Phallisches Genießen (I): Seminar 17

Chabrol, Une partie de plaisir, 1974 (zu Jacques Lacan, phallisches Genießen)Paul Gég­auff als Phil­ip­pe und Da­niè­le Gég­auf als Es­ther  in: Une par­tie de plai­sir (dt.: Ein lus­ti­ges Le­ben), Re­gie: Clau­de Chab­rol, Ita­li­en, Frank­reich 1974, im Ori­gi­nal far­big

Was ver­steht Jac­ques La­can un­ter jouis­sance phal­li­que, un­ter „phal­li­schem Ge­nie­ßen“ oder „phal­li­scher Lust“

Der Ter­mi­nus wird da­durch zu ei­nem Pro­blem, dass La­can den Phal­lus vom Pe­nis un­ter­schei­det. Der Pe­nis ist ein Kör­per­or­gan, der Phal­lus hin­ge­gen ist ein Si­gni­fi­kant. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist also nicht schlicht und ein­fach die mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Lust. Auf ir­gend­ei­ne Wei­se ver­bin­det sich beim „phal­li­schen Ge­nie­ßen“ die Lust mit dem Si­gni­fi­kan­ten, mit der Spra­che. Aber wie?

Der Aus­druck jouis­sance phal­li­que wird von La­can erst­mals in Se­mi­nar 17 ver­wen­det (Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, 1969/70), da­nach zwei­mal in Se­mi­nar 19 und schließ­lich wird er in den Se­mi­na­ren 20 bis 22 aus­führ­lich ent­wi­ckelt. Im Fol­gen­den er­läu­te­re ich den Be­griff, wie er in Se­mi­nar 17 er­scheint. Er wird hier nicht de­fi­niert, son­dern, eher un­auf­fäl­lig, ad hoc ver­wen­det. Man fin­det ihn hier zwei­mal, ein­mal in der Va­ri­an­te jouis­sance phal­li­que, das an­de­re Mal in Form von jouis­sance (…) du phal­lus, „Ge­nie­ßen (…) des Phal­lus“.

Seminar 17, „Die Kehrseite der Psychoanalyse“

Phallisches Genießen als untersagte und deshalb ausgeschlossene Penislust, die durch Mehrlust ersetzt wird

In die­sem Satz wird der Aus­druck „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ von La­can zum ers­ten Mal ver­wen­det:

Und eben dar­um ist das, was in der ana­ly­ti­schen Un­ter­su­chung in­ter­es­siert, wie et­was, des­sen Ur­sprung wir als von ei­ner ganz an­de­ren Quel­le als vom phal­li­schen Ge­nie­ßen kom­mend de­fi­niert ha­ben, näm­lich der­je­ni­gen, die von der Funk­ti­on der Mehr­lust (plus-de-jouir), wenn man so sa­gen kann, ein­ge­käs­telt ist, wie sie, die­se Funk­ti­on der Mehr­lust, als Er­satz für die Un­ter­sa­gung (in­ter­dit) des phal­li­schen Ge­nie­ßens bei­ge­steu­ert wird.“1

Die For­mu­lie­rung ist ver­wi­ckelt. Zieht man den Kon­text her­an, lässt sich die Ver­schlin­gung auf­lö­sen. Ich re­fe­rie­re im Fol­gen­den, ei­ni­ger­ma­ßen wört­lich, den Ar­gu­men­ta­ti­ons­gang, an den die­ser Satz an­schließt; mei­ne Er­läu­te­run­gen ste­hen in Klam­mern.2

Für die Freud­sche Theo­rie, so be­haup­tet La­can, ist die Auf­fas­sung zen­tral, dass es nur ein Glück gibt: das des Phal­lus (un­ter „Glück“ ver­steht La­can hier die voll­kom­me­ne Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses3). Freud schreibt das auf alle mög­li­chen Wei­sen, so­gar in der nai­ven Form, dass er be­haup­tet, es gebe kein voll­kom­me­ne­res Ge­nie­ßen, kei­ne grö­ße­re Lust als den männ­li­chen Or­gas­mus.4 Al­ler­dings be­tont die Freud­sche Theo­rie, sagt La­can, dass nur der Phal­lus glück­lich ist, nicht aber der Trä­ger des­sel­ben. Dies gilt auch dann, wenn er den Phal­lus (hier im Sin­ne des eri­gier­ten Pe­nis) in den Schoß ei­ner Part­ne­rin trägt.

Von die­ser Part­ne­rin wird an­ge­nom­men, dass sie dar­über ver­zwei­felt ist, selbst kei­nen Phal­lus zu be­sit­zen (da­mit wird der Pe­nis zum Phal­lus: zu et­was, was von der Op­po­si­ti­on Haben/Nichthaben her auf­ge­fasst wird). La­can stimmt zu: ge­nau das lehrt, so sagt er, die psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­fah­rung. Durch die Ge­gen­wart des Phal­lus (des Pe­nis) im Ge­schlechts­akt wird die Frau mit der Wun­de ih­rer Pri­va­ti­on kon­fron­tiert, also mit der Krän­kung, den Phal­lus nicht zu ha­ben. Die Lie­bes­be­mü­hun­gen ih­res Part­ners, die se­xu­el­len Be­frie­di­gun­gen, die er ihr ver­schafft, kön­nen hier­für kei­ne Ent­schä­di­gung bie­ten, da durch die An­we­sen­heit des Phal­lus (des Pe­nis) die­se Wun­de (also der Phal­lus) im­mer aufs Neue ak­ti­viert wird. Ge­nau das hat Freud aus dem Dis­kurs der Hys­te­ri­ke­rin her­aus­ge­zo­gen, und von da­her sym­bo­li­siert die Hys­te­ri­ke­rin das pri­mä­re Un­be­frie­digt­sein.

