Lacans Schemata

Lacans Schema L

Her­stel­lung ei­ner Tri­oden­röh­re
Au­tor: „F2FO, Ra­dio­ama­teur seit 1959“

Sche­ma L ist ein von La­can häu­fig ver­wen­de­tes Dia­gramm der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Es wird ein­ge­führt in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se. Da­nach ent­wi­ckelt La­can zahl­rei­che Va­ri­an­ten des Sche­mas, zu­letzt im Auf­satz Kant mit Sade von 1963; in Se­mi­nar 17 von 1969/70 mu­tiert es zu den so­ge­nann­ten Dis­kurs­ma­the­men.

Schema L, Version Poe-Aufsatz

Sche­ma L, Ver­si­on Poe-Auf­satz (1957)

Im Fol­gen­den zi­tie­re und kom­men­tie­re ich La­cans Er­läu­te­rung des Sche­mas in Se­mi­nar 2.

Hintergrund

Ein­ge­führt wird das Dia­gramm in der Sit­zung vom 25. Mai 1955.1 Wie es in Se­mi­nar 2 ge­nau aus­sah, ist nicht be­kannt, es hat dort auch kei­nen Ti­tel. In Se­mi­nar 3 be­zeich­net La­can es als „Sche­ma der ana­ly­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on“2.

Mil­ler druckt in sei­ner Ver­si­on von Se­mi­nar 2 eine spä­ter von La­can ver­öf­fent­lich­te Va­ri­an­te des Sche­mas ab, das Dia­gramm aus dem Poe-Auf­satz von 1957.3 Im Poe-Auf­satz wird die Zeich­nung als „Sche­ma L“ be­zeich­net, viel­leicht für die An­fangs­buch­sta­ben von „La­can„4, viel­leicht des­halb, weil man, wenn man das Sche­ma ver­ti­kal spie­gelt, den klein­ge­schrie­be­nen grie­chi­schen Buch­sta­ben Lamb­da, also λ, dar­in wie­der­ent­de­cken kann.5 Im Fran­zö­si­schen meint lamb­da das Ty­pi­sche, das Ge­wöhn­li­che, le sché­ma lamb­da wäre also so et­was wie „das Nor­mal­sche­ma“.

Die im Poe-Auf­satz ver­öf­fent­li­che Ver­si­on weicht von der Ver­si­on oder den Ver­sio­nen, die in Se­mi­nar 2 an der Ta­fel stan­den, leicht ab.

Schema L - mit m und aIn Se­mi­nar 2 be­zeich­ne­te La­can die bei­den End­punk­te der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung meist als m (für moi, Ich) und a (für aut­re, an­de­rer), im Dia­gramm des Poe-Auf­sat­zes hei­ßen sie a (für Ich) und aꞌ (für an­de­rer). In der ne­ben­ste­hen­den Dar­stel­lung habe ich die Be­zeich­nun­gen aꞌ und a ge­gen a und m aus­ge­tauscht. Der Buch­sta­be a be­zieht sich also in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes auf das Ich, in La­cans Er­läu­te­run­gen in Se­mi­nar 2 hin­ge­gen auf den an­de­ren.

Au­ßer­dem stand in Se­mi­nar 2 das S un­ten, wie der Ste­no­ty­pie zu ent­neh­men ist6; im Poe-Auf­satz steht es oben links. Mög­li­cher­wei­se ist das Sche­ma in die­sem Auf­satz ge­gen­über der Ver­si­on, die in Se­mi­nar 2 an der Ta­fel stand, um 90 oder 180 Grad ge­dreht wor­den.

Pfeil­li­ni­en, wie sie das Sche­ma in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes zeigt, oder ein­sei­ti­ge Ori­en­tie­run­gen der Ver­bin­dungs­li­ni­en wer­den in Se­mi­nar 2 nicht er­wähnt.

Im Fol­gen­den be­zie­he ich mich, ent­spre­chend der Mil­ler-Ver­si­on des Se­mi­nars, auf das Sche­ma in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes, je­doch nicht auf die Er­läu­te­run­gen in die­sem Auf­satz, son­dern auf die in Se­mi­nar 2.

Lévi-Strauss (1949)

Lévi-Strauss 1949

Für Sche­ma L hat La­can sich ver­mut­lich von Lévi-Strauss, Shannon/Weaver und Guil­baud an­re­gen las­sen.7

Lévi-Strauss ver­wen­det in Die ele­men­ta­ren Struk­tu­ren der Ver­wandt­schaft (1949) das links ab­ge­bil­de­te Dia­gramm.8 Es re­prä­sen­tiert den ver­all­ge­mei­ner­ten Tausch. Wie Levi-Strauss be­zieht auch La­can das Sche­ma auf die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len durch ein von der sym­bo­li­schen Ord­nung aus­ge­hen­des Ge­bot.

Shannon/Weaver (1949)

Shannon/Weaver 1949

Shan­non und Wea­ver ver­wen­den in ih­rer ma­the­ma­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie (1949) das rechts ab­ge­bil­de­te Sche­ma der Kom­mu­ni­ka­ti­on (zum Ver­grö­ßern an­kli­cken); die Pfei­le ha­ben hier eine an­de­re Ori­en­tie­rung als spä­ter bei La­can.9 Das Sche­ma von Shan­non und Wea­ver be­zieht sich auf das Ver­hält­nis von Bot­schaft und Rau­schen: wie wird eine Bot­schaft durch die Über­mitt­lung ver­zerrt? Von La­can wird dies ver­mut­lich um­for­mu­liert in die Fra­ge nach den Aus­wir­kun­gen des Ichs auf die un­be­wuss­te Bot­schaft.10

Guilbaud, Unvollständige Netze (1949)

Guil­baud 1949

Ge­or­ges-Théo­du­le Guil­baud ver­öf­fent­licht in dem Auf­satz La théo­rie des jeux, eben­falls von 1949, das rechts re­pro­du­zier­te Sche­ma der un­voll­stän­di­gen Net­ze (zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).11 Guil­baud, ein Ma­the­ma­ti­ker, war mit La­can be­freun­det, die Be­zie­hung geht auf das Jahr 1950 zu­rück; ab 1951 tra­fen sich La­can, Guil­baud, Lévi-Strauss und Ben­ve­nis­te, um über Struk­tu­ren zu ar­bei­ten und Brü­cken zwi­schen den Hu­man­wis­sen­schaf­ten und der Ma­the­ma­tik zu schla­gen.12

Zu­gleich mit dem Sche­ma führt La­can die Un­ter­schei­dung zwi­schen den zwei „an­de­ren“ ein: zwi­schen dem an­de­ren mit klei­nem a und dem An­de­ren mit gro­ßem A. Der an­de­re mit klei­nem a wird in Se­mi­nar 2 als der ob­jek­ti­vier­te an­de­re des ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis­ses be­zeich­net, der An­de­re mit gro­ßem A als der „rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung“.13 Die Ter­mi­ni „ima­gi­nä­rer an­de­rer“ und „sym­bo­li­scher An­de­rer“ wer­den in Se­mi­nar 2 nicht ver­wen­det, man fin­det sie erst­mals in Se­mi­nar 3.14

In der Über­set­zung be­sagt ein Stern­chen nach ei­nem Wort (etwa Über­le­gen­heit*), dass La­can im Ori­gi­nal den deut­schen Aus­druck ver­wen­det.

Zah­len in Klam­mern nach ei­nem Zi­tat sind Sei­ten­an­ga­ben; sie be­zie­hen sich auf Ver­si­on Miller/Metzger von Se­mi­nar 2. Drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat wei­sen dar­auf hin, dass es an das vor­an­ge­hen­de Zi­tat lü­cken­los an­schließt.

Kommentar

25. Mai 1955

S, das ist der Buch­sta­be S, aber das ist auch das Sub­jekt [su­jet], das ana­ly­ti­sche Sub­jekt, das heißt nicht das Sub­jekt in sei­ner To­ta­li­tät. Man ver­bringt sei­ne Zeit da­mit, uns auf den We­cker zu fal­len, in­dem man uns er­zählt, man müs­se es in sei­ner To­ta­li­tät neh­men. Wes­halb soll­te es to­tal sein? Da­von wis­sen wir nichts. Ha­ben Sie schon mal to­ta­le We­sen ge­trof­fen? Das ist viel­leicht ein Ide­al. Ich habe noch nie eins ge­se­hen. Ich bin nicht to­tal. Sie auch nicht. Wenn man to­tal wäre, dann wäre je­der sei­ner­seits to­tal, dann wäre man nicht da, ge­mein­sam, um zu ver­su­chen, sich zu or­ga­ni­sie­ren, wie man sagt. Es ist das Sub­jekt, nicht in sei­ner To­ta­li­tät, son­dern in sei­ner Of­fen­heit. Wie ge­wöhn­lich weiß es nicht, was es sagt. Wüß­te es, was es sagt, dann wäre es nicht da. Es ist da.“ (310, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can er­läu­tert den Punkt, der im Sche­ma (in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes) oben links steht. An der Ta­fel ist er in die­ser Sit­zung of­fen­bar nur mit „S“ be­zeich­net, nicht, wie im Poe-Auf­satz, mit „(Es) S“.

S steht für su­jet, Sub­jekt, aber nicht für das Sub­jekt ganz all­ge­mein, son­dern für das Sub­jekt im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se, für das „ana­ly­ti­sche Sub­jekt“.

Das Sub­jekt, mit dem die Ana­ly­se es zu tun hat, ist kei­ne To­ta­li­tät, son­dern eine Of­fen­heit.15 Un­ter „To­ta­li­tät“ ver­steht La­can eine in sich ge­schlos­se­ne Ein­heit oder Ganz­heit. Das Sub­jekt ist nicht to­tal, denn es ist of­fen, und zwar für die Di­men­si­on des Sym­bo­li­schen, für die Spra­che und das Spre­chen. Spra­che und Spre­chen kom­men nicht von in­nen, das Sub­jekt emp­fängt sie von au­ßen; da­mit dies mög­lich ist, muss es für sie of­fen sein.16

Die­ses Sub­jekt emp­fängt nicht nur das Spre­chen und die Spra­che, es spricht selbst. Es sagt et­was, aber es weiß nicht, was es sagt. Es spricht eine Art Sym­ptom­spra­che: es pro­du­ziert Sym­pto­me, Wie­der­ho­lun­gen, Ver­spre­cher. Für die­se Ge­bil­de ist cha­rak­te­ris­tisch, dass es nicht weiß, dass es, das Sub­jekt sie sagt, es er­lebt sie als fremd­ar­tig, von au­ßen kom­mend. Das Sub­jekt ist ein ge­spal­te­nes Sub­jekt, wie La­can ei­ni­ge Jah­re spä­ter sa­gen wird, es spricht auf zwei Ebe­nen, auf der Ebe­ne des ge­wöhn­li­chen Spre­chens und auf ei­ner zwei­ten Ebe­ne, auf der es nicht weiß, was es sagt, auf der es nicht weiß, dass es, das Sub­jekt, es sagt.

Eine Schwie­rig­keit der wei­te­ren Lek­tü­re wird dar­in be­stehen, dass La­can den Aus­druck su­jet in zwei ver­schie­de­nen Be­deu­tun­gen ver­wen­det, theo­rie­sprach­lich und um­gangs­sprach­lich. Mit su­jet ist ei­ner­seits, wie hier, die In­stanz ge­meint, die für die von au­ßen kom­men­de Spra­che of­fen ist und die selbst in Wie­der­ho­lungs­zwän­gen und an­de­ren Sym­pto­men spricht; im Sche­ma ist das der Punkt oben links. Das ist ein spe­zi­el­ler Sub­jekt­be­griff, den man nur bei La­can fin­det. Mit su­jet be­zeich­net La­can aber häu­fig auch ein­fach den Pa­ti­en­ten. In der fran­zö­si­schen Um­gangs­spra­che oder im Jar­gon der fran­zö­si­schen Ärz­te ist das of­fen­bar so üb­lich, zu­min­dest ge­winnt man den Ein­druck, wenn man La­can liest. Es wird nicht im­mer ein­fach sein, fest­zu­stel­len, ob sich su­jet auf das Sub­jekt spe­zi­ell im Sin­ne von La­can be­zieht oder dif­fus der­je­ni­ge ge­meint ist, der in Psy­cho­ana­ly­se ist.

Mil­ler fügt in sei­ner Aus­ga­be nach „Es ist da“ hin­zu: „un­ten rechts“. Das fin­det man nicht in der Ste­no­ty­pie des Se­mi­nars (Ver­si­on J.L.), Mil­ler über­nimmt es viel­leicht aus ei­ner an­de­ren Mit­schrift, die mir je­doch nicht be­kannt ist. La­can zeigt da­bei si­cher­lich auf den mit S be­zeich­ne­ten Punkt des Sub­jekts. Also ist zu ver­mu­ten, dass das Dia­gramm des Poe-Auf­sat­zes ge­gen­über dem in Se­mi­nar 2 an der Ta­fel ste­hen­den um 90 oder 180 Grad ge­dreht wur­de.

… „Selbst­ver­ständ­lich sieht es sich nicht da – das ist nie­mals der Fall, nicht ein­mal am Ende der Ana­ly­se. Es sieht sich in a, und des­halb hat es ein Ich (moi). Es kann glau­ben, daß es die­ses Ich ist, so weit ist alle Welt, und es ist un­mög­lich, da her­aus­zu­kom­men.“ (310)

Das Sub­jekt (der Pa­ti­ent) sieht sich nie­mals am Punkt des Sub­jekts, also in sei­nem Ver­hält­nis zur Spra­che und an dem Punkt, von dem aus es Sym­pto­me er­zeugt. Der Punkt, an dem es steht, ist ver­drängt, ein­zel­ne Ver­drän­gun­gen kön­nen auf­ge­ho­ben wer­den, aber nicht die Ver­drän­gung ins­ge­samt. Da­mit wis­sen wir über das Sub­jekt im Sin­ne von La­can:
– es ist of­fen für die von au­ßen kom­men­de Spra­che und für das von au­ßen kom­men­de Spre­chen,
– es spricht selbst, aber es weiß nicht, was es sagt, es spricht in Sym­pto­men,
– der Punkt, von dem aus für die Spra­che of­fen ist und Sym­pto­me er­zeugt, ist un­wi­der­ruf­lich ver­drängt.

Das Sub­jekt (der Pa­ti­ent) sieht sich nicht am Ort des Sub­jekts (am Punkt oben links), es sieht sich im­mer an­ders­wo, am Punkt a, am Punkt des Ichs (moi) (am Punkt un­ten links). In der Ste­no­ty­pie wird die­ser Punkt mit Sꞌ be­zeich­net17; im Dia­gramm des Poe-Se­mi­nars trägt er die Be­zeich­nung a, und Mil­ler hat den Vor­le­sungs­text ent­spre­chend über­ar­bei­tet.

Das Sub­jekt (der Pa­ti­ent) sieht sich in a und des­halb hat es ein Ich, moi. Das Ich, um das es geht, ist das von Freuds Leh­re über die drei In­stan­zen Ich, Es und Über-Ich, im Lich­te von La­cans Theo­rie des Spie­gel­sta­di­ums auf­ge­fasst. Das Sub­jekt hält sich für ein Ich, so wie je­der­mann und je­de­frau; der Ich­glau­be, die Vor­stel­lung, ein Ich zu sein, lässt sich nicht ab­schüt­teln.

… „Was uns an­de­rer­seits die Ana­ly­se lehrt, ist, daß das Ich eine ganz und gar grund­le­gen­de Form für die Kon­sti­tu­ie­rung von Ob­jek­ten ist. Vor al­lem sieht es in Form des spie­gel­haf­ten an­de­ren den, den wir aus Grün­den, die struk­tu­ral sind, als sei­nen Sei­nes­glei­chen [sem­bla­ble] be­zeich­nen. Die­se Form des an­de­ren hat die größ­te Be­zie­hung zu sei­nem Ich, sie läßt sich ihm über­la­gern, und wir schrei­ben sie a‘.“ (310, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can wech­selt zur Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem mit klei­nem a ge­schrie­be­nen an­de­ren. Das Ich exis­tiert nicht iso­liert, es funk­tio­niert als Be­stand­teil ei­ner Be­zie­hung, un­vor­sich­tig ge­spro­chen: es ist Teil ei­ner So­zi­al­be­zie­hung. Der am Punkt aꞌ (oben rechts) lo­ka­li­sier­te an­de­re ist der an­de­re, in dem das Ich sich spie­gelt, le sem­bla­ble, der Nächs­te, der Mit­mensch, das Eben­bild, Sei­nes­glei­chen. In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur kann der Psy­cho­ana­ly­ti­ker als die­ser an­de­re fun­gie­ren. Der an­de­re dient als Pro­jek­ti­ons­flä­che und dies ist eine Grund­la­ge da­für, dass der an­de­re zum Ob­jekt wird. Da das Ich sich in sei­nen Ob­jek­ten spie­gelt, wird es selbst wie­der­um zum Ob­jekt und das heißt: zum Ich. Das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren ist eine Be­zie­hung der In­ter­ob­jek­ti­vi­tät.

Das Ich und das Eben­bild bil­den ein Paar. Der an­de­re wird durch das Ich kon­sti­tu­iert und das Ich exis­tiert in der Be­zie­hung zum an­de­ren. Das Ich er­schöpft sich zwar nicht dar­in, den an­de­ren her­vor­zu­brin­gen, La­can wird das in ei­ner spä­te­ren Sit­zung aus­füh­ren, aber die Er­zeu­gung des an­de­ren als Ob­jekt ist die nor­ma­le und we­sent­li­che Leis­tung des Ichs.

… „Es gibt also die Ebe­ne des Spie­gels, die sym­me­tri­sche Welt der Egos und der ho­mo­ge­nen an­de­ren. Da­von zu un­ter­schei­den ist eine an­de­re Ebe­ne, die wir die Sprach­mau­er (mur du lan­ga­ge) nen­nen wol­len.

Aus­ge­hend von der durch die Sprach­mau­er de­fi­nier­ten Ord­nung nimmt das Ima­gi­nä­re sei­ne fal­sche Rea­li­tät an, die trotz­dem eine ve­ri­fi­zier­te Rea­li­tät ist. Das Ich, so wie wir’s ver­ste­hen, der an­de­re, sei­nes­glei­chen, all die­se Ima­gi­nä­ren sind Ob­jek­te. Ge­wiß, sie sind nicht Mon­den ho­mo­gen – und wir lau­fen je­den Au­gen­blick Ge­fahr, das zu ver­ges­sen. Aber das sind eben Ob­jek­te, weil sie als sol­che be­nannt sind in ei­nem or­ga­ni­sier­ten Sys­tem, das das der Sprach­mau­er ist.

Wenn das Sub­jekt mit sei­nes­glei­chen [sem­bla­bles] spricht, dann spricht es in der Um­gangs­spra­che [lan­gue com­mun], die die ima­gi­nä­ren Ich [moi] nicht bloß für ex-sis­ten­te, son­dern für rea­le Din­ge hält. Da es nicht wis­sen kann, was in dem Feld ist, wo der kon­kre­te Dia­log sich hält, hat es mit ei­ner Rei­he von Per­so­nen, aꞌ, aꞌꞌ, zu tun. So­fern das Sub­jekt sie mit sei­nem ei­ge­nen Bild in Be­zie­hung setzt, sind die­je­ni­gen, zu de­nen es spricht, auch die­je­ni­gen, mit de­nen es sich iden­ti­fi­ziert.“ (311)

Die Be­zie­hung zwi­schen a und aꞌ, zwi­schen dem Ich und den an­de­ren, die ihm ähn­lich sind, ist eine sym­me­tri­sche Spie­gel­be­zie­hung. Statt des Aus­drucks moi ver­wen­det La­can auch den Ter­mi­nus ego, wo­mit Freuds Ich-Be­griff üb­li­cher­wei­se ins Eng­li­sche über­setzt wird.

Die an­de­ren sind „nicht Mon­den ho­mo­gen“. Als Mon­de wer­den sie an­ge­se­hen, wenn man ge­wis­ser­ma­ßen ihre Mas­se be­rech­net, ihre Be­zie­hun­gen, ihre Schwer­kraft – eine me­cha­nis­ti­sche Il­lu­si­on, die un­ter Ge­lehr­ten und Po­li­ti­kern ver­brei­tet ist.18

Von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zum an­de­ren un­ter­schei­det La­can die „Sprach­mau­er“. Was ist da­mit ge­meint und wie ist sie im Sche­ma zu ver­or­ten?

Die Sprach­mau­er ist das in der Um­gangs­spra­che ent­hal­te­ne Sys­tem von Be­nen­nun­gen. Die­ses Sys­tem wird im Spre­chen ins Spiel ge­bracht, dann, wenn das Sub­jekt (der Pa­ti­ent) mit an­de­ren spricht, mit den­je­ni­gen, die für es die Po­si­ti­on ein­neh­men, sei­nes­glei­chen zu sein. Die Sprach­mau­er ge­hört aber nicht zur Ord­nung des Spre­chens (pa­ro­le), son­dern der Spra­che (mur du lan­ga­ge). La­can hat­te das in Se­mi­nar 2 an frü­he­rer Stel­le er­läu­tert und sich da­bei auf den bi­bli­schen My­thos von der Be­nen­nung der Tie­re durch Adam be­zo­gen.19 Die ima­gi­när kon­sti­tu­ier­ten Ob­jek­te sind in­sta­bil, erst durch die Be­nen­nung er­hal­ten sie eine sta­bi­le Iden­ti­tät.20 Die Be­nen­nung ver­wan­delt die noch un­be­stimm­te Welt in eine Welt von Ob­jek­ten; vgl. die­sen Blog­bei­trag.

Die Sprach­mau­er ver­leiht dem ima­gi­nä­ren Ich und den ima­gi­nä­ren an­de­ren den Cha­rak­ter ei­ner ve­ri­fi­zier­ten Rea­li­tät, so dass das Sub­jekt die an­de­ren und das Ich für rea­le Din­ge hält. Die Be­zie­hung zwi­schen a und aꞌ, die Be­zie­hung zwi­schen Ob­jek­ten, ist dem­nach nicht ein­fach ein ima­gi­nä­res Ver­hält­nis. Sie wird ge­stützt durch die Sprach­mau­er, durch das Sys­tem der Be­nen­nun­gen. Zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und der Spra­che gibt es nicht nur ei­nen Ge­gen­satz, die Spra­che fun­giert auch als Stüt­ze des Ima­gi­nä­ren.

Im Rom-Vor­trag wird das In­ein­an­der­grei­fen des Ima­gi­nä­ren und des Sym­bo­li­schen auf das Spre­chen be­zo­gen; die Stüt­zung der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung durch das Spre­chen wird dort als „lee­res Spre­chen“ be­zeich­net.21 An der hier be­han­del­ten Stel­le von Se­mi­nar 2 wird die Stüt­zung des Ima­gi­nä­ren nicht dem Spre­chen, son­dern der Spra­che zu­ge­schrie­ben und als Ef­fekt des Le­xi­kons ge­deu­tet, der Sprach­mau­er.

Man könn­te eine trans­pa­ren­te Fo­lie über das L-Sche­ma le­gen; dort, wo auf dem dar­un­ter­lie­gen­den Blatt die ima­gi­nä­re Be­zie­hung aꞌ→a ein­ge­tra­gen ist, stün­de auf der Fo­lie eine sym­bo­li­sche Grö­ße: die Sprach­mau­er.

Die Sprach­mau­er ent­spricht Freuds Be­griff des Vor­be­wuss­ten. Das Sys­tem des Vor­be­wuss­ten ent­steht da­durch, dass die Sach­vor­stel­lun­gen durch Wort­vor­stel­lun­gen über­be­setzt wer­den22; das Vor­be­wuss­te be­steht also aus dem Le­xi­kon, mit La­can: es ist das Sys­tem der Be­nen­nun­gen, die Sprach­mau­er. Freud bin­det das Vor­be­wuss­te an das Ich23; bei La­can wird die ima­gi­nä­re Be­zie­hung durch die Sprach­mau­er ge­stützt. Of­fen­kun­dig ver­sucht La­can, die Grund­be­grif­fe von Freuds zwei­ter To­pik in Sche­ma L zu über­tra­gen: das Es (oben links), das Ich (un­ten links) und das Vor­be­wuss­te (die Sprach­mau­er).

.. „Dies ge­sagt, darf man nicht die uns als Ana­ly­ti­ker ei­ge­ne Ba­sis­an­nah­me aus­las­sen – wir glau­ben, daß es an­de­re Sub­jek­te als uns gibt, daß es au­then­tisch in­ter­sub­jek­ti­ve Be­zie­hun­gen gibt. Wir hät­ten kei­nen Grund, das zu den­ken, hät­ten wir nicht das Zeug­nis des­sen, was die In­ter­sub­jek­ti­vi­tät cha­rak­te­ri­siert, näm­lich daß das Sub­jekt uns be­lü­gen kann. Das ist der ent­schei­den­de Be­weis. Ich sage nicht, daß das das ein­zi­ge Fun­da­ment der Rea­li­tät des an­de­ren Sub­jekts ist, es ist sein Be­weis. An­ders aus­ge­drückt, wir wen­den uns fak­tisch an die A1, A2, die das sind, was wir nicht ken­nen, ve­ri­ta­ble An­de­re, wah­re Sub­jek­te.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can wech­selt zur vier­ten Ecke des Sche­mas, zum An­de­ren; der Buch­sta­be A steht nicht für ei­nen be­stimm­ten An­de­ren, son­dern für eine Se­rie von An­de­ren mit gro­ßem A, A1, A2 usw.

Zu un­ter­schei­den sind zwei For­men der Be­zie­hung zum an­de­ren. In der ers­ten Be­zie­hung ist der an­de­re un­ser Eben­bild und da­mit der­je­ni­ge, in dem wir uns wie­der­erken­nen. Dies ist ein Ver­hält­nis zwi­schen Ob­jek­ten. Es hat zwar ima­gi­nä­ren Cha­rak­ter, wird aber zu­gleich durch die Spra­che ver­mit­telt, durch das Sys­tem der Be­nen­nun­gen, durch die Sprach­mau­er.

In der zwei­ten Form der Be­zie­hung ist der an­de­re ein wah­res Sub­jekt. Als Sub­jekt ist er wahr­haft an­ders, also ge­ra­de kein Eben­bild, nicht je­mand, in dem wir uns wie­der­erken­nen. Die Be­zie­hung zu ihm ist ein Ver­hält­nis zwi­schen Sub­jek­ten, eine In­ter­sub­jek­ti­vi­tät. La­can be­zeich­net von nun an den an­de­ren in die­ser zwei­ten Funk­ti­on als An­de­ren mit gro­ßem A.

Die Sub­jekt­haf­tig­keit des An­de­ren zeigt sich dar­in, dass wir ihn nicht ken­nen, so­wie dar­in, dass er uns be­lügt. Man den­ke an eine Be­zie­hungs­kri­se. Eine Frau sagt zu ih­rer bes­ten Freun­din: „Ich dach­te, ich wür­de ihn ken­nen, aber ich fürch­te, er hat mich nach Strich und Fa­den be­tro­gen. Ich durch­schaue ihn nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihm noch glau­ben kann.“ Die la­ca­nia­nisch ge­bil­de­te Freun­din denkt: „Er hat auf­ge­hört, für dich der an­de­re zu sein, jetzt ist er für dich der An­de­re.“

Wenn der An­de­re uns be­lügt, wird da­mit sei­ne Sub­jekt­haf­tig­keit so­gar be­wie­sen.24 Wenn wir ge­nau wis­sen, dass der An­de­re uns be­lügt, ist das Pro­blem harm­los, im­mer­hin sind wir dann im Be­sitz der Wahr­heit. Gra­vie­ren­der ist die Si­tua­ti­on, wenn wir nicht wis­sen, ob er lügt oder die Wahr­heit spricht. Ich neh­me an, dass das Zwei­te ge­meint ist, da La­can in spä­te­ren Se­mi­na­ren so ar­gu­men­tiert: Un­se­re ein­zi­ge Ga­ran­tie für die Wahr­heit des­sen, was der An­de­re uns sagt, ist sei­ne Auf­rich­tig­keit, und auf die ist kein Ver­lass (vgl. die­sen und die­sen Blog­bei­trag). Ab Se­mi­nar 6 wird dies „Man­gel im An­de­ren“ oder „Man­gel des An­de­ren“ ge­nannt.

Mit der Lüge ent­zieht sich der An­de­re, er ope­riert als Sub­jekt. Wenn er lügt, spricht er, und er be­haup­tet in sei­nem Spre­chen, dass das, was er sagt, wahr ist. Mit der Lüge bringt er den Wahr­heits­be­zug ins Spiel, der un­ver­meid­lich mit dem Spre­chen ein­her­geht. Spä­ter, im Poe-Auf­satz von 1957, er­läu­tert La­can die­sen Ge­dan­ken so: Der Ein­tritt in die sym­bo­li­sche Ord­nung als Sub­jekt wie­der­holt sich voll­stän­dig je­des­mal, „wenn sich das Sub­jekt an den An­de­ren als ab­so­lu­ten wen­det, näm­lich als An­de­ren, der es an­nul­lie­ren kann, auf die­sel­be Wei­se, wie es mit ihm ver­fah­ren kann, näm­lich so, dass es sich zum Ob­jekt macht, um ihn zu täu­schen.“25

Der Aus­druck „Sub­jekt“ wird also noch in ei­ner drit­ten Be­deu­tung ver­wen­det. Er meint ers­tens, ganz all­ge­mein, den Pa­ti­en­ten. Er meint zwei­tens das Sub­jekt, das von der lin­ken obe­ren Ecke des Sche­mas re­prä­sen­tiert wird. Und er meint drit­tens den An­de­ren in sei­nem Un­ter­schied zum ima­gi­nä­ren an­de­ren, den An­de­ren-als-Sub­jekt.

Das Sche­ma be­zieht sich pri­mär auf sol­che An­de­re, auf die sich das Sub­jekt im Spre­chen be­zieht, und zwar in der Wei­se, dass das Sub­jekt oder der An­de­re durch das Spre­chen ei­nen Wahr­heits­an­spruch er­he­ben, etwa durch eine Lüge.

…“Sie sind auf der an­de­re Sei­te der Sprach­mau­er, da, wo ich sie im Prin­zip nie­mals er­rei­che. Im Grun­de sind sie’s, die ich an­vi­sie­re, je­des­mal, wenn ich ein wah­res Spre­chen ar­ti­ku­lie­re, aber ich er­rei­che im­mer aꞌ, aꞌꞌ, per Re­fle­xi­on. Ich vi­sie­re im­mer die wah­ren Sub­jek­te, und ich muß mich be­schei­den mit Schat­ten. Das Sub­jekt ist von den An­de­ren, den wah­ren, durch die Sprach­mau­er ge­trennt.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

Das Sub­jekt ver­sucht, sich auf den An­de­ren zu be­zie­hen, aber dies ge­lingt ihm nicht. Statt­des­sen be­zieht es sich auf die an­de­ren der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung. Der Grund hier­für ist die Sprach­mau­er – das Vo­ka­bu­lar in sei­ner be­nen­nen­den, ob­jek­ti­vie­ren­den Funk­ti­on, das Vor­be­wuss­te. Das Vor­be­wuss­te hat, in den Au­gen von La­can, eine ver­drän­gen­de Funk­ti­on.

