Jacques Lacan
Seminar IX, Die Identifizierung
(XIII) Sitzung vom 14. März 1962
Übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von Max Kleiner und Rolf Nemitz
Zuletzt aktualisiert am 22. Januar 2026

Robert Kuo: Nephrit-Jade Doppelring.
Handgeschnitzt. 12,7 x 26,7 x 17,80 cm, 2022, von hier
Allgemeines zur Übersetzung
Das Seminar hat 26 Sitzungen. Etwa alle zwei Monate erscheint auf „Lacan entziffern“ die Übersetzung einer weiteren Sitzung. Die bereits veröffentlichten Übersetzungen von Sitzungen dieses Seminars findet man hier.
Die Übersetzung wird zweimal gebracht, zunächst nur deutsch, dann gegenüberstellend: Satz für Satz französisch/deutsch.
Die zweisprachige Fassung enthält in den Anmerkungen zum französischen Text Hinweise auf Transkriptionsprobleme; im deutschen Text findet man Links und Bilder, in den Anmerkungen zum deutschen Text Literaturangaben, Belege und inhaltliche Erläuterungen.
Die Übersetzung stützt sich auf folgende Vorlagen:
– Stenotypie des Seminars auf der Seite der École lacanienne de psychanalyse, hier
– Jacques Lacan: L’identification, dit ‚Séminaire IX„. Prononcé à Ste. Anne en 1961–1962. Herausgegeben und erstellt von Michel Roussan. Mit Anmerkungen, kritischem Apparat und Index. Paris 1992. Nicht im Buchhandel, beziehbar durch den Herausgeber, m.roussan2@free.fr
Ausgaben des Identifizierungs-Seminars im Internet:
– französisch: hier (Stenotypie), hier (Staferla), hier (ALI) S. 1547–1966, hier (Chollet), hier (rue CB),
– englische Übersetzungen: hier (Cormac Gallagher), hier (Ben Hooson),
– von Gallagher gelesene Audioaufnahme seiner Übersetzung hier.
Eine von Jacques-Alain Miller herausgegebene offizielle Edition des Seminars gibt es nicht.
Vielen Dank an Peter Müller (Psychoanalytiker in Karlsruhe) für die Überlassung seiner Übersetzung dieses Seminars!
Zur Notation
– Zahlen in geschweiften Klammern und grauer Schrift, z.B. {10}, verweisen auf die Seiten der Transkription, die Roussan als „Daktylographie 1“ bezeichnet; diese Seitenzahlen sind am Rand seiner Ausgabe angegeben und beginnen dort mit einer linken eckigen Klammer, also etwa mit „[10“. Daktylographie 1 ist die Transkription, die man auf der Seite der ELP findet (mit Ausnahme der 20. Sitzung), hier.
– Ein doppelter Bindestrich, also: --, markiert, dass an dieser Stelle ein Satz grammatisch unvollständig abbricht.
– Wörter mit Sternchen: im Original deutsch.
– Der Schrägstrich / verbindet Übersetzungsvarianten.
– Einfügungen in runden Klammern enthalten Formulierungen des französischen Originals.
– Einfügungen in eckigen Klammern dienen der Erläuterung und sind nicht von Lacan.
– Einfügungen in spitzen Klammern: Ersatz für vermutlich ausgefallenen Text..
Sitzung vom 14. März 1962
Deutsch
#{1} In dem Dialog, den ich mit Ihnen führe, gibt es zwangsläufig hiatus, saltus, casus – Gelegenheiten –, vom fatum ganz zu schweigen. Mit anderen Worten, er wird von verschiedenen Dingen unterbrochen. So haben wir zum Beispiel gestern Abend, bei der wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft, den interessanten und wichtigen Vortrag von Lagache über Sublimierung gehört.
Heute Morgen hatte ich Lust, darauf zurückzukommen, andererseits war ich am Sonntag jedoch von etwas anderem ausgegangen, ich meine von einer Art Bemerkung darüber, welche Art von Forschung hier stattfindet.
Natürlich ist das eine Forschung, die bedingt ist. Wodurch? Im Augenblick durch eine bestimmte Zielsetzung, die ich so bezeichnen möchte: Abzielen auf eine Erotik.
Ich halte das für legitim – nicht etwa, dass wir, wenn wir auf dem Weg sind, auf dem sie erforderlich ist, von Natur aus wesentlich dazu bestimmt wären, sie zu betreiben. Ich meine, dass wir auf diesem Weg ein wenig so wie jene sind, die im Laufe der Jahrhunderte über die Bedingungen der Wissenschaft nachgedacht haben und auf dem Weg zu dem waren, was die Wissenschaft dann tatsächlich erreicht hat – deshalb mein Hinweis auf den Kosmonauten, der seinen guten Sinn hat –, insofern das, was sie erreicht hat, sicherlich nicht unbedingt das ist, was sie bis zu einem gewissen Punkt erwartet hatte, auch wenn durch ihren Erfolg die Phasen ihrer Forschung ausgelöscht oder widerlegt wurden.
Es ist sicher, dass es bei les gens, bei den Leuten --; wir verwenden diesen Ausdruck im weitesten Sinne, es sei denn, wir gebrauchen ihn in einem etwas engeren Sinn, in dem der gentils, der Heiden, was natürlich eine merkwürdige Frage offen ließe, die nach den gentils, definiert im Verhältnis zu x – Sie wissen, von wo |{2} die Definition der gentils ausgeht –, was also die merkwürdige Frage offen ließe, wie es kommt, dass die gentils, wenn ich so sagen darf, eine sekundäre Klasse in dem Sinne darstellen, wie ich es beim letzten Mal verstanden habe: als etwas, das auf einer bestimmten früheren Auffassung basiert.
Trotzdem wäre das nicht schlecht, denn in dieser Perspektive sind die Heiden die Christenheit, und jeder weiß, dass die Christenheit als solche zu den Schwierigkeiten der Erotik ein notorisches Verhältnis hat, das heißt, dass sich die Scherereien, die der Christ mit Venus hat, nur schwer übersehen lassen, auch wenn man vorgibt, die Sache, wenn ich so sagen darf, auf die leichte Schulter zu nehmen.
Und wirklich, wenn die Grundlage des Christentums in der paulinischen Offenbarung besteht, das heißt in einem bestimmten wesentlichen Schritt, der in den Beziehungen zum Vater vollzogen wird, wenn dabei die Beziehung der Liebe zum Vater der wesentliche Schritt ist, wenn er tatsächlich die Überschreitung von allem darstellt, was die semitische Tradition an Großem begründet hat, nämlich der grundlegenden Beziehung zum Vater, der ursprünglichen Baraka, bei der ja schwer zu verkennen ist, dass das Denken von Freud daran gebunden ist, wenn auch auf widersprüchliche, verfluchende Art und Weise.
Wir können das nicht bezweifeln, denn auch wenn der Bezug auf den Ödipuskomplex die Frage offen lassen kann, so lässt doch die Tatsache, dass er seinen Diskurs mit Moses beendet hat und wie er es getan hat, keinen Zweifel daran, dass die Grundlage der christlichen Offenbarung doch wohl in dem Umstand der Gnade besteht, den Paulus auf das Gesetz folgen lässt.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Christ, und mit Grund, sich nicht auf der Höhe der Offenbarung hält, und dass er gleichwohl |{3} in einer Gesellschaft lebt, von der man sagen kann, dass ihre Rechtsgrundsätze, selbst reduziert auf die säkularste Form, dennoch direkt aus einem Katechismus hervorgegangen sind, der nicht ohne Bezug zu dieser paulinischen Offenbarung ist.
Allerdings, so wie die Meditation über den mystischen Leib nicht jedem zugänglich ist, bleibt eine Kluft offen, die dazu führt, dass sich der Christ praktisch auf darauf reduziert findet, was keineswegs normal und grundlegend ist, dass er zum Genießen als solchem wirklich keinen anderen Zugang mehr hat als den, Liebe zu machen. Das ist das, was ich seine Scherereien mit Venus nenne. Denn natürlich läuft es alles in allem mit dem, wie er in dieser Ordnung platziert ist, insgesamt ziemlich schlecht.
