Ethik der Psychoanalyse

Lacans Konzeption des Todestriebs

Ro­bert Po­li­do­ri, Tscher­no­byl, Kon­troll­raum, 2001, von hier

La­cans ent­wi­ckelt in Se­mi­nar 7 von 1959/60 nicht nur eine Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, son­dern auch eine Trieb­theo­rie. Im Fol­gen­den gebe ich ei­nen Über­blick über die in die­sem Se­mi­nar ent­hal­te­nen The­sen über den To­des­trieb. Die durch­num­me­rier­ten The­sen sind kei­ne Zi­ta­te, son­dern mei­ne Zu­sam­men­fas­sun­gen von La­cans Be­mer­kun­gen. Die Sei­ten­an­ga­ben in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Aus­ga­be von Miller/Haas.

Kritik an Freud

(1) Der To­des­trieb ist nicht, wie Freud das tut, von ei­ner En­er­gie­leh­re  aus zu be­grei­fen. (253)

(2) Freuds Kon­zep­ti­on des To­des­triebs, als Herr­schaft des Kon­stanz­prin­zips oder des Nir­wa­naprin­zips1 ist we­der wahr noch falsch – sie ist su­spekt, lä­cher­lich. (257)

(3) Pro­ble­ma­tisch ist auch Freuds Zu­rück­füh­rung des To­des­triebs auf ei­nen pri­mä­ren Ma­so­chis­mus2, also auf ei­nen Zer­stö­rungs­trieb, den das Sub­jekt ur­sprüng­lich ge­gen sich selbst rich­tet. (288)

(4) Freuds Be­griff des To­des­triebs ist eine krea­tio­nis­ti­sche Sub­li­mie­rung, wie bei Sade. (246, 257)

Fra­ge:
Was meint er da­mit?

Zerstören und Neuschaffen bilden eine Einheit

(1) Der To­des­trieb ist ein „Wil­le“ zur di­rek­ten Zer­stö­rung, und zwar von al­lem, was exis­tiert. Der Aus­druck „Wil­le“ darf hier aber nicht phi­lo­so­phisch be­las­tet wer­den, er ist bei­spiels­wei­se nicht im Sin­ne von Scho­pen­hau­er ge­meint; er mar­kiert nur den Ge­gen­satz zu dem von Freud be­haup­te­ten Gleich­ge­wichts­stre­ben. (255–257)

(2) Statt von „To­des­trieb“ kann man auch von „ra­di­ka­lem Be­geh­ren“ spre­chen: Das Feld des ra­di­ka­len Be­geh­rens ist das Feld der ab­so­lu­ten De­struk­ti­on. (262)

Er­läu­te­rung
Die Be­grif­fe „Trieb“ und „Be­geh­ren“ wer­den in Se­mi­nar 7 nicht streng ge­trennt.

(3) Das Ziel des To­des­triebs ist der „zwei­te Tod“: der ab­so­lu­te Null­punkt (243, 299).

Er­läu­te­rung
La­can be­zieht sich hier auf das so­ge­nann­te „Sys­tem von Papst Pius VI.“ in vier­ten Teil von Sa­des Ju­li­et­te.3 Pius VI. pro­pa­giert eine Zer­stö­rung, die über den nor­ma­len Mord hin­aus­geht. Ein Mord ist in­so­fern be­grenzt, als er nur das ers­te Le­ben des In­di­vi­du­ums ver­nich­tet. Der Leich­nam lebt in ge­wis­ser Wei­se fort: er ver­west, und das heißt, er geht in den Kreis­lauf von Wer­den und Ver­ge­hen ein. Ein ra­di­ka­ler Mord wür­de auch die­sen Le­bens­kreis­lauf zer­stö­ren und so dem In­di­vi­du­um auch noch das zwei­te Le­ben neh­men. Eine sol­che Ver­nich­tung stün­de im Diens­te der Na­tur: sie wür­de die Na­tur aus den Fes­seln der sie ein­schrän­ken­den Na­tur­ge­set­ze be­frei­en und zu ei­nem ra­di­ka­len Neu­an­fang zwin­gen. (Von La­can zi­tiert auf S. 255.)

Bei La­can meint „ab­so­lu­ter Null­punkt“: der ab­so­lu­te Null­punkt der Ein­schrei­bung von Si­gni­fi­kan­ten in den Kör­per und da­mit der Null­punkt der Kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jekts.

