Graf des Begehrens

Signifikant des Mangels im Anderen, S(Ⱥ): das Fehlen eines Signifikanten, der die Wahrheit garantiert

Ein-Dollar-Note der USA, Rückseite mit "In God wie trust"Ein-Dol­lar-Note der USA

Graf des Begehrens - S-A grünIn La­cans Graf des Be­geh­rens trägt der obe­re lin­ke Schnitt­punkt die Be­zeich­nung S(Ⱥ), zu le­sen als si­gni­fi­ant de l’Autre bar­ré, Si­gni­fi­kant des An­de­ren, wel­cher bar­ré ist. Das bar­ré kann auf vie­le Wei­sen über­setzt wer­den, der An­de­re ist „aus­ge­stri­chen“, „durch­ge­stri­chen“, „schräg­ge­stri­chen“, „quer­ge­stri­chen“,  er ist „ver­sperrt“, „ge­sperrt“. Statt vom „aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“ spricht La­can auch vom „Man­gel im An­de­ren“ (man­que dans l’Autre) oder vom „Man­gel des An­de­ren“ (man­que de l‘Autre).1

Auf wel­chen An­de­ren be­zieht sich die For­mel? Wor­in be­steht sein Man­gel? Und um wel­chen Si­gni­fi­kan­ten han­delt es sich? Was also ist mit der For­mel ge­meint?

Die ein­fa­che Ant­wort lau­tet: S(Ⱥ) wird in Se­mi­nar 5 auf den rea­len An­de­ren be­zo­gen, den An­de­ren als Le­be­we­sen; der Quer­strich zeigt an, dass er den Be­din­gun­gen des Spre­chens un­ter­wor­fen ist und des­halb ge­spal­ten ist (in Un­be­wuss­tes und Vor­be­wuss­tes, wür­de Freud sa­gen), dass er von ei­nem Be­geh­ren um­ge­trie­ben wird (mit Freud: von Trieb­ver­drän­gung und Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten). In Se­mi­nar 6 wird die For­mel auf den An­de­ren im Sin­ne des Codes, des Sprach­sys­tems, be­zo­gen; der Man­gel des Codes be­steht dar­in, dass ihm ein Si­gni­fi­kant fehlt, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te.

Die kom­pli­zier­te Ant­wort fin­det man in der Zu­sam­men­fas­sung am Ende die­ses Bei­trags.

Da­zwi­schen re­fe­rie­re und kom­men­tie­re ich La­cans Er­läu­te­run­gen der For­mel in den er­wähn­ten bei­den Se­mi­na­ren, in Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, und in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung. In Se­mi­nar 5 wird der Aus­druck ein­ge­führt, ich fas­se La­cans Dar­stel­lung in die­sem Se­mi­nar in ei­ge­nen Wor­ten zu­sam­men. Da­nach über­set­ze ich sämt­li­che Pas­sa­gen in Se­mi­nar 6, in de­nen er sich zur For­mel äu­ßert, und kom­men­tie­re sie Ab­satz für Ab­satz.2

Im Fol­gen­den sind die Zah­len in Klam­mern Sei­ten­an­ga­ben zu den bei­den Se­mi­na­ren. Für Se­mi­nar 5 be­zie­he ich mich auf die von Hans-Die­ter Gon­dek er­stell­te Über­set­zung, die 2006 von Tu­ria und Kant ver­öf­fent­licht wur­de. Die Sei­ten­an­ga­ben zu Se­mi­nar 6 ver­wei­sen auf die von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­ne, bis­lang nicht über­setz­te Ver­si­on, die 2013 bei La Mar­ti­niè­re er­schie­nen ist. Bei den Zi­ta­ten aus Se­mi­nar 6 be­sa­gen drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat, dass es an das vor­an­ge­hen­de Zi­tat naht­los an­schließt.

Herz­li­chen Dank an Stef­fen Dietz fürs gründ­li­che Kor­rek­tur­le­sen!

Die Position im Grafen

Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten

Im Gra­fen des Be­geh­rens steht das Sym­bol S(Ⱥ) am Schnitt­punkt oben links. Die­ser Punkt steht für die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten. Graf des Begehrens - nur mit C und M

Der Graf be­steht aus zwei Stock­wer­ken, das un­te­re (in der ne­ben­ste­hen­den Zeich­nung ge­färbt) ent­spricht dem sinn­ori­en­tier­ten Spre­chen (in Freuds Spra­che: dem Be­wusst­sein und dem Vor­be­wuss­ten), die obe­re Eta­ge (in der Ab­bil­dung grün) re­prä­sen­tiert das Un­be­wuss­te. Der Graf soll zei­gen, dass das Un­be­wuss­te struk­tu­riert ist wie eine Spra­che; die obe­re Eta­ge, die des Un­be­wuss­ten, ist des­halb ge­nau­so ge­baut wie die un­te­re, die der Spra­che.

Von Ro­man Ja­kobson über­nimmt La­can den Ge­dan­ken, dass die Spra­che durch das Ver­hält­nis zwi­schen Code und Bot­schaft struk­tu­riert ist; auf bei­den Stock­wer­ken stellt La­can des­halb die Be­zie­hung zwi­schen Code und Bot­schaft in den Mit­tel­punkt.3 Die bei­den rech­ten Schnitt­punk­te re­prä­sen­tie­ren den Code, die bei­den lin­ken die Bot­schaft; in mei­nem Dia­gramm steht C für Code und M für Bot­schaft (messa­ge).4 Der Kno­ten­punkt rechts un­ten be­zieht sich also auf den Code der be­wuss­ten Spra­che, der obe­re auf den Code des Un­be­wuss­ten. Der Schnitt­punkt un­ten links steht für die Bot­schaft des sinn­ori­en­tier­ten Spre­chens, der obe­re lin­ke Schnitt­punkt re­prä­sen­tiert die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten.

Zwei­er­lei An­de­re Graf des Begehrens - S-A grün - A rot

Der Graf des Be­geh­rens stellt zwei Funk­tio­nen des An­de­ren dar. Im un­te­ren Stock­werk steht das Sym­bol A für den An­de­ren als „Ort des Spre­chens“, für den im­pli­zi­ten Hö­rer, der je­dem Spre­chen in­ne­wohnt. Auf ihn be­zieht sich der Spre­cher als auf den Sitz des Codes, dem er sich an­zu­pas­sen hat, um ver­stan­den zu wer­den. Die­se Funk­ti­on wird im ty­pi­schen Fall von der Mut­ter ver­kör­pert – der Mut­ter in ih­rer Funk­ti­on als Zu­hö­re­rin.5 Das Sym­bol S(Ⱥ) in der obe­ren Eta­ge des Gra­fen be­zieht sich auf eine an­de­re Funk­ti­on des An­de­ren, es geht hier um den „zwei­ten Grad der Be­geg­nung mit dem An­de­ren“ (Se­mi­nar 5, 431).

Seminar 5, „Die Bildungen des Unbewussten“

Der begehrende reale Andere

Das Sub­jekt – das Kind in der so­ge­nann­ten phal­li­schen Pha­se – ver­sucht, sich in sei­nem Sein an­zu­er­ken­nen. Mit dem Sein des Sub­jekts ist das ge­ni­ta­le Be­geh­ren ge­meint. Das ge­ni­ta­le Be­geh­ren ist das au­then­tischs­te Be­geh­ren, das am we­nigs­ten ent­frem­de­te Be­geh­ren (431); die­se The­se über­nimmt La­can von Sart­re.6 Das ge­ni­ta­le Be­geh­ren ist in­so­fern am we­nigs­ten ent­frem­det, als es dem Code des An­de­ren am we­nigs­ten un­ter­ge­ord­net ist.

Das Sub­jekt kann sein ei­ge­nes Be­geh­ren nur da­durch an­er­ken­nen, dass es des Be­geh­ren des An­de­ren an­er­kennt – nur da­durch, dass es ak­zep­tiert, dass der An­de­re be­gehrt (431). Das ist der Grund­ge­dan­ke, auf dem die ge­sam­te Kon­struk­ti­on des Gra­fen be­ruht.

Der An­de­re in wel­chem Sin­ne? Mit der For­mel S(Ⱥ) ist, so heißt es zu­nächst, der „rea­le An­de­re“ (430) ge­meint, der „mensch­li­che An­de­re“ (430), in­so­fern er durch den Si­gni­fi­kan­ten ge­prägt ist (376, 430), und das heißt, in­so­fern er die Spal­tung er­lit­ten hat (465), die Spal­tung in Vor­be­wuss­tes und Un­be­wuss­tes, wie Freud sagt. Die­se Spal­tung ist da­mit ver­bun­den, dass sein Be­geh­ren bar­ré ist, aus­ge­stri­chen, ver­sperrt (431), in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: ver­drängt, ab­ge­wehrt. Der An­de­re, auf den sich das Sym­bol S(Ⱥ) be­zieht, ist dem­nach ein We­sen, des­sen Be­dürf­nis­be­frie­di­gung durch das Spre­chen ver­mit­telt ist, das des­halb in das sinn­ori­en­tier­te Spre­chen und das „Spre­chen“ des Un­be­wuss­ten ge­spal­ten ist und in des­sen un­be­wuss­ten Äu­ße­run­gen sich ein ver­dräng­tes Be­geh­ren ma­ni­fes­tiert.

Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex

Das Sub­jekt ist am Punkt S(Ⱥ) mit dem Be­geh­ren des An­de­ren kon­fron­tiert, in bio­gra­phi­scher Sicht­wei­se zu­nächst mit dem se­xu­el­len Be­geh­ren der Mut­ter, dann mit dem des Va­ters. Für das, was dem An­de­ren fehlt und was er be­gehrt, gibt es im Un­be­wuss­ten ein Ele­ment, den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten – da­durch, dass der Pe­nis das sym­bo­li­siert, was dem An­de­ren fehlt und was er be­gehrt, wird die Pe­nis­vor­stel­lung zum Si­gni­fi­kan­ten (465). Der sym­bo­li­sche Phal­lus wird von La­can durch ein grie­chi­sches gro­ßes Phi dar­ge­stellt, also durch Φ. Graf des Begehrens - mit Phi Das Be­geh­ren des An­de­ren rich­tet sich auf den Phal­lus; von La­can wird das so no­tiert: S(Ⱥ) ← Φ (359, 370).

Die­se Be­zie­hung wird in den Gra­fen ein­ge­tra­gen: am Be­ginn der obe­ren quer ver­lau­fen­den Li­nie steht hier in Se­mi­nar 5 das Sym­bol Φ (461).7 Das von Φ zu S(Ⱥ) füh­ren­de (in der Ab­bil­dung rechts grün ge­färb­te) Seg­ment der Pfeil­li­nie stellt die Be­zie­hung dar zwi­schen dem Be­geh­ren des An­de­ren und dem, was er be­gehrt, dem Phal­lus.8

Da­durch, dass das Be­geh­ren des An­de­ren auf den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten be­zo­gen wird, er­scheint der An­de­re dem Sub­jekt als der­je­ni­ge, der von Kas­tra­ti­on ge­zeich­net ist (431). Der Kas­tra­ti­on be­geg­net das Sub­jekt zu­erst im An­de­ren, hier wie­der­um – das war eine von Freuds Ent­de­ckun­gen – zu­erst bei der Mut­ter (411). Im Gra­fen steht die Be­zie­hung zwi­schen S(Ⱥ) und Φ am obe­ren lin­ken Schnitt­punkt also für den Kas­tra­ti­ons­kom­plex. Die Ver­bin­dung zwi­schen S(Ⱥ) und Φ im Gra­fen si­gna­li­siert: der Kas­tra­ti­ons­kom­plex ist der Dreh- und An­gel­punkt des Un­be­wuss­ten (411, 465). Stär­ker noch als Freud be­tont La­can, dass das Sub­jekt der Kas­tra­ti­on zu­nächst auf der Sei­te des An­de­ren be­geg­net.

Der Andere des Anderen

Am Ende von Se­mi­nar 5 prä­sen­tiert La­can ein wei­te­res Ele­ment der Deu­tung. Der An­de­re, auf den sich das obe­re Stock­werk des Gra­fen be­zieht, also der An­de­re der For­mel S(Ⱥ), ist der „An­de­re des An­de­ren“ (560). Die ers­te An­de­re ist im ty­pi­schen Fall die Mut­ter als Zu­hö­re­rin, als Adres­sa­tin des An­spruchs auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung; für die­se ers­te An­de­re steht im Gra­fen der un­te­re rech­te Schnitt­punkt mit dem A. Das Sub­jekt – das Kind – ist da­mit kon­fron­tiert, dass die­se An­de­re kei­ne blo­ße Hö­re­rin ist, son­dern dass sie spricht, dass sie selbst For­de­run­gen er­hebt und in die­sem Sin­ne selbst ein Sub­jekt ist. In ih­rem Spre­chen be­zieht sie sich, ge­nau wie das Kind, auf ei­nen An­de­ren. Die­sen Be­zugs­punkt des Spre­chens der An­de­ren – der Mut­ter – be­zeich­net La­can als „An­de­ren des An­de­ren“ bzw. als „An­de­ren der An­de­ren“.

Man könn­te den­ken, dass mit dem An­de­ren der An­de­ren das Sub­jekt ge­meint ist, das Kind. Das Kind wen­det sich mit sei­ner For­de­rung an die Mut­ter, dar­in wird sie zu sei­ner An­de­ren. Es macht die Er­fah­rung, dass die Mut­ter zu ihm spricht und rea­li­siert, dass es selbst für sie der An­de­re ist, also der An­de­re der An­de­ren. Die­se Deu­tung wird von La­can aus­drück­lich zu­rück­ge­wie­sen (560 f.).

Mit dem An­de­ren des An­de­ren ist der Drit­te ge­meint. Das Kind rea­li­siert, dass die Mut­ter zu ei­nem Drit­ten spricht, zum Va­ter. Die­ser Drit­te als Adres­sat des Spre­chens der An­de­ren ist der „An­de­re des An­de­ren“.

Auch die­ser An­de­re des An­de­ren ist, so könn­te man an­neh­men, ein „Ort des Spre­chens“, der Va­ter als Zu­hö­rer, als Ort, an dem die Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt sind, als Ort des Codes, an den die Mut­ter sich in ih­rem Spre­chen an­zu­pas­sen hat, da­mit sie ver­stan­den wird. Mit dem „An­de­ren des An­de­ren“ ist je­doch et­was an­de­res ge­meint, nicht der Va­ter als Hö­rer, nicht der von die­sem Hö­rer re­prä­sen­tier­te Code, son­dern der Va­ter als Spre­cher. Sein Spre­chen ist, so er­klärt La­can in Se­mi­nar 5, ein Ge­setz über dem Ge­setz – ein Ge­setz, das nicht mehr das Ge­setz der Mut­ter ist, dem das Kind un­ter­wor­fen ist, son­dern ein Ge­setz, dem die Mut­ter un­ter­wor­fen ist. Das Spre­chen des Va­ters fun­giert, be­zo­gen auf die vom Kind an die Mut­ter ge­rich­te­ten For­de­run­gen, als eine Art hö­he­rer Ge­richts­hof. (225, 560 f., 569, 588)

Die Botschaft des Unbewussten

Es ist klar, dass die zwei­te Deu­tung des Aus­drucks S(Ⱥ) un­voll­stän­dig ist. Sie er­klärt das Sym­bol A, nicht aber den Strich über dem A, sie be­zieht sich, wenn man so re­den will, auf den „nicht-aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“. Man muss also die bei­den Deu­tun­gen zu­sam­men­fü­gen. Dann er­gibt sich: Die Mut­ter, die An­de­re, be­zieht sich (aus der Per­spek­ti­ve des Kin­des) in ih­rem Spre­chen auf ei­nen An­de­ren, auf ei­nen Drit­ten, also auf den An­de­ren der An­de­ren. Die­ser An­de­re der An­de­ren fun­giert in ei­nem ers­ten Schritt als ein Spre­chen, das ein Ge­setz ver­kün­det, als eine obers­te Ge­setz­ge­bung, die über dem von der Mut­ter re­prä­sen­tier­ten Ge­setz steht. Für die­sen An­de­ren des An­de­ren – ge­wis­ser­ma­ßen für das Ur­teil in letz­ter In­stanz – steht in der For­mel S(Ⱥ) am obe­ren lin­ken Schnitt­punkt des Gra­fen das Sym­bol A ohne den Schräg­strich.

Die rea­len An­de­ren – sei es die Mut­ter, sei es der Va­ter – sind je­doch durch ei­nen Man­gel ge­kenn­zeich­net, da sie sich selbst den Be­din­gun­gen des Spre­chens un­ter­wer­fen müs­sen. Das durch­ge­stri­che­ne A, das Sym­bol Ⱥ, re­prä­sen­tiert den Va­ter nicht mehr als sou­ve­rä­nes Spre­chen, son­dern als Sub­jekt, das den Be­din­gun­gen des Spre­chens un­ter­wor­fen ist.

Die Bot­schaft auf der Ebe­ne des Un­be­wuss­ten lau­tet dem­nach ins­ge­samt: Der An­de­re ist kei­nes­wegs der „An­de­re des An­de­ren“, der sou­ve­rä­ne Ge­setz­ge­ber, son­dern der An­de­re ist durch den Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert (518 f.), der An­de­re ist ein be­geh­ren­der An­de­rer (465, 518 f., 547, 595).

Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten hat dem­nach eine Nicht-son­dern-Struk­tur: es ist nicht so, dass der An­de­re ein Ge­setz in letz­ter In­stanz ist, viel­mehr ist der An­de­re kas­triert. Man stellt sich das Sym­bol Ⱥ am bes­ten ani­miert vor:
– ers­te Pha­se: A; der An­de­re ist der sou­ve­rä­ne Ge­setz­ge­ber, der An­de­re des An­de­ren,
– zwei­te Pha­se: der Schräg­strich trifft auf das A, was Ⱥ er­gibt; der An­de­re wird vom Si­gni­fi­kan­ten ge­trof­fen und er­lei­det die Spal­tung, er wird zum kas­trier­ten An­de­ren.

Mit der Be­haup­tung, die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten be­stehe dar­in, dass der An­de­re durch den Si­gni­fi­kan­ten mar­kiert ist, ist nicht ge­meint, dass die­se Bot­schaft sich tat­säch­lich her­stellt, son­dern dass es die Mög­lich­keit gibt, dass sie er­zeugt wird (519, 547). Das heißt ver­mut­lich: Der Kas­tra­ti­ons­kom­plex kann un­voll­stän­dig durch­lau­fen wer­den, der Va­ter kann für das Kind der idea­li­sier­te Va­ter blei­ben, der über dem Ge­setz ste­hen­de Ge­setz­ge­ber – was zur Fol­ge hat, dass es kei­nen Zu­gang zu sei­nem ei­ge­nen Be­geh­ren fin­det, dass es eine Neu­ro­se aus­bil­den wird.

Of­fen bleibt in Se­mi­nar 5, was im Aus­druck S(Ⱥ) das Sym­bol S zu be­deu­ten hat. Die­se Fra­ge wird in Se­mi­nar 6 be­ant­wor­tet.

Seminar 6, „Das Begehren und seine Deutung“

Es gibt im Sprachsystem keine Garantie für die Wahrheit dessen, was der Andere über das Sein des Subjekts sagt (8. April 1959)

Graf des Begehrens - DEUTSCH - Que vuoi grün - vierte KonstruktionsstufeIn Se­mi­nar 6, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, kom­men­tiert La­can Shake­speares Ham­let, und zwar so, dass er sich hier­bei im­mer wie­der auf den Gra­fen des Be­geh­rens be­zieht. Bei der fol­gen­den Be­mer­kung ver­weist er auf den un­te­ren rech­ten Schnitt­punkt des Gra­fen, der mit A be­zeich­net ist und der für den An­de­ren als Ort des Spre­chens steht – für den im­pli­zi­ten Hö­rer, der für das Sub­jekt das Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem re­prä­sen­tiert, den Code. Von A aus­ge­hend ver­folgt La­can die Li­nie, die nach oben führt; in der ne­ben­ste­hen­den Zeich­nung habe ich sie grün ge­färbt.

Die­ser Dis­kurs für den An­de­ren, die­ser Be­zug auf den An­de­ren setzt sich jen­seits des An­de­ren fort, so­fern er, aus­ge­hend vom An­de­ren, vom Sub­jekt wie­der­auf­ge­nom­men wird, um die Fra­ge zu stel­len – Was will ich? Ge­nau­er, die Fra­ge rich­tet sich hier an das Sub­jekt und das in ei­ner be­reits um­ge­kehr­ten Form – Was willst du?“ (348)

Die von A aus­ge­hen­de, nach oben zei­gen­de (grü­ne) Li­nie steht für die Fra­ge des Sub­jekts „Was will ich?“ Dem Sub­jekt stellt sich die­se Fra­ge in um­ge­kehr­ter Form, als Fra­ge, die an es ge­rich­tet wird: „Was willst du?“9

… „Jen­seits des An­spruchs, der in dem Dis­kurs­sys­tem ent­frem­det ist, das hier in A ist, das am Ort des An­de­ren sei­nen Platz hat, fragt sich das Sub­jekt, sei­ne Schwung­be­we­gung (élan) fort­set­zend, was es als Sub­jekt ist. Wo­mit hat es jen­seits des Or­tes der Wahr­heit zu­sam­men­tref­fen, wo­mit also? Jen­seits des Or­tes der Wahr­heit hat es dem zu be­geg­nen, was das Ge­nie nicht der Spra­che, son­dern der ex­tre­men Me­ta­pher – die vor be­stimm­ten be­deut­sa­men Schau­spie­len for­mu­liert zu wer­den drängt – mit ei­nem Na­men be­nennt, den wir hier im Vor­bei­ge­hen wie­der­erken­nen wer­den, der Stun­de der Wahr­heit.“ (348 f.)

Die un­te­re quer ver­lau­fen­de Li­nie des Gra­fen, von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“, steht für den An­spruch, für die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Die­se For­de­rung ist in dem Dis­kurs­sys­tem ent­frem­det, das durch den un­te­ren rech­ten Schnitt­punkt re­prä­sen­tiert wird, also durch A für den An­de­ren als Ort des Spre­chens und da­mit als Re­prä­sen­tan­ten des Dis­kurs­sys­tems, des Codes. Der An­de­re ist in­so­fern ein „Ort“, als hier die Si­gni­fi­kan­ten ver­sam­melt sind, und La­can mit Hei­deg­ger un­ter ei­nem Ort das „Ver­sam­meln­de“ ver­steht.10 Die For­de­rung muss sich, um ver­stan­den zu wer­den, an die­sen Code an­pas­sen und ist in­so­fern ent­frem­det.

Der An­de­re als Ort des Spre­chens ist nicht nur der Ort des Codes, son­dern auch der Ort der Wahr­heit, und zwar so, dass er die Wahr­heit des Ge­spro­che­nen da­durch be­stimmt, dass er es glaubt.

Die Schwung­be­we­gung, der Elan des Sub­jekts be­ginnt im Gra­fen un­ten rechts, an dem Punkt, der mit ei­nem durch­ge­stri­che­nen S mar­kiert ist, also mit $. Die­se Be­we­gung wird über A hin­aus fort­ge­setzt, durch die Fra­ge „Was will ich?“ bzw. „Was willst du?“

Jen­seits des Or­tes der Wahr­heit, A, gibt es die „Stun­de der Wahr­heit“, näm­lich die Ant­wort auf die Fra­ge „Was will ich?“ am Punkt S(Ⱥ). Die Me­ta­pher deu­tet an, dass die Ant­wort auf die Seins­fra­ge – auf die Fra­ge „Was bin ich?“ – mit ei­ner spe­zi­el­len Form der Zeit­lich­keit ver­bun­den ist. Die Zeit­lich­keit, so fährt La­can fort, be­ruht auf der Struk­tur der Spra­che; ich über­sprin­ge die­se Pas­sa­ge. La­can lässt sich hier von Hei­deg­ger in­spi­rie­ren, der in Sein und Zeit den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Sein – bzw. der Seins­fra­ge – und der Zeit in den Mit­tel­punkt stellt. Da­nach heißt es:

In die­sem Jen­seits des An­de­ren – in die­sem Dis­kurs, der nicht mehr Dis­kurs für den An­de­ren ist, son­dern Dis­kurs des An­de­ren im ei­gent­li­chen Sin­ne, und in dem sich die ge­stri­chel­te Li­nie der Si­gni­fi­kan­ten des Un­be­wuss­ten kon­sti­tu­ie­ren wird –, in die­sem An­de­ren, in dem das Sub­jekt sich mit sei­ner Fra­ge vor­wärts­be­wegt, ist das, was es letzt­lich an­zielt, die Stun­de der Be­geg­nung mit sich selbst, mit sei­nem Wil­len, mit et­was, was wir letzt­lich zu for­mu­lie­ren ver­su­chen wer­den, wo­von wir aber nicht so­fort die Ele­men­te ge­ben kön­nen, auch wenn be­stimm­te Zei­chen sie uns hier gleich­wohl re­prä­sen­tie­ren, Zei­chen, die für Sie so et­was wie An­halts­punk­te sind, An­deu­tun­gen der Auf­ein­an­der­schich­tung des­sen, was uns er­war­tet bei dem, was man die Etap­pen, die not­wen­di­gen Schrit­te der Fra­ge nen­nen kann.“ (349)

Der un­te­re Teil des Gra­fen ver­an­schau­licht den Dis­kurs für den An­de­ren, d.h. die Rede, die sich an den An­de­ren wen­det und in der der An­de­re das Dis­kurs­sys­tem re­prä­sen­tiert und die Wahr­heit. Das obe­re Stock­werk des Gra­fen – ober­halb von A – steht für den Dis­kurs des An­de­ren. Das obe­re Stock­werk be­zieht sich auf den Dis­kurs des An­de­ren in uns, mit Freud: auf die Ge­dan­ken des Un­be­wuss­ten. Ge­meint ist aber auch: Der An­de­re (z. B. die Mut­ter) fun­giert hier als Spre­che­rin, die sich an ei­nen An­de­ren wen­det, an ei­nen Drit­ten, der eben­falls spricht.

HGraf des Begehrens - gestrichelte Linien - Sem 6 Miller Seite 338ier wird sich die ge­stri­chel­te Li­nie der Si­gni­fi­kan­ten des Un­be­wuss­ten her­stel­len, die La­can in der vor­an­ge­hen­den Sit­zung er­läu­tert hat­te; in der ne­ben­ste­hen­den Zeich­nung habe ich die­se Li­nie – die ei­nen Kreis­lauf bil­det – rot ge­färbt.11 Sie be­ginnt oben links, läuft über S(Ⱥ) nach $◊D und von dort aus nach un­ten und über d und $◊a zu­rück zu S(Ⱥ).

Mit der Er­kun­dung des Un­be­wuss­ten in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se ver­sucht das Sub­jekt, eine Ant­wort auf die Fra­ge zu be­kom­men „Was will ich?“ Da­mit wie­der­holt es eine Fra­ge, die es sich be­reits ge­stellt hat­te, als sich sein ers­tes ge­ni­ta­les Be­geh­ren reg­te. Die­se Fra­ge liegt aber auch der Neu­ro­se zu­grun­de – die Neu­ro­se be­ruht, La­can zu­fol­ge, auf ei­ner Fra­ge, auf der Fra­ge nach dem Ge­schlecht im Fal­le der Hys­te­rie, auf der Fra­ge nach der Exis­tenz und dem Tod im Fal­le der Zwangs­neu­ro­se.12 Die Ant­wort, die das Sub­jekt vom Un­be­wuss­ten er­hält (bzw. die es einst von An­de­ren er­hal­ten hat­te), ist die Stun­de der Wahr­heit, die Stun­de der Be­geg­nung mit sich selbst, mit sei­nem Wil­len, mit dem ver­dräng­ten Be­geh­ren, dem ver­dräng­ten Trieb – der kei­ne an­de­re Exis­ten­zwei­se hat als die der Kon­fron­ta­ti­on mit dem Be­geh­ren des An­de­ren.

Die An­nä­he­rung an die Stun­de der Wahr­heit voll­zieht sich in Etap­pen, hier­für ste­hen im Gra­fen die Aus­drü­cke $◊D (für den Code des Un­be­wuss­ten) und $◊a (für das Phan­tas­ma). Eine Psy­cho­ana­ly­se kann nicht di­rekt auf den trau­ma­ti­schen Punkt S(Ⱥ) zu­steu­ern, sie muss sich zu­nächst auf die Wie­der­kehr ora­ler, ana­ler und an­de­rer An­sprü­che be­zie­hen ($◊D) so­wie auf die Phan­tas­men ($◊a).