Was ich da sage, ist etwa dann sehr spürbar, wenn man die Grenzen der Christenheit hinter sich lässt und sich in die Gegenden begibt, die von der christlichen Akkulturation dominiert sind, damit meine ich nicht die Gegenden, die zum Christentum bekehrt wurden, sondern diejenigen, die die Auswirkungen der christlichen Gesellschaft erlitten haben. Ich werde mich noch lange an ein langes Gespräch erinnern, das ich in einer Nacht des Jahres 1947 mit jemandem hatte, der bei einem Ausflug in Ägypten mein Führer war. Er war das, was man einen Araber nennt. Durch seine Aufgaben sowie durch die Gegend, in der er lebte, fiel er natürlich voll und ganz unter unsere Kategorie. In seiner Rede war das sehr deutlich, diese Art von Auswirkung der Hervorhebung der Frage der Erotik. Sicherlich war er durch alle möglichen sehr alten Resonanzen seiner Sphäre darauf vorbereitet, bei der Frage nach der Rechtfertigung der Existenz sein Genießen in den Vordergrund zu stellen, die Art jedoch, wie er es in der Frau verkörperte, machte ebenso sehr den Eindruck einer Sackgasse, wie man sie sich in unser eigenen Gesellschaft nicht entblößter |{4} vorstellen kann. Insbesondere bestimmte die Forderung nach <beständiger> Erneuerung, nach unendlicher Abfolge, bedingt durch die Art der wesentlich unbefriedigenden Natur des Objekts, im Wesentlichen nicht nur seine Rede, sondern sein praktisches Leben. Eine Person, die im Wesentlichen, so hätte man in einem anderen Vokabular gesagt, aus den Normen ihrer Tradition herausgerissen war.
Wenn es um die Erotik geht: was sollen wir von diesen Normen halten? Mit anderen Worten, haben wir beispielsweise die Aufgabe, eine Rechtfertigung zu liefern für das praktische Fortbestehen der Ehe als Institution, selbst durch unsere revolutionärsten Veränderungen hindurch?
Ich glaube, es bedarf nicht all der Anstrengungen eines Westermarck, um mit allen möglichen Argumenten, sei es der Natur oder der Tradition, die Institution der Ehe zu rechtfertigen, denn sie rechtfertigt sich einfach durch ihr Fortbestehen, das wir mit eigenen Augen gesehen haben, und zwar in einer Gestalt, die ganz deutlich kleinbürgerliche Züge trägt, ihr Fortbestehen in einer Gesellschaft, die anfangs glaubte, bei der Infragestellung der grundlegenden Beziehungen weiter gehen zu können, ich meine, in der kommunistischen Gesellschaft. Es scheint ganz sicher zu sein, dass die Notwendigkeit der Ehe von den Auswirkungen dieser Revolution nicht einmal gestreift wurde.
Ist das nun eben der Bereich, in dem wir Licht ins Dunkel bringen sollten? Das glaube ich absolut nicht. Die Notwendigkeiten der Ehe erweisen sich für uns als ein genuin soziales Merkmal unserer Formung, sie lassen das Problem der sich daraus ergebenden Unbefriedigtheiten völlig offen, also des permanenten Konflikts, in dem sich das menschliche Subjekt, |{5} allein schon dadurch befindet, dass es menschlich ist, mit den Auswirkungen und den Folgen dieses Gesetzes der Ehe.
Wo finden wir dafür den Beleg? Ganz einfach in der Existenz dessen, was wir feststellen, wenn wir uns mit dem Begehren befassen, ich meine, dass in den Gesellschaften – ob sie nun gut organisiert sind oder nicht, ob man darin die für die Unterbringung der Individuen notwendigen Bauten in größerer oder in geringerer Fülle herstellt – die Neurose existiert, dass wir ihre Existenz feststellen. Und dort, wo besonders befriedigende Lebensbedingungen gesichert sind, oder dort, wo die Tradition besonders stark gesichert ist, ist die Neurose keineswegs am seltensten, weit davon entfernt.
Was bedeutet die Neurose? Worin besteht für uns, wenn ich so sagen darf, die Autorität der Neurose? Das ist nicht schlicht und einfach an ihre pure Existenz gebunden.
Die Position derjenigen, die dabei die Wirkungen der Neurose auf eine Art Verschiebung der menschlichen Schwäche zurückführen, ist zu einfach. Ich meine, das, was sich in der Organisation der Gesellschaft als solcher effektiv als schwach erweist, wird von ihnen auf den Neurotiker abgeschoben, über den man sagt, er sei unangepasst. Mit welchem Beweis?
Mir scheint, das Recht, die Autorität, die aus dem hervorgeht, was wir vom Neurotiker zu lernen haben, ist die Struktur, die er uns offenbart.
Und was er uns letztlich offenbart – von dem Moment an, in dem wir begreifen, dass sein Begehren dasselbe ist wie das unsere, und mit Grund –, das, was er unserem Studium nach und nach offenbart, das, was die Würde des Neurotikers ausmacht, ist, dass er wissen will.
Und in gewisser Weise ist er es, der die Psychoanalyse einführt. Erfinder der Psychoanalyse ist nicht Freud, sondern |{6}, wie jeder weiß, Anna O., und hinter ihr natürlich viele andere: wir alle.
Was ist es, das der Neurotiker wissen will? Hier verlangsame ich meine Sprechweise, damit Sie gut verstehen, denn jedes Wort zählt:
Er will wissen, was es in dem, wovon er die Passion ist, an Realem gibt, das heißt, was es im Signifikanteneffekt an Realem gibt.
Was natürlich voraussetzt, dass wir weit genug gekommen sind um zu wissen, dass das, was sich beim Menschen Begehren nennt, außer in der Beziehung zum Signifikanten und den Wirkungen, die sich hier einschreiben, nicht denkbar ist.
Dieser Signifikant, der er durch seine Position selber ist, das heißt als lebendige Neurose, das ist das (wenn Sie sich auf meine Definition des Signifikanten beziehen – wodurch sie übrigens umgekehrt gerechtfertigt ist: dadurch, dass sie sich anwenden lässt), das ist das, wodurch dieses Kryptogramm, also eine Neurose, ihn, den Neurotiker, als solchen zu einem Signifikanten macht und zu nichts anderem. Denn das Subjekt, dem er dient, ist ja anderswo, es ist das, was wir sein Unbewusstes Und aus diesem Grunde ist er, nach der Definition, die ich Ihnen davon gebe, als Neurose ein Signifikant: weil er ein verborgenes Subjekt repräsentiert.
Aber wofür? Für nichts anderes als für einen anderen Signifikanten.
Was den Neurotiker als solchen rechtfertigt, den Neurotiker, insofern die Analyse ihn „aufwertet“ – ich lasse diesen Ausdruck, dem gestrigen Vortrag meines Freundes Lagache entlehnt, durchgehen –, ist dies, dass seine Neurose zum Aufkommen des Diskurses beiträgt, der für eine letztendlich konstituierte Erotik erforderlich ist. Er selbst weiß natürlich nichts davon und er sucht nicht danach. Und auch wir müssen ihn nur insofern |{7} suchen, als Sie hier sind, das heißt, als ich Sie über die Bedeutung der Psychoanalyse aufkläre, in Bezug auf das geforderte Aufkommen einer Erotik. Verstehen Sie es so: das Aufkommen dessen, wodurch denkbar ist, dass dem Menschen auch in diesem Bereich – und warum nicht? – derselbe Durchbruch gelingt, der im Übrigen zu diesem eigenartigen Moment des Kosmonauten in seinem Panzer führt. Weshalb Sie sich denken können, dass ich nicht einmal zu erahnen versuche, was eine zukünftige Erotik bringen könnte.