(4) Der To­des­trieb ist nicht nur ein Wil­le zur Zer­stö­rung, son­dern zu­gleich ein Wil­le zur Neu­schöp­fung, zum Neu­be­ginn. Er ist Wil­le zur Schöp­fung aus dem Nichts. (257)

Er­läu­te­rung
Da­mit wird Freuds Un­ter­schei­dung zwi­schen zwei Trieb­grup­pen, Le­bens­trie­ben und To­des­trie­ben, in­di­rekt zu­rück­ge­wie­sen. Der To­des­trieb ist zu­gleich Le­bens­trieb; Zer­stö­ren und Neu­schaf­fen sind zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Dy­na­mik. La­can ist in die­sem Punkt He­ge­lia­ner: die be­stimm­te Ne­ga­ti­on ist Zer­stö­rung und Schöp­fung zu­gleich.4 Man darf sich durch den Aus­druck „To­des­trieb“ also nicht ir­re­füh­ren las­sen. Der To­des­trieb ist auch ein Schöp­fungs­trieb, ein Le­bens­trieb.

Der Todestrieb zielt auf das Nichts der Signifikantenschöpfung aus dem Nichts, auf das Ding

(1) Der Wil­le zum Neu­an­fang durch Zer­stö­rung be­ruht auf der Funk­ti­on der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te. Der To­des­trieb be­ruht auf ei­nem fun­da­men­ta­len Ein­ge­den­ken, ei­ner Er­in­ne­rung, ei­ner Mar­kie­rung, ei­ner Ver­ge­schicht­li­chung, die von der Exis­tenz ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ab­hängt. (253)

(2) Die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist Schöp­fung aus dem Nichts, sie grün­det sich auf das ex ni­hi­lo. (257)

Er­läu­te­rung
Mit dem Nichts ist nicht die Ver­nich­tung ei­nes be­stimm­ten Si­gni­fi­kan­ten ge­meint. Das Nichts, aus dem die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ent­steht, ist ein Ver­lust im Zen­trum des Rea­len.
Die­sen Ge­dan­ken fin­det man zu­erst in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se von 1953/56; das Sym­bol, so heißt es dort, ma­ni­fes­tiert sich zu­nächst als „Mord an der Sa­che“5, er­läu­tert wird das durch das von Freud be­schrie­be­ne Fort-Da-Spiel6.
In Das Se­mi­nar über E. A. Poes ‚Der ent­wen­de­te Brief‘ von 1957 schreibt La­can, dass „der Si­gni­fi­kant (…) die In­stanz des To­des ma­te­ria­li­siert“7.
In Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuss­ten und die Ver­nunft seit Freud von 1957 liest man:  „Jene Ket­te, die Ket­te ei­nes to­ten Be­geh­rens ist, wohnt in ei­nem Ge­dächt­nis, ver­gleich­bar dem, das man eben­so nennt bei un­sern mo­der­nen Denkap­pa­ra­ten“8.
Mit dem Rück­griff auf die Schöp­fung aus dem Nichts, eine Fi­gur der christ­li­chen Theo­lo­gie, be­tont La­can, dass die Ein­füh­rung des Si­gni­fi­kan­ten ei­nen ab­so­lu­ten An­fang dar­stellt. Er wi­der­setzt sich da­mit der evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­schen Er­klä­rung der Ent­ste­hung von Den­ken und Be­wusst­sein. Wenn die Evo­lu­ti­on auf Den­ken und Be­wusst­sein hin­aus­läuft, im­pli­ziert dies, dass sie von An­fang an im Spiel wa­ren, also ei­nen Schöp­fer­gott; ein athe­is­ti­sches Den­ken muss des­halb krea­tio­nis­tisch sein. (258)

(3) Das Nichts, auf das der To­des­trieb ab­zielt, heißt bei La­can auch „das Ding“. (257)

Er­läu­te­rung
Ding“
Das „Ding“ ist bei Freud das, wor­um die Vor­stel­lun­gen krei­sen, was aber von den Vor­stel­lun­gen nicht as­si­mi­liert wer­den kann.9 Bei La­can wird dar­aus im Ethik-Se­mi­nar das Ab­we­sen­de, um das sich die Be­we­gung der Si­gni­fi­kan­ten dreht, was aber für die Si­gni­fi­kan­ten un­zu­gäng­lich ist, ent­spre­chend zu Freuds Ge­dan­ken von der Mut­ter als ei­nem auf ewig ver­lo­re­nen Ob­jekt.
La­can pen­delt zwi­schen dem deut­schen Wort „Ding“ und dem fran­zö­si­schen Wort „Cho­se“. Spä­ter wird dar­aus das un­mög­li­che Ge­nie­ßen.

