Lacans Aphorismen

Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion.“

Re­fle­xi­ons fai­tes
In­ter­views mit und über Clau­de Lévi-Strauss, 1988
Teil 1, mit eng­li­schen Un­ter­ti­teln
Sie­he auch Teil 2, Teil 3.

Ei­ner von La­cans Apho­ris­men lau­tet „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“. Aus­führ­li­che Er­läu­te­run­gen fin­det man in Se­mi­nar 4, Die Ob­jekt­be­zie­hun­gen, in Se­mi­nar 7, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, und in Se­mi­nar 11, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se. Im Fol­gen­den zi­tie­re und kom­men­tie­re ich drei Pas­sa­gen. Zu­nächst aber ein Über­blick über sämt­li­che Stel­len, an de­nen in den Écrits und den Au­tres écrits die Sen­tenz ar­ti­ku­liert wird.

Blütenlese

Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“ (1957)

Der Apho­ris­mus er­scheint zum ers­ten Mal im Poe-Auf­satz von 1957. Was ist es, das uns in Poes Er­zäh­lung vom ge­stoh­le­nen Brief fes­selt – etwa das be­ein­dru­cken­de Auf­tre­ten des Ama­teur­de­tek­tivs, Pro­to­typ ei­ner neu­en Ge­stalt des An­ge­bers?

Ein Ein­fall, der hin­reicht, uns, ganz im Ge­gen­teil, in die­ser Er­zäh­lung eine Wahr­schein­lich­keit (vrai­sem­blan­ce) fest­stel­len zu las­sen, die so voll­kom­men ist, dass man sa­gen kann, dass die Wahr­heit hier ent­hüllt, dass sie von der Ord­nung der Fik­ti­on ist (ré­vè­le son or­don­nan­ce de fic­tion).“1

Was uns an Poes Ge­schich­te fas­zi­niert, ist ihre vrai­sem­blan­ce, ihre Wahr­heits­ähn­lich­keit.

Die Wahr­heit ist von der Ord­nung der Fik­ti­on.

Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­ana­ly­se-Un­ter­richt (1957)

Hys­te­rie und Zwangs­neu­ro­se set­zen in ih­rer Struk­tur die­je­ni­gen Ka­te­go­ri­en vor­aus, ohne die das Sub­jekt nicht zum Be­griff sei­ner Fak­ti­zi­tät ge­lan­gen kann. Die Fra­ge des Hys­te­ri­kers be­zieht sich auf sein Ge­schlecht, die der Zwangs­neu­ro­ti­ke­rin auf ihre Exis­tenz, auf Le­ben und Tod. Die Neu­ro­sen sind Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen. Die Ant­wor­ten kon­kre­ti­sie­ren sich im Ver­hal­ten des Sub­jekts, das eine Art Pan­to­mi­me dar­stellt.

Und dar­um ist es ein Irr­tum, die­se Ant­wor­ten ein­fach für il­lu­so­risch zu hal­ten. Ima­gi­när sind sie doch nur in­so­fern, als die Wahr­heit hier ihre Fik­ti­ons­struk­tur er­schei­nen lässt.“2

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on.

 

Die Ju­gend von Gide oder Buch­sta­be und Be­geh­ren (1958)

Ein­zig von Be­lang: eine Wahr­heit, die da­von ab­hängt, dass in ih­rer Ent­hül­lung die Bot­schaft sich ver­dich­tet. Zwi­schen der Dich­tung und der Wahr­heit in ih­rer Nackt­heit gibt es so we­nig ei­nen Ge­gen­satz, dass das Fak­tum der poe­ti­schen Ope­ra­ti­on un­ser Au­gen­merk viel­mehr auf je­nes Merk­mal rich­ten muss, das man bei je­der Wahr­heit ver­gisst, näm­lich dass sie in ei­ner Fik­ti­ons­struk­tur er­wie­sen wird.“3

Die Wahr­heit er­weist sich in ei­ner Fik­ti­ons­struk­tur.

 

Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens  (Vor­trag von 1960, ver­öf­fent­licht 1966)

So be­zieht die Wahr­heit ihre Ga­ran­tie von an­ders­wo her als von der Rea­li­tät, mit der sie zu tun hat: näm­lich vom Spre­chen. Wie sie von ihm auch das Kenn­zei­chen emp­fängt, durch das sie auf eine Fik­ti­ons­struk­tur ge­grün­det wird.“4

Die Wahr­heit grün­det sich auf eine Fik­ti­ons­struk­tur.

 

Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Akt (1968/69)

Denn aus­ge­hend von der Struk­tur der Fik­ti­on, in der sich die Wahr­heit äu­ßert, wird sie ihr Sein selbst zum Stoff ma­chen für die Pro­duk­ti­on – ei­nes Ir­rea­len.“5

Die Wahr­heit äu­ßert sich in der Struk­tur der Fik­ti­on.

 

Litu­ra­terre (1971)

Die Wahr­heit ver­stärkt hier die Struk­tur der Fik­ti­on, die ich hier be­zeich­ne, und zwar da­durch, dass die­se Fik­ti­on den Ge­set­zen der Höf­lich­keit un­ter­wor­fen ist.“6

Die Wahr­heit ver­stärkt die Struk­tur der Fik­ti­on.

 

L’étourdit (1973)

Si­cher­lich gibt es die Aus­sa­gen (dits), die den Ge­gen­stand der Prä­di­ka­ten­lo­gik bil­den und de­ren uni­ver­sa­li­sie­ren­de Un­ter­stel­lung die Ku­gel be­trifft, ich sage ‚die‘, ich sage ‚Ku­gel‘, näm­lich: dass die Struk­tur ge­nau hier nur ei­nen Er­satz fin­det, und zwar den der Fik­ti­on des Wah­ren.“7

Die Struk­tur lie­fert den Er­satz der Fik­ti­on des Wah­ren.

 

Das Problem: die Verweisung von Bedeutung zu Bedeutung

Die The­se „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ ist die Ant­wort auf eine Fra­ge. Die Fra­ge wird ar­ti­ku­liert in Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten.

Wenn man vom Si­gni­fi­kat spricht, denkt man an die Sa­che, wäh­rend es sich doch um die Be­deu­tung han­delt. Nichts­des­to­we­ni­ger sa­gen wir, im­mer wenn wir spre­chen, durch das Si­gni­fi­kat hin­durch die Sa­che, das Be­deut­ba­re (le si­gni­fia­ble). Es gibt hier ein Trug­bild, denn es ist wohl­ge­merkt so, dass die Spra­che nicht ge­macht ist, die Sa­chen zu be­zeich­nen. Aber die­ses Trug­bild ist für die mensch­li­chen Spra­che struk­tu­rie­rend und in ge­wis­sem Sinn ist es die­ses Trug­bild, wor­auf sich die Ve­ri­fi­zie­rung je­der Wahr­heit grün­det.“8

Die Vor­stel­lung, dass die Spra­che die Sa­chen be­zeich­net, ist eine Täu­schung. Auf die­se Täu­schung grün­det sich un­ser Wahr­heits­ver­ständ­nis. Tat­säch­lich be­zie­hen wir uns im Spre­chen nicht auf die Sa­chen, son­dern auf das Si­gni­fi­kat, nicht auf den Re­fe­ren­ten, son­dern auf den Sinn, die Be­deu­tung (La­can macht zu die­sem Zeit­punkt noch kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Sinn und Be­deu­tung).

Das Pro­blem stellt sich von der Fra­ge her, auf wel­che Wei­se das Spre­chen in Be­zie­hung zur Be­deu­tung steht, wie das Zei­chen sich auf das be­zieht, was es be­zeich­net. In der Tat wird man beim Ver­such, die Funk­ti­on des Zei­chens zu er­fas­sen, im­mer von Zei­chen zu Zei­chen ver­wie­sen. War­um? Weil das Sys­tem der Zei­chen, wie sie hic et nunc kon­kret ein­ge­setzt sind, von sich selbst her ein Gan­zes bil­det. Will hei­ßen, daß es eine Ord­nung ein­setzt, die ohne Aus­gang ist. Es muß, wohl­ge­merkt, ei­nen ge­ben, ohne ihn wäre es eine un­sin­ni­ge Ord­nung.“9

Wenn wir eine be­stimm­te Be­deu­tung klä­ren wol­len, wer­den wir von Si­gni­fi­kat zu Si­gni­fi­kat ge­schickt, in ei­ner Be­we­gung der un­end­li­chen Ver­wei­sung. Au die­se Wei­se wer­den wir durch das ge­sam­te Sprach­sys­tem ge­schickt, aber nie kom­men wir zur Sa­che selbst.

Eine sol­che Ord­nung ist un­sin­nig. Es muss aus ihr ei­nen Aus­weg ge­ben. Wel­chen?

Die Lösungsidee: points de capiton, Name-des-Vaters

Das Pro­blem lau­tet: Wie ist Wahr­heit mög­lich, wenn Be­deu­tung auf Be­deu­tung ver­weist, Si­gni­fi­kat auf Si­gni­fi­kat?

Ich fas­se zu­nächst in The­sen­form zu­sam­men, wie La­can das Pro­blem in Se­mi­nar 3 löst, be­vor er dort die Sen­tenz „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ zum ers­ten Mal er­läu­tert.

Die Lö­sungs­idee wird in Se­mi­nar 3 so for­mu­liert:

Daß es grund­le­gen­de Si­gni­fi­kan­ten gibt, ohne wel­che die Ord­nung der mensch­li­chen Be­deu­tun­gen sich nicht her­stel­len könn­te, läßt uns un­se­re Er­fah­rung alle Au­gen­bli­cke spü­ren. Ist das nicht auch, was uns alle My­tho­lo­gi­en er­klä­ren?10

Die Be­mer­kung im­pli­ziert fol­gen­de The­sen:

(1) Wenn man das Pro­blem lö­sen will, wie Wahr­heit mög­lich ist, ob­wohl doch ein Si­gni­fi­kat im­mer nur auf ein an­de­res Si­gni­fi­kat ver­weist, muss man von die­ser Un­ter­schei­dung aus­ge­hen: von der zwi­schen Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat.

(2) Un­ter den Si­gni­fi­kan­ten gibt es grund­le­ge­gen­de Si­gn­fi­kan­ten. Die­se Si­gni­fi­kan­ten ha­ben die Funk­ti­on, die Si­gni­fi­ka­te in eine Ord­nung zu brin­gen.

(3) In den My­then geht es ge­nau dar­um: um die­je­ni­gen Si­gni­fi­kan­ten, die die Ord­nung der Si­gni­fi­ka­te her­stel­len.

Wie das funk­tio­niert, er­läu­tert La­can an Ra­ci­nes Tra­gö­die Atha­lia. Der Ho­he­pries­ter Joad plant den Auf­stand ge­gen die Kö­ni­gin plant. Der Feld­herr Ab­ner ist un­ent­schlos­sen. Joad sagt zu ihm:

In Ehr­furcht sei­nem hei­li­gen Wil­len un­ter­wor­fen,
Fürch­te ich Gott, lie­ber Ab­ner, und habe sonst kei­ne Furcht.11

Joad bringt hier sei­ne ei­ge­ne Got­tes­furcht ins Spiel, und das hat zur Fol­ge, dass Ab­ners kon­fu­se Ge­fühls­la­ge sich ord­net und er sich Joad an­schließt.

La­can be­greift die Stre­bun­gen, Af­fek­te und Bil­der, die sich in Ab­ners wi­der­strei­ten, als Si­gni­fi­ka­te, Joa­ds Rede von der Got­tes­furcht als Si­gni­fi­kan­ten. Der Si­gni­fi­kant „Got­tes­furcht“ hat für Ab­ner die Funk­ti­on, Ord­nung in sei­ne chao­ti­schen Si­gni­fi­ka­te zu brin­gen und ein neu­es Si­gni­fi­kat zu er­zeu­gen, so dass er weiß, was er zu tun hat.

