­fern das Sin­t­hom ein fal­sches Loch mit dem Sym­bo­li­schen bil­det, gibt es über­haupt eine Pra­xis, das heißt et­was, das vom Sa­gen aus­geht, da­von, was ich hier eben­so gut die Sa­ge­kunst (l’art-dire) nen­nen wer­de, um so­gar bis zur Glut (l’ardeur) zu glei­ten.11 (119)

 

Joy­ce – pour ter­mi­ner – ne sa­vait pas qu’il fai­sait le sin­t­home, je veux dire qu’il le si­mu­lait. (73)

Joy­ce, um zum Ende zu kom­men, wuss­te nicht, dass er das Sin­t­hom bil­de­te, ich will sa­gen, dass er es si­mu­lier­te. (119)

 

Il en était in­con­sci­ent, et c’est de ce fait qu’il est un pur ar­ti­fi­cier, qu’il est un hom­me de sa­voir-fai­re, c’est-à-dire ce qu’on ap­pel­le aus­si bien un ar­tis­te. (73)

Er war sich des­sen un­be­wusst, und des­halb ist er ein rei­ner Feu­er­wer­ker (ar­ti­fi­cier), ist er ein Mann des Sa­voir-fai­re, das heißt je­mand, den man auch ei­nen Künst­ler (ar­tis­te) nennt.12 (119)

 

Le seul Réel qui vé­ri­fie quoi que ce soit c’est le phal­lus, en tant que j’ai dit tout à l’heure de quoi le phal­lus est le sup­port : à sa­voir de ce que je sou­li­gne dans cet ar­ti­cle, à sa­voir de la fonc­tion du si­gni­fi­ant en tant qu’elle crée tout si­gni­fié. (73)

Das ein­zi­ge Rea­le, durch das ir­gend­et­was ve­ri­fi­ziert wird, ist der Phal­lus, in­so­fern ich ge­ra­de ge­sagt habe, wo­von der Phal­lus der Trä­ger ist, näm­lich von dem, was ich in die­sem Ar­ti­kel her­vor­he­be, näm­lich von der Funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, in­so­fern sie je­des Si­gni­fi­kat er­schafft. (119)

 

En­core faut-il – ajou­te­r­ai-je, pour le re­prend­re la pro­chai­ne fois – en­core faut-il qu’il n’y ait que lui pour le vé­ri­fier, ce Réel. (73)

Zu­dem ist es nö­tig, füge ich hin­zu, um es das nächs­te Mal wie­der auf­zu­neh­men, zu­dem ist es nö­tig, dass es nur ihn gibt, um es zu ve­ri­fi­zie­ren, die­ses Rea­le. (119)

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PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grau­er Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­gabe von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 19751976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[28]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­sion von 2005 die Sei­te 28“.

Pas­sa­gen in schwar­zer Schrift sind Zu­sam­men­fas­sun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern in grü­ner Schrift sind mei­ne er­läu­tern­den Er­gän­zun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern, die mit zwei Fra­ge­zei­chen be­gin­nen und hell­grün un­ter­legt sind, ent­hal­ten mei­ne Fra­gen zum Text­ver­ständ­nis.

[105] La­can kün­digt an, dass er in die­ser Sit­zung im­pro­vi­sie­ren wird – es gibt ei­nen Streik, und er hat­te sich des­halb nicht dar­auf ein­ge­stellt zu spre­chen. Bei die­ser Im­pro­vi­sa­ti­on wird er et­was „zei­gen“, wor­an er ge­ar­bei­tet hat.

Zur Aufführung von Cixous’ „Porträt von Dora“

Aber zu­nächst spricht er über ein Thea­ter­stück von Hé­lè­ne Ci­xous, Por­trait de Dora (Por­trät von Dora). Er hat die Auf­füh­rung ge­se­hen und emp­fiehlt sei­nen Zu­hö­rern, sie sich eben­falls an­zu­schau­en. Er sagt auch, war­um er sich dazu äu­ßert: weil er es der Au­to­rin ver­spro­chen hat. Bei die­ser Ge­le­gen­heit teilt er sei­nen Zu­hö­rern mit, dass er Ci­xous mag und dass er sie Hé­lè­ne nennt [mög­li­cher­wei­se duzt er sie also – wie Rou­di­nes­co be­rich­tet, hat La­can nur we­ni­ge Men­schen ge­duzt].

Hélène Cixous, 1976

Hé­lè­ne Ci­xous, 1976

1971 hat­te Ci­xous eine An­mer­kung zu Dora ver­öf­fent­licht [mit dem Ti­tel La dé­rou­te du su­jet, ou le voya­ge ima­gin­aire de Dora], da­bei geht es um Freuds Dora [aus Freuds Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905)]. Die­ser Text war in der Zeit­schrift Lit­té­ra­tu­re ver­öf­fent­licht wor­den, im sel­ben Heft, in dem auch La­cans Auf­satz Litu­ra­terre er­schie­nen war. Aus­ge­hend von ih­rem Ar­ti­kel in Lit­té­ra­tu­re hat Ci­xous ein Thea­ter­stück ge­schrie­ben, das er­wähn­te Por­trät von Dora.

La­can sagt, dass er das Por­trät von Dora „nicht schlecht“ fand. Er spricht nicht über das Stück all­ge­mein, son­dern über die In­sze­nie­rung, spe­zi­ell über die Be­zie­hung zwi­schen den Rol­len und den Schau­spie­lern, die er, wie er sagt, ver­blüf­fend fin­det. | [106] Das Stück wur­de „auf eine rea­le Wei­se“ auf­ge­führt, d.h. so, dass die Schau­spie­ler von der „Rea­li­tät der Wie­der­ho­lun­gen“ be­herrscht wur­den. Die Schau­spie­le­rin, die die Dora spielt [Na­tha­lie Nell], ist nicht die bes­te Hys­te­ri­ke­rin; sie zeigt die Hys­te­ri­ker­tu­gen­den aber nicht schlecht. Eine an­de­re Schau­spie­le­rin [Mi­chel­le Mar­quais], die eine bes­se­re Hys­te­ri­ke­rin ist, spielt eine an­de­re Rol­le [die der Frau K.], sie zeigt aber nicht ihre Hys­te­ri­ker­tu­gen­den. Dem Schau­spie­ler, der den Freud spielt, ist die Si­tua­ti­on un­an­ge­nehm, er lässt sich das durch sei­ne Vor­sicht an­mer­ken. Das ist nicht sehr güns­tig, zu­mal er kein pro­fes­sio­nel­ler Schau­spie­ler ist. [Freud wur­de in die­ser Auf­füh­rung von Lu­ci­en Ro­sen­gart (19381992) ge­spielt, ei­nem Kom­po­nis­ten.] Der Dar­stel­ler des Freud hat Angst, zu char­gie­ren, zu über­zeich­nen, und von die­ser Vor­sicht ist die Auf­füh­rung ge­prägt. Das Er­geb­nis ist eine Hys­te­rie, die man als „un­voll­stän­dig“ be­zeich­nen kann. Die Hys­te­rie, das sind seit Freud im­mer zwei, und hier ist die Hys­te­rie auf ei­nen Zu­stand re­du­ziert, den man als „ma­te­ri­ell“ be­zeich­nen kann. Es fehlt das Ele­ment, das schon vor Freud hin­zu­ge­fügt wur­de, näm­lich wie die Hys­te­rie ver­stan­den wer­den muss [vor Freud er­folg­te der Zu­gang zum ver­bor­ge­nen Sinn durch die Hyp­no­se]. Und eben das er­gibt eine „star­re“ Hys­te­rie.

[Viel­leicht ist dies ge­meint: Durch die Vor­sicht des Schau­spie­lers, der den Freud spielt, fehlt der Hys­te­ri­ke­rin, also Dora, der Adres­sat: der An­de­re in der Po­si­ti­on des Herrn (vgl. die For­mel vom Dis­kurs des Hys­te­ri­kers in Se­mi­nar 17). Da­durch wird aus der Hys­te­rie ge­wis­ser­ma­ßen eine Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaft und in­so­fern et­was Ma­te­ri­el­les. Tat­säch­lich hat die Hys­te­rie je­doch re­la­tio­na­len Cha­rak­ter, sie exis­tiert nur in der Be­zie­hung zu ei­nem An­de­ren, den die Hys­te­ri­ke­rin (oder der Hys­te­ri­ker) in die Po­si­ti­on des Herrn bringt, des­je­ni­gen, der die Funk­ti­on hat, das Rät­sel, vor das sie ihn stellt, zu ver­ste­hen und sich an die­sem Pro­blem ab­zu­ar­bei­ten. Da die Hys­te­rie sich auf ei­nen An­de­ren be­zieht, ist sie sie fle­xi­bel, nicht starr. Be­reits vor Freud wur­de die Hys­te­rie et­was be­grif­fen, was ver­stan­den wer­den kann – was ei­nen ver­steck­ten Sinn hat, der ge­deu­tet wer­den kann.]

[?? Was sind Hys­te­ri­ker­tu­gen­den? Meint La­can hier das Wis­sen­wol­len? Was hat es mit der Ver­schie­bung auf sich, dass die die schlech­te­re Hys­te­ri­ke­rin eine Hys­te­ri­ke­rin spielt, und zwar nicht schlecht, und dass bes­se­re Hys­te­ri­ke­rin eine Per­son dar­stellt, die kei­ne Hys­te­ri­ke­rin ist? Was meint „Rea­li­tät der Wie­der­ho­lun­gen“ und in­wie­fern be­herrscht sie die Schau­spie­ler?]

Darstellungsarten der borromäischen Verschlingung

La­can wech­selt vom Por­trät von Dora zur bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung; | [107] als Schar­nier ver­wen­det er die Op­po­si­ti­on von Starr­heit und Bieg­sam­keit. Die in der Auf­füh­rung des Stücks dar­ge­stell­te Hys­te­rie ist „starr“. Der Aus­druck „bor­ro­mäi­sche Ket­te“ legt eben­falls Starr­heit nahe [man denkt an eine Ket­te aus Ei­sen­glie­dern, die in sich selbst starr sind]. Tat­säch­lich aber ist die bor­ro­mäi­sche Ket­te bieg­sam. [Spä­ter in die­ser Sit­zung wird La­can sich dar­auf be­zie­hen, dass man die ein­zel­nen Rin­ge ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung fal­ten kann, dass man sie in sich um­klap­pen kann.] Nicht um­sonst wird die bor­ro­mäi­sche Ket­te auch „Kno­ten“ ge­nannt, da sie näm­lich zum Kno­ten hin glei­tet. [Beim Aus­druck „Kno­ten“ denkt man an Schnü­re und setzt da­mit Bieg­sam­keit vor­aus. In der To­po­lo­gie wer­den die Rin­ge ei­ner Ver­schlin­gung als un­be­grenzt ver­form­bar auf­ge­fasst.]

Auf die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung hat­te La­can sich [seit Se­mi­nar 19] be­zo­gen, um durch sie das Sym­bo­li­sche, das Ima­gi­nä­re und das Rea­le mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Wich­tig ist da­bei das Rea­le. Nach­dem er lan­ge über das Sym­bo­li­sche und das Ima­gi­nä­re ge­spro­chen hat­te, hat­te er sich ge­fragt, wo in die­ser Zu­sam­men­fü­gung das Rea­le sein könn­te. Das Rea­le konn­te nicht ein ein­zel­ner Fa­den­ring sein, viel­mehr macht die Art der Ver­schlin­gung als Gan­ze das Rea­le des Kno­tens aus. [Das Rea­le wird von La­can der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung dop­pelt zu­ge­ord­net. Das Rea­le ist ein ein­zel­ner Fa­den­ring und es ist zu­gleich ein be­stimm­ter As­pekt der Ver­schlin­gung ins­ge­samt, näm­lich die Ex-sis­tenz, d.h. dies, dass die Rin­ge ein­an­der in ei­ner Wei­se äu­ßer­lich sind, dass sie zu­sam­men­hal­ten.]

La­can be­zieht sich dann auf drei un­ter­schied­li­che Dar­stel­lun­gen ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen.

Die ers­te Dar­stel­lungs­art bringt die Rin­ge in die Form von Recht­ecken und ord­net sie so an, dass sie auf drei ver­schie­de­nen Ebe­nen lie­gen: fron­tal zum Be­trach­ter (rot), auf den Be­trach­ter zu­lau­fend (blau) und ho­ri­zon­tal (grün).

