3. bis 6. Dezember in München

Notizen zur Tagung „Sprachen der Psychoanalyse“

Molière - L'Étourdi - Inszenierung Cie Catherine Delattre 2014 (zum Bericht übe die Tagung "Sprachen der Psychoanalyse", zu Lacan)Mo­liè­re, L’Étourdi ou Les Con­tre­temps (Der Toll­patsch oder Die Rück­schlä­ge), 1655
In­sze­nie­rung der Com­pa­gnie Ca­the­ri­ne De­latt­re, 1.–5. Ok­to­ber 2014 in Straß­burg
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Vom 3. bis zum 6. De­zem­ber 2014 fand in Mün­chen der Kon­gress „Lan­ga­ges de la Psy­chana­ly­se – Lan­guages of Psy­cho­ana­ly­sis“ statt. Wäh­rend der Ta­gung habe ich auf die Face­book-Sei­te „La­can ent­zif­fern“ täg­lich No­ti­zen ge­stellt; ich ver­öf­fent­li­che sie hier ein wei­te­res Mal, in über­ar­bei­te­ter Form. Es han­delt sich um Im­pres­sio­nen mit Blick auf Jac­ques La­can, nicht um ei­nen Kon­gress­be­richt.

Die Ta­gung war für mich so an­re­gend, wie ich es mir ge­wünscht habe. An Su­san­ne Lü­de­mann, Mar­cus Coe­len und Mai We­ge­ner, die den Kon­gress or­ga­ni­siert ha­ben: Vie­len Dank!

3. De­zem­ber 2014

Am ers­ten Tag geht es um L’étourdit, La­cans schwie­rigs­ten Auf­satz.

Bar­ba­ra Cas­sin er­klärt: Dies ist ein anti-aris­to­te­li­scher Text; sein Prin­zip ist nicht das Ver­bot des Wi­der­spruchs, son­dern der Satz „Es gibt kein Ge­schlechts­ver­hält­nis“.
Pa­trick Guyo­mard er­läu­tert den Sinn ei­ni­ger Text­stel­len.
Mo­ni­que Da­vid-Mé­nard macht dar­auf auf­merk­sam, dass Cas­sin und Guyo­mard den Auf­satz ge­gen­sätz­lich deu­ten, Cas­sin als „ab-sens“, als Ab­we­sen­heit von Sinn, Guyo­mard als „sens“, als Sinn.

Das ist gut be­ob­ach­tet und schnell re­agiert, aber kein Ein­wand und wohl auch nicht so ge­meint. Denn die Wahr­heit lässt sich nur halb­sa­gen. Und eben dar­um geht es in L’étourdit. Der ein­zig an­ge­mes­se­ne Zu­gang ist also der von Cas­sin UND Guyo­mard. (Wie hät­ten Sie L’étourdit  denn gern, als sens oder als ab-sens? Ja bit­te.)

Cas­sin irrt sich, wenn sie meint, L’étourdit be­ru­he auf ei­nem Prin­zip. Die Struk­tur des Tex­tes ist nicht nur nicht aris­to­te­lisch, sie ist auch nicht eu­kli­disch. Und dies nicht nur fak­tisch, son­dern auch pro­gram­ma­tisch. Aus­drück­lich be­zieht La­can sich in L’étourdit auf Gö­dels Satz der Un­voll­stän­dig­keit so­wie auf das aus­sa­gen­lo­gi­sche Kon­zept der Un­ent­scheid­bar­keit (Au­tres écrits, S. 452). Was heißt Un­voll­stän­dig­keit an­de­res als: Es gibt kein Axi­om, kein Prin­zip?