An die­ser Stel­le be­zieht La­can sich auf sei­ne frü­her ver­öf­fent­lich­te Er­läu­te­rung ei­nes Traums aus Freuds Traum­deu­tung, des Traums vom ge­räu­cher­ten Lachs bzw. vom ver­hin­der­ten Sou­per. Der Mann der Pa­ti­en­tin, die den Traum er­zählt, ist „Groß­fleisch­hau­er“, wie Freud sagt, also Fleisch­wa­ren­un­ter­neh­mer; La­can spricht des­halb vom Traum der schö­nen Flei­schers­frau.5 Ihr Mann will sie im Über­maß aus­fül­len (mit sei­nem Pe­nis, er legt Wert dar­auf, ihre se­xu­el­len Be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen). Das wür­de für sie je­doch nichts in Ord­nung brin­gen und das muss sie ihm zei­gen (sie muss ihm zei­gen, dass sie ein Be­geh­ren hat, das sich nicht auf ein Be­dürf­nis re­du­zie­ren lässt). Ihr Traum zeigt je­doch, dass sie Mehr­lust ge­win­nen könn­te, und zwar da­durch, dass sie „das We­sent­li­che ih­res Man­nes“ (sei­nen Pe­nis) ei­ner an­de­ren über­lie­ße, ih­rer Freun­din (mit de­ren un­be­frie­dig­tem Be­geh­ren sie sich iden­ti­fi­ziert); das sieht sie je­doch nicht im Traum.

Es gibt je­doch eine, für die die­se Mög­lich­keit sicht­bar ist: Dora, die Pa­ti­en­tin in Freuds Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905). Das Ob­jekt von Do­ras Be­geh­rens ist Frau K., und sie be­tet Frau K. an, in Ge­stalt ei­ner Kon­tem­pla­ti­on vor Raf­fa­els Six­ti­ni­scher Ma­don­na.6 Mit die­ser An­be­tung ver­stopft sie ihre re­ven­di­ca­ti­on pé­ni­ne, ih­ren Pe­nis­neid, ihre For­de­rung nach ei­nem Pe­nis. (Für Dora ver­kör­pert Frau K. das Ide­al, ganz zu sein, das ei­ge­ne Be­geh­ren zu be­herr­schen, also letzt­lich kei­nes zu ha­ben.) An­ders als die Flei­schers­frau über­lässt Dora das Ob­jekt (den Pe­nis des Va­ters) ei­ner an­de­ren (näm­lich Frau K.), und da­mit ist sie glück­lich.

So­weit das Re­fe­rat. Mich in­ter­es­siert hier die Fra­ge, was La­can un­ter dem „phal­li­schen Ge­nie­ßen“ ver­steht. Das wich­tigs­te Zwi­schen­er­geb­nis zu die­ser Fra­ge lau­tet: Wenn La­can in der dem Zi­tat vor­an­ge­hen­den Pas­sa­ge vom „Phal­lus“ spricht, meint er bis­wei­len ein­fach den Pe­nis, nicht den ima­gi­nä­ren oder den sym­bo­li­schen Phal­lus (das ist auf­fäl­lig, da er im­mer wie­der for­dert, nur ja nicht den Pe­nis und den Phal­lus zu ver­wech­seln).

Da­nach heißt es:

Das sind Hin­wei­se, es gibt noch an­de­re Lö­sun­gen. Wenn ich auf die­se Lö­sung ver­wei­se, dann des­halb, weil sie die skan­da­lö­ses­te ist. Es gibt noch an­de­re Raf­fi­nes­sen in der Art und Wei­se, für die­ses Ge­nie­ßen ei­nen Er­satz zu bil­den, des­sen Ap­pa­rat, der der des So­zia­len ist, für die­ses Ge­nie­ßen, des­sen Ap­pa­rat, der im Ödi­pus­kom­plex mün­det, eben dies be­wirkt, das ein­zi­ge Ge­nie­ßen zu sein, das Glück spen­den wür­de; ge­nau des­we­gen ist die­ses Ge­nie­ßen aus­ge­schlos­sen. Das ist die ei­gent­li­che Be­deu­tung des Ödi­pus­kom­ple­xes.“7

Die Metz­gers­frau und Dora wei­sen bei­de ein be­stimm­tes Ge­nie­ßen ab: die­je­ni­ge Lust, die bei ih­nen dann ent­stün­de, wenn sie Se­xu­al­ver­kehr hät­ten, eine Ko­pu­la­ti­on von der Art, dass hier­bei der Pe­nis in die Va­gi­na ein­ge­führt wird. Es geht um eine Sym­pto­ma­tik, die um­gangs­sprach­lich als „Fri­gi­di­tät“ be­zeich­net wird (oder wur­de, die Käl­te-Me­ta­pher ist er­freu­li­cher­wei­se ver­al­tet).

Für die­ses durch den Pe­nis her­vor­ge­ru­fe­ne Ge­nie­ßen, für die­se Lust, fin­det Dora ei­nen Er­satz, er be­steht dar­in, dass sie den Pe­nis ih­res Va­ters ei­ner an­de­ren über­lässt, der von ihr ver­ehr­ten Frau K.; es gibt wei­te­re Lö­sun­gen, über die La­can an die­ser Stel­le je­doch nichts sagt. (Auch durch die­se Ope­ra­ti­on – ei­ner an­de­ren das Or­gan zu über­las­sen – wird der Pe­nis zum Phal­lus.)

Es geht also um den Aus­schluss ei­nes Ge­nie­ßens, um den Aus­schluss der bei der Frau im Ge­schlechts­ver­kehr durch den Pe­nis her­vor­ge­ru­fe­ne Lust, und es geht dar­um, dass ein Er­satz für die­se Lust ge­bil­det wird: die Mehr­lust.

