„Das Sinthom“ entziffern

Kommentar zu Jacques Lacans Vorlesung vom 9. März 1976

John Robinson, Creation, 1991John Robinson, Creation, 1991, Redwood, 3,65 x 3,65 m
Robert Hefner III Collection, Aspen (Colorado, USA), von hier

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, „Das Sinthom“

Jac­ques La­can: Se­mi­nar 23 von 1975/76: Le sin­thome / Das Sinthom

Kom­men­tar von Rolf Nemitz
ge­stützt auf die Tref­fen der Le­se­gruppe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
ab März 2013

Ei­nen Über­blick über die Kom­men­tare zu den ein­zel­nen Sit­zun­gen fin­det man hier, über den ge­sam­ten Kom­men­tar hier.

Eine Über­sicht über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben des Sinthom-Seminars gibt es hier.

Vorlesung vom 9. März 1976

Psychoanalytische Bibliothek - Fenster neben dem Eingang19., 20. und 21. Treffen der Lesegruppe des Psychoanalytischen Salons Berlin
am 27. Januar, 24. Februar und 31. März 2015
in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin.

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TONAUFNAHME

Die Sei­ten­zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Staferla-Version.

Erstes Drittel, bis „ … ce nœud borroméen.“ (bis 30:13 Minuten, bis S. 68):

 

Zweites Drittel, von „Alors cette fausse …“ bis „ … deux droites infinies.“ (bis 1:02:24 Minuten, bis S. 70):

 

Drittes Drittel, von „Là, l’usage … “ bis Schluss:

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FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quellen der Lacan-Zitate

Französischer Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­geben und veröffentlicht von der Website staferla.free.fr, ohne Ort. Variante vom 28.6.2013, PDF-Datei hier. Die Transkription wurde mit der Audioaufnahme verglichen und geringfügig überarbeitet.

Deutscher Text
Die Übersetzung stützt sich auf die Übersetzung von Seminar 23 durch Max Kleiner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, linke Spalte dieser Doppelübersetzung. Kleiners Übersetzung wurde von Rolf Nemitz stark überarbeitet.

Seitenzahlen

Französischer Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Version Staferla vom 28.6.2013.

– Die Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten der von Jacques-Alain Miller herausgegebenen offiziellen Ausgabe von Seminar 23 (Jacques Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 19751976. Éditions du Seuil, Paris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa beginnt in Millers Version von 2005 die Seite 83“. Da Miller die Transkription redaktionell bearbeitet hat, unterscheidet sich die hier gebrachte Transkription häufig von Millers Ausgabe.

Deutscher Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner.

Anmerkungen
Die Anmerkungen zum französischen Text beziehen sich auf Fragen der Transkription.

– Die Anmerkungen zur Übersetzung liefern Informationen zum Text ohne Bezug auf Lacans Theorie sowie Querverweise.

 

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[105] Bon, ben me v’là réduit à improviser. (66)

Gut, ich bin darauf beschränkt, zu improvisieren. (113)

 

Non pas bien sûr que je n’aie pas travaillé depuis la dernière fois – abondamment ! – mais comme je m’attendais pas forcément à parler – puisque, en principe c’est la grève – me v’là donc réduit à faire ce que – quand même – j’ai un peu préparé, même beaucoup… (66)

Natürlich nicht deswegen, weil ich seit dem letzten Mal nicht gearbeitet hätte, reichlich sogar; aber da ich mich nicht unbedingt darauf eingestellt hatte, zu sprechen, da ja eigentlich Streik ist, bin ich also darauf beschränkt, das zu tun, was ich trotzdem ein wenig vorbereitet habe, viel sogar. (113)

 

Je vais aujourd’hui – j’espérais que vous seriez moins nombreux, comme d’habitude ! – je vais aujourd’hui vous montrer quelque chose. (66)

Ich werde Ihnen heute – ich hoffte, Sie wären weniger zahlreich, wie üblich –, ich werde Ihnen heute etwas zeigen. (113)

 

C’est pas forcément ce que, ce que vous attendez. (Gelächter) (66)

Das ist nicht unbedingt das, nicht das, was Sie erwarten. (Gelächter) (113)

 

Ça n’est pas sans rapport. (66)

Das ist nicht ohne Bezug. (113)

 

Mais, j’ai emporté avant de partir, une chose à laquelle je désirais beaucoup penser parce que je l’avais promis à la personne qui n’est pas sans y être un peu intéressée, c’est ceci que je voudrais vous faire connaître, vous rappeler pour ceux qui le savent déjà : que il y a quelqu’un que j’aime beaucoup qui s’appelle Hélène Cixous… ça s’écrit avec un C au début, ça se termine par un S, ça se prononce Cique-sou, à l’occasion …alors, ladite Hélène Cixous avait fait déjà, paraît-il… je l’avais, quant à moi, laissé un peu vague dans mon souvenir …a fait déjà, paraît-il, dans le numéro épuisé de Littérature où… on me l’a rappelé, je l’ignorais totalement …j’avais fait Lituraterre dans ce numéro épuisé… ce qui ne vous rendra pas facile de le retrouver, sauf pour ceux qui l’ont déjà …elle avait fait une petite note sur Dora. (66)

Aber ich habe, bevor ich aufgebrochen bin, etwas mitgenommen, woran zu denken ich einen großen Wunsch verspürte, weil ich es der Person versprochen hatte, die daran durchaus etwas interessiert ist – und zwar Folgendes, was ich Ihnen zur Kenntnis bringen möchte oder woran ich diejenigen, die es bereits wissen, erinnern möchte: dass es jemanden gibt, den ich sehr mag, sie heißt Hélène Cixous – das schreibt sich mit einem C am Anfang und das endet mit einem S, das wird „ßikꞌßuh“ ausgesprochen –, also besagte Hélène Cixous hatte bereits, so scheint es – ich hatte es meinerseits in meinem Gedächtnis ein bisschen vage gelassen –, sie hatte bereits, so scheint es, in der vergriffenen Nummer von Littérature – wo ich, wie man mich erinnert hat, ich hatte es völlig vergessen, Lituraterre gemacht hatte –, in diesem vergriffenen Heft, was es Ihnen nicht leicht machen wird, es zu finden, außer für diejenigen, die es bereits haben, hatte sie eine kleine Anmerkung über Dora gemacht.1 (113)

 

Alors, depuis elle en fait une pièce : Le Portrait de Dora, d’est le titre, une pièce qui se joue au Petit Orsay, c’est-à-dire à une annexe du Grand Orsay – chacun peut l’imaginer facilement – le Grand Orsay étant occupé par Jean-Louis Barrault et Madeleine Renaud. (66)

Nun, inzwischen hat sie ein Stück daraus gemacht: Das Porträt von Dora – das ist der Titel –, ein Stück, das im Kleinen Orsay gespielt wird, das heißt in einem Anbau des Großen Orsay, wie sich jeder leicht vorstellen kann, da das Große Orsay durch Jean-Louis Barrault und Madeleine Renaud belegt ist.2 (113)

 

Alors, ce Portrait de Dora, moi j’ai trouvé ça pas mal. (66)

Also, dieses Porträt von Dora, ich fand das nicht schlecht. (113)

 

J’ai dit ce que j’en pensais à celle que j’appelle Hélène, depuis le temps que je la connais, et je lui ai dit que j’en parlerai. (66)

Ich habe zu derjenigen, die ich Hélène nenne, seit ich sie kenne, gesagt, was ich davon halte; und ich habe ihr gesagt, dass ich darüber sprechen werde. (113)

 

Le Portrait de Dora, il s’agit de la Dora de Freud. (66)

Das Porträt von Dora, es geht um die Dora von Freud.3 (113)

 

Et c’est bien en quoi je soupçonne que ça peut intéresser quelques personnes d’aller voir comment c’est réalisé. (66)

Und deswegen vermute ich, dass es einige interessieren könnte, zu sehen, wie das aufgeführt wird. (113)

 

C’est réalisé d’une façon réelle. (66)

Es wird auf eine reale Weise aufgeführt. (113)

 

Je veux dire que la réalité c’est ce qui – la réalité des répétitions par exemple – c’est ce qui, au bout du compte, a dominé les acteurs. (66)

Ich will sagen, dass die Realität das ist – die Realität der Wiederholungen beispielsweise – das ist, was letztendlich die Schauspieler beherrscht hat. (113)

 

[106] Je ne sais pas comment vous apprécierez. (66)

Ich weiß nicht, wie Sie urteilen werden. (113)

 

Mais ce qu’il y a de certain, c’est qu’il y a là quelque chose de tout à fait frappant. (66)

Aber eins ist gewiss, nämlich dass es da etwas ganz Verblüffendes gibt. (113)

 

Il s’agit de l’hystérie, de l’hystérie de Dora précisément, et il se trouve que c’est pas la meilleure hystérique de la distribution. (66)

Es geht um die Hysterie, genau gesagt um Doras Hysterie, und es stellt sich heraus, dass sie in der Rollenverteilung nicht die beste Hysterikerin ist. (113)

 

Celle qui est la meilleure hystérique joue un autre rôle, mais elle ne montre pas du tout ses vertus d’hystérique. (66)

Diejenige, die die bessere Hysterikerin ist, spielt eine andere Rolle, aber sie zeigt überhaupt nicht ihre Hysterikertugenden. (113)

 

Dora elle-même – enfin, celle qui joue son rôle – ne le montre pas mal, tout au moins c’est mon sentiment. (66)

Dora selbst, also diejenige, die diese Rolle spielt, zeigt sie nicht schlecht, zumindest ist das mein Gefühl. (113)

 

Il y a aussi quelqu’un là-dedans qui fait, qui joue le rôle de Freud. (66)

Es gibt in dem Stück auch jemanden, der die Rolle von Freud darstellt, der diese Rolle spielt. (113)

 

Il est, bien entendu, très embêté. (Gelächter) (66)

Das ist ihm natürlich sehr unangenehm. (Gelächter) (113)

 

Et il est très embêté et ça se voit, enfin, il y va précautionneusement. (66)

Und das ist ihm sehr unangenehm, und das merkt man denn auch, er macht das vorsichtig. (113)

 

Et c’est d’autant moins heureux – du moins pour lui – qu’il n’est pas un acteur, il s’est dévoué pour ça. (66)

Und das ist umso weniger glücklich, zumindest für ihn, als er kein Schauspieler ist, er hat sich dem verschrieben. (113)

 

Alors, il a tout le temps peur de charger Freud. (66)

Also hat er die ganze Zeit Angst, Freud zu chargieren. (113)

 

Enfin, ça se voit dans son débit. (66)

Das sieht man seinem Vortrag eben an. (113)

 

Enfin, le mieux que j’ai à vous dire, c’est d’aller le voir. (66)

Nun, das Beste, was ich Ihnen sagen kann, sehen Sie es sich an. (113)

 

Ce que vous verrez est quelque chose qui, quand même, est marqué de cette précaution du Freud, du Freud acteur. (66)

Was Sie sehen werden, ist dennoch etwas, das von dieser Vorsicht von Freud geprägt ist, von der Vorsicht des Bühnen-Freud. (113)

 

Alors, il en résulte dans l’ensemble quelque chose qui est tout à fait curieux en fin de compte. (66)

Daraus ergibt sich nun in der Gesamtheit etwas, das letzten Endes ganz sonderbar ist. (113)

 

On a là l’hystérie… je pense que ça vous frappera, mais après tout, peut-être apprécierez-vous autrement …on a là l’hystérie que je pourrais dire incomplète. (66)

Man hat da die Hysterie – ich denke, das wird Sie verblüffen, aber vielleicht werden Sie es auch anders einschätzen –, man hat da die Hysterie, die ich unvollständig nennen könnte. (113)

 

Je veux dire que l’hystérie c’est toujours – enfin depuis Freud – c’est toujours deux. (66)

Ich will sagen, die Hysterie, das sind immer – nun, seit Freud –, das sind immer zwei. (113)

 

Et là, on la voit en quelque sorte réduite, cette hystérie, à un état que je pourrais appeler… et c’est pour ça d’ailleurs que ça ne va pas aller mal avec ce que je vais vous expliquer …à l’état en quelque sorte matériel. (66)

Und hier sieht man diese Hysterie gewissermaßen auf einen Zustand reduziert, den ich – und deswegen passt das übrigens nicht schlecht zu dem, was ich Ihnen erklären werde –, auf den Zustand, den ich gewissermaßen als materiell bezeichnen könnte. (113 f.)

 

Il y manque cet élément qui s’est rajouté depuis quelque temps, et depuis avant Freud en fin de compte, à savoir comment elle doit être comprise. (66)

Es fehlt hier dasjenige Element, das sich seit einiger Zeit hinzugefügt hat – und zwar letzten Endes seit der Zeit vor Freud –, nämlich wie sie verstanden werden muss. (114)

 

Ça fait quelque chose de très frappant et de très instructif. (66)

Das ergibt etwas sehr Verblüffendes und sehr Instruktives. (114)

 

C’est une sorte d’hystérie rigide. (66)

Das ist eine Art starre Hysterie. (114)

 

Vous allez voir – parce que je vais vous le montrer – ce que veut dire en l’occasion le mot rigidité, parce que je m’en vais vous parler d’une chaîne qui est ce que je me trouve avoir avancé devant votre attention, la chaîne… pour l’appeler comme ça …la chaîne borroméenne, dont ce n’est pas pour rien qu’on l’appelle nœud, parce que ça glisse vers le nœud. (66)

Sie werden sehen, da ich Ihnen zeigen werde, was das Wort „Starrheit“ hier bedeutet, weil ich mich jetzt daran mache, zu Ihnen über eine Kette zu sprechen, die ich Ihrer Aufmerksamkeit bereits vorgestellt habe, die Kette, um sie so zu nennen, die borromäische Verkettung, die man nicht umsonst als Knoten bezeichnet, weil das zum Knoten hin gleitet. (114)

 

Je vais vous montrer ça tout de suite. (66)

Ich werde Ihnen das gleich zeigen. (114)

 

[107] Mais là ce que vous verrez, c’est une sorte d’implantation de la rigidité devant ce quelque chose dont il n’est pas exclu que le mot chaîne vous le représentifie si on peut dire, parce qu’une chaîne c’est rigide quand même. (67)

Das aber, was Sie dort sehen werden, ist eine Art Implantation der Starrheit vor jenem Etwas, von dem nicht ausgeschlossen ist, dass das Wort „Kette“ es Ihnen wieder vergegenwärtigt, wenn man so sagen kann, weil eine Kette ja doch starr ist. (114)

 

L’ennui, c’est que la chaîne dont il s’agit, ça ne peut se concevoir que très souple. (67)

Das Problem ist, dass die Kette, um die es geht, als sehr biegsam begriffen werden muss. (114)

 

Il est même important de la considérer comme tout à fait souple. (67)

Es ist sogar wichtig, sie als vollständig biegsam aufzufassen. (114)

 

Ça aussi, je vais vous le montrer. (67)

Auch das werde ich Ihnen zeigen. (114)

 

Enfin, je ne vous en dirai pas plus long, donc, sur le Portrait de Dora. (67)

Nun, über das Porträt von Dora werde ich Ihnen nichts weiter sagen. (114)

 

J’espère – j’espère quoi ? – en avoir quelque écho des personnes qui, par exemple, viennent me voir. (67)

Ich hoffe, was hoffe ich? ein Echo zu erhalten von den Personen, die mich zum Beispiel aufsuchen. (114)

 

Ça arrive. (67)

Das kommt vor. (114)

 

Bon, alors là-dessus, parlons de ce dont il s’agit : de la chaîne, de la chaîne que j’ai été amené à articuler, voire à décrire, en y conjoignant – comme j’y ai été amené – le Symbolique, l’Imaginaire et le Réel. (67)

Also gut, sprechen wir nun darüber, worum es geht: über die Verkettung, über die Verschlingung, zu deren Artikulierung ich gebracht wurde, zu ihrer Beschreibung, indem ich in ihr, da ich dazu gebracht wurde, das Symbolische, das Imaginäre und das Reale zusammengefügt habe. (114)

 

Ce qui est important, c’est le Réel. (67)

Wichtig ist das Reale. (114)

 

Après avoir longuement parlé du Symbolique et de l’Imaginaire j’ai été amené à me demander ce que pouvait être, dans cette conjonction, le Réel, et le Réel, il est bien entendu que ça ne peut pas être un seul de ces ronds de ficelle. (67)

Nachdem ich lange Zeit vom Symbolischen und vom Imaginären gesprochen habe, wurde ich dazu gebracht, mich zu fragen, was in dieser Zusammenfügung das Reale sein könnte, und das Reale, es ist klar, dass es nicht ein einzelner dieser Fadenringe sein kann. (114)

 

C’est la façon de les présenter dans leur nœud de chaîne qui à elle tout entière fait le Réel du nœud. (67)

Die Art und Weise, wie sie in ihrem verschlungenen Knoten präsentiert werden, macht für sich als Ganzes das Reale des Knotens aus. (114)

 

Alors, je vous demande pardon de m’écarter du micro. (67)

Also, ich bitte Sie um Entschuldigung, dass ich mich vom Mikro entferne. (114)

 

Vous devez quand même déjà avoir un peu pigé ce dont j’ai essayé de supporter la chaîne borroméenne. (67)

Sie müssen nun doch schon ein bisschen kapiert haben, womit ich versucht habe, die borromäische Kette zu stützen. (114)

 

Voilà en somme ce que ça donne, quelque chose qui serait à peu près comme ça : (67)

Abb 1 - Borromäischer Knoten

Borromäische Verschlingung aus drei Rechtecken in drei Ebenen

Hier sehen Sie letztlich, was das ergibt: etwas, das ungefähr so aussehen würde. (114)

