Das Genießen des Realen und das Reale des Genießens

maenner-mit-bein-mit-strumpfWer­bung von Du­Pont zur Prä­sen­ta­ti­on des ers­ten Ny­lon­strumpfs im Jahr 1939 (ver­mut­lich)
Von hier

Wie be­greift La­can das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ge­nie­ßen (jouis­sance) und dem Rea­len? Es gibt zwei Ver­bin­dungs­rich­tun­gen: das Ge­nie­ßen des Rea­len und das Rea­le des Ge­nie­ßens.

Der fol­gen­de Über­blick ist in dem Sin­ne voll­stän­dig, dass sämt­li­che Pas­sa­gen zi­tiert und er­läu­tert wer­den, in de­nen La­can in den Se­mi­na­ren, den Écrits, den Au­tres écrits und in Pas-tout La­can die For­mu­lie­run­gen „jouis­sance du réel“ (Ge­nie­ßen des Rea­len) oder „réel de la jouis­sance“ (Rea­les des Ge­nie­ßens) ver­wen­det. Si­cher­lich gibt es mehr Stel­len, in de­nen er den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Ge­nie­ßen und dem Rea­len dar­stellt, und wahr­schein­lich so­gar prä­gnan­te­re, nur eben nicht mit ge­nau die­sen For­mu­lie­run­gen; es wäre je­doch auf­wän­di­ger, sie zu­sam­men­zu­tra­gen (d.h. hier ver­sagt die Voll­text­su­che in PDF-Da­tei­en). Im Fol­gen­den fin­det man also alle Pas­sa­gen mit eben die­sen For­mu­lie­run­gen, er­gänzt um ei­ni­ge Zu­falls­fun­de zum sel­ben The­ma.

Die Fett­schrei­bung der Haupt­be­grif­fe ist von mir.

Die Begriffe

Jouis­sance meint in der fran­zö­si­schen All­tags­spra­che den Or­gas­mus, La­can hin­ge­gen ver­steht dar­un­ter das ge­sam­te Feld des­sen, was Freud als „Er­re­gung“, als „Lust“, als „Lust­emp­fin­dung“, als „Lust­be­frie­di­gung“ oder als „Trieb­be­frie­di­gung“ be­zeich­net. Im Deut­schen hat sich die Über­set­zung mit „Ge­nie­ßen“ durch­ge­setzt. Wenn je­mand Gym­nas­tik treibt, geht es, La­can zu­fol­ge, um jouis­sance.1 Wenn eine Kat­ze schnurrt, ge­nießt sie.2 La­can fragt sich so­gar, ob das Ge­nie­ßen mög­li­cher­wei­se ein Merk­mal des Le­bens über­haupt ist – ob auch Pflan­zen ge­nie­ßen.3 Die se­xu­el­le Er­re­gung bis hin zum Or­gas­mus nennt er jouis­sance se­xu­el­le. Den Be­reich des Ge­nie­ßens be­zeich­net er ein­mal als das „Lacan’sche Feld“4; für die Zwe­cke der Psy­cho­ana­ly­se un­ter­schei­det er vor al­lem das Kör­per­ge­nie­ßen, die Mehr­lust, das phal­li­sche Ge­nie­ßen  und das Ge­nie­ßen des An­de­ren.

Das Ge­nie­ßen (jouis­sance) wird nur teil­wei­se vom Lust­prin­zip (princi­pe de plai­sir) be­herrscht, wor­un­ter Freud das Stre­ben nach Un­lust­ver­mei­dung durch Kon­stan­t­hal­ten oder Ver­min­de­rung der Er­re­gung ver­steht – ein Teil der jouis­sance ver­ur­sacht Un­lust und wird bei­spiels­wei­se als Schmerz emp­fun­den. We­gen der Op­po­si­ti­on von jouis­sance und plai­sir kommt man in Schwie­rig­kei­ten, wenn man jouis­sance mit „Lust“ über­setzt – al­ler­dings bringt La­can selbst ge­le­gent­lich jouis­sance mit „Lust“ ins Deut­sche.

Das Rea­le be­steht für La­can dar­in, dass die Sym­bo­li­sie­rung schei­tert. Er be­zieht den Be­griff nicht nur auf die Psy­cho­ana­ly­se, son­dern auch auf die for­ma­li­sier­ten For­men des Wis­sens (Ma­the­ma­tik, Lo­gik, Phy­sik), auch hier gibt es Gren­zen der Sym­bo­li­sie­rung, etwa Gren­zen der Be­weis­bar­keit; sie las­sen sich so­gar ex­akt an­ge­ben, mit for­ma­len, d.h. schrift­ge­stütz­ten Ver­fah­ren.

In der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis macht sich das Rea­le als Wi­der­stand be­merk­bar – die As­so­zia­tio­nen krei­sen um et­was, was nicht ge­sagt wer­den kann, und die Deu­tung kann die­se Blo­ckie­rung nicht auf­lö­sen. Das Rea­le liegt letzt­lich dem Wie­der­ho­lungs­zwang zu­grun­de oder, wie La­can sich aus­drückt, der Wie­der­ho­lung – in der Wie­der­ho­lung in­sis­tiert ge­wis­ser­ma­ßen et­was, was ge­sagt wer­den soll aber nicht ge­sagt wer­den kann. Die ent­schei­den­den An­knü­fungs­punk­te bei Freud sind des­sen Dar­stel­lung des Ver­hält­nis­ses von Er­in­nern und Wie­der­ho­len in Jen­seits des Lust­prin­zips5 so­wie des­sen An­nah­me, dass im Un­be­wuss­ten be­stimm­te Vor­stel­lun­gen feh­len, nicht zu­letzt die des Männ­li­chen und des Weib­li­chen6 (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Das Genießen des Realen