Ich über­sprin­ge ei­ni­ge An­mer­kun­gen zu Ham­let; da­nach heißt es:

Die­se Ant­wort, die ins­ge­samt die Bot­schaft ist, an dem Punkt, wo sie sich auf der obe­ren Li­nie kon­sti­tu­iert, auf der des Un­be­wuss­ten, ich habe sie für Sie be­reits vor­weg sym­bo­li­siert, nicht ohne des­halb ge­zwun­gen zu sein, Sie zu bit­ten, mir Kre­dit zu ge­ben / mir Glau­ben zu schen­ken.

Aber es ist leich­ter, ehr­li­cher, je­man­den zu bit­ten, Ih­nen Kre­dit zu ge­wäh­ren in be­zug auf et­was, das zu­nächst kei­ner­lei Sinn hat, denn das ver­pflich­tet Sie zu nichts, au­ßer viel­leicht dazu, die­sen Sinn zu su­chen, was Ih­nen im­mer­hin die Frei­heit lässt, ihn selbst zu schaf­fen.“ (352)

Die Ant­wort des Un­be­wuss­ten auf die Fra­ge „Was bin ich?“ ist im Gra­fen am Schnitt­punkt oben links an­ge­sie­delt, S(Ⱥ). Die­ser Kno­ten­punkt ist der Ort der Bot­schaft, das ist be­reits aus dem vor­an­ge­hen­den Se­mi­nar be­kannt, ohne dass das gro­ße S der For­mel er­läu­tert wor­den wäre. Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten ist die Ant­wort des Un­be­wuss­ten auf die Fra­ge „Was bin ich?“; es be­ant­wor­tet die­se Fra­ge mit „S(Ⱥ)“. Was im­mer S(Ⱥ) im Ein­zel­nen hei­ßen mag, auf je­den Fall ist die For­mel als Ant­wort auf­zu­fas­sen, als Ant­wort auf die Fra­ge des Sub­jekts nach sei­nem Sein.

In Se­mi­nar 6 hat­te La­can die For­mel S(Ⱥ) bis­lang nicht nä­her er­läu­tert; er hat­te sei­ne Hö­rer ge­be­ten, ihm „Kre­dit zu ge­wäh­ren“, ihm zu glau­ben, dass dies eine brauch­ba­re For­mel sei. „Kre­dit“ kommt von la­tei­ni­schen Wort crede­re, glau­ben; La­can deu­tet an, dass das Sym­bol S(Ⱥ) et­was mit der Fra­ge zu tun hat, ob man dem An­de­ren Glau­ben schen­ken kann, ob man sein Ver­trau­en in ihn set­zen darf. So­gar eine Ant­wort wird, sehr de­zent, an­ge­deu­tet: der Sinn muss selbst ge­schaf­fen wer­den.13

… „Ich habe an­ge­fan­gen, die­se Ant­wort auf fol­gen­de Wei­se zu ar­ti­ku­lie­ren.

Zu­nächst das gro­ße S, für Si­gni­fi­kant. Das un­ter­schei­det be­reits die Ant­wort auf der Ebe­ne der obe­ren Li­nie von der Ant­wort auf der Ebe­ne der un­te­ren Li­nie, die mit klei­nem s ge­schrie­ben wird, für Si­gni­fi­kat.

Auf der Ebe­ne des ein­fa­chen Dis­kur­ses wird der Sinn des­sen, was wir ha­ben sa­gen wol­len, durch das Spre­chen mo­del­liert, das auf der Ebe­ne des An­de­ren ab­läuft. Die Ant­wort ist also im­mer, be­zo­gen auf die­ses Spre­chen, das Si­gni­fi­kat des An­de­ren, s(A). Zu die­sem ein­fa­chen Dis­kurs gibt es je­doch ein Jen­seits, dort, wo das Sub­jekt sich die Fra­ge stellt ‚Wer spricht? Wer wird dies oder je­nes auf der Ebe­ne des An­de­ren ha­ben sa­gen wol­len? Was bin ich letzt­lich in all dem ge­wor­den?‘ Auf die­ser Ebe­ne ist die Ant­wort, wie ich be­reits ge­sagt habe, der Si­gni­fi­kant des An­de­ren mit dem Schräg­strich – S(Ⱥ).“ (352)

La­can er­läu­tert die Be­zie­hung zwi­schen den lin­ken bei­den Schnitt­punk­ten des Gra­fen, den bei­den Punk­ten der Bot­schaft. In der un­te­ren Eta­ge fin­det man hier das Kür­zel s(A), Si­gni­fi­kat des An­de­ren, in der obe­ren das Kür­zel S(Ⱥ), Si­gni­fi­kant des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren. Im ge­wöhn­li­chen Spre­chen hat die Bot­schaft die Form des Si­gni­fi­kats, des Sinns, der Be­deu­tung; zwar be­ruht die Be­deu­tung auf Si­gni­fi­kan­ten, die­ser As­pekt ist in der all­täg­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on je­doch se­kun­där. Das Un­be­wuss­te ma­ni­fes­tiert sich in Si­gni­fi­kan­ten, und zwar pri­mär: in rät­sel­haf­ten Ele­men­ten, de­ren Be­deu­tung sich ent­zieht.14

s(A) be­sagt, dass der Sinn des ge­wöhn­li­chen Spre­chens vom An­de­ren be­stimmt wird, vom Adres­sa­ten als Ort, an dem der For­dern­de auf den Code stößt, der die Be­deu­tung fest­legt und über die Wahr­heit ent­schei­det.15

S(Ⱥ) ist die Ant­wort auf die Fra­ge „Was bin ich?“. Die­se Fra­ge kann im Rah­men ei­ner Psy­cho­ana­ly­se un­ter­schied­li­che For­men an­neh­men, etwa: Wer ist das, der das träumt, was „ich“ ge­träumt habe? Oder: Was ist aus mir ge­wor­den?

Die For­mel S(Ⱥ), für die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten, steht also in ei­nem dop­pel­ten Ge­gen­satz­ver­hält­nis zur For­mel s(A), der For­mel für die Bot­schaft des be­wuss­ten Spre­chens. Die un­be­wuss­te Bot­schaft wird in Si­gni­fi­kan­ten ar­ti­ku­liert, nicht in Si­gni­fi­ka­ten; und sie kommt nicht vom An­de­ren in sei­ner Voll­stän­dig­keit, vom Code-Sys­tem, son­dern von ei­nem An­de­ren, der „aus­ge­stri­chen“, „ver­sperrt“ ist.

… „Es gibt tau­send Ar­ten, mit de­nen ich an­fan­gen könn­te, für Sie das zu ent­wi­ckeln, was die­ses Sym­bol be­inhal­tet. Aber weil wir im Ham­let sind, wäh­len wir heu­te den kla­ren, of­fen­kun­di­gen, pa­the­ti­schen, dra­ma­ti­schen Weg. Er wird uns von Ham­let ge­wie­sen, und das macht den Wert die­ses Stü­ckes aus: zum Sinn von S(Ⱥ) vor­zu­drin­gen.

Nun ja, der Sinn des­sen, was Ham­let von die­sem Va­ter er­fährt, steht da sehr klar vor uns. Das ist der nicht wie­der­gut­zu­ma­chen­de, ab­so­lu­te, un­er­gründ­li­che Ver­rat der Lie­be – der reins­ten Lie­be, der Lie­be die­ses Kö­nigs, der selbst­ver­ständ­lich, wie alle Män­ner, mög­li­cher­wei­se ein gro­ßer Tau­ge­nichts ge­we­sen sein mag, der aber in der Be­zie­hung zu die­sem We­sen, das sei­ne Frau war, der­je­ni­ge war, der so weit ging, von ih­rem Ge­sicht den Wind­hauch ab­zu­hal­ten, the winds of hea­ven, die Win­de des Him­mels, zu­min­dest nach dem, was Ham­let sagt. Das ist die ab­so­lu­te Falsch­heit des­sen, was Ham­let als das Zeug­nis der Schön­heit, der Wahr­heit, des We­sent­li­chen er­schie­nen war. 

Hier gibt es die Ant­wort. Ham­lets Wahr­heit ist eine Wahr­heit ohne Hoff­nung. Im ge­sam­ten Ham­let gibt es kei­ne Spur ei­ner Er­he­bung zu et­was, was jen­seits wäre, Frei­kauf, Er­lö­sung. Es ist uns ge­sagt wor­den, dass die ers­te Be­geg­nung aus der Tie­fe kam. Die höl­li­sche Be­zie­hung zu die­sem Ache­ron, den Freud in Be­we­gung ver­set­zen woll­te, da sich die hö­he­ren Mäch­te nicht beu­gen las­sen – ge­nau da hat Ham­let sei­nen Ort.

Nichts ist kla­rer, ein­fa­cher, of­fen­sicht­li­cher, und es ist ziem­lich merk­wür­dig, wenn man sieht, dass die Au­to­ren dies in be­zug auf Ham­let fast gar nicht her­vor­he­ben, aus ir­gend­ei­nem Scham­ge­fühl her­aus – man darf die emp­find­li­chen See­len nicht be­un­ru­hi­gen, si­cher.“ (352 f.) 

Be­zo­gen auf Ham­let be­sagt das Sym­bol S(Ⱥ): Die Lie­be, die Ham­lets Va­ter ge­gen­über Ham­lets Mut­ter emp­fand, ist ver­ra­ten wor­den. Über die Lie­be sei­nes Va­ters hat­te Ham­let sich zu Be­ginn des Stücks schwär­me­risch ge­äu­ßert, der Va­ter lie­be sei­ne Ge­mah­lin so sehr, „dass er den Win­den des Him­mels nicht ver­stat­ten möch­te, ihr An­ge­sicht zu un­sanft heim­zu­su­chen“16. Die Lie­be ist falsch. Der Lie­bes­ver­rat ist end­gül­tig; was ge­sche­hen ist, kann nur ge­rächt, nicht aber wie­der­gut­ge­macht wer­den; es gibt auch kei­ne Ver­zei­hung. Die Bot­schaft des Geis­tes über den Ver­rat ist die de­fi­ni­ti­ve Bot­schaft des Stücks.

Als Ham­let sei­ne Be­glei­ter schwö­ren lässt, nie­man­dem et­was über das Er­schei­nen des to­ten Kö­nigs zu sa­gen, spricht der Geist, so heißt es in Shake­speares Re­gie­an­wei­sung, „von un­ten“ und sagt: „Schwört bei sei­nem Schwert!“ Ham­let er­wi­dert: „Gut ge­spro­chen, al­ter Maul­wurf! Kannst du dich so be­hen­de durch die Erde wüh­len?“ (I, 5, Ver­se 161 f.) Der Ort des to­ten Va­ters ist also die Tie­fe. In der Tie­fe lo­ka­li­siert Freud das Un­be­wuss­te; das Mot­to sei­ner Traum­deu­tung lau­tet: „Flec­te­re si ne­queo su­per­os, Ache­ron­ta mo­ve­bo“, Kann ich die hö­he­ren Mäch­te nicht beu­gen, be­we­ge ich doch den Ache­ron17; der Ache­ron ist ei­ner der Flüs­se der Un­ter­welt. Of­fen­bar sol­len die Hö­rer das so zu­sam­men­fü­gen: Die Bot­schaft des Geis­tes über den Lie­bes­ver­rat ist eine letz­te Bot­schaft aus der Tie­fe – die tiefs­te Bot­schaft von Ham­lets Un­be­wuss­tem.

Die­ses De­tail ist von den psy­cho­ana­ly­ti­schen Ham­let-In­ter­pre­ta­tio­nen über­se­hen wor­den – da­mit be­zieht sich La­can ver­mut­lich vor al­lem auf die Stu­di­en von Er­nest Jo­nes und Ella Shar­pe.18

… „Die­se Ant­wort – so schmerz­lich sie sein mag – gebe ich Ih­nen je­doch nur als ei­nen Marsch in der Ord­nung des Emp­find­sa­men, des Pa­the­ti­schen, denn jede Schluss­fol­ge­rung, je­des Ur­teil, so ra­di­kal es sein mag, das dar­auf hin­aus­läuft, der Ord­nung des­sen, was man als Pes­si­mis­mus be­zeich­net, eine ak­zen­tu­ier­te Ge­stalt zu ge­ben, hat noch zur Fol­ge, dass ver­schlei­ert wird, wor­um es geht.

Man muss von die­ser Ant­wort eine For­mel ge­ben kön­nen, die das, was die Wahl die­ses Kür­zels mo­ti­viert hat, nä­her ein­kreist, den Grund für S(Ⱥ). Die­ses Kür­zel be­sagt nicht, dass al­les, was auf der Ebe­ne des A ge­schieht, nichts wert ist, an­ders ge­sagt, dass jede Wahr­heit trü­ge­risch ist. Das ist eine Be­haup­tung, die ei­nen in den Pe­ri­oden des Amü­se­ments, die auf die Nach­kriegs­zei­ten fol­gen, zum La­chen brin­gen kann, wo man bei­spiels­wei­se eine Phi­lo­so­phie des Ab­sur­den er­sinnt, die vor al­len in den Kel­ler­bars brauch­bar ist. Ver­su­chen wir et­was Se­riö­se­res oder et­was Leich­te­res zu ar­ti­ku­lie­ren.“ (353)

Lau­tet die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten also: Jede Wahr­heit ist trü­ge­risch? Ist das die Be­deu­tung der For­mel S(Ⱥ)? La­can weist die­se Deu­tung zu­rück. Die Rede vom Lie­bes­ver­rat dien­te der Ein­stim­mung; für di­dak­ti­sche Zwe­cke wur­den die Ge­füh­le ins Spiel ge­bracht. Das könn­te zu Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren. Es geht La­can nicht, so be­tont er, um eine Phi­lo­so­phie des Pes­si­mis­mus à la Scho­pen­hau­er und auch nicht um eine Phi­lo­so­phie des Ab­sur­den, wie Ca­mus sie 1942 mit sei­nem Ver­such über das Ab­sur­de vor­ge­legt hat­te, dem My­thos von Si­sy­phos. Die Bot­schaft Jede Wahr­heit ist trü­ge­risch ist, wie La­can spä­ter aus­füh­ren wird, Ham­lets Art und Wei­se, die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten ab­zu­weh­ren.

… „Ich glau­be, dass der Au­gen­blick ge­kom­men ist, Ih­nen zu sa­gen, was die­ses Kür­zel im We­sent­li­chen be­deu­ten soll, auch wenn es Ih­nen noch un­ter ei­nem ziem­lich spe­zi­el­len Blick­win­kel er­schei­nen wird, den ich je­doch nicht für zu­fäl­lig hal­te.

Das durch­ge­stri­che­ne gro­ße A be­deu­tet fol­gen­des. In A – das kein Le­be­we­sen ist, son­dern der Ort des Spre­chens, der Ort, in dem in ent­wi­ckel­ter Ge­stalt oder in un­ent­wi­ckel­ter Ge­stalt, das Ge­samt des Si­gni­fi­kan­ten­sys­tems ruht, d.h. eine Spra­che –, in A fehlt et­was. Das, was hier fehlt, kann nur ein Si­gni­fi­kant sein, des­we­gen das S. Der Si­gni­fi­kant, der auf der Ebe­ne des An­de­ren fehlt, das ist die For­mel, die dem S(Ⱥ) sei­nen ra­di­kals­ten Wert ver­leiht.“ (353)

Was also be­sagt die For­mel S(Ⱥ)?
– A: Das A steht für den An­de­ren als Ort des Spre­chens. Der Ort des Spre­chens ist der Ort, an dem die Ge­samt­heit des Si­gni­fi­kan­ten­sys­tems ver­sam­melt ist, die Spra­che als Code. Aus­drück­lich er­klärt La­can: Das A steht nicht für ein Le­be­we­sen.
– Ⱥ: Der Schräg­strich über dem A soll an­deu­ten, dass dem An­de­ren als Ort des Spre­chens et­was fehlt. Der Code hat de­fi­zi­tä­ren Cha­rak­ter.
– S: Das Sprach­sys­tem am Ort des An­de­ren, also der Code, be­steht aus Si­gni­fi­kan­ten. Des­halb kann das, was hier fehlt, nur ein Si­gni­fi­kant sein – ein Laut, ein Wort, ein Satz, ein iso­lier­ba­res und re­kom­bi­nier­ba­res Ver­hal­tens­ele­ment. Das S vor der Klam­mer re­prä­sen­tiert ei­nen feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten.

Was kann es hei­ßen, das ein Si­gni­fi­kant fehlt? Dass sich eine Fra­ge auf ihn rich­tet und dass es auf die­se Fra­ge kei­ne Ant­wort gibt, er­läu­tert La­can in Se­mi­nar 8.19 Das S steht für ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der ge­sucht, aber nicht ge­fun­den wird, und zwar des­halb nicht, weil es ihn nicht gibt und nicht ge­ben kann.

Das S zu Be­ginn der For­mel S(Ⱥ) meint also nicht, wie man auch den­ken könn­te, rät­sel­haf­te Hin­wei­se auf den Man­gel im An­de­ren.20

Man kann die For­mel von rechts nach links le­sen.
– Der An­de­re ist hier das Sprach­sys­tem, das Dis­kurs­sys­tem, der Code: A.
– Dem Sprach­sys­tem fehlt et­was: Ⱥ.
– Das, was dem Sprach­sys­tem fehlt, ist ein Si­gni­fi­kant: S.

Die For­mel S(Ⱥ) steht also noch in ei­nem wei­te­ren Ge­gen­satz zur For­mel s(A). Wäh­rend s(A) sich auf eine Be­deu­tung be­zieht, die tat­säch­lich rea­li­siert wird – die Be­deu­tung der For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung –, steht S(Ⱥ) für ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der in­exis­tent ist, un­auf­heb­bar ab­we­send.

Mit der The­se, dass es im Un­be­wuss­ten ei­nen feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten gibt, greift La­can eine Fra­ge auf, die Freud be­stän­dig be­schäf­tigt hat: Wel­che Vor­stel­lun­gen feh­len im Un­be­wuss­ten? Für Freud sind dies die des ei­ge­nen To­des, der Ne­ga­ti­on und der Ge­schlechts­dif­fe­renz. La­can wei­tet die Fra­ge aus: Wel­cher Si­gni­fi­kant fehlt dem Sprach­sys­tem über­haupt?

La­cans Ant­wort er­in­nert an Hei­deg­gers Auf­satz Das We­sen der Spra­che. Hei­deg­ger schreibt dort: „Ein ‚ist‘ er­gibt sich, wo das Wort zer­bricht.“21 Mit La­can kann man das so über­set­zen: Für das Sub­jekt er­gibt sich eine Ant­wort auf die Seins­fra­ge – auf die Fra­ge „Was bin ich?“ – dort, wo ein Si­gni­fi­kant fehlt.

Dass dem An­de­ren als Sprach­sys­tem ein Si­gni­fi­kant fehlt, ist die Grund­be­deu­tung der For­mel; die Bot­schaft von Ham­let-Va­ter über die Falsch­heit der Lie­be ist nur eine von vie­len In­ter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten, und zwar eine höchst pro­ble­ma­ti­sche, wie La­can im wei­te­ren zei­gen wird.

… „Das ist, wenn ich so sa­gen kann, das gro­ße Ge­heim­nis der Psy­cho­ana­ly­se. Das gro­ße Ge­heim­nis be­steht dar­in: es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren.“ (353)

Der Si­gni­fi­kant, der fehlt, ist der­je­ni­ge, der da­für sor­gen wür­de, dass es ei­nen „An­de­ren des An­de­ren“ gibt. Den Be­griff „An­de­rer des An­de­ren“ hat­te La­can, wie re­fe­riert, in Se­mi­nar 5 ein­ge­führt. Die ers­te An­de­re ist im ty­pi­schen Fall die Mut­ter als Adres­sa­tin der For­de­run­gen des Kin­des. Die Mut­ter ist nicht nur Adres­sa­tin, son­dern auch Spre­che­rin; in ih­rem Spre­chen wen­det sie sich an ei­nen Drit­ten als ih­ren An­de­ren, im ty­pi­schen Fall an den Va­ter. Im Spre­chen der Mut­ter ist der Va­ter – aus der Per­spek­ti­ve des Kin­des ge­se­hen – der An­de­re der An­de­ren.

Die­ser An­de­re des An­de­ren – der Va­ter – spricht, und das, was er sagt, fun­giert für die An­de­re – für die Mut­ter – als eine Art Ent­schei­dung in letz­ter In­stanz, so hat­te La­can in Se­mi­nar 5 be­haup­tet. Die Rede vom „An­de­ren des An­de­ren“ wird jetzt kor­ri­giert oder bes­ser: in ei­nen grö­ße­ren Rah­men ge­stellt. Das Spre­chen des Va­ters ist für die Mut­ter kei­nes­wegs so et­was wie die Ent­schei­dung ei­nes obers­ten Ge­richts­hofs.

… „Nun ja, die ana­ly­ti­sche Er­fah­rung ent­hüllt uns, dass das Sub­jekt, das spricht, not­wen­di­ger­wei­se auf eine Wei­se struk­tu­riert ist, die es vom her­kömm­li­chen Sub­jekt un­ter­schei­det, auch wenn letz­te­res im Ver­lauf der phi­lo­so­phi­schen Ent­wick­lung er­neu­ert wor­den ist, in ei­nem Sin­ne, der uns schließ­lich durch­aus – in ei­ner be­stimm­ten Per­spek­ti­ve, im Rück­blick – als ein Wahn er­schei­nen kann, ein frucht­ba­rer Wahn, aber ein Wahn. In der tra­di­tio­nel­len Phi­lo­so­phie sub­jek­ti­viert sich das Sub­jekt un­end­lich. Wenn ich bin, in­so­fern ich den­ke, dann bin ich, in­so­fern ich den­ke, dass ich bin, und so im­mer wei­ter – es gibt kei­nen Grund, dass das zu ei­nem Halt kommt. Man hat­te be­reits mit­be­kom­men, dass es nicht so si­cher ist, dass ich bin, in­so­fern ich den­ke, und dass man nur ei­ner Sa­che si­cher sein kann, dass ich bin, in­so­fern ich den­ke, dass ich bin. Das mit Si­cher­heit. Nur – das, was die Ana­ly­se uns lehrt, ist et­was ganz an­de­res. Dass ich nicht der bin, der da­bei ist zu den­ken, dass ich bin, aus dem ein­fa­chen Grun­de, dass ich, da ich den­ke, dass ich bin, am Ort des An­de­ren den­ke. Dar­aus folgt, dass ich ein an­de­rer bin als der, der denkt, ‚ich bin‘.“ (354)

Das Sub­jekt fragt: „Was bin ich?“ Es stellt also die Fra­ge nach sei­nem Sein. Da­mit steht es in ge­wis­ser Nähe zu Des­car­tes’ ego co­gi­to, ergo sum, „ich den­ke, also bin ich“. Auch bei Des­car­tes geht es um das Sein des Sub­jekts. Des­car­tes sucht nach ei­ner Ant­wort, die mit Ge­wiss­heit wahr ist, und er glaubt, im „ich bin, in­so­fern ich den­ke“ die­se Ge­wiss­heit ge­fun­den zu ha­ben. La­can grenzt den Weg der Psy­cho­ana­ly­se hier­von ab.22 Wie Des­car­tes fragt das Sub­jekt in der Psy­cho­ana­ly­se nach sei­nem Sein, je­doch gibt es für das Sub­jekt der Psy­cho­ana­ly­se kei­ne Ge­wiss­heit.

La­can deu­tet zwei Ein­wän­de ge­gen das Co­gi­to an, die ich bei­de nicht ver­stan­den habe.

Der ers­te Ein­wand lau­tet: Wenn gilt:
– In­so­fern ich den­ke, bin ich,
dann gilt auch:
– In­so­fern ich „ich bin“ den­ke, bin ich.

Das ist zwin­gend – für Des­car­tesʼ Ar­gu­ment ist der In­halt des Den­kens ir­rele­vant, also kann auch der Des­car­te­sche Ge­dan­ke zur Grund­la­ge für das „ich bin“ ge­nom­men wer­den. Das „ich bin“ wird da­mit in den Ge­dan­ken auf­ge­nom­men und ver­dop­pelt. Die­ser Im­port kann un­end­lich oft wie­der­holt wer­den. Der nächs­te Schritt wäre:
– In­so­fern ich den­ke „in­so­fern ich den­ke, bin ich“, bin ich.
Es kommt hier zu ei­nem un­ab­schließ­ba­ren re-ent­ry, wie Luh­mann sa­gen wür­de, und da­mit zu ei­nem Wu­chern der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, was für La­can of­fen­bar et­was mit dem Wahn zu tun hat. In Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, wird die­ser Ge­dan­ke aus­führ­li­cher ent­wi­ckelt.23

Die nächs­te An­mer­kung zu Des­car­tes be­sagt: Es ist kei­nes­wegs si­cher, dass ich, in­so­fern ich den­ke, tat­säch­lich bin. Es ist je­doch si­cher, dass ich bin, in­so­fern ich et­was Be­stimm­tes den­ke, in­so­fern ich näm­lich das Co­gi­to nach­voll­zie­he und den­ke: „In­so­fern ich den­ke, bin ich.“ Das er­in­nert an die Des­car­tes-Deu­tung des fin­ni­schen Phi­lo­so­phen Jaak­ko Hin­tik­ka: das „ich“ des „ich den­ke“ ist nicht das „ich“ des „ich bin“; der be­rühm­te Satz ist kei­ne lo­gi­sche Schluss­fol­ge­rung, son­dern ein per­for­ma­ti­ver Akt: ego co­gi­tans exis­to, das den­ken­de Ich exis­tiert.24

Wie auch im­mer, klar ist: Das car­te­si­sche Co­gi­to steht für La­can in Se­mi­nar 6 im Ge­gen­satz zum psy­cho­ana­ly­ti­schen Sub­jekt­be­griff. Für die Psy­cho­ana­ly­se ist das Be­wusst­sein die Kehr­sei­te des ver­dräng­ten Triebs. Um die Psy­cho­ana­ly­se auf Des­car­tes be­zie­hen zu kön­nen, for­mu­liert La­can den Grund­ge­dan­ken der Psy­cho­ana­ly­se in den Ka­te­go­ri­en von Den­ken und Sein; mit „Den­ken“ ist hier das be­wuss­te Den­ken und das sinn­be­zo­ge­ne Spre­chen ge­meint, mit „Sein“ der ver­dräng­te Trieb, das ver­dräng­te Be­geh­ren. Wenn ich den Ge­dan­ken „ich bin“ den­ke, ist dies ein Vor­gang auf der Ebe­ne des Be­wusst­seins. Mein Sein (mein Be­geh­ren, mein Trieb) ist an­ders­wo. Das ist des­halb so, weil ich, wenn ich den­ke, am „Ort des An­de­ren“ den­ke, an­ders ge­sagt, weil sich mein Den­ken auf die Spra­che stützt. Ein­zu­schie­ben ist hier die The­se, dass das Spre­chen un­ver­meid­lich mit Ver­drän­gung ein­her­geht, mit der Ver­drän­gung des­sen, was mich im In­ners­ten um­treibt, mit der Ver­drän­gung mei­nes Seins. Also bin ich ein an­de­rer als der, der „ich bin“ denkt – mein Sein ist an­ders­wo als die­ser be­wuss­te Ge­dan­ke.

… „Nun, die Fra­ge ist, dass ich ab­so­lut kei­ne Ga­ran­tie habe, dass die­ser An­de­re, durch das, was es in sei­nem Sys­tem gibt, mir das zu­rück­ge­ben könn­te, wenn ich mich so aus­drü­cken kann, was ich ihm ge­ge­ben habe, näm­lich sein Sein und sein We­sen der Wahr­heit. Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren, habe ich Ih­nen ge­sagt. Es gibt im An­de­ren kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der hier­bei die Ver­ant­wor­tung über­neh­men könn­te für das, was ich bin (répond­re de ce que je suis). Und um es auf an­de­re Wei­se zu sa­gen, die Wahr­heit ohne Hoff­nung, über die ich eben zu Ih­nen ge­spro­chen habe, die­se Wahr­heit, näm­lich die­je­ni­ge, der wir auf der Ebe­ne des Un­be­wuss­ten be­geg­nen, ist eine ge­sichts­lo­se Wahr­heit, eine ver­schlos­se­ne Wahr­heit, eine Wahr­heit, die sich in jede Rich­tung bie­gen lässt. Wir wis­sen es nur zu sehr, das ist eine Wahr­heit ohne Wahr­heit.“ (354)

Das Sub­jekt fragt „Was bin ich?“ Es er­war­tet eine Ant­wort auf der Ebe­ne der Spra­che, es un­ter­stellt, dass das Sprach­sys­tem über eine sol­che Ant­wort ver­fügt. Es er­war­tet aber nicht ein­fach Ant­wor­ten. Es ist Car­te­sia­ner, es sucht nach ei­ner Ant­wort, die ge­wiss ist, nach ei­ner Ant­wort über sein Sein, de­ren Wahr­heit ga­ran­tiert ist.