 

J’étais pas porté à le compléter, mais il est évident que… il faut le compléter pour faire sentir ce dont il s’agit. (67)

Mir war nicht danach, es zu vervollständigen, aber es ist offensichtlich, dass man es vervollständigen muss, um spüren zu lassen, worum es geht. (114)

 

Voilà la chaîne typique. (67)

Hier die typische Kette. (114)

 

Il est certain que le fait que je le dessine ainsi, [108] vous avez vu déjà comment ceci peut se transformer, pour un rien, en quelque chose qui a l’air de bien mieux mériter le nom de chaîne, c’est-à-dire de faire entre le bleu et le rouge quelque chose  là on ne sait plus comment dire  qui fait chaîne ou qui fait nœud, parce que c’est quand même ça qui ressemble le plus – j’ai inversé peu importe – qui ressemble le plus à ce qu’on met d’habitude, ce qu’on considère d’habitude comme une chaîne. (67)

Linkshändige Kleeblattknoten

Kleeblattknoten, linksdrehend

Abb 3 - Zwei Ringe, ineinandergreifend

Hopf-Verschlingung

Es ist gewiss, dass die Tatsache, dass ich es so zeichne [Kleeblattknoten?], Sie haben schon gesehen, wie sich dies hier um ein Nichts in etwas verwandeln kann, das die Bezeichnung „Kette“ besser zu verdienen scheint [Hopf-Verschlingung], das heißt zwischen dem blauen und dem roten etwas zu machen – hier weiß man nicht mehr, wie man sagen soll –, das eine Kette bildet oder einen Knoten bildet, weil das ja doch am meisten dem ähnelt – ich habe es vertauscht, nicht so wichtig –, das am meisten dem ähnelt, was man üblicherweise als Kette ansieht, als Kette betrachtet. (114)

 

Ce qu’il y a avantage, finalement, à le représenter comme ça : à savoir à représenter les trois ronds d’une façon, en somme, qu’il faut appeler projective, c’est aussi bien ce qui vaut. (67)

Abb 4 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot

Borromäische Verschlingung aus einem Kreis und zwei unendlichen Geraden

Das, was den Vorteil hat, es letztlich so darzustellen, nämlich die drei Ringe insgesamt in einer Weise darzustellen, die man projektiv nennen muss, das ist auch etwas, was einen Wert hat. (114)

 

[109] Il n’en restera pas moins que ce qui sera ainsi présenté: ça sera… attention, ici vous voyez bien que nous sommes forcés de mettre les trois ronds d’une façon qui respecte la disposition de ce que j’ai dessiné d’abord. (68)

Abb 5 - Borromäischer Knoten - Armillarsphäre

Borromäische Verschlingung aus drei Kreisen in der Art einer Armillarsphäre

Es bleibt nicht weniger, dass das, was so dargestellt wird, ein – Achtung, hier können Sie gut sehen, dass wir gezwungen sind, die drei Ringe in einer Weise zu setzen, welche die Anordnung dessen, was ich zuerst gezeichnet habe, respektiert. (114)

 

Comme on le voit, l’avantage qui résulte de la façon dont je l’ai présenté ainsi, c’est que ça simule la sphère, comme je l’ai fait remarquer à Dalí avec qui je me suis entretenu de ça je ne sais plus quand. (68)

Wie man sieht, der Vorteil, der sich aus der Weise ergibt, sie so zu präsentieren, besteht darin, dass dies die Kugel simuliert, wie ich es Dalí gegenüber angemerkt habe, mit dem ich mich darüber unterhalten habe, ich weiß nicht mehr wann.4

 

La différence qu’il y a entre cette chaîne borroméenne et ce qu’on dessine toujours dans une sphère armillaire quand on essaie de la circulariser à trois niveaux, respectivement qu’on peut appeler : transversal, sagittal, horizontal, on n’a jamais vu représenter une sphère armillaire de la façon dont se présente ce nœud, ce nœud borroméen. (68)

Der Unterschied zwischen dieser borromäischen Verschlingung und dem, was man bei einer Armillarsphäre immer zeichnet, wenn man versucht, sie als Kreise auf drei Ebenen dazustellen, die man jeweils als transversal, sagittal und horizontal bezeichnen kann, besteht darin, dass man eine Armillarsphäre niemals auf die Weise dargestellt gesehen hat, wie dieser Knoten dargestellt wird, dieser borromäische Knoten. (114 f.)

 

Alors cette fausse sphère que j’ai dessinée là tout à fait sur la droite, il y a une façon de la manipuler, de la manipuler en tant que prise au niveau de ce qui en constitue un huitième. (68)

Diese falsche Kugel also, die ich ganz rechts da gezeichnet habe, es gibt eine Weise, sie zu manipulieren, sie zu manipulieren, indem sie auf der Ebene dessen genommen wird, was davon ein Achtel bildet. (115)

 

Ça consiste là… ceci parce que cette sphère est supportée de cercles, il y a une façon de la retourner sur elle-même. (68)

Das konsistiert da – deshalb, weil diese Kugel aus Kreisen gebildet wird, gibt es eine Weise, sie auf sich selbst umzuklappen. (115)

 

Une sphère comme telle, c’est difficile de ne pas concevoir que c’est lié à l’idée de « Tout ». (68)

Was eine Kugel als solche angeht, so ist schwer, nicht zu denken, dass sie an die Idee des Ganzen gebunden ist. (115)

 

Il est un fait, c’est que le fait qu’on représente une sphère très volontiers par un cercle, lie l’idée de « Tout » – qui ne se supporte que de la sphère – lie l’idée de « Tout » au cercle. (68)

Es ist eine Tatsache, dass dadurch, dass man eine Kugel sehr gern durch einen Kreis darstellt, die Idee des Ganzen – die nur durch die Kugel gestützt wird –, die Idee des Ganzen mit dem Kreis verbindet. (115)

 

Mais c’est une erreur. (68)

Das ist jedoch ein Fehler. (115)

 

C’est une erreur parce que l’idée de « Tout » implique la fermeture. (68)

Das ist deshalb ein Fehler, weil die Idee des Ganzen die Geschlossenheit impliziert. (115)

 

Si on peut retourner ce « Tout », l’intérieur devient l’extérieur, et c’est ce qui se produit à partir du moment où nous avons supporté de cercles la chaîne borroméenne, c’est que la chaîne borroméenne peut se retourner. (68)

Wenn man dieses „Ganze“ umklappen kann, wird das Innen zum Außen; und es ist das, was sich von dem Moment an herstellt, wo wir die borromäische Verschlingung mit Kreisen gebildet haben, nämlich dass die borromäische Verschlingung umgeklappt werden kann. (115)

 

Elle peut se retourner du fait que le cercle, c’est pas du tout ce qu’on croit – ce qui symbolise l’idée de « Tout » – mais que dans un cercle il y a un trou. (68)

Sie kann umgeklappt werden, aufgrund dessen, dass der Kreis keineswegs das ist, was man glaubt – das, was die Idee des Ganzen symbolisiert –, sondern aufgrund dessen, dass es im Kreis ein Loch gibt. (115)

 

C’est dans la mesure où les êtres sont inertes, c’est-à-dire supportés par un corps, qu’on peut – comme on l’a fait, à l’initiative de Popilius – dire à quelqu’un : « tu ne sortiras pas de là, parce que j’ai fait un rond autour de toi, tu ne sortiras pas de là avant de m’avoir promis telle chose. » (68)

In dem Maße, in dem die Wesen träge sind, das heißt von einem Körper gestützt werden, kann man, wie man es auf die Anregung des Popilius hin getan hat, zu jemandem sagen: „Du wirst da nicht rauskommen, weil ich einen Kreis um dich gezogen habe, du wirst da nicht rauskommen, bevor du mir nicht etwas Bestimmtes versprochen hast.“5 (115)

 

[110] Nous retrouvons là, en somme, ceci pour quoi j’ai avancé que concernant ce que j’ai appelé du nom de « La femme » : elle n’est « pas-toute ». (68)

Wir stoßen hier letztlich wieder auf das, weswegen ich behauptet habe, dass, bezogen auf das, was ich mit dem Namen „Die Frau“ bezeichnet habe, sie „nicht-alle“ ist. (115)

 

Elle n’est pas-toute, ceci veut dire que « les femmes » ne constituent qu’un ensemble. (68)

Sie ist nicht-alle, das heißt, dass die Frauen nur eine Menge bilden. (115)

 

En effet, avec le temps on est arrivé à dissocier l’idée de « Tout », de l’idée d’ensemble. (68)

Tatsächlich ist man im Lauf der Zeit dazu gelangt, die Idee des Ganzen von der Idee der Menge zu trennen. (115)

 

Je veux dire que… on est arrivé à la pensée de ceci qu’un certain nombre d’objets peuvent être supportés de petites lettres, et alors l’idée de « Tout » se dissocie, à savoir que le cercle censé – dans une représentation tout à fait fragile – les rassembler, le cercle est extérieur aux objets petit a, petit b, petit c, etc. (68)

Abb 6 - Menge mit a b c

Menge mit Elementen a, b, c

Ich will sagen, dass man zu dem Gedanken gelangt ist, dass eine bestimmte Anzahl von Objekten von kleinen Buchstaben getragen werden kann, und da löst sich die Idee des Ganzen bzw. des „Alles“ davon ab, dass nämlich der Kreis, von dem angenommen wird – in einer ganz und gar fragilen Darstellung –, dass er sie versammelt, dass der Kreis gegenüber den Objekten klein a, klein b, klein c usw. äußerlich ist. (115)

 

Spécifier que la femme n’est pas-toute implique une dissymétrie entre un objet qu’on pourra appeler grand A – et il s’agit de savoir ce que c’est – et un ensemble à un élément, les deux – s’il y a couple – étant réunis d’être contenus dans un cercle, qui de ce fait se trouvent distinctes, ce qu’on exprime d’habitude selon la forme suivante, ce sont des parenthèses dont on use et qu’on écrit ainsi : {A {B}}, il y a un élément d’une part, et d’autre part un ensemble à un seul élément. (69)

Abb 7 - Menge in einer Menge

Menge mit Element A und mit einer Untermenge, die Element B enthält

Die Bestimmung, dass die Frau „nicht-alle“ ist, impliziert eine Asymmetrie zwischen einem Objekt, das man groß A nennen kann – und es geht darum zu wissen, was das ist –, und einer Menge mit einem Element, wobei die zwei, wenn es ein Paar gibt, vereint sind, da sie in einem Kreis enthalten sind, die aus diesem Grunde verschieden sind, was man üblicherweise mit der folgenden Formel ausdrückt – es sind Klammern, die man verwendet, und die man so schreibt: { A {B}}, auf der einen Seite gibt es ein Element und auf der anderen Seite eine Menge mit einem einzigen Element. (115)

 

Comme vous le voyez, j’ai fait un bafouillage. (69)

Wie Sie sehen, bin ich ins Stammeln geraten. (115)

 

[111] Alors, il faut que je vous avoue ceci : c’est que après avoir assenti à ce que Soury et Thomé m’avaient articulé, c’est à savoir qu’une chaîne borroméenne à trois se montre supporter deux objets différents, à condition que les trois ronds qui constituent ladite chaîne soient coloriés et orientés : les deux étant exigibles, ce qui distingue les deux objets en question. (69)

Nun, ich muss Ihnen Folgendes gestehen: Nachdem ich dem zugestimmt hatte, was Soury und Thomé mir gegenüber artikuliert hatten, dass sich nämlich für eine borromäische Dreierverschlingung erweist, dass sie zwei verschiedene Objekte trägt, unter der Bedingung, dass die drei Ringe, die die besagte Kette bilden, gefärbt und orientiert sind, wobei beides erforderlich ist; was die beiden betreffenden Objekte unterscheidet. (115)

 

Dans un second temps – c’est-à-dire après avoir assenti à ce qu’ils disaient, mais en quelque sorte superficiellement – je me suis trouvé dans la position désagréable de m’être imaginé que de seulement les colorier suffisait à distinguer deux objets, ceci parce que je n’avais pas… j’avais consenti tout à fait superficiellement à ce dont ils m’avaient apporté l’affirmation. (69)

Zu einem zweiten Zeitpunkt, das heißt, nachdem ich dem zugestimmt hatte, was sie gesagt haben, aber in gewisser Weise nur oberflächlich, fand ich mich in der unangenehmen Lage, mir vorgestellt zu haben, dass es schon ausreichen würde, sie zu färben, um zwei Objekte zu unterscheiden, dies deshalb, weil ich nicht hatte –, weil ich völlig oberflächlich dem zugestimmt hatte, dessen Behauptung sie mir vorgelegt hatten. (115 f.)

 

En effet, ça a l’air de se sentir que si nous colorons en rouge un de ces trois ronds, ça n’est quand même pas le même objet si nous colorons celui-ci en vert et celui-ci en bleu, ou si nous faisons l’inverse. (69)

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Blau unter Rot über Grün

Abb 8b - Borr Verschlingung mit blau oben

Blau über Rot unter Grün

In der Tat hat es den Anschein, dass man spüren kann, wenn wir einen dieser drei Ringe rot färben, dass es doch nicht dasselbe Objekt ist, wenn wir diesen hier grün und diesen blau färben, oder wenn wir das Gegenteil machen. (116)

 

C’est pourtant le même objet. (69)

Es ist jedoch dasselbe Objekt. (116)

 

Si nous retournons la sphère nous obtiendrons très aisément – je vais, mon Dieu, vous le dessiner rapidement – nous obtiendrons très aisément une disposition contraire. (69)

Wenn wir die Kugel umklappen, erhalten wir sehr leicht – mein Gott, ich werde es Ihnen sehr schnell anzeichnen –, erhalten wir sehr leicht eine entgegengesetzte Anordnung. (116)

 

C’est à savoir que pour partir de ce qui est là, de ce qui est là pour le représenter ainsi, où, une fois de plus, il se retourne de la façon suivante : il est en effet – si nous ne considérons pas ceci comme rigide – tout à fait plausible de faire du rond rouge la présentation suivante : (69)

Abb 9 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot - mit Alpha

Blau unter Rot über Grün

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Hochklappen des roten Rings

Das heißt, um von dem auszugehen, was da ist, von dem, was da ist, um es so darzustellen, wo es ein weiteres Mal auf die folgende Weise umgeklappt wird; es ist tatsächlich völlig plausibel, wenn wir das hier nicht als starr betrachten, mit dem roten Ring die folgende Darstellung anzufertigen. (116)

 

Si ici, comme il est également plus que plausible, nous faisons glisser l’anneau de façon à l’amener là où il est tout à fait évident qu’il peut être, vous obtenez la transformation suivante : (69)

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Veränderung der Position der Geraden

Wenn wir hier, wie es gleichfalls mehr als plausibel ist, den Ring in der Weise gleiten lassen, dass wir ihn dorthin führen, wo es völlig evident ist, dass er da sein kann, dann erhalten Sie die folgende Umformung. (116)

 

Et à partir de la transformation suivante, il est tout ce qu’il y a de plausible de faire glisser ce rond d’une façon telle que ce qu’il s’agissait d’obtenir, à savoir que le rond vert soit interne – au lieu que ce soit le rond bleu – soit interne au rond rouge, et qu’au contraire le rond bleu soit externe, ceci peut être obtenu : (70)

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Abb 14 - Borr Verschlingung mit DELTA Kopie

Herunterklappen des roten Rings: Blau über Rot unter Grün

Und ausgehend von der folgenden Umformung ist es ganz und gar plausibel, diesen Ring auf eine Weise gleiten zu lassen, dass das, was es zu erreichen galt, nämlich dass der grüne Ring – anstatt des blauen Rings – innerhalb des Rings liegt und dass im Gegensatz dazu der blaue Ring außerhalb liegt, dass dies erreicht werden kann. (116)

 

Les choses – je peux après tout le dire – ne sont pas si aisées à démontrer, la preuve c’est que ce qui est immédiat… à simplement penser que les trois ronds peuvent être retournés les uns par rapport aux autres …ce qui est immédiat et est obtenu par la manipulation, ne l’est pas – obtenu – si aisément que ça, la preuve c’est que lesdits Soury et Thomé qui me représentaient à très juste titre cette manipulation, ne l’ont faite, qu’en s’embrouillant un peu. (70)

Die Dinge – so kann ich nach alledem sagen – sind nicht so leicht zu demonstrieren; der Beweis dafür ist, dass das, was unmittelbar ist – wenn man einfach denkt, dass die drei Ringe im Verhältnis zueinander umgedreht werden können –, das, was unmittelbar ist und durch die Manipulation erreicht wird, nicht so einfach zu erreichen ist; der Beweis dafür ist, dass die besagten Soury und Thomé, die mir diese Manipulation sehr zurecht dargestellt haben, dies nicht getan haben, ohne sich ein wenig zu verheddern. (116)

 

J’ai essayé de vous représenter là, comment cette transformation effectivement peut être dite s’opérer. (70)

Ich habe versucht, Ihnen hier darzustellen, wie diese Umwandlung sich tatsächlich vollziehen kann. (116)

 

Bon ! (70)

Gut! (116)

 

Qu’est-ce qui en somme, nous arrête dans l’immédiateté qui est une autre sorte d’évidence si je puis dire, cette évidence que – concernant le Réel – je fais avec un « joke » : que je supporte de l’évidement. (70)

Was hält uns letztlich in der Unmittelbarkeit fest, die eine andere Art Evidenz (évidence) ist, wenn ich so sagen kann, jene Evidenz, die ich, was das Reale betrifft, mit einem „joke“ mache, die ich mit der Entleerung (évidement) stütze. (116)

 

