Jacques Lacan
Seminar IX, Die Identifizierung
(XIV) Sitzung vom 21. März 1962
Übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von Max Kleiner und Rolf Nemitz
Zuletzt aktualisiert am 18. März 2026
Kasimir Malewitsch, Das schwarze Quadrat, 1923
Öl auf Leinwand, 106 x 106 cm, Russisches Museum, St. Petersburg
Allgemeines zur Übersetzung
Das Seminar hat 26 Sitzungen. Etwa alle zwei Monate erscheint auf „Lacan entziffern“ die Übersetzung einer weiteren Sitzung. Die bereits veröffentlichten Übersetzungen von Sitzungen dieses Seminars findet man hier.
Die Übersetzung wird zweimal gebracht, zunächst nur deutsch, dann gegenüberstellend: Satz für Satz französisch/deutsch.
Die zweisprachige Fassung enthält in den Anmerkungen zum französischen Text Hinweise auf Transkriptionsprobleme; im deutschen Text findet man Links und Bilder, in den Anmerkungen zum deutschen Text Literaturangaben, Belege und inhaltliche Erläuterungen.
Die Übersetzung stützt sich auf folgende Vorlagen:
– Stenotypie des Seminars auf der Seite der École lacanienne de psychanalyse, hier
– Jacques Lacan: L’identification, dit ‚Séminaire IX„. Prononcé à Ste. Anne en 1961–1962. Herausgegeben und erstellt von Michel Roussan. Mit Anmerkungen, kritischem Apparat und Index. Paris 1992. Nicht im Buchhandel, beziehbar durch den Herausgeber, m.roussan2@free.fr
Ausgaben des Identifizierungs-Seminars im Internet:
– französisch: hier (Stenotypie), hier (Staferla), hier (ALI) S. 1547–1966, hier (Chollet), hier (rue CB),
– englische Übersetzungen: hier (Cormac Gallagher), hier (Ben Hooson),
– von Gallagher gelesene Audioaufnahme seiner Übersetzung hier.
Eine von Jacques-Alain Miller herausgegebene offizielle Edition des Seminars gibt es nicht.
Vielen Dank an Peter Müller (Psychoanalytiker in Karlsruhe) für die Überlassung seiner Übersetzung dieses Seminars!
Zur Notation
– Zahlen in geschweiften Klammern und grauer Schrift, z.B. {10}, verweisen auf die Seiten der Transkription, die Roussan als „Daktylographie 1“ bezeichnet; diese Seitenzahlen sind am Rand seiner Ausgabe angegeben und beginnen dort mit einer linken eckigen Klammer, also etwa mit „[10“. Daktylographie 1 ist die Transkription, die man auf der Seite der ELP findet (mit Ausnahme der 20. Sitzung), hier.
– Ein doppelter Bindestrich, also: --, markiert, dass an dieser Stelle ein Satz grammatisch unvollständig abbricht.
– Wörter mit Sternchen: im Original deutsch.
– Der Schrägstrich / verbindet Übersetzungsvarianten.
– Einfügungen in runden Klammern enthalten Formulierungen des französischen Originals.
– Einfügungen in eckigen Klammern dienen der Erläuterung und sind nicht von Lacan.
– Einfügungen in spitzen Klammern: Ersatz für vermutlich ausgefallenen Text..
Sitzung vom 21. März 1962
Deutsch

Abbildung 1: Zwei ineinandergreifende Tori
{1} Beim letzten Mal habe ich Sie auf der Ebene der symbolischen Umarmung der beiden Tori zurückgelassen, in der sich, wenn man so sagen darf, auf imaginäre Weise die vom Neurotiker erlebte Umkehrungsbeziehung verkörpert, in dem Maße spürbar, klinisch, in dem wir sehen, dass er, zumindest dem Anschein nach, sein Begehren in Abhängigkeit vom Anspruch des Anderen zu fundieren und zu etablieren versucht.
Natürlich gibt es da etwas, das in der Struktur begründet ist, die wir als Struktur des Subjekts, insofern es spricht bezeichnen, eben jene, deretwegen wir diese Torus-Topologie für Sie aushecken, die wir für sehr grundlegend halten. Der Torus hat die Funktion dessen, was man anderswo, in der Topologie, als Fundamentalgruppe bezeichnet, und dies wird letztlich die Frage sein, auf die wir eine Antwort werden angeben müssen. Ich hoffe, dass sich diese Antwort in dem Moment, in dem sie gegeben werden muss, bereits überaus deutlich abzeichnen wird.
Wenn das hier die Fundamentalstruktur ist, warum ist sie vom philosophischen Denken so lange und immer schon so tiefgreifend verkannt worden? Warum ist es diese andere Topologie, die der Kugel bzw. der Sphäre, die traditionell die gesamte Ausarbeitung des Denkens, bezogen auf sein Verhältnis zum Ding, zu dominieren scheint?
*
Nehmen wir die Dinge dort wieder auf, wo wir sie letztes Mal haben liegen lassen und wo ich Sie auf das hingewiesen habe, was in unserer Erfahrung selbst enthalten ist: Es gibt in diesem Knoten mit dem Anderen, insofern er uns als eine erste sinnliche Annäherung angeboten wird – die vielleicht zu einfach ist, wir werden sehen |{2}, dass es ganz sicher so ist –, es gibt in diesem Knoten mit dem Anderen, wie er hier bildlich dargestellt wird, eine trügerische Beziehung.
Kehren wir an dieser Stelle zu dem zurück, was uns aktuell beschäftigt, zu dem, was von diesem Verhältnis zum Anderen artikuliert wird. Das kennen wir. Wie sollten wir es nicht kennen, wo wir doch täglich der Träger seines Drängens in die Analyse sind, wenn das neurotische Subjekt, mit dem wir es im Wesentlichen zu tun haben, sich vor uns so präsentiert, dass es von uns die Antwort verlangt, selbst dann, wenn wir ihm beibringen, wie wertvoll es ist, die Antwort auszusetzen.
Die Antwort worauf? Genau das ist die Begründung für unser Schema, insofern es uns zeigt, wenn beide einander ersetzen, Begehren und Anspruch, dann eben deshalb, weil die Antwort ist: auf sein Begehren und seine Befriedigung.
Das ist wohl das, worauf ich heute, aufgrund der mir zur Verfügung gestellten Zeit, nahezu mit Sicherheit beschränkt sein werde, nämlich klar zu artikulieren, von welchen Koordinaten dieser an den Anderen gerichtete Anspruch abhängt, diese Forderung nach einer Antwort, ein Anspruch, durch den das spezifiziert wird – in seinem wahren, in seinem letzten Grund, bei dem jede Annäherung ungenügend ist –, was bei Freud als versagen* bezeichnet wird: die Versagung*, der Widerruf, oder auch: das trügerische Wort, der Bruch des Versprechens, im Grenzfall die [lat.] vanitas, an der Grenze zum bösen Wort, sowie die Mehrdeutigkeit, an die ich Sie hier erinnere, die den Ausdruck blasphème, Blasphemie, mit dem verbindet, wozu er durch alle möglichen Wandlungen, die übrigens an sich sehr schön zu verfolgen sind, geführt hat: le blâme, der Tadel. Diesen Weg werde ich nicht weiterverfolgen.
Die wesentliche Beziehung der Frustration, mit der wir es zu tun haben, zum Sprechen, ist der radikale Punkt, der immer zu unterstützen und festzuhalten ist, und ohne den unser Begriff |{3} der Frustration degradiert wird; sie degeneriert dann so weit, dass sie auf einen Mangel an Belohnung reduziert wird, bezogen auf etwas, das dann letztlich nur noch als Bedürfnis verstanden werden kann.
Nun ist es jedoch unmöglich, nicht an das zu erinnern, was das Genie von Freud uns ursprünglich zur Funktion des Begehrens offenbart, das, wovon er in seinen ersten Schritten ausging; lassen wir die Briefe an Fließ beiseite, beginnen wir mit der Traumdeutung und vergessen wir nicht, dass Totem und Tabu sein Lieblingsbuch war. Was das Genie von Freud uns offenbart, ist dies, dass das Begehren grundlegend und radikal durch den Knoten strukturiert ist, der als Ödipuskomplex bezeichnet wird und von woher es unmöglich ist, diesen inneren Knoten zu eliminieren, der das ist, was ich versuche, Ihnen durch diese Figuren zu zeigen, diesen inneren Knoten, der als Ödipuskomplex bezeichnet wird – insofern er wesentlich was ist? Er ist wesentlich dies: eine Beziehung zwischen einem Anspruch, der einen so herausragenden Wert bekommt, dass er zum absoluten Gebot wird, zum Gesetz, und einem Begehren, welches das Begehren nach dem Anderen ist, nach dem Anderen, um den es beim Ödipuskomplex geht.
Dieser Anspruch wird folgendermaßen artikuliert: Du sollst nicht diejenige begehren, die mein Begehren war. Dies bildet also in seiner Struktur das Wesentliche, den Ausgangspunkt der Freud’schen Wahrheit.
Und hier, ausgehend von hier ist jedes mögliche Begehren in gewisser Weise zu dieser Art von irreduziblem Umweg gezwungen, zu etwas, das bei einigen Kreisen auf dem Torus der Unmöglichkeit der Reduktion der Schleife ähnelt, was dazu führt, dass das Begehren diese Leere einschließen muss, dieses innere Loch, das durch die Beziehung zum Urgesetz bestimmt ist.
Vergessen wir nicht die Schritte, die (um diese erste Beziehung zu begründen, um die herum für Freud, wie wir allzu oft vergessen, sämtliche Liebesbedingungen* artikulierbar sind und nur |{4} hierdurch) –, vergessen wir nicht die Schritte, die dies in der Freud’schen Dialektik erfordert, nämlich dass sich in der Beziehung zum anderen, zum getöteten Vater, jenseits dieses Übergangs in den Tod, des Urmordes, diese höchste Form der Liebe herausbildet.
Das ist die Paradoxie, die keineswegs verheimlicht wird, auch wenn sie getilgt wird durch den Schleier vor den Augen, der die Freud-Lektüre hier stets zu begleiten scheint; dieses Moment lässt sich nicht eliminieren, dass nach der Ermordung des Vaters – auch wenn uns das nicht hinreichend erklärt wird, genügt es, um in dem, was man die mythische Struktur des Ödipuskomplexes nennen kann, dieses Moment als wesentlich festzuhalten –, dass also danach die höchste Liebe zum Vater entsteht, die das Überschreiten der Schwelle des Urmordes genau zur Bedingung für seine von nun an absolute Präsenz macht.
Indem der Tod diese Rolle spielte, zeigte er sich ja als das einzige, was den Vater in dieser Art von Realität fixieren konnte, zweifellos die einzige absolut dauerhafte, nämlich als abwesend zu sein. Für die Absolutheit des ursprünglichen Gebots gibt es keine andere Quelle.
Hier bildet sich das gemeinsame Feld, in dem das Objekt des Begehrens entsteht, zweifellos in der Position, die wir ihm bereits auf der imaginären Ebene als notwendig zuerkennen, in einer Drittposition.
Allein die Dialektik der Beziehung zum anderen als transitive Beziehung – in der imaginären Beziehung des Spiegelstadiums – hatte Sie bereits gelehrt, dass das Objekt des menschlichen Interesses darin als etwas gebildet wird, das an seinesgleichen gebunden ist, hier das Objekt a in Beziehung zu dem Bild, in dem es enthalten ist, und was das Bild des anderen auf der Ebene des Spiegelstadiums ist, i(a).
Dieses Interesse ist jedoch gewissermaßen nur eine Form: es ist das Objekt des neutralen Interesses |{5}, um das herum sich sogar die gesamte Dialektik der Untersuchung von Piaget ordnen lässt, in welcher er diejenige Beziehung in den Vordergrund stellt, die er als Reziprozität bezeichnet und die er mit einer grundlegenden Formel der logischen Beziehung verbinden zu können glaubt. Ausgehend von dieser Äquivalenz, von der Identifizierung mit dem anderen als imaginärem anderen, entsteht dann die Dreiheit durch das Auftauchens des Objekts, allerdings ist dies nur eine unzureichende, partielle Struktur, die wir deshalb letztlich als etwas wiederfinden müssen, das sich ableiten lässt aus der Entstehung des Objekts des Begehrens auf der Ebene, auf der ich dies hier und heute für Sie darlege.
Die Beziehung zum Anderen ist <hier> nicht etwa die imaginäre Beziehung, die auf der Spezifik der Gattungsgestalt beruht, denn diese Beziehung zum Anderen wird hier durch den Anspruch spezifiziert, insofern er aus diesem Anderen, also dem Anderen mit großem A, seine Essenzialität, wenn ich so sagen darf, für die Konstituierung des Subjekts hervorgehen lässt oder, um die Form aufzugreifen, die man dem Verb inter-essieren immer gibt, seine Inter-essenzialität für das Subjekt.
Das Feld, um das es geht, kann also keinesfalls reduziert werden auf das Feld des Bedürfnisses und eines Objekts, das sich aufgrund der Rivalität unter seinesgleichen im Grenzfall aufdrängen kann – denn das wird die Richtung sein, auf die wir uns für die letzte Rivalität werden stützen können –, das sich dem Organismus als Objekt der Subsistenz aufdrängen kann. Dieses andere Feld, das wir definieren und auf das sich unser Bild des Torus bezieht, ist ein andersartiges Feld, ein Signifikantenfeld, ein Feld der Konnotation von Anwesenheit und Abwesenheit, auf dem das Objekt nicht mehr ein Objekt der Subsistenz, sondern der Ex-sistenz des Subjekts ist.
Dafür, dies zu demonstrieren – letztlich handelt es sich ja um einen bestimmten notwendigen Platz von Ex-sistenz des Subjekts und darum, dass hier die Funktion ist, zu der das kleine a der ersten Rivalität erhoben wird, zu der es hingeführt wird –, |{6} dafür liegt der Weg, den wir zu gehen haben, vor uns, ausgehend von dem Gipfel, zu dem ich Sie letztes Mal geführt habe, dem der Dominanz des anderen bei der Herstellung der Frustrationsbeziehung. Der zweite Teil des Weges muss uns von der Frustration zu dieser noch zu definierenden Beziehung führen, durch die als solche das Subjekt im Begehren konstituiert wird, und Sie wissen, dass wir erst hier die Kastration auf angemessene Weise werden artikulieren können. Was dieser Platz von Ex-sistenz bedeutet, werden wir also letztlich erst dann wissen, wenn dieser Weg zu Ende gebracht ist.
Schon jetzt können wir, ja müssen wir sogar an diesen singulären Punkt erinnern (ein Erinnern, das sich hier jedoch an den Philosophen richtet, der mit unserer Erfahrung am wenigsten vertraut ist, da wir so oft sehen, wie er sich seinem eigenen Diskurs entzieht), nämlich daran, dass es tatsächlich eine Frage gibt, und zwar, warum das Subjekt auf diese Weise repräsentiert sein muss – und ich verstehe das im Freud’schen Sinne: durch eine Vorstellungsrepräsentanz repräsentiert sein muss –, nämlich als aus eben dem Feld ausgeschlossen, in dem es in, sagen wir, Lewin’schen Beziehungen zu den anderen als Individuen handeln muss; dass wir auf der strukturellen Ebene erklären können müssen, weshalb es notwendig ist, dass das Subjekt, um in eben dieses Feld einzugreifen, irgendwo als aus diesem Feld ausgeschlossen repräsentiert ist.
Denn schließlich werden sämtliche Überlegungen, zu denen uns der Psychologe oder Psychosoziologe hinführt, bei seiner Definition dessen, was ich eben ein Lewin’sches Feld genannt habe, immer nur unter vollkommener Ausblendung der Notwendigkeit präsentiert, dass sich das Subjekt sozusagen an zwei topologisch definierten Orten befindet, nämlich innerhalb dieses Feldes, zugleich jedoch aus diesem Feld wesenhaft ausgeschlossen, und dass es ihm gelingt, etwas zu artikulieren, und zwar etwas, das Bestand hat. All das, was – beim Nachdenken über das beobachtbare menschliche |{7} Verhalten – als Lernen definiert werden kann und im Grenzfall als Objektivierung des Lernens, das heißt als Montage <von Reiz und Reaktion>, bildet einen schlüssigen Diskurs, der bis zu einem bestimmten Punkt eine Menge von Dingen erklärt, der jedoch nicht erklärt, warum das Subjekt tatsächlich nicht in dieser einfachen Ausführung funktioniert, wenn ich so sagen darf, sondern in einer doppelten Ausführung, die es doch wert ist, dass wir uns damit befassen und die – so flüchtig sie sich uns auch zeigt – auf so viele Weisen spürbar ist, dass man sich, wenn ich so sagen darf, nur bücken muss, um die Beweise dafür einzusammeln.
Nichts anderes versuche ich, für Sie spürbar zu machen, jedes Mal beispielsweise wenn ich gelegentlich auf die Fallen der doppelten Negation zurückkomme sowie darauf, dass „ich wüsste nicht, dass ich will“ nicht auf dieselbe Weise verstanden wird, denke ich, wie „ich weiß, dass ich nicht will“.
Denken Sie über diese niemals ausgeschöpften kleinen Probleme nach (denn darin üben sich die Logiker der Sprache, und ihr Gestammel ist hier mehr als lehrreich), dass man (sobald es Worte gibt, die fließen, und sogar Schriftsteller, welche die Dinge so, wie sie gesprochen werden, aus der Feder fließen lassen), dass es vorkommen kann, dass man zu jemandem sagt (darauf habe ich bereits insistiert, man kann jedoch nicht oft genug darauf zurückkommen): „vous n’êtes pas sans ignorer“ (wörtlich übersetzt: „Sie sind nicht ohne zu ignorieren“), um ihm zu sagen: „Sie wissen es ganz genau!“.
Die doppelte Ebene, auf der sich das abspielt, besteht darin, dass es selbstverständlich ist. Dass jemand so schreibt; und dass dies passiert ist, daran wurde ich kürzlich in einem dieser Texte von Prévert erinnert, über die Gide sich wunderte: „Wollte er sich lustig machen oder weiß er genau, was er schreibt?“ Er wollte sich nicht lustig machen, es ist ihm aus der Feder geflossen. Und all die Kritik der Logiker wird nicht dazu führen, dass es uns |{8} <nicht> passiert – sofern wir mit jemandem in einen wirklichen Dialog verwickelt sind, sodass es sich in irgendeiner Weise um eine bestimmte Bedingung handelt, die für unsere Beziehungen zu ihm wesentlich ist, und auf die ich, so denke ich, gleich kommen werde, nämlich dass es wesentlich ist, dass zwischen uns so etwas wie Nichtwissen (ignorance) entsteht –, dass ich ausrutsche und ihm sage, so gelehrt und puristisch ich auch sein mag: „Vous n’êtes pas sans ignorer“.
An dem Tag, an dem ich hier zu Ihnen darüber sprach, habe ich davon abgesehen, etwas zu zitieren, das ich gerade im Canard Enchaîné gelesen hatte, am Ende eines dieser Bravurstücke, die, mit der Unterschrift von André Ribaud, unter dem Titel Der Hof in Fortsetzung erscheinen: „Man sollte sich nicht entfehden“ – in einem pseudo-saint-simonistischen Stil, so wie Balzac eine Sprache des 16. Jahrhunderts schrieb, die er komplett erfunden hatte – „von einem gewissen Misstrauen gegen die Könige“.
Sie verstehen sehr gut, was das bedeutet. Versuchen Sie, es logisch zu analysieren, und Sie werden sehen, dass es genau das Gegenteil von dem sagt, was Sie verstehen, und natürlich haben Sie völlig recht, zu verstehen, was Sie verstehen, denn das liegt in der Struktur des Subjekts. Die Tatsache, dass die beiden Negationen, die sich hier überlagern, sich nicht nur nicht gegenseitig aufheben, sondern sich sogar stützen, beruht auf dem Faktum einer topologischen Duplizität, die dazu führt, dass „il ne faut pas se décombattre“ („man sollte sich nicht entfehden“) nicht auf derselben Ebene gesagt wird, wenn ich so sagen darf, auf der das „quelque défiance des rois“ („von einem gewissen Misstrauen gegen die Könige“) ansetzt. Wie immer lassen sich der Äußerungsvorgang und die Aussage vollkommen voneinander trennen, hier jedoch springt ihre Kluft deutlich auf.
*
|{9} Wenn uns der Torus als solcher, wie Sie noch sehen werden, als Brücke dienen kann, wenn er sich bereits als ausreichend erweist, um uns zu zeigen, worin die Verdoppelung besteht, die Ambiguität des Subjekts, sobald es in die Welt gekommen ist, ist es dann an dieser Stelle nicht auch gut, uns ausführlicher mit dem zu befassen, was sie an Evidenz liefert, diese Topologie, und zunächst einmal in unserer einfachsten Erfahrung, ich meine der des Subjekts? Wenn wir von Engagement sprechen, braucht es da große Umwege, wie solche, die ich Ihnen hier für die Zwecke unserer Sache zumute, braucht es da für die weniger Initiierten wirklich große Umwege, um zu verdeutlichen, dass, sich zu engagieren / sich einzulassen, bereits das Bild eines Korridors mit sich führt, das Bild des Eingangs und des Ausgangs und bis zu einem bestimmten Punkt das Bild des Auswegs, der sich hinter einem schließt, und dass der letzte Bezugspunkt des Bildes des Engagements sich genau in dieser Beziehung offenbart: in diesem den Ausweg verschließen?
Braucht es viel mehr? Und die gesamte Literatur, die im Werk von Kafka gipfelt, kann uns vor Augen führen, dass es genügt, das umzudrehen, was ich Ihnen, wie es scheint, beim letzten Mal nicht anschaulich genug dargestellt habe, als ich Ihnen diese spezielle Form des Torus in Gestalt des aus einer Ebene herausragenden Henkels zeigte, wobei die Ebene hier nur den Sonderfall einer unendlichen Sphäre darstellt, durch welche eine Seite des Torus erweitert wird.
