Graf des Begehrens

Lacans Formel des Phantasmas oder Ein Tomatenwurf

Power of Pussy (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Power of Pus­sy. Eine un­end­li­che Ge­schich­te des Fe­mi­nis­mus.
Ein Thea­ter­stück der Fräu­lein Wun­der AG.
Auf­ge­führt 2010 im Jun­gen Thea­ter Göt­tin­gen

Am 13. Sep­tem­ber 1968 hielt Hel­ke San­der auf der 23. De­le­gier­ten­kon­fe­renz des So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stun­den­bun­des (SDS) eine Rede; sie sprach für den „Ak­ti­ons­rat zur Be­frei­ung der Frau­en“. Als ihr Nach­red­ner, Hans-Jür­gen Krahl, sich dazu nicht äu­ßern woll­te, be­warf Sig­rid Rü­ger ihn mit To­ma­ten. Die­se Ak­ti­on gilt als Start­si­gnal für die zwei­te Wel­le der Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land.1

Wie stellt sich der To­ma­ten­wurf dar, wenn man ihn mit­hil­fe von Jac­ques La­cans For­mel des Phan­tas­mas be­ob­ach­tet?

Das Ereignis

Quellen

Hel­ke San­der 1999

Was Sig­rid Rü­ger mach­te, war voll­kom­men un­er­hört. Durch sie habe ich zum ers­ten Mal Zi­vil­cou­ra­ge in Ak­ti­on er­lebt, die au­ßer­dem noch mir galt und ge­gen Wi­der­stand für mich Raum schaff­te. Ich wuß­te, daß das, was ich ver­trat, da, wo ich das tat, im bes­ten Fall un­po­pu­lär war, und daß Sig­rid Rü­ger da­bei ris­kier­te, sich voll­kom­men lä­cher­lich zu ma­chen. Das schöns­te war, sie un­ter­stütz­te mich und mein Vor­ha­ben, ohne das, was ich vor­hat­te, un­be­dingt gut­zu­hei­ßen. Ich kann sie da­mals nur vom Se­hen. So­weit ich weiß oder so­weit ich da­mals wuß­te, jetzt weiß ich es bes­ser, war sie Teil des in­ne­ren SDS-Krei­ses, den ich dar­über in­for­mier­te, daß ich auch zu die­ser Kon­fe­renz nach Frank­furt fah­ren wür­de, um dort eine Rede zu hal­ten. Wir Frau­en vom Ak­ti­ons­rat hät­ten dem SDS et­was mit­zu­tei­len. Nicht in Ber­lin, wie mir als Kom­pro­miß wäh­rend des Ge­sprächs an­ge­bo­ten wur­de, son­dern vor al­len SDS­lern aus dem gan­zen Land soll­te es sein, wie ich stör­risch und voll­kom­men un­er­fah­ren im­mer wie­der­hol­te. Was ich denn sa­gen woll­te, wur­de ich ge­fragt. Daß Frau­en eine Klas­se sei­en, ant­wor­te­te ich, schüch­tern zwar, aber ei­sern. Als sich das Ge­läch­ter be­ru­higt hat­te, sag­te ich noch: Wenn sie es mir nicht er­lau­ben wür­den, dort zu re­den, wür­den wir eben mit 500 Frau­en an­rei­sen, und dann wür­den wir ja se­hen. […]

Der klei­ne Kreis der männ­li­chen Ge­nos­sen, der über mei­nen Auf­tritt be­fin­den soll­te, war ge­schüt­telt von Ge­läch­ter, in das sich Be­mer­kun­gen über die zu er­war­ten­de Bla­ma­ge des Ber­li­ner SDS-Lan­des­ver­ban­des in Frank­furt misch­ten, wenn so eine wie ich dort plötz­lich auf­tau­chen wür­de, ei­nen Platz des Ber­li­ner SDS be­set­zen und mit ihm iden­ti­fi­ziert wer­den wür­de. An­de­rer­seits wa­ren die Frau­en eine neue Grö­ße. Den Ak­ti­ons­rat gab es, mit un­ge­heu­rem Zu­lauf, wir alle wuß­ten es schon seit Mo­na­ten. Ver­prel­len woll­ten sie uns auch nicht. Sie re­de­ten mit En­gels­zun­gen auf mich ein, da­mit ich ih­nen we­nigs­tens die Rede vor­her gebe, was ich ver­wei­ger­te. Ich sag­te wie­der­holt, das sol­le eine Über­ra­schung wer­den. Ich woll­te nur ei­nen Platz für den Ak­ti­ons­rat, denn der un­ter­stüt­ze ja weit­ge­hend die Ak­tio­nen des SDS – also soll­ten sie mich re­den las­sen, und au­ßer­dem sei ich Mit­glied.