Ce qui résiste à cette évidence-évidement, c’est l’apparence nodale que produit ce que j’appellerai le « chaî-nœud », en équivoquant sur | [113] chaîne et sur nœud. (70)

Was dieser Evidenz-Entleerung widersteht, ist die knotenhafte Erscheinung, die durch das erzeugt wird, was ich die chaînœud nennen werde, die Knotenverschlingung, mit einer Mehrdeutigkeit aus chaîne (Kette, Verschlingung) und nœud (Knoten). (116)

 

Cette apparence nodale, cette forme de nœud si je puis dire, est ce qui fait du Réel l’assurance. (70)

Diese knotenhafte Erscheinung, diese Knotengestalt, wenn ich so sagen darf, liefert für das Reale die Versicherung. (116)

 

Et je dirai à cette occasion que c’est donc une fallace – puisque j’ai parlé d’apparence – c’est une fallace qui témoigne de ce qui est le Réel. (70)

Und hierbei werde ich nun sagen, dass das also ein Trug ist – da ich ja von Erscheinung gesprochen habe –, es ist ein Trug, der von dem zeugt, was das Reale ist. (116)

 

Il y a différence de la pseudo-évidence… puisque dans ma connerie j’ai tenu d’abord pour évidence qu’il pouvait y avoir deux objets, à seulement colorier les cercles. (70)

Das unterscheidet sich von der Pseudo-Evidenz – da ich es in meiner Dummheit zunächst für eine Evidenz gehalten hatte, dass es zwei Objekte geben könne, wenn man die Kreise ausschließlich färbt. (116)

 

Qu’est-ce que veut dire ce qu’en somme cette série d’artifices, je vous l’ai démontrée ? (70)

Was heißt das, was ich Ihnen letztlich durch diese Reihe von Kunstgriffen demonstriert habe? (116)

 

C’est là que se montre la différence entre le montrer et le démontrer. (70)

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen dem Zeigen und dem Demonstrieren bzw. Beweisen. (116)

 

Il y a, en quelque sorte, une idée de déchéance dans le démontrer par rapport au montrer. (70)

Im Demonstrieren gibt es, im Verhältnis zum Zeigen, gewissermaßen eine Idee von Verfall. (116)

 

Il y a un « choir » du montrer. (70)

Es gibt ein „Fallen“ gegenüber dem Zeigen. (116)

 

Tout le bla-bla à partir de l’évidence ne fait que réaliser l’évidement à condition de le faire significativement. (70)

All das von der Evidenz ausgehende Blabla macht nichts anderes als die Entleerung zu realisieren, unter der Bedingung, sie auf bedeutsame Weise zu vollziehen. (116)

 

Le more géometrico qui a été pendant longtemps le support idéal de la démonstration, repose sur la fallace d’une évidence formelle. (70)

Das more geometrico, das lange Zeit der ideale Träger der Beweisführung gewesen ist, beruht auf dem Trug einer formalen Evidenz. (116)

 

Et ceci est tout à fait de nature à nous rappeler que géométriquement une ligne n’est que le recoupement de deux surfaces, deux surfaces qui sont elles-mêmes taillées dans un solide. (70)

Und dies ist ganz dazu angetan, uns daran zu erinnern, dass eine Linie, geometrisch gesehen, nichts anderes ist als die Überschneidung von zwei Flächen, von zwei Flächen, die selbst wiederum in einen Festkörper geschnitten sind. (116)

 

Mais c’est un autre support que nous fournit l’anneau, le cercle – quel qu’il soit, à condition qu’il soit souple – c’est une autre géométrie qui est à fonder sur la chaîne. (70)

Eine andere Stütze jedoch liefert uns der Ring, der Kreis, welcher auch immer, unter der Bedingung, dass er biegsam ist; das ist eine andere Geometrie, die auf die Verschlingung zu gründen ist. (116)

 

Il est certain que je reste excessivement frappé de mon erreur, que j’ai à juste titre appelée « connerie », que j’en ai été affecté à un point qu’on peut difficilement imaginer. (70)

Es ist gewiss, dass ich weiterhin äußerst verblüfft bin über meinen Irrtum, den ich zu Recht als Dummheit bezeichnet habe, dass ich von ihm in einem Ausmaß berührt gewesen bin, das man sich nur schwer vorstellen kann. (117)

 

C’est bien parce que je veux m’en requinquer que je vais maintenant opposer à ce que je crois être – telle qu’ils me l’ont exprimée – l’opinion de Soury et Thomé, qui m’ont fait la remarque qu’il ne s’agit pas seulement que les trois cercles soient les uns colorés, les autres orientés… un autre orienté. (70)

Eben weil ich mich davon wieder aufrichten will, werde ich jetzt dem etwas entgegensetzen, was ich für die Meinung, so wie sie sie mir gegenüber ausgedrückt haben, von Soury und Thomé halte, die mir gegenüber die Bemerkung gemacht haben, dass es nicht nur darum geht, dass von den drei Kreisen die einen gefärbt sind, die anderen orientiert sind, ein anderer orientiert ist. (117)

 

Ici je formule, et je crois pouvoir le démontrer – au sens ou démontrer est encore proche du montrer – ce dont il s’agit. (70)

Hier formuliere ich – und ich glaube, es demonstrieren zu können, in dem Sinne, in dem Demonstrieren noch nahe beim Zeigen ist –, das, worum es geht. (117)

 

Soury et Thomé ont procédé par une exhaustion combinatoire de trois coloriages et de trois orientations colloquées sur chacun des cercles. (70)

Soury und Thomé sind so vorgegangen, dass sie eine kombinatorische Exhaustion von drei Färbungen und drei Orientierungen vorgenommen haben, die sie für jeden der Kreise zusammengestellt haben. (117)

 

Ils ont cru devoir procéder à cette exhaustion pour démontrer qu’il y a deux chaînes borroméennes différentes. (70)

Sie haben geglaubt, diese Exhaustion durchführen zu müssen, um zu demonstrieren, dass es zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen gibt. (117)

 

Je crois pouvoir ici m’opposer, m’opposer en ceci qui ressort de la façon dont je représente cette chaîne borroméenne. (70)

Ich glaube, das hier bestreiten zu können, das bestreiten zu können durch etwas, was sich aus der Art und Weise ergibt, wie ich diese borromäische Verschlingung darstelle. (117)

 

Pour maintenir les mêmes couleurs qui sont celles dont je me suis servi, voici comment je représente habituellement ce que vous aviez vu là. (70)

Um dieselben Farben beizubehalten wie die, deren ich mich bedient habe, sehen Sie hier, wie ich üblicherweise das darstelle, was Sie da schon gesehen haben. (117)

 

Je le représente en ceci différemment de ce que j’y fais jouer deux droites infinies. (70)

Ich stelle es insofern anders dar, als ich hier zwei unendliche Geraden ins Spiel bringe. (117)

 

Là, l’usage de ces deux droites | [114] infinies comme opposées au cercle qui les conjoint, suffit à nous permettre de démontrer qu’il y a deux objets différents dans la chaîne, à cette condition qu’un couple soit colorié et le troisième orienté. (70)

Hier genügt die Verwendung dieser beiden unendlichen Geraden im Gegensatz zu dem Kreis, der sie zusammenhält, um uns die Demonstration zu ermöglichen, dass es bei der Verschlingung zwei unterschiedliche Objekte gibt, unter der Bedingung, dass ein Paar gefärbt ist und das dritte <Element> orientiert ist. (117)

 

Si j’ai parlé de droites infinies, c’est que la droite infinie, dont avec prudence, Soury et Thomé ne font pas usage, la droite infinie est un équivalent du cercle, au moins pour ce qui est de la chaîne. (71)

Wenn ich von unendlichen Geraden gesprochen habe, dann weil die unendliche Gerade, von der Soury und Thomé vorsichtigerweise keinen Gebrauch machen, die unendliche Gerade ein Äquivalent zum Kreis ist, zumindest was die Verschlingung betrifft. (117)

 

C’est un équivalent dont un point est à l’infini. (71)

Sie ist ein Äquivalent, von dem ein Punkt im Unendlichen liegt. (117)

 

Ce qui est exigible de deux droites infinies, c’est qu’elles soient concentriques, je veux dire qu’entre elles, elles ne fassent pas chaîne. (71)

Von zwei unendlichen Geraden ist zu fordern, dass sie konzentrisch sind, ich will sagen, dass sie miteinander keine Verschlingung bilden. (117)

 

Ce qui est le point que depuis longtemps avait mis en valeur Desargues, mais sans préciser ce dernier point : c’est à savoir que les droites dont il s’agit – droites dites infinies – doivent ne pas s’enchaîner, puisque rien n’est précisé dans ce qu’a formulé Desargues – et que j’ai évoqué en son temps à mon séminaire – rien n’est précisé sur ce qu’il en est de ce point dit à l’infini. (71)

Was der Punkt ist, den vor langer Zeit Desargues6 herausgearbeitet hat, aber ohne diesen letzten Punkt zu präzisieren, dass nämlich die Geraden, um die es geht, die sogenannten unendlichen Geraden, sich nicht verschlingen dürfen, da in dem, was Desargues formuliert hat, nichts Genaues angegeben ist – wie ich seinerzeit in meinem Seminar erwähnt habe –, nichts Genaues angegeben ist dazu, was es mit diesem sogenannten Punkt im Unendlichen auf sich hat.7 (117)

 

Nous voyons alors le fait suivant : orientons le rond dont nous disons qu’il n’a pas besoin d’être dit d’une couleur, c’est évidemment déjà l’isoler, et à titre de ceci qu’il n’est pas dit d’être d’une couleur, c’est faire déjà quelque chose de différent. (71)

Wir sehen hier die folgende Tatsache: Orientieren wir den Kreis, von dem wir sagen, dass ihm keine Farbe zugesprochen werden muss, dann heißt das offensichtlich bereits, ihn zu isolieren, und aufgrund dessen, dass von ihm nicht gesagt wird, dass er eine Farbe hat, macht man ihn bereits zu etwas Unterschiedlichem. (117)

 

Néanmoins, il n’est pas indifférent de dire que les trois doivent être orientés. (71)

Nichtsdestoweniger ist es nicht dasselbe zu sagen, dass alle drei orientiert sein müssen. (117)

 

Si vous procédez à partir de cette orientation, cette orientation qui, de là où nous la voyons, est dextrogyre, il ne faut pas croire qu’une orientation, ce soit quelque chose qui se maintienne en tous cas. (71)

Abb 15 - Borr Knoten rot rechtsdrehend

Borromäische Verschlingung aus drei Ringen. Zwei Ringe als Gerade dargestellt, einer als rechtsdrehender Kreis, Blau unter Rot über Grün

Wenn Sie von dieser Orientierung aus vorgehen, dieser Orientierung, die von da aus, wo wir sie sehen, rechtsdrehend ist –, man darf nicht glauben, eine Orientierung sei etwas, das in jedem Fall bestehen bliebe. (117)

 

La preuve est facile à donner. C’est à savoir qu’à retourner… et retourner impliquera l’inversion des droites infinies …à retourner le rond, le rond rouge | [115] aura – vu à partir du retournement – une orientation exactement inverse : (71)

Borromäische Veschlingung aus drei Ringen, roter Kreis linksdrehend

Dieselbe Verschlingung wie in der vorigen Abbildung, „Rückseite“: Kreis linksdrehend, Blau über Rot unter Grün

Der Beweis ist einfach zu liefern: Wenn man nämlich den Kreis umdreht – und das Umdrehen impliziert die Umkehrung der unendlichen Geraden –, wenn man den Kreis umdreht, wird der rote Kreis, nach der Umdrehung betrachtet, eine genau entgegengesetzte Orientierung haben. (117)

 

J’ai dit que un seul suffit à être orienté. (71)

Ich habe gesagt, dass es ausreicht, wenn ein einziger orientiert ist. (117)

 

Ceci est d’autant plus concevable qu’à faire les droites infinies : à partir de quoi donnerions-nous orientation aux dites droites ? (71)

Dies ist umso begreiflicher, wenn man die unendlichen Geraden bildet – von wo aus sollten wir den erwähnten Geraden eine Orientierung geben? (117 f.)

 

Le second objet est tout à fait possible à mettre en évidence à partir de ceci… qui était au principe de mon illusion sur le coloriage …à partir de ceci : qu’à prendre le premier – en inversant les couleurs – à prendre le premier de ce que j’ai dessiné là : à savoir en mettant ici la couleur verte, et ici la couleur bleue, on obtient un objet incontestablement différent, à condition de laisser l’orientation de celui qui est orienté, de la laisser la même. (71)

Abb 17 - rechtsdrehender roter Ring mit Farbwechsel

Zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen durch Wechsel der Position der Geraden und Beibehalten der Orientierung des Kreises (rechtsdrehend)

Das zweite Objekt evident zu machen ist absolut möglich, wenn man von dem ausgeht, was meiner Illusion über die Färbung zu Grunde lag, wenn man davon ausgeht, dass man, wenn man das erste nimmt und die Farben umkehrt, wenn man das erste nimmt – das ist das, was ich hier gezeichnet habe –, wenn man also hier die grüne Farbe und hier die blaue Farbe nimmt, dass man ein unbestreitbar unterschiedliches Objekt erhält, unter der Bedingung, die Orientierung dessen, was orientiert ist, beizubehalten, sie als dieselbe beizubehalten. (118)

 

Pourquoi en effet changerais-je l’orientation ? (71)

Warum in der Tat sollte ich die Orientierung ändern? (118)

 

L’orientation n’a pas de raison d’être changée si j’ai changé le couple des couleurs; comment reconnaîtrais-je la non-identité de l’objet total, si je change l’orientation ? (71)

Es gibt keinen Grund dafür, die Orientierung zu ändern, wenn ich das Farbenpaar geändert habe; wie sollte ich die Nichtidentität des Gesamtobjektes erkennen, wenn ich die Orientierung ändere? (118)

 

Et même si vous le retournez : vous vous apercevrez que cet objet est bel et bien différent : (72)

 

Abb 18 - linksdrehende Ringe mit Farbwechsel

Zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen mit konstantem linksdrehendem Kreis

Aber auch, wenn Sie es umdrehen, werden Sie merken, dass dieses Objekt völlig anders ist. (118)

 

Car ce qu’il s’agit de comparer, c’est l’objet constitué par ceci [2], à savoir en le faisant tourner par ici [1], le comparer avec cet objet qui est là [3] et | [116] en somme, nous apercevoir qu’ici c’est l’orientation – l’orientation maintenue de cet objet – l’orientation maintenue qui s’oppose, qui différencie ce triple [2] de ce [3] en quoi il peut être dit avoir « la même présentation ». (72)

Abb 19 - Drei borromäische Ringe nebeneinander

1 und 2: dieselbe Verschlingung, von zwei Seiten betrachtet. 2 und 3: zwei unterschiedliche Verschlingungen mit Wechsel der Orientierung des Kreises und Beibehalten der Position der Geraden

Denn was es zu vergleichen gilt, ist das O1bjekt, das hieraus [2] besteht – indem man nämlich von hier [1] ausgeht und es umdreht –, es ist zu vergleichen mit dem Objekt, das da [3] ist und uns letztlich klarzumachen, dass es hier die Orientierung ist, die von diesem Objekt beibehaltene Orientierung [2 und 3], die beibehaltene Orientierung, die den Gegensatz bildet, die dieses Tripel [2] von dem [3] unterscheidet, insofern ihm dieselbe Darstellung zugesprochen werden kann. (118)

 

Ceci nous permet de distinguer la différence de ce que j’ai appelé tout à l’heure le Réel comme marqué de fallace, de ce qu’il en est du vrai. (72)

Das ermöglicht es uns, den Unterschied zu bestimmen zwischen dem, was ich vorhin genannt habe „das Reale als vom Trug gekennzeichnet“, und dem, was es mit dem Wahren auf sich hat. (118)

 

N’est vrai que ce qui a un sens. (72)

Wahr ist nur, was einen Sinn hat. (118)

 

Quelle est la relation du Réel au vrai ? (72)

Was ist die Beziehung des Realen zum Wahren? (118)

 

Le vrai sur le Réel, si je puis m’exprimer ainsi, c’est que le Réel, le Réel du couple ici, n’a aucun sens. (72)

Das Wahre über das Reale – wenn ich mich so ausdrücken darf – ist, dass das Reale, das Reale des Paares hier, keinerlei Sinn hat. (118)

 

Ceci joue sur l’équivoque du mot sens. (72)

Das spielt mit der Mehrdeutigkeit des Wortes „Sinn“. (118)

 

Quel est le rapport du sens à ce qui, ici, s’écrit comme orientation ? (72)

Welches ist das Verhältnis des Sinns zu dem, was hier als Orientierung geschrieben wird? (118)

 

On peut poser la question, et on peut suggérer une réponse, c’est à savoir que c’est le temps. (72)

Man kann die Frage stellen, und man kann eine Antwort vorschlagen: dass es nämlich die Zeit ist. (118)

 

L’important est ceci : c’est que nous faisons jouer dans l’occasion un couple dit colorié, et que ceci n’a aucun sens. (72)

Wichtig ist dies, dass wir hierbei ein Paar ins Spiel bringen, das wir gefärbt nennen, und dass dies keinerlei Sinn / Richtung hat. (118)

 

L’apparence de la couleur est-elle de la vision – au sens où je l’ai distinguée – ou du regard ? (72)

Ist die Erscheinung der Farbe ein Sehen, in dem Sinne, wie ich dieses unterschieden habe, oder ein Blick? (118)

 

Est-ce le regard ou la vision qui distingue la couleur ? (72)

Wird die Farbe durch den Blick oder durch das Sehen unterschieden? (118)

 

C’est une question que pour aujourd’hui je laisserai en suspens. (72)