Eine si­che­re Ant­wort wäre dann mög­lich, so setzt La­can hier vor­aus, wenn es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten gäbe, der die Wahr­heit si­chern wür­de. Die car­te­si­sche Va­ri­an­te des wahr­heits­si­chern­den Si­gni­fi­kan­ten ist das Co­gi­to, die ha­ber­mas­sche der herr­schafts­freie Dis­kurs. In der Um­gangs­spra­che gibt es zahl­rei­che For­meln, die die­se Auf­ga­be ha­ben, etwa das nach­ge­stell­te „ehr­lich“: „Ich war’s nicht – ehr­lich!“ Mit „ich war’s nicht“ wird ein Wahr­heits­an­spruch er­ho­ben, das „ehr­lich“ ist ein hin­zu­ge­füg­ter Si­gni­fi­kant, der dazu dient, das Wah­re über das Wah­re zu sa­gen, er soll der Wahr­heits­be­haup­tung eine Ga­ran­tie ver­lei­hen. Je­der weiß, dass das nicht funk­tio­niert – je häu­fi­ger ich „ehr­lich“ sage, des­to we­ni­ger wird man mir glau­ben.

Vor Ge­richt wird die Ei­des­for­mel als wahr­heits­si­chern­der Si­gni­kant ver­wen­det, „Ich schwö­re, dass ich bei bes­tem Wis­sen die rei­ne Wahr­heit ge­sagt habe“, auch hier ist of­fen­kun­dig, dass die Si­che­rung pre­kär ist.

Bei­de For­meln – „ehr­lich“ und „Ich schwö­re es“ – stüt­zen La­cans The­se, sie zei­gen, dass ein wahr­heits­si­chern­der Si­gni­fi­kant zwar ge­sucht, aber nicht ge­fun­den wird.

Tra­di­tio­nel­ler­wei­se lau­tet die Ei­des­for­mel in Deutsch­land „Ich schwö­re bei Gott dem All­mäch­ti­gen und All­wis­sen­den“, da­mit wird – in psy­cho­ana­ly­ti­scher Sicht – der Va­ter ins Spiel ge­bracht. Eine der Funk­tio­nen Got­tes bzw. des Va­ters be­steht of­fen­bar dar­in, ei­nen Si­gni­fi­kan­ten zu lie­fern, der die Wahr­heit ga­ran­tiert. „Du sollst nicht tö­ten“ – das ist eine For­de­rung, die mit dem An­spruch auf Wahr­heit ver­bun­den ist, auf nor­ma­ti­ve Rich­tig­keit, wie Ha­ber­mas prä­zi­sie­ren wür­de. Ihr wird hin­zu­ge­fügt: „Dies hat Jah­we zu Mose am Si­nai ge­spro­chen.“ Der er­gän­zen­de Si­gni­fi­kant dient als Ga­rant für die Rich­tig­keit.

Die Au­to­ri­täts­bin­dung be­ruht dar­auf, so scheint La­cans im­pli­zi­te The­se zu lau­ten, dass dem An­de­ren ein Si­gni­fi­kant zu­ge­schrie­ben wird, der die Wahr­heit sei­ner Be­haup­tun­gen und die Rich­tig­keit sei­ner An­ord­nun­gen ga­ran­tiert.

Kann der An­de­re also die Fra­ge „Was bin ich, jen­seits der Ent­frem­dung durch den Code?“ be­ant­wor­ten? La­cans Aus­kunft ist we­der Ja noch Nein. Es gibt durch­aus Ant­wor­ten auf die Fra­ge „Was bin ich?“, und die­se Ant­wor­ten be­an­spru­chen, wahr zu sein. Es gibt im An­de­ren je­doch kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die­sen Ant­wor­ten Ge­wiss­heit ver­lei­hen könn­te, der sie mit ei­ner Ga­ran­tie ver­se­hen könn­te.

Das heißt kei­nes­wegs, dass sie al­le­samt trü­ge­risch sind – die­se Deu­tung hat­te La­can aus­drück­lich zu­rück­ge­wie­sen. Die Ant­wor­ten sind we­der mit Ge­wiss­heit wahr noch mit Ge­wiss­heit falsch – sie sind un­ge­wiss. Die For­mel S(Ⱥ) ver­weist also auf ein Dra­ma – eine Tra­gö­die? eine Ko­mö­die? – in der Be­zie­hung des Sub­jekts zur Spra­che. Die sprach­lich ver­mit­tel­te Be­zie­hung zum An­de­ren ist un­ver­meid­lich mit Wahr­heits­an­sprü­chen ver­bun­den. Mit Ha­ber­mas kann man da­bei drei Gel­tungs­an­sprü­che un­ter­schei­den: den An­spruch auf die Wahr­heit von Be­haup­tun­gen, den auf nor­ma­ti­ve Rich­tig­keit und den auf Wahr­haf­tig­keit.25 Das Sub­jekt be­gnügt sich nicht mit be­schei­de­nen, vor­läu­fi­gen, wack­li­gen Wahr­hei­ten; es sucht nach Ge­wiss­heit und da­mit nach ei­nem Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit (und die Rich­tig­keit und die Wahr­haf­tig­keit) ga­ran­tiert. Auf die­ser Su­che stößt es dar­auf, dass es ei­nen sol­chen Ge­wiss­heit si­chern­den Si­gni­fi­kan­ten nicht gibt. Die­ses Wahr­heits­dra­ma bil­det, La­can zu­fol­ge, den Kern des Un­be­wuss­ten.

Die Psy­cho­ana­ly­se be­zieht sich auf meh­re­ren Ebe­nen auf das Wahr­heits­pro­blem.
– In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur ist der Ana­ly­ti­ker der­je­ni­ge, dem der Pa­ti­ent al­les sa­gen soll, was ihm in den Kopf kommt – dem er also die Wahr­heit sa­gen soll. Der Pa­ti­ent kann ver­su­chen, den Ana­ly­ti­ker zu be­lü­gen, sei es durch Er­fin­dun­gen, sei es durch Ver­schwei­gen.
– Der Pa­ti­ent fragt sich: Stim­men die Deu­tun­gen des Ana­ly­ti­kers?
– Viel­leicht stellt er sich auch die Fra­ge, wie die Pro­duk­tio­nen des Un­be­wuss­ten zu be­wer­ten sind: lügt das Un­be­wuss­te?26
– As­so­zi­ie­ren und Deu­ten er­fol­gen in ei­ner Si­tua­ti­on der Über­tra­gung; das ak­tu­el­le Wahr­heits­dra­ma wie­der­holt ein äl­te­res. Freud in­ter­es­siert sich für die kind­li­che „Se­xu­al­for­schung“ – mit der For­schung kommt die Wahr­heits­fra­ge ins Spiel. Er spricht über das Miss­trau­en der Kin­der ge­gen­über den Be­haup­tun­gen, die die Er­wach­se­nen zur Se­xua­li­tät vor­brin­gen.27
– Das Wahr­heits­dra­ma kann auch auf der Ebe­ne der Sym­pto­me aus­ge­tra­gen wer­den; man den­ke an das zwang­haf­te Lü­gen oder auch an die Ei­fer­sucht mit der be­stän­dig wie­der­keh­ren­den Fra­ge: „Hat sie mir wirk­lich die Wahr­heit ge­sagt?“

Wie auch im­mer das Wahr­heits­pro­blem im Ein­zel­nen aus­se­hen mag, die For­mel S(Ⱥ) am Platz der Bot­schaft des Un­be­wuss­ten be­sagt: den un­ter­schied­li­chen Wahr­heits­kon­flik­ten liegt die Kon­fron­ta­ti­on mit ei­nem struk­tu­rel­len De­fi­zit zu­grun­de: da­mit, dass ein wahr­heits­si­chern­der Si­gni­fi­kant ge­sucht wird und dass rea­li­siert wird, dass es ei­nen sol­chen Si­gni­fi­kan­ten nicht gibt (oder dass die­se Ent­de­ckung ab­ge­wehrt wird).

… „Und das ist für die­je­ni­gen, die sich un­se­rer Ar­beit von au­ßen nä­hern, wohl das größ­te Hin­der­nis. Da sie nicht mit uns auf dem Weg sind, auf dem un­se­re Deu­tun­gen dazu be­stimmt sind, ihre Wir­kung aus­zu­üben – eine Wir­kung, die sich nur als me­ta­pho­risch be­grei­fen lässt, in­so­fern die Deu­tun­gen im­mer zwi­schen den bei­den Li­ni­en des Gra­fen spie­len und wie­der­hal­len -, kön­nen sie nicht ver­ste­hen, wor­um es bei der ana­ly­ti­schen Deu­tung geht.“ (354)

In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur geht es um Wahr­heit, um die Auf­de­ckung des Ver­dräng­ten durch Deu­tung; ohne die­sen Wahr­heits­be­zug ist sie nicht denk­bar und nicht mach­bar. Die Wahr­heit der psy­cho­ana­ly­ti­schen Deu­tung hat je­doch ei­nen pre­kä­ren Sta­tus, nicht zu­letzt des­we­gen, weil die Kri­tik des Pa­ti­en­ten an der Deu­tung häu­fig auf „Wi­der­stand“ zu­rück­ge­führt und da­mit als Be­stä­ti­gung an­ge­se­hen wird. Dies macht die Psy­cho­ana­ly­se für Au­ßen­ste­hen­de du­bi­os. Ent­schei­dend an der psy­cho­ana­ly­ti­schen Deu­tung ist, dass sie Wir­kung hat. Die­se Wir­kung ist nur da­durch mög­lich, dass die Deu­tung zwi­schen den bei­den Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en des Gra­fen spielt, zwi­schen dem sinn­ori­en­tier­ten Spre­chen und dem Spre­chen des Un­be­wuss­ten. Das heißt aber, die Deu­tun­gen ha­ben un­ver­meid­lich me­ta­pho­ri­schen Cha­rak­ter. Etwa zehn Jah­re spä­ter wird La­can hier­für die For­mel fin­den „Die Wahr­heit kann man nur halb sa­gen“.28

Der Vater kann das Gesetz nicht garantieren (29. April 1959)

In der Sit­zung vom 29. April heißt es:

Das Ham­let-Dra­ma geht, im Ge­gen­satz zum Ödi­pus-Dra­ma, nicht von der Fra­ge aus ‚Was ge­schieht da? Wo ist das Ver­bre­chen? Wo ist der Schul­di­ge?‘ Es be­ginnt mit der An­pran­ge­rung des Ver­bre­chens, das dem Ohr des Sub­jekts zu Ge­hör ge­bracht wird, und aus­ge­hend von die­ser Of­fen­ba­rung ent­wi­ckelt es sich. Die­se Of­fen­ba­rung, de­ren gan­ze Zwei­deu­tig­keit wir se­hen so­wie den Kon­trast zu Ödi­pus, kann in der Form ge­schrie­ben wer­den, in der wir die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten schrei­ben, näm­lich Si­gni­fi­kant des durch­ge­stri­che­nen A, S(Ⱥ).“ (405 f.)

Die Stadt The­ben wird von der Pest heim­ge­sucht und man sucht nach dem Ver­bre­chen, durch das die Seu­che her­vor­ge­ru­fen wur­de, so­wie nach dem Schul­di­gen. Das ist der An­fang von So­pho­klesʼ Kö­nig Ödi­pus. Die Ham­let-Tra­gö­die be­ginnt mit der Of­fen­ba­rung des Ver­bre­chens und des Mör­ders – der Geist des to­ten Kö­nigs er­scheint Ham­let und be­rich­tet ihm, dass er kei­nes­wegs auf na­tür­li­che Wei­se zu Tode ge­kom­men ist, viel­mehr durch Mord, und dass Clau­di­us, der Bru­der des To­ten, der Schul­di­ge ist. Kö­nig Ödi­pus ent­fal­tet sich ähn­lich wie ein klas­si­scher Kri­mi­nal­ro­man: die Hand­lung be­steht dar­in, auf die Fra­ge „Who­dun­nit?“ eine Ant­wort zu fin­den. Die Hand­lung von Ham­let ent­wi­ckelt sich eher wie ein Thril­ler. Es steht fest, wer der Schul­di­ge ist, die Fra­ge ist nur, ob er sei­ner ge­rech­ten Stra­fe zu­ge­führt wird.

Die Of­fen­ba­rung des Ver­bre­chens ent­hält eine Zwei­deu­tig­keit. Si­cher­lich, Clau­di­us ist der Schul­di­ge. Aber zu­gleich er­scheint der Va­ter als schwa­cher Va­ter. Er ist von Be­ginn der Tra­gö­die an das Op­fer ei­nes Ver­bre­chens, und er kann nicht die Sank­ti­on des Ge­set­zes ver­hän­gen, er kann den Schul­di­gen nicht sei­ner ge­setz­li­chen Stra­fe zu­füh­ren. Das kann mit dem Sym­bol S(Ⱥ) ge­schrie­ben wer­den.

… „In der Nor­mal­form, wenn man so sa­gen kann, des Ödi­pus­kom­ple­xes wird die­ser Si­gni­fi­kant von der Ge­stalt des Va­ters ver­kör­pert. Von ihm wird die Sank­ti­on des Or­tes des An­de­ren er­war­tet und ge­for­dert, die Wahr­heit der Wahr­heit, in­so­fern er der Ur­he­ber des Ge­set­zes sein muss. Je­doch ist er im­mer nur der­je­ni­ge, der es er­lei­det, und er kann es nicht mehr als ir­gend­ein an­de­rer ga­ran­tie­ren, denn auch er hat den Schräg­strich zu er­lei­den, was ihn, in­so­fern er der rea­le Va­ter ist, zu ei­nem kas­trier­ten Va­ter macht.“ (406)

Das S im Kür­zel S(Ⱥ) steht für „Si­gni­fi­kant“, für den­je­ni­gen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tiert, der die Wahr­heit über die Wahr­heit sagt, für den An­de­ren des An­de­ren. Die­ser Si­gni­fi­kant wird in der Nor­mal­form des Ödi­pus­kom­ple­xes vom Va­ter ver­kör­pert; von ihm wird er­war­tet und ge­for­dert, für den „Ort des An­de­ren“ die „Sank­ti­on“ zu lie­fern.

Mit dem „Ort des An­de­ren“ sind hier vor al­lem die Ver­bo­te ge­meint, das „Ge­setz“, wie La­can sagt.

Von die­sem Va­ter wird die Sank­ti­on er­war­tet, in Ham­let die Stra­fe für die Über­tre­tung des Ge­set­zes durch den Mör­der, in psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve: die Stra­fe der Kas­tra­ti­on. In Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung, wird der Va­ter, von dem die Kas­tra­ti­on er­war­tet wird, als „rea­ler Va­ter“ be­zeich­net.29 Falls dies für La­can in Se­mi­nar 6 noch gilt, ist das S in S(Ⱥ) also der Si­gni­fi­kant für den rea­len Va­ter (oder auch der Mut­ter), von dem die Kas­tra­ti­on er­war­tet wird.

Sank­ti­on“ meint auch das Er­las­sen ei­nes Ge­set­zes, wie in „Prag­ma­ti­sche Sank­ti­on“. Der Va­ter ist der­je­ni­ge, von dem er­war­tet wird, dass er als Ur­he­ber des Ge­set­zes fun­giert (wie es sich Rous­seau in Vom Ge­sell­schafts­ver­trag vom Ge­setz­ge­ber er­träumt), dass er das Ge­setz in Kraft setzt und dass er durch die­sen Ur­sprung dem Ge­setz eine un­be­streit­ba­re Le­gi­ti­mi­tät si­chert.

Un­ter „Sank­tio­nie­ren“ ver­steht La­can auch die Be­stä­ti­gung, die Ab­si­che­rung ei­ner Auf­fas­sung durch eine Au­to­ri­tät.30

Ham­let-Va­ter kann das Ge­setz nicht ga­ran­tie­ren, nicht ab­si­chern; ohn­mäch­tig hat er das Ver­bre­chen er­lit­ten, ohn­mäch­tig muss er dul­den, dass der Mör­der sei­nen Platz ein­nimmt, den des Kö­nigs. Er ist von den Be­din­gun­gen des Spre­chens ge­prägt („er hat den Schräg­strich zu er­lei­den“); sein Be­geh­ren steht in Be­zie­hung zum Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten, als rea­ler Va­ter ist ein kas­trier­ter Va­ter.

Der Mangel im Anderen und das Verschwinden des Subjekts (13. Mai 1959)

In der fol­gen­den, sehr lan­gen Pas­sa­ge re­kon­stru­iert La­can den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Man­gel im An­de­ren und dem Phan­tas­ma. Dem Le­ser wird zu­ge­mu­tet, sich für drei Fra­gen gleich­zei­tig zu in­ter­es­sie­ren:
– Was ist der Man­gel im An­de­ren, Ⱥ?
– Wor­in be­steht das Phan­tas­ma, dar­ge­stellt durch die For­mel $◊a?
– Und vor al­lem: Wor­in be­steht der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Man­gel im An­de­ren und dem Phan­tas­ma, zwi­schen Ⱥ und $◊a?

Die Lek­tü­re ist ver­mut­lich müh­se­lig; sie lohnt sich, weil die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Grö­ßen – also zwi­schen Ⱥ bzw. S(Ⱥ) und $◊a – zu die­sem Zeit­punkt so et­was wie das Zen­trum von La­cans Theo­rie der Psy­cho­ana­ly­se bil­det.

Das Phan­tas­ma

Graf des Begehrens - Ausschnitt S-A und Phantasma - grünDie Ant­wort des Sub­jekts auf die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Man­gel im An­de­ren ist das Phan­tas­ma. Im Gra­fen des Be­geh­rens wird die­se Be­zie­hung da­durch kenn­lich ge­macht, dass die For­mel für das Phan­tas­ma, $◊a, di­rekt un­ter der For­mel für den Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren lo­ka­li­siert wird, also un­ter S(Ⱥ) (vgl. die Zeich­nung rechts).

Die sym­bo­li­sche For­mel ($◊a) gibt ihre Form dem, was ich das Fun­da­men­tal­phan­tas­ma nen­ne.

Dies ist die wah­re Form der an­geb­li­chen Ob­jekt­be­zie­hung und nicht die Art, wie die­se bis­lang ar­ti­ku­liert wor­den ist.“ (434)

Der zwei­te Satz ist eine Hin­zu­fü­gung des Her­aus­ge­bers, er fin­det sich nicht in der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie.31

Die von Wil­liam Fair­bairn, Me­la­nie Klein und an­de­ren auf den Weg ge­brach­te Ob­jekt­be­zie­hungs­theo­rie ver­kennt, wor­um es bei der Ob­jekt­be­zie­hung geht. Die Ob­jekt­be­zie­hungs­theo­re­ti­ker mei­nen, über das Ob­jekt zu spre­chen, tat­säch­lich aber be­zie­hen sie sich – ohne es zu wis­sen – auf den An­spruch: die von ih­nen un­ter­schie­de­nen „Ob­jekt­be­zie­hun­gen“ (oral, anal usw.) sind von An­sprü­chen aus kon­stru­iert, von For­de­rungs­ar­ten (ora­len For­de­run­gen, ana­len For­de­run­gen usw.).

Kor­rekt hin­ge­gen wird die Ob­jekt­be­zie­hung von La­cans For­mel $◊a dar­ge­stellt:
– $ steht für das Sub­jekt, das durch die Spra­che ei­nen Ver­lust er­lit­ten hat,
– ◊ steht für sich wi­der­spre­chen­de Be­zie­hun­gen, für ein dia­lek­ti­sches Ver­hält­nis,
a ist das ima­gi­nä­re Ob­jekt, das Ob­jekt des Be­geh­rens; im Kon­text ist dies Ophe­lia als Ob­jekt des Be­geh­rens von Ham­let.32
Die For­mel des Phan­tas­mas ist also ins­ge­samt so zu le­sen: „Das Sub­jekt, das durch die Spra­che ei­nen Ver­lust er­lit­ten hat, in ei­ner dia­lek­ti­schen Be­zie­hung ste­hend zum ima­gi­nä­ren Ob­jekt des Be­geh­rens“.

… „Zu sa­gen, dass es hier um das Fun­da­men­tal­phan­tas­ma geht, soll nichts an­de­res hei­ßen als dies, dass es in der syn­chro­nen Per­spek­ti­ve der Stüt­ze des Be­geh­rens sei­ne Mi­ni­mal­struk­tur si­chert.“ (434)

Das Be­geh­ren stützt sich auf Phan­tas­men, auf Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen, an de­nen man sich „auf­geilt“, wie es in der Um­gangs­spra­che prä­gnant heißt. Im Gra­fen des Be­geh­rens wird dies durch die Ge­gen­über­stel­lung von d (für Be­geh­ren) und $◊a (der For­mel für das Phan­tas­ma) dar­ge­stellt.

Die Rede vom Fun­da­men­tal­phan­tas­ma be­sagt, dass La­can das Phan­tas­ma in ei­ner syn­chro­nen Per­spek­ti­ve be­trach­tet, nicht in ei­ner dia­chro­nen. An­ders ge­sagt, er fragt nach der Struk­tur des Sub­jekts, nicht nach sei­ner Ent­wick­lungs­ge­schich­te. Er be­greift die struk­tu­rel­le („syn­chro­ne“) Sicht­wei­se als Er­gän­zung und Kor­rek­tur der in der Psy­cho­ana­ly­se vor­herr­schen­den ent­wick­lungs­ge­schicht­li­chen Be­trach­tungs­wei­se. Da­bei be­zieht sich der Be­griff „Fun­da­men­tal­phan­tas­ma“ auf die Mi­ni­mal­struk­tur des Phan­tas­mas.

Mit „Fun­da­men­tal­phan­tas­ma“ ist kei­nes­wegs eine kon­kre­te Phan­ta­sie­vor­stel­lung ge­meint, die al­len an­de­ren, leich­ter zu­gäng­li­chen Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen zu­grun­de­lä­ge.

Die mit der For­mel $◊a ver­bun­de­ne The­se lau­tet: Das Fun­da­men­tal­phan­tas­ma be­steht dar­in, dass es in je­der Phan­ta­sie­vor­stel­lung ei­ner­seits das von der Spra­che mar­kier­te Sub­jekt gibt, an­de­rer­seits das ima­gi­nä­re Ob­jekt des Be­geh­rens und zwi­schen bei­den eine wi­der­sprüch­li­che Be­zie­hung.

… „Sie fin­den hier zwei Ter­me, de­ren dop­pel­te Be­zie­hung zu­ein­an­der eben das Phan­tas­ma kon­sti­tu­iert. Die­se Be­zie­hung wird da­durch kom­plex, dass das Sub­jekt sich als Be­geh­ren in ei­ner drit­ten Be­zie­hung zum Phan­tas­ma kon­sti­tu­iert.“ (434)

Die bei­den Aus­drü­cke, also $ und a, ste­hen in ei­ner dop­pel­ten Be­zie­hung zu­ein­an­der; die Dop­pelt­heit der Be­zie­hung wird durch das Sym­bol ◊ aus­ge­drückt, das dem­nach so zu le­sen ist: „in zwei mit­ein­an­der im Kon­flikt lie­gen­den Be­zie­hun­gen ste­hend zu“, „in ei­ner dia­lek­ti­schen Be­zie­hung ste­hend zu“. Graf des Begehrens - Beziehung Begehren Phantasma grün

Das Sub­jekt kommt nicht nur als zum Phan­tas­ma ge­hö­ren­des, phan­ta­sier­tes Sub­jekt ins Spiel, son­dern auch als phan­ta­sie­ren­des und da­mit als be­geh­ren­des Sub­jekt. Dies ist eine drit­te Be­zie­hung: die Be­zie­hung, die das Sub­jekt zu sei­nen Phan­ta­sie­vor­stel­lun­gen un­ter­hält, in­dem es mit ih­nen sein Be­geh­ren an­heizt. Im Gra­fen wird die­se Be­zie­hung durch das Ver­hält­nis zwi­schen d und $◊a dar­ge­stellt (in der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung grün ge­färbt).

Das Ver­schwin­den des Sub­jekts …

… „Wir neh­men heu­te die drit­te Per­spek­ti­ve ein. Über­dies wer­den wir die An­nah­me (as­somp­ti­on) des Sub­jekts durch a hin­durch­ge­hen las­sen. Das ist ge­nau so le­gi­tim, wie es durch das aus­ge­stri­che­ne Sub­jekt hin­durch­ge­hen zu las­sen, an­ge­sichts des­sen, dass das Be­geh­ren sich in der Be­zie­hung der Kon­fron­ta­ti­on mit ($◊a) hält.“( 434)

Die Be­deu­tung die­ser Be­mer­kung ist mir nicht klar. Mit der as­somp­ti­on des Sub­jekts ist ver­mut­lich das ge­meint, was Freud als die „in­tel­lek­tu­el­le An­nah­me des Ver­dräng­ten“ be­zeich­net.33 Es gibt dem­nach zwei Wege zur in­tel­lek­tu­el­len An­nah­me des Ver­dräng­ten, den Weg über das Ob­jekt des Be­geh­rens und den über das aus­ge­stri­che­ne Sub­jekt. Was könn­te das hei­ßen?

La­can fährt fort:

… „Sie ha­ben mich die Din­ge be­reits hin­rei­chend weit ar­ti­ku­lie­ren ge­hört, um, so den­ke ich, kei­nes­wegs er­staunt zu sein, aus der Bahn ge­wor­fen zu wer­den, über­rascht zu sein, wenn ich be­haup­te, dass das Ob­jekt a zu­nächst de­fi­niert wird als Stüt­ze, die das Sub­jekt sich gibt, in­so­fern es schwach wird (dé­fail­le) .… Hier wol­len wir ei­nen Mo­ment lang in­ne­hal­ten und an­fan­gen, et­was An­nä­hern­des zu sa­gen, da­mit das zu Ih­nen spricht, in­so­fern es in sei­ner Sub­jekt­ge­wiss­heit schwach wird. Und dann ver­bes­se­re ich mich, um Ih­nen den ge­nau­en Ter­mi­nus zu ge­ben, der aber zu we­nig zur An­schau­ung spricht, so dass ich Angst habe, ihn Ih­nen zu­nächst zu ge­ben, in­so­fern es in sei­ner Sub­jekt­de­si­gna­ti­on schwach wird.“ (434, die Aus­las­sungs­punk­te und die Her­vor­he­bun­gen sind in der Vor­la­ge)

Das Ob­jekt a im Phan­tas­ma löst für das Sub­jekt ein Pro­blem, es lie­fert ihm eine Stüt­ze. Das Pro­blem be­steht für das Sub­jekt dar­in, dass es schwach wird, ei­nen Schwä­che­an­fall er­lei­det, dass es ver­schwin­det; an an­de­ren Stel­len in die­sem Se­mi­nar spricht La­can vom fa­ding des Sub­jekts oder von sei­ner apha­ni­sis, was bei­des „Ver­schwin­den“ meint. In der For­mel für das Phan­tas­ma, $◊a, steht das durch­ge­stri­che­ne S nicht ein­fach für das Sub­jekt, das den Be­din­gun­gen des Spre­chens un­ter­wor­fen ist, son­dern spe­zi­el­ler für das Sub­jekt, das ei­nen Schwä­che­an­fall er­lei­det, das im Ver­schwin­den be­grif­fen ist.