Die An­ge­le­gen­heit dreh­te sich im Krei­se. Ich wur­de freund­lich und wie­der­holt dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es nicht üb­lich sei, auf ei­ner De­le­gier­ten­kon­fe­renz The­men zu be­spre­chen, die dort nicht hin ge­hör­ten. Die Ta­ges­ord­nung ste­he fest, nicht je­der kön­ne da re­den, und das, wor­über ge­re­det wür­de, sei als Li­nie vor­her lan­ge fest­ge­legt. Ich hat­te kei­ne Ah­nung von die­sen Fein­hei­ten und blieb stör­risch. In das all­ge­mei­ne Cha­os hin­ein sag­te plötz­lich die­se Frau mit den ro­ten Haa­ren, de­ren Bei­ne auf ei­nen Stuhl hoch­ge­legt wa­ren, die ei­nen di­cken Bauch hat­te: ‚Wenn die Ge­nos­sin nicht re­den darf, kom­me ich mit But­ter­säu­re.‘ Die­ser Satz ist üb­ri­gens in mei­nem Film ‚Der sub­jek­ti­ve Fak­tor‘ nach­ge­stellt.

Alle wa­ren platt. Ich auch. Sig­rid war nicht ir­gend­wer. Die Frau­en im SDS (…) hat­ten was zu sa­gen, aber das, was ge­sagt wur­de, be­zog wie nir­gend­wo da­mals in der Ge­sell­schaft die Ge­schlech­ter­fra­ge ein. Das däm­mer­te of­fen­bar ge­ra­de Sig­rid, die hoch­schwan­ger war, und so setz­te sie ihr gan­zes in­tel­lek­tu­el­les Ge­wicht und ihre Be­red­sam­keit ein, um mit Rosa Lu­xem­burg und der Frei­heit der An­ders­den­ken­den zu be­grün­den, war­um ich ei­nen Red­ner­platz ha­ben soll­te – pas­se es nun in die Ta­ges­ord­nung oder nicht. Mir wur­de klar, daß zwar auch Sig­rid die meis­ten mei­ner Ar­gu­men­te: Frau­en sind eine Klas­se, nicht teil­te, aber dar­an fest­hielt, daß an der Sa­che mit den Frau­en was dran sein müs­se und daß der SDS, wenn er denn ernst­ge­nom­men wer­den wol­le als eman­zi­pa­to­ri­sche Be­we­gung, ge­nau das ma­chen müs­se: mich re­den las­sen. Sonst sei die Bla­ma­ge spä­ter auf sei­ner Sei­te.

Und sie schaff­te es, das Vor­be­rei­tungs­ko­mi­tee, wenn auch wi­der­wil­lig, zu über­zeu­gen. Ich be­kam den Red­ner­platz. Im Grun­de war das un­ge­heu­er­lich und nahm mich trotz al­ler Kon­flik­te sehr für den SDS ein. Man muß sich das mal vor­stel­len: Im­mer­hin han­del­te es sich bei die­ser Ver­samm­lung um so eine Art klei­ner Par­tei­tag. Die lan­ge aus­ge­han­del­ten The­men wa­ren fest­ge­legt, die Red­ner nach Pro­porz, In­ter­es­sen­ver­bän­den, Rei­hen­fol­gen usw. Und dann kommt je­mand und will mit­re­den und zwar zu ei­nem The­ma, das mit der Ta­ges­ord­nung und mit al­lem, was über­haupt als po­li­tisch re­le­vant galt, nichts zu tun hat­te. […]

Wie sehr sie mich da­mals un­ter ihre Fit­ti­che ge­nom­men hat­te, habe ich ei­gent­lich erst spä­ter ge­merkt, denn sie hat­te auch in Frank­furt ein wach­sa­mes Auge auf den Ver­lauf der Din­ge. Zwar hat­te ich ei­nen Platz, tak­tisch ge­schickt war ich kurz vor die Mit­tags­pau­se plat­ziert wor­den, in der Hoff­nung, daß so der Bei­trag am ehes­ten und ele­gan­tes­ten un­ter­ge­hen wür­de und die wich­ti­ge­ren Leu­te schon zu ei­nem frü­hen Mit­tag­essen auf­bre­chen konn­ten, wenn sie woll­ten. Aber sie woll­ten nicht. Denn bei den an­de­ren De­le­gier­ten hat­te es sich her­um­ge­spro­chen, daß der be­rühm­te, aber auch als ar­ro­gant ver­schriee­ne Ber­li­ner Lan­des­ver­band ein ko­mi­sches Pro­blem am Bein hat­te und kaum ei­ner woll­te sich den Spaß und auch die si­che­re Bla­ma­ge der Ber­li­ner ent­ge­hen las­sen. Und so war der Saal noch voll, als ich die Rede hielt. Vor der Pau­se. Sie wur­de auch dis­ku­tiert, aber dazu wa­ren die To­ma­ten nö­tig.