Das ist eine Frage, die ich für heute in der Schwebe lasse. (118)

 

La notion de couple, de couple colorié, est là pour suggérer que dans le sexe, il n’y a rien de plus que, je dirais « l’être de la couleur », ce qui suggère en soi qu’il peut y avoir homme couleur de femme, dirais-je, ou femme couleur d’homme. (72)

Der Begriff des Paars, des gefärbten Paars, steht hier, um nahezulegen, dass es beim Geschlecht nicht mehr gibt als, möchte ich sagen, das Sein der Farbe / das Farbwesen, was an sich nahelegt, dass es einen Mann in Frauenfarbe, wenn ich so sagen darf, oder eine Frau in Männerfarbe geben kann. (118)

 

[117] Les sexes en l’occasion – si nous supportons du rond rouge ce qu’il en est du Symbolique – les sexes en l’occasion sont opposés comme l’Imaginaire et le Réel, comme l’Idée et l’impossible, pour reprendre mes termes. (72)

Die Geschlechter sind hierbei – wenn wir mit dem roten Kreis das stützen, was es mit dem Symbolischen auf sich hat –, die Geschlechter sind hierbei entgegengesetzt wie das Imaginäre und das Reale, wie die Idee dem Unmöglichen, um meine Termini wieder aufzugreifen. (118)

 

Mais est-il bien sûr que toujours ce soit le Réel qui soit en cause ? (72)

Ist es aber denn sicher, dass das Reale immer daran beteiligt ist? (118)

 

J’ai avancé que dans le cas de Joyce, c’est l’idée et le sinthome plutôt, comme je l’appelle. (72)

Ich habe behauptet, im Falle von Joyce sind es eher die Idee und das Sinthom, wie ich es nenne. (118)

 

D’où l’éclairage qui en résulte de ce qu’est une femme : pas-toute ici, de n’être pas saisie, de rester – à Joyce nommément – étrangère, de n’avoir pas de sens pour lui. (72)

Von daher die Erhellung, die sich aus dem ergibt, was eine Frau ist: nicht-alle hier, da sie nicht erfasst wird, da sie – für Joyce insbesondere – fremd bleibt, da sie für ihn keinen Sinn hat. (118)

 

Une femme, au reste, a-t-elle jamais un sens pour l’homme ? (72)

Hat übrigens eine Frau je einen Sinn für den Mann? (118)

 

L’homme est porteur de l’idée de signifiant, et l’idée de signifiant se supporte, dans la langue, de la syntaxe, essentiellement. (72)

Der Mann ist der Träger der Idee des Signifikanten, und die Idee des Signifikanten wird in der Sprache wesentlich von der Syntax gestützt. (118)

 

Il n’en reste pas moins que si quelque chose dans l’Histoire peut être supposé, c’est que c’est « l’ensemble des femmes » qui… devant une langue qui se décompose : le latin dans l’occasion, puisque c’est de cela qu’il s’agissait à l’origine de nos langues …que c’est « l’ensemble des femmes » qui engendre ce que j’ai appelé lalangue. (72)

Das ändert nichts daran, dass, wenn in der Geschichte etwas angenommen werden kann, es dies ist, dass es die Menge der Frauen ist, die angesichts einer Sprache, die sich auflöst – hier das Lateinische, denn darum handelte es sich am Ursprung unserer Sprachen –, dass es die Menge der Frauen ist, die das erzeugt, was ich „Lalangue“ genannt habe. (118 f.)

 

C’est ce dire interrogé sur ce qu’il en est de lalangue, sur ce qui a pu guider un sexe sur les deux, vers ce que j’appellerai cette prothèse de l’équivoque, car ce qui caractérise lalangue parmi toutes, ce sont les équivoques qui y sont possibles. (73)

Das ist dasjenige Sagen, das darüber befragt wird, was es mit der Sprache auf sich hat, darüber, was ein Geschlecht von beiden zu jener, wie ich es nennen werde, Prothese der Mehrdeutigkeit geführt haben mag, denn was für eine Lalangue charakteristisch ist, im Verhältnis zu allen anderen, das sind die Äquivokationen, die in ihr möglich sind. (119)

 

C’est ce que j’ai illustré de l’équivoque de « deux » (d, e, u, x) avec « d’eux » (d, apostrophe, e, u, x). (73)

Das habe ich mit der Äquivokation von „deux“– d, e, u, x – („zwei“) und d’eux“ – d, Apostroph, e, u, x („von ihnen“) illustriert.8 (119)

 

Un « ensemble des femmes » a engendré dans chaque cas lalangue. (73)

Eine Menge von Frauen hat in jedem Fall Lalangue erzeugt. (119)

 

Là-dessus, je veux quand même vous indiquer quelque chose. (73)

Hierzu möchte ich Sie doch auf etwas hinweisen. (119)

 

C’est que nous avons parlé de bien des choses aujourd’hui, sauf de ce qui fait le propre de la chaîne borroméenne. (73)

Nämlich darauf, dass wir heute von vielen Dingen gesprochen haben, außer davon, was das Eigentliche der borromäischen Verschlingung ausmacht. (119)

 

La chaîne borroméenne n’aurait pas lieu s’il n’y avait pas ceci que je dessine, et que, comme d’habitude, je dessine mal parce que c’est comme ça que ça doit être dessiné qui en est le propre et qui est ce que j’appellerai le faux-trou. (73)

Abb 20 - Falsches Loch

Zwei Ringe, die ein falsches Loch bilden

Die borromäische Verschlingung würde nicht stattfinden, wenn es nicht das gäbe, was ich zeichne und was ich wie üblich schlecht zeichne, weil das so gezeichnet werden muss, was davon das Eigentümliche ist und was ich das falsche Loch nennen werde. (119)

 

Dans un cercle – ai-je souligné tout à l’heure – il y a un trou. (73)

In einem Kreis, habe ich eben hervorgehoben, gibt es ein Loch. (119)

 

Qu’on puisse avec un cercle en y adjoignant un autre, faire ce trou qui consiste | [118] dans ce qui passe là, au milieu, et qui n’est ni le trou de l’un, ni le trou de l’autre, c’est ça que j’appelle le faux-trou. (73)

Dass man mit einem Kreis, indem man ihm einen weiteren hinzufügt, dieses Loch bilden kann, das aus dem besteht, was hier durch die Mitte läuft und was weder das Loch des einen noch das Loch des anderen ist, das ist das, was ich das falsche Loch nenne. (119)

 

Mais il y a ceci sur quoi repose toute l’essence de la chaîne borroméenne : c’est que « droite infinie » ou « cercle », s’il y a quelque chose qui traverse ce que j’ai appelé à l’instant le faux-trou, s’il y a quelque chose – je le répète, droite ou cercle – ce faux-trou est, si l’on peut dire, vérifié. (73)

Abb 21 - Falsches Loch mit unendicher Gerader ohne Beschriftung

Verwandlung eines falschen Lochs in ein wahres Loch durch eine unendliche Gerade

Es gibt jedoch dies, worauf das ganze Wesen der borromäischen Kette beruht: wenn es nämlich etwas gibt, unendliche Gerade oder Kreis, das das durchquert, was ich gerade falsches Loch genannt habe, wenn es etwas gibt – ich wiederhole es: Gerade oder Kreis –, so wird dieses falsche Loch, wenn man so sagen kann, verifiziert. (119)

 

La fonction de ceci : la vérification du faux-trou, le fait que cette vérification le transforme en Réel, c’est là. (73)

Deren Funktion, die der Verifizierung des falschen Lochs, die Tatsache, dass diese Verifizierung es in ein reales umformt, ist da. (119)

 

Et je me permets à cette occasion de rappeler que j’ai eu l’occasion de relire ma « Signification du Phallus ». (73)

Und ich erlaube mir hierbei, darauf hinzuweisen, dass ich die Gelegenheit gehabt habe, meine „Bedeutung des Phallus“ wieder zu lesen.9 (119)

 

J’y ai eu la bonne surprise de trouver dès les premières lignes l’évocation du nœud, ceci à une date où j’étais bien loin de m’être intéressé à ce qu’on appelle le nœud borroméen. (73)

Mir widerfuhr die schöne Überraschung, von den ersten Zeilen an den Knoten erwähnt zu finden, und dies zu einem Zeitpunkt, als ich recht weit davon entfernt war, mich dafür zu interessieren, was man den borromäischen Knoten nennt. (119)

 

Les premières lignes de la « Signification du Phallus » indiquent le nœud comme étant ce qui est du ressort en l’occasion …c’est ce phallus qui a ce rôle de vérifier, du faux-trou, qu’il est Réel. (73)

Die ersten Zeilen der „Bedeutung des Phallus“ verweisen auf den Knoten als das, worum es dabei geht – es ist dieser Phallus, der die Rolle hat, zu verifizieren, dass es, das falsche Loch, real ist.10 (119)

 

C’est en tant que le sinthome fait un faux-trou avec le Symbolique, qu’il y a une praxis quelconque, c’est-à-dire quelque chose qui relève du dire, de ce que j’appellerai aussi bien à l’occasion l’art-dire, voire, pour glisser vers l’ardeur. (73)

Insofern das Sinthom ein falsches Loch mit dem Symbolischen bildet, gibt es überhaupt eine Praxis, das heißt etwas, das vom Sagen ausgeht, davon, was ich hier ebenso gut die Sagekunst (l’art-dire) nennen werde, um sogar bis zur Glut (l’ardeur) zu gleiten.11 (119)

 

Joyce – pour terminer – ne savait pas qu’il faisait le sinthome, je veux dire qu’il le simulait. (73)

Joyce, um zum Ende zu kommen, wusste nicht, dass er das Sinthom bildete, ich will sagen, dass er es simulierte. (119)

 

Il en était inconscient, et c’est de ce fait qu’il est un pur artificier, qu’il est un homme de savoir-faire, c’est-à-dire ce qu’on appelle aussi bien un artiste. (73)

Er war sich dessen unbewusst, und deshalb ist er ein reiner Feuerwerker (artificier), ist er ein Mann des Savoir-faire, das heißt jemand, den man auch einen Künstler (artiste) nennt.12 (119)

 

Le seul Réel qui vérifie quoi que ce soit c’est le phallus, en tant que j’ai dit tout à l’heure de quoi le phallus est le support : à savoir de ce que je souligne dans cet article, à savoir de la fonction du signifiant en tant qu’elle crée tout signifié. (73)

Das einzige Reale, durch das irgendetwas verifiziert wird, ist der Phallus, insofern ich gerade gesagt habe, wovon der Phallus der Träger ist, nämlich von dem, was ich in diesem Artikel hervorhebe, nämlich von der Funktion des Signifikanten, insofern sie jedes Signifikat erschafft. (119)

 

Encore faut-il – ajouterai-je, pour le reprendre la prochaine fois – encore faut-il qu’il n’y ait que lui pour le vérifier, ce Réel. (73)

Zudem ist es nötig, füge ich hinzu, um es das nächste Mal wieder aufzunehmen, zudem ist es nötig, dass es nur ihn gibt, um es zu verifizieren, dieses Reale. (119)

.

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grauer Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jacques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­gabe von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 19751976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[28]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­sion von 2005 die Seite 28“.

Passagen in schwarzer Schrift sind Zusammenfassungen, Passagen in eckigen Klammern in grüner Schrift sind meine erläuternden Ergänzungen, Passagen in eckigen Klammern, die mit zwei Fragezeichen beginnen und hellgrün unterlegt sind, enthalten meine Fragen zum Textverständnis.

[105] Lacan kündigt an, dass er in dieser Sitzung improvisieren wird – es gibt einen Streik, und er hatte sich deshalb nicht darauf eingestellt zu sprechen. Bei dieser Improvisation wird er etwas „zeigen“, woran er gearbeitet hat.

Zur Aufführung von Cixous’ „Porträt von Dora“

Aber zunächst spricht er über ein Theaterstück von Hélène Cixous, Portrait de Dora (Porträt von Dora). Er hat die Aufführung gesehen und empfiehlt seinen Zuhörern, sie sich ebenfalls anzuschauen. Er sagt auch, warum er sich dazu äußert: weil er es der Autorin versprochen hat. Bei dieser Gelegenheit teilt er seinen Zuhörern mit, dass er Cixous mag und dass er sie Hélène nennt [möglicherweise duzt er sie also – wie Roudinesco berichtet, hat Lacan nur wenige Menschen geduzt].

Hélène Cixous, 1976

Hélène Cixous, 1976

1971 hatte Cixous eine Anmerkung zu Dora veröffentlicht [mit dem Titel La déroute du sujet, ou le voyage imaginaire de Dora], dabei geht es um Freuds Dora [aus Freuds Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905)]. Dieser Text war in der Zeitschrift Littérature veröffentlicht worden, im selben Heft, in dem auch Lacans Aufsatz Lituraterre erschienen war. Ausgehend von ihrem Artikel in Littérature hat Cixous ein Theaterstück geschrieben, das erwähnte Porträt von Dora.

Lacan sagt, dass er das Porträt von Dora „nicht schlecht“ fand. Er spricht nicht über das Stück allgemein, sondern über die Inszenierung, speziell über die Beziehung zwischen den Rollen und den Schauspielern, die er, wie er sagt, verblüffend findet. | [106] Das Stück wurde „auf eine reale Weise“ aufgeführt, d.h. so, dass die Schauspieler von der „Realität der Wiederholungen“ beherrscht wurden. Die Schauspielerin, die die Dora spielt [Nathalie Nell], ist nicht die beste Hysterikerin; sie zeigt die Hysterikertugenden aber nicht schlecht. Eine andere Schauspielerin [Michelle Marquais], die eine bessere Hysterikerin ist, spielt eine andere Rolle [die der Frau K.], sie zeigt aber nicht ihre Hysterikertugenden. Dem Schauspieler, der den Freud spielt, ist die Situation unangenehm, er lässt sich das durch seine Vorsicht anmerken. Das ist nicht sehr günstig, zumal er kein professioneller Schauspieler ist. [Freud wurde in dieser Aufführung von Lucien Rosengart (19381992) gespielt, einem Komponisten.] Der Darsteller des Freud hat Angst, zu chargieren, zu überzeichnen, und von dieser Vorsicht ist die Aufführung geprägt. Das Ergebnis ist eine Hysterie, die man als „unvollständig“ bezeichnen kann. Die Hysterie, das sind seit Freud immer zwei, und hier ist die Hysterie auf einen Zustand reduziert, den man als „materiell“ bezeichnen kann. Es fehlt das Element, das schon vor Freud hinzugefügt wurde, nämlich wie die Hysterie verstanden werden muss [vor Freud erfolgte der Zugang zum verborgenen Sinn durch die Hypnose]. Und eben das ergibt eine „starre“ Hysterie.

[Vielleicht ist dies gemeint: Durch die Vorsicht des Schauspielers, der den Freud spielt, fehlt der Hysterikerin, also Dora, der Adressat: der Andere in der Position des Herrn (vgl. die Formel vom Diskurs des Hysterikers in Seminar 17). Dadurch wird aus der Hysterie gewissermaßen eine Persönlichkeitseigenschaft und insofern etwas Materielles. Tatsächlich hat die Hysterie jedoch relationalen Charakter, sie existiert nur in der Beziehung zu einem Anderen, den die Hysterikerin (oder der Hysteriker) in die Position des Herrn bringt, desjenigen, der die Funktion hat, das Rätsel, vor das sie ihn stellt, zu verstehen und sich an diesem Problem abzuarbeiten. Da die Hysterie sich auf einen Anderen bezieht, ist sie sie flexibel, nicht starr. Bereits vor Freud wurde die Hysterie etwas begriffen, was verstanden werden kann – was einen versteckten Sinn hat, der gedeutet werden kann.]

[?? Was sind Hysterikertugenden? Meint Lacan hier das Wissenwollen? Was hat es mit der Verschiebung auf sich, dass die die schlechtere Hysterikerin eine Hysterikerin spielt, und zwar nicht schlecht, und dass bessere Hysterikerin eine Person darstellt, die keine Hysterikerin ist? Was meint „Realität der Wiederholungen“ und inwiefern beherrscht sie die Schauspieler?]

Darstellungsarten der borromäischen Verschlingung

Lacan wechselt vom Porträt von Dora zur borromäischen Verschlingung; | [107] als Scharnier verwendet er die Opposition von Starrheit und Biegsamkeit. Die in der Aufführung des Stücks dargestellte Hysterie ist „starr“. Der Ausdruck „borromäische Kette“ legt ebenfalls Starrheit nahe [man denkt an eine Kette aus Eisengliedern, die in sich selbst starr sind]. Tatsächlich aber ist die borromäische Kette biegsam. [Später in dieser Sitzung wird Lacan sich darauf beziehen, dass man die einzelnen Ringe einer borromäischen Verschlingung falten kann, dass man sie in sich umklappen kann.] Nicht umsonst wird die borromäische Kette auch „Knoten“ genannt, da sie nämlich zum Knoten hin gleitet. [Beim Ausdruck „Knoten“ denkt man an Schnüre und setzt damit Biegsamkeit voraus. In der Topologie werden die Ringe einer Verschlingung als unbegrenzt verformbar aufgefasst.]

Auf die borromäische Verschlingung hatte Lacan sich [seit Seminar 19] bezogen, um durch sie das Symbolische, das Imaginäre und das Reale miteinander zu verbinden. Wichtig ist dabei das Reale. Nachdem er lange über das Symbolische und das Imaginäre gesprochen hatte, hatte er sich gefragt, wo in dieser Zusammenfügung das Reale sein könnte. Das Reale konnte nicht ein einzelner Fadenring sein, vielmehr macht die Art der Verschlingung als Ganze das Reale des Knotens aus. [Das Reale wird von Lacan der borromäischen Verschlingung doppelt zugeordnet. Das Reale ist ein einzelner Fadenring und es ist zugleich ein bestimmter Aspekt der Verschlingung insgesamt, nämlich die Ex-sistenz, d.h. dies, dass die Ringe einander in einer Weise äußerlich sind, dass sie zusammenhalten.]