Abb. 2: Bild der Ebene mit Henkel und seine Umkehrung
Es genügt, dieses Bild umzudrehen, es mit dem Bauch nach oben darstellen, wie das irdische Feld, auf dem wir uns tummeln, um uns zu zeigen, warum der Mensch sich uns als das darstellt, was er war und vielleicht immer noch ist: ein Tier in seinem Bau, ein Torustier.
All diese Architekturen haben jedoch etwas, das uns festhalten sollte, aufgrund ihrer Affinität zu etwas, das über|{10} die einfache Befriedigung eines Bedürfnisses hinausgehen muss, aufgrund einer Analogie, bei der es in die Augen springt, dass sie irreduzibel ist, dass es unmöglich ist, sie aus all dem auszuschließen, was sich bei ihm Innen und Außen nennt und dass beide ineinander münden und sich gegenseitig bestimmen.
Was ich gerade den Korridor genannt habe, den Stollen, die Unterführung (sous-terrain) – Mémoires écrits du sous terrain, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, so betitelt Dostojewski diesen äußersten Punkt, an dem er das Pochen seiner letzten Frage skandiert –, ist das etwas, das sich im Begriff eines sozial nützlichen Werkzeugs erschöpft? Natürlich, für uns ist – wie unsere beiden Tori – die Funktion des sozialen Agglomerats und seine Beziehung zu den Wegen, insofern ihre Anastomose etwas simuliert, das im Innersten des Organismus existiert, ein naheliegender Gegenstand der Befragung. Das ist nicht unser Vorrecht, die Ameise und die Termite kennen es, aber der Dachs, von dem Kafka uns in Der Bau erzählt, ist nicht gerade ein geselliges Tier.
Was bedeutet dieser Hinweis, wenn nicht dies (für uns, an dem Punkt, an dem wir vorankommen müssen): dass, wenn diese strukturartige Beziehung so natürlich ist, dass wir ihre Wurzeln, wenn wir darüber nachdenken, tief eingegraben überall in der Struktur der Dinge finden, dann wirft die Tatsache, dass das Denken – wenn es darum geht, die Beziehung des Subjekts zur Welt zu organisieren – diese Beziehung im Laufe der Jahrhunderte so ausgiebig verkennt, genau die Frage auf, warum es hier eine so weitgehende Verdrängung gibt, sagen wir zumindest: eine so weitgehende Verkennung.
*
Das bringt uns zu unserem Ausgangspunkt zurück, zur Beziehung zum Anderen, insofern ich sie als etwas bezeichnet habe, das auf einem Trugbild beruht, wobei es |{11} jetzt darum geht, sie anderswo zu artikulieren denn als diese natürliche Beziehung, da wir ja auch sehen, wie sehr sie sich dem Denken entzieht, wie sehr das Denken sie zurückweist.
Wir müssen von anderswo ausgehen, und zwar von der Stellung der Frage an den Anderen, von der Frage nach seinem Begehren und dessen Befriedigung. Wenn es ein Trugbild gibt, muss es irgendwo mit dem zu tun haben, was ich vorhin als radikale Duplizität der Position des Subjekts bezeichnet habe. Und genau das möchte ich Sie spüren lassen, nun auf der Ebene, die für den Signifikanten charakteristisch ist, insofern sie durch die Duplizität der subjektiven Position gekennzeichnet ist, und Sie bitten, mir einen Moment lang bei etwas zu folgen, das letztlich als die Differenz bezeichnet wird, deretwegen der Graph, mit dem ich Sie während einer gewissen Zeit meines Diskurses festgehalten habe, eigentlich konstruiert worden ist. Diese Differenz nennt sich: Unterschied zwischen der Botschaft und der Frage.
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Abb. 3: Eintragung des Graphen in die Ebene mit Henkel
Abb. 4: Graph des Begehrens
Dieser Graph, der hier so gut in genau die Kluft eingeschrieben werden könnte, durch die das Subjekt in doppelter Weise mit der Ebene des universalen Diskurses verbunden ist – heute werde ich hier die vier Überschneidungspunkte eintragen, also diejenigen, die Sie kennen:
– A,
– s(A), die Bedeutung der Botschaft, insofern sie auf der Rückkehr des Signifikanten des Anderen beruht, der dort [in A] angesiedelt ist,
– hier: $◊D, die Beziehung des Subjekts zum Anspruch, insofern hier der Trieb spezifiziert wird,
– hier: das S(Ⱥ), der Signifikant des Anderen, insofern der Andere letztlich nur formalisiert oder signifikantisiert werden kann insofern er selbst vom Signifikanten markiert ist, anders gesagt, insofern er uns den Verzicht auf jede Metasprache aufnötigt.
Die Kluft, die es hier |{12} zu artikulieren gilt, ist gänzlich in einer Form aufgespannt, in der letztlich der Anspruch an den Anderen, zu antworten, in einer wiederkehrenden Folge zwischen dem „nichts vielleicht?“ und dem „vielleicht nichts“ wechselt und pendelt.
Abb. 5: „vielleicht nichts“
Was wir hier haben [Abb. 5], ist eine Botschaft. Sie öffnet sich auf das hin, was uns als die Öffnung erschien, die durch den Eintritt eines Subjekts in das Reale gebildet wird. Wir stimmen hier mit der zuverlässigsten Ausarbeitung des Begriffs der Möglichkeit* überein: das Mögliche ist nicht auf der Seite der Sache, sondern auf der Seite des Subjekts. Die Botschaft öffnet sich auf den Terminus der Eventualität hin, die durch eine Erwartung in der konstituierenden Situation des Begehrens gebildet wird, so wie wir sie hier zu fassen versuchen. „Vielleicht“: die Möglichkeit geht diesem nominativen „nichts“ voraus, das im Extremfall den Wert eines Ersatzes für die Positivität annimmt. Das ist ein Punkt <des Graphen> und nicht mehr als ein Punkt. Der Platz des unären Zugs befindet sich hier in der Leere, die auf die Erwartung des Begehrens antworten kann..
Abb. 6: „nichts vielleicht?1
Das ist etwas ganz anderes als die Frage, insofern sie mit „nichts vielleicht?“ artikuliert wird [Abb. 6], etwas anderes als das „vielleicht“ auf der Ebene des in Frage gestellten Anspruchs – was will ich, wenn ich zum Anderen spreche? –, etwas anderes als das „vielleicht“, das hier in eine Position gelangt, die zu derjenigen homolog ist, durch die auf der Ebene der Botschaft die eventuelle Antwort gebildet wurde.
„Vielleicht nichts“, das ist die erste Formulierung der Botschaft.
„Vielleicht: nichts“, das kann eine Antwort sein, aber ist das die Antwort auf die Frage „Nichts vielleicht?“? Gerade nicht! Hier nimmt die Äußerungspartikel „nichts“ – insofern sie die Möglichkeit, dass es nicht zu einem Ergebnis kommt, an den Anfang stellt, als etwas, das dem Existenzgrad, der Seinsstärke vorausgeht –, hier, auf der Ebene der Frage, erhält diese Äußerungspartikel ihren ganzen Wert, den einer Substantivierung |{13} des Nichts der Frage selbst.
Der Satz „nichts vielleicht?“ eröffnet sich zur Wahrscheinlichkeit, dass nichts ihn als Frage bestimmt, dass nichts überhaupt bestimmt ist, dass es möglich bleibt, dass nichts sicher ist, dass es möglich ist, dass man nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen kann, außer im Rückgriff auf die unendliche Vorgängigkeit des Kafka’schen Prozesses, dass es ein reines Fortbestehen der Frage gibt, mit der Unmöglichkeit, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen. Einzig die Eventualität des Realen erlaubt es, etwas zu bestimmen, und die Benennung des reinen Fortbestehens der Frage als Nichts, damit haben wir es auf der Ebene der Frage selbst zu tun.
„Vielleicht nichts“ konnte, auf der Ebene der Botschaft, eine Antwort sein, aber die Botschaft war gerade keine Frage.
„Nichts vielleicht?“, auf der Ebene der Frage, liefert nur eine Metapher, nämlich dass die Seinsstärke jenseits liegt. Jede Eventualität ist hier bereits verschwunden und ebenso jede Subjektivität. Es gibt nur Sinneffekt, unendliche Verweisung von Sinn auf Sinn, bis auf dies, dass wir Analytiker uns durch Erfahrung daran gewöhnt haben, diese Verweisung auf zwei Ebenen zu strukturieren und dass dies alles ändert.
Dass nämlich die Metapher für uns Verdichtung ist, das heißt zwei Ketten, und dass sie, die Metapher, unerwartet mitten in der Botschaft auftaucht, dass sie außerdem mitten in der Frage zur Botschaft wird – dass die Frage „Familie“ artikuliert zu werden beginnt und dass mittendrin die „Million“ des „Millionärs“ auftaucht –, dass das Einbrechen der Frage in die Botschaft darin besteht, dass uns enthüllt wird, dass die Botschaft sich mitten in der Frage manifestiert; dass die Botschaft auf dem Weg ans Licht kommt, auf dem wir zur Wahrheit gerufen sind, dass |{14} vermittels unserer Frage nach der Wahrheit – ich meine durch die Frage selbst und nicht in der Antwort auf die Frage – die Botschaft ans Licht kommt.
Genau an diese m Punkt also, der für die Artikulation des Unterschieds zwischen dem Äußerungsvorgang und der Aussage wertvoll ist, mussten wir einen Moment lang innehalten. Wenn die Möglichkeit des nichts nicht festgehalten wird, hindert uns das daran – trotz dieser Allgegenwart, die den Ursprung jeder möglichen eigentlich subjektiven Artikulation bildet –, diese Kluft zu sehen, die ebenso durch den Übergang des Zeichens zum Signifikanten sehr genau verkörpert wird, wo wir das erscheinen sehen, was in dieser Differenz das Subjekt auszeichnet.
Ist dieses nun letztendlich Zeichen oder Signifikant? Zeichen. Zeichen von was? Es ist genau das Zeichen von nichts. Wenn der Signifikant so definiert wird, dass er bei einem anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert – unendliche Verweisung des Sinns –, und wenn dies etwas bedeutet, dann deshalb, weil der Signifikant bei dem anderen Signifikanten dieses besondere Ding bedeutet, nämlich das Subjekt als nichts. Hier ermöglicht es uns unsere Erfahrung, die Notwendigkeit des Weges hervorzuheben, durch den jegliche Realität in der Struktur gestützt wird, welche identifizierbar ist als eine solche, die es uns gestattet, unsere Erfahrung voranzutreiben.
Der Andere antwortet also nichts, außer, dass nichts sicher ist, aber das hat nur eine Bedeutung, nämlich dass es etwas gibt, wovon er nichts wissen will, und zwar genau von dieser Frage.
Auf dieser Ebene wurzelt das Unvermögen des Anderen in einem Unmöglichen, dasselbe Unmögliche wie das, auf dessen Weg |{15} uns bereits die Frage des Subjekts geführt hatte.„Nicht möglich“ war diese Leere, in welcher der unäre Zug in seiner spaltenden Bedeutung aufzutauchen pflegte. Hier sehen wir, wie dieses Unmögliche Gestalt annimmt und sich mit dem verbindet, wovon wir vorhin gesehen haben, wie es von Freud als Konstituierung des Begehrens im ursprünglichen Verbot definiert wird.
Das Unvermögen des Anderen zu antworten beruht auf einer Sackgasse, und diese Sackgasse, wir kennen sie, nennt sich: Begrenztheit seines Wissens. „Er wusste nicht, dass er tot war“, dass er die Absolutheit des Anderen nur durch den nicht akzeptierten, sondern erlittenen Tod erreicht hat, erlitten durch das Begehren des Subjekts.
Dies weiß das Subjekt, wenn ich so sagen darf: dass der Andere es nicht wissen soll, dass der Andere beansprucht, nicht zu wissen.
Abb. 7: Darstellung des exklusiven Oder durch ein Venn-Diagramm2
Das ist hier der spezielle Bereich in diesen beiden nicht miteinander vermengten Ansprüchen, dem des Subjekts und dem des Anderen, nämlich dass das Begehren genau als Schnittmenge dessen definiert wird, was in den beiden Ansprüchen ungesagt bleiben muss. Nur ausgehend von hier werden die Ansprüche freigesetzt, die überall außer im Feld des Begehrens formuliert werden können.
Abb. 8: Zwei ineinandergreifende Tori mit $ und A
Somit konstituiert sich das Begehren seiner Natur nach zuerst als das, was dem Anderen strukturell verborgen ist. Es ist genau das dem Anderen Unmögliche, das zum Begehren des Subjekts wird. Das Begehren konstituiert sich als der Teil des Anspruchs, der dem Anderen verborgen ist. Hier bekommt der Andere, der – genau als Anderer, als Ort des Sprechens – nichts garantiert, seine erbauliche Wirkung, er wird zum Schleier, zur Verdeckung, zur Quelle der Verdunkelung des Platzes des Begehrens selbst, und hier wird sich das Objekt verstecken. Wenn es also eine Existenz gibt, die sich |{16} zuerst konstituiert, dann ist es diese hier, und sie tritt an die Stelle der Existenz des Subjektes selbst, da das Subjekt, insofern es vom Anderen abhängt, ebenso davon abhängig bleibt, dass auf der Seite des Anderen nichts sicher ist, außer eben, dass er etwas verbirgt, etwas verdeckt, und zwar dieses Objekt, das Objekt, welches noch „vielleicht nichts“ ist, insofern es zum Objekt des Begehrens werden wird.
Das Objekt des Begehrens existiert als eben dieses nichts, wovon der Andere nicht wissen kann, dass dies alles ist, woraus es besteht. Dieses nichts, insofern es dem Anderen verborgen ist, gewinnt Konsistenz, es wird zur Hülle für jedes Objekt, vor dem die eigentliche Frage des Subjekts zu einem Halt kommt, da das Subjekt dann nur noch imaginär ist.
*
Der Anspruch wird in dem Maße vom Anspruch des Anderen befreit, in dem das Subjekt dieses Nichtwissen des Anderen ausschließt.
Es gibt jedoch zwei mögliche Formen des Ausschlusses. „Ich kann nichts dafür, was Sie wissen oder nicht wissen, und ich handle.“ „Sie sind nicht ohne zu ignorieren“ bedeutet, dass mir völlig egal ist, ob Sie wissen oder ob Sie nicht wissen.
Es gibt aber noch den anderen Modus: „Sie müssen unbedingt wissen“, und das ist der Weg, den der Neurotiker wählt, und aus diesem Grunde ist er, wenn ich so sagen darf, von vornherein dazu bestimmt, Ihr Opfer zu sein. Für den Neurotiker besteht die richtige Art und Weise, das Problem dieses Feldes des Begehrens zu lösen – insofern es durch das zentrale Feld der Ansprüche gebildet wird, die sich ja überschneiden und deshalb ausgeschlossen werden müssen –, darin, dass er findet, dass die richtige Art und Weise darin besteht, dass Sie wissen. Wäre es anders, wäre er nicht in Psychoanalyse.
Was tut der Rattenmann, wenn er, wie |{17} Theodor, nachts aufsteht? Er schlurft in Pantoffeln zum Hausflur, um dem Gespenst seines toten Vaters die Tür zu öffnen – um ihm was zu zeigen? dass er gerade einen Ständer hat. Ist das nicht die Enthüllung eines grundlegenden Verhaltens? Der Neurotiker will, dass der Andere – wenn er schon nicht kann, denn es ist offenbar, dass der Andere nichts kann – zumindest weiß.
Vorhin habe ich zu Ihnen vom Engagement gesprochen; im Gegensatz zu dem, was man annimmt, ist der Neurotiker jemand, der sich als Subjekt engagiert. Er verschließt sich dem doppelten Ausgang der Botschaft und der Frage, er wirft sich selbst in die Waagschale, um zwischen dem „nichts vielleicht?“ und dem „vielleicht nichts“ zu entscheiden, er stellt sich als real dem Anderen gegenüber, das heißt als unmöglich. Das wird für Sie sicherlich klarer, wenn Sie wissen, wie es zustande kommt.
Es ist kein Zufall, dass ich heute das Bild des Freud’schen Theodors ins Spiel gebracht habe, mit seiner nächtlichen phantasmatischen Exhibition, denn das heißt, dass es für diese unglaubliche Umwandlung des Objekts des Begehrens in die Existenz des Subjekts durchaus ein bestimmtes Medium gibt, besser gesagt, ein bestimmtes Instrument, und dass eben dies der Phallus ist. Aber das ist für unseren nächsten Vortrag reserviert. Heute stelle ich einfach fest, dass – ob Phallus oder nicht – der Neurotiker in das Feld gelangt als das, was vom Realen als unmöglich spezifiziert wird.
Das ist nicht erschöpfend, denn auf die Phobie werden wir diese Definition nicht anwenden können. Das werden wir erst beim nächsten Mal tun können, wir können es jedoch <bereits jetzt> sehr gut auf den Zwangsneurotiker anwenden. Sie werden nichts vom Zwangsneurotiker verstehen, wenn Sie sich nicht an die Dimension erinnern, die er, der Zwangsneurotiker, verkörpert, insofern er zu viel ist, das ist die ihm eigene Form des Unmöglichen, und dass er, sobald er versucht, |{18} aus seinem Versteck als verborgenes Objekts herauszukommen, dass er dann das Objekt von nirgendwo sein muss.
Von daher beim Zwangsneurotiker diese fast wilde Gier, derjenige zu sein, der überall ist – um gerade nirgendwo zu sein. Der Hang des Zwangsneurotikers zur Allgegenwart ist bekannt, und wenn Sie ihn nicht erkennen, werden Sie von den meisten seiner Verhaltensweisen nichts begreifen. Da er nicht überall sein kann, ist es jedenfalls das Mindeste, dass er an mehreren Orten zugleich ist, was auf jeden Fall heißt, dass man ihn nirgendwo fassen kann.
Die Hysterikerin hat einen anderen Modus, der natürlich derselbe ist, da er dessen Wurzel ist, auch wenn er weniger leicht, weniger unmittelbar zu verstehen ist. Auch die Hysterikerin kann sich als real im Sinne von unmöglich darstellen, wobei ihr Trick darin besteht, dass dieses Unmögliche dann Bestand haben wird, wenn der Andere sie als Zeichen akzeptiert. Die Hysterikerin präsentiert sich als Zeichen von etwas, woran der Andere glauben könnte; jedoch, auch wenn sie dieses Zeichen bildet, ist sie doch höchst real, und dieses Zeichen muss sich um jeden Preis aufzwingen und den Anderen markieren.
Das also ist es, worauf diese Struktur hinausläuft, diese grundlegende Dialektik, die gänzlich auf dem endgültigen Scheitern des Anderen als Garantie des Sicheren beruht. Hier stellt sich – durch Vermittlung von etwas, dessen Paradoxie wir niemals genug betonen können – die Realität des Begehrens her und nimmt hier ihren Platz ein, durch die Dimension des Verborgenen, das heißt durch die Dimension, die wohl die widersprüchlichste ist, die der Geist konstruieren kann, wenn es um die Wahrheit geht.
Was ist bei der Einführung dieses Feldes der Wahrheit natürlicher als die Setzung eines |{19} allwissenden Anderen? So sehr, dass der scharfsinnigste, der präziseste Philosoph die Dimension der Wahrheit eben nur dadurch stützen kann, dass er annimmt, dass das, was es ihr ermöglicht, sich aufrecht zu halten, das Wissen desjenigen ist, der alles weiß.
Und dennoch, nichts von der Realität des Menschen, nichts von dem, was er sucht, noch von dem, was er verfolgt, wird auf andere Weise aufrechterhalten als durch diese Dimension des Verborgenen, da sie es ist, woraus sich die Garantie herleitet, dass es ein tatsächlich existierendes Objekt gibt, und dass sie, durch Reflexion, diese Dimension des Verborgenen liefert. Letztendlich ist sie es, die diesem problematischen Anderen seine einzige Konsistenz verleiht: Die Quelle jeglichen Glaubens und vor allem des Glaubens an Gott ist ja dies, dass wir uns in eben der Dimension bewegen, dass wir immer so handeln – obwohl das Wunder, dass er alles wissen soll, letztlich sein ganzes Bestehen sichert –, als ob er über neun Zehntel unserer Absichten nichts wüsste. „Kein Wort an die Königinmutter“, das ist das Prinzip, gemäß dem sich jede Konstituierung des Subjekts entfaltet und verschiebt.
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Ist es nicht möglich, ein Verhalten zu entwickeln, dass diesem wahren Status des Begehrens gerecht wird, und ist es überhaupt möglich, dass wir nicht wahrnehmen, dass nichts, kein Schritt unseres ethischen Verhaltens – trotz des Anscheins, trotz des uralten Geschwätzes des Moralisten –, ohne eine genaue Erkundung der Funktion des Begehrens Bestand haben kann?
Ist es möglich, dass wir uns mit so lächerlichen Beispielen wie dem von Kant zufrieden geben, wenn er, um uns die irreduzible Dimension der praktischen Vernunft zu verdeutlichen, als Beispiel anführt, dass der ehrliche Mann selbst auf dem Höhepunkt seines Glücks zumindest einen Moment lang |{20} abwägen wird, ob er dieses Glück aufgibt, damit er nicht, zum Vorteil des Tyrannen, gegen die Unschuld ein falsches Zeugnis ablegt?
Absurdes Beispiel, denn in der Epoche, in der wir leben, aber auch in der von Kant, stellt sich die Frage da nicht ganz woanders? Denn der Gerechte wird abwägen, das stimmt, nämlich ob er, um seine Familie zu erhalten, ein falsches Zeugnis ablegen soll oder nicht. Aber was bedeutet das? Bedeutet es, dass er – wenn er damit dem Hass des Tyrannen auf den Unschuldigen Vorschub leistet – ein wahres Zeugnis ablegen und seinen Kumpel als Jude anzeigen könnte, wenn dieser tatsächlich einer ist?
Beginnt nicht hier die moralische Dimension? Bei der es nicht darum geht zu wissen, welche Pflicht wir gegenüber der Wahrheit zu erfüllen haben oder nicht, und auch nicht darum, ob unser Verhalten unter die allgemeine Regel fällt, sondern ob wir das Begehren des Tyrannen befriedigen sollen oder nicht. Hier ist die Waage der Ethik im strengen Sinne.
