Lacans Begriffe

Zweiter Tod“ und „Zwischen-zwei-Toden“ in Jacques Lacans Seminar über die Ethik der Psychoanalyse

Der Tod im Feuersee - (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Der zwei­te Tod im See aus bren­nen­dem Schwe­fel (von hier)

Was ver­steht La­can un­ter dem „zwei­ten Tod“ (se­con­de mort) und was un­ter dem „Zwi­schen-zwei-To­den“ (l’entre-deux-morts)? Bei­de Be­grif­fe wer­den von ihm in Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, ein­ge­führt. In die­sem Ar­ti­kel er­läu­te­re  ich, wie sie in die­sem Se­mi­nar ver­wen­det wer­den.

Ich be­gin­ne mit ei­ner Skiz­ze des Freud­schen Hin­ter­grunds, da­nach zi­tie­re und kom­men­tie­re ich sämt­li­che Pas­sa­gen, in de­nen die Aus­drü­cke ver­wen­det wer­den, und zwar in der Rei­hen­fol­ge ih­res Vor­kom­mens. Aus­gangs­punkt ist ein Zi­tat von Sade, das von La­can er­läu­tert wird, ohne be­reits vom zwei­ten Tod zu spre­chen, das ihm spä­ter aber als Bei­spiel da­für dient. Es fol­gen die Stel­len, an de­nen La­can aus­drück­lich vom zwei­ten Tod spricht (ins­ge­samt sind es sie­ben) so­wie die Pas­sa­ge, in der vom „Zwi­schen-zwei-To­den“ die Rede ist. Den Schluss bil­det eine Zu­sam­men­fas­sung.1

Die Sei­ten­an­ga­ben zu den La­can­zi­ta­ten be­zie­hen sich auf die bei Qua­dri­ga er­schie­ne­ne deut­sche Aus­ga­be des Ethik-Se­mi­nars. Die Über­set­zung ist teils die von Nor­bert Haas (ein­fa­che Sei­ten­an­ga­ben in Klam­mern), teils mei­ne ei­ge­ne nach der Sta­fer­la-Ver­si­on (Sei­ten­an­ga­ben in Klam­mern mit dem Zu­satz „ge­än­dert“). In Zwei­fels­fäl­len habe ich die Sta­fer­la-Ver­si­on mit der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie ver­gli­chen (Ver­si­on JL) und die Haas­sche Über­set­zung mit der Mil­ler­schen Vor­la­ge. In den La­can­zi­ta­ten sind alle An­mer­kun­gen von mir, die Ein­fü­gun­gen in ecki­gen Klam­mern und die Fett­schrei­bung von „zwei­ter Tod“ eben­falls.2

Freuds Begriff des Todestriebs

In „Jen­seits des Lust­prin­zips“ von 1920 lässt sich Freud, wie er selbst sagt, zu ei­ner „Spe­ku­la­ti­on“ hin­rei­ßen: zur Ein­füh­rung ei­nes neu­en Trieb­dua­lis­mus, der Op­po­si­ti­on von Le­bens­trie­ben und To­des­trie­ben. Zu den Le­bens­trie­ben ge­hö­ren die Se­xu­al- und die Ich­trie­be. Ne­ben ih­nen ist aber in sämt­li­chen Or­ga­nis­men ein Drang wirk­sam, den Tod her­bei­zu­füh­ren, nicht nur im Men­schen, auch in den nicht-mensch­li­chen Tie­ren und in den Pflan­zen, bis hin zu den Ein­zel­lern.3

Die­ser Tod ist nicht der ge­wöhn­li­che, nicht das Er­geb­nis des Ster­bens oder des Ver­wel­kens. Der To­des­trieb ist ein Trieb, und das heißt für Freud: ein dem be­leb­ten Or­ga­nis­mus in­ne­woh­nen­der Drang, ei­nen frü­he­ren Zu­stand wie­der­her­zu­stel­len. Der Tod, auf den der To­des­trieb aus ist, ist ein frü­he­rer Zu­stand.

Freud stellt sich das so vor: Ir­gend­wann ein­mal wur­den, durch eine un­vor­stell­ba­re Kraft­ein­wir­kung, in der an­or­ga­ni­schen Ma­te­rie die Ei­gen­schaf­ten des Le­ben­di­gen er­weckt (er ver­gleicht das mit dem spä­te­ren Schritt, durch den in der le­ben­den Ma­te­rie das Be­wusst­sein er­zeugt wur­de). Durch die­se Ein­wir­kung ent­stand in dem vor­her un­be­leb­ten Stoff eine Span­nung. Die­se Span­nung strebt da­nach, sich aus­zu­glei­chen, und in die­sem Drang nach Span­nungs­ab­fuhr be­steht der To­des­trieb. Der To­des­trieb zielt auf die „Rück­kehr zum An­or­ga­ni­schen“4.

Der Drang zur Rück­kehr  be­ruht auf dem „Kon­stanz­prin­zip“, d.h. der Ten­denz, die Er­re­gung kon­stant zu hal­ten, bzw. auf dem „Nir­wa­naprin­zip“, der Ten­denz, die Er­re­gungs­quan­ti­tät auf Null zu sen­ken.

Der Freud­sche To­des­trieb zielt, über den ge­wöhn­li­chen Tod hin­aus, auf ei­nen an­de­ren Tod. Wenn ich tot sein wer­de, hat der mich be­woh­nen­de To­des­trieb sein Ziel längst nicht er­reicht. Mei­ne Lei­che wird aus or­ga­ni­scher Sub­stanz be­stehen, und in die­ser Ma­te­rie wird, Freud zu­fol­ge, der To­des­trieb wei­ter­hin wirk­sam sein. Er wird sein Ziel erst dann er­reicht ha­ben, wenn sich das Or­ga­ni­sche in et­was An­or­ga­ni­sches ver­wan­delt hat, wenn mei­ne Lei­che ge­wis­ser­ma­ßen fos­si­li­siert wor­den ist.

Lacans Freudkritik

In Se­mi­nar 7 von 1959/60 ent­wi­ckelt La­can eine Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, aus­ge­hend vom To­des­trieb, vom Stre­ben nach Zer­stö­rung; ein Theo­lo­ge wür­de viel­leicht sa­gen: aus­ge­hend vom Bö­sen.5 Die Freud­sche Er­klä­rung des To­des­triebs durch die Ten­denz der Rück­kehr zum An­or­ga­ni­schen, durch das Kon­stanz­prin­zip oder durch das Nir­wa­naprin­zip hält La­can für in­dis­ku­ta­bel: sie ist für ihn we­der wahr noch falsch, son­dern su­spekt, lä­cher­lich.6 Auch das Kon­zept des pri­mä­ren Ma­so­chis­mus – ei­nes ur­sprüng­lich Triebs zur Selbst­zer­stö­rung – wird von La­can ver­wor­fen.7

Am Be­griff des To­des­triebs hält La­can je­doch fest. Statt vom To­des­trieb spricht auch vom To­des­be­geh­ren; Trieb und Be­geh­ren wer­den von ihm in die­sem Se­mi­nar noch nicht, wie spä­ter, klar un­ter­schie­den. Un­ter dem To­des­trieb ver­steht er ei­nen Zer­stö­rungs­drang, ei­nen Zer­stö­rungs­wil­len. Dass es ein Stre­ben nach Ver­nich­tung gibt, ist für ihn un­be­streit­bar. Wie lässt es sich er­klä­ren? Das ist die Fra­ge, die er zu be­ant­wor­ten ver­sucht. Der Zer­stö­rungs­drang ist nicht phy­sio­lo­gisch zu be­grei­fen, nicht bio­lo­gisch  und schon gar nicht phy­si­ka­lisch. Das Stre­ben nach Ver­nich­tung be­ruht auf dem Ver­hält­nis des Men­schen zur Spra­che – das ist die The­se, die La­can im Ethik-Se­mi­nar aus­ar­bei­tet.

Wenn man den Be­griff des To­des­triebs ak­zep­tiert, stellt sich zwangs­läu­fig die Fra­ge, was hier mit „Tod“ ge­meint ist. Was für ein Tod ist es, den der To­des­trieb her­bei­zu­füh­ren ver­sucht?

Die Zerstörung des zweiten Lebens

Sade: Man müsste das zweite Leben nehmen können

Eine der Äu­ße­rungs­for­men des To­des­triebs ist, Freud zu­fol­ge, der Sa­dis­mus; der Zer­stö­rungs­drang wird hier auf an­de­re um­ge­lenkt. Also kann man, zur Er­kun­dung des To­des­triebs, fra­gen, wie sich die de­struk­ti­ve Ten­denz beim Na­mens­ge­ber des Sa­dis­mus dar­stellt, beim Mar­quis de Sade. Wie wird in sei­nen Schrif­ten der Zu­stand be­schrie­ben, der durch Zer­stö­rung her­bei­ge­führt wer­den soll? Das ist eine der Fra­gen, de­nen La­can im Ethik-Se­mi­nar nach­geht.

Sade zielt auf die Rea­li­sie­rung des Ge­nie­ßens, auf die Be­frie­di­gung des De­struk­ti­ons­stre­bens. Die Zer­stö­rung kommt je­doch nicht an ihr Ziel, auf dem Weg der Ver­nich­tung trifft die Stre­bung auf eine Bar­rie­re, eine Gren­ze. In der Sit­zung vom 30. März 1960 sagt La­can:

Sade ist auf die­ser Gren­ze.“ (S. 238)

Sade bil­det sich ein, die Gren­ze, die ihn an der vol­len Rea­li­sie­rung sei­nes Zer­stö­rungs­drangs hin­dert, zu über­schrei­ten; tat­säch­lich aber steckt er auf ihr fest. In sei­nen ero­ti­schen – oder por­no­gra­phi­schen – Phan­ta­si­en ver­harrt er auf der Gren­ze: die Op­fer der Quä­le­rei­en, die er sich aus­malt, sind un­zer­stör­bar. Der To­des­trieb ist eine in sich blo­ckier­te Be­we­gung.

In der Fol­ge­sit­zung, am 27. April 1960, heißt es

Wir sind im Au­gen­blick an je­ner Schran­ke, jen­seits wel­cher das ana­ly­ti­sche Ding ist und an der jene Brem­sun­gen auf­tre­ten, durch die das Ob­jekt als Ob­jekt des Ge­nie­ßens zu ei­nem un­er­reich­ba­ren wird.“ (S. 246)

Für Freud ist das „Ding“ das Nicht-As­si­mi­lier­ba­re, um das sich, un­ter der Herr­schaft des Lust­prin­zips, die Be­we­gung der Vor­stel­lun­gen dreht.8 Statt von Vor­stel­lun­gen spricht La­can von Si­gni­fi­kan­ten; er ver­steht un­ter dem „Ding“ das un­wi­der­ruf­lich Ab­we­sen­de, das die Ver­ket­tung der Si­gni­fi­kan­ten be­herrscht; er ver­bin­det es mit Freuds Kon­zept vom ver­lo­re­nen und wie­der­zu­fin­den­den Ob­jekt und be­tont, dass es zwar wie­der­zu­fin­den ist, aber nie ver­lo­ren war9; spä­ter wird hier­aus das un­mög­li­che Ge­nie­ßen.

La­can skiz­ziert hier eine To­pik der Gren­ze. Der Zer­stö­rungs­trieb zielt auf ein Ge­nie­ßen, auf eine Trieb­be­frie­di­gung jen­seits des Lust­prin­zips. Die­ses Ge­nie­ßen soll durch Wie­der­fin­den des „Dings“ er­reicht wer­den. Auf dem Weg zur zer­stö­re­ri­schen Ver­ei­ni­gung mit dem „Ding“ tritt eine Blo­ckie­rung ein. Die Bar­rie­re wird durch das Phan­tas­ma ge­lie­fert. Die Po­si­ti­on von Sade lässt sich etwa so wie in Ab­bil­dung 1 dar­stel­len:

Zweiter Tod - Sade - Abb 1a (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 1: Sa­des Po­si­ti­on auf der Gren­ze

Sade be­fin­det sich auf ei­ner Gren­ze, wor­un­ter La­can ei­nem Grenz­be­reich ver­steht, ei­nem Grenz­strei­fen ge­wis­ser­ma­ßen (mitt­le­res Seg­ment der Li­nie); hin­ter die­sem Grenz­be­reich liegt das Ding (rech­ter Ab­schnitt). Die Gren­ze wird durch das Phan­tas­ma ge­bil­det; die Po­si­tio­nie­rung von „Phan­tas­ma“ über der Li­nie soll dar­auf hin­wei­sen, dass das Phan­tas­ma, sei­ner Haupt­funk­ti­on nach, zum ima­gi­nä­ren Re­gis­ter ge­hört. La­can sagt nicht aus­drück­lich, was sich auf der an­de­ren Sei­te der Grenz­zo­ne be­fin­det; den lin­ken Ab­schnitt der Li­nie habe ich des­halb frei­ge­las­sen. (Viel­leicht kann man hier das Ich ein­tra­gen.)

Sade wech­selt in sei­nen Tex­ten zwi­schen nar­ra­ti­vem und ar­gu­men­tie­ren­dem Schrei­ben; auf die Or­gie folgt eine Ab­hand­lung folgt eine Or­gie. In den Er­zäh­lun­gen ver­harrt er auf ei­ner Gren­ze, die vor der Zer­stö­rung liegt, in sei­nen Theo­ri­en über­schrei­tet er die­se Gren­ze. In der Ge­schich­te von Ju­li­et­te lässt er den zu sei­ner Zeit am­tie­ren­den Papst auf­tre­ten, Pius VI., der hier ein na­tur­phi­lo­so­phisch-kri­mi­no­lo­gi­sches Sys­tem vor­stellt (vgl. S. 254 f.). In der Na­tur, so be­haup­tet der Sa­de­sche Papst, herr­schen drei Kräf­te. Sie be­gren­zen die Na­tur, so dass ihr nur ein ein­ge­schränk­ter Kreis­lauf mög­lich ist. Das Ver­bre­chen un­ter­stützt die Na­tur. Es schränkt die Macht der drei Kräf­te ein und es lie­fert der Na­tur durch Zer­stö­rung das Ma­te­ri­al, das sie be­nö­tigt, um wirk­sam zu wer­den, in­dem sie es neu zu­sam­men­zu­setzt. La­can zi­tiert im Se­mi­nar eine lan­ge Pas­sa­ge aus der Papst­re­de; dies sind die ent­schei­den­den Sät­ze:

‘Um ihr (der Na­tur) noch bes­ser zu die­nen, müß­te man die Re­ge­ne­ra­ti­on, die aus dem von uns be­gra­be­nen Leich­nam re­sul­tiert, ver­hin­dern kön­nen. Der Mord be­sei­tigt nur das ers­te Le­ben des In­di­vi­du­ums, das wir nie­der­schla­gen. Er müß­te ihm auch das zwei­te neh­men kön­nen, wenn er der Na­tur noch nütz­li­cher sein woll­te; denn sie will die Ver­nich­tung; es steht nicht in un­se­rer Macht, un­se­ren Mord­ta­ten das Aus­maß an Wirk­sam­keit zu ge­ben, das sie sich wünscht.‘“ (S. 255)

Die Sa­de­sche Kon­struk­ti­on äh­nelt der Freud­schen Spe­ku­la­ti­on über den To­des­trieb. Das Ver­bre­chen ist eine Kraft der Zer­stö­rung, die Na­tur setzt das Zer­stör­te neu zu­sam­men – das ent­spricht in etwa dem Ge­gen­satz von To­des- und Le­bens­trie­ben. Der Mord raubt dem In­di­vi­dum nur das ers­te Le­ben; die Lei­che ist in ge­wis­sem Sin­ne wei­ter­hin le­ben­dig, denn sie un­ter­liegt der Re­ge­ne­ra­ti­on, sie be­steht aus or­ga­ni­scher Ma­te­rie und ist da­mit den Re­pro­duk­ti­ons­kreis­läu­fen un­ter­wor­fen. Ei­nen wirk­li­chen Dienst wür­de man der Na­tur erst dann er­wei­sen, wenn man auch die­ses zwei­te Le­ben ver­nich­ten könn­te, mit Freud: wenn man die Lei­che in ei­nen an­or­ga­ni­schen Zu­stand über­füh­ren könn­te. Dies steht al­ler­dings nicht in der Macht des Men­schen, sei­ne De­struk­ti­ons­ka­pa­zi­tät ist be­schränkt; das zwei­te Le­ben ist, zum Be­dau­ern des Paps­tes, un­aus­rott­bar. In Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: das Wir­ken der To­des­trie­be wird von dem der Le­bens­trie­be be­stän­dig durch­kreuzt.

Der Papst bringt in sei­ner Ver­nich­tungs­phi­lo­so­phie fol­gen­de Ele­men­te ins Spiel (vgl. Abb. 2):
– das ers­te Le­ben (das lin­ke Seg­ment),
– den Mord, durch den das ers­te Le­ben ge­nom­men wird (im Sche­ma durch den Punkt zwi­schen dem lin­ken und dem mitt­le­ren Seg­ment re­prä­sen­tiert),
– das zwei­te Le­ben, also den Kreis­lauf von Wer­den und Ver­ge­hen, die Ver­we­sung der Lei­che,
– den (un­mög­li­chen) Akt der Ver­nich­tung des zwei­ten Le­bens (Punkt zwi­schen dem mitt­le­ren und dem rech­ten Seg­ment),
– die Ab­we­sen­heit von Re­ge­ne­ra­ti­on, das Ver­nich­tet­sein des zwei­ten Le­bens (eben­falls un­mög­lich).

Der Tod, auf den der To­des­trieb in der Pi­us­schen Ver­si­on ab­zielt, ist der Still­stand der bio­lo­gi­schen Re­pro­duk­ti­ons­kreis­läu­fe, der „ab­so­lu­te Null­punkt“ (S. 243). Die­ser Zu­stand wird von La­can mit dem Wie­der­fin­den des (nie­mals ver­lo­re­nen) „Dings“ gleich­ge­setzt.

Zweiter Tod - Sade - Abb 1c (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 2: Das Sys­tem von Pius VI.

Was die Ter­mi­no­lo­gie an­geht, ist fest­zu­hal­ten, dass Sade von der Ver­nich­tung des zwei­ten Le­bens spricht, aber we­der hier noch sonst vom zwei­ten Tod.

Zurückkommen auf die Markierung

Die zi­tier­te Stel­le aus der Papst­re­de wird von La­can so kom­men­tiert:

Ich den­ke, daß Sie den Nerv, die Trag­wei­te die­ser letz­ten Aus­sa­ge er­faßt ha­ben. Wir sind da­mit im Zen­trum des­sen, was Ih­nen letz­tes­mal beim To­des­trieb als Tren­nung ar­ti­ku­liert wur­de zwi­schen dem Nir­wa­na- oder Ver­nich­tungs­prin­zip ei­ner­seits – in­so­fern es sich auf ein fun­da­men­ta­les Ge­setz be­zieht, das zu iden­ti­fi­zie­ren wäre mit dem, was die En­er­ge­tik uns vor­stellt als die Ten­denz, zu ei­nem Zu­stand wenn nicht ab­so­lu­ter Ruhe, so doch zu­min­dest ei­nes uni­ver­sel­len Gleich­ge­wichts zu­rück­zu­keh­ren – und dem To­des­trieb an­de­rer­seits.“ (S. 255)

Ge­gen Freud er­klärt La­can hier, dass man un­ter­schei­den muss zwi­schen, ei­ner­seits, dem Nir­wa­na- oder Ver­nich­tungs­prin­zip, dem Stre­ben nach Ho­möo­sta­se oder En­tro­pie, und, an­de­rer­seits, dem To­des­trieb; sie ha­ben nichts mit­ein­an­der zu tun. La­can fährt fort:

Der To­des­trieb ge­hört in den Be­reich der Ge­schich­te, da er sich auf ei­ner Ebe­ne ar­ti­ku­liert, die nur in Ab­hän­gig­keit von der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te de­fi­nier­bar ist, das heißt in­so­fern eine Mar­kie­rung, die eine Mar­kie­rungs­ord­nung ist, in be­zug auf das Funk­tio­nie­ren der Na­tur si­tu­iert wer­den kann.“ (S. 255, ge­än­dert)

Der To­des­trieb muss als ein Phä­no­men be­grif­fen wer­den, das von der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ab­hängt, von der Spra­che. Da­mit ge­hört er in den Be­reich der mensch­li­chen Ge­schich­te, wo­bei die Ge­schich­te hier in der an­fäng­li­chen Nie­der­schrift oder Ein­schrei­bung ei­nes Si­gni­fi­kan­ten be­steht (vgl. S. 258). Die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist eine Ord­nung von Mar­kie­run­gen, die sich auf das Funk­tio­nie­ren der Na­tur be­zieht, die Ket­te kommt da­durch zu­stan­de, dass Mar­kie­run­gen in die Na­tur ein­ge­tra­gen wer­den.

Der nächs­te Satz lau­tet:

Es muss et­was Jen­sei­ti­ges ge­ben, von dem aus sie (die Na­tur) er­faßt wer­den kann in ei­nem fun­da­men­ta­len Ein­ge­den­ken, und zwar so, daß al­les nicht ein­fach in der Be­we­gung der Me­ta­mor­pho­sen, son­dern aus­ge­hend von ei­ner ur­sprüng­li­chen In­ten­ti­on wie­der­auf­ge­nom­men wer­den kann.“(S. 255, ge­än­dert)

Jen­seits der Na­tur muss es et­was ge­ben, von wo aus, durch eine Er­in­ne­rung, die Na­tur er­fasst wer­den kann. Dies ist die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, die Ord­nung der Mar­kie­run­gen.

Der To­des­trieb ge­hört nicht in den Be­reich der bio­lo­gi­schen Form­wa­nd­lun­gen. Er muss viel­mehr aus­ge­hend von ei­ner ur­sprüng­li­chen In­ten­ti­on auf­ge­fasst wer­den, ei­nem an­fäng­li­chen Be­zo­gen­sein-auf-et­was; er ist ein Ver­such, auf die­se ur­sprüng­li­che In­ten­ti­on zu­rück­zu­kom­men. Hier nimmt La­can den Freud­schen Ge­dan­ken auf, dass ein Trieb im­mer da­nach strebt, ei­nen frü­he­ren Zu­stand wie­der­her­zu­stel­len. Wor­in be­steht in die­sem Fall die ur­sprüng­li­che „In­ten­ti­on“? Ver­mut­lich dar­in, dass Mar­kie­run­gen in die Na­tur ein­ge­tra­gen wur­den und auf die­se Wei­se Si­gni­fi­kan­ten ge­schaf­fen wur­den.