Abb 1 - Borromäischer Knoten

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Recht­ecken in drei Ebe­nen

La­can un­ter­bricht den eben erst be­gon­ne­nen Über­blick über die ver­schie­de­nen Dar­stel­lungs­ar­ten der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung und be­zieht sich auf zwei wei­te­re Kno­ten­for­men [die ihn in die­ser Sit­zung nicht wei­ter be­schäf­ti­gen wer­den]: auf ei­nen Klee­blatt­kno­ten13

Linkshändige Kleeblattknoten

Klee­blatt­kno­ten, links­dre­hend

Hopf-Verschlingung

Hopf-Ver­schlin­gung

[108] und auf eine Ver­bin­dung von zwei Rin­gen, bei der die Rin­ge di­rekt in­ein­an­der­grei­fen [in der To­po­lo­gie heißt die zwei­te Art der Ver­bin­dung „Hopf-Ver­schlin­gung“]. [Das sind of­fen­bar Kon­trast­fi­gu­ren – um die­se For­men des Kno­tens bzw. der Ver­schlin­gung geht es im Fol­gen­den nicht.]

La­can kommt auf die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen zu­rück und be­zieht sich auf eine zwei­te Form der Dar­stel­lung. Zwei der Rin­ge wer­den hier durch un­end­li­che Ge­ra­den re­prä­sen­tiert.

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus ei­nem Kreis und zwei un­end­li­chen Ge­ra­den

[Die En­den ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den be­rüh­ren sich im Un­end­li­chen, in­so­fern hat eine un­end­li­che Ge­ra­de Ähn­lich­keit mit ei­nem Kreis.14] La­can nennt die­se Art der Dar­stel­lung „pro­jek­tiv“ [da das Pos­tu­lat, dass die bei­den En­den ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den sich be­rüh­ren, ein Axi­om der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie ist].

Borromäische Verschlingung in der Art einer Armillarsphäre

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Krei­sen in der Art ei­ner Ar­mil­larsphä­re

[109] Schlie­ßich be­zieht La­can sich auf eine drit­te Art, die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung dar­zu­stel­len. Wie in der ers­ten Dar­stel­lungs­form sind die drei Rin­ge auch hier drei Ebe­nen zu­ge­ord­net; La­can un­ter­schei­det sie [mit ei­ner in der Ana­to­mie üb­li­chen Ter­mi­no­lo­gie] als trans­ver­sa­ler Ring (rot) [fron­tal zum Be­trach­ter], sagit­ta­ler Ring (blau) [auf den Be­trach­ter zu­lau­fend] und ho­ri­zon­ta­ler Ring (grün). Die Rin­ge ha­ben jetzt je­doch eine an­de­re Ge­stalt als bei der ers­ten Dar­stel­lungs­art, sie wer­den nicht mehr als Recht­ecke wie­der­ge­ge­ben, son­dern als Krei­se, und da­mit er­in­nern die­se Dar­stel­lung der Ver­schlin­gung an die Struk­tur ei­ner Ar­mil­larsphä­re [über die La­can in frü­he­ren Sit­zun­gen des Sin­t­hom-Se­mi­nars ge­spro­chen hat­te].15

Das Ganze und die Menge

Die­se drit­te Dar­stel­lungs­art hat den Vor­teil, dass sie eine Ku­gel si­mu­liert [und da­mit den Un­ter­schied zu ei­ner Ku­gel umso deut­li­cher macht]. Eben dies hat­te er, La­can, [Sal­va­dor] Dalí ge­gen­über an­ge­merkt, mit dem er sich dar­über un­ter­hal­ten hat­te, er weiß nicht mehr wann [das war An­fang De­zem­ber 1975 in New York]. Al­ler­dings wird eine Ar­mil­larsphä­re nie als bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung dar­ge­stellt [son­dern im­mer mit kon­zen­tri­schen Rin­gen].

Die­se fal­sche Ku­gel [die Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Rin­ge als Ar­mil­larsphä­re] kann ma­ni­pu­liert wer­den, in­dem man sie auf der Ebe­ne des­sen nimmt, was ein Ach­tel von ihr aus­macht [d.h. in­dem man sie auf der Ebe­ne ei­nes Rin­ges nimmt]. [Die fal­sche Ku­gel wird durch die drei Rin­ge, wenn man die­se den drei Ebe­nen zu­ord­net, ge­wis­ser­ma­ßen in acht Ach­tel zer­legt, in der Art, wie man ei­nen Ap­fel durch drei Schnit­te in Ach­tel zer­tei­len kann.]

Das kon­sis­tiert da. [La­can ver­weist auf ei­nen ein­zel­nen Ring, der als Ring in sich zu­sam­men­hält, also Kon­sis­tenz hat (La­can stützt sich hier auf sei­ne Un­ter­schei­dung von Kon­sis­tenz, Ex-sis­tenz und Loch).] Weil die­se Ku­gel [die Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung als Ar­mil­larsphä­re] aus Krei­sen ge­bil­det wird, gibt es eine Mög­lich­keit, sie um­zu­klap­pen [ge­meint ist: die ein­zel­nen Krei­se um­zu­klap­pen]. [Als Er­geb­nis des Um­klap­pens hat ein Kreis eine Ge­stalt wie der rote Kreis auf dem un­ten­ste­hen­den Bild.]

Umgeklappter Ring

Um­ge­klapp­ter Kreis

Bei ei­ner Ku­gel denkt man an die Idee des Gan­zen. [Das er­in­nert an den Ku­gel­my­thos in Pla­tons Sym­po­si­on so­wie an Kants Kon­zept der Idee als Be­griff ei­ner Voll­stän­dig­keit in der Kri­tik der rei­nen Ver­nunft.] Häu­fig wird eine Ku­gel durch ei­nen Kreis dar­ge­stellt, aber das ist ein Feh­ler. Die Idee des Gan­zen im­pli­ziert eine Ab­schlie­ßung [durch wel­che ein In­ne­res von ei­nem Äu­ße­ren voll­stän­dig ab­ge­schot­tet wird]. [Ein Kreis je­doch hat im In­ne­ren ein Loch, und im drei­di­men­sio­na­len Raum ist die­ses Loch mit dem Au­ßen ver­bun­den – das In­ne­re geht naht­los in das Äu­ße­re über.] Wenn man das Gan­ze [näm­lich den Kreis] um­klap­pen kann, wird das In­ne­re zum Äu­ße­ren. [In der oben­ste­hen­den Zeich­nung ist der Be­reich, der von der äu­ße­ren Kreis­li­nie aus ge­se­hen das an­gren­zen­de In­ne­re bil­det, für die in­ne­re Kreis­li­nie das Äu­ße­re.] Eben das ge­schieht, wenn man die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung mit Krei­sen bil­det, sie kann dann um­ge­klappt wer­den, da es im Kreis ein Loch gibt.

Die  We­sen [die Men­schen­we­sen] sind „trä­ge“ [seit den frü­hen Se­mi­na­ren ist „Träg­heit“ für La­can eine Me­ta­pher für den Wi­der­stand des Ima­gi­nä­ren ge­gen die Sym­bo­li­sie­rung16]. In dem Maße, in dem die We­sen trä­ge sind, d.h. von ei­nem Kör­per ge­stützt wer­den, kann man wie [der an­ti­ke rö­mi­sche Po­li­ti­ker] Po­pi­li­us [um je­man­den ei­nen Kreis zie­hen und zu ihm] sa­gen: „Ich habe ei­nen Kreis um dich ge­zo­gen, und du wirst da nicht eher raus­kom­men, als du mir nicht et­was Be­stimm­tes ver­spro­chen hast.“ [Die fal­sche Vor­stel­lung, dass der Kreis ein Gan­zes bil­det, dass er also ein In­ne­res von ei­nem Äu­ße­ren ab­trennt, be­ruht dar­auf, dass Men­schen „trä­ge“ sind, d.h. dass sie von ei­nem Kör­per ge­stützt wer­den – sie pro­ji­zie­ren das Kör­per­bild auf den Kreis und deu­ten ihn da­durch als Ganz­heit, als ver­ein­fach­te Dar­stel­lung ei­ner Ku­gel.]

Menge mit Elementen a, b und c

Men­ge mit Ele­men­ten a, b, c

[110] Hier stößt man auf das, wes­we­gen La­can [in den Se­mi­na­ren 18 und 19] be­haup­tet hat­te, „Die Frau“ ist „nicht-alle“, an­ders ge­sagt: Frau­en bil­den eine Men­ge [und nicht ein Gan­zes]. [Be­zieht man das auf die Op­po­si­ti­on von Kreis und Ku­gel, wür­de das hei­ßen: Frau­en bil­den ei­nen Kreis, kei­ne Ku­gel.] Im Lauf der Zeit ist man dazu ge­langt, die Idee des Gan­zen von der Idee der Men­ge zu tren­nen. Men­gen­theo­re­tisch heißt das, man muss die Ob­jek­te, die in ei­ner Men­ge ent­hal­ten sind – Ob­jekt a, Ob­jekt b, Ob­jekt c usw. –, von dem Kreis un­ter­schei­den, der sie ver­sam­melt; die­sen Ob­jek­ten ge­gen­über ist der Kreis äu­ßer­lich. [Die Ele­men­te a, b, c bil­den nicht von sich aus eine Ganz­heit; erst die Hin­zu­fü­gung von et­was, was in der Zeich­nung als Kreis dar­ge­stellt wird, ver­wan­delt die Ele­men­te in eine Ganz­heit. Der Kreis funk­tio­niert also wie eine Ku­gel, er er­zeugt eine Ab­schlie­ßung.]

Menge mit Element A und mit Untermenge mit Element B

Men­ge mit Ele­ment A und mit ei­ner Un­ter­men­ge, die Ele­ment B ent­hält

La­can zeigt den Un­ter­schied zwi­schen den Ele­men­te und der Men­ge an ei­nem Men­gen­kreis, der zwei En­ti­tä­ten ent­hält: ein Ele­ment A, das nicht von ei­nem wei­te­ren Kreis um­ge­ben ist, und ein Ele­ment B, um das her­um ein Kreis ge­zo­gen ist. Das wird auch so dar­ge­stellt: { A { B }} [die ge­schweif­ten Klam­mern ent­spre­chen den Men­gen­krei­sen]. [A ohne Kreis ver­hält sich zu B mit Kreis wie nicht-alle zu alle.]

[La­can un­ter­schei­det hier zu­nächst die Men­ge (als „nicht-alle“) von der Ganz­heit und er­läu­tert die Men­ge dann nicht durch die Men­ge, son­dern durch die Ele­men­te und die Ganz­heit durch die Men­ge.]

Wie erzeugt man die beiden borromäischen Verschlingungen?

[La­can kommt jetzt zum Haupt­punkt sei­nes Vor­trags, zu dem, was er in die­ser Sit­zung, wie er an­fangs an­ge­kün­digt hat­te, zei­gen will.] Sein Aus­gangs­punkt ist, dass es zwei un­ter­schied­li­che For­men der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung von drei Rin­gen gibt [zwei An­ord­nun­gen der Rin­ge, wo­bei die­se An­ord­nun­gen sich durch Ma­ni­pu­la­ti­on ohne Zer­schnei­den nicht in­ein­an­der über­füh­ren las­sen]. [Dass es zwei Ar­ten von bor­ro­mäi­schen Drei­er-Ver­schlin­gun­gen gibt, wird im Fol­gen­den von La­can als un­pro­ble­ma­tisch vor­aus­ge­setzt, eben­so, dass die­se Un­ter­schei­dung nur mög­lich ist, wenn Fär­bung und Ori­en­tie­rung der Rin­ge ins Spiel ge­bracht wer­den. Strit­tig ist, wie vie­le Rin­ge min­des­tens ori­en­tiert sein müs­sen, da­mit man zwei Ar­ten der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung un­ter­schei­den kann.]

Soury/Thomé: drei Färbungen und drei Orientierungen

Sou­ry und Tho­mé hat­ten La­can ge­gen­über be­haup­tet, für die Er­zeu­gung von zwei un­ter­schied­li­chen bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen müss­ten alle drei Rin­ge so­wohl ge­färbt als auch ori­en­tiert sein, und er hat­te dem an­fangs zu­ge­stimmt.17

Lacans Irrtum: Färbung genügt

[111] Da­nach kam ihm je­doch der Ge­dan­ke, dass es, um die bei­den Ver­schlin­gungs­for­men her­zu­stel­len, aus­rei­chen wür­de, die Rin­ge nur zu fär­ben [und nicht zu ori­en­tie­ren]. An­ge­nom­men, man hält die Far­be des ro­ten Rin­ges fest und man ver­tauscht die Far­be des blau­en und des grü­nen Rin­ges, dann hat es den An­schein, als ob man auf die­se Wei­se zwei un­ter­schied­li­che Ver­schlin­gun­gen er­hiel­te, näm­lich die­se hier, Blau un­ter Rot über Grün:

 

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Blau un­ter Rot über Grün

und die­se, Blau über Rot un­ter Grün:

Abb 8b - Borr Verschlingung mit blau oben

Blau über Rot un­ter Grün

 

Tat­säch­lich je­doch han­delt es sich bei die­sen bei­den Dar­stel­lun­gen um das­sel­be. [Das lässt sich da­durch zei­gen, dass man die bei­den dar­ge­stell­ten Ver­schlin­gun­gen durch Ma­ni­pu­la­ti­on in­ein­an­der über­führt, ohne ei­nen Ring zu zer­schnei­den.]