4. De­zem­ber 2014

An­tô­nio Tei­xei­ra spricht über Text und Kon­text, wie er es nennt, über die Psy­cho­ana­ly­se und ihre Um­welt. Er ar­gu­men­tiert so: Da die Psy­cho­ana­ly­se, an­ders als eine nor­ma­le Psy­cho­the­ra­pie, den Pa­ti­en­ten nicht auf ein Ziel aus­zu­rich­ten sucht, das der so­zia­le Kon­text vor­gibt, muss sie ver­su­chen, den Kon­text zu ver­än­dern, durch den sie be­stimmt wird. Um das zu er­rei­chen, nimmt der Freud­sche Text die Form ei­nes „Werks“ an. La­cans Rück­kehr zu Freud ist die Rück­kehr zu dem, was Freuds Text zu ei­nem Werk macht. Hier­bei ent­steht ein Rück­kop­pe­lungs­ef­fekt: La­cans Text wird sel­ber zu ei­nem Werk.

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Mo­ni­que Da­vid-Mé­nard trägt die fol­gen­de The­se vor: Wenn sich die Wie­der­ho­lung er­eig­net, be­steht kei­nes­wegs (wie ei­ni­ge Teil­neh­mer mei­nen) die Ge­fahr, dass die Ana­ly­ti­ke­rin den Dis­kurs be­herr­schen könn­te. War­um nicht? Weil sie von der Wie­der­ho­lung er­fasst wird. Die Wie­der­ho­lung ist zu­gleich in­ner­halb und au­ßer­halb der Spra­che. Die Wie­der­ho­lung geht mit Wi­der­stand ein­her, und der Wi­der­stand ist, wie La­can sagt, im­mer der des Ana­ly­ti­kers.

Ich über­set­ze mir das so: Hin­ter der Ethik des nicht-di­rek­ti­ven Vor­ge­hens kann sich die Sou­ve­rä­ni­täts­il­lu­si­on ver­ste­cken.

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Lau­rie Lau­fer spricht über eine Form der Pri­va­ti­on, die mir un­be­kannt war: nul­li­pa­re, auf deutsch: „Nul­li­pa­ra“. Ärz­te nen­nen so ein weib­li­ches Säu­ge­tier, das kein Kind ge­bo­ren hat, eine „Nicht­ge­bä­ren­de“.

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Eine Streit­fra­ge un­ter den hier ver­sam­mel­ten La­ca­nia­nern ist die To­po­lo­gie. Ges­tern mein­te eine Ana­ly­ti­ke­rin: „Mit der Kno­ten­theo­rie kann ich in der Pra­xis nichts an­fan­gen.“ Mei­ne Toch­ter sag­te im­mer dann, wenn sie im Ma­the­ma­tik­un­ter­richt nichts ver­stan­den hat­te: „Da­mit kann ich spä­ter ja doch nichts an­fan­gen.“ Die­sel­be Teil­neh­me­rin sagt heu­te: „Ein Rand, ich weiß nicht, was das ist.“ Will sie es wis­sen?

Eine an­de­re Teil­neh­me­rin macht eine spöt­ti­sche Be­mer­kung über Leu­te, „de­nen es Lust macht, Kno­ten zu bin­den“. La­can be­tont, dass das Bin­den von Kno­ten mit Un­lust ver­bun­den ist, weil man sich un­ver­meid­lich ver­hed­dert. Das ist ein we­sent­li­ches Ele­ment sei­ner Kno­ten­theo­rie, ei­ner der Grün­de da­für, war­um der bor­ro­mäi­sche Kno­ten, wie er in Se­mi­nar 22 sagt, kein Mo­dell ist.

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Ein wei­te­rer Dis­sens be­zieht sich auf Alain Ba­diou. Ein bra­si­lia­ni­scher Ana­ly­ti­ker hält ei­nen Vor­trag, in dem er sich auf Ba­diou stützt; ein deut­scher Ana­ly­ti­ker be­zwei­felt die An­wend­bar­keit be­stimm­ter Be­grif­fe von Ba­diou auf die Psy­cho­ana­ly­se. Lei­der ist mir das Fran­zö­sisch des Bra­si­lia­ners kaum zu­gäng­lich; of­fen­bar be­zieht er sich vor al­lem auf Ba­dious Das Jahr­hun­dert.