Das aus­ge­schlos­se­ne, auf den Pe­nis be­zo­ge­ne Ge­nie­ßen hat ei­nen Ap­pa­rat, die­ser Ap­pa­rat ist der des So­zia­len und er mün­det im Ödi­pus­kom­plex. Ich neh­me an, dass Fol­gen­des ge­meint ist: Die Ur­sa­che da­für, dass die pe­nis-in­du­zier­te Lust aus­ge­schlos­sen und ein Er­satz für sie ge­bil­det wird, ist der Ödi­pus­kom­plex. Der Ödi­pus­kom­plex führt dazu, dass die phal­li­sche Pha­se be­en­det wird und die La­tenz­zeit be­ginnt; die phal­li­sche Lust wird un­ter­sagt. Da­mit wird der Ap­pa­rat des So­zia­len ins Spiel ge­bracht: da­durch, dass die se­xu­el­le Bin­dung an die El­tern auf­ge­löst wird, wird Ge­sell­schaft er­mög­licht, in dem Sin­ne, dass die Bin­dung an an­de­re Ob­jek­te als El­tern und Ge­schwis­ter mög­lich wird. Im Fal­le des Mäd­chens dreht sich, Freud zu­fol­ge, der Ödi­pus­kom­plex um die se­xu­el­le Bin­dung an den Va­ter, um den Wunsch, von ihm als Er­satz für den ihr selbst feh­len­den Pe­nis sei­nen Pe­nis zu be­kom­men und, als Pe­nis-Me­ta­pher, ein Kind.

Die durch den Pe­nis her­vor­ge­ru­fe­ne Lust im Se­xu­al­akt wäre eine Lust, die das Glück brin­gen wür­de, an­ders ge­sagt: die das Be­dürf­nis be­frie­di­gen und das Be­geh­ren be­sei­ti­gen wür­de. Aber ge­nau des­halb ist die­se Lust aus­ge­schlos­sen. Das ist die ei­gent­li­che Be­deu­tung des Ödi­pus­kom­ple­xes: die Un­ter­sa­gung (in­ter­dit) des auf den Pe­nis be­zo­ge­nen Ge­nie­ßens und da­mit die Um­wand­lung ei­nes Be­dürf­nis­ses in ein Be­geh­ren.

Hier­an schließt der ein­gangs be­reits zi­tier­te Satz an:

Und eben dar­um ist das, was in der ana­ly­ti­schen Un­ter­su­chung in­ter­es­siert, wie et­was, des­sen Ur­sprung wir als von ei­ner ganz an­de­ren Quel­le als vom phal­li­schen Ge­nie­ßen kom­mend de­fi­niert ha­ben, näm­lich der­je­ni­gen, die von der Funk­ti­on der Mehr­lust (plus-de-jouir), wenn man so sa­gen kann, ein­ge­käs­telt ist, wie sie, die­se Funk­ti­on der Mehr­lust, als Er­satz für die Un­ter­sa­gung (in­ter­dit) des phal­li­schen Ge­nie­ßens bei­ge­steu­ert wird.“

La­can un­ter­schei­det hier zwei Ar­ten der jouis­sance, des Ge­nie­ßens, der Lust: phal­li­sches Ge­nie­ßen (jouis­sance phal­li­que) und Mehr­lust (plus-de-jouir). Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist das Pe­nis-Ge­nie­ßen. Das Pe­nis-Ge­nie­ßen wird un­ter­sagt (in­ter­dit), an­ders for­mu­liert: es gibt ein Mas­tur­ba­ti­ons­ver­bot. In­ter­dit kommt vom la­tei­ni­schen Verb in­ter­dire, wört­lich „zwi­schen-sa­gen“. Mit in­ter­dire meint La­can nicht nur „ver­bie­ten“, son­dern auch „zwi­schen den Zei­len sa­gen“,  l’nterdit ist das, was nur zwi­schen den Zei­len ge­sagt wer­den kann, das Ver­dräng­te.8 Durch die­se Un­ter­sa­gung wird das Pe­nis-Ge­nie­ßen mit der Spra­che ver­bun­den und da­mit, so neh­me ich an, zum phal­li­schen Genießen.Vielleicht kann man es so zu­spit­zen: Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist das Pe­nis-Ge­nie­ßen, in­so­fern es un­ter ei­nem Ver­bot steht und da­durch ra­di­kal trans­for­miert ist.

Die Mehr­lust hat eine an­de­re Quel­le. Sie be­ruht letzt­lich auf den prä­ge­ni­ta­len Trieb­re­gun­gen. Da­durch, dass die­se Trieb­re­gun­gen un­ter­drückt wer­den, ent­steht die Mehr­lust (die ein Ge­nuss­ver­lust ist). Der Wirk­sam­keit die­ser un­ter­drück­ten Trieb­re­gun­gen bei der Sym­ptom­bil­dung gilt das be­son­de­re In­ter­es­se der Psy­cho­ana­ly­se. Das Sym­ptom ist mit ei­ner „Er­satz­be­frie­di­gung“ ver­bun­den, wie Freud sagt, die­se Er­satz­be­frie­di­gung ist ein Ver­such, den Ge­nuss­ver­lust – die Mehr­lust – zu kom­pen­sie­ren. Zwi­schen die­sen bei­den Ar­ten des Ge­nie­ßens gibt es also eine Er­satz­be­zie­hung (eine Me­ta­pher, wie La­can sol­che Er­satz­bil­dun­gen häu­fig nennt): die Mehr­lust dient als Er­satz für das un­ter­sag­te phal­li­sche Ge­nie­ßen.

Vom re­fe­rier­ten Kon­text her hat „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ an in die­ser Pas­sa­ge eine dop­pel­te Be­deu­tung. Der Aus­druck be­zieht sich ei­ner­seits auf den Ödi­pus­kom­plex. Hier ist das phal­li­sche Ge­nie­ßen die im Pe­nis ver­an­ker­te Lust des Jun­gen. Ob auch die mit der Kli­to­ris ver­bun­de­ne Lust des Mäd­chens ge­meint ist, wird hier nicht ge­sagt. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist aber auch die Lust, die das Mäd­chen da­durch er­war­tet, dass es den Pe­nis des Va­ters er­hält. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen die­ser Pha­se in­ter­es­siert psy­cho­ana­ly­tisch in­so­fern, als es durch den Ödi­pus­kom­plex zu ei­ner un­ter­sag­ten Lust wird, zu ei­ner Form des Ge­nie­ßen, über die ein Ver­bot ver­hängt wor­den ist.

Im re­fe­rier­ten Kon­text meint „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ au­ßer­dem: die Lust auf der Sei­te der Frau, her­vor­ge­ru­fen durch die Ein­füh­rung des Pe­nis beim Ge­schlechts­ver­kehr. Die­se Lust ist für die Psy­cho­ana­ly­se in­so­fern von Be­lang, als sie aus­ge­schlos­sen ist.