Die Desintegration des Lebens durch die Anarchie der Chromosomen

In der Vor­le­sung vom 18. Mai 1960 er­gänzt La­can sei­nen Kom­men­tar der Papst­re­de. Aus­ge­hend von ei­nem po­li­ti­schen Er­eig­nis, das nicht ge­nau­er be­zeich­net wird10, stellt er die Fra­ge, ob wir eine be­stimm­te Li­nie über­schrit­ten ha­ben, eine Gren­ze im Ver­hält­nis zum Si­gni­fi­kan­ten.

Das schreck­lich Un­er­kann­te jen­seits der Li­nie, das ist, was wir, beim Men­schen, das Un­be­wuß­te nen­nen, das heißt das Ge­dächt­nis des­sen, was er ver­gißt. Und was er ver­gißt – Sie kön­nen se­hen, in wel­cher Rich­tung –, ist das, was so be­schaf­fen ist, daß er dar­an nicht denkt – der Ge­stank, die Zer­set­zung, die im­mer wie ein Ab­grund droht –, denn das Le­ben, das ist die Verwesung.“(S. 279)

Zu den In­hal­ten des Un­be­wuss­ten ge­hö­ren Vor­stel­lun­gen von Zer­set­zung und Ver­we­sung und von dem da­mit ver­bun­de­nen Ge­stank, Freud hat die Be­deu­tung olfak­to­ri­scher Er­in­ne­run­gen im­mer be­tont. Die­se Vor­stel­lun­gen be­zie­hen sich auf das Le­ben, auf das zwei­te Le­ben im Sin­ne des Sa­de­schen Paps­tes. La­can fährt fort:

Zu­neh­mend seit ei­ni­ger Zeit. Denn die An­ar­chie der For­men, die­se zwei­te Zer­stö­rung (dé­st­ruc­tion se­con­de), von der Sade ge­spro­chen hat, in dem Zi­tat, das ich vor ei­ni­ger Zeit aus­ge­zo­gen habe, die an die Sub­ver­si­on so­gar jen­seits des Zy­klus von Er­zeu­gung-Zer­set­zung ap­pel­liert, das sind für uns ak­tu­el­le Fra­gen. Die Mög­lich­keit der zwei­ten Zer­stö­rung ist für uns plötz­lich greif­bar ge­wor­den in der Be­dro­hung durch eine An­ar­chie der Chro­mo­so­men, in der die Ver­täu­un­gen der For­men des Le­bens durch­schnit­ten wer­den könn­ten. Mons­tren ver­setz­ten die in Angst und Schre­cken, die, zu­letzt im XVIII. Jahr­hun­dert, dem Wort Na­tur noch ei­nen Sinn ga­ben. Seit lan­ger Zeit mißt man Käl­bern mit sechs Fü­ßen, Kin­dern mit zwei Köp­fen kein Ge­wicht mehr bei, und doch wer­den wir die­se jetzt zu Tau­sen­den viel­leicht wie­der auf­tau­chen se­hen.“ (S. 279)

Der Sa­de­sche Papst hat­te sich ge­wünscht, nicht nur das in­di­vi­du­el­le Le­ben, son­dern den Kreis­lauf der Re­ge­ne­ra­ti­on ins­ge­samt zer­stö­ren zu kön­nen, also die Re­pro­duk­ti­on der For­men, die Wie­der­ho­lung der Ge­stal­ten des Le­ben­di­gen. Heu­te ist die Rea­li­sie­rung die­ser Ver­nich­tungs­phan­ta­sie eine ak­tu­el­le Fra­ge; es könn­te sein, dass die Zahl der Mu­ta­tio­nen zu­nimmt. Ver­mut­lich be­zieht La­can sich hier auf die Schä­di­gung des Erb­guts durch ato­ma­re Strah­lung.

Un­ter ter­mi­no­lo­gi­schem As­pekt ist fest­zu­hal­ten, dass La­can hier von der zwei­ten Zer­stö­rung (dé­st­ruc­tion se­con­de) spricht, nicht vom zwei­ten Tod (se­con­de mort).

Et­was spä­ter heißt es:

Der Mensch hat zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt ge­lernt, den Dis­kurs der Ma­the­ma­tik im Rea­len und in der Welt zu lan­cie­ren und in Um­lauf zu brin­gen, der sei­ner­seits sich nur vor­an­be­we­gen kann, in­dem nichts ver­ges­sen wird. Es ge­nügt, daß eine klei­ne Si­gni­fi­kan­ten­ket­te nach die­sem Prin­zip zu funk­tio­nie­ren be­ginnt, und die Din­ge ver­lau­fen ganz so, als funk­tio­nier­ten sie von selbst, so daß wir uns fra­gen kön­nen, ob der durch die All­macht des Si­gni­fi­kan­ten er­zeug­te Dis­kurs der Phy­sik auf eine In­te­gra­ti­on der Na­tur hin­aus­läuft oder auf ihre Des­in­te­gra­ti­on.“ (S. 284)

Das, was man die „tech­ni­sche Welt“ nennt, be­ruht auf ei­nem ver­än­der­ten Ver­hält­nis des Men­schen zum Si­gni­fi­kan­ten, auf der Ma­the­ma­ti­sie­rung der Phy­sik und auf der Ver­wen­dung phy­si­ka­li­scher For­meln bei der Um­ge­stal­tung der Na­tur. Die an­ge­wand­te Phy­sik hat mög­li­cher­wei­se nicht die In­te­gra­ti­on, son­dern die Des­in­te­gra­ti­on der Na­tur zur Fol­ge. Da­mit spielt La­can auf Freuds Op­po­si­ti­on von Le­bens- und To­des­trie­ben an: Ziel der Le­bens­trie­be ist die Schaf­fung von grö­ße­ren Ein­hei­ten, also die In­te­gra­ti­on, das der To­des­trie­be ist die Auf­lö­sung von Ein­hei­ten, die Des­in­te­gra­ti­on. Das Span­nungs­ver­hält­nis von Le­bens- und To­des­trie­ben ist dem­nach eine Grund­be­zie­hung der mo­der­nen tech­ni­sier­ten Welt; es be­ruht auf ei­ner ver­än­der­ten Funk­ti­ons­wei­se der Si­gni­fi­kan­ten durch die Ma­the­ma­ti­sie­rung der Phy­sik.

Ei­ni­ge Sät­ze spä­ter kann man le­sen:

Daß der Freud­sche Be­griff des To­des­triebs auf­taucht, hat sei­nen Sinn für uns, weil die Be­we­gung des Be­geh­rens im Be­griff ist, die Li­nie ei­ner Art Ent­hül­lung zu über­schrei­ten. Die Fra­ge stellt sich auf der Ebe­ne des Ver­hält­nis­ses des Men­schen­we­sens / des mensch­li­chen Seins (l’être hu­main) zum Si­gni­fi­kan­ten als sol­chem, weil auf der Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten je­der Zy­klus des Sei­en­den mit Ein­schluß des Le­bens in sei­ner Be­we­gung von Ver­lust und Wie­der­kehr wie­der in Fra­ge ge­stellt wer­den kann.“ (S. 284 f., ge­än­dert)

Das Be­geh­ren bzw. der Trieb – das wird in die­sem Se­mi­nar noch nicht streng un­ter­schie­den – ist da­bei, die Li­nie ei­ner Ent­hül­lung zu über­schrei­ten, ei­ner Ent­hül­lung über den Zu­sam­men­hang von Spra­che und Ver­nich­tung (Ba­diou wür­de von ei­nem Wahr­heits­er­eig­nis spre­chen). Die­ser his­to­ri­sche Ein­schnitt wird durch Freuds Be­griff des To­des­triebs an­ge­zeigt. Der To­des­trieb be­ruht auf dem Ver­hält­nis des Men­schen zum Si­gni­fi­kan­ten. Die Spra­che hat eine de­struk­ti­ve Di­men­si­on.

Mit der Ge­gen­über­stel­lung zwi­schen dem Men­schen­we­sen / dem mensch­li­chen Sein (l’être hu­main) und dem Sei­en­den spielt La­can auf die Hei­deg­ger­sche Un­ter­schei­dung von Sein und Sei­en­dem an. Der To­des­trieb zielt dar­auf ab, das Le­ben­di­ge, also be­stimm­te For­men des Sei­en­den, zu ver­nich­ten. Das Ver­hält­nis des Men­schen zum Sein rea­li­siert sich in der ne­gie­ren­den Be­zie­hung zum Sei­en­den; mög­lich wird dies durch die Spra­che, durch das Funk­tio­nie­ren von Si­gni­fi­kan­ten. In der Mög­lich­keit, das le­ben­di­ge Sei­en­de in Fra­ge zu stel­len, zeigt sich eine grund­le­gen­de Be­zie­hung zwi­schen dem Men­schen und der Spra­che.

Zweiter Tod“

Antigone zwischen dem Seienden und dem Sein

La­can ent­wi­ckelt den Be­griff des zwei­ten To­des an­hand von li­te­ra­ri­schen Tex­ten. Nach Sa­des Ge­schich­te von Ju­li­et­te ist dies die An­ti­go­ne des So­pho­kles.

Was ver­leiht die­sem zen­tra­len Bild (der An­ti­go­ne) die zer­streu­en­de Macht in be­zug auf alle an­de­ren, die auf ei­nen Schlag in ihm zu­sam­men­zu­fal­len und zu schwin­den schei­nen? Die Ar­ti­ku­lie­rung der tra­gi­schen Hand­lung gibt uns dar­über Auf­klä­rung. Es liegt an der Schön­heit An­ti­go­nes – ich er­fin­de das nicht, ich wer­de Ih­nen die Pas­sa­ge im Ge­sang des Chors zei­gen, in der die Schön­heit als sol­che an­ge­spro­chen ist, und ich wer­de Ih­nen zei­gen, daß das die Schlüs­sel­stel­le ist – und zwar an dem Ort, den sie ein­nimmt, im Zwi­schen­raum (ent­re-deux) von zwei sym­bo­lisch un­ter­schie­de­nen Fel­dern. Ih­ren Glanz (éclat) hat sie zwei­fel­los aus die­sem Ort – die­sen Glanz, den alle, die auf wür­di­ge Wei­se von der Schön­heit ge­spro­chen ha­ben, nie aus ih­rer De­fi­ni­ti­on weg­ge­las­sen konn­ten.“ (S. 299)

Das Bild von An­ti­go­ne ab­sor­biert auf­grund sei­ner Schön­heit alle an­de­ren Bil­der. Die Schön­heit der Hel­din be­ruht dar­auf, dass sie ei­nen be­stimm­ten Ort ein­nimmt; ihr Schön­sein ist ein to­pi­scher Ef­fekt. Der Chor spricht in dem Mo­ment über ihr Aus­se­hen und des­sen be­zwin­gen­de Kraft, als Kre­on sie dazu ver­ur­teilt hat, le­ben­dig in eine Grab­kam­mer ein­ge­mau­ert zu wer­den und sie zu ih­rem Grab ge­führt wird (Vers 795). Zwar be­schreibt sich An­ti­go­ne von An­fang an als be­reits tot (Vers 559 f.), durch das Ur­teil wird ihre sub­jek­ti­ve Po­si­ti­on je­doch in der Hand­lung äu­ßer­lich dar­ge­stellt. In der Grab­kam­mer wird sie in ei­nem Zwi­schen­be­reich le­ben, zwi­schen der Ober­welt und der Un­ter­welt, zwi­schen den Le­ben­den und den To­ten. In ih­rem Kla­ge­lied singt sie: „Ich Arme, / we­der bei Sterb­li­chen, noch bei To­ten / ge­dul­det, nicht bei Le­ben­den, nicht bei Ge­stor­be­nen.“ (Ver­se 850–852)

Die Rei­che der Le­ben­den und der To­ten sind sym­bo­lisch un­ter­schie­den, in ih­nen herr­schen un­ter­schied­li­che Ge­set­ze. Das Reich der Le­ben­den wird durch die Ge­set­ze der ober­ir­di­schen Göt­ter be­stimmt, im Ha­des gel­ten die un­ge­schrie­be­nen Ge­set­ze, die von den To­ten­göt­tern er­las­sen wur­den (vgl. Ver­se 449–455).

La­can er­läu­tert den Un­ter­schied zwi­schen den bei­den Ge­set­zen mit Hei­deg­gers Be­griffs­op­po­si­ti­on zwi­schen dem Sei­en­dem und dem Sein (vgl. S. 333–335). In Se­mi­nar 2 hat­te er den Un­ter­schied so er­läu­tert: Die Er­kennt­nis hat es mit der Be­zie­hung des Men­schen zu sei­ner Welt zu tun, in der sich das Sub­jekt an die Ob­jek­te an­zu­mes­sen hat; der Mensch be­zieht sich als We­sen, das sich als sei­end weiß, auf an­de­re We­sen, die es als sei­end weiß. Das Feld der Psy­cho­ana­ly­se hat es mit ganz an­de­ren Be­zie­hun­gen zu tun, mit dem Ver­hält­nis des mensch­li­chen We­sens nicht zum Sei­en­den, son­dern zum Sein, ge­nau­er: zum Man­gel an Sein, zum Be­geh­ren.11

Un­ter dem Sei­en­den ver­steht La­can an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le aus Se­mi­nar 7 die ver­än­der­li­che Welt, die Welt von Wer­den und Ver­ge­hen, un­ter dem Sein ver­steht er das, was im Fluss der Trans­for­ma­tio­nen un­ver­rück­bar bleibt. Die Ge­set­ze der ober­ir­di­schen Göt­ter sind, La­cans zu­fol­ge, sol­che, die sich auf das Sei­en­de be­zie­hen, auf die Ge­schich­te, die der un­ter­ir­di­schen Göt­ter ste­hen im Ver­hält­nis zum Sein, zum Un­ver­än­der­li­chen. Die­se Ge­set­ze sind in so­fern un­ge­schrie­ben, sagt La­can, als sie in kei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ex­pli­zit ent­wi­ckelt sind. Sie sind je­doch in der Spra­che ent­hal­ten, denn die Be­zie­hung zum Sein durch In­fra­ge­stel­lung des Sei­en­den ist nur in der Spra­che mög­lich.

Die fol­gen­de Ab­bil­dung soll An­ti­go­nes Zwi­schen­stel­lung ver­an­schau­li­chen (vgl. Abb. 3). Sie hat ih­ren Platz (mitt­le­res Seg­ment der Li­nie)  zwi­schen dem Ge­setz der Le­ben­den (lin­ker Ab­schnitt) und dem der To­ten (rech­ter Ab­schnitt), zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein. Ihre Schön­heit be­ruht auf ih­rer Zwi­schen­stel­lung; im Dia­gramm habe ich „Schön­heit“ über der Li­nie ein­ge­tra­gen, was hei­ßen soll: die Schön­heit ge­hört zur ima­gi­nä­ren Di­men­si­on

Zweiter Tod - Antigone - Abb 2 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 3: An­ti­go­ne in der Zwi­schen­zo­ne und ihre Schön­heit

Für die The­se, dass die Schön­heit auf der Zwi­schen­po­si­ti­on be­ruht, hat sich La­can of­fen­kun­dig von Hei­deg­ger an­re­gen las­sen. In Höl­der­lin und das We­sen der Dich­tung schreibt Hei­deg­ger:

So ist das We­sen der Dich­tung ein­ge­fügt in die aus­ein­an­der und zu­ein­an­der stre­ben­den Ge­set­ze der Win­ke der Göt­ter und der Stim­me des Vol­kes. Der Dich­ter selbst steht zwi­schen je­nen – den Göt­tern, und die­sen – dem Volk. Er ist ein Hin­aus­ge­wor­fe­ner – hin­aus in je­nes Zwi­schen, zwi­schen den Göt­tern und den Men­schen. Aber al­lein und zu­erst in die­sem Zwi­schen ent­schei­det es sich, wer der Mensch sei und wo er sein Da­sein an­sie­delt.“12

Wie La­can un­ter­schei­det Hei­deg­ger zwei Fel­der, die von un­ter­schied­li­chen Ge­set­zen be­herrscht wer­den, den Be­reich des Vol­kes und den der Göt­ter. Wie La­can stellt Hei­deg­ger die Re­la­ti­on zwi­schen den Be­rei­chen ins Zen­trum der Be­trach­tung, das Zwi­schen, wie Hei­deg­ger sagt; mit La­can: l’entre-deux, das Zwi­schen-Zwei­en. Und wie La­can be­zieht Hei­deg­ger den Zwi­schen­be­reich auf das, was man das Schö­ne nennt, für Hei­deg­ger ist er der Ort der Dich­ter, für La­can die Be­din­gung für die Er­schei­nung des Schö­nen.

An­ti­go­nes Schön­heit wird von La­can durch den éclat cha­rak­te­ri­siert, den Glanz, das Strah­len, das Leuch­ten. Da­mit be­zieht er sich auf das Lied, das der Chor singt, als An­ti­go­ne in die Grab­kam­mer ge­bracht wird, und in dem es heißt: „Es siegt das in den Au­gen sicht­ba­re Be­geh­ren des schö­nen Mäd­chens.“13 „Das in den Au­gen sicht­ba­re Be­geh­ren“, das ist der Glanz von An­ti­go­ne.14

La­can be­haup­tet, dass sich alle, die auf an­ge­mes­se­ne Wei­se von der Schön­heit ge­spro­chen ha­ben, auf den Glanz be­zie­hen. Da­mit dürf­te Hei­deg­ger ge­meint sein, in des­sen Tech­nik­aufs­atz man le­sen kann: „Einst­mals hieß tech­nê auch je­nes Ent­ber­gen, das die Wahr­heit in den Glanz des Schei­nen­den her­vor­bringt.“15 Und wei­ter: „Das Dich­te­ri­sche bringt das Wah­re in den Glanz des­sen, was Pla­ton im ‚Phaid­ros‘ to ek­pha­ne­sta­ton nennt, das am reins­ten Her­vor­schei­nen­de.“16

Un­mit­tel­bar nach der zu­letzt zi­tier­ten Be­mer­kung spricht La­can zum ers­ten Mal vom „zwei­ten Tod“:

Die­ser Ort (den An­ti­go­ne ein­nimmt) ist es, Sie wis­sen es, den wir zu de­fi­nie­ren su­chen. Wir ha­ben uns ihm be­reits in un­se­ren vor­aus­lie­gen­den Lek­tio­nen ge­nä­hert und wir ha­ben ver­sucht, ihn das ers­te Mal über den Weg je­nes zwei­ten To­des (se­con­de mort) zu er­fas­sen, der von den Hel­den Sa­des ima­gi­niert wird – der Tod, in­so­fern an ihn ap­pel­liert wird als an den Punkt, an dem selbst der Zy­klus der na­tür­li­chen Trans­for­ma­tio­nen sich in nichts auf­löst.“ (S. 299)

La­can stellt sich die Auf­ga­be, den Ort zu de­fi­nie­ren, den An­ti­go­ne ein­nimmt. Die­ser Platz lässt sich auf­klä­ren, wenn man die vom Sa­de­schen Papst an­vi­sier­te To­tal­ver­nich­tung des Le­ben­di­gen hin­zu­zieht. La­can spricht jetzt nicht mehr, wie Sade bzw. der Papst, von der Zer­stö­rung des zwei­ten Le­bens und auch nicht mehr, wie er selbst es zu­nächst ge­tan hat­te, von der zwei­ten Zer­stö­rung (dé­st­ruc­tion se­con­de); er be­zeich­net die völ­li­ge Ab­we­sen­heit des or­ga­ni­schen Le­bens jetzt als zwei­ten Tod (se­con­de mort).

Die vom Papst kon­stru­ier­te Welt lässt sich, wenn man die­se Be­griff­lich­keit ver­wen­det, sche­ma­tisch so dar­stel­len wie in Ab­bil­dung 4: Auf das ers­te Le­ben (lin­ker Ab­schnitt) folgt das zwei­te Le­ben, also die Ver­we­sung (mitt­le­rer Ab­schnitt). Auf das zwei­te Le­ben folgt der zwei­te Tod, der Zu­stand, in dem je­des Le­ben zum Still­stand ge­kom­men ist.

Zweiter Tod - Sade - Abb 3 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 4: Der zwei­te Tod im Sys­tem von Pius VI.

Der Be­griff des zwei­ten To­des stammt aus der Of­fen­ba­rung des Jo­han­nes (20, Ver­se 6 und 14; 21, Vers 8]. Der bi­bli­sche Hin­ter­grund des Be­griffs wird von La­can nicht er­wähnt. Der grie­chi­sche Aus­druck lau­tet deuteros tha­na­tos, die Vul­ga­ta über­setzt das mit se­cun­da mors und mors se­cun­da. In der fran­zö­si­schen Über­set­zung fin­det man la se­con­de mort (Über­set­zung Lou­is Se­gond, re­vi­dier­ter Text von 1910); Lu­ther über­setzt mit „der an­der Tod“, in der re­vi­dier­ten Lu­ther-Über­set­zung von 1984 liest man „der zwei­te Tod“.

Chris­tus wird wie­der­keh­ren, so pro­phe­zeit der Jo­han­nes der Apo­ka­lyp­se, und er wird tau­send Jah­re lang herr­schen. Am Ende des tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches wer­den sämt­li­che To­ten auf­er­ste­hen; im Jüngs­ten Ge­richt wer­den sie ge­rich­tet wer­den. Der Sa­tan, der Tod und das To­ten­reich (ha­des) wer­den in ei­nen See aus bren­nen­dem Schwe­fel ge­wor­fen wer­den, au­ßer­dem alle die­je­ni­gen, die im Buch des Le­bens nicht ver­zeich­net sind.17 Auch die Ver­zag­ten und die Un­gläu­bi­gen lan­den in die­sem Feu­er­see, die Un­rei­nen und die Mör­der, die Un­züch­ti­gen und die Zau­be­rer, die Göt­zen­die­ner und die Lüg­ner. Der Tod, den sie alle im bren­nen­den See er­lei­den, ist der „zwei­te Tod“. Be­steht der zwei­te Tod in ei­ner Ein­äsche­rung oder in ei­nem ewi­gen Ver­bren­nen? Dar­über gibt Jo­han­nes kei­ne Aus­kunft.

