Das Genießen des Realen und das Reale des Genießens

maenner-mit-bein-mit-strumpfWerbung von DuPont zur Präsentation des ersten Nylonstrumpfs im Jahr 1939 (vermutlich)
Von hier

Wie begreift Lacan das Verhältnis zwischen dem Genießen (jouissance) und dem Realen? Es gibt zwei Verbindungsrichtungen: das Genießen des Realen und das Reale des Genießens.

Der folgende Überblick ist in dem Sinne vollständig, dass sämtliche Passagen zitiert und erläutert werden, in denen Lacan in den Seminaren, den Écrits, den Autres écrits und in Pas-tout Lacan die Formulierungen „jouissance du réel“ (Genießen des Realen) oder „réel de la jouissance“ (Reales des Genießens) verwendet. Sicherlich gibt es mehr Stellen, in denen er den Zusammenhang zwischen dem Genießen und dem Realen darstellt, und wahrscheinlich sogar prägnantere, nur eben nicht mit genau diesen Formulierungen; es wäre jedoch aufwändiger, sie zusammenzutragen (d.h. hier versagt die Volltextsuche in PDF-Dateien). Im Folgenden findet man also alle Passagen mit eben diesen Formulierungen, ergänzt um einige Zufallsfunde zum selben Thema.

Die Fettschreibung der Hauptbegriffe ist von mir.

Die Begriffe

Jouissance meint in der französischen Alltagssprache den Orgasmus, Lacan hingegen versteht darunter das gesamte Feld dessen, was Freud als „Erregung“, als „Lust“, als „Lustempfindung“, als „Lustbefriedigung“ oder als „Triebbefriedigung“ bezeichnet. Im Deutschen hat sich die Übersetzung mit „Genießen“ durchgesetzt. Wenn jemand Gymnastik treibt, geht es, Lacan zufolge, um jouissance.1 Wenn eine Katze schnurrt, genießt sie.2 Lacan fragt sich sogar, ob das Genießen möglicherweise ein Merkmal des Lebens überhaupt ist – ob auch Pflanzen genießen.3 Die sexuelle Erregung bis hin zum Orgasmus nennt er jouissance sexuelle. Den Bereich des Genießens bezeichnet er einmal als das „Lacan’sche Feld“4; für die Zwecke der Psychoanalyse unterscheidet er vor allem das Körpergenießen, die Mehrlust, das phallische Genießen  und das Genießen des Anderen.

Das Genießen (jouissance) wird nur teilweise vom Lustprinzip (principe de plaisir) beherrscht, worunter Freud das Streben nach Unlustvermeidung durch Konstanthalten oder Verminderung der Erregung versteht – ein Teil der jouissance verursacht Unlust und wird beispielsweise als Schmerz empfunden. Wegen der Opposition von jouissance und plaisir kommt man in Schwierigkeiten, wenn man jouissance mit „Lust“ übersetzt – allerdings bringt Lacan selbst gelegentlich jouissance mit „Lust“ ins Deutsche.

Das Reale besteht für Lacan darin, dass die Symbolisierung scheitert. Er bezieht den Begriff nicht nur auf die Psychoanalyse, sondern auch auf die formalisierten Formen des Wissens (Mathematik, Logik, Physik), auch hier gibt es Grenzen der Symbolisierung, etwa Grenzen der Beweisbarkeit; sie lassen sich sogar exakt angeben, mit formalen, d.h. schriftgestützten Verfahren.

In der psychoanalytischen Praxis macht sich das Reale als Widerstand bemerkbar – die Assoziationen kreisen um etwas, was nicht gesagt werden kann, und die Deutung kann diese Blockierung nicht auflösen. Das Reale liegt letztlich dem Wiederholungszwang zugrunde oder, wie Lacan sich ausdrückt, der Wiederholung – in der Wiederholung insistiert gewissermaßen etwas, was gesagt werden soll aber nicht gesagt werden kann. Die entscheidenden Anknüfungspunkte bei Freud sind dessen Darstellung des Verhältnisses von Erinnern und Wiederholen in Jenseits des Lustprinzips5 sowie dessen Annahme, dass im Unbewussten bestimmte Vorstellungen fehlen, nicht zuletzt die des Männlichen und des Weiblichen6 (vgl. diesen Blogartikel).