Phal­li­sches Ge­nie­ßen“ meint an die­ser Stel­le also ins­ge­samt: die auf den Pe­nis be­zo­ge­ne Lust, in­so­fern sie im Ödi­pus­kom­plex un­ter­sagt wird, in­so­fern sie für die er­wach­se­ne Frau aus­ge­schlos­sen ist und in­so­fern für sie auf den We­gen der Mehr­lust ein Er­satz ge­sucht wird.

Phallisches Genießen als Penislust, insofern sie den Herrn nicht dominiert

Auch in der zwei­ten Pas­sa­ge geht es um den Fall Dora. Ich re­fe­rie­re zu­nächst den Ar­gu­men­ta­ti­ons­zu­sam­men­hang, in den sie ein­ge­bet­tet ist, wie­der ziem­lich wört­lich; in Mil­lers Aus­ga­be sind das etwa an­dert­halb Sei­ten. Auch hier set­ze ich mei­ne Ver­deut­li­chun­gen in Klam­mern.9

La­can fragt: Wel­che Rol­le spielt Herr K. für Dora, war­um kommt er ihr ge­le­gen? Sei­ne Ant­wort lau­tet: Das, was Dora an Herrn K. zu­pass kommt, ist „die Vor­stel­lung, dass er das Or­gan hat“10 (also die Vor­stel­lung, dass er ei­nen Pe­nis hat, der Pe­nis fun­giert auf der Ebe­ne der Vor­stel­lung und wird mit dem Sche­ma haben/nichthaben er­fasst, da­mit wird er zum Phal­lus). Freud weist ge­nau dar­auf hin: Es gab eine ers­te „Ver­ha­kung“ von Dora mit Herrn K., als sie 14 war; er hat­te sie um­armt und ge­küsst. (Freud ver­mu­tet, dass sie da­bei das An­drän­gen des eri­gier­ten Glie­des ge­gen ih­ren Leib ver­spürt hat­te.11 )

Die­ses „Or­gan“12 (also der Pe­nis von Herrn K.) ist für Dora ent­schei­dend, es hat für sie aber nicht die Funk­ti­on, dass sie da­mit ihr Glück macht (in­dem sie da­mit ihr ge­ni­ta­les Be­dürf­nis be­frie­digt). Das Or­gan dient ihr dazu, dass eine an­de­re sie des­sen be­raubt (für Dora kommt es dar­auf an, dass das Or­gan von Herrn K. dazu dient, des­sen Ehe­frau, Frau K., se­xu­ell zu be­frie­di­gen und dass sie auf die­se Wei­se selbst die­ses Or­gans be­raubt wird). Das, was Dora in­ter­es­siert, ist nicht der „Schmuck“ (nicht das männ­li­che Or­gan), nicht das Klein­od, auch dann nicht, wenn es in­dis­kret ist (wie es im Ti­tel von Di­de­rots Ro­man heißt13 ). Dies zeigt ihr Traum über das Schmuck­käst­chen: das, des­sen sie ge­nießt, das, was ihr Lust ver­schafft, ist nicht der Schmuck, son­dern ein­zig das Schmuck­käst­chen (ihr ei­ge­nes Or­gan).14 Sie kann die­ses Schmuck­käst­chen sehr gut durch sich selbst ge­nie­ßen; dies wird da­durch be­zeugt, dass in der Kind­heit die Mas­tur­ba­ti­on für sie eine ent­schei­den­de Rol­le spiel­te.

Wel­cher Art war die­se Mas­tur­ba­ti­on, fragt La­can. Freuds Fall­stu­die deu­tet an, dass sie wahr­schein­lich in ei­ner Be­zie­hung zum flie­ßen­den, strö­men­den Rhyth­mus stand, des­sen Mo­dell die En­u­re­sis ist, das Ein­näs­sen oder Bett­näs­sen. Von Do­ras En­u­re­sis be­rich­tet Freud in sei­ner Un­ter­su­chung. Die En­u­re­sis, sagt La­can, ist cha­rak­te­ris­tisch; sie ist ge­wis­ser­ma­ßen das Stig­ma der vom Kind vor­ge­nom­me­nen ima­gi­nä­ren Er­set­zung des Va­ters, und zwar ge­nau in­so­fern, als er im­po­tent ist.

Hier­an schließt sich, fährt La­can fort, die „theo­re­ti­sche Kon­tem­pla­ti­on“ in be­zug auf Frau K. an (die pla­to­ni­sche Lie­be zu Frau K.)M sie ent­fal­tet sich, als Dora in Dres­den end­los Raf­fa­els Six­ti­ni­sche Ma­don­na be­trach­tet. Frau K. (mit der ihr im­po­ten­ter Va­ter ein se­xu­el­les Ver­hält­nis hat) ist für Dora die­je­ni­ge, die weiß, wie man das Be­geh­ren des idea­li­sier­ten Va­ters stützt, aber auch, wie man „sei­nen Bür­gen in sich ent­hält“ (wie man den Pe­nis des Va­ters in sich auf­nimmt, näm­lich durch Oral­ver­kehr, wie Dora ver­mu­tet). Da­mit be­raubt Frau K. aber Dora die­ses Bür­gen (Frau K. nimmt Dora den Pe­nis ih­res Va­ters). Auf die­se Wei­se ist Dora dop­pelt da­von aus­ge­schlos­sen, ihn zu er­fas­sen. (In­wie­fern dop­pelt? Viel­leicht im Sin­ne von, ers­tens: Dora hat nicht den Pe­nis ih­res Va­ters, zwei­tens: es gibt eine an­de­re, die ihn in sich hat.) Die­ser Kom­plex (die Idea­li­sie­rung von Frau K.) ist das Kenn­zei­chen von Do­ras Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem Ge­nie­ßen, in­so­fern die­ses das Ge­nie­ßen des Herrn ist. (Der Ge­ni­tiv ist mehr­deu­tig: Iden­ti­fi­ziert Dora sich mit dem Ge­nie­ßen auf der Sei­te des Herrn, also des Va­ters, in­so­fern es aus­fällt, oder iden­ti­fi­ziert sie sich mit dem Ge­nie­ßen von Frau K. in­so­fern Frau K. durch die se­xu­el­le Be­zie­hung zu Do­ras Va­ter Lust er­fährt? Die Gleich­set­zung von En­u­re­sis und Im­po­tenz spricht für die ers­te Be­deu­tung.)