Ich grüb­le, ob die­ser Satz brauch­bar ist: „Auf den Ge­gen­stand A lässt sich Be­griff B nicht an­wen­den.“ Gibt es bei der Kon­struk­ti­on von Theo­ri­en Gren­zen der An­wend­bar­keit Be­grif­fen? Müss­te man nicht eher sa­gen „Bei der An­wen­dung vom Be­griff B auf den Ge­gen­stand A ist es X nicht ge­lun­gen, von Be­griff B ei­nen pro­duk­ti­ven Ge­brauch zu ma­chen“ – ?

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Den Vor­trag von Su­san­ne Lü­de­mann, The Lan­guage of Ar­chi­tec­tu­re and the Ar­chi­tec­tu­re of Lan­guage, hat­te ich, in ei­ner frü­he­ren Fas­sung, be­reits auf Deutsch ge­hört und in die­sem Ar­ti­kel dar­über be­rich­tet.

5. De­zem­ber 2014

Nor­bert Haas, der La­can-Über­set­zer, hält ei­nen Vor­trag über das Le­sen und das Über­set­zen von La­can. Sei­ne The­se lau­tet: Es gibt nur ei­nen, der liest, und nur ei­nen, der über­setzt.

Ich ver­ste­he ihn nicht. Wenn ich mit ei­ner Über­set­zung nicht wei­ter­kom­me, fra­ge ich ei­nen an­de­ren, der sich bes­ser aus­kennt, und über­neh­me häu­fig sei­nen Vor­schlag. Wie­so über­setzt dann nur ei­ner?

In der Pau­se sagt mir eine Teil­neh­me­rin, Haas mei­ne die Ent­schei­dung, die Po­si­ti­on, die Ver­ant­wor­tung. Letzt­lich sei die Über­set­zung sei­ne Ent­schei­dung. Si­cher­lich hole man sich bei Über­set­zungs­pro­ble­men Rat, aber das sei nur der tech­ni­sche As­pekt. Au­ßer­halb habe Haas sich im­mer für Par­al­lel­über­set­zun­gen aus­ge­spro­chen. Ich fra­ge nach: Ver­ant­wor­tung im recht­li­chen Sin­ne? En­er­gisch weist sie das von sich. (War­um die­se En­er­gie? Geht es bei Über­set­zun­gen nicht auch um Rechts­fra­gen? Ver­weist der Be­griff der Ver­ant­wor­tung nicht auf die Rechts­fik­ti­on von der Macht und der Schuld des spre­chen­den Sub­jekts?)

Sie macht mich dar­auf auf­merk­sam, dass ich die The­se von Haas falsch auf­ge­nom­men habe. Sie lau­te­te „Es gibt im­mer nur ei­nen, der liest“ und „Es gibt im­mer nur ei­nen, der über­setzt“, das sei ein deut­li­cher Un­ter­schied; ohne „im­mer“ sei die The­se Blöd­sinn. Sie hat recht, das „im­mer“ hat­te ich für ir­rele­vant ge­hal­ten; auf dem Zeit-Ohr war ich taub und bin’s wohl im­mer noch. War­um ver­wan­delt sich der Satz durch Hin­zu­fü­gung von „im­mer“ aus Blöd­sinn in Nicht-Blöd­sinn? Ich ver­ste­he auch sie nicht.

Als ich wie­der im Ho­tel bin, däm­mert mir, dass Haas die Über­set­zung nach dem Mo­dell von La­cans Her­ren­dis­kurs be­greift:
– S1:  „Es gibt nur ei­nen“ meint den Her­ren­si­gni­fi­kan­ten.
– S2: Der­je­ni­ge, bei dem man sich Über­set­zungs­ratschlä­ge holt, nimmt den Platz des Wis­sens ein oder den der Tech­nik. Zum Sa­voir ge­hört auch das Sa­voir-fai­re.
– Die Par­al­lel­über­set­zun­gen ent­spre­chen dem Schwarm (es­saim) der Her­ren­si­gni­fi­kan­ten (S-un) aus dem En­core-Se­mi­nar.