Das Genießen des Realen

Das Genießen des Mathematikers

In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, sagt Lacan:

„Falls es dazu käme, falls es dazu käme, dass die Liebe zu einem Spiel würde, dessen Regeln man kennte, hätte das im Hinblick auf das Genießen möglicherweise viele Nachteile. Aber das würde es, wenn ich so sagen kann, auf sein verbindendes Ende (terme conjoint7) zurückwerfen. Und wenn dieses verbindende Ende eben das ist, was ich über das Reale vorbringe, wovon Sie sehen, dass ich mich mich mit dieser schwachen kleinen Stütze der Zahl begnüge – ich hab nicht gesagt: der Ziffer –, der Zahl drei. Falls die Liebe – indem sie ein Spiel wird, dessen Regeln man kennt – sich eines Tages, denn das ist ihre Funktion, am Ende dessen befände, dass sie eine der Einen dieser drei [Ringe des borromäischen Knotens] ist, wenn sie funktionieren würde, um das Genießen des Realen mit dem Realen des Genießens zu verbinden, wäre das dann nicht etwas, was das Spiel wert wäre?

Das Genießen des Realen, das hat einen Sinn, nicht wahr, falls es irgendwo Genießen des Realen als solches gibt, und falls das Reale das ist, was ich sage, nämlich so, dass es mit der Zahl drei beginnt.

Und wie Sie wissen, hänge ich nicht an der 3, nicht wahr, Sie könnten hier 1416 anhängen, das wäre immer dieselbe Zahl, nicht wahr, für das, wofür ich sie brauche. Und Sie könnten sie auch 2,718 schreiben – das ist ein bestimmter Neperscher Logarithmus –, das spielt dieselbe Rolle.

Die einzigen Leute, die dieses Reale genießen, sind die Mathematiker.

Also, die Mathematiker müssten sich unter das Joch des Liebesspiels beugen, sodass sie uns ein bisschen darüber sagen, sodass sie über den borromäischen Knoten etwas mehr arbeiten. Denn ich muss Ihnen gestehen, nun ja, ich bin wirklich in Verlegenheit, mehr als Sie glauben möchten, ich verbringe meinen Tag damit, welche zu machen, borromäische Knoten zu machen, wobei das hier so wie das ist: ich stricke.

Allerdings, das Genießen des Realen geht nicht ohne das Reale des Genießens. Denn damit das eine mit dem anderen verknotet ist, muss das andere mit dem einen verknotet sein. Und das Reale des Genießens, das sagt man so, aber welchen Sinn soll man diesem Ausdruck ‚das Reale des Genießens‘ geben? Hierbei lasse ich Sie heute stehen: bei einem Fragezeichen.“8

Wer genießt das Reale? Der Mathematiker.

Das Reale wird durch die drei gestützt, insofern eine borromäische Verschlingung aus mindestens drei Ringen bestehen muss; erst wenn es die drei (Ringe) gibt, und damit den Ring des Realen, kann es die eins und die zwei geben, einen Ring und zwei Ringe.

Das Reale beginnt aber auch beispielsweise mit der Zahl 3,1416…, also mit der Kreiszahl π, oder etwa mit der Zahl 2,718 …, mit der sogenannten Eulerschen Zahl. Beides sind transzendente Zahlen, d.h. Zahlen, die mit den Mitteln der Algebra nicht erfasst werden können. Das Reale besteht darin, dass die Symbolisierung scheitert, und in diesem Falle stößt die Symbolisierung insofern auf eine Grenze, als die Algebra versagt.

Mathematiker genießen es, sich mit solchen unmöglichen Zahlen zu beschäftigen – mit Zahlen, die im Rahmen eines bestimmten symbolischen Apparats unmöglich sind –, und insofern genießen sie das Reale.

Lacan verwendet den Ausdruck jouissance, er spricht nicht von plaisir. Die Lust, die es den Mathematikern bereitet, sich mit Zahlen dieses Typs herumzuschlagen, ist nicht einfach ein Vergnügen (plaisir), sie unterliegt nicht automatisch dem Lustprinzip (principe de plaisir). Das Genießen des Realen kann für Mathematiker durchaus eine Qual sein.

Das Genießen des Realen geht nicht ohne das Reale des Genießens, aber was könnte damit gemeint sein? Die Frage bleibt in dieser Sitzung offen.