Das Spre­chen, mit dem ich den An­de­ren als Sub­jekt zu er­rei­chen ver­su­che, wird hier als „wah­res Spre­chen“ be­zeich­net. La­can spielt da­mit auf sei­nen Auf­satz Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se an. Dar­in hat­te er zwei Ar­ten des Spre­chens un­ter­schie­den, das vol­le und das lee­re Spre­chen; statt vom „vol­len Spre­chen“ spricht er dort auch vom „wah­ren Spre­chen“.26

Schema L - SprachmauerIn der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich die Be­grif­fe „Sprach­mau­er“ und „wah­res Spre­chen“ in das Dia­gramm ein­ge­tra­gen.

In der Sta­fer­la-Ver­si­on des Se­mi­nars wird die Sprach­mau­er nicht der Ach­se a-a‘, son­dern der Ach­se A-S zu­ge­ord­net. Mei­nes Er­ach­tens ist das falsch, eine aus­führ­li­che Be­grün­dung fin­det man in die­sem Ar­ti­kel wei­ter un­ten in der Kri­tik an Brous­se.

… „Wäh­rend das Spre­chen [pa­ro­le] sich grün­det in der Exis­tenz des An­de­ren, des wah­ren, ist die Spra­che [lan­ga­ge] dazu da, um uns auf den ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren zu ver­wei­sen, den an­de­ren, mit dem wir al­les ma­chen kön­nen, was wir wol­len, ein­schließ­lich des­sen, zu den­ken, daß er ein Ob­jekt ist, das heißt, daß er nicht weiß, was er sagt. Wenn wir uns der Spra­che be­die­nen, spielt un­se­re Be­zie­hung zum an­de­ren die gan­ze Zeit in die­ser Am­bi­gui­tät. An­ders ge­sagt, die Spra­che ist eben­so dazu da, um uns im An­de­ren zu grün­den, wie um uns ra­di­kal dar­an zu hin­dern, ihn zu ver­ste­hen. Und eben dar­um geht es in der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

Statt, wie in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, zwei Ar­ten des Spre­chens ge­gen­über­zu­stel­len, lee­res und vol­les (oder wah­res) Spre­chen, ope­riert La­can hier mit dem Ge­gen­satz von Spre­chen und Spra­che.

Das Spre­chen grün­det sich auf die Exis­tenz des An­de­ren in sei­ner Wahr­heit, es hat sei­ne Grund­la­ge dar­in, dass der An­de­re ein Sub­jekt ist, das mich zu über­lis­ten ver­sucht und das durch Lü­gen ei­nen Wahr­heits­be­zug her­stellt.

Die Spra­che hin­ge­gen, also die Sprach­mau­er, die Wort­vor­stel­lun­gen, kon­sti­tu­iert den an­de­ren als ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren, als den­je­ni­gen, in dem ich mich wie­der­erken­ne und der für mich ein ma­ni­pu­lier­ba­res Ob­jekt ist.

Der ob­jek­ti­vie­ren­den Di­men­si­on der Spra­che kann man sich nicht ent­zie­hen. Un­ser Ver­hält­nis zur Spra­che ist also am­bi­va­lent. In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur wird die­se Am­bi­va­lenz aus­ge­tra­gen, sie spielt sich ab im Span­nungs­feld zwi­schen der ob­jek­ti­vie­ren­den Funk­ti­on der Spra­che (z.B. „ich bin wie X“, „ich bin neu­ro­tisch“) und der sub­jek­ti­vie­ren­den Funk­ti­on des Spre­chens, in dem ein Wahr­heits­be­zug am Werk ist.

Ich über­sprin­ge zwei Sei­ten.

Die Ana­ly­se muß ab­zie­len auf den Über­gang zu ei­nem wah­ren Spre­chen, durch wel­ches das Sub­jekt mit ei­nem an­de­ren Sub­jekt ver­bun­den wird, auf der an­de­ren Sei­te der Sprach­mau­er. Das ist die letz­te Be­zie­hung des Sub­jekts zu ei­nem ve­ri­ta­blen An­de­ren, zu dem An­de­ren, der die Ant­wort gibt, die man nicht er­war­tet, die den Schluß­punkt der Ana­ly­se de­fi­niert.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Kur ist dann wirk­sam, wenn sich die Funk­ti­on des Spre­chens ver­än­dert. Der Ana­ly­ti­ker ist für den Pa­ti­en­ten zu­nächst der ima­gi­nä­re an­de­re, sein Ide­al und sein Ri­va­le; dies ist die Grund­la­ge des Wi­der­stands ge­gen die Sym­bo­li­sie­rung des Un­be­wuss­ten. In die­ser Be­zie­hung macht der Pa­ti­ent den Ana­ly­ti­ker und sich selbst durch die Sprach­mau­er – durch klas­si­fi­zie­ren­de Be­nen­nung – zum Ob­jekt, etwa durch Sub­sum­ti­on un­ter die Ka­te­go­ri­en „gu­ter Ana­ly­ti­ker“ ver­sus „schlech­ter Psy­cho­ana­ly­ti­ker“.

Die Ana­ly­se zielt dar­auf ab, dass das Spre­chen des Pa­ti­en­ten sich statt an an ihn als ima­gi­nä­ren an­de­ren an den wah­ren An­de­ren wen­det. Un­ter die­ser Be­din­gung ist der Pa­ti­ent in der Lage, von ihm eine Ant­wort zu er­hal­ten, die er nicht er­war­tet hat. Der Weg hier­zu ist, wie La­can in den nächs­ten Sät­zen er­läu­tern wird, die Über­tra­gung, in ihr hat der Ana­ly­ti­ker für das Ich des Pa­ti­en­ten die Funk­ti­on des An­de­ren.

… „Was un­ter der ei­nen Be­din­gung, daß das Ich [moi] des Ana­ly­ti­kers be­reit ist, nicht da zu sein, un­ter die­ser ei­nen Be­din­gung, daß der Ana­ly­ti­ker kein le­ben­der Spie­gel ist, son­dern ein lee­rer Spie­gel, wäh­rend der gan­zen Zeit der Ana­ly­se vor sich geht, geht vor sich zwi­schen dem Ich [moi] des Sub­jekts – es ist im­mer das Ich des Sub­jekts, das spricht, schein­bar – und den An­de­ren. Der gan­ze Fort­schritt der Ana­ly­se ist die fort­lau­fen­de Ver­schie­bung die­ser Re­la­ti­on, die das Sub­jekt in je­dem Au­gen­blick er­fas­sen kann jen­seits der Sprach­mau­er, als die Über­tra­gung, die von ihm aus­geht und wo es sich nicht wie­der­erkennt [re­con­nait]. Es geht nicht dar­um, die­se Re­la­ti­on zu re­du­zie­ren, wie man schreibt, es geht dar­um, daß das Sub­jekt sie an sei­nem Platz auf­nimmt. Die Ana­ly­se be­steht dar­in, es das Be­wußt­sein sei­ner Be­zie­hun­gen ge­win­nen zu las­sen, nicht zum Ich des Ana­ly­ti­kers, son­dern zu all die­sen An­de­ren, die sei­ne wirk­li­chen Respondenten/Bürgen/répondants sind und die es nicht an­er­kannt hat. Es geht dar­um, daß das Sub­jekt mehr und mehr ent­deckt, an wel­chen An­de­ren es sich wahr­haft wen­det, wenn auch ohne es zu wis­sen, und daß es mehr und mehr die Über­tra­gungs­be­zie­hun­gen auf­nimmt an dem Platz, wo es ist und wo es zu­nächst nicht wuß­te, daß es war.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Das Ich des Ana­ly­ti­kers muss be­reit sein, nicht da zu sein, an­ders ge­sagt: der Ana­ly­ti­ker muss dar­auf ab­zie­len, für den Pa­ti­en­ten nicht die Po­si­ti­on des an­de­ren ein­zu­neh­men, des Part­ners, des Ri­va­len, des Ide­als; der Spie­gel muss leer sein, der Platz des an­de­ren muss frei blei­ben, das Ich soll nicht in Be­zie­hung zum an­de­ren tre­ten, die Be­zie­hung von m zu a soll nicht her­ge­stellt wer­den (bzw. in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes: die Be­zie­hung von a zu a‘). Um­ge­kehrt heißt das: Häu­fig kommt es vor, dass das Ich des Ana­ly­ti­kers da ist, was be­deu­tet, dass der Ana­ly­ti­ker den Wi­der­stand ge­gen die Sym­bo­li­sie­rung des Un­be­wuss­ten stützt.

Wenn es dem Ana­ly­ti­ker ge­lingt, nicht da zu sein, be­zieht sich das Ich des Sub­jekts auf den Ana­ly­ti­ker nicht als an­de­ren, son­dern als An­de­ren. Im Ori­gi­nal steht hier „aut­re“ mit klei­nem a, „an­de­rer“, aber das er­gibt kei­nen Sinn: der Platz des an­de­ren soll ja ge­ra­de nicht be­setzt sein. Es ist klar, dass es an die­sem Punkt Tran­skrip­ti­ons­pro­ble­me gibt – wie soll die Ste­no­gra­phin er­ken­nen, ob La­can, wenn er „an­de­rer“ sagt, sich auf den an­de­ren mit klei­nem a be­zieht oder auf den mit gro­ßem A?

La­can spricht hier vom „Ich des Sub­jekts“. Was ist hier mit „Sub­jekt“ ge­meint, das Sub­jekt im Sin­ne des Punk­tes (Es) S im Sche­ma? Dann gäbe es zwi­schen S und a, zwi­schen dem Sub­jekt und dem Ich, eine Fun­die­rungs­be­zie­hung. Sie hät­te ver­mut­lich ihre Ent­spre­chung in der Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem an­de­ren: der an­de­re wäre der an­de­re des An­de­ren so wie das Ich das Ich des Sub­jekts wäre. In Se­mi­nar 2 habe ich nichts ge­fun­den, was die­se Deu­tung stüt­zen könn­te und die Pfeil­ver­bin­dun­gen des Sche­mas aus dem Poe-Auf­satz ge­ben kei­ne Hin­weis auf ein Re­la­ti­on die­ser Art. Eine Stüt­ze für die­se Auf­fas­sung fin­det man im Auf­satz Die Freud­sche Sa­che, wo es heißt: „Aus die­sem Grund be­sagt un­se­re Leh­re, dass es in der ana­ly­ti­schen Si­tua­ti­on nicht nur zwei prä­sen­te Sub­jek­te gibt, son­dern zwei Sub­jek­te, von de­nen je­des mit zwei Ob­jek­ten ver­se­hen ist, dem Ich/moi und dem an­de­ren, wo­bei die­ser an­de­re ein klei­nes a als An­fangs­buch­sta­ben hat.“27 Aber was meint La­can hier mit „Sub­jekt“?

Die an­de­re Mög­lich­keit be­steht dar­in, dass mit su­jet hier der Pa­ti­ent ge­meint ist; das „Ich des Sub­jekts“ wäre dann das „Ich des Pa­ti­en­ten“. An der zi­tier­ten Stel­le ist die Rede vom „Ich des Sub­jekts“ das Ge­gen­stück zur Rede vom „Ich des Ana­ly­ti­kers“, die zwei­te Be­deu­tung ist des­halb plau­si­bler.

Das Ich des Sub­jekts, das Ich des Pa­ti­en­ten ist der schein­ba­re Agent des Spre­chens; wenn es im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se ge­lingt, dass der Ana­ly­ti­ker nicht den Platz des an­de­ren be­setzt, kann das Ich des Pa­ti­en­ten eine Be­zie­hung zum An­de­ren her­stel­len, jen­seits der Sprach­mau­er. Eben dies ist die Über­tra­gung: der Ana­ly­ti­ker fun­giert für das Ich des Pa­ti­en­ten als Ver­kör­pe­rung des An­de­ren oder der ver­schie­de­nen An­de­ren sei­ner Ge­schich­te. Es ent­deckt, an wel­che An­de­ren es sich wen­det, ohne es zu wis­sen.

Man­che for­dern, in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung die Über­tra­gungs­be­zie­hung zu re­du­zie­ren; La­can weist die­se Auf­fas­sung zu­rück. Viel­mehr soll das Ich des Pa­ti­en­ten ein Be­wusst­sein da­von be­kom­men, in wel­chen Be­zie­hun­gen das Sub­jekt (am Platz oben links) zu die­sen An­de­ren steht, und das wird durch die Über­tra­gung er­mög­licht. Eben des­halb, weil das Sub­jekt die Be­zie­hun­gen zu die­sen An­de­ren nicht an­er­kannt hat, kön­nen sie vom Ich des Pa­ti­en­ten nicht er­in­nert wer­den und ge­nau des­halb wer­den sie in der Über­tra­gung wie­der­holt.

Auf die­se Wei­se ent­deckt das Sub­jekt (der Pa­ti­ent), an wel­chen An­de­ren es sich wen­det und von wel­chem Platz aus es sich an die­se An­de­ren wen­det. Die­ser Platz ist der Platz des Sub­jekts im Sin­ne des Sche­mas, also der Platz (Es) S. Vor­her hat­te La­can er­klärt, dass sich der Pa­ti­ent auch am Ende ei­ner Ana­ly­se nicht am Platz des Sub­jekts se­hen kann (310). Viel­leicht geht es dar­um, die­sen Platz, der nicht er­reich­bar ist, ein­zu­krei­sen.

…“Dem Satz Freuds – Wo Es war, soll Ich wer­den* – sind zwei Be­deu­tun­gen zu ge­ben. Die­ses Es*, neh­men Sie das wie den Buch­sta­ben S. Es ist da, es ist im­mer da. Das ist das Sub­jekt. Es kennt sich oder es kennt sich nicht. Das ist nicht ein­mal das Wich­tigs­te – es kommt oder es kommt nicht zum Spre­chen. Am Ende der Ana­ly­se soll es das Wort er­grei­fen und mit dem wah­ren An­de­ren in Be­zie­hung tre­ten. Da, wo das S war, da soll das Ich* sein.

Da re­inte­griert das Sub­jekt au­then­tisch sei­ne mem­bra dis­jec­ta und an­er­kennt, re­ag­gre­giert sei­ne Er­fah­rung.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Der Buch­sta­be S des Sche­mas steht nicht nur für „Sub­jekt“, son­dern auch für das Freud­sche Es. Die­se Zu­ord­nung wird im Poe-Auf­satz da­durch be­kräf­tigt, dass die obe­re lin­ke Ecke des Sche­mas als „(Es) S“ be­zeich­net wird; in ei­ner zum Poe-Auf­satz hin­zu­ge­füg­ten Er­läu­te­rung des Sche­mas aus dem Jah­re 1966 heißt es, das „S (Es)“ sym­bo­li­sie­re „das als ver­voll­stän­digt an­ge­nom­me­ne Sub­jekt des Freud­schen Es“28.

Das Es ist bei Freud die In­stanz, in der die Trie­be ver­or­tet sind, es be­steht aus den psy­chi­schen Re­prä­sen­tan­zen der Trie­be.29; das an der lin­ken obe­ren Ecke des Sche­mas lo­ka­li­sier­te Sub­jekt ist de­mach ein Trieb­sub­jekt. Wir ha­ben jetzt fol­gen­de In­for­ma­tio­nen über die­ses Sub­jekt:
– Sein Platz ist ver­drängt, die Ver­drän­gung ist nicht auf­heb­bar.
– Das Sub­jekt ist für das von au­ßen kom­men­de (vom An­de­ren kom­men­de) Spre­chen of­fen.
– Das Sub­jekt spricht von die­sem Platz aus und wen­det sich da­mit an den An­de­ren, al­ler­dings weiß es nichts da­von; es spricht in Sym­pto­men.
– In die­sem Spre­chen wird ein Wahr­heits­an­spruch er­ho­ben.
– Das Sub­jekt ist ein Es-Sub­jekt, beim An­ge­spro­chen wer­den durch den An­de­ren und bei der Sym­ptom­bil­dung kommt der Trieb ins Spiel.

Freuds Dik­tum „Wo Es war, soll Ich wer­den“30 ist so zu deu­ten: „Es“ steht hier für den Buch­sta­ben S, also für „Sub­jekt“, aber wohl auch für den Trieb. Ob das Sub­jekt sich kennt oder nicht kennt, ist nicht ent­schei­dend; der Im­pe­ra­tiv „Er­ken­ne dich selbst“ ist für die Psy­cho­ana­ly­se se­kun­där. Wor­auf es an­kommt, ist das Spre­chen. Das Sub­jekt (das Es), das zur Psy­cho­ana­ly­se geht, ist zu­nächst das, was nicht spricht; in der Ana­ly­se spricht an­fangs das Ich des Pa­ti­en­ten zum Ana­ly­ti­ker in der Po­si­ti­on des an­de­ren. Der Im­pe­ra­tiv der Psy­cho­ana­ly­se lau­tet: Das Sub­jekt soll spre­chen, das Es soll zu Wort kom­men. Dazu ist es nö­tig, dass das Ich dort­hin kommt, wo das Es war, das Ich muss ei­nen Zu­gang dazu ge­win­nen, von wel­chem Platz aus das Sub­jekt sei­ne Sym­pto­me pro­du­ziert und wie der Trieb dar­in ver­wi­ckelt ist. Da­mit wird das Ich ins Spiel ge­bracht. Das Ich hat nicht nur die Funk­ti­on, an­de­re als Ob­jek­te zu kon­sti­tu­ie­ren. Es hat auch die Auf­ga­be, eine Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren zu er­mög­li­chen.

Die her­zu­stel­len­de Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren be­steht dar­in, dass eine An­er­ken­nung voll­zo­gen wird. Es gibt et­was, was nicht an­er­kannt wird (das vom An­de­ren kom­men­de Man­dat), die­se Nicht-An­er­ken­nung führt zur Sym­ptom­bil­dung, dazu, dass das Sub­jekt in Sym­pto­men spricht. Am Ende der Ana­ly­se soll die aus­ste­hen­de An­er­ken­nung voll­zo­gen wer­den.

Im Ver­lauf der Ana­ly­se wer­den Er­fah­run­gen, die nichts mit­ein­an­der zu tun zu ha­ben schie­nen, in ei­nen Zu­sam­men­hang ge­bracht.

… „Im Lau­fe ei­ner Ana­ly­se kann es et­was ge­ben, das wie ein Ob­jekt ge­formt ist. Aber die­ses Ob­jekt, weit da­von ent­fernt, das zu sein, wor­um es geht, ist da­von nur eine grund­le­gend ent­frem­de­te Form. Es ist das ima­gi­nä­re Ich, das ihm sein Zen­trum gibt und sei­nen Ver­bund, und es ist voll­kom­men mit ei­ner mit der Pa­ra­noia ver­wand­ten Form von Ent­frem­dung / Geis­tes­krank­heit / alié­na­ti­on iden­ti­fi­zier­bar. Daß das Sub­jekt schließ­lich ans Ich glaubt, ist als sol­ches eine Ver­rückt­heit. Gott sei Dank re­üs­siert hier die Ana­ly­se sel­ten ge­nug, aber daß man sie in die Rich­tung da treibt, da­für ha­ben wir tau­send Be­wei­se.

Das wird un­ser Pro­gramm fürs nächs­te Jahr sein – was heißt Pa­ra­noia? Was heißt Schi­zo­phre­nie? Im Un­ter­schied zur Schi­zo­phre­nie steht die Pa­ra­noia im­mer in Re­la­ti­on zur ima­gi­nä­ren Ent­frem­dung des Ich.“ (314 f., Über­set­zung ge­än­dert)

Im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se kann ein Ob­jekt ge­bil­det wer­den, vie­le Ana­ly­ti­ker for­dern das so­gar. Ver­mut­lich denkt La­can hier un­ter an­de­rem an Mau­rice Bou­vet31, den er we­gen sei­ner Kon­zep­ti­on der Ob­jekt­be­zie­hung be­son­ders häu­fig und aus­führ­F­lich kri­ti­siert.32 Im Sche­ma wäre die­ses Ob­jekt am Platz des an­de­ren zu ver­or­ten. Das Zen­trum die­ses Ob­jekts ist das Ich.

Das ist je­doch nicht das, wor­um es in ei­ner Ana­ly­se geht, son­dern eine ent­frem­de­te Form da­von.

Sche­ma L hat also eine po­le­mi­sche Stoß­rich­tung. Man kann das Sche­ma un­ter an­de­rem so le­sen: Vie­le Ana­ly­ti­ker for­dern, die Ana­ly­se an der Be­zie­hung zum Ob­jekt aus­zu­rich­ten, also am ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis zwi­schen dem an­de­ren und dem Ich. Das ist falsch. Es kommt dar­auf an, die Ana­ly­se an­ders zu ori­en­tie­ren, an der Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt.

Die ima­gi­nä­re Ob­jekt­be­zie­hung ist mit der Pa­ra­noia ver­wandt. Der Ver­fol­ger ist das ima­gi­nä­re Ob­jekt, das Ide­al; La­can hat­te die­se The­se be­reits 1932 in Die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se aus­ge­ar­bei­tet.

Die Pa­ra­noia kann also in Sche­ma L ein­ge­tra­gen wer­den, die Be­zie­hung zum An­de­ren wird hier durch die Be­zie­hung zum an­de­ren er­setzt. Im Auf­satz Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958) wird La­can die­sen Ge­dan­ken aus­ar­bei­ten und Va­ri­an­ten von Sche­ma L ent­wi­ckeln, die sich spe­zi­ell auf die Psy­cho­se be­zie­hen.33

1. Juni 1955

Das Sche­ma, das ich Ih­nen das letz­te Mal ge­ge­ben habe, setzt vor­aus, daß das Spre­chen sich aus­brei­tet wie das Licht, ge­rad­li­nig. Das soll Ih­nen sa­gen, daß es nur me­ta­pho­risch, ana­lo­gisch ist.

Was mit der Sprach­mau­er in­ter­fe­riert, ist die Spie­gel­re­la­ti­on, durch die das, was zum Ich [moi] ge­hört, im­mer durch­drun­gen, an­ge­eig­net wird durch die Ver­mitt­lung ei­nes an­de­ren, der für das Sub­jekt im­mer die Ei­gen­schaf­ten des Ur­bil­des*, des fun­da­men­ta­len Bil­des des Ich be­hält. Von da­her die Ver­ken­nun­gen, dank de­nen sich eben­so die Miß­ver­ständ­nis­se her­stel­len wie die ge­wöhn­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on, die auf be­sag­ten Miß­ver­ständ­nis­sen be­ruht.“ (316)

Im L-Sche­ma wird das wah­re Spre­chen durch eine ge­ra­de Li­nie re­prä­sen­tiert, durch die Be­zie­hung zwi­schen S und A. Auf die­ser Me­ta­pher be­ruht das Sche­ma; La­can be­tont, dass es sich da­bei nur um eine Ana­lo­gie han­delt.

Die Sprach­mau­er – der ob­jek­ti­vie­ren­de Cha­rak­ter der Spra­che als Be­nen­nungs­sys­tem – in­ter­fe­riert mit der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zum an­de­ren. In die­ser Be­zie­hung hat der an­de­re die Ei­gen­schaf­ten des Ur­bil­des, des Spie­gel­bil­des.34 Dies hat zur Fol­ge, dass der an­de­re in sei­ner An­ders­heit ver­kannt wird. Dies zeigt sich in den Miss­ver­ständ­nis­sen, auf de­nen die Kom­mu­ni­ka­ti­on au­ßer­halb der Psy­cho­ana­ly­se be­ruht; das Fun­da­ment die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on ist die Pro­jek­ti­on.

… „Das Sche­ma hat mehr als eine Ei­gen­schaft, wie ich Ih­nen ge­zeigt habe, in­dem ich Sie lehr­te, es zu trans­for­mie­ren. Ich habe Ih­nen eben­falls an­ge­deu­tet, dass die Hal­tung des Ana­ly­ti­kers stark dif­fe­rie­ren und in der Ana­ly­se zu un­ter­schied­li­chen, ja so­gar ge­gen­sätz­li­chen Kon­se­quen­zen füh­ren kann.

Wir sind am Fuß der Mau­er an­ge­langt oder an der Weg­kreu­zung – was ge­schieht in der Ana­ly­se, je nach­dem ob man die Be­zie­hung des Spre­chens als ma­tri­zi­ell setzt, als un­ent­behr­lich oder im Ge­gen­teil die ana­ly­ti­sche Si­tua­ti­on ob­jek­ti­viert, ob man das ver­sucht, wor­auf ich Sie seit lan­gem hin­ge­wie­sen habe, näm­lich die Wi­der­stands­ana­ly­se in be­stimm­ter Form durch­zu­füh­ren, was dazu führt, die Ob­jek­ti­vie­rung wie­der­her­zu­stel­len, die­sen Ob­jek­ti­vie­rungs­ver­such. Mit je nach Au­tor und Prak­ti­ker un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät macht jede Ob­jek­ti­vie­rung aus der Ana­ly­se ei­nen Pro­zeß der Um­mo­de­lung des Ich nach dem Mo­dell des Ich des Ana­ly­ti­kers.“ (316, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la)

La­can spricht hier als Po­li­ti­ker der Psy­cho­ana­ly­se. Die Psy­cho­ana­ly­se steht vor ei­ner Ga­be­lung ih­res We­ges. Sie muss sich ent­schei­den, wel­chen Weg sie ein­schla­gen will, wie sie die psy­cho­ana­ly­ti­sche Si­tua­ti­on theo­re­tisch und prak­tisch an­ge­hen will.

Sie hat die Mög­lich­keit, in der Be­zie­hung zwi­schen dem Ana­ly­ti­ker und dem Pa­ti­en­ten das Spre­chen für die Ma­trix zu hal­ten, für die Ge­bär­mut­ter, in der et­was Neu­es ge­schaf­fen wird. Für die­sen Weg op­tiert La­can.

Sie kann den Pa­ti­en­ten aber auch zum Ob­jekt ma­chen. Das ge­schieht etwa bei be­stimm­ten For­men der Wi­der­stands­ana­ly­se – nicht die Wi­der­stands­ana­ly­se schlech­tin, son­dern be­stimm­te For­men, die lei­der nicht nä­her be­stimmt wer­den. Hier bil­det die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren das Zen­trum der Ana­ly­se. Das heißt aber: der Ana­ly­ti­ker ver­sucht, den Pa­ti­en­ten nach ei­nem Vor­bild um­zu­mo­deln, das Mo­dell ist hier das Ich des Ana­ly­ti­kers.

29. Juni 1955

Ehe ich Sie ver­las­se und weil punk­tiert, weil ein Schluß­punkt ge­setzt wer­den muß, der Ih­nen als Ori­en­tie­rungs­ta­fel dient, möch­te ich die vier Pole wie­der­auf­neh­men, die ich mehr als ein­mal an die Ta­fel ge­schrie­ben habe. Ich be­gin­ne mit A, das der ra­di­kal An­de­re ist, der der ach­ten oder neun­ten Hy­po­the­se des Par­men­ides, der eben­so­wohl der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung ist und das, wor­an Freud die Be­zie­hung zum To­des­trieb fest­macht.“ (407, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can be­zieht sich auf die vier Eck­punk­te von Sche­ma L. Das gro­ße A steht für den­je­ni­gen, der ge­ra­de nicht mein Eben­bild ist, der ra­di­kal an­ders ist.

Vom ra­di­kal An­de­ren spricht Pla­ton in sei­nem Dia­log Par­men­ides. Wenn Eins nicht ist (so heißt es in der 8. De­duk­ti­on), dann sind die An­de­ren we­der Eins noch Vie­les, dann gibt es vom An­de­ren auch kei­ne Vor­stel­lung und kei­nen Schein (165e–166c). Der An­de­re ist in­so­fern der ra­di­kal An­de­re, als es dem Sub­jekt nicht ge­lingt, ihn zu sym­bo­li­sie­ren und auch nicht, ihn zu ima­gi­nie­ren, mit Pla­ton: in­so­fern es von ihm kei­ne Vor­stel­lung gibt (kei­ne Si­gni­fi­kan­ten) und kei­nen Schein (kei­ne Bil­der).

Der An­de­re ist der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung. In der Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt hat der An­de­re dem­nach die Funk­ti­on des Rea­len. In Se­mi­nar 1 hat­te La­can das Rea­le so de­fi­niert: Das Rea­le ist das, was der Sym­bo­li­sie­rung ab­so­lut wi­der­steht35; vgl. die­sen Blog­bei­trag. Der An­de­re ist in­so­fern der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung, als es in der Be­zie­hung zu ihm et­was gibt, was nicht sym­bo­li­siert wer­den kann. Ich ver­mu­te, dass La­can sich da­mit wie­der auf das Pro­blem der Lüge be­zieht: da­für, dass der An­de­re auf­rich­tig ist, gibt es im Spre­chen kei­ne Ga­ran­tie; die Wahr­heit wi­der­setzt sich der Sym­bo­li­sie­rung und ist in die­sem Sin­ne real.

Der An­de­re steht in Be­zie­hung zum To­des­trieb. Der To­des­trieb ist, Freud zu­fol­ge, stumm.36 Freuds Be­griff des To­des­triebs gibt ei­nen Hin­weis dar­auf, in wel­chem Sin­ne der An­de­re real ist: in­so­fern als in der Be­zie­hung zu ihm et­was nicht ge­sagt wer­den kann.

In der Ach­se A-S, in der Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt (bzw. dem Es) und dem An­de­ren geht es nicht nur um das Sym­bo­li­sche, son­dern auch um das Rea­le (am Ende die­ser Sit­zung wird La­can dar­auf zu­rück­kom­men).

… „Dann ha­ben Sie hier m, das moi / das Ich, und a, der an­de­re, der gar kein an­de­rer ist, weil er we­sent­lich mit dem Ich ge­kop­pelt ist, in ei­ner im­mer re­fle­xi­ven, aus­tausch­ba­ren Be­zie­hung – das Ego ist im­mer ein Al­ter Ego. (407, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can wech­selt im Sche­ma L zu den Punk­ten un­ten links und oben rechts. Der Punkt un­ten links ist hier mit m be­schrif­tet, für moi, Ich (nicht, wie in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes, mit a). Der ima­gi­nä­re an­de­re wird mit dem Sym­bol a be­zeich­net (im Poe-Auf­satz mit dem Sym­bol aꞌ). Der mit klei­nem a ge­schrie­be­ne an­de­re ist kein wahr­haft an­de­rer, kein ra­di­kal an­de­rer, er ist, un­vor­sich­tig ge­spro­chen, eine Pro­jek­ti­on des Ichs.