(4) Vom Si­gni­fi­kan­ten aus kann al­les in Fra­ge ge­stellt wer­den (255–257), kann ver­sucht wer­den, auf das Nichts zu­rück­zu­kom­men.

(5) Der Zer­stö­rungs­trieb be­ruht also in­so­fern auf der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, als er auf das Nichts zielt, das mit der Ein­füh­rung der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ver­bun­den ist.

(6) Das Nichts, auf das der To­des­trieb ab­zielt, ist, mit He­gel und Hei­deg­ger, das Sein.

Er­läu­te­rung
Vgl. hier­zu den Bei­trag „‚Zwei­ter Tod‘ und ‚Zwi­schen-zwei-To­denin La­cans Ethik-Se­mi­nar“ in die­sem Blog.

Der Todestrieb zielt auf das Genießen

(1) Der To­des­trieb zielt auf das Ding als (un­er­reich­bar] Ob­jekt des Ge­nie­ßens. Er zielt auf ein Ge­nie­ßen jen­seits des Lust­prin­zips.

Er­läu­te­rung
Das er­gibt sich aus die­sen Be­haup­tun­gen:
– Das Ge­nie­ßen ist Be­frie­di­gung nicht des Be­dürf­nis­ses, son­dern des Triebs. (253)
– Der To­des­trieb zielt auf das Ding. (257)
– Das Ding ist das un­er­reich­ba­re Ob­jekt des Ge­nie­ßens. (246)
– Das Ge­nie­ßen ist eine Be­frie­di­gung jen­seits des Lust­prin­zips. (224)

Auch das Todesbegehren ist das Begehren des Anderen

(1) Der To­des­trieb oder das To­des­be­geh­ren ist, wie je­des Be­geh­ren, ein Be­geh­ren, das vom Be­geh­ren des An­dern ab­zweigt, vom Be­geh­ren, das der An­de­re hat. (339)

Er­läu­te­rung
An­ti­go­ne ist für La­can die Ver­kör­pe­rung des rei­nen De­struk­ti­ons­triebs, des To­des­be­geh­ren. Der Zer­stö­rungs­trieb ist die fa­mi­liä­re atē, das „Un­heil“ ih­rer Fa­mi­lie, das Be­geh­ren des An­de­ren, das von An­ti­go­ne über­nom­men wird. Der To­des­trieb nimmt hier die Form des Ver­bre­chens an, die Zer­stö­rung rich­tet sich ge­gen das Ge­setz. Am An­fang der Ge­nea­lo­gie die­ses Be­geh­rens steht das in­zes­tuö­se Be­geh­ren von Io­kaste (die mit ih­ren Sohn hei­ra­tet, Ödi­pus). Io­kaste „ver­erbt“ das ver­bre­che­ri­sche Be­geh­ren an ih­ren Sohn und En­kel Po­lyn­ei­kes; bei die­sem rich­tet es sich dar­auf, die Ge­set­ze der Stadt zu über­tre­ten. In­dem An­ti­go­ne das von Kre­on er­las­sen­de Be­stat­tungs­ver­bot über­tritt, macht sie sich zu der­je­ni­gen, die die Gel­tung von Po­lyn­ei­kes‘ Ver­bre­chen auf sich nimmt und die fa­mi­liä­re atē ver­ewigt (339).

Das Ding ist von Schranken umgeben

(1) Das Ding – das Feld der ab­so­lu­ten Destruktion/Neuschöpfung – ist un­er­reich­bar, es ist durch Schran­ken ge­schützt. (258)

(2) Die ers­te Gren­ze ist das Lust­prin­zip, die Gren­ze ist der Schmerz. (288)

(3) Eine wei­te­re Gren­ze ist das Ge­setz, das Ver­bot.

(4) Das Ge­setz ist  al­ler­dings ohn­mäch­tig: es stellt ei­nen An­reiz zur Über­schrei­tung dar. (236)

Er­läu­te­rung
Dies folgt aus:
– Der To­des­trieb zielt auf das Ding. (257)
– Das Ding ist das un­er­reich­ba­re Ob­jekt des Ge­nie­ßens. (246)
– Das Ge­nie­ßen ist auf eine Über­schrei­tung an­ge­wie­sen, auf die Über­schrei­tung des Ge­set­zes, des Ver­bots. (236)

(5) Für das ohn­mäch­ti­ge Ge­setz springt das Über-Ich ein. (226)

(6) Eine vier­te Form der Gren­ze ist die Sub­li­mie­rung.