Nach der Mit­tags­pau­se soll­te Hans-Jür­gen Krahl, der Haupt­red­ner, spre­chen, und Sig­rid mit ih­rer po­li­ti­schen Er­fah­rung woll­te, daß mei­ne vor­her ge­hal­te­ne Rede nicht un­ter­ging und – wie alle an­de­ren Bei­trä­ge – öf­fent­lich dis­ku­tiert wur­de. Viel­leicht woll­te sie auch nur das, was sie an­ge­fan­gen hat­te, kon­se­quent durch­zie­hen. Je­den­falls hat­te sie sich in der Pau­se mit den da­mals noch zu kau­fen­den bil­li­ge­ren Sup­pen­to­ma­ten, die es heu­te nicht mehr gibt, das Pfund zu 70 Pfen­nig, weiß ich noch ge­nau, prä­pa­riert. Sie zeig­te sie mir in ei­ner brau­nen Tüte in ei­nem Ein­kaufs­netz. Sie woll­te die Dis­kus­si­on er­zwin­gen und sag­te dann laut in die wie­der­eröff­ne­te Ver­samm­lung sinn­ge­mäß, daß es der SDS, wenn er zu die­ser Dis­kus­si­on nicht be­reit sei, ver­dient habe, so be­han­delt zu wer­den, wie er sei­ner­seits das Es­ta­blish­ment be­hand­le. Sie konn­te sich sehr gut aus­drü­cken und war klar und selbst­si­cher und stand da, mit ih­rem grü­nen Kleid und den ro­ten Haa­ren und dem di­cken Bauch, und sah wun­der­bar aus. Und dann schmiß sie nach­ein­an­der zwei Pfund Sup­pen­to­ma­ten, zu­erst in voll­kom­me­ne Stil­le und dann in Tu­mult. Frau­en aus den ver­schie­de­nen SDS-Lan­des­ver­bän­den grün­de­ten am Nach­mit­tag ihre ei­ge­nen Wei­ber­rä­te und la­sen am nächs­ten Tag in der Frü­he ihre ers­te ei­ge­ne Re­so­lu­ti­on vor.

Mit dem Ak­ti­ons­rat war die Rede üb­ri­gens vor­her nur so un­ge­fähr ab­ge­spro­chen. Die Frau­en hat­ten mir ge­sagt: Mach mal!“2

 

Der Spie­gel, 23. Sep­tem­ber 1968

Der Spie­gel-Ar­ti­kel hat die Über­schrift „Hü und Hott“. Hier­in heißt es:

Die Ber­li­ner Film­aka­de­mi­ke­rin Hel­ke San­der, 30, gab sich am Mi­kro­phon als Mit­glied ei­nes ‚Ak­ti­ons­ra­tes zur Be­frei­ung der Frau [!]‘ aus, führ­te Kla­ge über ‚Un­ter­drü­ckung‘ weib­li­cher Mit­glie­der und glaub­te in den SDS-De­bat­ten ein Pro­dukt ge­wis­ser ‚Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men‘ zu er­ken­nen: ‚War­um sprecht ihr hier von Klas­sen­kampf und zu Hau­se von Or­gas­mus­schwie­rig­kei­ten?‘ Als Red­ner Hans-Jür­gen Krahl, 25, dazu nichts sa­gen moch­te, sprang vor ihm die rot­haa­ri­ge, hoch­schwan­ge­re Ber­li­ner Volks­wirt­schaft­le­rin Sig­rid Rü­ger, 29, vom Stuhl und schleu­der­te mit dem Ruf ‚Kon­ter­re­vo­lu­tio­när… Agent des Klas­sen­fein­des‘ sechs To­ma­ten auf Krahl; eine traf ihn, am lin­ken Schlüs­sel­bein.“

 

Stern, 29. Sep­tem­ber 1968

Im In­halts­ver­zeich­nis des „Stern“ lau­tet die Über­schrift des Be­richts über die De­le­gier­ten­kon­fe­renz „SDS-Mäd­chen pro­ben den Auf­stand. To­ma­ten für das Lust­ge­fühl“. Im Ar­ti­kel selbst ist die Über­schrift et­was an­ders. In klei­ne­rer Schrift heißt es zu­nächst „Nach den Stu­den­ten­pro­tes­ten der letz­ten Jah­re ist der SDS in po­li­ti­sche Rat­lo­sig­keit ver­fal­len“. Dann folgt in gro­ßer Schrift „To­ma­ten für das Lust­ge­fühl“. Im Ar­ti­kel liest man:

Die Ge­nos­sin aus West­ber­lin ist wü­tend. Er­regt springt sie auf und un­ter­bricht den Mann am Mi­kro­fon: ‚Hast du dich schon ein­mal ge­fragt, wel­che Rol­le wir Frau­en über­haupt spie­len?‘

Hans Jür­gen Krahl, bril­lan­te Au­to­ri­tät im an­ti­au­to­ri­tä­ren La­ger des So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des (SDS), hat­te sich das noch nicht ge­fragt. ‚Ich wer­de dar­über mal nach­den­ken‘, ver­spricht er la­chend und will wei­ter­re­den. Doch dazu kommt er nicht mehr. Die streit­ba­ren ‚SDS-Wei­ber‘ (Krahl) las­sen sich auf die­ser 23. or­dent­li­chen De­le­gier­ten­kon­fe­renz des ak­tivs­ten deut­schen Stu­den­ten­ver­ban­des in Frank­furt nicht mehr ab­spei­sen. Die Zwi­schen­ru­fe­rin, die Ro­ma­nis­tik-Stu­den­tin Sig­rid Rü­ger, schimpft wei­ter: ‚Ge­nos­se Krahl, siehst du, du bist ein Kon­ter­re­vo­lu­tio­när und ein Agent des Klas­sen­fein­des dazu!‘ Und dann fin­gert sie aus ih­rer le­der­nen Hand­ta­sche To­ma­ten. Die ers­te trifft Krahl am Hals, er duckt sich hin­ters Mi­kro­fon, die zwei­te lan­det an der Wand, die drit­te trifft ihn wie­der voll. Be­kle­ckert geht der Funk­tio­när an sei­nen Platz zu­rück. Die De­le­gier­ten to­ben vor Ver­gnü­gen. […]

Hel­ke San­ders [!], die Spre­che­rin des in Ber­lin ge­grün­de­ten ‚Ak­ti­ons­ra­tes zur Be­frei­ung der Frau­en‘, faß­te das in Frank­furt so zu­sam­men: ‚Die Herr­schaft der Män­ner im SDS muß be­sei­tigt wer­den.‘ Die Män­ner freu­en sol­che Wor­te. Sie amü­sie­ren sich und klat­schen. Kon­se­quen­zen will kei­ner zie­hen — auch nicht, als Hel­ke San­ders pro­vo­ka­tiv fragt: ‚War­um sprecht ihr nur hier vom Klas­sen­kampf und zu Hau­se vom Or­gas­mus?‘

Die Ant­wort gibt der SDS-Sex­theo­re­ti­ker Rei­mut Rei­che. Er schil­dert das Di­lem­ma so: ‚Die Eman­zi­pa­ti­on kann man ge­nau­so­we­nig be­schlie­ßen wie den Wunsch, ei­nen Or­gas­mus zu krie­gen oder die Re­vo­lu­ti­on zu ma­chen.‘ Rei­che hält es für wich­ti­ger, in Fa­bri­ken Au­to­ma­ten für An­ti­ba­by­pil­len auf­zu­stel­len. Von den Frau­en ver­langt er, ihre For­de­run­gen mit Kampf­maß­nah­men durch­zu­set­zen. Rei­che: ‚Ihr müßt halt ein­fach den Ge­schlechts­ver­kehr ver­wei­gern.‘

Doch da­von wol­len die Ge­nos­sin­nen nichts wis­sen. Eine stellt die Ge­gen­fra­ge: ‚Sol­len wir denn dann mit Ma­schi­nen Lust ge­win­nen?‘

Die Ant­wort ist Ge­läch­ter. Nie­mand weiß ei­nen Aus­weg an­zu­bie­ten. Auch der Ber­li­ner ‚Ak­ti­ons­rat zur Be­frei­ung der Frau­en‘ nicht. Er ver­faßt noch schnell eine Re­so­lu­ti­on, die al­len De­le­gier­ten für den Nach­hau­se­weg aus­ge­hän­digt wird. In ihr for­dern sie eine Ge­sell­schaft, die ‚alle Le­bens­ver­hält­nis­se ero­ti­siert‘.“3

 

Sig­rid Damm-Rü­ger 1988

Zu­nächst gab es eine De­bat­te dar­über, ob wir re­den dürf­ten, weil wir ja das The­ma nicht vor­be­rei­tet hat­ten, bzw. die männ­li­chen Ge­nos­sen nicht auf das The­ma vor­be­rei­tet wa­ren. Aber nach ei­ner hei­ßen De­bat­te kam es dann doch noch dazu, daß eine Ab­stim­mung zeig­te, wir soll­ten re­den und Hel­ke San­der hielt eine Rede. […]