Was hat es mit dem „im­mer“ auf sich? Ist ge­meint: „Es gibt je­weils nur ei­nen Über­set­zer“? Spielt das „im­mer“ auf die Wie­der­ho­lung an?

Be­zieht sich die The­se (auch) auf die ge­plan­te Neu­über­set­zung der Schrif­ten durch Hans-Die­ter Gon­dek bei Tu­ria und Kant? Meint „Es gibt im­mer nur ei­nen, der über­setzt“: Die Neu­über­set­zung ist eine Sa­che von Herrn Gon­dek, da­mit habe ich nichts zu tun, und das ist gut so (oder auch: und das ist nicht gut so)? Ge­gen sol­che an­ek­do­ten­haf­ten Auf­lö­sun­gen hat La­can mich miss­trau­isch ge­macht. Klar ist, dass die Neu­über­set­zung Rechts­fra­gen auf­wirft. Wel­che Rech­te hat Haas an der Über­set­zung und Her­aus­ga­be der Schrif­ten? War­um be­tont der Ver­lag, dass der Tex­te in­té­gral von 1999 über­setzt wird, was ja in­di­rekt heißt: und nicht die Écrits von 1966?

La­cans De­vi­se fällt mir ein: „Nie­mals zu schnell ver­ste­hen!“

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In ei­nem Ge­spräch am Ran­de bringt mich je­mand auf die Idee, was Haas ver­an­lasst ha­ben könn­te, „chaî­ne si­gni­fi­an­te“ mit „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ zu über­set­zen statt mit „Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“. Abends im Ho­tel schrei­be ich ei­nen  Nach­trag zu dem vier Jah­re al­ten Ar­ti­kel „Eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist kei­ne si­gni­fi­kan­te Ket­te“.

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Ber­nard Baas hält ei­nen Vor­trag über „Le tour de lalan­gue“. Lalan­gue, das sind die Lau­te der Mut­ter­spra­che, die nicht im Dis­kurs ar­ti­ku­liert wer­den. Sei­ne Fra­ge: Wel­che Fol­gen hat die Ein­füh­rung des Be­griffs lalan­gue in Se­mi­nar 20 für La­cans Wahr­heits­be­griff? Plötz­lich wird bei ei­nem Wort nach­ge­fragt: Was ha­ben Sie ge­sagt? Meist wird auf die­ser Ta­gung nur „Plus fort!“ ge­ru­fen oder „Plus len­te­ment!“, die Fra­ge nach ei­nem be­stimm­ten Aus­druck ist sel­ten. Der Red­ner wie­der­holt das Wort, schnell und un­deut­lich – wie vor­her. Im Saal ent­steht eine Be­we­gung, um den Laut in les lan­ga­ges zu in­te­grie­ren. Aus ei­ner Ecke höre ich „shameless“ flüs­tern, von an­de­ren Stim­men wird, deut­li­cher, „shameless“ wie­der­holt, dann sagt je­mand „scham­los“, und auch hier­auf gibt es ein mehr­stim­mi­ges Echo: „scham­los, scham­los, scham­los“.

Um es mit L’étourdit zu for­mu­lie­ren: Hin­ter dem, was ge­sagt wird – in dem, was ver­stan­den wird –, bleibt in die­sem Mo­ment nicht ver­ges­sen, dass ge­sagt wird.

Nach die­ser Skan­die­rung spricht Isa­bel­le Al­fan­da­ry über die Skan­die­rung.

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Ei­ner der Vor­tra­gen­den er­klärt, dem frü­hen La­can sei es um die Wahr­heit ge­gan­gen, beim spä­ten La­can ver­schwin­de die­se Fra­ge, an ihre Stel­le tre­te der Be­zug auf das Rea­le.