In der christ­li­chen Tra­di­ti­on wird un­ter dem zwei­ten Tod meist ein Zu­stand ver­stan­den, in dem ewi­ge Qua­len er­lit­ten wer­den; die Aus­sa­gen des Jo­han­nes der Apo­ka­lyp­se über den im Feu­er­see er­lit­te­nen zwei­ten Tod sind die wich­tigs­te bi­bli­sche Re­fe­renz für die christ­li­chen Höl­len­phan­ta­si­en. Ei­ni­ge Theo­lo­gen und ei­ni­ge christ­li­che Grup­pen, etwa Je­ho­vas Zeu­gen, ver­ste­hen un­ter dem zwei­ten Tod je­doch die voll­stän­di­ge Zer­stö­rung, eine Dok­trin, die als „An­ni­hi­la­tio­nis­mus“ be­zeich­net wird.18 Die Sie­ben­ten-Tags-Ad­ven­tis­ten hal­ten bei­des für kor­rekt: die Sün­der müs­sen zu­nächst im Feu­er­see lei­den, be­vor sie dann voll­stän­dig ver­nich­tet wer­den. Die Vor­stel­lung vom zwei­ten Tod im Feu­er­see hat sich vom neu­tes­ta­ment­li­chen Hin­ter­grund teil­wei­se ab­ge­löst und ist zu ei­nem Be­stand­teil der Po­pu­lär­my­then ge­wor­den. Am Ende des Films „Ter­mi­na­tor 2 – Tag der Ab­rech­nung“ (1991) wird der böse Ter­mi­na­tor, ein mör­de­ri­scher An­dro­id, der nicht ster­ben kann – der den ers­ten Tod nicht er­lei­den kann – in ei­nen Feu­er­see ge­wor­fen, eine Gieß­pfan­ne mit flüs­si­gem Stahl; auf die­se Wei­se wird er end­gül­tig ver­nich­tet.

Der Be­griff des zwei­ten To­des hat also zwei ein­an­der aus­schlie­ßen­de Be­deu­tun­gen. In La­cans Sade-Deu­tung wird der Aus­druck an­ni­hi­lis­tisch ver­wen­det, er be­zeich­net hier die völ­li­ge Ab­we­sen­heit von or­ga­ni­schem Le­ben. In den meis­ten christ­li­chen Höl­len­phan­ta­si­en be­zeich­net der Be­griff ei­nen Zu­stand ewi­ger Qual; die Qual setzt Emp­fin­dungs­fä­hig­keit vor­aus, also eine Art Rest­le­ben.

Der Ort von An­ti­go­ne kann auf dem Weg über den zwei­ten Tod nä­her be­stimmt wer­den. Ist der Ort von An­ti­go­ne eben der des zwei­ten To­des oder be­zieht sie sich von ih­rem Ort aus auf den zwei­ten Tod, der an­ders­wo zu si­tu­ie­ren ist? Ich las­se das zu­nächst of­fen.

Im nächs­ten (gram­ma­tisch un­voll­stän­di­gen) Satz be­zieht La­can den Ort von An­ti­go­ne auf die Op­po­si­ti­on zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein:

Die­ser Punkt (der Ort, an dem An­ti­go­ne sich be­fin­det), der der ist, an dem die fal­schen Me­ta­phern des Sei­en­den sich von dem schei­den, was die Po­si­ti­on des Seins ist.“ (S. 299)

La­can spricht hier vom Sei­en­den als von den „fal­schen Me­ta­phern“. „Me­ta­pher“ ist La­cans Ter­mi­nus für die Be­deu­tungs­er­zeu­gung durch Si­gni­fi­kan­ten­sub­sti­tu­ti­on. Die Me­ta­pher ist die­je­ni­ge Si­gni­fi­kan­ten­be­zie­hung, durch die der Sinn ent­steht; das Sei­en­de, die fal­schen Me­ta­phern des Sei­en­den, das ist der Sinn, die Be­deu­tung, das Si­gni­fi­kat. Der Sinn be­zieht sich auf das Sei­en­de statt auf das Sein.

Der Ort von An­ti­go­ne ist der­je­ni­ge, an dem das Sei­en­de sich vom Sein schei­det. Ihre Po­si­ti­on ist nicht die des Sei­en­den und auch nicht die des Seins; der Platz, den sie ein­nimmt, ist viel­mehr der Un­ter­schei­dungs­ort. Der spä­te Hei­deg­ger be­greift die Be­zie­hung zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein nicht zwei-, son­dern drei­glied­rig, ne­ben dem Sei­en­den und dem Sein kommt, als drit­tes das ins Spiel, was sie aus­ein­an­der­hält und zu­gleich ver­bin­det, ihre Dif­fe­renz.19 An­ti­go­ne ist am Ort der Dif­fe­renz zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein (vgl. Abb. 5).

Zweiter Tod - Antigone - Abb 5b (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 5: An­ti­go­ne am Ort der Dif­fe­renz

In ei­ner frü­he­ren Sit­zung des Se­mi­nars hat­te La­can er­klärt, der Trieb­be­griff las­se sich nicht auf ei­nen psy­cho­lo­gi­schen Be­griff ein­gren­zen, er sei ein „ab­so­lut fun­da­men­ta­ler on­to­lo­gi­scher Be­griff, der die Ant­wort auf eine Be­wußt­s­eins­kri­se dar­stellt, die voll zu be­stim­men wir nicht ge­zwun­gen sind, weil wir in ihr le­ben“ (S. 157). Der Be­griff des Trie­bes muss on­to­lo­gisch re­kon­stru­iert wer­den, dar­un­ter ver­steht La­can, wie man hier sieht: aus­ge­hend von der Dif­fe­renz zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein (die Be­wusst­seins­kri­se ist dem­nach, mit Hei­deg­ger, die Kri­se der Me­ta­phy­sik).

War­um ori­en­tiert La­can sich bei der theo­re­ti­schen Re­kon­struk­ti­on des To­des­triebs an der Hei­deg­ger­schen Spät­phi­lo­so­phie? Mög­li­cher­wei­se knüpft er an eine Be­mer­kung von Freud an, wo­nach es sich bei den Über­le­gun­gen zum To­des­trieb um „Spe­ku­la­ti­on“ han­de­le, um „oft weit­aus­ho­len­de Spe­ku­la­ti­on“20. Un­ter Spe­ku­la­ti­on ver­steht He­gel die­je­ni­ge Phi­lo­so­phie, die nach dem Grund des Seins fragt, also die On­to­lo­gie. Hei­deg­ger ver­sucht, noch hin­ter die On­to­lo­gie zu­rück­zu­ge­hen, hin­ter die Kon­zep­ti­on des Seins als Grund, und dies eben da­durch, dass er die Fra­ge nach der Dif­fe­renz zwi­schen dem Sein und dem Sei­en­den stellt. Es ist, als hät­te La­can sich ge­sagt: ‚Neh­men wir den Freud­schen Hin­weis ernst. Der To­des­trieb lässt sich nur durch „weit­aus­ho­len­de Spe­ku­la­ti­on“ auf­klä­ren. Dar­un­ter soll­te man al­ler­dings nicht die na­tur­phi­lo­so­phi­schen Ge­dan­ken­ge­bäu­de ver­ste­hen, die von Freud er­rich­tet wer­den, sie sind in­dis­ku­ta­bel. Man muss den Be­griff Spe­ku­la­ti­on ernst neh­men, wie He­gel, und sich auf die am wei­tes­ten aus­ho­len­de Spe­ku­la­ti­on be­zie­hen, auf die Dif­fe­renz­phi­lo­so­phie des spä­ten Hei­deg­ger.‘21

An­ti­go­ne hat ih­ren Platz dort, wo sich das Sei­en­de vom Sein schei­det, sie be­fin­det sich am Ort der Dif­fe­renz, in der Zwi­schen­po­si­ti­on zwi­schen den Le­ben­den und den To­ten, zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein. Da­durch, dass sie die­se Dif­fe­renz­po­si­ti­on ein­nimmt, wird sie für den Chor schön.

In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört eine Be­mer­kung von La­can über die Sprech­wei­se der Hel­din. An­ti­go­ne – so be­haup­tet La­can – ver­wen­det den grie­chi­schen Aus­druck meta („mit“ oder „bei“) auf un­ge­wöhn­li­che Wei­se, näm­lich so, dass sie ihn hart­nä­ckig an das Ende des Sat­zes stellt. „Meta ist ei­gent­lich das, was den Schnitt an­vi­siert. (…) Die­ser Zug be­zeich­net uns in si­gni­fi­kan­ter Wei­se, welch ein­schnei­den­der Art die Ge­gen­wart un­se­rer An­ti­go­ne ist.“22 An­ti­go­ne ver­ge­gen­wär­tigt also den Schnitt.23

La­cans Be­mer­kung über das Sei­en­de und das Sein ver­weist dar­auf, dass mit dem Schnitt an die­ser Stel­le nicht, wie in frü­he­ren Se­mi­na­ren, ein­fach das In­ter­vall zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten ge­meint ist, son­dern zu­gleich die Dif­fe­renz zwi­schen dem Sein und dem Sei­en­den. Das ver­mit­teln­de „mit“ be­zieht sich dem­nach auf die­se Dif­fe­renz, auf das „Zwi­schen“, das bei­de ver­mit­telt.24

Das Sein wird von La­can mit dem Ding par­al­le­li­siert. In der Sit­zung vom 4. Mai 1960 hat­te es über das Feld des Dings ge­hei­ßen, dies sei der „Ort, wo al­les, was sein kann, in Fra­ge ge­stellt wird, die­ser Ort des Seins, wo sich al­les das her­stellt, was wir als aus­er­wähl­ten Ort der Sub­li­ma­ti­on be­zeich­net ha­ben“ (S. 259, ge­än­dert).25 Das Feld des Dings ist der Ort des Seins, d.h. der Ort, von dem aus al­les, was sein kann – al­les Sei­en­de – in Fra­ge ge­stellt wird. Im fol­gen­den Dia­gramm habe ich den Be­griff des Dings in das zu­letzt vor­ge­stell­te Sche­ma zu An­ti­go­ne ein­ge­fügt (vgl. Abb. 6).

Zweiter Tod - Antigone - Abb 5 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 6: An­ti­go­ne in Be­zie­hung zum Ding

La­can fährt fort:

Wir wer­den sei­nen Ort (den, an dem sich das Sei­en­de vom Sein schei­det), ar­ti­ku­liert als sol­che, als eine Gren­ze, im gan­zen Text der An­ti­go­ne wie­der­fin­den, im Mun­de al­ler Per­so­nen und im Mun­de von Tei­re­si­as. Aber auch, wie könn­te man es über­se­hen, in der Hand­lung selbst – in­so­fern im Mit­tel­punkt des Stü­ckes et­was steht, dass sich in Kla­gen, Kom­men­ta­ren, Streit­ge­sprä­chen, Ap­pel­len um die zur Mar­ter ver­ur­teil­te An­ti­go­ne ar­ti­ku­liert. Ver­ur­teilt zu wel­cher Mar­ter? Le­ben­dig ein­ge­schlos­sen zu sein in ei­nem Grab.

Das zen­tra­le Drit­tel des Stü­ckes bil­det die Ma­ni­fes­ta­ti­on, die Apo­pha­nie26, das De­tail, das uns von der Be­deu­tung der Stel­lung, des Lo­ses ei­nes Le­bens ge­ge­ben wird, das sich mit dem Tod, der ge­wiss ist, ver­mi­schen wird, ei­nem Tod, der an­ti­zi­piert er­lebt wird, ei­nem Tod, der auf den Be­reich des Le­bens über­greift, Le­ben, das auf den Tod über­greift.“ (S. 299, ge­än­dert)

Der Ort von An­ti­go­ne ist, wie der von Sade, eine Gren­ze, ein Grenz­be­reich. Ihre Grenz­po­si­ti­on be­steht dar­in, dass sie in ei­ner Grab­kam­mer ein­ge­schlos­sen ist. Die­ser Ort grenzt an zwei Be­rei­che an, an den des Le­bens und an den des To­des, und bei­de ver­mi­schen sich in ihm. In ih­rem Grab ist An­ti­go­ne aus dem Reich der Le­ben­den aus­ge­schlos­sen, sie ist je­doch noch le­ben­dig. Sie ge­hört auch nicht zu den To­ten, al­ler­dings ist ihr Auf­ent­halts­ort be­reits ein Grab. In­so­fern greift hier das Le­ben auf den Tod über und der Tod auf das Le­ben.

Die Zwi­schen­po­si­ti­on, die An­ti­go­ne ein­nimmt, wird eben­falls durch den Be­griff der Mar­ter (sup­pli­ce) an­ge­deu­tet. La­can sagt nicht, dass An­ti­go­ne „zum Tode“ ver­ur­teilt wird (wie Haas über­setzt), son­dern „zur Mar­ter“. Wer ge­mar­tert wird, schwebt zwi­schen Le­ben und Tod.

Von ei­ner Zwi­schen­po­si­ti­on spricht auch Tei­re­si­as. Durch das Be­stat­tungs­ver­bot wird die Lei­che des Po­lyn­ei­kes den un­ter­ir­di­schen Göt­tern ent­zo­gen, an die­sem To­ten ha­ben aber auch die obe­ren Göt­ter kei­nen An­teil und auch nicht Kre­on (Vers 1072).

Der Ort von An­ti­go­ne, so hieß es ei­ni­ge Sät­ze vor­her, ist auf dem Weg über den zwei­ten Tod zu er­fas­sen. Der Ort von An­ti­go­ne ist ein Zwi­schen­be­reich, eine Grenz­zo­ne. Die­se Gren­ze ver­läuft zwi­schen dem Feld der Le­ben­den und dem der To­ten, zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein. Der zwei­te Tod ist kein Zwi­schen­zu­stand, son­dern der ab­so­lu­te End­zu­stand. Also kön­nen wir an­neh­men, dass der Ort von An­ti­go­ne nicht selbst der des zwei­ten To­des ist, son­dern dass sie sich von ih­rer Zwi­schen­zo­ne aus auf den zwei­ten Tod als ei­nen an­gren­zen­den Ort be­zieht, und dass der Ort des zwei­ten To­des der­sel­be ist wie der der To­ten und des Seins.

Ich füge die Be­grif­fe der Gren­ze und des zwei­ten To­des zum An­ti­go­ne-Dia­gramm hin­zu und er­hal­te das fol­gen­de Sche­ma (Abb. 7):

 

Zweiter Tod - Antigone - Abb 6 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 7: An­ti­go­ne auf der Gren­ze zum zwei­ten Tod

Aus Freuds Un­ter­schei­dung zwi­schen den Le­bens­trie­ben und den To­des­trie­ben wird bei La­can eine räum­li­che Kon­zep­ti­on, bei der et­was Drit­tes, näm­lich die Gren­ze oder die Grenz­zo­ne zwi­schen zwei Be­rei­chen, in den Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit rückt. Wie kommt es zu die­ser Um­bil­dung? Man könn­te ganz all­ge­mein auf La­cans Vor­lie­be für to­pi­sche Dar­stel­lun­gen ver­wei­sen, wie sie sich seit Se­mi­nar 1 zeigt, in dem das op­ti­sche Mo­dell vor­ge­stellt wird. Aber viel­leicht hat die to­pi­sche Ori­en­tie­rung ei­nen wei­te­ren Grund. In Jen­seits des Lust­prin­zips schreibt Freud: „Der Un­ter­schied der bei­den Trie­bar­ten (Se­xu­al­trie­be und Ich­trie­be), der ur­sprüng­lich ir­gend­wie qua­li­ta­tiv ge­meint war, ist jetzt nur an­ders, näm­lich to­pisch zu be­stim­men.“27 Mög­li­cher­wei­se folgt La­can die­sem Hin­weis und über­trägt ihn auf das Ver­hält­nis von Le­bens- und To­des­trie­ben: der Un­ter­schied zwi­schen Le­bens­trie­ben und To­des­trie­ben ist to­pisch zu be­stim­men, er ist als Orts­be­zie­hung auf­zu­fas­sen. Und viel­leicht ori­en­tiert er sich noch spe­zi­el­ler dar­an, dass es, Freud zu­fol­ge, ein Un­ter­schied ist, der to­pisch auf­zu­fas­sen ist. Ein to­pisch be­stimm­ter Un­ter­schied ist nichts an­de­res als eine Gren­ze oder eine Grenz­zo­ne.

In Ba­tail­les Der hei­li­ge Eros (1957) liest man: „Es ist über­haupt das We­sen des Op­fers, Le­ben und Tod in Über­ein­stim­mung zu brin­gen. Dem Tod ver­leiht es den As­pekt auf­quel­len­den Le­bens, dem Le­ben die Schwe­re, den Tau­mel und das Of­fen­wer­den ge­gen­über dem Tod. Es ist das Le­ben, ver­mischt mit dem Tod, aber im sel­ben Au­gen­blick ist der Tod in ihm ein Zei­chen des Le­bens, Öff­nung ins Un­be­grenz­te.“28 La­can scheint sich hier be­dient zu ha­ben. Ist die Grenz­po­si­ti­on, die An­ti­go­ne ein­nimmt, die des Op­fers?

Hamlets Hölle

In der­sel­ben Sit­zung bringt La­can, um den Be­griff des zwei­ten To­des zu klä­ren, ei­nen wei­te­ren li­te­ra­ri­schen Be­zugs­punkt ins Spiel. Nach Sa­des Ju­li­et­te und So­pho­kles‘ An­ti­go­ne ist dies Shake­speares Ham­let, ein Stück, das er im vor­her­ge­hen­den Se­mi­nar – dem von 1959/60 – aus­führ­lich kom­men­tiert hat­te.

 „Um ei­nen wei­te­ren Schritt zu tun, gebe ich Ih­nen hier den Ort an, an dem un­se­re Ana­ly­se von Ham­let sich mit der­je­ni­gen des Zwei­ten To­des über­schnei­det, auf die ich sie hin­füh­re.

Ver­ges­sen Sie nicht ei­nen der Ef­fek­te, an dem sich die To­po­lo­gie, die ich Ih­nen an­ge­be, er­ken­nen läßt. Wenn Ham­let in dem Au­gen­blick ein­hält, in dem er Clau­di­us tö­ten will, dann des­halb, weil er ge­nau mit dem Punkt be­schäf­tigt ist, den ich zu de­fi­nie­ren ver­su­che – es ge­nügt ihm nicht, ihn zu tö­ten, er will für ihn die ewi­ge Höl­len­qual. Hal­ten wir es, un­ter dem / Vor­wand, daß wir mit der Höl­le ab­ge­schlos­sen ha­ben, für so un­ter un­se­rer Wür­de, das auch nur ein we­nig in die Ana­ly­se ei­nes Texts ein­ge­hen zu las­sen? Auch wenn er an die Höl­le nicht mehr glaubt als wir, auch wenn er nicht si­cher ist, da er sich ja fragt – Schla­fen, träu­men viel­leicht –, ist es doch so, daß Ham­let in sei­nem Han­deln ein­hält, weil er will, daß Clau­di­us zur Höl­le fah­re.“ (S. 302 f.)

Das be­zieht sich auf die drit­te Sze­ne des drit­ten Akts. Dem Prin­zen bie­tet sich die Ge­le­gen­heit, Clau­di­us zu tö­ten, und er setzt zum Stich an. Nun ist der Kö­nig aber ge­ra­de in ein Ge­bet ver­tieft. Als Ham­let das klar wird, un­ter­lässt er die Tat. Wenn Clau­di­us aus­ge­rech­net wäh­rend ei­nes Ge­bets zu Tode kommt, könn­te dies zur Fol­ge ha­ben, dass er in den Him­mel auf­ge­nom­men wird statt dass er in der Höl­le lei­den muss. Ham­let be­schließt des­halb, für sei­nen Mord ei­nen bes­se­ren Mo­ment ab­zu­war­ten, ei­nen Au­gen­blick, in dem Clau­di­us eine Sün­de be­geht.

Das be­rühm­te Zö­gern des Prin­zen be­ruht in die­ser Sze­ne also dar­auf, dass er Clau­di­us nicht ein­fach nur in den Tod schi­cken will, son­dern dar­über hin­aus in die Höl­le. Er wünscht ihm ei­nen Tod, der über den ers­ten, den ge­wöhn­li­chen Tod hin­aus­geht: ein ewi­ges Lei­den.

Statt ‚Ham­let wünscht Clau­di­us zur Höl­le‘ könn­te man auch sa­gen: ‚Ham­let wünscht ihm den zwei­ten Tod‘ – im Sin­ne der christ­li­chen Mehr­heits­deu­tung, nicht im Sin­ne von Sade. Clau­di­us soll auf ewig lei­den, er soll kei­nes­wegs an­ni­hi­liert wer­den.

Ne­ben­bei: In der Mil­ler-Ver­si­on wird in dem Aus­druck „zwei­ter Tod“ das Ad­jek­tiv von nun an groß­ge­schrie­ben, „la Se­con­de mort“. La­can selbst schreibt den Aus­druck in den von ihm ver­öf­fent­lich­ten Auf­sät­zen im­mer mit klei­nem s: „la se­con­de mort“.