Als nach die­ser Rede das alte Spiel sich neu ab­zu­zeich­nen be­gann, der SDS-Vor­sit­zen­de Hans-Jür­gen Krahl er­läu­ter­te, war­um er nun wie­der zur vor­ge­ge­be­nen Ta­ges­ord­nung über­ge­hen müß­te, tra­fen ihn und an­de­re Mit­glie­der des De­le­gier­ten­kon­fe­renz-Vor­stan­des die be­wuß­ten To­ma­ten. […]

Die De­le­gier­ten­kon­fe­renz konn­te nicht zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen, es wur­de an­hand ei­ner über Nacht er­stell­ten Re­so­lu­ti­on wei­ter über die Frau­en­pro­ble­ma­tik dis­ku­tiert und die De­le­gier­ten­kon­fe­renz muß­te ver­tagt wer­den. Die Me­di­en nah­men das Er­eig­nis als Auf­stand der Ge­nos­sin­nen ge­gen ihre Ge­nos­sen wahr, und was dann ge­schah, dürf­te be­kannt sein. In vie­len Uni­ver­si­täts­städ­ten der Bun­des­re­pu­blik wur­den Ak­ti­ons- oder Wei­ber­rä­te ge­grün­det.“4

 

Ines Leh­mann 1999

Ich habe mich auf der 23. De­le­gier­ten­kon­fe­renz des SDS im Sep­tem­ber 1968 nach den To­ma­ten­wür­fen der Ber­li­ner SDS-Ge­nos­sin Sig­rid Rü­ger auf den Frank­fur­ter SDS-Ge­nos­sen Hans-Jür­gen Krahl schüt­zend vor die­sen und ge­gen die To­ma­ten­wer­fe­rin ge­stellt, und ich habe die Rede der SDS-Ge­nos­sin Hel­ke San­der kri­ti­siert. […]

Und dann kam Hel­ke San­der mit ih­rem Ab­ge­sang auf den Män­ner-SDS, von dem sich die aus­schließ­lich re­den­den Män­ner na­tür­lich nicht pro­vo­zie­ren las­sen woll­ten. Also be­warf Sig­rid den nach Wor­ten rin­gen­den, viel­fach ge­han­di­kap­ten, aber zwei­fel­los klars­ten Kopf des da­ma­li­gen SDS, Hans Jür­gen Krahl, – so­zu­sa­gen mei­nen letz­ten Hoff­nungs­trä­ger – mit ih­ren To­ma­ten, so daß ich glaub­te, ihm (und mir) zur Hil­fe ei­len zu müs­sen. Ich sprang also aufs Po­di­um, dräng­te mich ans Mi­kro­phon und rief zu ge­gen­sei­ti­gem Ver­ständ­nis und zu To­le­ranz auf und kri­ti­sier­te die se­zes­sio­nis­ti­schen Be­stre­bun­gen der Frau­en vom Ber­li­ner ‚Ak­ti­ons­rat‘ – an mei­ne ge­nau­en Wor­te kann ich mich heu­te nicht mehr er­in­nern.“5

 

Ha­li­na Bend­kow­ski 1999

[…] ich er­fuhr aber erst von Ines Leh­mann, dass Ha­zel Ro­sen­strauch nach den To­ma­ten­wür­fen als ers­te Frau eine fe­mi­nis­ti­sche Ver­tei­di­gungs­re­de zu­guns­ten von Sig­rid Rü­ger und Hel­ke San­der aus dem Steg­reif hielt – und zwar als Kri­ti­ke­rin von ihr, Ines Leh­mann.“6

 

Ha­zel Ro­sen­strauch 1999

Lei­der ist mein spon­ta­ner Aus­bruch auf dem ‚To­ma­ten­kon­greß‘ vor 30 Jah­ren, der als ‚ers­te fe­mi­nis­ti­sche Rede im Nach­kriegs­deutsch­land‘ ge­rühmt wur­de, nir­gends do­ku­men­tiert. Was aber hat­te ich da­mals ge­sagt? Ich weiß es nicht mehr, die Er­in­ne­run­gen sind über­la­gert von hun­dert In­ter­pre­ta­tio­nen die­ser Zeit.“7

Ablauf

Vor­ge­schich­te

5. Fe­bru­ar 1966: Bei ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen den Viet­nam­krieg wer­fen De­mons­tran­ten zum ers­ten Mal Eier ge­gen das Ame­ri­ka-Haus in Ber­lin.

Im April 1967 pla­nen Mit­glie­der der Kom­mu­ne I, den US-Vi­ze­prä­si­den­ten Hum­phrey bei ei­nem Ber­lin-Be­such mit Pud­ding, Jo­ghurt und Mehl zu be­wer­fen; der Plan wird von der Po­li­ti­schen Po­li­zei ver­ei­telt, da­durch, dass die Mit­glie­der Kom­mu­ne vor­über­ge­hend ver­haf­tet wer­den.