(4) Es gibt be­stimm­te Si­gni­fi­kan­ten, die die Ord­nung der Si­gni­fi­ka­te her­stel­len. Sie wer­den von La­can points de ca­pi­tons ge­nannt, „Stepp­punk­te“ oder bes­ser „Pols­ter­sti­che“.12

Im An­schluss an die Ana­ly­se der Sze­ne aus Atha­lie heißt es:

Das Sche­ma des Step­punkts ist we­sent­lich in der mensch­li­chen Er­fah­rung. War­um be­wahrt die­ses Mi­ni­mal­sche­ma der mensch­li­chen Er­fah­rung, das uns Freud mit dem Ödi­pus­kom­plex ge­ge­ben hat, für uns sei­nen ir­re­du­zi­blen und den­noch rät­sel­haf­ten Wert? Und war­um die­ses Pri­vi­leg des Ödi­pus­kom­ple­xes? War­um will ihn Freud im­mer und mit sol­cher Hart­nä­ckig­keit über­all wie­der­fin­den? War­um ist das ein Kno­ten, der ihm so we­sent­lich er­scheint, daß er selbst in der kleins­ten Be­schrei­bung ei­nes be­son­de­ren Fal­les nicht auf ihn ver­zich­ten kann? – wenn nicht des­halb, weil der Be­griff des Va­ters, der dem­je­ni­gen der Got­tes­furcht sehr na­he­steht, ihm das bei der Er­fah­rung des­sen, was ich den Step­punkt zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten und dem Si­gni­fi­kat ge­nannt habe, am deut­lichs­ten wahr­nehm­ba­re Ele­ment lie­fert.13

(5) Ein we­sent­li­cher point de ca­pi­ton ist der „Name-des-Va­ters“, auch „sym­bo­li­scher Va­ter“ ge­nannt, d.h. der Ver­wandt­schafts­ter­mi­nus „Va­ter“, der mit der Funk­ti­on ver­bun­den ist, das Ge­setz zur Gel­tung zu brin­gen, das In­zest­ta­bu, und der da­mit den Kern des Über-Ichs bil­det.

Ei­ni­ge Sät­ze spä­ter heißt es:

Ich ken­ne nicht die Zahl, aber es ist nicht un­mög­lich, daß es ge­lin­ge, die kleins­te An­zahl von grund­le­gen­den Bin­dungs­punk­ten zu er­mit­teln, die zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten und dem Si­gni­fi­kat not­wen­dig sind, da­mit ein Mensch nor­mal ge­nannt wer­de, und die, wenn sie nicht her­ge­stellt sind oder ver­sa­gen, den Psy­cho­ti­ker er­zeu­gen.14

(6) Ne­ben dem „Na­men-des-Va­ters“ gibt es wei­te­re Si­gni­fi­kan­ten in der Funk­ti­on von points de ca­pi­ton.

(7) Der Neu­ro­se lie­gen letz­te Si­gni­fi­kan­ten zu­grun­de. Sie sind die Quel­le ei­ner Be­deu­tung.15

(8) Wenn eine mi­ni­ma­le An­zahl von Si­gni­fi­kan­ten fehlt, die die Si­gni­fi­kan­ten mit den Si­gni­fi­ka­ten ver­knüp­fen, kommt es dazu, dass Si­gni­fi­kan­ten und Si­gni­fi­ka­te aus­ein­an­der­fal­len, d. h. zur Psy­cho­se. Die Psy­cho­se be­ruht dar­auf, dass der Si­gni­fi­kant „Name-des-Va­ters“ ver­wor­fen ist.

Seminar 4: Die Struktur der Mythen nach Lévi-Strauss

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“: Der Satz er­in­nert an die Phi­lo­so­phie des „Als ob“ von Hans Vai­hin­ger. Das mensch­li­che Wis­sen be­ruht, Vai­hin­ger zu­fol­ge, auf Irr­tü­mern. Im In­ter­es­se der Selbst­er­hal­tung ist es je­doch nütz­lich, so zu han­deln, als ob es wahr sei. Fik­tio­nen sind theo­re­tisch un­wah­re Be­grif­fe und An­nah­men, die je­doch prak­tisch kei­nes­wegs nutz­los sind; sie wer­den be­wusst ge­wählt, da sie not­wen­dig sein kön­nen, um im Han­deln, in Wis­sen­schaft, Re­li­gi­on und Äs­the­tik Sinn­vol­les zu er­rei­chen. Sprach­lich er­schei­nen Fik­tio­nen meist in Als-ob-Sät­zen.16 La­can be­ruft sich für sei­ne The­se je­doch nicht auf Vai­hin­ger, son­dern auf zwei an­de­ren Au­to­ren, auf Clau­de Lévi-Strauss und auf Je­re­my Ben­t­ham, ei­nen Vor­läu­fer Vai­hin­gers.

Zum ers­ten Mal er­klärt La­can sei­ne Sen­tenz in Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hun­gen, dort in der Sit­zung vom 27. März 1957. Ich zi­tie­re die Pas­sa­ge voll­stän­dig (sie um­fasst etwa zwei­ein­halb Druck­sei­ten) und er­läu­te­re sie ab­satz­wei­se. Drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat wei­sen dar­auf hin, dass es an das vor­an­ge­hen­de Zi­tat lü­cken­los an­schließt.

In Se­mi­nar 4 kom­men­tiert La­can Freuds Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben, die Fall­stu­die über den „klei­nen Hans“. Freud in­ter­es­siert sich dar­in un­ter an­de­rem für die „in­fan­ti­len Se­xu­al­theo­ri­en“, wie er sich aus­drückt, also für die Er­klä­run­gen se­xu­el­ler Zu­sam­men­hän­ge durch Kin­der. La­can be­greift die­se Deu­tun­gen nicht als „Theo­ri­en“, son­dern als „My­then“.

Es gilt jetzt, den My­thos­be­griff ein­zu­füh­ren, weil wir jetzt auf na­tür­lichs­te Wei­se bei der An­nah­me der in­fan­ti­len Theo­ri­en an­kom­men. Seit­dem ich zu Ih­nen von Hans spre­che, ha­ben Sie sich ver­ge­wis­sern kön­nen, daß die­se Kran­ken­ge­schich­te ein La­by­rinth, ja beim ers­ten Her­an­ge­hen ein Kud­del­mud­del ist, und zwar des Plat­zes we­gen, den dar­in eine gan­ze Rei­he von Er­fin­dun­gen des klei­nen Hans ein­nimmt – ei­ni­ge sehr reich­hal­ti­ge, die den Ein­druck von ra­scher Ver­meh­rung und Lu­xus ver­mit­teln. Es wird Ih­nen un­wei­ger­lich klar wer­den, daß das ge­nau in die Klas­se je­ner theo­re­ti­schen Aus­ar­bei­tun­gen ge­hört, die so eine gro­ße Rol­le spie­len.“17

Die Er­fin­dun­gen des klei­nen Hans ma­chen auf den ers­ten Blick ei­nen chao­ti­schen Ein­druck. Das än­dert sich, wenn man sie als My­then be­greift – als My­then im stren­gen Sin­ne.

… „Wir wer­den uns jetzt ein­fach dem My­thos nä­hern als ei­ner ers­ten Evi­denz.

Das, was man ei­nen My­thos nennt, ob re­li­gi­ös oder folk­lo­ris­tisch, und auf wel­chem Ab­schnitt sei­nes Ver­mächt­nis­ses man ihn auch nimmt, stellt sich als eine Er­zäh­lung dar. Man kann vie­ler­lei über die­se Er­zäh­lung sa­gen und sie un­ter ver­schie­de­nen Struk­tur­as­pek­ten auf­neh­men. Man kann zum Bei­spiel sa­gen, daß sie et­was Zeit­lo­ses (atem­po­rel) hat. Man kann ver­su­chen, ihre Struk­tur zu de­fi­nie­ren, was die Orte be­trifft, die sie fest­legt. Man kann sie in ih­rer li­te­ra­ri­schen Form auf­neh­men, an der auf­fäl­lig ist, daß sie eine ge­wis­se Ver­wandt­schaft zur dich­te­ri­schen Schöp­fung hat, ob­wohl sich der My­thos zu­gleich in dem Sin­ne sehr da­von un­ter­schei­det, daß er be­stimm­te Kon­stan­zen auf­weist, die ganz und gar nicht der sub­jek­ti­ven Er­fah­rung un­ter­lie­gen.

Ich wer­de auch auf das von der Tat­sa­che auf­ge­wor­fe­ne Pro­blem hin­wei­sen, daß der My­thos im gan­zen den Cha­rak­ter ei­ner Fik­ti­on hat. Doch weist die­se Fik­ti­on eine Sta­bi­li­tät auf, wel­che sie in kei­ner Wei­se für die Mo­di­fi­ka­tio­nen emp­fäng­lich macht, die ihr an­ge­tra­gen wer­den kön­nen, oder ge­nau­er, wel­che im­pli­ziert, daß jede sie be­tref­fen­de Mo­di­fi­ka­ti­on eben auf­grund die­ser Tat­sa­che eine wei­te­re Mo­di­fi­ka­ti­on im­pli­ziert und so un­ver­än­der­lich die An­nah­me ei­ner Struk­tur na­he­legt. “18

Der My­thos hat den Cha­rak­ter ei­ner Fik­ti­on. Was ist da­mit ge­meint? Dass er kei­nen em­pi­ri­schen Ge­halt hat? Dass er zu ei­ner li­te­ra­ri­schen Gat­tung ge­hört, die im Eng­li­schen als fic­tion be­zeich­net wird? Et­was Drit­tes? Das bleibt hier of­fen.

Die­se Fik­ti­on be­ruht auf ei­ner Struk­tur. Wenn man ein Ele­ment än­dert, än­dern sich auch die an­de­ren Ele­men­te – das ist der von Saus­su­re in­spi­rier­te Struk­tur­be­griff. Der My­thos ist zu­gleich va­ria­bel und kon­stant; va­ria­bel in­so­fern, als un­zäh­li­ge Ver­sio­nen mög­lich sind, kon­stant, da die­sen Va­ria­tio­nen eine be­stimm­te Struk­tur zu­grun­de liegt.

… „An­de­rer­seits un­ter­hält die­se Fik­ti­on ei­nen ein­zig­ar­ti­gen Be­zug zu et­was, das stets hin­ter ihr im­pli­ziert ist, und de­ren for­mal an­ge­zeig­te Bot­schaft stets von ihr selbst ge­tra­gen wird – näm­lich die Wahr­heit. Hier ha­ben wir et­was, das vom My­thos nicht ge­trennt wer­den kann.“19

Der My­thos ist zwar eine Fik­ti­on, die­se Fik­ti­on steht je­doch in ei­nem Ver­hält­nis zur Wahr­heit, im My­thos ist eine Wahr­heit ent­hal­ten.

Die im My­thos ent­hal­te­ne Bot­schaft der Wahr­heit wird „for­mal an­ge­zeigt“. Die Bot­schaft der Wahr­heit hat nicht den Cha­rak­ter ei­ner in­halt­li­chen Aus­sa­ge, sie be­steht bei­spiels­wei­se nicht im Spruch ei­nes Wei­sen. Der My­thos hat eine Struk­tur, die­se Struk­tur lässt sich for­mal be­schrei­ben, und es ist die­se for­ma­le Struk­tur, die in ei­ner Be­zie­hung zur Wahr­heit steht.

… „Ir­gend­wo im Se­minaire sur ‚La Lett­re vo­lée’ (Se­mi­nar über E. A. Poes ‘Der ent­wen­de­te Brief’) habe ich es an­läß­lich des­sen, daß ich eine Fik­ti­on ana­ly­sier­te, zu schrei­ben fer­tig­ge­bracht, daß die­se Ope­ra­ti­on in ei­nem be­stimm­ten Sin­ne ganz und gar recht­mä­ßig sei, weil man ge­nau­so, sag­te ich, in je­der rich­tig struk­tu­rier­ten Fik­ti­on mit dem Fin­ger an die Struk­tur rüh­ren kann, die in der Wahr­heit selbst als die­sel­be wie die der Fik­ti­on be­zeich­net wer­den kann. Die struk­tu­ra­le Not­wen­dig­keit, die in je­den Wahr­heits­aus­druck mit­ge­führt wird, kann als die­sel­be be­zeich­net wer­den wie die der Fik­ti­on. Die Wahr­heit hat die Struk­tur, wenn man so sa­gen kann, ei­ner Fik­ti­on.“20

Der Fik­ti­on liegt die­sel­be Struk­tur zu­grun­de wie der Wahr­heit. Dies gilt nicht für jede Fik­ti­on, son­dern nur dann, wenn die Fik­ti­on kor­rekt struk­tu­riert ist. Man kann also zwei Ar­ten von Fik­tio­nen un­ter­schei­den: sol­che, die die­sel­be Struk­tur ha­ben wie die Wahr­heit, und sol­che, die wahr­heits­un­ähn­lich ist. Der My­thos ist of­fen­bar eine kor­rekt struk­tu­rier­te Fik­ti­on, ihm liegt die­sel­be Struk­tur zu­grun­de wie der Wahr­heit. Was wäre eine nicht kor­rekt struk­tu­rier­te Fik­ti­on? Bei­spiels­wei­se ein Mär­chen?

Die Struk­tur ist ge­kenn­zeich­net durch eine Not­wen­dig­keit be­stimm­ten Typs, eben die „struk­tu­ra­le Not­wen­dig­keit“ – wenn man ein Ele­ment mo­di­fi­ziert, ver­än­dern sich auch die an­de­ren Ele­men­te.