Der zweite Tod des Polyneikes

Im­mer noch in der Vor­le­sung vom 25. Mai 1960 heißt es zu Goe­thes An­ti­go­ne-Deu­tung29, Goe­the zei­ge dar­in,

daß Kre­on, ge­trie­ben von sei­nem Be­geh­ren, of­fen­bar sei­nen Weg ver­läßt und die Schran­ken zu durch­bre­chen sucht, in­dem er sei­nen Feind Po­lyn­ei­kes über jene Gren­zen hin­aus ver­folgt, wo ihn zu tref­fen ihm er­laubt ist – er be­ab­sich­tigt ganz ge­nau, ihn mit je­nem Zwei­ten Tod zu schla­gen, den über ihn zu ver­hän­gen er kei­ner­lei Recht hat. Kre­on ent­wi­ckelt sei­nen ge­sam­ten Dis­kurs in die­sem Sin­ne und al­lein des­halb läuft er in sein Ver­der­ben.“ (S. 306)

Kre­on ver­sucht, Po­lyn­ei­kes ei­nen zwei­ten Tod zu­zu­fü­gen. Das ist ein ver­steck­tes Zi­tat; im Stück fragt Tei­re­si­as den Kö­nig, was für eine Stär­ke es denn sei, ei­nen To­ten noch ein­mal zu tö­ten (Vers 1030)? Den ers­ten Tod er­litt Po­lyn­ei­kes, als er in der Schlacht um The­ben fiel. Der zwei­te Tod des Po­lyn­ei­kes be­steht dar­in, dass ihm die Be­er­di­gung ver­wei­gert wird, das Über­gangs­ri­tu­al für die Pas­sa­ge aus dem Reich der Le­ben­den in das der To­ten; sei­ne Lei­che ver­wan­delt sich des­we­gen in ei­nen un­rei­nen Ka­da­ver (Sa­des Papst wür­de die­sen Zu­stand als den des zwei­ten Le­bens be­zeich­nen). An­ti­go­ne nimmt an, dass ihre Be­mü­hun­gen um eine ord­nungs­ge­mä­ße Be­stat­tung Er­folg ge­habt ha­ben und dass sie sich mit ih­ren Bru­der im Ha­des ver­ei­ni­gen wird (Ver­se 899–904); La­can folgt ihr, er sagt, An­ti­go­ne tue das, was sie tut, „für ih­ren Bru­der, der in die Un­ter­welt ge­gan­gen ist“ (332). Für bei­de ist Po­lyn­ei­kes also ein Be­woh­ner des To­ten­reichs. Im Dia­gramm habe ich des­halb un­ter „Ge­setz der To­ten“ den Na­men Po­lyn­ei­kes hin­zu­ge­fügt (vgl. Ab­bil­dung 8):

Zweiter Tod - Antigone - Abb 7 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 8: An­ti­go­ne und Po­lyn­ei­kes

Die vom Dia­gramm ver­an­schau­lich­ten Ana­lo­gi­en zei­gen, dass sich Po­lyn­ei­kes für An­ti­go­ne in der Po­si­ti­on des Seins be­fin­det. Was könn­te das hei­ßen? An­ti­go­ne er­klärt, dass sie das, was sie ge­tan hat (die Über­tre­tung des Be­stat­tungs­ver­bots), nie­mals für ih­ren Gat­ten oder ihre Kin­der ge­tan hät­te, da die­se er­setz­bar ge­we­sen wä­ren; ihr Bru­der hin­ge­gen sei un­er­setz­lich, da die El­tern be­reits tot sind (Ver­se 905–911). Für La­can heißt das, dass An­ti­go­ne sich auf ih­ren Bru­der als auf eine rei­ne Iden­ti­tät be­zieht: „für mich ist mein Bru­der in je­dem Fall mein Bru­der“, sagt er in imi­tie­ren­der Rede (S. 334), An­ti­go­ne be­zie­he sich auf Po­lyn­ei­kes „als ein Ding, das den gan­zen Fluß mög­li­cher Trans­for­ma­tio­nen hin­durch un­ver­rück­bar bleibt. Was ist, ist, und an die­sem, an die­ser Ober­flä­che macht sich die un­ver­brüch­li­che, nicht über­schreit­ba­re Po­si­ti­on An­ti­go­nes fest.“ (S. 334, ge­än­dert) La­can spielt da­mit auf den Satz der Iden­ti­tät an: A = A. Der Satz der Iden­ti­tät spricht, Hei­deg­ger zu­fol­ge, vom Sein des Sei­en­den.30

Der zwei­te Tod ist für La­can eine Form des Seins. Nun ist der Tod aber doch si­cher­lich eine Form des Nichts. Wel­che Be­zie­hung zwi­schen dem Sein und dem Nichts wird hier vor­aus­ge­setzt?

Das Schöne auf der Grenze zum zweiten Tod und die Schöpfung aus dem Nichts

Am aus­führ­lichs­ten äu­ßert sich La­can über den zwei­ten Tod in der Vor­le­sung vom 1. Juni 1960. Kre­on, so heißt es dort, sorgt sich um „das Gute“. Man tut La­can kei­ne Ge­walt an, wenn man das mit Hei­deg­ger so über­setzt: Kre­ons Sor­ge gilt dem Wohl ei­ner Wohl­fahrt und dem Ge­ord­ne­ten ei­ner Ord­nung.31 Der Feh­ler des Kö­nigs be­steht dar­in, dass er will, dass das Gute al­les er­fasst. Die To­ta­li­sie­rung des Gu­ten ist nur durch ei­nen Ex­zess mög­lich, eine Über­schrei­tung; in die­sem Fal­le be­steht sie dar­in, dass Kre­on die Ge­set­ze der To­ten­be­stat­tung ver­letzt, un­ge­schrie­be­ne Nor­men, die von den Un­ter­welt­göt­tern er­las­sen wor­den sind. Das Feld der Göt­ter, auf dem die­se Über­tre­tung sich voll­zieht, ist uns fremd ge­wor­den, sagt La­can; man müs­se hier­bei an In­itia­ti­on den­ken und an Be­ses­sen­heits­zu­stän­de, bei de­nen ein Gott sich durch den Mund ei­nes Me­di­ums kund­gibt. Im Ethik-Se­mi­nar hat­te er be­reits an frü­he­rer Stel­le an­ge­merkt: die „pa­ni­sche Trun­ken­heit, die hei­li­ge Or­gie, die Fla­gel­lan­ten des At­tis­kul­tes, die Bac­chan­ten in der Tra­gö­die des Eu­ri­pi­des, kurz, der gan­ze Dio­ny­sis­mus“ ist „eine un­ter­ge­gan­ge­ne Ge­schich­te“, an­ders ge­sagt: „der Gro­ße Pan ist tot“ (S. 249).]

Wir ha­ben auf­ge­räumt in die­sem Feld der Göt­ter, wir Chris­ten, und just dem, was wir an sei­ne Stel­le ge­setzt ha­ben, gilt hier, im Licht der Psy­cho­ana­ly­se, die Fra­ge. Was bleibt in die­sem Feld als Gren­ze? – Gren­ze, die ganz si­cher im­mer schon da war, die aber mit Si­cher­heit bleibt und ihre Li­ni­en in die­sem Feld zieht, das für uns Chris­ten ein ver­las­se­nes Feld ist. Das ist die Fra­ge, die ich hier zu stel­len wage.
Die Gren­ze, um die es geht und die zu be­stim­men we­sent­lich ist, da­mit ver­mit­tels Re­fle­xi­on ein be­stimm­tes Phä­no­men in Er­schei­nung tre­ten kann, das ich in ers­ter An­nä­he­rung das Phä­no­men des Schö­nen ge­nannt habe, ist das, was ich als die Gren­ze des Zwei­ten To­des zu de­fi­nie­ren be­gon­nen habe.“ (S. 312 f.)

Die Göt­ter ha­ben frü­her ein be­stimm­tes Feld ein­ge­nom­men, ich neh­me an: das des Hei­li­gen. Die­ses Feld hat­te im­mer schon eine Gren­ze. Wo ver­läuft sie, führt sie quer durch das Feld oder trennt sie das Feld des Hei­li­gen von dem des Pro­fa­nen? Für die zwei­te Deu­tung spricht der Kon­text, also Kre­ons Über­tre­tung, der Kon­flikt zwi­schen dem mensch­li­chen und dem gött­li­chen Ge­setz; in die­sel­be Rich­tung geht An­ti­go­nes Ver­or­tung im Be­reich zwi­schen zwei un­ter­schied­li­chen sym­bo­li­schen Fel­dern (vgl. S. 299), dem der mensch­li­chen und dem der gött­li­chen Ge­set­ze.

Das Bild vom ver­las­se­nen Feld der Göt­ter er­in­nert an Höl­der­lins Rede von den „ent­flo­he­nen Göt­tern“32 und da­mit an Hei­deg­gers Auf­satz Höl­der­lin und das We­sen der Dich­tung, wor­in es heißt: „Es ist die Zeit der ent­flo­he­nen Göt­ter und des kom­men­den Got­tes.“33 Auch bei  Hei­deg­ger geht es um die Gren­ze zwi­schen dem Feld der Göt­ter und dem der Sterb­li­chen. Sa­gen wir also: Die Gren­ze des zwei­ten To­des ver­läuft zwi­schen dem Be­reich der Men­schen und dem der Göt­ter, zwi­schen dem Pro­fa­nen und dem Hei­li­gen.

Gren­ze des zwei­ten To­des“, was ist ge­meint: die Gren­ze zum zwei­ten Tod oder der zwei­te Tod als Gren­ze? An­hand die­ses Zi­tats lässt sich das nicht ent­schei­den; in ei­ner spä­te­ren Sit­zung ver­wen­det La­can den Aus­druck je­doch so, dass man ein­deu­tig sa­gen kann, dass für ihn der zwei­te Tod hin­ter die­ser Gren­ze liegt (S. 351, ich kom­me dar­auf zu­rück). Dem­nach geht es um fol­gen­de To­pik: Zwi­schen dem Feld des Hei­li­gen und dem des Pro­fa­nen ver­läuft eine Gren­ze, die Gren­ze zum zwei­ten Tod.

Die Gren­ze zum zwei­ten Tod ist die we­sent­li­che Be­din­gung für das Er­schei­nen des Schö­nen. Ich habe be­reits die Pas­sa­ge zi­tiert, in der La­can er­klärt, die Schön­heit von An­ti­go­ne be­ru­he dar­auf, dass sie in ei­ner Zwi­schen­zo­ne ih­ren Platz habe, an dem Ort, an dem sich das Sei­en­de vom Sein schei­de (vgl. S. 299). Die Gren­ze zum zwei­ten Tod ist ein Grenz­be­reich, der Zwi­schen­be­reich, der für das Schö­ne grund­le­gend ist.

Das Feld der Göt­ter ist vom Chris­ten­tum leer­ge­räumt wor­den; an ihre Stel­le ist der christ­li­che Gott ge­setzt wor­den. Die Gren­ze zwi­schen dem Hei­li­gen und dem Pro­fa­nen und da­mit die Gren­ze zum zwei­ten Tod ist je­doch ge­blie­ben.

Wor­in also be­steht im Chris­ten­tum die Gren­ze zwi­schen dem Hei­li­gen und dem Pro­fa­nen, die Gren­ze zum zwei­ten Tod? Und wie stellt sich die­se Gren­ze im Lich­te der Psy­cho­ana­ly­se dar? Dar­um geht es im Fol­gen­den.

La­can fährt fort:

Ich habe sie (die Gren­ze des zwei­ten To­des) Ih­nen zu­erst bei Sade vor­ge­führt als die Gren­ze, die die Na­tur im Ur­sprung ih­rer form­ge­ben­den, den Wech­sel von Zer­set­zung und Zeu­gung re­geln­den Kraft selbst ein­krei­sen soll.“ (S. 312)

In der Na­tur herr­schen, dem Sa­de­schen Papst zu­fol­ge, drei Kräf­te, die fes­te For­men auf­wei­sen und hier­durch die Na­tur auf ei­nen be­grenz­ten Kreis­lauf ein­engen (vgl. S. 254). Die­se die Na­tur ein­krei­sen­den Kräf­te bil­den die Gren­ze des zwei­ten To­des (vgl. Abb 9).

Zweiter Tod - Sade - Abb 8 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 9: Das Sys­tem von Pius VI. und die drei Kräf­te als Gren­ze zum zwei­ten Tod

An­schlie­ßend heißt es:

Jen­seits die­ser Ord­nung, die zu den­ken und ins Be­wußt­sein zu he­ben für uns be­reits nicht leicht ist, jen­seits, sagt uns Sade, der hier als An­halts­punkt für ein Mo­ment des christ­li­chen Den­kens ge­nom­men ist, gibt es et­was, ist eine Über­schrei­tung mög­lich, die er das Ver­bre­chen nennt.
Die­ses Ver­bre­chen kann, wie ich Ih­nen zeig­te, nur auf ein lä­cher­li­ches Phan­tas­ma hin­aus­lau­fen, doch es geht eben um das, was der Ge­dan­ke be­zeich­net. Das Ver­bre­chen wäre das, was die na­tür­li­che Ord­nung nicht re­spek­tiert. Und das Den­ken von Sade geht so weit, sich die­sen wirk­lich ein­ma­li­gen Ex­zeß aus­zu­den­ken – erst­mals si­cher in­so­fern, als es vor ihm kaum ar­ti­ku­liert wor­den ist, zu­min­dest nicht of­fen, denn wir wis­sen nicht, was die mys­ti­schen Sek­ten lan­ge schon for­mu­lie­ren konn­ten –, daß es durch das Ver­bre­chen in der Macht des Men­schen steht, die Na­tur von den Fes­seln ih­rer ei­ge­nen Ge­set­ze zu be­frei­en. Denn die der Na­tur ei­ge­nen Ge­set­ze sind Fes­seln.“ (S. 313)

Der Papst stellt sich vor, die Ord­nung der von den drei Kräf­ten ein­ge­grenz­ten Na­tur zu über­schrei­ten in Rich­tung auf das Feld des zwei­ten To­des, die An­ni­hi­lie­rung der bio­lo­gi­schen Kreis­läu­fe. Die Na­tur wür­de hier­durch von den Fes­seln ih­rer ei­ge­nen Ge­set­ze – von den ein­schrän­ken­den Kräf­ten – be­freit wer­den. Der Papst wünscht sich die­se Über­schrei­tung; er er­klärt sie zu­gleich für un­mög­lich.

Sade wird hier als An­halts­punkt für ein Mo­ment des christ­li­chen Den­kens ge­nom­men. Ein christ­li­cher As­pekt im Den­ken von Sade ist die Phan­ta­sie von der ewi­gen Stra­fe34, dar­auf hat­te La­can be­reits da­durch ver­wie­sen, dass er die Spe­ku­la­ti­on des athe­is­ti­schen Paps­tes mit dem neu­tes­ta­ment­li­chen Be­griff des zwei­ten To­des be­zeich­ne­te.

Die Vor­stel­lung des Paps­tes von der Ver­nich­tung je­den Le­bens und der Aus­schal­tung der Na­tur­ge­set­ze hat für La­can et­was Lä­cher­li­ches. Be­mer­kens­wert ist für ihn der da­hin­ter ste­hen­de Ge­dan­ke: der, die na­tür­li­che Ord­nung nicht zu re­spek­tie­ren. Die­se Ord­nung wird von Sade als ein Sys­tem von Ge­set­zen be­grif­fen, die für die Na­tur Fes­seln dar­stel­len und von de­nen sie be­freit wer­den soll. Das Wis­sen um die Na­tur­ge­set­ze ist für La­can, wie er­wähnt, mit der Wirk­sam­keit ei­ner spe­zi­el­len Form von Si­gni­fi­kan­ten ver­bun­den, mit den For­meln der Na­tur­wis­sen­schaf­ten (vgl. den Kom­men­tar zu S. 284). Die Na­tur von ih­ren Ge­set­zen zu be­frei­en ist in den Au­gen von La­can viel­leicht eine Me­ta­pher da­für, das Le­ben von den Si­gni­fi­kan­ten zu be­frei­en, die sich in es ein­ge­schrie­ben ha­ben.

Der Ge­dan­ke ei­ner Au­ßer­kraft­set­zung der Na­tur­ord­nung ist, La­can zu­fol­ge, mög­li­cher­wei­se schon von mys­ti­schen Sek­ten ar­ti­ku­liert wor­den. Die Mys­ti­ker, so hat­te er in ei­ner frü­he­ren Sit­zung des Ethik-Se­mi­nars er­klärt, stre­ben nach dem „Ding“, nach ei­nem Sein au­ßer­halb der Si­gni­fi­kan­ten­ord­nung.35 Der Zu­stand, auf den der Papst ab­zielt – der ab­so­lu­te  Null­punkt der Na­tur –, ist der­sel­be wie der, den die Mys­ti­ker zu er­rei­chen ver­su­chen: die Ver­ei­ni­gung mit dem „Ding“.

Ich neh­me an, dass La­can sich, was die Mys­tik an­geht, auf Ba­tail­le stützt. Die mys­ti­sche Er­fah­rung er­eig­net sich auf ei­nem Feld, so kann man bei die­sem le­sen, das „we­sent­lich vom To­des­trieb be­herrscht wird“36. Die Mys­ti­ker be­mü­hen sich um die Auf­lö­sung des Ge­gen­sat­zes von Sub­jekt und Ob­jekt; sie stre­ben da­nach, eine Fül­le zu er­fah­ren, von der sich, Ba­tail­le zu­fol­ge, nicht sa­gen lässt, ob sie das Le­ben ist oder der Tod. Da­durch wer­den ih­nen die Re­geln des so­zia­len Le­bens und der in­di­vi­du­el­len Le­bens­er­hal­tung gleich­gül­tig. In der Fül­le des an­ge­streb­ten Seins – oder des Nichts – löst sich die Sub­jekt-Ob­jekt-Un­ter­schei­dung für sie auf. The­re­sa von Ávi­la schreibt: „Ich ster­be dar­an, nicht zu ster­ben.“37 Sie will den Tod, aber um ihn be­geh­ren zu kön­nen, muss sie le­ben; sie emp­fin­det le­bend den Tod, sagt Ba­tail­le.38 The­re­sa lebt dem­nach am sel­ben Ort wie An­ti­go­ne in ih­rem Fel­sen­grab: im Grenz­be­reich zwi­schen Le­ben und Tod. The­re­sa sehnt sich da­nach, ster­ben zu kön­nen, was ihr je­doch nicht mög­lich ist; in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: sie kann den Über­gang zum Ding nicht voll­zie­hen, sie ver­harrt auf der Gren­ze.

La­can fährt in sei­nem Sade-Se­mi­nar fort:

Die Re­pro­duk­ti­on der For­men, um die her­um ihre zu­gleich har­mo­ni­schen und un­ver­ein­ba­ren Mög­lich­kei­ten in ei­ner Sack­gas­se von Kon­flik­ten er­sti­cken wer­den, all das muß aus­ge­schal­tet wer­den, um sie so­zu­sa­gen zu ei­nem Neu­be­ginn aus nichts zu zwin­gen. Das ist die Ab­sicht die­ses Ver­bre­chens. Nicht um­sonst ist das Ver­bre­chen für uns ein Ho­ri­zont un­se­rer Er­for­schung des Be­geh­rens und nicht um­sonst hat Freud aus­ge­hend von ei­nem Ur­ver­bre­chen die Ge­nea­lo­gie des Ge­set­zes zu re­kon­stru­ie­ren ver­sucht. Die Gren­ze des aus nichts, des ex ni­hi­lo, ge­nau da hält sich, wie ich Ih­nen bei den ers­ten Schrit­ten in un­se­rem Vor­ha­ben die­ses Jahr sag­te, mit Not­wen­dig­keit ein Den­ken, das streng athe­is­tisch sein will. Ein streng athe­is­ti­sches Den­ken läßt sich in der Per­spek­ti­ve des Krea­tio­nis­mus an­sie­deln und in kei­ner anderen.“(S. 313)

Wenn Sade sich wünscht, die Re­pro­duk­ti­ons­kreis­läu­fe zu ver­nich­ten, ver­folgt er da­mit eine Ab­sicht, die über das Her­bei­füh­ren der Leb­lo­sig­keit hin­aus­geht. Er will die Na­tur zu ei­nem Neu­an­fang zwin­gen, zu ei­ner Schöp­fung. Ver­nich­tung und Schöp­fung sind eins. Bei die­ser Schöp­fung soll es sich nicht um eine Schöp­fung aus et­was han­deln, son­dern um eine Schöp­fung aus nichts.

Über die Schöp­fung als ra­di­ka­len Neu­an­fang hat­te La­can zu­erst in Se­mi­nar 2 ge­spro­chen. Mit Be­zug auf Pla­tons Theo­rem von der Wie­derer­in­ne­rung heißt es dort:

Das an sich exis­tie­ren­de Bild ist sei­ner­seits nur Ab­bild ei­ner an sich exis­tie­ren­den Idee, ist ein Bild nur in be­zug auf ein an­de­res Bild. (…) Wenn wir je­doch von der sym­bo­li­schen Ord­nung spre­chen, dann gibt es ab­so­lu­te An­fän­ge, dann gibt es Schöp­fung.“39

Im Sche­ma der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on, das La­can in Se­mi­nar 2 vor­stellt und das er spä­ter als „Sche­ma L“ be­zeich­net, steht die Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt für die sym­bo­li­sche Rea­li­sie­rung des Sub­jekts, und die­se ist im­mer „sym­bo­li­sche Schöp­fung“40.

Im Ethik-Se­mi­nar fin­det er ei­nen Ter­mi­nus für die sym­bo­li­sche Schöp­fung als ab­so­lu­ter An­fang: „Schöp­fung aus dem Nichts“ (zu­erst auf den Sei­ten 148 bis 152). Das, was aus dem Nichts ge­schaf­fen wird, ist der Si­gni­fi­kant, und das Nichts ist ein an­de­rer Name für „das Ding“.

Von der Schöp­fung aus dem Nichts han­delt auch der Freud­sche My­thos vom Ur­va­ter­mord in To­tem und Tabu. Der Va­ter wird um­ge­bracht, ver­nich­tet, und aus dem so her­bei­ge­führ­ten Nichts geht das Ge­setz her­vor, das In­zest­ver­bot, da­mit aber zu­gleich das Be­geh­ren, näm­lich das, es zu über­tre­ten. Die Ent­ste­hung des Ge­set­zes durch das Ver­bre­chen ist eine der For­men der Schöp­fung aus dem Nichts. Ein Den­ken, das streng athe­is­tisch sein will, wie etwa das von Sade, muss von die­ser theo­lo­gi­schen Grund­fi­gur aus­ge­hen.