Am 2. Juni 1967 wer­fen De­mons­tran­ten beim Ber­lin-Be­such des Schahs Farb­beu­tel, Mehl­tü­ten, Eier, Rauch­ker­zen und – To­ma­ten.8

An­fang 1968 grün­den Hel­ke San­der, Ma­ri­an­ne Her­zog und an­de­re in Ber­lin den „Ak­ti­ons­rat zur Be­frei­ung der Frau­en“.

San­der, 31 stu­diert an der Deut­schen Film- und Fern­seh­aka­de­mie Ber­lin und ist SDS-Mit­glied, da­vor hat­te sie in Finn­land als Re­gis­seu­rin ge­ar­bei­tet.

San­der be­an­tragt im Ber­li­ner SDS, für die De­le­gier­ten­kon­fe­renz des SDS, die im Sep­tem­ber in Frank­furt am Main statt­fin­den wird, ei­nen Re­de­platz zu er­hal­ten. Sie will eine The­se vor­stel­len: Frau­en sind eine Klas­se. Es kommt zur Dis­kus­si­on über den An­trag; nicht nur Män­ner, auch Frau­en sind da­ge­gen. Sig­rid Rü­ger setzt im Ber­li­ner SDS durch, dass San­der die Rede in Frank­furt hal­ten kann.

Rü­ger (spä­ter Damm-Rü­ger), 29, SDS-Mit­glied, war von 1964 bis 1966 stu­den­ti­sche Spre­che­rin der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, 1965 bis 1966 zu­gleich stu­den­ti­sche Spre­che­rin im Se­nat der FU. In ih­rer Dar­stel­lung von 1988 be­zeich­net sie sich als Mit­glied des Ak­ti­ons­rats, aber das ist of­fen­bar eine Er­in­ne­rungs­täu­schung. San­der zu­fol­ge hat­te Rü­ger mit der Ar­beit des Ak­ti­ons­rats nichts zu tun; mit der The­se „Frau­en sind eine Klas­se“ war sie ver­mut­lich nicht ein­ver­stan­den. Dem „Spie­gel“ zu­fol­ge war Rü­ger Volks­wirt­schaft­le­rin, der „Stern“ meint, sie sei Ro­ma­nis­tik-Stu­den­tin, im Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel ste­hen wie­der an­de­re Stu­di­en­fä­cher. Sig­rid Rü­ger ist sicht­bar schwan­ger.

San­der spricht die Rede mit dem Ak­ti­ons­rat im Gro­ben ab und schreibt den Text.

Auf der De­le­gier­ten­kon­fe­renz soll die Haupt­re­de von Hans-Jür­gen Krahl ge­hal­ten wer­den.

Krahl, 26, pro­mo­viert bei Ador­no über Marx und gilt als Kopf des Frank­fur­ter SDS. Zum Zeit­punkt der De­le­gier­ten­kon­fe­renz ist er ver­mut­lich Mit­glied des Bun­des­vor­stands des SDS.9 Krahl war nie SDS-Vor­sit­zen­der, wie Damm-Rü­ger in der oben zi­tier­ten Pas­sa­ge an­nimmt.

 

Die 23. De­le­gier­ten­kon­fe­renz des SDS

Die 23. De­le­gier­ten­kon­fe­renz des SDS dau­ert vom 12. bis zum 16. Sep­tem­ber 1968.10 Ort ist der Fest­saal der Jo­hann-Wolf­gang-Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt am Main.

Helke Sander bei ihrer Rede auf dem SDS-Delegiertenkongress 13-9-1968 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Hel­ke San­der bei ih­rer Rede auf dem SDS-De­le­gier­ten­kon­gress am 13. Sep­tem­ber 1968[note]Filmbild aus SWR-Re­port, Sep­tem­ber 1968; aus: Hel­ke San­der: „Nicht Op­fer sein, son­dern Macht ha­ben“. In: Kät­zel, a.a.O., S. 160–179, hier: S. 168.[/note]

Am 13. Sep­tem­ber, vor der Mit­tags­pau­se, hält Hel­ke San­der auf der De­le­gier­ten­kon­fe­renz die Rede für den Ak­ti­ons­rat zur Be­frei­ung der Frau­en.11

Wäh­rend der Rede gibt es im­mer wie­der Ge­läch­ter und Klat­schen.

Nach der Rede gibt es kei­ne Dis­kus­si­on.

In der Mit­tags­pau­se kauft Sig­rid Rü­ger ein Kilo Sup­pen­to­ma­ten, das Pfund zu 70 Pfen­nig. Sie zeigt San­der die brau­ne Tüte in ei­nem Ein­kaufs­netz.

Rü­ger kehrt in den Fest­saal zu­rück; laut „Stern“ sind die To­ma­ten jetzt in ih­rer le­der­nen Hand­ta­sche.