Das Genießen des Mathematikers

In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, sagt La­can:

Falls es dazu käme, falls es dazu käme, dass die Lie­be zu ei­nem Spiel wür­de, des­sen Re­geln man kenn­te, hät­te das im Hin­blick auf das Ge­nie­ßen mög­li­cher­wei­se vie­le Nach­tei­le. Aber das wür­de es, wenn ich so sa­gen kann, auf sein ver­bin­den­des Ende (ter­me con­joint7) zu­rück­wer­fen. Und wenn die­ses ver­bin­den­de Ende eben das ist, was ich über das Rea­le vor­brin­ge, wo­von Sie se­hen, dass ich mich mich mit die­ser schwa­chen klei­nen Stüt­ze der Zahl be­gnü­ge – ich hab nicht ge­sagt: der Zif­fer –, der Zahl drei. Falls die Lie­be – in­dem sie ein Spiel wird, des­sen Re­geln man kennt – sich ei­nes Ta­ges, denn das ist ihre Funk­ti­on, am Ende des­sen be­fän­de, dass sie eine der Ei­nen die­ser drei [Rin­ge des bor­ro­mäi­schen Kno­tens] ist, wenn sie funk­tio­nie­ren wür­de, um das Ge­nie­ßen des Rea­len mit dem Rea­len des Ge­nie­ßens zu ver­bin­den, wäre das dann nicht et­was, was das Spiel wert wäre?

Das Ge­nie­ßen des Rea­len, das hat ei­nen Sinn, nicht wahr, falls es ir­gend­wo Ge­nie­ßen des Rea­len als sol­ches gibt, und falls das Rea­le das ist, was ich sage, näm­lich so, dass es mit der Zahl drei be­ginnt.

Und wie Sie wis­sen, hän­ge ich nicht an der 3, nicht wahr, Sie könn­ten hier 1416 an­hän­gen, das wäre im­mer die­sel­be Zahl, nicht wahr, für das, wo­für ich sie brau­che. Und Sie könn­ten sie auch 2,718 schrei­ben – das ist ein be­stimm­ter Ne­per­scher Lo­ga­rith­mus –, das spielt die­sel­be Rol­le.

Die ein­zi­gen Leu­te, die die­ses Rea­le ge­nie­ßen, sind die Ma­the­ma­ti­ker.

Also, die Ma­the­ma­ti­ker müss­ten sich un­ter das Joch des Lie­bes­spiels beu­gen, so­dass sie uns ein biss­chen dar­über sa­gen, so­dass sie über den bor­ro­mäi­schen Kno­ten et­was mehr ar­bei­ten. Denn ich muss Ih­nen ge­ste­hen, nun ja, ich bin wirk­lich in Ver­le­gen­heit, mehr als Sie glau­ben möch­ten, ich ver­brin­ge mei­nen Tag da­mit, wel­che zu ma­chen, bor­ro­mäi­sche Kno­ten zu ma­chen, wo­bei das hier so wie das ist: ich stri­cke.

Al­ler­dings, das Ge­nie­ßen des Rea­len geht nicht ohne das Rea­le des Ge­nie­ßens. Denn da­mit das eine mit dem an­de­ren ver­kno­tet ist, muss das an­de­re mit dem ei­nen ver­kno­tet sein. Und das Rea­le des Ge­nie­ßens, das sagt man so, aber wel­chen Sinn soll man die­sem Aus­druck ‚das Rea­le des Ge­nie­ßens‘ ge­ben? Hier­bei las­se ich Sie heu­te ste­hen: bei ei­nem Fra­ge­zei­chen.“8

Wer ge­nießt das Rea­le? Der Ma­the­ma­ti­ker.

Das Rea­le wird durch die drei ge­stützt, in­so­fern eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung aus min­des­tens drei Rin­gen be­stehen muss; erst wenn es die drei (Rin­ge) gibt, und da­mit den Ring des Rea­len, kann es die eins und die zwei ge­ben, ei­nen Ring und zwei Rin­ge.

Das Rea­le be­ginnt aber auch bei­spiels­wei­se mit der Zahl 3,1416…, also mit der Kreis­zahl π, oder etwa mit der Zahl 2,718 …, mit der so­ge­nann­ten Eu­ler­schen Zahl. Bei­des sind tran­szen­den­te Zah­len, d.h. Zah­len, die mit den Mit­teln der Al­ge­bra nicht er­fasst wer­den kön­nen. Das Rea­le be­steht dar­in, dass die Sym­bo­li­sie­rung schei­tert, und in die­sem Fal­le stößt die Sym­bo­li­sie­rung in­so­fern auf eine Gren­ze, als die Al­ge­bra ver­sagt.

Ma­the­ma­ti­ker ge­nie­ßen es, sich mit sol­chen un­mög­li­chen Zah­len zu be­schäf­ti­gen – mit Zah­len, die im Rah­men ei­nes be­stimm­ten sym­bo­li­schen Ap­pa­rats un­mög­lich sind –, und in­so­fern ge­nie­ßen sie das Rea­le.

La­can ver­wen­det den Aus­druck jouis­sance, er spricht nicht von plai­sir. Die Lust, die es den Ma­the­ma­ti­kern be­rei­tet, sich mit Zah­len die­ses Typs her­um­zu­schla­gen, ist nicht ein­fach ein Ver­gnü­gen (plai­sir), sie un­ter­liegt nicht au­to­ma­tisch dem Lust­prin­zip (princi­pe de plai­sir). Das Ge­nie­ßen des Rea­len kann für Ma­the­ma­ti­ker durch­aus eine Qual sein.