… „Der My­thos stellt sich auch in sei­nem Ziel mit ei­ner Art Un­aus­schöpf­lich­keit dar. Sa­gen wir, um ei­nen al­ten Aus­druck zu ver­wen­den, daß er am Cha­rak­ter ei­nes Sche­mas (Mil­ler fügt ein: im Kant­schen Sin­ne) teil­hat, et­was, was eben der Struk­tur viel nä­her als je­dem In­halt und ist und sich in al­len Ar­ten von Ge­ge­ben­hei­ten wie­der­fin­det und dar­auf, im ma­te­ri­ells­ten Sin­ne des Wor­tes, wie­der an­ge­wen­det wird, mit die­ser Art von mehr­deu­ti­ger Wirk­sam­keit, wie sie für den ge­sam­ten My­thos cha­rak­te­ris­tisch ist. Das, was struk­tu­riert ist – das, was für die­se Art Guß­form, die von der my­thi­schen Ka­te­go­rie ge­lie­fert wird, am ad­äqua­tes­te ist –, ist ein be­stimm­ter Ty­pus von Wahr­heit, in der wir, um uns auf das zu be­schrän­ken, was un­ser Feld und un­se­re Er­fah­rung ist, gar nicht um­hin kön­nen zu se­hen, daß es um eine Be­zie­hung des Men­schen geht – aber zu was?“21

Ein My­thos ist un­er­schöpf­lich – von ein und dem­sel­ben My­thos kann es un­zäh­li­ge Va­ri­an­ten ge­ben.

Da­mit funk­tio­niert er ähn­lich wie ein Sche­ma im Sin­ne von Kant. So wie das Sche­ma zwi­schen Ka­te­go­ri­en und An­schau­un­gen eine Ver­bin­dung her­stellt, ver­mit­telt der My­thos zwi­schen Struk­tur und In­halt, zwi­schen der Struk­tur des My­thos und den Va­ri­an­ten des My­thos. Ähn­lich wie das Kan­ti­sche Sche­ma den Ka­te­go­ri­en nä­her ist als den An­schau­un­gen, steht das my­thi­sche Sche­ma (der My­thos) der Struk­tur nä­her als dem In­halt (den Va­ri­an­ten).

Das my­thi­sche Sche­ma wird auf Ge­ge­ben­hei­ten al­ler Art an­ge­wen­det. Die­se An­wen­dung er­folgt „im ma­te­ri­ells­ten Sin­ne des Wor­tes“ – die In­hal­te wer­den zum Ma­te­ri­al im wah­ren Sin­ne des Wor­tes, zu ei­nem Ma­te­ri­al, das ei­ner Form un­ter­wor­fen wird.

Vom my­thi­schen Sche­ma geht La­can zu den my­thi­schen Ka­te­go­ri­en über, zu den Ele­men­ten der Struk­tur des My­thos. Wie die Kan­ti­schen Ka­te­go­ri­en die Guss­for­men für die An­schau­un­gen sind, bil­den die my­thi­schen Ka­te­go­ri­en die Guss­for­men für die In­hal­te.

Die Sen­tenz „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ hat dem­nach eine kan­tia­ni­sche Ne­ben­be­deu­tung: My­thos und Wahr­heit be­ruht auf Ka­te­go­ri­en, auf Grund­be­grif­fen; das Sys­tem die­ser Ka­te­go­ri­en bil­den die Struk­tur.

Die Struk­tur des My­thos ist ein be­stimm­ter Ty­pus von Wahr­heit. Für La­can gibt es dem­nach meh­re­re Wahr­heits­ar­ten. Wenn er sagt „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ ist da­mit nicht Wahr­heit schlecht­hin ge­meint, son­dern ein be­stimm­ter Typ von Wahr­heit, und auch nicht jede be­lie­bi­ge Fik­ti­on, son­dern eine Fik­ti­on, die kor­rekt ge­bil­det ist.

Wel­che Art von Wahr­heit ist im Spiel? Es geht um die Wahr­heit ei­ner Be­zie­hung, und der eine Term die­ser Be­zie­hung ist der Mensch.

… “Wir wer­den nicht vor­ei­lig auf die­ses zu was ant­wor­ten, we­der zu­fäl­lig noch leicht­hin. Zur Na­tur zu ant­wor­ten wird uns nach den An­mer­kun­gen un­be­frie­digt las­sen, die ich Ih­nen be­züg­lich der Tat­sa­che ge­macht habe, daß die Na­tur, so wie sie sich dem Men­schen dar­stellt, so wie sie sich mit ihm zu­sam­men­fügt, stets zu­tiefst de­na­tu­riert ist. Zum Sein zu ant­wor­ten ist ge­wiß nicht un­rich­tig, aber gin­ge viel­leicht ein we­nig zu weit, mün­de­te in die Phi­lo­so­phie, ja in jene aus jüngs­ter Zeit von un­se­rem Freund Hei­deg­ger, so treff­lich die­ser Be­zug auch wäre. Wir ha­ben si­cher­lich Be­zü­ge, die nä­her, und Ter­mi­ni, die stär­ker ar­ti­ku­liert sind, wel­ches eben die­sel­ben sind, die wir un­mit­tel­bar in un­se­rer Er­fah­rung an­tref­fen kön­nen.“22

Wor­in be­steht der zwei­te Term der Wahr­heits­be­zie­hung? La­can nimmt drei An­läu­fe. Ers­ter Ver­such: Die my­thi­schen Ka­te­go­ri­en sind mit ei­ner Wahr­heit ver­bun­den, die sich auf das Ver­hält­nis des Men­schen zur Na­tur be­zieht, zur phy­sis. Die­ser zu­erst in der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie ent­wi­ckel­te Be­griff ist pro­ble­ma­tisch, denn die Na­tur ist de­na­tu­riert – da­mit ist si­cher­lich ge­meint: sie ist von Si­gni­fi­kan­ten durch­drun­gen, nicht nur theo­re­tisch (Wis­sen über Na­tur), son­dern auch prak­tisch (Ver­än­de­rung der Na­tur).

Zwei­ter An­lauf: Bes­ser schon ist es zu sa­gen, die my­thi­schen Ka­te­go­ri­en sind mit ei­ner Wahr­heit ver­bun­den, die sich auf das Ver­hält­nis des Men­schen zum Sein be­zieht. Aus­drück­lich ver­weist La­can hier­für auf Hei­deg­ger. Für die­sen ist das Da­sein (der Mensch) das­je­ni­ge Sei­en­de, dem es „in sei­nem Sein um die­ses Sein selbst geht“23; an die­sen Ge­dan­ken knüpft La­can hier an. Das Sub­jekt fragt sich „Was bin ich?“, sei­ne Fra­ge rich­tet sich auf das was es ist, auf sein Sein; es stellt sich die Seins­fra­ge. Im Jahr die­ser Vor­le­sung, also 1957, er­scheint La­cans Auf­satz Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud, eine Ar­beit, in der La­can sich be­müht, Hei­deg­gers Seins­be­griff für die Psy­cho­ana­ly­se frucht­bar zu ma­chen.

Der Satz „Die my­thi­schen Ka­te­go­ri­en sind mit ei­ner Wahr­heit ver­bun­den, die sich auf das Ver­hält­nis des Men­schen zum Sein be­zieht“ ist nicht falsch. Der Be­griff „Sein“ ist je­doch zu un­spe­zi­fisch, zu weit ent­fernt von der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung.

… „Es liegt nur an uns, daß wir uns ver­ge­wis­sern, daß es um die The­men Le­ben und Tod, Exis­tenz und Nicht-Exis­tenz und ganz spe­zi­ell um die Ge­burt geht, das heißt um das Er­schei­nen des­sen, was noch nicht exis­tiert. Es geht also um The­men, die ei­ner­seits an die Exis­tenz des Sub­jekts selbst ge­bun­den sind und an die Ho­ri­zon­te, die sei­ne Er­fah­rung ihm bringt, an­de­rer­seits an die Tat­sa­che, daß es das Sub­jekt ei­nes Ge­schlechts, sei­nes na­tür­li­chen Ge­schlechts ist. Das ist es, zu was, wie un­se­re Er­fah­rung uns zeigt, die my­thi­sche Ak­ti­vi­tät beim Kind ge­bracht wird. Sie er­weist sich so, durch ih­ren In­halt und durch ihr Ziel, in voll­kom­me­ner Über­ein­stim­mung, ohne da­mit voll­kom­men de­ckungs­gleich zu sein, mit dem, was sich un­ter dem ei­gent­li­chen Ter­mi­nus My­thos in die eth­no­gra­phi­sche For­schung ein­trägt.“24

Drit­ter Ver­such: Die my­thi­schen Ka­te­go­ri­en sind mit ei­ner Wahr­heit ver­bun­den, die sich auf das Ver­hält­nis des Men­schen zur Exis­tenz und zur bio­lo­gi­schen Zwei­ge­schlecht­lich­keit be­zieht.

Die Wahr­heit be­zieht sich auf die Exis­tenz: auf Le­ben und Tod, auf Exis­tenz und Nicht-Exis­tenz, ins­be­son­de­re auf die Ge­burt. Aus La­cans frü­he­ren Dar­le­gun­gen zu die­sem The­ma kann man er­gän­zen: bei der Ge­burt geht es vor al­lem um das Rät­sel der Zeu­gung, und bei der Zeu­gung um die Fra­ge der Mut­ter­schaft und, rät­sel­haf­ter noch, um die der Va­ter­schaft.

Die Wahr­heit be­zieht sich au­ßer­dem auf die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit: Was heißt es, ein Mann zu sein? Was ist das: eine Frau? Was heißt es, sich als Mann auf eine Frau zu be­zie­hen? Und was, sich als Frau auf ei­nen Mann zu be­zie­hen?

Das Sub­jekt ist das­je­ni­ge Sei­en­de, dem es um sein Sein geht – für die Psy­cho­ana­ly­se heißt das: das Sub­jekt fragt nach sei­ner Zeu­gung, sei­nem Tod und sei­nem Ge­schlecht. Dies sind The­men der My­then, und hier liegt auch der Ver­bin­dungs­punkt zwi­schen den My­then und der Psy­cho­ana­ly­se: die  „in­fan­ti­len Se­xu­al­theo­ri­en“ ha­ben die­sel­ben The­men: Zeu­gung, Tod und Zwei­ge­schlecht­lich­keit.

… „Die My­then, so wie sie sich in ih­rer Fik­ti­on dar­stel­len, zie­len stets mehr oder we­ni­ger nicht auf den in­di­vi­du­el­len Ur­sprung des Men­schen, son­dern auf sei­nen spe­zi­fi­schen Ur­sprung, die Schöp­fung des Men­schen, die Ge­ne­se sei­ner grund­le­gen­den Be­zie­hun­gen des Sich­näh­rens, die Er­fin­dung der gro­ßen mensch­li­chen Hilfs­mit­tel, Feu­er, Acker­bau und Haus­tier­hal­tung. Eben­so be­stän­dig fin­den wir dar­in die Be­zie­hung des Men­schen zu ei­ner bös­wil­li­gen oder gut­wil­li­gen, aber im we­sent­li­chen durch das, was ihr an Hei­li­gem in­ne­wohnt, cha­rak­te­ri­sier­ten ge­hei­men Kraft (force) in Fra­ge ge­stellt.“25

Die von den Eth­no­gra­phen er­forsch­ten My­then ha­ben drei The­men. Sie be­zie­hen sich auf den Ur­sprung des Men­schen – des Men­schen nicht als In­di­vi­du­um, son­dern als Gat­tung, als Spe­zi­es, auf sei­nen „spe­zi­fi­schen Ur­sprung“. Ein wei­te­res The­ma sind die Schöp­fun­gen des Men­schen, die gro­ßen Er­fin­dun­gen wie Feu­er, Acker­bau und Vieh­zucht, die sich al­le­samt auf die Er­näh­rung be­zie­hen. Das drit­te The­ma ist die Be­zie­hung des Men­schen zum Hei­li­gen als ei­ner ge­hei­men Kraft.