Abb 9 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot - mit Alpha

Blau un­ter Rot über Grün

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Hoch­klap­pen des ro­ten Krei­ses

Wenn man [aus­ge­hend von α] die Ku­gel [d.h. den Kreis] um­klappt [d.h. wenn man die un­te­re Hälf­te des Krei­ses nach vor­ne und nach oben fal­tet und sie et­was aus­ein­an­der­zieht, wie in β], er­hält man leicht [durch die an­schlie­ßen­den Schrit­te] die ent­ge­gen­ge­setz­te An­ord­nung [der drei Rin­ge, also die an­de­re Ver­schlin­gung, die sich da­mit als nur schein­bar un­ter­schied­lich er­weist].

[?? La­can spricht hier vom Um­klap­pen der „Ku­gel“; war­um? Be­zieht er sich hier auf eine an­de­re Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Rin­ge als die mit un­end­li­chen Ge­ra­den, näm­lich auf die Dar­stel­lung als Ar­mil­larsphä­re?]

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Wech­sel der Po­si­ti­on der Ge­ra­den

Hier­zu muss man im nächs­ten Schritt die Po­si­ti­on der blau­en Ge­ra­den än­dern [so dass sie nicht mehr über der grü­nen Ge­ra­den und un­ter dem ro­ten Kreis liegt [β], son­dern un­ter der grü­nen Ge­ra­den und über dem ro­ten Kreis [γ]].

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Abb 14 - Borr Verschlingung mit DELTA Kopie

Her­un­ter­klap­pen des ro­ten Krei­ses: Blau über Rot un­ter Grün

Im letz­ten Schritt wird der rote Ring wie­der um­ge­klappt [dies­mal wird die klei­ne­re Kreis­hälf­te nach hin­ten und dann nach un­ten ge­fal­tet, und au­ßer­dem wird sie et­was aus­ein­an­der­ge­zo­gen [δ]].

Ver­gleicht man die an­fäng­li­che An­ord­nung [α] mit der An­ord­nung am Schluss [δ], sieht man, dass die blaue und die grü­ne Ge­ra­de ih­ren Ver­laufs­weg ge­tauscht ha­ben. In der ers­ten Dar­stel­lung [α] liegt die blaue Ge­ra­de in­ner­halb des ro­ten Krei­ses [d.h. un­ter ihm]  und au­ßer­halb [d.h. über] der grü­nen Ge­ra­den; in der letz­ten Dar­stel­lung [δ] ist es um­ge­kehrt, die grü­ne Ge­ra­de liegt jetzt in­ner­halb des ro­ten Krei­ses [d.h. un­ter ihm] und die blaue Ge­ra­de liegt au­ßer­halb des ro­ten Krei­ses [d.h. über ihm]. [Die Rede von „in­ner­halb“ und „au­ßer­halb“ spricht da­für, dass La­can hier tat­säch­lich mit der An­ord­nung der Rin­ge als Ar­mil­larsphä­re ope­riert.]

Die Din­ge sind nicht so leicht zu de­mons­trie­ren. Der Be­weis da­für ist fol­gen­der: Das, was un­mit­tel­bar ist, dass man näm­lich ein­fach denkt, dass die drei [ge­färb­ten aber nicht ori­en­tier­ten] Rin­ge ihre Po­si­ti­on ver­tau­schen kön­nen – was durch die [vor­ge­führ­te] Ma­ni­pu­la­ti­on ja auch tat­säch­lich er­reicht wer­den kann –, das kann gleich­wohl nicht so ein­fach er­reicht wer­den. Der Be­weis da­für ist, dass Sou­ry und Tho­mé, als sie La­can die­se Ma­ni­pu­la­ti­on vor­ge­führt ha­ben – die völ­lig kor­rekt ist –, dass sie sich da­bei ein we­nig ver­hed­dert ha­ben. [Die Ma­ni­pu­la­ti­on, die La­can ge­ra­de vor­ge­führt hat und die zeigt, dass die bei­den schein­bar un­ter­schied­li­chen bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen ohne Zer­schnei­den in­ein­an­der über­führt wer­den kön­nen, ist ihm dem­nach von Sou­ry und Tho­mé ge­zeigt wor­den.] Er, La­can, habe ver­sucht, sei­nen Zu­hö­rern vor­zu­füh­ren, wie die­se Ope­ra­ti­on sich tat­säch­lich voll­zie­hen kann.

[?? Ich habe die­se Ma­ni­pu­la­ti­on nicht nach­voll­zie­hen kön­nen. Wie läuft sie ab?]

Exkurs: Evidenz durch Entleerung

Die Fra­ge ist, was uns in der Un­mit­tel­bar­keit fest­hält? [?? Was meint hier „Un­mit­tel­bar­keit“?]

Die Un­mit­tel­bar­keit ist eine be­stimm­te Art der Evi­denz, näm­lich eine Evi­denz, die La­can durch ein Wort­spiel stützt, évidence/évidement, Evidenz/Entleerung.

[In Se­mi­nar 21 hat­te La­can ge­sagt: Die Evi­denz (évi­dence) des bor­ro­mäi­schen Kno­tens be­steht nicht in sei­ner An­schau­lich­keit, son­dern dar­in, dass er aus Fa­den­rin­gen ge­bil­det ist und hier­durch eine Ent­lee­rung (évi­de­ment) er­fährt.18 In Se­mi­nar 22 hat­te es ge­hei­ßen: Von den drei Modi des Sym­bo­li­schen, des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len wol­le er, La­can, nicht be­haup­ten, sie sei­en evi­dent (évi­dent); er be­mü­he sich ein­fach, die­se drei Modi zu ent­lee­ren (évi­der).19 Und in ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 23 kann man le­sen: Die Be­haup­tung, dass die Spra­che im Rea­len ein Loch macht, schei­ne ihm, La­can, un­ver­meid­lich zu sein (in­é­vi­ta­ble), weil eine Wahr­heit nur durch das Ent­lee­ren (évi­der) des Rea­len mög­lich sei.20

Der Be­griff der Evi­denz be­zieht sich ety­mo­lo­gisch auf das Se­hen, er geht auf das la­tei­ni­sche Verb vi­de­re zu­rück, „se­hen“. Die Evi­denz des bor­ro­mäi­schen Kno­tens be­ruht ge­ra­de nicht auf der An­schau­lich­keit, son­dern steht im Ge­gen­satz zur An­schau­lich­keit, sie be­ruht auf ei­ner Ent­lee­rung: auf dem Zu­rück­drän­gen des An­schau­li­chen.]

Die Un­mit­tel­bar­keit ist eine Evi­denz, die durch eine Ent­lee­rung her­ge­stellt wird, wo­bei die Ent­lee­rung sich auf das Rea­le be­zieht [durch die Ent­lee­rung (die Re­duk­ti­on der An­schau­lich­keit) wird ein Be­zug zum Rea­len her­ge­stellt].

[113] Es gibt je­doch et­was, was der Evi­denz-Ent­lee­rung wi­der­steht, näm­lich die kno­ten­haf­te Er­schei­nung, die den chaînœud her­stellt. [Die Ent­lee­rung – die Ver­min­de­rung der An­schau­lich­keit – ist nicht voll­stän­dig, es bleibt ein an­schau­li­cher Rest: die kno­ten­haf­te Er­schei­nung.] Die­se kno­ten­haf­te Er­schei­nung, die­se Kno­ten­form, ver­si­chert uns des­sen, dass wir es mit dem Rea­len zu tun ha­ben: zwar ist die kno­ten­haf­te [an­schau­li­che] Er­schei­nung ein Trug, je­doch ein Trug, durch den das Rea­le be­zeugt wird.

Man muss die­se Art der Evi­denz von der Pseu­do-Evi­denz un­ter­schei­den, durch die La­can dazu ge­bracht wor­den war, [irr­tüm­li­cher­wei­se] an­zu­neh­men, man kön­ne zwei ver­schie­de­ne Ar­ten von bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen aus drei Rin­gen be­reits da­durch her­stel­len, dass man die Rin­ge nur färbt, nicht aber ori­en­tiert.

Was be­deu­tet das, was er mit die­ser Rei­he von Kunst­grif­fen de­mons­triert hat? [Die Ma­ni­pu­la­ti­on, durch die er die eine Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen in die an­de­re über­führt hat­te, war eine De­mons­tra­ti­on, eine Be­weis­füh­rung: sie be­weist, dass es sich um den­sel­ben Kon­ten han­delt.] Hier zeigt sich der Un­ter­schied zwi­schen dem De­mons­trie­ren bzw. Be­wei­sen und dem [an­schau­li­chen] Zei­gen.

[In Se­mi­nar 22 hat­te La­can die mons­tra­ti­on von der dé­mons­tra­ti­on un­ter­schie­den. Bei der mons­tra­ti­on geht es um das an­schau­li­che Zei­gen, um das Vor­füh­ren. Mit dé­mons­tra­ti­on ist das Be­wei­sen ge­meint; die dé­mons­tra­ti­on be­ruht auf dem Sym­bo­li­schen.21 In Se­mi­nar 23 hat­te sich La­can auf den Un­ter­schied zwi­schen dem Zei­gen und dem Be­wei­sen be­reits in der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975 be­zo­gen.]

Im De­mons­trie­ren gibt es, ver­gli­chen mit dem Zei­gen, eine Idee von Ver­fall (dé­chéan­ce), es gibt ei­nen Ab­fal­len (choir) ge­gen­über dem Zei­gen. [Im Be­wei­sen tritt die an­schau­li­che Di­men­si­on zu­rück.]

Das Bla­bla, das von der Evi­denz aus­geht, rea­li­siert eine Ent­lee­rung [das Spre­chen, das sich auf die an­schau­li­che Evi­denz stützt, be­wirkt – als Spre­chen – eine Ver­min­de­rung des Be­zugs auf die An­schau­ung]; dies un­ter der Be­din­gung, die Ent­lee­rung auf be­deut­sa­me Wei­se (si­gni­fi­ca­ti­ve­ment) zu voll­zie­hen. [?? Was ist hier mit „be­deut­sam“ ge­meint? Der Be­zug auf Si­gni­fi­kan­ten oder auf Si­gni­fi­ka­te?]

Das more geo­me­tri­co, lan­ge Zeit der idea­le Trä­ger der De­mons­tra­ti­on, der Be­weis­füh­rung, be­ruht auf dem Trug ei­ner for­ma­len Evi­denz. [Die Be­weis­füh­rung „nach der Art der Geo­me­trie“ be­ruht auf Axio­men und auf der An­nah­me, dass die Axio­me ei­nen Sinn ha­ben, der in­tui­tiv ein­ge­se­hen wer­den kann; erst die Ma­the­ma­tik des 19. Jahr­hun­derts be­greift die Axio­me als kon­tin­gent. Zur Be­weis­füh­rung more geo­me­tri­co hat­te La­can in der ers­ten Sit­zung des Sin­t­hom-Se­mi­nars an­ge­merkt:

More geo­me­tri­co – auf Grund der Form, die Pla­ton so schätz­te, er­weist sich das In­di­vi­du­um so, wie es ge­baut ist: als ein Kör­per. Die­ser Kör­per hat eine sol­che fes­seln­de Kraft, dass, bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt, die Blin­den zu be­nei­den wä­ren.“22

Nicht nur die kno­ten­haf­te Er­schei­nung ist ein Trug, die Fes­se­lung durch das Kör­per­bild – durch die Form, die Ge­stalt –, son­dern auch die Be­weis­füh­rung more geo­me­tri­co. In die­sem Sin­ne be­ruht sie auf ei­ner „for­ma­len Evi­denz“.]

Die Li­nie, mit der die [eu­kli­di­sche] Geo­me­trie ar­bei­tet, lässt sich auf die Über­schnei­dung von zwei Flä­chen zu­rück­füh­ren und die Flä­che wie­der­um auf ei­nen Schnitt in ei­nen Fest­kör­per. [Die Kom­po­nen­ten der eu­kli­di­schen Geo­me­trie, Li­nie und Flä­che, be­ru­hen dem­nach letzt­lich auf der Bin­dung an den Fest­kör­per – sie ha­ben ihre Grund­la­ge im Ima­gi­nä­ren, in der Be­zie­hung zum Kör­per­bild. Dass die eu­kli­di­sche Geo­me­trie sich am Fest­kör­per ori­en­tiert, sieht man, wenn man sie mit der To­po­lo­gie ver­gleicht, in der die Ober­flä­chen als be­lie­big ver­form­bar gel­ten.]