Lacan bezieht sich dann auf drei unterschiedliche Darstellungen einer borromäischen Verschlingung aus drei Ringen.

Die erste Darstellungsart bringt die Ringe in die Form von Rechtecken und ordnet sie so an, dass sie auf drei verschiedenen Ebenen liegen: frontal zum Betrachter (rot), auf den Betrachter zulaufend (blau) und horizontal (grün).

Abb 1 - Borromäischer Knoten

Borromäische Verschlingung aus drei Rechtecken in drei Ebenen

Lacan unterbricht den eben erst begonnenen Überblick über die verschiedenen Darstellungsarten der borromäischen Verschlingung und bezieht sich auf zwei weitere Knotenformen [die ihn in dieser Sitzung nicht weiter beschäftigen werden]: auf einen Kleeblattknoten13

Linkshändige Kleeblattknoten

Kleeblattknoten, linksdrehend

Hopf-Verschlingung

Hopf-Verschlingung

[108] und auf eine Verbindung von zwei Ringen, bei der die Ringe direkt ineinandergreifen [in der Topologie heißt die zweite Art der Verbindung „Hopf-Verschlingung“]. [Das sind offenbar Kontrastfiguren – um diese Formen des Knotens bzw. der Verschlingung geht es im Folgenden nicht.]

Lacan kommt auf die borromäische Verschlingung aus drei Ringen zurück und bezieht sich auf eine zweite Form der Darstellung. Zwei der Ringe werden hier durch unendliche Geraden repräsentiert.

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Borromäische Verschlingung aus einem Kreis und zwei unendlichen Geraden

[Die Enden einer unendlichen Geraden berühren sich im Unendlichen, insofern hat eine unendliche Gerade Ähnlichkeit mit einem Kreis.14] Lacan nennt diese Art der Darstellung „projektiv“ [da das Postulat, dass die beiden Enden einer unendlichen Geraden sich berühren, ein Axiom der projektiven Geometrie ist].

Borromäische Verschlingung in der Art einer Armillarsphäre

Borromäische Verschlingung aus drei Kreisen in der Art einer Armillarsphäre

[109] Schließich bezieht Lacan sich auf eine dritte Art, die borromäische Verschlingung darzustellen. Wie in der ersten Darstellungsform sind die drei Ringe auch hier drei Ebenen zugeordnet; Lacan unterscheidet sie [mit einer in der Anatomie üblichen Terminologie] als transversaler Ring (rot) [frontal zum Betrachter], sagittaler Ring (blau) [auf den Betrachter zulaufend] und horizontaler Ring (grün). Die Ringe haben jetzt jedoch eine andere Gestalt als bei der ersten Darstellungsart, sie werden nicht mehr als Rechtecke wiedergegeben, sondern als Kreise, und damit erinnern diese Darstellung der Verschlingung an die Struktur einer Armillarsphäre [über die Lacan in früheren Sitzungen des Sinthom-Seminars gesprochen hatte].15

Das Ganze und die Menge

Diese dritte Darstellungsart hat den Vorteil, dass sie eine Kugel simuliert [und damit den Unterschied zu einer Kugel umso deutlicher macht]. Eben dies hatte er, Lacan, [Salvador] Dalí gegenüber angemerkt, mit dem er sich darüber unterhalten hatte, er weiß nicht mehr wann [das war Anfang Dezember 1975 in New York]. Allerdings wird eine Armillarsphäre nie als borromäische Verschlingung dargestellt [sondern immer mit konzentrischen Ringen].

Diese falsche Kugel [die Darstellung der borromäischen Ringe als Armillarsphäre] kann manipuliert werden, indem man sie auf der Ebene dessen nimmt, was ein Achtel von ihr ausmacht [d.h. indem man sie auf der Ebene eines Ringes nimmt]. [Die falsche Kugel wird durch die drei Ringe, wenn man diese den drei Ebenen zuordnet, gewissermaßen in acht Achtel zerlegt, in der Art, wie man einen Apfel durch drei Schnitte in Achtel zerteilen kann.]

Das konsistiert da. [Lacan verweist auf einen einzelnen Ring, der als Ring in sich zusammenhält, also Konsistenz hat (Lacan stützt sich hier auf seine Unterscheidung von Konsistenz, Ex-sistenz und Loch).] Weil diese Kugel [die Darstellung der borromäischen Verschlingung als Armillarsphäre] aus Kreisen gebildet wird, gibt es eine Möglichkeit, sie umzuklappen [gemeint ist: die einzelnen Kreise umzuklappen]. [Als Ergebnis des Umklappens hat ein Kreis eine Gestalt wie der rote Kreis auf dem untenstehenden Bild.]

Umgeklappter Ring

Umgeklappter Kreis

Bei einer Kugel denkt man an die Idee des Ganzen. [Das erinnert an den Kugelmythos in Platons Symposion sowie an Kants Konzept der Idee als Begriff einer Vollständigkeit in der Kritik der reinen Vernunft.] Häufig wird eine Kugel durch einen Kreis dargestellt, aber das ist ein Fehler. Die Idee des Ganzen impliziert eine Abschließung [durch welche ein Inneres von einem Äußeren vollständig abgeschottet wird]. [Ein Kreis jedoch hat im Inneren ein Loch, und im dreidimensionalen Raum ist dieses Loch mit dem Außen verbunden – das Innere geht nahtlos in das Äußere über.] Wenn man das Ganze [nämlich den Kreis] umklappen kann, wird das Innere zum Äußeren. [In der obenstehenden Zeichnung ist der Bereich, der von der äußeren Kreislinie aus gesehen das angrenzende Innere bildet, für die innere Kreislinie das Äußere.] Eben das geschieht, wenn man die borromäische Verschlingung mit Kreisen bildet, sie kann dann umgeklappt werden, da es im Kreis ein Loch gibt.

Die  Wesen [die Menschenwesen] sind „träge“ [seit den frühen Seminaren ist „Trägheit“ für Lacan eine Metapher für den Widerstand des Imaginären gegen die Symbolisierung16]. In dem Maße, in dem die Wesen träge sind, d.h. von einem Körper gestützt werden, kann man wie [der antike römische Politiker] Popilius [um jemanden einen Kreis ziehen und zu ihm] sagen: „Ich habe einen Kreis um dich gezogen, und du wirst da nicht eher rauskommen, als du mir nicht etwas Bestimmtes versprochen hast.“ [Die falsche Vorstellung, dass der Kreis ein Ganzes bildet, dass er also ein Inneres von einem Äußeren abtrennt, beruht darauf, dass Menschen „träge“ sind, d.h. dass sie von einem Körper gestützt werden – sie projizieren das Körperbild auf den Kreis und deuten ihn dadurch als Ganzheit, als vereinfachte Darstellung einer Kugel.]

Menge mit Elementen a, b und c

Menge mit Elementen a, b, c

[110] Hier stößt man auf das, weswegen Lacan [in den Seminaren 18 und 19] behauptet hatte, „Die Frau“ ist „nicht-alle“, anders gesagt: Frauen bilden eine Menge [und nicht ein Ganzes]. [Bezieht man das auf die Opposition von Kreis und Kugel, würde das heißen: Frauen bilden einen Kreis, keine Kugel.] Im Lauf der Zeit ist man dazu gelangt, die Idee des Ganzen von der Idee der Menge zu trennen. Mengentheoretisch heißt das, man muss die Objekte, die in einer Menge enthalten sind – Objekt a, Objekt b, Objekt c usw. –, von dem Kreis unterscheiden, der sie versammelt; diesen Objekten gegenüber ist der Kreis äußerlich. [Die Elemente a, b, c bilden nicht von sich aus eine Ganzheit; erst die Hinzufügung von etwas, was in der Zeichnung als Kreis dargestellt wird, verwandelt die Elemente in eine Ganzheit. Der Kreis funktioniert also wie eine Kugel, er erzeugt eine Abschließung.]

Menge mit Element A und mit Untermenge mit Element B

Menge mit Element A und mit einer Untermenge, die Element B enthält

Lacan zeigt den Unterschied zwischen den Elemente und der Menge an einem Mengenkreis, der zwei Entitäten enthält: ein Element A, das nicht von einem weiteren Kreis umgeben ist, und ein Element B, um das herum ein Kreis gezogen ist. Das wird auch so dargestellt: { A { B }} [die geschweiften Klammern entsprechen den Mengenkreisen]. [A ohne Kreis verhält sich zu B mit Kreis wie nicht-alle zu alle.]

[Lacan unterscheidet hier zunächst die Menge (als „nicht-alle“) von der Ganzheit und erläutert die Menge dann nicht durch die Menge, sondern durch die Elemente und die Ganzheit durch die Menge.]

Wie erzeugt man die beiden borromäischen Verschlingungen?

[Lacan kommt jetzt zum Hauptpunkt seines Vortrags, zu dem, was er in dieser Sitzung, wie er anfangs angekündigt hatte, zeigen will.] Sein Ausgangspunkt ist, dass es zwei unterschiedliche Formen der borromäischen Verschlingung von drei Ringen gibt [zwei Anordnungen der Ringe, wobei diese Anordnungen sich durch Manipulation ohne Zerschneiden nicht ineinander überführen lassen]. [Dass es zwei Arten von borromäischen Dreier-Verschlingungen gibt, wird im Folgenden von Lacan als unproblematisch vorausgesetzt, ebenso, dass diese Unterscheidung nur möglich ist, wenn Färbung und Orientierung der Ringe ins Spiel gebracht werden. Strittig ist, wie viele Ringe mindestens orientiert sein müssen, damit man zwei Arten der borromäischen Verschlingung unterscheiden kann.]

Soury/Thomé: drei Färbungen und drei Orientierungen

Soury und Thomé hatten Lacan gegenüber behauptet, für die Erzeugung von zwei unterschiedlichen borromäischen Verschlingungen müssten alle drei Ringe sowohl gefärbt als auch orientiert sein, und er hatte dem anfangs zugestimmt.17

Lacans Irrtum: Färbung genügt

[111] Danach kam ihm jedoch der Gedanke, dass es, um die beiden Verschlingungsformen herzustellen, ausreichen würde, die Ringe nur zu färben [und nicht zu orientieren]. Angenommen, man hält die Farbe des roten Ringes fest und man vertauscht die Farbe des blauen und des grünen Ringes, dann hat es den Anschein, als ob man auf diese Weise zwei unterschiedliche Verschlingungen erhielte, nämlich diese hier, Blau unter Rot über Grün:

 

Borromäische Verschlingung aus zwei unendlichen Geraden und einem Kreis

Blau unter Rot über Grün

und diese, Blau über Rot unter Grün:

Abb 8b - Borr Verschlingung mit blau oben

Blau über Rot unter Grün

 

Tatsächlich jedoch handelt es sich bei diesen beiden Darstellungen um dasselbe. [Das lässt sich dadurch zeigen, dass man die beiden dargestellten Verschlingungen durch Manipulation ineinander überführt, ohne einen Ring zu zerschneiden.]

Abb 9 - Borromäischer Knoten projektive Darstellung - blau unter rot - mit Alpha

Blau unter Rot über Grün

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Hochklappen des roten Kreises

Wenn man [ausgehend von α] die Kugel [d.h. den Kreis] umklappt [d.h. wenn man die untere Hälfte des Kreises nach vorne und nach oben faltet und sie etwas auseinanderzieht, wie in β], erhält man leicht [durch die anschließenden Schritte] die entgegengesetzte Anordnung [der drei Ringe, also die andere Verschlingung, die sich damit als nur scheinbar unterschiedlich erweist].

[?? Lacan spricht hier vom Umklappen der „Kugel“; warum? Bezieht er sich hier auf eine andere Darstellung der borromäischen Ringe als die mit unendlichen Geraden, nämlich auf die Darstellung als Armillarsphäre?]

Abb 10 - Borr Ring projektiv mit blau unten - mi BETA

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Wechsel der Position der Geraden

Hierzu muss man im nächsten Schritt die Position der blauen Geraden ändern [so dass sie nicht mehr über der grünen Geraden und unter dem roten Kreis liegt [β], sondern unter der grünen Geraden und über dem roten Kreis [γ]].

Abb 12 - Borr ring projektiv mit blau oben - mit GAMMA Kopie

Abb 14 - Borr Verschlingung mit DELTA Kopie

Herunterklappen des roten Kreises: Blau über Rot unter Grün

Im letzten Schritt wird der rote Ring wieder umgeklappt [diesmal wird die kleinere Kreishälfte nach hinten und dann nach unten gefaltet, und außerdem wird sie etwas auseinandergezogen [δ]].

Vergleicht man die anfängliche Anordnung [α] mit der Anordnung am Schluss [δ], sieht man, dass die blaue und die grüne Gerade ihren Verlaufsweg getauscht haben. In der ersten Darstellung [α] liegt die blaue Gerade innerhalb des roten Kreises [d.h. unter ihm]  und außerhalb [d.h. über] der grünen Geraden; in der letzten Darstellung [δ] ist es umgekehrt, die grüne Gerade liegt jetzt innerhalb des roten Kreises [d.h. unter ihm] und die blaue Gerade liegt außerhalb des roten Kreises [d.h. über ihm]. [Die Rede von „innerhalb“ und „außerhalb“ spricht dafür, dass Lacan hier tatsächlich mit der Anordnung der Ringe als Armillarsphäre operiert.]

Die Dinge sind nicht so leicht zu demonstrieren. Der Beweis dafür ist folgender: Das, was unmittelbar ist, dass man nämlich einfach denkt, dass die drei [gefärbten aber nicht orientierten] Ringe ihre Position vertauschen können – was durch die [vorgeführte] Manipulation ja auch tatsächlich erreicht werden kann –, das kann gleichwohl nicht so einfach erreicht werden. Der Beweis dafür ist, dass Soury und Thomé, als sie Lacan diese Manipulation vorgeführt haben – die völlig korrekt ist –, dass sie sich dabei ein wenig verheddert haben. [Die Manipulation, die Lacan gerade vorgeführt hat und die zeigt, dass die beiden scheinbar unterschiedlichen borromäischen Verschlingungen ohne Zerschneiden ineinander überführt werden können, ist ihm demnach von Soury und Thomé gezeigt worden.] Er, Lacan, habe versucht, seinen Zuhörern vorzuführen, wie diese Operation sich tatsächlich vollziehen kann.

[?? Ich habe diese Manipulation nicht nachvollziehen können. Wie läuft sie ab?]

Exkurs: Evidenz durch Entleerung

Die Frage ist, was uns in der Unmittelbarkeit festhält? [?? Was meint hier „Unmittelbarkeit“?]

Die Unmittelbarkeit ist eine bestimmte Art der Evidenz, nämlich eine Evidenz, die Lacan durch ein Wortspiel stützt, évidence/évidement, Evidenz/Entleerung.

[In Seminar 21 hatte Lacan gesagt: Die Evidenz (évidence) des borromäischen Knotens besteht nicht in seiner Anschaulichkeit, sondern darin, dass er aus Fadenringen gebildet ist und hierdurch eine Entleerung (évidement) erfährt.18 In Seminar 22 hatte es geheißen: Von den drei Modi des Symbolischen, des Imaginären und des Realen wolle er, Lacan, nicht behaupten, sie seien evident (évident); er bemühe sich einfach, diese drei Modi zu entleeren (évider).19 Und in einer früheren Sitzung von Seminar 23 kann man lesen: Die Behauptung, dass die Sprache im Realen ein Loch macht, scheine ihm, Lacan, unvermeidlich zu sein (inévitable), weil eine Wahrheit nur durch das Entleeren (évider) des Realen möglich sei.20

Der Begriff der Evidenz bezieht sich etymologisch auf das Sehen, er geht auf das lateinische Verb videre zurück, „sehen“. Die Evidenz des borromäischen Knotens beruht gerade nicht auf der Anschaulichkeit, sondern steht im Gegensatz zur Anschaulichkeit, sie beruht auf einer Entleerung: auf dem Zurückdrängen des Anschaulichen.]

Die Unmittelbarkeit ist eine Evidenz, die durch eine Entleerung hergestellt wird, wobei die Entleerung sich auf das Reale bezieht [durch die Entleerung (die Reduktion der Anschaulichkeit) wird ein Bezug zum Realen hergestellt].

[113] Es gibt jedoch etwas, was der Evidenz-Entleerung widersteht, nämlich die knotenhafte Erscheinung, die den chaînœud herstellt. [Die Entleerung – die Verminderung der Anschaulichkeit – ist nicht vollständig, es bleibt ein anschaulicher Rest: die knotenhafte Erscheinung.] Diese knotenhafte Erscheinung, diese Knotenform, versichert uns dessen, dass wir es mit dem Realen zu tun haben: zwar ist die knotenhafte [anschauliche] Erscheinung ein Trug, jedoch ein Trug, durch den das Reale bezeugt wird.

Man muss diese Art der Evidenz von der Pseudo-Evidenz unterscheiden, durch die Lacan dazu gebracht worden war, [irrtümlicherweise] anzunehmen, man könne zwei verschiedene Arten von borromäischen Verschlingungen aus drei Ringen bereits dadurch herstellen, dass man die Ringe nur färbt, nicht aber orientiert.

Was bedeutet das, was er mit dieser Reihe von Kunstgriffen demonstriert hat? [Die Manipulation, durch die er die eine Darstellung der borromäischen Verschlingung aus drei Ringen in die andere überführt hatte, war eine Demonstration, eine Beweisführung: sie beweist, dass es sich um denselben Konten handelt.] Hier zeigt sich der Unterschied zwischen dem Demonstrieren bzw. Beweisen und dem [anschaulichen] Zeigen.