Das Ich und der an­de­re sind aus­tausch­bar; dem liegt der so­ge­nann­te Tran­si­ti­vis­mus zu­grun­de, den Char­lot­te Büh­ler bei Kin­dern ei­nes be­stimm­ten Al­ters ent­deck­te hat­te. Paul schlägt Anna und be­schwert sich dar­über, dass er von Anna ge­schla­gen wur­de – nicht etwa um zu täu­schen, son­dern weil er Anna mit sich iden­ti­fi­ziert: wenn er schlug, war es Anna, die ihn schlug. Im Auf­satz über die Fa­mi­lie von 1938 hat­te La­can die­ses Phä­no­men mit sei­ner Kon­zep­ti­on des Spie­gel­sta­di­ums in Ver­bin­dung ge­bracht.37 Spä­ter be­ruht die Aus­tausch­bar­keit auf Pro­jek­ti­on und Iden­ti­fi­zie­rung.

… „Hier ha­ben Sie S, das zu­gleich das Sub­jekt ist, das Sym­bol und auch das Es*. Die sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts, die im­mer sym­bo­li­sche Schöp­fung ist, ist die Be­zie­hung, die von A zu S geht. Sie ist zu­grun­de­lie­gend, un­be­wußt, we­sent­lich für jede sub­jek­ti­ve Si­tua­ti­on.“ (407 f., Über­set­zung ge­än­dert)

La­can wech­selt zum Punkt oben links. Das S hat drei Be­deu­tun­gen, es steht für das Sub­jekt, für das Sym­bol und für das deut­sche Wort „Es“. Wenn man wis­sen will, was mit dem Sub­jekt ge­meint ist, muss man den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Sub­jekt, dem Sym­bol und dem Es re­kon­stru­ie­ren, d.h. das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sub­jekt und dem sym­bo­li­schen As­pekt des Triebs, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: den psy­chi­schen Trieb­re­prä­sen­tan­zen.

Un­ter dem Sym­bol ver­steht La­can im Rom-Vor­trag das Sym­ptom: Si­gni­fi­kant ei­nes ver­dräng­ten Si­gni­fi­kats.38 Das Sub­jekt ist dem­nach der Sym­ptom­pro­du­zent.

Im sel­ben Auf­satz cha­rak­te­ri­siert er die „Sub­jek­ti­vi­tät des Kin­des“ da­durch, dass es „aus sei­nen ex­kre­men­tel­len Aus­schei­dun­gen Ag­gres­si­on, aus sei­ner Ver­hal­tung Ver­füh­rung und aus sei­ner Ent­lee­rung Sym­bo­le macht“39. Da­mit ist der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Sub­jekt, dem Sym­bol und dem Es klar: Die Sub­jek­ti­vi­tät des Kin­des be­steht dar­in, dass es aus sei­nen ana­len Trieb­re­gun­gen Sym­bo­le macht (zu er­gän­zen ist: mit de­nen es sich auf den An­de­ren be­zieht). Das Sub­jekt be­tä­tigt sich un­ter an­de­rem dar­in, dass es sei­ne Aus­schei­dun­gen in Sym­bo­le ver­wan­delt (mit de­nen es sich an den An­de­ren wen­det).

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, Das Ich und das Es, 1923Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, 1933Sche­ma L ant­wor­tet da­mit auf die von Freud in Das Ich und das Es vor­ge­stell­te Leh­re von den drei In­stan­zen Ich, Es und Über-Ich. Der Eck­punkt oben links, S, ent­spricht dem Freud­schen Es, die bei­den Punk­te un­ten links und oben rechts stel­len das Ich dar; aus dem Vor­be­wuss­ten wird die Sprach­mau­er. Man kann also ver­mu­ten, dass der Punkt un­ten rechts, A, in Be­zie­hung zum Über-Ich steht, al­ler­dings so, dass die­ser Ter­mi­nus ge­ra­de nicht ver­wen­det wird; das Ver­hält­nis zwi­schen dem An­de­ren und dem Über-Ich ist für La­can of­fen­bar pro­ble­ma­tisch. Da­mit ist klar: Sche­ma L ist La­cans Al­ter­na­ti­ve zu Freuds zeich­ne­ri­scher Dar­stel­lun­gen der zwei­ten To­pik in Das Ich und das Es von 1923 (links) und in der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se von 1933 (rechts) (zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).

Die sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts ver­läuft von A zu S, sie geht vom An­de­ren aus und zielt auf das Sub­jekt. Im Sche­ma kann man den von A zu S füh­ren­den Pfeil als den der sym­bo­li­schen Rea­li­sie­rung des Sub­jekts be­zeich­nen. A ist nicht nur der rea­le Pol der Be­zie­hung zwi­schen A und S, son­dern zu­gleich der Aus­gangs­punkt der sym­bo­li­schen Rea­li­sie­rung des Sub­jekts. Die Ach­se A – S ist zu­gleich sym­bo­lisch und real.

Die vom An­de­ren aus­ge­hen­de sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts ist im­mer eine sym­bo­li­sche Schöp­fung, sie führt et­was ra­di­kal Neu­es in die Welt ein. In Se­mi­nar 1 hat­te La­can das an­hand ei­nes Au­to­ren­ver­tra­ges er­läu­tert, den ein ge­wis­ser Herr Kel­ler mit ei­nem New Yor­ker Ver­lag ab­schließt. „Von dem Mo­ment an, wo Herr Kel­ler die Be­stel­lung emp­fan­gen, mit ja ge­ant­wor­tet, ei­nen Ver­trag si­gniert hat, ist Herr Kel­ler in der Tat nicht mehr der­sel­be Herr Kel­ler. Es ist ein an­de­rer Kel­ler, ein en­ga­gier­ter Kel­ler, und es ist auch ein an­de­res Ver­lags­haus, ein Ver­lags­haus, das ei­nen Ver­trag mehr hat, ein Sym­bol mehr.“40 Im Ethik-Se­mi­nar wird La­can die­sen Ge­dan­ken mit der theo­lo­gi­schen Fi­gur der crea­tio ex ni­hi­lo er­läu­tern.41

Das Sche­ma be­zieht sich je­doch nicht auf be­wuss­te Be­zie­hun­gen die­ser Art, son­dern auf un­be­wuss­te, auf den vom An­de­ren aus­ge­hen­den un­be­wuss­ten Dis­kurs. Im Sche­ma wird dies da­durch an­ge­zeigt, dass der von A aus­ge­hen­de Pfeil mit „un­be­wusst“ be­schrif­tet ist. Im Rom-Vor­trag hat­te La­can ge­schrie­ben, das Un­be­wuss­te sei der Dis­kurs des An­de­ren (der dort noch mit klei­nem a ge­schrie­ben wird)42; vgl. hier­zu in die­sem Blog den Ar­ti­kel „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“.

La­can un­ter­schei­det in Sche­ma L also das Un­be­wuss­te und das Es: Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren; das Es wird auf der Sei­te des Sub­jekts ver­or­tet.

Wie kann der An­de­re zu­gleich der rea­le und der sym­bo­li­sche Pol der sym­bo­li­schen Rea­li­sie­rung des Sub­jekts sein? Ich neh­me an, dass sich das auf­lö­sen lässt, wenn man Be­ob­ach­ter­per­spek­ti­ve und Teil­neh­mer­per­spek­ti­ve un­ter­schei­det. Von au­ßen ge­se­hen, aus der Be­ob­ach­ter­per­spek­ti­ve des Ana­ly­ti­kers, ist der An­de­re der­je­ni­ge, der an das Sub­jekt den uni­ver­sa­len Dis­kurs wei­ter­gibt; von ihm aus ge­se­hen ge­hört der An­de­re zur Ord­nung des Sym­bo­li­schen. Vom Sub­jekt aus be­trach­tet, aus der Teil­neh­mer­per­spek­ti­ve, sind die vom An­de­ren kom­men­den Dis­kur­se und Man­da­te rät­sel­haft, un­sin­nig. Es kann sie nicht an­er­ken­nen. Mit dem „rea­len Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung“ ist also ver­mut­lich ge­meint: „der Pol der Be­zie­hung, der sich vom Stand­punkt des Sub­jekts aus als real dar­stellt“.

Für das Sub­jekt ist der An­de­re ein rea­ler An­de­rer. Eben des­halb kann es sich zu des­sen Ap­pel­len nur durch Über­tra­gung in Be­zie­hung set­zen, also durch Wie­der­ho­lung, nicht durch Er­in­nern.43 Das vom An­de­ren kom­men­de wah­re Spre­chen kann vom Sub­jekt hart­nä­ckig nicht sym­bo­li­siert wer­den, des­halb in­sis­tiert es in der Wie­der­ho­lung und in die­sem Sin­ne ist der An­de­re für das Sub­jekt real.

… „Die­se Sche­ma­ti­sie­rung geht nicht von ei­nem iso­lier­ten und abs­trak­ten Sub­jekt aus. Al­les ist ge­bun­den an die sym­bo­li­sche Ord­nung, seit Men­schen auf der Erde sind und seit sie spre­chen. Und was sich über­mit­telt und sich zu kon­sti­tu­ie­ren trach­tet, ist eine im­mense Bot­schaft [messa­ge], in der das ge­sam­te Rea­le nach und nach um­ge­setzt, neu er­schaf­fen, um­ge­ar­bei­tet wird. Die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len strebt da­nach, dem Uni­ver­sum äqui­va­lent zu sein, und die Sub­jek­te sind da­bei nur Schalt­stel­len, Trä­ger. Was wir dar­in vor­neh­men, ist ein Schnitt auf dem Ni­veau ei­ner die­ser Kopp­lun­gen.“ (408, Über­set­zung ge­än­dert)

Das Sche­ma L geht nicht von ei­nem iso­lier­ten Sub­jekt aus, dar­in un­ter­schei­det es sich von Freuds Dia­gramm. Im Sche­ma L ist das Sub­jekt nicht vor dem An­de­ren da, es be­zieht sich nicht se­kun­där auf den An­de­ren. Viel­mehr wird es durch die vom An­de­ren aus­ge­hen­de Bot­schaft über­haupt erst kon­sti­tu­iert; der Pfeil geht vom An­de­ren zum Sub­jekt.

Aus­gangs­punkt ist die sym­bo­li­sche Ord­nung; es gibt sie, seit Men­schen spre­chen. Die sym­bo­li­sche Ord­nung ar­bei­tet das Rea­le in das Sym­bo­li­sche um und er­schafft es da­mit neu; dies ist Schöp­fung aus dem Nichts. La­can stellt sich die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len als ei­nen au­to­no­men und ex­pan­si­ven Pro­zess vor, in dem die Men­schen die Funk­ti­on ha­ben, Schalt­stel­len zu sein, Über­mitt­ler.44 Die Men­schen wer­den da­durch zu Trä­gern die­ses Pro­zes­ses, dass das Sym­bo­li­sche sich in Form von Bot­schaf­ten an sie wen­det.

Die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht sich auf ei­nen Aus­schnitt aus der Ver­kop­pe­lung des Sym­bo­li­schen und des Rea­len.

Im Dia­gramm ist also nicht nur das Sym­bo­li­sche und das Ima­gi­nä­re zu ver­or­ten, son­dern auch das Rea­le. Es wird hier auf dop­pel­te Wei­se re­prä­sen­tiert. Ers­tens auf der Sei­te des An­de­ren; er hat nicht nur eine sym­bo­li­sche Funk­ti­on, für das Sub­jekt ist er auch der rea­le, der nicht sym­bo­li­sier­ba­re An­de­re.

Die vom An­de­ren aus­ge­hen­de Be­zie­hung zum Sub­jekt steht aber zu­gleich für die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len. Hier ist das Sub­jekt am Platz des Rea­len, als das, was sym­bo­li­siert wer­den soll, sich aber der Sym­bo­li­sie­rung da­durch wi­der­setzt, dass es die vom An­de­ren kom­men­den Bot­schaf­ten nicht an­er­kennt. Das könn­te eine Ne­ben­be­deu­tung des Be­griffs des „Es“ sein. Das Es im Sin­ne des Triebs ist für La­can nicht das Rea­le. Die Trie­be ha­ben aber eine Grund­la­ge, die sich der theo­re­ti­schen Er­fas­sung ent­zieht, Freud stellt das im­mer wie­der her­aus; er un­ter­schei­det die Trie­be nach ih­rer or­ga­ni­schen Sei­te und ihre psy­chi­schen Re­prä­sen­tan­zen und er be­tont, dass sich der Zu­sam­men­hang die­ser bei­den Sei­ten .…

Ich über­sprin­ge etwa eine Sei­te.

Auch Tie­re, heißt es dann, neh­men be­reits Ge­ne­ra­li­sie­run­gen vor.

Was je­doch neu ist beim Men­schen, das ist, daß et­was be­reits of­fen ge­nug ist, un­merk­lich ver­rückt in der ima­gi­nä­ren Ko­ap­tati­on, so daß sich der sym­bo­li­sche Ge­brauch des Bil­des ein­schal­ten kann.

Es ist bei ihm eine be­stimm­te bio­lo­gi­sche Kluft zu sup­po­nie­ren, jene, die ich Ih­nen zu de­fi­nie­ren ver­such­te, wenn ich Ih­nen vom Spie­gel­sta­di­um spre­che. Die to­ta­le Be­stri­ckung des Be­geh­rens, der Auf­merk­sam­keit, setzt be­reits den Man­gel vor­aus. Der Man­gel ist schon da, wenn ich vom Be­geh­ren des mensch­li­chen Sub­jekts in be­zug auf sein Bild spre­che, von je­ner äu­ßerst all­ge­mei­nen ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, die man Nar­ziß­mus nennt.

Die tie­ri­schen le­ben­di­gen Sub­jek­te sind sen­si­bel für das Bild ih­res Typs. Ein ab­so­lut we­sent­li­cher Punkt, dank dem die gan­ze le­ben­di­ge Schöp­fung nicht eine un­ge­heu­re Or­gie ist. Das mensch­li­che We­sen aber hat eine spe­zi­el­le Be­zie­hung zu dem Bild, wel­ches das sei­ni­ge ist – eine Be­zie­hung der Kluft, der ent­frem­den­den Span­nung. Da schal­tet sich die Mög­lich­keit der Ord­nung der Prä­senz und der Ab­senz ein, das heißt der sym­bo­li­schen Ord­nung. Die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len liegt da zu­grun­de. Sie ist sub­stan­ti­ell, wenn Sie schon dem Ter­mi­nus Sub­stanz sei­nen rei­nen ety­mo­lo­gi­schen Sinn ge­ben wol­len. Das ist ein hy­po­kei­me­non.“ (409)

Die Art und Wei­se, wie Men­schen sich auf Bil­der be­zie­hen, un­ter­schei­det sich von der Bild­be­zie­hung der an­de­ren Tie­re. Die nicht-mensch­li­chen Tie­re sind für das Bild ih­res Typs sen­si­bel, was zur Fol­ge hat, dass sie spe­zi­ell mit Tie­ren ih­rer Gat­tung ko­pu­lie­ren und nicht etwa mit der ge­sam­ten Schöp­fung.

Die Be­zie­hung des Men­schen zu Bil­dern ist an­ders: sie ist of­fen, sie ent­hält eine Span­nung. Das er­mög­licht es, dass sich das Sym­bo­li­sche hier ein­schrei­ben kann, die Ord­nung von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit. Die Of­fen­heit zeigt sich ge­ra­de dar­in, dass der Mensch vom Bild völ­lig ge­fes­selt ist, was von Freud als Nar­ziss­mus be­schrie­ben wur­de. Die­se Fas­zi­na­ti­on setzt ei­nen Man­gel vor­aus, eben die Öff­nung, in die sich das Sym­bo­li­sche ein­schrei­ben kann.

In Sche­ma L hat die Be­zie­hung zwi­schen a und aꞌ also nicht nur die Funk­ti­on, die von A nach S ge­hen­de sym­bo­li­sche Be­zie­hung zu blo­ckie­ren, sie ist zu­gleich da­für of­fen.

In die Kluft des Ima­gi­nä­ren schreibt sich das Sym­bo­li­sche ein. Dem liegt die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und des Rea­len zu­grun­de. Die Span­nung des Sym­bo­li­schen und des Rea­len ist die Sub­stanz, das hy­po­kei­me­non, das Zu­grun­de­lie­gen­de. La­can spielt hier ver­mut­lich auf ein Dik­tum von He­gel an, „Die Sub­stanz ist Sub­jekt“. Das grie­chi­sche Wort hy­po­kei­me­non, Zu­grun­de­lie­gen­des, wur­de mit sub­iec­tum ins La­tei­ni­sche über­setzt. Das könn­te hei­ßen: das Sub­jekt ist die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len. „S“ meint das Sub­jekt, das Sym­bol und das Es. Das heißt wohl: Das Sub­jekt ist der Ort, an dem die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len aus­ge­tra­gen wird.

Klar ist auf je­den Fall, dass La­can hier ver­sucht, den Zu­sam­men­hang al­ler drei Re­gis­ter zu be­stim­men: des Ima­gi­nä­ren, des Sym­bo­li­schen und des Rea­len. Beim Sche­ma L geht es kei­nes­wegs nur um das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen.

… „Für alle mensch­li­chen Sub­jek­te, die exis­tie­ren, wird die Be­zie­hung zwi­schen dem A und dem S im­mer über die Ver­mitt­lung die­ser ima­gi­nä­ren Sub­stra­te lau­fen, die das Ich und der an­de­re sind und die die ima­gi­nä­ren Fun­da­men­te des Ob­jekts kon­sti­tu­ie­ren – A, m, a, S.“ (409)

La­can be­schreibt die Ge­samt­kon­struk­ti­on von Sche­ma L. Grund­le­gend ist die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt, zwi­schen A und S. Die­se Be­zie­hung wird ver­mit­telt durch die ima­gi­nä­ren Sub­stra­te, näm­lich durch das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich (m) und dem an­de­ren (a). Zwi­schen A und S schal­ten sich m und a ein, was sich durch die Sym­bol­fol­ge AmaS dar­stel­len lässt.

Im La­tei­ni­schen heißt amas „du liebst“. Das wird von La­can nicht kom­men­tiert, und viel­leicht ist der Lie­bes­ef­fekt hier zu­fäl­lig. Wenn man mag, kann man „AmaS“ so deu­ten: Das Sche­ma zeigt, dass sich bei der Lie­be zwei ge­gen­sätz­li­che Be­zie­hun­gen in die Que­re kom­men: die nar­ziss­ti­sche Ver­liebt­heit und die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zum An­de­ren, der mir sei­nen Sub­jekt­cha­rak­ter da­durch be­weist, dass er mich be­lügt. Man könn­te aber auch be­haup­ten, dass „amas“ dar­auf ver­weist, dass das Be­geh­ren das Be­geh­ren des An­de­ren ist: du liebst.

… „Ver­su­chen wir ein biß­chen La­ter­na ma­gi­ca zu spie­len. Wir wer­den in die me­cha­ni­sche Un­tie­fe ge­ra­ten, die der Feind des Men­schen ist, in­dem wir uns vor­stel­len, daß sich am Schnitt­punkt zwi­schen der sym­bo­li­schen Rich­tung und dem Durch­gang durchs Ima­gi­nä­re eine Tri­oden­röh­re be­fin­det. Neh­men wir an, daß ein Strom durch den Strom­kreis fließt. Be­steht ein Va­ku­um, dann kommt es von der Ka­tho­de zur An­ode zu ei­nem elek­tro­ni­schen Bom­bar­de­ment, dank dem der Strom fließt. Au­ßer der An­ode und der Ka­tho­de gibt es eine drit­te Ode, die quer steht. Sie kön­nen hier den Strom durch­flie­ßen las­sen, in­dem Sie po­si­tiv la­den, so daß die Elek­tro­nen zur An­ode glei­ten wer­den, oder in­dem Sie ne­ga­tiv la­den und da­durch den Pro­zeß glatt un­ter­bre­chen – was aus dem Ne­ga­ti­ven ema­niert, wird von dem Ne­ga­ti­ven, das Sie da­zwi­schen­schie­ben, ab­ge­sto­ßen.

Das ist ein­fach eine neue Il­lus­tra­ti­on der Ge­schich­te von der Tür, von der ich Ih­nen neu­lich we­gen der un­glei­chen Zu­sam­men­set­zung des Au­di­to­ri­ums ge­spro­chen habe. Sa­gen wir, es ist eine Tür der Tür, eine Tür in zwei­ter Po­tenz, eine Tür in der Tür, das Ima­gi­nä­re ist auf die­se Wei­se in der Po­si­ti­on, zu un­ter­bre­chen, zu zer­ha­cken zu skan­die­ren, was auf dem Ni­veau des Strom­krei­ses ge­schieht.“ (409 f.)

Die La­ter­na ma­gi­ca ist ein Ge­rät zur Bild­pro­jek­ti­on, das frü­her im po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­chen An­schau­ungs­un­ter­richt ein­ge­setzt wur­de. La­can spielt La­ter­na ma­gi­ca: er wird jetzt sehr an­schau­lich.Triode3

Eine Tri­oden­röh­re ist eine Glas­röh­re mit drei Elek­tro­den, die sich in ei­nem Va­ku­um be­fin­den. Ne­ben der Ka­tho­de und der An­ode gibt es das Steu­er­git­ter; es hat die Funk­ti­on, in den Fluss der Elek­tro­nen von der Ka­tho­de zur An­ode ein­zu­grei­fen. Wie eine Tür ge­öff­net und ge­schlos­sen wer­den kann, lässt sich das Steu­er­git­ter ein und aus­schal­ten. Wenn es ein­ge­schal­tet ist, ist es ne­ga­tiv ge­la­den, hier­durch stößt es die von der Ka­tho­de kom­men­den, eben­falls ne­ga­tiv ge­la­de­nen Elek­tro­nen ab; der Elek­tro­nen­fluss von der Ka­tho­de zur An­ode wird blo­ckiert.

Schema L mit TriodeIn der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich in Sche­ma L das Dia­gramm ei­ner Tri­ode ein­ge­fügt. Der Elek­tro­nen­fluss von der Ka­tho­de zur An­ode ent­spricht der Be­zie­hung des An­de­ren zum Sub­jekt; das Steu­er­git­ter liegt auf der Ebe­ne der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren. Die ima­gi­nä­re Be­zie­hung kann die Be­zie­hung des An­de­ren zum Sub­jekt un­ter­bre­chen. Wenn die sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts er­mög­licht wer­den soll, muss die blo­ckie­ren­de ima­gi­nä­re Be­zie­hung aus­ge­schal­tet wer­den.

Mit die­sem Bild scheint La­can sich weit von Freud ent­fernt zu ha­ben, aber nur auf den ers­ten Blick. In Jen­seits des Lust­prin­zips er­klärt Freud den Un­ter­schied zwi­schen dem Un­be­wuss­ten und dem Be­wusst­sein durch zwei Ar­ten von Er­re­gungs­ab­läu­fen. Es gibt Er­re­gun­gen, die Dau­er­spu­ren er­zeu­gen (Un­be­wuss­tes) und sol­che, die ver­puf­fen, ohne Spu­ren zu hin­ter­las­sen (Be­wusst­sein). Die Dau­er­spu­ren ent­ste­hen mög­li­cher­wei­se da­durch, sagt Freud, dass im Un­be­wuss­ten beim Über­gang von ei­nem Ele­ment zum an­de­ren ein Wi­der­stand über­wun­den wer­den muss; im Be­wusst­sein hin­ge­gen scheint ein sol­cher Wi­der­stand nicht zu be­stehen. Dies wie­der­um kann mög­li­cher­wei­se, so spe­ku­liert Freud wei­ter (er stützt sich da­bei auf Breu­er), auf den Un­ter­schied zwi­schen zwei En­er­gie­ar­ten zu­rück­ge­führt wer­den: zwi­schen ge­bun­de­ner und frei­er En­er­gie. Im Un­be­wuss­ten ist die En­er­gie viel­leicht ge­bun­den oder ru­hend, im Be­wusst­sein frei oder ab­fuhr­fä­hig.45 Von die­sen en­er­gie­theo­re­ti­schen Er­wä­gun­gen ist La­cans Tri­oden­röh­re mit dem Ge­gen­satz von un­ge­hemm­ten und ge­hemm­ten Elek­tro­nen­flüs­sen nicht so weit ent­fernt.

Auch für die Drei­glied­rig­keit des Mo­dells Ka­tho­de – Steue­rungs­git­ter – An­ode fin­det man in Jen­seits des Lust­prin­zips eine Ent­spre­chung. Die le­ben­de Sub­stanz, heißt es hier, wird von Reiz­ein­wir­kun­gen ge­trof­fen; um von ih­nen nicht er­schla­gen zu wer­den, be­nö­tigt sie ei­nen Reiz­schutz.46 Mög­li­cher­wei­se hat La­can sich da­von an­re­gen las­sen. Das Ver­hält­nis von Reiz und le­ben­der Sub­stanz ist von ihm viel­leicht durch die Be­zie­hung von Ka­tho­de und An­ode er­setzt wor­den, von An­de­rem und Sub­jekt. Die Ent­spre­chung zum Reiz­schutz wäre dann das Steue­rungs­git­ter, also das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren. Bei von in­nen kom­men­den Rei­zen be­steht der Reiz­schutz, Freud zu­fol­ge, in der Pro­jek­ti­on.47 In La­cans Tri­oden­röh­re wird das Steue­rungs­git­ter durch die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren er­zeugt, es be­steht aus ei­ner Art Pro­jek­ti­on.

Ähn­lich wie der Reiz­schutz, Freud zu­fol­ge, mit ei­nem ei­ge­nen En­er­gie­vor­rat aus­ge­stat­tet ist48, ver­fügt das Steue­rungs­git­ter der Tri­ode über eine ei­ge­ne Strom­quel­le.

… „Be­ach­ten Sie, daß das, was zwi­schen A und S ge­schieht, ei­nen für sich selbst kon­flikt­haf­ten Cha­rak­ter hat. Im bes­ten Fall durch­kreuzt, stoppt, schnei­det, zer­hackt der Strom­kreis sich selbst. Ich sage im bes­ten Fall, denn der uni­ver­sa­le Dis­kurs ist sym­bo­lisch, er kommt von weit her, wir ha­ben ihn nicht er­fun­den. Nicht wir ha­ben das Nicht-Sein er­fun­den, wir sind in ein Eck­chen des Nicht-Seins ge­fal­len. Und was die Über­mitt­lung des Ima­gi­nä­ren be­trifft, so ha­ben wir da­von auch un­ser Fett weg mit all der Un­zucht un­se­rer El­tern, Groß­el­tern und an­de­ren Skan­dal­ge­schich­ten, die das Salz der Psy­cho­ana­ly­se aus­ma­chen.“ (410)

An­ge­nom­men, die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren ist un­wirk­sam (das Steu­er­git­ter ist aus­ge­schal­tet), dann heißt das nicht, dass sich zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt eine kon­flikt­freie Be­zie­hung her­stel­len wür­de. Die Be­zie­hung des An­de­ren zum Sub­jekt ist in sich selbst kon­flikt­haft, der von A nach S flie­ßen­de Strom un­ter­bricht ge­wis­ser­ma­ßen sich selbst.

Und das ist noch die ein­fachs­te Kon­flikt­form in der sym­bo­li­schen Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und sei­nen An­de­ren. Der sym­bo­li­sche Kon­flikt wird da­durch kom­pli­ziert, dass die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren ein­ge­bet­tet ist in den „uni­ver­sa­len Dis­kurs“, der seit Ur­zei­ten sei­nen Fort­gang nimmt und zu dem bei­spiels­wei­se die Wün­sche der El­tern noch vor der Ge­burt des Kin­des ge­hö­ren.49

Das Sub­jekt ist der Ort, an dem die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen (dem uni­ver­sa­len Dis­kurs) und dem Rea­len aus­ge­tra­gen wird. Das wird jetzt so for­mu­liert: Das Sym­bo­li­sche er­zeugt das Nicht-Sein, den Seins­man­gel; das Sub­jekt ist et­was, was in ein Eck­chen die­ses Nicht-Seins ge­fal­len ist, Seins­man­gel.50 Das Sub­jekt ist der Ort, an dem die Span­nung zwi­schen dem Rea­len und dem Sym­bo­li­schen aus­ge­tra­gen wird: in der Form des Seins­man­gels, des Be­geh­rens.

Nicht nur die sym­bo­li­sche, auch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung wird durch die Ge­ne­ra­tio­nen über­lie­fert, das zei­gen die Ge­schich­ten über der Un­zucht un­se­rer El­tern und Groß­el­tern, die sich auf das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis stützt.

… „Von da aus sind die Not­wen­dig­kei­ten der Spra­che und die der zwi­schen­mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on leicht zu ver­ste­hen. Sie ken­nen die­se Bot­schaf­ten, die das Sub­jekt in ei­ner Form aus­sen­det, die sie struk­tu­riert, sie gram­ma­ti­ka­li­siert, als vom an­de­ren her­kom­mend, in ei­ner um­ge­kehr­ten Form. Wenn ein Sub­jekt zu ei­nem an­de­ren sagt, Du bist mein Leh­rer oder Du bist mei­ne Frau, so heißt das ge­nau das Ge­gen­teil. Das läuft über A und über m, und das kommt dann zum Sub­jekt, das da­von auf ein­mal in der ge­fahr­vol­len und pro­ble­ma­ti­schen Po­si­ti­on des Gat­ten oder des Schü­lers in­thro­ni­siert wird. Auf die­se Wei­se drückt sich das grund­le­gen­de Spre­chen aus.“ (410)

Der Sen­der er­hält sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft vom Emp­fän­ger in um­ge­kehr­ter Form, so hat­te La­can im Rom-Vor­trag ge­schrie­ben; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.51 Wenn das Sub­jekt zu je­man­dem sagt „Du bist mein Leh­rer“, er­hält es die Bot­schaft „Du bist mein Schü­ler“ oder auch „Du bist sein Schü­ler“; wenn es zu je­man­dem sagt „Du bist mei­ne Frau“, emp­fängt es die Bot­schaft „Du bist mein Mann“ bzw. „Du bist ihr Mann“. Das Sub­jekt er­hält sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft – die Bot­schaft über das, was es ist – auf­grund der Re­geln der Gram­ma­tik, durch die „Not­wen­dig­kei­ten der Spra­che“. Wenn es sagt: „Du bist mein Leh­rer“ im­pli­ziert dies, dass der Adres­sat zu ihm sagt: „Du bist mein Schü­ler“ bzw. dass der An­de­re zu ihm sagt „Du bist sein Schü­ler“. Das Sub­jekt er­hält sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft – dass es der Schü­ler ei­nes an­de­ren ist – in um­ge­kehr­ter Form.

Schema L - Du bist meine FrauDas kann in Sche­ma L ein­ge­tra­gen wer­den. Das Ich sen­det dem an­de­ren die Bot­schaft „Du bist mei­ne Frau“. Dies hat zur Fol­ge, dass es vom An­de­ren die Bot­schaft er­hält „Du bist ihr Mann“.