Feststeht, dass die einzigen, die auf angemessene Weise davon geträumt haben, nämlich die Dichter, immer zu ziemlich seltsamen Konstruktionen gelangt sind. Und wenn sich davon in dem, worüber ich mich recht ausführlich verbreitet habe, eine gewisse Präfiguration finden lässt, diese Ansätze, die dafür ja an einigen paradoxen Punkten der christlichen Tradition gegeben werden können, etwa der höfischen Liebe , dann diente das dazu, um für Sie die äußerst bizarren Eigenheiten beispielsweise eines bestimmten Sonetts von Arnaut Daniel hervorzuheben – woran sich die damaligen Hörer wohl erinnern werden –, die uns recht merkwürdige Perspektiven auf das eröffnen, was die Beziehungen zwischen dem Liebenden und seiner Dame tatsächlich darstellen würden.
Das ist keineswegs ein unwürdiger Vergleich mit dem, was ich über die Aspekte des Kosmonauten als Extrempunkt zu verorten suche. Natürlich kann uns der Versuch <der höfischen Liebe> als etwas erscheinen, das ein wenig an einer Mystifizierung teilhat, und außerdem ist er ins Leere gelaufen. Er ist jedoch sehr erhellend für uns, um beispielsweise zu verorten, was unter Sublimierung zu verstehen ist. Gestern Abend habe ich daran erinnert, dass im Diskurs von Freud die Sublimierung untrennbar mit einem Widerspruch verbunden ist, dass nämlich |{8} in jeder Sublimierungs-Aktivität die Lust (jouissance), das Luststreben, fortbesteht und in gewissem Sinne realisiert wird. Dass es <bei der Sublimierung> keine Verdrängung gibt, keine Auslöschung, dass es mit der Lust nicht einmal einen Kompromiss gibt: dass es eine Paradoxie gibt, dass es eine Umleitung gibt, dass die Lust auf Wegen erreicht wird, die der Lust scheinbar zuwiderlaufen, all dies ist wirklich nur insofern denkbar, als das Medium, das in die Lust, eingreift – ein Medium, durch das ein Zugang zu ihrem Grund geliefert wird, der, wie ich Ihnen gezeigt habe, nichts anderes sein kann als das Ding –, als dieses Medium ebenfalls nur ein Signifikant sein kann.
Daher der seltsame Eindruck, den in der höfischen Liebe die Dame auf uns macht. Es kann uns nicht gelingen, daran zu glauben, da wir nicht mehr in der Lage sind, ein lebendiges Subjekt derart mit einem Signifikanten zu identifizieren, eine Person namens Beatrice mit der Weisheit und mit dem, was für Dante die Ganzheit des Wissens war, die Gesamtheit des Wissens.
Der Natur der Dinge nach keineswegs ausgeschlossen, dass Dante mit Beatrice tatsächlich geschlafen hat. Das ändert am Problem absolut nichts. Man glaubt zu wissen, dass es nicht so war. In der Beziehung ist das nicht grundlegend.
*
Nachdem diese Wegmarken gesetzt sind – was definiert einen Neurotiker? Der Neurotiker widmet sich einer seltsamen Rückverwandlung dessen, dessen Wirkung erfährt.
Der Neurotiker ist letztendlich ein Unschuldiger: er will wissen. Um zu wissen, läuft er in die Richtung weg, die am natürlichsten ist, und natürlich wird er genau dadurch getäuscht.
Der Neurotiker möchte |{9} den Signifikanten in das zurückverwandeln, wovon er das Zeichen ist. Der Neurotiker weiß nicht, und mit Grund, dass er als Subjekt Folgendes in Gang gesetzt hat: das Erscheinen des Signifikanten als Signifikant ist die primäre Auslöschungsweise des Dings, er weiß nicht, dass er es ist, das Subjekt, der, indem er sämtliche Züge des Dings auslöscht, den Signifikanten bildet. Der Neurotiker will dieses Auslöschen auslöschen, er will bewirken, dass es nicht geschehen wäre. Eben das ist die tiefste Bedeutung des gesamten, des exemplarischen Verhaltens des Zwangsneurotikers. Worauf er immer wieder zurückkommt – natürlich ohne dessen Wirkung jemals aufheben zu können, denn jede seiner Bemühungen, sie aufzuheben, verstärkt sie nur –, das ist, dafür zu sorgen, dass dieses Auftauchen als Signifikantenfunktion nicht stattgefunden habe, dass man das wiederfindet, was es ursprünglich an Realem gibt, also das, wovon all dies das Zeichen ist.
Ich belasse das hier als Hinweis, als Ansatzpunkt, um später, in verallgemeinerter und zugleich stärker diversifizierter Form darauf zurückzukommen, entsprechend den drei Arten von Neurosen – Phobie, Hysterie und Zwang –, nachdem ich die Runde gedreht haben werde, zu der diese Vorbemerkung bestimmt ist: um mich zu meinem Diskurs zurückzubringen.
### fehlt noch der zweite Teil der Übersetzung ###
Französisch/deutsch
{1} Dans le dialogue que je poursuis avec vous, il y a forcément des hiatus, des saltus, des casus, des occasions, pour ne pas parler du fatum.
In dem Dialog, den ich mit Ihnen führe, gibt es zwangsläufig hiatus, saltus, casus – Gelegenheiten –, vom fatum ganz zu schweigen.1
.
Autrement dit, il est coupé par diverses choses.
Mit anderen Worten, er wird von verschiedenen Dingen unterbrochen.
.
Par exemple hier soir, nous avons entendu l’intéressante, l’importante communication de Lagache, à la séance scientifique de la Société, sur la sublimation.
So haben wir zum Beispiel gestern Abend, bei der wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft, den interessanten und wichtigen Vortrag von Lagache über Sublimierung gehört.2
.
Ce matin j’avais envie d’en repartir, mais d’un autre côté dimanche j’étais parti d’ailleurs, je veux dire d’une sorte de remarque sur le caractère de ce qui se poursuit ici comme recherche.
Heute Morgen hatte ich Lust, darauf zurückzukommen, andererseits war ich am Sonntag von jedoch etwas anderem ausgegangen, ich meine von einer Art Bemerkung darüber, welche Art von Forschung hier stattfindet.3
.
C’est évidemment une recherche conditionnée.
Natürlich ist das eine Forschung, die bedingt ist.
.
Par quoi ?
Wodurch ?
.
Pour l’instant, par une certaine visée que j’appellerai visée d’une érotique.
Im Augenblick durch eine bestimmte Zielsetzung, die ich so bezeichnen möchte: Abzielen auf eine Erotik.4
.
Je considère ceci comme légitime, non pas que nous soyons – de nature – essentiellement destinés à la faire quand nous sommes sur la route où elle est exigée.
Ich halte das für legitim – nicht etwa, dass wir, wenn wir auf dem Weg sind, auf dem sie erforderlich ist, von Natur aus wesentlich dazu bestimmt wären, sie zu betreiben.
.
Je veux dire que nous sommes sur cette route un peu comme, au cours des siècles, ceux qui ont médité sur les conditions de la science ont été sur la route de ce à quoi la science réussit effectivement – d’où ma référence au cosmonaute qui a bien son sens – pour autant que ce à quoi elle réussissait, n’était certainement pas forcément ce à quoi elle s’attendait jusqu’à un certain point, bien que les phases de sa recherche soient abolies, réfutées par sa réussite.
Ich meine, dass wir auf diesem Weg ein wenig so wie jene sind, die im Laufe der Jahrhunderte über die Bedingungen der Wissenschaft nachgedacht haben und auf dem Weg zu dem waren, was die Wissenschaft dann tatsächlich erreicht hat – deshalb mein Hinweis auf den Kosmonauten, der seinen guten Sinn hat –, insofern das, was sie erreicht hat, sicherlich nicht unbedingt das ist, was sie bis zu einem gewissen Punkt erwartet hatte, auch wenn durch ihren Erfolg die Phasen ihrer Forschung ausgelöscht oder widerlegt wurden.
.
Il est certain qu’il y a chez les gens… nous employons ce terme au sens le plus large, à moins que nous ne l’employions dans un sens légèrement réduit, celui des gentils, ce qui évidemment laisserait ouverte la curieuse question des gentils définis par rapport à x – vous savez d’où |{2} cette définition des gentils part –, ce qui laisserait ouverte la curieuse question de savoir comment il se trouve que les gentils représentent, si je puis dire, une classe secondaire au sens où je l’entendais la dernière fois de quelque chose de fondé sur une certaine acception antérieure.