Hier­auf folgt ein Ein­schub. Es ist nicht ohne Be­deu­tung, sagt La­can, dass die En­u­re­sis mit dem Ehr­geiz zu­sam­men­ge­bracht wor­den ist. Ende des Ein­schubs.

Herr K. macht Dora ein Ge­schenk. Die Be­din­gung für Ge­schen­ke von Herrn K. ist die, dass es sich da­bei um Käst­chen han­delt.15 Er gibt ihr ein Schmuck­käst­chen, nichts au­ßer­dem, denn der Schmuck, das ist sie selbst (sie iden­ti­fi­ziert sich mit dem Phal­lus, der hier von La­can nicht als Or­gan, son­dern als Si­gnif­kant ins Spiel ge­bracht wird).

Sei­nen ei­ge­nen auf­dring­li­chen Schmuck (den Phal­lus als Or­gan) soll Herr K. an­ders­wo ein­nis­ten. Des­halb bricht Dora mit Herrn K., als er ihr sagt, „ich habe nichts an mei­ner Frau.“16 (Im Klar­text: „Ich habe mit mei­ner Frau kei­nen Sex.“)

Hier­auf folgt die Pas­sa­ge, in der La­can vom Ge­nie­ßen des Phal­lus spricht.

Es stimmt, dass ihr in die­sem Au­gen­blick das Ge­nie­ßen des An­de­ren an­ge­bo­ten wird, und sie will es nicht. Denn was sie will, ist das Wis­sen als Mit­tel des Ge­nie­ßens, je­doch um es der Wahr­heit die­nen zu las­sen, der Wahr­heit des Herrn, die von ihr ver­kör­pert wird. Sie als Dora ver­kör­pert die­se Wahr­heit. Und die­se Wahr­heit, um sie end­lich zu nen­nen, ist, dass der Herr kas­triert ist.

In der Tat, wenn das Ge­nie­ßen, das als ein­zi­ges das Glück re­prä­sen­tie­ren kann, je­nes Ge­nie­ßen, das ich letz­tes Mal als voll­kom­men ge­schlos­sen de­fi­niert habe, das des Phal­lus, ihn, die­sen Herrn, be­herrsch­te – Sie se­hen den Aus­druck, den ich ver­wen­de, er kann eben nur da­durch herr­schen, dass er es aus­schließt17 –, wie könn­te der Herr dann die­ses Ver­hält­nis zu dem Wis­sen her­stel­len, über das der Knecht ver­fügt, die­se Be­zie­hung zum Wis­sen, des­sen Ge­winn die Ab­zwin­gung der Mehr­lust ist?“18

In der Sze­ne am See wird Dora das „Ge­nie­ßen des An­de­ren“ an­ge­bo­ten: Lust durch Ge­schlechts­ver­kehr mit Herrn K. Hier be­deu­tet der Aus­druck: „Lust durch Ge­schlechts­ver­kehr mit ei­nem Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts“. Der Ge­ni­tiv lässt sich in bei­den Rich­tun­gen deu­ten: ihr wird an­ge­bo­ten, den An­de­ren zu ge­nie­ßen, Herrn K. (Ge­ni­ti­vus ob­jec­tivus); ihr wird das Ge­nie­ßen auf der Sei­te des An­de­ren an­ge­bo­ten (Ge­ni­ti­vus sub­jec­tivus).19

Sie ist an dem auf die­se Wei­se zu ge­win­nen­den Ge­nie­ßen je­doch nicht in­ter­es­siert – sie will nicht die Lust, die bei ihr da­durch ent­ste­hen könn­te, dass sie mit die­sem Mann Sex hat.

Sie will et­was an­de­res: sie will das Wis­sen als Mit­tel des Ge­nie­ßens. La­can be­zieht sich hier auf die For­mel des Her­ren­dis­kur­ses: \frac {\text S_1}{\text {\$}} \:^\rightarrow \, \frac {\text S_2}{a}. Sie will et­was: dies wird re­prä­sen­tiert durch S1 am Platz oben links. Sie will das Wis­sen (S2 oben rechts) – das Un­be­wuss­te – als Mit­tel, um die Mehr­lust (a un­ten rechts) zu er­zeu­gen. In Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: Dora will, dass das Un­be­wuss­te die Funk­ti­on hat, die mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Er­satz­be­frie­di­gung zu er­mög­li­chen.

Die Syp­tom­bil­dung soll der Wahr­heit die­nen, der Wahr­heit des Herrn, des Va­ters in der Po­si­ti­on des Herrn. La­can stützt sich hier auf den Un­ter­schied von „Wis­sen“ und „Wahr­heit“, den er in Se­mi­nar 12 aus­ge­ar­bei­tet hat­te. Das Wis­sen ist ein Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat, das Un­be­wuss­te (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Die Wahr­heit ist die Of­fen­ba­rung, dass die­sem Wis­sen et­was fehlt: ein Si­gni­fi­kant der Ge­schlechts­dif­fe­renz; die­se Wahr­heit ist die Kas­tra­ti­on.20  Die Wahr­heit des Herrn be­steht dar­in, dass er kas­triert ist, dass der Va­ter im­po­tent ist. Dora ver­kör­pert die­se Wahr­heit, sie iden­ti­fi­ziert sich mit dem Va­ter, in­so­fern er im­po­tent ist. Das be­zieht sich auf die lin­ke Sei­te der For­mel des Her­ren­dis­kur­ses. Am Platz der Wahr­heit (auf dem Platz un­ten links) fin­det man hier das ge­spal­te­ne Sub­jekt ($). Da­mit ist in die­sem Fall das kas­trier­te Sub­jekt ge­meint, der Va­ter, mit dem Dora sich in­so­fern iden­ti­fi­ziert, als er im­po­tent ist.