Die Sublimierung ist eine Umbildung des Todestriebs

(1) Die Sub­li­mie­rung ist eine Sub­li­mie­rung des To­des­triebs.

Er­läu­te­rung
Das er­gibt sich aus  der The­se, dass uns die bei­den For­men der Sub­li­ma­ti­on „vom Feld ab­so­lu­ter De­struk­ti­on“ (262) tren­nen.

(2) Die Sub­li­mie­rung be­steht dar­in, dass ein Ob­jekt zur Wür­de des Dings er­ho­ben wird. (139–142)

Er­läu­te­rung
Die Sub­li­mie­rung be­steht dar­in, dass ein em­pi­ri­sches Ob­jekt – ein be­stimm­tes In­di­vi­du­um, eine kon­kre­te Sa­che – zum Re­prä­sen­tan­ten des un­wie­der­bring­lich ver­lo­re­nen Ge­nie­ßens wird.
Die For­mu­lie­rung „di­gnité de la Cho­se“ – Wür­de des Dings – spielt mit der Laut­ähn­lich­keit von „Ding“ und „di­gnité“.

(3) Die Sub­li­mie­rung hat zwei Haupt­for­men: das Gute und das Schö­ne. (262)

(4) Die bei­den For­men der Sub­li­mie­rung las­sen uns auf dem Weg zur ra­di­ka­len Zer­stö­rung in­ne­hal­ten, zei­gen aber zu­gleich, in wel­cher Rich­tung das Feld der De­struk­ti­on liegt. (262)

Die Sublimierung des Todestriebs durch das Gute

(1) Das ers­te Auf­fang­netz des To­des­triebs ist das Gute. (262) Das Gute ist die Macht der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung als Macht. (281)

Er­läu­te­rung
La­can spielt hier mit der Drei­fach­be­deu­tung von le bien: (a) das Gute, (b) das Wohl, (c) das Gut, z.B. das Wirt­schafts­gut. Mit dem „Gu­ten“ be­zieht er sich auf die staat­li­che Po­li­tik, die auf das all­ge­mei­ne „Wohl“ ab­zielt. „Das Gute“ be­steht in der Be­för­de­rung des all­ge­mei­nen „Wohls“ durch die Ver­sor­gung mit „Gü­tern“, also in der Er­mög­li­chung der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung.
Wenn die Sub­li­mie­rung dar­in be­steht, dass ein Ob­jekt zur Wür­de des Dings er­ho­ben wird, muss das hei­ßen, dass im Be­reich des Gu­ten – der staat­li­chen Po­li­tik – die Gü­ter vor dem Hin­ter­grund des ra­di­ka­len Ver­lusts er­schei­nen.

(2) Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Ent­spre­chung zum Gu­ten ist das Ichi­de­al. (281 f.)

Er­läu­te­rung
Das Ichi­de­al ist das Ide­al der All­macht; es grün­det sich auf die Macht des An­de­ren, die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung zu er­fül­len oder zu­rück­zu­wei­sen.

(3) Der As­pekt des To­des­triebs im Be­reich des Gu­ten ist der ge­sell­schaft­li­che Krieg. (282)

Er­läu­te­rung
Mit Marx & En­gels: der Klas­sen­kampf.
Der ge­sell­schaft­li­che Krieg ist eine Kluft im Zen­trum des Rea­len. Die staat­li­che Be­för­de­rung des Ge­mein­wohls durch Gü­ter­ver­sor­gung dient der Ab­wehr des ge­sell­schaft­li­chen Kriegs und ver­weist zu­gleich auf ihn.

