Lacans Begriffe

Das Subjekt

GMA 3997 001

René Mag­rit­te, Le Mi­ro­ir ma­gi­que, 1929, Öl auf Lein­wand, 73 x 54 cm 

Die­ser Text wie­der­holt, nur leicht ver­än­dert, eine Pas­sa­ge aus ei­nem vor­an­ge­hen­den Ar­ti­kel, Die Dis­kurs­ele­men­te S1, S2, a, $: am Bei­spiel von Freuds Ver­ges­sen des Na­mens „Si­gno­rel­li“.

Un­ter „Sub­jekt“ ver­steht La­can meist das Sub­jekt, auf das sich die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht, d..h. das Sub­jekt, das sich da­durch aus­zeich­net, dass es ein Un­be­wuss­tes hat. Der Grund­ge­dan­ke voll­zieht eine ge­gen­sätz­li­che Be­we­gung: Die Tat­sa­che, dass das Sub­jekt ein Un­be­wuss­tes hat, be­ruht auf der Ein­wir­kung der Spra­che, „des Si­gni­fi­kan­ten“, wie La­can häu­fig sagt.  Je­doch: Das Sub­jekt kann von Si­gni­fi­kan­ten nicht er­fasst wer­den.

La­can sym­bo­li­siert die­ses Sub­jekt durch den Buch­sta­ben S, der schräg durch­ge­stri­chen ist, also durch das Zei­chen $ (der Strich ist hier aus tech­ni­schen Grün­den senk­recht statt schräg). Das Sym­bol $ hat meh­re­re Be­deu­tun­gen:
– das von der Spra­che de­ter­mi­nier­te Sub­jekt,
– das aus­ge­sperr­te Sub­jekt,
– das ge­spal­te­ne Sub­jekt,
– das be­geh­ren­de Sub­jekt,
– das ver­schwin­den­de Sub­jekt.
Au­ßer­dem ver­wen­det La­can als Sym­bol für das Sub­jekt die Zahl $la­tex \sqrt {1}$
Wenn man den Zu­sam­men­hang die­ser Be­stim­mun­gen ver­folgt, er­schließt sich der Ge­dan­ke, dass das Sub­jekt von der Spra­che de­ter­mi­niert ist, dass es aber kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt.

Bei der Lek­tü­re von La­can-Tex­ten fällt auf, dass La­can mit su­jet häu­fig auch ein­fach den Pa­ti­en­ten be­zeich­net. In der fran­zö­si­schen Um­gangs­spra­che oder im Jar­gon der fran­zö­si­schen Ärz­te ist das of­fen­bar so üb­lich, zu­min­dest ge­winnt man die­sen Ein­druck, wenn man La­can liest. Im Fol­gen­den geht es nicht um die­se Ver­wen­dung des Aus­drucks, son­dern um das Sub­jekt im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se, um su­jet als theo­re­ti­schen Be­griff.

Das Subjekt

Das von der Sprache determinierte Subjekt

Die Tat­sa­che, dass es Sub­jek­te gibt, die ein Un­be­wuss­tes ha­ben, ist auf die Ein­wir­kung der Spra­che zu­rück­zu­füh­ren, auf der De­ter­mi­na­ti­on durch „den Si­gni­fi­kan­ten“. Die­se De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che – die­se „Mar­kie­rung“, wie La­can auch sagt – ist nichts Hin­zu­kom­men­des. Gäbe es nicht die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che, gäbe es auch kein Sub­jekt im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se, kein Sub­jekt mit ei­nem Un­be­wuss­ten. Die­ses Sub­jekt wird durch die Spra­che nicht ein­fach de­ter­mi­niert, es wird durch die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che über­haupt erst ge­bil­det, her­vor­ge­bracht, kon­sti­tu­iert.

Die­se The­se wird durch das Sym­bol $ ver­an­schau­licht, zu le­sen als S bar­ré, „durch­ge­stri­che­nes S“.1 Der Buch­sta­be S steht hier für su­jet, „Sub­jekt“ im Sin­ne des vor­sprach­li­chen oder au­ßer­sprach­li­chen Sub­jekts. Der Schräg­strich (der hier aus tech­ni­schen Grün­den als senk­rech­ter Strich dar­ge­stellt wird) sym­bo­li­siert den Si­gni­fi­kan­ten. Die Durch­strei­chung des S ver­an­schau­licht die Ein­wir­kung der Spra­che auf das vor­sprach­li­che Sub­jekt, die Mar­kie­rung.