Das ist nicht halt­bar. Der spä­te La­can stellt die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem Wah­ren und dem Rea­len. Eine sei­ner For­meln da­für ist „Die Wahr­heit lässt sich nur halb­sa­gen“ (ab Se­mi­nar 17). In den vier Dis­kurs­ar­ten gibt es ei­nen Platz der Wahr­heit (eben­falls ab Se­mi­nar 17). In Se­mi­nar 20 spricht er über das Ge­nie­ßen als Gren­ze der Wahr­heit (20. März 1973). In Se­mi­nar 23 stellt er aus­drück­lich die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem Wah­rem und dem Rea­lem, in ge­nau die­sen Ter­mi­ni (10. Fe­bru­ar 1976).

Das Wah­re ist die Ent­hül­lung des ver­bor­ge­nen Sinns, der auf der Über­la­ge­rung des Sym­bo­li­schen und des Ima­gi­nä­ren be­ruht. Das Rea­le ist das, was sich im Spre­chen dem Sinn und da­mit dem Wah­ren ent­zieht. La­can denkt nicht mo­nis­tisch, so we­nig wie Freud; über den Dua­lis­mus des Wah­ren und des Rea­len hin­aus lässt er sich nicht re­du­zie­ren.

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Ka­zayu­ki Hara re­kon­stru­iert den Un­ter­schied zwi­schen La­cans Be­griff si­gni­fi­ant und La­cans Be­griff lett­re, zwi­schen Si­gni­fi­kant und Buchstabe/Brief .

Hara zu­fol­ge be­ruht die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kon­zep­ti­on der Spra­che auf der Sup­po­si­ti­on, auf der An­nah­me. Bei Freud ist dies die An­nah­me ei­nes trau­ma­ti­schen Er­eig­nis­ses, dann ei­nes un­be­wuss­ten Be­geh­rens. La­can hat die psy­cho­ana­ly­ti­sche An­nah­me ver­all­ge­mei­nert: dass der an­de­re be­gehrt, ist für ihn nie­mals ein Fak­tum, son­dern eine Sup­po­si­ti­on.

Zur Zeit des Poe-Auf­sat­zes (ge­schrie­ben 1956) be­zieht sich der Be­griff des Si­gni­fi­kan­ten auf fol­gen­de Sup­po­si­tio­nen: auf die An­nah­me, dass der an­de­re et­was sa­gen will, auf An­nah­men dar­über, was er sa­gen will, und auf die An­nah­me, dass er mög­li­cher­wei­se et­was an­de­res ge­sagt hat, als er sa­gen woll­te. Un­ter dem Buch­sta­ben ver­steht La­can zu die­sem Zeit­punkt, laut Hari, ein Ele­ment, der kein Si­gni­fi­kat hat, von dem aber den­noch an­ge­nom­men wird, dass es sich um ei­nen Si­gni­fi­kan­ten han­delt. Der Buch­sta­be ist also et­was, von dem an­ge­nom­men wird, dass es ver­stan­den wer­den kann, das sich aber al­len Ver­su­chen des Ver­ste­hens wi­der­setzt.

In La­cans Kon­zep­ti­on des Ödi­pus­kom­ple­xes von 1958 ent­hält der Name-des-Va­ters die Di­men­si­on des Buch­sta­ben. Dies zeigt sich für Hara dar­in, dass La­can vom Na­men-des-Va­ters als von ei­nem „Ti­tel“ spricht, des­sen sich das Sub­jekt in Zu­kunft wird zu be­die­nen wis­sen. Als Buch­sta­be ist der Name-des-Va­ters un­ab­hän­gig vom sub­jek­ti­ven Akt der Sup­po­si­ti­on, er ist nicht mehr nur ein Si­gni­fi­kant, den das Sub­jekt hört und ver­steht, son­dern et­was, was durch die Zeit hin­durch über­mit­telt wird.