Eine ganz an­de­re Stüt­ze lie­fert der Ring, der Kreis, so­fern er bieg­sam ist – das ist eine an­de­re Geo­me­trie. [Die­se an­de­re – nicht-eu­kli­di­sche – Geo­me­trie ist die To­po­lo­gie; in ihr gel­ten die Ge­stän­de nicht, wie in der eu­kli­di­schen Geo­me­trie, als starr, son­dern als un­be­grenzt ver­form­bar.] Die­se Geo­me­trie ist auf die Ver­schlin­gung zu grün­den. [?? Was ist da­mit ge­meint, dass die To­po­lo­gie auf die Ver­schlin­gung zu grün­den ist?]

Lacans neue These: zwei gefärbte Ringe und ein orientierter Ring

Über sei­nen Irr­tum ist La­can ver­blüfft. Wenn er ihn als Dumm­heit be­zeich­net, so hat er da­mit Recht; der Feh­ler hat ihn auf eine Wei­se be­rührt, die man sich kaum vor­stel­len kann.

Um sich wie­der ein we­nig auf­zu­rich­ten, will er im Fol­gen­den zei­gen, dass Sou­ry und Tho­mé sich in ei­nem Punkt ge­irrt ha­ben. Sie hat­ten be­haup­tet: Wenn man zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen aus drei Rin­gen ha­ben will, müs­sen alle drei Rin­ge so­wohl ge­färbt als auch ori­en­tiert sein; es ge­nügt nicht, dass von den drei Rin­gen zwei ge­färbt sind und ein drit­ter ori­en­tiert ist. La­can wi­der­spricht ih­nen in die­sem Punkt. Sei­ne The­se lau­tet: Man er­hält zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen be­reits da­durch, dass man zwei Rin­ge färbt und den drit­ten ori­en­tiert. Und er glaubt, das auf eine Wei­se de­mons­trie­ren zu kön­nen, die nahe beim Zei­gen liegt [d.h. so, dass man es ge­wis­ser­ma­ßen sieht].

Sou­ry und Tho­mé ha­ben ihre The­se da­durch zu be­wei­sen ver­sucht, dass sie alle Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten von drei Fär­bun­gen und drei Ori­en­tie­run­gen durch­ge­spielt ha­ben. [?? Wel­che Mög­lich­kei­ten sind das? Je­der der drei Rin­ge kann ori­en­tiert oder nicht ori­en­tiert sein, das er­gibt 0 oder 1 oder 2 oder 3 ori­en­tier­te Rin­ge. Wenn ein Ring ori­en­tiert ist, muss er nicht ge­färbt sein, wenn zwei oder drei Rin­ge ori­en­tiert sind, kann ein Ring ge­färbt oder nicht ge­färbt sein. Wenn ein Ring ori­en­tiert ist, kann er rechts- oder links­dre­hend sein. Wie vie­le Kom­bi­na­tio­nen gibt es?]

La­can geht an­ders vor. In sei­ner Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung bringt er zwei un­end­li­che Ge­ra­den ins Spiel, | [114] eine Vor­ge­hens­wei­se, von der Sou­ry und Tho­mé vor­sichts­hal­ber kei­nen Ge­brauch ma­chen. Die un­end­li­che Ge­ra­de ist ein Äqui­va­lent zum Kreis, zu­min­dest in der Ver­schlin­gung. Ein Punkt die­ser un­end­li­chen Ge­ra­den liegt im Un­end­li­chen [dies ist der Punkt, an dem die bei­den En­den der Ge­ra­den sich ge­wis­ser­ma­ßen be­rüh­ren]. Von den bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den muss man au­ßer­dem for­dern, dass sie kon­zen­trisch sind, dass sie also un­ter­ein­an­der nicht ver­schlun­gen sind [d.h. die bei­den „Krei­se“, die durch die zwei un­end­li­chen Ge­ra­den ge­bil­det wer­den, dür­fen nicht wie die Glie­der ei­ner Glie­der­ket­te in­ein­an­der grei­fen, sie dür­fen nicht wie eine Hopf-Ver­schlin­gung ge­baut sein]. [Zu er­gän­zen ist: Der Punkt im Un­end­li­chen darf für bei­de Ge­ra­den nicht der­sel­be sein – die Ge­ra­den dür­fen sich nicht durch­drin­gen.] Dies [dass die bei­den En­den ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den sich be­rüh­ren] ist ein Punkt, den vor lan­ger Zeit De­s­ar­gues her­aus­ge­ar­bei­tet hat; De­s­ar­gues hat al­ler­dings nicht prä­zi­siert, dass die un­end­li­chen Ge­ra­den sich nicht ver­schlin­gen dür­fen.

[Ne­ben den bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den gibt es in der nun fol­gen­den Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Drei­er­ver­schlin­gung ei­nen Kreis.] Für die­sen Kreis wird fest­ge­legt, dass er ori­en­tiert ist. Ihm muss nicht ei­gens eine Far­be zu­ge­spro­chen wer­den – da­durch, dass man fest­legt, dass er als ein­zi­ger ori­en­tiert ist, hat man ihn be­reits iso­liert [man kann ihn, wie in der fol­gen­den Ab­bil­dung, durch­aus fär­ben, aber das fügt kei­ne In­for­ma­ti­on hin­zu].

Abb 15 - Borr Knoten rot rechtsdrehend

Bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen. Zwei Rin­ge als Ge­ra­de dar­ge­stellt, ei­ner als rechts­dre­hen­der Kreis, Blau un­ter Rot über Grün

Wenn man [mit Sou­ry und Tho­mé] sa­gen wür­de, dass alle drei Rin­ge ori­en­tiert sein müs­sen, wäre das an­ders. [Der drit­te Kreis wäre dann durch das Merk­mal der Ori­en­tie­rung nicht von den an­de­ren bei­den un­ter­schie­den; man müss­te ihm, um ihn zu in­di­vi­dua­li­sie­ren, au­ßer­dem eine Far­be zu­ord­nen.] Von die­ser Ori­en­tie­rung [so wie sie oben ge­zeich­net ist] kann man sa­gen, dass sie rechts­dre­hend ist. Das gilt je­doch nur vom ak­tu­el­len Be­ob­ach­ter­stand­punkt aus. Die Un­ter­schei­dung rechtsdrehend/linksdrehend ist [im drei­di­men­sio­na­len Raum] nicht sta­bil | [115]; wenn man den recht­dre­hen­den Kreis um­dreht [oder wenn man ihn ge­wis­ser­ma­ßen von der ge­gen­über­lie­gen­den Sei­te aus be­trach­tet], wird er zu ei­nem links­dre­hen­den Kreis.

Borromäische Veschlingung aus drei Ringen, roter Kreis linksdrehend

Die­sel­be Ver­schlin­gung wie in der vo­ri­gen Ab­bil­dung, „Rück­sei­te“: ro­ter Kreis links­dre­hend, Blau über Rot un­ter Grün

Bei die­ser Um­keh­rung der Ori­en­tie­rung [sie­he die oben­ste­hen­de Zeich­nung] wer­den auch die un­end­li­chen Ge­ra­den um­ge­dreht [aus „Blau ver­läuft über Rot und un­ter Grün“ wird „Blau ver­läuft un­ter Rot und über Grün“].

La­cans Be­haup­tung lau­tet also: Um zwei Ar­ten von bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen zu er­hal­ten, ge­nügt es, wenn ein Ring ori­en­tiert ist [und die bei­den an­de­ren ge­färbt sind]. Das ist dann umso ein­leuch­ten­der, wenn [an­ders als bei Sou­ry und Tho­mé] die bei­den an­de­ren Rin­ge un­end­li­che Ge­ra­den sind, denn wie soll­te man den un­end­li­chen Ge­ra­den ei­nen Ori­en­tie­rung ge­ben? [?? War­um kön­nen un­end­li­che Ge­ra­den nicht ori­en­tiert sein?]

Abb 17 - rechtsdrehender roter Ring mit Farbwechsel

Zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen durch Wech­sel der Po­si­ti­on der Ge­ra­den und Bei­be­hal­tung der Ori­en­tie­rung des Krei­ses (rechts­dre­hend)

Wenn man die Ori­en­tie­rung bei­be­hält und die Far­ben der bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den aus­tauscht, ist un­be­streit­bar, dass man es mit zwei un­ter­schied­li­chen bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen zu tun hat.

Das ist eine ähn­li­che Vor­ge­hens­wei­se wie die, die er zu­nächst für rich­tig ge­hal­ten hat­te [in­so­fern die bei­den Ge­ra­den ihre Plät­ze tau­schen, jetzt aber er­gänzt um die Be­din­gung, dass der drit­te Ring ori­en­tiert sein muss]. War­um soll­te er die Ori­en­tie­rung än­dern? Da­für gibt es kei­nen Grund. Wenn man die Ori­en­tie­rung des Krei­ses än­dert [und die Po­si­ti­on der Gra­den bei­be­hält], kann man nicht [so ein­fach] se­hen, dass es sich um zwei un­ter­schied­li­che Ar­ten der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung han­delt.

Abb 18 - linksdrehende Ringe mit Farbwechsel

Zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen mit kon­stan­tem links­dre­hen­dem Kreis

Wenn man die Ori­en­tie­rung des Krei­ses um­dreht [wenn man also statt ei­nes rechts­dre­hen­den ei­nen links­dre­hen­den Kreis ver­wen­det und den Ver­lauf der Ge­ra­den kon­stant hält], er­hält man eben­falls zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen.

Abb 19 - Drei borromäische Ringe nebeneinander

1 und 2: die­sel­be Ver­schlin­gung, von zwei Sei­ten be­trach­tet. 2 und 3: zwei un­ter­schied­li­che Ver­schlin­gun­gen mit Wech­sel der Ori­en­tie­rung des Krei­ses und Bei­be­hal­ten der Po­si­ti­on der Ge­ra­den

In der oben­ste­hen­den Ab­bil­dung wird zu­nächst Dar­stel­lung 2 aus Dar­stel­lung 1 da­durch ge­won­nen, dass Dar­stel­lung 1 um­ge­dreht wird; 1 und 2 zei­gen also die­sel­be Ver­schlin­gung. Man kann dann so­wohl Bild 1 als auch Bild 2 mit Bild 3 ver­glei­chen. Ver­gleicht man Bild 2 mit Bild 3 sieht man, dass die Ge­ra­den gleich ver­lau­fen, | [116] die Ori­en­tie­rung je­doch ent­ge­gen­ge­setzt ist; ver­gleicht man Bild 1 mit Bild 3 sieht man, dass die Ge­ra­den an­ders ver­lau­fen, die Ori­en­tie­rung je­doch gleich ist. [Of­fen­bar hält La­can nur den Ver­gleich von 1 und 3 für un­mit­tel­bar ein­leuch­tend, nicht aber den Ver­gleich von 2 und 3 und führt des­halb Bild 2 auf Bild 1 zu­rück.]

[?? Wor­an sieht man, dass es sich bei den Bil­dern 1 und 3 um zwei un­ter­schied­li­che Ar­ten der Ver­schlin­gung han­delt? Dazu müss­te ge­zeigt wer­den, dass man den Ver­lauf „Blau un­ter Rot über Grün“ bei kon­stan­ter Ori­en­tie­rung des Krei­ses nicht durch Ma­ni­pu­la­ti­on in „Blau über Rot un­ter Grün“ ver­wan­deln kann. Wie kann man zei­gen, dass eine sol­che Ma­ni­pu­la­ti­on nicht mög­lich ist?]

[La­can be­trach­tet nun das Er­geb­nis: Da­mit es zwei un­ter­schied­li­che bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen aus drei Rin­gen gibt, muss ein Ring ori­en­tiert sein; die bei­den an­de­ren Rin­ge müs­sen nicht ori­en­tiert sein, wohl aber ge­färbt sein.]

La­can er­in­nert dar­an, dass er kurz zu­vor vom „Rea­len als vom Trug ge­kenn­zeich­net“ ge­spro­chen hat. [Mit dem Trug kommt die Fra­ge nach der Wahr­heit ins Spiel.] Wahr ist nur das, was ei­nen sens hat, ei­nen Sinn. Was ist das Wah­re über das Rea­le? Dies, dass das Rea­le des Paa­res hier [das Rea­le der bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den] kei­ner­lei sens hat. Die­se Aus­sa­ge stützt sich auf die Mehr­deu­tig­keit des Wor­tes sens: „Rich­tung“ [wie in „Uhr­zei­ger­sinn“] und „Be­deu­tung“. [Die bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den sind nicht ori­en­tiert, sie ha­ben kei­nen (Richtungs-)Sinn. Dar­auf läuft La­cans Kri­tik an Sou­ry und Tho­mé hin­aus: zwei der Rin­ge müs­sen kei­nes­wegs ori­en­tiert sein.] 