Wie lässt sich zei­gen, dass das Sub­jekt, das ein Un­be­wuss­tes hat, von der Spra­che de­ter­mi­niert ist? In­dem man ver­sucht, mög­lichst vie­le Be­grif­fe und Theo­re­me der Psy­cho­ana­ly­se von die­ser The­se aus zu re­kon­stru­ie­ren und in­dem man durch die­se Um­for­mu­lie­rung neue Ein­sich­ten zu ge­winnt. Dies ist La­cans For­schungs­pro­gramm.

Das ausgesperrte Subjekt

Meist liest La­can das Sym­bol $ als su­jet bar­ré.2 Das Verb bar­rer meint „sper­ren“, „ab­sper­ren“, „aus­sper­ren“ so­wie „strei­chen“, „aus­strei­chen“, „durch­strei­chen“. In Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, er­läu­tert er den Aus­druck so:

Ich er­in­ne­re dar­an, was das $ be­deu­tet: das durch­ge­stri­che­ne S [le S bar­ré] re­prä­sen­tiert, ver­tritt in die­ser For­mel das, wor­um es sich bei der Spal­tung des Sub­jekts dreht, die sich am Ur­sprung der ge­sam­ten Freud’schen Ent­de­ckung fin­det und die dar­in be­steht, dass das Sub­jekt von dem, wo­durch es als Funk­ti­on des Un­be­wuss­ten ei­gent­lich kon­sti­tu­iert wird, zum Teil aus­ge­sperrt [bar­ré] ist.“3

La­can spielt mit dem Dop­pel­sinn von bar­ré als „durch­ge­stri­chen“ und als „aus­ge­sperrt“. Der Buch­sta­be S ist bar­ré im Sin­ne von „durch­ge­stri­chen“. Die­ses Sym­bol steht für das Sub­jekt, in­so­fern es bar­ré ist, im Sin­ne von „aus­ge­sperrt“ – von dem, wo­durch es, in Ab­hän­gig­keit vom Un­be­wuss­ten, kon­sti­tu­iert wird. Die­ser Dop­pel­sinn lässt sich, so­weit ich sehe, im Deut­schen nicht nach­bil­den; die bes­te Über­set­zung für su­jet bar­ré ist des­halb wohl „aus­ge­sperr­tes Sub­jekt“.

Freud schreibt in Er­in­nern, Wie­der­ho­len und Durch­ar­bei­ten:

Das Ver­ges­sen von Ein­drü­cken, Sze­nen, Er­leb­nis­sen re­du­ziert sich zu­meist auf eine ‚Ab­sper­rung‘ der­sel­ben. Wenn der Pa­ti­ent von die­sem ‚Ver­ges­se­nen‘ spricht, ver­säumt er sel­ten, hin­zu­zu­fü­gen: das habe ich ei­gent­lich im­mer ge­wußt, nur nicht dar­an ge­dacht.“22

Das su­jet bar­ré ist, so könn­te man mit Freud auch über­set­zen, das „ab­ge­sperr­te Sub­jekt“.

Das gespaltene Subjekt

Da­durch, dass das Sub­jekt von ei­nem kon­sti­tu­ie­ren­den Teil von sich aus­ge­sperrt ist, ist es ein ge­spal­te­nes Sub­jekt – ge­spal­ten zwi­schen dem Teil von ihm, zu dem es, auf­grund der Wirk­sam­keit des Un­be­wuss­ten, kei­nen Zu­gang hat, und dem Teil, der ihm zu­gäng­lich ist. Das Sym­bol $ meint des­halb auch die „Sub­jekt­spal­tung“ (ref­en­te du su­jet, di­vi­si­on du su­jet) bzw. das „ge­spal­te­ne Sub­jekt“ (su­jet di­vi­sé).4

Die Spal­tung des Sub­jekts kann u.a. als die zwi­schen dem An­spruch und dem Be­geh­ren auf­ge­fasst wird; der Schräg­strich kann dann als Re­prä­sen­tant des An­spruchs auf­ge­fasst wer­den, die Durch­strei­chung des S als Sym­bol für das Be­geh­ren.