Das Ge­nie­ßen des Rea­len geht nicht ohne das Rea­le des Ge­nie­ßens, aber was könn­te da­mit ge­meint sein? Die Fra­ge bleibt in die­ser Sit­zung of­fen.

Das masochistische Genießen

In Se­mi­nar 23 von 1974/75, Das Sin­t­hom, stellt La­can die Fra­ge, ob Joy­ce ver­rückt war und fährt dann fort:

Dass ich sie heu­te nicht be­ant­wor­te, hin­dert mich nicht dar­an, dass ich an­fan­ge zu ver­su­chen, mich durch Be­zug auf die For­mel zu ver­or­ten, die ich Ih­nen vor­ge­schla­gen habe: die Un­ter­schei­dung zwi­schen Wah­rem und Rea­lem. Bei Freud ist das of­fen­kun­dig. So hat er sich so­gar ori­en­tiert: das Wah­re be­rei­tet Lust (plai­sir), und eben das un­ter­schei­det es vom Rea­len, bei Freud zu­min­dest. Das heißt, dass das  Rea­le nicht zwangs­läu­fig Lust ver­schafft.

Es ist klar, dass ich die Sa­che Freuds hier ver­zer­re, ich ver­su­che an­zu­mer­ken, dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, dass das Ge­nie­ßen vom Rea­len ist. Das ver­wi­ckelt mich in enor­me Schwie­rig­kei­ten.

Zu­nächst des­halb, weil klar ist, dass das Ge­nie­ßen des Rea­len, Freud hat das be­merkt, den Ma­so­chis­mus mit sich führt; und of­fen­kun­dig war es nicht die­ser Schritt, von dem er aus­ge­gan­gen ist. Der Ma­so­chis­mus, wel­cher der Haupt­an­teil des Ge­nie­ßens ist, das vom Rea­len be­rei­tet wird, er hat ihn ent­deckt, er hat­te ihn nicht so­gleich vor­aus­ge­se­hen.“9

Der Haupt­an­teil des Ge­nie­ßens, den das Rea­le be­rei­tet, ist der Ma­so­chis­mus. Dem­nach ent­steht das ma­so­chis­ti­sche Ge­nie­ßen durch den Be­zug auf et­was Rea­les. Wel­che Un­mög­lich­keit könn­te ge­meint sein? Hier mei­ne Ver­mu­tung:

Was im Ma­so­chis­mus ge­nos­sen wird, ist der Be­fehl. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie ist der Be­fehl der Her­ren­si­gni­fi­kant, S1.

Im Dis­kurs des Herrn ver­sucht der Her­ren­si­gni­fi­kant das Wis­sen, S2, un­ter Kon­trol­le zu be­kom­men: S1 → S2.

Die­se Be­zie­hung ist un­mög­lich. Re­gie­ren ge­hört zu den „un­mög­li­chen“ Be­ru­fen, wie Freud sagt.10 Mit La­can: Es ist un­mög­lich, durch ei­nen Be­fehl sei­ne Welt zum Lau­fen zu brin­gen.11

In der For­mel des Her­ren­dis­kur­ses ist der Pfeil, der von S1 oben links nach S2 oben rechts führt, des­halb mit „Un­mög­lich­keit“ über­schrie­ben.12

diskurs-des-herrn-mit-unmoeglichkeitDie ma­so­chis­ti­sche Be­zie­hung zum Be­fehl wäre dem­nach sub­ver­siv: was ge­nos­sen wird, ist der Be­fehl, in­so­fern er un­mög­lich ist.

Das Ge­nie­ßen des Rea­len be­steht also dar­in, dass eine sym­bo­li­sche Un­mög­lich­keit zur Quel­le des Ge­nie­ßens wird, der Er­re­gung jen­seits des Lust­prin­zips, sei es eine Zahl in ih­rer Un­mög­lich­keit, sei es der Be­fehl in sei­ner Un­mög­lich­keit.

Das Reale des Genießens

Das Genießen jenseits der Herrschaft des Signifikanten

In Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, spricht La­can über die Be­zie­hung von Herr und Knecht und über die Ob­jek­te, um die es da­bei geht.

Es ist nicht nö­tig, sie [die­se Ob­jek­te] in Er­in­ne­rung zu ru­fen, be­zo­gen dar­auf, wor­um es beim Ora­len geht und bei dem, was man auch das Ana­le nennt, aber auch die­se an­de­ren, hö­he­ren, we­ni­ger be­kann­ten – in ei­nem in­ti­me­ren Re­gis­ter, das, im Ver­hält­nis zum An­spruch, als das Be­geh­ren kon­sti­tu­iert ist –, die sich ‚der Blick‘ und ‚die Stim­me‘ nen­nen.

Die­se Ob­jek­te, in­so­fern sie von ir­gend­ei­ner Herr­schaft des Si­gni­fi­kan­ten auf kei­ne Wei­se er­fasst wer­den könn­ten, auch dann nicht, wenn die­se Herr­schaft sich ganz bis zum Rang der so­zia­len Herr­schaft ent­wi­ckelt hat, die­se Ob­jek­te, die ih­rer Na­tur nach dem ent­kom­men, was heißt das?

Denn für den Knecht gibt es auf der Sei­te des An­de­ren nur ein un­ter­stell­tes Ge­nie­ßen – He­gel hat sich dar­in ge­täuscht, dass es das Ge­nie­ßen des Herrn für den Knecht gibt; aber die Fra­ge, die Gel­tung hat, habe ich Ih­nen vor­hin ge­stellt: ‚Das, was man ge­nießt, ge­nießt das?‘

Und wenn es wahr ist, dass vom Rea­len des Ge­nie­ßens et­was nur auf der Ebe­ne des Knechts Be­stand ha­ben kann, dann wäre es für ihn also an die­sem Platz, der am Ran­de des Fel­des sei­nes Kör­pers ge­las­sen wur­de, der durch die Ob­jek­te ge­bil­det wird, de­ren Ka­ta­log ich eben in Er­in­ne­rung ge­ru­fen habe.