Mit der Schöp­fung aus dem Nichts über­nimmt La­can ei­nen Ge­dan­ken der früh­christ­li­chen Theo­lo­gie. Der bi­bli­sche Gott er­zeugt die Welt nicht aus ei­nem Ur­stoff, also nicht auf die Wei­se wie der grie­chi­sche Schöp­fer­gott, der De­mi­urg, von dem Pla­ton im Ti­ma­i­os er­zählt. Der  bi­bli­sche Gott schöpft die Welt aus nichts, und zwar durch das Wort. „Und Gott sprach: Es wer­de Licht! Und es ward Licht.“41 Ein Grund­satz der an­ti­ken Me­ta­phy­sik lau­tet: ex ni­hi­lo ni­hil fit, aus nichts wird nichts. Mit dem Theo­lo­gem der crea­tio ex ni­hi­lo wi­der­spre­chen die christ­li­chen Theo­lo­gen die­sem Prin­zip. Die Schöp­fung aus dem Nichts ist, ne­ben der Höl­len­vor­stel­lung, ein wei­te­res Ele­ment des christ­li­chen Den­kens bei Sade.

Für die Denk­fi­gur der Schöp­fung aus dem Nichts stützt La­can sich aus­drück­lich auf Hei­deg­gers Auf­satz über das Ding.42 Dort fin­det sich al­ler­dings nicht die­ser Ter­mi­nus, da­für in ei­nem an­de­ren Hei­deg­ger-Text, in Was ist Me­ta­phy­sik? Hier kann man le­sen:

Die christ­li­che Dog­ma­tik (…) leug­net die Wahr­heit des Sat­zes ex ni­hi­lo ni­hil fit und gibt da­bei dem Nichts eine ver­än­der­te Be­deu­tung im Sin­ne der völ­li­gen Ab­we­sen­heit des au­ßer­gött­li­chen Sei­en­den: ex ni­hi­lo fit – ens crea­tum (aus Nichts wird – das ge­schaf­fe­ne Sei­en­de). Das Nichts wird jetzt der Ge­gen­be­griff zum ei­gent­lich Sei­en­den, zum summum ens (höchs­ten Sei­en­den), zu Gott als ens in­crea­tum (un­ge­schaf­fe­nem Sei­en­den).“43

Das Nichts wird von der christ­li­chen Dog­ma­tik als voll­stän­di­ge Ab­we­sen­heit von au­ßer­gött­li­chem Sei­en­den be­grif­fen, als Ab­we­sen­heit von Mensch, Tier, Erde, Werk­zeug usw. Gott wird als höchs­tes Sei­en­des auf­ge­fasst; im Schöp­fungs­akt steht ihm das Nichts ge­gen­über. ‚Aus Nichts wird das ge­schaf­fe­ne Sei­en­de‘, dies ist die crea­tio ex ni­hi­lo, die Schöp­fung aus dem Nichts, der Vor­gang, dass „Gott aus dem Nichts schafft“44.

La­can spricht von der Gren­ze des „aus nichts“, kei­nes­wegs von der Gren­ze des „nichts“.45. Das, was die Gren­ze bil­det, ist nicht das Nichts, son­dern das „aus nichts“. Das „aus nichts“ hat eine Zwi­schen­po­si­ti­on, es ist die Re­la­ti­on zwi­schen dem Nichts und dem Ge­schaf­fe­nen; in die­sem Sin­ne bil­det es die Gren­ze zwi­schen bei­den. Auch die crea­tio ex ni­hi­lo ist für La­can eine drei­glied­ri­ge Struk­tur, mit dem Ge­schaf­fe­nen, dem „aus nichts“ (dem „aus“, könn­te man auch sa­gen) und dem Nichts.

Die Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus dem Nichts lässt sich sche­ma­tisch so dar­stel­len wie in Ab­bil­dung 10.

Zweiter Tod - Sade - Abb 9 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 10: Die Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus dem Nichts

La­can spricht über die Schöp­fung aus dem Nichts, um das Sys­tem des Sa­de­schen Paps­tes zu er­läu­tern. Im fol­gen­den Dia­gramm in­te­grie­re ich die „Schöp­fung aus dem nichts“ in das zum Papst be­reits vor­ge­stell­te Sche­ma (Abb. 11):

Zweiter Tod - Sade - Abb 10 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 11: Das Sys­tem von Pius VI. und die Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus dem Nichts

In der nächs­ten Ab­bil­dung er­gän­ze ich das zu An­ti­go­ne ent­wi­ckel­te Sche­ma um die crea­tio ex ni­hi­lo (Abb. 12).

Zweiter Tod - Antigone - Abb 11 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 12: An­ti­go­ne und die Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus dem Nichts

An­ti­go­ne be­fin­det sich am Ort der Dif­fe­renz zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein, am Ort des „ex ni­hi­lo“, der Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus nichts, auf der Gren­ze zum zwei­ten Tod.

Der zwei­te Tod ist eine Form des Seins und zu­gleich eine Form des Nichts. Die hier im­pli­zit vor­ge­nom­me­ne Gleich­set­zung von Sein und Nichts fin­det man ex­pli­zit be­reits in Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten:

Das Loch im Rea­len heißt je nach der Wei­se, in der man es an­sieht, das Sein oder das Nichts.„46

Wie hat man das zu ver­ste­hen? Auch die­ser Ge­dan­ke stützt sich auf Hei­deg­ger und dar­über hin­aus auf He­gel. Wenn das Nichts zum Pro­blem wird, schreibt Hei­deg­ger in dem schon zi­tier­ten Auf­satz Was ist Me­ta­phy­sik?, ent­steht ein Zu­gang zum Sein; die Fra­ge nach dem Nichts ist die Form, in der dem Fra­gen­den das Sein er­scheint:

Das Nichts bleibt nicht das un­be­stimm­te Ge­gen­über für das Sei­en­de, son­dern es ent­hüllt sich als zu­ge­hö­rig zum Sein des Sei­en­den.“47

Die Zu­ge­hö­rig­keit des Nichts zum Sein wird von Hei­deg­ger im an­schlie­ßen­den Satz durch ein He­gel­zi­tat be­kräf­tigt:

‘Das rei­ne Sein und das rei­ne Nichts ist also das­sel­be.‘ Die­sen Satz fin­det man in He­gels Wis­sen­schaft der Lo­gik (1. Buch, Wer­ke 3, S. 78).“48

Von He­gel wird die Iden­ti­tät zwi­schen dem rei­nen Sein und dem rei­nen Nichts da­mit be­grün­det, dass bei­de sich durch das Merk­mal der Un­be­stimmt­heit aus­zeich­nen. Hei­deg­ger weist die­se Be­grün­dung zu­rück. Die Iden­ti­tät von Sein und Nichts gilt für ihn des­halb, weil das Sein „sich nur in der Tran­szen­denz des in das Nichts hin­aus­ge­hal­te­nen Da­seins of­fen­bart“49. Das Sein zeigt sich dem Da­sein (dem Men­schen), wenn er sich auf das Nichts be­zieht. Hei­deg­ger wird hier ganz kon­kret. Der Mensch be­zieht sich auf das Nichts in den ver­schie­de­nen For­men des ne­gie­ren­den Ver­hal­tens: in der Ver­nei­nung, im Ent­ge­gen­han­deln, im Ver­ab­scheu­en, im Ver­sa­gen, im Ver­bie­ten, im Ent­beh­ren.50 Mit der Psy­cho­ana­ly­se kann man er­gän­zen: Der Mensch be­zieht sich in reins­ter Form auf das Nichts im Stre­ben nach Ver­nich­tung, im To­des­trieb. In dem Nichts, auf das die Zer­stö­rung ab­zielt, im zwei­ten Tod, zeigt sich dem Men­schen das Sein.51

Ein Den­ken, das athe­is­tisch sein will, muss „krea­tio­nis­tisch“ sein und nicht etwa evo­lu­tio­nis­tisch, wie La­can im Ethik-Se­mi­nar be­reits frü­her an­ge­merkt hat­te.52 Das Evo­lu­ti­ons­den­ken be­greift das Be­wusst­sein als den Hö­he­punkt der Ent­wick­lung; dies im­pli­ziert, dass be­reits der An­fang des Pro­zes­ses vom Be­wusst­sein und vom Den­ken be­stimmt wur­de; der Evo­lu­tio­nis­mus be­ruht auf ei­ner ver­steck­ten Schöp­fungs­theo­lo­gie. In athe­is­ti­scher Per­spek­ti­ve ist die Ein­füh­rung des Si­gni­fi­kan­ten in die Na­tur als ein ab­so­lu­ter An­fang zu be­grei­fen, als ein An­fang, der sich auf nichts zu­rück­füh­ren lässt: als crea­tio ex ni­hi­lo.

La­can fährt fort:

Eben­so gibt es, wenn man il­lus­trie­ren will, dass das sa­dis­ti­sche Den­ken sich ge­nau auf die­ser Gren­ze (des „aus nichts“) hält, kein bes­se­res Bei­spiel als das Fun­da­men­tal­phan­tas­ma bei Sade. Das, was die Tau­sen­de von er­schöp­fen­den Bil­dern der Ma­ni­fes­ta­ti­on des Be­geh­rens, die er uns gibt, im­mer wie­der il­lus­trie­ren, ist, so mei­ne ich, ge­nau das Phan­tas­ma ei­nes ewi­gen Lei­dens, denn für das Bild des im Sa­de­schen Phan­tas­ma zu­ge­füg­ten Lei­dens ist dies grund­le­gend. Ty­pisch ist dies, dass das Op­fer durch das Lei­den nicht an den Punkt ge­führt wer­den kann, der es auf­lö­sen und ver­nich­ten wür­de. Es scheint, dass in die­sem Phan­tas­ma das Ob­jekt der Mar­tern die Mög­lich­keit be­wah­ren muss, ein Trä­ger zu sein, der nicht zer­stört wer­den kann. Die Ana­ly­se die­ses Phan­tas­mas zeigt klar, daß das Sub­jekt ei­nen Dop­pel­gän­ger von sich ab­löst, den es für die Ver­nich­tung un­er­reich­bar macht.“ (S. 313 f., ge­än­dert)

Das Sa­de­sche Den­ken hält sich auf der Gren­ze des „ex ni­hi­lo“. Es geht kei­nes­wegs zum Nichts über, es ver­harrt viel­mehr im Zwi­schen­be­reich, zwi­schen der Schöp­fung und dem Nichts, zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein, zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten und dem Ding. Dies wird durch die Sa­de­sche Fun­da­men­tal­phan­ta­sie il­lus­triert. Sie be­steht dar­in, dass dem Op­fer nicht ein­fach Leid zu­ge­fügt wird, son­dern ein Leid, das ewig dau­ert. Das Op­fer wird also kei­nes­wegs ver­nich­tet, es ist viel­mehr un­zer­stör­bar. Das Op­fer, dem die Mar­tern zu­ge­fügt wer­den, ist ein Dop­pel­gän­ger des Sub­jekts, ein ima­gi­nä­rer an­de­rer, in dem sich das Ich sei­ner Un­sterb­lich­keit ver­si­chert.53

In den sa­dis­ti­schen Phan­ta­si­en wird das Op­fer auf ei­ner Gren­ze fest­ge­hal­ten, auf der Gren­ze zum zwei­ten Tod. Pius VI. hat recht: die Gren­ze zur To­tal­ver­nich­tung kann nicht über­schrit­ten wer­den.

Als nächs­tes heißt es:

“Die­ses (das Op­fer) soll das, was man hier mit ei­nem dem Be­reich der Äs­the­tik ent­lehn­ten Aus­druck die Spie­le des Schmer­zes nen­nen muß, er­tra­gen. Es geht da näm­lich ge­nau um die­sel­be Re­gi­on wie die, in der sich die Er­schei­nun­gen des Äs­the­ti­schen tum­meln, um ei­nen be­stimm­ten Frei­raum. Und eben dar­auf be­ruht die Ver­bin­dung zwi­schen den Spie­len des Schmer­zes und den Er­schei­nun­gen der Schön­heit, auf die nie hin­ge­wie­sen wor­den ist, als wäre sie mit ich weiß nicht was für ei­nem Tabu be­las­tet, mit ich weiß nicht wel­chem Ver­bot, das mit je­ner Schwie­rig­keit ver­wandt ist, die wir an un­se­ren Pa­ti­en­ten wohl ken­nen, ein­zu­ge­ste­hen, was im ei­gent­li­chen Sin­ne zur Ord­nung des Phan­tas­mas ge­hört.
Ich wer­de Ih­nen am Text von Sade zei­gen, daß das so ma­ni­fest ist, daß man es schließ­lich gar nicht mehr sieht. Stets sind die Op­fer ge­schmückt, nicht al­lein mit al­len Schön­hei­ten, son­dern mit der An­mut selbst, die de­ren höchs­te Blü­te ist. Wie die­se Not­wen­dig­keit er­klä­ren, wenn nicht zu­al­ler­erst so, daß wir sie als ver­bor­ge­ne, stets be­droh­li­che wie­der­zu­fin­den ha­ben, von wel­cher Sei­te wir uns auch der Er­schei­nung nä­hern, von der Sei­te der er­grei­fen­den Zur­schau­stel­lung des Op­fers oder auch von der Sei­te der gan­zen zu sehr ex­po­nier­ten, zu gut ge­mach­ten Schön­heit, die den Men­schen be­stürzt vor dem Bild ste­hen läßt, das sich hin­ter ihr ab­zeich­net als von et­was, das sie be­droht. Aber von was? – es ist ja nicht die Ver­nich­tung?“ (S. 314)

In den Sa­de­schen Phan­ta­si­en ist das Op­fer im­mer von auf­fäl­li­ger Schön­heit, und da­mit be­wahrt es sei­ne An­zie­hungs­kraft für das Be­geh­ren, wie La­can an frü­he­rer Stel­le ge­sagt hat­te: das Op­fer hat im­mer „die schöns­ten Au­gen von der Welt“ (S. 245), und das ver­bin­det es mit An­ti­go­ne, de­ren aus den Au­gen strah­len­der Glanz vom Chor in dem Mo­ment be­sun­gen wird, in dem sie zum Ort der Mar­ter ge­führt wird.

Über die Be­zie­hung von Lei­den und Schön­heit wird nie ge­spro­chen, sie scheint ta­bui­siert zu sein, be­haup­tet La­can. Die Ver­bin­dung be­ruht dar­auf, dass bei­des, das Auf-Dau­er-Stel­len des Lei­dens und die Schön­heit, am sel­ben Ort an­ge­sie­delt sind, im Grenz­be­reich zum zwei­ten Tod. Für das ewi­ge Lei­den ist das evi­dent: wer ewig lei­det, lebt be­stän­dig an der Gren­ze zum Tod. Für die Schön­heit ist das we­ni­ger of­fen­kun­dig. Man den­ke je­doch dar­an, wie häu­fig Film­schön­hei­ten durch ihre Ver­letz­lich­keit cha­rak­te­ri­siert wer­den; die Goog­le-Su­che zeigt mir für die Wort­ver­bin­dung „vul­nerable ac­tress“ 55.600 Ein­trä­ge.54

Die Gren­ze zum zwei­ten Tod wird von La­can in der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on durch zwei Merk­ma­le cha­rak­te­ri­siert: sie ist von We­sen be­völ­kert, die sich da­durch aus­zeich­nen, dass sie schön sind und dass sie ewig lei­den, ohne zu ster­ben. Die­se Ge­stal­ten ha­ben eine Ab­wehr­funk­ti­on im Ver­hält­nis zu dem, was hin­ter der Gren­ze liegt: zum Ding, zum Nichts, zum Sein, zum zwei­ten Tod – und sie ver­wei­sen dar­auf (vgl. Abb. 13).

Zweiter Tod - mit Schönheit - Abb 12 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 13: Sa­des Po­si­ti­on: Schön­heit und ewi­ges Lei­den

Das, was von der Schön­heit ab­ge­wehrt wird, ist nicht die Ver­nich­tung, heißt es an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le. Drei Sät­ze spä­ter wird La­can das Ge­gen­teil be­haup­ten. Mir ist nicht klar, wie das auf­zu­lö­sen ist.

La­can fährt fort:

“Ich glau­be, dass das we­sent­lich ist, so dass ich die Ab­sicht habe, Sie dazu an­zu­hal­ten, dies­be­züg­lich die Tex­te von Kant in der Kri­tik der Ur­teils­kraft über das We­sen der Schön­heit, die so streng sind, noch ein­mal durch­zu­ge­hen. Ich über­ge­he sie hier, was hei­ßen soll, ich set­ze sie in Klam­mern. Gleich­wohl, die Ver­mö­gen55, die bei der Er­kennt­nis am Werk sind, sind, wie Kant uns sagt, auch bei der Er­schei­nung des Schö­nen im Spiel, frei­lich ohne daß es um das Ob­jekt gin­ge. Wird Ih­nen da nicht die Ana­lo­gie zum sa­dis­ti­schen Phan­tas­ma deut­lich, in dem das Ob­jekt al­lein da ist als Macht ei­nes Lei­dens, das sei­ner­seits nur der Si­gni­fi­kant ei­ner Gren­ze ist, näm­lich der Punkt, wo das Lei­den als eine Sta­se auf­ge­faßt wird, als et­was, was uns be­kräf­tigt, daß das, was ist, nicht in das Nichts, aus dem es her­vor­ge­gan­gen ist, zu­rück­zu­keh­ren ver­mag – ?“ (S. 314, ge­än­dert)

Kants Äs­the­tik be­zieht sich auf Schön­heits­ur­tei­le, also bei­spiels­wei­se auf das Ur­teil „Die­ser Hund ist schön“. Bei der Er­zeu­gung die­ses Ur­teils sind die Ver­mö­gen der Ein­bil­dungs­kraft und des Ver­stan­des am Werk; das Schön­heits­ur­teil kommt dann zu­stan­de, wenn bei­de Er­kennt­nis­ver­mö­gen zu­sam­men­stim­men. Die Har­mo­nie die­ser Ver­mö­gen ist die sub­jek­ti­ve Be­din­gung der Er­kennt­nis.56 Beim Schön­heits­ur­teil geht es in­so­fern nicht um das Ob­jekt, als die­ses Ur­teil, wie Kant sagt, auf „in­ter­es­se­lo­sem Wohl­ge­fal­len“ be­ruht. Das Wohl­ge­fal­len be­ruht auf der Har­mo­nie der Ver­mö­gen; es kommt nicht da­durch zu­stan­de, dass das Be­geh­rungs­ver­mö­gen (im Kan­ti­schen Sin­ne) ak­tiv ge­wor­den ist und sich das Sub­jekt in den Be­sitz des Ob­jekts brin­gen will.

Zu die­ser Kon­zep­ti­on des Schön­heits­ur­teils gibt es im sa­de­schen bzw. sa­dis­ti­schen Phan­tas­ma eine Ent­spre­chung, so lau­tet zu­min­dest La­cans The­se. In die­sem Phan­tas­ma hat das Ob­jekt – das Op­fer – die Auf­ga­be, Trä­ger ei­nes Lei­dens zu sein. Da­durch, dass die­ses Lei­den ewig ist, fun­giert das Lei­den als Si­gni­fi­kant ei­ner Gren­ze, an der sich das Lei­den auf­staut, ohne über­zu­flie­ßen, also ohne dass der Über­gang zum Tod voll­zo­gen wird. In sei­nem Ewig­keits­cha­rak­ter be­kräf­tigt das Lei­den des Op­fers, dass die Gren­ze zum Tod nicht über­schrit­ten wer­den kann.

Das Sa­de­sche Phan­tas­ma ant­wor­tet auf die Schöp­fung aus dem Nichts. Das Sei­en­de ist aus dem Nichts ge­schaf­fen wor­den. Der To­des­trieb zielt dar­auf ab, in das Nichts zu­rück­zu­keh­ren. Das Phan­tas­ma dient der Ab­wehr die­ser Mög­lich­keit, der Ab­wehr des Über­gangs in den zwei­ten Tod.57

Am Schluss die­ser lan­gen Pas­sa­ge über den zwei­ten Tod kommt La­can auf die an­fäng­li­che Fra­ge zum Chris­ten­tum und zur Psy­cho­ana­ly­se zu­rück:

“Es ist hier tat­säch­lich die Gren­ze, die das Chris­ten­tum an der Stel­le al­ler an­de­ren Göt­ter er­rich­tet hat in Ge­stalt je­nes ex­em­pla­ri­schen Bil­des, das ins­ge­heim alle Fä­den un­se­res Be­geh­rens an sich zieht – das Bild der Kreu­zi­gung. Wenn wir es wa­gen, ich sage nicht, ihm ins Ge­sicht zu se­hen – seit es Mys­ti­ker gibt, die sich dar­ein ver­sen­ken, darf man gleich­wohl hof­fen, daß es (das Chris­ten­tum) da­mit kon­fron­tiert war –; es ist ge­wiss schwie­ri­ger, auf di­rek­te Wei­se da­von zu spre­chen und zu sa­gen wa­gen, dass das et­was ist, das wir als Apo­theo­se des Sa­dis­mus be­zeich­nen kön­nen, avant la lett­re na­tür­lich, das heißt eine Ver­gött­li­chung von al­lem, was in die­sem Feld bleibt, von je­ner Gren­ze, an der das Sein / das Le­be­we­sen im Lei­den ver­harrt, denn er ver­mag dies nur durch ei­nen Be­griff, der üb­ri­gens das Aus-dem-Spiel-Brin­gen al­ler Be­grif­fe re­prä­sen­tiert, näm­lich ge­nau den des ex ni­hi­lo.“ (S. 314 f., ge­än­dert)

Was fin­det man im Chris­ten­tum auf der Gren­ze zum zwei­ten Tod? Das Bild der Kreu­zi­gung. Im Dra­ma der Pas­si­on stellt das Chris­ten­tum den Tod Got­tes dar, so hat­te La­can in ei­ner frü­he­ren Sit­zung des Se­mi­nars be­merkt (S. 233). Jetzt gilt ihm die Kreu­zi­gung als Ver­gött­li­chung des Sa­dis­mus. Das Grund­phan­tas­ma des Sa­dis­mus be­steht im ewi­gen Lei­den, da­mit ist klar, dass La­can hier nicht die Dar­stel­lung des Ge­kreu­zig­ten als To­ten im Sinn hat und schon gar nicht die als Hel­den, son­dern die Dar­stel­lung als Lei­den­den, als Schmer­zens­mann. In Se­mi­nar 10 wird La­can auf den ma­so­chis­ti­schen Cha­ra­ker der christ­li­chen Re­li­gi­on auf­merk­sam ma­chen:

Ich hat­te Ih­nen auch an­ge­zeigt, wel­ches die christ­li­che Lö­sung ich woll­te sa­gen die christ­li­che Ab­mil­de­rung war die die­sem ir­re­du­zi­blen Ver­hält­nis zum Ob­jekt des Schnitts ge­ge­ben wur­de Dies ist nichts an­de­res als das Wun­der, das mit dem ma­so­chis­ti­schen Aus­weg ver­bun­den ist, in­so­fern der Christ durch die Dia­lek­tik der Er­lö­sung ge­lernt hat, sich ide­ell mit Dem zu iden­ti­fi­zie­ren, der sich mit die­sem Ob­jekt selbst, mit dem von der gött­li­chen Ver­gel­tung zu­rück­ge­las­se­nen Ab­fall iden­tisch ge­macht hat.58

Das Bild des lei­den­den Chris­tus hat dem­nach die­sel­be Funk­ti­on wie das von An­ti­go­ne, de­ren Bild das „Bild ei­ner Pas­si­on“ ist (S. 327).59

Vie­le christ­li­che Mys­ti­ker ha­ben ver­sucht, sich mit den Qua­len des lei­den­den Chris­tus zu ver­ei­ni­gen, etwa in­dem sie sich die Pas­si­ons­ge­schich­te be­stän­dig vor Au­gen hiel­ten, dar­über me­di­tier­ten und sich selbst Schmer­zen zu­füg­ten.60 Zu den ima­gi­nä­ren Ge­stal­ten, die die Gren­ze zum zwei­ten Tod be­völ­kern, ge­hört also auch das Bild der Kreu­zi­gung (vgl. Abb. 14).