(4) Ein Bei­spiel da­für, wie die Schran­ke des Gu­ten in Rich­tung auf die ab­so­lu­te Zer­stö­rung über­schrit­ten wird, gibt Kre­on in So­pho­kles‘ An­ti­go­ne. Er, der Ver­tre­ter des Gu­ten (des Staats­wohls) ver­wei­gert Po­lyn­ei­kes ein or­dent­li­ches Be­gräb­nis, und das heißt: er wünscht ihm den zwei­ten Tod. (306)

(5) Eine un­ter­ge­gan­ge­ne Form der Sub­li­mie­rung im Be­reich des Gu­ten ist der Pot­latsch, die ri­tu­el­le Ver­nich­tung von Gü­tern. (283)

Er­läu­te­rung
La­can lässt sich hier wie auch sonst in Sa­chen To­des­trieb von Ge­or­ges Ba­tail­le in­spi­rie­ren.10 Die Gü­ter wer­den zer­stört und da­mit zur Wür­de des Dings er­ho­ben, das ja ver­nich­tet ist.

Die Sublimierung des Todestriebs durch das Schöne

(1) Die Sub­li­mie­rung in Form des Schö­nen liegt nä­her am Feld ra­di­ka­ler Zer­stö­rung als die Sub­li­mie­rung durch das Gute. (262)

Er­läu­te­rung
Ich den­ke hier­bei an die Cha­rak­te­ri­sie­rung von Schön­hei­ten als „ver­letzt­lich“.

Fra­ge
War­um liegt das Schö­ne nä­her am Feld der Zer­stö­rung als das Gute? Das habe ich nicht ver­stan­den.

(2) Das Schö­ne schüch­tert das Be­geh­ren ein. (286, 298)

Er­läu­te­rung
… also auch das Be­geh­ren nach ra­di­ka­ler Zer­stö­rung.

(3) Das zeigt sich ganz kon­kret in der Ana­ly­se­sit­zung. Im­mer dann, wenn der Pa­ti­ent sich dem De­struk­ti­ons­trieb nä­hert, mo­bi­li­siert er in sei­nen As­so­zia­tio­nen das äs­the­ti­sche Re­gis­ter, etwa in Form von li­te­ra­ri­schen Zi­ta­ten oder mu­si­ka­li­schen An­spie­lun­gen. (287)

(4) Ein Bei­spiel für die Sub­li­mie­rung in Form des Schö­nen ist An­ti­go­ne. Ge­nau in dem Mo­ment, in dem sie von Kre­on dazu ver­ur­teilt wird, le­ben­dig in ein Grab ein­ge­schlos­sen zu sein, er­scheint sie dem Chor als schön. (299 f., 312 f., 322)

Er­läu­te­rung
Durch die Po­si­ti­on auf der Gren­ze zwi­schen Le­ben und Tod wird An­ti­go­ne zur Wür­de des Dings er­ho­ben und da­mit schön.

Der Todestrieb ist im Inneren des Wissenschaftsdiskurses wirksam

(1)  Die Fra­ge des To­des­triebs ist eine ak­tu­el­le, mit der Ge­schich­te ver­bun­de­ne Fra­ge. Die Zer­stö­rung der For­men des Le­bens, von der Sade phan­ta­siert hat­te, ist Wirk­lich­keit ge­wor­den. Die ato­ma­re Strah­lung ruft Mu­ta­tio­nen her­vor, zer­stört also die For­men des Le­bens. (279)

(2) Die­se Form der Zer­stö­rung ist eine Fol­ge des Wis­sen­schafts­dis­kur­ses. Der Wis­sen­schafts­dis­kurs ist ver­bun­den mit der Wirk­sam­keit des Si­gni­fi­kan­ten – der ma­the­ma­ti­sier­ten Phy­sik – im Rea­len, also der ver­wis­sen­schaft­lich­ten Tech­nik. Die­ser durch die All­macht des Si­gni­fi­kan­ten er­zeug­te Dis­kurs führt mög­li­cher­we­se zur Des­in­te­gra­ti­on der Na­tur. (283 f.)

Der Masochismus zeigt die Struktur des Todestriebs

(1) Der Ma­so­chis­mus (im Sin­ne der Per­ver­si­on) zeigt wie in ei­ner Ka­ri­ka­tur die Struk­tur des Todestriebs.Der Ma­so­chist wünscht, dass man ihn wie ein Ob­jekt be­han­delt, wie ei­nen Skla­ven, d.h. er zielt dar­auf ab, auf ein „Nichts“ re­du­ziert zu wer­den, auf das „Ding“. (288)

Ethik der Psychoanalyse

(1) Die Psy­cho­ana­ly­se hat die Auf­ga­be, dem Pa­ti­en­ten ei­nen Zu­gang zu sei­nem Be­geh­ren zu er­mög­li­chen. (380–384)

Er­läu­te­rung
Sie hat ihn also nicht zu­letzt mit dem To­des­trieb zu kon­fron­tie­ren, mit dem Stre­ben nach to­ta­ler Zerstörung/Neuschöpfung. Bei Freud: mit dem Wunsch, nicht ge­sund zu wer­den.