[In Seminar 22 hatte Lacan die monstration von der démonstration unterschieden. Bei der monstration geht es um das anschauliche Zeigen, um das Vorführen. Mit démonstration ist das Beweisen gemeint; die démonstration beruht auf dem Symbolischen.21 In Seminar 23 hatte sich Lacan auf den Unterschied zwischen dem Zeigen und dem Beweisen bereits in der Sitzung vom 9. Dezember 1975 bezogen.]

Im Demonstrieren gibt es, verglichen mit dem Zeigen, eine Idee von Verfall (déchéance), es gibt einen Abfallen (choir) gegenüber dem Zeigen. [Im Beweisen tritt die anschauliche Dimension zurück.]

Das Blabla, das von der Evidenz ausgeht, realisiert eine Entleerung [das Sprechen, das sich auf die anschauliche Evidenz stützt, bewirkt – als Sprechen – eine Verminderung des Bezugs auf die Anschauung]; dies unter der Bedingung, die Entleerung auf bedeutsame Weise (significativement) zu vollziehen. [?? Was ist hier mit „bedeutsam“ gemeint? Der Bezug auf Signifikanten oder auf Signifikate?]

Das more geometrico, lange Zeit der ideale Träger der Demonstration, der Beweisführung, beruht auf dem Trug einer formalen Evidenz. [Die Beweisführung „nach der Art der Geometrie“ beruht auf Axiomen und auf der Annahme, dass die Axiome einen Sinn haben, der intuitiv eingesehen werden kann; erst die Mathematik des 19. Jahrhunderts begreift die Axiome als kontingent. Zur Beweisführung more geometrico hatte Lacan in der ersten Sitzung des Sinthom-Seminars angemerkt:

More geometrico – auf Grund der Form, die Platon so schätzte, erweist sich das Individuum so, wie es gebaut ist: als ein Körper. Dieser Körper hat eine solche fesselnde Kraft, dass, bis zu einem gewissen Punkt, die Blinden zu beneiden wären.“22

Nicht nur die knotenhafte Erscheinung ist ein Trug, die Fesselung durch das Körperbild – durch die Form, die Gestalt –, sondern auch die Beweisführung more geometrico. In diesem Sinne beruht sie auf einer „formalen Evidenz“.]

Die Linie, mit der die [euklidische] Geometrie arbeitet, lässt sich auf die Überschneidung von zwei Flächen zurückführen und die Fläche wiederum auf einen Schnitt in einen Festkörper. [Die Komponenten der euklidischen Geometrie, Linie und Fläche, beruhen demnach letztlich auf der Bindung an den Festkörper – sie haben ihre Grundlage im Imaginären, in der Beziehung zum Körperbild. Dass die euklidische Geometrie sich am Festkörper orientiert, sieht man, wenn man sie mit der Topologie vergleicht, in der die Oberflächen als beliebig verformbar gelten.]

Eine ganz andere Stütze liefert der Ring, der Kreis, sofern er biegsam ist – das ist eine andere Geometrie. [Diese andere – nicht-euklidische – Geometrie ist die Topologie; in ihr gelten die Gestände nicht, wie in der euklidischen Geometrie, als starr, sondern als unbegrenzt verformbar.] Diese Geometrie ist auf die Verschlingung zu gründen. [?? Was ist damit gemeint, dass die Topologie auf die Verschlingung zu gründen ist?]

Lacans neue These: zwei gefärbte Ringe und ein orientierter Ring

Über seinen Irrtum ist Lacan verblüfft. Wenn er ihn als Dummheit bezeichnet, so hat er damit Recht; der Fehler hat ihn auf eine Weise berührt, die man sich kaum vorstellen kann.

Um sich wieder ein wenig aufzurichten, will er im Folgenden zeigen, dass Soury und Thomé sich in einem Punkt geirrt haben. Sie hatten behauptet: Wenn man zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen aus drei Ringen haben will, müssen alle drei Ringe sowohl gefärbt als auch orientiert sein; es genügt nicht, dass von den drei Ringen zwei gefärbt sind und ein dritter orientiert ist. Lacan widerspricht ihnen in diesem Punkt. Seine These lautet: Man erhält zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen bereits dadurch, dass man zwei Ringe färbt und den dritten orientiert. Und er glaubt, das auf eine Weise demonstrieren zu können, die nahe beim Zeigen liegt [d.h. so, dass man es gewissermaßen sieht].

Soury und Thomé haben ihre These dadurch zu beweisen versucht, dass sie alle Kombinationsmöglichkeiten von drei Färbungen und drei Orientierungen durchgespielt haben. [?? Welche Möglichkeiten sind das? Jeder der drei Ringe kann orientiert oder nicht orientiert sein, das ergibt 0 oder 1 oder 2 oder 3 orientierte Ringe. Wenn ein Ring orientiert ist, muss er nicht gefärbt sein, wenn zwei oder drei Ringe orientiert sind, kann ein Ring gefärbt oder nicht gefärbt sein. Wenn ein Ring orientiert ist, kann er rechts- oder linksdrehend sein. Wie viele Kombinationen gibt es?]

Lacan geht anders vor. In seiner Darstellung der borromäischen Verschlingung bringt er zwei unendliche Geraden ins Spiel, | [114] eine Vorgehensweise, von der Soury und Thomé vorsichtshalber keinen Gebrauch machen. Die unendliche Gerade ist ein Äquivalent zum Kreis, zumindest in der Verschlingung. Ein Punkt dieser unendlichen Geraden liegt im Unendlichen [dies ist der Punkt, an dem die beiden Enden der Geraden sich gewissermaßen berühren]. Von den beiden unendlichen Geraden muss man außerdem fordern, dass sie konzentrisch sind, dass sie also untereinander nicht verschlungen sind [d.h. die beiden „Kreise“, die durch die zwei unendlichen Geraden gebildet werden, dürfen nicht wie die Glieder einer Gliederkette ineinander greifen, sie dürfen nicht wie eine Hopf-Verschlingung gebaut sein]. [Zu ergänzen ist: Der Punkt im Unendlichen darf für beide Geraden nicht derselbe sein – die Geraden dürfen sich nicht durchdringen.] Dies [dass die beiden Enden einer unendlichen Geraden sich berühren] ist ein Punkt, den vor langer Zeit Desargues herausgearbeitet hat; Desargues hat allerdings nicht präzisiert, dass die unendlichen Geraden sich nicht verschlingen dürfen.

[Neben den beiden unendlichen Geraden gibt es in der nun folgenden Darstellung der borromäischen Dreierverschlingung einen Kreis.] Für diesen Kreis wird festgelegt, dass er orientiert ist. Ihm muss nicht eigens eine Farbe zugesprochen werden – dadurch, dass man festlegt, dass er als einziger orientiert ist, hat man ihn bereits isoliert [man kann ihn, wie in der folgenden Abbildung, durchaus färben, aber das fügt keine Information hinzu].

Abb 15 - Borr Knoten rot rechtsdrehend

Borromäische Verschlingung aus drei Ringen. Zwei Ringe als Gerade dargestellt, einer als rechtsdrehender Kreis, Blau unter Rot über Grün

Wenn man [mit Soury und Thomé] sagen würde, dass alle drei Ringe orientiert sein müssen, wäre das anders. [Der dritte Kreis wäre dann durch das Merkmal der Orientierung nicht von den anderen beiden unterschieden; man müsste ihm, um ihn zu individualisieren, außerdem eine Farbe zuordnen.] Von dieser Orientierung [so wie sie oben gezeichnet ist] kann man sagen, dass sie rechtsdrehend ist. Das gilt jedoch nur vom aktuellen Beobachterstandpunkt aus. Die Unterscheidung rechtsdrehend/linksdrehend ist [im dreidimensionalen Raum] nicht stabil | [115]; wenn man den rechtdrehenden Kreis umdreht [oder wenn man ihn gewissermaßen von der gegenüberliegenden Seite aus betrachtet], wird er zu einem linksdrehenden Kreis.

Borromäische Veschlingung aus drei Ringen, roter Kreis linksdrehend

Dieselbe Verschlingung wie in der vorigen Abbildung, „Rückseite“: roter Kreis linksdrehend, Blau über Rot unter Grün

Bei dieser Umkehrung der Orientierung [siehe die obenstehende Zeichnung] werden auch die unendlichen Geraden umgedreht [aus „Blau verläuft über Rot und unter Grün“ wird „Blau verläuft unter Rot und über Grün“].

Lacans Behauptung lautet also: Um zwei Arten von borromäischen Verschlingungen zu erhalten, genügt es, wenn ein Ring orientiert ist [und die beiden anderen gefärbt sind]. Das ist dann umso einleuchtender, wenn [anders als bei Soury und Thomé] die beiden anderen Ringe unendliche Geraden sind, denn wie sollte man den unendlichen Geraden einen Orientierung geben? [?? Warum können unendliche Geraden nicht orientiert sein?]

Abb 17 - rechtsdrehender roter Ring mit Farbwechsel

Zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen durch Wechsel der Position der Geraden und Beibehaltung der Orientierung des Kreises (rechtsdrehend)

Wenn man die Orientierung beibehält und die Farben der beiden unendlichen Geraden austauscht, ist unbestreitbar, dass man es mit zwei unterschiedlichen borromäischen Verschlingungen zu tun hat.

Das ist eine ähnliche Vorgehensweise wie die, die er zunächst für richtig gehalten hatte [insofern die beiden Geraden ihre Plätze tauschen, jetzt aber ergänzt um die Bedingung, dass der dritte Ring orientiert sein muss]. Warum sollte er die Orientierung ändern? Dafür gibt es keinen Grund. Wenn man die Orientierung des Kreises ändert [und die Position der Graden beibehält], kann man nicht [so einfach] sehen, dass es sich um zwei unterschiedliche Arten der borromäischen Verschlingung handelt.

Abb 18 - linksdrehende Ringe mit Farbwechsel

Zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen mit konstantem linksdrehendem Kreis

Wenn man die Orientierung des Kreises umdreht [wenn man also statt eines rechtsdrehenden einen linksdrehenden Kreis verwendet und den Verlauf der Geraden konstant hält], erhält man ebenfalls zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen.

Abb 19 - Drei borromäische Ringe nebeneinander

1 und 2: dieselbe Verschlingung, von zwei Seiten betrachtet. 2 und 3: zwei unterschiedliche Verschlingungen mit Wechsel der Orientierung des Kreises und Beibehalten der Position der Geraden

In der obenstehenden Abbildung wird zunächst Darstellung 2 aus Darstellung 1 dadurch gewonnen, dass Darstellung 1 umgedreht wird; 1 und 2 zeigen also dieselbe Verschlingung. Man kann dann sowohl Bild 1 als auch Bild 2 mit Bild 3 vergleichen. Vergleicht man Bild 2 mit Bild 3 sieht man, dass die Geraden gleich verlaufen, | [116] die Orientierung jedoch entgegengesetzt ist; vergleicht man Bild 1 mit Bild 3 sieht man, dass die Geraden anders verlaufen, die Orientierung jedoch gleich ist. [Offenbar hält Lacan nur den Vergleich von 1 und 3 für unmittelbar einleuchtend, nicht aber den Vergleich von 2 und 3 und führt deshalb Bild 2 auf Bild 1 zurück.]

[?? Woran sieht man, dass es sich bei den Bildern 1 und 3 um zwei unterschiedliche Arten der Verschlingung handelt? Dazu müsste gezeigt werden, dass man den Verlauf „Blau unter Rot über Grün“ bei konstanter Orientierung des Kreises nicht durch Manipulation in „Blau über Rot unter Grün“ verwandeln kann. Wie kann man zeigen, dass eine solche Manipulation nicht möglich ist?]

[Lacan betrachtet nun das Ergebnis: Damit es zwei unterschiedliche borromäische Verschlingungen aus drei Ringen gibt, muss ein Ring orientiert sein; die beiden anderen Ringe müssen nicht orientiert sein, wohl aber gefärbt sein.]

Lacan erinnert daran, dass er kurz zuvor vom „Realen als vom Trug gekennzeichnet“ gesprochen hat. [Mit dem Trug kommt die Frage nach der Wahrheit ins Spiel.] Wahr ist nur das, was einen sens hat, einen Sinn. Was ist das Wahre über das Reale? Dies, dass das Reale des Paares hier [das Reale der beiden unendlichen Geraden] keinerlei sens hat. Diese Aussage stützt sich auf die Mehrdeutigkeit des Wortes sens: „Richtung“ [wie in „Uhrzeigersinn“] und „Bedeutung“. [Die beiden unendlichen Geraden sind nicht orientiert, sie haben keinen (Richtungs-)Sinn. Darauf läuft Lacans Kritik an Soury und Thomé hinaus: zwei der Ringe müssen keineswegs orientiert sein.] 

Diagramme aus Seminar 20 - Dreieck RSI und Wahres

Schema aus Encore-Seminar (20. März 1973)

[Das Wahre bezieht sich auf den Sinn und damit nicht auf das Reale, nicht auf den Referenten. Das Wahre ist damit im Verhältnis zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären verortet. Im oben wiedergegebenen Diagramm aus Millers Version Seminar 20 wird das angezeigt, „das Wahre“ ist hier der Pfeillinie zugeordnet, die vom Imaginären zum Symbolischen führt.23]

In welchem Verhältnis steht sens als Sinn [Sinn als Bedeutung] zum sens als Orientierung [Sinn als Richtungssinn]? Ist dies die Zeit? [Lacan stellt damit die Frage nach dem Verhältnis von Raum und Zeit – wird im Rahmen der Topologie (des Raumes) die Zeit durch die Orientierung repräsentiert?] In dieser Sitzung bleibt die Frage offen. [In einer Folgesitzung wird er auf sie zurückkommen und sie verneinen.]

Die beiden Geraden [sind nicht orientiert, sie] müssen aber gefärbt sein. [Die Farbe bezieht sich auf das Sehen im weiten Sinne des Wortes, und damit stellt sich die Frage, wie das auf die psychoanalytische Konzeption des Sehens zu beziehen ist.] Bezieht sich die Erscheinung der Farbe auf das Sehen [im engeren Sinne des Wortes] oder auf den Blick, ist es das Sehen oder der Blick, wodurch die Farben unterschieden werden? [Lacan bezieht sich hier auf die Unterscheidung von Blick und Sehen, die er in Seminar 11 entwickelt hatte; vgl. diesen Blogartikel.] Auch diese Frage lässt er in dieser Sitzung demonstrativ offen.

Psychoanalytische Anwendung: die Geschlechter

Die eine gefärbte Gerade: das Imaginäre

Der Begriff des gefärbten [und nicht orientierten] Paares [dargestellt durch die beiden unendlichen Geraden] bezieht sich auf das Geschlecht. Der Begriff des gefärbten Paares soll nahelegen, dass es bei den Geschlechtern nur das Sein der Farbe gibt, das „Farbwesen“; es kann also einen frauenfarbigen Mann geben und eine männerfarbige Frau. [Es kann einen biologischen Mann geben, der in der Farbe einer Frau auftritt, und umgekehrt.]

[Mit „Farbe“ bezieht sich Lacan hier auf eine Dimension, die er sonst als „Maskerade“ bezeichnet. Unter Maskerade versteht er die visuelle Darstellung des einen Geschlechts gegenüber dem anderen, also die wechselseitige Selbstdarstellung als Geschlechtswesen in der Ordnung des Imaginären und, damit verbunden, die imaginäre Identifizierung als Mann oder als Frau.24 Für die weibliche Maskerade bezieht er sich häufig auf Joan Rivières Aufsatz Weiblichkeit als Maskerade (1929).25 Statt von der mascarade spricht er auch von der parade, also von der „Parade“, dem „Balzverhalten“.26 Damit ist klar, dass es in der Beziehung zwischen den Geschlechtern bei der Farbe um das Sehen geht: um das Zu-Sehen-Geben, und um dessen Funktion: die Abwehr des Blicks.]

Die andere gefärbte Gerade: das Reale

[117] Wenn man den roten [orientierten] Kreis auf das Symbolische bezieht, sind die Geschlechter einander entgegengesetzt wie das Imaginäre und das Reale bzw. wie die Idee dem Unmöglichen. [Das Imaginäre entspricht also der Idee, das Reale dem Unmöglichen.]

[Früher in dieser Sitzung hatte Lacan von der „Idee des Ganzen“ gesprochen27, das Imaginäre entspricht der „Idee“ dann, wenn man den Terminus auf das Ganze bezieht und damit auf das Körperbild, auf die Kugel, wenn man darunter also nicht den „Gedanken“ oder die „Vorstellung“ versteht.28

[Die Beziehung des Paars ist demnach bestimmt durch das Reale als das Unmögliche – es gibt kein sexuelles Verhältnis – sowie dadurch, dass versucht wird, diese Kluft durch das Imaginäre zu überbrücken, durch die Idee des Ganzen, durch die Farbe, die Maskerade.]

Aber ist es sicher, dass [in der Beziehung von Menschen unterschiedlichen Geschlechts] immer das Reale beteiligt ist? Bei Joyce sind eher die Idee [d.h. das Imaginäre] und das „Sinthom“ beteiligt [und nicht das Reale].