Diagramme aus Seminar 20 - Dreieck RSI und Wahres

Sche­ma aus En­core-Se­mi­nar (20. März 1973)

[Das Wah­re be­zieht sich auf den Sinn und da­mit nicht auf das Rea­le, nicht auf den Re­fe­ren­ten. Das Wah­re ist da­mit im Ver­hält­nis zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren ver­or­tet. Im oben wie­der­ge­ge­be­nen Dia­gramm aus Mil­lers Ver­si­on Se­mi­nar 20 wird das an­ge­zeigt, „das Wah­re“ ist hier der Pfeil­li­nie zu­ge­ord­net, die vom Ima­gi­nä­ren zum Sym­bo­li­schen führt.23]

In wel­chem Ver­hält­nis steht sens als Sinn [Sinn als Be­deu­tung] zum sens als Ori­en­tie­rung [Sinn als Rich­tungs­sinn]? Ist dies die Zeit? [La­can stellt da­mit die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Raum und Zeit – wird im Rah­men der To­po­lo­gie (des Rau­mes) die Zeit durch die Ori­en­tie­rung re­prä­sen­tiert?] In die­ser Sit­zung bleibt die Fra­ge of­fen. [In ei­ner Fol­ge­sit­zung wird er auf sie zu­rück­kom­men und sie ver­nei­nen.]

Die bei­den Ge­ra­den [sind nicht ori­en­tiert, sie] müs­sen aber ge­färbt sein. [Die Far­be be­zieht sich auf das Se­hen im wei­ten Sin­ne des Wor­tes, und da­mit stellt sich die Fra­ge, wie das auf die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kon­zep­ti­on des Se­hens zu be­zie­hen ist.] Be­zieht sich die Er­schei­nung der Far­be auf das Se­hen [im en­ge­ren Sin­ne des Wor­tes] oder auf den Blick, ist es das Se­hen oder der Blick, wo­durch die Far­ben un­ter­schie­den wer­den? [La­can be­zieht sich hier auf die Un­ter­schei­dung von Blick und Se­hen, die er in Se­mi­nar 11 ent­wi­ckelt hat­te; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.] Auch die­se Fra­ge lässt er in die­ser Sit­zung de­mons­tra­tiv of­fen.

Psychoanalytische Anwendung: die Geschlechter

Die eine gefärbte Gerade: das Imaginäre

Der Be­griff des ge­färb­ten [und nicht ori­en­tier­ten] Paa­res [dar­ge­stellt durch die bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den] be­zieht sich auf das Ge­schlecht. Der Be­griff des ge­färb­ten Paa­res soll na­he­le­gen, dass es bei den Ge­schlech­tern nur das Sein der Far­be gibt, das „Farb­we­sen“; es kann also ei­nen frau­en­far­bi­gen Mann ge­ben und eine män­ner­far­bi­ge Frau. [Es kann ei­nen bio­lo­gi­schen Mann ge­ben, der in der Far­be ei­ner Frau auf­tritt, und um­ge­kehrt.]

[Mit „Far­be“ be­zieht sich La­can hier auf eine Di­men­si­on, die er sonst als „Mas­ke­ra­de“ be­zeich­net. Un­ter Mas­ke­ra­de ver­steht er die vi­su­el­le Dar­stel­lung des ei­nen Ge­schlechts ge­gen­über dem an­de­ren, also die wech­sel­sei­ti­ge Selbst­dar­stel­lung als Ge­schlechts­we­sen in der Ord­nung des Ima­gi­nä­ren und, da­mit ver­bun­den, die ima­gi­nä­re Iden­ti­fi­zie­rung als Mann oder als Frau.24 Für die weib­li­che Mas­ke­ra­de be­zieht er sich häu­fig auf Joan Ri­viè­res Auf­satz Weib­lich­keit als Mas­ke­ra­de (1929).25 Statt von der mas­ca­ra­de spricht er auch von der pa­ra­de, also von der „Pa­ra­de“, dem „Balz­ver­hal­ten“.26 Da­mit ist klar, dass es in der Be­zie­hung zwi­schen den Ge­schlech­tern bei der Far­be um das Se­hen geht: um das Zu-Se­hen-Ge­ben, und um des­sen Funk­ti­on: die Ab­wehr des Blicks.]

Die andere gefärbte Gerade: das Reale

[117] Wenn man den ro­ten [ori­en­tier­ten] Kreis auf das Sym­bo­li­sche be­zieht, sind die Ge­schlech­ter ein­an­der ent­ge­gen­ge­setzt wie das Ima­gi­nä­re und das Rea­le bzw. wie die Idee dem Un­mög­li­chen. [Das Ima­gi­nä­re ent­spricht also der Idee, das Rea­le dem Un­mög­li­chen.]

[Frü­her in die­ser Sit­zung hat­te La­can von der „Idee des Gan­zen“ ge­spro­chen27, das Ima­gi­nä­re ent­spricht der „Idee“ dann, wenn man den Ter­mi­nus auf das Gan­ze be­zieht und da­mit auf das Kör­per­bild, auf die Ku­gel, wenn man dar­un­ter also nicht den „Ge­dan­ken“ oder die „Vor­stel­lung“ ver­steht.28

[Die Be­zie­hung des Paars ist dem­nach be­stimmt durch das Rea­le als das Un­mög­li­che – es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis – so­wie da­durch, dass ver­sucht wird, die­se Kluft durch das Ima­gi­nä­re zu über­brü­cken, durch die Idee des Gan­zen, durch die Far­be, die Mas­ke­ra­de.]

Aber ist es si­cher, dass [in der Be­zie­hung von Men­schen un­ter­schied­li­chen Ge­schlechts] im­mer das Rea­le be­tei­ligt ist? Bei Joy­ce sind eher die Idee [d.h. das Ima­gi­nä­re] und das „Sin­t­hom“ be­tei­ligt [und nicht das Rea­le].

[Bei Joy­ce geht es in der Be­zie­hung zum an­de­ren Ge­schlecht nicht um das Rea­le, nicht um das Un­mög­li­che. In der Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976 hat­te La­can das so for­mu­liert: Joy­ce hat zu Nora ein Ver­hält­nis, es gibt hier tat­säch­lich ein se­xu­el­les Ver­hält­nis.29 Statt­des­sen geht es Joy­ce in der Be­zie­hung zum an­de­ren Ge­schlecht um die Idee und um das Sin­t­hom: Nora ist für ihn der um­ge­stülp­te Hand­schuh, das ge­hört zur Ord­nung des Ima­gi­nä­ren, der Idee. Es gibt je­doch et­was, was sich in die­se Ord­nung nicht fügt: der „Knopf“, die Kli­to­ris, No­ras mit dem Schwan­ger­schaft ver­bun­de­ne Ge­nie­ßen. No­ras „Knopf“, No­ras Schwan­ger­schaft, sind für Joy­ce un­er­träg­lich, ihre Schwan­ger­schaft ist sein Sin­t­hom, die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten.30] Das lässt sich da­durch er­hel­len, dass man auf das [vor­her in die­ser Sit­zung er­wähn­te] Theo­rem zu­rück­kommt, dass eine Frau „nicht-alle“ ist. Eine Frau wird nicht er­fasst, da sie ins­be­son­de­re für Joy­ce fremd bleibt, für ihn kei­nen Sinn hat. [Von Joy­ce wird eine Frau in ih­rem Sta­tus, „nicht-alle“ zu sein – „eine Frau“ zu sein –, nicht er­fasst. Er be­zieht sich auf Nora als „Die Frau“, nicht als „eine Frau“. Nur „Die Frau“ hat für ihn ei­nen Sinn, nicht aber „eine Frau“. In der Be­zie­hung zu Frau­en geht es für ei­nen Mann also dann um das Rea­le, wenn sie für ihn den Sta­tus von „nicht-alle“ Frau­en ha­ben, wenn eine Frau für ihn nicht „Die Frau“ ist, son­dern „eine Frau“.]

Aber hat eine Frau für ei­nen Mann je­mals ei­nen Sinn? Der Mann ist der Trä­ger der Idee des Si­gni­fi­kan­ten, und die Idee des Si­gni­fi­kan­ten wird in der Spra­che we­sent­lich durch die Syn­tax ge­tra­gen. [Wann wude in La­cans Se­mi­nar zum letz­ten Mal über Syn­tax ge­spro­chen? In Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core; Jean-Clau­de Mil­ner hielt dort ei­nen Vor­trag über das „Mo­dell des syn­tak­ti­schen Sub­jekts“ und ver­stand dar­un­ter die Be­zie­hung zwi­schen dem Spre­cher und dem Adres­sa­ten, also die Spra­che in ih­rer Funk­ti­on, ei­nen Sinn zu über­mit­teln.31]

Eine Men­ge der Frau­en hin­ge­gen hat aus der sich auf­lö­sen­den Spra­che – aus dem La­tei­ni­schen, aus dem das Fran­zö­si­sche und an­de­re Spra­chen her­vor­ge­gan­gen sind – „Lalan­gue“ ge­schaf­fen, das kann als his­to­ri­sche Tat­sa­che an­ge­nom­men wer­den. [Mit der Rede von der „Men­ge“ der Frau­en be­zieht La­can sich auf den vor­her in die­ser Sit­zung er­läu­ter­ten Ge­gen­satz zwi­schen der Men­ge und dem Gan­zen; die Frau­en, die Lalan­gue ge­schaf­fen ha­ben, bil­den kei­ne To­ta­li­tät, sie sind „nicht-alle“.] Lalan­gue, das ist das­je­ni­ge Sa­gen, bei dem die Äqui­vo­ka­tio­nen ent­schei­dend sind; die ver­schie­de­nen Lalan­gues un­ter­schei­den sich durch die Mehr­deu­tig­kei­ten, die in ih­nen mög­lich sind. Es war das weib­li­che Ge­schlecht, das zu die­ser „Pro­the­se der Mehr­deu­tig­keit“ ge­führt hat. [Das grie­chi­sche Wort „Pro­the­se“ meint wört­lich „Set­zen für“, „Set­zen an­stel­le von“.] La­can hat das durch die Äqui­vo­ka­ti­on von deux (zwei) und d’eux (von ih­nen) [im En­core-Se­mi­nar] il­lus­triert. [?? In­wie­fern ist die Mehr­deu­tig­keit eine Pro­the­se, in­wie­fern wird durch die Mehr­deu­tig­keit et­was an die Stel­le von et­was an­de­rem ge­setzt?]

[Män­ner und Frau­en ha­ben dem­nach zwei un­ter­schied­li­che Be­zie­hun­gen zur Spra­che. Der Mann be­zieht sich auf die Spra­che un­ter dem As­pekt der „Idee der Syn­tax“, wo­mit ver­mut­lich die Sinn­über­mitt­lung ge­meint ist. Frau­en be­zie­hen sich auf die Spra­che un­ter dem As­pekt von Lalan­gue, der Mehr­deu­tig­keit. In­so­fern hat für den Mann eine Frau kei­nen Sinn.]

[Der Ge­gen­satz zwi­schen der weib­li­chen Lalan­gue und der männ­li­chen Idee der Syn­tax er­in­nert an die Op­po­si­ti­on von weib­li­chem Sin­gen und männ­li­cher Syn­tax in Hé­lè­ne Ci­xous’ Das La­chen der Me­du­sa (1975). Sie schreibt: „Im Wort der Frau wie in der Schrift hört nie auf mit­zu­klin­gen, was, weil es uns einst durch­drun­gen, un­merk­lich tief be­rührt hat, die Fä­hig­keit be­hält uns zu be­stim­men, das Sin­gen, die ers­te Mu­sik, die der ers­ten Lie­bes­stim­me, die jede Frau le­ben­dig be­wahrt.“32 Das liegt nahe bei La­cans Kon­zept der weib­li­chen Lalan­gue. Ei­ni­ge Sei­ten spä­ter heißt es: „Die weib­li­che Mäch­tig­keit ist so be­schaf­fen, dass die Frau­en, die Syn­tax mit sich fort­schwem­mend und den be­rühm­ten Fa­den (ein ganz klei­ner Fa­den nur, so sa­gen sie) ver­lie­rend, auf das Un­mög­li­che zu­ge­hen wer­den – je­nen Fa­den, der den Män­nern als Na­bel­schnur­er­satz dient da­mit sie si­cher sind, sonst kön­nen sie nicht kom­men, daß die alte Mut­ter noch im­mer hin­ter ih­nen steht und ih­nen beim Phal­lusspie­len zu­schaut.“33 Die Syn­tax wird hier mit dem Fa­den as­so­zi­iert, der den Män­nern als Na­bel­schnur­er­satz dient; eine der Be­deu­tun­gen die­ser Fa­den-Me­ta­pher ist si­cher­lich die Spra­che in der Funk­ti­on, ei­nen Sinn zu über­mit­teln, der sich als Fa­den durch das Ge­we­be zieht – durch die Tex­tur, durch den Text – und des­sen Ein­heit zu si­chern scheint.– Be­reits in die­sem Ar­ti­kel be­zieht Ci­xous sich üb­ri­gens auf Freuds Dora.]