… „Die­se hei­li­ge Macht (puis­sance), die in den my­thi­schen Er­zäh­lun­gen, wel­che er­klä­ren, wie der Mensch mit ihr in Be­zie­hung ge­tre­ten ist, un­ter­schied­lich be­zeich­net wird, läßt sich für uns in ei­ner of­fen­kun­di­gen Iden­ti­tät mit der Macht der Be­deu­tungs­ge­bung (pou­voir de la si­gni­fi­ca­ti­on) und ganz spe­zi­ell ih­res In­stru­men­tes Si­gni­fi­kant ver­or­ten. Sie ist die Macht, die den Men­schen be­fä­higt, in die Na­tur ein­zu­füh­ren, was das Nächs­te und das Ferns­te als Mensch und Uni­ver­sum ver­ei­nigt, ihn au­ßer­dem be­fä­higt, in die na­tür­li­che Ord­nung nicht nur sei­ne ei­ge­nen Be­dürf­nis­se und die Fak­to­ren ih­rer Ver­wand­lung, der sie un­ter­zo­gen wer­den, ein­zu­füh­ren, son­dern auch die dar­über hin­aus ge­hen­de An­nah­me ei­ner tie­fen Iden­ti­tät, so we­nig sie auch je er­faßt wird, zwi­schen der Macht ei­ner­seits, die er hat, den Si­gni­fi­kan­ten zu hand­ha­ben oder von ihm ge­hand­habt zu wer­den, sich in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten ein­zu­schlie­ßen, und der Macht an­de­rer­seits, die er hat, die In­stanz die­ses Si­gni­fi­kan­ten in ei­ner Rei­he von In­ter­ven­tio­nen, die sich ur­sprüng­lich nicht als über­flüs­si­ge Tä­tig­kei­ten dar­stel­len, zu ver­kör­pern, wo­mit ich sa­gen will, daß sie die schlich­te und ein­fa­che Ein­füh­rung des In­stru­men­tes Si­gni­fi­kant in die Ket­te der na­tür­li­chen Din­ge voll­zie­hen.“26

Die hei­li­ge Macht wird in den My­then un­ter­schied­lich be­zeich­net. Sie ist iden­tisch mit der Macht der si­gni­fi­ca­ti­on, mit der Macht, Be­deu­tun­gen her­vor­zu­brin­gen, Sinn zu ver­lei­hen. Man den­ke an die bi­bli­sche Schöp­fungs­ge­schich­te: „Und Gott sprach …“, oder auch an den Be­ginn des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums: „Im An­fang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Das In­stru­ment die­ser Macht ist der Si­gni­fi­kant; die hei­li­ge Macht ist letzt­lich die Macht des Si­gni­fi­kan­ten.

La­can stützt sich hier ver­mut­lich auf die Clau­de Lévi-Strauss, der er­klärt hat­te, dass sich die Be­grif­fe für das Hei­li­ge, etwa mana oder hau, letzt­lich auf die Be­deu­tungs­ge­bung be­zie­hen, und dass in der Be­deu­tungs­ge­bung der Si­gni­fi­kant dem Si­gni­fi­kat vor­aus­geht und es be­stimmt.27

Die Macht, durch den Si­gni­fi­kan­ten Be­deu­tun­gen zu er­zeu­gen, er­mög­licht es dem Men­schen, in die Na­tur et­was ein­zu­füh­ren, was ihn mit dem Uni­ver­sum ver­ei­nigt; mir ist nicht klar, was da­mit ge­meint ist.

Das Ver­mö­gen, mit­hil­fe des Si­gni­fi­kan­ten Be­deu­tun­gen her­vor­zu­brin­gen, ver­setzt den Men­schen au­ßer­dem in die Lage, den Si­gni­fi­kan­ten in die Na­tur ein­zu­füh­ren und durch Ar­beit die Na­tur­ord­nung an sei­ne Be­dürf­nis­se an­zu­pas­sen – wes­we­gen die Na­tur „de­na­tu­riert“ ist, wie La­can vor­her ge­sagt hat­te.

Es gibt eine tie­fe Iden­ti­tät zwi­schen zwei Sei­ten des Si­gni­fi­kan­ten. Die eine Sei­te be­steht dar­in, dass der Mensch in der Lage ist, Si­gni­fi­kan­ten zu hand­ha­ben oder von ih­nen ge­hand­habt zu wer­den, also zu spre­chen und ge­spro­chen zu wer­den – der Wahn­sinn ist ein Dis­kurs, in dem das Sub­jekt eher ge­spro­chen wird als es spricht, heißt es im Rom-Vor­trag.28 La­can fügt hin­zu: „sich in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten ein­zu­schlie­ßen“. Wor­auf be­zieht sich das? Auf den Wahn?

Die an­de­re Sei­te be­steht in der Macht des Men­schen, den Si­gni­fi­kan­ten in die Na­tur ein­zu­prä­gen, also die Na­tur um­zu­for­men, auf­grund ei­nes Wis­sens, das sich auf die Spra­che stützt – hier­zu ge­hö­ren die er­wähn­ten mensch­li­chen Er­fin­dun­gen des Feu­ers, des Acker­baus und der Vieh­zucht. Zwi­schen bei­den Sei­ten, zwi­schen Spra­che und Ar­beit, gibt es eine tie­fe Iden­ti­tät.

… „Das Ver­hält­nis ei­ner Kon­ti­gui­tät der My­then zur in­fan­ti­len my­thi­schen Schöp­fung läßt sich hin­rei­chend an den Ih­nen ge­ra­de ge­ge­be­nen Ver­glei­chen auf­zei­gen. Dar­aus folgt auch das In­ter­es­se, das wir an der Er­for­schung der My­then, an der wis­sen­schaft­li­chen oder ver­glei­chen­den My­tho­lo­gie neh­men kön­ne, die seit ei­ni­ger Zeit, und zwar im­mer mehr, im An­schluß an eine Me­tho­de aus­ge­ar­bei­tet wird, de­ren For­ma­li­sie­rungs­cha­rak­ter be­reits an­deu­tet, daß ein ge­wis­ser Schritt ge­tan wor­den ist. Die Frucht­bar­keit, die die­se For­ma­li­sie­rung mit sich bringt, läßt an­neh­men, daß man bes­ser in die­ser Rich­tung wei­ter­geht als der Me­tho­de der bis­lang in der Ana­ly­se der My­then ge­bräuch­li­chen Ana­lo­gi­en und kul­tu­ra­lis­ti­schen und na­tu­ra­lis­ti­schen Be­zug­nah­men zu fol­gen.“29

Die My­then ste­hen zu den Se­xu­al­theo­ri­en der Kin­der in ei­nem Ver­hält­nis der Kon­ti­gui­tät, sie be­rüh­ren sich mit ih­nen, das zeigt die er­wähn­te Ge­mein­sam­keit der The­men Zeu­gung, Tod, Zwei­ge­schlecht­lich­keit. Aus die­sem Grun­de ist die struk­tu­ra­lis­ti­sche My­then­for­schung für Psy­cho­ana­ly­ti­ker in­ter­es­sant; be­son­de­re Auf­merk­sam­keit ver­die­nen die For­ma­li­sie­rungs­ver­su­che von Clau­de Lévi-Strauss. La­can be­zieht sich hier auf des­sen Auf­satz Die Struk­tur der My­then von  195530; die um­fang­rei­chen My­then­un­ter­su­chun­gen von Lévi-Strauss – My­tho­lo­gi­ca I bis IV – wer­den erst spä­ter er­schei­nen, ab 1964.31

… „Die For­ma­li­sie­rung legt an den My­then Ele­men­te oder Ein­hei­ten frei, de­ren struk­tu­ra­les Funk­tio­nie­ren auf ih­rer Stu­fe dem ver­gleich­bar ist, ohne des­halb gleich da­mit iden­tisch zu sein, was die sprach­wis­sen­schaft­li­che Un­ter­su­chung und die Her­aus­ar­bei­tung der ver­schie­de­nen mo­der­nen ta­xie­ma­ti­schen Ele­men­te frei­le­gen. Man hat es ge­schafft, der­ar­ti­ge Ele­men­te zu iso­lie­ren und ihre Wirk­sam­keit in der Pra­xis zu zei­gen. Es sind dies die Ein­hei­ten der my­thi­schen Kon­struk­ti­on, die wir durch den Na­men My­the­me de­fi­nie­ren.“32

Lévi-Strauss geht bei der My­then­ana­ly­se so vor, dass er die My­then in Er­zählele­men­te zer­legt, die er „My­the­me“ nennt. My­the­me des Ödi­pus­my­thos sind bei­spiels­wei­se „Ödi­pus er­schlägt sei­nen Va­ter Lai­os“ oder „Eteo­kles er­schlägt sei­nen Bru­der Po­lyn­ei­kes“.

Die Her­aus­ar­bei­tung der My­the­me hat eine ge­wis­se Ähn­lich­keit mit der Frei­le­gung „ta­xie­ma­ti­scher“ Ele­men­te in der Lin­gu­is­tik. Der Aus­druck „ta­xie­ma­tisch“ ent­stammt der Gram­ma­tik von Da­mouret­te und Pi­chon33, der heu­ti­ge Ter­mi­nus ist „mor­pho­lo­gisch“; die Mor­pho­lo­gie ist der­je­ni­ge Teil der Gram­ma­tik, der sich auf die Mor­phe­me be­zieht, an­nä­he­rungs­wei­se: auf die Wör­ter. Die Mor­phe­me ver­hal­ten sich zum Satz wie die My­the­me zum My­thos.

… „Geht man der Er­fah­rung an ei­ner Rei­he von My­then nach, an de­nen man die­se Zer­le­gung aus­pro­biert, um zu se­hen, wie die Wie­der­zu­sam­men­set­zung funk­tio­niert, so wird man un­ter der Be­din­gung, daß man sich je­der äu­ßer­li­chen Ana­lo­gie ent­hält, ei­ner über­ra­schen­den Ein­heit zwi­schen den schein­bar ent­fern­tes­ten My­then ge­wahr. Es wird uns nicht in den Sinn kom­men, bei­spiels­wei­se zu be­haup­ten, ein In­zest und ein Mord sei­en äqui­va­len­te Din­ge, doch im Ver­gleich zwei­er My­then oder zwei­er Stu­fen des My­thos kann sich das so dar­stel­len. Auf den ver­schie­de­nen Eck­punk­ten ei­ner Kon­stel­la­ti­on, die je­nen klei­nen Ku­ben äh­nelt, die ich Ih­nen das letz­te Mal an die Ta­fel zeich­ne­te, set­zen Sie bei­spiel­wei­se die Ter­mi­ni Va­ter und Mut­ter ein, wo­bei die Mut­ter dem Sub­jekt un­be­kannt sein soll. In der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on kommt es zum In­zest. Wenn Sie dann in die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on über­ge­hen, Punkt für Punkt ent­spre­chend und Ge­set­zen ge­mäß, de­ren Nut­zen es ist, eine For­ma­li­sie­rung ohne Am­bi­gui­tä­ten zu er­ge­ben, kön­nen sie zei­gen, daß die Vor­stel­lung von Zwil­lings­brü­dern die Trans­for­ma­ti­on des Paa­res Va­ter-Mut­ter in der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on ist, und daß der Mord, hier der Mord an Po­lyn­ei­kes, auf dem­sel­ben Platz steht wie der In­zest. Al­les be­ruht auf der be­reits durch eine be­stimm­te An­zahl struk­tu­ra­ler Hy­po­the­sen über die Wei­se, wie man den My­thos zu be­han­deln hat, ge­re­gel­ten Trans­for­ma­ti­ons­ope­ra­tio­nen.“34

Die My­then­ana­ly­se von Lévi-Strauss voll­zieht sich in drei Schrit­ten:

(1) Der My­thos wird in My­the­me zer­legt.

Lévi-Strauss - Mythenanalyse Ödipusmythos - Strukturale Anthropologie S

My­the­me des Ödi­pus­mymt­hos (aus: Lévi-Strauss, Die Struk­tur der My­then)

(2) Die My­the­me ei­nes My­thos wer­den in the­ma­tisch zu­sam­men­ge­hö­ren­den Spal­ten an­ge­ord­net. In Lévi-Straus­sʼ Ana­ly­se des Ödi­pus­my­thos ent­hält die ers­te Spal­te alle My­the­me mit ei­ner „Über­be­wer­tung“ des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses, ei­ner Be­zie­hung zu ei­nem Ver­wand­ten, die en­ger ist als er­laubt (etwa „Ödi­pus hei­ra­tet Io­kaste, sei­ne Mut­ter“, „An­ti­go­ne be­er­digt Po­lyn­ei­kes, ih­ren Bru­der, und über­tritt das Ver­bot“), der zwei­ten Spal­te wer­den alle My­the­me mit „Un­ter­be­wer­tung“ des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses zu­ge­ord­net, Be­zie­hun­gen zu Ver­wand­ten, bei de­nen die­se wie feind­li­che Frem­de be­han­delt wer­den (etwa „Ödi­pus er­mor­det Lai­os, sei­nen Va­ter“, „Po­lyn­ei­kes tö­tet sei­nen Bru­der Eteo­kles“). Das Er­geb­nis ist die ne­ben­ste­hen­de Ta­bel­le.

Dreidiensionale Mythenanalyse (aus: Lévi-Strauss, Die Struktur der Mythen)

Drei­di­men­sio­na­le An­ord­nung von Ta­bel­len zur My­then­ana­ly­se (aus: Lévi-Strauss, Die Struk­tur der My­then)

(3) Die ver­schie­de­nen Ver­sio­nen ei­nes My­thos wer­den mit­ein­an­der ver­gli­chen. Hier­bei wird für jede Ver­si­on ei­nes My­thos eine Ta­bel­le er­stellt. Legt man die Ta­bel­len über­ein­an­der, er­gibt sich ein drei­di­men­sio­na­les Er­fas­sungs­sche­ma, ein Ku­bus; bei Lévi-Strauss fin­det man hier­zu die Ab­bil­dung rechts.