Was ist mit dem Schwach­wer­den oder Ver­schwin­den des Sub­jekts ge­meint? Ers­te An­nä­he­rung: Das Sub­jekt schwin­det in sei­ner certi­tu­de de su­jet, in sei­ner Sub­jekt­ge­wiss­heit. Der Be­griff ver­weist auf die car­te­si­sche Pro­ble­ma­tik, auf die Su­che nach Ge­wiss­heit. Das Sub­jekt sucht Ge­wiss­heit dar­über, was sei­ne Sub­jek­ti­vi­tät aus­macht, jen­seits der An­pas­sung an den Code. Die­se Ge­wiss­heit kann nicht er­reicht wer­den. Das Sub­jekt er­lei­det in­so­fern ei­nen Schwä­che­an­fall, als sei­ne Selbst­ge­wiss­heit schwin­det. Ne­ben die Un­ge­wiss­heit in be­zug auf die Wahr­heit der Äu­ße­run­gen des An­de­ren tritt die Un­ge­wiss­heit des Sub­jekts in be­zug auf sich selbst.

Das ist je­doch nur eine An­nä­he­rung. Die bes­se­re Be­schrei­bung lau­tet: das Sub­jekt schwin­det in sei­ner dé­si­gna­ti­on de su­jet, in sei­ner Sub­jekt­be­zeich­nung. Das Pro­blem des Sub­jekts be­steht dar­in, sich zu de­si­gnie­ren, sich zu be­zeich­nen, und zwar als Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses, und bei die­sem Ver­such zeigt sich sei­ne Ohn­macht.

Der be­wuss­te Dis­kurs ent­hält ein Ele­ment, das die Selbst­be­zeich­nung er­mög­licht, das Per­so­nal­pro­no­men der ers­ten Per­son Sin­gu­lar, also „ich“. Die car­te­si­sche Ge­wiss­heit stützt sich auf die­ses Ele­ment der Selbst­be­zeich­nung, am deut­lichs­ten in der Fas­sung ego co­gi­to, „ich den­ke“. Das Un­be­wuss­te ver­fügt nicht über ein dem „ich“ ana­lo­ges Ele­ment, nicht über ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, mit dem das Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses sich selbst be­zeich­nen könn­te. „Das Sub­jekt schwin­det“ meint: auf der Ebe­ne des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses ge­lingt es ihm nicht, zu sich „ich“ zu sa­gen. Da es in sei­ner Selbst­be­zeich­nung sei­ne Ohn­macht er­fährt, schwin­det es auch in sei­ner Ge­wiss­heit.

… als Ef­fekt des Man­gels im An­de­ren

… „Denn das, wor­um es geht, be­ruht gänz­lich auf dem, was im An­de­ren ge­schieht, in­so­fern er für das Sub­jekt der Ort sei­nes Be­geh­rens ist. Nun, im An­de­ren – in die­sem Dis­kurs des An­dern, der das Un­be­wuss­te ist – fehlt dem Sub­jekt et­was. Wir wer­den so­fort dar­auf zu­rück­kom­men, wir wer­den so oft dar­auf zu­rück­kom­men wie nö­tig, wir wer­den bis zum Schluss dar­auf zu­rück­kom­men.“ (434 f.)

Das, was be­zeich­net wer­den soll, ist das Be­geh­ren des Sub­jekts. Die­ses be­ruht auf dem, was im An­de­ren ge­schieht, dar­auf, wie sich der An­de­re zum Be­geh­ren des Sub­jekts ver­hält. Im Dis­kurs des An­de­ren fehlt et­was, und aus die­sem Grund schei­tert das Vor­ha­ben des Sub­jekts, sich in sei­nem ei­ge­nen Be­geh­ren zu be­zeich­nen.

… „Durch eben die Struk­tur, die die Be­zie­hung des Sub­jekts zum An­de­ren als Ort des Spre­chens eta­bliert, fehlt et­was auf der Ebe­ne des An­de­ren. Das, was hier fehlt, ist ge­nau das, was es dem Sub­jekt er­lau­ben wür­de, sich hier ge­nau als das Sub­jekt des Dis­kur­ses, den es hält, zu iden­ti­fi­zie­ren. Im Ge­gen­teil, in­so­fern die­ser Dis­kurs der Dis­kurs des Un­be­wuss­ten ist, ver­schwin­det hier das Sub­jekt.“ (435)

Das Sub­jekt eta­bliert sich in der Be­zie­hung zum An­de­ren als Ort des Spre­chens, d.h. als Ort des Codes und als Ort der Wahr­heit. Im An­de­ren, im Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat des Un­be­wuss­ten, fehlt et­was, näm­lich das, was es dem Sub­jekt er­mög­li­chen wür­de, sich als Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses zu be­zeich­nen. Der Man­gel im An­de­ren, Ⱥ, führt zum Ver­schwin­den des Sub­jekts, $.

Be­zo­gen auf das be­wuss­te Spre­chen – also die un­te­re Eta­ge des Gra­fen – gibt es ein sol­ches Ele­ment, das Per­so­nal­pro­no­men der ers­ten Per­son Sin­gu­lar, „ich“; mit ihm be­zeich­net der Spre­cher sich selbst.

Wie Freud be­haup­tet La­can also, dass im Un­be­wuss­ten be­stimm­te Ele­men­te feh­len. Für La­can sind es zwei Ele­men­te, de­ren Ab­we­sen­heit be­stim­mend ist: ein Si­gni­fi­kant, der die Wahr­heit des vom An­de­ren Ge­sag­ten ga­ran­tie­ren könn­te, S(Ⱥ), und ein Si­gni­fi­kant, mit des­sen Hil­fe das Sub­jekt sich als Spre­cher des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses be­zeich­nen könn­te, $. Die Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sein des Sub­jekts be­steht in der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen zwei feh­len­den Si­gni­fi­kan­ten: zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit des An­de­ren si­chern könn­te, und dem Si­gni­fi­kan­ten, mit dem das Sub­jekt sich in sei­nem un­be­wuss­ten Dis­kurs selbst be­zeich­nen könn­te.

Hei­deg­ger sagt: „Ein ‚ist‘ er­gibt sich, wo das Wort zer­bricht.“ Mit La­can kann man das jetzt so über­set­zen: Für das Sub­jekt er­gibt sich eine Ant­wort auf die Seins­fra­ge – auf die Fra­ge „Was bin ich?“ – dort, wo zwei Si­gni­fi­kan­ten feh­len, ei­ner auf der Sei­te des An­de­ren und ein wei­te­rer auf der Sei­te des Sub­jekts.

Das Ob­jekt des Be­geh­rens als Er­satz­lö­sung an­ge­sichts des Ver­schwin­dens des Sub­jekts

La­can fährt fort:

… „Dies führt dazu, dass das Sub­jekt, um sich zu be­zeich­nen, et­was ver­wen­den muss, was auf sei­ne Kos­ten geht. Auf sei­ne Kos­ten nicht als Sub­jekt, das im Spre­chen kon­sti­tu­iert ist, son­dern auf sei­ne Kos­ten als rea­les, ganz und gar le­ben­di­ges Sub­jekt, auf Kos­ten von et­was, das für sich al­lein kei­nes­wegs ein Sub­jekt ist. Das Sub­jekt, das den Preis zahlt, der not­wen­dig da­für ist, dass es sich selbst als ver­schwin­dend aus­macht, wird so in die­se Di­men­si­on ein­ge­führt, die je­des Mal, wenn es um das Be­geh­ren geht, im­mer ge­gen­wär­tig ist – näm­lich, dass es die Kas­tra­ti­on zu zah­len hat.“ (435)

La­can setzt vor­aus, dass das Be­stre­ben, sich in sei­nem Be­geh­ren zu be­zeich­nen, et­was ist, von dem das Sub­jekt nicht ab­las­sen kann. Wenn die­ses Un­ter­neh­men schei­tert, wird ein Er­satz be­nö­tigt. Er kann nur da­durch ge­lie­fert wer­den, dass das Sub­jekt et­was von sich op­fert, et­was von sich als rea­lem, le­ben­di­gem Sub­jekt. Was ge­op­fert wird, sind be­stimm­te „se­xu­el­le Re­gun­gen“, wie Freud sich aus­drückt; La­can wird spä­ter von der jouis­sance spre­chen, vom Ge­nie­ßen.

Das Selb­stop­fer ist mit der Kas­tra­ti­on ver­bun­den. Mit Freud könn­te man das so über­set­zen: die Trieb­un­ter­drü­ckung er­folgt auf­grund der Kas­tra­ti­ons­dro­hung. La­can ver­steht un­ter der Kas­tra­ti­on al­ler­dings nicht das­sel­be wie Freud.

… „An­ders ge­sagt, et­was Rea­les, auf das es in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung ei­nen Zu­griff hat, wird schlicht und ein­fach in die Funk­ti­on ei­nes Si­gni­fi­kan­ten ge­bracht. Das ist der letz­te Sinn, der tiefs­te Sinn der Kas­tra­ti­on als sol­cher.“ (435)

Das Sub­jekt hat in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung ei­nen Zu­griff auf et­was Rea­les. Das Rea­le sind hier die se­xu­el­len Re­gun­gen. Das Sub­jekt be­zieht sich auf die­se Re­gun­gen auf dem Weg über das Kör­per­bild, also in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung, auf dem Weg über Wahr­neh­mung der Ge­schlechts­or­ga­ne, in Ge­stalt der Kas­tra­ti­ons­phan­ta­sie. Hier­durch wird et­was Rea­les in die Funk­ti­on ei­nes Si­gni­fi­kan­ten ge­bracht: der Pe­nis wird als Sitz von Er­re­gun­gen still­ge­legt und dient im Sche­ma Anwesenheit/Abwesenheit zur Be­zeich­nung der Ge­schlechts­dif­fe­renz. Für La­can be­steht die Kas­tra­ti­on letzt­lich dar­in, dass der Pe­nis mit dem Über­gang zur La­tenz­pha­se sei­ne Funk­ti­on wech­selt und aus ei­nem Sitz von Er­re­gun­gen zu ei­nem Ge­schlechts­merk­mal wird. (Un­klar ist, wie die Ent­wick­lung des Mäd­chens hier ein­zu­ord­nen ist.)

Im­mer, wenn das Be­geh­ren ins Spiel kommt, ist die Kas­tra­ti­on ge­gen­wär­tig – wenn die Ge­schlechts­or­ga­ne spä­ter wie­der zum Sitz von Er­re­gun­gen wer­den, ist dies mit ei­nem Ver­lust ver­bun­den, der un­auf­heb­bar ist.

… „Die we­sent­li­che Ent­de­ckung des Freu­dia­nis­mus ist die bis da­hin ver­kann­te Tat­sa­che, dass die Kas­tra­ti­on ins Spiel kommt, so­bald sich das Be­geh­ren als sol­ches auf kla­re Wei­se ma­ni­fes­tiert. Die­se Tat­sa­che hat uns alle mög­li­chen his­to­ri­schen Ein­bli­cke er­öff­net, de­nen man un­ter­schied­li­che my­thi­sche Über­set­zun­gen ge­ge­ben hat, die man dann auf Ent­wick­lungs­be­grif­fe zu re­du­zie­ren ver­sucht hat. Dass die in die­ser Di­men­si­on ver­folg­te dia­chro­ne For­schung frucht­bar ge­we­sen ist, ist nicht zu be­zwei­feln, das darf uns aber nicht da­von ab­hal­ten, in ei­ner an­de­ren Di­men­si­on zu for­schen, näm­lich in der syn­chro­nen Di­men­si­on, die das we­sent­li­che Ver­hält­nis ist, das hier im Spiel ist.“ (435)

Die we­sent­li­che Ent­de­ckung der Psy­cho­ana­ly­se ist dem­nach nicht die Ent­de­ckung des Un­be­wuss­ten und nicht die der kind­li­chen Se­xua­li­tät, son­dern der Kas­tra­ti­ons­kom­plex: so­bald sich beim Kind das ge­ni­ta­le se­xu­el­le Be­geh­ren ent­wi­ckelt, ist es mit dem Kas­tra­ti­ons­pro­blem kon­fron­tiert. Freud hat das in To­tem und Tabu im My­thos vom Ur­va­ter­mord dar­ge­stellt: nach dem Mord am Ur­va­ter ver­zich­ten die Söh­ne auf die Frau­en des Va­ters. An Freuds The­sen über den Zu­sam­men­hang von phal­li­scher Pha­se, Kas­tra­ti­ons­dro­hung und La­tenz­pha­se an­knüp­fend ha­ben sei­ne Schü­ler eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie aus­ge­ar­bei­tet. La­can be­schrei­tet ei­nen an­de­ren Weg, er fragt nach der syn­chro­nen Di­men­si­on, nach der Struk­tur.

… „Die­se Be­zie­hung ist die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Si­gni­fi­kan­ten, in­so­fern das Sub­jekt sich hier nicht als Sub­jekt be­zeich­nen kann, be­nen­nen kann. Für die­sen Man­gel muss es ei­nen Er­satz lie­fern, in­dem es, wenn ich so sa­gen kann, mit sei­ner Per­son zahlt. Ich ver­su­che, so bild­haft wie mög­lich zu sein, und es sind nicht im­mer die strengs­ten Ka­te­go­ri­en, die ich ver­wen­de.“ (435)

Die struk­tu­rel­le Be­zie­hung, die dem ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Zu­sam­men­hang zwi­schen phal­li­scher Pha­se, Kas­tra­ti­ons­vor­stel­lung und La­tenz­pha­se zu­grun­de liegt, ist die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Si­gni­fi­kan­ten, zur Spra­che. Da­bei ist ent­schei­dend, dass das Sub­jekt sich als se­xu­ell be­geh­ren­des Sub­jekt nicht selbst be­zeich­nen kann, also das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts. Hier­für muss es ei­nen Er­satz lie­fern, und zwar da­durch, dass es „mit sei­ner Per­son zahlt“, dass es sei­ne se­xu­el­len Re­gun­gen un­ter­drückt.

La­can deu­tet an, dass der Be­griff „Per­son“ pro­ble­ma­tisch ist: er ist mit der Vor­stel­lung der Ein­heit­lich­keit ver­bun­den – das ge­spal­te­ne Sub­jekt ist ge­ra­de kei­ne Ein­heit.

… „Was hier ein­greift, da­für kön­nen wir et­was Ana­lo­ges in der Funk­ti­on be­stimm­ter Sym­bo­le der Spra­che fin­den, der­je­ni­gen, die die Lin­gu­is­ten im le­xi­ka­li­schen Sys­tem mit dem Na­men shif­ter sym­bols her­aus­he­ben. Ich habe be­reits auf das Per­so­nal­pro­no­men ‚ich‘ an­ge­spielt, das den­je­ni­gen be­zeich­net, der spricht. Auf der Ebe­ne des Un­be­wuss­ten, gilt das­sel­be für das klein a. Die­ses a, das nicht ein Sym­bol ist, son­dern ein rea­les Ele­ment des Sub­jekts, ist das, was in­ter­ve­niert, um den Mo­ment zu stüt­zen, im syn­chro­nen Sin­ne, wo das Sub­jekt schwin­det, um sich auf der Ebe­ne der In­stanz des Be­geh­rens zu be­zeich­nen.“ (436)

Ja­kobson klas­si­fi­ziert die gram­ma­ti­schen Ka­te­go­ri­en mit­hil­fe der Be­grif­fe „Code“ und „Bot­schaft“; die sprach­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on be­steht dar­in, dass der Sen­der mit­hil­fe ei­nes Ko­des eine Bot­schaft ko­diert, der Emp­fän­ger de­ko­diert die Bot­schaft mit­hil­fe des Codes.

Ei­ni­ge Ele­men­te des Codes be­zie­hen sich auf die Bot­schaft. Ein ty­pi­scher Fall sind Per­so­nal­pro­no­men. Das Per­so­nal­pro­no­men „ich“ meint: „die Per­son, die ‚ich‘ sagt“. Die Be­deu­tung des Code-Ele­ments „ich“ kann also nur da­durch be­stimmt wer­den, dass man sich auf den Sprech­vor­gang be­zieht, auf die Bot­schaft – „ich“ ist der Sen­der der Bot­schaft. Ein Code­ele­ment, das sich auf die Bot­schaft be­zieht, wird von Ja­kobson als „Shif­ter“ be­zeich­net, als Ver­schie­ber.34

Im Sys­tem der un­be­wuss­ten Si­gni­fi­kan­ten fehlt eine Ent­spre­chung zum Per­so­nal­pro­no­men, ein Ele­ment, mit dem das Sub­jekt im un­be­wuss­ten Dis­kurs als Sub­jekt be­zeich­nen könn­te.

Das Ob­jekt a – das Ob­jekt des Be­geh­rens – lie­fert hier­für ei­nen Er­satz. Es dient dem Sub­jekt dazu, sich als Be­geh­ren­den zu be­zeich­nen. Mit dem Ob­jekt a be­zeich­net sich der Be­geh­ren­de in sei­nem Be­geh­ren auf ähn­li­che Wei­se wie der Spre­cher sich mit dem Pro­no­men „ich“ auf sich selbst als Spre­chen­den be­zieht. Al­ler­dings ist das Ob­jekt a, an­ders als das Per­so­nal­pro­no­men, kein Sym­bol, kein sprach­li­cher Aus­druck, es ist viel­mehr ein „rea­les Ele­ment des Sub­jekts“, ein an­de­res In­di­vi­du­um oder ein Ge­gen­stand? eine Trieb­re­gung?

La­can re­kon­stru­iert hier den Me­cha­nis­mus der Pro­jek­ti­on. Da dem Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem des Un­be­wuss­ten ein Ele­ment fehlt, mit dem das Sub­jekt sich in sei­nem Be­geh­ren be­zeich­nen könn­te, wählt es ei­nen Um­weg über das Ima­gi­nä­re. Es pro­ji­ziert sein Be­geh­ren auf ein an­de­res In­di­vi­du­um oder ei­nen Ge­gen­stand, es ver­or­tet sein Sein – den ver­dräng­ten Trieb – in ei­nem Ob­jekt, das so zum Ob­jekt des Be­geh­rens wird. Es ver­wen­det das Ob­jekt des Be­geh­rens ähn­lich wie das Per­so­nal­pro­no­men der ers­ten Per­son: das idea­li­sier­te und ge­hass­te Ob­jekt des Be­geh­rens dient ihm dazu, sich als Be­geh­ren­den selbst zu be­zeich­nen.

Das ge­hört zum All­tags­wis­sen. Wenn je­mand ei­nen an­de­ren be­son­ders lei­den­schaft­lich kri­ti­siert, sa­gen ihm Be­ob­ach­ter manch­mal, dass das of­fen­bar et­was „mit ihm selbst zu tun hat“. Ge­meint ist: Der Kri­ti­sie­ren­de spricht, in­dem er über den an­de­ren spricht, über sich selbst, mit La­can: er be­zeich­net im an­de­ren sich in sei­nem Be­geh­ren – in sei­nem Sein jen­seits des Codes, in sei­nem Be­geh­ren, das er un­ter der Kas­tra­ti­ons­dro­hung ver­drängt.

Man den­ke an das voy­eu­ris­ti­sche Phan­tas­ma. Die be­wuss­te Struk­tur be­steht dar­in, dass das Sub­jekt von ei­nem Ver­steck aus ($) ei­nen an­de­ren bei se­xu­el­len Ak­ti­vi­tä­ten (a) be­ob­ach­tet. Un­be­wusst un­ter­stellt der Voy­eur, dass der an­de­re be­ob­ach­tet wer­den will; das un­be­wuss­te Phan­tas­ma ist also um­ge­kehrt ge­baut: das Be­geh­ren des an­de­ren ($) be­steht dar­in, von ei­nem Blick (a) be­ob­ach­tet zu wer­den. Dass ihn selbst die Schau­lust um­treibt, ist dem Voy­eur ohne wei­te­res zu­gäng­lich, er hat sie, um den Aus­druck von Freud zu ver­wen­den, „in­tel­lek­tu­ell an­ge­nom­men“. Was er un­ter der Kas­tra­ti­ons­dro­hung ver­drängt hat, ist die Kehr­sei­te der Schau­lust, das ex­hi­bi­tio­nis­ti­sche Be­geh­ren.35 In die­sem Sein, in die­sem Be­geh­ren kann er sich, auf­grund der dro­hen­den Kas­tra­ti­on, nicht selbst be­nen­nen. Die Selbst­be­zeich­nung ist für ihn aber un­ver­zicht­bar. Die Lö­sung be­steht dar­in, dass er das ex­hi­bi­tio­nis­ti­sche Be­geh­ren – sein Sein – auf das Paar pro­ji­ziert. Das Paar wird für ihn zu ei­ner Art Per­so­nal­pro­no­men, zu ei­nem Ele­ment, mit des­sen Hil­fe er sich be­zeich­nen kann, in sei­nem Be­geh­ren jen­seits der Ent­frem­dung im Code.

Das Sche­ma der Sub­jekt­kon­sti­tu­ie­rung

Ich über­sprin­ge eine Er­läu­te­rung zum Be­griff des Phal­lus (436–438). Da­nach heißt es:

Ich will Sie nicht bei den Hin­wei­sen ste­hen las­sen, die ich Ih­nen ge­ra­de ge­ge­ben habe. 

Denn das ist nicht das, was Ih­nen den Sinn und die Funk­ti­on des klei­nen a als Ob­jekt in sei­ner gan­zen All­ge­mein­heit lie­fern wird.

In­so­fern das Sub­jekt Be­geh­ren ist, steht es un­ter der Dro­hung der un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den kas­tra­ti­ven Be­zie­hung. Das, was der Po­si­ti­on die­ses Sub­jekts die Stüt­ze gibt, das ist, wie ich Ih­nen ge­sagt habe, das Ob­jekt im Phan­tas­ma, was die ent­wi­ckel­tes­te Form des Ob­jekts ist. Ich möch­te Ih­nen jetzt zei­gen, in wel­cher Syn­chro­nie die­se Be­zie­hung ar­ti­ku­liert wer­den kann.“ (438)

La­can re­sü­miert. Das Sub­jekt steht, wenn es be­gehrt, un­ter der Kas­tra­ti­ons­dro­hung. Der Be­griff des Ver­schwin­dens – dass sich das Sub­jekt in sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren nicht als Sub­jekt be­zeich­nen kann – ge­hört zu La­cans Re­kon­struk­ti­on der Kas­tra­ti­ons­dro­hung. Wie kann es an­ge­sichts die­ser Dro­hung sein Be­geh­ren stüt­zen? Durch die Be­zie­hung auf das Ob­jekt a im Phan­tas­ma. In­wie­fern dies die ent­wi­ckel­tes­te Form des Ob­jekts ist, ist mir nicht klar.

Im Fol­gen­den geht es um die Syn­chro­nie der Be­zie­hung zum Ob­jekt a im Phan­tas­ma, also nicht um Ent­wick­lungs­sta­di­en, son­dern um die Struk­tur der Be­zie­hung zum Ob­jekt des Be­geh­rens.

… „Ich un­ter­strei­che das Wort Syn­chro­nie, denn die Not­wen­dig­keit des Dis­kur­ses wird mich dazu zwin­gen, Ih­nen da­von eine For­mel zu ge­ben, die dia­chron sein wird. Dar­aus folgt, dass Sie das mit ei­ner Ge­ne­se ver­wech­seln kön­nen. Es geht je­doch um nichts der­glei­chen.“ (438)

La­can kün­digt an, dass er eine for­ma­le Dar­stel­lung ge­ben wird, in der die Be­zie­hung zum Ob­jekt a im Phan­tas­ma schritt­wei­se auf­ge­baut wird. Die­ser Auf­bau nimmt den Weg über den Man­gel im An­de­ren. Der Auf­bau be­zieht sich nicht auf eine rea­le Ent­wick­lung, er stellt kei­ne Ab­fol­ge von Ent­wick­lungs­stu­fen dar; es geht um ei­nen theo­re­ti­schen Auf­bau.

… „Die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Buch­sta­ben, die ich gleich an die Ta­fel schrei­ben wer­de, sol­len es uns er­mög­li­chen, das klei­ne a an sei­nem Platz zu ver­or­ten. In­so­fern das Sub­jekt der un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Kas­tra­ti­on ge­gen­wär­tig ist, steht es in ei­ner Be­zie­hung zu die­sem Ob­jekt. Ich wer­de die­se Be­zie­hung zum Ob­jekt pro­vi­so­risch als das Lö­se­geld für die­se Sub­jekt­po­si­ti­on be­zeich­nen, weil ich auch ak­zen­tu­ie­ren muss, was ich sa­gen will, wenn ich von die­ser Be­zie­hung als von der Stüt­ze des Be­geh­rens spre­che.“ (438)

Um der Kas­tra­ti­on zu ent­ge­hen, bringt sich das Sub­jekt in eine Be­zie­hung zu ei­nem Ob­jekt. Die­se Be­zie­hung wird da­durch mög­lich, dass das Sub­jekt ei­nen Preis zahlt, ein Lö­se­geld da­für, der Kas­tra­ti­on zu ent­ge­hen. Der Preis be­steht, mit Freud ge­spro­chen, in der Trieb­un­ter­drü­ckung. Die Be­zie­hung zum Ob­jekt des Be­geh­rens ist die Kehr­sei­te die­ses Selb­stop­fers.

Seminar 6 - Schema Dialektik des Begehrens - Miller SSeminar 6 - Dialektik von Anderem und Subjekt 2La­can geht nun dazu über, den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Man­gel im An­de­ren und dem Phan­tas­ma an­hand des links wie­der­ge­ge­be­nen Sche­mas zu er­läu­tern.36 Rechts fin­det man eine von mir über­ar­bei­te­te Ver­si­on des Sche­mas; die Be­zeich­nung „(Proto-)Subjekt“ ist von mir, man fin­det sie nicht bei La­can.

1. Zei­le: Die an den An­de­ren als Ort des Spre­chens ge­rich­te­te For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung

… „Wie ent­steht die­se syn­chro­ne Be­zie­hung? Wir ge­hen von der ur­sprüng­lichs­ten sub­jek­ti­ven Po­si­ti­on aus, der des An­spruchs. Sie fin­den das in der ers­ten Zei­le rechts mit dem gro­ßen D an­ge­zeigt. Das ist im Ver­hal­ten des In­di­vi­du­ums die Ma­ni­fes­ta­ti­on, die Il­lus­tra­ti­on, das Bei­spiel, das es uns er­laubt, das We­sen des­sen zu er­fas­sen, wie sich das Sub­jekt kon­sti­tu­iert, in­so­fern es in den Si­gni­fi­kan­ten ein­tritt.“ (439)

Das Sub­jekt de­fi­niert sich im­mer durch sei­ne Be­zie­hung zum An­de­ren. Im Sche­ma ist die lin­ke Spal­te die des An­de­ren, die rech­te die des Sub­jekts – des Sub­jekts in sei­nem schritt­wei­sen Auf­bau, auf der rech­ten Sei­te ha­ben wir es also zu­nächst noch nicht mit ei­nem Sub­jekt zu tun. Die ur­sprüng­lichs­te Be­zie­hung ist die, dass das We­sen, das ein Sub­jekt wer­den wird, an den An­de­ren die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung rich­tet; die­se For­de­rung (oder die­ser An­spruch) wird mit D für de­man­de sym­bo­li­siert. Mit dem An­spruch tritt das Noch-nicht-Sub­jekt in die Spra­che ein – es er­wirbt das Sprach­sys­tem, den Code, um For­de­run­gen an den An­de­ren rich­ten zu kön­nen, die von die­sem ver­stan­den wer­den kön­nen. In Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, war die­ser Zu­sam­men­hang von La­can breit ent­wi­ckelt wor­den, auf ihn be­zieht sich das un­te­re Stock­werk des Gra­fen des Be­geh­rens.

… „Die syn­chro­ne Be­zie­hung, um die es geht, wird sich nach ei­nem sehr ein­fa­chen Al­go­rith­mus ein­rich­ten, näm­lich dem­je­ni­gen der Di­vi­si­on. Er wird durch den senk­rech­ten Strich an­ge­zeigt. Hier ist ein waa­ge­rech­ter Strich hin­zu­ge­fügt, der die Ebe­nen trennt, aber er hat nichts We­sent­li­ches, weil er auf je­der Ebe­ne wie­der­holt wer­den kann.“ (439)

Der senk­re­che Strich trennt die Sei­te des An­de­ren (links) von der des sich auf­bau­en­den Sub­jekts (rechts). Die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Sei­ten und die Ab­fol­ge der Zei­len imi­tiert den Al­go­rith­mus – das Lö­sungs­ver­fah­ren – der schrift­li­chen Di­vi­si­on, es geht um die di­vi­si­on du su­jet, um die Sub­jekt­spal­tung. Die lin­ke Sei­te, die des An­de­ren, ent­spricht dem Di­vi­den­den, die rech­te, die des im Auf­bau be­find­li­chen Sub­jekts, dem Di­vi­sor; die ers­te Zei­le ist so zu le­sen: „A ge­teilt durch D“, die Be­zie­hung zum An­de­ren geht durch den An­spruch hin­durch.