Das masochistische Genießen

In Seminar 23 von 1974/75, Das Sinthom, stellt Lacan die Frage, ob Joyce verrückt war und fährt dann fort:

„Dass ich sie heute nicht beantworte, hindert mich nicht daran, dass ich anfange zu versuchen, mich durch Bezug auf die Formel zu verorten, die ich Ihnen vorgeschlagen habe: die Unterscheidung zwischen Wahrem und Realem. Bei Freud ist das offenkundig. So hat er sich sogar orientiert: das Wahre bereitet Lust (plaisir), und eben das unterscheidet es vom Realen, bei Freud zumindest. Das heißt, dass das  Reale nicht zwangsläufig Lust verschafft.

Es ist klar, dass ich die Sache Freuds hier verzerre, ich versuche anzumerken, darauf aufmerksam zu machen, dass das Genießen vom Realen ist. Das verwickelt mich in enorme Schwierigkeiten.

Zunächst deshalb, weil klar ist, dass das Genießen des Realen, Freud hat das bemerkt, den Masochismus mit sich führt; und offenkundig war es nicht dieser Schritt, von dem er ausgegangen ist. Der Masochismus, welcher der Hauptanteil des Genießens ist, das vom Realen bereitet wird, er hat ihn entdeckt, er hatte ihn nicht sogleich vorausgesehen.“9

Der Hauptanteil des Genießens, den das Reale bereitet, ist der Masochismus. Demnach entsteht das masochistische Genießen durch den Bezug auf etwas Reales. Welche Unmöglichkeit könnte gemeint sein? Hier meine Vermutung:

Was im Masochismus genossen wird, ist der Befehl. In Lacans Terminologie ist der Befehl der Herrensignifikant, S1.

Im Diskurs des Herrn versucht der Herrensignifikant das Wissen, S2, unter Kontrolle zu bekommen: S1 → S2.

Diese Beziehung ist unmöglich. Regieren gehört zu den „unmöglichen“ Berufen, wie Freud sagt.10 Mit Lacan: Es ist unmöglich, durch einen Befehl seine Welt zum Laufen zu bringen.11

In der Formel des Herrendiskurses ist der Pfeil, der von S1 oben links nach S2 oben rechts führt, deshalb mit „Unmöglichkeit“ überschrieben.12

diskurs-des-herrn-mit-unmoeglichkeitDie masochistische Beziehung zum Befehl wäre demnach subversiv: was genossen wird, ist der Befehl, insofern er unmöglich ist.

Das Genießen des Realen besteht also darin, dass eine symbolische Unmöglichkeit zur Quelle des Genießens wird, der Erregung jenseits des Lustprinzips, sei es eine Zahl in ihrer Unmöglichkeit, sei es der Befehl in seiner Unmöglichkeit.

Das Reale des Genießens

Das Genießen jenseits der Herrschaft des Signifikanten

In Seminar 14 von 1966/67, Die Logik des Phantasmas, spricht Lacan über die Beziehung von Herr und Knecht und über die Objekte, um die es dabei geht.

„Es ist nicht nötig, sie [diese Objekte] in Erinnerung zu rufen, bezogen darauf, worum es beim Oralen geht und bei dem, was man auch das Anale nennt, aber auch diese anderen, höheren, weniger bekannten – in einem intimeren Register, das, im Verhältnis zum Anspruch, als das Begehren konstituiert ist –, die sich ‚der Blick‘ und ‚die Stimme‘ nennen.

Diese Objekte, insofern sie von irgendeiner Herrschaft des Signifikanten auf keine Weise erfasst werden könnten, auch dann nicht, wenn diese Herrschaft sich ganz bis zum Rang der sozialen Herrschaft entwickelt hat, diese Objekte, die ihrer Natur nach dem entkommen, was heißt das?

Denn für den Knecht gibt es auf der Seite des Anderen nur ein unterstelltes Genießen – Hegel hat sich darin getäuscht, dass es das Genießen des Herrn für den Knecht gibt; aber die Frage, die Geltung hat, habe ich Ihnen vorhin gestellt: ‚Das, was man genießt, genießt das?‘

Und wenn es wahr ist, dass vom Realen des Genießens etwas nur auf der Ebene des Knechts Bestand haben kann, dann wäre es für ihn also an diesem Platz, der am Rande des Feldes seines Körpers gelassen wurde, der durch die Objekte gebildet wird, deren Katalog ich eben in Erinnerung gerufen habe.

Hier, an diesem Platz, hier muss sich die Frage des Genießens stellen.