Das ein­zi­ge Ge­nie­ßen, das an­geb­lich das Glück re­prä­sen­tiert, ist das Ge­nie­ßen des Phal­lus. Die­ses Ge­nie­ßen wäre ge­schlos­sen, es böte voll­kom­me­ne Be­frie­di­gung.

Das Ge­nie­ßen des Phal­lus darf den Herrn je­doch nicht be­herr­schen; der Va­ter ist im­po­tent und dies ist die Be­din­gung da­für, dass er ein Herr ist. Denn wür­de das Ge­nie­ßen des Phal­lus ihn be­herr­schen, wäre er ge­wis­ser­ma­ßen in sich ge­sät­tigt; er könn­te nicht das Ver­hält­nis zum Wis­sen des Knechts her­stel­len (bzw. zum Un­be­wuss­ten), des­sen Ge­winn die Ab­zwin­gung der Mehr­lust ist (die Er­satz­be­frie­di­gung im Sym­ptom).

La­can stellt hier eine Äqui­va­len­zen­ket­te mit drei Ele­men­ten her: Dora iden­ti­fi­ziert sich mit dem Ge­nie­ßen des Herrn / mit dem Phal­lus / mit dem Va­ter, in­so­fern er kas­triert, im­po­tent ist. Das Ge­nie­ßen des Herrn ist ein aus­ge­schlos­se­nes Ge­nie­ßen, und der sym­bo­li­sche Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant für das Ge­nie­ßen, in­so­fern es aus­ge­schlos­sen ist, in­so­fern es der Uver­drän­gung un­ter­liegt, wie es in La­cans Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus heißt (vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel), oder auch: für das Pe­nis-Ge­nie­ßen, in­so­fern es un­ter­sagt ist (Mas­tur­ba­ti­ons­ver­bot).

Was meint hier „Ge­nie­ßen des Phal­lus“?

Der Aus­druck wird syn­onym mit „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ ver­wen­det, La­can be­zieht sich aus­drück­lich auf die an­fangs zi­tie­re Pas­sa­ge, in der er von jouis­sance phal­li­que ge­spro­chen hat­te.

Das Ge­nie­ßen des Phal­lus darf den Herrn nicht be­herr­schen. Die­se Be­din­gung wird durch die die Im­po­tenz des Va­ters er­füllt. Mit „Ge­nie­ßen des Phal­lus“ ist also die mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Lust ge­meint – in­so­fern sie nicht rea­li­siert wer­den kann.

Das Ge­nie­ßen wird hier auf der Sei­te des Man­nes ver­or­tet. Das Ge­nie­ßen des Phal­lus wäre die mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Lust des Va­ters bei va­gi­na­lem Ge­schlechts­ver­kehr mit Frau K.

Auch an die­ser Stel­le be­zieht La­can sich auf das mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Ge­nie­ßen nur un­ter dem Ge­sichts­punkt der Zu­rück­wei­sung: das Ge­nie­ßen des Phal­lus, die Pe­nis­lust, darf den Herrn nicht do­mi­nie­ren, und die­se Be­din­gung wird da­durch er­füllt, dass der Va­ter im­po­tent ist.

Vom „Ge­nie­ßen des Phal­lus“, das sich auf das Or­gan be­zieht, ist der Phal­lus als Si­gnif­kant zu un­ter­schei­den. Wenn Dora sich mit dem Phal­lus iden­ti­fi­ziert, geht es um den Phal­lus nicht als Or­gan, son­dern als Si­gni­fi­kant. Die­ser Si­gni­fi­kant ist der Si­gni­fi­kant für das un­ter­sag­te Ge­nie­ßen, im Kon­text: für die Pe­nis­lust, in­so­fern sie nicht be­frie­digt wer­den kann.

Zusammenfassung

In Se­mi­nar 17 spricht La­can ein­mal von „phal­li­schem Ge­nie­ßen“21, ein­mal vom „Ge­nie­ßen (…) des Phal­lus“22. Er ver­wen­det die bei­den Aus­drü­cke syn­onym.

Mit „phal­lisch“ bzw. „Phal­lus“ meint er in bei­den Pas­sa­gen auch den Pe­nis, das männ­li­che Ge­schlechts­or­gan. Um den Pe­nis geht es in­so­fern, als er ein Ort der Lust ist und im Ge­schlechts­ver­kehr als In­stru­ment dient.

Un­ter dem „Ge­nie­ßen“ ver­steht La­can hier die mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Lust. Er be­zieht sich auf zwei For­men der Pe­nis­lust. Zum ei­nen ist mit „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ die se­xu­el­le Er­re­gung des Pe­nis in der phal­li­schen Pha­se des Kin­des ge­meint. Ob sich der Aus­druck auch auf die Kli­to­ris-Er­re­gung des Mäd­chens be­zieht, ist nicht er­kenn­bar.

Un­ter dem phal­li­schen Ge­nie­ßen ver­steht La­can in bei­den Pas­sa­gen au­ßer­dem die mit dem Pe­nis beim Ge­schlechts­ver­kehr ver­bun­de­ne Lust, ein­schließ­lich des Or­gas­mus.

In der ers­ten Pas­sa­ge wird die phal­li­sche Lust auf eine er­wach­se­ne Frau be­zo­gen, an der  zwei­ten auf ei­nen er­wach­se­nen Mann. Be­zo­gen auf die Frau meint „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ in die­sem Zu­sam­men­hang die im Ko­itus bei ihr durch den Pe­nis her­vor­ge­ru­fe­ne Lust. Be­zo­gen auf den Mann meint „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ die mit dem Pe­nis ver­bun­de­ne Lust wäh­rend des Va­gi­nal­ver­kehrs.

La­can be­zieht sich in Se­mi­nar 17 auf das phal­li­sche Ge­nie­ßen nur in­so­fern, als die­se Pe­nis­lust untersagt/verdrängt bzw. aus­ge­schlos­sen oder ein­ge­schränkt ist. Im Ödi­pus­kom­plex wird die­ses Ge­nie­ßen un­ter­sagt, was, Freud zu­fol­ge, dazu führt, dass die phal­li­sche Pha­se zu ei­nem Ab­schluss kommt und die La­tenz­zeit be­ginnt. Beim Er­wach­se­nen be­steht der Aus­schluss des phal­li­schen Ge­nie­ßens – in den bei­den in Se­mi­nar 17 er­wähn­ten Fäl­len – bei der Frau dar­in, dass sie auf Ge­schlechts­ver­kehr mit ei­nem Mann ver­zich­tet und sich durch Mas­tur­ba­ti­on be­frie­digt; beim Mann wird der Aus­schluss der Pe­nis­lust da­durch her­bei­ge­führt, dass er im­po­tent ist.