Hier, an die­sem Platz, hier muss sich die Fra­ge des Ge­nie­ßens stel­len.

Nichts kann dem Knecht / dem Skla­ven sei­ne Funk­ti­on neh­men, we­der sei­ne Funk­ti­on des Blicks, noch die der Stim­me, auch nicht die, um die es bei sei­ner Am­men­funk­ti­on geht – denn die An­ti­ke zeigt ihn uns häu­fig in die­ser Funk­ti­on –, und noch we­ni­ger sei­ne Funk­ti­on des aus­ge­wor­fe­nen Ob­jekts, des Ob­jekts der Ver­ach­tung.

Auf die­ser Ebe­ne stellt sich die Fra­ge des Ge­nie­ßens. Das ist eine Fra­ge, und wie Sie se­hen, ist das so­gar eine wis­sen­schaft­li­che Fra­ge.“13

La­can un­ter­schei­det die Ob­jek­te a da­nach, ob sie durch den An­spruch kon­sti­tu­iert wer­den (Brust und Kot) oder durch das Be­geh­ren (Blick und Stim­me).

Die­se Ob­jek­te sind mit ei­nem Ge­nie­ßen ver­bun­den. Dazu ge­hö­ren die ora­le und die ana­le Trieb­be­frie­di­gung (wie Freud sa­gen wür­de), die bei­de durch den An­spruch ent­stan­den sind, d.h. durch For­de­run­gen des Sub­jekts an den An­de­ren (oral) und durch For­de­run­gen des An­de­ren an das Sub­jekt (anal) (sie­he die­sen Blog­ar­ti­kel). Dazu ge­hö­ren au­ßer­dem die Lüs­te, die sich auf das Be­geh­ren stüt­zen. Die Lust am Se­hen und Ge­se­hen­wer­den (Blick) be­zieht sich auf das Be­geh­ren nach dem An­de­ren, und die mit der Stim­me ver­bun­de­ne Lust (etwa im Ma­so­chis­mus) auf das Be­geh­ren auf der Sei­te des An­de­ren.

Die Ob­jek­te a kön­nen von der Herr­schaft des Si­gni­fi­kan­ten auf kei­ne Wei­se er­fasst wer­den, selbst  dann nicht, wenn die Herr­schaft des Si­gni­fi­kan­ten durch die so­zia­le Herr­schaft sta­bi­li­siert wird.

An­ders ge­sagt: Die­se Ob­jek­te sind nicht auf der Sei­te des Herrn (sie kön­nen nicht durch Si­gni­fi­kan­ten be­herrscht wer­den), son­dern auf der des Knechts.

Was ist hier mit dem „Rea­len“ des Ge­nie­ßens ge­meint? Das Rea­le be­steht für La­can dar­in, dass das Sym­bo­li­sche auf eine Gren­ze stößt. Die Ob­jek­te a sind eine Form des Rea­len, in­so­fern sie nicht dem Kom­man­do des Si­gni­fi­kan­ten un­ter­wor­fen wer­den kön­nen. Das Rea­le des Ge­nie­ßens be­steht hier dar­in, dass das Ge­nie­ßen sich auf Ob­jek­te stützt, die mit dem Si­gni­fi­kan­ten in­kom­men­sura­bel sind (wo­bei es nicht die­se Un­mög­lich­keit ist, die ge­nos­sen wird, wie beim Ge­nie­ßen des Rea­len).

Das Genießen, das durch einen fehlenden Signifikanten repräsentiert wird

In Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, sagt La­can: Das se­xu­el­le Ge­nie­ßen – die se­xu­el­le Er­re­gung bis hin zum  Or­gas­mus – ist in dem Sin­ne real, als es hier­für im Un­be­wuss­ten kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt und auch nicht ge­ben kann. Der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der das se­xu­el­le Ge­nie­ßen re­prä­sen­tiert, ist der sym­bo­li­sche Phal­lus, groß Phi, Φ, und die­ser Si­gni­fi­kant, sagt La­can hier, ge­hört nicht zum un­be­wuss­ten sym­bo­li­schen Sys­tem des Sub­jekts.14 Das ent­spricht dem Be­griff des Rea­len, den La­can auch sonst ver­wen­det: das Rea­le als Grenz­erfah­rung, als Er­fah­rung der Gren­ze des Sym­bo­li­schen, hier: des Un­be­wuss­ten als ei­nes Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rats. (Vgl. zu die­ser Pas­sa­ge aus­führ­lich die­sen Blog­ar­ti­kel.)

Das sexuelle Genießen, insofern es unmöglich ist

In Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, liest man:

Der Ödi­pus-My­thos, wer sieht nicht, dass er not­wen­dig ist, um das Rea­le zu be­zeich­nen, denn das ist ge­nau das, was er zu tun be­an­sprucht. Oder ge­nau­er: Das, wor­auf der Theo­re­ti­ker re­du­ziert ist, wenn er die­sen Hy­per­my­thos for­mu­liert, ist dies, dass das Rea­le im stren­gen Sin­ne sich wor­in ver­kör­pert? im se­xu­el­len Ge­nie­ßen, als was? als un­mög­lich, denn das, was der Ödi­pus be­zeich­net, ist das my­thi­sche We­sen, des­sen Ge­nie­ßen das Ge­nie­ßen von was wäre? das al­ler Frau­en.“15

Der Ödi­pus-My­thos be­zeich­net das Rea­le, und das Rea­le ver­kör­pert sich hier im Ge­nie­ßen. Das Rea­le ver­kör­pert sich nicht im Ge­nie­ßen schlecht­hin, son­dern in ei­nem be­stimm­ten Ge­nie­ßen: in ei­nem Ge­nie­ßen, das un­mög­lich ist.