Zweiter Tod - mit Kreuzigung Abb 13 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 14: Der Ort der Kreu­zi­gung

Da­mit lässt sich er­ra­ten, was zu Be­ginn die­ser lan­gen Pas­sa­ge mit der Gren­ze auf dem Feld der Göt­ter ge­meint war. Die­se Gren­ze ist ver­mut­lich das Op­fer. La­can spricht von An­ti­go­ne als dem „fürch­ter­lich frei­wil­li­gen Op­fer“ (S. 298), er sagt, von au­ßen ge­se­hen er­schei­ne sie als Op­fer (S. 338).

Das Bild der Kreu­zi­gung ist eine ima­gi­nä­re Dar­stel­lung der Gren­ze zum zwei­ten Tod. Der zwei­te Tod kann aber auch sym­bo­lisch an­ge­gan­gen wer­den, so­gar durch ei­nen Be­griff. Der Be­griff für die Gren­ze zum zwei­ten Tod ist ex ni­hi­lo, aus nichts.

In wel­chem Sin­ne schlägt der Be­griff „ex ni­hi­lo“ alle an­de­ren Be­grif­fe aus dem Feld? Eine Ant­wort fin­det sich in La­cans nächs­ter Be­mer­kung über den zwei­ten Tod.

Eine Beziehung zum Sein

In der Sit­zung vom 15. Juni 1960 heißt es:

“Was uns be­trifft, so ver­su­che ich Ih­nen vor al­lem zu zei­gen, dass die ethi­schen Aus­ar­bei­tun­gen, die uns von der Mo­ral vor So­kra­tes, Aris­to­te­les und Pla­ton über­lie­fert sind, uns den Men­schen auf den Bah­nen der Ein­sam­keit zei­gen und be­fra­gen und dass sie den Hel­den für uns in der Zone ver­or­ten, in der der Tod auf das Le­ben über­greift, in dem Feld also, auf dem er im Ver­hält­nis zur Zone sei­ner wahr­haf­ten Be­zie­hung er­probt wird, näm­lich in der Be­zie­hung zu dem, was ich hier als zwei­ten Tod be­zeich­net habe: die­se Be­zie­hung zum Sein, in­so­fern es all das auf­hebt, was sich auf die Ver­än­de­rung, auf den Zy­klus von Wer­den und Ver­ge­hen, ja so­gar auf die Ge­schich­te be­zieht, und das uns auf eine Ebe­ne führt, die ra­di­ka­ler als al­les ist, in­so­fern sie als sol­che von der Spra­che ab­hängt.“ (S. 341, ge­än­dert)

In der vor­her­ge­hen­den Sit­zung hat­te La­can sich zur Ethik aus der Zeit vor So­kra­tes, Pla­ton und Aris­to­te­les ge­äu­ßert: zu den Tra­gö­di­en des So­pho­kles (S. 325–327). So­pho­kles, so lau­te­te sei­ne The­se, zeigt uns die Hel­den in ei­ner be­stimm­ten Po­si­ti­on: im­mer sind sie „am Ende der Bahn“, am Ran­de des To­des, für die­se Hel­den gilt, dass sie „in eine Grenz­zo­ne zwi­schen Le­ben und Tod ge­stellt sind“ (S. 326). Die­se Zone, so heißt es jetzt mit ei­ner be­reits frü­her ge­brauch­ten For­mu­lie­rung, ist die, in der der Tod auf das Le­ben über­greift (vgl. S. 298).

In die­sem Über­schnei­dungs­be­reich ste­hen die Hel­den zum zwei­ten Tod in Be­zie­hung. Das Ver­hält­nis zum zwei­ten Tod ist ein Ver­hält­nis zum Sein, und dies ist die wahr­haf­te Be­zie­hung, die Be­zie­hung zur Wahr­heit – im Ge­gen­satz zu den fal­schen Me­ta­phern des Sei­en­den, von de­nen frü­her (S. 299) die Rede war.

Die Be­zie­hung zum Sein wird da­durch her­ge­stellt, dass al­les auf­ge­ho­ben wird, was mit Ver­än­de­rung zu tun hat, mit Wer­den und Ver­ge­hen, mit Ge­schich­te. An­ders ge­sagt: die Be­zie­hung zum Sein wird durch die Ne­ga­ti­on des Sei­en­den rea­li­siert. An frü­he­rer Stel­le hat­te La­can, wie be­reits zi­tiert, an­ge­merkt, dass der To­des­trieb in den Be­reich der Ge­schich­te ge­hört (S. 255). Da­mit ist of­fen­bar nicht nur ge­meint, dass er die an­fäng­li­che Ein­schrei­bung des Si­gni­fi­kan­ten zu­rück­zu­kom­men ver­sucht, son­dern auch dies, dass er die Ge­schich­te ne­giert.

Die Be­zie­hung zum Sein / zum zwei­ten Tod, her­ge­stellt durch die Ne­ga­ti­on des Sei­en­den in sei­ner Ver­än­der­lich­keit, ist die ra­di­kals­te Be­zie­hung über­haupt, denn es ist ein Ver­hält­nis, das von der Spra­che ab­hängt. Die Be­zie­hung des Men­schen zur Spra­che wird im Ethik-Se­mi­nar durch den Be­griff der crea­tio ex ni­hi­lo be­stimmt; die Schöp­fung des Si­gni­kan­ten geht her­vor aus dem Nichts und sie dreht sich um das Nichts, um das Ding. Die­se Be­zie­hung ist die ra­di­kals­te über­haupt, die letz­te Ebe­ne, auf die man sich im Rah­men der Psy­cho­ana­ly­se be­zie­hen kann. Aus die­sem Grun­de schlägt der Be­griff des ex ni­hi­lo alle an­de­ren Be­grif­fe aus dem Fel­de, wie La­can S. 315 be­haup­tet hat­te.

Das Ende des zweiten Leidens und der Ort der ewigen Qual

In der Sit­zung vom 22. Juni 1960 sagt La­can nach ei­ner Be­mer­kung über den phy­si­schen Tod:

“Bei dem, was ich Ih­nen im Au­gen­blick sage, geht es nicht um die­sen Tod. Es geht um den zwei­ten Tod, je­nen, den man noch ins Auge fas­sen kann – wie ich Ih­nen an ei­nem kon­kre­ten In­halt ge­zeigt habe, am Text von Sade –, nach­dem der Tod ein­ge­tre­ten ist, je­ner, den die ge­sam­te mensch­li­che Über­lie­fe­rung im Grun­de nie­mals auf­ge­hört hat sich ge­gen­wär­tig zu hal­ten und wor­in sie das Ende der Lei­den sieht.
Das ist das­sel­be wie dies, dass die­se ge­sam­te Über­lie­fe­rung, auch sie, nie­mals auf­ge­hört hat, sich ein zwei­tes Lei­den vor­zu­stel­len, ein Lei­den jen­seits des To­des, un­be­grenzt auf­recht­erhal­ten auf­grund der Un­mög­lich­keit, die­se Gren­ze des zwei­ten To­des zu über­schrei­ten.“ (S. 351, ge­än­dert)

Der Sa­de­sche Papst zeigt, dass man den zwei­ten Tod als et­was ins Auge fas­sen kann, was nach dem ers­ten Tod ein­tritt.

Die ge­sam­te mensch­li­che Über­lie­fe­rung sieht in die­sem zwei­ten Tod das Ende des Lei­dens. Man wird hier an das bud­dhis­ti­sche Nir­wa­na den­ken dür­fen, auf das sich ja auch Freud in sei­nen Er­ör­te­run­gen zum To­des­trieb be­zo­gen hat­te, an den Aus­tritt aus dem Kreis­lauf des Lei­dens. Auch die christ­li­che Deu­tung des zwei­ten To­des als An­ni­hi­la­ti­on ge­hört hier­her.

Nach dem ers­ten, dem phy­si­schen Tod und vor dem zwei­ten Tod gibt es ein zwei­tes Lei­den (das ers­te Lei­den ist das Lei­den im ir­di­schen Jam­mer­tal). Das zwei­te Lei­den fun­giert als Gren­ze zum zwei­ten Tod. Es ist un­mög­lich, die­se Gren­ze zu über­schrei­ten, das zwei­te Lei­den ist von ewi­ger Dau­er.

Es ist un­mög­lich, „die­se Gren­ze des zwei­ten To­des zu über­schrei­ten“ – die For­mu­lie­rung be­legt, dass mit „Gren­ze des zwei­ten To­des“ eine Gren­ze ge­meint ist, hin­ter der der zwei­te Tod liegt und nicht etwa der zwei­te Tod als Gren­ze.

An­schlie­ßend heißt es:

Dar­um ist die Tra­di­ti­on der Höl­len stets so le­ben­dig ge­blie­ben. Wie ich Ih­nen ge­zeigt habe, ist sie selbst noch bei Sade ge­gen­wär­tig, in der Vor­stel­lung, die dem Op­fer zu­ge­füg­ten Lei­den auf Dau­er zu stel­len. Denn es gibt die­ses Raf­fi­ne­ment, die­ses De­tail, das ei­nem der Hel­den des Sa­de­schen Ro­mans zu­ge­schrie­ben wird, sie da­durch auf Dau­er zu stel­len, dass er sich der Ver­damm­nis des­je­ni­gen ver­si­chert, den er vom Le­ben zum Tod be­för­dert.“ (S. 351, ge­än­dert)

Für das Chris­ten­tum ist der Be­reich des zwei­ten Lei­dens – die Gren­ze zum zwei­ten Tod im Sin­ne der To­tal­ver­nich­tung – die Höl­le. Selbst bei Sade, ei­nem mi­li­tan­ten Athe­is­ten, stößt man auf die Höl­len­vor­stel­lung. In sei­nen Phan­ta­si­en geht es ihm dar­um, das den Op­fern zu­ge­füg­te Leid zu ver­ewi­gen; er be­müht sich um eine Neu­fas­sung der christ­li­chen Höl­len­vor­stel­lung. Au­ßer­dem gibt es das fas­zi­nie­ren­de De­tail, dass ei­ner von Sa­des Bö­se­wich­ten, Saint-Fond, an ein Le­ben nach dem Tode glaubt und (zum Ent­set­zen sei­ner athe­is­ti­schen Kom­pli­zen) sei­ne Op­fer zwingt, ei­nen Ver­trag zu un­ter­schrei­ben, mit dem sie ihre See­le dem Teu­fel ver­ma­chen – um so zu ga­ran­tie­ren, dass sie, nach­dem er sie er­mor­det hat, auf ewig in der Höl­le schmach­ten.61 Die Ähn­lich­keit zu Ham­let ist of­fen­kun­dig.

Im Fol­gen­den habe ich die Höl­len­phan­ta­sie in das zu­letzt vor­ge­stell­te Sche­ma ein­ge­tra­gen (Abb. 15):

Zweiter Tod - Hölle - Abb 15 (zu: Jacques Lacan über Todestrieb und Antigone)Abb. 15: Der Ort der Höl­le

Körperbild und Phantasma als Grenze zum zweiten Tod

In der­sel­ben Sit­zung setzt La­can sei­ne Be­trach­tun­gen über das Schö­ne fort. Nur se­kun­där geht es beim Schö­nen um die idea­le Ge­stalt, um das idea­le Schö­ne. Pri­mär be­zieht sich das Schö­ne auf die „Punkt­haf­tig­keit des Über­gangs vom Le­ben zum Tod“ (351), auf das „Zwi­schen-zwei“ (353). Für je­den be­lie­bi­gen Ge­gen­stand, der sich in die­sem Über­gang be­fin­det, gilt, dass in ihm „die­ser mehr oder min­der un­er­träg­li­che Glanz vi­briert, der das Schö­ne heißt“ (355). Bei­spiels­wei­se be­ruht die Schön­heit der nie­der­län­di­schen Still­le­ben auf ei­ner zeit­li­chen Struk­tur: dar­auf, dass sie die dro­hen­de Auf­lö­sung zei­gen, die Ge­fahr der Zer­set­zung.62 La­can fährt fort:

“Eben­so kann die Fra­ge des Schö­nen, so­fern sie die Fra­ge des Ide­als ins Spiel bringt – um die Din­ge auf die­ser Ebe­ne zu neh­men – nur auf­ge­grif­fen wer­den als ab­hän­gig von ei­nem Über­gang an die Gren­ze. Ich will sa­gen, in­so­fern die Ge­stalt des Kör­pers sich als Hül­le für alle mög­li­chen Phan­ta­si­en des mensch­li­chen Be­geh­rens prä­sen­tiert, in­so­fern in die­ser Ge­stalt des Kör­pers, ich mei­ne in die­ser äu­ße­ren Form, zwangs­läu­fig all das ein­ge­hüllt ist, was von den Blu­men des Be­geh­rens in die­ser be­stimm­ten Vase ent­hal­ten sein kann, de­ren Ge­fäß­wand wir zu fi­xie­ren su­chen. In­so­fern sie ist, ge­nau ge­sagt, in­so­fern sie ge­we­sen ist, denn sie ist nicht mehr gött­li­che Ge­stalt, kann uns noch zu Kants Zei­ten die mensch­li­che Ge­stalt als Ide­al prä­sen­tiert wer­den, als Er­schei­nen*, als Gren­ze der Mög­lich­kei­ten des Schö­nen.“ (S. 355, ge­än­dert)

Noch zur Zeit von Kant galt als das Ide­al des Schö­nen die äu­ße­re Ge­stalt des mensch­li­chen Kör­pers. Auch die­se spe­zi­el­le Form des Schö­nen, das Ide­al-Schö­ne, kann nur von dem be­reits er­läu­ter­ten Über­gang aus be­grif­fen wer­den, dem Wech­sel vom Le­ben zum Tod, der an die Gren­ze des To­des führt – und dort hal­ten lässt. Eine der To­des­dro­hung aus­ge­setz­te Ge­stalt des Kör­pers fun­giert hier­bei als An­zie­hungs­punkt für das Be­geh­ren63, als Hül­le für die Phan­tas­men; wie eine Vase die Blu­men, ent­hält die Kör­per­form die Phan­tas­men.

Die Me­ta­pher der Vase hat­te La­can be­reits im op­ti­schen Sche­ma ver­wen­det64; jetzt ver­bin­det er sie mit dem Hin­weis auf das Töp­fern und da­mit auf das im Ethik-Se­mi­nar ent­wi­ckel­te Mo­dell für die Schöp­fung des Si­gni­fi­kan­ten aus dem Nichts. Im op­ti­schen Sche­ma steht die Vase für für das Bild des an­de­ren, im Töp­fer­bei­spiel für den Si­gni­fi­kan­ten; die Be­deu­tung der Vase wird vom Ima­gi­nä­ren zum Sym­bo­li­schen hin ver­scho­ben.

Da­nach heißt es:

“Das führt uns dazu, daß wir die Be­zie­hung der Kör­per­form, und zwar sehr ge­nau des Bil­des, wie ich das hier in der Funk­ti­on des Nar­ziß­mus be­reits ar­ti­ku­liert habe, als ei­gent­lich das an­set­zen, was in ei­ner be­stimm­ten Be­zie­hung des Men­schen, der Be­zie­hung zu sei­nem zwei­ten Tod, den Si­gni­fi­kan­ten sei­nes Be­geh­rens re­prä­sen­tiert. Sein sicht­ba­res Be­geh­ren, ἵμερος ἐναργής (hi­me­ros en­ar­gês), das ist das zen­tra­le Trug­bild, das zu­gleich auf den Platz die­ses Be­geh­rens ver­weist, in­so­fern es Be­geh­ren nach nichts ist, das Be­zie­hung des Men­schen zu sei­nem Man­gel-zu-sein (man­que-à-être)65 ist, was zu­gleich auf die­sen Platz ver­weist wie auf das, was ihn dar­an hin­dert, ihn ein­zu­neh­men66“ (S. 355, ge­än­dert)

La­can deu­tet hier die fol­gen­de Ar­gu­men­ta­ti­ons­ket­te an.
Die nar­ziss­ti­sche Be­zie­hung be­steht in ei­nem Ver­hält­nis zum Kör­per­bild, zum Bild des Kör­pers als ge­schlos­se­ner Ge­stalt.
Das Kör­per­bild ist, in der Spra­che des Cho­res in An­ti­go­ne, das hi­me­ros en­ar­gês (Vers 795), das sicht­ba­re Be­geh­ren, das in die Di­men­si­on des Ima­gi­nä­ren pro­ji­zier­te Be­geh­ren.
Das Kör­per­bild fun­giert als Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens.
Das Kör­per­bild hat eine dop­pel­te Funk­ti­on. Es ver­weist auf den Platz des Be­geh­rens und eben­so auf das, was den Men­schen dar­an hin­dert, die­sen Platz ein­zu­neh­men. An­ders ge­sagt: Es ver­weist den Men­schen auf das, was er be­gehrt, ist aber zu­gleich die Bar­rie­re, die ihn dar­an hin­dert, das Be­gehr­te zu er­rei­chen. Die­se Bar­rie­re ist die Bin­dung an die ima­gi­nä­re Di­men­si­on, an den Kör­per als Ge­stalt.
Das Be­geh­ren ist eine Be­zie­hung zum „Man­gel zu sein“, also zum Nichts.
Die Be­zie­hung zum Man­gel zu sein ist die Be­zie­hung zum zwei­ten Tod. Das, was be­gehrt wird, ist der zwei­te Tod.

Ins­ge­samt: Das Kör­per­bild be­zieht sich in­so­fern auf den zwei­ten Tod, als es in ei­ner Be­zie­hung zum Be­ge­ird, zum Man­gel.

La­can fährt so fort:

Hier macht es uns et­was mög­lich, bei die­ser Fra­ge nach­zu­ha­ken. Wenn das so ist, ist dann eben die­ser Platz, eben die­se Stüt­ze, die­ses Bild, die­ser Schat­ten, den die Ge­stalt des Kör­pers dar­stellt, ist dies das­sel­be Bild wie das, das eine Schran­ke bil­det in Be­zug im­mer­hin auf das an­de­re Ding67, das jen­seits ist, und das nicht nur die­se Be­zie­hung zum zwei­ten Tod ist, zum Men­schen, in­so­fern die Spra­che ihm ab­ver­langt, in Rech­nung zu stel­len (rend­re comp­te), dass er nicht ist? Nun, es gibt die Li­bi­do, näm­lich ganz ge­nau das, wor­an uns wich­tig ist, dass sie uns in flüch­ti­gen Au­gen­bli­cken über die­se Ge­gen­über­stel­lung hin­aus mit­reißt, die Li­bi­do, die da­für sorgt, dass wir die­se Ge­gen­über­stel­lung ver­ges­sen, in­so­fern Freud als ers­ter mit al­ler Kühn­heit und mit Nach­druck ar­ti­ku­liert, dass der ein­zi­ge Mo­ment des Ge­nie­ßens, den der Mensch kennt, letzt­lich an eben dem Ort ist, an dem die Phan­tas­men sich her­stel­len, die für uns eben die Schran­ke dar­stel­len, be­zo­gen auf den Zu­gang zu die­sem Ge­nie­ßen, in dem al­les ver­ges­sen ist.“ (S. 355 f., ge­än­dert)

Dies ist die letz­te Pas­sa­ge, in der La­can im Ethik-Se­mi­nar vom zwei­ten Tod spricht. Er fragt nach der Funk­ti­on des Kör­per­bil­des. Ist es eine Schran­ke im Ver­hält­nis zum Ding, zum „an­de­ren Ding“, wie es hier heißt?68 Die Be­zie­hung zum Ding be­steht nicht nur in der Be­zie­hung zum zwei­ten Tod. Zu was noch? Zum Or­gas­mus, falls ich die Be­mer­kung rich­tig ver­ste­he.

An der Li­bi­do ist uns wich­tig, so heißt es, dass sie uns über die „Ge­gen­über­stel­lung“ hin­aus fort­reißt, ich neh­me an: über die Ge­gen­über­stel­lung mit dem Kör­per­bild hin­aus. In der se­xu­el­len Er­re­gung löst sich un­se­re nar­ziss­ti­sche Bin­dung auf, wir brin­gen un­se­re Kör­per auf eine Wei­se ins Spiel, die wir sonst als häss­lich emp­fin­den, und auf ge­nau die­sen Ich­ver­lust kommt es uns an.69 Freud hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass „der ein­zi­ge Mo­ment des Ge­nie­ßens, den der Mensch kennt“, also der Or­gas­mus, an dem Ort ist, an dem die Phan­tas­men sich her­stel­len.70 Ein Or­gas­mus ist phan­ta­sie­ge­steu­ert, er ist kein rein phy­sio­lo­gi­scher Ab­lauf. Im Zu­gang zum Or­gas­mus stel­len die Phan­tas­men eine Schran­ke dar. Der Or­gas­mus ist ein Ge­nie­ßen, „in dem al­les ver­ges­sen ist“, in dem wir uns ver­ges­sen, in dem wir die Ori­en­tie­rung am Kör­per­bild auf­ge­ge­ben, in dem wir aber gleich­wohl durch un­se­re Phan­tas­men be­stimmt sind, die den Or­gas­mus er­mög­li­chen und das Ge­nie­ßen zu­gleich be­schrän­ken.