[Bei Joyce geht es in der Beziehung zum anderen Geschlecht nicht um das Reale, nicht um das Unmögliche. In der Sitzung vom 10. Februar 1976 hatte Lacan das so formuliert: Joyce hat zu Nora ein Verhältnis, es gibt hier tatsächlich ein sexuelles Verhältnis.29 Stattdessen geht es Joyce in der Beziehung zum anderen Geschlecht um die Idee und um das Sinthom: Nora ist für ihn der umgestülpte Handschuh, das gehört zur Ordnung des Imaginären, der Idee. Es gibt jedoch etwas, was sich in diese Ordnung nicht fügt: der „Knopf“, die Klitoris, Noras mit dem Schwangerschaft verbundene Genießen. Noras „Knopf“, Noras Schwangerschaft, sind für Joyce unerträglich, ihre Schwangerschaft ist sein Sinthom, die Wiederkehr des Verdrängten.30] Das lässt sich dadurch erhellen, dass man auf das [vorher in dieser Sitzung erwähnte] Theorem zurückkommt, dass eine Frau „nicht-alle“ ist. Eine Frau wird nicht erfasst, da sie insbesondere für Joyce fremd bleibt, für ihn keinen Sinn hat. [Von Joyce wird eine Frau in ihrem Status, „nicht-alle“ zu sein – „eine Frau“ zu sein –, nicht erfasst. Er bezieht sich auf Nora als „Die Frau“, nicht als „eine Frau“. Nur „Die Frau“ hat für ihn einen Sinn, nicht aber „eine Frau“. In der Beziehung zu Frauen geht es für einen Mann also dann um das Reale, wenn sie für ihn den Status von „nicht-alle“ Frauen haben, wenn eine Frau für ihn nicht „Die Frau“ ist, sondern „eine Frau“.]

Aber hat eine Frau für einen Mann jemals einen Sinn? Der Mann ist der Träger der Idee des Signifikanten, und die Idee des Signifikanten wird in der Sprache wesentlich durch die Syntax getragen. [Wann wude in Lacans Seminar zum letzten Mal über Syntax gesprochen? In Seminar 20 von 1972/73, Encore; Jean-Claude Milner hielt dort einen Vortrag über das „Modell des syntaktischen Subjekts“ und verstand darunter die Beziehung zwischen dem Sprecher und dem Adressaten, also die Sprache in ihrer Funktion, einen Sinn zu übermitteln.31]

Eine Menge der Frauen hingegen hat aus der sich auflösenden Sprache – aus dem Lateinischen, aus dem das Französische und andere Sprachen hervorgegangen sind – „Lalangue“ geschaffen, das kann als historische Tatsache angenommen werden. [Mit der Rede von der „Menge“ der Frauen bezieht Lacan sich auf den vorher in dieser Sitzung erläuterten Gegensatz zwischen der Menge und dem Ganzen; die Frauen, die Lalangue geschaffen haben, bilden keine Totalität, sie sind „nicht-alle“.] Lalangue, das ist dasjenige Sagen, bei dem die Äquivokationen entscheidend sind; die verschiedenen Lalangues unterscheiden sich durch die Mehrdeutigkeiten, die in ihnen möglich sind. Es war das weibliche Geschlecht, das zu dieser „Prothese der Mehrdeutigkeit“ geführt hat. [Das griechische Wort „Prothese“ meint wörtlich „Setzen für“, „Setzen anstelle von“.] Lacan hat das durch die Äquivokation von deux (zwei) und d’eux (von ihnen) [im Encore-Seminar] illustriert. [?? Inwiefern ist die Mehrdeutigkeit eine Prothese, inwiefern wird durch die Mehrdeutigkeit etwas an die Stelle von etwas anderem gesetzt?]

[Männer und Frauen haben demnach zwei unterschiedliche Beziehungen zur Sprache. Der Mann bezieht sich auf die Sprache unter dem Aspekt der „Idee der Syntax“, womit vermutlich die Sinnübermittlung gemeint ist. Frauen beziehen sich auf die Sprache unter dem Aspekt von Lalangue, der Mehrdeutigkeit. Insofern hat für den Mann eine Frau keinen Sinn.]

[Der Gegensatz zwischen der weiblichen Lalangue und der männlichen Idee der Syntax erinnert an die Opposition von weiblichem Singen und männlicher Syntax in Hélène Cixous’ Das Lachen der Medusa (1975). Sie schreibt: „Im Wort der Frau wie in der Schrift hört nie auf mitzuklingen, was, weil es uns einst durchdrungen, unmerklich tief berührt hat, die Fähigkeit behält uns zu bestimmen, das Singen, die erste Musik, die der ersten Liebesstimme, die jede Frau lebendig bewahrt.“32 Das liegt nahe bei Lacans Konzept der weiblichen Lalangue. Einige Seiten später heißt es: „Die weibliche Mächtigkeit ist so beschaffen, dass die Frauen, die Syntax mit sich fortschwemmend und den berühmten Faden (ein ganz kleiner Faden nur, so sagen sie) verlierend, auf das Unmögliche zugehen werden – jenen Faden, der den Männern als Nabelschnurersatz dient damit sie sicher sind, sonst können sie nicht kommen, daß die alte Mutter noch immer hinter ihnen steht und ihnen beim Phallusspielen zuschaut.“33 Die Syntax wird hier mit dem Faden assoziiert, der den Männern als Nabelschnurersatz dient; eine der Bedeutungen dieser Faden-Metapher ist sicherlich die Sprache in der Funktion, einen Sinn zu übermitteln, der sich als Faden durch das Gewebe zieht – durch die Textur, durch den Text – und dessen Einheit zu sichern scheint.– Bereits in diesem Artikel bezieht Cixous sich übrigens auf Freuds Dora.]

[Das Reale in der Beziehung zwischen den Geschlechtern besteht demnach auch darin, dass sie „zwei verschiedene Sprachen sprechen“, wie man sagt: Der Mann spricht eine Sprache, die von der Idee der Syntax beherrscht wird, der Sinnübermittlung; Frauen – nicht alle – sprechen eine Sprache, die zu Lalangue in Beziehung steht, zur Sprache der Mehrdeutigkeiten.]

Der orientierte Ring / die Gerade im falschen Loch: der Phallus

Damit ist man noch nicht bei der borromäischen Verschlingung angelangt. [Es ist noch nicht offen, was es für die Beziehung der Geschlechter heißt, dass die beiden gefärbten aber nicht orientierten Geraden durch einen orientierten Ring zusammengehalten werden.]

[Lacan wechselt jetzt unvermittelt von zwei Geraden, die durch einen Ring verknüpft sind, zu zwei Ringen, die durch eine Gerade verbunden werden. Dem orientierten Ring entspricht jetzt also die Gerade.]

Eine borromäische Verschlingung beruht darauf, dass es [im ersten Konstruktionsschritt] ein falsches Loch gibt [d.h. ein Loch, das durch Auseinanderziehen der Ringe zum Verschwinden gebracht werden kann]. [Die beiden Ringe entsprechen den beiden unendlichen Geraden in der vorangehenden Darstellung.]

Abb 20 - Falsches Loch

Zwei Ringe, die ein falsches Loch bilden

In einem Kreis gibt es ein Loch, das hatte er zuvor betont [als er über den Unterschied von Kreis und Kugel sprach – eine Kugel hat kein Loch]. | [118] Zwei Kreise kann man so zusammenfügen, dass sie zusammen ein Loch bilden, das weder das Loch des einen noch das des anderen Kreises ist. [Dieses Loch ist ein falsches Loch, d.h. ein Loch, das, ohne Zerschneiden, durch Manipulieren der Ringe zum Verschwinden gebracht werden kann. Bezogen auf die Geschlechter heißt das: der Ring des Realen kann mit dem des Imaginären ein falsches Loch bilden.]

Man kann jedoch etwas hinzufügen, einen unendliche Gerade oder einen Kreis, der das falsche Loch durchquert und zwar so, dass dieses Loch „verifiziert“ wird [dass es also zu einem stabilen Loch wird, das durch bloße Verformung, ohne Zerschneiden, nicht beseitigt werden kann]. [Man muss also drei Arten von Löchern unterscheiden: das irreduzible Loch in einem Kreis, dann das falsche (reduzierbare) Loch, das durch zwei Kreise gebildet wird, und schließlich das irreduzible Loch, das dadurch entsteht, dass man in ein falsches Loch einen Ring einfügt.]

Abb 21 - Falsches Loch mit unendicher Gerader ohne Beschriftung

Verwandlung eines falschen Lochs in ein wahres Loch durch eine unendliche Gerade

[Über das falsche Loch zweier Ringe, das durch eine unendliche Gerade in ein „wahres Loch“ verwandelt werden kann, hatte Lacan erstmals in der ersten Sitzung dieses Seminar gesprochen. Dort bezog sich das auf das Verhältnis zwischen dem Ring des Symbolischen und dem des Symptoms34, d.h. zwischen dem Verdrängten (dem Symbolischen als dem Unbewussten) und der Wiederkehr des Verdrängten (Symptom). Ein weiteres Mal hatte er über das falsche Loch in der zweiten Sitzung gesprochen, auch hier wurde das falsche Loch durch das Symbolische und das Symptom gebildet. Anschließend hatte es geheißen, dass durch „deutende Manipulation“, d.h. durch eine Manipulation, die sich auf den Sinn bezieht, am Symptom etwas verändert werden kann.35 Ein letztes Mal ging es in der Sitzung vom 10. Februar 1976 um das falsche Loch: zwei Ringe, die ein falsches Loch bilden, können – wie Soury und Thomé gezeigt haben – in einen Torus eingeschrieben werden; eine unendliche Gerade kann aus dem falschen Loch ein wahres Loch machen.36

Statt vom „wahren Loch“ spricht Lacan auch vom „realen Loch“. [Da er das Loch dem Symbolischen zuordnet und der Ex-sistenz das Reale, ist vermutlich gemeint: Das reale Loch ist dasjenige Loch, das durch die Ex-sistenz der Ringe gebildet wird, durch ihre äußerliche Verschlingung. Dann wäre vielleicht das Loch in einem einzelnen Ring das symbolische Loch, das falsche Loch zweier Ringe das imaginäre Loch und das durch die borromäische Verschlingung dreier Ringe geschaffene Loch das reale Loch.]

Zur Frage der Verwandlung eines falschen Lochs in ein wahres oder reales Loch verweist Lacan auf seinen Aufsatz Die Bedeutung des Phallus. Bereits in den ersten Zeilen wird dort der Knoten erwähnt, obwohl er sich damals noch keineswegs für den borromäischen Knoten interessiert hatte.37 Der Phallus [also der unbewusste Kastrationskomplex] hat die Funktion, das falsche Loch in ein wahres oder reales Loch zu verwandeln [also eine borromäische Verschlingung zwischen dem Realen, dem Imaginären und dem Symbolischen herbeizuführen]. [Bezieht man das auf die Darstellung der borromäischen Verschlingung durch zwei unendliche Geraden und einen orientierten Kreis, entspricht der Phallus dem orientierten Kreis.]

Insofern das Sinthom mit dem Symbolischen ein falsches Loch bildet, gibt es eine Praxis, die vom Sagen ausgeht, eine Sagekunst. [Wie in den früheren Sitzungen bezieht Lacan den Begriff des falschen Lochs auch hier auf das Verhältnis zwischen dem dem Symptom und dem Symbolischen. Gemeint ist vermutlich das Verhältnis zwischen dem Symptom als der Wiederkehr des Verdrängten und dem Unbewussten als dem verdrängten Wissen des Subjekts über das Symptom.] Auf dieses falsche Loch bezieht sich eine Sagekunst (art-dire), die zur „Glut“ hinübergleitet (ardeur). [Mit dieser Sagekunst ist, so nehme ich an, das deutende Sprechen des Psychoanalytikers in der Kur gemeint. Die Psychoanalyse ist eine Kunst des Sprechens, die darauf abzielt, zwischen dem Unbewussten (dem Symbolischen) und dem Symptom eine Verbindung herzustellen: mithilfe des Phallus, durch Bezug auf den unbewussten Kastrationskomplex. Die Signifikanten des Symbolischen – das Unbewusste  – fungieren hierbei als Signifikat: als Sinn der Symptome. Die Sagekunst gleitet zur Glut hinüber: sie bezieht sich auf das Begehren.]

Joyce wusste nicht, dass er das Sinthom bildete, d.h. dass er es simulierte; das war für ihn unbewusst, und deshalb ist er ein reiner Feuerwerker (artificier), ein Mann des Savoir-faire, d.h. jemand, den man einen Künstler (artiste) nennt. [Mit dem französischen Wort „artificier“ (Feuerwerker) verweist Lacan auf den englischen Ausdruck „artificer“ (Schöpfer, Artifex) im letzten Satz von Ein Porträt des Künstlers als junger Mann: „Old father, old artificer, stand me now and ever in good stead.“ In der Sitzung vom 13. Januar 1976 hatte er diesen Satz zitiert.]

[In der ersten Sitzung des Sinthom-Seminars hatte Lacan gesagt: Da Joyce einen etwas laschen Schwanz hatte, leistete seine Kunst Ersatz für sein phallisches Gehabe.38 In derselben Sitzung fragt er, inwiefern der Kunstgriff auf das abzielen kann, was sich zunächst als Symptom darstellt, und wie die Kunst, das Handwerk, das vereiteln kann, was sich vom Symptom her aufdrängt, nämlich die Wahrheit.39 Demnach besteht das Simulieren eines Sinthoms bei Joyce darin, dass er durch die Identifizierung mit dem Schöpfer (dem Artifex) einen Ersatz für den Phallus bildet, für den Kastrationskomplex, und dass er durch sein Wissen, durch das künstlerische Savoir-faire, den Zugang zur Wahrheit des Symptoms versperren, zum Sinn des Symptoms.]

Das einzige Reale, durch das etwas verifiziert wird, ist der Phallus, insofern der Phallus der Träger einer bestimmten Signifikantenfunktion ist, nämlich dass der Signifikant jedes Signifikat erschafft.

[In welchem Sinne ist der Phallus, der doch ein Signifikant ist, etwas Reales? Insofern, als er das falsche Loch in ein reales Loch verwandelt, in ein wahres Loch. Er ermöglicht das Reale des Knotens, das Zusammenhalten der einander äußerlichen Ringe, ihre Ex-sistenz.]

[Der Phallus ist das, was die Geschlechter auf borromäische Weise miteinander verschlingt.]

[Der Phallus hat die Funktion, zu bezeichnen, dass der Signifikant die Gesamtheit der Signifikatswirkungen erschafft. Dies ist die These aus Die Bedeutung des Phallus, wo es heißt: Der Phallus „ist derjenige Signifikant, der bestimmt ist, die Signifikatswirkungen in ihrer Gesamtheit zu bezeichnen, soweit der Signifikant diese konditioniert durch seine Gegenwart als Signifikant.“40 In Die Bedeutung des Phallus wird dies damit erläutert, dass der Phallus sich auf das Urverdrängte bezieht, also auf das, was die Verdrängung hervorruft, aber auch in einer Psychoanalyse nicht in Erinnerung gerufen werden kann. Signifikate sind verdrängte Signifikanten. Als urverdrängter Signifikant erzeugt der Phallus die Verdrängung und damit den Signifikatseffekt.]

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ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Fol­gen­den wer­den alle Stel­len auf­ge­führt, an de­nen La­can die Aus­drü­cke „Sym­ptom“ oder „Sin­thom“ ver­wen­det. Die Zah­len in run­den Klam­mern sind Sei­ten­zah­len, sie ver­wei­sen auf die Über­set­zung von Max Kleiner.

Verwendung von „Symptom“ und „Sinthom“

In dieser Sitzung verwendet Lacan dreimal den Ausdruck „sinthome“, nie den Ausdruck „symptôme“.

Joyce: das Sinthom statt des Realen

„Ist es aber denn sicher, dass es immer das Reale ist, das beteiligt ist? Ich habe behauptet, im Falle von Joyce sind es eher die Idee und das Sinthom, wie ich es nenne.“ (118)

Bei Joyce ist nicht das Reale beteiligt, sondern die Idee (das Imaginäre) und das Sinthom. Hier bezieht sich der Ausdruck „Sinthom“ speziell auf Joyce.

Das Sinthom bildet ein falsches Loch mit dem Symbolischen

„Insofern das Sinthom ein falsches Loch mit dem Symbolischen bildet, gibt es überhaupt eine Praxis, das heißt etwas, das vom Sagen ausgeht, davon, was ich hier ebenso gut die Sagekunst (l’art-dire) nennen werde, oder gar um zur Glut (l’ardeur) zu gleiten.“ (119)

Hier wird dar Terminus „Sinthom“ allgemein verwendet, ohne Bezug auf Joyce.

In der Sitzung vom 18. November 1975 hatte es geheißen, das falsche Loch wird durch das „Symptom“ und das Symbolische gebildet (Kleiner-Übersetzung, S. 15 f.), in der Sitzung vom 9. Dezember sprach Lacan ebenfalls vom falschen Loch zwischen dem „Symptom“ und dem Symbolischen. Es ist nicht zu erkennen, warum Lacan jetzt vom falschen Loch zwischen dem „Sinthom“ und dem Symbol spricht. Das spricht dafür, dass er die Ausdrücke synonym verwendet.

Joyce simulierte das Sinthom

Anschließend heißt es:

„Joyce, um zum Ende zu kommen, wusste nicht, dass er das Sinthom bildete, ich will sagen, dass er es simulierte.“ (119)

Hier geht es wieder darum, dass Joyce das Sinthom bildete.

Joyce simulierte das Sinthom – was ist damit gemeint?

OFFENE FRAGEN

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner. Sie sind oben in der Über­set­zung nach je­dem Satz angegeben.

Hauptfragen

Wenn die drei Ringe nur gefärbt, nicht aber orientiert sind, kann man die beiden Darstellungen durch eine bestimmte  Manipulation ineinander überführen (116). Ich habe diese Manipulation nicht nachvollziehen können. Wie läuft sie ab?