Häu­fig deu­tet La­can die Spal­tung des Sub­jekts als die zwi­schen dem Aus­ge­sag­tem (énon­cé) und der Äu­ße­rung (énon­cia­ti­on). Das Aus­ge­sag­te (énon­cé) ist das am Sinn ori­en­tier­ten Spre­chen, das der Spre­cher zu kon­trol­lie­ren glaubt und das un­ter der Herr­schaft des Ichi­de­als steht. Un­ter der Äu­ße­rung (énon­cia­ti­on)  ver­steht La­can das „Spre­chen“ des Un­be­wuss­ten in Sym­pto­men, Träu­men, Ver­spre­chern, Fehl­leis­tun­gen, wor­in das Sub­jekt ver­sucht, das wie­der­zu­fin­den, was es durch die Ein­wir­kung der Spra­che ver­lo­ren hat. Die Äu­ße­rung ist den Me­cha­nis­men von Ver­dich­tung und Ver­schie­bung un­ter­wor­fen, in La­cans Be­griff­lich­keit: von Me­ta­pher und Me­to­ny­mie.

Die Un­ter­schei­dung von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung wird von La­can in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, ein­ge­führt und dort auf die bei­den Li­ni­en des An­spruchs im Gra­fen des Be­geh­rens be­zo­gen; die un­te­re steht für das Aus­ge­sag­te, die obe­re für die Äu­ße­rung.5 In Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, be­zieht La­can die Op­po­si­ti­on von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung aus­drück­lich auf die Sub­jekt­spal­tung.6 In den Écrits be­zieht La­can sich auf die Op­po­si­ti­on Aussage/Äußerung zu­erst im Lag­a­che-Auf­satz, der 1960 ge­schrie­ben wur­de.7

Für die Un­ter­schei­dung von énon­cé und énon­cia­ti­on hat La­can sich von Ro­man Ja­kobson und Émi­le Ben­ve­nis­te an­re­gen las­sen: In Se­mi­nar 6 re­fe­riert er bei der Er­läu­te­rung des Un­ter­schieds von énon­cé und énon­cia­ti­on, ohne Ja­kobson zu er­wäh­nen, des­sen Ana­ly­se der in­di­rek­ten Rede, die sich wie­der­um auf eine Ar­beit von Ben­ve­nis­te be­zieht.8

Das begehrende Subjekt

Das Sub­jekt ist we­der Ichi­de­al noch Un­be­wuss­tes, we­der S1 noch S2. Es ist auch nicht der Ort, an dem das syn­chro­ne Sys­tem der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt ist, an­ders ge­sagt, das Sub­jekt ist nicht das „su­jet-sup­po­sé-sa­voir“, nicht das dem Wis­sen un­ter­stell­te Sub­jekt9; der Ort, an dem die Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt sind, ist für La­can nicht das Sub­jekt, son­dern „der An­de­re“. Es ist ge­nau­so­we­nig der Agent, der die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken denkt. Und es ist auch nicht das, was von die­sen Ge­dan­ken ge­dacht wird.

Das Sub­jekt ist viel­mehr der durch die Si­gni­fi­kan­ten­ein­wir­kung her­vor­ge­ru­fe­ne Ver­lust, ein Man­gel: man­que d’être (Seins­man­gel), wie La­can ab 1955 zu­nächst mit Sart­re sagt10, man­que-à-être, wie er es ab 1957 nennt.11 „Man­que-à-être“ (oder „man­que à être“, wie La­can auch schreibt) wird bis­wei­len mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt; das ist ir­re­füh­rend, es geht nicht um eine mo­ra­li­sche Ver­feh­lung und auch nicht dar­um, dass das Sub­jekt et­was ver­fehlt, son­dern dar­um, dass dem Sub­jekt et­was fehlt, um den „Man­gel zu sein“ (wie Gon­dek gut über­setzt); in man­que d’être ist „Sein“ ein Sub­stan­tiv, in man­que à être ist „sein“ ein Verb. In Freuds Ter­mi­no­lo­gie: das Sub­jekt ist ein „Ob­jekt­ver­lust“, der letzt­lich eine „Un­be­frie­di­gung“ ist, ein „An­wach­sen der Be­dürf­nis­span­nung“.12 Die­ser Ver­lust ist ein Ver­lust auf der Ebe­ne der „Be­dürf­nis­se“, wie La­can zu­nächst sagt13, auf der Ebe­ne des „Ge­nie­ßens“ (jouis­sance), wie er es spä­ter nennt, d..h. ein Ver­lust auf der Ebe­ne der kör­per­li­chen Er­re­gun­gen jen­seits des Lust­prin­zips.