Ins­ge­samt dürf­te ge­meint sein: Die Phan­tas­men bil­det eine Schran­ke in der Be­zie­hung zum Ding, das zwei For­men an­nimmt, die des „zwei­ten To­des“ und des „klei­nen To­des“, des Or­gas­mus.

Die Be­zie­hung zum zwei­ten Tod wird hier be­schrie­ben als Be­zie­hung „zum Men­schen in­so­fern die Spra­che ihm ab­ver­langt, in Rech­nung zu stel­len, dass er nicht ist“. Die Spra­che for­dert vom Men­schen, sein Nicht­sein zu be­rück­sich­ti­gen, sich auf sein Nicht­sein zu be­zie­hen.

Das be­zieht sich ver­mut­lich wie­der auf die Schöp­fung ex ni­hi­lo. Die Spra­che ist Schöp­fung aus nichts; da­durch, dass der Mensch zu ei­nem spre­chen­den We­sen wird, steht er in Be­zie­hung zum Nichts, zum zwei­ten Tod. Das Be­geh­ren ist die Be­zie­hung zum Seins­man­gel (man­que d’être)71, zum Man­gel-zu-sein (man­que-à-être)72, zum Nicht-Sein73, zum Nichts. Die reins­te Form der Be­zie­hung zum Nichts ist das Stre­ben da­nach, tot zu sein, so­fern es nicht von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung durch­kreuzt wird; die­ses Stre­ben wird von An­ti­go­ne ver­kör­pert. „Aber An­ti­go­ne treibt die Er­fül­lung des­sen, was man das rei­ne Be­geh­ren nen­nen kann, bis an die Gren­ze, das rei­ne und ein­fa­che To­des­be­geh­ren als sol­ches. Die­ses Be­geh­ren ver­kör­pert sie.“ (339) Ihr To­des­be­geh­ren ist rein, in der Spra­che von Freud: ihr To­des­trieb ist „ent­mischt“, ohne „Le­gie­rung“ mit dem Le­bens­trieb, er wird durch kei­nen Nar­ziss­mus ge­mil­dert.74

Die Spra­che ver­langt dem Men­schen ab, dass er sich über die­se Be­zie­hung zum zwei­ten Tod Re­chen­schaft ab­legt. Das ist die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se.

In der­sel­ben Sit­zung heißt es:

Das Ende der An­ti­go­ne zeigt uns die Ein­set­zung ich weiß nicht was für ei­nes blu­ti­gen Op­fer­bil­des, das der mys­ti­sche Sui­zid rea­li­siert. Von ei­nem be­stimm­ten Au­gen­blick an wis­sen wir frei­lich nicht mehr, was im Grab An­ti­go­nes ge­schieht. Al­les weist uns dar­auf hin, daß das, was ge­sche­hen ist, in ei­nem An­fall von ma­nia ge­sche­hen und An­ti­go­ne auf eine Ebe­ne ge­langt ist, wo auch Ajax und Her­ku­les zu­grun­de ge­hen – ich las­se das Ende von Ödi­pus bei­sei­te.“ (S. 356)

Die Tra­gö­die en­det mit ei­ner Se­rie von Selbst­mor­den, von de­nen man durch Bo­ten­be­richt er­fährt. An­ti­go­ne er­hängt sich in ih­rer Grab­kam­mer, dar­auf­hin stürzt sich in ei­ner Art Wahn­sinns­an­fall ihr Ver­lob­ter, Hai­mon, ins Schwert und dies wie­der­um hat zur Fol­ge, dass sei­ne Mut­ter Eu­ry­di­ke sich er­sticht. La­can spricht vom „mys­ti­schen Selbst­mord“ und be­zieht sich da­mit spe­zi­ell auf An­ti­go­ne. Die Mys­ti­ker stre­ben da­nach, das nie­mals ver­lo­re­ne Ding wie­der­zu­fin­den; An­ti­go­nes Selbst­mord ist in­so­fern mys­tisch, als sie durch ihn das Wie­der­fin­den des Dings rea­li­siert. In ei­ner Art mys­ti­scher Hoch­zeit ver­ei­nigt sich An­ti­go­ne durch den Selbst­mord mit ih­rem to­ten Bru­der, mit dem rei­nen Sein. Ähn­li­ches gilt für an­de­re Hel­den der So­pho­klei­schen Tra­gö­di­en, für Her­ku­les in den Tra­chi­ne­rin­nen und für Ajax.75

Durch den Selbst­mord wech­selt An­ti­go­ne ihre Po­si­ti­on. Zu Be­ginn des Stücks war sie eine Le­ben­de, die sich als tot be­griff. Im Ver­lauf des Stücks wird die­se Zwi­schen­po­si­ti­on in der äu­ße­ren Hand­lung rea­li­siert: sie wird in eine Grab­kam­mer le­ben­dig ein­ge­schlos­sen. Durch den Selbst­mord ver­lässt sie den Zwi­schen­be­reich, die Gren­ze zum zwei­ten Tod und be­gibt sich di­rekt auf das Feld des zwei­ten To­des.

Zwischen-zwei-Toden“

Die Wen­dung „das Zwi­schen-zwei-To­den“ (l’entre-deux-morts) fin­det man im Ethik-Se­mi­nar nur ein ein­zi­ges Mal, und dies in der letz­ten Sit­zung. Dort heißt es:

Je­mand hier hat die To­po­lo­gie, die ich für Sie ent­wor­fen habe die­ses Jahr, mit ei­nem nicht un­glück­li­chen Aus­druck und au­ßer­dem nicht ohne Witz Be­reich des Zwi­schen-zwei-To­den ge­tauft. Ihre Fe­ri­en wer­den es Ih­nen ge­stat­ten zu sa­gen, ob die Stren­ge des­sel­ben Ih­nen als tat­säch­lich ef­fi­zi­ent er­scheint. Ich bit­te Sie, dar­auf zu­rück­zu­kom­men.“ (S. 382)

Die Be­zeich­nung „Zwi­schen-zwei-To­den“ stammt von ei­nem Se­mi­nar­teil­neh­mer oder ei­ner Se­mi­nar­teil­neh­me­rin, und La­can reicht den Aus­druck als Zi­tat vor­sich­tig zu­stim­mend wei­ter. Die For­mu­lie­rung ist „nicht un­glück­lich“ und „nicht ohne Witz“. Der Witz be­steht ver­mut­lich in der An­spie­lung auf „Ent­re deux mers“, Zwi­schen-zwei-Mee­ren, ein be­kann­tes Wein­an­bau­ge­biet, mit „ent­re deux mè­res“, zwi­schen zwei Müt­tern, ho­mo­phon. Aber ist die­ser Aus­druck „ef­fi­zi­ent“? Das bleibt noch of­fen; der Aus­druck „Zwi­schen-zwei-To­den“ wird im Ethik-Se­mi­nar von La­can noch nicht ad­op­tiert. Im fol­gen­den Se­mi­nar – dem von 1960/61 zur Über­tra­gung –, wird sich das än­dern; der Be­griff „Zwi­schen-zwei-To­den“ tritt hier gleich­ran­gig ne­ben den des zwei­ten To­des.

Beim Le­sen der of­fi­zi­el­len Aus­ga­be des Ethik-Se­mi­nars ge­winnt man den Ein­druck, dass der Be­griff „Zwi­schen-zwei-To­den“ ein grö­ße­res Ge­wicht hat. Das liegt dar­an, dass Mil­ler die Vor­le­sung vom 8. Juni 1960 so über­schrie­ben hat: „An­ti­go­ne, zwi­schen-zwei-To­den“. In die­ser Sit­zung wird der Aus­druck je­doch nicht ver­wen­det, es ist hier auch nicht in ei­nem all­ge­mei­ne­ren Sin­ne von zwei To­den die Rede. Statt­des­sen spricht La­can hier vom „Zwi­schen-Le­ben-und-Tod“ (S. 326): die Hel­den der So­pho­klei­schen Tra­gö­di­en, so heißt es hier, sind in der Grau­zo­ne zwi­schen Le­ben und Tod an­ge­sie­delt.

Was ist mit der For­mel „Zwi­schen-zwei-To­den“ ge­meint? Die bei­den Tode sind nicht schwer zu iden­ti­fi­zie­ren. Der eine Tod ist si­cher­lich der phy­si­sche, der an­de­re ganz ge­wiss der hier be­han­del­te „zwei­te Tod“. Aber wor­auf be­zieht sich das Zwi­schen? Im Ethik-Se­mi­nar wird eine an­de­re Zwi­schen­po­si­ti­on ent­wi­ckelt, die zwi­schen den Le­ben und Tod, zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein, zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten und dem Ding. Die For­mel „Zwi­schen-zwei-To­den“ im­pli­ziert eine an­de­re To­pik. War­um die­ser Wech­sel?

Zusammenfassung

Die hier vor­ge­leg­te Re­kon­struk­ti­on der Be­grif­fe „zwei­ter Tod“ und „Zwi­schen-zwei-To­den“ be­schränkt sich auf das Se­mi­nar, in dem die Be­grif­fe ein­ge­führt wer­den: Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se.

Der zwei­te Tod (se­con­de mort) ist bei La­can der Name für den­je­ni­gen Tod, der vom To­des­trieb an­ge­zielt wird, für das letz­te Ziel des De­struk­ti­ons­stre­bens.

Der Aus­druck geht auf die Of­fen­ba­rung des Jo­han­nes zu­rück. Er meint hier den­je­ni­gen Tod, den die Sün­der nach dem Jüngs­ten Ge­richt er­lei­den, und zwar da­durch, dass sie in ei­nen See aus bren­nen­dem Schwe­fel ge­wor­fen wer­den (Apo­ka­lyp­se 19 bis 21).

Von Freud über­nimmt La­can
– den Be­griff des To­des­triebs,
– eben­so die De­fi­ni­ti­on des Triebs als Stre­ben nach ei­nem ab­so­lu­ten Null­punkt so­wie als Ver­such, ei­nen frü­he­ren Zu­stand wie­der­her­zu­stel­len,
– und schließ­lich auch den Ge­dan­ken, dass der To­des­trieb eine Be­we­gung ist, die von ei­ner Ge­gen­be­we­gung durch­kreuzt wird und des­halb nicht an ihr Ziel kommt.

Freuds Er­klä­rung des To­des­triebs durch das Kon­stanz- oder Nir­wa­naprin­zip wird von La­can ver­wor­fen.

Der Tod, den der To­des­trieb her­bei­zu­füh­ren sucht, muss viel­mehr in Ab­hän­gig­keit von der Spra­che be­grif­fen wer­den, vom Si­gni­fi­kan­ten. Si­gni­fi­kan­ten ent­ste­hen da­durch, dass Mar­kie­run­gen in das Le­ben­di­ge ein­ge­schrie­ben wer­den. Der To­des­trieb ist das Be­stre­ben, zum Null­punkt vor der Ein­schrei­bung von Si­gni­fi­kan­ten zu­rück­zu­keh­ren, um so die Macht des Si­gni­fi­kan­ten zu ver­nich­ten und um ei­nen ra­di­ka­len Neu­be­ginn zu er­mög­li­chen.

La­can er­läu­tert den zwei­ten Tod mit drei Be­griff­lich­kei­ten: durch die Be­zie­hung zwi­schen Si­gni­fi­kant und „Ding“, durch die crea­tio ex ni­hi­lo (Schöp­fung aus dem Nichts) und durch die Dif­fe­renz zwi­schen dem Sei­en­dem und Sein.

  • Die Be­we­gung der Si­gni­fi­kan­ten dreht sich für La­can, mit dem frü­hen Freud, um eine ra­di­ka­le Ab­we­sen­heit, das „Ding“. Der zwei­te Tod ist das Wie­der­fin­den des (nie ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen) Dings, die Rück­kehr zu ei­nem Zu­stand, in dem die Si­gni­fi­kan­ten kei­ne Wirk­sam­keit ha­ben.
  • Die Ent­ste­hung von Si­gni­fi­kan­ten kann, mit ei­ner Denk­fi­gur der früh­christ­li­chen Theo­lo­gie, als crea­tio ex ni­hi­lo be­grif­fen wer­den, als Schöp­fung aus dem Nichts. An­ders ge­sagt, die Ent­ste­hung von Si­gni­fi­kan­ten ist ein ab­so­lu­ter An­fang, sie ist nicht evo­lu­ti­ons­theo­re­tisch als Hö­her­ent­wick­lung auf­zu­fas­sen. Der zwei­te Tod, auf den der To­des­trieb ab­zielt, ist die Rück­kehr zu dem Nichts, aus dem die Si­gni­fi­kan­ten her­vor­ge­gan­gen sind, also zu ei­nem Zu­stand vor der Exis­tenz von Si­gni­fi­kan­ten, als Ur­sprung ei­ner neu­en Schöp­fung. Das „Nichts“ ist aber zu­gleich das Sub­jekt, das durch den Si­gni­fi­kan­ten als Man­gel kon­sti­tu­iert wird (vgl.  Das Sub­jekt als Lee­re in die­sem Blog).
  • Un­ter dem „Sein“ ver­steht La­can die Be­zie­hung zur Spra­che, durch die das Sub­jekt kon­sti­tu­iert wird.

Der zwei­te Tod, den das Ver­nich­tungs­stre­ben her­bei­zu­füh­ren sucht, ist das „Wie­der­fin­den“ des Dings, die Rea­li­sie­rung des Nichts, aus dem die Si­gni­fi­kan­ten ge­schaf­fen sind, die durch die Spra­che er­mög­lich­te Ver­nich­tung des Sei­en­den als Be­zie­hung zum Sein, ins­ge­samt die Aus­lö­schung der Macht des Si­gni­fi­kan­ten.

Bei Sade be­steht der zwei­te Tod dar­in, dass die Na­tur ins­ge­samt ihr Le­ben aus­ge­haucht hat. In der An­ti­go­ne des So­pho­kles wird der zwei­te Tod durch das To­ten­reich re­prä­sen­tiert; in ihm herrscht das Recht des Seins un­ter Ab­se­hung vom Sei­en­den, von der kon­kre­ten Ge­schich­te. An­ti­go­ne be­zieht sich auf Po­lyn­ei­kes als Sein, nicht als Sei­en­den, in­so­fern sich ihre Be­zie­hung zu ih­rem Bru­der auf den Satz der Iden­ti­tät stützt („mein Bru­der ist mein Bru­der“) und nicht auf die Ta­ten des Bru­ders.

Von Freud über­nimmt La­can den Ge­dan­ken, dass das Ver­nich­tungs­stre­ben un­wei­ger­lich auf eine Bar­rie­re stößt.

Das Sub­jekt, das sich auf den zwei­ten Tod be­zieht, ist in ei­ner Grenz­zo­ne ver­or­tet. Der zwei­te Tod liegt hin­ter die­ser Gren­ze, er wird an­ge­strebt, aber nicht er­reicht. In An­ti­go­ne ist die­ser Grenz­be­reich die Zwi­schen­zo­ne zwi­schen Le­ben und Tod. In theo­lo­gi­scher Be­griff­lich­keit ist sie das „ex ni­hi­lo“ der Schöp­fung aus dem Nichts. On­to­lo­gisch ge­se­hen, han­delt es sich bei die­ser Gren­ze um das Zwi­schen, zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein, in Hei­deg­gers Ter­mi­no­lo­gie ist sie die Dif­fe­renz. Be­zo­gen auf das Re­gis­ter des Sym­bo­li­schen ent­spricht die Gren­ze dem Schnitt, dem In­ter­vall zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten.

Auf der Gren­ze zum zwei­ten Tod sind zwei ima­gi­nä­re For­ma­tio­nen an­ge­sie­delt. Eine da­von ist das Phan­tas­ma des ewi­gen Lei­dens. Im Chris­ten­tum ist dies die Vor­stel­lung von der Höl­le als Ort ewi­ger Qual und das Bild des ge­kreu­zig­ten Chris­tus als Schmer­zens­mann, bei Sade ist es die Phan­ta­sie von den ewig lei­den­den aber nie­mals ster­ben­den Op­fern. Die Gren­ze zum zwei­ten Tod ist auch der Ort, an dem sich die Er­schei­nung des Schö­nen kon­sti­tu­iert. Ein be­lie­bi­ger Ge­gen­stand wird da­durch schön, dass er im Über­gang vom Le­ben zum Tod fest­ge­hal­ten wird, ohne die Gren­ze zu über­schrei­ten.

An die Stel­le der Freud­schen Le­bens­trie­be tritt bei La­can also die To­pik der Gren­ze als Ort, an dem die ima­gi­nä­ren Phä­no­me­ne an­ge­sie­delt sind: die Phan­tas­men (des ewi­gen Lei­dens) und die Sub­li­mie­rung in Form der Schön­heit. (Eine wei­te­re Gren­ze bil­det das Lust­prin­zip, das in den hier zi­tier­ten und kom­men­tier­ten Pas­sa­gen je­doch nicht zur Spra­che kommt.)

Der Be­griff „Zwi­schen-zwei-To­den“ (l’entre-deux-morts) ist die Er­fin­dung ei­nes Se­mi­nar­teil­neh­mers oder ei­ner Se­mi­nar­teil­neh­me­rin. Im Ethik-Se­mi­nar wird die­se Be­griffs­bil­dung von La­can ganz am Schluss ohne nä­he­re Er­läu­te­rung er­wähnt. Auf­fäl­lig ist der Wech­sel der To­pik. Wenn La­can im Ethik-Se­mi­nar von ei­nem Zwi­schen re­det, ist dies das Zwi­schen zwi­schen Le­ben und Tod, nicht das zwi­schen dem ers­ten und dem zwei­ten Tod an­ge­sie­del­te Zwi­schen. Mit dem „Zwi­schen-zwei-To­den“ wird eine neue oder mo­di­fi­zier­te To­pik an­ge­deu­tet. 

Literatur

La­can, Se­mi­nar 7 von 1959/60, L’éthique de la psy­chana­ly­se

Ver­si­on Mil­ler =  La­can: Le sé­min­aire, li­v­re VII: L’éthique de la psy­chana­ly­se. 1959–1960. Tex­te éta­b­li par Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 1986

Ver­si­on Miller/Haas = La­can: Das Se­mi­nar, Buch VII (1959–1960). Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se. Text­her­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Über­setzt von Nor­bert Haas. Qua­dri­ga, Ber­lin 1996

Ver­si­on Sta­fer­la = Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on auf der Web­site staferla.free.fr.]]

Ver­si­on JL =Von La­can in Auf­trag ge­ge­be­ne Ste­no­ty­pie von Se­mi­nar 7. Im In­ter­net auf der Web­site der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se (ELP), hier.)

La­can, Schrif­ten

Re­mar­que sur le rap­port de Da­ni­el Lag­a­che: „Psy­cho­ana­ly­se et struc­tu­re de la per­son­na­lité“. In: La­can: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 647–684

Kant mit Sade. In: La­can: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter, Ol­ten 1975, S. 133–15

Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. In: La­can: Schrif­ten II, S. 165–204

Hom­mage fait à Mar­gue­ri­te Du­ras, du ra­vis­se­ment du Lol V. Stein. In: La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 191–198

L’étourdit. In: La­can: Au­tres écrits, a.a.O., S. 449–496

An­de­re Au­to­ren

An­ni­hi­la­tio­nis­mus. Ar­ti­kel in der deut­schen Wi­ki­pe­dia, ab­ge­ru­fen am 29.7.2013, hier

Ba­tail­le, Ge­or­ge: Der hei­li­ge Eros (L’Érotisme, 1957). Über­setzt von Max Höl­zer. Ull­stein, Ber­lin u.a. 1982

Bal­mès, François: Ce que La­can dit de l‘être (1953–1960). Pres­ses Uni­ver­si­taires de Fran­ce, Pa­ris 1999, dar­in: Kap. 6, „D’une Cho­se à l’Autre“, S. 179–206 (zum Be­griff des Seins im Ethik-Se­mi­nar)

Bi­bel, Neu­es Tes­ta­ment
– grie­chisch: No­vum Tes­ta­men­tum Grae­ce, Nest­le-Aland 26. Auf­la­ge 1979, 
im In­ter­net auf der Sei­te greekbible.com,
– la­tei­nisch: Bi­blia sa­cra iux­ta vul­ga­tam ver­sio­nem, 4. Auf­la­ge 1994, auf biblegateway.com/versions/?action=getVersionInfo&vid=4
– fran­zö­sisch: Lou­is Se­gond, re­vi­dier­te Über­set­zung von 1910, auf vargenau.free.fr/bible-segond;
– deutsch: Lu­ther-Über­set­zung von 1445 auf lutherbibel.net;
– deutsch: re­vi­dier­te Lu­ther-Über­set­zung von 1984 auf die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext

Christ­li­che Mys­tik. Ar­ti­kel in der deut­schen „Wi­ki­pe­dia“, ab­ge­ru­fen am 29.7.2013, hier.