 

Lacans Kubus (aus: Seminar 4, Version Staferla)

La­cans Ku­bus (aus: Se­mi­nar 4, Ver­si­on Sta­fer­la)

Lévi-Straus­sʼ Sche­ma er­in­nert in sei­ner ku­bi­schen Ge­stalt an ein Dia­gramm, dass La­can in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung vor­ge­stellt hat­te.

La­can stellt sich eine Ta­bel­le vor, de­ren ers­te Spal­te lau­tet: „Va­ter und dem Sub­jekt un­be­kann­te Mut­ter“. Die ers­te Zei­le be­zieht sich auf die ers­te Ge­ne­ra­ti­on. Das ers­te Käst­chen (ers­te Spal­te, ers­te Zei­le) ent­hält das My­them „Sub­jekt voll­zieht In­zest mit sei­ner ihm un­be­kann­ten Mut­ter“. Of­fen­bar ent­wi­ckelt La­can hier eine Al­ter­na­ti­ve zu Lévi-Straus­sʼ Deu­tung des Ödi­pus­my­thos: nicht, dass Ödi­pus ei­nen In­zest voll­zieht, ist für den Psy­cho­ana­ly­ti­ker ent­schei­dend, son­dern dass Ödi­pus nichts da­von weiß; die­ses Nicht­wis­sen ist die my­thi­sche Ver­si­on des Un­be­wuss­ten.

Den wei­te­ren Ver­lauf von La­cans Ar­gu­men­ta­ti­on kann ich nicht nach­voll­zie­hen. In der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on kommt es zum Mord zwi­schen Zwil­lings­brü­dern; das ent­spre­chen­de My­them ist of­fen­bar „Eteo­kles tö­tet sei­nen Bru­der Po­lyn­ei­kes“. Des­we­gen, so sagt La­can, sind Zwil­lings­brü­der eine Trans­for­ma­ti­on des Paars Va­ter-Mut­ter. Nun sind Eteo­kles und Po­lyn­ei­kes aber kei­ne Zwil­lings­brü­der, und Lévi-Strauss ord­net das My­them „Ödi­pus hei­ra­tet Io­kaste, sei­ne Mut­ter“ nicht der­sel­ben Spal­te zu wie „Eteo­kles tö­tet Po­lyn­ei­kes, sei­nen Bru­der“, son­dern Spal­ten mit dem ent­ge­gen­ge­setz­ten In­halt: das ers­te My­them ge­hört in die Spal­te mit Über­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses, das zwei­te in die mit Un­ter­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses. Zwil­lings­brü­der („Dio­sku­ren“) wer­den von Lévi-Strauss in sei­nem Auf­satz er­wähnt, aber an an­de­rer Stel­le, ohne Be­zug auf den Ödi­pus­my­thos.

… „Dies ver­leiht uns eine Vor­stel­lung von dem Ge­wicht, von der Prä­senz und der In­stanz des Si­gni­fi­kan­ten als sol­chem, von der ihm ei­ge­nen Wir­kung. Was hier iso­liert wird, ist stets ge­wis­ser­ma­ßen das Ver­bor­gens­te, da es um et­was geht, das an sich nichts be­deu­tet, aber das mit Si­cher­heit die ge­sam­te Ord­nung der Be­deu­tun­gen be­trifft. Wenn et­was so Be­schaf­fe­nes exis­tiert, so wird es nir­gend­wo spür­ba­rer als im My­thos.“35

Die struk­tu­ra­lis­ti­sche My­then­ana­ly­se zeigt letzt­lich die Wirk­sam­keit des Si­gni­fi­kan­ten.

Lévi-Strauss ver­sucht zu zei­gen, dass My­then ein Pro­blem zu lö­sen ver­su­chen. Der Ödi­pus­my­thos bei­spiels­wei­se ver­sucht die Fra­ge zu be­ant­wor­ten, wo­von die Men­schen­gat­tung ab­stammt: wur­de sie aus der Erde (grie­chisch chthon) ge­bo­ren (ist ist der Mensch „au­to­chthon“) oder wur­de sie von Men­schen er­zeugt? An­ders ge­sagt: Stammt der Mensch von ei­nem oder von zwei­en ab? In Hei­deg­ger­scher Ter­mi­no­lo­gie: Der My­thos ver­sucht die Seins­fra­ge zu be­ant­wor­ten, „Was ist der Mensch?“

In der oben re­pro­du­zier­ten Ta­bel­le des Ödi­pus­my­thos ent­hält die drit­te Spal­te die­je­ni­gen My­the­me, die die Erd­ge­bo­ren­heit ver­nei­nen, die vier­te die­je­ni­gen, die sie be­ja­hen. Die Ta­bel­le be­steht also ins­ge­samt aus fol­gen­den Spal­ten:
(1) Über­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses,
(2) Un­ter­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses,
(3) Be­ja­hung der Erd­ge­bo­ren­heit,
(4) Ver­nei­nung der Erd­ge­bo­ren­heit.
Die ers­te und die zwei­te Spal­te bil­den ei­nen Ge­gen­satz, wenn sie zu­gleich be­haup­tet wer­den, eine Art Wi­der­spruch; für die drit­te und die vier­te Spal­te gilt das­sel­be. Der My­thos stellt also zwei Ge­gen­sät­ze dar und be­zieht sie auf­ein­an­der.

Dem Ödi­pus­my­thos liegt dem­nach fol­gen­de Struk­tur zu­grun­de: die Über­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses steht zur Un­ter­be­wer­tung des Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­ses im sel­ben Ver­hält­nis wie die Be­ja­hung der Erd­ge­bo­ren­heit zur Ver­nei­nung der Erd­ge­bo­ren­heit. Bei­de Paar­be­zie­hun­gen (Spal­te 1 zu Spal­te 2 und Spal­te 3 zu Spal­te 4) sind die­sel­ben, in­so­fern näm­lich, als sich bei bei­den Be­zie­hun­gen um ei­nen Wi­der­spruch han­delt. Wenn man die bei­den Be­zie­hun­gen, also das Ver­hält­nis von (1) zu (2) und das Ver­hält­nis von (3) zu (4), auf ih­ren Ge­gen­satz­cha­rak­ter re­du­ziert, sind sie iden­tisch.

Die­se Iden­ti­tät der Ge­gen­sät­ze ist eine Ant­wort. Mit ihr wird die Fra­ge be­ant­wor­tet, ob der Mensch von der Erde oder von Men­schen ab­stammt. Die Ant­wort be­steht dar­in, dass auf eine Be­zie­hung ver­wie­sen wird, die den­sel­ben Cha­rak­ter hat, die also eben­falls ei­nen (für das grie­chi­sche Den­ken) un­auf­lös­ba­ren Wi­der­spruch dar­stellt. Der Wi­der­spruch wird da­durch be­wäl­tigt, dass er auf ei­nen zwei­ten Wi­der­spruch be­zo­gen wird. „Die Un­mög­lich­keit, Be­zie­hungs­grup­pen mit­ein­an­der in Ver­bin­dung zu brin­gen, ist über­wun­den (oder, ge­nau­er ge­sagt, er­setzt) durch die Be­stä­ti­gung, daß zwei ein­an­der wi­der­spre­chen­de Be­zie­hun­gen iden­tisch sind, so­weit sie bei­de in sich wi­der­sprüch­lich sind.“36 (Vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.)

Die Struk­tur des Ödi­pus­my­thos lässt sich so dar­stel­len: A ver­hält sich zu Nicht-A wie B zu Nicht-B. Wählt man für „nicht“ das in der Lo­gik üb­li­che Sym­bol ¬, kann man das auch so schrei­ben:

A : ¬A :: B : ¬B.

Eine sol­che Struk­tur ist for­mal, sie be­steht nicht in be­stimm­ten In­hal­ten. Wie jede for­ma­le Struk­tur ist sie an Si­gni­fi­kan­ten ge­bun­den. Sie be­ruht letzt­lich auf der Ei­gen­schaft von Si­gni­fi­kan­ten, be­stimm­te Be­zie­hun­gen ein­ge­hen zu kön­nen, dar­un­ter die Be­zie­hung der Ne­ga­ti­on (und da­mit des Ge­gen­sat­zes bzw. des Wi­der­spruchs) und die der Iden­ti­tät. Die­se for­ma­le Struk­tur be­stimmt die In­hal­te, die Ord­nung der Be­deu­tun­gen, die my­thi­sche Er­zäh­lung.

Die­se Struk­tur ist das „Ver­bor­gens­te“, sie zu iso­lie­ren, heißt, sie der Ver­bor­gen­heit zu ent­rei­ßen, zu „ent­ber­gen“. Die Auf­de­ckung der Struk­tur ist ein Wahr­heits­ge­sche­hen im Sin­ne von Hei­deg­ger (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). In­so­fern steht die my­thi­sche Struk­tur in ei­nem Ver­hält­nis zur Wahr­heit: sie ist das Ver­bor­gens­te, das auf­ge­deckt wer­den kann.

Lévi-Strauss be­zieht die for­ma­le Struk­tur, die er her­aus­ar­bei­tet, aus­drück­lich auf die Freud­sche Neu­ro­sen­leh­re: die Neu­ro­se ist ein „in­di­vi­du­el­ler My­thos“37. Be­reits im Auf­satz Die Wirk­sam­keit der Sym­bo­le (1949) hat­te Lévi-Strauss den Kom­plex (im Sin­ne von Freud, also z.B. den Ödi­pus­kom­plex) als „in­di­vi­du­el­len My­thos“ be­zeich­net38; La­can hat­te den Ter­mi­nus auf­ge­grif­fen und ihn 1952 in den Ti­tel ei­nes Vor­trags auf­ge­nom­men: Der in­di­vi­du­el­le My­thos des Neu­ro­ti­kers oder Dich­tung und Wahr­heit in der Neu­ro­se.

Zu­sam­men­fas­sung

Die von Kin­dern auf­ge­stell­ten Se­xu­al­theo­ri­en ha­ben Ähn­lich­keit mit My­then; das recht­fer­tigt das In­ter­es­se der Psy­cho­ana­ly­se an der My­then­for­schung.

Der My­thos hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on. In Se­mi­nar 4 er­läu­tert La­can nicht, was ge­nau er mit „Fik­ti­on“ meint, wohl aber, was er un­ter ei­ner Struk­tur ver­steht: wenn man ein Ele­ment ver­än­dert, än­dern sich auch die an­de­ren Ele­men­te.

La­can ver­gleicht den My­thos mit dem Kan­ti­schen Sche­ma, die Ele­men­te der Struk­tur der My­then mit den kan­ti­schen Ka­te­go­ri­en. Die Sen­tenz „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ meint also auch: die Wahr­heit, mit der die Psy­cho­ana­ly­se es zu tun hat, steht in ei­ner ge­wis­sen Nähe zur Auf­de­ckung der Ka­te­go­ri­en durch Kant.

Der Wahr­heits­typ, mit dem der My­thos es zu tun hat, be­zieht sich auf das Ver­hält­nis des Men­schen zum Sein, wie Hei­deg­ger es for­mu­liert. „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ meint auch: die Wahr­heit ge­hört in den Zu­sam­men­hang, dass der Mensch die „Seins­fra­ge“ zu be­ant­wor­ten ver­sucht, die Fra­ge „Was bin ich?“ Mit die­ser Fra­ge ver­or­tet sich das Sub­jekt in der Di­men­si­on der Wahr­heit.

Der Be­griff „Sein“ ist für die Psy­cho­ana­ly­se je­doch zu abs­trakt. Kon­kre­ter und Psy­cho­ana­ly­se-nä­her: die my­thi­sche Wahr­heit be­zieht auf das Ver­hält­nis des Men­schen zu drei The­men­be­rei­chen:
– Zeu­gung, Tod und bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit, Ent­ste­hung des Men­schen als Gat­tung,
– die mensch­li­chen Er­fin­dun­gen, d.h. die Ein­füh­rung des Si­gni­fi­kan­ten in das Rea­le,
– das Hei­li­ge als ge­hei­me Kraft, d.h. die be­deu­tungs­ge­ben­de Macht des Si­gni­fi­kan­ten.

In­ter­es­sant an Lévi-Straus­sʼ My­then­ana­ly­sen ist ins­be­son­de­re des­sen Ver­such, die Struk­tur der My­then for­mal zu er­fas­sen. Die von Lévi-Strauss her­aus­ge­ar­bei­te­te Struk­tur des Ödi­pus­my­thos be­steht bei­spiels­wei­se in fol­gen­der Be­zie­hung: A ver­hält sich zu Nicht-A auf die­sel­be Wei­se, wie sich B zu Nicht-B ver­hält – bei­de Be­zie­hun­gen sind Ge­gen­sät­ze. Eine sol­che Struk­tur gibt eine Vor­stel­lung von der Wirk­sam­keit des Si­gni­fi­kan­ten. Der Si­gni­fi­kant ist kei­ne Be­deu­tung, er ord­net aber die Welt der Be­deu­tun­gen.