Die Bot­schaf­ten, die das Sub­jekt vom An­de­ren er­hält, sind kei­nes­wegs be­ru­hi­gend. Sie stel­len das Sub­jekt vor Fra­gen, die es um­trei­ben: „Was heißt es, ein Schü­ler zu sein?“, „Was heißt es, der Mann ei­ner Frau zu sein?“ Das Sub­jekt ist der Ort, an dem die Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len aus­ge­tra­gen wird, das heißt: der Ort, an dem das vom An­de­ren kom­men­de Man­dat eine Kri­se er­zeugt. Die Kri­se kann etwa dar­in be­stehen, auf die Fra­ge „Was heißt es, die Frau ei­nes Man­nes zu sein?“ eine Ant­wort zu su­chen und nicht fin­den zu kön­nen.

… „Nun, wor­um geht’s beim Sym­ptom, an­ders ge­sagt bei ei­ner Neu­ro­se? Sie ha­ben fest­stel­len kön­nen, daß im Strom­kreis das Ich [moi] wirk­lich vom Sub­jekt ge­trennt ist durch das klei­ne a, das heißt durch den an­de­ren. Und doch be­steht eine Ver­bin­dung. Ich, ich bin Ich, und Sie, sie sind’s eben­falls. Zwi­schen den bei­den gibt es jene struk­tu­rie­ren­de Ge­ge­ben­heit, daß die Sub­jek­te ein­ge­fleischt sind, ver­kör­pert. In der Tat, was auf dem Ni­veau des Sym­bols ge­schieht, ge­schieht bei Le­be­we­sen. Was in S ist, läuft, um sich durch den kör­per­li­chen Trä­ger des Sub­jekts zu ent­hül­len, durch­läuft eine bio­lo­gi­sche Rea­li­tät, die eine Tei­lung her­stellt zwi­schen der ima­gi­nä­ren Funk­ti­on des Le­be­we­sens, von der das Ich eine der struk­tu­rier­ten For­men ist – wir brau­chen uns dar­über nicht so zu be­kla­gen , und der sym­bo­li­schen Funk­ti­on, die es zu er­fül­len im­stan­de ist und die ihm eine her­aus­ra­gen­de Po­si­ti­on ge­gen­über dem Rea­len gibt.“ (410 f., Über­set­zung ge­än­dert)

Wo ist im Dia­gramm das Sym­ptom bzw. die Neu­ro­se zu ver­or­ten?

La­can deu­tet das Sche­ma an die­ser Stel­le so: Vom Ich wird ge­wis­ser­ma­ßen eine Di­rekt­ver­bin­dung zum Sub­jekt an­ge­strebt (a-S bzw. m-S); an­ders ge­sagt: das Ich des Pa­ti­en­ten will wis­sen, was mit ihm los ist. Die­ser Zu­gang kann je­doch nicht her­ge­stellt wer­den, und zwar des­halb nicht, weil sich ihm der Nar­ziss­mus in den Weg stellt, weil also das Ich sich, statt auf das Sub­jekt, auf den an­de­ren be­zieht; der Be­zie­hung a-S stellt sich dem Ver­hält­nis a-aꞌ in die Que­re.

Der Zu­gang des Ichs zum Sub­jekt wird durch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren je­doch nicht ganz und gar blo­ckiert. Dem Ich ist der Zu­gang zum Sub­jekt da­durch mög­lich, dass das Sub­jekt Sym­pto­me pro­du­ziert.

Die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und den an­de­ren be­ruht auf der bio­lo­gi­schen Rea­li­tät, dar­auf, dass Men­schen Kör­per ha­ben, dass sie „ein­ge­fleischt“ sind.

Die bio­lo­gi­sche Rea­li­tät be­zieht sich nicht nur auf die ima­gi­nä­re Re­la­ti­on, son­dern auch auf das Sym­bol. Man muss sich hier dar­an er­in­nern, dass der Punkt S im Dia­gramm nicht nur für „Sub­jekt“ steht, son­dern auch für „Sym­bol“.52 Das, was auf der Ebe­ne des Sym­bols ge­schieht, er­eig­net sich bei Le­be­we­sen. Der Punkt S re­prä­sen­tiert nicht das iso­lier­te Sym­bol, son­dern die Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­bol und der bio­lo­gi­schen Rea­li­tät des Le­be­we­sens. Ich neh­me an, dass hier mit der bio­lo­gi­schen Rea­li­tät be­stimm­te Stre­bun­gen ge­meint sind, die von an­de­ren (nicht von La­can) als „Trie­be“ be­zeich­net wer­den; zu­min­dest wird der Aus­druck „Rea­li­tät“ ein paar Sei­ten spä­ter so ver­wen­det (vgl. 412 f.). Da­mit zeich­net sich an­deu­tungs­wei­se La­cans Trieb­be­griff ab: der Trieb en­steht durch die Ein­wir­kung des Si­gni­fi­kan­ten in die bio­lo­gi­sche Rea­li­tät, in be­stimm­te Stre­bun­gen, die da­durch Be­deu­tun­gen er­hal­ten.

Was in S ist, durch­läuft eine bio­lo­gi­sche Rea­li­tät, und ent­hüllt sich im Re­gis­ter des Ima­gi­nä­ren durch den kör­per­li­chen Trä­ger des Sub­jekts, ich neh­me an: als Sym­ptom.

Die bio­lo­gi­sche Rea­li­tät des Kör­pers ist je­doch nicht nur eine ver­mit­teln­de Grö­ße zwi­schen S und a, sie stellt zu­gleich eine Tei­lung her zwi­schen zwei Grö­ßen: zwi­schen der ima­gi­nä­ren Funk­ti­on des Le­be­we­sens, wo­von das Ich eine struk­tu­rier­te Form ist, und der sym­bo­li­schen Funk­ti­on, die das Le­be­we­sen zu er­fül­len im­stan­de ist, und die ihm eine her­aus­ra­gen­de Po­si­ti­on ge­gen­über dem Rea­len gibt, also ge­gen­über dem, was nicht sym­bo­li­siert ist und was zu sym­bo­li­sie­ren er sich be­müht.

… „Was ge­schieht, wenn es eine Neu­ro­se gibt, ist dies. Sa­gen, dass es ein Ver­dräng­tes gibt, ein Ver­dräng­tes, das nie­mals ohne Wie­der­kehr ab­geht, heißt ge­nau dar­auf an­zu­spie­len, dass et­was vom Dis­kurs, der von A nach S geht, durch­kommt und zu­gleich nicht durch­kommt. (411, über­setzt nach Ver­si­on Sta­fer­la)

Wenn man sagt, dass es eine Neu­ro­se gibt, be­haup­tet man da­mit, dass es et­was Ver­dräng­tes gibt und dass das Ver­dräng­te wie­der­kehrt: als Sym­ptom.

Be­zo­gen auf Sche­ma L heißt das, dass in dem Dis­kurs, der von A nach S ver­läuft, et­was zu­gleich durch­kommt und nicht durch­kommt. Im Dia­gramm (Ver­si­on aus dem Poe-Auf­satz) wird der pro­ble­ma­ti­sche Cha­rak­ter der Be­zie­hung A-S da­durch re­prä­sen­tiert, dass die Li­nie zwei­ge­teilt ist. Bis zur Be­geg­nung mit dem ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis a-aꞌ ist sie durch­ge­hend ge­zeich­net, da­nach ge­stri­chelt. Die Neu­ro­se be­ruht dar­auf, dass es mit dem Man­dat, das der An­de­re an das Sub­jekt adres­siert, Schwie­rig­kei­ten gibt, dass es vom Sub­jekt nicht an­er­kannt wird.

Ein Bei­spiel wäre der Fall des Pa­ti­en­ten mit Schreib­krampf, von dem La­can in Se­mi­nar 2 zu­vor be­rich­tet hat­te (168 f.). Der Va­ter des Pa­ti­en­ten war be­schul­digt wor­den, ein Dieb zu sein. Der vom An­de­ren (A) über­mit­tel­te fun­da­men­ta­le Dis­kurs lau­te­te „Dem Dieb muss die Hand ab­ge­hau­en wer­den“ – der Pa­ti­ent war un­ter dem is­la­mi­schen Ge­setz er­zo­gen wor­den. Die­ses Ge­setz kam nicht durch: Die Be­zie­hung des Pa­ti­en­ten zur Ord­nung, zu den grund­le­gen­den Ko­or­di­na­ten der so­zia­len Welt war ver­sperrt, „weil es et­was gab, das er sich wei­ger­te zu ver­ste­hen – war­um je­man­dem, der ein Dieb ist, die Hand ab­ge­schla­gen wer­den muß­te“ (168). Der Pa­ti­ent wei­ger­te sich, et­was zu ver­ste­hen: die­se Wei­ge­rung kann auf der Ebe­ne der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung lo­ka­li­siert wer­den, sie blo­ckiert den Durch­gang des Ge­set­zes zum Sub­jekt. Das Ge­setz kam durch: Weil er das Ge­setz nicht ver­stand, war ihm selbst ge­wis­ser­ma­ßen die Hand ab­ge­schla­gen wor­den (168). Zwi­schen dem Sub­jekt und dem Ich gibt es eine Ver­bin­dung, die kör­per­li­che Rea­li­tät: was im Sub­jekt ist, am Punkt S, ent­hüllt sich im kör­per­li­chen Trä­ger des Sub­jekts, als Schreib­krampf. Über die­sen kör­per­li­chen Trä­ger steht das Sub­jekt (Punkt S) in Ver­bin­dung mit dem Ich (Punkt a): ein Schreib­krampf ist eine Hem­mung, und eine Hem­mung ist, wie Freud sagt, die Ein­schrän­kung ei­ner Ich-Funk­ti­on.53

Die fol­gen­de Pas­sa­ge ist in der Mil­ler-Ver­si­on ge­stri­chen. Sie ist schwer ver­ständ­lich, gibt aber doch ei­ni­ge Hin­wei­se:

An­ders ge­sagt, in­so­fern et­was von dem, was in S ist – d.h. von dem, was es im Spre­chen gibt, um sich zu ent­hül­len –, an­ders­wo durch­ge­hen wird, durch die kör­per­li­che Stüt­ze des Sub­jekts hin­durch­ge­hen wird, wird die­ses Et­was da sein und auch auf eine an­de­re Wei­se in­ter­ve­nie­ren.

Sie ist zu do­sie­ren im Ver­hält­nis zum ge­ge­be­nen Wort / zum ge­ge­be­nen Spre­chen, in­so­fern es durch­geht, in­so­fern ich Ih­nen eben da­für ein Bei­spiel ge­ge­ben habe, in­so­fern es ei­nen Teil der mensch­li­chen Be­zie­hun­gen struk­tu­riert, und be­wirkt, dass alle mög­li­chen Ar­ten von En­ga­ge­ments exis­tie­ren. Denn schließ­lich ist das ein Akt an der Ba­sis je­der Struk­tur­bil­dung, sei sie so­zi­al oder von an­de­rer Art.

Das, was wir ha­ben, wenn es um die Neu­ro­se geht, ist dies, ist et­was wie dies je­doch in der­je­ni­gen Be­zie­hung be­trach­tet, die dem Sub­jekt ei­gen ist, die ihm in­ne­wohnt, zwi­schen die­sem m und dem S. Das heißt, dass et­was da durch­kommt und auf eine Wei­se in­ter­fe­riert hat, die im Ver­hält­nis zum grund­le­gen­den Spre­chen noch viel stö­ren­der zu sein scheint als das, was in die­sem ge­wis­ser­ma­ßen se­kun­dä­ren und ab­ge­lei­te­ten Spre­chen ge­schieht, das die­sen Bruch dar­stellt, die­se Skan­die­rung des Dis­kur­ses.

Die­ser Dis­kurs ist zu­gleich Loch der Zeit und Dis­kurs in sei­ner Be­deu­tung: et­was sa­gen; und das macht aus dem Sym­ptom die­se um­ge­kehr­te, ver­sie­gel­te Wahr­heit, de­ren Auf­lö­sung die Auf­ga­be der ana­ly­ti­schen Be­hand­lung ist.

Die Be­deu­tung der Ana­ly­se be­steht wor­in? (Mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)

Ich ver­ste­he die Pas­sa­ge so (die Wahr­schein­lich­keit, dass ich mich irre, ist ziem­lich hoch):

In S, im Sub­jekt, gibt es et­was, was im Spre­chen ent­hüllt wird. S im Sin­ne von „Sym­bol“ meint also: hier gibt es et­was, das sich im Spre­chen ent­hüllt. Vor­her hieß es: das, was in S ist, ent­hüllt sich durch die kör­per­li­che Stüt­ze des Sub­jekts, durch die bio­lo­gi­sche Rea­li­tät. Ich neh­me an, dass ge­meint ist: es zeigt sich als Sym­ptom, in der Wie­der­ho­lung, in der Über­tra­gung.

Dies ist auf das ge­ge­be­ne Wort zu be­zie­hen, in­so­fern es durch­kommt. Das könn­te hei­ßen: das Sym­ptom ist eine Ant­wort des Sub­jekts auf das vom An­de­ren kom­men­de grund­le­gen­de Spre­chen, auf das vom An­de­ren kom­men­de Man­dat, etwa „Du bist sei­ne Frau“. Ap­pel­le die­ser Art struk­tu­rie­ren ei­nen Teil der mensch­li­chen Be­zie­hun­gen und er­zeu­gen En­ga­ge­ments der ver­schie­dens­ten Art. Sie sind die Akte, die je­der Struk­tur­bil­dung zu­grun­de­lie­gen, und das nicht nur im so­zia­len Be­reich, son­dern auch in Be­zug auf das Psy­chi­sche.

Bei der Neu­ro­se, also beim Sym­ptom, geht es eben dar­um: um das vom An­de­ren kom­men­de wah­re Spre­chen. Die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht die­sen vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sub­jekt und dem Ich, zwi­schen S und m. Et­was, was sich auf den Kör­per stützt, kommt durch und in­ter­fe­riert mit dem grund­le­gen­den Spre­chen, mit dem vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs.

Im Ver­hält­nis zum grund­le­gen­den, vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs ist die­ses in­ter­fe­rie­ren­de Et­was noch weit­aus stö­ren­der als das vom Ich aus­ge­hen­de se­kun­dä­re Spre­chen, das be­deu­tungs­ori­en­tier­te Spre­chen, das „lee­re Spre­chen“ des Rom­vor­trags, das mit dem grund­le­gen­den Dis­kurs in­ter­fe­riert.

Der vom An­de­ren kom­men­de Dis­kurs ist ein Loch in der Zeit (das Un­be­wuss­te ist zeit­los, sagt Freud) und ein Dis­kurs mit ei­ner be­stimm­ten Be­deu­tung, das Un­be­wuss­te spricht.

Auf­grund der Wirk­sam­keit des vom An­de­ren kom­men­den Dis­kur­ses wird das Sym­ptom zu ei­ner Wahr­heit, die ver­sie­gelt. Die Auf­ga­be der Ana­ly­se be­steht dar­in, das Sie­gel auf­zu­bre­chen.

… „Was Wi­der­stand ge­nannt zu wer­den ver­dient, hängt dar­an, daß das Ich nicht mit dem Sub­jekt iden­tisch ist und daß es zur Na­tur des Ich ge­hört, sich in den ima­gi­nä­ren Strom­kreis zu in­te­grie­ren, der die Un­ter­bre­chun­gen des grund­le­gen­den Dis­kur­ses be­dingt. Es ist die­ser Wi­der­stand, auf den Freud den Ak­zent setzt, wenn er sagt, daß je­der Wi­der­stand von der Or­ga­ni­sa­ti­on des Ich her­rührt. Denn so­fern es ima­gi­när ist, und nicht ein­fach so­fern es fleisch­li­che Exis­tenz ist, ist das Ich in der Ana­ly­se an der Quel­le der Un­ter­bre­chun­gen die­ses Dis­kur­ses, der nur be­an­sprucht, in Ta­ten über­zu­ge­hen, ins Spre­chen, oder ins Wie­der­ho­len* – das ist dasselbe.“(411, Über­set­zung ge­än­dert)

Das, was die Psy­cho­ana­ly­se „Wi­der­stand“ nennt – al­les, was sich dem Zu­gang zum Un­be­wuss­ten ent­ge­gen­stellt –, be­ruht auf der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, die das Ich zum an­de­ren her­stellt (a-aꞌ) und die den vom An­de­ren kom­men­den grund­le­gen­den Dis­kurs un­ter­bricht. Im Dia­gramm wird das da­durch dar­ge­stellt, dass die von A aus­ge­hen­de Li­nie zu­nächst durch­ge­zo­gen ist und nach der Que­rung des ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis­ses ge­stri­chelt ge­zeich­net wird.

Mit Freud: Je­der Wi­der­stand rührt von der Or­ga­ni­sa­ti­on des Ichs her.54

Im Tri­oden­mo­dell wird der Wi­der­stand da­durch re­prä­sen­tiert, dass die ne­ga­ti­ve La­dung des Streu­git­ters (die Her­stel­lung der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zum an­de­ren) den Elek­tro­nen­fluss von der Ka­tho­de zur An­ode (den vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs, der sich an das Sub­jekt wen­det) un­ter­bricht.

Das Ich hat, La­can zu­fol­ge, eine Dop­pel­funk­ti­on, es ist ima­gi­när, und es ist fleisch­li­che Exis­tenz. So­fern es ima­gi­när ist, bil­det es die Quel­le der Un­ter­bre­chun­gen des vom An­de­ren kom­men­den grund­le­gen­den Dis­kur­ses.

Vom An­de­ren geht der grund­le­gen­de Dis­kurs aus (etwa „Du bist mei­ne Frau“). Die­ser Dis­kurs be­an­sprucht, in Ta­ten über­zu­ge­hen, ins Spre­chen, in die Wie­der­ho­lung. Das ist das­sel­be, und zwar in­so­fern, als der Wie­der­ho­lungs­zwang auf dem sym­bo­li­schen Re­gis­ter be­ruht.55 Die Wie­der­ho­lung ist eine Art Spre­chen, ein Spre­chen, bei dem es dem Sub­jekt nicht mög­lich ist, sich als Sub­jekt die­ses Spre­chens zu er­ken­nen oder zu be­nen­nen. Schema L - Widerstand

In der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich den Wi­der­stand der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung a-a zu­ge­ord­net und den grund­le­gen­den Dis­kurs der Li­nie A-S.

…“Wenn ich Ih­nen sa­gen, daß der ein­zi­ge wirk­li­che Wi­der­stand in der Ana­ly­se der Wi­der­stand des Ana­ly­ti­kers ist, dann heißt das, daß eine Ana­ly­se be­greif­bar ist nur in dem Maße, in dem das a aus­ge­löscht ist. In der Ana­ly­se muss eine ge­wis­se sub­jek­ti­ve Läu­te­rung er­reicht wer­den – wenn nicht, wozu dann all die­se Ze­re­mo­ni­en, de­nen wir uns hin­ge­ben? –, der­art, daß man wäh­rend der gan­zen Dau­er der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung den Pol a mit dem Pol A kon­fun­die­ren kann.“ (411, Über­set­zung ge­än­dert)

In der Ana­ly­se geht der Wi­der­stand vom Ana­ly­ti­ker aus, und zwar dann, wenn er für den Pa­ti­en­ten die Po­si­ti­on des ima­gi­nä­ren an­de­ren ein­nimmt, des Part­ners, des Ide­als, des Ri­va­len. Be­zo­gen auf Sche­ma L heißt das, dass er den Platz aꞌ (rechts oben) be­setzt. Im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se muss der Ana­ly­ti­ker auf­hö­ren, für den Pa­ti­en­ten die­se Funk­ti­on zu er­fül­len; a soll aus­ge­löscht sein, a als Ge­gen­stück zu m. Be­zieht man sich auf die No­men­kla­tur im Dia­gramm des Poe-Auf­sat­zes, muss man sa­gen: aꞌ soll aus­ge­löscht sein.

Dazu die­nen be­stimm­te Ze­re­mo­ni­en; ge­meint sind viel­leicht die Ze­re­mo­ni­en im Aus­bil­dungs­gang ei­nes Ana­ly­ti­kers: Lehr­ana­ly­se und Su­per­vi­si­on, oder auch das psy­cho­ana­ly­ti­sche Set­ting: der Platz hin­ter der Couch usw.

Im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se kann es dazu kom­men, dass zwei ganz un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen des Ana­ly­ti­kers ver­mengt wer­den: die des ima­gi­nä­ren an­de­ren und die des sym­bo­li­schen An­de­ren.

… „Der Ana­ly­ti­ker hat teil an der ra­di­ka­len Na­tur des An­de­ren, in­so­fern er das am schwers­ten Zu­gäng­li­che ist. Folg­lich und von dem Mo­ment an rich­tet sich das, was vom Ima­gi­nä­ren des Ichs (moi) des Sub­jekts aus­geht, nicht nach die­sem an­de­ren, an den es ge­wöhnt ist und der nur sein Part­ner ist, der­je­ni­ge, der dazu da ist, um in sein Spiel ein­zu­ge­hen, son­dern ge­ra­de nach dem ra­di­kal An­de­ren, der für es ver­hüllt ist. Was Über­tra­gung ge­nannt wird, ge­schieht sehr ge­nau zwi­schen A und m, in­so­fern das durch den Ana­ly­ti­ker re­prä­sen­tier­te a fehlt.“ (411, Über­set­zung ge­än­dert)

Der Ana­ly­ti­ker macht sich für den Pa­ti­en­ten un­zu­gäng­lich. Da­mit hat er teil an der ra­di­ka­len Na­tur des An­de­ren (mit gro­ßem A), an des­sen Un­durch­schau­bar­keit, an des­sen Sub­jekt­haf­tig­keit. Dies hat zur Fol­ge, dass sich das Ich des Pa­ti­en­ten nicht mehr an den Ana­ly­ti­ker als ima­gi­nä­ren an­de­ren wen­det, als Part­ner und Ri­va­le, son­dern als ra­di­kal An­de­ren, in dem es sich nicht wie­der­erkennt.

Auf der Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem Ana­ly­ti­ker in der Po­si­ti­on des An­de­ren be­ruht die Über­tra­gung. In dem Maße, in dem der Wi­der­stand zu­rück­tritt (die Be­zie­hung zum Ana­ly­ti­ker als an­de­rem mit klei­nem a) kann sich die Über­tra­gung her­stel­len (die Be­zie­hung zum Ana­ly­ti­ker als An­de­rem mit gro­ßem A).

Im Dia­gramm wird die Über­tra­gung durch die Ver­bin­dung zwi­schen dem An­de­ren (un­ten rechts) und dem Ich (un­ten links) re­prä­sen­tiert; in der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich Wi­der­stand und Über­tra­gung ein­ge­tra­gen.

Schema L - ÜbertragungDas Dia­gramm ist dem­nach so zu le­sen: Das Ich ist der Ziel­punkt zwei­er Pfeil­li­ni­en. In ihm en­det die vom an­de­ren kom­men­de Li­nie der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung (aꞌ→a) und die vom An­de­ren kom­men­den Li­nie der Über­tra­gung (A→a). Die bei­den Li­ni­en sind ex­klu­siv, die Über­tra­gungs­be­zie­hung kann sich nur in dem Maße her­stel­len, wie die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum Ana­ly­ti­ker zu­rück­tritt.

… “Wor­um es sich han­delt, wie Freud in be­wun­derns­wer­ter Wei­se in die­sem Text sagt, ist eine Über­le­gen­heit* – was man bei die­ser Ge­le­gen­heit durch su­pe­rio­rité über­setzt, doch ich ver­mu­te, daß es sich da um ein Wort­spiel han­delt, wie die Fol­ge an­deu­tet –, dank der die Rea­li­tät, die in der ana­ly­ti­schen Si­tua­ti­on er­scheint, im­mer* er­kannt wird als Spie­ge­lung* – ein er­staun­li­cher Ter­mi­nus –, als Spie­ge­lung ei­ner be­stimm­ten ver­ges­se­nen Ver­gan­gen­heit. Dar­in steckt der Ter­mi­nus Spie­gel*. Von dem Mo­ment an, wo nicht mehr der Wi­der­stand der ima­gi­nä­ren Funk­ti­on des Ich exis­tiert, kön­nen sich das A und das m ge­wis­ser­ma­ßen ein­stim­men, hin­rei­chend kom­mu­ni­zie­ren, so daß sich zwi­schen ih­nen eine ge­wis­se Iso­chro­nie her­stellt, eine be­stimm­te gleich­zei­ti­ge Po­si­ti­vie­rung mit Be­zug auf un­se­re Tri­oden­röh­re. Das fun­da­men­ta­le Spre­chen, das von A nach S geht, trifft hier auf eine har­mo­ni­sche Schwin­gung, et­was, das, statt zu in­ter­fe­rie­ren, sei­nen Durch­gang er­mög­licht. Man kann die­se Tri­oden­röh­re so­gar ihre rea­le Rol­le spie­len las­sen, die oft die ei­nes Ver­stär­kers ist, und sa­gen, daß der fun­da­men­ta­le Dis­kurs, der bis da­hin zen­siert ist – um den Ter­mi­nus zu ver­wen­den, der der bes­te ist –, sich lich­tet.“ (412, Über­set­zung ge­än­dert)

Freud sagt, durch eine „Über­le­gen­heit“ kann der Pa­ti­ent die Rea­li­tät, die in der ana­ly­ti­schen Si­tua­ti­on er­scheint, als Spie­ge­lung ei­ner be­stimm­ten ver­ges­se­nen Ver­gan­gen­heit er­ken­nen.56 La­can ver­mu­tet, dass es sich bei „Über­le­gen­heit“ um ein Wort­spiel han­delt, viel­leicht mit „über­le­gen sein“ und „über­le­gen“ im Sin­ne von „nach­den­ken“; mir ist nicht klar, was da­mit ge­meint sien könn­te.

Dass das a in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung aus­ge­löscht wird, meint, dass der Wi­der­stand nicht mehr exis­tiert.

Von dem Mo­ment an, wo der Wi­der­stand nicht mehr exis­tiert, der durch die Be­zie­hung des Ichs zum an­de­ren her­vor­ge­ru­fen wird, kön­nen der An­de­re und das Ich, A und m, ge­wis­ser­ma­ßen in Über­ein­stim­mung ge­ra­ten, mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, so dass sich zwi­schen ih­nen eine Gleich­zei­tig­keit her­stellt. In die­sem Fall trifft das grund­le­gen­de Spre­chen, das von A nach S geht, dort, wo im Sche­ma die ima­gi­nä­re Be­zie­hung ein­ge­zeich­net ist, auf eine Schwin­gung, die so be­schaf­fen ist, dass sie ei­nen Durch­gang er­mög­licht.

Das Ich re­du­ziert sich nicht auf sei­ne ima­gi­nä­re Funk­ti­on. Ana­log zum Streu­git­ter, dass nicht nur, durch ne­ga­ti­ve La­dung, dazu die­nen kann, den Elek­tro­nen­fluss zu blo­ckie­ren, son­dern auch dazu, durch po­si­ti­ve La­dung, ihn zu ver­stär­ken, kann das Ich da­für sor­gen, dass der fun­da­men­ta­le Dis­kurs sich lich­tet, sich ent­wirrt; dies hat zur Vor­aus­set­zung, dass die ima­gi­nä­re Funk­ti­on des Ichs – die Be­zie­hung zum ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren – still­ge­legt ist.

Schema L - ZensurBis da­hin hat die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum an­de­ren je­doch den Ef­fekt, dass der vom An­de­ren kom­men­de Dis­kurs zen­siert wird; La­can be­tont die­sen Ter­mi­nus. Für ihn ist die Zen­sur, zu­min­dest an die­ser Stel­le, eine Funk­ti­on des Ichs, eine Funk­ti­on der Be­zie­hung des Ichs zum an­dern.

…“Die­ser Fort­schritt voll­zieht sich durch die Wir­kung der Über­tra­gung, die an­ders­wo ge­schieht als da, wo die Wie­der­ho­lungs­ten­denz vor sich geht. Was in­sis­tiert, was nur über­zu­ge­hen be­an­sprucht, geht über zwi­schen A und S. Die Über­tra­gung hin­ge­gen ge­schieht zwi­schen m und A. Und in dem Maße, in dem das m, wenn man das so sa­gen kann, nach und nach lernt, sich in Über­ein­stim­mung zu brin­gen mit dem fun­da­men­ta­len Dis­kurs, kann es in der glei­chen Wei­se be­han­delt wer­den, wie das A be­han­delt wird, das heißt, es kann nach und nach an S ge­bun­den wer­den.“ (412, Tran­skrip­ti­on ge­än­dert, im Ori­gi­nal: „zwi­schen m und a“)

Wenn es im Ver­lauf ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur ei­nen Fort­schritt gibt, so be­steht er dar­in, dass der vom An­de­ren aus­ge­hen­de fun­da­men­ta­le Dis­kurs sich auf­klärt. Er­mög­licht wird die­ser Fort­schritt durch die Über­tra­gung.

Die Über­tra­gung er­eig­net sich an­ders­wo als dort, wo die Wie­der­ho­lungs­ten­denz vor sich geht. Die Wie­der­ho­lung voll­zieht sich zwi­schen A und S, sie be­steht dar­in, dass et­was von A nach S über­zu­ge­hen be­an­sprucht. Die Über­tra­gung hin­ge­gen er­eig­net sich zwi­schen m und A, zwi­schen dem Ich und dem An­de­ren.

In den Se­mi­nar-Ver­sio­nen von Mil­ler und von Sta­fer­la heißt es, dass die Über­tra­gung sich zwi­schen m und a er­eig­net. Ich hal­te das für ei­nen Tran­skrip­ti­ons­feh­ler und habe es des­halb ge­än­dert. Denn ei­ni­ge Sät­ze zu­vor hat­te La­can er­klärt, dass die Über­tra­gung sich zwi­schen m und A voll­zieht und dass sie zur Vor­aus­set­zung hat, dass a aus­ge­schal­tet wird, das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis zum an­de­ren (vgl. 411).

Durch die Über­tra­gung lernt das Ich (m), sich all­mäh­lich in Über­ein­stim­mung mit dem von A aus­ge­hen­den Dis­kurs zu brin­gen. Im Dia­gramm steht der von A aus­ge­hen­de und zu m füh­ren­de Pfeil dem­nach da­für, dass sich das Ich an den grund­le­gen­den Dis­kurs an­passt.

Dies führt dazu, dass das Ich nach und nach mit S ver­bun­den wird, mit dem Sub­jekt, mit dem Adres­sa­ten des vom An­de­ren aus­ge­hen­den Man­dats. Es rea­li­siert nicht nur, an wel­chen An­de­ren es sich, ohne es zu wis­sen, wen­det, son­dern auch, von wel­chem Platz aus es das gut (vgl. 314).

…“Das heißt nicht, daß ein als au­to­nom un­ter­stell­tes Ich sich auf das Ich des Ana­ly­ti­kers stützt, wie Lo­ewen­stein in ei­nem Text schreibt, den ich Ih­nen heu­te nicht vor­le­sen möch­te, den ich je­doch sorg­fäl­tig aus­ge­wählt hat­te, und ein im­mer stär­ke­res, in­te­grie­ren­des und wis­sen­des Ich wird. Es heißt im Ge­gen­teil, daß das Ich wird, was es nicht war, daß es an den Punkt ge­langt, wo das Sub­jekt ist.“ (412)

Ru­dolph Lo­ewen­stein zu­fol­ge voll­zieht sich der Fort­schritt der Ana­ly­se so, dass sich ein als au­to­nom un­ter­stell­tes Ich auf das Ich des Ana­ly­ti­kers stützt, wo­durch ein im­mer stär­ke­res, in­te­grie­ren­de­res und wis­sen­de­res Ich ent­steht. La­can ver­weist hier­für auf ei­nen Auf­satz von Lo­ewen­stein, des­sen Ti­tel er nicht an­gibt.