Di­rekt nach der Mit­tags­pau­se geht Hans-Jür­gen Krahl ans Mi­kro­fon und be­ginnt mit sei­nem Vor­trag. Krahl, der in der Lage ist, vor gro­ßer Zu­hö­rer­schaft im­pro­vi­sier­te Re­den zu hal­ten, be­zieht sich nicht auf sei­ne Vor­red­ne­rin.

Sigrid Rüger (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Sig­rid Rü­ger 1965[note]Foto: Raillon, (C) HSA FUB.[/note]

Rü­ger un­ter­bricht ihn durch ei­nen Zu­ruf: „Hast du dich schon ein­mal ge­fragt, wel­che Rol­le wir Frau­en über­haupt spie­len?“

Krahl ant­wor­tet la­chend: „Ich wer­de dar­über mal nach­den­ken.“

Dann ver­sucht er, die be­gon­ne­ne Rede fort­zu­set­zen.

Rü­ger un­ter­bricht ihn ein zwei­tes Mal, dies­mal ruft sie, laut „Stern“: „Ge­nos­se Krahl, siehst du, du bist ein Kon­ter­re­vo­lu­tio­när und ein Agent des Klas­sen­fein­des dazu!“ San­der zu­fol­ge sagt Rü­ger sinn­ge­mäß: Wenn der SDS zu die­ser Dis­kus­si­on nicht be­reit ist, hat er es ver­dient, so be­han­delt zu wer­den, wie er sei­ner­seits das Es­ta­blish­ment be­han­delt.

Di­rekt an­schlie­ßend be­wirft Rü­ger Krahl mit drei To­ma­ten (laut Stern) / mit sechs To­ma­ten (laut Spie­gel) / mit zwei Pfund To­ma­ten (laut San­der). Eine von ih­nen trifft ihn (laut Spie­gel) / zwei tref­fen ihn (laut Stern). Damm-Rü­ger zu­fol­ge wer­den auch an­de­re Mit­glie­der des Vor­stands der De­le­gier­ten­kon­fe­renz von ih­ren To­ma­ten ge­trof­fen.

Ines Leh­mann stellt sich schüt­zend zwi­schen Krahl und die To­ma­ten­wer­fe­rin.

Zu­nächst herrscht Schwei­gen, dann bricht Tu­mult aus. Die De­le­gier­ten joh­len.

Krahl gibt den Ver­such auf, sei­ne Rede zu hal­ten; er geht zu­rück an sei­nen Platz.

Die  De­le­gier­ten­kon­fe­renz wird auf an­de­re Wei­se als ge­plant fort­ge­setzt.

Ines Leh­mann drängt sich ans Mi­kro­fon und ruft zu ge­gen­sei­ti­gem Ver­ständ­nis und zu To­le­ranz auf. Sie kri­ti­siert die Be­stre­bun­gen der Frau­en vom „Ak­ti­ons­rat“ als se­zes­sio­nis­tisch.

Aus dem Steg­reif hält Ha­zel Ro­sen­strauch eine Ver­tei­di­gungs­re­de für Hel­ke San­der und Sig­rid Rü­ger; sie kri­ti­siert Ines Leh­mann.

San­der zu­fol­ge grün­den be­reits am Nach­mit­tag Frau­en aus ver­schie­de­nen SDS-Ver­bän­den ihre ei­ge­nen „Wei­ber­rä­te“.

Si­byl­la Flüg­ge schreibt 1975 über den To­ma­ten­wurf: „Die­ses Er­eig­nis wur­de als ganz un­er­hört emp­fun­den, als so un­glaub­lich, daß die SDS-Män­ner, aber auch die an­we­sen­den Frau­en, sich zu­nächst nicht dazu ver­hal­ten konn­ten.“12 Ro­se­ma­rie Nave-Herz zu­fol­ge fan­den die meis­ten SDS-Frau­en die Ak­ti­on eher pein­lich.13

 

Nach­ge­schich­te

Am nächs­ten Tag in der Frü­he le­sen die neu­ge­grün­de­ten Wei­ber­rä­te eine ers­te ei­ge­ne Re­so­lu­ti­on vor; es kommt zu Dis­kus­sio­nen über das Frau­en-The­ma.

Rei­mut Rei­che, SDS-Vor­sit­zen­der von 1966/67, sagt (ver­mut­lich als Ant­wort auf eine Re­so­lu­ti­on): „Die Eman­zi­pa­ti­on kann man ge­nau­so­we­nig be­schlie­ßen wie den Wunsch, ei­nen Or­gas­mus zu krie­gen oder die Re­vo­lu­ti­on zu ma­chen.“ Er emp­fiehlt den Frau­en die Ly­sis­tra­ta-Tak­tik. Eine Frau fragt ihn: „Sol­len wir denn dann mit Ma­schi­nen Lust ge­win­nen?“

Der Ak­ti­ons­rat ver­teilt (ver­mut­lich am letz­ten Tag) für den Nach­hau­se­weg eine wäh­rend des Kon­gress­zeit­raums ver­fass­te Re­so­lu­ti­on.