Bei Joy­ce (so be­en­det Hara sei­nen Vor­trag) soll das Schrei­ben soll da­für sor­gen, dass der Name auf ewig über­lebt, es lie­fert ei­nen Er­satz für den Na­men-des-Va­ters (Se­mi­nar 23). Der Name ist hier nicht et­was, das sich durch ein­fa­che Über­mitt­lung er­hält, er wird da­durch er­zeugt, dass Joy­ce sich selbst zum Buch macht, wie La­can sagt. Den Ur­sprung die­ses Schrei­bens bil­den die so­ge­nann­ten Epi­pha­ni­en; sie sind in­so­fern Buch­sta­ben, als ihre Al­te­ri­tät nicht be­herrscht wer­den kann und Joy­ce sie nur auf­zeich­net.

Zu er­gän­zen wäre (den­ke ich), dass La­can den Buch­sta­ben in Se­mi­nar 9  als trait un­aire be­stimmt, als ein­zi­gen Zug / ein­zel­nen Zug / Ein­zel­strich, und dass er den Ei­gen­na­men, als Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zi­gen Zug, durch den Be­zug zum Buch­sta­ben de­fi­niert, näm­lich durch die Un­über­setz­bar­keit. Und dass er in Se­mi­nar 18 er­klärt: Die Schrift, der Buch­sta­be, das ist im Rea­len, und der Si­gni­fi­kant im Sym­bo­li­schen.1

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Edith Sei­fert spricht über die Ge­walt der Spur und wie sie ent­zif­fert wer­den kann.
Freuds Be­griff der „ar­chai­schen Erb­schaft“ (in Der Mann Mo­ses und die mo­no­the­is­ti­sche Re­li­gi­on) be­zieht sich, Sei­fert zu­fol­ge, auf eine psy­chi­sche Spur, die ei­nen Zu­gang zu den ge­walt­sa­men As­pek­ten der psy­chi­schen Ein­schrei­bung er­öff­net und da­mit ein an­de­res Ver­ständ­nis der Ver­gan­gen­heit er­mög­licht. Auf die­se Spur be­zieht sich Freud auch mit Be­grif­fen wie Ge­dächt­nis­spur, Ding, Ge­gen­stands­lo­sig­keit, Sinn­lo­sig­keit, trau­ma­ti­scher Mo­ment der Ein­schrei­bung.
Die Ge­walt der Spur hat zur Fol­ge, dass der Kör­per in­ner­halb des Sym­bo­li­schen in­sis­tiert, und das im­mer auf ge­fähr­li­che Wei­se.
Die Ent­zif­fe­rung der Ge­walt be­ruht auf dem Ver­fah­ren der Spu­ren­si­che­rung, wie es von Ca­ro­lo Ginz­burg be­schrie­ben wor­den ist, auf dem Zu­sam­men­stel­len schein­bar ne­ben­säch­li­cher Merk­ma­le.
Er­fah­run­gen der Ge­walt kön­nen, Sei­fert zu­fol­ge, nicht aus­ge­löscht oder ge­heilt wer­den; durch Spre­chen und durch Schrei­ben kön­nen sie so um­ge­wan­delt wer­den, dass das Sub­jekt da­mit zu­recht­kommt.

6. De­zem­ber 2014

Mar­cus Coe­len und Clai­re Nio­che spre­chen über trait und ra­tu­re bei La­can, über den Strich/den Zug und über die Strei­chung, die Durch­strei­chung. Der Strich wird von La­can in Se­mi­nar 9 über die Iden­ti­fi­zie­rung ein­ge­führt, aus­ge­hend von Freuds Rede von der Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem „ein­zi­gen Zug“. Dem trait war die bar­re vor­aus­ge­gan­gen, die Sper­re, die den Si­gni­fi­kan­ten vom Si­gni­fi­kat trennt, so­wie (in Se­mi­nar 5 und in „Sub­ver­si­on des Sub­jekts“) die In­si­gnie. Die Strei­chung ver­wen­det La­can zu­erst im Psy­cho­se-Auf­satz von 1958, näm­lich beim Sym­bol $ für die Durch­strei­chung des Si­gni­fi­kan­ten, dann ab Se­mi­nar 5 im Gra­fen des Be­geh­rens mit den Sym­bo­len $ und Ⱥ für die Durch­strei­chung des Sub­jekts und des An­de­ren.