La­can lehnt die­se Kon­zep­ti­on ab.

Der Fort­schritt der Ana­ly­se voll­zieht sich, La­can zu­fol­ge, viel­mehr so, dass das Ich an den Punkt ge­langt, an dem das Sub­jekt ist und dass es auf die­se Wei­se et­was wird, was es nicht war. Wie für Lo­ewen­stein be­steht auch für La­can das Ziel der Ana­ly­se in ei­ner Ver­än­de­rung des Ichs. Das Ich soll sich je­doch nicht da­durch ver­än­dern, dass es sich auf das Ich des Ana­ly­ti­kers stützt und stär­ker und wis­sen­der wird. Das Ich soll an den Punkt kom­men, wo das Sub­jekt ist, es soll die Äu­ße­run­gen des Un­be­wuss­ten sub­jek­ti­vie­ren, sich als de­ren Sub­jekt an­neh­men.

Freuds Dik­tum „Wo Es war, soll Ich wer­den“, heißt in die­ser Les­art: das Ich soll dort hin­kom­men, wo das Sub­jekt war.

In der Ver­si­on von Sche­ma L, die im Poe-Auf­satz ver­öf­fent­licht wur­de, wird die­ser Zu­sam­men­hang da­durch her­ge­stellt, dass der Punkt oben links nicht nur mit S be­zeich­net ist (für „Sub­jekt“ und „Sym­bol“), son­dern auch mit „Es“.

Was meint kon­kret, dass das Ich an den Punkt kommt, wo das Sub­jekt ist? Das wird in den nächs­ten Sät­zen er­läu­tert.

…“Alle ana­ly­ti­sche Er­fah­rung ist eine Er­fah­rung der Be­deu­tung (si­gni­fi­ca­ti­on). Ei­ner der gro­ßen Ein­wän­de, die uns ent­ge­gen­ge­bracht wer­den, ist der fol­gen­de – was für eine Ka­ta­stro­phe wird es ge­ben, wenn man dem Sub­jekt sei­ne Rea­li­tät ent­hüllt, sei­nen Was-weiß-ich-für-ei­nen Trieb, sein ho­mo­se­xu­el­les Le­ben? Gott weiß, ob bei die­ser Ge­le­gen­heit die Mo­ra­lis­ten uns et­was dar­über zu sa­gen ha­ben. Das ist je­doch ein schwa­cher und wert­lo­ser Ein­wand. Selbst wenn man zu­ge­steht, daß man dem Sub­jekt ir­gend­ei­ne Stre­bung ent­hüllt, die von ihm durch ich weiß nicht was für eine An­stren­gung auf im­mer hät­te fern­ge­hal­ten wer­den kön­nen, so ist doch das, was in der Ana­ly­se in Fra­ge ge­stellt wird, nicht die durch uns dem Sub­jekt ge­gen­über er­fol­gen­de Ent­hül­lung sei­ner Rea­li­tät. Eine be­stimm­te Kon­zep­ti­on von Wi­der­stands­ana­ly­se schreibt sich in der Tat ziem­lich in die­ses Re­gis­ter ein. Doch die au­then­ti­sche Er­fah­rung der Ana­ly­se steht dem ab­so­lut ent­ge­gen – das Sub­jekt ent­deckt durch die Ver­mitt­lung der Ana­ly­se sei­ne Wahr­heit, das heißt die Be­deu­tung, die in sei­nem be­son­de­ren Ge­schick (de­sti­née) die­se Ge­ge­ben­hei­ten ge­win­nen, die ihm ei­gen sind und die man sein Los (lot) nen­nen kann.“ (412 f., Über­set­zung ge­än­dert)

Das we­sent­li­che Ge­sche­hen ei­ner Ana­ly­se be­steht nicht dar­in, wie vie­le Leu­te be­fürch­ten, dass dem Pa­ti­en­ten ent­hüllt wird, wel­cher ver­bor­ge­ne Trieb ihn um­treibt, etwa eine ho­mo­se­xu­el­le Stre­bung oder an­de­re Ge­ge­ben­hei­ten. Un­ter den „Ge­ge­ben­hei­ten“ ver­steht La­can hier bio­lo­gi­sche Dis­po­si­tio­nen, wie ei­ni­ge Sät­ze spä­ter klar wird.

Eine sol­che Ent­hül­lung mag vor­kom­men, aber das ist nicht die au­then­ti­sche Er­fah­rung, die in ei­ner Ana­ly­se ge­macht wird. Al­ler­dings ge­hen be­stimm­te For­men der Wi­der­stands­ana­ly­se in die­se Rich­tung.

In ei­ner Ana­ly­se macht ein Pa­ti­ent viel­mehr die Er­fah­rung sei­ner Wahr­heit. Die Wahr­heit be­steht dar­in, dass be­stimm­te Ge­ge­ben­hei­ten – be­stimm­te bio­lo­gi­sche Stre­bun­gen – eine be­stimm­te Be­deu­tung ge­won­nen ha­ben. Statt von „Ge­ge­ben­hei­ten“ spricht La­can hier auch vom „Los“. Durch die­se Be­deu­tung wird die Ge­ge­ben­heit – das Los, die bio­lo­gisch ver­an­ker­te Stre­bung – in ein in­di­vi­du­el­les Ge­schick in­te­griert. Die Be­deu­tung ist un­be­wusst und wird duch die Ana­ly­se ent­hüllt; in der Ent­hül­lung der ver­bor­ge­nen Be­deu­tung be­steht die Er­fah­rung der Wahr­heit.

…“Die mensch­li­chen We­sen wer­den mit al­len mög­li­chen äu­ßerst he­te­ro­ge­nen Dis­po­si­tio­nen ge­bo­ren. Doch was auch im­mer das grund­le­gen­de Los sein mag, das bio­lo­gi­sche Los – das, was die Ana­ly­se dem Sub­jekt of­fen­bart, ist sei­ne Be­deu­tung. Die­se Be­deu­tung ist Funk­ti­on ei­nes be­stimm­ten Spre­chens (pa­ro­le), das Spre­chen des Sub­jekts ist und es nicht ist – die­ses Spre­chen nimmt es be­reits fer­tig in Emp­fang, es ist sein Durch­gangs­punkt. Ich weiß nicht, ob dies das ur­sprüng­li­che Haupt-Wort des in die rab­bi­ni­sche Tra­di­ti­on ein­ge­schrie­be­nen Bu­ches des Jüngs­ten Ge­richts ist. Wir bli­cken nicht so weit, wir ha­ben be­grenz­te­re Pro­ble­me, wo je­doch die Ter­mi­ni der Be­ru­fung (vo­ca­ti­on) und der An­ru­fung (ap­pell) all ih­ren Wert ha­ben.“ (413, Über­set­zung ge­än­dert)

Die Be­deu­tung, die in ei­ner Ana­ly­se of­fen­bart wird, ist ab­hän­gig von ei­nem be­stimm­ten Spre­chen.

Die­ses Spre­chen ist das Spre­chen des Sub­jekts und ist es auch wie­der nicht. Es ist ein Spre­chen, das das Sub­jekt vom An­de­ren emp­fängt und das es wei­ter­gibt, es ge­hört zum uni­ver­sa­len Dis­kurs, der von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on über­lie­fert wird.

Zur Ver­deut­li­chung be­zieht La­can sich auf ein Haupt­werk der rab­bi­ni­schen Li­te­ra­tur, auf die Misch­na. Das Neu­jahrs­fest, Rosch ha-Scha­na, wird hier als Tag des himm­li­schen Ge­richts dar­ge­stellt, an dem die Bü­cher ge­öff­net wer­den, in de­nen Sün­den und Ver­diens­te ei­nes je­den ver­zeich­net sind. La­can fragt sich, ob da­mit nicht letzt­lich auf das durch die Ge­ne­ra­tio­nen hin­durch über­lie­fer­te Spre­chen ver­wie­sen wird.

Wie auch im­mer, gute Be­zeich­nun­gen für die Be­zie­hung des uni­ver­sa­len Dis­kur­ses zum Sub­jekt sind auf je­den Fall die Be­grif­fe „Be­ru­fung“ und „An­ru­fung“. Bei­spie­le da­für sind Man­da­te wie „Du bist mein Leh­rer“ und „Du bist mein Mann“; im Rom-Vor­trag hat­te er dies als „vol­les“ oder „wah­res Spre­chen“ be­zeich­net. In Sche­ma L wird die Be­ru­fung, die An­ru­fung durch die von A nach S füh­ren­de Li­nie dar­ge­stellt.

…“Gäbe es nicht die­ses vom Sub­jekt emp­fan­ge­ne Spre­chen, das auf die sym­bo­li­sche Ebe­ne trägt, dann gäbe es kei­nen Kon­flikt mit dem Ima­gi­nä­ren und je­der wür­de ein­zig und al­lein sei­ner Nei­gung fol­gen. Die Er­fah­rung lehrt uns, daß es da­mit nichts ist. Freud hat nie­mals ei­nem das Sub­jekt kon­sti­tu­ie­ren­den we­sent­li­chen Dua­lis­mus auf­ge­ge­ben. Das be­deu­tet nichts an­de­res als die­se Rück­kreu­zun­gen. Ih­nen möch­te ich nach­ge­hen.“ (413, Über­set­zung ge­än­dert)

Sche­ma L zeigt nicht nur, dass die vom An­de­ren kom­men­den Ap­pel­le (A→S) von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung (aꞌ→a bzw. a→m) blo­ckiert wer­den, son­dern auch, dass die sym­bo­li­sche Be­zie­hung in das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis ein­greift.

Gäbe es nicht die In­ter­ven­ti­on der sym­bo­li­schen Be­zie­hung in das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis, wür­de je­der un­ge­stört sei­nen Nei­gun­gen nach­ge­hen; wo­bei an die­ser Stel­le vor­aus­ge­setzt wird, dass die Be­frie­di­gung der Nei­gun­gen auf der Be­zie­hung des Ichs zum an­de­ren be­ruht.

Freuds Theo­rie war im­mer dua­lis­tisch: Be­wusst­sein ver­sus Un­be­wuss­tes, Ich­trie­be ver­sus Se­xu­al­trie­be, Ich ver­sus Es, Le­bens­trie­be ver­sus To­des­trie­be. An die­se dua­lis­ti­sche Sicht­wei­se knüpft das Sche­ma an, das Ver­hält­nis zwi­schen der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung (an­de­rer-Ich) und der sym­bo­li­schen Be­zie­hung (An­de­rer-Sub­jekt) soll als Dua­lis­mus auf­ge­fasst wer­den. Die­ser Dua­lis­mus ver­weist auf ei­nen Trieb­dua­lis­mus, wie La­can in den an­schlie­ßen­den Be­mer­kun­gen an­deu­tet.

…“Das Ich schreibt sich ein ins Ima­gi­nä­re. Al­les, was zum Ich ge­hört, schreibt sich ein in die ima­gi­nä­ren Span­nun­gen, wie die üb­ri­gen li­bi­di­nö­sen Span­nun­gen. Li­bi­do und Ich ste­hen auf der glei­chen Sei­te. Der Nar­ziß­mus ist li­bi­di­nös. Das Ich ist kei­ne hö­he­re Macht, noch rei­ner Geist, noch eine au­to­no­me In­stanz, noch – wie man zu schrei­ben sich er­dreis­tet – eine kon­flikt­freie Sphä­re, auf die wir uns zu stüt­zen hät­ten. Was ist denn das für eine Ge­schich­te? Ha­ben wir von den Sub­jek­ten zu ver­lan­gen, daß sie hö­he­re Stre­bun­gen nach der Wahr­heit ha­ben? Was ist denn das für eine zur Sub­li­mie­rung tran­szen­die­ren­de Stre­bung? Freud lehnt sie in Jen­seits des Lust­prin­zips aufs nach­drück­lichs­te ab. In kei­ner der kon­kre­ten und his­to­ri­schen Äu­ße­run­gen mensch­li­cher Funk­tio­nen sieht er die ge­rings­te Ten­denz zum Fort­schritt, und das hat schon sei­nen Wert bei dem­je­ni­gen, der un­se­re Me­tho­de er­fun­den hat. Alle Le­bens­for­men sind so er­staun­lich, so wun­der­bar, es gibt kein Stre­ben zu hö­he­ren For­men.“ (413 f., Über­set­zung ge­än­dert)

Das Ich ge­hört zum Re­gis­ter des Ima­gi­nä­ren. Das Ima­gi­nä­re ist je­doch nicht nur die auf dem Kör­per­bild be­ru­hen­de Ord­nung der Bil­der. Es ist von An­fang an ein Feld von Span­nun­gen, von Stre­bun­gen, näm­lich der Be­reich der Li­bi­do. Der Nar­ziss­mus be­steht in der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung des Ichs.57

Das Ich ist kei­ne kon­flikt­freie Sphä­re und kei­ne au­to­no­me In­stanz, wie Heinz Hart­mann er­klärt hat­te.58

Das Ich ist nicht durch ein Stre­ben nach Sub­li­mie­rung be­stimmt – von Freud wird die Vor­stel­lung, es gebe ein Stre­ben nach Sub­li­mie­rung, ab­ge­lehnt.59

In den his­to­ri­schen Äu­ße­run­gen mensch­li­cher Funk­tio­nen gibt es, Freud zu­fol­ge, auch kei­ne Ten­denz zum Fort­schritt – die Trie­be sind kon­ser­va­tiv.60 We­der bei Tie­ren noch bei Pflan­zen gibt es, Freud zu­fol­ge, ein Stre­ben zu hö­he­ren For­men.61

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker kann sich des­halb nicht, wie ei­ni­ge mei­nen, auf ein Stre­ben nach Wahr­heit stüt­zen, das im Ich des Pa­ti­en­ten an­ge­sie­delt wäre.

… “Hier mün­den wir ein in die sym­bo­li­sche Ord­nung, die nicht die li­bi­di­nö­se Ord­nung ist, in die sich eben­so­wohl das Ich wie alle Trie­be ein­schrei­ben. Sie strebt, jen­seits des Lust­prin­zips, aus den Gren­zen des Le­bens hin­aus, und des­halb iden­ti­fi­ziert Freud sie mit dem To­des­trieb. Le­sen Sie den Text noch ein­mal, und Sie wer­den se­hen, ob er Ih­nen wür­dig scheint, gut­ge­hei­ßen zu wer­den. Die sym­bo­li­sche Ord­nung wird ver­wor­fen von der li­bi­di­nö­sen Ord­nung, die den ge­sam­ten Be­reich des Ima­gi­nä­ren um­faßt, ein­schließ­lich der Struk­tur des Ich. Und der To­des­trieb ist nur die Mas­ke der sym­bo­li­schen Ord­nung, in­so­fern – Freud schreibt es – sie stumm ist, das heißt, in­so­fern sie sich nicht rea­li­siert hat. So­lan­ge die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung nicht her­ge­stellt wur­de, ist die sym­bo­li­sche Ord­nung per de­fi­ni­tio­nem stumm.“ (414, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can un­ter­schei­det zwei Trie­bar­ten; er stützt sich hier­für auf Freuds Un­ter­schei­dung zwi­schen den Le­bens­trie­ben und den To­des­trie­ben (in Jen­seits des Lust­prin­zips, in Das Ich und das Es und in Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur). Das Ima­gi­nä­re ist nicht nur der Be­reich des Ichs, son­dern auch der der Li­bi­do und des Lust­prin­zips; hier schreibt sich die Ge­samt­heit der Trie­be ein – bis auf eine Aus­nah­me.

Das Sym­bo­li­sche ist der Be­reich des To­des­triebs, jen­seits des Lust­prin­zips. Das Sym­bo­li­sche strebt aus den Gren­zen des Le­bens hin­aus, eben des­halb spricht Freud vom To­des­trieb. Der To­des­trieb ist eine mas­kier­te Ge­stalt der sym­bo­li­schen Ord­nung.

Die li­bi­di­nö­se Ord­nung ver­wirft die sym­bo­li­sche Ord­nung.

Der To­des­trieb ist stumm, sagt Freud. 62 La­can deu­tet das so: Die sym­bo­li­sche Ord­nung bzw. die vom An­de­ren kom­men­de An­ru­fung kann an­er­kannt oder nicht an­er­kannt wer­den. Die li­bi­di­nö­se Ord­nung drängt zur Nicht-An­er­ken­nung des vom An­de­ren kom­men­den Man­dats. Wenn die An­er­ken­nung des Ap­pells nicht voll­zo­gen wird, zeigt die sym­bo­li­sche Ord­nung sich als To­des­trieb, im Wie­der­ho­lungs­zwang. Freuds Rede von der Stumm­heit des To­des­triebs meint die Nicht-An­er­ken­nung der sym­bo­li­schen Ord­nung, die zur Fol­ge hat, dass an die Stel­le der Er­in­ne­rung die Wie­der­ho­lung tritt.

Be­zieht sich der Be­griff „Es“ in der lin­ken obe­ren Ecke von Sche­ma L auf den To­des­trieb? Steht der Buch­sta­be S in­so­fern für „Sym­bol“, als et­was nicht sym­bo­li­siert wor­den ist, aber zur Sym­bo­li­sie­rung drängt?

Wie auch im­mer, die Ach­se A-S steht nicht für das Sym­bo­li­sche, son­dern für das Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len, da­für, dass et­was zur Sym­bo­li­sie­rung drängt, aber nicht sym­bo­li­siert wird. Her­vor­ge­ru­fen wird die Span­nung da­durch, dass die vom An­de­ren kom­men­de An­ru­fung vom Sub­jekt nicht an­er­kannt wird.

Schema L - TodestriebIm Sche­ma kann man also die Li­bi­do, die nicht zum To­des­trieb ge­hö­ren­den Trie­be (Freuds Le­bens­trie­be) so­wie das Lust­prin­zip der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zu­ord­nen. Der To­des­trieb jen­seits des Lust­prin­zips hin­ge­gen ge­hört zur Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt.

…“Die sym­bo­li­sche Ord­nung, nicht-sei­end zu­gleich und in­sis­tie­rend, um zu sein, das ist es, wor­auf Freud ab­zielt, wenn er uns vom To­des­trieb als vom Grund­le­gends­ten spricht – eine sym­bo­li­sche Ord­nung, die da­bei ist, ge­bo­ren zu wer­den, im Kom­men, in­sis­tie­rend, um rea­li­siert zu wer­den.“ (414, Über­set­zung ge­än­dert)

Die sym­bo­li­sche Ord­nung ist nicht ein­fach da. Die sym­bo­li­sche Ord­nung ist auch nicht-sei­end, aber so, dass sie dar­auf drängt, zu sein.

Das meint Freud, wenn er vom To­des­trieb als dem Grund­le­gends­ten spricht. Der To­des­trieb, der Wie­der­ho­lungs­zwang ist die sym­bo­li­sche Ord­nung, in­so­fern sie da­bei ist, ge­bo­ren zu wer­den, ohne je­doch be­reits vom Sub­jekt an­er­kannt zu sein.

Systematisierende Zusammenstellung

Sche­ma L wird von La­can in Se­mi­nar 2 ein­ge­führt, in der Sit­zung vom 25. Mai 1955. Das Sche­ma be­zieht sich auf die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on, also auf das Ge­sche­hen zwi­schen dem Ana­ly­ti­ker und dem Pa­ti­en­ten wäh­rend der psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung (ja, mit dem „Pa­ti­en­ten“, in La­can 2 spricht La­can be­stän­dig vom „Pa­ti­en­ten“, den Ter­mi­nus ana­ly­sant ver­wen­det er erst ab 1967). Dies ent­spricht dem Ti­tel des Se­mi­nars, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se.

Zu­gleich mit der Ein­füh­rung des Sche­mas un­ter­schei­det La­can erst­mals zwi­schen dem an­de­ren mit klei­nem a und dem An­de­ren mit gro­ßem A. Der an­de­re mit klei­nem a ist ein Ob­jekt in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, der An­de­re mit gro­ßem A ist ein Sub­jekt, der Über­mitt­ler des uni­ver­sa­len Dis­kur­ses, er ist aber zu­gleich der rea­le An­de­re. Der an­de­re mit klei­nem a wird in Se­mi­nar 2 noch nicht als „ima­gi­nä­rer an­de­rer“ be­zeich­net, der An­de­re mit gro­ßem A noch nicht als „sym­bo­li­scher An­de­rer“.

Wel­che Ge­stalt Sche­ma L in Se­mi­nar 2 ge­nau hat­te, ist un­be­kannt. Mil­ler fügt in sei­ner Ver­si­on des Se­mi­nars an der ent­spre­chen­den Stel­le eine spä­te­re Ver­si­on ein, sie stammt aus dem Poe-Auf­satz von 1957. Auf die­se Ver­si­on be­zie­he ich mich im Fol­gen­den. Zu be­ach­ten ist, dass die bei­den End­punk­te der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung im Poe-Auf­satz mit a (Ich) und aꞌ (an­de­rer) be­zeich­net wer­den, in Se­mi­nar 2 je­doch meist mit m (moi, Ich) und a (aut­re); a meint im Poe-Auf­satz das Ich, im Se­mi­nar den an­de­ren.

Schema L - Poe-Aufsatz (1957)

Sche­ma L – Poe-Auf­satz (1957)

Komponenten

a: Ich

Der Buch­sta­be a (bzw. m), un­ten links, steht für das Ich im Sin­ne von Freuds Drei-In­stan­zen-Leh­re (Ich, Es, Über-Ich).

Das Ich stellt die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum an­de­ren als Ob­jekt her.

Es ist im­mer das Ich, das schein­bar spricht (314).

Das Ich ist au­ßer­dem eine fleisch­li­che Exis­tenz (411).

Die ima­gi­nä­re Funk­ti­on des Ichs kann aus­ge­schal­tet wer­den. Un­ter die­ser Be­din­gung kann das Ich ler­nen, zu dem vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs in Be­zie­hung zu tre­ten und so mit dem S ver­bun­den zu wer­den, d.h. an den Punkt zu kom­men, wo das Sub­jekt ist (412).

aꞌ: an­de­rer

Der Buch­sta­be aꞌ steht für den an­de­ren mit klei­nem a: für die Ob­jek­te des Ichs, in de­nen das Ich sich spie­gelt und mit de­nen es sich iden­ti­fi­ziert (311).

Die­sen Ob­jek­ten liegt das Ur­bild zu­grun­de, das Spie­gel­bild, durch das, La­cans Theo­rie des Spie­gel­sta­di­ums zu­fol­ge, das Ich ent­steht (316).

La­can be­zeich­net die­sen an­de­ren auch als ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren (311), als spie­gel­haf­ten an­de­ren (310), als Sei­nes­glei­chen (sem­bla­ble) (310), als Al­ter Ego (407).

Im Fal­le der Pa­ra­noia steht aꞌ für das Ob­jekt der Pa­ra­noia (314), also für den Ver­fol­ger.

Die Her­stel­lung ei­ner Über­tra­gung in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung be­ruht dar­auf, dass das a aus­ge­löscht ist (411), dass der Ana­ly­ti­ker nicht die Funk­ti­on des Part­ners und Ri­va­len er­füllt.

Ver­hält­nis aꞌ-a: ima­gi­nä­res Ver­hält­nis

Von ei­ner Pfeil­li­nie, die vom an­de­ren zum Ich führt oder von ei­ner ein­sei­ti­gen Ori­en­tie­rung vom an­de­ren zum Ich, wie sie das Sche­ma zeigt, ist in Se­mi­nar 2 nicht die Rede.

Das Ver­hält­nis aꞌ→a (bzw. a-m) steht für das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis, für die pro­jek­ti­ve nar­ziss­ti­sche Be­zie­hung zum an­de­ren (409) und da­mit für die Be­zie­hung zum an­de­ren als Ob­jekt, in der das Ich zum Ob­jekt wird (310). Das Ich und der an­de­re sind we­sent­lich mit­ein­an­der ver­kop­pelt: eine ent­schei­den­de Funk­ti­on des Ichs ist die Kon­sti­tu­ie­rung des an­de­ren, in dem es sich spie­gelt; der an­de­re ist ein Al­ter Ego (407).

Die Be­zie­hung aꞌ-a ist die der ima­gi­nä­ren Ent­frem­dung (314 f.)

Da­durch, dass das Ich die an­de­ren zu sei­nem ei­ge­nen Bild in Be­zie­hung setzt, sind die­je­ni­gen, mit de­nen es spricht, auch die­je­ni­gen, mit de­nen es sich iden­ti­fi­ziert (311).

Das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis aꞌ-a gibt es nicht nur beim Men­schen, son­dern auch bei an­de­ren Tie­ren, es ist die Grund­la­ge da­für, dass Tie­re nur mit Art­ge­nos­sen ko­pu­lie­ren (409).

Die hu­man­spe­zi­fi­sche Va­ri­an­te des Ima­gi­nä­ren zeich­net sich da­durch aus, dass beim Men­schen das Ima­gi­nä­re eine Span­nung ent­hält, durch die es für die In­ter­ven­ti­on der sym­bo­li­schen Ord­nung of­fen ist (409).

Die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren wird beim Men­schen durch die „Sprach­mau­er“ (311) ge­stützt, durch das Sys­tem der Be­nen­nun­gen, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: durch die Wort­vor­stel­lun­gen des Vor­be­wuss­ten. Die In­ter­fe­renz zwi­schen der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung und der Sprach­mau­er er­zeugt eine fal­sche, aber ve­ri­fi­zier­te Rea­li­tät von Ob­jek­ten (311, 316).

Das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis a-a er­zeugt die Miss­ver­ständ­nis­se, auf de­nen die ge­wöhn­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on be­ruht (316), Kom­mu­ni­ka­ti­on be­ruht also meist auf ei­ner Art Pro­jek­ti­on.

Das Ver­hält­nis aꞌ-a steht nicht nur für eine Be­zie­hung zum an­de­ren als Pro­jek­ti­ons­flä­che, son­dern auch für die Li­bi­do, für das Lust­prin­zip, für die Trie­be mit Aus­nah­me des To­des­triebs (413 f.).

Man­che Psy­cho­ana­ly­ti­ker for­dern, dass sich das als au­to­nom un­ter­stell­te Ich des Pa­ti­en­ten auf das Ich des Psy­cho­ana­ly­ti­kers zu stüt­zen hat; das Sche­ma dient nicht zu­letzt dazu, die­se Auf­fas­sung zu be­kämp­fen (412).

Das Ver­hält­nis des Ichs zum an­de­ren ist der Ort des Wi­der­stands im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se (411), also all des­sen, was sich dem Zu­ta­ge­tre­ten des Un­be­wuss­ten ent­ge­gen­stellt.

Im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se kann es dazu kom­men, dass eine Ob­jekt­be­zie­hung ent­steht, also ein Ver­hält­nis zum an­de­ren. Vie­le Ana­ly­ti­ker ge­hen in die­se Rich­tung, aber das ist eine grund­le­gend ent­frem­de­te Form des­sen, wor­um es in ei­ner Ana­ly­se geht (414).

Im Ver­lauf ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Be­hand­lung sol­le es dazu kom­men, dass der an­de­re aus­ge­löscht wird (314), dass der Wi­der­stand nicht mehr exis­tiert (412).

Die Be­zeich­nung „ima­gi­nä­re Ach­se“, mit der die Be­zie­hung aꞌ-a in der Se­kun­där­li­te­ra­tur häu­fig be­schrie­ben wird, fin­det sich nicht in Se­mi­nar 2.

A: An­de­rer

Der Buch­sta­be A, un­ten rechts, steht für den An­de­ren mit gro­ßem A.

Die­ser An­de­re wird von La­can auch ge­nannt: an­de­res Sub­jekt (314), der An­de­re als wah­res Sub­jekt (311), ve­ri­ta­bler An­de­rer (311, 314), wah­rer An­de­rer (311), ra­di­kal An­de­rer (407, 411), die wirk­li­chen Respondenten/Bürgen des Sub­jekts (311).

Die­ser An­de­re ist nicht mein Eben­bild, son­dern ein Sub­jekt: ein An­de­rer, in dem ich mich nicht wie­der­erken­nen kann (311).

Dass der An­de­re ein Sub­jekt ist, wird da­durch be­wie­sen, dass er mich be­lü­gen kann (311). Er ist der­je­ni­ge, der die Ant­wort gibt, die man nicht er­war­tet (314).

Der An­de­re hat eine Dop­pel­funk­ti­on: Er ist ei­ner­seits der Über­mitt­ler des uni­ver­sa­len Dis­kur­ses (410). Er ist zu­gleich der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung (407), d.h. et­was, was vom Sub­jekt nicht sym­bo­li­siert und nicht ima­gi­niert wer­den kann.

Be­zo­gen auf die psy­cho­ana­ly­ti­sche Be­hand­lung steht A für die An­de­ren, an die sich der Pa­ti­ent wen­det, ohne es zu wis­sen, also für den An­de­ren in der Über­tra­gung (314). Der Ana­ly­ti­ker hat an der ra­di­ka­len An­ders­heit des An­de­ren da­durch teil, dass er schwer zu­gäng­lich ist (411).

(Es) S:

S“ steht für „Sub­jekt“.

La­can ver­wen­det im kom­men­tier­ten Text den Be­griff „Sub­jekt“ in drei ver­schie­de­nen Be­deu­tun­gen, für den Platz oben links im Sche­ma, für den An­de­ren und für den Pa­ti­en­ten ganz all­ge­mein.

Mit dem Sub­jekt am Platz oben links ist nicht das Sub­jekt all­ge­mein ge­meint, son­dern das Sub­jekt, um das es in der Psy­cho­ana­ly­se geht (310).

Die­ses Sub­jekt ist kei­ne ge­schlos­se­ne To­ta­li­tät, son­dern of­fen für die Ein­wir­kung des Spre­chens und der Spra­che (310). Es steht in ei­nem pro­ble­ma­ti­schen Ver­hält­nis zu dem vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs, die­se Be­zie­hung ist auch un­ab­hän­gig von der In­ter­ven­ti­on des ima­gi­nä­ren Re­gis­ters kon­flikt­haft (410).

Der Buch­sta­be „S“ steht nicht nur für „Sub­jekt“, son­dern auch für „Sym­bol“ und für das deut­sche Wort „Es“, also für das Freud­sche Es (310, 407 f.). Auf die Gleich­set­zung von S und Es ver­weist in der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes au­ßer­dem das in Klam­mern vor­an­ge­stell­te Wort „Es“, das im Ori­gi­nal deutsch ist.

Sub­jekt

Das Sub­jekt spricht, aber es weiß nicht, was es sagt (310).