Es ist sicher, dass es bei les gens, bei den Leuten --; wir verwenden diesen Ausdruck im weitesten Sinne, es sei denn, wir gebrauchen ihn in einem etwas engeren Sinn, in dem der gentils, der Heiden, was natürlich eine merkwürdige Frage offen ließe, die nach den gentils, definiert im Verhältnis zu x – Sie wissen, von wo die Definition der gentils ausgeht –, was also die merkwürdige Frage offen ließe, wie es kommt, dass die gentils, wenn ich so sagen darf, eine sekundäre Klasse in dem Sinne darstellen, wie ich es beim letzten Mal verstanden habe: als etwas, das auf einer bestimmten früheren Auffassung basiert.5
.
Malgré tout cela ne serait pas mal, car dans cette perspective, les gentils, c’est la chrétienté, et chacun sait que la chrétienté comme telle est dans un rapport notoire avec les difficultés de l’érotique, à savoir que les démêlés du chrétien avec Vénus sont tout de même quelque chose qu’il est assez difficile de méconnaître, encore qu’on feigne de prendre la chose, si je puis dire, par-dessus la jambe.
Trotzdem wäre das nicht schlecht, denn in dieser Perspektive sind die Heiden die Christenheit, und jeder weiß, dass die Christenheit als solche zu den Schwierigkeiten der Erotik ein notorisches Verhältnis hat, das heißt, dass sich die Scherereien, die der Christ mit Venus hat, nur schwer übersehen lassen, auch wenn man vorgibt, die Sache, wenn ich so sagen darf, auf die leichte Schulter zu nehmen.6
.
En fait, si le fond du christianisme se trouve dans la révélation paulinienne, à savoir dans un certain pas essentiel fait dans les rapports au père, si le rapport de l’amour au père en est ce pas essentiel, s’il représente vraiment le franchissement de tout ce que la tradition sémite a inauguré de grand… de ce fondamental rapport au père, de cette baraka originaire, à laquelle il est tout de même difficile de méconnaître que la pensée de Freud se rattache, fût-ce d’une façon contradictoire, malédictoire.
Und wirklich, wenn die Grundlage des Christentums in der paulinischen Offenbarung besteht, das heißt in einem bestimmten wesentlichen Schritt, der in den Beziehungen zum Vater vollzogen wird, wenn dabei die Beziehung der Liebe zum Vater der wesentliche Schritt ist, wenn er tatsächlich die Überschreitung von allem darstellt, was die semitische Tradition an Großem begründet hat, nämlich der grundlegenden Beziehung zum Vater, der ursprünglichen Baraka, bei der ja schwer zu verkennen ist, dass das Denken von Freud daran gebunden ist, wenn auch auf widersprüchliche, verfluchende Art und Weise –.7
.
Nous ne pouvons pas en douter, car si la référence à l’Œdipe peut laisser la question ouverte, le fait qu’il ait terminé son discours sur Moïse, et comme il l’a fait, ne laisse pas douteux que le fondement de la révélation chrétienne est donc bien dans ce rapport de la Grâce que Paul fait succéder à la Loi.
Wir können das nicht bezweifeln, denn auch wenn der Bezug auf den Ödipuskomplex die Frage offen lassen kann, so lässt doch die Tatsache, dass er seinen Diskurs mit Moses beendet hat und wie er es getan hat, keinen Zweifel daran, dass die Grundlage der christlichen Offenbarung doch wohl in dem Umstand der Gnade besteht, den Paulus auf das Gesetz folgen lässt.8
.
La difficulté est ceci, c’est que le chrétien ne se tient pas, et pour cause, à la hauteur de la révélation, et que pourtant il vit |{3} dans une société telle qu’on peut dire que, même réduits à la forme la plus laïque, ses principes de droit sont tout de même issus directement d’un catéchisme qui n’est pas sans rapport avec cette révélation paulinienne.
Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Christ, und mit Grund, sich nicht auf der Höhe der Offenbarung hält, und dass er gleichwohl in einer Gesellschaft lebt, von der man sagen kann, dass ihre Rechtsgrundsätze, selbst reduziert auf die säkularste Form, dennoch direkt aus einem Katechismus hervorgegangen sind, der nicht ohne Bezug zu dieser paulinischen Offenbarung ist.9
.
Seulement, comme la méditation du Corps mystique n’est pas à la portée de chacun, une béance reste ouverte qui fait que pratiquement le chrétien se trouve réduit à ceci, qui n’est pas tellement normal, fondamental, de n’avoir plus réellement d’autre accès à la jouissance comme telle que de faire l’amour.
Allerdings, so wie die Meditation über den mystischen Leib nicht jedem zugänglich ist, bleibt eine Kluft offen, die dazu führt, dass sich der Christ praktisch auf darauf reduziert findet, was keineswegs normal und grundlegend ist, dass er zum Genießen als solchem wirklich keinen anderen Zugang mehr hat als den, Liebe zu machen.10
(_/ Übersetzter, Verlag, Jahr, Seitenzahl nachtragen
.
C’est ce que j’appelle ses démêlés avec Vénus.
Das ist das, was ich seine Scherereien mit Venus nenne.
.
Car, bien entendu, avec ce à quoi il est placé dans cet ordre, ça s’arrange somme toute dans l’ensemble, assez mal.
Denn natürlich läuft es alles in allem mit dem, wie er in dieser Ordnung platziert ist, insgesamt ziemlich schlecht.
.
C’est très sensible, ce que je dis, par exemple dès qu’on sort des limites de la chrétienté, dès qu’on va dans les zones dominées par l’acculturation chrétienne, je veux dire non pas les zones qui ont été converties au christianisme, mais qui ont subi les effets de la société chrétienne.
Was ich da sage, ist etwa dann sehr spürbar, wenn man die Grenzen der Christenheit hinter sich lässt und sich in die Gegenden begibt, die von der christlichen Akkulturation dominiert sind, damit meine ich nicht die Gegenden, die zum Christentum bekehrt wurden, sondern diejenigen, die die Auswirkungen der christlichen Gesellschaft erlitten haben.
.
Je me souviendrai longtemps d’une longue conversation poursuivie une nuit de 1947 avec quelqu’un qui était mon guide pour une virée faite en Égypte.
Ich werde mich noch lange an ein langes Gespräch erinnern, das ich in einer Nacht des Jahres 1947 mit jemandem hatte, der bei einem Ausflug in Ägypten mein Führer war.
.
C’était ce qu’on appelle un arabe.
Er war das, was man einen Araber nennt.
.
Il était, bien entendu, par ses fonctions et aussi par la zone où il vivait, tout ce qu’il y a de plus sous le coup de notre catégorie.
Durch seine Aufgaben sowie durch die Gegend, in der er lebte, fiel er natürlich voll und ganz unter unsere Kategorie.
.
C’était très net dans son discours, cette sorte d’effet de promotion de la question érotique.
In seiner Rede war das sehr deutlich, diese Art von Auswirkung der Hervorhebung der Frage der Erotik.
.
Il était certes préparé par toutes sortes de résonances très antiques de sa sphère à mettre au premier plan de la question de la justification de l’existence sa jouissance, mais la façon dont il l’incarnait dans la femme, avait tous les caractères en impasse de ce qu’on peut imaginer de plus dénué dans notre |{4} propre société.
Sicherlich war er durch alle möglichen sehr alten Resonanzen seiner Sphäre darauf vorbereitet, bei der Frage nach der Rechtfertigung der Existenz sein Genießen in den Vordergrund zu stellen, die Art jedoch, wie er es in der Frau verkörperte, machte ebenso sehr den Eindruck einer Sackgasse, wie man sie sich in unser eigenen Gesellschaft nicht entblößter vorstellen kann.
.
L’exigence en particulier d’un renouvellement, d’une succession infinie, due au caractère de sa nature essentiellement non satisfaisante de l’objet, était bien ce qui faisait l’essentiel, non pas seulement de son discours, mais de sa vie pratique.