Vom phal­li­schen Ge­nie­ßen ist der Phal­lus-Si­gni­fi­kant zu un­ter­schei­den. Der Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant des Ge­nie­ßens ge­nau in­so­fern, als er sich auf das Ge­nie­ßen als et­was be­zieht, was un­ter­sagt ist, was nicht rea­li­siert wer­den kann. Dora iden­ti­fi­ziert sich mit dem Phal­lus als Si­gni­fi­kant des­sen, dass ihr Va­ter im­po­tent ist, dass der Herr kas­triert ist, dass er vom phal­li­schen Ge­nie­ßen nicht be­herrscht wird.

Der Aus­schluss des phal­li­schen Ge­nie­ßens ist je­doch nicht das, was La­can in Se­mi­nar 17 am phal­li­schen Ge­nie­ßen am meis­ten in­ter­es­siert. Im Mit­tel­punkt steht hier die The­se, dass für die ver­bo­te­ne Pe­nis­lust, für das aus­ge­schlos­se­ne phal­li­sche Ge­nie­ßen, ein Er­satz ge­bil­det wird: die Mehr­lust als Grund­la­ge der Sym­ptom­bil­dung.

In den bei­den un­ter­such­ten Pas­sa­gen be­steht das La­can­sche Feld – das Feld des Ge­nie­ßens – aus zwei Lustar­ten: aus dem phal­li­schen Ge­nie­ßen und der Mehr­lust. Das phal­li­sche Ge­nie­ßen ist un­ter­sagt, un­rea­li­sier­bar. Die Mehr­lust ist ein Er­satz für das un­ter­sag­te bzw. un­rea­li­sier­ba­re phal­li­sche Ge­nie­ßen.

Kurz:

Un­ter dem phal­li­schen Ge­nie­ßen ver­steht La­can in Se­mi­nar 17 die mit dem Pe­nis ver­bun­den Lust des Jun­gen (ob auch die mit der Kli­to­ris ver­bun­de­ne Lust des Mäd­chens, ist un­klar) so­wie die mit dem Pe­nis im Ge­schlechts­ver­kehr ver­bun­de­ne Lust bei der Frau oder beim Mann. Da­bei in­ter­es­siert er sich für die Pe­nis­lust un­ter dem Ge­sichts­punkt, dass sie im Ödi­pus­kom­plex un­ter­sagt wird und im Le­ben des Er­wach­se­nen aus­ge­schlos­sen ist bzw. den Mann in der Po­si­ti­on des Herrn nicht do­mi­niert. Durch die Sche­ma­ti­sie­rung des Pe­nis mit dem Sche­ma Haben/Nichthaben und durch das Ver­bot, das sich auf ihn be­zieht, wird er zum Phal­lus. In die­sem Sin­ne ist das Pe­nis-Ge­nie­ßen ein phal­li­sches Ge­nie­ßen. Die un­ter­sag­te, un­rea­li­ser­ba­re Pe­nis­lust ist für La­can in die­sem Se­mi­nar vor al­lem in­so­fern von Be­lang, als sie durch die mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Be­frie­di­gung er­setzt wird, durch ein De­ri­vat der Mehr­lust.