Sym­bol

Un­ter dem Sym­bol ver­steht La­can im Rom-Vor­trag das Sym­ptom als Si­gni­fi­kant ei­nes ver­dräng­ten Si­gni­fi­kats.63. Das Spre­chen des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es Sym­pto­me pro­du­ziert.

Es

Die Sub­jek­ti­vi­tät des Kin­des be­tä­tigt sich bei­spiels­wei­se dar­in, dass es ana­le Trieb­re­gun­gen in Sym­bo­le ei­nes Sym­ptoms ver­wan­delt.64 Der Zu­sam­men­hang von Sub­jekt, Sym­bol und Es ist viel­leicht so zu ver­ste­hen: Die Sub­jek­ti­vi­tät des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es Trieb­re­gun­gen (Es) in Sym­pto­me (Sym­bo­le) ver­wan­delt.

Das „Es“ wird in Se­mi­nar 2 durch Freuds Satz „Wo Es war, soll Ich wer­den“ er­läu­tert (314). Das Sub­jekt nimmt ei­nen Platz ein („Es“), von dem es zu Be­ginn der Ana­ly­se nicht wuß­te, dass es dort war.

An­ders als bei Freud wird von La­can die Li­bi­do und das „Ge­samt der Trie­be“ vom Es aus­ge­schlos­sen. Ist mit dem Es der To­des­trieb ge­meint oder eine Be­zie­hung zum To­des­trieb? (407, 414)

Das Sub­jekt ist das Es, aber nicht der Agent des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses; der un­be­wuss­te Dis­kurs geht, wie das Sche­ma zeigt, vom An­de­ren aus. Das Sub­jekt nimmt im Ver­hält­nis zum Dis­kurs des An­de­ren, zum Un­be­wuss­ten, ei­nen Platz ein, von dem es nichts weiß (314).

Durch den vom An­de­ren kom­men­den uni­ver­sa­len Dis­kurs ist das Sub­jekt in ein Eck­chen des Nicht-Seins ge­wor­fen (410), das Sub­jekt ist Seins­man­gel, wie es in  Se­mi­nar 2 an frü­he­rer Stel­le ge­hei­ßen hat­te (283 f.).

Was am Punkt S ist, ent­hüllt sich durch den kör­per­li­chen Trä­ger des Sub­jekts, durch die bio­lo­gi­sche Rea­li­tät (410 f.). Of­fen­bar be­zieht sich La­can hier auf Kon­ver­si­ons­sym­pto­me und auf Fehl­hand­lun­gen.

Das Sub­jekt ist das, was am Ende der Ana­ly­se zum Spre­chen kom­men soll (314). Der Pa­ti­ent sieht sich nicht am Platz des Sub­jekts, auch nicht am Ende der Ana­ly­se (310).

Im Psy­cho­se-Auf­satz wird der Punkt S des Sche­mas als die „un­aus­sprech­li­che und stu­pi­de Exis­tenz“ des Sub­jekts cha­rak­te­ri­siert65; das er­in­nert dar­an, dass der To­des­trieb stumm ist.

In der Per­spek­ti­ve des Ana­ly­ti­kers ist das Sub­jekt der An­de­re (311). So wie der An­de­re ein Sub­jekt ist, ist das Sub­jekt ein An­de­rer.

A-S

Im Dia­gramm sieht man eine Pfeil­li­nie, die von A zu S führt. Von ei­ner sol­chen Pfeil­li­nie oder von ei­ner ein­sei­ti­gen Ori­en­tie­rung von A nach S ist in Se­mi­nar 2 nicht die Rede.

In der Ver­si­on des Poe-Auf­sat­zes geht ein Pfeil von A nach S, er gibt die do­mi­nan­te Rich­tung an: das Sub­jekt wird vom An­de­ren de­ter­mi­niert, der An­de­re über­mit­telt den grund­le­gen­den Dis­kurs an das Sub­jekt. Es gibt je­doch auch die um­ge­kehr­te Rich­tung, das Sub­jekt wen­det sich an den An­de­ren.

Der An­de­re ist ein Sub­jekt (311, 314), also ist die Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt eine Be­zie­hung zwi­schen Sub­jek­ten, eine In­ter­sub­jek­ti­vi­tät (311).

(a) A→S: die sym­bo­li­sche Er­schaf­fung des Sub­jekts durch das wah­re Spre­chen, die Be­ru­fung

Die Be­zie­hung, die von A zu S geht, ist die der sym­bo­li­schen Rea­li­sie­rung des Sub­jekts, der sym­bo­li­schen Schöp­fung (407 f.).

Sche­ma L geht nicht von ei­nem iso­lier­ten und abs­trak­ten Sub­jekt aus, son­dern von der sym­bo­li­schen Ord­nung, die, seit Men­schen spre­chen, eine im­mense Bot­schaft über­mit­telt, den uni­ver­sa­len Dis­kurs; in ihm wird das Rea­le durch Sym­bo­li­sie­rung um­ge­schaf­fen; die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht sich auf ei­nen Aus­schnitt aus ei­ner die­ser Kopp­lun­gen zwi­schen der sym­bo­li­schen Ord­nung und dem Rea­len (408). Das, was vom An­de­ren kommt, ist eine Schalt­stel­le im uni­ver­sa­len Dis­kurs, der durch die Ge­ne­ra­tio­nen hin­durch über­mit­telt wird (410).

Brauch­ba­re Be­grif­fe für den Dis­kurs, der vom An­de­ren aus­geht und sich an das Sub­jekt rich­tet, sind „Be­ru­fung“ und „An­ru­fung“ (413). Bei­spie­le für die vom An­de­ren aus­ge­hen­den Be­ru­fun­gen sind Ap­pel­le wie „Du bist mei­ne Frau“ oder „Du bist mein Schü­ler“ (410) (bzw. „Du bist sei­ne Frau“ und „Du bist sein Schü­ler“).

Das Sche­ma setzt vor­aus, das sich das Spre­chen ge­rad­li­nig aus­brei­tet, wie das Licht, was je­doch nur eine Me­ta­pher ist (316).

Ver­mut­lich kann die Be­zie­hung A → S auch so ge­le­sen wer­den, dass die Spra­che auf das my­thi­sche vor­sym­bo­li­sche Sub­jekt ein­wirkt und hier­durch das von der Spra­che ge­prägt Sub­jekt er­zeugt.

(b) Die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len und das Nicht-Sein

Die Be­zie­hung zwi­schen A und S ist in sich selbst kon­flikt­haft, un­ab­hän­gig vom ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis (410).

Der vom An­de­ren über­mit­tel­te uni­ver­sa­le Dis­kurs dient der Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len (408).

Durch den vom An­de­ren kom­men­den uni­ver­sa­len Dis­kurs wird das Sub­jekt in ein Eck­chen des Nicht-Seins ge­wor­fen (410).

(c) Die Spal­tung der Li­nie zwi­schen A und S durch das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis

Die Be­zie­hung zwi­schen A und S wird durch das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis un­ter­bro­chen, sie ist aber in sich selbst kon­flikt­haft, un­ab­hän­gig vom ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis (410).

Im Fal­le der Neu­ro­se, d.h. des Sym­ptoms, gibt es et­was Ver­dräng­tes; be­zo­gen auf das Sche­ma heißt das: et­was, was von A nach S ver­läuft, kommt durch und kommt zu­gleich nicht durch (411).

Die Be­zie­hung A-S ist un­be­wusst, sie ist we­sent­lich für jede sub­jek­ti­ve Si­tua­ti­on. (407 f.)

(d) Die Wie­der­ho­lung

Die Be­zie­hung zwi­schen A und S ist der Be­reich des Wie­der­ho­lungs­zwangs; die Wie­der­ho­lung be­steht dar­in, dass et­was in­sis­tiert, dass et­was dar­auf drängt, von A nach S über­zu­ge­hen, aber durch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung dar­an ge­hin­dert wird (412).

Das Ver­hält­nis A→S steht für den To­des­trieb, d.h. für die sym­bo­li­sche Ord­nung, in­so­fern sie sich nicht rea­li­siert hat, des­halb nicht, weil die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung nicht voll­zo­gen wur­de und die sym­bo­li­sche Ord­nung des­halb im Wie­der­ho­lungs­zwang in­sis­tiert, um rea­li­siert zu wer­den (407, 414).

(e) SA

Das Sub­jekt wen­det sich an den An­de­ren bzw. an die An­de­ren, die­se Be­zie­hung ge­hört zur Ord­nung des Spre­chens, nicht der Spra­che; hier­bei geht es um ein wah­res Spre­chen (311).

Das Sub­jekt weiß nicht, an wel­che An­de­ren es sich wen­det,
– weil es die­se An­de­ren nicht an­er­kennt,
– auf­grund der Wir­kung der Spra­che (im Ge­gen­satz zum Spre­chen), näm­lich der Sprach­mau­er.
(311).

Durch eine Ana­ly­se soll das Sub­jekt ent­de­cken, an wel­che An­de­ren es sich wen­det, ohne es zu wis­sen; es soll durch ein wah­res Spre­chen mit dem An­de­ren ver­bun­den wer­den (311, 314).

Am Ende der Ana­ly­se an­er­kennt das Sub­jekt sei­ne Er­fah­rung (410), es stellt die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung her (414).

Die Be­zeich­nung „sym­bo­li­sche Ach­se“, mit der die Be­zie­hung A-S in der Se­kun­där­li­te­ra­tur häu­fig be­schrie­ben wird, fin­det sich nicht in Se­mi­nar 2.

Ver­hält­nis zwi­schen a und A: Über­tra­gung

Die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem An­de­ren, a-A (bzw. m-A), steht für die Über­tra­gung im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se (411). Die Über­tra­gung kann sich nur dann her­stel­len, wenn die Be­zie­hung des Ichs des Pa­ti­en­ten zum Ana­ly­ti­ker als ima­gi­nä­rem an­de­ren aus­ge­schal­tet ist, wenn aꞌ in der Be­zie­hung von a zu aꞌ, der Wi­der­stand, aus­ge­löscht ist (314). Wenn der Wi­der­stand ver­schwin­det, stellt sich die Über­tra­gung ein und das Sub­jekt rea­li­siert, an wel­che An­de­ren es sich, ohne es zu wis­sen, wen­det.

In­dem sich das Ich in der Über­tra­gung auf den An­de­ren be­zieht und sich in Über­ein­stim­mung mit dem vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs bringt, wird es nach und nach mit dem Sub­jekt ver­bun­den, es rea­li­siert, von wel­chem Platz aus das Sub­jekt sich an den An­de­ren wen­det (314). Die Be­zie­hung hat dann die Struk­tur a-A-S (in Se­mi­nar 2: m-A-S).

Ver­hält­nis zwi­schen S, a und A

Freuds For­mel „Wo Es war, soll Ich wer­den“ wird von La­can so ge­deu­tet: Da, wo das Sub­jekt war, ohne es sa­gen zu kön­nen (in der Wie­der­ho­lung), (Es) S , soll das Ich (a) das Wort er­grei­fen und auf die­se Wei­se, in der Über­tra­gung, eine Be­zie­hung zum wah­ren An­de­ren (A) her­stel­len, hier­durch kann sich das Ich all­mäh­lich auf den Platz des Sub­jekts be­zie­hen. (314)

Ver­hält­nis zwi­schen S und a

Das Ich ist vom Sub­jekt nor­ma­ler­wei­se durch das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis ge­trennt, d.h. durch die Be­zie­hung zum an­de­ren als Ob­jekt. Gleich­wohl gibt es eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Ich und dem Sub­jekt. Sie wird da­durch er­mög­licht, dass die Sub­jek­te „ein­ge­fleischt“ sind, dass sie ei­nen bio­lo­gi­schen Kör­per ha­ben; das, was auf dem Ni­veau des Sym­bols ge­schieht, er­eig­net sich bei Le­be­we­sen. (410 f.)

Un­be­wuss­tes

Im Sche­ma des Poe-Auf­sat­zes wird das Un­be­wuss­te vom Es un­ter­schie­den. Der vom An­de­ren aus­ge­hen­de Pfeil, der sich auf das Sub­jekt rich­tet, trägt hier in der ers­ten Hälf­te die Be­zeich­nung „un­be­wusst“; der Punkt des Sub­jekts hin­ge­gen heißt „(Es) S“. In La­cans Er­läu­te­run­gen des Sche­mas in Se­mi­nar 2 wird, be­zo­gen auf das Sche­ma, die Be­zeich­nung „un­be­wusst“ nicht er­wähnt und nicht kom­men­tiert.

Mit dem vom An­de­ren kom­men­den Pfeil „un­be­wusst“ ist ge­meint, dass das Un­be­wuss­te des Sub­jekts der Dis­kurs des An­de­ren ist, wie La­can im Rom-Auf­satz ge­schrie­ben hat­te66 und wie er zur Er­läu­te­rung ei­ner et­was an­de­ren Va­ri­an­te des Sche­mas im Psy­cho­se-Auf­satz wie­der­holt.67 Das Un­be­wuss­te spricht, es stellt die Fra­ge „Was bin ich?“, etwa in der Form „Was heißt es, eine Frau zu sein?“ oder „War­um lebe ich statt dass ich tot bin?“68 Das Un­be­wuss­te spricht.

Das Es schweigt, heißt es zur Er­läu­te­rung des Sche­mas im Poe-Auf­satz.69

Gesamtschema

Sub­jekt – Ob­jekt

Die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren ist eine Be­zie­hung der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät (311). Die­se Be­zie­hung wird durch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zu­gleich durch­kreuzt und ver­mit­telt. In der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung sind die Pole für­ein­an­der Ob­jek­te (310 f.). A-S ist die Ach­se der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät; aꞌ-a, so könn­te man sa­gen, ist die Ach­se der In­ter­ob­jek­ti­vi­tät.

Spre­chen und Spra­che

Die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren ist eine Be­zie­hung des Spre­chens, des wah­ren Spre­chens. Die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren ist eine ima­gi­nä­re Be­zie­hung, die durch die Spra­che sta­bi­li­siert wird, durch die Sprach­mau­er, das Sys­tem der Be­nen­nun­gen. Das Spre­chen stellt eine Be­zie­hung zwi­schen Sub­jek­ten her, die Spra­che eine Be­zie­hung zwi­schen Ob­jek­ten. (311)

Psy­cho­ana­ly­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on

Die Psy­cho­ana­ly­se steht an ei­ner Ga­be­lung ih­res We­ges, die Psy­cho­ana­ly­ti­ker ha­ben eine Ent­schei­dung zu tref­fen (316).

Vie­le Psy­cho­ana­ly­ti­ker trei­ben die Psy­cho­ana­ly­se in die Rich­tung, dass das Ich des Pa­ti­en­ten sich auf den an­de­ren (mit klei­nem a) be­zieht, d.h. auf das Ich des Psy­cho­ana­ly­ti­kers (314 f.). Der Pa­ti­ent wird hier­bei zum Ob­jekt, und die Ana­ly­se be­steht in der Um­mo­de­lung des Ichs des Pa­ti­en­ten nach dem Mo­dell des Ichs des Ana­ly­ti­kers, wo­durch das Ich des Pa­ti­en­ten zu ei­nem im­mer stär­ke­ren Ich wer­den soll; die­se Auf­fas­sung fin­det man etwa bei Ru­dolph Lo­ewen­stein, sie ist mit be­stimm­ten For­men der Wi­der­stands­ana­ly­se ver­bun­den (316, 412).

Die­se Ori­en­tie­rung ist falsch.

Statt­des­sen kommt es dar­auf an, dass der Pa­ti­ent ein Be­wusst­sein da­von be­kommt, an wel­che An­de­ren (mit gro­ßem A) er sich wen­det, ohne es zu wis­sen (316) und von wel­chem Platz aus das Sub­jekt sich an den An­de­ren wen­det (412). Die Psy­cho­ana­ly­se muss ab­zie­len auf den Über­gang zu ei­nem wah­ren Spre­chen, durch wel­ches das Sub­jekt mit dem An­de­ren ver­bun­den wird (314).

Die Ana­ly­se of­fen­bart dem Sub­jekt sei­ne Be­deu­tung; die­se Be­deu­tung ent­steht durch ein Spre­chen des Sub­jekts, das es vom An­de­ren über­nimmt, durch eine Be­ru­fung, eine An­ru­fung (413).

Das Spre­chen des An­de­ren kommt zum Sub­jekt durch und kommt nicht zu ihm durch (411); die An­er­ken­nung ist nicht voll­zo­gen wor­den (314), die sym­bo­li­sche Ord­nung hat sich nicht ver­wirk­licht, sie in­sis­tiert im Wie­der­ho­lungs­zwang, um rea­li­siert zu wer­den (414).

Die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren wird durch die Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren blo­ckiert; das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis hat die Funk­ti­on des Wi­der­stands (411). Da­mit sich der Be­zug zum An­de­ren her­stel­len kann, darf der Ana­ly­ti­ker nicht als an­de­rer fun­gie­ren, der Spie­gel muss leer blei­ben (316), das Ich des Ana­ly­ti­kers muss aus­ge­löscht sein (411).

Un­ter die­ser Vor­aus­set­zung ent­steht die Be­zie­hung zum An­de­ren in Form der Über­tra­gung (314, 316). Durch sei­ne Un­zu­gäng­lich­keit hat der Ana­ly­ti­ker teil an der ra­di­ka­len An­ders­ar­tig­keit des An­de­ren (411).

Die Über­tra­gung ist eine Be­zie­hung zwi­schen dem Ich des Pa­ti­en­ten (Punkt un­ten links) und dem An­de­ren (mit gro­ßem A) (411 f.). In der Über­tra­gung lernt das Ich, sich in Über­ein­stim­mung zu brin­gen mit dem vom An­de­ren kom­men­den grund­le­gen­den Dis­kurs (412). Es be­zieht sich auf den An­de­ren, der ein Sub­jekt ist (314), der es be­lü­gen kann (311), der die Ant­wort gibt, die es nicht er­war­tet; die­se un­er­war­te­te Ant­wort setzt den Schluss­punkt der Ana­ly­se (314).

Am Ende der Ana­ly­se an­er­kennt das Sub­jekt sei­ne Er­fah­rung (314), hier­durch stellt sich die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung her (414).

Durch den Be­zug zum An­de­ren in der Über­tra­gung kann das Ich nach und nach an das Sub­jekt (Punkt oben links) ge­bun­den wer­den und ein Be­wusst­sein da­von ge­win­nen, von wel­chem Platz aus sich das Sub­jekt an den An­de­ren wen­det, „wo Es war“ (314, 412). Al­ler­dings kann sich der Pa­ti­ent auch am Ende der Ana­ly­se nicht am Platz des Sub­jekts se­hen (310).

A, m, a, S

Die Be­zie­hung von A zu S ver­läuft im­mer über das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis, also über die ob­jek­ti­vie­ren­de Be­zie­hung des Ichs zum an­de­ren, was sich ins­ge­samt so schrei­ben lässt: A, m, a, S (409).

Wenn ich ein wah­res Spre­chen ar­ti­ku­lie­re, zie­le ich im­mer auf den An­de­ren als Sub­jekt; ich er­rei­che je­doch im­mer nur den an­de­ren, aꞌ; vom An­de­ren als Sub­jekt bin ich durch das Zu­sam­men­wir­ken des Ima­gi­nä­ren und der Sprach­mau­er ge­trennt (311).

Tri­oden­röh­re

Schema L mit TriodeDer Ge­samt­zu­sam­men­hang wird von La­can durch eine Tri­oden­röh­re ver­an­schau­licht. In die Be­zie­hung des An­de­ren zum Sub­jekt (in den Elek­tro­nen­fluss von der Ka­tho­de zur An­ode) ist das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis als Wi­der­stand ein­ge­schal­tet (ein Steu­er­git­ter, wenn es ne­ga­tiv ge­la­den ist). Das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis blo­ckiert die Be­zie­hung des An­de­ren zum Sub­jekt. Im Ver­lauf ei­ner Ana­ly­se wird die­se Blo­ckie­rung auf­ge­ho­ben, und zwar da­durch, dass der Ana­ly­ti­ker nicht den Platz des an­de­ren ein­nimmt, das Ich hat dann die Funk­ti­on, die Be­zie­hung zum Dis­kurs des An­de­ren auf­zu­klä­ren (das Steu­er­git­ter wird po­si­tiv ge­la­den und fun­giert dann als Ver­stär­ker). (409 f., 412)

Kom­mu­ni­ka­ti­on

Der Sen­der emp­fängt sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft vom Emp­fän­ger in um­ge­kehr­ter Form, sagt La­can be­reits im Rom-Vor­trag. Der Sen­der sagt „Du bist mei­ne Frau“ und emp­fängt da­mit vom An­de­ren die Bot­schaft „Du bist mein Mann“ (oder auch „Du bist ihr Mann“). „Du bist mei­ne Frau“ rich­tet sich an die an­de­re als Part­ne­rin, die Äu­ße­rung kann dem ima­gi­nä­ren Ver­hält­nis aꞌ-a zu­ge­ord­net wer­den. Die Bot­schaft „Du bist mein Mann“ ist ein Ef­fekt der sym­bo­li­schen Ord­nung und der Gram­ma­tik, sie ent­spricht der vom An­de­ren zum Sub­jekt füh­ren­den Be­zie­hung. (410)

Verhältnis zu Freud

Mit Sche­ma L be­zieht La­can sich auf Freuds Schrif­ten Jen­seits des Lust­prin­zips und Das Ich und das Es.

Zwei Ter­mi­ni des Sche­mas, „Ich“ und „Es“, ver­wei­sen di­rekt auf den Ti­tel von Das Ich und das Es. Die gra­phi­sche Dar­stel­lung der Be­zie­hun­gen zwi­schen den In­stan­zen ist La­cans Ant­wort auf Freuds zeich­ne­ri­sche Dar­stel­lun­gen der zwei­ten To­pik in Das Ich und das Es70 so­wie in der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se.71 Un­ter aus­drück­li­chem Be­zug auf Freud be­greift La­can das Ich als Sitz des Wi­der­stands (411).

La­can über­nimmt zwar die Be­grif­fe „Ich“ und „Es“, nicht aber die Be­grif­fe „Vor­be­wuss­tes“ und „Über-Ich“, die man eben­falls in Freuds Sche­ma­ta fin­det. Aus Freuds Vor­be­wuss­tem, das mit dem Ich ver­bun­den ist, den Wort­vor­stel­lun­gen, wird bei La­can die Sprach­mau­er, die sich der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung über­la­gert und sie sta­bi­li­siert (311, 314, 316).

Das Sche­ma ist be­wusst dua­lis­tisch und knüpft da­mit aus­drück­lich an Freuds dua­lis­ti­sche Form der Theo­rie­bil­dung an (413). Die Li­bi­do wird der Ach­se aꞌ-a zu­ge­ord­net, der To­des­trieb der Ach­se A-S (407, 414).

Auch der Wie­der­ho­lungs­zwang und die Über­tra­gung, Haupt­the­men von Jen­seits des Lust­prin­zips, wer­den im Sche­ma ver­or­tet. Die Wie­der­ho­lung wird der von A aus­ge­hen­den, auf S ge­rich­te­ten Be­zie­hung zu­ge­ord­net (411 f.). Die Über­tra­gung wird als Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem An­de­ren (a-A) be­grif­fen, durch die sich eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Ich und dem Sub­jekt her­stellt (314, 411 f.).

Freuds Dik­tum „Wo Es war, soll Ich wer­den“ wird eben­falls Sche­ma L zu­ge­ord­net (314, 414).

„Wo Es war …“: Das Sub­jekt ist an ei­nem Platz, von dem aus es sich auf den An­de­ren be­zieht, ohne dies zu wis­sen; es be­fin­det sich am Platz (Es) S im Sche­ma oben links.

“ … soll Ich wer­den“: In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur wird die ima­gi­nä­re Be­zie­hung des Ichs (a) zum ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren (aꞌ) aus­ge­schal­tet. Dies er­mög­licht es dem Ich, sich zum wah­ren An­de­ren (A) in Be­zie­hung zu set­zen, zum Dis­kurs des An­de­ren (von A aus­ge­hen­de Pfeil­li­nie). Auf die­sem Wege ge­langt es an den Punkt, wo das Sub­jekt ist (Es) S) (412).

Über-Ich

La­can bringt in Sche­ma L das Ich und das Es un­ter, nicht aber das Über-Ich. Dies ent­spricht Freuds ers­ter zeich­ne­ri­scher Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik im Jahr 1923; die zwei­te Zeich­nung, von 1933, ent­hält auch das Über-Ich.

Wo wäre in Sche­ma L das Über-Ich zu ver­or­ten? In Se­mi­nar 1 wird das Über-Ich von La­can so be­schrie­ben:

  • Das Über-Ich ist auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne des Spre­chens ver­or­tet. Es ist ein Im­pe­ra­tiv, es steht in Be­zie­hung zum Ge­setz.

Das Über-Ich ist aber nicht ein­fach mit dem Ge­setz iden­tisch. Das Über-Ich ist das Ge­setz, so­weit es vom Sub­jekt nicht in­te­griert wer­den kann, nicht ver­stan­den wer­den kann. Das hat zur Fol­ge, dass es vom Sub­jekt ver­kannt wird; das Ge­setz re­du­ziert sich für es auf ein rei­nes „Du sollst“. Dies führt zu ei­ner Spal­tung des Sub­jekts im Hin­blick auf das Ge­setz, die sym­bo­li­sche Welt des Sub­jekts wird in zwei Tei­le zer­schnit­ten.72

Das Über-Ich ge­hört zu den ver­hee­rends­ten und fas­zi­nie­rends­ten frü­hen Er­fah­run­gen, es er­scheint in den „rei­ßen­den Ge­stal­ten“, die mit den ur­sprüng­li­chen Trau­ma­ta ver­bun­den sind.73

Die For­de­rung, dass der Ana­ly­ti­ker die Po­si­ti­on des Über-Ichs ein­neh­men soll­te, ist nicht halt­bar, denn das Über-Ich ist eine Haupt­quel­le der Neu­ro­se.74

Viel­leicht kann man das Über-Ich dem zwei­ten Ab­schnitt des von A aus­ge­hen­den Pfeils zu­ord­nen, also dem ge­stri­chelt ge­zeich­ne­ten Seg­ment die­ser Li­nie. Das von A aus­ge­hen­de Ge­setz (z.B. „Du bist mei­ne Frau“) wird von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung der Zen­sur un­ter­wor­fen; es er­reicht das Sub­jekt des­halb in ei­ner Ge­stalt, die für es kei­nen Sinn hat und die es des­halb nicht an­er­ken­nen kann.

Zur Sekundärliteratur

Bice Benvenuto und Roger Kennedy

Der Pfeil zwi­schen A und S

Ben­ven­uto und Ken­ne­dy er­läu­tern Sche­ma L so:

Die sym­bo­li­sche Ver­wirk­li­chung des Sub­jekts fin­det zwi­schen S und A statt und ist un­be­wusst. Die ima­gi­nä­re Be­zie­hung bil­det ein Hin­der­nis für die sym­bo­li­sche Ver­wirk­li­chung des Sub­jekts. Was zwi­schen S und A durch­kommt, bei­spiels­wei­se im In­sis­tie­ren ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, geht im­mer durch die Ver­mitt­lung der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung a – aꞌ hin­durch. Wenn das Sub­jekt in der Ana­ly­se spricht, wo­bei es auf die Ver­wirk­li­chung des wah­ren Sub­jekts zielt (wenn es von S nach A geht), wird es durch a -aꞌ ab­ge­lenkt.“75

Das be­zieht sich auf La­cans Er­läu­te­rung des Sche­mas im Auf­satz Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“. Zu La­cans Dar­stel­lung in Se­mi­nar 2 passt die Be­schrei­bung nur halb. Ben­ven­uto und Ken­ne­dy stel­len die Be­zie­hung zwi­schen S und A aus­schließ­lich als ein Ver­hält­nis dar, das vom Sub­jekt aus­geht und sich an den An­de­ren wen­det. In Se­mi­nar 2 be­schreibt La­can die­se Ver­bin­dung an­ders, als Be­zie­hung, die in bei­de Rich­tun­gen geht. Hier zu­nächst zwei For­mu­lie­run­gen, mit de­nen die Dar­stel­lung von Ben­ven­uto und Ken­ne­dy be­stä­tigt wird:

An­ders aus­ge­drückt, wir wen­den uns fak­tisch an die A1, A2, die das sind, was wir nicht ken­nen, ve­ri­ta­ble An­de­re, wah­re Sub­jek­te.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

Es geht dar­um, daß das Sub­jekt mehr und mehr ent­deckt, an wel­chen An­de­ren es sich wahr­haft wen­det, wenn auch ohne es zu wis­sen, und daß es mehr und mehr die Über­tra­gungs­be­zie­hun­gen auf­nimmt an dem Platz, wo es ist und wo es zu­nächst nicht wuß­te, daß es war.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Die Be­zie­hung geht aber auch vom An­de­ren zum Sub­jekt, und die­se Rich­tung do­mi­niert:

Die sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts, die im­mer sym­bo­li­sche Schöp­fung ist, ist die Be­zie­hung, die von A zu S geht.“ (407 f., Über­set­zung ge­än­dert)

Sa­gen, dass es ein Ver­dräng­tes gibt, ein Ver­dräng­tes, das nie­mals ohne Wie­der­kehr ab­geht, heißt ge­nau dar­auf an­zu­spie­len, das et­was vom Dis­kurs, der von A nach S geht, durch­kommt und zu­gleich nicht durch­kommt.“ (411, über­setzt nach Ver­si­on Sta­fer­la)

Das fun­da­men­ta­le Spre­chen, das von A nach S geht, trifft hier auf eine har­mo­ni­sche Schwin­gung, et­was, das, statt zu in­ter­fe­rie­ren, sei­nen Durch­gang er­mög­licht.“ (412)

Im Mo­dell der Tri­oden­röh­re geht der Strom von der Ka­tho­de zur An­ode, d.h. vom An­de­ren zum Sub­jekt (409 f., 412).

Schema L - Poe-Aufsatz (1957)

Sche­ma L – Poe-Auf­satz (1957)

Schema L - Benvenuto Kennedy

Benvenuto/Kennedy

Das im Poe-Auf­satz ab­ge­bil­de­te Sche­ma (links) stellt die von A nach S zei­gen­de Rich­tung in den Vor­der­grund, sie wird hier durch zwei Pfei­le an­ge­zeigt. Für die ent­ge­gen­ge­setz­te Ori­en­tie­rung gibt es kei­nen Pfeil. Die Rich­tung von A nach S füh­ren­de Rich­tung ist do­mi­nant. Es ist also wohl kein Zu­fall, dass Ben­ven­uto und Ken­ne­dy in ih­rer Ab­bil­dung des Sche­mas aus dem Poe-Auf­satz (rechts) die bei­den von A nach S zei­gen­den Pfeil­spit­zen weg­ge­las­sen ha­ben.76

Marie-Hélène Brousse

Sprach­mau­er

Ma­rie-Hé­lè­ne Brous­se ord­net den Be­griff der Sprach­mau­er an­ders zu, als ich es hier ge­tan habe:

Die Be­zie­hung hier zwi­schen S und A – wo­bei S auf das Freud­sche Es be­zo­gen wird – ist das, was die Sprach­mau­er ge­nannt wird: das Sym­bo­li­sche.“77

Die Sprach­mau­er ist, Brous­se zu­fol­ge, die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren, und sie ist iden­tisch mit dem Sym­bo­li­schen. Die­se Ein­ord­nung fin­det man auch in Ver­si­on Sta­fer­la von Se­mi­nar 2. In mei­nem Kom­men­tar habe ich die Sprach­mau­er hin­ge­gen der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren zu­ge­ord­net. Die­se al­ter­na­ti­ve Zu­ord­nung wird auch von Mikkel Borch-Ja­cob­sen und von Dari­an Lea­der vor­ge­nom­men.78

Ge­gen die Lö­sung von Brous­se und Sta­fer­la habe ich vier Ein­wän­de.