Insbesondere bestimmte die Forderung nach <beständiger> Erneuerung, nach unendlicher Abfolge, bedingt durch die Art der wesentlich unbefriedigenden Natur des Objekts, im Wesentlichen nicht nur seine Rede, sondern sein praktisches Leben
.
Personnage, aurait-on dit dans un autre vocabulaire, essentiellement arraché aux normes de sa tradition.
Eine Person, die im Wesentlichen, so hätte man in einem anderen Vokabular gesagt, aus den Normen ihrer Tradition herausgerissen war.
.
Quand il s’agit de l’érotique, que devons-nous penser de ces normes ?
Wenn es um die Erotik geht: was sollen wir von diesen Normen halten?
.
Autrement dit, sommes-nous chargés de donner par exemple justification à la subsistance pratique du mariage comme institution à travers même nos transformations les plus révolutionnaires ?
Mit anderen Worten, haben wir beispielsweise die Aufgabe, eine Rechtfertigung zu liefern für das praktische Fortbestehen der Ehe als Institution, selbst durch unsere revolutionärsten Veränderungen hindurch?11
.
Je crois qu’il n’y a nul besoin de tout l’effort d’un Westermarck pour justifier à travers toutes sortes d’arguments, de nature ou de tradition, l’institution du mariage, car simplement elle se justifie de sa persistance que nous avons vue sous nos yeux, et sous la forme la plus nettement marquée de traits petit-bourgeois, à travers une société qui au départ croyait pouvoir aller plus loin dans la mise en question des rapports fondamentaux, je veux dire : dans la société communiste.
Ich glaube, es bedarf nicht all der Anstrengungen eines Westermarck, um mit allen möglichen Argumenten, sei es der Natur oder der Tradition, die Institution der Ehe zu rechtfertigen, denn sie rechtfertigt sich einfach durch ihr Fortbestehen, das wir mit eigenen Augen gesehen haben, und zwar in einer Gestalt, die ganz deutlich kleinbürgerliche Züge trägt, ihr Fortbestehen in einer Gesellschaft, die anfangs glaubte, bei der Infragestellung der grundlegenden Beziehungen weiter gehen zu können, ich meine, in der kommunistischen Gesellschaft.12
.
Il semble très certain que la nécessité du mariage n’a même pas été effleurée par les effets de cette révolution.
Es scheint ganz sicher zu sein, dass die Notwendigkeit der Ehe von den Auswirkungen dieser Revolution nicht einmal gestreift wurde.
.
Est-ce que c’est à proprement parler le domaine qui est celui où nous sommes amenés à porter la lumière ?
Ist das nun eben der Bereich, in dem wir Licht ins Dunkel bringen sollten?
.
Je ne le crois absolument pas.
Das glaube ich absolut nicht.
.
Les nécessités du mariage s’avèrent pour nous être un trait proprement social de notre conditionnement : elles laissent complètement ouvert le problème des insatisfactions qui en résultent, à savoir du conflit permanent où se trouve le sujet humain, |{5} pour cela seul qu’il est humain, avec les effets, les retentissements de cette loi du mariage.
Die Notwendigkeiten der Ehe erweisen sich für uns als ein genuin soziales Merkmal unserer Formung, sie lassen das Problem der sich daraus ergebenden Unbefriedigtheiten völlig offen, also des permanenten Konflikts, in dem sich das menschliche Subjekt, allein schon dadurch befindet, dass es menschlich ist, mit den Auswirkungen und den Folgen dieses Gesetzes der Ehe.
.
Qu’est-ce qui en est pour nous le témoignage ?
Wo finden wir dafür den Beleg?
.
Tout simplement l’existence de ce que nous constatons, pour autant que nous nous occupons du désir, je veux dire qu’il existe dans les sociétés, qu’elles soient bien organisées ou non, qu’on y fasse en plus ou moins grande abondance les constructions nécessaires à l’habitat des individus, nous constatons l’existence de la névrose.
Ganz einfach in der Existenz dessen, was wir feststellen, wenn wir uns mit dem Begehren befassen, ich meine, dass in den Gesellschaften – ob sie nun gut organisiert sind oder nicht, ob man darin die für die Unterbringung der Individuen notwendigen Bauten in größerer oder in geringerer Fülle herstellt – die Neurose existiert, dass wir ihre Existenz feststellen.
.
Et ça n’est pas là où les conditions de vie les plus satisfaisantes sont assurées, ni où la tradition est la plus assurée, que la névrose est la plus rare, bien loin de là.
Und dort, wo besonders befriedigende Lebensbedingungen gesichert sind, oder dort, wo die Tradition besonders stark gesichert ist, ist die Neurose keineswegs am seltensten, weit davon entfernt.
.
Qu’est-ce que veut dire la névrose ?
Was bedeutet die Neurose?
.
Quelle est pour nous l’autorité, si je puis dire, de la névrose ?
Worin besteht für uns, wenn ich so sagen darf, die Autorität der Neurose?
.
Ça n’est pas tout simplement lié à sa pure et simple existence.
Das ist nicht schlicht und einfach an ihre pure Existenz gebunden.
.
La position est trop facile de ceux qui dans ce cas rejettent ses effets à une sorte de déplacement de l’humaine faiblesse.
Die Position derjenigen, die dabei die Wirkungen der Neurose auf eine Art Verschiebung der menschlichen Schwäche zurückführen, ist zu einfach.
.
Je veux dire que ce qui s’avère effectivement de faible, dans l’organisation sociale comme telle, est reporté sur le névrosé dont on dit que c’est un inadapté.
Ich meine, das, was sich in der Organisation der Gesellschaft als solcher effektiv als schwach erweist, wird von ihnen auf den Neurotiker abgeschoben, über den man sagt, er sei unangepasst.
.
Quelle preuve ?
Mit welchem Beweis?
.
Il me semble que le droit, l’autorité qui découle de ce que nous avons à apprendre du névrosé, c’est la structure qu’il nous révèle.
Mir scheint, das Recht, die Autorität, die aus dem hervorgeht, was wir vom Neurotiker zu lernen haben, ist die Struktur, die er uns offenbart.
.
Et dans son fond, ce qu’il nous révèle, à partir du moment où nous comprenons que son désir c’est bien le même que le nôtre, et pour cause, ce qu’il vient peu à peu révéler à notre étude, ce qui fait la dignité du névrosé, c’est qu’il veut savoir.
Und was er uns letztlich offenbart – von dem Moment an, in dem wir begreifen, dass sein Begehren dasselbe ist wie das unsere, und mit Grund –, das, was er unserem Studium nach und nach offenbart, das, was die Würde des Neurotikers ausmacht, ist, dass er wissen will.
.
Et en quelque sorte c’est lui qui introduit la psychanalyse.
Und in gewisser Weise ist er es, der die Psychoanalyse einführt.
.
L’inventeur de la psychanalyse, c’est non pas Freud, mais |{6} Anna O. comme chacun sait, et bien entendu, derrière elle bien d’autres : nous tous.
Erfinder der Psychoanalyse ist nicht Freud, sondern, wie jeder weiß, Anna O., und hinter ihr natürlich viele andere: wir alle.13
.
Le névrosé veut savoir quoi ?
Was ist es, das der Neurotiker wissen will?
.
Ici je ralentis mon débit pour que vous entendiez bien, car chaque mot a son importance.
Hier verlangsame ich meine Sprechweise, damit Sie gut verstehen, denn jedes Wort zählt.
.
Il veut savoir ce qu’il y a de réel dans ce dont il est la passion, à savoir, ce qu’il y a de réel dans l’effet du signifiant.
Er will wissen, was es in dem, wovon er die Passion ist, an Realem gibt, das heißt, was es im Signifikanteneffekt an Realem gibt.14
.
Bien entendu ceci supposant que nous en sommes arrivés assez loin pour savoir que ce qui s’appelle désir dans l’être humain est impensable, sinon dans ce rapport au signifiant et les effets qui s’y inscrivent.