Und auf dieser Ebene – ohne irgendeine äußere Dramatik ins Spiel zu bringen, wir brauchen sie nicht – haben wir auch mit dem zu tun, was am Ende der Analyse an den Anderen gebunden bleibt. Insofern das Maß des unbewussten Begehrens am Ende der Analyse immer noch mit diesem Ort des Anderen, den wir als Analytiker verkörpern, verbunden bleibt, kann Freud am Ende seines Werkes den Kastrationskomplex als irreduzibel charakterisieren, als für das Subjekt unannehmbar.
Dies werde ich beim nächsten Mal ausführen, wobei ich mir sicher bin, dass es mir gelingen wird, Sie zumindest ahnen zu lassen, dass eine angemessene Definition der Funktion des Phantasmas und seiner Annahme durch das Subjekt es uns vielleicht ermöglicht, |{21} in der Reduktion dessen, was der Erfahrung bislang als eine letzte Frustration erschienen ist, weiter zu gehen.
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Französisch/deutsch
Abbildung 1: Zwei ineinandergreifende Tori
{1} Je vous ai laissés la dernière fois au niveau de cet embrassement symbolique des deux tores où s’incarne imaginairement le rapport d’interversion, si l’on peut dire, vécu par le névrosé, dans la mesure sensible, clinique, où nous voyons qu’apparemment au moins c’est dans une dépendance de la demande de l’Autre qu’il essaie de fonder, d’instituer son désir.
Beim letzten Mal habe ich Sie auf der Ebene der symbolischen Umarmung der beiden Tori zurückgelassen, in der sich, wenn man so sagen darf, auf imaginäre Weise die vom Neurotiker erlebte Umkehrungsbeziehung verkörpert, in dem Maße spürbar, klinisch, in dem wir sehen, dass er, zumindest dem Anschein nach, sein Begehren in Abhängigkeit vom Anspruch des Anderen zu fundieren und zu etablieren versucht.3
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Bien sûr, il y a là quelque chose de fondé dans cette structure que nous appelons la structure du sujet en tant qu’il parle, qui est celle pour laquelle nous fomentons pour vous cette topologie du tore que nous croyons très fondamentale.
Natürlich gibt es da etwas, das in der Struktur begründet ist, die wir als Struktur des Subjekts, insofern es spricht bezeichnen, eben jene, deretwegen wir diese Torus-Topologie für Sie aushecken, die wir für sehr grundlegend halten.4
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Il a la fonction de ce qu’on appelle ailleurs, en topologie, le groupe fondamental [cf. Annexe I], et après tout, ce sera la question à quoi il faudra que nous indiquions une réponse.
Der Torus hat die Funktion dessen, was man anderswo, in der Topologie, als Fundamentalgruppe bezeichnet, und dies wird letztlich die Frage sein, auf die wir eine Antwort werden angeben müssen.5
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J’espère que cette réponse, au moment où il faudra la donner, sera vraiment surabondamment déjà dessinée.
Ich hoffe, dass sich diese Antwort in dem Moment, in dem sie gegeben werden muss, bereits überaus deutlich abzeichnen wird.
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Pourquoi, si c’est là la structure fondamentale, a-t-elle été de si longtemps et de toujours si profondément méconnue par la pensée philosophique ?
Wenn das hier die Fundamentalstruktur ist, warum ist sie vom philosophischen Denken so lange und immer schon so tiefgreifend verkannt worden?
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Pourquoi c’est ainsi l’autre topologie, celle de la sphère, qui traditionnellement paraît dominer toute l’élaboration de la pensée concernant son rapport à la chose ?
Warum ist es diese andere Topologie, die der Kugel bzw. der Sphäre, die traditionell die gesamte Ausarbeitung des Denkens, bezogen auf sein Verhältnis zum Ding, zu dominieren scheint?
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Reprenons les choses où nous les avons laissées la dernière fois, et où je vous indiquai ce qui est impliqué dans notre expérience même: il y a dans ce nœud avec l’Autre, pour autant qu’il nous est offert comme une première approximation sensible, peut-être trop facile – nous verrons |{2} qu’il l’est, assurément –, il y a dans ce nœud avec l’Autre, tel qu’il est ici imagé, un rapport de leurre.
Nehmen wir die Dinge dort wieder auf, wo wir sie letztes Mal haben liegen lassen und wo ich Sie auf das hingewiesen habe, was in unserer Erfahrung selbst enthalten ist: Es gibt in diesem Knoten mit dem Anderen, insofern er uns als eine erste sinnliche Annäherung angeboten wird – die vielleicht zu einfach ist, wir werden sehen, dass es ganz sicher so ist –, es gibt in diesem Knoten mit dem Anderen, wie er hier bildlich dargestellt wird, eine trügerische Beziehung.6
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Retournons ici à l’actuel, à l’articulé de ce rapport à l’Autre.
Kehren wir an dieser Stelle zu dem zurück, was uns aktuell beschäftigt, zu dem, was von diesem Verhältnis zum Anderen artikuliert wird.
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Nous le connaissons.
Das kennen wir.
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Comment ne le connaîtrions-nous pas, quand nous sommes chaque jour le support même de sa pression dans l’analyse et que le sujet névrosé, à qui nous avons affaire fondamentalement, devant nous se présente comme exigeant de nous la réponse, ceci même si nous lui enseignons le prix qu’il y a, cette réponse, à la suspendre.
Wie sollten wir es nicht kennen, wo wir doch täglich der Träger seines Drängens in die Analyse sind, wenn das neurotische Subjekt, mit dem wir es im Wesentlichen zu tun haben, sich vor uns so präsentiert, dass es von uns die Antwort verlangt, selbst dann, wenn wir ihm beibringen, wie wertvoll es ist, die Antwort auszusetzen.7
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La réponse sur quoi ?
Die Antwort worauf?
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C’est bien là ce qui justifie notre schéma pour autant qu’il nous montre, l’un à l’autre se substituant, désir et demande, c’est justement que la réponse c’est : sur son désir et sur sa satisfaction.
Genau das ist die Begründung für unser Schema, insofern es uns zeigt, wenn beide einander ersetzen, Begehren und Anspruch, dann eben deshalb, weil die Antwort ist: auf sein Begehren und seine Befriedigung.8
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Ce sans doute à quoi aujourd’hui je serai à peu près certainement limité par le temps qui m’est donné, c’est à bien articuler à quelles coordonnées se suspend cette demande faite à l’Autre, cette demande de réponse, laquelle spécifie dans sa raison vraie, sa raison dernière, auprès de quoi toute approximation est insuffisante, celle qui dans Freud s’épingle comme versagen: la Versagung, le dédit, ou encore la trompeuse parole, la rupture de promesse, à la limite la vanitas, à la limite de la mauvaise parole, et l’ambiguïté – ici je vous la rappelle – qui unit le terme blasphème à ce qu’il a donné à travers toutes sortes de transformations, d’ailleurs en elles-mêmes bien jolies à suivre : le blâme.
Das ist wohl das, worauf ich heute, aufgrund der mir zur Verfügung gestellten Zeit, nahezu mit Sicherheit beschränkt sein werde, nämlich klar zu artikulieren, von welchen Koordinaten dieser an den Anderen gerichtete Anspruch abhängt, diese Forderung nach einer Antwort, ein Anspruch, durch den das spezifiziert wird – in seinem wahren, in seinem letzten Grund, bei dem jede Annäherung ungenügend ist –, was bei Freud als versagen* bezeichnet wird: die Versagung*, der Widerruf, oder auch: das trügerische Wort, der Bruch des Versprechens, im Grenzfall die [lat.] vanitas, an der Grenze zum bösen Wort, sowie die Mehrdeutigkeit, an die ich Sie hier erinnere, die den Ausdruck blasphème, Blasphemie, mit dem verbindet, wozu er durch alle möglichen Wandlungen, die übrigens an sich sehr schön zu verfolgen sind, geführt hat: le blâme, der Tadel.9
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Je n’irai pas plus loin dans cette voie.
Diesen Weg werde ich nicht weiterverfolgen.
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Le rapport essentiel de la frustration à laquelle nous avons affaire, à la parole, est le point à soutenir, à maintenir toujours radical, faute de quoi notre concept |{3} de la frustration se dégrade : elle dégénère jusqu’à se réduire au défaut de gratification concernant ce qui au dernier terme ne peut plus être conçu que comme le besoin.
Die wesentliche Beziehung der Frustration, mit der wir es zu tun haben, zum Sprechen, ist der radikale Punkt, der immer zu unterstützen und festzuhalten ist, und ohne den unser Begriff der Frustration degradiert wird; sie degeneriert dann so weit, dass sie auf einen Mangel an Belohnung reduziert wird, bezogen auf etwas, das dann letztlich nur noch als Bedürfnis verstanden werden kann.
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Or il est impossible de ne pas rappeler ce que le génie de Freud nous avère originellement quant à la fonction du désir, ce dont il est parti dans ses premiers pas, laissons de côté les lettres à Fließ, commençons à la Science des rêves et n’oublions pas que Totem et tabou était son livre préféré.
Nun ist es jedoch unmöglich, nicht an das zu erinnern, was das Genie von Freud uns ursprünglich zur Funktion des Begehrens offenbart, das, wovon er in seinen ersten Schritten ausging; lassen wir die Briefe an Fließ beiseite, beginnen wir mit der Traumdeutung und vergessen wir nicht, dass Totem und Tabu sein Lieblingsbuch war.
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Ce que génie de Freud nous avère, est ceci : que le désir est foncièrement, radicalement, structuré par ce nœud qui s’appelle l’œdipe – et d’où : il est impossible d’éliminer ce nœud interne, qui est ce que j’essaie de soutenir devant vous par ces figures –, ce nœud interne qui s’appelle l’œdipe en tant qu’il est essentiellement quoi ?
Was das Genie von Freud uns offenbart, ist dies, dass das Begehren grundlegend und radikal durch den Knoten strukturiert ist, der als Ödipuskomplex bezeichnet wird und von woher es unmöglich ist, diesen inneren Knoten zu eliminieren, der das ist, was ich versuche, Ihnen durch diese Figuren zu zeigen, diesen inneren Knoten, der als Ödipuskomplex bezeichnet wird – insofern er wesentlich was ist?
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Il est essentiellement ceci, un rapport entre une demande qui prend une valeur si privilégiée qu’elle devient le commandement absolu, la loi, et un désir, lequel est le désir de l’Autre, de l’Autre dont il s’agit dans l’œdipe.
Er ist wesentlich dies: eine Beziehung zwischen einem Anspruch, der einen so herausragenden Wert bekommt, dass er zum absoluten Gebot wird, zum Gesetz, und einem Begehren, welches das Begehren nach dem Anderen ist, nach dem Anderen, um den es beim Ödipuskomplex geht.
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Cette demande s’articule ainsi : tu ne désireras pas celle qui a été mon désir.
Dieser Anspruch wird folgendermaßen artikuliert: Du sollst nicht diejenige begehren, die mein Begehren war.10
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Or c’est ceci qui fonde en sa structure l’essentiel, le départ de la vérité freudienne.
Dies bildet also in seiner Struktur das Wesentliche, den Ausgangspunkt der Freud’schen Wahrheit.
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Et c’est là, c’est à partir de là que tout désir possible est en quelque sorte obligé à cette sorte de détour irréductible, ce quelque chose de semblable à l’impossibilité dans le tore de la réduction du lacs sur certains cercles, qui fait que le désir doit inclure en lui ce vide, ce trou interne, spécifié dans ce rapport à la loi originelle.
Und hier, ausgehend von hier ist jedes mögliche Begehren in gewisser Weise zu dieser Art von irreduziblem Umweg gezwungen, zu etwas, das bei einigen Kreisen auf dem Torus der Unmöglichkeit der Reduktion der Schleife ähnelt, was dazu führt, dass das Begehren diese Leere einschließen muss, dieses innere Loch, das durch die Beziehung zum Urgesetz bestimmt ist.11
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N’oublions pas les pas que – pour fonder ce rapport premier autour de quoi, nous ne l’oublions que trop, sont pour Freud articulables, et seulement |{4} par là, toutes les Liebesbedingungen, toutes les déterminations de l’amour –, n’oublions pas les pas que dans la dialectique freudienne ceci exige : c’est dans ce rapport à l’autre, le père tué, au-delà de ce trépas, du meurtre originel, que se constitue cette forme suprême de l’amour.
Vergessen wir nicht die Schritte, die (um diese erste Beziehung zu begründen, um die herum für Freud, wie wir allzu oft vergessen, sämtliche Liebesbedingungen* artikulierbar sind und nur hierdurch) –, vergessen wir nicht die Schritte, die dies in der Freud’schen Dialektik erfordert, nämlich dass sich in der Beziehung zum anderen, zum getöteten Vater, jenseits dieses Übergangs in den Tod, des Urmordes, diese höchste Form der Liebe herausbildet.12
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C’est le paradoxe, non du tout dissimulé, même s’il est élidé par ce voile aux yeux, qui semble ici toujours accompagner de Freud la lecture – ce temps est inéliminable –, qu’après le meurtre du père surgit pour lui… même, si ceci ne nous est pas suffisamment expliqué, c’est assez pour que nous en retenions le temps comme essentiel dans ce qu’on peut appeler la structure mythique de l’œdipe …cet amour suprême pour le père, lequel fait justement de ce trépas du meurtre originel la condition de sa présence désormais absolue.
Das ist die Paradoxie, die keineswegs verheimlicht wird, auch wenn sie getilgt wird durch den Schleier vor den Augen, der die Freud-Lektüre hier stets zu begleiten scheint; dieses Moment lässt sich nicht eliminieren, dass nach der Ermordung des Vaters – auch wenn uns das nicht hinreichend erklärt wird, genügt es, um in dem, was man die mythische Struktur des Ödipuskomplexes nennen kann, dieses Moment als wesentlich festzuhalten –, dass also danach die höchste Liebe zum Vater entsteht, die das Überschreiten der Schwelle des Urmordes genau zur Bedingung für seine von nun an absolute Präsenz macht.
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La mort en somme, jouant ce rôle, se manifestait comme pouvant seule le fixer dans cette sorte de réalité, sans doute la seule comme absolument perdurable, d’être comme absent.
Indem der Tod diese Rolle spielte, zeigte er sich ja als das einzige, was den Vater in dieser Art von Realität fixieren konnte, zweifellos die einzige absolut dauerhafte, nämlich als abwesend zu sein.13
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Il n’y a nulle autre source à l’absoluité du commandement originel.
Für die Absolutheit des ursprünglichen Gebots gibt es keine andere Quelle
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Voilà où se constitue le champ commun dans lequel s’institue l’objet du désir, dans la position sans doute que nous lui connaissons déjà comme nécessaire au seul niveau imaginaire, à savoir une position tierce.
Hier bildet sich das gemeinsame Feld, in dem das Objekt des Begehrens entsteht, zweifellos in der Position, die wir ihm bereits auf der imaginären Ebene als notwendig zuerkennen, in einer Drittposition.
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La seule dialectique du rapport à l’autre en tant que transitif, dans le rapport imaginaire du stade du miroir, vous avait déjà appris qu’il constituait l’objet de l’intérêt humain comme lié à son semblable, l’objet a ici, par rapport à cette image qui l’inclut, qui est l’image de l’autre au niveau du stade du miroir, i(a).
Allein die Dialektik der Beziehung zum anderen als transitive Beziehung – in der imaginären Beziehung des Spiegelstadiums – hatte Sie bereits gelehrt, dass das Objekt des menschlichen Interesses darin als etwas gebildet wird, das an seinesgleichen gebunden ist, hier das Objekt a in Beziehung zu dem Bild, in dem es enthalten ist, und was das Bild des anderen auf der Ebene des Spiegelstadiums ist, i(a).14
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Mais cet intérêt n’est en quelque sorte qu’une forme : il est l’objet de cet intérêt neutre |{5} autour de quoi même toute la dialectique de l’enquête de Piaget peut s’ordonner, en mettant au premier plan ce rapport qu’il appelle de réciprocité, qu’il croit pouvoir conjoindre à une formule radicale du rapport logique.
Dieses Interesse ist jedoch gewissermaßen nur eine Form: es ist das Objekt des neutralen Interesses, um das herum sich sogar die gesamte Dialektik der Untersuchung von Piaget ordnen lässt, in welcher er diejenige Beziehung in den Vordergrund stellt, die er als Reziprozität bezeichnet und die er mit einer grundlegenden Formel der logischen Beziehung verbinden zu können glaubt.15
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C’est de cette équivalence, de cette identification à l’autre comme imaginaire que la ternarité du surgissement de l’objet s’institue, mais ce n’est qu’une structure insuffisante, partielle, et donc que nous devons retrouver, au terme, comme déductible de l’institution de l’objet du désir au niveau où ici et aujourd’hui je l’articule pour vous.
Ausgehend von dieser Äquivalenz, von der Identifizierung mit dem anderen als imaginärem anderen, entsteht dann die Dreiheit durch das Auftauchens des Objekts, allerdings ist dies nur eine unzureichende, partielle Struktur, die wir deshalb letztlich als etwas wiederfinden müssen, das sich ableiten lässt aus der Entstehung des Objekts des Begehrens auf der Ebene, auf der ich dies hier und heute für Sie darlege.
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Le rapport à l’Autre n’est point ce rapport imaginaire fondé sur la spécificité de la forme générique, puisque ce rapport à l’Autre y est spécifié par la demande, en tant qu’elle fait surgir de cet Autre, qui est l’Autre avec un grand A, son essentialité si je puis dire, dans la constitution du sujet, ou, pour reprendre la forme qu’on donne toujours au verbe inter-esser, son inter-essentialité au sujet.
Die Beziehung zum Anderen ist <hier> nicht etwa die imaginäre Beziehung, die auf der Spezifik der Gattungsgestalt beruht, denn diese Beziehung zum Anderen wird hier durch den Anspruch spezifiziert, insofern er aus diesem Anderen, also dem Anderen mit großem A, seine Essenzialität, wenn ich so sagen darf, für die Konstituierung des Subjekts hervorgehen lässt oder, um die Form aufzugreifen, die man dem Verb inter-essieren immer gibt, seine Inter-essenzialität für das Subjekt.16
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Le champ dont il s’agit ne saurait donc d’aucune façon être réduit au champ du besoin et de l’objet qui, pour la rivalité de ses semblables, peut à la limite s’imposer – car ce sera là la pente où nous irons trouver notre recours pour la rivalité dernière –, s’imposer comme objet de subsistance pour l’organisme.
Das Feld, um das es geht, kann also keinesfalls reduziert werden auf das Feld des Bedürfnisses und eines Objekts, das sich aufgrund der Rivalität unter seinesgleichen im Grenzfall aufdrängen kann – denn das wird die Richtung sein, auf die wir uns für die letzte Rivalität werden stützen können –, das sich dem Organismus als Objekt der Subsistenz aufdrängen kann.
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Cet autre champ que nous définissons et pour lequel est faite notre image du tore, est un autre champ : un champ de signifiant, champ de connotation de la présence et de l’absence, et où l’objet n’est plus objet de subsistance, mais d’ex-sistence du sujet.
Dieses andere Feld, das wir definieren und auf das sich unser Bild des Torus bezieht, ist ein andersartiges Feld, ein Signifikantenfeld, ein Feld der Konnotation von Anwesenheit und Abwesenheit, auf dem das Objekt nicht mehr ein Objekt der Subsistenz, sondern der Ex-sistenz des Subjekts ist.17
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Pour venir à le démontrer… il s’agit bien au dernier terme d’une certaine place d’ex-sistence du sujet, nécessaire, et que c’est là la fonction à quoi est élevé, amené le petit a de la rivalité première … |{6} nous avons devant nous le chemin qui nous reste à parcourir, de ce sommet où je vous ai amenés la dernière fois, de la dominance de l’autre dans l’institution du rapport frustrant.
Dafür, dies zu demonstrieren – letztlich handelt es sich ja um einen bestimmten notwendigen Platz von Ex-sistenz des Subjekts und darum, dass hier die Funktion ist, zu der das kleine a der ersten Rivalität erhoben wird, zu der es hingeführt wird –, dafür liegt der Weg, den wir zu gehen haben, vor uns, ausgehend von dem Gipfel, zu dem ich Sie letztes Mal geführt habe, dem der Dominanz des anderen bei der Herstellung der Frustrationsbeziehung.
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La seconde partie du chemin doit nous mener de la frustration à ce rapport à définir, ce qui constitue comme tel le sujet dans le désir, et vous savez que c’est là seulement que nous pourrons convenablement articuler la castration.
Der zweite Teil des Weges muss uns von der Frustration zu dieser noch zu definierenden Beziehung führen, durch die als solche das Subjekt im Begehren konstituiert wird, und Sie wissen, dass wir erst hier die Kastration auf angemessene Weise werden artikulieren können.
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Nous ne saurons donc au dernier terme ce que veut dire cette place d’ex-sistence que quand ce chemin sera achevé.
Was dieser Platz von Ex-sistenz bedeutet, werden wir also letztlich erst dann wissen, wenn dieser Weg zu Ende gebracht ist.
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Dès maintenant nous pouvons, nous devons même, rappeler (mais rappeler ici au philosophe le moins introduit à notre expérience) ce point singulier, à le voir si souvent se dérober à son propre discours, c’est qu’il y a bien une question, à savoir, ce pourquoi il faut que le sujet soit représenté – et j’entends au sens freudien: représenté par un représentant représentatif – comme exclu du champ même où il a à agir dans des rapports disons lewiniens avec les autres comme individus; qu’il faut, au niveau de la structure, que nous arrivions à rendre compte de pourquoi il est nécessaire qu’il soit représenté quelque part comme exclu de ce champ pour y intervenir, dans ce champ même.