Die my­thi­sche Fik­ti­on steht also in­so­fern in ei­nem Ver­hält­nis zur Wahr­heit, als sie eine Ant­wort auf die Seins­fra­ge gibt, auf die Fra­gen nach Ge­burt, Tod, Zwei­ge­schlecht­lich­keit. Die Ant­wort des My­thos hat for­ma­len Cha­rak­ter, und das heißt: in ihr wird die Wir­kungs­macht des Si­gni­fi­kan­ten be­zeugt, sei­ne Kraft, Be­deu­tun­gen er­zeu­gen zu kön­nen. Die­se for­ma­le Si­gni­fi­kan­ten­struk­tur ist das Ver­bor­gens­te, ihre Auf­de­ckung ist ein Wahr­heits­ge­sche­hen im Sin­ne von Hei­deg­ger.

Seminar 7: Benthams Theorie der Fiktionen

Die zwei­te, we­ni­ger um­fang­rei­che Er­läu­te­rung des Apho­ris­mus „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ fin­det man in Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se. In der ers­ten Sit­zung die­ses Se­mi­nars spricht La­can über die ver­schie­de­nen An­sät­ze in der phi­lo­so­phi­schen Ethik, dar­un­ter über den Uti­li­ta­ris­mus und des­sen Be­grün­der, Je­re­my Ben­t­ham (1748–1832). Zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts habe sich eine „uti­li­ta­ris­ti­sche Um­wand­lung oder Rück­wand­lung“ voll­zo­gen, auf­grund des Nie­der­gangs der Funk­ti­on des Herrn.39 Das uti­li­ta­ris­ti­sche Den­ken sei kei­nes­wegs so sim­pel, wie oft an­ge­nom­men wird.

Es han­delt sich nicht ein­fach um ein Den­ken, das sich die Fra­ge stellt, was es auf dem Markt an Gü­tern zu ver­tei­len gibt und was die bes­te Ver­tei­lung die­ser Gü­ter wäre. Es gibt da eine gan­ze Re­fle­xi­on, de­ren Sprung­fe­der, de­ren Bölz­chen ge­fun­den zu ha­ben ich Herrn Ja­kobson ver­dan­ke, der hier ist, und zwar in dem Hin­weis, den er mir ge­ge­ben hat auf ein Werk von Je­re­my Ben­t­ham, das er­lau­ben könn­te zu se­hen, was in klas­si­schen Zu­sam­men­fas­sun­gen sei­nes Werks für ge­wöhn­lich ver­nach­läs­sigt wird.“40

Ge­meint ist Bentham’s theo­ry of fic­tions, eine von dem Lin­gu­is­ten C. K. Og­den 1932 her­aus­ge­ge­be­ne Zu­sam­men­stel­lung von Tex­ten Ben­t­hams zum The­ma der „Fik­ti­on“.41 Ro­man Ja­kobson, der wäh­rend die­ser Sit­zung an­we­send ist, sieht in Ben­t­ham ei­nen be­deu­ten­den Lin­gu­is­ten; in sei­nen Ar­bei­ten ver­weist er häu­fig auf die Theo­ry of fic­tions.

… „Die­se Per­son ver­dient kei­nes­wegs den Miß­kre­dit oder gar den Spott, wo­mit eine be­stimm­te phi­lo­so­phi­sche Kri­tik ihre Rol­le im Ver­lauf der Ge­schich­te des ethi­schen Fort­schritts be­le­gen konn­te. Wir wer­den se­hen, daß sei­ne Be­mü­hung sich aus dem Um­kreis ei­ner phi­lo­so­phi­schen, ei­gent­lich lin­gu­is­ti­schen Kri­tik ent­wi­ckelt hat. Es ist un­mög­lich, an­ders­wo die Be­to­nung rich­tig zu er­fas­sen, wel­che im Lau­fe die­ser Re­vo­lu­tio­nen dem Term real zu­ge­legt wird, der bei ihm ei­nem Term ent­ge­gen­ge­setzt ist, der im Eng­li­schen fic­titious lau­tet. Fic­titious meint we­der il­lu­so­risch noch täu­schend an sich. Schon gar nicht läßt es sich mit fik­tiv über­set­zen, was zu tun der­je­ni­ge nicht ver­fehlt hat, der sei­nen Er­folg auf dem Kon­ti­nent be­grün­de­te, Éti­en­ne Du­mont, der sei­ne Leh­re ge­wis­ser­ma­ßen vul­ga­ri­siert hat. Fic­titious meint zwar fik­tiv, je­doch in dem Sinn, wie ich vor Ih­nen be­reits ar­ti­ku­liert habe, daß alle Wahr­heit Fik­ti­ons­struk­tur hat.“42

Als fic­titious en­t­i­ties, „fik­tio­na­le En­ti­tä­ten“,  cha­rak­te­ri­siert Ben­t­ham Grund­be­grif­fe, die kei­nen di­rek­ten Be­zug zu em­pi­risch ge­ge­be­nen Ob­jek­ten ha­ben, etwa die Ka­te­go­ri­en der Zeit, der Be­we­gung, der Ma­te­rie, der Quan­ti­tät, der Re­la­ti­on usw. Auch psy­cho­lo­gi­sche Ka­te­go­ri­en wie „geis­ti­ges Ver­mö­gen“ oder „Dis­po­si­ti­on“ sind für Ben­t­ham fik­tio­na­le En­ti­tä­ten. 

Fik­tio­nen sind, Ben­t­ham zu­fol­ge, für sämt­li­che Tä­tig­kei­ten grund­le­gend, so­wohl für theo­re­ti­sche wie für prak­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten; Fik­tio­nen sind sprach­li­che Ein­hei­ten und bil­den Sys­te­me, al­ler­dings nicht ohne Wi­der­sprü­che.43 Die Ähn­lich­keit zu Vai­hin­gers Phi­lo­so­phie des Als Ob ist nicht zu über­se­hen; Vai­hin­ger hat Ben­t­ham als Vor­läu­fer aus­drück­lich an­er­kennt.

Ben­t­ham un­ter­schei­det zwei Ar­ten von Fik­tio­nen, sol­che, die un­ver­meid­lich sind, und sol­che, die über­flüs­sig und schäd­lich sind. „Wahr­heit“ ist in sei­nen Au­gen eine un­ver­meid­li­che Fik­ti­on44, eine über­flüs­si­ge Fik­ti­on ist bei­spiels­wei­se „Na­tur­recht“.

Ben­t­ham be­zieht da­mit ge­wis­ser­ma­ßen die Ge­gen­po­si­ti­on zu So­kra­tes. Die­ser pro­ble­ma­ti­sier­te die Grund­be­grif­fe, auf de­nen das Funk­tio­nie­ren der Po­lis be­ruh­te, Ben­t­ham setzt ihre Un­be­gründ­bar­keit vor­aus und be­tont ihre Funk­tio­na­li­tät.

… „Die Be­mü­hung Ben­t­hams gilt der Dia­lek­tik des Ver­hält­nis­ses der Spra­che zum Rea­len in der Si­tu­ie­rung des Gu­ten – hier der Lust, bei der wir se­hen wer­den, daß er sie ganz an­ders ar­ti­ku­liert als Aris­to­te­les – von der Sei­te des Rea­len her. Und im In­nern die­ses Ge­gen­sat­zes von Fik­ti­on und Rea­li­tät rich­tet sich dann die Schau­kel­be­we­gung der Freud­schen Er­fah­rung ein.“45

La­can par­al­le­li­siert oder iden­ti­fi­ziert hier die Spra­che mit der Fik­ti­on und das Rea­le mit der Rea­li­tät. Die Spra­che bzw. die Fik­ti­on steht im Ge­gen­satz zum Rea­len bzw. zur Rea­li­tät. Den Aus­druck fic­titious über­setzt La­can hier mit „sprach­lich“, „ver­bal“; „fic­tions“ sind für ihn wie für Ben­t­ham sprach­li­che Kon­struk­te.

Die sprach­li­chen Fik­tio­nen wer­den von Ben­t­ham dem Rea­len ge­gen­über­ge­stellt, d. h. Schmerz und Lust. Das Ver­hält­nis zwi­schen dem Fik­ti­vem und dem Rea­len wird von ihm un­ter dem Ge­sichts­punkt des Gu­ten ana­ly­siert: der Ma­xi­mie­rung des so­zia­len Nut­zens, des größ­ten Glücks der größ­ten Zahl. Die Be­zie­hung zwi­schen Fik­tio­nen und Rea­lem wird im Recht da­durch her­ge­stellt, dass die Ge­set­ze mit Stra­fen ver­bun­den sind. Die Ge­set­ze sind Fik­tio­nen und durch die Stra­fen wer­den sie mit Lust und Un­lust ver­bun­den, mit dem Rea­len.

Die Ori­en­tie­rung an der Be­zie­hung zwi­schen der Fik­ti­on (dem Sym­bo­li­schen) und dem Rea­len (Schmerz und Lust) hat Ben­t­ham mit der Psy­cho­ana­ly­se ge­mein­sam.

… „Ist ein­mal die Tren­nung von fik­tiv und real voll­zo­gen, las­sen sich die Din­ge durch­aus nicht dort si­tu­ie­ren, wo man es er­war­ten konn­te. Bei Freud ge­hört die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Lust als Di­men­si­on für das, was den Men­schen bin­det, zur Gän­ze auf die Sei­te des Fik­ti­ven. Das Fik­ti­ve frei­lich ist sei­nem We­sen nach nicht, was Täu­schung wäre, son­dern ei­gent­lich ge­spro­chen, was wir das Sym­bo­li­sche nen­nen.“46

Un­ter dem Fik­ti­ven ver­steht Ben­t­ham nicht die Il­lu­si­on und die Täu­schung, son­dern das Sym­bo­li­sche.

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ heißt dem­nach: sie be­steht nicht ei­nem Be­zug zu em­pi­ri­schen Ob­jek­ten, son­dern be­ruht auf dem Funk­tio­nie­ren ei­nes Sys­tems sprach­li­cher Ele­men­te.

In ei­ner spä­te­ren Sit­zung des Ethik-Se­mi­nars äu­ßert La­can sich noch ein­mal zur Theo­ry of fic­tions.

Das Den­ken Je­re­my Ben­t­hams ist nicht ein­fach die Fort­set­zung je­ner gno­seo­lo­gi­schen Aus­ar­bei­tung, die das Tran­szen­den­te, das Über­na­tür­li­che ei­nes an­geb­lich der Auf­klä­rung be­dürf­ti­gen Fort­schritts der Er­kennt­nis zu re­du­zie­ren, sich eine gan­ze Ah­nen­rei­he er­schöpft hat. Ben­t­ham, das zeigt die jüngst in sei­nem Werk zur Gel­tung ge­brach­te Theo­rie der Fik­tio­nen, ist ein Mann, der sich der Fra­ge auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten nä­hert.“47

Der Kern des Wis­sens ist für Ben­t­ham die Ent­schei­dung. Es gibt kei­ne gött­li­che Vor­se­hung, an die der Mensch sich an­zu­pas­sen hät­te, viel­mehr muss der Mensch selbst dar­über ent­schei­den, was er tun will, und dies auf der Grund­la­ge von In­for­ma­tio­nen, die im­mer be­schränkt sind. Ben­t­ham fragt sich, wie die­ses so­zi­al nütz­li­che Wis­sen ver­bes­sert wer­den kann; da­mit steht er in der Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung.

Ben­t­ham führt in die­se Tra­di­ti­ons­li­nie je­doch et­was Neu­es ein, und zwar da­durch, dass er die Ver­bes­se­rung der so­zi­al nütz­li­chen Er­kennt­nis­se von der Spra­che aus an­geht, „auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten“.

… „Bei al­len In­sti­tu­tio­nen, näm­lich in dem, was an ih­nen fik­tiv, das heißt zu­tiefst ver­bal ist, be­steht sei­ne For­schung dar­in, daß er die man­nig­fal­ti­gen, un­zu­sam­men­hän­gen­den, wi­der­sprüch­li­chen Rech­te, für die er die eng­li­sche Recht­spre­chung als Bei­spiel nimmt, nicht auf nichts re­du­ziert, son­dern im Ge­gen­teil aus­geht vom sym­bo­lisch Künst­li­chen die­ser Ter­me, wel­che auch text­schöp­fe­risch sind, und zu­sieht, was in dem al­len ist, das zu et­was die­nen könn­te, das heißt zum Ge­gen­stand ei­ner Auf­tei­lung. Die lan­ge his­to­ri­sche Aus­ar­bei­tung des Pro­blems des Gu­ten zen­triert sich letzt­lich im Be­griff da­von, auf wel­che Wei­se die Gü­ter ge­schaf­fen wer­den, die sich nicht von ver­meint­lich na­tür­li­chen und vor­be­stimm­ten Be­dürf­nis­sen aus or­ga­ni­sie­ren, son­dern Stoff ei­ner Ver­tei­lung sind, in be­zug auf die sich die Dia­lek­tik des Gu­ten ar­ti­ku­liert, in­so­weit sie für den Men­schen tat­säch­lich von Be­deu­tung ist.“48

Ben­t­hams Aus­gangs­punkt für die Ana­ly­se der Fik­tio­nen ist das Recht.