Nichts kann dem Knecht / dem Sklaven seine Funktion nehmen, weder seine Funktion des Blicks, noch die der Stimme, auch nicht die, um die es bei seiner Ammenfunktion geht – denn die Antike zeigt ihn uns häufig in dieser Funktion –, und noch weniger seine Funktion des ausgeworfenen Objekts, des Objekts der Verachtung.

Auf dieser Ebene stellt sich die Frage des Genießens. Das ist eine Frage, und wie Sie sehen, ist das sogar eine wissenschaftliche Frage.“13

Lacan unterscheidet die Objekte a danach, ob sie durch den Anspruch konstituiert werden (Brust und Kot) oder durch das Begehren (Blick und Stimme).

Diese Objekte sind mit einem Genießen verbunden. Dazu gehören die orale und die anale Triebbefriedigung (wie Freud sagen würde), die beide durch den Anspruch entstanden sind, d.h. durch Forderungen des Subjekts an den Anderen (oral) und durch Forderungen des Anderen an das Subjekt (anal) (siehe diesen Blogartikel). Dazu gehören außerdem die Lüste, die sich auf das Begehren stützen. Die Lust am Sehen und Gesehenwerden (Blick) bezieht sich auf das Begehren nach dem Anderen, und die mit der Stimme verbundene Lust (etwa im Masochismus) auf das Begehren auf der Seite des Anderen.

Die Objekte a können von der Herrschaft des Signifikanten auf keine Weise erfasst werden, selbst  dann nicht, wenn die Herrschaft des Signifikanten durch die soziale Herrschaft stabilisiert wird.

Anders gesagt: Diese Objekte sind nicht auf der Seite des Herrn (sie können nicht durch Signifikanten beherrscht werden), sondern auf der des Knechts.

Was ist hier mit dem „Realen“ des Genießens gemeint? Das Reale besteht für Lacan darin, dass das Symbolische auf eine Grenze stößt. Die Objekte a sind eine Form des Realen, insofern sie nicht dem Kommando des Signifikanten unterworfen werden können. Das Reale des Genießens besteht hier darin, dass das Genießen sich auf Objekte stützt, die mit dem Signifikanten inkommensurabel sind (wobei es nicht diese Unmöglichkeit ist, die genossen wird, wie beim Genießen des Realen).

Das Genießen, das durch einen fehlenden Signifikanten repräsentiert wird

In Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, sagt Lacan: Das sexuelle Genießen – die sexuelle Erregung bis hin zum  Orgasmus – ist in dem Sinne real, als es hierfür im Unbewussten keinen Signifikanten gibt und auch nicht geben kann. Derjenige Signifikant, der das sexuelle Genießen repräsentiert, ist der symbolische Phallus, groß Phi, Φ, und dieser Signifikant, sagt Lacan hier, gehört nicht zum unbewussten symbolischen System des Subjekts.14 Das entspricht dem Begriff des Realen, den Lacan auch sonst verwendet: das Reale als Grenzerfahrung, als Erfahrung der Grenze des Symbolischen, hier: des Unbewussten als eines Signifikantenapparats. (Vgl. zu dieser Passage ausführlich diesen Blogartikel.)

Das sexuelle Genießen, insofern es unmöglich ist

In Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, liest man:

„Der Ödipus-Mythos, wer sieht nicht, dass er notwendig ist, um das Reale zu bezeichnen, denn das ist genau das, was er zu tun beansprucht. Oder genauer: Das, worauf der Theoretiker reduziert ist, wenn er diesen Hypermythos formuliert, ist dies, dass das Reale im strengen Sinne sich worin verkörpert? im sexuellen Genießen, als was? als unmöglich, denn das, was der Ödipus bezeichnet, ist das mythische Wesen, dessen Genießen das Genießen von was wäre? das aller Frauen.“15

Der Ödipus-Mythos bezeichnet das Reale, und das Reale verkörpert sich hier im Genießen. Das Reale verkörpert sich nicht im Genießen schlechthin, sondern in einem bestimmten Genießen: in einem Genießen, das unmöglich ist.