Schon jetzt können wir, ja müssen wir sogar an diesen singulären Punkt erinnern (ein Erinnern, das sich hier jedoch an den Philosophen richtet, der mit unserer Erfahrung am wenigsten vertraut ist, da wir so oft sehen, wie er sich seinem eigenen Diskurs entzieht), nämlich daran, dass es tatsächlich eine Frage gibt, und zwar, warum das Subjekt auf diese Weise repräsentiert sein muss – und ich verstehe das im Freud’schen Sinne: durch eine Vorstellungsrepräsentanz repräsentiert sein muss –, nämlich als aus eben dem Feld ausgeschlossen, in dem es in, sagen wir, Lewin’schen Beziehungen zu den anderen als Individuen handeln muss; dass wir auf der strukturellen Ebene erklären können müssen, weshalb es notwendig ist, dass das Subjekt, um in eben dieses Feld einzugreifen, irgendwo als aus diesem Feld ausgeschlossen repräsentiert ist.18
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Car après tout, tous les raisonnements où nous entraîne le psychologue ou le psycho-sociologue dans sa définition de ce que j’ai appelé tout à l’heure un champ lewinien, ne se présentent jamais qu’avec une parfaite élision de cette nécessité : que le sujet soit, disons, en deux endroits topologiquement définis – à savoir : dans ce champ, mais aussi essentiellement exclu de ce champ –, et qu’il arrive à articuler quelque chose, et quelque chose qui se tient.
Denn schließlich werden sämtliche Überlegungen, zu denen uns der Psychologe oder Psychosoziologe hinführt, bei seiner Definition dessen, was ich eben ein Lewin’sches Feld genannt habe, immer nur unter vollkommener Ausblendung der Notwendigkeit präsentiert, dass sich das Subjekt sozusagen an zwei topologisch definierten Orten befindet, nämlich innerhalb dieses Feldes, zugleich jedoch aus diesem Feld wesenhaft ausgeschlossen, und dass es ihm gelingt, etwas zu artikulieren, und zwar etwas, das Bestand hat.19
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Tout ce qui, dans une pensée de la conduite |{7} de l’homme comme observable, arrive à se définir comme apprentissage, et à la limite objectivation de l’apprentissage, c’est-à-dire montage, forme un discours qui se tient, et qui jusqu’à un certain point, rend compte d’une foule de choses, sauf de ceci, qu’effectivement le sujet fonctionne non pas avec cet emploi simple, si je puis dire, mais dans un double emploi, lequel vaut tout de même qu’on s’y arrête et que, si fuyant qu’il se présente à nous, il est sensible de tellement de façons qu’il suffit, si je puis dire, de se pencher pour en ramasser les preuves.
All das, was – beim Nachdenken über das beobachtbare menschliche Verhalten – als Lernen definiert werden kann und im Grenzfall als Objektivierung des Lernens, das heißt als Montage <von Reiz und Reaktion>, bildet einen schlüssigen Diskurs, der bis zu einem bestimmten Punkt eine Menge von Dingen erklärt, der jedoch nicht erklärt, warum das Subjekt tatsächlich nicht in dieser einfachen Ausführung funktioniert, wenn ich so sagen darf, sondern in einer doppelten Ausführung, die es doch wert ist, dass wir uns damit befassen und die – so flüchtig sie sich uns auch zeigt – auf so viele Weisen spürbar ist, dass man sich, wenn ich so sagen darf, nur bücken muss, um die Beweise dafür einzusammeln.20
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Ce n’est point autre chose que j’essaie de vous faire sentir, chaque fois par exemple qu’incidemment je ramène les pièges de la double négation et que le « je ne sache pas que je veuille », n’est pas entendu de la même façon, je pense, que « je sais que je ne veux pas ».
Nichts anderes versuche ich, für Sie spürbar zu machen, jedes Mal beispielsweise wenn ich gelegentlich auf die Fallen der doppelten Negation zurückkomme sowie darauf, dass „ich wüsste nicht, dass ich will“ nicht auf dieselbe Weise verstanden wird, denke ich, wie „ich weiß, dass ich nicht will“.
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Réfléchissez sur ces petits problèmes jamais épuisés – car les logiciens de la langue s’y exercent, et leurs balbutiements sont là plus qu’instructifs – qu’aussi souvent qu’il y aura des paroles qui coulent, et même des écrivains qui laissent fluer les choses au bout de leur plume comme elles se parlent, on dira à quelqu’un – j’ai déjà insisté, mais on ne saurait trop y revenir – « vous n’êtes pas sans ignorer » pour lui dire : « vous savez bien, tout de même ! ».
Denken Sie über diese niemals ausgeschöpften kleinen Probleme nach (denn darin üben sich die Logiker der Sprache, und ihr Gestammel ist hier mehr als lehrreich), dass man (sobald es Worte gibt, die fließen, und sogar Schriftsteller, welche die Dinge so, wie sie gesprochen werden, aus der Feder fließen lassen), dass es vorkommen kann, dass man zu jemandem sagt (darauf habe ich bereits insistiert, man kann jedoch nicht oft genug darauf zurückkommen): „vous n’êtes pas sans ignorer“ (wörtlich übersetzt: „Sie sind nicht ohne zu ignorieren“), um ihm zu sagen: „Sie wissen es ganz genau!“.21
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Le double plan sur lequel joue ceci, est que cela va de soi.22
Die doppelte Ebene, auf der sich das abspielt, besteht darin, dass es selbstverständlich ist.
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Que quelqu’un écrive comme cela, et que c’est arrivé; cela m’a été rappelé récemment dans un de ces textes de Prévert, de quoi Gide s’étonnait : « Est-ce qu’il a voulu se moquer, ou sait-il bien ce qu’il écrit ? ».
Dass jemand so schreibt; und dass dies passiert ist, daran wurde ich kürzlich in einem dieser Texte von Prévert erinnert, über die Gide sich wunderte: „Wollte er sich lustig machen oder weiß er genau, was er schreibt?“
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Il n’a pas voulu se moquer : ça lui a coulé de la plume.
Er wollte sich nicht lustig machen, es ist ihm aus der Feder geflossen.
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Et toute la critique des logiciens ne fera pas qu’il nous |{8} advienne… pour peu que nous soyons engagés dans un véritable dialogue avec quelqu’un, à savoir qu’il s’agisse, d’une façon quelconque, d’une certaine condition essentielle à nos rapports avec lui – qui est celle à laquelle je pense arriver tout à l’heure –, qu’il est essentiel que quelque chose entre nous s’institue comme ignorance …que je glisserai à lui dire, si savant et si puriste que je sois : « vous n’êtes pas sans ignorer ».
Und all die Kritik der Logiker wird nicht dazu führen, dass es uns <nicht> passiert – sofern wir mit jemandem in einen wirklichen Dialog verwickelt sind, sodass es sich in irgendeiner Weise um eine bestimmte Bedingung handelt, die für unsere Beziehungen zu ihm wesentlich ist, und auf die ich, so denke ich, gleich kommen werde, nämlich dass es wesentlich ist, dass zwischen uns so etwas wie Nichtwissen (ignorance) entsteht –, dass ich ausrutsche und ihm sage, so gelehrt und puristisch ich auch sein mag: „Vous n’êtes pas sans ignorer“.23
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Le même jour où je vous en parlais ici, je me suis détourné de citer ce que je venais de lire dans Le Canard Enchaîné, à la fin d’un de ces morceaux de bravoure qui se poursuivent sous la signature d’André Ribaud, avec pour titre « La Cour » : « Il ne faut pas se décombattre » – dans un style pseudo saint-simonien, de même que Balzac écrivait une langue du XVIe siècle entièrement inventée par lui – « …de quelque défiance des rois ».
An dem Tag, an dem ich hier zu Ihnen darüber sprach, habe ich davon abgesehen, etwas zu zitieren, das ich gerade im Canard Enchaîné gelesen hatte, am Ende eines dieser Bravurstücke, die, mit der Unterschrift von André Ribaud, unter dem Titel Der Hof in Fortsetzung erscheinen: „Man sollte sich nicht entfehden“ – in einem pseudo-saint-simonistischen Stil, so wie Balzac eine Sprache des 16. Jahrhunderts schrieb, die er komplett erfunden hatte – „von einem gewissen Misstrauen gegen die Könige“.24
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Vous comprenez parfaitement ce que cela veut dire.
Sie verstehen sehr gut, was das bedeutet.
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Essayez de l’analyser logiquement, et vous voyez que cela dit exactement le contraire de ce que vous comprenez, et vous êtes naturellement tout à fait en droit de comprendre ce que vous comprenez, parce que c’est dans la structure du sujet.
Versuchen Sie, es logisch zu analysieren, und Sie werden sehen, dass es genau das Gegenteil von dem sagt, was Sie verstehen, und natürlich haben Sie völlig recht, zu verstehen, was Sie verstehen, denn das liegt in der Struktur des Subjekts.
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Le fait que les deux négations qui ici se superposent, non seulement ne s’annulent pas, mais bien effectivement se soutiennent, tient au fait d’une duplicité topologique qui fait que « il ne faut pas se décombattre » ne se dise pas sur le même plan, si je puis dire, où s’institue le « quelque défiance des rois ».
Die Tatsache, dass die beiden Negationen, die sich hier überlagern, sich nicht nur nicht gegenseitig aufheben, sondern sich sogar stützen, beruht auf dem Faktum einer topologischen Duplizität, die dazu führt, dass „il ne faut pas se décombattre“ („man sollte sich nicht entfehden“) nicht auf derselben Ebene gesagt wird, wenn ich so sagen darf, auf der das „quelque défiance des rois“ („von einem gewissen Misstrauen gegen die Könige“) ansetzt.25
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L’énonciation et l’énoncé, comme toujours, sont parfaitement séparables, mais ici leur béance éclate.
Wie immer lassen sich der Äußerungsvorgang und die Aussage vollkommen voneinander trennen, hier jedoch springt ihre Kluft deutlich auf.26
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{9} Si le tore comme tel peut nous servir, vous le verrez, de pont, s’il s’avère déjà suffisant à nous montrer en quoi consiste, une fois passé dans le monde ce dédoublement, cette ambiguïté du sujet, n’est-il pas bon aussi bien à cet endroit de nous arrêter sur ce qu’elle comporte d’évidence, cette topologie, et tout d’abord dans notre plus simple expérience, je veux dire celle du sujet ?
Wenn uns der Torus als solcher, wie Sie noch sehen werden, als Brücke dienen kann, wenn er sich bereits als ausreichend erweist, um uns zu zeigen, worin die Verdoppelung besteht, die Ambiguität des Subjekts, sobald es in die Welt gekommen ist, ist es dann an dieser Stelle nicht auch gut, uns ausführlicher mit dem zu befassen, was sie an Evidenz liefert, diese Topologie, und zunächst einmal in unserer einfachsten Erfahrung, ich meine der des Subjekts?27
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Quand nous parlons de l’engagement, est-il besoin de grands détours, de ceux qu’ici je vous fais franchir pour les besoins de notre cause, est-il besoin de grands détours aux moins initiés pour évoquer ceci : que s’engager implique déjà en soi l’image du couloir, l’image de l’entrée et de la sortie, et jusqu’à un certain point l’image de l’issue derrière soi fermée, et que c’est bien dans ce rapport à ce fermer l’issue que le dernier terme de l’image de l’engagement se révèle ?
Wenn wir von Engagement sprechen, braucht es da große Umwege, wie solche, die ich Ihnen hier für die Zwecke unserer Sache zumute, braucht es da für die weniger Initiierten wirklich große Umwege, um zu verdeutlichen, dass, sich zu engagieren / sich einzulassen, bereits das Bild eines Korridors mit sich führt, das Bild des Eingangs und des Ausgangs und bis zu einem bestimmten Punkt das Bild des Auswegs, der sich hinter einem schließt, und dass der letzte Bezugspunkt des Bildes des Engagements sich genau in dieser Beziehung offenbart: in diesem den Ausweg verschließen?28
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En faut-il beaucoup plus ?
Braucht es viel mehr?
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Et toute la littérature qui culmine dans l’œuvre de Kafka peut nous faire apercevoir qu’il suffit de retourner ce que, paraît-il, la dernière fois, je n’ai pas assez imagé en vous montrant cette forme particulière du tore sous la forme de la poignée dégagée d’un plan, le plan ne présentant ici que le cas particulier d’une sphère infinie élargissant un côté du tore.
Und die gesamte Literatur, die im Werk von Kafka gipfelt, kann uns vor Augen führen, dass es genügt, das umzudrehen, was ich Ihnen, wie es scheint, beim letzten Mal nicht anschaulich genug dargestellt habe, als ich Ihnen diese spezielle Form des Torus in Gestalt des aus einer Ebene herausragenden Henkels zeigte, wobei die Ebene hier nur den Sonderfall einer unendlichen Sphäre darstellt, durch welche eine Seite des Torus erweitert wird.29
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Abb. 2: Bild der Ebene mit Henkel und seine Umkehrung
Il suffit de faire basculer cette image, de la présenter le ventre en l’air et comme le champ terrestre où nous nous ébattons, pour nous montrer la raison même où l’homme se présente à nous comme ce qu’il fut, et peut-être ce qu’il reste : un animal de terrier, un animal de tore.
Es genügt, dieses Bild umzudrehen, es mit dem Bauch nach oben darstellen, wie das irdische Feld, auf dem wir uns tummeln, um uns zu zeigen, warum der Mensch sich uns als das darstellt, was er war und vielleicht immer noch ist: ein Tier in seinem Bau, ein Torustier.
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Toutes ces architectures ne sont tout de même pas sans quelque chose qui doive nous retenir, pour leurs affinités avec quelque chose qui doit |{10} bien aller plus loin que la simple satisfaction d’un besoin, pour une analogie dont il saute aux yeux qu’elle est irréductible, impossible à exclure de tout ce qui s’appelle pour lui intérieur et extérieur, et que l’un et l’autre débouchent l’un sur l’autre et se commandent.
All diese Architekturen haben jedoch etwas, das uns festhalten sollte, aufgrund ihrer Affinität zu etwas, das über die einfache Befriedigung eines Bedürfnisses hinausgehen muss, aufgrund einer Analogie, bei der es in die Augen springt, dass sie irreduzibel ist, dass es unmöglich ist, sie aus all dem auszuschließen, was sich bei ihm Innen und Außen nennt und dass beide ineinander münden und sich gegenseitig bestimmen.30
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Ce que j’ai appelé tout à l’heure le couloir, la galerie, le sous-terrain… Mémoires écrits du sous-terrain, intitule Dostoïevski, ce point extrême où il scande la palpitation de sa question dernière …est-ce là quelque chose qui s’épuise dans la notion d’instrument socialement utilisable ?
Was ich gerade den Korridor genannt habe, den Stollen, die Unterführung (sous-terrain) – Mémoires écrits du sous terrain, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, so betitelt Dostojewski diesen äußersten Punkt, an dem er das Pochen seiner letzten Frage skandiert –, ist das etwas, das sich im Begriff eines sozial nützlichen Werkzeugs erschöpft?31
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Bien sûr, comme nos deux tores, la fonction de l’agglomérat social et son rapport aux voies, en tant que leur anastomose simule quelque chose qui existe au plus intime de l’organisme, est pour nous un objet préfiguré d’interrogation.
Natürlich, für uns ist – wie unsere beiden Tori – die Funktion des sozialen Agglomerats und seine Beziehung zu den Wegen, insofern ihre Anastomose etwas simuliert, das im Innersten des Organismus existiert, ein naheliegender Gegenstand der Befragung.32
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Ce n’est pas notre privilège: la fourmi et le termite le connaissent, mais le blaireau dont nous parle Kafka dans son Terrier, n’est pas précisément, lui, un animal sociable.
Das ist nicht unser Vorrecht, die Ameise und die Termite kennen es, aber der Dachs, von dem Kafka uns in Der Bau erzählt, ist nicht gerade ein geselliges Tier.33
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Que veut dire ce rappel ? si ce n’est, pour nous, au point où nous avons à nous avancer, que : si ce rapport de structure est si naturel, qu’à condition d’y penser nous trouvions partout, et fort loin enfoncées, ses racines dans la structure des choses, le fait que, quand il s’agit que la pensée organise le rapport du sujet au monde, elle le méconnaisse au cours des âges si abondamment, pose justement la question de savoir pourquoi il y a là, si loin poussé, refoulement, disons à tout le moins, méconnaissance.
Was bedeutet dieser Hinweis, wenn nicht dies (für uns, an dem Punkt, an dem wir vorankommen müssen): dass, wenn diese strukturartige Beziehung so natürlich ist, dass wir ihre Wurzeln, wenn wir darüber nachdenken, tief eingegraben überall in der Struktur der Dinge finden, dann wirft die Tatsache, dass das Denken – wenn es darum geht, die Beziehung des Subjekts zur Welt zu organisieren – diese Beziehung im Laufe der Jahrhunderte so ausgiebig verkennt, genau die Frage auf, warum es hier eine so weitgehende Verdrängung gibt, sagen wir zumindest: eine so weitgehende Verkennung.34
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Ceci nous ramène à notre départ qui est celui du rapport à l’Autre, en tant que je l’ai appelé, fondé sur quelque leurre qu’il s’agit |{11} maintenant d’articuler bien ailleurs que ce rapport naturel, puisque aussi bien nous voyons combien à la pensée il se dérobe, combien la pensée le refuse.
Das bringt uns zu unserem Ausgangspunkt zurück, zur Beziehung zum Anderen, insofern ich sie als etwas bezeichnet habe, das auf einem Trugbild beruht, wobei es jetzt darum geht, sie anderswo zu artikulieren denn als diese natürliche Beziehung, da wir ja auch sehen, wie sehr sie sich dem Denken entzieht, wie sehr das Denken sie zurückweist.
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C’est d’ailleurs qu’il nous faut partir, et de la position de la question à l’Autre, de la question sur son désir et sa satisfaction.
Wir müssen von anderswo ausgehen, und zwar von der Stellung der Frage an den Anderen, von der Frage nach seinem Begehren und dessen Befriedigung.
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S’il y a leurre, il doit tenir quelque part à ce que j’ai appelé tout à l’heure la duplicité radicale de la position du sujet.
Wenn es ein Trugbild gibt, muss es irgendwo mit dem zu tun haben, was ich vorhin als radikale Duplizität der Position des Subjekts bezeichnet habe.35
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Et c’est ce que je voudrais vous faire sentir, au niveau propre alors du signifiant, en tant qu’il se spécifie de la duplicité de la position subjective, et un instant vous demander de me suivre sur quelque chose qui s’appelle, au dernier terme, la différence pour laquelle le graphe, auquel je vous ai tenu pendant un certain temps de mon discours attachés, est à proprement parler, forgé.
Und genau das möchte ich Sie spüren lassen, nun auf der Ebene, die für den Signifikanten charakteristisch ist, insofern sie durch die Duplizität der subjektiven Position gekennzeichnet ist, und Sie bitten, mir einen Moment lang bei etwas zu folgen, das letztlich als die Differenz bezeichnet wird, deretwegen der Graph, mit dem ich Sie während einer gewissen Zeit meines Diskurses festgehalten habe, eigentlich konstruiert worden ist.36
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Cette différence s’appelle différence entre le message et la question.
Diese Differenz nennt sich: Unterschied zwischen der Botschaft und der Frage.37
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Abb. 3: Eintragung des Graphen in die Ebene mit Henkel

Abb. 4: Graph des Begehrens
Ce graphe qui s’inscrirait si bien ici, dans la béance même par où le sujet se raccorde doublement au plan du discours universel, je vais y inscrire aujourd’hui les quatre points de concours qui sont ceux que vous connaissez :
– A,
– s(A) la signification du message en tant que c’est du retour venant de l’Autre du signifiant qui y réside,
– ici $ ◊ D, le rapport du sujet à la demande, en tant que s’y spécifie la pulsion,
– ici le S(Ⱥ), le signifiant de l’Autre, en tant que l’Autre au dernier terme ne peut se formaliser, se significantiser que comme marqué lui-même par le signifiant, autrement dit en tant qu’il nous impose la renonciation à tout métalangage.
Dieser Graph, der hier so gut in genau die Kluft eingeschrieben werden könnte, durch die das Subjekt in doppelter Weise mit der Ebene des universalen Diskurses verbunden ist – heute werde ich hier die vier Überschneidungspunkte eintragen, also diejenigen, die Sie kennen:
– A,
– s(A), die Bedeutung der Botschaft, insofern sie auf der Rückkehr des Signifikanten des Anderen beruht, der dort [in A] angesiedelt ist,
– hier: $◊D, die Beziehung des Subjekts zum Anspruch, insofern hier der Trieb spezifiziert wird,
– hier: das S(Ⱥ), der Signifikant des Anderen, insofern der Andere letztlich nur formalisiert oder signifikantisiert werden kann insofern er selbst vom Signifikanten markiert ist, anders gesagt, insofern er uns den Verzicht auf jede Metasprache aufnötigt.
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La béance qu’il s’agit |{12} ici d’articuler se suspend tout entière en la forme où, au dernier terme, cette demande à l’Autre de répondre, alterne, se balance en une suite de retours entre le « rien peut-être ? » et le « peut-être rien ».
Die Kluft, die es hier zu artikulieren gilt, ist gänzlich in einer Form aufgespannt, in der letztlich der Anspruch an den Anderen, zu antworten, in einer wiederkehrenden Folge zwischen dem „nichts vielleicht?“ und dem „vielleicht nichts“ wechselt und pendelt.38
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Abb. 5a: „peut-être rien“
C’est ici [Abb. 5a] un message.

Abb. 5b: „vielleicht nichts“
Was wir hier haben [Abb. 5b], ist eine Botschaft.
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Il s’ouvre sur ce qui nous est apparu comme l’ouverture constituée par l’entrée d’un sujet dans le réel.
Sie öffnet sich auf das hin, was uns als die Öffnung erschien, die durch den Eintritt eines Subjekts in das Reale gebildet wird.39
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Nous sommes ici en accord avec l’élaboration la plus certaine du terme de possibilité : Möglichkeit : ce n’est pas du côté de la chose qu’est le possible, mais du côté du sujet.
Wir stimmen hier mit der zuverlässigsten Ausarbeitung des Begriffs der Möglichkeit* überein: das Mögliche ist nicht auf der Seite der Sache, sondern auf der Seite des Subjekts.40
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Le message s’ouvre sur le terme de l’éventualité constituée par une attente dans la situation constituante du désir, telle que nous tentons ici de la serrer.