[Das Rea­le in der Be­zie­hung zwi­schen den Ge­schlech­tern be­steht dem­nach auch dar­in, dass sie „zwei ver­schie­de­ne Spra­chen spre­chen“, wie man sagt: Der Mann spricht eine Spra­che, die von der Idee der Syn­tax be­herrscht wird, der Sinn­über­mitt­lung; Frau­en – nicht alle – spre­chen eine Spra­che, die zu Lalan­gue in Be­zie­hung steht, zur Spra­che der Mehr­deu­tig­kei­ten.]

Der orientierte Ring / die Gerade im falschen Loch: der Phallus

Da­mit ist man noch nicht bei der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung an­ge­langt. [Es ist noch nicht of­fen, was es für die Be­zie­hung der Ge­schlech­ter heißt, dass die bei­den ge­färb­ten aber nicht ori­en­tier­ten Ge­ra­den durch ei­nen ori­en­tier­ten Ring zu­sam­men­ge­hal­ten wer­den.]

[La­can wech­selt jetzt un­ver­mit­telt von zwei Ge­ra­den, die durch ei­nen Ring ver­knüpft sind, zu zwei Rin­gen, die durch eine Ge­ra­de ver­bun­den wer­den. Dem ori­en­tier­ten Ring ent­spricht jetzt also die Ge­ra­de.]

Eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung be­ruht dar­auf, dass es [im ers­ten Kon­struk­ti­ons­schritt] ein fal­sches Loch gibt [d.h. ein Loch, das durch Aus­ein­an­der­zie­hen der Rin­ge zum Ver­schwin­den ge­bracht wer­den kann]. [Die bei­den Rin­ge ent­spre­chen den bei­den un­end­li­chen Ge­ra­den in der vor­an­ge­hen­den Dar­stel­lung.]

Abb 20 - Falsches Loch

Zwei Rin­ge, die ein fal­sches Loch bil­den

In ei­nem Kreis gibt es ein Loch, das hat­te er zu­vor be­tont [als er über den Un­ter­schied von Kreis und Ku­gel sprach – eine Ku­gel hat kein Loch]. | [118] Zwei Krei­se kann man so zu­sam­men­fü­gen, dass sie zu­sam­men ein Loch bil­den, das we­der das Loch des ei­nen noch das des an­de­ren Krei­ses ist. [Die­ses Loch ist ein fal­sches Loch, d.h. ein Loch, das, ohne Zer­schnei­den, durch Ma­ni­pu­lie­ren der Rin­ge zum Ver­schwin­den ge­bracht wer­den kann. Be­zo­gen auf die Ge­schlech­ter heißt das: der Ring des Rea­len kann mit dem des Ima­gi­nä­ren ein fal­sches Loch bil­den.]

Man kann je­doch et­was hin­zu­fü­gen, ei­nen un­end­li­che Ge­ra­de oder ei­nen Kreis, der das fal­sche Loch durch­quert und zwar so, dass die­ses Loch „ve­ri­fi­ziert“ wird [dass es also zu ei­nem sta­bi­len Loch wird, das durch blo­ße Ver­for­mung, ohne Zer­schnei­den, nicht be­sei­tigt wer­den kann]. [Man muss also drei Ar­ten von Lö­chern un­ter­schei­den: das ir­re­du­zi­ble Loch in ei­nem Kreis, dann das fal­sche (re­du­zier­ba­re) Loch, das durch zwei Krei­se ge­bil­det wird, und schließ­lich das ir­re­du­zi­ble Loch, das da­durch ent­steht, dass man in ein fal­sches Loch ei­nen Ring ein­fügt.]

Abb 21 - Falsches Loch mit unendicher Gerader ohne Beschriftung

Ver­wand­lung ei­nes fal­schen Lochs in ein wah­res Loch durch eine un­end­li­che Ge­ra­de

[Über das fal­sche Loch zwei­er Rin­ge, das durch eine un­end­li­che Ge­ra­de in ein „wah­res Loch“ ver­wan­delt wer­den kann, hat­te La­can erst­mals in der ers­ten Sit­zung die­ses Se­mi­nar ge­spro­chen. Dort be­zog sich das auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ring des Sym­bo­li­schen und dem des Sym­ptoms34, d.h. zwi­schen dem Ver­dräng­ten (dem Sym­bo­li­schen als dem Un­be­wuss­ten) und der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten (Sym­ptom). Ein wei­te­res Mal hat­te er über das fal­sche Loch in der zwei­ten Sit­zung ge­spro­chen, auch hier wur­de das fal­sche Loch durch das Sym­bo­li­sche und das Sym­ptom ge­bil­det. An­schlie­ßend hat­te es ge­hei­ßen, dass durch „deu­ten­de Ma­ni­pu­la­ti­on“, d.h. durch eine Ma­ni­pu­la­ti­on, die sich auf den Sinn be­zieht, am Sym­ptom et­was ver­än­dert wer­den kann.35 Ein letz­tes Mal ging es in der Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976 um das fal­sche Loch: zwei Rin­ge, die ein fal­sches Loch bil­den, kön­nen – wie Sou­ry und Tho­mé ge­zeigt ha­ben – in ei­nen To­rus ein­ge­schrie­ben wer­den; eine un­end­li­che Ge­ra­de kann aus dem fal­schen Loch ein wah­res Loch ma­chen.36

Statt vom „wah­ren Loch“ spricht La­can auch vom „rea­len Loch“. [Da er das Loch dem Sym­bo­li­schen zu­ord­net und der Ex-sis­tenz das Rea­le, ist ver­mut­lich ge­meint: Das rea­le Loch ist das­je­ni­ge Loch, das durch die Ex-sis­tenz der Rin­ge ge­bil­det wird, durch ihre äu­ßer­li­che Ver­schlin­gung. Dann wäre viel­leicht das Loch in ei­nem ein­zel­nen Ring das sym­bo­li­sche Loch, das fal­sche Loch zwei­er Rin­ge das ima­gi­nä­re Loch und das durch die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung drei­er Rin­ge ge­schaf­fe­ne Loch das rea­le Loch.]

Zur Fra­ge der Ver­wand­lung ei­nes fal­schen Lochs in ein wah­res oder rea­les Loch ver­weist La­can auf sei­nen Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus. Be­reits in den ers­ten Zei­len wird dort der Kno­ten er­wähnt, ob­wohl er sich da­mals noch kei­nes­wegs für den bor­ro­mäi­schen Kno­ten in­ter­es­siert hat­te.37 Der Phal­lus [also der un­be­wuss­te Kas­tra­ti­ons­kom­plex] hat die Funk­ti­on, das fal­sche Loch in ein wah­res oder rea­les Loch zu ver­wan­deln [also eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung zwi­schen dem Rea­len, dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen her­bei­zu­füh­ren]. [Be­zieht man das auf die Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung durch zwei un­end­li­che Ge­ra­den und ei­nen ori­en­tier­ten Kreis, ent­spricht der Phal­lus dem ori­en­tier­ten Kreis.]

In­so­fern das Sin­t­hom mit dem Sym­bo­li­schen ein fal­sches Loch bil­det, gibt es eine Pra­xis, die vom Sa­gen aus­geht, eine Sa­ge­kunst. [Wie in den frü­he­ren Sit­zun­gen be­zieht La­can den Be­griff des fal­schen Lochs auch hier auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem dem Sym­ptom und dem Sym­bo­li­schen. Ge­meint ist ver­mut­lich das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sym­ptom als der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten und dem Un­be­wuss­ten als dem ver­dräng­ten Wis­sen des Sub­jekts über das Sym­ptom.] Auf die­ses fal­sche Loch be­zieht sich eine Sa­ge­kunst (art-dire), die zur „Glut“ hin­über­glei­tet (ar­deur). [Mit die­ser Sa­ge­kunst ist, so neh­me ich an, das deu­ten­de Spre­chen des Psy­cho­ana­ly­ti­kers in der Kur ge­meint. Die Psy­cho­ana­ly­se ist eine Kunst des Spre­chens, die dar­auf ab­zielt, zwi­schen dem Un­be­wuss­ten (dem Sym­bo­li­schen) und dem Sym­ptom eine Ver­bin­dung her­zu­stel­len: mit­hil­fe des Phal­lus, durch Be­zug auf den un­be­wuss­ten Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Die Si­gni­fi­kan­ten des Sym­bo­li­schen – das Un­be­wuss­te  – fun­gie­ren hier­bei als Si­gni­fi­kat: als Sinn der Sym­pto­me. Die Sa­ge­kunst glei­tet zur Glut hin­über: sie be­zieht sich auf das Be­geh­ren.]

Joy­ce wuss­te nicht, dass er das Sin­t­hom bil­de­te, d.h. dass er es si­mu­lier­te; das war für ihn un­be­wusst, und des­halb ist er ein rei­ner Feu­er­wer­ker (ar­ti­fi­cier), ein Mann des Sa­voir-fai­re, d.h. je­mand, den man ei­nen Künst­ler (ar­tis­te) nennt. [Mit dem fran­zö­si­schen Wort „ar­ti­fi­cier“ (Feu­er­wer­ker) ver­weist La­can auf den eng­li­schen Aus­druck „ar­ti­fi­cer“ (Schöp­fer, Ar­ti­fex) im letz­ten Satz von Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann: „Old fa­ther, old ar­ti­fi­cer, stand me now and ever in good ste­ad.“ In der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 hat­te er die­sen Satz zi­tiert.]

[In der ers­ten Sit­zung des Sin­t­hom-Se­mi­nars hat­te La­can ge­sagt: Da Joy­ce ei­nen et­was la­schen Schwanz hat­te, leis­te­te sei­ne Kunst Er­satz für sein phal­li­sches Ge­ha­be.38 In der­sel­ben Sit­zung fragt er, in­wie­fern der Kunst­griff auf das ab­zie­len kann, was sich zu­nächst als Sym­ptom dar­stellt, und wie die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln kann, was sich vom Sym­ptom her auf­drängt, näm­lich die Wahr­heit.39 Dem­nach be­steht das Si­mu­lie­ren ei­nes Sin­t­homs bei Joy­ce dar­in, dass er durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Schöp­fer (dem Ar­ti­fex) ei­nen Er­satz für den Phal­lus bil­det, für den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, und dass er durch sein Wis­sen, durch das künst­le­ri­sche Sa­voir-fai­re, den Zu­gang zur Wahr­heit des Sym­ptoms ver­sper­ren, zum Sinn des Sym­ptoms.]

Das ein­zi­ge Rea­le, durch das et­was ve­ri­fi­ziert wird, ist der Phal­lus, in­so­fern der Phal­lus der Trä­ger ei­ner be­stimm­ten Si­gni­fi­kan­ten­funk­ti­on ist, näm­lich dass der Si­gni­fi­kant je­des Si­gni­fi­kat er­schafft.

[In wel­chem Sin­ne ist der Phal­lus, der doch ein Si­gni­fi­kant ist, et­was Rea­les? In­so­fern, als er das fal­sche Loch in ein rea­les Loch ver­wan­delt, in ein wah­res Loch. Er er­mög­licht das Rea­le des Kno­tens, das Zu­sam­men­hal­ten der ein­an­der äu­ßer­li­chen Rin­ge, ihre Ex-sis­tenz.]

[Der Phal­lus ist das, was die Ge­schlech­ter auf bor­ro­mäi­sche Wei­se mit­ein­an­der ver­schlingt.]