Was natürlich voraussetzt, dass wir weit genug gekommen sind um zu wissen, dass das, was sich beim Menschen Begehren nennt, außer in der Beziehung zum Signifikanten und den Wirkungen, die sich hier einschreiben, nicht denkbar ist.
.
Ce signifiant qu’il est lui-même par sa position, à savoir en tant que névrose vivante, c’est, si vous vous rapportez à ma définition du signifiant – c’est d’ailleurs inversement ce qui la justifie : c’est qu’elle est applicable –, ce par quoi ce cryptogramme qu’est une névrose, ce qui le fait comme tel, le névrosé, un signifiant et rien de plus.
Dieser Signifikant, der er durch seine Position selber ist, das heißt als lebendige Neurose, das ist das (wenn Sie sich auf meine Definition des Signifikanten beziehen – wodurch sie übrigens umgekehrt gerechtfertigt ist: dadurch, dass sie sich anwenden lässt), das ist das, wodurch dieses Kryptogramm, also eine Neurose, ihn, den Neurotiker, als solchen zu einem Signifikanten macht und zu nichts anderem.15
.
Car le sujet qu’il sert justement est ailleurs, c’est ce que nous appelons son inconscient.
Denn das Subjekt, dem er dient, ist ja anderswo, es ist das, was wir sein Unbewusstes nennen.
.
Et c’est pour ça qu’il est, selon la définition que je vous en donne, en tant que névrose, un signifiant : c’est qu’il représente un sujet caché.
Und aus diesem Grunde ist er, nach der Definition, die ich Ihnen davon gebe, als Neurose ein Signifikant: weil er ein verborgenes Subjekt repräsentiert.
.
Mais pour quoi ?
Aber wofür?
.
Pour rien d’autre que pour un autre signifiant.
Für nichts anderes als für einen anderen Signifikanten.
.
Que ce qui justifie le névrosé comme tel, le névrosé pour autant que l’analyse – je laisse passer ce terme emprunté au discours de mon ami Lagache hier – le « valorise », c’est pour autant que sa névrose vient contribuer à l’avènement de ce discours exigé d’une érotique enfin constituée.
Was den Neurotiker als solchen rechtfertigt, den Neurotiker, insofern die Analyse ihn „aufwertet“ – ich lasse diesen Ausdruck, dem gestrigen Vortrag meines Freundes Lagache entlehnt, durchgehen –, ist dies, dass seine Neurose zum Aufkommen des Diskurses beiträgt, der für eine letztendlich konstituierte Erotik erforderlich ist.
.
Lui, bien entendu, n’en sait rien et ne le cherche pas.
Er selbst weiß natürlich nichts davon und er sucht nicht danach.
.
Et nous aussi bien, nous n’avons à le chercher |{7} que pour autant que vous êtes ici, c’est-à-dire que je vous éclaire sur la signification de la psychanalyse par rapport à cet avènement exigé d’une érotique.
Und auch wir müssen ihn nur insofern suchen, als Sie hier sind, das heißt, als ich Sie über die Bedeutung der Psychoanalyse aufkläre, in Bezug auf das geforderte Aufkommen einer Erotik.
.
Entendez : de ce par quoi il est pensable que l’être humain fasse aussi dans ce domaine – et pourquoi pas ? – la même trouée, et qui d’ailleurs aboutit à cet instant bizarre du cosmonaute dans sa carapace.
Verstehen Sie es so: das Aufkommen dessen, wodurch denkbar ist, dass dem Menschen auch in diesem Bereich – und warum nicht? – derselbe Durchbruch gelingt, der im Übrigen zu diesem eigenartigen Moment des Kosmonauten in seinem Panzer führt.
.
Ce qui vous laisse à penser que je ne cherche même pas à entrevoir ce que pourra donner une érotique future.
Weshalb Sie sich denken können, dass ich nicht einmal zu erahnen versuche, was eine zukünftige Erotik bringen könnte.
.
Ce qu’il y a de certain, c’est que les seuls qui y aient convenablement rêvé, à savoir les poètes, ont toujours abouti à d’assez étranges constructions.
Feststeht, dass die einzigen, die auf angemessene Weise davon geträumt haben, nämlich die Dichter, immer zu ziemlich seltsamen Konstruktionen gelangt sind.
.
Et si quelque préfiguration peut s’en trouver dans ce sur quoi je me suis arrêté avec quelque longueur, les ébauches qui peuvent en être données justement dans certains points paradoxaux de la tradition chrétienne, l’amour courtois par exemple, ça a été pour vous souligner les singularités tout à fait bizarres – que ceux qui en étaient les auditeurs s’en souviennent – de certain sonnet d’Arnaut Daniel par exemple, qui nous ouvrent des perspectives bien curieuses sur ce que représenteraient effectivement les relations entre l’amoureux et sa dame.
Und wenn sich davon in dem, worüber ich mich recht ausführlich verbreitet habe, eine gewisse Präfiguration finden lässt, diese Ansätze, die dafür ja an einigen paradoxen Punkten der christlichen Tradition gegeben werden können, etwa der höfischen Liebe , dann diente das dazu, um für Sie die äußerst bizarren Eigenheiten beispielsweise eines bestimmten Sonetts von Arnaut Daniel hervorzuheben – woran sich die damaligen Hörer wohl erinnern werden –, die uns recht merkwürdige Perspektiven auf das eröffnen, was die Beziehungen zwischen dem Liebenden und seiner Dame tatsächlich darstellen würden.16
.
Cela n’est pas du tout indigne de la comparaison avec ce que j’essaie de situer comme point extrême sur les aspects du cosmonaute.
Das ist keineswegs ein unwürdiger Vergleich mit dem, was ich über die Aspekte des Kosmonauten als Extrempunkt zu verorten suche.
.
Bien sûr, la tentative peut nous apparaître participer quelque peu de la mystification, et au reste elle a tourné court.
Natürlich kann uns der Versuch <der höfischen Liebe> als etwas erscheinen, das ein wenig an einer Mystifizierung teilhat, und außerdem ist er ins Leere gelaufen.
.
Mais elle est tout à fait éclairante pour nous situer, par exemple, ce qu’il faut entendre par la sublimation.
Er ist jedoch sehr erhellend für uns, um beispielsweise zu verorten, was unter Sublimierung zu verstehen ist.
.
J’ai rappelé hier soir que la sublimation, dans le discours de Freud, est inséparable d’une contradiction, c’est à savoir |{8} que la jouissance, la visée de la jouissance, subsiste et est en un certain sens réalisée dans toute activité de sublimation.
Gestern Abend habe ich daran erinnert, dass im Diskurs von Freud die Sublimierung untrennbar mit einem Widerspruch verbunden ist, dass nämlich in jeder Sublimierungs-Aktivität die Lust (jouissance), das Luststreben, fortbesteht und in gewissem Sinne realisiert wird.17
.
Qu’il n’y a pas de refoulement, qu’il n’y a pas effacement, qu’il n’y a même pas compromis avec la jouissance : qu’il y a paradoxe, qu’il y a détour, que c’est par les voies en apparence contraires à la jouissance que la jouissance est obtenue, ceci n’est proprement pensable que, justement, pour autant que dans la jouissance le médium qui intervient – médium par où il est donné accès à son fond qui ne peut être, je vous l’ai montré, que la Chose –, que ce médium ne peut être aussi qu’un signifiant.
Dass es <bei der Sublimierung> keine Verdrängung gibt, keine Auslöschung, dass es mit der Lust nicht einmal einen Kompromiss gibt: dass es eine Paradoxie gibt, dass es eine Umleitung gibt, dass die Lust auf Wegen erreicht wird, die der Lust scheinbar zuwiderlaufen, all dies ist wirklich nur insofern denkbar, als das Medium, das in die Lust, eingreift – ein Medium, durch das ein Zugang zu ihrem Grund geliefert wird, der, wie ich Ihnen gezeigt habe, nichts anderes sein kann als das Ding –, als dieses Medium ebenfalls nur ein Signifikant sein kann.18
.
D’où cet étrange aspect que prend à nos yeux la dame dans l’amour courtois.