Das, was der Ur­va­ter ge­nießt, sind „alle Frau­en“, und alle Frau­en zu ge­nie­ßen ist un­mög­lich. Nicht in dem phy­sio­lo­gi­schen Sin­ne, dass sei­ne Erek­ti­ons­ka­pa­zi­tät für mehr als ei­ni­ge Frau­en nicht aus­reicht. „Alle Frau­en“ zu ge­nie­ßen, ist in­so­fern un­mög­lich, als es im Un­be­wuss­ten den Be­zug auf „alle Frau­en“ nicht gibt. Ein Stier kann „alle Kühe“ ge­nie­ßen, d.h. je­des be­lie­bi­ge Rind, so­fern es weib­lich und ge­schlechts­reif ist. Eine sol­che Po­lung auf be­lie­bi­ge Mit­glie­der des bio­lo­gi­schen Ge­gen­ge­schlechts ist beim mensch­li­chen Männ­chen nicht vor­han­den. (Vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.)

An­ders for­mu­liert: „die“ Frau exis­tiert nicht, und in die­sem Sin­ne ist das Ge­nie­ßen des Ur­va­ters, der „die“ Frau ge­nießt, un­mög­lich.16

La­can fährt fort:

Dass ein sol­cher Ap­pa­rat hier ge­wis­ser­ma­ßen vom Dis­kurs selbst auf­ge­nö­tigt wird, ist das denn nicht das si­chers­te Ge­gen­stück zu dem, was ich als Theo­rie äu­ße­re, be­zo­gen auf die Vor­rang­stel­lung des Dis­kur­ses, be­zo­gen auf all das, wor­um es beim Ge­nie­ßen ge­nau geht? Was die ana­ly­ti­sche Theo­rie ar­ti­ku­liert, ist et­was, des­sen Cha­rak­ter, als Ob­jekt er­fass­bar, eben das ist, was ich als Ob­jekt klein a be­zeich­ne, in­so­fern es durch eine Rei­he güns­ti­ger or­ga­ni­scher Kon­tin­gen­zen – Brust, Ex­kre­ment, Blick oder Stim­me – dazu ge­langt, den Platz aus­zu­fül­len, der als der­je­ni­ge der Mehr­lust de­fi­niert ist.

Was be­haup­tet die Theo­rie, wenn nicht Fol­gen­des: Et­was, was dazu ten­diert –; die­ses Ver­hält­nis der Mehr­lust – ein Ver­hält­nis, in des­sen Na­men in un­se­rer ge­sam­ten ana­ly­ti­schen Be­ob­ach­tung die Funk­ti­on der Mut­ter an ei­nen der­art be­stim­men­den Punkt ge­langt –; die­se Mehr­lust wird nur da­durch nor­ma­li­siert, dass ein Ver­hält­nis zum se­xu­el­len Ge­nie­ßen her­ge­stellt wird, bis auf dies, dass die­ses Ge­nie­ßen, die­ses se­xu­el­le Ge­nie­ßen nur for­mu­liert wird, nur ar­ti­ku­liert wird vom Phal­lus her, in­so­fern er des­sen Si­gni­fi­kant ist. Der Phal­lus, je­mand hat mal ge­schrie­ben, das sei der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der das Feh­len des Si­gni­fi­kan­ten be­zeich­nen wür­de. Das ist ab­surd, et­was Der­ar­ti­ges habe ich nie­mals ar­ti­ku­liert. Der Phal­lus ist ganz streng das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, in­so­fern es ko­or­di­niert ist, in­so­fern es fest ver­bun­den ist mit ei­nem Schein. Das ist ge­nau das, was ge­schieht, und das ist et­was, bei dem es ziem­lich merk­wür­dig ist, wenn man sieht, wie alle Ana­ly­ti­ker sich be­mü­hen, den Blick da­von ab­zu­wen­den. Statt auf die­sen Wen­de­punkt im­mer grö­ße­ren Nach­druck ge­legt zu ha­ben, auf die­se Kri­se der phal­li­schen Pha­se, ist ih­nen viel­mehr al­les recht, sie zu ver­mei­den, die Kri­se: die Wahr­heit, mit der nicht ei­nes die­ser jun­gen spre­chen­den We­sen nicht fer­tig wer­den muss, näm­lich, dass es wel­che gibt, die kei­nen ha­ben. Dop­pel­tes Vor­drin­gen zum Man­gel: weil es wel­che gibt, die kei­nen ha­ben, und au­ßer­dem fehl­te die­se Wahr­heit bis da­hin.“17

Wie funk­tio­niert das Ge­nie­ßen beim Men­schen? Das Ge­nie­ßen in der Form der Mehr­lust stützt sich auf das Ob­jekt a. Dies ent­spricht in etwa Freuds Kon­zept der prä­ge­ni­ta­len po­ly­morph-per­ver­sen Trieb­re­gun­gen.

Die­se Mehr­lust wird in vie­len Fäl­len nor­ma­li­siert, d.h. es wird ein se­xu­el­les Ge­nie­ßen kon­sti­tu­iert, das mit ei­ner he­te­ro­se­xu­el­len nicht-per­ver­sen Ori­en­tie­rung ein­her­geht. Dies ge­schieht durch die In­ter­ven­ti­on des Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten, in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Die­ser Kom­plex läuft dar­auf hin­aus, dass ein Si­gni­fi­kant des Man­gels ge­bil­det wird – des­sen, was dem an­de­ren fehlt –, und die­ser Si­gni­fi­kant er­mög­licht auf ei­ni­gen Um­we­gen die nor­ma­li­sier­te Form der Se­xua­li­tät.