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Anmerkungen

  1. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1970, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 85.
    In der Sta­fer­la-Ver­si­on:
    „C’est bien pour­quoi ce qui in­téres­se dans l’investigation ana­ly­tique, c’est com­ment quel­que cho­se dont nous avons dé­fi­ni l’origine d’une tout aut­re source que de la jouis­sance phal­li­que, cel­le si­tuée, cel­le si l’on peut dire, qua­dril­lée, de la fonc­tion du plus-de- jouir com­me elle est ap­por­tée, cet­te fonc­tion du plus-de- jouir, en sup­pléan­ce de l’interdit de la jouis­sance phal­li­que.“
  2. Vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1970, Ver­si­on Mil­ler, S. 84 f.
  3. Dass mit „Glück“ die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung im Un­ter­schied zum Be­geh­ren ge­meint ist, zeigt die Pas­sa­ge über den Traum der schö­nen Metz­gers­frau in Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, auf die La­can sich et­was spä­ter be­zieht; in ihr geht es um die Dif­fe­renz zwi­schen dem Glück der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem Be­geh­ren.
  4. Das be­zieht sich ver­mut­lich auf die­se Pas­sa­ge aus den Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie:
    „Die Rol­le aber, die da­bei den ero­ge­nen Zo­nen zu­fällt, ist klar. Was für eine galt, gilt für alle. Sie wer­den sämt­lich dazu ver­wen­det, durch ihre ge­eig­ne­te Rei­zung ei­nen ge­wis­sen Be­trag von Lust zu lie­fern, von dem die Stei­ge­rung der Span­nung aus­geht, wel­che ih­rer­seits die nö­ti­ge mo­to­ri­sche En­er­gie auf­zu­brin­gen hat, um den Se­xu­al­akt zu Ende zu füh­ren. Das vor­letz­te Stück des­sel­ben ist wie­der­um die ge­eig­ne­te Rei­zung ei­ner ero­ge­nen Zone, der Ge­ni­tal­zo­ne selbst an der glans pe­nis, durch das dazu ge­eig­nets­te Ob­jekt, die Schleim­haut der Schei­de, und un­ter der Lust, wel­che die­se Er­re­gung ge­währt, wird dies­mal auf re­flek­to­ri­schem Wege die mo­to­ri­sche En­er­gie ge­won­nen, wel­che die Her­aus­be­för­de­rung der Ge­schlechts­stof­fe be­sorgt. Die­se letz­te Lust ist ih­rer In­ten­si­tät nach die höchs­te, in ih­rem Me­cha­nis­mus von der frü­he­ren ver­schie­den. Sie wird ganz durch Ent­las­tung her­vor­ge­ru­fen, ist ganz Be­frie­di­gungs­lust und mit ihr er­lischt zeit­wei­lig die Span­nung der Li­bi­do.“ (S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 115) 
  5. La­can be­zieht sich hier auf sei­nen Auf­satz: Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (Vor­trag von 1958, ver­öf­fent­licht 1961). In Jac­ques La­can: Schrif­ten I, S. 211–213, 216–218.
    Den Traum vom ge­räu­cher­ten Lachs und Freuds Ana­ly­se die­ses Traums fin­det man in: S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2001, Ka­pi­tel IV, „Die Traum­ent­stel­lung“, S. 162–166.
  6. La­can be­zieht sich auf die fol­gen­de Pas­sa­ge: „Der Vet­ter er­in­ner­te sie (Dora) aber an ei­nen kur­zen ers­ten Auf­ent­halt in Dres­den. Da­mals wan­der­te sie als Frem­de her­um, ver­säum­te na­tür­lich nicht, die be­rühm­te Ga­le­rie zu be­su­chen. Ein an­de­rer Vet­ter, der mit ih­nen war und Dres­den kann­te, woll­te den Füh­rer durch die Ga­le­rie ma­chen. Aber sie wies ihn ab und ging al­lein, blieb vor den Bil­dern ste­hen, die ihr ge­fie­len. Vor der Six­ti­na ver­weil­te sie zwei Stun­den lang in still träu­men­der Be­wun­de­rung. Auf die Fra­ge, was ihr an dem Bil­de so sehr ge­fal­len, wuß­te sie nichts Kla­res zu ant­wor­ten. End­lich sag­te sie: Die Ma­don­na.“ (Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se (1905). In: S. Freud: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 164, Kur­siv­set­zun­gen im Ori­gi­nal)
  7. Se­mi­nar 17, Sit­zungn vom 11. Fe­bru­ar 1970, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 85.
  8. Vgl. La­can: „Al­ler­dings hat Freud die Be­mer­kung ge­macht, daß es viel­leicht ein Sa­gen gibt, des­sen Wert dar­in be­stün­de, bis hier nur un­ter­sagt (in­ter-dit) zu sein. Das heißt un­ter ge­sagt (dit-ent­re), un­ter, zwi­schen den Zei­len. Das nann­te er das Ver­dräng­te (re­fou­lé).“ Jac­ques La­can, Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zung vom 8. April 1975; Über­set­zung von Max Klei­ner, S. 57.
  9. Vgl. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1970, Ver­si­on Mil­ler, S. 108–110.
  10. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 109.
  11. Vgl. Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se, a.a.O., S. 105 f. Freud ver­mu­tet, dass die­se Be­rüh­rung bei Dora eine Er­re­gung der Kli­to­ris her­vor­rief und dass die­se Er­fah­rung in eine Rei­he von Sym­pto­men um­ge­wan­delt wur­de: Ekel vor Spei­sen, Druck­sen­sa­tio­nen im Ober­kör­per und Ver­mei­dung von Män­nern im zärt­li­chen Ge­spräch (a.a.O., S. 106–108).
  12. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 109.
  13. De­nis Di­de­rot, Die in­dis­kre­ten Klein­ode (1748). Mit dem Ti­tel sind bei Di­de­rot weib­li­che Ge­ni­tal­or­ga­ne ge­meint, die die Fä­hig­keit ha­ben, zu spre­chen. La­can ver­steht un­ter dem in­dis­kre­ten Klein­od an die­ser Stel­le je­doch nicht das weib­li­che, son­dern das männ­li­che Ge­schlechts­or­gan, das zeigt die Wie­der­ho­lung der Di­de­rot-An­spie­lung eine Sei­te spä­ter, die sich aus­drück­lich auf den Pe­nis be­zieht; vgl. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 110.
  14. Do­ras Traum lau­tet: „In ei­nem Haus brennt es (…), der Va­ter steht vor mei­nem Bett und weckt mich auf. Ich klei­de mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuck­käst­chen ret­ten, der Papa sagt aber: Ich will nicht, daß ich und mei­ne bei­den Kin­der we­gen dei­nes Schmuck­käst­chens ver­bren­nen. Wir ei­len her­un­ter, und so­wie ich drau­ßen bin, wa­che ich auf.“ (Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se, a.a.O., S. 136.) 
  15. Vgl. Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se, a.a.O., S. 140. Man er­fährt hier, dass Dora von Herrn K. ein Schmuck­käst­chen ge­schenkt be­kom­men hat. Da­von, dass Dora die Be­din­gung ge­stellt hät­te, dass das Ge­schenk ein Käst­chen sein müs­se, ist bei Freud nicht die Rede.
  16. Bruch­stück ei­ner Hys­te­rie-Ana­ly­se, a.a.O., S. 166.
  17. Ich fol­ge beim letz­ten Satz­teil der von Mil­ler er­stell­ten Ver­si­on, wo es heißt, „le maît­re ne peut do­mi­ner qu’à l’exclure“ (S. 110); Sta­fer­la liest die Stel­le an­ders, mit ent­ge­gen­ge­setz­ten Sinn: „elle ne peut le do­mi­ner qu’à l’exclure“: es, das Ge­nie­ßen, kann ihn nur be­herr­schen, in­dem es ihn aus­schließt. Die Ton­auf­nah­me des Se­mi­nars auf der In­ter­net­sei­te von Pa­trick Valas er­mög­licht kei­ne Ent­schei­dung.
  18. Jac­ques La­can, Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1970, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la, bis auf die an­ge­merk­te Ab­wei­chung; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 110.
  19. Der Aus­druck „Ge­nie­ßen des An­de­ren“ wur­de von La­can in Se­mi­nar 10 ein­ge­führt; Vgl. Se­mi­nar 10, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 69, 75, 79, 191, 204 f., 221, 239, 336, 383.
  20. Vgl. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 19. Mai 1965.
  21. Ver­si­on Mil­ler, S. 85.
  22. Ver­si­on Mil­ler, S. 110

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