Daher der seltsame Eindruck, den in der höfischen Liebe die Dame auf uns macht.
.
Nous ne pouvons pas arriver à y croire, parce que nous ne pouvons plus identifier à ce point un sujet vivant à un signifiant, une personne qui s’appelle Béatrice avec la sagesse et avec ce qu’était pour Dante l’ensemble, la totalité du savoir.
Es kann uns nicht gelingen, daran zu glauben, da wir nicht mehr in der Lage sind, ein lebendiges Subjekt derart mit einem Signifikanten zu identifizieren, eine Person namens Beatrice mit der Weisheit und mit dem, was für Dante die Ganzheit des Wissens war, die Gesamtheit des Wissens.
.
Il n’est pas du tout exclu par la nature des choses que Dante ait effectivement couché avec Béatrice.
Der Natur der Dinge nach keineswegs ausgeschlossen, dass Dante mit Beatrice tatsächlich geschlafen hat.
.
Cela ne change absolument rien au problème.
Das ändert am Problem absolut nichts.
.
On croit savoir que pas.
Man glaubt zu wissen, dass es nicht so war.
.
Cela n’est pas fondamental dans la relation.
In der Beziehung ist das nicht grundlegend.
.
Ces marques étant posées, qu’est-ce qui définit le névrosé ?
Nachdem diese Wegmarken gesetzt sind – was definiert einen Neurotiker?
.
Le névrosé se livre à une curieuse re-transformation de ce dont il subit l’effet.
Der Neurotiker widmet sich einer seltsamen Rückverwandlung dessen, dessen Wirkung erfährt
.
Le névrosé, somme toute, est un innocent : il veut savoir.
Der Neurotiker ist letztendlich ein Unschuldiger: er will wissen.
.
Pour savoir, il s’en va dans la direction la plus naturelle, et c’est naturellement du même coup par là qu’il est leurré.
Um zu wissen, läuft er in die Richtung weg, die am natürlichsten ist, und natürlich wird er genau dadurch getäuscht.
.
Le névrosé veut |{9} retransformer le signifiant en ce dont il est le signe.
Der Neurotiker möchte den Signifikanten in das zurückverwandeln, wovon er das Zeichen ist.
.
Le névrosé ne sait pas, et pour cause, que c’est en tant que sujet qu’il a fomenté ceci : l’avènement du signifiant en tant que le signifiant est l’effaçon principal de la chose ; que c’est lui, le sujet, qui en effaçant tous les traits de la chose, fait le signifiant.
Der Neurotiker weiß nicht, und mit Grund, dass er als Subjekt Folgendes in Gang gesetzt hat: das Erscheinen des Signifikanten als Signifikant ist die primäre Auslöschungsweise des Dings, er weiß nicht, dass er es ist, das Subjekt, der, indem er sämtliche Züge des Dings auslöscht, den Signifikanten bildet.19
.
Le névrosé veut effacer cet effacement, il veut faire que ça ne soit pas arrivé.
Der Neurotiker will dieses Auslöschen auslöschen, er will bewirken, dass es nicht geschehen wäre.20
.
C’est là le sens le plus profond du comportement sommaire, exemplaire, de l’obsessionnel.
Eben das ist die tiefste Bedeutung des gesamten, des exemplarischen Verhaltens des Zwangsneurotikers.
.
Ce sur quoi il revient toujours, sans jamais bien entendu pouvoir en abolir l’effet, car chacun de ses efforts pour l’abolir ne fait que le renforcer, c’est de faire que cet avènement à la fonction de signifiant ne se soit pas produit, qu’on retrouve ce qu’il y a de réel à l’origine, à savoir, de quoi tout ça est le signe.
Worauf er immer wieder zurückkommt – natürlich ohne dessen Wirkung jemals aufheben zu können, denn jede seiner Bemühungen, sie aufzuheben, verstärkt sie nur –, das ist, dafür zu sorgen, dass dieses Auftauchen als Signifikantenfunktion nicht stattgefunden habe, dass man das wiederfindet, was es ursprünglich an Realem gibt, also das, wovon all dies das Zeichen ist.
.
Ceci, je le laisse là indiqué, amorcé, pour y revenir d’une façon généralisée et en même temps plus diversifiée, à savoir selon les trois espèces de névroses – phobie, hystérie et obsession –, après que j’aurai fait le tour auquel ce préambule est destiné : à me ramener dans mon discours.
Ich belasse das hier als Hinweis, als Ansatzpunkt, um später, in verallgemeinerter und zugleich stärker diversifizierter Form darauf zurückzukommen, entsprechend den drei Arten von Neurosen – Phobie, Hysterie und Zwang –, nachdem ich die Runde gedreht haben werde, zu der diese Vorbemerkung bestimmt ist: um mich zu meinem Diskurs zurückzubringen.
.
### fehlt noch der zweite Teil der Übersetzung ###
Verwandte Beiträge auf „Lacan entziffern“
Anmerkungen
-
hiatus: Kluft, saltus: Sprung, casus: Ungefähres, fatum: Fatalität. Vgl. Sitzung vom 28. Februar 1962, S. {20 f.}.
-
bei der wissenschaftlichen Sitzung der Gesellschaft: Gemeint ist eine der regelmäßigen „wissenschaftlichen Sitzungen“ der Société française de psychanalyse (SFP).
Lagache: Vgl. Daniel Lagache: La sublimation et les valeurs (1962). In: ders. : Œuvres, vol. 5. Presses universitaires de France, Paris 1984, S. 1–72.
-
am Sonntag: offenbar beim Schreiben des Text für diese Vorlesung.
-
Erotik: zu beziehen auf Eros in der Bedeutung von „Begehren“ (im Sinne von Lacan). Gemeint ist, wie die folgenden Sätze zeigen, eine wissenschaftliche fundierte Praxis des Begehrens.
Vgl. Freud:
„Der »Eros« des Philosophen Plato zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie Nachmansohn und Pfister im Einzelnen dargelegt haben, und wenn der Apostel Paulus in dem berühmten Brief an die Korinther die Liebe über alles andere preist, hat er sie gewiß im nämlichen ‚erweiterten‘ Sinn verstanden, woraus nur zu lernen ist, daß die Menschen ihre großen Denker nicht immer ernst nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern.“
(Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921, GW 13, S. 99)
-
gentils: Das französische Wort gens (Leute) geht zurück auf das lateinische Wort gens (Volk, Stamm), im Plural: gentes. Im Kirchenlatein sind gentes „die heidnischen Völker“, „die Heiden“, im Französischen wurde hieraus gentils, „Heiden“.
im Verhältnis zu „x“: im Verhältnis zu den Christen.
Sie wissen, von wo die Definition der „gentils“ ausgeht: Möglicherweise eine Anspielung auf ein Werk von Thomas von Aquin, Summa contra gentiles (Summa gegen die Heiden, ca. 1260); mit den Heiden sind darin die Muslime gemeint.
sekundäre Klasse: In der vorhergehenden Sitzung hatte Lacan zum Begriff der Klasse zwei Thesen vorgetragen: Erstens, dass man eine Klasse ausgehend von einer Klassifizierung begreifen muss, das heißt durch Festlegen einer Klassendifferenz, bezogen auf Anwesenheit versus Abwesenheit eines Merkmals; zweitens, dass die Klasse, der das Merkmal fehlt, grundlegend ist und dass die andere Klasse von hier aus durch doppelte Negation gebildet wird (vgl. Sitzung vom 7. März 1962, S. {10 f.}). Heiden sind Nicht-Christen und das heißt, am Anfang steht die Unterscheidung von Christen und Nicht-Christen; sie sind eine sekundäre Klasse: sie sind Nicht-Christen.
-
in dieser Perspektive sind die Heiden die Christenheit: In welcher Perspektive wären die Heiden nicht etwa die Nicht-Christen, sondern die Christenheit? Bringt Lacan hier stillschweigend Hegels Einheit der Gegensätze ins Spiel?