Bei je­dem Schritt (bei je­der Tei­lung des An­de­ren durch das im Auf­bau be­find­li­che Sub­jekt) bleibt ein Rest, der in der nächs­ten Zei­le wei­ter­ver­ar­bei­tet wird; die­ser Rest ist das Be­geh­ren. Der waa­ge­rech­te Strich un­ter der ers­ten Zei­le hat kei­ne Be­deu­tung.

… „Die ur­sprüng­lichs­te Be­zie­hung des Sub­jekts ist die Be­zie­hung des An­de­ren, als Ort des Spre­chens, zum An­spruch. Der An­de­re fi­gu­riert hier in Ge­stalt des Buch­sta­bens groß A. A ge­teilt durch D – aus­ge­hend von die­ser Be­zie­hung er­rich­tet sich die Dia­lek­tik, de­ren Re­si­du­um uns die Po­si­ti­on von a, dem Ob­jekt, lie­fern wird.“ (439)

Die Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem wer­den­den Sub­jekt – die „Tei­lung“ des­sen, was auf der Sei­te des An­de­ren (links) steht, durch das, was auf der Sub­jekt­sei­te (rechts) no­tiert ist – be­ginnt mit der Tei­lung des An­de­ren durch den An­spruch. Der An­de­re fun­giert hier als Ort des Spre­chens, als Hö­rer, an den der An­spruch sich rich­tet und an des­sen Code sich der Spre­cher an­pas­sen muss. Das Ver­fah­ren lie­fert im vier­ten Schritt, in der vier­ten Zei­le des Sche­mas, das, was er­klärt wer­den soll, näm­lich das Ob­jekt a.

Die Be­zie­hung hat dia­lek­ti­schen Cha­rak­ter, in­so­fern in ihr – nach dem Vor­bild von He­gels Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes – eine Span­nung zwi­schen den bei­den Sei­ten ver­ar­bei­tet wird, die nie ganz auf­ge­löst wer­den kann und des­halb im­mer neue Be­zie­hungs­for­men her­vor­bringt.

… „Zu Be­ginn die­ses Pro­zes­ses wird das Be­dürf­nis des Sub­jekts in Form ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­al­ter­na­ti­ve ar­ti­ku­liert und es er­rich­tet sich all das, was in der Fol­ge die­se Be­zie­hung des Sub­jekts zu sich selbst, die sich Be­geh­ren nennt, struk­tu­rie­ren wird.“ (439)

Die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung wird zu­nächst in Schrei­en ar­ti­ku­liert. Die­se bil­den in­so­fern den An­satz ei­ner Spra­che, als sie auf Si­gni­fi­kan­ten­op­po­si­tio­nen be­ru­hen, auf kon­tras­tie­ren­den Lau­ten. Im Ver­lauf die­ses Pro­zes­ses struk­tu­riert sich das Be­geh­ren, die An­triebs­struk­tur des Sub­jekts. Das Be­geh­ren ist eine Be­zie­hung des Sub­jekts zu sich selbst – wo­bei das Sche­ma zeigt, dass die Be­zie­hung des Sub­jekts zu sich selbst den Weg über die Be­zie­hung zum An­de­ren nimmt.

2. Zei­le: Der an den An­de­ren als rea­les Sub­jekt ge­rich­te­te Lie­bes­an­spruch

… „Der An­de­re, der hier je­mand Rea­les ist, ein rea­les Sub­jekt, Sr37, fin­det sich des­we­gen, weil er im An­spruch an­ge­ru­fen wird, in der Po­si­ti­on, die­sen, wel­chen auch im­mer, in ei­nen an­de­ren Wert über­ge­hen zu las­sen, näm­lich den des Lie­bes­an­spruchs, in­so­fern die­ser sich schlicht und ein­fach auf die Al­ter­na­ti­ve An­we­sen­heit – Ab­we­sen­heit be­zieht. Des­halb ver­se­hen wir das gro­ße D des An­spruchs mit ei­nem Schräg­strich.“ (439 f.)

La­can geht zur zwei­ten Zei­le des Sche­mas über. Der An­de­re, an den die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ap­pel­liert, kann die For­de­rung er­fül­len oder zu­rück­wei­sen. In die­ser Funk­ti­on ist er nicht mehr der Ort des Spre­chens, der vir­tu­el­le Hö­rer als Sitz des Si­gni­fi­kan­ten­sys­tems. Als der­je­ni­ge, der die For­de­rung be­wil­li­gen oder zu­rück­wei­sen kann, ist er ein rea­ler An­de­rer, ein le­ben­di­ges We­sen, das Ent­schei­dun­gen tref­fen kann und von dem das Noch-nicht-Sub­jekt ab­hän­gig ist. An die­sen rea­len An­de­ren rich­tet sich der am­bi­va­len­te Lie­bes­an­spruch des im Auf­bau be­grif­fe­nen Sub­jekts, näm­lich die For­de­rung „Du sollst im­mer ganz für mich da sein / Du sollst weg sein“. Der Lie­bes­an­spruch wird im Sche­ma mit ei­nem durch­ge­stri­che­nen D sym­bo­li­siert, wo­bei der Schräg­strich of­fen­bar die Al­ter­na­ti­ve Anwesenheit/Abwesenheit an­deu­ten soll. Auch hier fasst La­can sei­ne in Se­mi­nar 5 aus­führ­lich ent­wi­ckel­te Ar­gu­men­ta­ti­on zu­sam­men. Die zwei­te Zei­le ist von rechts nach links so zu le­sen: Das Noch-nicht-Sub­jekt rich­tet die For­de­rung nach Anwesenheit/Abwesenheit – den Lie­bes­an­spruch – an den An­de­ren als rea­les Sub­jekt.

… „Ne­ben­bei wei­se ich Sie dar­auf hin, dass ich nicht um­hin konn­te, über­rascht, be­rührt, ja be­wegt zu sein, in Shake­speares Son­nets wört­lich den Aus­druck An­we­sen­heit-Ab­we­sen­heit wie­der­zu­fin­den, in dem Mo­ment, wo es ihm dar­um geht, die Lie­bes-Be­zie­hung, mit Bin­de­strich, aus­zu­drü­cken.“ (440)

Der Lie­bes­an­spruch ist die For­de­rung nach Anwesenheit/Abwesenheit des An­de­ren. La­can sieht sich in die­ser Auf­fas­sung durch ein Ge­dicht von Shake­speare be­stä­tigt; das 45. Son­nett be­ginnt so:
The other two, slight air and pur­ging fire,
Are both with thee, whe­re­ver I abi­de;
The first my thought, the other my de­si­re,
The­se pre­sent-ab­sent with swift mo­ti­on sli­de.

Wört­lich und ver­deut­li­chend über­setzt:
Die an­dern bei­den (der vier Ele­men­te), leich­te Luft und läu­tern­des Feu­er,
Sind bei­de mit dir, wo im­mer auch ich bin,
Das ers­te (die Luft) (ist) mein Ge­dan­ke, das and­re (das Feu­er) (ist) mein Be­geh­ren,
Die­se (bei­den) glei­ten mit ra­scher Be­we­gung, (sind) an­we­send (und) ab­we­send (zu­gleich).

… „Hier ist also das Sub­jekt, in­so­fern kon­sti­tu­iert, als der An­de­re eine rea­le Per­son ist, der­je­ni­ge, durch die der An­spruch selbst mit Be­deu­tung auf­ge­la­den wird, der­je­ni­ge, durch die der An­spruch des Sub­jekts et­was an­de­res wird als das, was er na­ment­lich be­an­sprucht, näm­lich die Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses.“ (440)

In der zwei­ten Zei­le wird das Noch-nicht-Sub­jekt da­durch kon­sti­tu­iert, dass der An­de­re, an den es sich wen­det, eine rea­le Per­son ist, die nach Gut­dün­ken mit der For­de­rung des Noch-nicht-Sub­jekts ver­fah­ren kann. Der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung geht des­halb über in den Lie­bes­an­spruch.

… „Ein Sub­jekt gibt es nur für ein Sub­jekt – das ist ein Prin­zip, an dem wir als zeit­lo­sem Prin­zip fest­zu­hal­ten ha­ben. Be­reits des­halb, weil der An­de­re ur­sprüng­lich ge­setzt wor­den ist als der­je­ni­ge, der in Ge­gen­wart des An­spruchs ein be­stimm­tes Spiel spie­len kann oder nicht, ist er be­reits als Sub­jekt ein­ge­setzt wor­den so­wie als das Ende der Tra­gö­die, die sich ab­spie­len wird. An­ders ge­sagt, die Ein­füh­rung des Sub­jekts, des In­di­vi­du­ums, in den Si­gni­fi­kan­ten be­kommt die Funk­ti­on, den An­de­ren zu sub­jek­ti­vie­ren, was uns dazu bringt, un­ter den Buch­sta­ben groß A den Buch­sta­ben groß S mit ei­nem klei­nen r zu schrei­ben.“ (440)

Das Sche­ma soll, in der rech­ten Spal­te, den Auf­bau des Sub­jekts zei­gen. Da­mit das Sub­jekt ent­ste­hen kann, muss zu­nächst der An­de­re für das Noch-nicht-Sub­jekt der rech­ten Spal­te als Sub­jekt fun­gie­ren, nach dem Prin­zip: ein Sub­jekt gibt es nur für ein Sub­jekt – Sub­jekt kann man nicht für sich al­lein sein, das Sub­jekt ist, wenn man so sa­gen darf, ein In­ter-Sub­jekt, ein­ge­bet­tet in eine In­ter­sub­jek­ti­vi­tät. Das ist Fich­tes Ent­de­ckung, die von He­gel aus­ge­ar­bei­tet wur­de.

Der An­de­re wird für das Noch-nicht-Sub­jekt da­durch zu ei­nem Sub­jekt, dass er mit der For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (ers­te Zei­le) nach Gut­dün­ken ver­fah­ren kann. Er kann die For­de­rung er­fül­len oder nicht er­fül­len, und da­mit wird er für das im Auf­bau be­find­li­che Sub­jekt zum Sub­jekt.

Am Ende die­ser Dia­lek­tik wird das Noch-nicht-Sub­jekt ein Sub­jekt sein. Die Sub­jekt­ent­wick­lung ist eine Tra­gö­die, sie ist mit ei­nem un­auf­heb­ba­ren Ver­lust ver­bun­den. Wenn der An­de­re für das im Auf­bau be­find­li­che Sub­jekt zum Sub­jekt wird, ist es mit dem Ende der Tra­gö­die kon­fron­tiert.

3. Zei­le: Der An­spruch des Sub­jekts auf An­er­ken­nung als Sub­jekt und der im An­de­ren feh­len­de Si­gni­fi­kant

… „In­so­fern der An­de­re ein Sub­jekt als sol­ches ist, er­rich­tet sich das Sub­jekt und kann es sich selbst als Sub­jekt in ei­ner neu­en Be­zie­hung zum An­de­ren ein­set­zen, näm­lich dass es sich in die­sem An­de­ren als Sub­jekt an­er­ken­nen zu las­sen hat – nicht mehr als An­spruch, nicht mehr als Lie­be, son­dern als Sub­jekt.“ (440)

La­can wech­selt zur drit­ten Zei­le. Da­durch, dass der An­de­re für das Noch-nicht-Sub­jekt zum Sub­jekt ge­wor­den ist (zwei­te Zei­le), kann das, was noch kein Sub­jekt war, zum Sub­jekt wer­den und sich als Sub­jekt auf den An­de­ren be­zie­hen. Nach dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (1. Zei­le) und dem Lie­bes­an­spruch (2. Zei­le) geht es jetzt um den An­spruch auf An­er­ken­nung (3. Zei­le).

Das Sub­jekt strebt da­nach, vom An­de­ren „als Sub­jekt“ an­er­kannt zu wer­den (434), in sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren jen­seits der Ent­frem­dung durch den Code – das ge­ni­ta­le Be­geh­ren ist die Stre­bung, mit der das Sub­jekt ver­sucht, sein im An­de­ren ent­frem­de­tes Sein wie­der­zu­ge­win­nen.

… „Bin ich hier da­bei, sämt­li­che Di­men­sio­nen der phi­lo­so­phi­schen Me­di­ta­ti­on des Selbst­be­wusst­seins ir­gend­ei­ner Mas­ke zu­zu­schrei­ben? Dar­um geht es nicht. Oder bes­ser ge­sagt, dar­um geht es, aber in ei­ner Form, die nicht wie bei den Phi­lo­so­phen ver­schlei­ert, ver­bor­gen ist, son­dern durch­aus kon­kret und durch­aus real.“ (440)

La­can ist klar, dass sei­ne Dia­lek­tik des Sub­jekts ei­ni­ge sei­ner Zu­hö­rer an He­gel bzw. an Ko­jè­ve er­in­nert. Lässt er hier die Phi­lo­so­phie des Selbst­be­wusst­seins in der Mas­ke der Sub­jekt­wer­dung des In­di­vi­du­ums auf­tre­ten? Er sieht es um­ge­kehrt. Was He­gel hier­zu vor­ge­bracht hat, ist die Mas­ke; die von La­can vor­ge­stell­te Dia­lek­tik ist de­ren Ent­schleie­rung.

La­can wech­selt zur lin­ken Spal­te der drit­ten Zei­le. Hier fin­det man das durch­ge­stri­che­ne A, also Ⱥ, den Man­gel im An­de­ren, der uns in die­sem Ar­ti­kel vor al­lem in­ter­es­siert. Die Zei­le ist so zu le­sen: Das Sub­jekt will vom An­de­ren als Sub­jekt an­er­kannt wer­den (S), und die Ant­wort des An­de­ren hier­auf ist der Man­gel im An­de­ren (Ⱥ).

… „Wel­che Ga­ran­tie kann jed­we­de Art des Funk­tio­nie­rens des An­de­ren im Rea­len, als auf den An­spruch ant­wor­tend, fin­den? Wo­durch kann die Wahr­heit des Ver­hal­tens des An­de­ren, wel­ches im­mer es sein mag, be­zeugt wer­den? Was ist auf dem kon­kre­ten Grund des Be­griffs der Wahr­heit als der der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät? Was gibt dem Ter­mi­nus truth, auf Eng­lisch, der ein­fach die Wahr­heit in Groß­buch­sta­ben aus­drückt, sei­nen vol­len Sinn? Al­les ist ab­hän­gig von dem, was wir in Fran­zö­sisch, in ei­ner Zer­glie­de­rung der Spra­che, die das Fak­tum ei­nes sprach­li­chen Sys­tems ist, den Glau­ben an das Wort (pa­ro­le) nen­nen. An­ders ge­sagt, in­wie­fern kann man sich auf den An­de­ren ver­las­sen?“ (440 f.)

Der rea­le An­de­re ant­wor­tet auf den An­spruch des Sub­jekts, als Sub­jekt an­er­kannt zu wer­den. Mit sei­nem ge­sam­ten Ver­hal­ten re­agiert er auf die Ma­ni­fes­ta­tio­nen des se­xu­el­len Be­geh­rens des Kin­des, etwa durch Em­pö­rung oder durch Gleich­gül­tig­keit oder durch Rück­zug oder auch, in­dem er et­was dazu sagt. An die­sem Punkt kommt es zu ei­ner Kri­se. Das Sub­jekt fragt sich, ob die Ant­wor­ten der An­de­ren wahr sind. Kann es den Ant­wor­ten der An­de­ren auf die Ma­ni­fes­ta­ti­on sei­nes se­xu­el­len Be­geh­rens glau­ben? Kann es sich dar­auf ver­las­sen?

Wie lie­ße sich die Ver­trau­ens­kri­se lö­sen? Durch eine Ga­ran­tie für die Wahr­heit der Ant­wort des An­de­ren.

… „Dar­um geht es, wenn ich Ih­nen sage, dass es kei­nen An­de­ren des An­dern gibt. Was soll das hei­ßen, wenn nicht ge­nau dies, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der die kon­kre­te Fol­ge ir­gend­ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ma­ni­fes­ta­ti­on ga­ran­tie­ren könn­te. Und an die­sem Punkt wird die­ser Aus­druck ein­ge­führt, das durch­ge­stri­che­nen gro­ße A.“ (441)

Das Sub­jekt sucht nach ei­nem Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit des Ver­hal­tens des An­de­ren ga­ran­tie­ren wür­de, ge­wis­ser­ma­ßen den Aus­druck ei­nes Lü­gen­de­tek­tor-Tests, das Ge­gen­stück zu Pi­noc­chi­os lan­ger Nase; das könn­te eine Er­zäh­lung sein oder eine Ges­te – eine Art Schwur­hand – oder ein be­stimm­tes Wort, so et­was wie ein Gro­ßes Eh­ren­wort. Ei­nen sol­chen Si­gni­fi­kan­ten gibt es nicht; hier­für steht das durch­ge­stri­che­ne gro­ße A, also Ⱥ. Und eben dies meint „es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren“.

… „An­ge­sichts des Drucks des An­spruchs des Sub­jekts, das eine Ga­ran­tie ver­langt, ist das, was sich auf der Ebe­ne des An­de­ren ver­wirk­licht, ur­sprüng­lich et­was von die­sem Man­gel, im Ver­hält­nis zu dem das Sub­jekt sich zu ver­or­ten ha­ben wird. Die­ser Man­gel, be­ach­ten Sie das, stellt sich auf der Ebe­ne des An­de­ren als Ort des Spre­chens her und nicht auf der Ebe­ne des An­de­ren als Rea­lem. Nichts Rea­les auf der Sei­te des An­de­ren kann hier­für eine Ab­hil­fe schaf­fen, es sei denn durch eine Se­rie von Ad­di­tio­nen, A‘, A‘‘, A‘‘‘, die nie­mals aus­ge­schöpft sein wer­den.“ (441)

Der An­spruch des Sub­jekts dar­auf, in sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren als Sub­jekt jen­seits des Codes an­er­kannt zu wer­den, hat sich in den An­spruch ver­wan­delt, eine Ga­ran­tie da­für zu er­hal­ten, dass die Ant­wort des An­de­ren wahr­haf­tig ist. Die­se Ga­ran­tie kann es nicht ge­ben. Das Sub­jekt stößt hier auf den Man­gel im An­de­ren, auf die Gren­ze des Spre­chens und des Sprach­sys­tems.

Der Man­gel im An­de­ren ist kein Man­gel des rea­len An­de­ren, es geht nicht um die Fra­ge, ob ein kon­kre­tes In­di­vi­du­um die Wahr­heit sagt oder lügt. Der rea­le An­de­re kann tun, was er will, um die Wahr­heit des­sen, was er sagt, nach­zu­wei­sen – ei­nen zwin­gen­den Nach­weis für sie wird er nie­mals lie­fern kön­nen. In den kon­kre­ten Dra­men um die Wahr­heit wird ein Pro­blem aus­ge­tra­gen, das letzt­lich in der Sprach­struk­tur ver­an­kert ist.

Das Sub­jekt hat sich in be­zug auf die­sen Man­gel zu ver­or­ten. Hier steht es vor ei­ner Wahl. Es kann Man­gel der Spra­che ak­zep­tie­ren, dass sie die Wahr­heit nicht ga­ran­tie­ren kann. Es kann aber auch un­be­irr­bar nach ei­nem An­de­ren su­chen, der „echt“ ist. Dies läuft auf eine un­ab­schließ­ba­re Se­rie von Be­zie­hun­gen hin­aus, in de­nen der eine schein­bar au­then­ti­sche rea­le An­de­re vom nächs­ten schein­bar au­then­ti­schen rea­len An­de­ren ab­ge­löst wird; im Sche­ma wird das durch die Se­rie der nicht durch­ge­stri­che­nen gro­ße A dar­ge­stellt, A‘, A“, A“‘. Freud hat das als Wie­der­ho­lungs­zwang be­schrie­ben: es gibt Men­schen, „die es un­be­stimmt oft in ih­rem Le­ben wie­der­ho­len, eine an­de­re Per­son zur gro­ßen Au­to­ri­tät für sich oder auch für die Öf­fent­lich­keit zu er­he­ben, und die­se Au­to­ri­tät dann nach ab­ge­mes­se­ner Zeit selbst stür­zen, um sie durch eine neue zu er­set­zen“38.

… „Der An­de­re wird sich für das Sub­jekt im ge­sam­ten Ver­lauf sei­ner Exis­tenz durch Ga­ben und durch Ver­wei­ge­run­gen ma­ni­fes­tie­ren. Aber dies wird im­mer nur am Ran­de des grund­le­gen­den Man­gels ver­or­tet sein, der sich als sol­cher auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten fin­det. Das Sub­jekt wird durch all sei­ne Er­fah­run­gen mit dem An­de­ren his­to­risch be­trof­fen sein, dem müt­ter­li­chen An­de­ren in die­sem Fal­le, aber nichts von all dem wird je­mals den Man­gel be­sei­ti­gen kön­nen, der auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten als sol­chem exis­tiert, auf der Ebe­ne, auf der das Sub­jekt sich zu ver­or­ten hat, um sich als Sub­jekt zu kon­sti­tu­ie­ren und sich vom An­de­ren an­er­ken­nen zu las­sen.“ (441)

Der rea­le An­de­re ist der­je­ni­ge, der auf den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und auf Lie­be ant­wor­tet, in­dem er ihn er­füllt oder zu­rück­weist; die Ob­jekts­be­zie­hungs­theo­rie stellt die­se Be­zie­hung ins Zen­trum. Die­se Dy­na­mik ist im Un­be­wuss­ten je­doch um ein an­de­res Pro­blem her­um or­ga­ni­siert, um ein Pro­blem, das grund­le­gen­der ist, um die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Man­gel im An­de­ren, also da­mit, dass es im Sprach­sys­tem kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der die Wahr­heit der Ant­wort des An­de­ren auf das Be­geh­ren des Sub­jekts ga­ran­tie­ren könn­te. Dies ist die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten, die Ant­wort auf die Fra­ge „Was bin ich?“ und zu­gleich das, was am meis­ten ver­drängt ist.

4. Zei­le: Das im Ver­schwin­den be­grif­fe­ne Sub­jekt in Be­zie­hung zum Ob­jekt des Be­geh­rens

… „Die­se Ohn­macht (dé­fail­lan­ce), die­se Nicht-Ga­ran­tie auf der Ebe­ne der Wahr­heit des An­de­ren, das Sub­jekt selbst fin­det sich da­durch mar­kiert. Und dar­um wird es das ein­zu­set­zen ha­ben, dem wir uns eben be­reits in Ge­stalt sei­ner Ge­ne­se an­zu­nä­hern ver­sucht ha­ben, näm­lich klein a. Die­se bei­den Ter­me, das durch­ge­stri­che­ne S und das klei­ne a, ste­hen auf der vier­ten Ebe­ne des Sche­mas ein­an­der ge­gen­über.“ (441)

Der Man­gel auf der Sei­te des An­de­ren – das Feh­len ei­nes wahr­heits­ga­ran­tie­ren­den Si­gni­fi­kan­ten – schlägt zu­rück auf das Sub­jekt. Der Man­gel im An­de­ren (Ⱥ) führt dazu, dass das Sub­jekt sich nicht be­zeich­nen kann, dass es „ver­schwin­det“; zu sich als be­geh­ren­dem Sub­jekt kann es nicht „ich“ sa­gen. Hier­für steht in der vier­ten Zei­le des Sche­mas rechts das aus­ge­stri­che­ne $.

Auf sein dro­hen­des Ver­schwin­den re­agiert das Sub­jekt da­mit, dass es ein Ob­jekt zum Ob­jekt des Be­geh­rens macht, a. Auf dem Um­weg über die ima­gi­nä­re Ob­jekt­be­zie­hung be­zeich­net es sich als be­geh­ren­des Sub­jekt. Das Ob­jekt des Be­geh­rens, a, im Phan­tas­ma ist eine Er­satz­lö­sung für an­ge­sichts des dro­hen­den Ver­schwin­dens des Sub­jekts, $, der Un­mög­lich­keit des Selbst­be­zeich­nung im un­be­wuss­ten Dis­kurs, und die­ses Ver­schwin­den ist wie­der­um eine Fol­ge des­sen, dass im An­de­ren als Sprach­sys­tem ein Si­gni­fi­kant fehlt, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te, Ⱥ.

Die Vertrauenskrise (20. Mai 1959)

In der Fol­ge­sit­zung gibt La­can wei­te­re Er­läu­te­run­gen zum Sche­ma.

Fan­gen wir noch ein­mal beim An­fangs­sta­di­um an, in dem der An­de­re der rea­le An­de­re ist, der auf den An­spruch ant­wor­tet. Im fol­gen­den Sta­di­um be­fragt das Sub­jekt den An­de­ren als Sub­jekt und es er­scheint sich selbst da­durch als Sub­jekt, dass es für die­sen An­de­ren Sub­jekt ist. Die mit Ⱥ/S ge­kenn­zeich­ne­te Be­zie­hung ist die ers­te Etap­pe der Kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jekts als sol­chem.“ (444)

Das Noch-nicht-Sub­jekt rich­tet den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung an den An­de­ren (ers­te Zei­le). Der An­de­re ant­wor­tet auf die­sen An­spruch und wird da­durch zum rea­len Sub­jekt; an ihn wen­det sich das Noch-nicht-Sub­jekt mit dem Lie­bes­an­spruch (zwei­te Zei­le). Der Sub­jekt­cha­rak­ter des An­de­ren er­mög­licht es dem Noch-nicht-Sub­jekt, selbst zum Sub­jekt zu wer­den; als Sub­jekt be­zieht es sich auf den „aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“ (drit­te Zei­le, Ⱥ ge­teilt durch S).

… „Das heißt, dass das Sub­jekt sich im Ver­hält­nis zu dem Sub­jekt kon­sti­tu­iert, das spricht. Es hat sich in der grund­le­gen­den Stra­te­gie zu ver­or­ten, die dann ent­steht, wenn die Di­men­si­on der Spra­che er­scheint, und die erst mit die­ser Di­men­si­on be­ginnt. Auf­grund der Tat­sa­che, dass der An­de­re durch die Spra­che struk­tu­riert ist, wird er zum mög­li­chen Sub­jekt ei­ner Tra­gö­die, im Ver­hält­nis zu der das Sub­jekt sich selbst als Sub­jekt kon­sti­tu­ie­ren kann, das im An­de­ren an­er­kannt wird, als Sub­jekt für ein Sub­jekt.“ (444)

Das durch­ge­stri­che­ne A der drit­ten Zei­le, Ⱥ, steht für ein Sub­jekt, das spricht. Das Sub­jekt muss sich auf das Spre­chen des An­de­ren be­zie­hen und da­mit auf die Di­men­si­on der Spra­che über­haupt.

Es muss eine Stra­te­gie ent­wi­ckeln: ich neh­me an, dass ge­meint ist: wie es mit der feh­len­den Wahr­heits­ga­ran­tie um­ge­hen kann.

… „Ei­ner­seits kann es hier kein an­de­res Sub­jekt ge­ben als ein Sub­jekt für ein Sub­jekt, und an­de­rer­seits kann das ers­te Sub­jekt nicht an­ders eta­bliert wer­den denn als ein Sub­jekt, das spricht, als Sub­jekt des Spre­chens. In­so­fern der An­de­re selbst von den Not­wen­dig­kei­ten der Spra­che mar­kiert ist, ist er nicht mehr der rea­le An­de­re, er wird als Ort der Ar­ti­ku­la­ti­on des Spre­chens ein­ge­setzt. Hier bil­det sich die ers­te mög­li­che Po­si­ti­on ei­nes Sub­jekts als sol­chem her­aus, ei­nes Sub­jekts, das sich als Sub­jekt er­fas­sen kann, das sich da­durch im An­de­ren als Sub­jekt er­fasst, dass die­ser An­de­re an ihn als an ein Sub­jekt denkt.“ (444 f.)

Das Sub­jekt kon­sti­tu­iert sich durch die Be­zie­hung zum An­de­ren, und zwar da­durch, dass es mit die­sem An­de­ren spricht und dass der An­de­re mit ihm spricht. Der An­de­re ist da­mit für ihn nicht mehr der rea­le An­de­re, der die For­de­rung des Sub­jekts be­frie­digt oder nicht be­frie­digt, son­dern ein Spre­cher – je­mand, der Be­haup­tun­gen auf­stellt, Kri­tik äu­ßert, Ver­bo­te aus­spricht und Ver­spre­chun­gen ab­gibt.