Die Struktur des Todestriebs – Notiz RN

Freud un­ter­schei­det vier Be­stand­tei­le des Triebs: Drang, Ziel, Ob­jekt und Quel­le.11

Also kann man viel­leicht vier Kom­po­nen­ten des To­des­triebs un­ter­schei­den:
– Drang des To­des­triebs: Vernichten/Neuschaffen
– Ziel des To­des­triebs: Ge­nie­ßen
– Ob­jekt des To­des­triebs: Ding
– Quel­le des To­des­triebs: Schnitt

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Anmerkungen

  1. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272.
  2. Vgl. S. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 339–354.
  3. Vgl. Do­na­ti­en Alphon­se François de Sade: His­toire de Ju­li­et­te, ou les Pro­s­pé­rités du Vice (Ju­li­et­te oder das Wohl­erge­hen des Las­ters), 1796. Im In­ter­net hier.
  4. Zur crea­tio ex ni­hi­lo (Schöp­fung aus dem Nichts) als be­stimm­ter Ne­ga­ti­on vgl. Sla­voj Žižek: Auf ver­lo­re­nem Pos­ten. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2009; die ge­naue Stel­le habe ich nicht mehr fin­den kön­nen.
  5. Schrif­ten I, S. 166, Über­set­zung ge­än­dert.
  6. Ebd., S. 165 f.
  7. Schrif­ten I, S. 22.
  8. Schrif­ten II, S. 44.
  9. Vgl. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Py­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Py­cho­ana­ly­se 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 2. Aufl. 1975, S. 299–384, zum Ding: S. 335, 338f., 365.
  10. Zum Pot­latsch vgl. Ba­tail­le: Der ver­fem­te Teil (La part mau­di­te, 1949). In: Ders.: Das theo­re­ti­sche Werk, Band 1. Ro­gner & Bern­hard, Mün­chen 1975, S. 33–236, dar­in: Zwei­ter Teil, II. Das Ri­va­li­täts­ge­schenk (Der Pot­latsch), S. 93–110.- Zu Sade vgl. Ba­tail­le: Der hei­li­ge Eros (L’érotisme, 1957). Ull­stein, Frank­furt am Main u.a.  1982, dar­in v.a. „Der sou­ve­rä­ne Mensch Sade“, S. 161–173, und „Sade und der nor­ma­le Mensch“, S. 174–193.
  11. Vgl. S. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 75–102, hier: 85–87.

Kommentare

Lacans Konzeption des Todestriebs — 3 Kommentare

  1. PS: mir wird ge­ra­de klar, dass mit mei­nem vor­ste­hen­den Ver­such dei­ne Fra­ge, was krea­tio­nis­ti­sche Sub­li­mie­rung heißt, nicht hin­rei­chend und nur so­weit be­ant­wor­tet ist, wie von dir be­reits un­ter „Die Sub­li­mie­rung ist eine Um­bil­dung des To­des­triebs“ und „…durch das Gute, …durch das Schö­ne“ be­reits aus­ge­führt. Kön­nen wir er­gän­zen: Die Sub­li­mie­rung des To­des­triebs durch die Zer­stö­rung?
    Kön­nen wir die Zer­stö­rung selbst als eine Sub­li­mie­rung des To­des­triebs auf­fas­sen, die die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te als eine Schöp­fung aus dem Nichts ei­nes Schnit­tes er­mög­licht?
    Es bleibt die Fra­ge athe­is­tisch krea­tio­nis­tisch den­ken?

    • Lie­ber Eck­hard,
      dan­ke für dei­ne aus­führ­li­chen Er­gän­zun­gen zu die­sem Bei­trag!
      Was dei­ne Fra­gen an­geht, so kann ich sie erst ein­mal nur auf mich wir­ken las­sen.
      Das Biss­chen, das ich nach die­sem Ar­ti­kel über den To­des­trieb neu hin­zu­ge­lernt habe, fin­dest du in dem Bei­trag „Der zwei­te Tod – ein Bei­spiel“.
      Herz­lich grüßt dich: Rolf

  2. Lie­ber Rolf,
    welch ein flash! Ich habe die Ethik mehr­fach ge­le­sen – und im­mer noch fal­len die Scheu­klap­pen wie Schup­pen, vom „Jen­seits des Lust­prin­zips“.
    Ein Ver­such zu dei­ner „Fra­ge: Was meint er (La­can) da­mit…, dass (4) Freuds Be­griff des To­des­triebs (ist) eine krea­tio­nis­ti­sche Sub­li­mie­rung, wie bei Sade. (246, 257) ist“? Ich den­ke hier könn­te auf eine for­ma­le Ent­spre­chung des Be­griffs des To­des­triebs Freuds mit dem Sys­tem hin­ge­deu­tet sein, das Sade Papst Pius VI. zu­schreibt. (S. 254f.)