Die Botschaft öffnet sich auf den Terminus der Eventualität hin, die durch eine Erwartung in der konstituierenden Situation des Begehrens gebildet wird, so wie wir sie hier zu fassen versuchen.41
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« Peut-être » : la possibilité est antérieure à ce nominatif « rien » qui, à l’extrême, prend valeur de substitut de la positivité.
„Vielleicht“: die Möglichkeit geht diesem nominativen „nichts“ voraus, das im Extremfall den Wert eines Ersatzes für die Positivität annimmt.42
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C’est un point, et un point c’est tout.
Das ist ein Punkt <des Graphen> und nicht mehr als ein Punkt.43
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La place du trait unaire est là réservée dans le vide qui peut répondre à l’attente du désir.
Der Platz des unären Zugs befindet sich hier in der Leere, die auf die Erwartung des Begehrens antworten kann.44
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Abb. 6a: „rien peut-être“
C’est tout autre chose que la question en tant qu’elle s’articule : « Rien peut-être ? » [Abb. 6a], que le « peut-être », au niveau de la demande mise en question – qu’est–ce que je veux, parlant à l’Autre ? –, que le « peut-être » [qui] vient ici en position homologique à ce qui, au niveau du message, constituait la réponse éventuelle.
Abb. 6b: „nichts vielleicht?“45
Das ist etwas ganz anderes als die Frage, insofern sie mit „nichts vielleicht?“ artikuliert wird [Abb. 6b], etwas anderes als das „vielleicht“ auf der Ebene des in Frage gestellten Anspruchs – was will ich, wenn ich zum Anderen spreche? –, etwas anderes als das „vielleicht“, das hier in eine Position gelangt, die zu derjenigen homolog ist, durch die auf der Ebene der Botschaft die eventuelle Antwort gebildet wurde.46
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« Peut-être rien », c’est la première formulation du message.
„Vielleicht nichts“, das ist die erste Formulierung der Botschaft.
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« Peut-être: rien », ce peut être une réponse, mais est-ce la réponse à la question « rien peut-être ? » ?
„Vielleicht: nichts“, das kann eine Antwort sein, aber ist das die Antwort auf die Frage „Nichts vielleicht?“?47
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Justement pas !
Gerade nicht!48
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Ici, l’énonciatif « rien », comme posant la possibilité du non lieu de conclure, d’abord, comme antérieur à la cote d’existence, à la puissance d’être, cet énonciatif au niveau de la question prend toute sa valeur d’une substantification |{13} du néant de la question elle-même.
Hier nimmt die Äußerungspartikel „nichts“ – insofern sie die Möglichkeit, dass es nicht zu einem Ergebnis kommt, an den Anfang stellt, als etwas, das dem Existenzgrad, der Seinsstärke vorausgeht –, hier, auf der Ebene der Frage, erhält diese Äußerungspartikel ihren ganzen Wert, den einer Substantivierung des Nichts der Frage selbst.49
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La phrase « rien peut-être ? » s’ouvre, elle, sur la probabilité que rien ne la détermine comme question, que rien ne soit déterminé du tout, qu’il reste possible que rien ne soit sûr ; qu’il est possible qu’on ne puisse pas conclure, si ce n’est par le recours à l’antériorité infinie du Procès kafkaïen, qu’il y ait pure subsistance de la question avec l’impossibilité de conclure.
Der Satz „nichts vielleicht?“ eröffnet sich zur Wahrscheinlichkeit, dass nichts ihn als Frage bestimmt, dass nichts überhaupt bestimmt ist, dass es möglich bleibt, dass nichts sicher ist, dass es möglich ist, dass man nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen kann, außer im Rückgriff auf die unendliche Vorgängigkeit des Kafka’schen Prozesses, dass es ein reines Fortbestehen der Frage gibt, mit der Unmöglichkeit, zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.
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Seule l’éventualité du réel permet de déterminer quelque chose, et la nomination du néant de la pure subsistance de la question, voilà ce à quoi, au niveau de la question elle-même, nous avons affaire.
Einzig die Eventualität des Realen erlaubt es, etwas zu bestimmen, und die Benennung des reinen Fortbestehens der Frage als Nichts, damit haben wir es auf der Ebene der Frage selbst zu tun.50
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« Peut-être rien » pouvait être, au niveau du message une réponse, mais le message n’était justement pas une question.
„Vielleicht nichts“ konnte, auf der Ebene der Botschaft, eine Antwort sein, aber die Botschaft war gerade keine Frage.
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« Rien peut-être ? », au niveau de la question, ne donne qu’une métaphore, à savoir que la puissance d’être est de l’au-delà.
„Nichts vielleicht?“, auf der Ebene der Frage, liefert nur eine Metapher, nämlich dass die Seinsstärke jenseits liegt.51
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Toute éventualité y a disparu déjà, et toute subjectivité aussi.
Jede Eventualität ist hier bereits verschwunden und ebenso jede Subjektivität.52
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Il n’y a qu’effet de sens, renvoi du sens au sens à l’infini, à ceci près que pour nous, analystes, nous nous sommes habitués par expérience à structurer ce renvoi sur deux plans et que c’est cela qui change tout.
Es gibt nur Sinneffekt, unendliche Verweisung von Sinn auf Sinn, bis auf dies, dass wir Analytiker uns durch Erfahrung daran gewöhnt haben, diese Verweisung auf zwei Ebenen zu strukturieren und dass dies alles ändert.53
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À savoir que la métaphore pour nous est condensation, ce qui veut dire deux chaînes et qu’elle fait, la métaphore, son apparition de façon inattendue au beau milieu du message, qu’elle devient aussi message au milieu de la question… que la question « famille » commence à s’articuler, et que surgit au beau milieu le « million » du « millionnaire »… que l’irruption de la question dans le message se fait en ceci qu’il nous est révélé que le message se manifeste au beau milieu de la question ; qu’il se fait jour sur le chemin où nous sommes appelés à la vérité ; que c’est |{14} à travers notre question de vérité, j’entends: la question même, et non pas dans la réponse à la question – que le message se fait jour.
Dass nämlich die Metapher für uns Verdichtung ist, das heißt zwei Ketten, und dass sie, die Metapher, unerwartet mitten in der Botschaft auftaucht, dass sie außerdem mitten in der Frage zur Botschaft wird – dass die Frage „Familie“ artikuliert zu werden beginnt und dass mittendrin die „Million“ des „Millionärs“ auftaucht –, dass das Einbrechen der Frage in die Botschaft darin besteht, dass uns enthüllt wird, dass die Botschaft sich mitten in der Frage manifestiert; dass die Botschaft auf dem Weg ans Licht kommt, auf dem wir zur Wahrheit gerufen sind, dass vermittels unserer Frage nach der Wahrheit – ich meine durch die Frage selbst und nicht in der Antwort auf die Frage – die Botschaft ans Licht kommt.54
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C’est donc en ce point précis, précieux pour l’articulation de la différence de l’énonciation à l’énoncé, qu’il nous fallait un instant nous arrêter.
Genau an diesem Punkt also, der für die Artikulation des Unterschieds zwischen dem Äußerungsvorgang und der Aussage wertvoll ist, mussten wir einen Moment lang innehalten.55
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Cette possibilité du rien, si elle n’est pas préservée, c’est ce qui nous empêche de voir – malgré cette omniprésence qui est au principe de toute articulation possible proprement subjective – cette béance, qui est également très précisément incarnée dans le passage du signe au signifiant, où nous voyons apparaître ce qu’est ce qui distingue le sujet dans cette différence.
Wenn die Möglichkeit des nichts nicht festgehalten wird, hindert uns das daran – trotz dieser Allgegenwart, die den Ursprung jeder möglichen eigentlich subjektiven Artikulation bildet –, diese Kluft zu sehen, die ebenso durch den Übergang des Zeichens zum Signifikanten sehr genau verkörpert wird, wo wir das erscheinen sehen, was in dieser Differenz das Subjekt auszeichnet.
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Est-il signe en fin de compte, lui, ou signifiant ?
Ist dieses nun letztendlich Zeichen oder Signifikant?
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Signe.
Zeichen.
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Signe de quoi ?
Zeichen von was?
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Il est justement le signe de rien.
Es ist genau das Zeichen von nichts.
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Si le signifiant se définit comme représentant le sujet auprès d’un autre signifiant – renvoi indéfini des sens –, et si ceci signifie quelque chose, c’est parce que le signifiant signifie auprès de l’autre signifiant cette chose privilégiée qu’est le sujet en tant que rien.
Wenn der Signifikant so definiert wird, dass er bei einem anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert – unendliche Verweisung des Sinns –, und wenn dies etwas bedeutet, dann deshalb, weil der Signifikant bei dem anderen Signifikanten dieses besondere Ding bedeutet, nämlich das Subjekt als nichts.56
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C’est ici que notre expérience nous permet de mettre en relief la nécessité de la voie par où se supporte aucune réalité dans la structure identifiable en tant qu’elle est celle qui nous permet de poursuivre notre expérience.
Hier ermöglicht es uns unsere Erfahrung, die Notwendigkeit des Weges hervorzuheben, durch den jegliche Realität in der Struktur gestützt wird, welche identifizierbar ist als eine solche, die es uns gestattet, unsere Erfahrung voranzutreiben.
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L’Autre ne répond donc rien, si ce n’est que rien n’est sûr, mais ceci n’a qu’un sens, c’est qu’il y a quelque chose dont il ne veut rien savoir, et très précisément de cette question.
Der Andere antwortet also nichts, außer, dass nichts sicher ist, aber das hat nur eine Bedeutung, nämlich dass es etwas gibt, wovon er nichts wissen will, und zwar genau von dieser Frage.57
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À ce niveau, l’impuissance de l’Autre s’enracine dans un impossible, qui est bien le même, sur la voie |{15} duquel nous avait déjà conduit la question du sujet.
Auf dieser Ebene wurzelt das Unvermögen des Anderen in einem Unmöglichen, dasselbe Unmögliche wie das, auf dessen Weg uns bereits die Frage des Subjekts geführt hatte.58
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« Pas possible » était ce vide où venait surgir dans sa valeur divisante le trait unaire.
„Nicht möglich“ war diese Leere, in welcher der unäre Zug in seiner spaltenden Bedeutung aufzutauchen pflegte.59
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Ici nous voyons cet impossible prendre corps, et conjoindre ce que nous avons vu tout à l’heure être défini par Freud de la constitution du désir dans l’interdiction originelle.
Hier sehen wir, wie dieses Unmögliche Gestalt annimmt und sich mit dem verbindet, wovon wir vorhin gesehen haben, wie es von Freud als Konstituierung des Begehrens im ursprünglichen Verbot definiert wird.60
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L’impuissance de l’Autre à répondre tient à une impasse, et cette impasse, nous la connaissons, s’appelle la limitation de son savoir.
Das Unvermögen des Anderen zu antworten beruht auf einer Sackgasse, und diese Sackgasse, wir kennen sie, nennt sich: Begrenztheit seines Wissens.61
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« Il ne savait pas qu’il était mort », qu’il n’est parvenu à cette absoluité de l’Autre que par la mort non acceptée mais subie, et subie par le désir du sujet.
„Er wusste nicht, dass er tot war“, dass er die Absolutheit des Anderen nur durch den nicht akzeptierten, sondern erlittenen Tod erreicht hat, erlitten durch das Begehren des Subjekts.62
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Cela, le sujet le sait si je puis dire : que l’Autre ne doive pas le savoir, que l’Autre demande à ne pas savoir.
Dies weiß das Subjekt, wenn ich so sagen darf: dass der Andere es nicht wissen soll, dass der Andere beansprucht, nicht zu wissen.63
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Abb. 7: Darstelllung des exklusiven Oder durch ein Venn-Diagramm64
C’est là la part privilégiée dans ces deux demandes non confondues, celle du sujet et celle de l’Autre, c’est que justement le désir se définit comme l’intersection de ce qui dans les deux demandes est à ne pas dire.
Das ist hier der spezielle Bereich in diesen beiden nicht miteinander vermengten Ansprüchen, dem des Subjekts und dem des Anderen, nämlich dass das Begehren genau als Schnittmenge dessen definiert wird, was in den beiden Ansprüchen ungesagt bleiben muss.
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C’est seulement à partir de là que se libèrent les demandes formulables partout ailleurs que dans le champ du désir.
Nur ausgehend von hier werden die Ansprüche freigesetzt, die überall außer im Feld des Begehrens formuliert werden können.
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Abb. 8: Zwei ineinandergreifende Tori mit $ und A
Le désir ainsi se constitue d’abord, de sa nature, comme ce qui est caché à l’Autre par structure.
Somit konstituiert sich das Begehren seiner Natur nach zuerst als das, was dem Anderen strukturell verborgen ist.
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C’est l’impossible à l’Autre justement qui devient le désir du sujet.
Es ist genau das dem Anderen Unmögliche, das zum Begehren des Subjekts wird.
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Le désir se constitue comme la partie de la demande qui est cachée à l’Autre.
Das Begehren konstituiert sich als der Teil des Anspruchs, der dem Anderen verborgen ist.65
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Cet Autre qui ne garantit rien, justement en tant qu’Autre, en tant que lieu de la parole, c’est là qu’il prend son incidence édifiante: il devient le voile, la couverture, le principe d’occultation de la place même du désir, et c’est là que l’objet va se mettre à couvert.
Hier bekommt der Andere, der – genau als Anderer, als Ort des Sprechens – nichts garantiert, seine erbauliche Wirkung, er wird zum Schleier, zur Verdeckung, zur Quelle der Verdunkelung des Platzes des Begehrens selbst, und hier wird sich das Objekt verstecken.
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Que s’il y a une existence qui se |{16} constitue d’abord, c’est celle-là, et qu’elle se substitue à l’existence du sujet lui-même, puisque le sujet, en tant que suspendu à l’Autre, reste également suspendu à ceci que du côté de l’Autre rien n’est sûr, sauf justement qu’il cache, qu’il couvre quelque chose qui est cet objet, cet objet qui n’est encore « peut-être rien » en tant qu’il va devenir l’objet du désir.
Wenn es also eine Existenz gibt, die sich zuerst konstituiert, dann ist es diese hier, und sie tritt an die Stelle der Existenz des Subjektes selbst, da das Subjekt, insofern es vom Anderen abhängt, ebenso davon abhängig bleibt, dass auf der Seite des Anderen nichts sicher ist, außer eben, dass er etwas verbirgt, etwas verdeckt, und zwar dieses Objekt, das Objekt, welches noch „vielleicht nichts“ ist, insofern es zum Objekt des Begehrens werden wird.66
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L’objet du désir existe comme ce rien même dont l’Autre ne peut savoir que c’est tout ce en quoi il consiste.
Das Objekt des Begehrens existiert als eben dieses nichts, wovon der Andere nicht wissen kann, dass dies alles ist, woraus es besteht.67
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Ce rien en tant que caché à l’Autre prend consistance : il devient l’enveloppe de tout objet devant quoi la question même du sujet s’arrête, pour autant que le sujet, alors, ne devient plus qu’imaginaire.
Dieses nichts, insofern es dem Anderen verborgen ist, gewinnt Konsistenz, es wird zur Hülle für jedes Objekt, vor dem die eigentliche Frage des Subjekts zu einem Halt kommt, da das Subjekt dann nur noch imaginär ist.68
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La demande est libérée de la demande de l’Autre dans la mesure où le sujet exclut ce non-savoir de l’Autre.
Der Anspruch wird in dem Maße vom Anspruch des Anderen befreit, in dem das Subjekt dieses Nichtwissen des Anderen ausschließt.69
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Mais il y a deux formes possibles d’exclusion :
Es gibt jedoch zwei mögliche Formen des Ausschlusses.
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« Je m’en lave les mains de ce que vous savez ou de ce que vous ne savez pas, et j’agis ».
„Ich kann nichts dafür, was Sie wissen oder nicht wissen, und ich handle.“
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« Vous n’êtes pas sans ignorer » veut dire à quel point je m’en moque que vous sachiez ou que vous ne sachiez pas.
„Sie sind nicht ohne zu ignorieren“ bedeutet, dass mir völlig egal ist, ob Sie wissen oder ob Sie nicht wissen.
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Mais il y a aussi l’autre façon : « il faut absolument que vous sachiez » et c’est la voie que choisit le névrosé, et c’est pour cela qu’il est si je puis dire, désigné d’avance comme votre victime.
Es gibt aber noch den anderen Modus: „Sie müssen unbedingt wissen“, und das ist der Weg, den der Neurotiker wählt, und aus diesem Grunde ist er, wenn ich so sagen darf, von vornherein dazu bestimmt, Ihr Opfer zu sein.
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La bonne façon pour le névrosé de résoudre le problème de ce champ du désir en tant que constitué par ce champ central des demandes, qui justement se recoupent et pour ça doivent être exclues, c’est que lui, il trouve que la bonne façon c’est que vous sachiez.
Für den Neurotiker besteht die richtige Art und Weise, das Problem dieses Feldes des Begehrens zu lösen – insofern es durch das zentrale Feld der Ansprüche gebildet wird, die sich ja überschneiden und deshalb ausgeschlossen werden müssen –, darin, dass er findet, dass die richtige Art und Weise darin besteht, dass Sie wissen.
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S’il n’en était pas ainsi, il ne ferait pas de psychanalyse.
Wäre es anders, wäre er nicht in Psychoanalyse.
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Qu’est-ce que fait l’Homme aux Rats en se levant la nuit comme |{17} Théodore ?
Was tut der Rattenmann, wenn er, wie Theodor, nachts aufsteht?70
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Il se traîne en savates vers le couloir pour ouvrir la porte au fantôme de son père mort pour lui montrer quoi ? qu’il est en train de bander.
Er schlurft in Pantoffeln zum Hausflur, um dem Gespenst seines toten Vaters die Tür zu öffnen – um ihm was zu zeigen? dass er gerade einen Ständer hat.71
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Est-ce que ce n’est pas là la révélation d’une conduite fondamentale ?
Ist das nicht die Enthüllung eines grundlegenden Verhaltens?
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Le névrosé veut que, faute de pouvoir, puisqu’il appert que l’Autre ne peut rien, à tout le moins il sache.
Der Neurotiker will, dass der Andere – wenn er schon nicht kann, denn es ist offenbar, dass der Andere nichts kann – zumindest weiß.72
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Je vous ai parlé tout à l’heure d’engagement : le névrosé, contrairement à ce qu’on croit, est quelqu’un qui s’engage comme sujet.
Vorhin habe ich zu Ihnen vom Engagement gesprochen; im Gegensatz zu dem, was man annimmt, ist der Neurotiker jemand, der sich als Subjekt engagiert.73
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Il se ferme à l’issue double du message et de la question, il se met lui-même en balance pour trancher entre le « rien peut-être ? » et le « peut-être rien », il se pose comme réel en face de l’Autre, c’est-à-dire comme impossible.
Er verschließt sich dem doppelten Ausgang der Botschaft und der Frage, er wirft sich selbst in die Waagschale, um zwischen dem „nichts vielleicht?“ und dem „vielleicht nichts“ zu entscheiden, er stellt sich als real dem Anderen gegenüber, das heißt als unmöglich.74
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Sans doute ceci vous apparaîtra mieux, de savoir comment ça se produit.
Das wird für Sie sicherlich klarer, wenn Sie wissen, wie es zustande kommt.
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Ce n’est pas pour rien qu’aujourd’hui j’ai fait surgir cette image du Théodore freudien dans son exhibition nocturne et fantasmatique, c’est qu’il y a bien quelque medium, et pour mieux dire, quelque instrument à cette incroyable transmutation de l’objet du désir à l’existence du sujet, et que c’est justement le phallus.
Es ist kein Zufall, dass ich heute das Bild des Freud’schen Theodors ins Spiel gebracht habe, mit seiner nächtlichen phantasmatischen Exhibition, denn das heißt, dass es für diese unglaubliche Umwandlung des Objekts des Begehrens in die Existenz des Subjekts durchaus ein bestimmtes Medium gibt, besser gesagt, ein bestimmtes Instrument, und dass eben dies der Phallus ist.75
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Mais ceci est réservé pour notre prochain propos.
Aber das ist für unseren nächsten Vortrag reserviert.
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Aujourd’hui je constate simplement que, phallus ou pas, le névrosé arrive dans le champ comme ce qui, du réel, se spécifie comme impossible.
Heute stelle ich einfach fest, dass – ob Phallus oder nicht – der Neurotiker in das Feld gelangt als das, was vom Realen als unmöglich spezifiziert wird.
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Ça n’est pas exhaustif, car cette définition nous ne pourrons pas l’appliquer à la phobie.
Das ist nicht erschöpfend, denn auf die Phobie werden wir diese Definition nicht anwenden können.76
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Nous ne pourrons le faire que la prochaine fois, mais nous pouvons très bien l’appliquer à l’obsessionnel.
Das werden wir erst beim nächsten Mal tun können, wir können es jedoch <bereits jetzt> sehr gut auf den Zwangsneurotiker anwenden.
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Vous ne comprendrez rien à l’obsessionnel si vous ne vous souvenez pas de cette dimension qu’il incarne, lui l’obsessionnel, en ceci qu’il est en trop, c’est sa forme de l’impossible à lui, et que dès qu’il essaie |{18} de sortir de sa position embusquée d’objet caché, il faut qu’il soit l’objet de nulle part.
Sie werden nichts vom Zwangsneurotiker verstehen, wenn Sie sich nicht an die Dimension erinnern, die er, der Zwangsneurotiker, verkörpert, insofern er zu viel ist, das ist die ihm eigene Form des Unmöglichen, und dass er, sobald er versucht, aus seinem Versteck als verborgenes Objekts herauszukommen, dass er dann das Objekt von nirgendwo sein muss.
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D’où cette espèce d’avidité presque féroce chez l’obsessionnel, d’être celui qui est partout pour n’être justement nulle part.
Von daher beim Zwangsneurotiker diese fast wilde Gier, derjenige zu sein, der überall ist – um gerade nirgendwo zu sein.