Als Sub­jekt, das durch ei­nen Man­gel cha­rak­te­ri­siert ist, ist das Sub­jekt ein be­geh­ren­des Sub­jekt. Auch die­sen Ge­dan­ken über­nimmt La­can von Sart­re: das Be­geh­ren ist Seins­man­gel.

Den ent­schei­den­den Ver­lust hat das Sub­jekt auf der Ebe­ne der Se­xua­li­tät er­lit­ten; hier­auf be­zieht sich, in La­cans Deu­tung, der Be­griff der Kas­tra­ti­on.

Das verschwindende Subjekt

Wenn das Sub­jekt letzt­lich ein durch die Spra­che her­bei­ge­führ­ter Ver­lust ist, und wenn der psy­cho­ana­ly­ti­sche Zu­gang des Sub­jekts zu sich selbst auf dem Weg über die Spra­che er­folgt, wie kann das Sub­jekt sich dann auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne als Ver­lust er­fah­ren? La­cans Ant­wor­tet lau­tet: in­dem es die Er­fah­rung macht, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten des Sub­jekts gibt. Er nennt dies das „Ver­schwin­den des Sub­jekts“ oder „die Apha­ni­sis des Sub­jekts“ oder „das Fa­ding des Sub­jekts“ (apha­ni­sis ist der grie­chi­sche Aus­druck für „Ver­schwin­den“, das eng­li­sche Wort fa­ding meint eben­falls „Ver­schwin­den“). Das Sub­jekt ist auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne zwar re­prä­sen­tiert, vor al­lem durch Iden­ti­fi­ka­tio­nen (S1), aber in all die­sen Re­prä­sen­ta­tio­nen ist es ent­frem­det. Die­se Ent­frem­dung ist nor­ma­ler­wei­se durch eine Täu­schung un­zu­gäng­lich; sie ist je­doch er­fahr­bar; die­se Er­fah­rung ist, falls ich La­can rich­tig ver­stan­den habe, trau­ma­tisch; und die­se trau­ma­ti­sche Er­fah­rung des Ver­schwin­dens auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ist die „Apha­ni­sis“ des Sub­jekts, das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts.

Aus­ge­ar­bei­tet wird die­se The­se zu­erst in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung; die Zu­ord­nung zwi­schen dem Sym­bol $ und dem Fa­ding des Sub­jekts fin­det man in dem Auf­satz Die Len­kung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, der 1960 ge­schrie­ben wur­de.14 Zum Ver­schwin­den des Sub­jekts vgl. die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel.

Das Subjekt als √(1)

Als Sym­bol für das Sub­jekt ver­wen­det La­can nicht nur den durch­ge­stri­che­nen Buch­sta­ben S son­dern auch das Zahl­zei­chen $la­tex \sqrt {1}$, für die Qua­drat­wur­zel aus mi­nus eins.

$la­tex \sqrt {1}$ ist eine ima­gi­nä­re Zahl. Der Aus­druck „ima­gi­när“ wird hier an­ders ver­wen­det als von La­can. Dass $la­tex \sqrt {1}$ ima­gi­när ist, meint: dass sie im Sys­tem der Arith­me­tik un­mög­lich ist. Die Zahl (1) steht in der Wur­zel und das heißt, sie ist das Pro­dukt der Mul­ti­pli­ka­ti­on ei­ner Zahl mit sich selbst; ein sol­ches Pro­dukt kann aber nicht ne­ga­tiv sein – mi­nus mal mi­nus gibt plus, wie man in der Schu­le lernt. $la­tex \sqrt {1}$ ist zwar eine sym­bo­lisch un­mög­li­che Zahl, aber eine Zahl, mit der den­noch ge­rech­net wer­den kann – in der Arith­me­tik gibt es ei­nen Ope­ra­ti­ons­mo­dus für den Um­gang mit un­mög­li­chen Zah­len.