Im deut­schen Recht ist eine Rechts­fik­ti­on  bei­spiels­wei­se die fol­gen­de An­nah­me: „Wer zur Zeit des Erb­falls noch nicht leb­te, aber be­reits er­zeugt war, gilt als vor dem Erb­fall ge­bo­ren.“ (BGB, § 1923, Ab­satz 2.) Die­se Fik­ti­on – das ers­te Bei­spiel im Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel „Fik­ti­on (Recht)“ – be­zieht sich, ne­ben­bei be­merkt, auf die Seins­fra­ge des Sub­jekts: auf das Ge­heim­nis der Zeu­gung.

Bei Ben­t­ham hat der Be­griff der Rechts­fik­ti­on je­doch eine um­fas­sen­de­re Be­deu­tung. Das Recht hat eine sprach­li­che Grund­la­ge – Ge­set­ze, sagt er, kön­nen nur mit Wör­tern ge­macht wer­den; mit „Rechts­fik­tio­nen“ meint er das Sys­tem der ju­ris­ti­schen Grund­be­grif­fe.

Die Fik­tio­nen des com­mon law wer­den von Ben­t­ham un­er­müd­lich kri­ti­siert; ei­nes sei­ner Re­form­pro­jek­te be­steht dar­in, die schäd­li­chen Rechts­fik­tio­nen – etwa „Ge­sell­schafts­ver­trag“ oder „Na­tur­recht“ durch un­ver­meid­li­che Fik­tio­nen zu er­set­zen und de­ren so­zia­len Nut­zen zu ma­xi­mie­ren. Un­ver­meid­li­che Rechts­fik­tio­nen sind für ihn z.B. die Ter­mi­ni „Ver­bre­chen“, „Ver­pflich­tung“, „Macht“, „Be­fehl“, „Ei­gen­tum“.

Fik­tio­nen sind für Ben­t­ham also kei­nes­wegs nur Ele­men­te der Rede. Sie bil­den das Fun­da­ment der so­zia­len In­sti­tu­tio­nen, d.h. sie re­gu­lie­ren den so­zia­len Nut­zen, die Zu­tei­lung von Lust und Un­lust.

Wir er­fah­ren nicht, ob La­can be­reits 1957 Ben­t­hams Theo­rie der Fik­tio­nen im Kopf hat­te, bei der ers­ten For­mu­lie­rung des Dik­tums von der Fik­ti­ons­struk­tur der Wahr­heit. Auf je­den Fall gilt: Spä­tes­tens ab Ende 1959 ist Ben­t­ham für ihn der Ge­währs­mann für  die­se The­se. Wenn er in spä­te­ren Se­mi­na­ren auf den Apho­ris­mus zu­rück­kommt, be­zieht er sich im­mer wie­der auf die Theo­ry of fic­tions – bis hin zu Se­mi­nar 24 im Jahr 1977.49

Zu­sam­men­fas­sung

In Se­mi­nar 7 er­läu­tert La­can, was er un­ter „Fik­ti­on“ ver­steht, wenn er sagt „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“. Er be­zieht sich hier­für auf Ben­t­hams Theo­rie der Fik­tio­nen. Für Ben­t­ham sind Fik­tio­nen Grund­be­grif­fe, die kei­nen di­rek­ten Be­zug zu em­pi­risch ge­ge­be­nen Ob­jek­ten ha­ben, Ka­te­go­ri­en wie bei­spiels­wei­se „Zeit“ oder „Re­la­ti­on“ oder „Ei­gen­tum“. Die­se Fik­tio­nen sind für Ben­t­ham an die Spra­che ge­bun­den, der „fik­tio­na­le“ Cha­rak­ter ei­nes Be­griffs be­steht dar­in, dass er ver­ba­ler Na­tur ist. Das Fik­ti­ve, so fasst La­can es zu­sam­men, ist sei­nem We­sen nach das Sym­bo­li­sche.

La­can hebt an Ben­t­hams Theo­rie der Fik­tio­nen her­vor, dass Ben­t­ham die Fra­ge nach der Ver­bes­se­rung der so­zi­al nütz­li­chen Er­kennt­nis von der Spra­che aus an­geht und dass er ge­se­hen hat, dass das Funk­tio­nie­ren so­zia­ler In­sti­tu­tio­nen bei der Ver­tei­lung der Gü­ter auf Fik­tio­nen be­ruht.

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ meint also mit Ben­t­ham: Die Wahr­heit be­steht nicht dar­in, dass eine Be­zie­hung zu em­pi­risch ge­ge­be­nen Ob­jek­ten her­ge­stellt wird. Die Wahr­heit ist viel­mehr an ein Sys­tem von Grund­be­grif­fen ge­bun­den, und die­se Grund­be­grif­fe ha­ben sprach­li­chen Cha­rak­ter. Die­se „Fik­tio­nen“ lie­gen nicht nur dem Spre­chen zu­grun­de, sie re­gu­lie­ren auch das Funk­tio­nie­ren der so­zia­len In­sti­tu­tio­nen bei der Ver­tei­lung der Gü­ter.

Seminar 11: Freuds Grundbegriffe als Konventionen

La­can kom­men­tiert Freuds Trie­be und Trieb­schick­sa­le und sagt:

An an­de­rer Stel­le führt er aus, der Trieb habe teil an un­se­ren My­then. Ich las­se für mei­nen Teil den My­then­be­griff bei­sei­te – üb­ri­gens, im Text selbst, im ers­ten Ab­schnitt, ver­wen­det Freud das Wort Kon­ven­ti­on*, das der Sa­che viel nä­her kommt, um die es hier geht, und die ich mit ei­nem Aus­druck Ben­t­hams, auf wel­chen ich be­reits die Auf­merk­sam­keit de­rer ge­lenkt habe, die mir fol­gen, Fik­ti­on nen­nen möch­te. Auf die­sen Aus­druck möch­te ich en pas­sant hin­wei­sen, ihm ist ab­so­lut der Vor­rang zu ge­ben ge­gen­über je­nem über­stra­pa­zier­ten ‚Mo­dell‘. Je­den­falls ist ein Mo­dell nie und nim­mer ein Grund­be­griff*, denn es kön­nen auf ei­nem be­stimm­ten Feld meh­re­re Mo­del­le kor­re­la­tiv funk­tio­nie­ren. Ganz an­ders ein Grund­be­griff* oder eine Grund­fik­ti­on.„50

Eine gute Über­set­zung von Ben­t­hams Be­griff der Fik­ti­on ist dem­nach „Kon­ven­ti­on“ und „Grund­be­griff“. Fik­tio­nen im Sin­ne von Ben­t­ham sind Grund­be­grif­fe, die auf Kon­ven­ti­on be­ru­hen. Als The­se for­mu­liert: Theo­re­ti­sche Grund­be­grif­fe be­ru­hen im­mer auf Kon­ven­tio­nen.

Eine Stütz­punkt für die­se Auf­fas­sung fin­det La­can bei Freud, der sich in Trie­be und Trieb­schick­sa­le ge­gen die For­de­rung aus­spricht, eine Wis­sen­schaft müs­se auf kla­ren und scharf def­nier­ten Grund­be­grif­fen auf­bau­en. Bei der wis­sen­schaft­li­chen Tä­tig­keit be­gin­ne man viel­mehr da­mit, auf das Ma­te­ri­al abs­trak­te Ide­en an­zu­wen­den, die zu­nächst ein ge­wis­ses Maß von Un­be­stimmt­heit ha­ben.

So­lan­ge sie sich in die­sem Zu­stan­de be­fin­den, ver­stän­digt man sich über ihre Be­deu­tung durch den wie­der­hol­ten Hin­weis auf das Er­fah­rungs­ma­te­ri­al, dem sie ent­nom­men schei­nen, das aber in Wirk­lich­keit ih­nen un­ter­wor­fen wird. Sie ha­ben also stren­ge ge­nom­men den Cha­rak­ter von Kon­ven­tio­nen, wo­bei aber al­les dar­auf an­kommt, daß sie doch nicht will­kürz­lich ge­wählt wer­den, son­dern durch be­deut­sa­me Be­zie­hun­gen zum em­pi­ri­schen Stof­fe be­stimmt sind, die man zu er­ra­ten ver­meint, noch ehe man sie er­ken­nen und nach­wei­sen kann.„51

Kei­ne gute Über­set­zung von Ben­t­hams Fik­ti­ons­be­griff ist der Be­griff des Mo­dells. Be­zo­gen auf ei­nen be­stimm­ten Be­reich kann es meh­re­re Mo­del­le ge­ben, nicht aber meh­re­re Grund­be­grif­fe.

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ be­deu­tet dem­nach auch: Wah­re Aus­sa­gen be­ru­hen auf Grund­be­grif­fen, de­ren Be­deu­tung teil­wei­se un­be­stimmt ist und de­ren Ver­wen­dung auf Kon­ven­ti­on be­ruht.

Zusammenfassung der Zusammenfassungen

Die Psy­cho­ana­ly­se steht in ei­nem dop­pel­ten Be­zug zur Wahr­heit.

Zum ei­nen be­ruht die Neu­ro­se auf der  Be­zie­hung von Fra­ge und Ant­wort. Das Sub­jekt stellt sich die „Seins­fra­ge“, es fragt sich „Was bin ich?“, in der Wei­se, dass es sich Fra­gen zu Ge­burt, Tod und Zwei­ge­schlecht­lich­keit stellt, wie die „in­fan­ti­len Se­xu­al­theo­ri­en“ zei­gen. Im Gra­fen des Be­geh­rens wird die­se Fra­ge durch die Li­nie Que vuoi? dar­ge­stellt, „Was willst du?“, als Fra­ge, die vom An­de­ren an das Sub­jekt ge­rich­tet wird; vgl. die­sen Blog­bei­trag.

Die Neu­ro­se gibt eine Ant­wort hier­auf, eine Ant­wort, die durch das ge­sam­te Ver­hal­ten des Neu­ro­ti­kers rea­li­siert wird. Durch die­se Fra­ge-Ant­wort-Be­zie­hung ver­or­tet sich die Neu­ro­se in der Di­men­si­on der Wahr­heit.

Der zwei­te Wahr­heits­be­zug be­steht dar­in, dass der Pa­ti­ent des­halb in eine Psy­cho­ana­ly­se geht, um die „Seins­fra­ge“ zu be­ant­wor­ten, um her­aus­zu­fin­den, was mit ihm ist. Die As­so­zia­tio­nen des Pa­ti­en­ten und die Deu­tun­gen des Psy­cho­ana­ly­ti­kers ge­ben hier­auf eine Ant­wort. Im Spre­chen wird das Ver­dräng­te ent­hüllt, und die Ent­hül­lung des Ver­dräng­ten im Spre­chen ist ein Wahr­heits­ge­sche­hen; Wahr­heit ist, wie Hei­deg­ger mit den Grie­chen sagt, a-let­heia, „Un-Ver­bor­gen­heit“, als Pro­zess auf­ge­fasst: ein Ent­ber­gen, La­can er­gänzt: im Spre­chen.

Die Ant­wort be­steht in fic­tions im Sin­ne von Ben­t­ham. Die­se Fik­tio­nen ha­ben fol­gen­de Merk­ma­le:
– Es han­delt sich Grund­be­grif­fe
– Die­se Grund­be­grif­fe sind nicht klar def­niert, ihre Be­deu­tung ist un­be­stimmt.
– Sie ha­ben kei­nen Be­zug zu em­pi­ri­schen Ob­jek­ten.
– Ihre Ver­wen­dung be­ruht auf Kon­ven­ti­on.
– Es han­delt sich nicht um Mo­del­le, von de­nen meh­re­re ko­exis­tie­ren kön­nen; bei den Grund­be­grif­fen ist das nicht der Fall.

Die Fik­tio­nen lie­gen der Be­deu­tungs­ge­bung – der si­gni­fi­ca­ti­on – zu­grun­de. Die­se Fik­tio­nen sind points de ca­pi­ton, „Stepp­punk­te“ oder bes­ser „Pols­ter­sti­che“, Si­gni­fi­kan­ten, die die Funk­ti­on ha­ben, die Si­gni­fi­ka­te zu fi­xie­ren und so neue Be­deu­tun­gen zu er­zeu­gen. Die Fik­tio­nen äh­neln den Kan­ti­schen Ka­te­go­ri­en; Ben­t­hams Leis­tung be­steht dar­in, dass er sieht, dass sie sprach­li­chen Cha­rak­ter ha­ben.