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Le goût d’ubiquité de l’obsessionnel est bien connu, et faute de le repérer vous ne comprendrez rien à la plupart de ses comportements.
Der Hang des Zwangsneurotikers zur Allgegenwart ist bekannt, und wenn Sie ihn nicht erkennen, werden Sie von den meisten seiner Verhaltensweisen nichts begreifen.77
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La moindre des choses, puisqu’il ne peut pas être partout, c’est d’être en tous les cas en plusieurs endroits à la fois, c’est-à-dire qu’en tout cas, nulle part on ne puisse le saisir.
Da er nicht überall sein kann, ist es jedenfalls das Mindeste, dass er an mehreren Orten zugleich ist, was auf jeden Fall heißt, dass man ihn nirgendwo fassen kann.78
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L’hystérique a un autre mode, qui est le même bien sûr puisque la racine de celui-ci, quoique moins facile, moins immédiat à comprendre… l’hystérique aussi peut se poser comme réel en tant qu’impossible, alors son truc, c’est que cet impossible subsistera si l’Autre l’admet comme signe.
Die Hysterikerin hat einen anderen Modus, der natürlich derselbe ist, da er dessen Wurzel ist, auch wenn er weniger leicht, weniger unmittelbar zu verstehen ist. Auch die Hysterikerin kann sich als real im Sinne von unmöglich darstellen, wobei ihr Trick darin besteht, dass dieses Unmögliche dann Bestand haben wird, wenn der Andere sie als Zeichen akzeptiert.79
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L’hystérique se pose comme signe de quelque chose à quoi l’Autre pourrait croire, mais pour constituer ce signe elle est bien réelle, et il faut à tout prix que ce signe s’impose et marque l’Autre.
Die Hysterikerin präsentiert sich als Zeichen von etwas, woran der Andere glauben könnte; jedoch, auch wenn sie dieses Zeichen bildet, ist sie doch höchst real, und dieses Zeichen muss sich um jeden Preis aufzwingen und den Anderen markieren.80
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Voici donc où aboutit cette structure, cette dialectique fondamentale, tout entière reposant sur la défaillance dernière de l’Autre en tant que garantie du sûr.
Das also ist es, worauf diese Struktur hinausläuft, diese grundlegende Dialektik, die gänzlich auf dem endgültigen Scheitern des Anderen als Garantie des Sicheren beruht.
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La réalité du désir s’y institue et y prend place par l’intermédiaire de quelque chose dont nous ne signalerons jamais assez le paradoxe, la dimension du caché, c’est-à-dire la dimension qui est bien la plus contradictoire que l’esprit puisse construire dès qu’il s’agit de la vérité :
Hier stellt sich – durch Vermittlung von etwas, dessen Paradoxie wir niemals genug betonen können – die Realität des Begehrens her und nimmt hier ihren Platz ein, durch die Dimension des Verborgenen, das heißt durch die Dimension, die wohl die widersprüchlichste ist, die der Geist konstruieren kann, wenn es um die Wahrheit geht.81
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Quoi de plus naturel à l’introduction de ce champ de la vérité si ce n’est la position d’un Autre |{19} omniscient ? au point que le philosophe le plus aigu, le plus acéré, ne peut faire tenir la dimension même de la vérité, qu’à supposer que c’est cette science de celui qui sait tout qui lui permet de se soutenir.82
Was ist bei der Einführung dieses Feldes der Wahrheit natürlicher als die Setzung eines allwissenden Anderen? So sehr, dass der scharfsinnigste, der präziseste Philosoph die Dimension der Wahrheit eben nur dadurch stützen kann, dass er annimmt, dass das, was es ihr ermöglicht, sich aufrecht zu halten, das Wissen desjenigen ist, der alles weiß.83
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Et pourtant rien de la réalité de l’homme, rien de ce qu’il quête ni de ce qu’il suit ne se soutient que de cette dimension du caché, en tant que c’est elle qui infère la garantie qu’il y a un objet bien existant, et qu’elle donne par réflexion cette dimension du caché.
Und dennoch, nichts von der Realität des Menschen, nichts von dem, was er sucht, noch von dem, was er verfolgt, wird auf andere Weise aufrechterhalten als durch diese Dimension des Verborgenen, da sie es ist, woraus sich die Garantie herleitet, dass es ein tatsächlich existierendes Objekt gibt, und dass sie, durch Reflexion, diese Dimension des Verborgenen liefert.84
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En fin de compte c’est elle qui donne sa seule consistance à cette Autre problématique : la source de toute foi, et de la foi en Dieu éminemment, est bien ceci que nous nous déplaçons dans la dimension même de ce que, bien que le miracle de ce qu’il doit tout savoir lui donne en somme toute sa subsistance, nous agissons comme si toujours, les neuf dixièmes de nos intentions, il n’en savait rien.
Letztendlich ist sie es, die diesem problematischen Anderen seine einzige Konsistenz verleiht: Die Quelle jeglichen Glaubens und vor allem des Glaubens an Gott ist ja dies, dass wir uns in eben der Dimension bewegen, dass wir immer so handeln – obwohl das Wunder, dass er alles wissen soll, letztlich sein ganzes Bestehen sichert –, als ob er über neun Zehntel unserer Absichten nichts wüsste.85
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« Pas un mot à la Reine Mère » : tel est le principe sur lequel toute constitution subjective se déploie et se déplace.
„Kein Wort an die Königinmutter“, das ist das Prinzip, gemäß dem sich jede Konstituierung des Subjekts entfaltet und verschiebt.86
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Est-ce qu’il n’est pas possible que se conçoive une conduite à la mesure de ce véritable statut du désir, et est-ce qu’il est même possible que nous ne nous apercevions pas que rien, pas un pas de notre conduite éthique ne peut, malgré l’apparence, malgré le bavardage séculaire du moraliste, se soutenir sans un repérage exact de la fonction du désir ?
Ist es nicht möglich, ein Verhalten zu entwickeln, dass diesem wahren Status des Begehrens gerecht wird, und ist es überhaupt möglich, dass wir nicht wahrnehmen, dass nichts, kein Schritt unseres ethischen Verhaltens – trotz des Anscheins, trotz des uralten Geschwätzes des Moralisten –, ohne eine genaue Erkundung der Funktion des Begehrens Bestand haben kann?
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Est-il possible que nous nous contentions d’exemples aussi dérisoires que celui de Kant quand, pour nous révéler la dimension irréductible de la raison pratique, il nous donne comme exemple que l’honnête homme, même au comble du bonheur, ne sera pas sans au moins un instant mettre |{20} en balance qu’il renonce à ce bonheur pour ne pas porter contre l’innocence un faux témoignage au bénéfice du tyran?
Ist es möglich, dass wir uns mit so lächerlichen Beispielen wie dem von Kant zufrieden geben, wenn er, um uns die irreduzible Dimension der praktischen Vernunft zu verdeutlichen, als Beispiel anführt, dass der ehrliche Mann selbst auf dem Höhepunkt seines Glücks zumindest einen Moment lang abwägen wird, ob er dieses Glück aufgibt, damit er nicht, zum Vorteil des Tyrannen, gegen die Unschuld ein falsches Zeugnis ablegt?87
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Exemple absurde, car à l’époque où nous vivons, mais aussi bien à celle de Kant, est-ce que la question n’est pas tout à fait ailleurs ?
Absurdes Beispiel, denn in der Epoche, in der wir leben, aber auch in der von Kant, stellt sich die Frage da nicht ganz woanders?
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Car le juste va balancer, oui, à savoir si pour préserver sa famille il doit porter ou non un faux témoignage.
Denn der Gerechte wird abwägen, das stimmt, nämlich ob er, um seine Familie zu erhalten, ein falsches Zeugnis ablegen soll oder nicht.
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Mais qu’est-ce que cela veut dire ?
Aber was bedeutet das?
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Est-ce que cela veut dire que s’il donne prise par là à la haine du tyran contre l’innocent, il pourrait porter un vrai témoignage, dénoncer son petit copain comme juif quand il l’est vraiment ?
Bedeutet es, dass er – wenn er damit dem Hass des Tyrannen auf den Unschuldigen Vorschub leistet – ein wahres Zeugnis ablegen und seinen Kumpel als Jude anzeigen könnte, wenn dieser tatsächlich einer ist?
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Est-ce que ce n’est pas là que commence la dimension morale, qui n’est pas de savoir quel devoir nous devons remplir ou non vis-à-vis de la vérité, ni si notre conduite tombe ou non sous le coup de la règle universelle, mais si nous devons ou non satisfaire au désir du tyran ?
Beginnt nicht hier die moralische Dimension? Bei der es nicht darum geht zu wissen, welche Pflicht wir gegenüber der Wahrheit zu erfüllen haben oder nicht, und auch nicht darum, ob unser Verhalten unter die allgemeine Regel fällt, sondern ob wir das Begehren des Tyrannen befriedigen sollen oder nicht.
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Là est la balance éthique à proprement parler.
Hier ist die Waage der Ethik im strengen Sinne.
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Et c’est à ce niveau que, sans faire intervenir aucun dramatisme externe – nous n’en avons pas besoin – nous avons aussi affaire à ce qui, au terme de l’analyse, reste suspendu à l’Autre.
Und auf dieser Ebene – ohne irgendeine äußere Dramatik ins Spiel zu bringen, wir brauchen sie nicht – haben wir auch mit dem zu tun, was am Ende der Analyse an den Anderen gebunden bleibt.
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C’est pour autant que la mesure du désir inconscient, au terme de l’analyse, reste encore impliquée dans ce lieu de l’Autre que nous incarnons comme analystes, que Freud au terme de son œuvre peut marquer comme irréductible le complexe de castration, comme par le sujet inassumable.
Insofern das Maß des unbewussten Begehrens am Ende der Analyse immer noch mit diesem Ort des Anderen, den wir als Analytiker verkörpern, verbunden bleibt, kann Freud am Ende seines Werkes den Kastrationskomplex als irreduzibel charakterisieren, als für das Subjekt unannehmbar.88
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Ceci je l’articulerai la prochaine fois, me faisant fort de vous laisser à tout le moins entrevoir qu’une juste définition de la fonction du fantasme et de son assomption par le sujet nous permet peut-être |{21} d’aller plus loin dans la réduction de ce qui est apparu jusqu’ici à l’expérience comme une frustration dernière.
Dies werde ich beim nächsten Mal ausführen, wobei ich mir sicher bin, dass es mir gelingen wird, Sie zumindest ahnen zu lassen, dass eine angemessene Definition der Funktion des Phantasmas und seiner Annahme durch das Subjekt es uns vielleicht ermöglicht, in der Reduktion dessen, was der Erfahrung bislang als eine letzte Frustration erschienen ist, weiter zu gehen.
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Anmerkungen
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In der Übersetzung des Diagramms haben wir oben rechts zu „vielleicht“ ein Fragezeichen hinzugefügt, in Übereinstimmung mit dem von Lacan gesprochenen Text. MK/RN.
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Roussan verwendet dieses Venn-Diagramm ohne Färbung. Aus dem gesprochenen Text ergibt sich, dass das exklusive Oder gemeint ist, wir haben deshalb die hierfür übliche Färbung hinzugefügt, MK/RN.
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Beim letzten Mal: Vgl. Sitzung vom 14. März 1962, S. {17 ff.}.
Umkehrungsbeziehung: Die neurotische Fundierung des Begehrens in Abhängigkeit vom Anspruch des Anderen wird durch beiden ineinandergreifenden Tori dargestellt, insofern hier das Begehren des Subjekts (leerer Kreis) deckungsgleich ist mit einem Anspruch des Anderen (voller Kreis).
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Die spezielle Struktur der Neurose hat ihre Grundlage in der allgemeinen Struktur des sprechenden Subjekts. Die speziell neurotische Struktur wird durch die beiden ineinandergreifenden Tori dargestellt, die allgemeine Struktur durch einen einzelnen Torus.
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Fundamentalgruppe: Eine Fundamentalgruppe ist ein Objekt aus der Algebra, mit dem in der algebraischen Topologie topologische Räume untersucht werden. Haben zwei topologische Räume unterschiedliche Fundamentalgruppen, schließt man daraus, dass die beiden Räume topologisch verschieden sind.
Die Fundamentalgruppe einer Fläche ist die Gruppe, die gebildet wird durch die Klasse der homotopen Schleifen, die hierauf gebildet werden können. (Schleifen sind homotop, wenn sie sich durch kontinuierliche Verformung ineinander überführen lassen.)
Auf einem Torus bestehen die Elemente der Fundamentalgruppe aus Klassen von Schleifen, die sich durch dehnen, stauchen und verschieben ineinander überführen lassen. Ein Element der Fundamentalgruppe sind hier die Schleifen, die sich auf einen Punkt reduzieren lassen, ein anderes Element ist Lacans „voller“ Kreis, ein weiteres Element ist Lacans „leerer“ Kreis, hinzu kommen und weitere Arten von Schleifen, etwa diejenige Schleife, die zugleich einen „vollen“ und einen „leeren“ Kreis vollzieht (vgl. Sitzung vom 7. März 1962, S. {25}).
Eine Fundamentalgruppe ist eine Gruppe im Sinne der Mathematik, das heißt, eine Menge von Elementen mit einer Verknüpfung, durch die je zwei Elementen ein drittes Element zugeordnet wird und die drei Bedingungen erfüllt: das Assoziativgesetz, die Existenz eines neutralen Elements und die Existenz von inversen Elementen. Die bekannteste Gruppe ist die Menge der (positiven und negativen) ganzen Zahlen mit der Addition als Verknüpfung. Hier gilt das Assoziativgesetz: (a + b) + c = a + (b + c); das neutrale Element ist hier die Null; das inverse Element von a ist (–a).
Auf einem Torus ist das neutrale Element die Klasse der Schleifen, die sich auf einen Punkt zusammenziehen lassen. Das inverse Element zu einer Klasse von Schleifen erhält man, indem die Schleife rückwärts durchläuft.
dies wird letztlich die Frage sein: Gemeint ist die Frage nach der allgemeinen Struktur des Subjekts, unabhängig von der Neurose. Die Antwort auf diese Frage ist die Struktur der Kreuzhaube, die Lacan ab der nächsten Sitzung darstellen wird.
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Trugbild: Worin besteht das Trugbild? Wie die beiden ineinandergreifenden Tori zeigen, darin, dass der Neurotiker erwartet, dass sich sein Begehren mit dem Anspruch des Anderen deckt.
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die Antwort auszusetzen: In der traditionellen Terminologie der Psychoanalyse geht es hier um einen Aspekt der Neutralität des Psychoanalytikers.
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auf sein Begehren und seine Befriedigung: Möglicherweise ist gemeint: Wenn das Begehren unter dem Aspekt der Befriedigung angegangen wird, wird es als Beziehung von Bedürfnis und Anspruch aufgefasst.
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Versagung: Mit dem Thema der Versagung bzw. der Frustration kommt Lacan auf sein Vorhaben zurück, die Grundbegriffe der Tabelle Privation, Frustration, Kastration neu zu fassen, womit der am 28. Februar 1962 begonnen hatte.
Unter Versagung versteht Freud die Nicht-Befriedigung einer auf einen Trieb bezogenen Forderung (vgl. etwa Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1916–17, GW 11, S. 357). Freuds Terminus Versagung wurde mit „frustration“ ins Englische übersetzt und mit „Frustration“ rückübersetzt. Vgl. den Artikel „Versagung“ in: Jean Laplanche, Jean-Baptiste Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 601 f.
Hier geht es um die Versagung durch den Analytiker im Sinne des Aussetzens einer Antwort auf den Anspruch des Analysanten.
[lat.] vanitas: hier im Sinne von „leerer Schein“, „bloßes Vorgeben“.
blasphème und blâme. Blasphème geht zurück auf das altgriechische Wort blasphēmía „Verleumdung, Lästerung“, das sich zusammensetzt aus bláptein „schädigen“, „verletzen“ und phḗmē „Rede“, „Ruf“. Blâme kommt vom vulgärlateinischen Verb blasmar(e), das ebenfalls vom griechischen Wort bláptein herstammt.
Zur Blasphemie vgl. auch Lacans Bemerkungen in Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten, Sitzung vom 18. Juni 1958, Version Miller/Gondek S.553–555.
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Die beiden ineinandergreifenden Tori stellen also die Struktur des Neurotikers dar, insofern sie auf dem Ödipuskomplex beruht und damit auf einer bestimmten Beziehung zwischen Anspruch und Begehren.
Ein Jahr später wird es im Seminar Die Angst heißen:
„Der Mythos des Ödipus besagt nichts anderes als dieses – ursprünglich sind das Begehren als das Begehren des Vaters und das Gesetz ein und dasselbe. Die Beziehung des Gesetzes zum Begehren ist so eng, dass allein die Funktion des Gesetzes den Weg des Begehrens vorzeichnet. Das Begehren als Begehren, das der Mutter gilt, ist identisch mit der Funktion des Gesetzes. Insofern das Gesetz sie untersagt, erlegt es auf, sie zu begehren, denn schließlich ist die Mutter nicht an sich das begehrenswerteste Objekt. Wenn alles um das Begehren nach der Mutter herum organisiert wird, wenn man es vorziehen soll, dass die Frau anders sei als die Mutter, was heißt das dann? – wenn nichts anderes, als dass ein Gebot in die Struktur selbst des Begehrens eingeführt wird. Kurz gesagt, man begehrt auf Gebot. Der Mythos des Ödipus besagt, dass das Begehren des Vaters als Gesetz gegolten hat.“
(Seminar 10, Sitzung vom 16. Januar 1963, Version Miller/Gondek S. 136 f.)
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zu dieser Art von irreduziblem Umweg: zum Umweg des Anspruchs.
dieses innere Loch: Das innere Loch ist hier die Schleife des leeren Kreises, insofern sie sich nicht reduzieren lässt.
Freud zufolge tritt das Urgesetz durch den Vatermord in Kraft. Entspricht das innere Loch dem toten Vater?
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Liebesbedingungen: Vgl. u.a. Freud: Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, 1910, GW 8, S. 66–77; Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, 1918, GW 12, S. 69, 87, 126, 127.
diese höchste Form der Liebe: Vgl. in der vorhergehenden Sitzung die Bemerkungen über göttliche Gnade und Liebe zum Vater (14. März 1962, S. {2 f.}).
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abwesend: Etwas später wird es in dieser Sitzung heißen, das Feld der Signifikanten sei ein „Feld der Konnotation von Anwesenheit und Abwesenheit“ (S. {5}), also dürfte hier der Vater als Signifikant gemeint sein, der Name-des-Vaters.
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als transitive Beziehung: hier im Sinne von „unmittelbar auf ein Objekt bezogen, ohne Beziehung zu einem Dritten“.
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Reziprozität: Grundbegriff von Piagets Psychologie; gemeint ist damit in etwa, auf der psychologischen Ebene, das Sich-Hineinversetzen in den anderen. Vgl. u.a. Jean Piaget: Das moralische Urteil beim Kinde. Übersetzt von Lucien Goldmann. Rascher, Zürich 1954 (frz. Original 1932).
die er mit einer grundlegenden Formel der logischen Beziehung verbinden zu können glaubt: Piagets Formel für die Reziprozität ist
R + R⁻¹ = 0,
eine Operation plus ihre Umkehrung ergibt eine Nullveränderung. (Vgl. J. Piaget: Traité de logique. Essai de logistique opératoire. Colin, Paris 1949; eine zweite Auflage erschien unter dem Titel Essai de logique opératoirie bei Dunod, Paris 1972, im Internet ist sie hier zugänglich.) Auf Piagets Logik hatte Lacan sich im laufenden Identifizierungs-Seminar bereits in der Sitzung vom 7. März 1962 bezogen, S. {4 f.}.
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Die Beziehung zum Anderen: Lacan bezieht sich hier indirekt auf sein „Schema L“. Es erscheint zuerst in Seminar 2, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, in der Sitzung vom 25. Mai 1955, Version Miller/Gondek S. 284):

Schema L
inter-essieren: von lat. interesse, „dazwischen sein“; der Bindestrich betont das „inter“, also das „zwischen“.
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Ex-sistenz: von lateinisch exsistere, wörtlich „heraus stehen“ oder „heraus stellen“; durch den Bindestrich bedeutet Ex-sistenz „das im Außen Verharren“, „das Außerhalb-sein.“
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singulärer Punkt: In der Mathematik versteht man unter einem singulären Punkt einen nicht-regulären Punkt. In einer Funktion ist ein singulärer Punkt ein Punkt, an dem die Funktion nicht definiert ist oder nicht stetig ist. In der folgenden Kurve ist für x0 kein Wert auf der y-Achse definiert, insofern ist x0 ein singulärer Punkt:
Funktion mit Definitionslücke x0Eine andere Form des singulären Punkts ist die „Spitze“, von der in der vorigen Sitzung des Identifizierungs-Seminars die Rede war (14. März 1962 S. {15}).
Vorstellungsrepräsentanz: In Das Unbewusste (1915) schreibt Freud:
„Ich meine wirklich, der Gegensatz von bewußt und unbewußt hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Objekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Unbewußten nicht anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als ein Affektzustand zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen. Wenn wir aber doch von einer unbewußten Triebregung oder einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen, als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht.“
(GW 10, S. 175 f.)
Lacan verwendet hier die Übersetzung: représentant représentatif, also: „repräsentativer Repräsentant“, im Sinne eines besonderen, eines singulären Repräsentanten bzw. Signifikanten – also keineswegs im Freud’schen Sinne!
als aus diesem Feld ausgeschlossen: Die „Ex-sistenz“ des Subjekts besteht demnach darin, dass es aus dem Feld der Signifikanten ausgeschlossen ist.
Feld: Theoretischer Begriff der Gestaltpsychologie, insbesondere von Kurt Lewin.
Lewin: Kurt Lewin (1890–1947), einer der Begründer der experimentellen Sozialpsychologie und der Gestaltpsychologie. Seine Feldtheorie entwickelte er in: Principles of topological psychology. Übers. v. Fritz Heider und Grace M. Heider. McGraw-Hill, New York 1936, im Internet hier (dt.: Grundzüge der topologischen Psychologie. Übers. von Raymund Falk u.a. Huber, Bern u.a. 1969).