La­can ver­wen­det $la­tex \sqrt {1}$ als Sym­bol für das Sub­jekt, in­so­fern es nicht sym­bo­li­siert wer­den kann – sym­bo­lisch un­mög­lich ist –, in­so­fern es aber auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen gleich­wohl ei­nen Zu­gang zu die­ser Un­mög­lich­keit gibt, ei­nen Weg, mit die­sem Un­mög­li­chen um­zu­ge­hen. Erst­mals ver­wen­det La­can $la­tex \sqrt {1}$ in die­ser Be­deu­tung in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung.15

Das Rea­le ist das (sym­bo­lisch) Un­mög­li­che, wie La­can ab Se­mi­nar 9 sagt (Die Iden­ti­fi­zie­rung, 1961/62).16 Die ima­gi­nä­re Zahl $la­tex \sqrt {1}$ sym­bo­li­siert also (ver­wir­ren­der­wei­se) das Sub­jekt, in­so­fern es real ist.

+

Ins­ge­samt kann man das Sym­bol $ so le­sen: Die Durch­strei­chung des S sym­bo­li­siert, dass das Sub­jekt vom Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert ist – das S steht für das Sub­jekt, der Strich für den Si­gni­fi­kan­ten und die Durch­strei­chung des S für die Mar­kie­rung des Sub­jekts durch den Si­gni­fi­kan­ten. Die Mar­kie­rung durch den Si­gni­fi­kan­ten hat zur Fol­ge, dass das Sub­jekt ein su­jet bar­ré ist, ein aus­ge­sperr­tes Sub­jekt, ein Sub­jekt, das zu ei­nem Teil von sich kei­nen Zu­gang hat, zu dem Teil, durch den es kon­sti­tu­iert wird, „Un­be­wuss­tes“ ge­nannt. Und dies heißt nichts an­de­res, als dass es ein ge­spal­te­nes Sub­jekt ist, ge­spal­ten zwi­schen dem Teil, zu dem es ei­nen Zu­gang hat, und dem, von dem es aus­ge­sperrt ist. Die De­ter­mi­na­ti­on durch die Spra­che führt zu ei­nem Ver­lust, ei­nem Seins­man­gel. Das Sub­jekt er­fährt die­sen Ver­lust als Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der das Sub­jekt re­prä­sen­tiert, als „Ver­schwin­den (Apha­ni­sis, Fa­ding) des Sub­jekts“. Das Sub­jekt ist ein Ef­fekt des Sym­bo­li­schen und zu­gleich et­was Rea­les: et­was, das nicht sym­bo­li­siert wer­den kann, et­was sym­bo­lisch Un­mög­li­ches, et­was Rea­les – zu dem es gleich­wohl auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen ei­nen Zu­gang gibt; hier­für steht das Zei­chen $la­tex \sqrt {1}$.

Im Gra­phen des Be­geh­rens fin­det man das Sym­bol $ an drei Po­si­tio­nen: un­ten rechts am Be­ginn der gro­ßen huf­ei­sen­för­mi­gen Li­nie, am Schnitt­punkt oben rechts als Be­stand­teil der For­mel ($◊D) und oben links in der For­mel ($◊a).

Graph des Begehrens - $ 2Das $ un­ten rechts be­sagt: Er­geb­nis der Ein­prä­gung der Spra­che (dar­ge­stellt von der un­te­ren Eta­ge des Gra­phen) ist das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt. Die obe­re Eta­ge stellt dar, dass das Sub­jekt zwei Mög­lich­kei­ten hat, sich jen­seits der Un­ter­ord­nung un­ter die Spra­che in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit wie­der­zu­fin­den: die sym­bo­li­sche Lö­sung be­steht in der Re­gres­si­on auf be­stimm­te Trieb­an­sprü­che ($◊D), die ima­gi­nä­re Lö­sung in der Stüt­zung durch ein Ob­jekt des Be­geh­rens im Phan­tas­ma ($◊a). In bei­den For­meln steht das Sym­bol $ für „das Sub­jekt im Fa­ding“.