An­schlie­ßend heißt es

Die se­xu­el­le Iden­ti­fi­zie­rung be­steht nicht dar­in, sich für ei­nen Mann oder eine Frau zu hal­ten, son­dern dem Rech­nung zu tra­gen, dass es Frau­en gibt – was den Jun­gen an­geht –, und dass es Män­ner gibt – was das Mäd­chen an­geht. Und wich­tig ist nicht ein­mal so sehr, was sie er­le­ben, wich­tig ist eine rea­le Si­tua­ti­on, wenn Sie ge­stat­ten. Das ist dies, dass für die Män­ner das Mäd­chen der Phal­lus ist, und dass es das ist, was sie kas­triert. Dass für die Frau­en der Jun­ge das­sel­be ist, der Phal­lus, und das ist das, was sie eben­falls kas­triert, weil sie nur ei­nen Pe­nis er­wer­ben und weil das ein Fehl­schlag ist. Der Jun­ge und das Mäd­chen ge­hen Ri­si­ken zu­nächst nur durch die Dra­men ein, die sie aus­lö­sen – ei­nen Mo­ment lang sind sie der Phal­lus. Das ist das Rea­le, das Rea­le des se­xu­el­len Ge­nie­ßens, in­so­fern die­ses Ge­nie­ßen als sol­ches ab­ge­trennt ist, das ist der Phal­lus, an­ders ge­sagt der Name-des-Va­ters – wo­bei sei­ner­zeit ei­ni­ge from­me Per­so­nen an der Gleich­set­zung die­ser bei­den Ter­mi­ni An­stoß ge­nom­men ha­ben.“18

Die se­xu­el­le Iden­ti­fi­zie­rung ist nicht eine Selbst­i­den­ti­fi­zie­rung, son­dern eine Be­zie­hung, näm­lich zu Mit­glie­dern des an­de­ren Ge­schlechts. (Was heißt das für die Ho­mo­se­xua­li­tät?) Bei der se­xu­el­len Iden­ti­fi­zie­rung geht es nicht so sehr um das, was Jun­gen und Mäd­chen „er­le­ben“, son­dern um eine „rea­le Si­tua­ti­on“. Da­mit ist ver­mut­lich ge­meint: bei der se­xu­el­len Iden­ti­fi­zie­rung ist nicht die ima­gi­nä­re und die sym­bo­li­sche Ebe­ne ent­schei­dend (das „Er­le­ben“), son­dern die rea­le Ebe­ne, die Kon­fron­ta­ti­on mit ei­ner Gren­ze der Sym­bo­li­sie­rung.

Die rea­le Si­tua­ti­on be­steht dar­in, dass für die Män­ner das Mäd­chen der Phal­lus ist und um­ge­kehrt. Das Rea­le be­steht in ei­nem Sym­bo­li­sie­rungs­de­fi­zit, und das heißt in die­sem Fall, dass es im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten für die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit gibt, und dass der Phal­lus-Si­gni­fi­kant hier­für ge­wis­ser­ma­ßen ein­springt. Un­ter Kas­tra­ti­on ver­steht La­can hier eben die­sen Zu­sam­men­hang.

Das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, um das es in der Be­zie­hung zwi­schen Män­nern und Frau­en geht, ist ab­ge­trennt. La­can be­schreibt hier die Form des Ge­nie­ßens, die er sonst als „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ be­zeich­net. Die­ses Ge­nie­ßen wird als et­was er­lebt, das von dem mit dem Kör­per ver­bun­de­nen Ge­nie­ßen ab­ge­löst ist, als ein „pa­ra­si­tä­res Ge­nie­ßen“, wie er auch sagt.19

Das Rea­le des se­xu­el­len Ge­nie­ßens be­steht dar­in, dass es durch den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten ver­mit­telt ist. Der Phal­lus ist der Si­gni­fi­kant des se­xu­el­len Rea­len.

(Der Phal­lus ist der Name-des-Va­ters: mit die­ser Gleich­set­zung be­zieht La­can sich ver­mut­lich auf sei­ne For­mel der Va­ter­me­tapher. Sie zeigt, dass die In­stal­lie­rung des Na­mens-des-Va­ters auf die Ein­set­zung des Phal­lus als Si­gni­fi­kant für das Be­geh­ren des An­de­ren hin­aus­läuft.20)

Das mit der unverifizierbaren Sackgasse des Geschlechts verbundene Genießen

In Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, spricht La­can über die Kan­ti­sche Ethik.

Und auf dem [bor­ro­mäi­schen] Kno­ten be­ruht all das, was für uns letzt­lich nur pa­the­tisch ist, das, was Kant aus un­se­rer Ethik wie im Vor­aus ver­sto­ßen hat, von da­her näm­lich, dass nichts, wor­an wir lei­den, uns auf ir­gend­ei­ne Wei­se zu un­se­rem Wohl füh­ren kann.

Das  ist et­was, was auf ir­gend­ei­ne Wei­se ver­stan­den wer­den muss, als ein Pro­drom, als ein Pro­drom, wage ich zu sa­gen, und dar­um habe ich ein­mal Kant mit Sade ge­schrie­ben, als ein Pro­drom des­sen, was wirk­lich un­se­re Pas­si­on aus­macht, näm­lich dass wir kei­ner­lei Idee mehr von dem ha­ben, was uns den Weg zum Gu­ten bah­nen wür­de.