Das Sub­jekt er­fasst sich dar­in, dass der An­de­re sich auf es im Spre­chen be­zieht. Da­mit ent­steht für das Sub­jekt eine Kluft zwi­schen dem, was der An­de­re über ihn sagt und dem was er über ihn denkt. Das Sub­jekt stellt sich die Fra­ge: Meint er das, was er zu mir über mich sagt?

… „Wie ich Ih­nen letz­tes Mal be­reits ge­sagt habe, nichts ist kon­kre­ter als das. Das ist kei­nes­wegs eine Etap­pe der phi­lo­so­phi­schen Me­di­ta­ti­on, das ist et­was Ur­sprüng­li­ches, das sich in der Ver­trau­ens­be­zie­hung her­stellt. In wel­chem Maße und bis zu wel­chem Punkt kann ich auf den An­de­ren zäh­len? Was gibt es im Ver­hal­ten des An­de­ren an Zu­ver­läs­si­gem? Wel­che Fol­ge kann ich er­war­ten, von dem aus­ge­hend, was von ihm be­reits ver­spro­chen wur­de?“ (445)

Mit der Be­zie­hung zwi­schen S und Ⱥ ist et­was ganz Kon­kre­tes ge­meint, näm­lich die Be­zie­hung des Ver­trau­ens. Der An­de­re hat ge­spro­chen, und das Kind fragt sich: Wird sich sei­ne Be­haup­tung als wahr er­wei­sen? Ist sei­ne Em­pö­rung ernst ge­meint? Wird er sein Ver­spre­chen hal­ten? Gilt sein Ver­bot oder hat er es nur so da­hin ge­sagt? Meint er, was er sagt?

… „Das ist wohl die Be­fra­gung, um die sich ei­ner der ur­sprüng­lichs­ten Kon­flik­te in der Be­zie­hung des Kin­des zum An­de­ren dreht – und un­ter dem Ge­sichts­punkt, der uns in­ter­es­siert, so­gar der ur­sprüng­lichs­te. Hier ist die Grund­la­ge – und nicht schlicht und ein­fach eine Frus­tra­ti­on oder Gra­ti­fi­ka­ti­on –, auf der die Prin­zi­pi­en sei­ner Ge­schich­te er­rich­tet wer­den, hier ist die Trieb­fe­der des­sen, was sich auf der tiefs­ten Ebe­ne sei­nes Schick­sals wie­der­holt, hier ist das, was die un­be­wuss­te Mo­du­la­ti­on sei­nes Ver­hal­tens be­herrscht. Die Ana­ly­se, be­reits die all­täg­lichs­te Er­fah­rung der Ana­ly­se lehrt uns dies: die Fra­ge, ob das Sub­jekt auf ei­nen An­de­ren bau­en kann, de­ter­mi­niert das, was wir in der un­be­wuss­ten Mo­du­la­ti­on des Pa­ti­en­ten, ob Neu­ro­ti­ker oder nicht, an Ra­di­kals­tem fin­den.“ (445)

Um die Ver­trau­ens­fra­ge dreht sich der ur­sprüng­lichs­te Kon­flikt in der Be­zie­hung zwi­schen dem Kind als ei­nem Sub­jekt und dem An­de­ren. Die­ser Kon­flikt ist grund­le­gen­der als der Kon­flikt, den die Ob­jekt­be­zie­hungs­theo­rie zum The­ma hat, der Kon­flikt um Frus­tra­tio­nen und Be­loh­nun­gen.

Die Be­deu­tung des Ver­trau­ens­pro­blems zeigt sich im Wie­der­ho­lungs­zwang, das wur­de be­reits von Freud be­schrie­ben: „So kennt man Per­so­nen, bei de­nen jede mensch­li­che Be­zie­hung den glei­chen Aus­gang nimmt: Wohl­tä­ter, die von je­dem ih­rer Schütz­lin­ge nach ei­ni­ger Zeit im Groll ver­las­sen wer­den, so ver­schie­den die­se sonst auch sein mö­gen, de­nen also be­stimmt scheint, alle Bit­ter­keit des Un­dan­kes aus­zu­kos­ten; Män­ner, bei de­nen jede Freund­schaft den Aus­gang nimmt, daß der Freund sie ver­rät“39.

… „In die­sem Sta­di­um ist der An­de­re Sub­jekt des Spre­chens, in­so­fern die­ses Spre­chen ur­sprüng­lich ar­ti­ku­liert wird. Im Ver­hält­nis zu dem so de­fi­nier­ten An­de­ren kon­sti­tu­iert sich das Sub­jekt selbst als das Sub­jekt, das spricht, und kei­nes­wegs als das ur­sprüng­li­che Sub­jekt der Er­kennt­nis, nicht als das Sub­jekt der Phi­lo­so­phen. Das Sub­jekt, um das es geht, be­greift sich als je­mand, der vom An­de­ren be­trach­tet wird und ihm im Na­men ei­ner ge­mein­sa­men Tra­gö­die ant­wor­ten kann. Es ist der­je­ni­ge, der all das in­ter­pre­tie­ren kann, was der An­de­re über sei­ne tiefs­ten Ab­sich­ten ar­ti­ku­liert, über sei­ne Auf­rich­tig­keit oder sei­ne Un­auf­rich­tig­keit (de sa bon­ne ou de sa mau­vai­se foi).“ (445)

Das durch­ge­stri­che­ne A steht für den An­de­ren oder die An­de­re als Sub­jekt des Spre­chens. Im Ver­hält­nis zu ihm oder ihr kon­sti­tu­iert sich das Sub­jekt als Sub­jekt des Spre­chens, als ein Sub­jekt, das ant­wor­ten kann, und nicht als Sub­jekt der Er­kennt­nis, es kon­sti­tu­iert sich im Ver­hält­nis zur Spra­che und nicht im Ver­hält­nis zu ei­nem Ob­jekt, das es er­kennt.

Die An­de­re droht dem Sub­jekt eine Stra­fe an oder gibt ihm ein Ver­spre­chen ab. Das Sub­jekt ver­hält sich als Spre­cher zu die­sem Spre­chen: es deu­tet, was die An­de­re über ihre Ab­sich­ten sagt. Da­bei fragt es sich vor al­lem, wie auf­rich­tig sie ist, wie wahr­haf­tig. Ist das, was sie über sich sagt, die Wahr­heit? Da­mit er­öff­net sich für das Sub­jekt der Zu­gang zu dem, was jen­seits des Spre­chens des An­de­ren ist, zum Be­geh­ren des An­de­ren.

… „Auf die­ser Ebe­ne, auf der das Sub­jekt sich auf­hebt, setzt sich das S wahr­haft, wenn Sie mir ein Wort­spiel er­lau­ben, nicht nur als das S, das als Buch­sta­be ge­schrie­ben wird, son­dern auch als das Es40 der to­pi­schen For­mel, die Freud dem Sub­jekt gibt. Das S ist das Es, und dies in der Form des Fra­gens. Wenn Sie ein Fra­ge­zei­chen set­zen, wird das S tat­säch­lich so ar­ti­ku­liert: Est-ce? Das ist al­les, was das Sub­jekt auf die­ser Ebe­ne noch von sich for­mu­liert. Es ist hier im Ent­ste­hungs­zu­stand, in Ge­gen­wart der Ar­ti­ku­la­ti­on der An­de­ren, in­so­fern die­se ihm ant­wor­tet.“ (445)

Der Buch­sta­be S steht für das Sub­jekt. Die­sem Sub­jekt geht es um sein Sein, sein Es im Sin­ne von Freuds zwei­ter To­pik mit den drei In­stan­zen Ich, Es und Über-Ich (das Wort­spiel S/Es fin­det sich be­reits in Se­mi­nar 2 im spä­ter so ge­nann­ten Sche­ma L, vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310.). Das Sub­jekt be­zieht sich auf sein Sein in Fra­ge­form, „Was bin ich?“; im Fran­zö­si­schen wird die Fra­ge mit Est-ce ein­ge­lei­tet („Ist das“), was „Es“ aus­ge­spro­chen wird. Das Fra­gen ist eine sym­bo­li­sche Ope­ra­ti­on, die Fra­ge stif­tet im Sym­bo­li­schen den Platz des Sub­jekts, denn sie er­mög­licht es, im Sym­bo­li­schen ei­nen Ab­stand zur sym­bo­li­schen Ord­nung her­zu­stel­len. „Was mich als Sub­jekt kon­sti­tu­iert, ist mei­ne Fra­ge“41.

Im Gra­fen wird das Sub­jekt, das nach sei­nem Sein fragt, durch die von A aus­ge­hen­de, nach oben zei­gen­de Li­nie re­prä­sen­tiert, „Was will ich“ bzw., als Fra­ge des An­de­ren an das Sub­jekt, in der um­ge­kehr­ten Form „Was willst du?“ (Que vuoi?). Wenn man die bei­den Sei­ten, also S und Ⱥ, zu­sam­men­bringt, er­gibt sich: Das Sub­jekt be­kun­det sein Sein, sein se­xu­el­les Be­geh­ren, der An­de­re äu­ßert sich dazu, er macht z.B. eine em­pör­te Be­mer­kung.

… „Nun, in die­ser Ar­ti­ku­la­ti­on ant­wor­tet die An­de­re dem Sub­jekt jen­seits des­sen, was es selbst in sei­nem An­spruch for­mu­liert hat. Wenn es sich in die­sem Jen­seits des Spre­chens selbst er­fas­sen will, wird es also den Schritt tun müs­sen, der es in die nächs­te Etap­pe ein­führt, a/$.“ (445 f.)

Die Ant­wort der An­de­ren be­zieht sich nicht auf den An­spruch des Sub­jekts auf  Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (ers­te Zei­le des Sche­mas) und nicht auf sei­nen Lie­bes­an­spruch (zwei­te Zei­le), son­dern auf das Be­geh­ren des Sub­jekts, jen­seits der An­sprü­che, die das Sub­jekt in sei­nem Spre­chen ar­ti­ku­liert.

Durch die Ant­wort der An­de­ren, die sich nicht auf die An­sprü­che des Sub­jekts be­zieht, son­dern auf sein Be­geh­ren, hat das Sub­jekt die Chan­ce, sich in sei­nem Be­geh­ren zu er­fas­sen. Dazu muss es zur nächs­ten Etap­pe über­ge­hen, dar­ge­stellt durch die vier­te Zei­le des Sche­mas.

… „Die­ses Sub­jekt ist von dem Schräg­strich mar­kiert, durch den es als Sub­jekt des Spre­chens ur­sprüng­lich in sich selbst ge­teilt ist. Als aus­ge­stri­che­nes Sub­jekt kann es, muss es, ver­sucht es die Ant­wort zu fin­den. Es fin­det sie aber nicht, denn auf die­ser Ebe­ne be­geg­net es im An­de­ren die­ser Höh­lung, die­ser Lee­re, die ich ar­ti­ku­liert habe, als ich Ih­nen sag­te, dass es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, dass kein mög­li­cher Si­gni­fi­kant die Au­then­ti­zi­tät der Fol­ge der Si­gni­fi­kan­ten ga­ran­tiert, dass es nichts gibt, was auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te und das Spre­chen, wo­durch auch im­mer, ga­ran­tie­ren wür­de, au­then­ti­fi­zie­ren wür­de. Eben dar­in hängt das Sub­jekt we­sent­lich vom gu­ten Wil­len des An­de­ren ab.“ (446)

La­can be­zieht sich wei­ter­hin auf die vier­te Zei­le des Sche­mas mit dem Sym­bol $ in der rech­ten Spal­te: Das Sub­jekt ist jetzt nicht mehr ein­fach das be­geh­ren­de Sub­jekt, ab­ge­kürzt durch S ohne Schräg­strich, son­dern das „vom Schrä­ge­strich mar­kier­te“ Sub­jekt, $, das Sub­jekt, das so an die Be­din­gun­gen des Spre­chens an­ge­passt ist, dass es ge­spal­ten ist in das sinn­ori­en­tier­te Spre­chen und den Dis­kurs des Un­be­wuss­ten, also die Pro­duk­ti­on von Träu­men, Sym­pto­men, Fehl­hand­lun­gen.

Als ein sol­ches ge­spal­te­nes Sub­jekt ver­sucht es, vom An­de­ren die An­er­ken­nung sei­nes Be­geh­rens zu er­lan­gen, die Ant­wort auf die Fra­ge, was es mit dem Sein des Sub­jekts, mit sei­nem Es, sei­nem Be­geh­ren auf sich hat; La­can springt hier zu­rück in die drit­te Zei­le zum Sym­bol Ⱥ. Vom An­de­ren be­kommt es je­doch kei­ne Ant­wort, ge­nau ge­sagt, es be­kommt von ihm oder ihr jede Men­ge Ant­wor­ten, In­for­ma­tio­nen, Ver­spre­chun­gen, Kri­tik, Ver­bo­te al­ler Art, aber kei­ne Ant­wort, de­ren Wahr­haf­tig­keit, de­ren Ehr­lich­keit, de­ren Auf­rich­tig­keit ga­ran­tiert wäre. Dies aus struk­tu­rel­len Grün­den – es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der ga­ran­tier­ten könn­te, dass die Ant­wort des An­de­ren wahr ist, dass der An­de­re auf­rich­tig ist.

Auf die­se Wei­se er­öff­net sich für das Sub­jekt die Kluft zwi­schen dem, was der An­de­re sagt, und dem, was der An­de­re denkt oder fühlt, und da­mit die Di­men­si­on des Be­geh­rens des An­de­ren.

Das Sub­jekt ist vom gu­ten Wil­len des An­de­ren ab­hän­gig, nicht nur beim An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (1. Zei­le), und nicht nur beim An­spruch auf Lie­be (2. Zei­le), son­dern auch beim An­spruch auf Wahr­heit bei der An­er­ken­nung oder Nicht-An­er­ken­nung des Be­geh­rens.

Der Glaube an den toten Vater (27. Mai 1959)

La­can ver­weist auf den obe­ren rech­ten Schnitt­punkt des Gra­fen des Be­geh­rens. Er ist mit $◊D be­zeich­net und steht für den Code des Un­be­wuss­ten.

Mit die­sem Code kann das Sub­jekt als Bot­schaft die Fra­ge emp­fan­gen, die, im Jen­seits des An­de­ren, das ers­te Er­fasst­sein des Sub­jekts von der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te kon­no­tiert. Das ist die Fra­ge, die, auf die­ser eben­falls ge­stri­chel­ten Li­nie, vom An­de­ren kommt, in Ge­stalt des Que vuoi? Was willst du? Das ist auch die Fra­ge, die das Sub­jekt sich, im­mer im Jen­seits des An­de­ren, in Ge­stalt des Est-ce? stellt, des ‚ist das?‘.“ (468)

Graf des Begehrens - gestrichelte Linien - Sem 6 Miller Seite 338 - grün für S-AIn der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung habe ich die Ele­men­te des Gra­fen, auf die La­can sich in die­sem Satz be­zieht, ge­färbt. Mit die­sem Code, also $◊D, kann das Sub­jekt die Fra­ge emp­fan­gen, die durch die von A aus­ge­hen­de, senk­recht nach oben füh­ren­de Li­nie dar­ge­stellt wird, eine Li­nie, die in Se­mi­nar 6 ge­stri­chelt ge­zeich­net wird; be­trach­tet man den Gra­fen vom un­te­ren Bild­schirm­rand aus, liegt die­se Li­nie „jen­seits“ des Schnitt­punkts A. Die Fra­ge lau­tet „Was willst du?“ Das ist die Fra­ge „Was will ich (jen­seits der Un­ter­ord­nung un­ter den Code)?“ in um­ge­kehr­ter Form.

La­can baut das Wort­spiel der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung aus, in­dem er ein wei­te­res ho­mo­pho­nes Ele­ment hin­zu­fügt. Das S ist nicht nur laut­gleich mit est-ce?, der Ein­lei­tung ei­ner Fra­ge, und mit dem deut­schen Wort Es, im Sin­ne der Freud­schen Drei-In­stan­zen-Leh­re, son­dern auch mit dem la­tei­ni­schen Wort esse, „sein“. Wenn sich das Sub­jekt fragt, „Est-ce …“, „Was will ich?“, „Was be­geh­re ich?“, fragt es nach sei­nem Sein, sei­nem esse (wie das est, „ist“, in est-ce an­zeigt), denn das Be­geh­ren ist, Spi­no­za zu­fol­ge, das We­sen des Men­schen – La­can ver­weist dar­auf zu Be­ginn von Se­mi­nar 642 –, und der Be­griff des We­sens ist ei­ner der Be­grif­fe für das Sein. Das Sein oder We­sen des Men­schen ist, der Psy­cho­ana­ly­se zu­fol­ge, das Es, der ver­dräng­te Trieb.

… „Die Ant­wort wird im Sche­ma durch die Si­gni­fi­kanz des An­de­ren als S(Ⱥ) sym­bo­li­siert. Die­ser Si­gni­fi­kanz ha­ben wir auf die­ser Ebe­ne eine all­ge­mei­ne­re Be­deu­tung ge­ge­ben, in die das Aben­teu­er des kon­kre­ten Sub­jekts ein­flie­ßen wird, sei­ne sub­jek­ti­ve Ge­schich­te. In sei­ner all­ge­meins­ten Form äu­ßert sich die­ser Sinn wie folgt: Es gibt nichts im An­de­ren, nichts in der Si­gni­fi­kanz, was auf die­ser Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on ge­nü­gen könn­te. Es gibt nichts in der Si­gni­fi­kanz, was die Ga­ran­tie der Wahr­heit wäre. Es gibt kei­ne an­de­re Wahr­heits­ga­ran­tie als die Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi) des An­de­ren, und die­se stellt sich dem Sub­jekt im­mer in pro­ble­ma­ti­scher Form dar. All das, was das Kö­nig­reich des Spre­chens für das Sub­jekt hat auf­tau­chen las­sen, bleibt gänz­lich vom Glau­ben an den An­de­ren ab­hän­gig.“ (468)

Die Ant­wort auf die Fra­ge „Was will ich?“ wird im Gra­fen durch die Si­gni­fi­kan­ten­fol­ge S(Ⱥ) re­prä­sen­tiert. Wie zu­vor schon un­ter­schei­det La­can die all­ge­mei­ne Be­deu­tung die­ser For­mel da­von, wie die­se Be­deu­tung in der sub­jek­ti­ven Ge­schich­te ei­nes kon­kre­ten In­di­vi­du­ums rea­li­siert wird. Die all­ge­mei­ne Be­deu­tung von S(Ⱥ) ist: Es gibt im Si­gni­fi­kan­ten­ap­pa­rat – in der „Si­gni­fi­kanz“ – des An­de­ren kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der auf die­ser Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on, näm­lich be­zo­gen auf die Fra­ge „Was bin ich?“, ge­nü­gen könn­te. Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit der Ant­wort des An­de­ren ga­ran­tie­ren könn­te.

Die ein­zi­ge Ga­ran­tie für die Wahr­heit der Ant­wor­ten des An­de­ren ist sei­ne Auf­rich­tig­keit, sei­ne Wahr­haf­tig­keit. Die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren ist für das Sub­jekt je­doch im­mer ein Pro­blem. Ist er auf­rich­tig, ist er un­auf­rich­tig? – dar­auf gibt es kei­ne zwin­gen­de Ant­wort. Der Be­zug auf die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren ist un­ver­meid­lich, lie­fert aber kei­ne Ga­ran­tie.

Die Lö­sung, die im Be­reich des Spre­chens dem Sub­jekt bleibt, ist der Glau­be – der Glau­be an die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren. An die Stel­le der Ge­wiss­heit tritt der Glau­be. Der Be­griff deu­tet an, dass La­can hier­in den Ur­sprung der Re­li­gi­on sieht.

Spä­ter in die­ser Sit­zung heißt es zur Be­geg­nung Ham­lets mit dem Geist des to­ten Va­ters:

Die­ser ghost, was sagt er? Er sagt sehr ei­gen­ar­ti­ge Din­ge, und ich fin­de es er­staun­lich, dass nie­mand, ich sage nicht die Psy­cho­ana­ly­se des ghost an­ge­gan­gen wäre, son­dern dass nie­mand sich zu dem, was er sagt, mit ein biss­chen Nach­druck Fra­gen ge­stellt hat. Was er sagt, ist dies: Der Ver­rat ist ab­so­lut, es gab nichts Grö­ße­res, nichts Voll­kom­me­ne­res als die Treue mei­ner Be­zie­hung zu die­ser Frau, es gibt nichts, was voll­stän­di­ger wäre als der an mir be­gan­ge­ne Ver­rat.

Al­les, was als Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi), Treue und Ge­löb­nis be­haup­tet wird, ist für Ham­let also et­was, das nicht nur als wi­der­ruf­bar an­ge­nom­men wird, son­dern das im wört­li­chen Sin­ne wi­der­ru­fen wor­den ist.

Die­se ab­so­lu­te An­nul­lie­rung ent­fal­tet sich auf der Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, aber das ist et­was völ­lig an­de­res als das Aus­fal­len des Ga­ran­tie-Si­gni­fi­kan­ten, von dem ich ge­spro­chen habe, denn hier wird durch­aus et­was ga­ran­tiert, und das ist die Un­wahr­heit. Die­se Art von Of­fen­ba­rung, wenn man so sa­gen kann, der Lüge – ein The­ma, das es ver­dient, wei­ter ver­folgt zu wer­den – hat die Art von Er­star­rung zur Fol­ge, in die Ham­lets Geist (es­prit) nach den Of­fen­ba­run­gen des Va­ters ge­rät. (…) All­ge­mein wird an­ge­nom­men, dass ein To­ter kein Lüg­ner sein kann. Viel­leicht aus dem­sel­ben Grund, der dazu führt, dass un­se­re ge­sam­te Wis­sen­schaft noch die­ses in­ne­re Pos­tu­lat be­wahrt, das Ein­stein – der von Zeit zu Zeit Din­ge sag­te, die in der phi­lo­so­phi­schen Ord­nung nicht so ober­fläch­lich wa­ren wie dies – in prä­gnan­ten Wor­ten her­aus­ge­stellt hat, als er sag­te: Der gute alte Gott ist raf­fi­niert, aber si­cher­lich ist er ehr­lich. Kön­nen wir das­sel­be über ei­nen Va­ter sa­gen, der ka­te­go­risch zum Aus­druck bringt, dass er al­len Qua­len der Höl­len­flam­men zum Op­fer ge­fal­len ist, und zwar we­gen ab­so­lut in­fa­mer Ver­bre­chen? Es gibt hier of­fen­kun­dig eine ge­wis­se Un­stim­mig­keit, die nicht um­hin kann, uns zu war­nen.“ (476 f.)

Der Geist er­zählt von schreck­li­chen Din­gen, und für Ham­let heißt das: Al­les ist Ver­rat. Hier­aus er­klärt sich sein be­rühm­tes Zau­dern. Er schrei­tet des­we­gen nicht zur Tat, weil Auf­rich­tig­keit und Selbst­ver­pflich­tung im Ver­spre­chen, in der Treue­be­kun­dung, im Ge­löb­nis für ihn null und nich­tig ge­wor­den sind.

Auf­rich­tig­keit und Treue sind für Ham­let nicht nur „wi­der­ruf­bar“ ge­wor­den, sie sind für ihn tat­säch­lich „wi­der­ru­fen“ wor­den. Die Auf­rich­tig­keit ist „wi­der­ruf­bar“, da­mit ist ge­meint, es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te – die Wahr­heit ist un­si­cher, in­sta­bil, Wahr­heit bis auf wei­te­res; „könn­te stim­men“, sagt man im All­tag. Die Auf­rich­tig­keit ist „wi­der­ru­fen“ heißt: es gibt de­fi­ni­tiv kei­ne Auf­rich­tig­keit, „al­les ge­lo­gen“, wie man sagt. In die­sem Fall ist die Wahr­heit nicht pre­kär, viel­mehr ist si­cher: es gibt de­fi­ni­tiv kei­ne Wahr­heit. Für La­can ist das der ent­schei­den­de Un­ter­schied.

Für Ham­let also ist die Wahr­heit wi­der­ru­fen wor­den. Das be­ruht dar­auf, dass der Va­ter für ihn eine be­stimm­te Po­si­ti­on ein­nimmt. Ham­let-Va­ter ver­kör­pert für Ham­let-Sohn die ab­so­lu­te Auf­rich­tig­keit. Des­halb ist das, was der Va­ter über die Un­wahr­heit sagt, für den Sohn eine un­er­schüt­ter­li­che Wahr­heit. Der Geist des to­ten Kö­nigs ist für Ham­let der An­de­re des An­de­ren, ein An­de­rer, der die Wahr­heit über die Wahr­heit sa­gen kann (näm­lich dass sie eine Lüge ist). Das ist umso auf­fäl­li­ger, als Ham­let-Va­ter, nach des­sen ei­ge­nem Be­kennt­nis, in der Höl­le schmort, also selbst ein Ver­bre­cher ist.

Wie kommt es, dass Ham­let sei­nem Va­ter glaubt? Weil er tot ist. Die­se Ein­stel­lung To­ten ge­gen­über ist ver­brei­tet, wie die fol­gen­den Ro­man­ti­tel be­stä­ti­gen: „Tote lü­gen nicht“ (Phil Moo­re, ca. 1955; Ka­thy Reichs, 1998), „Tote Mäd­chen lü­gen nicht“ (Jay As­her, 2009), „Tote Zeu­gen lü­gen nicht“ (Bjørn Bot­tolvs, 2009).

Der tote Va­ter nimmt für Ham­let die­sel­be Po­si­ti­on ein wie Gott für Ein­stein: Gott ist ga­ran­tiert ehr­lich.43 La­can zu­fol­ge be­ruht die ge­sam­te mo­der­ne Wis­sen­schaft auf dem Glau­ben an den An­de­ren.

Die vom Va­ter ver­kün­de­te Wahr­heit – al­les ist Lüge – ist die Phi­lo­so­phie des Pes­si­mis­mus, die Phi­lo­so­phie des Ab­sur­den, die La­can in ei­ner frü­he­ren Sit­zung des Se­mi­nars an­ge­pran­gert hat­te.44 Die­se Art der Phi­lo­so­phie kommt nicht da­mit zu­recht, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der die Wahr­heit ga­ran­tiert. Sie glaubt an eine un­er­schüt­ter­li­che Wahr­heit – mit um­ge­kehr­tem Vor­zei­chen.

Die Abhängigkeit des Neurotikers von der garantierten Aufrichtigkeit (24. Juni 1959)

Wie­so ist das Feh­len ei­ner Wahr­heits­ga­ran­tie für die Psy­cho­ana­ly­se von Be­deu­tung?