    Wenn (4) „Der To­des­trieb (ist) nicht nur ein Wil­le zur Zer­stö­rung, son­dern zu­gleich ein Wil­le zur Neu­schöp­fung,… Schöp­fung aus dem Nichts. (257) ist, so ist dies zwar eine sehr deut­li­che, si­gni­fi­kan­ten-theo­re­tisch be­grün­de­te Ver­schie­bung ge­gen­über dem freud­schen, en­er­ge­tisch be­grün­de­ten To­des­trieb, mit der aber m. E. des­sen „Un­ter­schei­dung zwi­schen zwei Trieb­grup­pen, Le­bens­trie­ben und To­des­trie­ben“ nur zum Teil „in­di­rekt zu­rück­ge­wie­sen“ wird (sie­he dei­ne Er­läu­te­rung). Auch für Freud ist „der To­des­trieb (ist) zu­gleich Le­bens­trieb; Zer­stö­ren und Neu­schaf­fen sind zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Dy­na­mik….“ in­so­fern auch er das gleich­zei­ti­ge Vor­kom­men bei­der Trie­be, bei­der Sei­ten als Mi­schungs­ver­hält­nis be­tont und we­ni­ger als „rein“, al­lein vor­kom­men­de Trie­be denkt. Ist die­ser As­pekt bei ihm nicht be­reits mit der Ein­füh­rung des De­struk­ti­ons­trie­bes als Re­fe­renz auf Sa­bi­na Spiel­reins „Die De­struk­ti­on als Ur­sa­che des Wer­dens“ an­ge­legt? Geht da­von viel­leicht so­gar die vor­ge­nann­te Ver­schie­bung La­cans aus?

    Dass die „Ein­füh­rung des Si­gni­fi­kan­ten (als ab­so­lu­ter) An­fang“, dass sich die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te durch Zer­stö­rung als eine „Schöp­fung aus dem Nichts,… auf das ex ni­hi­lo…, (auf) eine Fi­gur der christ­li­chen Theo­lo­gie“ grün­det (257) und das „ein athe­is­ti­sches Den­ken“… „krea­tio­nis­tisch sein (muss)“ trift wie ein „Blitz“: Das – in den christ­lich-fun­da­men­ta­lis­ti­schen und evan­ge­li­ka­len Strö­mun­gen in den USA star­ke – Krea­ti­ons­ti­sche athe­is­tisch den­ken, und sich „da­mit der evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­schen Er­klä­rung der Ent­ste­hung von Den­ken und Be­wusst­sein“ wi­der­set­zen, da sie dann „von An­fang an im Spiel wa­ren, (und) also ei­nen Schöp­fer­gott…, im­pli­zie­ren“ (258); krea­ti­ons­tisch athe­is­tisch den­ken, um den homo fa­ber, den Pro­du­zen­ten und die Pro­duk­ti­on als „ori­gi­na­len Be­reich… ei­ner Krea­ti­on es ni­hi­lo“ als „„Evo­lu­ti­on der Ma­te­rie“ her­vor­ge­hen zu las­sen“, die „die Or­ga­ni­sa­tio­nen des Si­gni­fi­kan­ten in die na­tür­li­che Welt ein­ge­führt“. (Sie­he S. 259)

    In Be­zug dar­auf fand ich dei­ne Aus­füh­run­gen zu „Der To­des­trieb ist im In­ne­ren des Wis­sen­schafts­dis­kur­ses wirk­sam“ und zur oft miss­ver­stan­den „Ethik der Psy­cho­ana­ly­se“, recht knapp. Viel­leicht sind dazu noch Ver­wei­se in­ner­halb des Blocks mög­lich.
    Mit gro­ßem Dank und herz­li­chen Gruß
    Eck­hard Bär, Kas­sel

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