(1) Sche­ma L be­ruht in Se­mi­nar 2 auf dem Ge­gen­satz zwi­schen der Be­zie­hung zwi­schen Ob­jek­ten und der Be­zie­hung zwi­schen Sub­jek­ten; die Sprach­mau­er stellt, La­can zu­fol­ge, die Be­zie­hung zwi­schen Ob­jek­ten her.

Das Ich und der an­de­re sind Ob­jek­te:

Das Ich, so wie wir’s ver­ste­hen, der an­de­re, sei­nes­glei­chen, all die­se Ima­gi­nä­ren sind Ob­jek­te.“ (Se­mi­nar 2, 311)

Das Sub­jekt und der An­de­re sind Sub­jek­te. In Se­mi­nar 2 heißt es:

Dies ge­sagt, darf man nicht die uns als Ana­ly­ti­ker ei­ge­ne Ba­sis­an­nah­me aus­las­sen – wir glau­ben, daß es an­de­re Sub­jek­te als uns gibt, daß es au­then­tisch in­ter­sub­jek­ti­ve Be­zie­hun­gen gibt. Wir hät­ten kei­nen Grund, das zu den­ken, hät­ten wir nicht das Zeug­nis des­sen, was die In­ter­sub­jek­ti­vi­tät cha­rak­te­ri­siert, näm­lich daß das Sub­jekt uns be­lü­gen kann. Das ist der ent­schei­den­de Be­weis. Ich sage nicht, daß das das ein­zi­ge Fun­da­ment der Rea­li­tät des an­de­ren Sub­jekts ist, es ist sein Be­weis. An­ders aus­ge­drückt, wir wen­den uns fak­tisch an die A1, A2, die das sind, was wir nicht ken­nen, ve­ri­ta­ble An­de­re, wah­re Sub­jek­te.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

Sche­ma L be­ruht auf dem Dua­lis­mus von In­ter­ob­jek­ti­vi­tät, wie man sa­gen könn­te, und In­ter­sub­jek­ti­vi­tät.

Kon­stan­te Ob­jek­te ent­ste­hen erst durch Be­nen­nung:

Die Macht, die Ob­jek­te zu be­nen­nen, struk­tu­riert die Wahr­neh­mung selbst. Das per­ci­pi des Men­schen ver­mag sich nur in­ner­halb ei­ner Zone der Be­nen­nung zu hal­ten. Durch die Be­nen­nung läßt der Mensch die Ob­jek­te in ei­ner ge­wis­sen Kon­sis­tenz be­stehen. Stün­den sie nur in ei­ner nar­ziß­ti­schen Be­zie­hung zum Sub­jekt, dann wür­den die Ob­jek­te im­mer nur in in­stanta­ner Wei­se wahr­ge­nom­men. Das Wort, das Wort, wel­ches be­nennt, ist das Iden­ti­sche.“ (217)

Die Sprach­mau­er ist das Sys­tem der Be­nen­nun­gen, durch wel­ches das Ich und der an­de­re zu Ob­jek­ten wer­den:

Aus­ge­hend von der durch die Sprach­mau­er de­fi­nier­ten Ord­nung nimmt das Ima­gi­nä­re sei­ne fal­sche Rea­li­tät an, die trotz­dem eine ve­ri­fi­zier­te Rea­li­tät ist. Das Ich, so wie wir’s ver­ste­hen, der an­de­re, sei­nes­glei­chen, all die­se Ima­gi­nä­ren sind Ob­jek­te. Ge­wiß, sie sind nicht Mon­den ho­mo­gen – und wir lau­fen je­den Au­gen­blick Ge­fahr, das zu ver­ges­sen. Aber das sind eben Ob­jek­te, weil sie als sol­che be­nannt sind in ei­nem or­ga­ni­sier­ten Sys­tem, das das der Sprach­mau­er ist.“ (311)

Die Sprach­mau­er steht nicht quer zur ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, son­dern stützt sie:

Wenn das Sub­jekt mit sei­nes­glei­chen [sem­bla­bles] spricht, dann spricht es in der Um­gangs­spra­che [lan­gue com­mun], die die ima­gi­nä­ren Ich [moi] nicht bloß für ex-sis­ten­te, son­dern für rea­le Din­ge hält. Da es nicht wis­sen kann, was in dem Feld ist, wo der kon­kre­te Dia­log sich hält, hat es mit ei­ner Rei­he von Per­so­nen, aꞌ, aꞌꞌ, zu tun. So­fern das Sub­jekt sie mit sei­nem ei­ge­nen Bild in Be­zie­hung setzt, sind die­je­ni­gen, zu de­nen es spricht, auch die­je­ni­gen, mit de­nen es sich iden­ti­fi­ziert.“ (311)

Die Sprach­mau­er wird hier auf die Um­gangs­spra­che be­zo­gen und auf das Spre­chen mit sei­nes­glei­chen – auf das Spre­chen mit den an­de­ren, in­so­fern es die­se für rea­le Din­ge hält, für Ob­jek­te, nicht auf das Spre­chen mit dem An­de­ren.

(2) Das Sub­jekt und der An­de­re be­fin­den sich, La­can zu­fol­ge, auf den bei­den Sei­ten der Sprach­mau­er – nicht an ih­ren En­den.

Über die An­de­ren heißt es:

“Sie sind auf der an­de­ren Sei­te der Sprach­mau­er, da, wo ich sie im Prin­zip nie­mals er­rei­che. Im Grun­de sind sie’s, die ich an­vi­sie­re, je­des­mal, wenn ich ein wah­res Spre­chen ar­ti­ku­lie­re, aber ich er­rei­che im­mer aꞌ, aꞌꞌ, per Re­fle­xi­on. Ich vi­sie­re im­mer die wah­ren Sub­jek­te, und ich muß mich be­schei­den mit Schat­ten. Das Sub­jekt ist von den An­de­ren, den wah­ren, durch die Sprach­mau­er ge­trennt.“ (311, Über­set­zung ge­än­dert)

Und et­was spä­ter:

Die Ana­ly­se muß ab­zie­len auf den Über­gang zu ei­nem wah­ren Spre­chen, durch wel­ches das Sub­jekt mit ei­nem an­de­ren Sub­jekt ver­bun­den wird, auf der an­de­ren Sei­te der Sprach­mau­er. Das ist die letz­te Be­zie­hung des Sub­jekts zu ei­nem ve­ri­ta­blen An­de­ren, zu dem An­de­ren, der die Ant­wort gibt, die man nicht er­war­tet, die den Schluß­punkt der Ana­ly­se de­fi­niert.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Die An­de­ren sind, vom Sub­jekt aus ge­se­hen, auf der an­de­ren Sei­te der Sprach­mau­er. Es gibt ein Dies­seits und ein Jen­seits die­ser Mau­er, dies­seits ist das Sub­jekt, jen­seits sind die An­de­ren, die Mau­er ver­läuft zwi­schen bei­den. Das Sub­jekt und der An­de­re be­fin­den sich auf den bei­den Sei­ten der Mau­er, nicht an ih­ren bei­den En­den, sie wer­den durch die Sprach­mau­er nicht etwa ver­bun­den, son­dern ge­trennt. Be­zieht man das auf die To­pik von Sche­ma L, heißt das: Die Sprach­mau­er liegt dort, wo auch die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren ver­läuft.

Was mit der Sprach­mau­er in­ter­fe­riert, ist die Spie­gel­re­la­ti­on, durch die das, was zum Ich [moi] ge­hört, im­mer durch­drun­gen, an­ge­eig­net wird durch die Ver­mitt­lung ei­nes an­de­ren, der für das Sub­jekt im­mer die Ei­gen­schaf­ten des Ur­bil­des*, des fun­da­men­ta­len Bil­des des Ich behält.“(316)

Die­ser Satz er­mög­licht kei­ne Ent­schei­dung. Die Spie­gel­be­zie­hung „in­ter­fe­riert“ mit der Sprach­mau­er. Das könn­te hei­ßen: sie in­ter­ve­niert in die Spie­gel­be­zie­hung und un­ter­bricht sie. Es könn­te aber auch ge­meint sein: sie über­la­gert sich mit der Spie­gel­be­zie­hung.

(3) Sche­ma L be­ruht nicht nur auf dem Ge­gen­satz von In­ter­ob­jek­ti­vi­tät und In­ter­sub­jek­ti­vi­tät, son­dern auch auf dem von Spra­che und Spre­chen; die Ach­se A-S wird von La­can dem wah­ren Spre­chen zu­ge­ord­net, die Sprach­mau­er ge­hört zur Spra­che.

Wäh­rend das Spre­chen [pa­ro­le] sich grün­det in der Exis­tenz des An­de­ren, des wah­ren, ist die Spra­che [lan­ga­ge] dazu da, um uns auf den ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren zu ver­wei­sen“ (311).

Die Ach­se A-S ist die Ach­se des „wah­ren Spre­chens“ (311). Die Sprach­mau­er hin­ge­gen ge­hört zur Sei­te der Spra­che, das zeigt der Name an: mur du lan­ga­ge.

Das Sym­bo­li­sche wird von La­can also nicht für die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren re­ser­viert; das Sym­bo­li­sche in­ter­fe­riert, in der Form der Sprach­mau­er, des Be­nen­nungs­sys­tems, in das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren.

(4) Die Sprach­mau­er ist La­cans Um­ar­bei­tung von Freuds Kon­zept der Wort­vor­stel­lun­gen. Die Wort­vor­stel­lun­gen bil­den das Vor­be­wuss­te, das Vor­be­wuss­te ge­hört zum Ich. Also ist zu ver­mu­ten, dass La­can die Sprach­mau­er der ima­gi­nä­ren Ach­se zu­ord­net.

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, Das Ich und das Es, 1923Sche­ma L ist La­cans Al­ter­na­ti­ve zu Freuds gra­phi­schen Dar­stel­lun­gen der zwei­ten To­pik. Wie Freud ver­or­tet auch La­can in sei­nem Sche­ma das Ich und das Es. In Freuds Dia­gramm fin­det man au­ßer­dem das Vor­be­wuss­te („Vbw“).79 Also kann man sich fra­gen, ob La­can auch das Vor­be­wuss­te in Sche­ma L un­ter­bringt.

Das Vor­be­wuss­te ent­steht Freud zu­fol­ge da­durch, dass die Sach­vor­stel­lun­gen des Un­be­wuss­ten durch Wort­vor­stel­lun­gen über­be­setzt wer­den. Das Vor­be­wuss­te ge­hört zum Ich.

Die Sprach­mau­er be­steht aus dem Sys­tem der Be­nen­nun­gen. Ich neh­me an, dass La­can da­mit Freuds Be­griff der Wort­vor­stel­lun­gen über­setzt. Nun ge­hö­ren die Wort­vor­stel­lun­gen zum Ich. Also ist an­zu­neh­men, dass La­can das Sys­tem der Be­nen­nun­gen eben­falls dem Ich zu­ord­net, ge­nau­er: der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem an­de­ren.

Natalie Delafond

Sub­jekt (S) und Ich (Je)

Na­ta­lie Dela­fond er­läu­tert das Sche­ma so:

Ich kann mich als Ich nur ima­gi­nie­ren, in a, aus­ge­hend vom Bild des an­de­ren, von mei­nes­glei­chen (mon sem­bla­ble), aꞌ, in ei­ner Spie­gel­be­zie­hung. Aber für die Psy­cho­ana­ly­se ist Ich (Je), als Sub­jekt des Spre­chens, S, durch das Sym­bo­li­sche de­ter­mi­niert, das ihm vor­aus­geht und ei­nen Ort vor­aus­setzt, A, als Ort der Si­gni­fi­kan­ten.“80

Das S wird hier mit dem Je gleich­ge­setzt, mit dem Sub­jekt des Spre­chens. In Se­mi­nar 2 wird ein sol­cher Zu­sam­men­hang nicht her­ge­stellt.

Sub­jekt und An­de­rer

Wer spricht und zu wem?“ heißt es et­was spä­ter.

Das ist für den Psy­cho­ana­ly­ti­ker die Fra­ge, weil es kein Spre­chen gibt, das sich nicht an je­man­den wen­det. Die­se Adres­sie­rung er­mög­licht es, aus­zu­ma­chen, von wo das Sub­jekt spricht. Es wen­det sich an den an­de­ren, an sei­nes­glei­chen (son sem­bla­ble), in aꞌ, aber sein Spre­chen zielt zu­gleich auf ei­nen An­de­ren, den es an­ruft als Ga­ran­ten für die Wahr­heit des­sen, was es in sei­nem Spre­chen ein­bringt.“81

Das be­zieht sich auf eine spä­te­re Pha­se der Theo­rie­ent­wick­lung und kann des­halb hier au­ßer Acht blei­ben. Auf wel­che Wei­se wird in Se­mi­nar 2 die Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren her­ge­stellt? Auf dem Weg über das Ich, d.h. auf dem Wege der Über­tra­gung, die von La­can hier als Be­zie­hung zwi­schen dem Ich und dem An­de­ren be­grif­fen wird. Auf der Grund­la­ge der Über­tra­gung bringt sich das Ich all­mäh­lich in Über­ein­stim­mung mit dem An­de­ren. Dies macht es mög­lich, dass das Ich nach und nach an das Sub­jekt ge­bun­den wird. (412)

Maire Jaanus

Ich und Sub­jekt

Mai­re Jaa­nus schreibt:

In Sche­ma L spricht das Ich (a) mit ei­nem an­de­ren (aꞌ), der sein Ge­gen­bild ist, über sich selbst (S), wo­bei es sich nicht des­sen be­wusst ist, dass die ra­di­ka­le An­ders­heit der Spra­che es in et­was ge­spal­ten hat, was so­wohl vom Un­be­wuss­ten (Es) her spricht als auch vom Be­wusst­sein (S) her (oder von $ her, wie La­can spä­ter schrei­ben wird).“82

Dem­nach ist das Sub­jekt das The­ma, über das das Ich mit dem an­de­ren spricht.

Sche­ma L be­ruht auf dem Ge­gen­satz von zwei Be­zie­hungs­ar­ten: der zwi­schen Ob­jek­ten und der zwi­schen Sub­jek­ten. Wenn das Sub­jekt in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on zum The­ma wird, hört es auf, ein Sub­jekt zu sein und wird zum Ob­jekt. Wenn der Pa­ti­ent sagt: „Ich bin ein X“ oder „Ich habe X ge­tan“, spricht er über das Ich.

Un­be­wuss­tes und Es

Jaa­nus iden­ti­fi­ziert das Un­be­wuss­te mit dem Es. Das Sche­ma stellt je­doch bei­de ein­an­der ge­gen­über: das Es wird dem Sub­jekt zu­ge­ord­net, das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren. Für La­can ist das Es nicht das Un­be­wuss­te. Die Ach­se A-S ist eine In­ter­sub­jek­ti­vi­tät, die in sich selbst kon­flikt­haft ist, wie er sagt, auch ohne Ein­grei­fen der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung (Se­mi­nar 2, S. 410). Der Kon­flikt, um den es auf der Ach­se A-S geht, ist der zwi­schen dem Dis­kurs des An­de­ren und dem Es. Der An­de­re wen­det sich mit dem uni­ver­sa­len oder fun­die­ren­den Dis­kurs an das Sub­jekt; das Sub­jekt ant­wor­tet hier­auf dem An­de­ren, in­dem es Sym­pto­me pro­du­ziert.

Das Sym­bol S (oben links) ord­net Jaa­nus dem Be­wusst­sein zu. Da­für gibt es in Se­mi­nar 2 kei­ne An­halts­punk­te, das S wird hier über­setzt mit „Es“, „Sym­bol“ und „Sub­jekt“ (vgl. 407 f.).

Über­tra­gung

Jaa­nus fährt fort:

Das Ich ver­gisst die Tat­sa­che, dass es selbst (S) sym­bo­lisch ist, und auch die Tat­sa­che, dass das Spre­chen sich ganz und gar dem Sym­bol (A) ver­dankt, durch das es mensch­lich wird. Die Ana­ly­se ist des­halb die Er­öff­nung des Sub­jekts für die­ses Be­wusst­sein, in­dem es ver­scho­ben wird von der Dia­lek­tik von S, a und aꞌ zur Dia­lek­tik von S, Es und A.“83

In der Ana­ly­se kommt es dem­nach zu ei­ner Ver­schie­bung. Die Aus­gangs­kon­stel­la­ti­on ist S, a und aꞌ, die End­kon­fi­gu­ra­ti­on ist S, Es, A.

In Se­mi­nar 2 stellt La­can es an­ders dar. Aus­gangs­punkt ist die Wi­der­stands­be­zie­hung a-aꞌ, nicht etwa S, a, a‘. Die­se ver­wan­delt sich durch die Aus­schal­tung von a in die Über­tra­gungs­be­zie­hung a-A; von hier aus hat das Ich ei­nen Zu­gang zum Platz des Sub­jekts. Die Be­zie­hung, die schließ­lich her­ge­stellt wird, ist also a-A-S (vgl. Se­mi­nar 2, S. 314, 411). In der Aus­ein­an­der­set­zung mit Mil­ler habe ich das aus­führ­li­cher dar­ge­stellt. Jaa­nus über­sieht die Rol­le des Ichs in der Über­tra­gung.

Darian Leader

Spre­chen und An­er­ken­nung

Dari­an Lea­der (der den in­struk­tivs­ten Auf­satz zum Sche­ma ge­schrie­ben hat) schreibt zu Sche­ma L:

In ge­wis­sem Sin­ne kann man sa­gen, dass die Ach­se A-S die Per­spek­ti­ve des Struk­tu­ra­lis­mus der spä­ten 40er und frü­hen 50er Jah­re ver­dich­tet, mit der Auf­fas­sung, dass das Sub­jekt bloß ein Ef­fekt, ein Pro­dukt der Dy­na­mik der so­zia­len Kräf­te ist. Das Sub­jekt S wird durch die so­zia­le Struk­tur und Or­ga­ni­sa­ti­on streng de­ter­mi­niert wer­den, bei­spiels­wei­se durch sei­ne Kul­tur.“84

Er über­sieht die Rol­le des Spre­chens und der An­er­ken­nung. La­can er­läu­tert Sche­ma L un­ter an­de­rem so:

“Dem Satz Freuds Wo Es war, soll Ich wer­den* sind zwei Be­deu­tun­gen zu ge­ben. Die­ses Es*, neh­men Sie das wie den Buch­sta­ben S. Es ist da, es ist im­mer da. Das ist das Sub­jekt. Es kennt sich oder es kennt sich nicht. Das ist nicht ein­mal das Wich­tigs­te – es kommt oder es kommt nicht zum Spre­chen. Am Ende der Ana­ly­se soll es das Wort er­grei­fen und mit dem wah­ren An­de­ren in Be­zie­hung tre­ten. Da, wo das S war, da soll das Ich* sein.

Da re­inte­griert das Sub­jekt au­then­tisch sei­ne mem­bra dis­jec­ta und an­er­kennt, re­ag­gre­giert sei­ne Er­fah­rung.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

Die Ver­drän­gung des Be­geh­rens be­ruht auf Nicht-An­er­ken­nung.85 Das Sub­jekt (S) kommt zum Spre­chen oder nicht zum Spre­chen; wenn es zum Spre­chen kommt, tritt es zum wah­ren An­de­ren (A) in Be­zie­hung und voll­zieht ei­nen Akt der An­er­ken­nung. Ob es spricht und so die An­er­ken­nung voll­zieht – ob die Ver­drän­gung auf­ge­ho­ben wird –, ist, in La­cans Per­spek­ti­ve, nicht durch die So­zi­al­struk­tur de­ter­mi­niert.

Der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung

Lea­der fährt fort:

Aber der An­de­re be­zieht sich hier nicht nur auf die Men­ge der Ele­men­te, die die sym­bo­li­sche Welt aus­ma­chen, in die das Sub­jekt ge­bo­ren wird, son­dern auch auf den sym­bo­li­schen Platz, der je­des­mal ge­gen­wär­tig ist, wenn je­mand spricht.“86

An­de­res als Lea­der es dar­stellt, ist der An­de­re der Ach­se A-S für La­can in Se­mi­nar 2 kei­ne rein sym­bo­li­sche In­stanz. La­can be­zeich­net den An­de­ren als „rea­len Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung“ (407) , und er er­klärt, der Sub­jekt­cha­rak­ter des An­de­ren wer­de da­durch be­wie­sen, dass er lügt (311). Der An­de­re ist der Pol, an dem das Sub­jekt auf das Rea­le stößt: dar­auf, dass et­was sich der Sym­bo­li­sie­rung wi­der­setzt. Spä­ter wird La­can die­sen Ge­dan­ken so prä­zi­sie­ren: Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit des­sen ga­ran­tie­ren könn­te, was der An­de­re sagt; die Wahr­heit hängt von sei­ner Auf­rich­tig­keit ab, und auf die ist kein Ver­lass (vgl. die­sen und die­sen Blog­bei­trag). In Se­mi­nar 6 wird das zum Sym­bol S(Ⱥ) ver­dich­tet, „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“. An ge­nau die­sem Punkt wird La­can sich von Lévi-Strauss ab­gren­zen: S(Ⱥ) ist nicht ein Null­sym­bol im Sin­ne von Lévi-Strauss (eine Art Jo­ker, der dem Spiel der Si­gni­fi­kan­ten sei­ne Voll­stän­dig­keit si­chert), son­dern der Si­gni­fi­kant des Man­gels ei­nes sol­chen Null­sym­bols.87

Jacques-Alain Miller

Rea­les

Mil­ler be­zeich­net die Li­nie a-aꞌ von Sche­ma L als „ima­gi­nä­re Ach­se“ und die Li­nie S-A als „sym­bo­li­sche Ach­se“.88 Das ist pro­ble­ma­tisch.

Si­cher­lich ist die Li­nie mit den End­punk­ten a und aꞌ die ima­gi­nä­re Ach­se. Die Be­zie­hung zwi­schen A und S ist je­doch kom­ple­xer, A-S ist eine zu­gleich sym­bo­li­sche und rea­le Ach­se.

Um die sym­bo­li­sche Ach­se han­delt es sich in­so­fern, als die Be­zie­hung von A zu S die der sym­bo­li­schen Rea­li­sie­rung des Sub­jekts ist (vgl. Se­mi­nar 2, 407 f.), die Li­nie auf, der der uni­ver­sa­le Dis­kurs sich in Form ei­nes Ap­pells, ei­ner Be­ru­fung an das Sub­jekt rich­tet (410, 413). Al­ler­dings han­delt es sich um ei­nen Ap­pell, der nicht an­er­kannt wird, um eine Be­ru­fung, die ver­kannt wird – und da­mit kommt das Rea­le ins Spiel.

Die Ach­se A-S ist ein Aus­schnitt aus der „Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len“ (vgl. Se­mi­nar 2, 408). Die sym­bo­li­sche Ord­nung schal­tet sich in das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis ein, ihr liegt, wie La­can sagt, die „Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len“ zu­grun­de (409). Auf der Ach­se A-S geht es nicht um das Sym­bo­li­sche, son­dern um die Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len und um die da­mit ver­bun­de­ne Span­nung zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len; S-A ist die Ach­se der Sym­bo­li­sie­rung des Rea­len.

Der An­de­re (A), er­läu­tert La­can, ist der „rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung und das, wor­an Freud die Be­zie­hung zum To­des­trieb fest­macht“ (407). Um es fest­zu­hal­ten: der An­de­re wird hier nicht als der sym­bo­li­sche Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung be­zeich­net, son­dern als ihr rea­ler Pol.

Der An­de­re steht im Ver­hält­nis zum To­des­trieb. Der „To­des­trieb ist nur die Mas­ke der sym­bo­li­schen Ord­nung, in­so­fern – Freud schreibt es – sie stumm ist, in­so­fern sie sich nicht rea­li­siert hat. So­lan­ge die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung nicht her­ge­stellt wur­de, ist die sym­bo­li­sche Ord­nung per de­fi­ni­tio­nem stumm.“ (414) Beim To­des­trieb geht es „um eine sym­bo­li­sche Ord­nung, die da­bei ist, ge­bo­ren zu wer­den, im Kom­men, in­sis­tie­rend, um rea­li­siert zu wer­den“ (414).

Dass der An­de­re im Ver­hält­nis zum To­des­trieb steht, meint also: der An­de­re steht in Be­zie­hung zum Sym­bo­li­schen, aber nur in­so­fern, als die sym­bo­li­sche Ord­nung stumm ist, als sie sich nicht rea­li­siert hat, und zwar des­halb nicht, weil die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung nicht voll­zo­gen wor­den ist.

Der An­de­re be­zieht sich in­so­fern auf die sym­bo­li­sche Ord­nung, als sie da­bei ist, ge­bo­ren zu wer­den, als sie in­sis­tiert. Der Be­griff des In­sis­tie­rens ver­weist auf den Wie­der­ho­lungs­zwang. Die Wie­der­ho­lung ist das, was in­sis­tiert, was zwi­schen A und S über­zu­ge­hen be­an­sprucht (vgl. 412) – wo­bei die­ser Über­gang ge­ra­de nicht ge­lingt.

Die Wie­der­ho­lung be­steht also in ei­nem hart­nä­cki­gen Miss­lin­gen der Sym­bo­li­sie­rung, wo­bei das Miss­lin­gen dar­in be­steht, dass der vom An­de­ren kom­men­de Dis­kurs, die vom An­de­ren kom­men­de Be­ru­fung vom Sub­jekt nicht an­er­kannt wird. Ge­nau so hat­te La­can in Se­mi­nar 1 das Rea­le de­fi­niert: als Schei­tern ei­ner Sym­bo­li­sie­rung.

Mil­ler schreibt:

Zu die­sem Zeit­punkt [von Se­mi­nar 1 und 2] ope­rier­te La­can nur mit dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren; das Rea­le war et­was, was in die ima­gi­nä­re Be­zie­hung nicht ein­trat. Man weiß nicht, was das Rea­le ist, es ist we­der sym­bo­lisch noch ima­gi­när.“89

In Se­mi­nar 1 hat­te La­can das Rea­le fol­gen­der­ma­ßen de­fi­niert:

das Rea­le oder das, was als sol­ches wahr­ge­nom­men wird, ist das, was der Sym­bo­li­sie­rung ab­so­lut wi­der­steht.“90

In Se­mi­nar 2 hat­te er die De­fi­ni­ti­on er­wei­tert: das Rea­le ist das, was we­der sym­bo­li­siert noch ima­gi­niert wer­den kann.91 Das Rea­le ist in den frü­hen Se­mi­na­ren kei­ne Rest­grö­ße (das, was we­der sym­bo­lisch noch ima­gi­när ist), es wird viel­mehr dy­na­misch be­stimmt: das Rea­le ist eben das, was der Sym­bo­li­sie­rung und der Ima­gi­nie­rung wi­der­steht. An die­ser De­fi­ni­ti­on wird La­can bis zum Schluss fest­hal­ten. In Se­mi­nar 23 wird es so for­mu­liert: das Rea­le ist dem Sinn ex-sis­tent, an­ders ge­sagt: das Rea­le ist das, was dem Zu­sam­men­wir­ken des Ima­gi­nä­ren und des Sym­bo­li­schen (der Er­zeu­gung des Sinns) äu­ßer­lich ist, also das, was sich der Sym­bo­li­sie­rung und der Ima­gi­nie­rung wi­der­setzt; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

Sche­ma L be­zieht sich auf eine Sym­bo­li­sie­rung, die stumm ist, weil die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung nicht voll­zo­gen wird. Die Ach­se A-S steht für die Wie­der­ho­lung, an­ders ge­sagt, da­für, dass et­was der Sym­bo­li­sie­rung hart­nä­ckig wi­der­steht: das Rea­le.

An­de­rer

Mil­ler zu­fol­ge hat der An­de­re in Sche­ma L eine Dop­pel­funk­ti­on. Er wird ei­ner­seits durch den Platz un­ten rechts dar­ge­stellt, an­de­rer­seits re­prä­sen­tiert das ge­sam­te Sche­ma den Ort des An­de­ren. Mil­ler be­zieht das zu­nächst auf die Ver­si­on des Dia­gramms in Kant mit Sade, dann auf Sche­ma L all­ge­mein.

Der An­de­re ist am Eck­punkt un­ten rechts lo­ka­li­siert, aber zu­gleich er­eig­net sich der ge­sam­te Pro­zess am Ort des An­de­ren. Das heißt, der An­de­re ist in ei­ner Ecke lo­ka­li­siert, ne­ben an­de­ren Ter­mi­ni, aber all dies ist zu­gleich in­ner­halb des An­de­ren.“92

Für die The­se von der Dop­pel­funk­ti­on des An­de­ren in Sche­ma L gibt es in Se­mi­nar 2 kei­ne Be­le­ge. Sie wi­der­spricht der Tat­sa­che, dass La­can den dua­lis­ti­schen Cha­rak­ter des Sche­mas be­tont, wo­bei er aus­drück­lich an den Freud­schen Trieb­dua­lis­mus an­knüpft (Se­mi­nar 2, 413). Wenn Mil­ler recht hät­te, wäre der Dua­lis­mus des Sche­mas nur die Ober­flä­che ei­nes um­fas­sen­den Mo­nis­mus des Sym­bo­li­schen, ana­log zur mo­nis­ti­schen Kon­zep­ti­on der Li­bi­do bei C. G. Jung.

Über­tra­gung

Mil­ler zu­fol­ge hat La­can in die­ser Pha­se – wäh­rend Se­mi­nar 1 und 2 – die Über­tra­gung we­sent­lich als ima­gi­när be­grif­fen, sein Ver­ständ­nis von Über­tra­gung sei rein ne­ga­tiv.93

Da­für spricht, dass La­can die Über­tra­gung of­fen­bar als Be­zie­hung zwi­schen m und a be­zeich­net. So fin­det man es in der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie und Mil­ler hat das in sei­ne Ver­si­on des Se­mi­nars über­nom­men.