Die­se fun­die­ren­den Si­gni­fi­kan­ten bil­den eine Struk­tur. Ihre Struk­tur hat for­ma­len Cha­rak­ter; sie äh­nelt den Sys­te­men lo­gi­scher Be­zie­hun­gen, wie sie von Lévi-Strauss als Struk­tur der My­then auf­ge­deckt wur­den.

Si­gni­fi­kan­ten­struk­tu­ren bil­den nicht nur die Grund­la­ge der Neu­ro­sen, son­dern auch der My­then und der so­zia­len In­sti­tu­tio­nen.

Noch kürzer

Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on“ meint: Die Wahr­heit be­steht in der Ent­hül­lung der for­ma­len Si­gni­fi­kan­ten­struk­tur, die dem Her­vor­brin­gen neu­er Be­deu­tun­gen zu­grun­de liegt.

Ausblick: Metapher, Herrensignifikant, Axiom

In Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, be­zieht sich La­can auf Si­gno­rel­lis Fres­ken im Dom von Or­vie­to. Ihr The­ma sind die vier letz­ten Din­ge: Tod, Ge­richt, Höl­le und Him­mel.

Eben ge­nau in­dem wir tau­send Fik­tio­nen – Fik­ti­on wird hier im wahr­haf­tigs­ten Sin­ne ge­nom­men – über das The­ma der letz­ten Zwe­cke er­zäh­len, me­ta­pho­ri­sie­ren wir, be­zäh­men wir, las­sen wir die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Tod zu­rück in die Spra­che ein­tre­ten.52

Die Fres­ken er­zäh­len Fik­tio­nen. Der Be­griff „Fik­ti­on“ wird hier im „wahr­haf­tigs­ten“ Sin­ne ge­nom­men, in sei­nem Wahr­heits­be­zug. Mit sol­chen Fik­tio­nen bil­den wir Me­ta­phern. Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fak­ti­on meint auch: die Wahr­heit hat die Struk­tur der Me­ta­pher.

Ab Se­mi­nar 17, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se (1969/70), be­zeich­net La­can die Si­gni­fi­kan­ten, die Sinn und da­mit Wahr­heit er­zeu­gen, als „Her­ren­si­gni­fi­kan­ten“; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

In Se­mi­nar 21, Les non-du­pes er­rent, (1973/74) wird La­can sei­ne For­mel durch Be­zug auf die Ma­the­ma­tik er­läu­tern:

Ich sage – da­mit lie­ge ich Ih­nen in den Oh­ren –, die Wahr­heit lässt sich nur halb­sa­gen. Das be­deu­tet, zu be­stä­ti­gen, dass es Wahr­heit nur als ma­the­ma­ti­sier­te gibt, das heißt als ge­schrie­be­ne, das heißt, dass sie als Wahr­heit nur von Axio­men ab­hän­gig ge­macht wer­den kann, das heißt, dass es Wahr­heit nur von dem her gibt, was kei­nen Sinn hat, das heißt von dem her, aus dem die Kon­se­quen­zen nur im je­wei­li­gen Re­gis­ter zu zie­hen sind, in die­sem Fall dem Re­gis­ter der ma­the­ma­ti­schen De­duk­ti­on. Und wie kann die Psy­cho­ana­ly­se sich hier­nach vor­stel­len, dass sie von der Wahr­heit aus­geht?“53

Die Wahr­heit be­ruht ge­wis­ser­ma­ßen auf Axio­men: auf Si­gni­fi­kan­ten, die kei­nen Sinn ha­ben.

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Anmerkungen

  1. Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 16, Über­set­zung ge­än­dert.
  2. La Psy­chana­ly­se et son ens­eig­ne­ment, Écrits, S. 451, mei­ne Über­set­zung.
  3. Jeu­nesse de Gide ou la lett­re et le dé­sir, Écrits, S. 741 f., mei­ne Über­set­zung; „Dich­tung“ und „Wahr­heit“ im Ori­gi­nal deutsch. Zur „Wahr­heit der Fik­ti­on“ vgl. im sel­ben Auf­satz auch S. 753 f.– Eine Epi­so­de aus Goe­thes Dich­tung und Wahr­heit wur­de von La­can in Die in­di­vi­du­el­le Neu­ro­se des Neu­ro­ti­kers oder Dich­tung und Wahr­heit in der Neu­ro­se (1953) un­ter­sucht.
  4. Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten, Schrif­ten II, S. 182, Über­set­zung ge­än­dert.
  5. L’acte psy­chana­ly­tique. In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 376, mei­ne Über­set­zung, die drei Punk­te sind im Ori­gi­nal.
  6. Au­tres écrits, S. 19, mei­ne Über­set­zung.
  7. Au­tres écrits, S. 48, mei­ne Über­set­zung.
  8. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 310, Über­set­zung ge­än­dert.
  9. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 328.
  10. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 236.
  11. Zi­tiert Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 313.
  12. Vgl. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 310–317.
  13. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 317.
  14. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 317.
  15. Vgl. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 294 f.
    La­can be­zieht sich hier auf Ser­ge Le­c­lai­re. Le­c­lai­re hat­te die Kon­zep­ti­on des die Neu­ro­se fun­die­ren­den Si­gni­fi­kan­ten aus­ge­ar­bei­tet
    – in ei­nem Vor­trag, zu­sam­men Jean La­plan­che, beim sechs­ten Col­lo­qui­um von Bon­ne­val im Jahr 1960: L’inconscient, une étu­de psy­chana­ly­tique;
    – der Vor­trag wur­de zu­erst ver­öf­fent­licht in Les Temps mo­der­nes, 17. Jg. (1961), Nr. 183, S. 81–99, die Tei­le III und IV sind von Le­c­lai­re;
    – eine aus­führ­li­che­re Ver­si­on ent­hält: Jean La­plan­che, Ser­ge Le­c­lai­re: L’inconscient, une étu­de psy­chana­ly­tique. In: Hen­ri Ey (Hg.): L’Inconscient. VIe Col­lo­que de Bon­ne­val. Des­clée, De Brou­wer, Pa­ris 1966, S. 95–130;
    – Le­c­lai­re hat sei­ne Ana­ly­se wei­ter aus­ge­ar­bei­tet in dem Buch Psy­chana­ly­ser (1968); dt.: S. Le­c­lai­re: Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Pro­zess. Über­setzt von Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1971, Ka­pi­tel V-VII.
  16. Hans Vai­hin­ger: Die Phi­lo­so­phie des Als Ob. Sys­tem der theo­re­ti­schen, prak­ti­schen und re­li­giö­sen Fik­tio­nen der Mensch­heit auf Grund ei­nes idea­lis­ti­schen Po­si­ti­vis­mus. Mit ei­nem An­hang über Kant und Nietz­sche. Reu­ther & Rei­chard, Ber­lin 1911.
  17. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 299.
  18. A.a.O., S. 300.
  19. A.a.O., S. 300.
  20. A.a.O., S. 300, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  21. A.a.O., S. 300, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  22. A.a.O., S. 300.
  23. M. Hei­deg­ger: Sein und Zeit. Nie­mey­er, Tü­bin­gen 1979, S. 12.
  24. Se­mi­nar 4, a.a.O., S. 301.
  25. A.a.O., S. 301.
  26. A.a.O., S. 301 f., Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  27. Vgl. Clau­de Lévi-Strauss: Ein­lei­tung in das Werk von Mar­cel Mauss. In: Mar­cel Mauss: So­zio­lo­gie und An­thro­po­lo­gie, Band 1. Ull­stein, Frank­furt am Main 1978, S. 7–41, v.a. S. 26 („der Si­gni­fi­kant geht dem Si­gni­fi­kat vor­aus und be­stimmt es“) und Teil III, S. 30–41 zur Funk­ti­on des Null­sym­bols.
  28. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che im Freud­schen Un­be­wuss­ten, Schrif­ten I, S. 121.
  29. Se­mi­nar 4, a.a.O., S. 302.
  30. Clau­de Lévi-Strauss: Die Struk­tur der My­then. In: Ders.: Struk­tu­ra­le An­thro­po­lo­gie. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1969, S. 226–254.
  31. Zu La­cans Lévi-Strauss-Re­zep­ti­on vgl. Mar­kos Za­fi­ro­pou­los: La­can et Lévi-Strauss ou le re­tour à Freud (1951–1957). Pres­ses Uni­ver­si­taires de Fran­ce, Pa­ris 2003.
  32. Se­mi­nar 4, a.a.O., S. 302.
  33. Jac­ques Da­mouret­te, Édouard Pi­chon: Des mots à la pen­sée. Es­sai de gram­mai­re de la lan­gue françai­se. 8 Bde. D’Artrey, Pa­ris 1927–1956, Nach­druck Slat­ki­ne, Genf 1968–1983.
  34. Se­mi­nar 4, a.a.O., S. 302 f.
  35. A.a.O., S. 303.
  36. Lévi-Strauss, Die Struk­tur der My­then, a.a.O., S. 237 f., Ein­fü­gung in Klam­mern von Lévi-Strauss.
  37. Die Struk­tur der My­then, a.a.O., S. 252.
  38. Struk­tu­ra­le An­thro­po­lo­gie,  a.a.O., S. 224.
  39. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 19.– Be­reits im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um (1949) spricht La­can vom „his­to­ri­schen Un­ter­fan­gen ei­ner Ge­sell­schaft, sich kei­ne an­de­re als eine nütz­li­che (uti­li­taire) Funk­ti­on mehr zu­zu­er­ken­nen“, Schrif­ten I, S. 69.
  40. Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1959, Ver­si­on Miller/Haas, S. 20.
  41. Charles Kay Og­den: Bentham’s theo­ry of fic­tions. Har­court, Brace & Co, New York 1932, Ke­gan Paul u.a., Lon­don 1932, fo­to­me­cha­ni­scher Nach­druck Rout­ledge, Lon­don 2000.
  42. Se­mi­nar 7, a.a.O., S. 20.
  43. Zu Ben­t­ham vgl. Jean-Pierre Clé­ro und Chris­ti­an La­val: In­tro­duc­tion. La théo­rie des fic­tions et l’utilitarisme. In: Je­re­my Ben­t­ham: De l’ontologie et au­tres tex­tes sur les fic­tions. Englisch/französisch. Über­setzt und kom­men­tiert von J.-P. Clé­ro u. Ch. La­val. Seuil, Pa­ris 1997, S. 9–68.–Miran Božo­vič: Ben­t­hams Pan­op­ti­kon und die On­to­lo­gie der Fik­tio­nen. In: Jaques-Alain Mil­ler u.a.: Uti­li­ta­ris­mus. Tu­ria + Kant, Wien 1996, S. 52–86.– Jac­ques-Alain Mil­ler: Je­re­my Ben­t­hams pan­op­ti­sche Ma­schi­ne­rie. In: Uti­li­ta­ris­mus, a.a.O., S. 7–51, dar­in zur Theo­rie der Fik­tio­nen: S. 43–48.– Nomi Maya Stol­zen­berg: Bentham’s Theo­ry of Fic­tions  – A „Cou­rious Dou­ble Lan­guage“. In: Car­do­zo Stu­dies in Law and Li­te­ra­tu­re, 11. Jg. (1999), S. 223–261, im In­ter­net hier.
    Zu La­cans Ben­t­ham-Re­zep­ti­on vgl. Jean-Pierre Clé­ro: La­can, lec­teur de Ben­t­ham. „La vé­rité a struc­tu­re de fic­tion“. In: L’Unebévue. Re­vue de psy­chana­ly­se Nr. 13, 1999.– Jean-Pierre Clé­ro: La­can, Ja­kobson et Ben­t­ham. In: Em­ma­nu­el­le de Champs und Jean-Pierre Clé­ro: Ben­t­ham et la Fran­ce: for­tu­ne et in­for­tu­nes de l’utilitarisme. Vol­taire Foun­da­ti­on, Ox­ford 2009, S. 259–274.
  44. Truth is a fic­titious en­t­i­ty“, J. Ben­t­ham: Hume’s vir­tu­es, zit. n. Cléro/Laval, a.a.O., S. 16 Fn. 1.
  45. Se­mi­nar 7, a.a.O., S. 20.
  46. Se­mi­nar 7, a.a.O., S. 20.
  47. Se­mi­nar 7, 11. Mai 1960, a.a.O., S. 275.
  48. Se­mi­nar 7, a.a.O., S. 275.
  49. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 171; Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 12. April 1967; Se­mi­nar 16, Ver­si­on Mil­ler, S. 190; Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 9, 64 f.; Se­mi­nar 24, Sit­zung vom 17. Mai 1977.
  50. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 171, Aus­drü­cke in kur­siv mit Stern sind im Ori­gi­nal deutsch.
  51. S. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 75–102, hier: S. 81.
  52. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 46.
  53. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1973; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.

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