Das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers – wenn Sie mir die­se ein we­nig re­sü­mie­ren­de For­mel er­lau­ben, für et­was, was ich hier ver­su­che, Sie spü­ren zu las­sen –, in­so­fern es gänz­lich ab­hän­gig ist, wie uns die ge­sam­te Ent­wick­lung des Freud­schen Werks zeigt, von die­ser my­thi­schen Ga­ran­tie der Auf­rich­tig­keit durch den Si­gni­fi­kan­ten (sus­pen­du à cet­te ga­ran­tie my­thi­que de la bon­ne foi du si­gni­fi­ant), an der sich fest­zu­hal­ten für das Sub­jekt nö­tig ist, um an­ders le­ben zu kön­nen als im Schwin­del­ge­fühl (ver­ti­ge).“ (541, Über­set­zung von Ver­si­on JL)

Die­se Pas­sa­ge ist schwie­rig, nicht nur we­gen des Ab­bre­chens der Satz­kon­struk­ti­on, son­dern auch we­gen der Wen­dung de la bon­ne foi du si­gni­fi­ant mit dem dop­pel­ten Ge­ni­tiv. Die von Mil­ler über­ar­bei­te­te Ver­si­on ist auf den ers­ten Blick ver­ständ­li­cher:

il (le su­jet) est en­t­iè­re­ment sus­pen­du à la bon­ne foi du si­gni­fi­ant. Le su­jet s’attache à cet­te ga­ran­tie my­thi­que “,

also:

es (das Sub­jekt) ist gänz­lich ab­hän­gig von der Auf­rich­tig­keit des Si­gni­fi­kan­ten. Das Sub­jekt hält sich fest an die­ser my­thi­schen Ga­ran­tie

Das liest sich leich­ter, al­ler­dings er­gibt die Wen­dung „Auf­rich­tig­keit des Si­gni­fi­kan­ten“ kei­nen Sinn. Kann ein Si­gni­fi­kant auf­rich­tig sein? Bis­lang ging es nicht um die Auf­rich­tig­keit des Si­gni­fi­kan­ten, son­dern um die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren, und der Si­gni­fi­kant hat die Funk­ti­on, die­se Auf­rich­tig­keit zu ga­ran­tie­ren. Also emp­fiehlt es sich, in der Vor­la­ge von Mil­lers Über­ar­bei­tung nach­zu­schau­en, in Ver­si­on JL, der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie. Hier liest man:

il (le su­jet) est en­t­iè­re­ment sus­pen­du () à cet­te ga­ran­tie my­thi­que de la bon­ne foi du si­gni­fi­ant.“45

wört­lich über­setzt:

es (das Sub­jekt) ist gänz­lich ab­hän­gig (…) von die­ser my­thi­schen Ga­ran­tie der Auf­rich­tig­keit des Si­gni­fi­kan­ten.“

Der dop­pel­te Ge­ni­tiv ist, nach La­cans frü­he­ren Er­läu­te­run­gen zur Auf­rich­tig­keit und zum Si­gni­fi­kan­ten, so auf­zu­fas­sen:

es (das Sub­jekt) ist gänz­lich ab­hän­gig (…) von der durch den Si­gni­fi­kan­ten ge­lie­fer­ten my­thi­schen Ga­ran­tie der Auf­rich­tig­keit.“

Ge­meint ist also: Der Neu­ro­ti­ker kann es nicht er­tra­gen, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren ga­ran­tie­ren könn­te. Er kann die­ses Feh­len nur als eine Be­dro­hung wahr­neh­men; ihm ist es nicht ge­lun­gen, den Ge­stalt­wech­sel zu voll­zie­hen, nach dem sich zeigt, dass die­ser Man­gel die Kluft auf­reißt zwi­schen dem, was der An­de­re sagt und dem, was er denkt, dass ihm die­se Kluft den Zu­gang zum Be­geh­ren des An­de­ren er­mög­licht und da­mit zur An­er­ken­nung des ei­ge­nen Be­geh­rens.

Der Neu­ro­ti­ker ist ab­hän­gig, nicht ein­fach vom An­de­ren, nicht ein­fach von ei­ner Au­to­ri­tät, son­dern ge­nau­er: von ei­ner Ga­ran­tie für die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren.

Die­se Ga­ran­tie ist my­thisch, si­cher­lich zu­nächst in dem Sin­ne, als sie eine Il­lu­si­on dar­stellt. Aber viel­leicht soll auch an­ge­deu­tet wer­den, dass der My­thos in tra­di­tio­nel­len Ge­sell­schaf­ten die Funk­ti­on hat, eine sol­che Ga­ran­tie zu lie­fern.

An­ge­sichts der ent­setz­li­chen Mög­lich­keit, dass es eine sol­che Ga­ran­tie nicht gibt, packt den Neu­ro­ti­ker der Schwin­del, er ver­schwin­det als Sub­jekt.

Die Neurose, ein unbewusster Gottesglaube (24. Juni 1959)

La­can fährt fort:

… „Das er­mög­licht es uns, zur For­mel für das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers zu ge­lan­gen. Je­der weiß, dass es ei­nen en­gen his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang gibt zwi­schen der Ana­to­mie, die der Freu­dia­nis­mus von die­sem Be­geh­ren lie­fert, und et­was, was kenn­zeich­nend ist für die be­stimm­te Epo­che, in der wir le­ben und von der wir nicht wis­sen kön­nen, über wel­che Ge­stalt des Men­schen, von Pro­phe­ten un­ter­schied­li­chen Schla­ges vage ver­kün­det, sie füh­ren oder stol­pern wird. Es ist aber si­cher, dass in un­se­rer Er­fah­rung et­was für uns spür­bar ist, so­fern wir nicht zö­gern, es zu ar­ti­ku­lie­ren, näm­lich, dass das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers, so möch­te ich auf ver­dich­te­te Wei­se sa­gen, das ist, was dann ent­steht, wenn es kei­nen Gott gibt. Be­haup­ten Sie nicht, dass ich et­was ge­sagt habe, was ich nicht ge­sagt habe, näm­lich dass die Si­tua­ti­on ein­fa­cher wäre, wenn es ei­nen gibt. Die Fra­ge ist fol­gen­de, näm­lich, dass das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers sich ver­or­tet und auf­hält und auf­hängt auf der Ebe­ne die­ser Aus­set­zung des höchs­ten Ga­ran­ten, der das ist, was der Neu­ro­ti­ker in sich ver­birgt.“ (541, Über­set­zung von Ver­si­on JL)

Die For­mel für das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers lau­tet: Das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers ent­steht dann, wenn es kei­nen Gott gibt. La­can knüpft hier an Freuds The­se an, dass die Zwangs­neu­ro­se eine Pri­vat­re­li­gi­on ist.46 Wenn La­can be­tont, dass er mit sei­ner For­mel nicht be­haup­tet habe, dass es den Men­schen bes­ser gehe, wenn es ei­nen Gott gibt, so folgt er da­mit eben­falls Freud, der in Die Zu­kunft ei­ner Re­li­gi­on ge­schrie­ben hat­te: „Es ist zwei­fel­haft, ob die Men­schen zur Zeit der un­ein­ge­schränk­ten Herr­schaft der re­li­giö­sen Leh­ren im gan­zen glück­li­cher wa­ren als heu­te, sitt­li­cher wa­ren sie ge­wiß nicht.“47 Freuds The­se wird von La­can ver­all­ge­mei­nert: nicht nur die Zwangs­neu­ro­se, die Neu­ro­se über­haupt ist eine Pri­vat­re­li­gi­on.

Für La­can be­steht das ent­schei­den­de Merk­mal ei­nes Got­tes nicht in sei­ner All­macht, nicht in sei­ner All­wis­sen­heit, nicht in sei­ner Weis­heit, nicht in sei­ner All­gü­te, nicht in sei­ner Ge­rech­tig­keit, son­dern in sei­ner Wahr­heit. Die gött­li­che Wahr­heit ist eine Wahr­heit be­son­de­ren Typs. Sie ist kein vor­läu­fig ak­zep­tier­ter Wahr­heits­an­spruch, also nicht die be­schei­de­ne Form der Wahr­heit, mit der wir im All­tag meist gut zu­recht kom­men („wird schon stim­men“), auf der aber auch das ex­pe­ri­men­tel­le For­schungs­de­sign be­ruht, so­fern es, nach Pop­pers Wunsch, auf Fal­si­fi­zier­bar­keit an­ge­legt ist. Die gött­li­che Wahr­heit ist eine Wahr­heit, die nicht fal­li­bel ist. Sie ist un­um­stöß­lich, und zwar des­halb, weil es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der sie ga­ran­tiert. Im Ju­den­tum ist der Be­richt über den Aus­zug aus Ägyp­ten ein sol­cher Si­gni­fi­kant, er fun­giert als Be­weis da­für, dass Jah­we das Volk der Ju­den aus­er­wählt hat – in der Spra­che La­cans: dass er es in sei­nem be­son­de­ren Sein an­er­kannt hat und dass die­se An­er­ken­nung auf­rich­tig ist; die­ser Ga­ran­tie-Si­gni­fi­kant wird durch das Pas­sah­fest be­stän­dig in Er­in­ne­rung ge­hal­ten. Im Chris­ten­tum hat der Be­richt über Kreu­zi­gung und Auf­er­ste­hung Jesu Chris­ti die­se Funk­ti­on; der Ga­ran­tie­si­gni­fi­kant ist hier die „gute Nach­richt“.

Wenn die Re­li­gi­on an Ein­fluss ver­liert – wenn „Gott tot ist“, wenn die wahr­heits­ga­ran­tie­ren­den Si­gni­fi­kan­ten für die meis­ten zu lee­ren oder auch schö­nen Ri­tua­len wer­den oder zu dum­men oder auch wei­sen Er­zäh­lun­gen –, auch dann will die­ser Wunsch be­frie­digt wer­den, und er be­frie­digt sich in der Neu­ro­se.

Das Be­geh­ren des Neu­ro­ti­kers ist dar­auf fi­xiert, dass es kei­nen höchs­ten Ga­ran­ten gibt, kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren si­chern könn­te. Die Pro­blem­lö­sung be­steht für ihn dar­in, dass er un­be­wusst an ei­nen An­de­ren glaubt – ei­nen An­de­ren, des­sen Auf­rich­tig­keit si­cher ist. In Se­mi­nar 11 wird La­can es so for­mu­lie­ren: „die ein­zi­ge zu­tref­fen­de For­mel für den Athe­is­mus wäre: daß Gott un­be­wusst ist“.48

Zusammenfassung

Der Aus­druck S(Ⱥ) be­zieht sich auf den Gra­fen des Be­geh­rens, der in Se­mi­nar 5 ein­ge­führt wird. Er be­zeich­net hier den obe­ren lin­ken Schnitt­punkt. Die­ser Schnitt­punkt steht für die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten. Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten ist die Ant­wort auf die Fra­ge „Was willst du?“, eine Um­wand­lung der Fra­ge des Sub­jekts „Was will ich?“ bzw. „Was bin ich?“ – ge­meint ist: Was bin ich in mei­nem Sein als Sub­jekt, jen­seits der Un­ter­wer­fung un­ter den ent­frem­den­den Code des An­de­ren. Auf die Fra­ge „Was bin ich?“ ant­wor­tet das Un­be­wuss­te mit dem Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren, der Si­gni­fi­kant des Man­gels im Un­be­wuss­ten ist der Kern des Ver­dräng­ten.

La­can gibt zwei un­ter­schied­li­che Deu­tun­gen der For­mel. In Se­mi­nar 5 deu­tet er sie so, dass sie für die Spal­tung und das Be­geh­ren des rea­len An­de­ren steht. In Se­mi­nar 6 wird die For­mel so er­klärt: im An­de­ren – im Sin­ne des Codes – fehlt et­was, und was hier fehlt, ist ein Si­gni­fi­kant, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te.

Se­mi­nar 5

In Se­mi­nar 5 lie­fert La­can zwei Bau­stei­ne zur Deu­tung der For­mel.

Das Be­geh­ren des An­de­ren

Das Sub­jekt ver­sucht, sich in sei­nem Sein, d.h. in sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren jen­seits der ent­frem­den­den Un­ter­ord­nung un­ter den Code des An­de­ren, an­zu­er­ken­nen. Das ge­ni­ta­le Be­geh­ren ist das au­then­tischs­te Be­geh­ren, das am we­nigs­ten ent­frem­de­te Be­geh­ren; die­se The­se über­nimmt La­can von Sart­re. Das Sub­jekt kann sein ei­ge­nes Be­geh­ren nur da­durch an­er­ken­nen, dass es das Be­geh­ren des An­de­ren an­er­kennt, also da­durch, dass es den An­de­ren als Be­geh­ren­den an­er­kennt. (431) In der For­mel S(Ⱥ) steht das A für den „rea­len An­de­ren“ (430), den „mensch­li­chen An­de­ren“ (430), für den An­de­ren als Le­be­we­sen. Der Schräg­strich zeigt an, – dass der rea­le An­de­re von den Be­din­gun­gen des Spre­chens ge­prägt ist, – dass er des­halb die Spal­tung er­lit­ten hat, mit Freud: in Vor­be­wuss­tes und Un­be­wuss­tes, mit La­can: in den ge­wöhn­li­chen Dis­kurs (das sinn­be­zo­ge­ne Spre­chen) und in den Dis­kurs des Un­be­wuss­ten, – dass sein Be­geh­ren bar­ré ist, ver­sperrt, ver­drängt, ab­ge­wehrt. (465, 518 f., 561)

Der Buch­sta­be groß S der For­mel wird in Se­mi­nar 5 nicht auf­ge­löst.

Das Be­geh­ren des An­de­ren, S(Ⱥ), wird im Un­be­wuss­ten auf den Phal­lus, Φ, be­zo­gen (370, 431, 465, 595). Hier­durch wird der be­geh­ren­de An­de­re zu ei­nem kas­trier­ten An­de­ren, zu­nächst die Mut­ter, dann der Va­ter (411). Im Gra­fen wird dies da­durch dar­ge­stellt, dass die obe­re Quer­li­nie, die für die un­be­wuss­te Si­gni­fi­kan­ten­ket­te steht (für die un­be­wuss­ten Ge­dan­ken, wie Freud sagt), in Se­mi­nar 5 mit dem Sym­bol Φ be­ginnt. Das von Φ zu S(Ⱥ) füh­ren­de ers­te Seg­ment die­ser Li­nie steht für den Kas­tra­ti­ons­kom­plex als Kern­kom­plex des Un­be­wuss­ten.

Der An­de­re des An­de­ren

Die zwei­te Er­läu­te­rung be­sagt: Der An­de­re, auf den sich S(Ⱥ) be­zieht, ist der „An­de­re des An­de­ren“ (560). Ge­meint ist der Drit­te, der für die An­de­re (die Mut­ter) der An­de­re ist, also im ty­pi­schen Fall der Va­ter. Un­ter dem An­de­ren des An­de­ren ver­steht La­can, dass die Mut­ter sich auf das Spre­chen des Va­ters be­zieht, in­so­fern die­ses Spre­chen für sie ein obers­tes Ge­setz ver­kün­det, eine Art Ur­teil in letz­ter In­stanz. (431)

In Se­mi­nar 5 wer­den die­se bei­den Deu­tun­gen nicht di­rekt auf­ein­an­der be­zo­gen. Es ist je­doch klar, dass sich die Rede vom „An­de­ren des An­de­ren“ nicht auf den „aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“ der For­mel be­zie­hen kann, son­dern ge­wis­ser­ma­ßen auf den An­de­ren ohne Quer­strich.

La­can be­tont, dass die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten – die Kas­tra­ti­on des An­de­ren – sich her­stel­len kann, aber sich nicht her­stel­len muss (518 f., 547); der Kas­tra­ti­ons­kom­plex kann un­voll­stän­dig durch­lau­fen wer­den. Der Va­ter bleibt dann für das Sub­jekt – so wird man die bei­den Ele­men­te zu­sam­men­set­zen dür­fen – in der Po­si­ti­on des Ur­he­bers des Ge­set­zes und des obers­ten Ge­richts­hofs, er wird nicht zum be­geh­ren­den An­de­ren. Und das heißt: das Sub­jekt fin­det kei­nen Zu­gang zu sei­nem ei­ge­nen Be­geh­ren.

Se­mi­nar 6

Das We­sen, das noch kein Sub­jekt ist, wird da­durch zum Sub­jekt, dass es sich die Fra­ge stellt „Was bin ich?“ Da­mit be­zieht es sich auf sei­ne Sub­jek­ti­vi­tät jen­seits der Un­ter­wer­fung un­ter den Code, auf sein Sein, auf sein Be­geh­ren, auf das Es im Sin­ne von Freud, und es be­zieht sich auf die­ses Sein in der Form des Fra­gens. (348 f., 445, 468)

Das Sub­jekt kann die Fra­ge „Was bin ich?“ nur be­ant­wor­ten, in­dem es sich auf den An­de­ren be­zieht. Die For­mel S(Ⱥ) (ab­ge­kürzt Ⱥ) steht für die Ant­wort des Un­be­wuss­ten auf die­se Fra­ge, für die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten (349).

Die­se Bot­schaft bil­det das Ge­gen­stück zur Bot­schaft auf der Ebe­ne des be­wuss­ten Spre­chens, die im Gra­fen des Be­geh­rens durch die For­mel s(A) dar­ge­stellt wird (352). S(Ⱥ) ist die „Stun­de der Wahr­heit“ (348 f.); La­can deu­tet mit die­ser For­mu­lie­rung an, dass die Ant­wort auf die Seins­fra­ge des Sub­jekts mit ei­ner spe­zi­el­len Zeit­lich­keit ver­bun­den ist; of­fen­kun­dig lässt er sich hier von Hei­deg­gers Sein und Zeit in­spi­rie­ren.

Die all­ge­meins­te Be­deu­tung der For­mel: das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der die Wahr­heit der Rede des An­de­ren ga­ran­tie­ren könn­te

S(Ⱥ) ist so auf­zu­schlüs­seln:
– A steht nicht für ein Le­be­we­sen, nicht für ei­nen rea­len An­de­ren, son­dern für den An­de­ren als Ort des Codes, des Si­gni­fi­kan­ten­sys­tems;
– Ⱥ meint: in A fehlt et­was;
– S steht für das, was hier fehlt, und das ist ein Si­gni­fi­kant. (353 f. )

Ⱥ ver­hält sich also zu S wie das Feh­len zum Feh­len­den.

In der schritt­wei­sen Er­klä­rung der For­mel be­zieht sich La­can zu­nächst auf ei­nen an­de­ren An­de­ren, nicht auf den An­de­ren im Sin­ne des Codes, son­dern auf den An­de­ren als Spre­cher. Das Sub­jekt fragt sich nach sei­nem Sein, sei­nem Be­geh­ren. Eine Ant­wort kann es nur da­durch be­kom­men, dass es sich auf den An­de­ren als Spre­cher be­zieht, auf den An­de­ren, in­so­fern er Ver­spre­chun­gen macht, Ver­bo­te er­lässt, Be­haup­tun­gen auf­stellt. (444 f.) Die Be­zie­hung des Sub­jekts zum An­de­ren als Spre­cher dreht sich um das Pro­blem des Ver­trau­ens. Das Sub­jekt fragt sich, ob es sich auf das ver­las­sen kann, was der An­de­re ver­spricht, an­ord­net oder be­haup­tet, ob der An­de­re auf­rich­tig ist oder un­auf­rich­tig. Das Pro­blem des Ver­trau­ens ist für das Sub­jekt grund­le­gen­der als das der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, als die Fra­gen der Frus­tra­ti­on und der Gra­ti­fi­ka­ti­on. Das zeigt sich etwa am Wie­der­ho­lungs­zwang, für den die Wie­der­ho­lung von Ver­trau­ens­kri­sen ty­pisch ist. (444 f.)

Das Sub­jekt fragt sich nicht ein­fach, ob es dem An­de­ren ver­trau­en kann. La­can nimmt an, dass es, ähn­lich wie Des­car­tes, eine Ant­wort sucht, die mit Ge­wiss­heit wahr ist (vgl. den Hin­weis auf Des­car­tes 354). La­can zu­fol­ge strebt das Sub­jekt auf die Wei­se nach Ge­wiss­heit, dass es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten sucht, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te, ähn­lich wie dies für Des­car­tes das Co­gi­to leis­tet oder wie eine Ei­des­for­mel es vor Ge­richt leis­ten soll. Da­mit be­zieht sich das Sub­jekt nicht mehr auf den An­de­ren als Spre­cher, son­dern auf den An­de­ren im Sin­ne des Codes, des Sprach­sys­tems.

Freud nimmt an, dass dem Un­be­wuss­ten be­stimm­te Vor­stel­lun­gen, be­stimm­te Si­gni­fi­kan­ten feh­len. La­can dehnt die­se Fra­ge­stel­lung aus und fragt, ob es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der dem Sprach­sys­tem fehlt. Die For­mel S(Ⱥ) steht für den­je­ni­gen Si­gni­fi­kan­ten, der dem Code we­sent­lich fehlt. Es gibt kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der ga­ran­tie­ren könn­te, dass die Ant­wort des An­de­ren auf die Fra­ge des Sub­jekts – auf die Fra­ge „Was bin ich als Sub­jekt?“ – wahr ist. (353) La­can nennt dies auch: „Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren.“ (353) Die Ant­wort auf die Fra­ge „Was bin ich als Sub­jekt?“ ist eine Art Fehl­mel­dung. Das er­in­nert an Hei­deg­ger in Das We­sen der Spra­che: „Ein ‚ist‘ er­gibt sich, wo das Wort zer­bricht.“ Die Kon­fron­ta­ti­on mit die­sem Feh­len ist das, was am stärks­ten ver­drängt wird. In die­sem Sin­ne bil­det der „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“ den Kern des Un­be­wuss­ten.

Das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren ga­ran­tie­ren könn­te

Eine spe­zi­el­le­re Deu­tung der For­mel be­zieht sich auf die Kon­fron­ta­ti­on des Kin­des mit der Mut­ter oder dem Va­ter (440 f.). Aus­gangs­punkt ist hier: das Sub­jekt ver­spürt ge­ni­ta­le Er­re­gun­gen, ein se­xu­el­les Be­geh­ren. Es wen­det sich mit der Ma­ni­fes­ta­ti­on die­ses Be­geh­rens an den rea­len An­de­ren, um von ihm als Sub­jekt an­er­kannt zu wer­den, in sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren jen­seits des Codes. Der An­spruch, mit dem es sich an den An­de­ren wen­det, ist hier nicht der nach Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses und auch nicht der An­spruch auf Lie­be – auf An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit –, son­dern der An­spruch dar­auf, als Sub­jekt an­er­kannt zu wer­den. Der rea­le An­de­re re­agiert auf ir­gend­ei­ne Wei­se – mit sei­nem Ver­hal­ten oder in­dem er be­stimm­te Be­mer­kun­gen macht. Das Sub­jekt fragt sich, ob die­se Re­ak­ti­on auf­rich­tig ist, ob es sich auf den An­de­ren – wenn er so re­agiert – ver­las­sen kann, ob es ihm ver­trau­en kann.

Aus­ge­hend vom Pro­blem der Auf­rich­tig­keit ent­wi­ckelt das Sub­jekt ei­nen neu­en An­spruch: es for­dert eine Ga­ran­tie da­für, dass die Ant­wort des rea­len An­de­ren wahr­haf­tig ist, ei­nem Si­gni­fi­kan­ten, der eine Wahr­heits­ga­ran­tie lie­fern wür­de. Ei­nen sol­chen Si­gni­fi­kan­ten gibt es nicht.

Das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der das Ge­setz ga­ran­tie­ren könn­te

Eine wei­te­re spe­zi­el­le Deu­tung be­zieht sich auf die Funk­ti­on des Va­ters. Vom Va­ter wird er­war­tet, dass er der Ur­he­ber des Ge­set­zes ist und dass er das Ge­setz ga­ran­tiert – dass er ihm sei­ne Le­gi­ti­mi­tät ver­leiht und durch Stra­fe sei­ne Durch­set­zung si­chert. Dazu müss­te der Va­ter über dem Ge­setz ste­hen. Der rea­le Va­ter kann das Ge­setz je­doch nicht ga­ran­tie­ren, da er wie je­der­mann dem Ge­setz un­ter­wor­fen ist. (406) Der feh­len­de Si­gni­fi­kant – das S in der For­mel S(Ⱥ) – ist in die­ser Deu­tung der Si­gni­fi­kant des Va­ters, in­so­fern er der­je­ni­ge wäre, der das Ge­setz ga­ran­tie­ren könn­te.

Er­satz­lö­sung für das Feh­len des wahr­heits­ga­ran­tie­ren­den Si­gni­fi­kan­ten: der Glau­be

An­ge­sichts des Feh­lens ei­ner Wahr­heits­ga­ran­tie bleibt dem Sub­jekt nur der Glau­be; der Glau­be an die vom to­ten Va­ter ver­kün­de­te Wahr­heit, wie im Fal­le von Ham­let. Der Glau­be an die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren tritt an die Stel­le der Ge­wiss­heit. (468)

Der Glau­be kann die Form der or­ga­ni­sier­ten Re­li­gi­on an­neh­men. Wenn der Ein­fluss der Re­li­gi­on zu­rück­geht, bleibt als Lö­sung für den Wunsch nach ei­ner ga­ran­tier­ten Wahr­heit nur, dass der Glau­be un­be­wusst wird. Die Neu­ro­se be­ruht auf dem un­be­wuss­ten Glau­ben an ei­nen An­de­ren, des­sen Auf­rich­tig­keit ga­ran­tiert ist. (541)

Das Ver­schwin­den des Sub­jekts und das Ob­jekt des Be­geh­rens

Das Feh­len ei­nes wahr­heits­si­chern­den Si­gni­fi­kan­ten im An­de­ren hat zur Fol­ge, dass das Sub­jekt sich als Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses nicht selbst be­zeich­nen kann (434–436). In der For­mel für das Phan­tas­ma, $◊a, steht das durch­ge­stri­che­ne gro­ße S für das Schei­tern der Selbst­be­zeich­nung und in die­sem Sin­ne für das „Ver­schwin­den“ des Sub­jekts.

Da das Sub­jekt sich nicht selbst be­zeich­nen kann, wählt es ei­nen ima­gi­nä­ren Um­weg: das Ob­jekt des Be­geh­rens im Phan­tas­ma; in der For­mel für das Phan­tas­ma, $◊a, wird es durch das klei­ne a re­prä­sen­tiert. Auf dem Um­weg über die­ses Ob­jekt be­zeich­net das Sub­jekt sein ei­ge­nes Be­geh­ren. La­can re­kon­stru­iert hier den Me­cha­nis­mus der Pro­jek­ti­on. (434–436, 438, 441)

Zen­tral­stel­lung

Das Sub­jekt steht zum An­de­ren in der Be­zie­hung des An­spruchs auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, das hat die Ob­jekt­be­zie­hungs­theo­rie rich­tig ge­se­hen – auch wenn sie ver­kennt, dass die Ob­jekt­be­zie­hun­gen, von de­nen sie spricht, in Wirk­lich­keit Be­zie­hun­gen des An­spruchs sind (434). Die­se Be­zie­hun­gen des An­spruchs sind im Un­be­wuss­ten al­ler­dings Rand­phä­no­me­ne. Das Un­be­wuss­te hat sein Zen­trum in der Be­zie­hung zur For­de­rung nach ei­ner Ga­ran­tie für die Auf­rich­tig­keit des An­de­ren. S(Ⱥ) ist die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten. (441)

Lacan in früheren Texten zum Mangel im Anderen

In Se­mi­nar 2 von 1954/55 sagt La­can:

Das Ei­gen­tüm­li­che an der Ar­gu­men­ta­ti­on Freuds ist, daß er die Be­weis­last um­kehrt – In den Ele­men­ten, die Sie mir ent­ge­gen­hal­ten, im Ver­ges­sen und Ver­blas­sen des Traums, sehe ich im­mer noch ei­nen Sinn, ich sehe so­gar ei­nen zu­sätz­li­chen Sinn. Wenn das Phä­no­men des Ver­ges­sens da­zwi­schen­kommt, dann in­ter­es­siert mich das noch mehr. Ich fin­de auch da ei­nen Be­stand­teil der Bot­schaft. Die­se ne­ga­ti­ven Phä­no­me­ne füge ich der Lek­tü­re des Sinns hin­zu, ich er­ken­ne auch ih­nen die Funk­ti­on der Bot­schaft zu. Nicht nur daß Freud die­se Di­men­si­on ent­deckt, son­dern durch eine ge­wis­se Vor­ein­ge­nom­men­heit iso­liert er sie so­gar, er will nur sie zur Kennt­nis neh­men.“49

Ne­ga­ti­ve Phä­no­me­ne wie Ver­ges­sen und Ver­blas­sen des Traums sind ein Teil der Bot­schaft. Im Gra­fen des Be­geh­rens ist S(Ⱥ) am Ort der Bot­schaft lo­ka­li­siert; der „Man­gel im An­de­ren“ – ein ne­ga­ti­ves Phä­no­men – ge­hört zur Bot­schaft.

Et­was spä­ter heißt es in der­sel­ben Sit­zung:

Was wir für den Au­gen­blick fest­hal­ten wol­len, ist, daß Freud erst dann zu­frie­den ist, daß er erst dann sei­nen Weg wie­der­ein­schlägt, erst dann be­an­sprucht, nach­ge­wie­sen zu ha­ben, was er uns nach­wei­sen woll­te, wenn er uns zei­gen kann, daß der Haupt­wunsch ei­nes Traums dar­in be­stand, eine Bot­schaft durch­zu­ge­ben.

M. VALABREGA: – Folg­lich ist das Ver­ges­sen des Traums ein Hin­der­nis.

Es ist kein Hin­der­nis, es ge­hört zum Text. Der Zwei­fel zum Bei­spiel ist in sei­ner Per­spek­ti­ve fast eine em­pha­sis – es gibt kein gleich­wer­ti­ges Wort im Fran­zö­si­schen, man müß­te sa­gen soulignage/Unterstreichung/Hervorhebung. Der Zwei­fel in­ter­es­siert ihn nicht als psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men, und was den Traum an­geht, ist das über­haupt ein psy­cho­lo­gi­sches Phä­no­men?