[Der Phal­lus hat die Funk­ti­on, zu be­zeich­nen, dass der Si­gni­fi­kant die Ge­samt­heit der Si­gni­fi­kats­wir­kun­gen er­schafft. Dies ist die The­se aus Die Be­deu­tung des Phal­lus, wo es heißt: Der Phal­lus „ist der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der be­stimmt ist, die Si­gni­fi­kats­wir­kun­gen in ih­rer Ge­samt­heit zu be­zeich­nen, so­weit der Si­gni­fi­kant die­se kon­di­tio­niert durch sei­ne Ge­gen­wart als Si­gni­fi­kant.“40 In Die Be­deu­tung des Phal­lus wird dies da­mit er­läu­tert, dass der Phal­lus sich auf das Ur­ver­dräng­te be­zieht, also auf das, was die Ver­drän­gung her­vor­ruft, aber auch in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se nicht in Er­in­ne­rung ge­ru­fen wer­den kann. Si­gni­fi­ka­te sind ver­dräng­te Si­gni­fi­kan­ten. Als ur­ver­dräng­ter Si­gni­fi­kant er­zeugt der Phal­lus die Ver­drän­gung und da­mit den Si­gni­fi­kats­ef­fekt.]

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ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Fol­gen­den wer­den alle Stel­len auf­ge­führt, an de­nen La­can die Aus­drü­cke „Sym­ptom“ oder „Sin­thom“ ver­wen­det. Die Zah­len in run­den Klam­mern sind Sei­ten­zah­len, sie ver­wei­sen auf die Über­set­zung von Max Klei­ner.

Ver­wen­dung von „Sym­ptom“ und „Sin­t­hom“

In die­ser Sit­zung ver­wen­det La­can drei­mal den Aus­druck „sin­t­home“, nie den Aus­druck „sym­ptô­me“.

Joy­ce: das Sin­t­hom statt des Rea­len

Ist es aber denn si­cher, dass es im­mer das Rea­le ist, das be­tei­ligt ist? Ich habe be­haup­tet, im Fal­le von Joy­ce sind es eher die Idee und das Sin­t­hom, wie ich es nen­ne.“ (118)

Bei Joy­ce ist nicht das Rea­le be­tei­ligt, son­dern die Idee (das Ima­gi­nä­re) und das Sin­t­hom. Hier be­zieht sich der Aus­druck „Sin­t­hom“ spe­zi­ell auf Joy­ce.

Das Sin­t­hom bil­det ein fal­sches Loch mit dem Sym­bo­li­schen

In­so­fern das Sin­t­hom ein fal­sches Loch mit dem Sym­bo­li­schen bil­det, gibt es über­haupt eine Pra­xis, das heißt et­was, das vom Sa­gen aus­geht, da­von, was ich hier eben­so gut die Sa­ge­kunst (l’art-dire) nen­nen wer­de, oder gar um zur Glut (l’ardeur) zu glei­ten.“ (119)

Hier wird dar Ter­mi­nus „Sin­t­hom“ all­ge­mein ver­wen­det, ohne Be­zug auf Joy­ce.

In der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975 hat­te es ge­hei­ßen, das fal­sche Loch wird durch das „Sym­ptom“ und das Sym­bo­li­sche ge­bil­det (Klei­ner-Über­set­zung, S. 15 f.), in der Sit­zung vom 9. De­zem­ber sprach La­can eben­falls vom fal­schen Loch zwi­schen dem „Sym­ptom“ und dem Sym­bo­li­schen. Es ist nicht zu er­ken­nen, war­um La­can jetzt vom fal­schen Loch zwi­schen dem „Sin­t­hom“ und dem Sym­bol spricht. Das spricht da­für, dass er die Aus­drü­cke syn­onym ver­wen­det.

Joy­ce si­mu­lier­te das Sin­t­hom

An­schlie­ßend heißt es:

Joy­ce, um zum Ende zu kom­men, wuss­te nicht, dass er das Sin­t­hom bil­de­te, ich will sa­gen, dass er es si­mu­lier­te.“ (119)

Hier geht es wie­der dar­um, dass Joy­ce das Sin­t­hom bil­de­te.

Joy­ce si­mu­lier­te das Sin­t­hom – was ist da­mit ge­meint?

OFFENE FRAGEN

Die Zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner. Sie sind oben in der Über­set­zung nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Hauptfragen

Wenn die drei Rin­ge nur ge­färbt, nicht aber ori­en­tiert sind, kann man die bei­den Dar­stel­lun­gen durch eine be­stimm­te  Ma­ni­pu­la­ti­on in­ein­an­der über­füh­ren (116). Ich habe die­se Ma­ni­pu­la­ti­on nicht nach­voll­zie­hen kön­nen. Wie läuft sie ab?

Die dar­ge­stell­ten bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen aus zwei ge­färb­ten Rin­gen und ei­nem ori­en­tier­ten Ring sind zwei un­ter­schied­li­che Ar­ten der Ver­schlin­gung (118). Wor­an sieht man, dass es sich bei den Bil­dern 1 und 3 um zwei un­ter­schied­li­che Ar­ten der Ver­schlin­gung han­delt? Dazu müss­te ge­zeigt wer­den, dass man den Ver­lauf „Blau un­ter Rot über Grün“ bei kon­stan­ter Ori­en­tie­rung des Krei­ses nicht durch Ma­ni­pu­la­ti­on in „Blau über Rot un­ter Grün“ ver­wan­deln kann. Wie kann man zei­gen, dass eine sol­che Ma­ni­pu­la­ti­on nicht mög­lich ist?

Weitere Fragen

Eine be­stimm­te Schau­spie­le­rin, die eine Hys­te­ri­ke­rin spielt, ist nicht die bes­te Hys­te­ri­ke­rin, eine an­de­re, die kei­ne Hys­te­ri­ke­rin spielt, ist die bes­se­re Hys­te­ri­ke­rin, zeigt aber nicht ihre Hys­te­ri­ker­tu­gen­den (113). Was sind Hys­te­ri­ker­tu­gen­den? Was sind Hys­te­ri­ker­tu­gen­den? Meint La­can hier das Wis­sen­wol­len? Was hat es mit der Ver­schie­bung auf sich, dass die die schlech­te­re Hys­te­ri­ke­rin eine Hys­te­ri­ke­rin spielt, und zwar nicht schlecht, und dass bes­se­re Hys­te­ri­ke­rin eine Per­son dar­stellt, die kei­ne Hys­te­ri­ke­rin ist? Was meint „Rea­li­tät der Wie­der­ho­lun­gen“ und in­wie­fern be­herrscht sie die Schau­spie­ler?

Wenn man die „Ku­gel“ um­klappt, er­hält man eine ent­ge­gen­ge­setz­te An­ord­nung (116). La­can spricht hier vom Um­klap­pen der „Ku­gel“ und meint da­mit ei­nen Ring – war­um sagt er „Ku­gel“? Be­zieht er sich an die­ser Stel­le nicht auf bor­ro­mäi­sche Rin­ge mit un­end­li­chen Ge­ra­den, son­dern auf die Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung als Ar­mil­larsphä­re?

Was hält uns in der Un­mit­tel­bar­keit fest (116). Was meint hier „Un­mit­tel­bar­keit“?

Das von der Evi­denz aus­ge­hen­de Bla­bla rea­li­siert eine Ent­lee­rung, un­ter der Be­din­gung, sie „auf be­deut­sa­me Wei­se“ (si­gni­fi­ca­ti­ve­ment) zu rea­li­sie­ren (116). Was ist hier mit „be­deut­sam“ ge­meint? Der Be­zug auf Si­gni­fi­kan­ten oder auf Si­gni­fi­ka­te?

Die To­po­lo­gie ist auf die Ver­schlin­gung zu grün­den (116). Was ist da­mit ge­meint, dass die To­po­lo­gie auf die Ver­schlin­gung zu grün­den ist?

Sou­ry und Tho­mé ha­ben alle Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten von drei Fär­bun­gen und drei Oi­en­tie­run­gen durch­ge­spielt (117). Wel­che Mög­lich­kei­ten sind das? Je­der der drei Rin­ge kann ori­en­tiert oder nicht ori­en­tiert sein, das er­gibt 0 oder 1 oder 2 oder 3 ori­en­tier­te Rin­ge. Wenn ein Ring ori­en­tiert ist, muss er nicht ge­färbt sein, wenn zwei oder drei Rin­ge ori­en­tiert sind, kann ein Ring ge­färbt oder nicht ge­färbt sein. Wenn ein Ring ori­en­tiert ist, kann er rechts- oder links­dre­hend sein. Wie vie­le Kom­bi­na­tio­nen gibt es?

Von wo aus soll­te man ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den eine Ori­en­tie­rung ge­ben? (117 f.) War­um kön­nen un­end­li­che Ge­ra­den nicht ori­en­tiert sein?

Das weib­li­che Ge­schlecht wur­de zur Pro­the­se der Mehr­deu­tig­keit ge­führt, zur Lalan­gue (119). In­wie­fern ist die Mehr­deu­tig­keit eine Pro­the­se, in­wie­fern wird durch die Mehr­deu­tig­keit et­was an die Stel­le von et­was an­de­rem ge­setzt?

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LITERATURVERZEICHNIS

La­can, Sin­t­hom-Se­mi­nar

Ver­sion NN
La­can: Le sin­thome. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schine, durch Fo­to­ko­pien ver­brei­tet. Auf die­se Ver­sion be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, lin­ke Spal­te.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 197576. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Die­se Tran­skrip­tion wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wur­de die Va­ri­ante vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 197677/Kleiner
Le sin­thom. 1975  1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Der Text ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Ers­te Spal­te: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­sion NN/Kleiner), zwei­te Spal­te: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, drit­te Spal­te: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim La­can-Ar­chiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Da­tei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sin­t­hom-Kom­men­tars ist eine über­ar­bei­tete Fas­sung von Ver­sion NN/Kleiner; mit „Klei­ner-Über­set­zung“ ist die­se Ver­sion ge­meint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 19751976. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

La­can, wei­te­re Tex­te

La si­gni­fi­ca­ti­on du phal­lus. In: Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 685–695.– Die Be­deu­tung des Phal­lus. Über­setzt von Chan­tal Creu­sot, Nor­bert Haas und Sa­muel M. We­ber. In: Ders.: Schrif­ten II. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i.Br. 1975, S. 119132

Litu­ra­terre. In: Lit­té­ra­ture, Nr. 3, Ok­to­ber 1971, S. 310.– In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2005, S. 1120.– Eine deut­sche Über­set­zung der ers­ten Ver­si­on die­ses Tex­tes fin­det man in die­sem Blog hier.

Se­mi­na­re

Se­mi­nar 1 = Le sé­min­aire, Li­v­re I. Les écrits tech­ni­ques de Freud. 19531954. Text­her­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1975.– Das Se­mi­nar, Buch I (1953/54). Freuds tech­ni­sche Schrif­ten. Über­setzt von Wer­ner Ha­ma­cher. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1978

Se­mi­nar 9 = L’identification. 196162. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage der Ver­sio­nen JL, rue CB und Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 11 = Le sé­mi­n­aire, li­v­re XI. Les quat­re con­cepts fon­da­men­taux de la psy­chana­ly­se. 1964. Tex­ther­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1973.– Das Se­mi­nar, Buch XI (1964). Die vier Grund­be­griffe der Psy­cho­ana­lyse. Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1978

Se­mi­nar 12 = Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­ly­se. 196465. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage der Ver­sio­nen ELP, Le­cat und Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 17 = Le sé­mi­nare, li­v­re XVII. L’envers de la psy­chana­lyse. 19691970. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1991

Se­mi­nar 18 = Le sé­mi­n­aire, li­v­re XVIII. D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant. 1971. Tex­ther­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2007

Se­mi­nar 19 = Le sé­mi­nare, li­v­re XIX. … ou pire. 19711972. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2011

Se­mi­nar 20 = Le sé­min­aire, li­v­re XX. En­core. 19721973. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1975.En­core. Über­setzt von Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger, nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1986

Se­mi­nar 21 = Les non-du­pes er­rent. 197374. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage ei­ner Ton­auf­nahme so­wie der Tran­skrip­tio­nen auf den Web­sites Lu­te­cium und Gao­goa. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 22 = RSI. 197475. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­la­ge der Ton­auf­nah­me auf der Web­site von Pa­trick Valas und den Tran­skrip­tio­nen von Chol­let und Gao­nach. Ohne Ort, ohne Jahr.– Se­mi­nar XXII. RSI. 197475. Über­setzt von Max Klei­ner auf der Grund­lage ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten vor­läu­fi­gen Ver­sion. Her­aus­ge­ge­ben vom La­can-Ar­chiv Bre­genz 2012

An­de­re Au­to­ren

Ci­xous, Hé­lè­ne: La dé­route du su­jet, ou le voya­ge ima­gi­n­aire de Dora. In: Lit­té­ra­tu­re, Nr. 3, Ok­to­ber 1971, S. 7985