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dass es ihm gelingt: ihm, dem Psychologen oder Psychosoziologen.
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Objektivierung des Lernens: Gemeint ist der Behaviorismus als Analyse des Lernens durch die sogenannte objektive Methode der Beobachtung von Reiz-Reaktions-Beziehungen unter Ausschließung von Introspektion.
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die Logiker der Sprache: Möglicherweise eine Anspielung auf Rudolf Carnap: Logische Syntax der Sprache. Springer, Berlin u.a. 1934, und damit auf den logischen Empirismus.
so oft es Worte gibt, die fließen: Da Lacan sich im Folgenden auf Prévert bezieht, ist dies eventuell eine Anspielung auf den Titel von Préverts erstem Gedichtband: Paroles (1946).
darauf habe ich bereits insistiert: Vgl. Sitzung vom 24. Januar 1962, S. {2}.
„vous n’êtes pas sans ignorer“ (wörtlich übersetzt: „Sie sind nicht ohne zu ignorieren“): Man beachte die dreifache Negation, die die beabsichtigte doppelte Negation zunichte macht.
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Roussan: „et que cela va de soi“ statt „est que cela va de soi“.
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„Vous n’êtes pas sans ignorer“: Dies ist wieder die Ebene des Äußerungsvorgangs (des genauen Wortlauts mit Wiederkehr des Verdrängten in der Negation) im Gegensatz zur Aussage (zum gemeinten Sinn).
Vgl. vorher der Hinweis auf die Notwendigkeit, dass sich das Subjekt an zwei topologisch definierten Orten befindet, nämlich innerhalb des Signifikantenfeldes und zugleich aus diesem Feld wesentlich ausgeschlossen (S. {6}). Mit „Vous n’êtes pas sans ignorer“ wird der Adressat in das Feld der Signifikanten zugleich eingeschlossen und ausgeschlossen.
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André Ribaud : Unter dem Pseudonym André Ribaud veröffentlichte der Journalist Roger Fressoz von 1961 bis 1964 in der Zeitschrift Le Canard enchaîné wöchentlich satirische Glossen über den absolutistischen Stil des französischen Präsidenten Charles de Gaulle. Der im Folgenden zitierte Satz findet sich Le Canard enchaîné vom 3. Januar 1962, S. 3.
saint-simonistisch: Bezug auf Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon (1675–1755), berühmt für seine Mémoires und deren Stil (geschrieben 1740–1750, gedruckt 1829/30). In seinen Memoiren beschreibt er das Leben am Hof Ludwigs XIV.
Balzac: Anspielung auf Balzacs Roman Sur Catherine de Médicis, veröffentlicht in vier Teilen 1830–1846 (Katharina von Medici, im Internet auf französisch hier, deutsche Übersetzung hier). Eingestreut in die Erzählung sind Passagen, von denen der Erzähler behauptet, sie seien im Französisch des 16. Jahrhunderts formuliert.
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die beiden Negationen: Instruktiv zur doppelten Verneinung im Deutschen ist der Artikel „Doppelte Verneinung“ in der deutschen Wikipedia.
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Auf der Ebene des Äußerungsvorgangs liegt demnach „man sollte sich nicht entfehden“, auf der Ebene der Aussage liegt „von einem gewissen Misstrauen gegen die Könige“.
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der Torus als solcher: der einzelne Torus im Unterschied zu den ineinandergreifenden beiden Tori.
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Engagement: Etymologisch geht es beim Engagement um die action de mettre en gage, um die Handlung, etwas als Pfand einzusetzen.
Zum philosophischen Begriff wurde Engagement durch den von Emmanuel Mounier begründeten Personalismus; vgl. etwa dessen Révolution personnaliste et communautaire. Éd. Montaigne, Paris 1934 (dt.: Personalistische und gemeinschaftliche Revolution, in: Ders.: Gesammelte Werke. Sigueme, Salamanca 1990); vgl. den Artikel „Engagé, Engagement“ in: André Lalande: Vocabulaire technique et critique de la philosophie. 4., überarbeitete Auflage. Quadrige, PUF, Paris 1997, S. 283 f.
Starke Verbreitung fand der Begriff durch Sartre, vor allem durch dessen L’être et le néant (frz. 1943, Das Sein und das Nichts) und L’existentialisme est un humanisme (frz 1946, die deutsche Übersetzung hat den Titel Ist der Existenzialismus ein Humanismus, Europa-Verlag, Zürich 1947).
Auf S. {17} der laufenden Sitzung wird Lacan auf den Begriff des Engagements zurückkommen.
den Ausgang verschließen: Vgl. die deutsche Wendung: „Es gibt kein Zurück mehr“.
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beim letzten Mal: Vgl. Sitzung vom 14. März 1962, S. {21}.
unendliche Sphäre: Sphäre mit unendlich großem Radius.
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dass beide ineinander münden: Ein Bau, bei dem Innen und Außen ineinander münden, ergibt das Bild der Klein’schen Flasche.
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Stollen (auch „Stolln“ geschrieben): Hier im Sinne des Bergbaus: leicht ansteigender Verbindungsgang zwischen der Erdoberfläche und der Lagerstätte der Bodenschätze. Abbildung aus Wikipedia:

Stollen (bzw. „Stolln“)
Mémoires écrits du sous terrain: Vgl. Fjodor Dostojewski: Записки из подполья, (Zapiski iz podpolʹja), Roman, 1864; deutsche Titel: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (Übersetzt von Ursula Keller, Manesse 2021), Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Übersetzt von Swetlana Geier, Reclam 1986; übersetzt von Hermann Röhl, Anaconda 2008), Aufzeichnungen aus dem Abseits (übersetzt von Felix Philipp Ingold, Dörlemann 2016)
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Anastomose: Terminus der Medizin, Verbindungsgang zwischen zwei anatomischen Strukturen, speziell zwischen Blutgefäßen, Lymphgefäßen und Nerven.
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Franz Kafka: Der Bau. Unvollendete Erzählung, zuerst veröffentlicht 1928.
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eine so weit getriebene Verdrängung: des Torus durch die Kugel bzw. die Sphäre. Auch: eine Verdrängung des strukturalen Denkens (gegenüber etwa einem kausalen) – darüber hinaus stellt sich die Frage inwieweit eine Struktur real ist, ob sie sich in der „äußeren Realität“ findet.
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radikale „Duplizität“: Gemeint ist die Duplizität von Äußerungsvorgang und Aussage, vgl. oben S. {8}.
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der Graph: Gemeint ist der sogenannte Graph des Begehrens, den Lacan im Verlauf von zwei Seminaren entwickelt hatte, in Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten (1957/58), und in Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung (1958/59), außerdem in dem Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freud’schen Unbewussten (Vortrag von 1960, Endfassung vermutlich 1962; in: J.L.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 325–368, die unten wiedergegebene Abbildung findet sich hier auf S. 355):

Vollständiger Graph, Version „Subversion des Subjekts“
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Botschaft: Im Graphen entspricht die Botschaft dem Schnittpunkt unten links, s(A); vgl. Subversion, a.a.O., S. 342.
Frage: Im Graphen geht es bei der Frage um die obere Etage des Graphen in der dritten Konstruktionsstufe. Sie lautet „Che vuoi?“, italienisch für „Was willst du?“ und ist die Frage des Anderen nach dem Begehren des Subjekts und auf diesem Wege der Frage des Subjekts nach dem Begehren des Anderen:
Graph, dritte Konstruktionsstufe
(„Subversion“, a.a.O., S. 352)In Seminar 8, Die Übertragung, hatte Lacan erläutert, dass das Fehlen eines Signifikanten ausgehend von der Frage definiert werden kann (Sitzung vom 19. April 1961). Im vollständigen Graphen steht das Symbol S(Ⱥ) am Schnittpunkt oben links, zu lesen als „Signifikant eines Mangels im Anderen“, für das Fehlen eines Signifikanten bzw. einer Antwort.
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„Nichts vielleicht?“ und „Vielleicht nichts“ sind demnach Forderungen des Subjekts an den Anderen, zu antworten. Das Subjekt artikuliert diesen Anspruch auf zwei verschiedene Weisen. „Nichts vielleicht?“ entspricht der Ebene des Äußerungsvorgangs (énonciation) und der Frage. „Vielleicht nichts“ gehört zur Ebene der Aussage (énoncé) und der Botschaft.
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Sie wird mit dem eröffnet: Gemeint ist das „vielleicht“ am Beginn von „vielleicht nichts“. Demnach ist im Rahmen der Botschaft das „vielleicht“, d.h. die Möglichkeit, das, was durch den Eintritt des Subjekts in das Reale gebildet wird.
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Möglichkeit*: Mit der Verwendung des deutschen Terminus bezieht Lacan sich auf Kant, bei diesem ist Möglichkeit (mit dem logischen Gegenteil der Unmöglichkeit) eine der zwölf Kategorien. Vgl. Kritik der reinen Vernunft, Kategorientafel B 106:

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auf der Seite des Subjekts: Lacan bezieht sich hier auf die traditionelle Unterscheidung zwischen der „objektiven Möglichkeit“ und der „subjektiv Möglichkeit“ (vgl. hierzu etwa André Lalande: Vocabulaire technique et critique de la philosophie. Presses Universitaires de France, 4., überarbeitete Auflage 1997, Artikel „Possible“; H. Seidl: Artikel „Möglichkeit“, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6: Mo–O. Schwabe, Basel u.a. 1984, Spalte 74–92).
Unter der objektiven Möglichkeit versteht man das, was die allgemeinen Bedingungen erfüllt, die einer gegebenen Ordnung von Realität oder Normalität auferlegt sind (so Lalande). Wenn sich in einer Lostrommel neben Nieten auch ein Gewinnlos befindet, ist es „objektiv möglich“, einen Gewinn zu ziehen. Statt von „objektiver“ Möglichkeit spricht man auch von „realer“ oder „ontologischer“ Möglichkeit. Im Hintergrund dieser Konzeption der Möglichkeit steht, philosophiegeschichtlich gesehen, Aristoteles’ Begriff der dynamis.
Unter der subjektiven Möglichkeit versteht man das, was widerspruchsfrei denkbar ist und wovon der der Sprecher nicht weiß, ob es wahr oder falsch ist. Etwa, wenn ich sage: „Es ist möglich, dass sie einen Gewinn gezogen hat, ich weiß es nicht, sie hat mit mir nicht darüber gesprochen.“ Im Hintergrund steht hier Kants Neufassung des Begriffs der Möglichkeit als Denk-Möglichkeit in der menschlichen Vernunft. Mit der „zuverlässigsten Ausarbeitung des Begriffs der Möglichkeit*“ ist vermutlich Kant gemeint.
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Die Botschaft öffnet sich auf den Terminus der Eventualität hin: Sie beginnt dem „vielleicht“ von „vielleicht nichts“.
Das „vielleicht“steht also für einen bestimmten Aspekt des Begehrens, für die Erwartung. Das „vielleicht“ der Erwartung wird der unteren Querlinie des Graphen zugeordnet, also der Aussage (énoncé) und darin dem Sinn, s(A).
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Ersatz für die Positivität: Das „vielleicht“ der Erwartung richtet sich auf eine Positivität, auf ein „etwas“ – es wird „etwas“ erwartet. An die Stelle des „etwas“ kann ein „nichts“ treten, die Erwartung kann enttäuscht werden, dies gehört zur Struktur der Erwartung.
Die Formulierung „vielleicht nichts“ bezieht sich also auf das Begehren, insofern es die Form annimmt, dass etwas erwartet wird, und sie ordnet diesen Aspekt des Begehrens der Aussage (énoncé) zu und damit der sinnorientierten Seite des Sprechens.
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Gemeint ist der mit „nichts“ bezeichnete Schnittpunkt unten rechts.
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In „vielleicht nichts“ kann auf das „vielleicht“ (auf die Erwartung des Begehrens) das „nichts“ antworten (die Leere).
Im „nichts“ von „vielleicht nichts“ wird der Platz des unären Zugs aufbewahrt, nämlich die Privation (–1) als Kehrseite der Identifizierung mit dem unären Zug (1).
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In der Übersetzung des Diagramms haben wir oben rechts zu „vielleicht“ ein Fragezeichen hinzugefügt, in Übereinstimmung mit dem von Lacan gesprochenen Text. MK/RN.
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Lacan setzt hier seinen Kommentar zu „nichts vielleicht?“ fort, den er in der Sitzung vom 7. März 1962, S. {13}, begonnen hatte.
die Frage: Der Ausdruck „nichts vielleicht“ ist demnach eine Frage, ist also als „nichts vielleicht?“ aufzufassen.
das „vielleicht“ auf der Ebene des in Frage gestellten Anspruchs: Gemeint ist hier das „vielleicht“ von „nichts vielleicht?“.
Position (…), die zu derjenigen homolog ist: Bezogen auf den Graphen ist das „vielleicht“ von „nichts vielleicht?“ in einer homologen Position zur eventuellen Antwort auf der Ebene der Botschaft, also zu „nichts‘“ als einer möglichen Antwort am rechten Schnittpunkt.
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das kann eine Antwort sein: In „vielleicht nichts“ ist das „nicht“ nur eine der möglichen Antworten, nämlich im Extremfall der Erwartungsenttäuschung.
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Die Beziehung zwischen „nichts vielleicht?“ und „vielleicht nichts“ ist also nicht so aufzufassen, dass „vielleicht nichts“ die Antwort auf die Frage „nichts vielleicht?“ wäre.
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die Äußerungspartikel „nichts“: Das „nichts“ von „nichts vielleicht?“ ist eine sprachliche Partikel, die zur Ebene des Äußerungsvorgangs (énonciation) gehört, nicht zur Ebene der Aussage (énoncé).
dass es nicht zu einem Ergebnis kommt: Demnach steht in „nichts vielleicht?“ das anfängliche „nichts“ für die Möglichkeit, dass die Frage keine abschließende Antwort findet, die Frage, was ich will, wenn ich zum Anderen spreche. Das entspricht im Graphen dem Symbol S(Ⱥ) am Schnittpunkt oben links, Signifikant eines Mangels im Anderen.
Substantivierung des Nichts der Frage selbst: Lacan vollzieht hier den Übergang vom Adverb rien (nichts) zum Substantiv néant (Nichts). Das Nichts der Frage ist das Fortbestehen der Frage, wie es zwei Sätze später heißen wird.
Die Rede von „Existenz“ und „Nichts“ ist, zusammen mit „Engagement“ (S. {9, 17}), eine Anspielung auf Sartres Existenzphilosophie. Das menschliche Dasein ist für Sartre dadurch charakterisiert, dass es, angesichts des Nichts, ein Engagement eingeht und damit die bloße Existenz überwindet. In Das Sein und das Nichts (frz. Original 1943) verfolgt er das Projekt einer „existentiellen Psychoanalyse“ (vgl. darin Kapitel IV, II, I: „Die existentielle Psychoanalyse“, Übers. v. Hans Schöneberg und Traugott König. Rowohlt, Reinbek 1994, S. 956–986). Lacan antwortet hier darauf, indem er, ausgehend vom sprechenden Subjekt, seine eigenen Auffassungen von „Existenz“, „Nichts“ und „Engagement“ vorbringt.
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die Eventualität des Realen: Das Reale ist das Unmögliche (so erstmals in der Sitzung vom 7. März 1962, S. {13}). Das Reale besteht hier in der Unmöglichkeit, die Frage abschließend zu beantworten und die Formulierung „nichts vielleicht?‘“ steht für die Möglichkeit dieser Unmöglichkeit.
die Benennung des reinen Fortbestehens der Frage als Nichts: Mit dem „Nichts der Frage selbst“ war demnach das reine Fortbestehen der Frage gemeint.
Die Beziehung zum Anderen hat demnach zwei Formen:
– „vielleicht nichts“: Auf der Ebene der Aussage (énoncé) bzw. der Botschaft hat sie die Form der Erwartung, dass der Anspruchs des Subjekts an den Anderen erfüllt wird, einschließlich der Möglichkeit, dass die Erwartung enttäuscht wird.
– „nichts vielleicht?“: Auf der Ebene des Äußerungsvorgangs (énonciation) bzw. der Frage geht es um die Frage an den Anderen und darum, dass es vielleicht unmöglich ist, auf diese Frage eine Antwort zu geben. -
Metapher: Inwiefern liefert „nichts vielleicht?“ nur eine Metapher? Dies wird drei Sätze später erläutert: Metapher im Sinne von Verdichtung, als Erscheinen der Frage inmitten der Botschaft, etwa in Gestalt eines Versprechers.
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Jede Eventualität ist hier bereits verschwunden: Dies bezieht sich auf auf das „vielleicht“ in „nichts vielleicht?“.
und ebenso jede Subjektivität: Die unbewusste Frage hat demnach kein Subjekt. Das Unbewusste ist ein „Wissen ohne Subjekt“, wie es später heißen wird (vgl. J.L.: Seminar 15, Der psychoanalytische Akt, 17. Januar 1968, Version Miller S. 109; ders.: L’acte psychanalytique. Compte rendu du séminaire 1967–1968. In: ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 376).
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Verweisung: Der Ausdruck „Verweisung“ wurde durch Martin Heidegger zu einem philosophischen Begriff. Vgl. M. Heidegger: Sein und Zeit (1927). Niemeyer, Tübingen 1967, § 17, „Verweisung und Zeichen“. Heidegger spricht von „Verweisungsganzheit“ (a.a.O., S. 82); Lacan geht es darum, dass die Verweisung keine Ganzheit bildet, es gibt einen Rest, um den die Verweisung kreist, der in ihr jedoch nicht benannt werden kann, nämlich das Objekt a.
auf zwei Ebenen: Gemeint sind die Ebene der Aussage (énoncé) und Ebene des Äußerungsvorgangs (énonciation), wie zwei Sätze später deutlich gesagt werden wird.
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Dass nämlich die Metapher für uns Verdichtung ist: Lacan greift hier auf Überlegungen zurück, die er in Seminar 5, Die Bildungen des Unbewussten, vorgetragen hatte (Sitzungen vom 6. bis 27. November 1957), und verbindet sie neu mit der Unterscheidung von Botschaft und Frage.
Die Gleichsetzung von Freuds Begriff der Verdichtung mit der Metapher hatte er bereits in Seminar 3, Die Psychosen (1955/56), vorgestellt, in der Sitzung vom 2. Mai 1956, sowie in dem Aufsatz Das Drängen des Buchstabens oder die Vernunft seit Freud (1957), in: J.L.: Schriften. Band I. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2016, S. 582–626.
Die Entsprechung von Verdichtung und Verschiebung mit Metapher und Metonymie geht auf von Roman Jakobson zurück, auf dessen Aufsatz Two aspects of language and two types of aphasic disturbances (1956) (in: R. Jakobson und Morris Halle: Fundamentals of language. Mouton, ’s-Gravenhage 1956, im Internet hier, S. 53–82, hier: S. 81; dt.: Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen. Übersetzt von Georg Friedrich Meier, Überarbeitung der Übersetzung durch Wolfgang Raible. In: R. Jakobson: Aufsätze zur Linguistik und Poetik. Hg. v. Wolfgang Raible. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1979, S. 117–141, „displacement“ (Verschiebung) wird hier falsch mit „Verdrängung“ übersetzt, S. 138).
zwei Ketten: Die Metapher, also die Verdichtung, besteht in der Überschneidung von zwei Signifikantenketten, der Kette der Botschaft („vielleicht nichts“) und der Kette der Frage („nichts vielleicht?“). Dies hat zur Folge, dass die Metapher einerseits in der Botschaft auftaucht und andererseits in der Frage, wo sie zur Botschaft wird.
In welcher Form wird die Metapher in der Frage zur Botschaft? Möglicherweise ist gemeint: in Form des „nichts“ am Beginn von „nichts vielleicht?“; vgl. hierzu die Bemerkungen über „nichts“ in den folgenden Sätzen.
dass die Frage „Familie“ artikuliert zu werden beginnt und dass mittendrin die „Million“ des „Millionärs“ auftaucht: In Seminar 5 hatte Lacan die Verdichtung bzw. Metapher am Beispiel eines Witzes erläutert, eines von Heinrich Heine erfundenen Versprechers. In den Bädern von Lucca lässt dieser den Lotteriekollekteur Hirsch-Hyacinth auftreten, der erzählt, er habe neben Salomon Rothschild gesessen und dieser habe ihn ganz „famillionär“ behandelt. Freud hatte sich in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) mehrfach hierauf bezogen (vgl. GW 6, S. 9f., 14–19, 157 f.). Der Signifikant „famillionär“ ist eine Metapher, und das heißt, er verdrängt einen anderen Signifikanten, nämlich den Signifikanten „Familie“ (vgl. Seminar 5, Sitzung vom 20. November 1957, Version Miller/Gondek S. 62). (Allerdings gibt es hier keine vollständige Ersetzung eines Signifikanten durch einen anderen; es handelt sich nach Freud um „eine Verdichtung mit Ersatzbildung“ (GW 6, S. 18)). Im Hintergrund dieser Verdrängung steht die Verbitterung von Heine über die Geringschätzung durch seine reichen Verwandten (vgl. Freud, Der Witz, GW 6, S. 157 f.), das heißt Heines Frage nach seiner Stellung in seiner Familie. Die „Million“ des Millionärs (Element der Botschaft) verdrängt den Signifikanten „Familie“ (Element der Frage).
dass das Einbrechen der Frage in die Botschaft darin besteht, dass enthüllt wird, dass die Botschaft sich mitten in der Frage manifestiert: Auf welche Weise manifestiert sich im Beispiel „famillionär“ die Botschaft mitten in der Frage? Vielleicht darin, dass die Frage nach dem Platz in der Familie mit „vielleicht nicht“ beantwortet wird, mit „vielleicht gibt es für dich darin keinen Platz“ (die Frage nach dem Sein, Seinsstärke oder Seinsmangel). In diese Richtung geht eine Bemerkung von Lacan in Die Logik des Phantasmas:
„Aus diesem Grunde ist der Witz die aufschlussreichste und charakteristischste jener Wirkungen, die ich als Bildungen des Unbewussten bezeichnet habe. Das Lachen, um das es geht, entsteht auf der Ebene des ‚Ich bin nicht‘. Nehmen Sie ein beliebiges Beispiel und, um das erste zu nehmen, das sich beim Aufschlagen von Freuds Buch über den Witz anbietet, das des ‚famillionär‘. Ist denn nicht offensichtlich, dass die lächerliche Wirkung dessen, was Hirsch-Hyacinth sagt, wenn er sagt, dass er mit Salomon de Rothschild in einer ‚ganz famillionären‘ Beziehung steht, einen Widerhall auf eine doppelte Inexistenz gibt? Auf die der Position des Reichen, insofern sie nur fiktiv ist, und auf die desjenigen, der spricht und der auf eine Art Sein reduziert ist, für das es nirgendwo einen Platz gibt. Darauf beruht die lächerliche Wirkung.“
(11. Januar 1967, Version Miller S. 126, übersetzt von MK/RN)
dass die Botschaft (…) durch die Frage selbst und nicht in der Antwort auf die Frage (…) ans Licht kommt: Damit könnte das Fortbestehen der Frage gemeint sein und damit „das Nichts der Frage selbst“ (vgl. oben S. {13}).
zur Wahrheit gerufen: Die Formulierung erinnert an Heidegger, bei dem Lacan lesen konnte:
„Der Mensch ist der Hirt des Seins. (…) Er gewinnt die wesenhafte Armut des Hirten, dessen Würde darin beruht, vom Sein selbst in die Wahrnis seiner Wahrheit gerufen zu sein.“
(Martin Heidegger: Über den Humanismus (1947). In: Ders.: Gesamtausgabe Band 9. Wegmarken. Klostermann, Frankfurt am Main 1976, S. 342)
Lacans Formulierung ist dicht bei der 1957 erschienenen französischen Übersetzung:
„L’homme est le berger de l’Etre. (…) Il gagne l’essentielle pauvreté du berger dont la dignité repose en ceci: être appelé par l’Etre lui-même à la sauvegarde de sa vérité.“
(Lettre sur l’humanisme. Übersetzt von Roger Munier. Aubier, Paris 1957, S. 101)
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Demnach entspricht die Frage dem Äußerungsvorgang und die Botschaft der Aussage.