Das, was der Urvater genießt, sind „alle Frauen“, und alle Frauen zu genießen ist unmöglich. Nicht in dem physiologischen Sinne, dass seine Erektionskapazität für mehr als einige Frauen nicht ausreicht. „Alle Frauen“ zu genießen, ist insofern unmöglich, als es im Unbewussten den Bezug auf „alle Frauen“ nicht gibt. Ein Stier kann „alle Kühe“ genießen, d.h. jedes beliebige Rind, sofern es weiblich und geschlechtsreif ist. Eine solche Polung auf beliebige Mitglieder des biologischen Gegengeschlechts ist beim menschlichen Männchen nicht vorhanden. (Vgl. hierzu diesen Blogartikel.)

Anders formuliert: „die“ Frau existiert nicht, und in diesem Sinne ist das Genießen des Urvaters, der „die“ Frau genießt, unmöglich.16

Lacan fährt fort:

„Dass ein solcher Apparat hier gewissermaßen vom Diskurs selbst aufgenötigt wird, ist das denn nicht das sicherste Gegenstück zu dem, was ich als Theorie äußere, bezogen auf die Vorrangstellung des Diskurses, bezogen auf all das, worum es beim Genießen genau geht? Was die analytische Theorie artikuliert, ist etwas, dessen Charakter, als Objekt erfassbar, eben das ist, was ich als Objekt klein a bezeichne, insofern es durch eine Reihe günstiger organischer Kontingenzen – Brust, Exkrement, Blick oder Stimme – dazu gelangt, den Platz auszufüllen, der als derjenige der Mehrlust definiert ist.

Was behauptet die Theorie, wenn nicht Folgendes: Etwas, was dazu tendiert –; dieses Verhältnis der Mehrlust – ein Verhältnis, in dessen Namen in unserer gesamten analytischen Beobachtung die Funktion der Mutter an einen derart bestimmenden Punkt gelangt –; diese Mehrlust wird nur dadurch normalisiert, dass ein Verhältnis zum sexuellen Genießen hergestellt wird, bis auf dies, dass dieses Genießen, dieses sexuelle Genießen nur formuliert wird, nur artikuliert wird vom Phallus her, insofern er dessen Signifikant ist. Der Phallus, jemand hat mal geschrieben, das sei derjenige Signifikant, der das Fehlen des Signifikanten bezeichnen würde. Das ist absurd, etwas Derartiges habe ich niemals artikuliert. Der Phallus ist ganz streng das sexuelle Genießen, insofern es koordiniert ist, insofern es fest verbunden ist mit einem Schein. Das ist genau das, was geschieht, und das ist etwas, bei dem es ziemlich merkwürdig ist, wenn man sieht, wie alle Analytiker sich bemühen, den Blick davon abzuwenden. Statt auf diesen Wendepunkt immer größeren Nachdruck gelegt zu haben, auf diese Krise der phallischen Phase, ist ihnen vielmehr alles recht, sie zu vermeiden, die Krise: die Wahrheit, mit der nicht eines dieser jungen sprechenden Wesen nicht fertig werden muss, nämlich, dass es welche gibt, die keinen haben. Doppeltes Vordringen zum Mangel: weil es welche gibt, die keinen haben, und außerdem fehlte diese Wahrheit bis dahin.“17

Wie funktioniert das Genießen beim Menschen? Das Genießen in der Form der Mehrlust stützt sich auf das Objekt a. Dies entspricht in etwa Freuds Konzept der prägenitalen polymorph-perversen Triebregungen.

Diese Mehrlust wird in vielen Fällen normalisiert, d.h. es wird ein sexuelles Genießen konstituiert, das mit einer heterosexuellen nicht-perversen Orientierung einhergeht. Dies geschieht durch die Intervention des Phallus-Signifikanten, in Freudscher Terminologie: durch den Kastrationskomplex. Dieser Komplex läuft darauf hinaus, dass ein Signifikant des Mangels gebildet wird – dessen, was dem anderen fehlt –, und dieser Signifikant ermöglicht auf einigen Umwegen die normalisierte Form der Sexualität.