In dem Mo­ment, in dem die­ser Weg ver­fällt, in dem Mo­ment, in dem Kant die Ges­te die­ses klei­nen Aus­wegs macht, die­ser win­zi­gen Ver­bin­dung mit dem, was Aris­to­te­les als die Ord­nung der Welt ein­ge­rich­tet hat­te, wel­ches sind da die Ar­gu­men­te, die er vor­bringt? Um die Di­men­si­on der Pflicht spür­bar zu ma­chen, was bringt er vor?

Was er vor­bringt, ist dies, dass an­geb­lich ein Lie­ben­der, der kurz da­vor ist, den Er­folg sei­ner Wol­lust (jouis­sance) zu er­hal­ten21, zwei­mal hin­schau­en wür­de, wenn vor der Tür sei­ner Ge­lieb­ten be­reits der Gal­gen er­rich­tet wäre, an dem man ihn hän­gen wür­de, und da­ge­gen ein­zu­wen­den, dass si­cher­lich nie­mand so et­was je ris­kie­ren wür­de – wäh­rend es doch völ­lig of­fen­kun­dig ist, dass je­der Be­lie­bi­ge in der Lage ist, das zu tun, ganz ein­fach wenn er es will.

Nun, was wen­det er da­ge­gen ein? Das ist, dass – als wäre dies das Zei­chen ei­ner Über­le­gen­heit –, dass ist, dass je­mand, der vom Ty­ran­nen auf­ge­for­dert wird, ein an­de­res Sub­jekt zu ver­leum­den, zwei­mal hin­schau­en wür­de, be­vor er ein fal­sches Zeug­nis ab­le­gen wür­de.22

Wo­ge­gen ich in mei­nem Text Kant mit Sade – denn ich habe sehr gute Sa­chen ge­schrie­ben, Sa­chen, bei de­nen na­tür­lich nie­mand et­was ver­steht, aber ein­fach des­we­gen, weil sie taub sind –, wo­ge­gen ich ein­ge­wandt habe: Was aber, wenn nicht ein fal­sches, son­dern ein wah­res Zeug­nis ge­nü­gen wür­de, um dem Ty­ran­nen den aus­zu­lie­fern, des­sen der Ty­rann hab­haft wer­den will? Was na­tür­lich ge­nügt, um alle Sys­te­me dem Erd­bo­den gleich zu ma­chen, aus dem Grun­de, dass die Wahr­heit im­mer für den Ty­ran­nen ist. Es ist im­mer wahr, dass man den Ty­ran­nen nicht er­tra­gen kann und dass es folg­lich bei dem, den der Ty­rann in sei­ne Hand brin­gen möch­te, da­für be­reits Grün­de gibt; was er braucht, ist ein An­schein der Wahr­heit.23

Der Blick­win­kel, von dem aus Kant hier die Auf­spal­tung vor­nimmt, die­ser Blick­win­kel ist nicht gut. Dar­aus er­gibt sich die For­mel, die ein­fach aus die­sen bei­den Ter­mi­ni her­aus­ge­löst wird, zwi­schen de­nen Kant den Wie­der­ein­tritt der prak­ti­schen Ver­nunft zu­stan­de bringt, das heißt der mo­ra­li­schen Pflicht, das heißt, dass das We­sen, das We­sen des­sen, wor­um es beim Gu­ten geht, dar­in be­steht, dass der Kör­per sein Ge­nie­ßen be­zwingt, das heißt, es un­ter­drückt, und dies ein­fach im Na­men des To­des, des ei­ge­nen To­des oder, wie in die­sem Fal­le, des To­des ei­nes an­de­ren, des To­des, von dem er sich vor­stellt, ihn zu er­spa­ren.

Aber wenn die­se For­mel ein­mal um­ris­sen ist, wird da­mit nicht das Gute auf sei­ne rich­ti­ge Trag­wei­te re­du­ziert? Ist es, au­ßer­halb die­ser Ter­mi­ni, die­ser Ter­mi­ni, aus de­nen die drei ge­macht sind, die drei des Rea­len, in­so­fern das Rea­le selbst drei ist, näm­lich das Ge­nie­ßen, der Kör­per, der Tod, in­so­fern sie ver­kno­tet sind, in­so­fern sie wohl­ge­merkt ein­zig durch die­se un­ve­ri­fi­zier­ba­re Sack­gas­se des Ge­schlechts mit­ein­an­der ver­kno­tet sind –.“24

Kants Ethik be­ruht auf dem Ge­gen­satz von Pas­si­vi­tät und Ak­ti­vi­tät.  Das, was „pa­the­tisch“ ist, Kant sagt „pa­tho­lo­gisch“, wur­de von ihm aus der Ethik ver­sto­ßen. Mit „pa­the­tisch“ bzw. „pa­tho­lo­gisch“ ist das ge­meint, was pa­thos ist, näm­lich al­les, was pas­siv er­fah­ren wird, und das ist für Kant der ge­sam­te Be­reich der Af­fek­te, Ge­füh­le, Lüs­te und Schmer­zen. Die Lust, die Grund­la­ge der tra­di­tio­nel­len Ethik, ist für Kant et­was „Pa­tho­lo­gi­sches“, et­was, das pas­siv er­fah­ren wird, und des­halb ist sie für ihn kei­ne mög­li­che Grund­la­ge der Ethik. An de­ren Stel­le tritt das, was sich das Ich aus rei­ner Ver­nunft, un­ab­hän­gig von Lust und Un­lust, also ak­tiv, selbst ge­ge­ben hat: das Sit­ten­ge­setz.

Von hier aus stellt La­can die Fra­ge, wie Kant in der Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft über das ab­ge­lehn­te „Pa­the­ti­sche“ spricht, über Leid und Lust.