Clau­del, Paul: In­tro­duc­tion à la pein­ture hol­lan­dai­se. Gal­li­mard, Pa­ris 1935; dt.: Vom We­sen der hol­län­di­schen Ma­le­rei. Fi­scher, Frank­furt am Main 1954

Con­rad, Klaus: Die be­gin­nen­de Schi­zo­phre­nie. Ver­such ei­ner Ge­stalt­ana­ly­se des Wahns. Thie­me, Stutt­gart 1958

Ecker­mann, Jo­hann Pe­ter: Ge­sprä­che mit Goe­the in den letz­ten Jah­ren sei­nes Le­bens. In­sel Ver­lag, Frank­furt am Main, 9. Auf­la­ge 2006

Freud, Ent­wurf = Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 2. Aufl. 1975, S. 299–384

Freud, Er­nied­ri­gung = Über die all­ge­meins­te Er­nied­ri­gung des Lie­bes­le­bens (1912). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 197–209

Freud, Jen­seits = Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272

Freud, Ver­nei­nung = Die Ver­nei­nung (1925). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S.371–378

Hatz­feld, Mar­jo­lai­ne: Va­ria­ti­ons sur le thè­me tra­gi­que dans l’Éthique. In: Lit­to­ral, Nr. 36, Ok­to­ber 1992, S. 39–62

Hei­deg­ger, Ding = Das Ding (1951). In: Ders.: Vor­trä­ge und Auf­sät­ze. Nes­ke, Pful­lin­gen 1954, S. 157–180

Hei­deg­ger, Höl­der­lin = Höl­der­lin und das We­sen der Dich­tung (1936).  In: Ders.: Er­läu­te­run­gen zu Höl­der­lins Dich­tung. Ge­samt­aus­ga­be, Bd. 4. Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1981, S. 33–48

Hei­deg­ger, Iden­ti­tät = Der Satz der Iden­ti­tät (1957). In: Ders.: Iden­ti­tät und Dif­fe­renz. Nes­ke, Pful­lin­gen 1957, S. 9–30

Hei­deg­ger, Kunst­werk = Der Ur­sprung des Kunst­wer­kes (Vor­trä­ge von 1935/36, zu­erst ver­öf­fent­licht 1960). In: Ders.: Holz­we­ge. Ge­samt­aus­ga­be, Bd. 5. Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1977, S. 1–74

Hei­deg­ger, On­to­theo­lo­gie = Die onto-theo-lo­gi­sche Ver­fas­sung der Me­ta­phy­sik (1957). In: Ders.: Iden­ti­tät und Dif­fe­renz, a.a.O., S. 3–67

Hei­deg­ger, Tech­nik = Die Fra­ge nach der Tech­nik (1954). In: Ders.: Vor­trä­ge und Auf­sät­ze. Nes­ke, Pful­lin­gen 1954, S. 9–40

Hei­deg­ger, Me­ta­phy­sik = Was ist Me­ta­phy­sik? (Vor­trag von 1929 mit ei­nem Nach­wort von 1943/44 und ei­ner Ein­lei­tung von 1949) Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1969

Mar­ty, Éric: Pour­qui le XXe siè­cle a-t-il pris Sade au sé­rieux? Seuil, Pa­ris 2001, dar­in Kap. II.2, “La­can et la cho­se sa­di­en­ne”, S. 171–268

Na­veau, Lau­re: Sous le re­gard … Ou pire. In: lacanquotien.fr.blog, hier.

La­coue-La­bart­he, Phil­ip­pe: De l’éthique: À pro­pos d’Antigone. In: La­can avec les phi­lo­so­phes. Hg. v. Col­lège in­ter­na­tio­nal de phi­lo­so­phie. Mi­chel, Pa­ris 1991, S. 21–36 (eine eng­li­sche Über­set­zung fin­det man im In­ter­net hier.);

Sade, Do­na­ti­en Alphon­se François de: His­toire de Ju­li­et­te, ou les Pro­s­pé­rités du vice (1801). Im In­ter­net bei Wik­isour­ce, hier.

Si­mon­ney, Do­mi­ni­que: Le temps de pas­ser. In: Es­saim Nr. 24, 2010/1, S. 73–85 (Spe­zi­al­auf­satz zum Be­griff des zwei­ten To­des bei La­can)

So­pho­kles: An­ti­go­ne. Griechisch/deutsch. Über­setzt von Nor­bert Zink. Re­clam jun., Stutt­gart 1981

Vil­ler, Mar­cel: La mys­tique de la Pas­si­on chez saint Paul de la Croix. In: Re­cher­ches de sci­ence re­li­gieu­se, 40, 1–2, jan­vier-avril 1952, Mé­lan­ges Ju­les Leb­re­ton II, p. 426–445, im In­ter­net hier, ab­ge­ru­fen am 29.7.2013

Vion-Dury, Ju­li­et­te (Hg): Ent­re-deux-morts. Vor­wort von Da­ni­el Si­bo­ny. Pres­ses uni­ver­si­taires de Li­mo­ges, Li­mo­ges 2000

Zu­pančič, Alen­ka: Ethics of the real. Kant, La­can. Ver­so, Lon­don u.a. 2000, dar­in zum zwei­ten Tod: Ka­pi­tel 9, „Thus“, S. 249–259

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. In den Se­mi­na­ren fin­det man die bei­den Be­grif­fe, au­ßer in dem über die Ethik, in den Se­mi­na­ren 8 und 9; vom „Zwi­schen-zwei-To­den“ spricht La­can dann noch ein­mal in Se­mi­nar 17. In den Auf­sät­zen ver­wen­det er bei­de Be­grif­fe in Kant mit Sade, nur den Aus­druck „zwei­ter Tod“ in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten und nur den Aus­druck „Zwi­schen-zwei-To­den“ in der Hom­mage an Mar­gue­ri­te Du­ras so­wie in L’étourdit.
  2. War­um in­ter­es­siert mich der Be­griff „zwei­ter Tod“?
    Das Vor­ha­ben, das mich seit ei­ni­ger Zeit be­schäf­tigt, ist die Ent­zif­fe­rung des Gra­phen des Be­geh­rens. War­um wird im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts von 1960/66 der Schnitt­punkt oben rechts ($◊D) plötz­lich als Trieb ge­deu­tet – in den Se­mi­na­ren 5 und 6, in de­nen der Graph ein­ge­führt wird, ist da­von noch nicht die Rede. Wenn man die­se Fra­ge be­ant­wor­ten will, muss man La­cans ers­te grö­ße­re Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Trieb­be­griff zur Kennt­nis neh­men, die im Ethik-Se­mi­nar von 1959/60. Hier geht es vor al­lem um den To­des­trieb und des­sen Sub­li­ma­ti­on. Der Tod, den der To­des­trieb her­bei­zu­füh­ren sucht, wird von La­can als „zwei­ter Tod“ be­zeich­net. Um den La­can­schen Trieb­be­griff zu klä­ren, muss­te ich also nach­voll­zie­hen kön­nen, was es mit die­sem zwei­ten Tod auf sich hat. Die Er­läu­te­run­gen in der Se­kun­där­li­te­ra­tur fand ich un­be­frie­di­gend.
  3. Vgl. Freud, Jen­seits; von „Spe­ku­la­ti­on“ spricht Freud auf S. 234.
  4. Freud, Jen­seits, S. 249.
  5. Eine Skiz­ze von La­cans Kon­zep­ti­on des To­des­triebs im Ethik-Se­mi­nar fin­det man in die­sem Blog hier.
  6. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 257
  7. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 288.
  8. Vgl. Freud, Ent­wurf, S. 335, 338f., 365; so­wie: Freud, Ver­nei­nung.
  9. Vgl. im Ethik-Se­mi­nar v.a. die Vor­le­sun­gen vom 9.und 16.12.1959.
  10. Vom Da­tum und vom In­halt her könn­te es sich um den U-2-Zwi­schen­fall han­deln.
  11. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283.
  12. Hei­deg­ger, Höl­der­lin, S. 47.
  13. Vers 795 f. „nika d’enargês ble­pharôn hi­me­ros eu­lek­trou num­phas“.
  14. Vgl. zum Glanz des Schö­nen auch Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 262.
  15. Hei­deg­ger, Tech­nik, S, 38, im Ori­gi­nal fin­det man den grie­chi­schen Aus­druck hier und im Fol­gen­den in grie­chi­scher Schrift. Tech­nê wird im La­tei­ni­schen mit ars über­setzt; der Be­griff ars ist eine der Quel­len des heu­ti­gen Kunst­be­griffs.
  16. A.a.O., S. 39.– Hei­deg­ger ori­en­tiert sich ver­mut­lich an Höl­der­lin, der die Aus­drü­cke „Glanz“, „glän­zen“ und „glän­zend“ so­wie ver­schie­de­ne Kom­po­si­ta – etwa „auf­glän­zen“ – häu­fig ver­wen­det.
    Vom Glanz spricht Hei­deg­ger auch im Kunst­werk-Auf­satz von 1935/36. Hier heißt es über das Stand­bild und die Tra­gö­die: „Zum Wei­hen ge­hört das Rüh­men als die Wür­di­gung der Wür­de und des Glan­zes des Got­tes. Wür­de und Glanz sind nicht Ei­gen­schaf­ten, ne­ben und hin­ter de­nen au­ßer­dem noch der Gott steht, son­dern in der Wür­de, im Glanz west der Gott an. Im Ab­glanz die­ses Glan­zes glänzt, d.h. lich­tet sich je­nes, was wir die Welt nann­ten.“ (Hei­deg­ger, Kunst­werk, S. 30.) Die­ser Auf­satz wur­de je­doch erst 1960 ver­öf­fent­licht, also erst wäh­rend des Ethik-Se­mi­nars oder da­nach.
  17. Vom Feu­er­see ist be­reits in Of­fen­ba­rung 19, Vers 20 die Rede.
  18. Vgl. Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel „An­ni­hi­la­tio­nis­mus“, hier.
  19. Zur Dif­fe­renz zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein, der on­tisch-on­to­lo­gi­schen Dif­fe­renz, vgl. Hei­deg­ger, Me­ta­phy­sik, S. 23 (Ein­lei­tung von 1949), S. 45 f. (Nach­wort von 1943); ders., On­to­theo­lo­gie, S. 53–61.
  20. Freud, Jen­seits, S. 234.
  21. In kei­nem Text be­zieht La­can sich so stark auf Hei­deg­ger wie im Ethik-Se­mi­nar, sagt Bal­mès. Zu La­cans Hei­deg­ger­re­zep­ti­on in die­sem Se­mi­nar vgl. die Ar­bei­ten von La­coue-La­bart­he, Hatz­feld und, vor al­lem, Bal­mès.
  22. Ethik-Se­mi­nar, Ver­si­on Miller/Haas, S. 318 f., Über­set­zung ge­än­dert
  23. Die Be­mer­kun­gen zum „mit“ sind si­cher­lich von Hei­deg­ger in­spi­riert, bei dem man le­sen kann: „Die ge­mä­ße­re For­mel für den Satz der Iden­ti­tät A ist A sagt dem­nach nicht nur: Je­des A ist sel­ber das­sel­be, sie sagt viel­mehr: Mit ihm selbst ist je­des A sel­ber das­sel­be. In der Sel­big­keit liegt die Be­zie­hung des ‚mit‘, also eine Ver­mit­te­lung, eine Ver­bin­dung, eine Syn­the­sis: die Ei­nung in eine Ein­heit.“ Hei­deg­ger, Iden­ti­tät, S. 11
  24. Auch das Zwi­schen (l’entre-deux) ver­weist auf Hei­deg­ger, vgl. Hei­deg­gers Be­mer­kung zum Zwi­schen in: On­to­theo­lo­gie, S. 54 f.
  25. ce lieu où est mis en cau­se tout ce qui peut être, ce lieu de l’être“, Ver­si­on JL, Sit­zung vom 4. Mai 1960, im In­ter­net hier, S. 23. Mil­ler än­dert dies zu: „lieu où est mis en cau­se tout ce qui est lieu de l’être“ (S. 253), „ein Ort, an dem al­les in Fra­ge ge­stellt ist, was Ort des Seins ist“ (Ver­si­on Miller/Haas, S. 259), was kei­nen Sinn er­gibt. Vgl. die Hin­wei­se von Hatz­feld (S. 45 Fn. 15) und Bal­mès (S. 181).
  26. Das Wort „Apo­pha­nie“ wird we­der vom Lan­gen­scheidt-Groß­wör­ter­buch noch vom Dic­tionn­aire ‚Lit­tré‘ en li­gne auf­ge­führt. Es kommt vom grie­chi­schen apo, „von“, und phai­nein, „zei­gen“, und be­deu­tet „Dar­stel­lung“, „Sich­zei­gen“ oder eben „Ma­ni­fes­ta­ti­on“. Mil­ler streicht in sei­ner Ver­si­on „die Ma­ni­fes­ta­ti­on“. Den An­stoß für die Ver­wen­dung des sel­te­nen Aus­drucks gab mög­li­cher­wei­se die Ver­wen­dung des Verbs apo­phai­nest­hai durch Hei­deg­ger in Die Fra­ge nach der Tech­nik (das Ethik-Se­mi­nar ent­hält zahl­rei­che An­spie­lun­gen auf die­sen Auf­satz): „Über­le­gen heißt grie­chisch le­gein, lo­gos. Es be­ruht im apo­phai­nest­hai, zum Vor­schein brin­gen.“ (Hei­deg­ger, Tech­nik, S. 13, grie­chi­sche Aus­drü­cke im Ori­gi­nal in grie­chi­scher Schrift.) – 1958 wur­de der Be­griff „Apo­phä­nie“ von Klaus Con­rad in die Psych­ia­trie ein­ge­führt; er meint dort eine psy­cho­ti­sche Wahr­neh­mungs­ver­zer­rung (vgl. Con­rad); das ist hier nicht ge­meint.– Sta­fer­la liest „apo­pho­nie“, was „Vo­kal­wech­sel“ heißt und kei­nen Sinn er­gibt.
  27. A.a.O., S. 261
  28. Ba­tail­le, Eros, S. 87.
  29. Vgl. Ecker­mann, Ge­sprä­che am 28. März und am 1. April 1827.
  30. Vgl. Hei­deg­ger, Iden­ti­tät, S. 12.
  31. Vgl. M. Hei­deg­ger: Pla­tons Leh­re von der Wahr­heit (1947). Francke, Bern 3. Auf­la­ge 1975
  32. In der Hym­ne „Ger­ma­ni­en“: „Ent­flo­he­ne Göt­ter! auch ihr, ihr ge­gen­wär­ti­gen, da­mals / Wahr­haf­ti­ger, ihr hat­tet eure Zei­ten.“
  33. Hei­deg­ger, Höl­der­lin, S. 47.
  34. Vgl. Ver­si­on Miller/Haas, S. 245.
  35. Vgl. S. 124.
  36. Ge­or­ge Ba­tail­le: Mys­tik und Sinn­lich­keit. In: Ba­tail­le, Eros, S. 217–247, hier: S. 244.
  37. Von Ba­tail­le zi­tiert in Eros, S. 235.
  38. Vgl. Ba­tail­le, Eros, S. 235
  39. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 371.
  40. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 407 f.
  41. 1. Mose, Ka­pi­tel 1, Vers 3.
  42. Vgl. Vor­le­sung vom 27.1.1960.
  43. Hei­deg­ger, Me­ta­phy­sik, S. 39.
  44. Hei­deg­ger, Me­ta­phy­sik, S. 39.
  45. Dar­auf macht Bal­mès auf­merk­sam, S. 185.
  46. Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 340.
  47. Me­ta­phy­sik, S. 39
  48. Me­ta­phy­sik, S. 40.
  49. Me­ta­phy­sik, S. 40.
  50. Me­ta­phy­sik, S. 37.
  51. Den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Sein und dem Nichts bei Heidg­ger be­tont La­can in Se­mi­nar 11 von 1964: „Was die Seins­me­di­ta­ti­on an­geht, die im Den­ken von Hei­deg­ger kul­mi­niert, so gibt dies­se dem Sein selbst je­nes Nichtugns­ver­mö­gen wie­der – oder stellt doch zu­min­dest die Fra­ge, wie es mög­lich sei, daß das Sein sich auf die­ses be­zie­hen kön­ne.“ (Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 87) 
  52. Vgl. Ver­si­on Miller/Haas, S. 157.
  53. Vgl. auch S. 245.
  54. Am 31.7.2013.
  55. forces“ in der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie, ein kla­rer Hin­weis auf die Kan­ti­sche Ver­mö­gens­psy­cho­lo­gie (die Ver­mö­gen hei­ßen auch „Kräf­te“); sie­he hier. Mil­ler ver­schlimm­bes­sert „forces“ zu „for­mes“.
  56. Vgl. Kri­tik der Ur­teils­kraft, § 9.
  57. Der Ver­gleich zwi­schen der Kan­ti­schen Äs­the­tik und dem sa­dis­ti­schen Phan­tas­ma wird von La­can nicht durch­ge­führt. Hier mein Vor­schlag:
    Im sa­dis­ti­schen Phan­tas­ma fun­giert das Lei­den als Si­gni­fi­kant. Die­ser Si­gni­fi­kant hat die Funk­ti­on, eine Ga­ran­tie da­für zu lie­fern, dass die Rück­kehr des Sei­en­den in das Nichts un­mög­lich ist.
    Ge­gen­stand der Kan­ti­schen Äs­the­tik ist das Schön­heits­ur­teil, also ein be­stimm­ter Typ von Si­gni­fi­kan­ten. Der Si­gni­fi­kant des Schön­heits­ur­teils ist mit ei­nem Lust­ge­fühl ver­bun­den, dem Wohl­ge­fal­len; die­se Ver­bin­dung von Si­gni­fi­kant und Af­fekt ent­spricht bei Sade dem Lei­den, das als Si­gni­fi­kant fun­giert. Das Schön­heits­ur­teil be­zieht sich zwar auf Sei­en­des, z.B. auf ei­nen Hund, in die­ser Be­zie­hung zum Sei­en­den hat das Ur­teil je­doch nicht sei­nen ent­schei­den­den Grund; ich fin­de den Hund nicht des­halb schön, weil ich ihn er­ken­ne oder (im Kan­ti­schen Sin­ne) be­geh­re, nicht des­halb, weil ich ihn ha­ben will. In die­sem Sin­ne be­ruht das Schön­heits­ur­teil nicht auf der Be­zie­hung zum Ob­jekt. Das Schön­heits­ur­teil kommt viel­mehr da­durch zu­stan­de, dass ich er­fah­re, dass die Er­kennt­nis­ver­mö­gen zu­sam­men­stim­men. Das Ur­teil zeigt mir an, dass mit der Ob­jekt­kon­sti­tu­ie­rung al­les gut läuft, dass die Schöp­fung von Sei­en­dem (die Kon­sti­tu­ie­rung von Ob­jek­ten) aus dem Nichts (aus dem Ding an sich) nicht zu­sam­men­bre­chen wird. Das Schön­heits­ur­teil ist also auf ei­ner Gren­ze an­ge­sie­delt, zwi­schen dem Sei­en­den (den kon­sti­tu­ier­ten Ob­jek­ten) und dem Nichts (dem Ding an sich). Das Schön­heits­ur­teil ist der Si­gni­fi­kant, der mir ga­ran­tiert, dass die Gren­ze zum Ding an sich (zum Nichts, zum La­can­schen Ding) nicht über­schrit­ten wer­den wird.
  58. Se­mi­nar 10, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 276.
  59. La­can be­haup­tet, dass sie wie Je­sus am Kreuz sagt: „Mein Va­ter, war­um hast du mich ver­las­sen“ (S. 307, 327). Ich habe im Stück kei­ne ent­spre­chen­de Stel­le ge­fun­den.
  60. Man den­ke etwa an das mys­ti­sche Mo­tiv der Hoch­zeit am Kreuz. Bei Hil­de­gard von Bin­gen heißt es: „Als Chris­tus Je­sus, der wah­re Sohn Got­tes, am Lei­dens­hol­ze hing, wur­de ihm die Kir­che in der Ver­bor­gen­heit der himm­li­schen Ge­heim­nis­se ver­mählt, und sie emp­fing als Hoch­zeits­ga­be sein pur­pur­far­be­nes Blut.“ (Ar­ti­kel “Christ­li­che Mys­tik” in Wi­ki­pe­dia, hier.) Ein an­de­res Bei­spiel ist der  Mys­ti­ker Paul vom Kreuz (1694–1775), der eine Ge­mein­schaft grün­de­te, Con­gre­ga­tio Pas­sio­nis Jesu Chris­ti, Kon­gre­ga­ti­on vom Lei­den Chris­ti, die bis heu­te exis­tiert. Ein­drucks­vol­le Ta­ge­buch­ein­trä­ge von Paul von Kreuz (in fran­zö­si­scher Über­set­zung) fin­det man bei Vil­ler, im In­ter­net hier.
  61. Ge­schich­te von Ju­li­et­te, 2. Buch.
  62. La­can be­ruft sich hier­für auf Clau­del, In­tro­duc­tion.
  63. Vgl. Ver­si­on Miller/Haas, S. 245.
  64. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 162, 179;  Lag­a­che-Auf­satz, S. 674, 680, vgl. die Er­läu­te­rung des op­ti­schen Mo­dells in die­sem Blog .
  65. Haas über­setzt mit „Da­ne­ben­sein“.
  66. qui l’empêche de l‘avoir“, ich fol­ge hier der von La­can in Auf­trag ge­ge­be­nen Ste­no­ty­pie, die von Sta­fer­la über­nom­men wird (Ver­si­on JL, 22.6.60, S. 19, sie­he hier). Mil­ler än­dert das in: „et em­pêche le la voir“ (S. 345); Haas über­setzt das mit „und ver­hin­dert, daß er ge­se­hen wer­de“.
  67. Stil­le Post: In Ver­si­on JL fin­det man „l’autre cho­se“; Mil­ler tran­skri­biert mit „l’Autre-chose“; Haas lässt „cho­se“ weg und über­setzt mit „dem An­de­ren“.
  68. Vom An­de­ren als Ding spricht La­can im Ethik-Se­mi­nar be­reits auf S. 71 (Ver­si­on Miller/Haas).
  69. Die Bil­der des Ichs kön­nen uns beim Akt des Lie­be­ma­chens im Wege ste­hen, heißt es S. 239.
  70. Das be­zieht sich mög­li­cher­wei­se auf Freuds Auf­satz über die Er­nied­ri­gung des Lie­bes­le­bens. Die­ser Auf­satz passt al­ler­dings nicht ganz, er han­delt zwar von der Ein­schrän­kung der Li­bi­do und auch von den se­xu­el­len Phan­ta­si­en, man fin­det hier je­doch nicht die all­ge­mei­ne The­se, dass die Li­bi­do durch die Phan­ta­si­en ein­ge­schränkt wird.
  71. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283; La­can über­nimmt die­sen Ter­mi­nus von Sart­re, der ihn in Das Sein und das Nichts ver­wen­det.
  72. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957), Schrif­ten II, S. 48, dort mit „Seins­ver­feh­len“ über­setzt; Écrits, S. 522.
    In Sar­tres man­que d’être ist „Sein“ ein Sub­stan­tiv, in La­cans man­que-à-être (oder man­que à être, wie er auch schreibt) ist „sein“ ein Verb.
  73. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 410.
  74. Vgl. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 246 f.
  75. Vgl. zu die­sen Tra­gö­di­en im Ethik-Se­mi­nar auch S. 325–327 (Ver­si­on Miller/Haas).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.