Anschließend heißt es

„Die sexuelle Identifizierung besteht nicht darin, sich für einen Mann oder eine Frau zu halten, sondern dem Rechnung zu tragen, dass es Frauen gibt – was den Jungen angeht –, und dass es Männer gibt – was das Mädchen angeht. Und wichtig ist nicht einmal so sehr, was sie erleben, wichtig ist eine reale Situation, wenn Sie gestatten. Das ist dies, dass für die Männer das Mädchen der Phallus ist, und dass es das ist, was sie kastriert. Dass für die Frauen der Junge dasselbe ist, der Phallus, und das ist das, was sie ebenfalls kastriert, weil sie nur einen Penis erwerben und weil das ein Fehlschlag ist. Der Junge und das Mädchen gehen Risiken zunächst nur durch die Dramen ein, die sie auslösen – einen Moment lang sind sie der Phallus. Das ist das Reale, das Reale des sexuellen Genießens, insofern dieses Genießen als solches abgetrennt ist, das ist der Phallus, anders gesagt der Name-des-Vaters – wobei seinerzeit einige fromme Personen an der Gleichsetzung dieser beiden Termini Anstoß genommen haben.“18

Die sexuelle Identifizierung ist nicht eine Selbstidentifizierung, sondern eine Beziehung, nämlich zu Mitgliedern des anderen Geschlechts. (Was heißt das für die Homosexualität?) Bei der sexuellen Identifizierung geht es nicht so sehr um das, was Jungen und Mädchen „erleben“, sondern um eine „reale Situation“. Damit ist vermutlich gemeint: bei der sexuellen Identifizierung ist nicht die imaginäre und die symbolische Ebene entscheidend (das „Erleben“), sondern die reale Ebene, die Konfrontation mit einer Grenze der Symbolisierung.

Die reale Situation besteht darin, dass für die Männer das Mädchen der Phallus ist und umgekehrt. Das Reale besteht in einem Symbolisierungsdefizit, und das heißt in diesem Fall, dass es im Unbewussten keine Signifikanten für die biologische Zweigeschlechtlichkeit gibt, und dass der Phallus-Signifikant hierfür gewissermaßen einspringt. Unter Kastration versteht Lacan hier eben diesen Zusammenhang.

Das sexuelle Genießen, um das es in der Beziehung zwischen Männern und Frauen geht, ist abgetrennt. Lacan beschreibt hier die Form des Genießens, die er sonst als „phallisches Genießen“ bezeichnet. Dieses Genießen wird als etwas erlebt, das von dem mit dem Körper verbundenen Genießen abgelöst ist, als ein „parasitäres Genießen“, wie er auch sagt.19

Das Reale des sexuellen Genießens besteht darin, dass es durch den Phallus-Signifikanten vermittelt ist. Der Phallus ist der Signifikant des sexuellen Realen.

(Der Phallus ist der Name-des-Vaters: mit dieser Gleichsetzung bezieht Lacan sich vermutlich auf seine Formel der Vatermetapher. Sie zeigt, dass die Installierung des Namens-des-Vaters auf die Einsetzung des Phallus als Signifikant für das Begehren des Anderen hinausläuft.20)

Das mit der unverifizierbaren Sackgasse des Geschlechts verbundene Genießen

In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, spricht Lacan über die Kantische Ethik.

„Und auf dem [borromäischen] Knoten beruht all das, was für uns letztlich nur pathetisch ist, das, was Kant aus unserer Ethik wie im Voraus verstoßen hat, von daher nämlich, dass nichts, woran wir leiden, uns auf irgendeine Weise zu unserem Wohl führen kann.

Das  ist etwas, was auf irgendeine Weise verstanden werden muss, als ein Prodrom, als ein Prodrom, wage ich zu sagen, und darum habe ich einmal Kant mit Sade geschrieben, als ein Prodrom dessen, was wirklich unsere Passion ausmacht, nämlich dass wir keinerlei Idee mehr von dem haben, was uns den Weg zum Guten bahnen würde.

In dem Moment, in dem dieser Weg verfällt, in dem Moment, in dem Kant die Geste dieses kleinen Auswegs macht, dieser winzigen Verbindung mit dem, was Aristoteles als die Ordnung der Welt eingerichtet hatte, welches sind da die Argumente, die er vorbringt? Um die Dimension der Pflicht spürbar zu machen, was bringt er vor?

Was er vorbringt, ist dies, dass angeblich ein Liebender, der kurz davor ist, den Erfolg seiner Wollust (jouissance) zu erhalten21, zweimal hinschauen würde, wenn vor der Tür seiner Geliebten bereits der Galgen errichtet wäre, an dem man ihn hängen würde, und dagegen einzuwenden, dass sicherlich niemand so etwas je riskieren würde – während es doch völlig offenkundig ist, dass jeder Beliebige in der Lage ist, das zu tun, ganz einfach wenn er es will.