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das Subjekt als nichts: Damit wird die Definition des Signifikanten (eingeführt in der Sitzung vom 6. Dezember 1961, S. {26}) ergänzt: Ein Signifikant ist das, wodurch bei einem anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird – das Subjekt als was? als nichts.
Die Konzeption des Subjekts als nichts hat einen Vorläufer im Begriff der Aphanisis des Subjekts (bzw. des Fading des Subjekts bzw. des Verschwindens des Subjekts), den Lacan in Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung, eingeführt hatte. Das Subjekt verschwindet insofern, als es im Anderen als Ort des Sprechens – im Diskurs des Unbewussten – nichts gibt, was es dem Subjekt ermöglichen würde, sich als Subjekt des Diskurses, den es hält, zu identifizieren (vgl. Seminar 6, Sitzung vom 13. Mai 1959, Version Miller/Gondek S. 476).
Insofern der Signifikant nicht auf einen anderen Signifikanten verweist, sondern etwas bedeutet, ist er ein Zeichen (ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden, hieß es in der Sitzung vom 6. Dezember 1961, S. {23}).
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dass nichts sicher ist: Dies ist das „nichts“ von „nichts vielleicht?“ (vgl. oben S. {13}).
dass es etwas gibt, wovon er nichts wissen will: Ist dies eine alternative Formulierung für das, was Freud „Verdrängung“ oder „Abwehr“ nennt? (S.u.: „Er wusste nicht, dass er tot war“)
von dieser Frage: Gemeint ist offenbar die Frage „nichts vielleicht?“.
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Das Unvermögen des Anderen: Gemeint ist das Unvermögen des Anderen, eine Antwort zu geben. Das Unvermögen des Anderen unterstellt die Möglichkeit einer Antwort (eine Antwort ist möglich, der Andere ist jedoch nicht in der Lage, sie zu geben). Dem entspricht im Graphen der Satz „vielleicht nichts“ im Sinne der Erwartung einer Antwort oder keiner Antwort, also die Ebene der Botschaft bzw. der Aussage.
wurzelt das Unvermögen des Anderen in einem Unmöglichen: Das Unvermögen des Anderen, zu antworten, wurzelt in der Unmöglichkeit einer Antwort (Ebene der Frage, „nichts vielleicht?“, worin das „nichts“ dem Unmöglichen entspricht. Vergleiche Lacans Darstellung des Äußerungsvorgangs zwei Sitzungen früher:
„»Könnte es nicht sein, dass es Mamma gibt? Nicht möglich – nichts vielleicht?«, das ist der Beginn eines jeden Äußerungsvorgangs des Subjekts, der sich auf das Reale bezieht.“
(Sitzung vom 7. März 1962, S. {13})
Auf dieses Unmögliche bezieht sich im Graphen des Begehrens das Symbol S(Ⱥ), „Signifikant eines Mangels im Anderen“, es gibt keinen Signifikanten, der die Wahrheit garantieren könnte.
Dies ist Lacans erste Gegenüberstellung Unvermögen und Unmöglichem bzw. Unmöglichkeit. In den Diskursformeln wird diese Opposition noch eine Rolle spielen (vgl. Seminar 17, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Sitzungen vom 10. und 17. Juni 1970; sowie Radiophonie [1970]. Übersetzt von Hans-Joachim Metzger. In: J.L.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 5–54, Formeln: S. 49).
Unvermögen und Unmögliches entsprechen auch der Gegenüberstellung von Anspruch und Begehren.
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der unäre Zug in seiner spaltenden Bedeutung: Die mit dem unären Zugs verbundene Spaltung ist die zwischen der Identifizierung mit dem unären Zug des Ichideals und der Privation, zwischen 1 und –1.
Demnach ist die Spaltung unärer Zug / Privation eine Art Antwort auf das „nicht möglich“, auf die Unmöglichkeit einer abschließenden Antwort, auf S(Ⱥ).
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wie dieses Unmögliche Gestalt annimmt: Vielleicht ist gemeint: Das Unmögliche wird verarbeitet durch die Spaltung zwischen unärem Zug und Privation.
Konstituierung des Begehrens im ursprünglichen Verbot: Im Ethik-Seminar hieß es,
„daß das grundlegende Gesetz das Gesetz des Inzestverbots ist. (…) Alle Welt weiß, daß das Korrelativ dazu jener Inzestwunsch ist, der der große Fund von Freud ist. (…) Wichtig ist, daß es einen Mann gegeben hat, der zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt aufgestanden ist, um zu sagen – Dies ist das wesentliche Begehren.“
(Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse, 16. November 1959, Version Miller/Gondek S. 84).
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Das Unvermögen des Anderen zu antworten: „Unvermögen“ ist demnach das Unvermögen des Anderen, zu antworten
diese Sackgasse (…) nennt sich: Begrenztheit seines Wissens: Möglicherweise im Sinne von: Der Wechsel von der Unmöglichkeit einer Antwort zum Unvermögen des Anderen, die Frage des Subjekts zu beantworten, beruht darauf, dass das Subjekt die Nicht-Antwort auf die Begrenztheit des Wissens des Anderen zurückführt; diese Sichtweise ist eine Sackgasse, da durch sie die Unmöglichkeit einer Antwort verdeckt wird.
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„Er wusste nicht, dass er tot war“: Titel eines von Freud analysierten Traums, zuerst in: S. Freud: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens (1911), GW 8, S. 229–238, hier: S. 238, dann 1911 aufgenommen in eine überarbeitete Auflage der Traumdeutung. Freud:
„So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht. Man versteht diesen Traum, wenn man nach ‚er war doch gestorben‘ einsetzt: i n f o l g e d e s W u n s c h e s d e s T r ä u m e r s und zu ‚er wußte es nicht‘ ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Erweckung der frühesten infantilen Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen.“
(Die Traumdeutung, GW 2/3, S. 432 f.)
Diesen Traum hatte Lacan in Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung, ausführlich analysiert, vor allem in den Sitzungen vom 26. November 1958 bis zum 7. Januar 1959, und auch in späteren Treffen dieses Seminars war er darauf zurückgekommen (vgl. Sitzungen vom 14. Januar 1959, Version Miller/Gondek S. 189; vom 4. März 1959, Version Miller/Gondek S. 312, 314; vom 8. April 159, Version Miller/Gondek S. 383; und vom 27. Mai 1959, Version Miller/Gondek S. 522 f.).
Die Formulierung „Er wusste nicht“ hatte er im Graphen zunächst der Aussage zugeordnet, mit dem Argument, dass sie sich auf die Konstitution des Subjekts beziehe, das sich als nicht-wissend zu konstituieren habe, damit das, was nicht gesagt ist, für es die Bedeutung des Nicht-Gesagten annimmt. Den Ausdruck „Er war gestorben“ hatte er auf der Ebene des Äußerungsvorgangs platziert, da das Sterben nur für sprechende Wesen eine Bedeutung habe und die Signifikantenartikulation die Grundlage für das „Er wusste nicht“ bilde (vgl. Sitzung vom 10. Dezember 1958, Version Miller/Gondek S. 121 f.).
Er wusste nicht, dass er gestorben war, Aufteilung 1
(Abbildung aus: Seminar 6, Sitzung vom 10. Dezember 1958, Version Miller/Gondek S. 121)In einer späteren Sitzung hatte er die Zuordnung geändert. Der Satz „Er wusste nicht“ wird jetzt von ihm dem Äußerungsvorgang zugewiesen, da er sich nicht auf etwas Faktisches beziehe, sondern auf die Struktur des Subjekts, für das die Unwissenheit wesentlich sei. Die Komponente „Er war gestorben“ wird nun als eine Aussage aufgefasst, die insofern paradox sei, als ein Ausdruck wie der, dass jemand tot war, ihn symbolisch fortbestehen lasse. Die von Freud ergänzte Formulierung „nach seinem Wunsch“ wird dem Begehren zugeordnet, wodurch sich das folgende Diagramm ergibt:
Er wusste nicht, dass er gestorben war, Aufteilung 2
(Abbildung aus: Seminar 6, Sitzung vom 7. Januar 1959, Version Miller/Gondek S. 152)die Absolutheit des Anderen: Vgl. vorher in dieser Sitzung die Rede von der „Absolutheit des ursprünglichen Gebots“ (S. {4}).
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Im Traum Er wusste nicht, dass er tot war gehört das „Er wusste nicht“ zur Ebene des Anspruchs und damit zum Wissen, im Unterschied zur Ebene des Begehrens. Der Anspruch ist doppelt: das Subjekt beansprucht, dass der Andere nicht weiß, und der Andere beansprucht, nicht zu wissen.
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Roussan verwendet dieses Venn-Diagramm ohne Färbung. Aus dem gesprochenen Text ergibt sich, dass das exklusive Oder gemeint ist, wir haben deshalb die hierfür übliche Färbung hinzugefügt, MK/RN.
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Ist dies die nicht-neurotische Beziehung des Begehrens des Subjekts zum Anderen?
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dass auf der Seite des Anderen nichts sicher ist: Dies entspricht dem „nichts vielleicht?“ (vgl. oben S. {13}).
außer eben, dass er etwas verbirgt: Das Verbergen bezieht sich auf das „vielleicht nichts“, auf das Objekt, das „vielleicht nichts“ ist, also das Objekt, auf das sich das Begehren in Form einer Erwartung bezieht; vgl. oben S. {12}.
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Das Objekt des Begehrens existiert als eben dieses „nichts“: als das „nichts“ von „vielleicht nichts“, wie der vorhergehende Satz sagt.
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Dieses „nichts“, insofern es dem Anderen verborgen ist: Das „nichts“ von „vielleicht nichts“.
die eigentliche Frage des Subjekts: Die eigentliche Frage des Subjekts ist das „nichts vielleicht?“. Möglicherweise ist gemeint: Das „nichts“ von „vielleicht nichts“ wird zur Hülle für jedes Objekt, vor dem die Frage „nichts vielleicht?‚“ zu einem Halt kommt.
da das Subjekt dann nur noch imaginär ist: Der Übergang von dem, was dem Anderen unmöglich ist, zu dem, was dem Anderen verborgen ist, ist demnach ein Übergang zum Imaginären.
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Gemeint ist: Der Anspruch des Subjekts wird in dem Maße vom Anspruch des Anderen befreit (…).
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wie Theodor: Anspielung auf ein Theaterstück von Georges Courteline, Théodore cherche des alumettes (Theodor sucht Streichhölzer, 1897).
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Freud:
„In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonderbares Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung studierte und mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater lebe noch und könne jeden Moment wiederkommen. Er richtete es sich damals so ein, daß sein Studium auf die spätesten Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach er sich, öffnete die auf die Hausflur führende Tür, als ob der Vater davor stünde, und betrachtete dann, nachdem er zurückgekommen war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten Penis. Dies tolle Treiben wird unter der Voraussetzung verständlich, daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des Vaters um die Geisterstunde erwartete.“
(Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, GW 7, S. 425).
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wenn er schon nicht kann: Vgl. vorher die Bemerkung über das Unvermögen des Anderen, auf die Frage des Subjekts zu antworten (S. {15}).
dass der Andere (…) zumindest weiß: Vgl. vorher der Hinweis, dass der Unvermögen des Anderen zu antworten, auf eine Sackgasse beruht, die sich Begrenztheit seines Wissens nennt (S. {15}). Die Exhibition hätte also die Funktion, dem Nichtwissen des Anderen abzuhelfen.
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Er verschließt sich dem doppelten Ausgang der Botschaft und der Frage: Der doppelte Ausgang der Botschaft und der Frage ist demnach nicht neurotisch, sondern an die Struktur des Sprechens gebunden.
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Objekts des Begehrens: Vom Kontext her dürfte hier das Begehren des Vaters gemeint sein.
in die Existenz des Subjekts: Indirekte Anspielung auf die Beziehung zwischen Existenz und Nichts bei Sartre. In Seminar 6, Das Begehren und seine Deutung, hieß es:
„Wir finden hier [….] das wieder, was das Denken, das man zu Recht oder zu Unrecht existentialistisch nennt, festzustellen vermochte, nämlich dass es das menschliche, lebendige Subjekt ist, das ins Reale eine Nichtung einführt. Sie nennen das so; wir, wir nennen das anders. Sie genügt uns nicht, sie stellt uns nicht zufrieden, diese Nichtung, aus der die Philosophen ihren Sonntag machen, und sogar ihren Sonntag des Lebens – siehe Raymond Queneau –, in Anbetracht der mehr als arglistigen Anwendungen, die die moderne dialektische Taschenspielerei damit anstellt.
Wir, wir nennen dies minus-phi (–φ). Es ist das, was Freud als das Wesentliche des am Menschen vollzogenen Abdrucks seiner Beziehung zum logos, das heißt der Kastration, hier effektiv auf sich genommen auf der imaginären Ebene, pointiert hat.“
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Phobie: In der vorhergehenden Sitzung hatte Lacan drei Arten von Neurosen unterschieden: Phobie, Hysterie und Zwangsneurose (vgl. 14. März 1962, S. {9}).
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Allgegenwart: In der christlichen Theologie bezeichnet Allgegenwart (oder Ubiquität) die allumfassende Gegenwart Gottes.
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dass er an mehreren Orten zugleich ist: Die für den Zwangsneurotiker charakteristische Form, sich als als das Unmögliche darzustellen, besteht demnach darin, dass er versucht, an mehreren Orten zugleich zu sein.
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da er dessen Wurzel ist: Demnach ist der Modus der Hysterikerin die Wurzel der Zwangsneurose. Vgl. Freud:
„Nun muß ich hinzufügen – was man freilich nicht allgemein zu erwarten braucht – , daß meine Fälle von Zwangsvorstellungen sämtlich einen Untergrund von hysterischen Symptomen, meist Sensationen und Schmerzen, erkennen ließen, die sich gerade auf die ältesten Kindererlebnisse zurückleiteten.“
(Zur Ätiologie der Hysterie, 1896, GW 1, S. 457)
„Die Mittel, durch welche die Zwangsneurose ihre geheimen Gedanken zum Ausdruck bringt, die Sprache der Zwangsneurose ist gleichsam nur ein Dialekt der hysterischen Sprache, aber ein Dialekt, in welchen uns die Einfühlung leichter gelingen müßte, weil er dem Ausdrucke unseres bewußten Denkens verwandter ist als der hysterische.“
(Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 1909, GW 7, S. 382).
„Endlich erkannte ich die Bedeutung der Darmstörung für meine Absichten; sie repräsentierte das Stückchen Hysterie, welches regelmäßig zu Grunde einer Zwangsneurose gefunden wird.“
(Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, 1918, GW 12, S. 107).
„Auch scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine unterste Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome zu finden.“
(Hemmung, Symptom und Angst, 1926, GW 14, S. 143)
als real im Sinne von unmöglich: In welchem Sinne stellt sich die Hysterikerin als unmöglich dar?
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Zeichen: In einer früheren Sitzung des Identifizierungs-Seminars hieß es:
„Ein Zeichen, so sagt man uns, besteht darin, etwas für jemanden zu repräsentieren; der Jemand ist da als Stütze des Zeichens. Die erste Definition, die man von einem Jemand geben kann, ist: jemand, der einem Zeichen zugänglich ist. Das ist – wenn man sich so ausdrücken kann – die elementarste Form der Subjektivität. Es gibt hier noch kein Objekt, es gibt etwas anderes: das Zeichen, durch das dieses Etwas für jemanden repräsentiert wird.
Ein Signifikant unterscheidet sich von einem Zeichen vor allem durch das, was ich versucht habe, Sie spüren zu lassen: dass die Signifikanten zunächst nur das Vorhandensein der Differenz als solchen manifestieren und nichts anderes. Die erste Sache also, die der Signifikant impliziert, ist die, dass die Beziehung des Zeichens zur Sache bzw. zum Ding (chose) ausgelöscht ist.“
(6. Dezember 1961, S. {23})
Möglicherweise ist also gemeint, dass die Symptome der Hysterikerin insofern Zeichen sind, als sie für jemanden bestimmt sind.
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die Dimension des Verborgenen: Anspielung auf Heideggers Wahrheitsbegriff. Heidegger übersetzt das griechische Wort aletheia, das für gewöhnlich mit „Wahrheit“ übersetzt wird, mit „Unverborgenheit“; Wahrheit ist für ihn ein Geschehen der „Entbergung“, „der Aufgang des Verborgenen in die Unverborgenheit“ (M. Heidegger: Platons Lehre von der Wahrheit (1930/31, 1940), Gesamtausgabe Bd. 9, S. 233 f.).
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Mit „naturel à l’introduction“, folgen wir Typoskript 1. Roussan hat hier „naturel que l’introduction“.
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die Position eines allwissenden Anderen: Allwissenheit ist in der christlichen Theologie eines der Prädikate Gottes. Der wirksamste Text hierzu ist: Thomas von Aquin, Summa theologica, Erster Teil, Frage 14, „De scientia Dei“ / „Das Wissen Gottes“ (lateinisch/deutsch im Internet hier).
der scharfsinnigste, der präziseste Philosoph: Damit könnte (Heidegger folgend) Platon gemeint sein, insofern dieser die Dimension der Wahrheit auf die Ideen stützt. Diese Art des Denkens ist für Heidegger metaphysisch und die Metaphysik ist für ihn theologisch (vgl. Platons Lehre von der Wahrheit, a.a.O., S. 235 f.).
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Garantie, dass es ein tatsächlich existierendes Objekt gibt: Wenn etwas verborgen ist, ist es nicht unmöglich.
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als ob er über neun Zehntel unserer Absichten nichts wüsste: Auch dem Anderen, dem wir Allwissenheit zuschreiben, unterstellen wir praktisch, dass ihm das meiste verborgen ist.
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Kein Wort an die Königinmutter. Französischer Film von 1947, Regie: Maurice Cloche, Drehbuch: Maurice Cloche und Yves Mirande nach dem Theaterstück von Yves Mirande und Maurice Gaudeket.
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mit so lächerlichen Beispielen wie dem von Kant: Lacan bezieht sich auf folgende Passage in der Kritik der praktischen Vernunft, worin es über „jemanden“ heißt:
„Fragt ihn aber, ob, wenn sein Fürst ihm, unter Androhung derselben unverzögerten Todesstrafe, zumutete, ein falsches Zeugnis wider einen ehrlichen Mann, den er gerne unter scheinbaren Vorwänden verderben möchte, abzulegen, ob er da, so groß auch seine Liebe zum Leben sein mag, sie wohl zu überwinden für möglich halte. Ob er es tun würde, oder nicht, wird er vielleicht sich nicht getrauen zu versichern; daß es ihm aber möglich sei, muß er ohne Bedenken einräumen. Er urteilet also, daß er etwas kann, darum, weil er sich bewußt ist, daß er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre.“
(Erster Teil, Erstes Buch, Erstes Hauptstück, § 6 „Aufgabe II, Anmerkung“)
Lacan missversteht hier übrigens Kant. Bei Kant geht es nicht darum, wie sich, unter der Drohung durch einen Tyrannen, ein ehrlicher Mann gegenüber einem Unschuldigen verhalten würde, sondern wie sich, unter einer solchen Drohung, jedermann gegenüber einem ehrlichen Mann verhalten würde.
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das Maß des unbewussten Begehrens: Vgl. die Bemerkung zu Beginn dieser Sitzung, dass der Neurotiker sein Begehren in Abhängigkeit vom Anspruch des Anderen zu fundieren versucht.
kann Freud am Ende seines Werkes: Vgl. Freuds Bemerkung, der Kastrationskomplex – der Peniswunsch der Frau und der „männliche Protest“ des Mannes (die Weigerung, sich einem Vaterersatz zu unterwerfen) – sei vielleicht der „gewachsene Fels“, der von einer Analyse nicht bewältigen werden könne (vgl.: S. Freud: Die endliche und die unendliche Analyse (1937), GW 16, S. 99).