La­can no­tiert, dass Kant (im ers­ten der bei­den mo­ra­li­schen Bei­spie­le) über die Wol­lust spricht (wie Kant sich aus­drückt), also über jouis­sance in der all­tags­sprach­li­chen Be­deu­tung des Wor­tes, dass er au­ßer­dem den dro­hen­den Tod ins Spiel bringt, so­wohl den ei­ge­nen als auch den von an­de­ren, und dass er schließ­lich den Kör­per zum The­ma macht, als das, was Wol­lust emp­fin­den kann und ge­tö­tet wer­den kann. Das Gute wird von Kant also auf die­se drei Grö­ßen be­zo­gen: auf das Ge­nie­ßen, den Kör­per und den Tod.

Die drei Be­grif­fe ver­wei­sen auf das Rea­le. Ver­steht La­can un­ter dem Rea­len hier  das Ge­nie­ßen, den Kör­per und den Tod? Kei­nes­wegs.

Ent­schei­dend ist der Zu­satz: Das Rea­le ist das Ge­nie­ßen, der Kör­per und der Tod, „in­so­fern sie wohl­ge­merkt ein­zig durch die­se un­ve­ri­fi­zier­ba­re Sack­gas­se des Ge­schlechts mit­ein­an­der ver­kno­tet sind“.

Mit dem Ge­schlecht ist hier die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit ge­meint. Die Zwei­ge­schlecht­lich­keit ist mit dem (se­xu­el­len) Ge­nie­ßen, mit dem Kör­per und mit der Sterb­lich­keit ver­bun­den. Wenn Kant also das Ge­nie­ßen, den Kör­per und die Sterb­lich­keit mo­bi­li­siert, steht im Hin­ter­grund die Zwei­ge­schlecht­lich­keit, sie ver­klam­mert die drei Be­zü­ge.

Die bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit ist eine Sack­gas­se, in­so­fern näm­lich, als es für sie im Un­be­wuss­ten kei­ne Si­gni­fi­kan­ten gibt. Wer sich im Rah­men ei­ner Psy­cho­ana­ly­se fragt, was es heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein, steckt in ei­ner Sack­gas­se, er wird kei­ne Ant­wort fin­den.

Die Sack­gas­se des Ge­schlechts ist „un­ve­ri­fi­zier­bar“, da­mit bringt La­can die Wahr­heit ins Spiel, also das Sym­bo­li­sche. Wenn es um das Ge­schlecht geht, stößt die Wahr­heit (so­wie der Sinn) auf eine Gren­ze.

Das Rea­le ist also nicht schlicht das Ge­nie­ßen. Das Rea­le ist das Ge­nie­ßen, in­so­fern das (se­xu­el­le) Ge­nie­ßen mit der „un­ve­ri­fi­zier­ba­ren Sack­gas­se des Ge­schlechts“ ver­bun­den ist, mit der Er­fah­rung ei­ner Gren­ze des Sym­bo­li­schen.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  2. Vgl. J. La­can: La troi­siè­me. In:  Lettres de l’École freu­dien­ne. Bul­le­tin in­té­ri­eur de l’École Freu­dien­ne de Pa­ris, Nr. 16, 1975, S. 177–203, hier: S. 179 (eine Ko­pie die­ses Vor­trags fin­det man im In­ter­net hier, eine Ab­schrift auf der Sei­te der Éco­le la­ca­ni­en­ne de Pa­ris hier); eine bes­se­re Tran­skrip­ti­on (von Pa­trick Valas u.a.) gibt es auf der Web­site von Pa­trick Valas (valas.fr), hier; eine deut­sche Über­set­zung, von Ni­co­le Tau­bes er­stellt, steht auf der­sel­ben Web­site hier.
  3. Vgl. Die Drit­te, a.a.O., S. 192.
  4. Vgl. Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 93.
  5. Vgl. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 228 f.
  6. Vgl. S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–146, hier: S. 123 f. Fn. 1 mit Zu­satz von 1915.– Ders.: Das Un­be­ha­gen in der  Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 235 f. Anm. 2.– Ders.: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 448–608, dar­in Vor­le­sung 33, „Die Weib­lich­keit“, S. 545–548.
  7. Ich bin mir nicht si­cher, dass ich den Sinn von ter­me con­joint ge­trof­fen habe.
  8. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. März 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  9. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1975; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 77 f.
  10. S. Freud: Die end­li­che und die un­end­li­che Ana­ly­se (1937). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Schrif­ten zur Be­hand­lungs­tech­nik. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 351–392, hier: S. 388.
  11. Vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 10. Juni 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 202 f.
  12. Dia­gramm aus: J. La­can: Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 5–54, hier: S. 49.
  13. Se­mi­nar 14, Sit­zung vom 31. Mai 1967, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  14. Vgl. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 14. Mai 1969.
  15. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 33. Eine Über­set­zung der ge­sam­ten Sit­zung fin­det man hier.
  16. Die­se The­se wird von La­can in den Se­mi­na­ren 18 bis 20 aus­führ­lich ent­wi­ckelt.
  17. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 33 f.
  18. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1971; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 34.
  19. Vgl.  Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  20. Vgl. J. La­can: Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 9–71, v.a. die For­mel S. 40.
  21. “Wol­lust“ ist der von Kant an die­ser Stel­le ver­wen­de­te Ter­mi­nus.
  22. La­can zi­tiert die­se Pas­sa­ge in Kant mit Sade aus: Kant: Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft, Ers­ter Teil: Ele­men­tar­leh­re der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft, Ers­tes Buch: Die Ana­ly­tik der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft, Ers­tes Haupt­stück: Von den Grund­sät­zen der rei­nen prak­ti­schen Ver­nunft, § 6, An­mer­kung II, Auf­ga­be.
  23. Vgl. J. La­can: Kant mit Sade (1963). In: Ders.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 289–321, hier: S. 309 f.
  24. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 19. März 1974; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.

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