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Anmerkungen

  1. Die­se Zu­ord­nung fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten. In der Sit­zung vom 26. März 1958 wird das Zei­chen $ vor­ge­stellt und auf das Sub­jekt be­zo­gen (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 359, 369).
  2. Vom su­jet bar­ré spricht La­can eben­falls zu­erst in Se­mi­nar 5, in der Sit­zung vom 11. Juni 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 518, dort mit „ver­sperrt“ über­setzt). Die aus­drück­li­che Zu­ord­nung zwi­schen dem Sym­bol $ und dem su­jet bar­ré fin­det man zu­erst, im sel­ben Se­mi­nar, in der Sit­zung vom 25. Juni 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 560, hier wird bar­ré mit „ge­sperrt“ über­setzt).
  3. Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 16. No­vem­ber 1966, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  4. In den Écrits fin­det man die Rede von der ref­en­te des Sub­jekts in fast al­len klas­si­schen La­can-Auf­sät­zen: Die Aus­rich­tung der Kur, Die Be­deu­tung des Phal­lus, Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, Die Po­si­ti­on des Un­be­wuss­ten, Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit.
    Auf die Wen­dung di­vi­si­on du su­jet stößt man in den Écrits etwa in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens (Écrits, S. 825; Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 365, hier mit „Spal­tung des Sub­jekts“ über­setzt) so­wie in Die Stel­lung des Un­be­wuss­ten (Écrits, S. 840, „la di­vi­si­on du su­jet avec lui-même“; Schrif­ten. Band II, Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek, a.a.O., S. 382, hier mit „Selbst­tei­lung des Sub­jekts“ über­setzt).
    Die For­mu­lie­rung su­jet di­vi­sé fin­det man in Die Be­deu­tung des Phal­lus („su­jet di­vi­sé de la Spal­tung si­gni­fi­an­te“, Écrits, S. 693; Schrif­ten. Band II, a.a.O., S. 202, hier über­setzt mit „durch die si­gni­fi­kan­te Spal­tung* ge­teil­tes Sub­jekt“ ); in den Se­mi­na­ren ver­wen­det La­can die  Wort­fol­ge su­jet di­vi­sé erst­mals in Se­mi­nar 12.
  5. Die Op­po­si­ti­on von Aus­ge­sag­tem und Äu­ße­rung wird ein­ge­führt in Se­mi­nar 6, in der Sit­zung vom 3. De­zem­ber 1958.
  6. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 364.
  7. Vgl. An­mer­kung zum Be­richt von Da­ni­el Lag­a­che „Psy­cho­ana­ly­se und Struk­tur der Per­sön­lich­keit“, in: Schrif­ten, Band II, übers. v. H.-D. Gon­dek, a.a.O., S. 146191, hier: S. 166; énoncé/énonciation wird hier mit „Ausgesagtes“/„Aussagen“ über­setzt.
  8. Vgl. J. La­can, Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 165.
    La­can stützt sich hier auf Ro­man Ja­kobson: Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­si­an verb (1957). In: Ders.: Selec­ted Wri­tings, Vol. II: Word and Lan­guage. Den Haag: Mou­ton 1972. S. 130147, in In­ter­net hier; zur in­di­rek­ten Rede vgl. S. 130 f.– Ja­kobson spricht von ut­ter­an­ces (was bei La­can den énon­cia­ti­ons ent­spricht). Deut­sche Über­set­zung: R. Ja­kobson: Ver­schie­ber, Verb­ka­te­go­ri­en und das rus­si­sche Verb. In: Ders.: Form und Sinn: Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 3554; ut­ter­an­ce wird hier mit „Äu­ße­rung“ über­setzt.
    Ja­kobson be­zieht er sich auf ei­nen Auf­satz von Émi­le Ben­ve­nis­te, in dem die­ser die Ter­mi­ni énon­cé und énon­cia­ti­on ver­wen­det (vgl. É. Ben­ve­nis­te: La na­tu­re des pro­noms (1956). In: Ders.: Pro­blè­mes de lin­gu­is­tique gé­né­ra­le. Tome 1. Gal­li­mard, Pa­ris 1966, S. 251257); énon­cé und énon­cia­ti­on fin­det man in Ben­ve­nis­tes Auf­satz auf S. 252).