Nun, was wendet er dagegen ein? Das ist, dass – als wäre dies das Zeichen einer Überlegenheit –, dass ist, dass jemand, der vom Tyrannen aufgefordert wird, ein anderes Subjekt zu verleumden, zweimal hinschauen würde, bevor er ein falsches Zeugnis ablegen würde.22

Wogegen ich in meinem Text Kant mit Sade – denn ich habe sehr gute Sachen geschrieben, Sachen, bei denen natürlich niemand etwas versteht, aber einfach deswegen, weil sie taub sind –, wogegen ich eingewandt habe: Was aber, wenn nicht ein falsches, sondern ein wahres Zeugnis genügen würde, um dem Tyrannen den auszuliefern, dessen der Tyrann habhaft werden will? Was natürlich genügt, um alle Systeme dem Erdboden gleich zu machen, aus dem Grunde, dass die Wahrheit immer für den Tyrannen ist. Es ist immer wahr, dass man den Tyrannen nicht ertragen kann und dass es folglich bei dem, den der Tyrann in seine Hand bringen möchte, dafür bereits Gründe gibt; was er braucht, ist ein Anschein der Wahrheit.23

Der Blickwinkel, von dem aus Kant hier die Aufspaltung vornimmt, dieser Blickwinkel ist nicht gut. Daraus ergibt sich die Formel, die einfach aus diesen beiden Termini herausgelöst wird, zwischen denen Kant den Wiedereintritt der praktischen Vernunft zustande bringt, das heißt der moralischen Pflicht, das heißt, dass das Wesen, das Wesen dessen, worum es beim Guten geht, darin besteht, dass der Körper sein Genießen bezwingt, das heißt, es unterdrückt, und dies einfach im Namen des Todes, des eigenen Todes oder, wie in diesem Falle, des Todes eines anderen, des Todes, von dem er sich vorstellt, ihn zu ersparen.

Aber wenn diese Formel einmal umrissen ist, wird damit nicht das Gute auf seine richtige Tragweite reduziert? Ist es, außerhalb dieser Termini, dieser Termini, aus denen die drei gemacht sind, die drei des Realen, insofern das Reale selbst drei ist, nämlich das Genießen, der Körper, der Tod, insofern sie verknotet sind, insofern sie wohlgemerkt einzig durch diese unverifizierbare Sackgasse des Geschlechts miteinander verknotet sind –.“24

Kants Ethik beruht auf dem Gegensatz von Passivität und Aktivität.  Das, was „pathetisch“ ist, Kant sagt „pathologisch“, wurde von ihm aus der Ethik verstoßen. Mit „pathetisch“ bzw. „pathologisch“ ist das gemeint, was pathos ist, nämlich alles, was passiv erfahren wird, und das ist für Kant der gesamte Bereich der Affekte, Gefühle, Lüste und Schmerzen. Die Lust, die Grundlage der traditionellen Ethik, ist für Kant etwas „Pathologisches“, etwas, das passiv erfahren wird, und deshalb ist sie für ihn keine mögliche Grundlage der Ethik. An deren Stelle tritt das, was sich das Ich aus reiner Vernunft, unabhängig von Lust und Unlust, also aktiv, selbst gegeben hat: das Sittengesetz.

Von hier aus stellt Lacan die Frage, wie Kant in der Kritik der praktischen Vernunft über das abgelehnte „Pathetische“ spricht, über Leid und Lust.

Lacan notiert, dass Kant (im ersten der beiden moralischen Beispiele) über die Wollust spricht (wie Kant sich ausdrückt), also über jouissance in der alltagssprachlichen Bedeutung des Wortes, dass er außerdem den drohenden Tod ins Spiel bringt, sowohl den eigenen als auch den von anderen, und dass er schließlich den Körper zum Thema macht, als das, was Wollust empfinden kann und getötet werden kann. Das Gute wird von Kant also auf diese drei Größen bezogen: auf das Genießen, den Körper und den Tod.

Die drei Begriffe verweisen auf das Reale. Versteht Lacan unter dem Realen hier  das Genießen, den Körper und den Tod? Keineswegs.

Entscheidend ist der Zusatz: Das Reale ist das Genießen, der Körper und der Tod, „insofern sie wohlgemerkt einzig durch diese unverifizierbare Sackgasse des Geschlechts miteinander verknotet sind“.