Das Phä­no­men des Zwei­fels, sagt Freud, muß man wie ei­nen Be­stand­teil der Bot­schaft deu­ten. Wenn das Sub­jekt zwei­felt, sa­gen Sie sich, daß es sich um Wi­der­stand han­delt, aber re­den wir im Au­gen­blick nicht vom Wi­der­stand. Der Zwei­fel ge­hört zur Bot­schaft.“50

Die Bot­schaft hat ne­ga­ti­ve Be­stand­tei­le und eine der ne­ga­ti­ven Kom­po­nen­ten der Bot­schaft kann ein Zwei­fel sein.

Und etwa eine Sei­te da­nach:

Die Zen­sur si­tu­iert sich nicht auf dem­sel­ben Ni­veau wie der Wi­der­stand. Sie ge­hört zum un­ter­bro­che­nen Cha­rak­ter des Dis­kur­ses.„51

Statt von den ne­ga­ti­ven Be­stand­tei­len der Bot­schaft spricht La­can hier vom un­ter­bro­che­nen Cha­rak­ter des Dis­kur­ses. Zum un­ter­bro­che­nen Cha­rak­ter des Dis­kur­ses ge­hört die Zen­sur. Die Zen­sur ist eine wei­te­re Ge­stalt des ne­ga­ti­ven Be­stand­teils der Bot­schaft; für Freud ist der Zwei­fel im Traum ein Ab­kömm­ling der Zen­sur.52

Ei­ni­ge Sät­ze spä­ter heißt es:

Das bringt die Fra­ge nach dem mit sich, was wir das Über-Ich nen­nen. Ich spre­che Ih­nen vom un­ter­bro­che­nen Dis­kurs. Nun, eine der er­grei­fends­ten For­men des un­ter­bro­che­nen Dis­kur­ses ist das Ge­setz, in­so­fern es un­ver­stan­den ist. Per de­fi­ni­tio­nem schützt Un­kennt­nis nicht vor Strafe/nul n’est cen­sé igno­rer la loi/ wird von nie­man­dem an­ge­nom­men, daß er das Ge­setz nicht kennt, aber es ist im­mer un­ver­stan­den, denn nie­mand er­faßt es in sei­ner Ge­samt­heit. Der Pri­mi­ti­ve, der in die Ge­set­ze der Ver­wandt­schaft, der Al­li­anz, des Frau­en­tauschs ein­be­zo­gen ist, hat, selbst wenn er sehr ge­lehrt ist, nie­mals eine Ge­samt­sicht des­sen, was ihn in die­sen Ge­set­zes­zu­sam­men­hang faßt. Was Zen­sur ist, hat im­mer eine Be­zie­hung zu dem, was im Dis­kurs sich auf das Ge­setz als un­ver­stan­de­nes be­zieht.“53

Die Zen­sur steht da­mit in Zu­sam­men­hang, dass das Ge­setz im­mer zum Teil un­be­kannt und un­ver­stan­den ist. Dies wie­der­um be­zieht sich auf das Über-Ich.

La­can er­läu­tert das so: An­ge­nom­men, es ist bei Stra­fe der Ent­haup­tung un­ter­sagt, zu be­haup­ten, der Kö­nig von Eng­land sei ein Dus­sel. Dann muss aus dem Dis­kurs al­les eli­mi­niert wer­den, was mit der ver­bo­te­nen Be­haup­tung in Ver­bin­dung steht. Da­mit ist ge­meint, dass ich bei­spiels­wei­se nicht ver­kün­den darf: „Ich be­haup­te kei­nes­wegs, dass der Kö­nig von Eng­land ein Dus­sel ist.“ In der Ana­ly­se des „Rat­ten­manns“ hat Freud auf die­se Ex­pan­si­ons­dy­na­mik der Zen­sur hin­ge­wie­sen.54

La­can fasst es so zu­sam­men:

Dar­aus er­gibt sich also, daß all das, was im Dis­kurs mit je­ner Rea­li­tät in Zu­sam­men­hang steht, daß der Kö­nig von Eng­land ein Dus­sel ist, in der Schwe­be ge­hal­ten wird. Das Sub­jekt wird in die Not­wen­dig­keit ein­be­zo­gen, aus dem Dis­kurs al­les eli­mi­nie­ren, ex­tra­hie­ren zu müs­sen, was in Be­zie­hung zu dem steht, was das Ge­setz zu sa­gen un­ter­sagt.“55

Er fährt dann fort:

Nun, die­ses Ver­bot als sol­ches ist to­tal un­ver­stan­den. Auf dem Ni­veau der Rea­li­tät kann nie­mand ver­ste­hen, war­um ei­nem der Kopf ab­ge­schla­gen wer­den soll, wenn man die­se Wahr­heit sagt, nie­mand er­faßt, wo sich die Tat­sa­che selbst der Un­ter­sa­gung si­tu­iert.“56

Das eine ist die Rea­li­tät, näm­lich dass der Kö­nig ein Trot­tel ist. Das an­de­re ist das Ver­bot, dies zu sa­gen. Das Ver­bot lässt sich aus der Rea­li­tät nicht ab­lei­ten; zwi­schen dem Sein und dem Sol­len liegt eine Kluft.

Ich über­sprin­ge ei­nen Satz, da­nach heißt es:

Ich hof­fe, Ih­nen jene letz­te un­er­klär­te, un­er­klär­li­che Trieb­fe­der spür­bar zu ma­chen, an die sich die Exis­tenz des Ge­set­zes klam­mert. Die har­te Sa­che, auf die wir in der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung sto­ßen, ist, daß es in ihr eins gibt, ein Ge­setz. Und das ist eben das, was nie­mals voll­stän­dig er­le­digt wer­den kann im Dis­kurs des Ge­set­zes – es ist die­ser letz­te Aus­druck, der er­klärt, daß es eins gibt.“57

Das Un­be­wuss­te ist im Sub­jekt eine Spal­tung des sym­bo­li­schen Sys­tems, es ist die eine Sei­te die­ser Spal­tung; die Zen­sur (die von Freud spä­ter als Über-Ich be­zeich­net wird) ist das, was das sym­bo­li­sche Sys­tem des Sub­jekts spal­tet, in ei­nen an­er­kann­ten, zu­gäng­li­chen Teil und ei­nen un­ter­sag­ten, un­zu­gäng­li­chen Teil.58

Das Ge­setz ist ein Be­stand­teil des sym­bo­li­schen Sys­tems. Auch das Ge­setz ist ge­spal­ten, es ist zum Teil zu­gäng­lich, zum Teil un­be­wusst, un­zu­gäng­lich.

Im Dis­kurs des Ge­set­zes gibt es et­was, was nie­mals er­klärt wer­den kann: dass es ein Ge­setz gibt.

Be­zo­gen auf das Über-Ich be­steht das ne­ga­ti­ve Phä­no­men in der Bot­schaft des Un­be­wuss­ten dar­in, dass es nichts gibt, was er­klä­ren kann, dass es ein Ge­setz gibt.

Seminar 17: die Kastration des Vaters

In Se­mi­nar 17, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se (1969/70), bringt La­can das Kon­zept „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“ auf den Punkt. Nach ei­ner Er­läu­te­rung der For­mel des Dis­kur­ses des Ana­ly­ti­kers sagt er hier:

Und eben­dies nun er­laubt zu ar­ti­ku­lie­ren, was es mit der Kas­tra­ti­on wahr­haf­tig auf sich hat: daß, selbst fürs Kind, was auch im­mer man dar­über denkt, der Va­ter der ist, der nichts von der Wahr­heit weiß.“59

Das Sym­bol S(Ⱥ) kann auch ge­le­sen wer­den als: Kas­tra­ti­on des Va­ters. Die Kas­tra­ti­on des Va­ters be­steht dar­in, dass er nichts von der Wahr­heit weiß.

Man ver­steht, war­um La­can im­mer wie­der dar­auf zu­rück­kommt, dass ei­ner sei­ner Schü­ler über ihn ge­sagt hat­te: „War­um sagt er nicht die Wahr­heit über die Wahr­heit?“ Die­ser Schü­ler war La­can ge­gen­über in der Po­si­ti­on des Neu­ro­ti­kers, der An­de­re war für ihn nicht kas­triert.

Anknüpfungspunkte bei Freud

Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten be­steht für La­can also dar­in, dass es kei­nen Wahr­heits­ga­ran­ten gibt. Da La­can bei fast al­len sei­nen Kon­zep­ten an Freud an­knüpft, ist das auch hier zu er­war­ten. Wor­auf könn­te er sich be­zie­hen?

Viel­leicht auf die­se Be­mer­kung Freuds in dem Auf­satz Über De­cker­in­ne­run­gen (1899):

Für die An­ga­ben un­se­res Ge­dächt­nis­ses gibt es über­haupt kei­ne
Ga­ran­tie.„60

Die über­schar­fe Kind­heits­er­in­ne­rung des Pa­ti­en­ten, um die es in die­sem Text geht, ist eine in die Kind­heit zu­rück­ver­leg­te Phan­ta­sie.

Mög­li­cher­wei­se stützt La­can sich auch auf Freuds Auf­satz über in­fan­ti­le Se­xu­al­theo­ri­en. Das Kind fragt die Er­wach­se­nen, so heißt es hier, wo­her die Kin­der kom­men, und es be­kommt die Ant­wort: vom Storch. Freud kom­men­tiert das so:

Es scheint mir aus vie­len Mit­tei­lun­gen her­vor­zu­ge­hen, daß die Kin­der der Storch­theo­rie den Glau­ben ver­wei­gern, von die­ser ers­ten Täu­schung und Ab­wei­sung an aber ein Miß­trau­en ge­gen die Er­wach­se­nen in sich näh­ren, die Ah­nung von et­was Ver­bo­te­nem ge­win­nen, das ih­nen von den ‚Gro­ßen‘ vor­ent­hal­ten wird, und dar­um ihre wei­te­ren For­schun­gen mit Ge­heim­nis ver­hül­len. Sie ha­ben da­bei aber auch den ers­ten An­laß ei­nes ‚psy­chi­schen Kon­flikts‘ er­lebt, in­dem Mei­nun­gen, für die sie eine trie­bar­ti­ge Be­vor­zu­gung emp­fin­den, die aber den Gro­ßen nicht ‚recht‘ sind, in Ge­gen­satz zu an­de­ren ge­ra­ten, die durch die Au­to­ri­tät der ‚Gro­ßen‘ ge­hal­ten wer­den, ohne ih­nen selbst ge­nehm zu sein. Aus die­sem psy­chi­schen Kon­flik­te kann bald eine ‚psy­chi­sche Spal­tung‘ wer­den; die eine Mei­nung, mit der die Brav­heit, aber auch die Sis­tie­rung des Nach­den­kens ver­bun­den ist, wird zur her­schen­den be­wuß­ten; die an­de­re, für die die For­scher­ar­beit un­ter­des neue Be­wei­se er­bracht hat, die nicht gel­ten sol­len, zur un­ter­drück­ten, ‚un­be­wuß­ten‘. Der Kern­kom­plex der Neu­ro­se fin­det sich auf die­se Wei­se kon­sti­tu­iert.“61

Der Kern­kom­plex der Neu­ro­se ent­steht da­durch, dass die Auf­fas­sun­gen des Kin­des über Se­xua­li­tät mit den Be­haup­tun­gen der Er­wach­se­nen in Kon­flikt ge­ra­ten. Das Kind fragt sich, ob die Er­wach­se­nen auf­rich­tig sind oder ob sie lü­gen, und auf die­se Wei­se ent­wi­ckelt es ein Ver­hält­nis zur Wahr­heit. Es löst den Kon­flikt mit den Er­wach­se­nen so, dass es ihre Mei­nung über­nimmt und die ei­ge­ne Deu­tung der Se­xua­li­tät un­ter­drückt.

Die ei­ge­ne Auf­fas­sung wird hier­durch je­doch nicht gänz­lich ver­nich­tet, son­dern un­be­wusst. Dies ist der ers­te psy­chi­sche Kon­flikt. Durch ihn ent­steht der Kern­kom­plex der Neu­ro­se.

Zwei Jah­re spä­ter wird Freud den Kern­kom­plex der Neu­ro­se als „Ödi­pus­kom­plex“ be­zeich­nen. In der Ana­ly­se der Phan­ta­sie „Ein Kind wird ge­schla­gen“ (1919) bringt Freud die Rede vom Ödi­pus­kom­plex und die vom Neu­ro­sen­kern auf Satz­ebe­ne zu­sam­men: „Wir mei­nen ja, der Ödi­pus­kom­plex sei der ei­gent­li­che Kern der Neu­ro­se“62; aus den von Freud vor­her dar­ge­leg­ten Grün­den sei das we­sent­li­che Stück der in­fan­ti­len Se­xua­li­tät, „der Ödi­pus­kom­plex, der Kern­kom­plex der Neu­ro­se“63.

Der Dreh- und An­gel­punkt des Ödi­pus­kom­ple­xes ist dem­nach die Fra­ge, ob das, was die Er­wach­se­nen zur Se­xua­li­tät sa­gen, wahr ist.

Freuds Pro­blem­stel­lung wird von La­can ge­wis­ser­ma­ßen struk­tu­ra­li­siert. Freud geht es um eine Wahr­heit, die man sa­gen oder nicht sa­gen kann, bei­spiels­wei­se dar­über, wo die klei­nen Kin­der her­kom­men. La­can be­zieht sich auf eine Wahr­heit, die man un­mög­lich sa­gen kann: man kann im Spre­chen kei­ne Ga­ran­tie für die Wahr­heit ge­ben, man kann nicht die Wahr­heit über die Wahr­heit sa­gen – so wie Freud es im Auf­satz über De­cker­in­ne­run­gen sagt.

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Anmerkungen

  1. La­can ver­wen­det die For­mel S(Ⱥ) zum ers­ten Mal in Se­mi­nar 5, dort in der Vor­le­sung vom 26. März 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 370).
    Die For­mu­lie­rung „le si­gni­fi­ant de l’Autre en tant que bar­ré“ fin­det man in der Sit­zung vom 2. Juli 1958 (Ver­si­on Mil­ler, S. 504), zu deutsch: der Si­gni­fi­kant „des An­de­ren als ge­sperr­tem“ (Ver­si­on Miller/Gondek, S. 595). Die ge­naue For­mu­lie­rung „l’Autre bar­ré“ wird von La­can erst­mals in Se­mi­nar 6 ge­braucht (Ver­si­on Mil­ler, S. 384).
    Die Wen­dung „Man­gel des An­de­ren“ er­scheint zu­erst in dem Auf­satz Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (1958), Schrif­ten I, S. 200, da­nach in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten (Vor­trag von 1960, ver­öf­fent­licht 1966), Schrif­ten II, S. 200. Die For­mu­lie­rung „Man­gel im an­de­ren“ ver­wen­det La­can zu­erst in Die Be­deu­tung des Phal­lus (1958), Schrif­ten II, S. 130, sie be­zieht sich dort auf den klein­ge­schrie­be­nen „an­de­ren“. Die Wen­dung „Man­gel im An­de­ren“, für den An­de­ren mit gro­ßem A, wird erst­mals in Sub­ver­si­on des Sub­jekts ge­braucht (vgl. Schrif­ten II, S. 194).
    Das Sym­bol S(Ⱥ) ge­hört zu den sta­bi­len Ele­men­ten von La­cans Be­griffs­ap­pa­rat; man fin­det es noch in Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, im Sche­ma der Se­xu­ie­rung (Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 85) so­wie in Se­mi­nar 23 von 1975/76, Das Sin­t­hom, in der Sit­zung vom 16. März 1976 (Ver­si­on Mil­ler, S. 123).
  2. Se­mi­nar 6 ist zum größ­ten Teil nicht über­setzt; in der Zeit­schrift Wo Es war er­schien 1986 und 1987 eine Über­set­zung von sie­ben der acht Ham­let-Vor­le­sun­gen aus die­sem Se­mi­nar.
  3. La­can be­zieht sich auf: Ro­man Ja­kobson: Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­si­an verb (1957). In: Ders.: Selec­ted Wri­tings, Vol. II: Word and Lan­guage. Den Haag: Mou­ton 1972. S. 130–147.– Dt.: Ver­schie­ber, Verb­ka­te­go­ri­en und das rus­si­sche Verb. In: Ders.: Form und Sinn: Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 35–54; im In­ter­net hier.
  4. In der Zeich­nung habe ich zwei gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen aus Mil­lers Ver­si­on von Se­mi­nar 5 in eine zu­sam­men­ge­zo­gen: die von S. 224 und die von S. 237.
  5. Vgl. hier­zu in die­sem Blog den Bei­trag Der An­de­re als Ort des Spre­chens – mit wem spricht Jas­min?
  6. Sart­re: „Wir ha­ben ja ge­se­hen, daß Be­gier­de und Se­xua­li­tät über­haupt eine ur­sprüng­li­che Be­mü­hung des Für-sich (des Sub­jekts) aus­drü­cken, sein durch An­de­re ent­frem­de­tes Sein wie­der­zu­ge­win­nen.“ (Das Sein und das Nichts. Ver­such ei­ner phä­no­me­no­lo­gi­schen On­to­lo­gie (1943). Über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, S. 981) 
  7. So auch in J.-B. Pon­ta­lis: Zu­sam­men­fas­sen­de Wie­der­ga­ben der Se­mi­na­re IV – VI von Jac­ques La­can. 2. Auf­la­ge. Tu­ria + Kant, Wien 1999, S. 133. In der end­gül­ti­gen Ver­si­on des Gra­fen im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens wird das Sym­bol Φ am Be­ginn der obe­ren Quer­li­nie durch den Be­griff „Ge­nie­ßen“ (jouis­sance) er­setzt.
  8. Ab­bil­dung aus Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 461; um die Zu­sam­men­hän­ge deut­li­cher zu ma­chen, habe ich ei­ni­ge Sym­bo­le et­was ver­scho­ben.
  9. Vgl. hier­zu in die­sem Blog die Bei­trä­ge „Der Sen­der er­hält vom Emp­fän­ger sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft in um­ge­kehr­ter Form“ und Die von A nach oben zei­gen­de Li­nie – Que vuoi?
  10. Vgl. M. Hei­deg­ger: Die Spra­che im Ge­dicht. Eine Er­ör­te­rung von Ge­org Tra­kls Ge­dicht (1953). In: Ders.: Un­ter­wegs zur Spra­che. Nes­ke, Stutt­gart 1959, S. 35–82, hier: S. 37.– Im Auf­satz Lo­gos (1951) deu­tet Hei­deg­ger das Wort „sa­gen“ (grie­chisch le­gein) als Ver­sam­meln, Zu­sam­men­brin­gen, zu­sam­men-ins-Vor­lie­gen-brin­gen (M. Hei­deg­ger: Vor­trä­ge und Auf­sät­ze. Nes­ke, Pful­lin­gen 1954, S. 199–221); La­cans Über­set­zung die­ses Auf­sat­zes er­schien 1956 in der Zeit­schrift La psy­chana­ly­se.
  11. Ab­bil­dung aus Ver­si­on Mil­ler, S. 337 f.
  12. Vgl. etwa La­can: La psy­chana­ly­se et son ens­eig­ne­ment (1957). In: Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 451–454.
  13. Die Be­mer­kung er­in­nert an Sart­re: die Frei­heit be­steht dar­in, den Sinn zu schaf­fen.
  14. Vgl. hier­zu in die­sem Blog den Bei­trag Der Be­griff des Si­gni­fi­kan­ten so­wie die Über­set­zung von Juan-Da­vid Na­si­os Ant­wort auf die Fra­ge Was ist ein Si­gni­fi­kant?
  15. Vgl. hier­zu in die­sem Blog den Bei­trag Der Sinn kommt vom An­de­ren.
  16. I, 2, Ver­se 141 f.– Ich zi­tie­re hier und im Fol­gen­den aus: Wil­liam Shake­speare: Ham­let, Bd. 1: Text. Englisch/Deutsch. Her­aus­ge­ge­ben, über­setzt und kom­men­tiert von Hol­ger M. Klein. Re­clam jun., Stutt­gart 1984.
  17. Ver­gil, Aen­eis, VII, Vers 312.
  18. Vgl. Er­nest Jo­nes: Ham­let and Oe­di­pus. Nor­ton, New York 1949.– Ella Free­man Shar­pe: An Un­fi­nis­hed Pa­per on Ham­let: Prince of Den­mark. In: In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho-Ana­ly­sis, 29. Jg. (1948), S. 98–109.
  19. Vgl. Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 297–299.
  20. So deu­tet Dari­an Lea­der die For­mel. Vgl. D. Lea­der, Judy Gro­ves: In­tro­du­cing La­can. Icon Books, Dux­ford 2000, S. 118.
  21. M. Hei­deg­ger: Das We­sen der Spra­che. In: Ders.: Un­ter­wegs zur Spra­che. Nes­ke, Pful­lin­gen 1959, S. 157–216, hier: S. 216.
  22. Ab Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, wird er ei­nen an­de­ren Weg ein­schla­gen; die Psy­cho­ana­ly­se gilt ihm von da an als Er­bin des car­te­si­schen Sub­jekts.
  23. In der Sit­zung vom 10. Ja­nu­ar 1962.
  24. Vgl. Jaak­ko Hin­tik­ka: Co­gi­to, Ergo Sum: In­fe­rence or Per­for­mance? In: The Phi­lo­so­phi­cal Re­view,  71. Jg. (1962), H. 1, S. 3–32; ders.: Co­gi­to, Ergo Sum as an In­fe­rence and a Per­for­mance. In: The Phi­lo­so­phi­cal Re­view, 72. Jg. (1963) H. 4, S. 487–496.
    Vgl. hier­zu: Mi­chel Gran­ge­on: La­can-Hin­tik­ka. In: Es­saim 1/ 2002 (Nr. 9), S. 101–119; im In­ter­net hier.
    Auf Hin­tik­ka be­zieht La­can sich ein­mal: in Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, setzt er sich mit des­sen Mo­dels of mo­da­li­ty (1969) aus­ein­an­der (Sit­zung vom 19. Fe­bru­ar 1974).
  25. Vgl. Jür­gen Ha­ber­mas: Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns. Band 1. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1981, dar­in: Ers­te Zwi­schen­be­trach­tung: So­zia­les Han­deln, Zweck­tä­tig­keit und Kom­mu­ni­ka­ti­on.
  26. Dies ist Freuds Fra­ge in Psy­cho­ge­ne­se ei­nes Fal­les von weib­li­cher Ho­mo­se­xua­li­tät (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 274 f.
  27. Etwa: „Durch die in der Kin­der­stu­be ge­bräuch­li­chen Ant­wor­ten wird der ehr­li­che For­scher­trieb des Kin­des ver­letzt, meist auch des­sen Ver­trau­en zu sei­nen El­tern zum ers­ten­mal er­schüt­tert; von da an be­ginnt es zu­meist den Er­wach­se­nen zu miß­trau­en und sei­ne in­tims­ten In­ter­es­sen vor ih­nen ge­heim­zu­hal­ten.“ (S. Freud: Zur se­xu­el­len Auf­klä­rung der Kin­der (1907). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 165) 
  28. Zu­erst in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, Ver­si­on Mil­ler, S. 125, so­wie im Vor­wort zu Ani­ka Riff­let-Le­mai­res Buch Jac­ques La­can (Brüs­sel 1970).
  29. Vgl. in Se­mi­nar 4 die Ta­bel­le auf S. 317 der Ver­si­on Miller/Gondek.
  30. Im Rom-Vor­trag spricht er vom „Sank­tio­nie­ren durch un­se­re Au­to­ri­tät“ (durch die Au­to­ri­tät der Psy­cho­ana­ly­ti­ker) vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se: „en le sanc­tion­nant de not­re au­to­rité“ (Écrits, S. 310), sie mit un­se­re Au­to­ri­tät be­kräf­ti­gend, La­er­mann über­setzt mit „be­stär­ken“ (Schrif­ten I, S. 156).
  31. Vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on JL, Sit­zung vom 13. Mai 1959, S. 17.
  32. Der Buch­sta­be klein a steht hier noch nicht oder nur am Ran­de für das Par­ti­al­ob­jekt; die­ses Kon­zept wird erst spä­ter voll aus­ge­ar­bei­tet, vor al­lem in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst.
  33. S. Freud: Die Ver­nei­nung (1925). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 2000, S. 374.
  34. Vgl. Ja­kobson, Shif­ters, ver­bal ca­te­go­ries, and the Rus­si­an verb, a.a.O. Den Be­griff Shif­ter bzw. Ver­schie­ber über­nimmt Ja­kobson von Otto Jesper­sen.
  35. Vgl. hier­zu S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 75 f.
    Zum Phan­tas­ma bei Ex­hi­bi­tio­nis­mus und Voy­eu­ris­mus vgl. La­can, Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. Juni 1959.
  36. Dia­gramm aus Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 439. In der Sta­fer­la-Ver­si­on des Se­mi­nars fin­det man in der zwei­ten Zei­le nicht „Sr“, son­dern „St“, und in den Zei­len 5 bis 7 statt der gro­ßen A klei­ne a. Ein ähn­li­ches Sche­ma ver­wen­det La­can in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst; es wird dort als „Sche­ma der Tei­lung“ be­zeich­net. Vgl. Se­mi­nar 10, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 40, 145, 201.
  37. Die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te „ein rea­les Sub­jekt, Sr“ fin­det sich nicht in der Sta­fer­la-Ver­si­on, ist also ver­mut­lich ein von Mil­ler vor­ge­nom­me­ner Ein­schub.
  38. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 232.
  39. Freud, Jen­seits des Lust­prin­zips, a.a.O., S. 251 f.
  40. Im Ori­gi­nal deutsch.
  41. Funk­ti­on und Feld, Schrif­ten I, S. 143.
  42. Ver­si­on Mil­ler, S. 16.
  43. Das be­rühm­te Ein­stein-Zi­tat lau­tet wört­lich: „Raf­fi­niert ist der Herr­gott, aber bos­haft ist er nicht.“ Münd­li­che Be­mer­kung von Ein­stein aus dem Jahr 1921; über die Um­stän­de in­for­miert: Abra­ham Pais: Subt­le is the Lord. The Sci­ence and the Life of Al­bert Ein­stein. Ox­ford Uni­ver­si­ty Press, Ox­ford u.a. 1982, S. 113.
    Auf die­se Sen­tenz hat­te La­can sich be­reits frü­her be­zo­gen: in Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 285; in Se­mi­nar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 79.
  44. Vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 353.
  45. Ver­si­on JL, im In­ter­net hier, S. 10; die Sta­fer­la-Ver­si­on des Se­mi­nars folgt an die­ser Stel­le Ver­si­on JL.
  46. S. Freud: Zwangs­hand­lun­gen und Re­li­gi­ons­übun­gen (1907). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 15.
  47. S. Freud: Die Zu­kunft ei­ner Il­lu­si­on (1927). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 171.
  48. Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, Ver­si­on Miller/Haas, S. 65.
  49. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 162.
  50. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 164.
  51. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 165.
  52. S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 494.
  53. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 165 f.
  54. Freud be­rich­tet dort, dass er sei­nem Pa­ti­en­ten sag­te: „Er be­hand­le die­sen Wort­laut (dass der Va­ter ster­ben kön­ne) wie den ei­ner Ma­jes­täts­be­lei­di­gung, wo­bei es be­kannt­lich eben­so be­straft wird, wenn je­mand sagt: ‚Der Kai­ser ist ein Esel‘, wie wenn er die­se ver­pön­ten Wor­te ein­klei­det: ‚Wenn je­mand sagt …, so hat er es mit mir zu tun.‘“ (Be­mer­kun­gen über ei­nen Fall von Zwangs­neu­ro­se (1909). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 52.) 
  55. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 167.
  56. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 167.
  57. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Millmer/Metzger, S. 167 f.
  58. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 250.
  59. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. März 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 151; ich zi­tie­re die Über­set­zung von Ger­hard Schmitz, 1. Fas­sung Juli 1997, S. 128.
  60. S. Freud: Über De­cker­in­ne­run­gen (1899). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Schrif­ten. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Bd. 1. Ima­go, Lon­don 1952, S. 531–554.
  61. S. Freud: Über in­fan­ti­le Se­xu­al­theo­ri­en (1908). In: S. Freud: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 174 f.
  62. S. Freud: „Ein Kind wird ge­schla­gen“ (Bei­trag zur Kennt­nis der Ent­ste­hung se­xu­el­ler Per­ver­sio­nen) (1919). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 244
  63. A.a.O, S. 254.

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