—: Le rire de la Mé­du­se. In: L’Arc, 26. Jg. (1975), S. 3954.– Das La­chen der Me­dusa (1975). Über­setzt von Clau­dia Sim­ma. In: Es­ther Hut­fless, Ger­trude Postl, Eli­sa­beth Schä­fer (Hg.): Hé­lène Ci­xous: Das La­chen der Me­dusa, zu­sam­men mit ak­tu­el­len Bei­trä­gen. Pas­sa­gen, Wien 2013, S. S. 3961

—: Por­trait de Dora. Des Femmes, Pa­ris 1976

Freud, Sig­mund: Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 83186

Joy­ce, Ja­mes: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Vi­king Cri­ti­cal Li­brary, New York 1968. – Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­setzt von Klaus Rei­chert. In: J. Joy­ce: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251533

Li­vi­us, Ti­tus: Ab urbe con­dita.– Rö­mi­sche Ge­schich­te  Von der Grün­dung der Stadt an. Über­setzt von Otto Güth­ling. Hg. v. Le­ne­lot­te Möl­ler. Ma­rix­ver­lag, Wies­ba­den 2009

Mil­ler, Jac­ques-Alain: Noti­ce de fil en ai­guil­le. In: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 19751976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 199247

Mil­ner, Jean-Clau­de: Éco­les de Cam­bridge et de Penn­syl­va­nie: deux thé­o­ries de la trans­for­ma­ti­on. In: Ders.: Ar­gu­ments lin­gu­is­ti­ques. Mai­son Mame, Pa­ris 1973, S. 179217

Ri­viè­re, Joan: Wom­an­li­ness as a mas­quer­ade. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 10. Jg. (1929), S. 303313.– Weib­lich­keit als Mas­ke. In: In­ter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Psy­cho­ana­ly­se, 15. Jg. (1929), S. 285296 (der Name des Über­set­zers wird hier nicht an­ge­ge­ben).– Weib­lich­keit als Mas­ke­ra­de. Über­setzt von Ur­su­la Rieth. In: Li­lia­ne Weiss­berg (Hg.): Weib­lich­keit als Mas­ke­ra­de. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 1994, S. 3447

Rou­di­nesco, Eli­sa­beth: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schichte ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heuer und Witsch, Köln 1996

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Vgl. Lit­té­ra­tu­re Nr. 3, Ok­to­ber 1971; der Auf­satz von Ci­xous über Dora hat den Ti­tel La dé­rou­te du su­jet, ou le voya­ge ima­gin­aire de Dora, S. 7985; La­cans Litu­ra­terre steht in die­sem Heft auf den Sei­ten 3 10. Eine deut­sche Über­set­zung der ers­ten Ver­si­on von Litu­ra­terre fin­det man in die­sem Blog hier.
  2. Hé­lè­ne Ci­xous: Por­trait de Dora (Thea­ter­stück). Des Femmes, Pa­ris 1976. Eine eng­li­sche Über­set­zung von Ani­ta Bar­rows (Ti­tel: Por­trait of Dora) gibt es in der Gam­bit In­ter­na­tio­nal Theat­re Re­view, 8 (30) 1977, S. 2767, im In­ter­net hier.
    Die Ur­auf­füh­rung war am 26. Fe­bru­ar 1976 im Théât­re d’Orsay, also nach der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung von La­cans Se­mi­nar, knapp zwei Wo­chen vor der lau­fen­den Se­mi­nar­sit­zung. Re­gie: Si­mo­ne Ben­mus­sa; Pro­duk­ti­on: Com­pa­gnie Bar­rault-Ren­aud. Mit Na­tha­lie Nell als Dora, Mi­chel­le Mar­quais als Frau K. und Lu­ci­en Ro­sen­gart als Freud. In die­ser In­sze­nie­rung wur­den Film­sze­nen von Mar­gue­ri­te Du­ras ge­zeigt.
  3. S. Freud: Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905). Der wirk­li­che Name der Pa­ti­en­tin ist Ida Bau­er.
  4. Mit Sal­va­dor Dalí traf sich La­can bei der USA-Rei­se An­fang De­zem­ber 1975 in New York, bei die­ser Ge­le­gen­heit sprach er mit ihm über die bor­ro­mäi­schen Rin­ge; vgl. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schich­te ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 1996, S. 557, so­wie das Foto von La­can und Dalí zwi­schen den Sei­ten 544 und 545.
  5. La­can be­zieht sich hier auf eine von Ti­tus Li­vi­us er­zähl­te Epi­so­de des Drit­ten Rö­misch-Ma­ke­do­ni­schen Krieges (171168 v. Chr.). Nach ei­nem Sieg Roms ging im Jah­re 169 v. Chr. der rö­mi­sche Po­li­ti­ker Gai­us Po­pi­li­us (oder Po­pil­li­us) La­e­nas nach Alex­an­dria, um den Se­leukiden­kö­nig An­tio­chus IV. ein Ul­ti­ma­tum zu über­rei­chen, das den so­for­ti­gen Ab­zug aus Ägyp­ten ver­lang­te. Als An­tio­chus sag­te, er wol­le sich zu­nächst mit sei­nen Freun­den be­ra­ten, zeich­ne­te Po­pi­li­us mit ei­nem Stock um An­tio­chus ei­nen Kreis in den Sand und for­der­te ihn auf, den Kreis erst dann zu ver­las­sen, wenn er ihm eine Ant­wort ge­ge­ben hat­te, die er dem Se­nat be­rich­ten kön­ne. Über die­se ent­schie­de­ne Auf­for­de­rung er­staunt, zö­ger­te An­tio­chus zu­nächst und sag­te schließ­lich, er wol­le tun, was der Se­nat von ihm ver­lan­ge. (Ab urbe con­di­ta (Rö­mi­sche Ge­schich­te), Buch 45, Ka­pi­tel 12) – Mehr hier­zu fin­det man in: Jac­ques-Alain Mil­ler: Noti­ce de fil en ai­guil­le. In: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII, 19751976. Le sin­t­home. Seuil, Pa­ris 2005, § 12, „Le cer­cle de Po­pi­li­us“, S. 220224.
  6. Gé­r­ard De­s­ar­gues (15911661), ei­ner der Be­grün­der der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie.
  7. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974.
  8. Wort­spie­le mit deux/d’eux fin­det man mehr­fach in Se­mi­nar 20 (in den Sit­zun­gen vom 21. No­vem­ber 1972, vom 13. März 1973 und vom 15. Mai 1973).
  9. J. La­can: Die Be­deu­tung des Phal­lus. In: Ders.: Schrif­ten II. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i.Br. 1975, S. 119–132. Vor­trag von 1958, der 1966 ver­öf­fent­licht wur­de.
  10. Der Auf­satz be­ginnt mit dem Satz „Der un­be­wuss­te Kas­tra­ti­ons­kom­plex hat be­kannt­lich die Funk­ti­on ei­nes Kno­tens (…).“ (Schrif­ten II, S. 121, Über­set­zung ge­än­dert)
  11. Das Glei­ten be­ruht auf der Laut­ähn­lich­keit von „l’art-dire“ (die Sa­ge­kunst) und „l’ardeur“ (die Glut).
  12. Der fran­zö­si­sche Aus­druck „ar­ti­fi­cier“ (Feu­er­wer­ker) spielt an auf den eng­li­schen Ter­mi­nus „ar­ti­fi­cer“ (Schöp­fer, Ar­ti­fex) im letz­ten Satz von Joy­ces Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann: „Old fa­ther, old ar­ti­fi­cer, stand me now and ever in good ste­ad.“ (Ja­mes Joy­ce: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Vi­king Cri­ti­cal Li­brary, New York 1968, S. 253. Rei­chert über­setzt: „Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex, steh hin­ter mir, jetzt und im­mer­dar.“ (Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. In: Ders.: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­tra­gen von Klaus Rei­chert. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251533, hier: S. 533) La­can hat­te die­sen Satz im Sin­t­hom-Se­mi­nar in der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 zi­tiert; Klei­ner-Über­set­zung S. 58.
  13. Auf den Klee­blatt­kno­ten hat­te La­can sich im Sin­t­hom-Se­mi­nar zu­erst in der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975 be­zo­gen; Klei­ner-Über­set­zung S. 33.
  14. Auf die un­end­li­che Ge­ra­de als Be­stand­teil ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung hat­te La­can be­reits in der ers­ten Sit­zung des Sin­t­hom-Se­mi­nars ver­wie­sen, dort in Ver­bin­dung mit zwei Rin­gen (Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 16); die Kom­bi­na­ti­on von zwei un­end­li­chen Ge­ra­den und ei­nem Ring fin­det man in Se­mi­nar 23 erst­mals in der zwei­ten Sit­zung (Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 23).
  15. Die Dar­stel­lung der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen in der Art ei­ner Ar­mil­larsphä­re er­scheint im Sin­t­hom-Se­mi­nar zu­erst in der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 25 f.
  16. Vgl. etwa Se­mi­nar 1, Sit­zung vom 24. Fe­bru­ar 1954, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 113.
  17. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 14. Mai 1974.
  18. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 8. Ja­nu­ar 1974.
  19. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. März 1975.
  20. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 22.
  21. Vgl. in Se­mi­nar 22 die Sit­zun­gen vom 11. März, 18. März und 13. Mai 1975.
  22. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 10.
  23. Se­mi­nar 20, Sit­zung vom 20. März 1973; Ver­si­on Miller/Haas u.a. S. 97.
  24. Vgl. Die Be­deu­tung des Phal­lus, Schrif­ten II, dar­in S. 130132.
  25. Joan Ri­viè­re: Wom­an­li­ness as a mas­quer­ade. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 10. Jg. (1929), S. 303313. Es gibt zwei deut­sche Über­set­zun­gen: Weib­lich­keit als Mas­ke. In: In­ter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Psy­cho­ana­ly­se, 15. Jg. (1929), S. 285296 (der Name des Über­set­zers wird hier nicht ge­nannt); Weib­lich­keit als Mas­ke­ra­de. Über­setzt von Ur­su­la Rieth. In: Li­lia­ne Weiss­berg (Hg.): Weib­lich­keit als Mas­ke­ra­de. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 1994, S. 3447.
  26. Vgl. Die Be­deu­tung des Phal­lus, in: Schrif­ten II, S. 132.
  27. Klei­ner-Über­set­zung S. 115.
  28. Die The­se „Das Rea­le ist das Un­mög­li­che“ wird von La­can zu­erst vor­ge­bracht in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung (Sit­zun­gen vom 14. März und vom 21. März 1962). In je­dem der fol­gen­den Se­mi­na­re kommt er dar­auf zu­rück, bis ein­schließ­lich Se­mi­nar 24. Die ge­naue For­mu­lie­rung „le réel c’est l’impossible“ fin­det man erst­mals in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se (Sit­zung vom 16. Juni 1965).
  29. Vgl. Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976; Klei­ner-Über­set­zung S. 91.
  30. Vgl. Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar; Klei­ner-Über­set­zung S. 9193.
  31. Vgl. Se­mi­nar 20, Sit­zung vom 10. April 1973. Mil­ners Vor­trag fin­det man in der Sta­fer­la-Ver­si­on von Se­mi­nar 20. In Mil­lers Ver­si­on des Se­mi­nars und in der deut­schen Über­set­zung ist der Vor­trag nicht ent­hal­ten; Mil­ler ver­weist hier auf Jean-Clau­de Mil­ner: Ar­gu­ments lin­gu­is­ti­ques. Mai­son Mame, Pa­ris 1973, S. 179217,„Écoles de Cam­bridge et de Penn­syl­va­nie: deux thé­o­ries de la trans­for­ma­ti­on“.
  32. Hé­lè­ne Ci­xous: Le rire de la Mé­du­se. In: L’Arc, 26. Jg. (1975), S. 3954.– Das La­chen der Me­du­sa. Über­setzt von Clau­dia Sim­ma. In: Es­ther Hut­fless, Ger­tru­de Postl, Eli­sa­beth Schä­fer (Hg.): Hé­lè­ne Ci­xous: Das La­chen der Me­du­sa, zu­sam­men mit ak­tu­el­len Bei­trä­gen. Pas­sa­gen, Wien 2013, S. S. 3961, hier: S. 45 f.
  33. A.a.O., S. 51.
  34. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 15 f.
  35. Vgl. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung, S. 30.
  36. Vgl. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976; Klei­ner-Über­set­zung, S. 90 f.
  37. Der Auf­satz be­ginnt mit die­sem Satz: „Der un­be­wuss­te Kas­tra­ti­ons­kom­plex hat be­kannt­lich die Funk­ti­on ei­nes Kno­tens (…).“ (Schrif­ten II, S. 121, Über­set­zung ge­än­dert.
  38. Vgl. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 7.
  39. Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 14.
  40. Die Be­deu­tung des Phal­lus, Schrif­ten II, S. 126.

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