  9. La­can ge­braucht den Ter­mi­nus su­jet-sup­po­sé-sa­voir erst­mals in Se­mi­nar 9, in der Sit­zung vom 15. No­vem­ber 1961.
  10. Den Aus­druck man­que d’être ver­wen­det La­can zu­erst in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, in der Sit­zung vom 19. Mai 1955 (vgl. Ver­si­on Miller/Metzger S. 283 f.) In den Écrits wird die­ser Ter­mi­nus nicht ver­wen­det.
    Die Quel­le für man­que d’être ist: Jean-Paul Sart­re: Das Sein und das Nichts. Ver­such ei­ner phä­no­me­no­lo­gi­schen On­to­lo­gie (1943). Über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, dar­in v.a. Teil 2, Ka­pi­tel 1, Teil 2: „Die Fak­ti­zi­tät des Für-sich“.
  11. In den Écrits ver­wen­det La­can man­que-à-être zu­erst in Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuß­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957) (vgl. J.L.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S.  1555, hier: S. 48).
    In den Se­mi­na­ren fin­det man den Ter­mi­nus zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, Sit­zung vom 18. Juni 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 546, an bei­den Stel­len mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt).
  12. Vgl. S. Freud: Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 227310, hier: S. 277 f.
  13. Von der „Mo­di­fi­ka­ti­on“ der „Be­dürf­nis­se“ durch die Spra­che spricht La­can in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, und im Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus (Vor­trag von 1958, ver­öf­fent­licht 1966).
  14. Vgl. J. La­can: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 72145, hier: S. 132 Fn. 16.
  15. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 497.
    Aus­führ­lich äu­ßert sich La­can zu $la­tex \sqrt {1}$ in Se­mi­nar 9 (Die Iden­ti­fi­zie­rung, 1961/62), in den Sit­zun­gen vom 10. Ja­nu­ar, 17. Ja­nu­ar, 24. Ja­nu­ar und 9. Mai 1962; hier heißt es: i, die ima­gi­nä­re Zahl, ist das Sub­jekt vor je­der Be­nen­nung (10. Ja­nu­ar 1962).
    In dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts ver­wen­det La­can $la­tex \sqrt {1}$ als Sym­bol für „das, was dem Sub­jekt fehlt, um sich durch das Co­gi­to aus­ge­schöpft zu den­ken, näm­lich das, was es an Un­denk­ba­rem ist“ (Schrif­ten, Band II, übers. v. H.-D. Gon­dek, S. 358).
  16. Über den Zwangs­neu­ro­ti­ker heißt es dort: „Er ver­schließt sich dem dop­pel­ten Aus­gang der Bot­schaft und der Fra­ge, er bringt sich selbst ins Gleich­ge­wicht um zu ent­schei­den zwi­chen dem ‚nichts viel­leicht?“ und dem ‚viel­leicht nichts‘, er setzt sich als real an­ge­sichts des An­de­ren, das heißt als un­mög­lich.“ (Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 21. März 1962, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)
    In Se­mi­nar 10 (Die Angst, 1962/63) heißt es: „Ich un­ter­stel­le, dass ich mich an Leu­te wen­de, die mei­nem Kom­men­tar über die Ana­ly­se des Falls des klei­nen Hans ge­folgt sind und die sich auch an das er­in­nern, was ich letz­tes Jahr zu ak­zen­tu­ie­ren Sor­ge ge­tra­gen habe, den so ge­nann­ten all­ge­mei­nen be­ja­hen­den Satz be­tref­fend, näm­lich dass er Sinn nur als De­fi­ni­ti­on des Rea­len vom Un­mög­li­chen aus hat. Wie Sie se­hen, hat die Lo­gik seit­her die im We­sent­li­chen heik­le Funk­ti­on, das Rea­le dazu zu ver­dam­men, ewig im Un­mög­li­chen her­um­zu­stol­pern.“ (Sit­zung vom 19. De­zem­ber 1962; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 103.)

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