Die Scherereien, die der Christ mit Venus hat: Dies könnte sich auch auf den Bedeutungswandel beziehen, der sich im lateinischen Beinamen der römischen Venus, nämlich „Lucifer“, „Lichtbringer“ zeigt – vgl. den Wikipedia-Artikel „Luzifer“.
auf die leichte Schulter zu nehmen: Im Original findet man hier die Redewendung par-dessus la jambe, wörtlich übersetzt: „über das Bein“ oder „oberhalb des Beines“.
-
wenn die Grundlage des Christentums in der paulinischen Offenbarung besteht: Vgl. Freud:
„Erbsünde und Erlösung durch den Opfertod wurden die Grundpfeiler der neuen, durch Paulus begründeten Religion.“
(Der Mann Moses und die monotheistische Religion, 1939, GW 16, S. 245)
-
Gnade: Vgl. Paulus:
„Die Sünde soll nicht über euch herrschen; denn ihr steht nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“
(Römer 6, 14, Einheitsübersetzung).
Vgl. Freud:
„Bewunderung, Ehrfurcht und Dankbarkeit dafür, dass man Gnade gefunden hat in seinen Augen – die Moses-Religion kennt keine anderen als diese positiven Gefühle gegen den Vatergott.“
(Der Mann Moses, GW 16, S. 242)
In Lacans Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten, heißt es über Paulus:
„Es kommt in der Tat darauf an, Schuld und das Verhältnis zum Gesetz zu unterscheiden. Es gibt ein Verhältnis des Subjekts zum Gesetz. Die Schuld indes entsteht ohne irgendeine Art Bezug auf das Gesetz. Das ist die Tatsache, die uns die analytische Erfahrung beigebracht hat.
Der naive Schritt der Dialektik vom Verhältnis der Sünde zum Gesetz ist uns im Wort des heiligen Paulus artikuliert worden, daß nämlich das Gesetz die Sünde macht.“
(Sitzung vom 2. Juli 1958, Version Miller/Gondek S. 585)
-
nicht ohne Bezug zur paulinischen Offenbarung: Was ist gemeint? Der Universalismus des Christentums? Dann bezieht sich der Hinweis vielleicht darauf, dass der Catechismus Romanus das Glaubensbekenntnis zur „katholischen“ (d.h. allgemeinen) Kirche enthält.
-
mystischer Leib: Grundsatz der christlichen katholischen Theologie: Die Gemeinde der Nachfolger Jesus bildet den mystischen Leib Christi (corpus Christi mysticum) und symbolisiert dies durch das Abendmahl.
Anm.: vgl Kierkegaard: Daß das Christentum zuerst die Sinnenlust in die Welt (oder in ihrer wahren Natur zu Tage) gefördert habe, scheint eine kühne und gewagte Behauptung. Allein auch hier dürfte es heißen: »Frisch gewagt, ist halb gewonnen.« Sofern das Sinnliche (Fleischliche) das ist, was negiert werden soll, so kommt es ja erst ans Licht, wird erst poniert durch den Akt, der es ausschließt, der das entgegengesetzte Positive poniert. Als ein Prinzip, eine Macht, ein System ist die Sinnenlust erst durch das Christentum bestimmt worden. Richtig verstanden wird jener Satz aber nur, wenn man ihn als identisch mit seinem Gegensatze versteht, dass das Christentum es ist, welches die Sinnenlust aus der Welt verjagt oder ausgeschlossen hat. Wird sie im Lichte des Geistes, oder des positiven Prinzips, welches erst das Christentum als Herrscher eingesetzt hat, betrachtet, so ergibt sich ihre Bedeutung dahin, dass sie das zur Überwindung oder Ertötung Bestimmte ist. Aber jetzt erst, in dem Augenblicke, wo sieausgeschlossen werden soll, erweist sie sich als wirksames Prinzip, als Macht.(Entweder – Oder, Nichtssagende Einleitung)“
-
Ehe: Vgl. Lacan ausführlich zur Ehe in Seminar 2, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, Sitzung vom 8. Juni 1955, Version Miller/Metzger‚S. 330–336.
-
Westermarck: Vgl. Eduard Westermarck: Geschichte der menschlichen Ehe. Jena 1893 (im Internet hier); ders.: Three Essays on Sex and Marriage. Macmillan, London 1934 (im Internet hier); ders.: The future of marriage in western civilisation. Macmillan, London 1937 (im Internet hier).
-
Anna O.: Vgl. S. Freud, Josef Breuer: Studien über Hysterie (1895), im Internet hier, darin die von Breuer verfasste Krankengeschichte zu Anna O. (Klarname: Bertha Pappenheim). Sie prägte den Begriff der talking cure.
-
meine Definition des Signifikanten: Die Definition lautet: Ein Signifikant ist das, wodurch für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird; Lacan hatte sie zum ersten Mal im laufenden Identifizierungs-Seminar vorgebracht, in der Sitzung vom 6. Dezember 1961, S. {26}.
-
höfische Liebe: Vgl. J. Lacan: Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse, Sitzungen vom 20. Januar 1960 bis zum 3. Februar 1960.
eines bestimmten Sonetts von Arnaut Daniel: Lacan bezieht sich hierauf im Ethik-Seminar in der Sitzung vom 9. März 1960, Version Miller/Haas S. 196–200. Das Sonett rät davon ab, einer Dame die einen Anilingus wünscht, die Bitte zu erfüllen. Im Internet findet man den Text im okzitanischen Original mit englischer Übersetzung hier.
-
Freud über Sublimierung: vgl. etwa Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, GW 5, S. 79 f., 140 f. Einen Überblick über Freuds Sublimierungsbegriff gibt der Artikel „Sublimierung“ in: Jean Laplanche, Jean–Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, S. 478–481.
-
das Ding: Vgl. Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse, Sitzungen vom 9. und 16. Dezember 1959.
Lacans Begriff „das Ding“ geht zurück auf Freuds Entwurf einer Psychologie (1895), worin es heißt:
„Anfang der abgespaltenen Denkvorgänge ist die Urteilsbildung, auf welche das Ich durch einen Fund in seiner Organisation gelangt, durch das schon eingeführte teilweise Zusammenfallen der Wahrnehmungsbesetzungen mit Nachrichten vom eigenen Körper. Dadurch sondern sich die Wahrnehmungskomplexe in einen konstanten, unverstandenen Teil, das Ding, und einen wechselnden, verständlichen, die Eigenschaft oder Bewegung des Dinges.“
(Gesammelte Werke. Nachtragsband. Texte aus den Jahren 1885-1938. S. Fischer, Frankfurt am Main 1987, S. 462; vgl. auch 418)
-
Auslöschungsweise: für effaçon: Substantivierung des Verbs effacer, „auslöschen“; Wortspiel mit façon (Art und Weise), wie schon in der Sitzung vom 6. Dezember 1961, S. {25}.
Vgl. hierzu früher im Identifizierungs-Seminar:
„Die erste Sache also, die der Signifikant impliziert, ist die, dass die Beziehung des Zeichens zur Sache bzw. zum Ding (chose) ausgelöscht ist.“
(6. Dezember 1961, S. {23}
Und außerdem die Darstellung der drei Momente in der Artikulation des Signifikanten:
(1) Robinson findet Trittspuren auf der Insel.
(2) Man stellt fest, dass jemand die Spur ausgelöscht hat; jetzt kann man sich sicher sein, dass man es mit einem realen Subjekt zu tun hat.
(3) Wenn das Subjekt die Stelle einkreist, an der die Spur verschwunden ist, hat man es mit der Geburt des Signifikanten zu tun. (vgl. 24. Januar 1962, S. {4 f.}). -
dieses Auslöschen auslöschen: Vgl. früher im Identifizierungs-Seminar:
„Es muss Ihnen doch aufgefallen sein, womit der Zwangsneurotiker es im Wesentlichen ständig zu tun hat: mit dem Ungeschehenmachen*. Was bedeutet das, worum geht es dabei? Manifest sieht man das in seinem Verhalten: was er auslöschen will, ist das, was, während seiner gesamten Geschichte, der Annalist aufschreibt, der Annalist mit zwei n, den er in sich trägt. Es sind die Annalen der Affäre, die er auslöschen, auskratzen, auswischen möchte.“