Coe­len und Nio­che se­hen im Strich und in der Strei­chung „in­fra­struk­tu­rel­le“ Ter­mi­ni, die sich so­wohl auf das be­zie­hen, was ein­schreib­bar ist, wie auf das, was je­der Ein­schrei­bung ent­geht. Sie er­mög­li­chen es, Coe­len und Nio­che zu­fol­ge, sich von den her­kömm­li­chen epis­te­mo­lo­gi­schen, dia­lek­ti­schen oder on­to­lo­gi­schen Ka­te­go­ri­en zu lö­sen (zu­min­dest für ei­nen Au­gen­blick) und an die Dis­kus­si­on mit Der­ri­da an­zu­knüp­fen, vor al­lem an des­sen Auf­satz Le retrait de la mé­ta­pho­re, Der Rückzug der Me­ta­pher (1978).

Der Zug be­trifft die Spra­che der Psy­cho­ana­ly­se nach der Sei­te der For­ma­li­sie­rung hin; für die Ver­su­che ei­ner nicht-spe­ku­la­ren Dar­stel­lung des Un­be­wuss­ten ist er we­sent­lich, sa­gen die bei­den Vor­tra­gen­den. Da er we­der als Ge­stalt noch als Zeit noch als Raum exis­tiert, nö­tigt er zu ei­ner ra­di­ka­len Äs­the­tik. Die Strei­chung ist die Spur der Ne­ga­ti­on; sie ver­weist dar­auf, dass die Lo­gik der Psy­cho­ana­ly­se an­ders­ar­tig ist und sich auf das be­zieht, was un­ter dem Strich ist: als re­trait, als Rück-Zug, als Ent-Zug.

(Ich füge in Ge­dan­ken hin­zu: Für die Strei­chung hat La­can sich si­cher­lich von Hei­deg­ger in­spi­rie­ren las­sen, der ja in „Zur Seins­fra­ge“ (1956) das Wort „Sein“ an ei­ner Stel­le kreuz­wei­se durch­streicht; Hei­deg­gers Ar­ti­kel ist eine Er­ör­te­rung der Li­nie – des Strichs – , er wur­de zu­nächst un­ter dem Ti­tel Die Li­nie (1955) ver­öf­fent­licht.– Se­mi­nar 9 gibt’s nicht auf Deutsch; eine Pas­sa­ge dar­aus über die Strich­lis­te habe ich hier über­setzt.)

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We­ni­ge Mi­nu­ten vor Schluss wer­den zwei Fra­gen zu La­cans Ter­mi­no­lo­gie auf­ge­wor­fen. In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen zu­ein­an­der
– „Si­gni­fi­kant“ und „ein­zi­ger Zug“?
– „la lan­gue“ und „lalan­gue“? Folgt „la lan­gue“ auf „la lan­gue“ oder sind bei­de in­ein­an­der ver­wi­ckelt?
Je­mand ruft ei­nen Satz aus dem En­core-Se­mi­nar in Er­in­ne­rung:
„Le lan­ga­ge sans dou­te est fait de lalan­gue, c’est une élucu­bra­ti­on de sa­voir sur lalan­gue elle-même, mais l’inconscient est un sa­voir, un sa­voir-fai­re avec lalan­gue.“2
„Die Spra­che ohne Zwei­fel ist ge­macht aus lalan­gue. Das ist eine müh­se­li­ge Aus­ar­bei­tung von Wis­sen über lalan­gue. Aber das Un­be­wuß­te ist ein Wis­sen, ein sa­voir-fai­re mit lalan­gue.“3

Anmerkung

  1. Se­mi­nar 18, 12. Mai 1971, Ver­si­on Mil­ler, S. 122.
  2. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 20, 26. Juni 1973, Ver­si­on Sta­fer­la.
  3. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a. S. 151.

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