Die Über­tra­gung hin­ge­gen ge­schieht zwi­schen m und a.“ (412)

Da­ge­gen spricht, dass die Über­tra­gung kurz zu­vor von La­can an­ders be­schrie­ben wur­de:

Was Über­tra­gung ge­nannt wird, ge­schieht sehr ge­nau zwi­schen A und m, in­so­fern das durch den Ana­ly­ti­ker re­prä­sen­tier­te a fehlt.“ (411, Über­set­zung ge­än­dert)

Hier­nach ge­schieht die Über­tra­gung nicht zwi­schen m und a, son­dern zwi­schen m und A. Bei­des zu­gleich kann nicht ge­meint sein. Klar ist, dass es hier ein tech­ni­sches Pro­blem gibt, eine Tran­skrip­ti­ons­schwie­rig­keit: La­can sagt „a“ und meint da­mit bis­wei­len klein a, manch­mal aber auch groß A. Man muss sich also ent­schei­den, wel­che Tran­skrip­ti­on rich­tig ist.

An der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le er­klärt La­can, wie die Über­tra­gung funk­tio­niert: die Über­tra­gung setzt vor­aus, dass die Be­zie­hung zum Ana­ly­ti­ker als a fehlt. Der Buch­sta­be a ist hier Ge­gen­term zu m, meint also „an­de­rer“. Die­se Er­klä­rung wird von La­can an der Stel­le vor­aus­ge­setzt, die man als Be­leg da­für an­füh­ren könn­te, dass die Über­tra­gung zwi­schen zwi­schen m und a er­eig­net. Die Tran­skrip­ti­on ist an die­ser Stel­le falsch, das klei­ne a muss durch ein gro­ßes A er­setzt wer­den. Die The­se, für La­can sei die Über­tra­gung we­sent­lich ima­gi­när, be­ruht auf ei­nem Tran­skrip­ti­ons­feh­ler.

La­cans Ver­ständ­nis von Über­tra­gung ist in Se­mi­nar 2 kei­nes­wegs ne­ga­tiv, son­dern po­si­tiv.

… „Der gan­ze Fort­schritt der Ana­ly­se ist die fort­lau­fen­de Ver­schie­bung die­ser Re­la­ti­on, die das Sub­jekt in je­dem Au­gen­blick er­fas­sen kann jen­seits der Sprach­mau­er, als die Über­tra­gung, die von ihm aus­geht und wo es sich nicht wie­der­erkennt [re­con­nait]. Es geht nicht dar­um, die­se Re­la­ti­on zu re­du­zie­ren, wie man schreibt, es geht dar­um, daß das Sub­jekt sie an sei­nem Platz auf­nimmt. Die Ana­ly­se be­steht dar­in, es das Be­wußt­sein sei­ner Be­zie­hun­gen ge­win­nen zu las­sen, nicht zum Ich des Ana­ly­ti­kers, son­dern zu all die­sen An­de­ren, die sei­ne wirk­li­chen Respondenten/Bürgen/répondants sind und die es nicht an­er­kannt hat. Es geht dar­um, daß das Sub­jekt mehr und mehr ent­deckt, an wel­chen An­de­ren es sich wahr­haft wen­det, wenn auch ohne es zu wis­sen, und daß es mehr und mehr die Über­tra­gungs­be­zie­hun­gen auf­nimmt an dem Platz, wo es ist und wo es zu­nächst nicht wuß­te, daß es war.“ (314, Über­set­zung ge­än­dert)

La­can ar­gu­men­tiert so: Da­durch, dass der Ana­ly­ti­ker nicht die Po­si­ti­on des Ob­jekt-an­de­ren in der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung ein­nimmt, kann sich die Über­tra­gung her­stel­len, näm­lich die Be­zie­hung des Ichs zum An­de­ren. Dies macht es mög­lich, dass sich das Ich all­mäh­lich in Über­ein­stimmng mit dem vom An­de­ren kom­men­den Dis­kurs bringt. Und da­durch wird das Ich nach und nach mit dem Sub­jekt ver­bun­den (vgl. 314).94

Gerda Pagel

Sub­jekt und Ich

Pa­gel er­läu­tert das Sche­ma so: „Das Sub­jekt (S) iden­ti­fi­ziert sich in der dua­len Spie­gel­be­zie­hung mit dem an­de­ren (aꞌ) und kon­sti­tu­iert auf der ima­gi­nä­ren Ba­sis (aꞌ-a) sein Ich als ‚moi‘.“95 Sie be­greift das Sub­jekt als die­je­ni­ge In­stanz, von der die ima­gi­nä­re Be­zie­hung letzt­lich her­vor­ge­bracht wird. Das ist nicht La­cans Auf­fas­sung. Der Punkt S des Sche­mas steht nicht für die letz­te In­stanz, die der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung zu­grun­de liegt.

Im Psy­cho­se-Auf­satz schreibt La­can, das Sub­jekt habe an al­len vier Ecken des Sche­mas teil.96 Das Sub­jekt, von dem er in die­ser Be­mer­kung spricht, ist je­doch nicht der Punkt (S) des Sche­mas. „Das Sub­jekt hat an al­len vier Ecken des Sche­mas teil“ meint: „Der Pa­ti­ent hat an al­len vier Ecken des Sche­mas teil“.

Das Un­be­wuss­te

Wei­ter heißt es bei Pa­gel: „Es gibt kei­nen Ort un­mit­tel­ba­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on von Un­be­wuß­tem zu Un­be­wuß­tem (A-S).“97 Die bei­den End­punk­te A und S ste­hen dem­nach für das Un­be­wuss­te. Von La­can wird das Un­be­wuss­te im Sche­ma an an­de­rer Stel­le lo­ka­li­siert, er ord­net es dem ers­ten Seg­ment der von A aus­ge­hen­den und zu (Es) S füh­ren­den Pfeil­li­nie zu. Im Poe-Auf­satz un­ter­streicht er, dass er das Es, also den Punkt (Es) S, vom Un­be­wuss­ten un­ter­schei­det.98 Im Sche­ma steht der Punkt S für das Es im Un­ter­schied zum Un­be­wuss­ten, das auf den An­de­ren be­zo­gen wird.

Peter Widmer

Spra­che und Spre­chen

Wid­mer ord­net die ima­gi­nä­re Ach­se dem Spre­chen zu, die Be­zie­hung A-S der Spra­che.99 In Se­mi­nar 2 stellt La­can es um­ge­kehrt dar:

Wäh­rend das Spre­chen [pa­ro­le] sich grün­det in der Exis­tenz des An­de­ren, des wah­ren, ist die Spra­che [lan­ga­ge] dazu da, um uns auf den ob­jek­ti­vier­ten an­de­ren zu ver­wei­sen“ (311).

Die ima­gi­nä­re Ach­se wird da­durch ge­stützt, dass sich das Spre­chen auf die Spra­che in Ge­stalt der Sprach­mau­er stützt, auf das or­ga­ni­sier­te Sys­tem der Be­nen­nun­gen; die Sprach­mau­er (mur du lan­ga­ge) ge­hört, wie der Name an­zeigt, zur Ord­nung der Spra­che, der lan­ga­ge.

Es und An­de­rer

Zum Ver­hält­nis zwi­schen dem Es und dem An­de­ren sagt Wid­mer, mit dem Sche­ma las­se sich ver­an­schau­li­chen, dass La­can den Term „An­de­rer“ dem Term „Es“ vor­zie­he, und zwar des­halb, um nicht dem Miss­ver­ständ­nis Vor­schub zu leis­ten, das Es sei eine kon­kre­te Rea­li­tät, Sitz der Trie­be und Lei­den­schaf­ten.100 Wid­mer zu­fol­ge er­setzt La­can den Ter­mi­nus „Es“ durch den Ter­mi­nus „An­de­rer“, und eben dies soll sich am Sche­ma zei­gen las­sen. Mit den Er­läu­te­run­gen von Sche­ma L in Se­mi­nar 2 und mit der gra­phi­schen Dar­stel­lung im Poe-Auf­satz lässt sich das nicht ver­ein­ba­ren. Hier gibt es zwi­schen den Ter­mi­ni „Es“ und „An­de­rer“ kei­ne Er­set­zung, viel­mehr wer­den die bei­den Be­grif­fe auf­ein­an­der be­zo­gen. Das Es wird am Punkt oben links ver­or­tet, der An­de­re am Punkt un­ten rechts. Die Ach­se A-S ist die Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Es.

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Anmerkungen

  1. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310.
  2. Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 191.
  3. Vgl. J. La­can, Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 53. Der Auf­satz ist die über­ar­bei­te­te und mit ei­ner Er­läu­te­rung ver­se­he­ne Fas­sung der Vor­le­sung vom 26. April 1956. Er wur­de Mit­te Mai bis Mit­te Au­gust 1956 ge­schrie­ben und 1957 ver­öf­fent­licht.
    In der deut­schen Über­set­zung des Auf­sat­zes fehlt in Sche­ma L der Strich nach dem a oben rechts.
  4. So ver­mu­tet es Mousta­pha Sa­fouan in: Ders.: La­ca­nia­na. Les sé­min­aires de Jac­ques La­can. 1953–1963. Fa­y­ard, Pa­ris 2001, in sei­ner Zu­sam­men­fas­sung von Se­mi­nar 2.
  5. Die­se Er­klä­rung fin­det man bei Dy­lan Evans: Wör­ter­buch der La­can­schen Psy­cho­ana­ly­se. Tu­ria + Kant, Wien 2002, S. 260, al­ler­dings be­zieht Evans sich auf den groß­ge­schrie­be­nen Buch­sta­ben Lamb­da, also auf Λ – das klei­ne Lamb­da hat mehr Ähn­lich­kei­ten mit dem Sche­ma als das gro­ße.
  6. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on J.L., S. 25.
  7. Auf Lévi-Strauss und Shannon/Weaver ver­weist Dari­an Lea­der , vgl. D. Lea­der: The sche­ma L. In: Ber­nard Bur­go­y­ne (Hg.): Drawing the soul. Sche­mas and mo­dels in psy­cho­ana­ly­sis. Kar­nac Books, Lon­don 2003 (zu­erst 2000 bei Re­bus Press), S. 172–189, hier: S. 177. Auf Guil­baud als mut­maß­li­che Quel­le be­zieht sich Mai We­ge­ner in: M. We­ge­ner: Neu­ro­nen und Neu­ro­sen. Der psy­chi­sche Ap­pa­rat bei Freud und La­can. Ein his­to­risch-theo­re­ti­scher Ver­such zu Freuds Ent­wurf von 1895. Mün­chen, Fink 2004, S. 39.
  8. Clau­de Lévi-Strauss: Die ele­men­ta­ren Struk­tu­ren der Ver­wandt­schaft (1949). Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1981, S. 268.
  9. Clau­de E. Shan­non, War­ren Wea­ver: The ma­the­ma­ti­cal theo­ry of com­mu­ni­ca­ti­on. Uni­ver­si­ty of Il­li­nois Press, Ur­ba­na 1949, S. 76, die Ab­bil­dung habe ich dem Auf­satz von Lea­der ent­nom­men.
  10. Vgl. Lea­der, a.a.O., S. 178.
  11. G. Th. Guil­baud: La théo­rie des jeux. Con­trbu­ti­on cri­tique à la théo­rie de la val­eur. In: Éco­no­mie ap­p­li­quée, 2. Jg. (1949), S. 275–319, hier: S. 294 f.
  12. Vgl. Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 1996, S. 513, 535.
  13. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 407.
  14. Vom ima­gi­nä­ren an­de­ren spricht La­can zu­erst in Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 174, vom sym­bo­li­schen An­de­ren zu­erst in Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 262, dort in der Ge­gen­über­stel­lung von ima­gi­nä­rem an­de­rem und sym­bo­li­schem An­de­ren.
  15. Die Kri­tik wen­det sich ge­gen das Kon­zept des To­tal­sub­jekts, mög­li­cher­wei­se rich­tet sie sich aber auch ge­gen Me­la­nie Kleins Be­griff des To­tal­ob­jekts.
    Der Be­griff „to­tal ob­ject“ wur­de 1935 von Me­la­nie Klein ein­ge­führt; 1937 wur­de er wur­de er mit „gan­zes Ob­jekt“ ins Deut­sche über­setzt. Vgl: M. Klein: A con­tri­bu­ti­on to the psy­cho­ge­ne­sis of ma­nic-de­pres­si­ve sta­tes. In: The In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 16. Jg. (1935), S. 145–174; dt.: Zur Psy­cho­ge­ne­se der ma­nisch-de­pres­si­ven Zu­stän­de. Über­setzt von Pau­la Hei­mann. In: In­ter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Psy­cho­ana­ly­se, 23. Jg. (1937), Heft 2, S. 275–305.
  16. Was je­doch neu ist beim Men­schen, das ist, daß et­was be­reits of­fen ge­nug ist, un­merk­lich ver­rückt in der ima­gi­nä­ren Ko­ap­tati­on, so daß sich der sym­bo­li­sche Ge­brauch des Bil­des ein­schal­ten kann.“ Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 409.
  17. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on J.L., S. 25.
  18. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 308.
  19. Vgl. 1. Mose, Ka­pi­tel 2, Ver­se 19 und 20.
  20. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 217.
  21. In La Cho­se freu­dien­ne be­schreibt La­can das da­mit ge­mein­te Spre­chen so: „Man sieht, wor­auf sich die Spra­che des Ich/moi re­du­ziert: auf den in­tui­ti­ven Geis­tes­blitz, auf das Kom­man­do zur Ein­kehr, auf die zu­rück­wei­sen­de Ag­gres­si­vi­tät des ver­ba­len Echos. Er­gän­zen wir noch, was auf den au­to­ma­ti­schen Müll des all­täg­li­chen Dis­kur­ses hin­aus­läuft: das ewi­ge Ge­re­de der Er­zie­hung und die de­li­rie­ren­de Lei­er, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­sen, die we­ni­ger kom­pli­zier­te Ob­jek­te als die­ses Pult her­vor­ra­gend re­pro­du­zie­ren, eine Feed­back-Kon­struk­ti­on für die Ers­te­ren, eine Schall­plat­te für die Letz­te­ren, wel­che vor­zugs­wei­se an der rich­ti­gen Stel­le ge­rillt ist.“ (Das Freud’sche Ding (Vor­trag von 1955, ver­öf­fent­licht 1956). Über­setzt von Mo­ni­ka Ma­ger. Tu­ria + Kant, Wien 2011, S. 58)
  22. Vgl. S. Freud: Das Un­be­wuß­te (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main, S. 160; ders.: Das Ich und das Es (1923). Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3, a.a.O., S. 289.
  23. Vgl. Das Ich und das Es, SA 3, S. 292.
  24. Vgl. zum Lü­gen auch Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 306.
  25. Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 52, Über­set­zung ge­än­dert.
  26. J. La­can, Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 124, 145. Der Auf­satz wur­de 1953 ge­schrie­ben und 1956 ver­öf­fent­licht.
  27. J. La­can: Die Freud’sche Sa­che. Über­setzt von Mo­ni­ka Ma­ger. Wien, Tu­ria + Kant 2011, S. 59, Über­set­zung ge­än­dert. Der Text be­ruht auf ei­nem Vor­trag vom No­vem­ber 1955 und wur­de 1956 ver­öf­fent­licht.
  28. Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, hier­in: Par­en­the­se der Par­en­the­sen (1966), Schrif­ten I, S. 55.
  29. Vgl. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders. Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273–330.
  30. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 516.
  31. Etwa: Mau­rice Bou­vet: In­ci­den­ces thé­ra­peu­ti­ques de la pri­se de con­sci­ence de l’envie du pé­nis dans la né­v­ro­se ob­ses­sio­nal­le fé­mi­ni­ne (1950). In: Ders.: Œu­vres psy­chana­ly­ti­ques, Bd. 1. Payot, Pa­ris 1967, S. 49–75.– Ders.: Le moi dans la né­v­ro­se ob­ses­si­onnel­le : re­la­ti­ons d’objet et méca­nis­mes de dé­fen­se : rap­port cli­ni­que. Pres­ses Uni­ver­si­taires de Fran­ce, Pa­ris 1952.
    Eine aus­führ­li­che Kri­tik an Bou­vets Auf­satz von 1950 ar­ti­ku­liert La­can in den letz­ten Sit­zun­gen von Se­mi­nar 5.
  32. Vgl. Lea­der, a.a.O., S. 185.
  33. Schrif­ten II, S. 61–117.
  34. Den deut­schen Ter­mi­nus „Ur­bild“ fin­det man be­reits in La­cans Auf­satz L’aggressivité en psy­chana­ly­se von 1948; vgl. Écrits, S. 116.
  35. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 80.
  36. Freud: „Im­mer wie­der ma­chen wir die Er­fah­rung, daß die Trieb­re­gun­gen, die wir ver­fol­gen kön­nen, sich als Ab­kömm­lin­ge des Eros ent­hül­len. Wä­ren nicht die im Jen­seits des Lust­prin­zips an­ge­stell­ten Er­wä­gun­gen und end­lich die sa­dis­ti­schen Bei­trä­ge zum Eros, so hät­ten wir es schwer, an der dua­lis­ti­schen Grund­an­schau­ung fest­zu­hal­ten. Da wir aber dazu ge­nö­tigt sind, müs­sen wir den Ein­druck ge­win­nen, daß die To­des­trie­be im we­sent­li­chen stumm sind und der Lärm des Le­bens meist vom Eros aus­geht.“ S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000 S. 313.
  37. Vgl. J. La­can, Die Fa­mi­lie, Schrif­ten III, S. 54–57.
  38. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 122, 137.
  39. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 101
  40. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 202.
  41. Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 27. Ja­nu­ar 1960.
  42. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 104.
  43. Freud: „Er [der Kran­ke] ist viel­mehr ge­nö­tigt, das Ver­dräng­te als ge­gen­wär­ti­ges Er­leb­nis zu wie­der­ho­len, statt es, wie der Arzt es lie­ber sähe, als ein Stück der Ver­gan­gen­heit zu er­in­nern. Die­se mit un­er­wünsch­ter Treue auf­tre­ten­de Re­pro­duk­ti­on hat im­mer ein Stück des in­fan­ti­len Se­xu­al­le­bens, also des Ödi­pus­kom­ple­xes und sei­ner Aus­läu­fer, zum In­halt und spielt sich re­gel­mä­ßig auf dem Ge­bie­te der Über­tra­gung, das heißt der Be­zie­hung zum Arzt ab.“ (S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 228.
  44. Die Pas­sa­ge er­in­nert an Lévi-Strauss’ Ein­lei­tung zu den Auf­sät­zen von Mar­cel Mauss; vgl. Clau­de Lévi-Strauss: Ein­lei­tung. In: Mar­cel Mauss: So­zio­lo­gie und An­thro­po­lo­gie, Bd. 1. Ull­stein, Frank­furt am Main u.a. 1978, S. 7–41.
  45. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 234–237.
  46. Jen­seits des Lust­prin­zips, SA 3, S. 239.
  47. Vgl. Jen­seits des Lust­prin­zips, SA 3, S. 239.
  48. Vgl. Jen­seits des Lust­prin­zips, a.a.O., S. 237.
  49. Zum uni­ver­sa­len Dis­kurs vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 358–360, 389.
  50. Das Sym­bol ma­ni­fes­tiert sich so zu­nächst als Mord am Ding, und die­ser Tod kon­sti­tu­iert im Sub­jekt die Ver­ewi­gung sei­nes Be­geh­rens.“(Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 166, Über­set­zung ge­än­dert) „Das Sein der Spra­che ist das Nicht-Sein der Ob­jek­te“ (Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, Schrif­ten I, S. 219)
    Den Ter­mi­nus man­que d’être, „Seins­man­gel“ oder „Man­gel an Sein“, über­nimmt La­can aus Sar­tres Das Sein und das Nichts (vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283 f.). Ab 1957 wird er statt­des­sen man­que-à-être sa­gen, Man­gel-zu-sein.
  51. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 141.
  52. Vgl. Ver­si­on Miller/Metzger, S. 408.
  53. Vgl. S. Freud, Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926).
  54. In Jen­seits des Lust­prin­zips (1920) schreibt Freud, „der Wi­der­stand der Ana­ly­sier­ten gehe von ih­rem Ich aus“ (ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 229). In Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926) mo­di­fi­ziert er die­se An­sicht. Hier heißt es: Es gibt fünf Ar­ten von Wi­der­stän­den. Zum ei­nen drei Ar­ten von Ich­wi­der­stän­den: den Ver­drän­gungs­wi­der­stand, den Über­tra­gungs­wi­der­stand und den­je­ni­gen, der vom Krank­heits­ge­winn aus­geht. Hin­zu kom­men zwei wei­te­re Wi­der­stän­de: der­je­ni­ge, der vom Es aus­geht, und der­je­ni­ge, der sei­ne Quel­le im Über-Ich hat. (Vgl. Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 297 f.) 
  55. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 116.
  56. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920), Teil III: „In der Re­gel kann der Arzt dem Ana­ly­sier­ten die­se Pha­se der Kur nicht er­spa­ren; er muß ihn ein ge­wis­ses Stück sei­nes ver­ges­se­nen Le­bens wie­der­er­le­ben las­sen und hat da­für zu sor­gen, daß ein Maß von Über­le­gen­heit er­hal­ten bleibt, kraft des­sen die an­schei­nen­de Rea­li­tät doch im­mer wie­der als Spie­ge­lung ei­ner ver­ges­se­nen Ver­gan­gen­heit er­kannt wird.“ (A.a.O., S. 229.)
  57. Für Heinz Hart­mann, ei­nen der Ver­tre­ter der psy­cho­ana­ly­ti­schen Ich-Psy­cho­lo­gie, mit der La­can sich hier aus­ein­an­der­setzt, ist die Be­zie­hung des Ichs zu den Trie­ben se­kun­där. Das Rea­li­täts-Ich ent­wi­ckelt sich, in­dem es sich von der Be­ein­flus­sung durch die ihm frem­den Trieb­ten­den­zen – von Se­xua­li­sie­rung und Ag­gres­si­vie­rung – be­freit. Der Nar­ziss­mus be­steht für Hart­mann nicht in der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung des Ichs, son­dern in der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung des Selbsts (oder Selbst­bil­des) im Ge­gen­satz zur li­bi­di­nö­sen Be­set­zung von Ob­jek­ten; das Selbst wird von Hart­mann in al­len drei Sys­te­men an­ge­sie­delt, im Ich, im Es und im Über-Ich. (Vgl. Heinz Hart­mann: Be­mer­kun­gen zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie des Ichs (1950). In: Ders.: Ich-Psy­cho­lo­gie. Stu­di­en zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie. Klett, Stutt­gart 1972, S. 127, 131 f.) 
  58. Für Hart­mann gibt es zwar Kon­flik­te in­ner­halb des Ichs, je­doch zu­gleich eine „kon­flikt­freie Sphä­re des Ichs“; vgl. Hart­mann, Be­mer­kun­gen zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie des Ichs, a.a.O., S. 127.
    Hart­mann zu­fol­ge gibt es ei­nen au­to­no­men Fak­tor in der Ich-Ent­wick­lung, d.h. die Ent­wick­lung des Ichs kann nicht voll­stän­dig auf den Ein­fluss der Rea­li­tät und der Trie­be zu­rück­ge­führt wer­den und nicht alle bei der Ge­burt vor­han­de­nen An­la­gen zur psy­chi­schen Ent­wick­lung sind ein Teil des Es. Da die Ich-Ent­wick­lung auch auf ei­nem au­to­no­men Fak­tor be­ruht, gibt es, Hart­mann zu­fol­ge, au­to­no­me Ei­gen­schaf­ten des Ichs, als Er­geb­nis von Ler­nen und Rei­fung; eine der Funk­tio­nen des Ichs ist die Au­to­no­mie. Vgl. Heinz Hart­mann: Ich-Psy­cho­lo­gie und An­pas­sungs­pro­blem (1939). Klett, Stutt­gart 1960 und öf­ter; der­sel­be, Be­mer­kun­gen zur psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie des Ichs, a.a.O., S. 124–126, 143.
  59. Freud: „Vie­len von uns mag es auch schwer wer­den, auf den Glau­ben zu ver­zich­ten, daß im Men­schen selbst ein Trieb zur Ver­voll­komm­nung wohnt, der ihn auf sei­ne ge­gen­wär­ti­ge Höhe geis­ti­ger Leis­tung und ethi­scher Sub­li­mie­rung ge­bracht hat und von dem man er­war­ten darf, daß er sei­ne Ent­wick­lung zum Über­men­schen be­sor­gen wird. Al­lein ich glau­be nicht an ei­nen sol­chen in­ne­ren Trieb und sehe kei­nen Weg, die­se wohl­tu­en­de Il­lu­si­on zu scho­nen.“ (Jen­seits des Lust­prin­zips, a.a.O., S. 251) 
  60. Die The­se vom kon­ser­va­ti­ven Cha­rak­ter der Trie­be wur­de von Freud auf­ge­stellt in Jen­seits des Lust­prin­zips, Teil V. „Der kon­ser­va­ti­ven Na­tur der Trie­be wi­der­sprä­che es, wenn das Ziel des Le­bens ein noch nie zu­vor er­reich­ter Zu­stand wäre.“ (Jen­seits des Lust­prin­zips, a.a.O., S. 248)
  61. Freud: „Ein all­ge­mei­ner Trieb zur Hö­her­ent­wick­lung in der Tier- und Pflan­zen­welt läßt sich ge­wiß nicht fest­stel­len, wenn auch eine sol­che Ent­wick­lungs­rich­tung tat­säch­lich un­be­strit­ten bleibt. Aber ei­ner­seits ist es viel­fach nur Sa­che un­se­rer Ein­schät­zung, wenn wir eine Ent­wick­lungs­stu­fe für hö­her als eine an­de­re er­klä­ren, und an­de­rer­seits zeigt uns die Wis­sen­schaft des Le­ben­den, daß Hö­her­ent­wick­lung in ei­nem Punk­te sehr häu­fig durch Rück­bil­dung in ei­nem an­de­ren er­kauft oder wett­ge­macht wird. Auch gibt es Tier­for­men ge­nug, de­ren Ju­gend­zu­stän­de uns er­ken­nen las­sen, daß ihre Ent­wick­lung viel­mehr ei­nen rück­schrei­ten­den Cha­rak­ter ge­nom­men hat. Hö­her­ent­wick­lung wie Rück­bil­dung kön­nen bei­de Fol­gen der zur An­pas­sung drän­gen­den äu­ße­ren Kräf­te sein, und die Rol­le der Trie­be könn­te sich für bei­de Fäl­le dar­auf be­schrän­ken, die auf­ge­zwun­ge­ne Ver­än­de­rung als in­ne­re Lust­quel­le fest­zu­hal­ten.“ (Jen­seits des Lust­prin­zips, a.a.O., S. 250 f.)
  62. Die Äu­ße­run­gen des Eros wa­ren auf­fäl­lig und ge­räusch­voll ge­nug; man konn­te an­neh­men, dass der To­des­trieb stumm im In­ne­ren des Le­be­we­sens an des­sen Auf­lö­sung ar­bei­te, aber das war na­tür­lich kein Nach­weis.“ S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd.9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 246.
  63. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 122, 137
  64. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 101.
  65. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht, Schrif­ten II, S. 82.
  66. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 104.
  67. Vgl. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht, Schrif­ten II, S. 81.
  68. Vgl. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht, Schrif­ten II, S. 82.
  69. Vgl. Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 55.
  70. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 293.
  71. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 515.
  72. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 133 f., 249–253.
  73. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 133 f.
  74. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 145.
  75. Bice Ben­ven­uto, Ro­ger Ken­ne­dy: The works of Jac­ques La­can. An in­tro­duc­tion. Free As­so­cia­ti­on Books, Lon­don 1986, S. 100, mei­ne Über­set­zung.
  76. Ab­bil­dung aus Benvenuto/Kennedy, a.a.O., S. 100.
  77. Ma­rie-Hé­lè­ne Brous­se: Lan­guage, speech, and dis­cour­se. In: Ri­chard Feld­stein, Bruce Fink, Mai­re Jaa­nus (Hg.): Rea­ding se­mi­nars I and II. Lacan’s re­turn to Freud. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 1996, S. 123–129, hier: S. 128.
  78. Vgl. Mikkel Borch-Ja­cob­sen: La­can. Le maît­re ab­so­lu. Flamma­ri­on, Pa­ris 1995, S. 166.– Lea­der, The sche­ma L, a.a.O.,S. 183.
  79. Freuds Zeich­nung aus Das Ich und das Es, SA 3, S. 293.
  80. Na­ta­lie Dela­fond: Sché­ma L. In: Ro­land Che­ma­ma, Ber­nard Van­derm­ersch (Hg.): Dic­tionn­aire de la psy­chana­ly­se. Larous­se, Pa­ris 2009, S. 512, mei­ne Über­set­zung.
  81. Dela­fond, a.a.O., S. 513.
  82. Mai­re Jaa­nus: „A ci­vi­li­za­ti­on of hat­red“: the other in the ima­gi­na­ry. In: Ri­chard Feld­stein, Bruce Fink, Mai­re Jaa­nus (Hg.): Rea­ding se­mi­nars I and II. Lacan’s re­turn to Freud. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 1996, , S. 351, mei­ne Über­set­zung.
  83. Jaa­nus, a.a.O., S. 351, mei­ne Über­set­zung.
  84. Lea­der, a.a.O., S. 180, mei­ne Über­set­zung.
  85. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 235.
  86. Lea­der, a.a.O., S. 180, mei­ne Über­set­zung.
  87. J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, Schrif­ten II, S. 197.
  88. Jac­ques-Alain Mil­ler: An in­tro­duc­tion to se­mi­nars I and II. Lacan’s ori­en­ta­ti­on pri­or to 1953 (III). In: Ri­chard Feld­stein, Bruce Fink, Mai­re Jaa­nus (Hg.): Rea­ding se­mi­nars I and II. Lacan’s re­turn to Freud. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 1996, S. 26–35, hier: S. 29, mei­ne Über­set­zung.
  89. Mil­ler, An in­tro­duc­tion, a.a.O., S. 33, mei­ne Über­set­zung.
  90. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 80.
  91. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 225.
  92. J.-A. Mil­ler: A dis­cus­sion of Lacan’s „Kant with Sade“. In: Ri­chard Feld­stein, Bruce Fink, Mai­re Jaa­nus (Hg.): Rea­ding se­mi­nars I and II. Lacan’s re­turn to Freud. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 1996, S. 212–237, hier: S. 235, mei­ne Über­set­zung.
  93. Vgl. Mil­ler, An in­tro­duc­tion, a.a.O., S. 31.
  94. In­struk­tiv zum Ver­hält­nis zwi­schen Sche­ma L und Über­tra­gung ist Lea­der, The sche­ma L, a.a.O., S. 184–186.
  95. Ger­da Pa­gel: La­can zur Ein­füh­rung. Ju­ni­us, Ham­burg 1989, S. 55.
  96. Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht, Schrif­ten II, S. 82.
  97. Pa­gel, a.a.O., S. 55.
  98. Das Se­mi­nar über E. A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 55.
  99. Vgl. Pe­ter Wid­mer: Sub­ver­si­on des Be­geh­rens. Eine Ein­füh­rung in Jac­ques La­cans Werk. Tu­ria + Kant, Wien 2012 (zu­erst 1990), S. 66.
  100. Vgl. Wid­mer, a.a.O., S. 67.

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