Die dargestellten borromäischen Verschlingungen aus zwei gefärbten Ringen und einem orientierten Ring sind zwei unterschiedliche Arten der Verschlingung (118). Woran sieht man, dass es sich bei den Bildern 1 und 3 um zwei unterschiedliche Arten der Verschlingung handelt? Dazu müsste gezeigt werden, dass man den Verlauf „Blau unter Rot über Grün“ bei konstanter Orientierung des Kreises nicht durch Manipulation in „Blau über Rot unter Grün“ verwandeln kann. Wie kann man zeigen, dass eine solche Manipulation nicht möglich ist?

Weitere Fragen

Eine bestimmte Schauspielerin, die eine Hysterikerin spielt, ist nicht die beste Hysterikerin, eine andere, die keine Hysterikerin spielt, ist die bessere Hysterikerin, zeigt aber nicht ihre Hysterikertugenden (113). Was sind Hysterikertugenden? Was sind Hysterikertugenden? Meint Lacan hier das Wissenwollen? Was hat es mit der Verschiebung auf sich, dass die die schlechtere Hysterikerin eine Hysterikerin spielt, und zwar nicht schlecht, und dass bessere Hysterikerin eine Person darstellt, die keine Hysterikerin ist? Was meint „Realität der Wiederholungen“ und inwiefern beherrscht sie die Schauspieler?

Wenn man die „Kugel“ umklappt, erhält man eine entgegengesetzte Anordnung (116). Lacan spricht hier vom Umklappen der „Kugel“ und meint damit einen Ring – warum sagt er „Kugel“? Bezieht er sich an dieser Stelle nicht auf borromäische Ringe mit unendlichen Geraden, sondern auf die Darstellung der borromäischen Verschlingung als Armillarsphäre?

Was hält uns in der Unmittelbarkeit fest (116). Was meint hier „Unmittelbarkeit“?

Das von der Evidenz ausgehende Blabla realisiert eine Entleerung, unter der Bedingung, sie „auf bedeutsame Weise“ (significativement) zu realisieren (116). Was ist hier mit „bedeutsam“ gemeint? Der Bezug auf Signifikanten oder auf Signifikate?

Die Topologie ist auf die Verschlingung zu gründen (116). Was ist damit gemeint, dass die Topologie auf die Verschlingung zu gründen ist?

Soury und Thomé haben alle Kombinationsmöglichkeiten von drei Färbungen und drei Oientierungen durchgespielt (117). Welche Möglichkeiten sind das? Jeder der drei Ringe kann orientiert oder nicht orientiert sein, das ergibt 0 oder 1 oder 2 oder 3 orientierte Ringe. Wenn ein Ring orientiert ist, muss er nicht gefärbt sein, wenn zwei oder drei Ringe orientiert sind, kann ein Ring gefärbt oder nicht gefärbt sein. Wenn ein Ring orientiert ist, kann er rechts- oder linksdrehend sein. Wie viele Kombinationen gibt es?

Von wo aus sollte man einer unendlichen Geraden eine Orientierung geben? (117 f.) Warum können unendliche Geraden nicht orientiert sein?

Das weibliche Geschlecht wurde zur Prothese der Mehrdeutigkeit geführt, zur Lalangue (119). Inwiefern ist die Mehrdeutigkeit eine Prothese, inwiefern wird durch die Mehrdeutigkeit etwas an die Stelle von etwas anderem gesetzt?

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LITERATURVERZEICHNIS

La­can, Sinthom-Seminar

Ver­sion NN
La­can: Le sin­thome. Wort-für-Wort-Transkription ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schine, durch Fo­to­ko­pien ver­brei­tet. Auf diese Ver­sion be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, linke Spalte.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 197576. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Diese Tran­skrip­tion wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wurde die Va­ri­ante vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 197677/Kleiner
Le sin­thom. 1975  1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Der Text ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Erste Spalte: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­sion NN/Kleiner), zweite Spalte: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, dritte Spalte: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim Lacan-Archiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Datei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sinthom-Kommentars ist eine über­ar­bei­tete Fas­sung von Ver­sion NN/Kleiner; mit „Kleiner-Übersetzung“ ist diese Ver­sion gemeint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 19751976. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Lacan, weitere Texte

La signification du phallus. In: Ders.: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 685-695.– Die Be­deu­tung des Phal­lus. Übersetzt von Chan­tal Creu­sot, Nor­bert Haas und Sa­muel M. We­ber. In: Ders.: Schrif­ten II. Walter Verlag, Olten und Freiburg i.Br. 1975, S. 119132

Lituraterre. In: Lit­té­ra­ture, Nr. 3, Ok­to­ber 1971, S. 310.– In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2005, S. 1120.– Eine deutsche Übersetzung der ersten Version dieses Textes findet man in diesem Blog hier.

Seminare

Seminar 1 = Le séminaire, Livre I. Les écrits techniques de Freud. 19531954. Textherstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 1975.– Das Seminar, Buch I (1953/54). Freuds technische Schriften. Übersetzt von Werner Hamacher. Walter, Olten u.a. 1978

Se­mi­nar 9 = L’identification. 196162. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage der Ver­sio­nen JL, rue CB und Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 11 = Le sé­mi­n­aire, livre XI. Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse. 1964. Tex­ther­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1973.– Das Se­mi­nar, Buch XI (1964). Die vier Grund­be­griffe der Psy­cho­ana­lyse. Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jacques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1978

Seminar 12 = Problèmes cruciaux pour la psychanalyse. 196465. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage der Ver­sio­nen ELP, Le­cat und Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 17 = Le sé­mi­nare, livre XVII. L’envers de la psy­chana­lyse. 19691970. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1991

Se­mi­nar 18 = Le sé­mi­n­aire, livre XVIII. D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant. 1971. Tex­ther­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2007

Se­mi­nar 19 = Le sé­mi­nare, livre XIX. … ou pire. 19711972. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2011

Se­mi­nar 20 = Le séminaire, livre XX. Encore. 19721973. Texterstellung durch Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 1975.En­core. Über­setzt von Nor­bert Haas, Vreni Haas und Hans-Joachim Metz­ger, nach ei­ner von Jacques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1986

Se­mi­nar 21 = Les non-dupes er­rent. 197374. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage ei­ner Ton­auf­nahme so­wie der Tran­skrip­tio­nen auf den Web­sites Lu­te­cium und Gao­goa. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 22 = RSI. 197475. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grundlage der Tonaufnahme auf der Website von Patrick Valas und den Transkriptionen von Chollet und Gaonach. Ohne Ort, ohne Jahr.– Se­mi­nar XXII. RSI. 197475. Über­setzt von Max Klei­ner auf der Grund­lage ei­ner von Jacques-Alain Mil­ler er­stell­ten vor­läu­fi­gen Ver­sion. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv Bre­genz 2012

Andere Autoren

Cixous, Hélène: La dé­route du su­jet, ou le voyage ima­gi­n­aire de Dora. In: Littérature, Nr. 3, Oktober 1971, S. 7985

—: Le rire de la Méduse. In: L’Arc, 26. Jg. (1975), S. 3954.– Das La­chen der Me­dusa (1975). Über­setzt von Clau­dia Simma. In: Es­ther Hut­fless, Ger­trude Postl, Eli­sa­beth Schä­fer (Hg.): Hé­lène Ci­xous: Das La­chen der Me­dusa, zu­sam­men mit ak­tu­el­len Bei­trä­gen. Pas­sa­gen, Wien 2013, S. S. 3961

—: Portrait de Dora. Des Femmes, Pa­ris 1976

Freud, Sigmund: Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 83186

Joyce, Ja­mes: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Viking Cri­ti­cal Li­brary, New York 1968. – Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­setzt von Klaus Rei­chert. In: J. Joyce: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251533

Livius, Titus: Ab urbe con­dita.– Römische Geschichte  Von der Gründung der Stadt an. Übersetzt von Otto Güthling. Hg. v. Lenelotte Möller. Marixverlag, Wiesbaden 2009

Miller, Jacques-Alain: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 19751976. Seuil, Paris 2005, S. 199247

Milner, Jean-Claude: Écoles de Cambridge et de Pennsylvanie: deux théories de la transformation. In: Ders.: Arguments linguistiques. Maison Mame, Paris 1973, S. 179217

Rivière, Joan: Womanliness as a masquerade. In: The International Journal of Psycho-Analysis, 10. Jg. (1929), S. 303313.– Weiblichkeit als Maske. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 15. Jg. (1929), S. 285296 (der Name des Übersetzers wird hier nicht angegeben).– Weiblichkeit als Maskerade. Übersetzt von Ursula Rieth. In: Liliane Weissberg (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, S. 3447

Rou­di­nesco, Eli­sa­beth: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schichte ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heuer und Witsch, Köln 1996

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Anmerkungen

  1. Vgl. Littérature Nr. 3, Oktober 1971; der Aufsatz von Cixous über Dora hat den Titel La déroute du sujet, ou le voyage imaginaire de Dora, S. 7985; Lacans Lituraterre steht in diesem Heft auf den Seiten 3 10. Eine deutsche Übersetzung der ersten Version von Lituraterre findet man in diesem Blog hier.
  2. Hélène Cixous: Portrait de Dora (Theaterstück). Des Femmes, Paris 1976. Eine englische Übersetzung von Anita Barrows (Titel: Portrait of Dora) gibt es in der Gambit International Theatre Review, 8 (30) 1977, S. 2767, im Internet hier.
    Die Uraufführung war am 26. Februar 1976 im Théâtre d’Orsay, also nach der vorangegangenen Sitzung von Lacans Seminar, knapp zwei Wochen vor der laufenden Seminarsitzung. Regie: Simone Benmussa; Produktion: Compagnie Barrault-Renaud. Mit Nathalie Nell als Dora, Michelle Marquais als Frau K. und Lucien Rosengart als Freud. In dieser Inszenierung wurden Filmszenen von Marguerite Duras gezeigt.
  3. S. Freud: Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905). Der wirkliche Name der Patientin ist Ida Bauer.
  4. Mit Salvador Dalí traf sich Lacan bei der USA-Reise Anfang Dezember 1975 in New York, bei dieser Gelegenheit sprach er mit ihm über die borromäischen Ringe; vgl. Elisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996, S. 557, sowie das Foto von Lacan und Dalí zwischen den Seiten 544 und 545.
  5. Lacan bezieht sich hier auf eine von Titus Livius erzählte Episode des Dritten Römisch-Makedonischen Krieges (171168 v. Chr.). Nach einem Sieg Roms ging im Jahre 169 v. Chr. der römische Politiker Gaius Popilius (oder Popillius) Laenas nach Alexandria, um den Seleukidenkönig Antiochus IV. ein Ultimatum zu überreichen, das den sofortigen Abzug aus Ägypten verlangte. Als Antiochus sagte, er wolle sich zunächst mit seinen Freunden beraten, zeichnete Popilius mit einem Stock um Antiochus einen Kreis in den Sand und forderte ihn auf, den Kreis erst dann zu verlassen, wenn er ihm eine Antwort gegeben hatte, die er dem Senat berichten könne. Über diese entschiedene Aufforderung erstaunt, zögerte Antiochus zunächst und sagte schließlich, er wolle tun, was der Senat von ihm verlange. (Ab urbe condita (Römische Geschichte), Buch 45, Kapitel 12) – Mehr hierzu findet man in: Jacques-Alain Miller: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII, 19751976. Le sinthome. Seuil, Paris 2005, § 12, „Le cercle de Popilius“, S. 220224.
  6. Gérard Desargues (15911661), einer der Begründer der projektiven Geometrie.
  7. Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 10. Dezember 1974.
  8. Wortspiele mit deux/d’eux findet man mehrfach in Seminar 20 (in den Sitzungen vom 21. November 1972, vom 13. März 1973 und vom 15. Mai 1973).
  9. J. Lacan: Die Bedeutung des Phallus. In: Ders.: Schriften II. Walter Verlag, Olten und Freiburg i.Br. 1975, S. 119-132. Vortrag von 1958, der 1966 veröffentlicht wurde.
  10. Der Aufsatz beginnt mit dem Satz „Der unbewusste Kastrationskomplex hat bekanntlich die Funktion eines Knotens (…).“ (Schriften II, S. 121, Übersetzung geändert)
  11. Das Gleiten beruht auf der Lautähnlichkeit von „l’art-dire“ (die Sagekunst) und „l’ardeur“ (die Glut).
  12. Der französische Ausdruck „artificier“ (Feuerwerker) spielt an auf den englischen Terminus „artificer“ (Schöpfer, Artifex) im letzten Satz von Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann: „Old father, old artificer, stand me now and ever in good stead.“ (James Joyce: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Viking Cri­ti­cal Li­brary, New York 1968, S. 253. Reichert übersetzt: „Urvater, uralter Artifex, steh hinter mir, jetzt und immerdar.“ (Ein Porträt des Künstlers als jun­ger Mann. In: Ders.: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­tra­gen von Klaus Rei­chert. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251533, hier: S. 533) Lacan hatte diesen Satz im Sinthom-Seminar in der Sitzung vom 13. Januar 1976 zitiert; Kleiner-Übersetzung S. 58.
  13. Auf den Kleeblattknoten hatte Lacan sich im Sinthom-Seminar zuerst in der Sitzung vom 9. Dezember 1975 bezogen; Kleiner-Übersetzung S. 33.
  14. Auf die unendliche Gerade als Bestandteil einer borromäischen Verschlingung hatte Lacan bereits in der ersten Sitzung des Sinthom-Seminars verwiesen, dort in Verbindung mit zwei Ringen (Sitzung vom 18. November 1975; Kleiner-Übersetzung S. 16); die Kombination von zwei unendlichen Geraden und einem Ring findet man in Seminar 23 erstmals in der zweiten Sitzung (Sitzung vom 9. Dezember 1975; Kleiner-Übersetzung S. 23).
  15. Die Darstellung der borromäischen Verschlingung aus drei Ringen in der Art einer Armillarsphäre erscheint im Sinthom-Seminar zuerst in der Sitzung vom 9. Dezember 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 25 f.
  16. Vgl. etwa Seminar 1, Sitzung vom 24. Februar 1954, Version Miller/Hamacher, S. 113.
  17. Vgl. Seminar 21, Sitzung vom 14. Mai 1974.
  18. Seminar 21, Sitzung vom 8. Januar 1974.
  19. Seminar 22, Sitzung vom 18. März 1975.
  20. Seminar 23, Sitzung vom 9. Dezember 1975; Kleiner-Übersetzung S. 22.
  21. Vgl. in Seminar 22 die Sitzungen vom 11. März, 18. März und 13. Mai 1975.
  22. Seminar 23, Sitzung vom 18. November 1975; Kleiner-Übersetzung S. 10.
  23. Seminar 20, Sitzung vom 20. März 1973; Version Miller/Haas u.a. S. 97.
  24. Vgl. Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, darin S. 130132.
  25. Joan Rivière: Womanliness as a masquerade. In: The International Journal of Psycho-Analysis, 10. Jg. (1929), S. 303313. Es gibt zwei deutsche Übersetzungen: Weiblichkeit als Maske. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 15. Jg. (1929), S. 285296 (der Name des Übersetzers wird hier nicht genannt); Weiblichkeit als Maskerade. Übersetzt von Ursula Rieth. In: Liliane Weissberg (Hg.): Weiblichkeit als Maskerade. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, S. 3447.
  26. Vgl. Die Bedeutung des Phallus, in: Schriften II, S. 132.
  27. Kleiner-Übersetzung S. 115.
  28. Die These „Das Reale ist das Unmögliche“ wird von Lacan zuerst vorgebracht in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung (Sitzungen vom 14. März und vom 21. März 1962). In jedem der folgenden Seminare kommt er darauf zurück, bis einschließlich Seminar 24. Die genaue Formulierung „le réel c’est l’impossible“ findet man erstmals in Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse (Sitzung vom 16. Juni 1965).
  29. Vgl. Sitzung vom 10. Februar 1976; Kleiner-Übersetzung S. 91.
  30. Vgl. Sitzung vom 10. Februar; Kleiner-Übersetzung S. 9193.
  31. Vgl. Seminar 20, Sitzung vom 10. April 1973. Milners Vortrag findet man in der Staferla-Version von Seminar 20. In Millers Version des Seminars und in der deutschen Übersetzung ist der Vortrag nicht enthalten; Miller verweist hier auf Jean-Claude Milner: Arguments linguistiques. Maison Mame, Paris 1973, S. 179217,“Écoles de Cambridge et de Pennsylvanie: deux théories de la transformation“.
  32. Hélène Cixous: Le rire de la Méduse. In: L’Arc, 26. Jg. (1975), S. 3954.– Das Lachen der Medusa. Übersetzt von Claudia Simma. In: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hg.): Hélène Cixous: Das Lachen der Medusa, zusammen mit aktuellen Beiträgen. Passagen, Wien 2013, S. S. 3961, hier: S. 45 f.
  33. A.a.O., S. 51.
  34. Seminar 23, Sitzung vom 18. November 1975; Kleiner-Übersetzung S. 15 f.
  35. Vgl. Seminar 23, Sitzung vom 9. Dezember 1975; Kleiner-Übersetzung, S. 30.
  36. Vgl. Seminar 23, Sitzung vom 10. Februar 1976; Kleiner-Übersetzung, S. 90 f.
  37. Der Aufsatz beginnt mit diesem Satz: „Der unbewusste Kastrationskomplex hat bekanntlich die Funktion eines Knotens (…).“ (Schriften II, S. 121, Übersetzung geändert.
  38. Vgl. Seminar 23, Sitzung vom 18. November 1975; Kleiner-Übersetzung S. 7.
  39. Sitzung vom 18. November 1975; Kleiner-Übersetzung S. 14.
  40. Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, S. 126.

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