Mit dem Geschlecht ist hier die biologische Zweigeschlechtlichkeit gemeint. Die Zweigeschlechtlichkeit ist mit dem (sexuellen) Genießen, mit dem Körper und mit der Sterblichkeit verbunden. Wenn Kant also das Genießen, den Körper und die Sterblichkeit mobilisiert, steht im Hintergrund die Zweigeschlechtlichkeit, sie verklammert die drei Bezüge.

Die biologische Zweigeschlechtlichkeit ist eine Sackgasse, insofern nämlich, als es für sie im Unbewussten keine Signifikanten gibt. Wer sich im Rahmen einer Psychoanalyse fragt, was es heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein, steckt in einer Sackgasse, er wird keine Antwort finden.

Die Sackgasse des Geschlechts ist „unverifizierbar“, damit bringt Lacan die Wahrheit ins Spiel, also das Symbolische. Wenn es um das Geschlecht geht, stößt die Wahrheit (sowie der Sinn) auf eine Grenze.

Das Reale ist also nicht schlicht das Genießen. Das Reale ist das Genießen, insofern das (sexuelle) Genießen mit der „unverifizierbaren Sackgasse des Geschlechts“ verbunden ist, mit der Erfahrung einer Grenze des Symbolischen.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Seminar 21, Sitzung vom 11. Juni 1974.
  2. Vgl. J. Lacan: La troisième. In:  Lettres de l’École freudienne. Bulletin intérieur de l’École Freudienne de Paris, Nr. 16, 1975, S. 177–203, hier: S. 179 (eine Kopie dieses Vortrags findet man im Internet hier, eine Abschrift auf der Seite der École lacanienne de Paris hier); eine bessere Transkription (von Patrick Valas u.a.) gibt es auf der Website von Patrick Valas (valas.fr), hier; eine deutsche Übersetzung, von Nicole Taubes erstellt, steht auf derselben Website hier.
  3. Vgl. Die Dritte, a.a.O., S. 192.
  4. Vgl. Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Sitzung vom 11. Februar 1970; Version Miller, S. 93.
  5. Vgl. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 228 f.
  6. Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 37–146, hier: S. 123 f. Fn. 1 mit Zusatz von 1915.– Ders.: Das Unbehagen in der  Kultur (1930). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 235 f. Anm. 2.– Ders.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 448–608, darin Vorlesung 33, „Die Weiblichkeit“, S. 545–548.
  7. Ich bin mir nicht sicher, dass ich den Sinn von terme conjoint getroffen habe.
  8. Seminar 21, Sitzung vom 12. März 1974, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  9. Seminar 23, Sitzung vom 10. Februar 1975; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 77 f.
  10. S. Freud: Die endliche und die unendliche Analyse (1937). In: Ders.: Studienausgabe, Schriften zur Behandlungstechnik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 351–392, hier: S. 388.
  11. Vgl. Seminar 17, Sitzung vom 10. Juni 1970; Version Miller, S. 202 f.
  12. Diagramm aus: J. Lacan: Radiophonie. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 5–54, hier: S. 49.
  13. Seminar 14, Sitzung vom 31. Mai 1967, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  14. Vgl. Seminar 16, Sitzung vom 14. Mai 1969.
  15. Seminar 18, Sitzung vom 20. Januar 1971, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 33. Eine Übersetzung der gesamten Sitzung findet man hier.
  16. Diese These wird von Lacan in den Seminaren 18 bis 20 ausführlich entwickelt.
  17. Seminar 18, Sitzung vom 20. Januar 1971, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 33 f.
  18. Seminar 18, Sitzung vom 10. Februar 1971; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 34.
  19. Vgl.  Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, Sitzung vom 11. Juni 1974.
  20. Vgl. J. Lacan: Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht (1958). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 9–71, v.a. die Formel S. 40.
  21. “Wollust“ ist der von Kant an dieser Stelle verwendete Terminus.
  22. Lacan zitiert diese Passage in Kant mit Sade aus: Kant: Kritik der praktischen Vernunft, Erster Teil: Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft, Erstes Buch: Die Analytik der reinen praktischen Vernunft, Erstes Hauptstück: Von den Grundsätzen der reinen praktischen Vernunft, § 6, Anmerkung II, Aufgabe.
  23. Vgl. J. Lacan: Kant mit Sade (1963). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 289–321, hier: S. 309 f.
  24. Seminar 21, Sitzung vom 19. März 1974; meine Übersetzung nach Version Staferla.

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