Der Kon­gress be­schließt, die Dis­kus­sio­nen in zwei Mo­na­ten fort­zu­set­zen, auf der 24. De­le­gier­ten­kon­fe­renz in Han­no­ver.

Bald nach der Sep­tem­ber-Kon­fe­renz ent­ste­hen aus dem SDS her­aus wei­te­re Frau­en­grup­pen, dar­un­ter im No­vem­ber 1968 der Frank­fur­ter Wei­ber­rat.14

Auf dem 24. De­le­gier­ten­kon­gress des SDS in Han­no­ver ver­teilt der Frank­fur­ter Wei­ber­rat das so­ge­nann­te Schwän­ze-Flug­blatt.

Nach dem Tod von Sig­rid Damm-Rü­ger Ende 1995 le­gen ei­ni­ge Frau­en auf ih­rem Grab ei­nen Kranz mit To­ma­ten nie­der.15

Die Formel des Phantasmas

Die For­mel für das Phan­tas­ma wird von La­can 1958 ein­ge­führt.16 Sie sieht so aus:

$ ◊ a

– Das durch­ge­stri­che­nes S (S bar­ré), also das Sym­bol $, steht für das su­jet bar­ré, für das von der Spra­che ge­präg­te Sub­jekt, das von ei­nem Teil von sich aus­ge­sperrt (bar­ré) ist, vom Un­be­wuss­ten, und das in­so­fern ge­spal­ten ist. In der For­mel des Phan­tas­mas sym­bo­li­siert $ spe­zi­ell das Sub­jekt im Pro­zess des Ver­schwin­dens, des Fa­ding, der Apha­ni­sis., d.h. das Sub­jekt, das mit sei­ner Spal­tung in der Wei­se kon­fron­tiert ist, dass es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten sucht, der es re­prä­sen­tiert, und dass es die Er­fah­rung macht, dass es ei­nen sol­chen Si­gni­fi­kan­ten nicht gibt, dass es also auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ver­schwin­det.
– Die Rau­te, das Sym­bol ◊, meint bei La­can zu­nächst das Sche­ma L, spä­ter aber  „Schnitt“, „Ein­schnitt“ (coupu­re).17
– Der Buch­sta­be a re­prä­sen­tiert das „Ob­jekt a“. Dar­un­ter ver­steht La­can zu­nächst das Bild des an­de­ren, so­fern es die Funk­ti­on über­nimmt, den Phal­lus zu sym­bo­li­sie­ren – das, was dem An­de­ren fehlt – und da­mit zum Ob­jekt des Be­geh­rens wird18, spä­ter das Par­ti­al­ob­jekt als Phal­lus­sym­bol19.

Die For­mel $ ◊ a ist ins­ge­samt so zu le­sen: Das ge­spal­te­ne Sub­jekt – das Sub­jekt, das da­bei ist, zu ver­schwin­den –, in Be­zie­hung zum Ob­jekt a, d.h. zum Bild des an­de­ren bzw. zum Par­ti­al­ob­jekt, wo­bei die­se Be­zie­hung die Funk­ti­on hat, eine trü­ge­ri­sche Voll­stän­dig­keit zu er­zeu­gen.20

Im Fol­gen­den stüt­ze ich mich auf die Deu­tung der For­mel, wie sie von La­can in Se­mi­nar 6 ent­wi­ckelt wird.

Die Struktur des Tomatenwurfs

- Das im Verschwinden begriffene Subjekt, $: der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen unter der Drohung des Übergehens zur Tagesordnung

Sig­rid Damm-Rü­ger sagt zwan­zig Jah­re spä­ter in ih­rem Rück­blick:

Die Wi­der­stän­de der Ber­li­ner Ge­nos­sen lie­ßen uns er­ah­nen, mit wel­chen Re­ak­tio­nen wir auf der De­le­gier­ten­kon­fe­renz zu rech­nen hat­ten. Man wür­de uns ein­mal re­den las­sen und dann zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen.“

In San­ders Rede heißt es un­ter an­de­rem:

Wir wer­den ver­su­chen, un­se­re Po­si­tio­nen zu klä­ren, wir ver­lan­gen, daß un­se­re Pro­ble­ma­tik hier in­halt­lich dis­ku­tiert wird. Wir wer­den uns nicht mehr da­mit be­gnü­gen, daß den Frau­en ge­stat­tet wird, auch mal ein Wort zu sa­gen, das man sich, weil man ein An­ti­au­to­ri­tä­rer ist, an­hört, um dann zur Ta­ges­ord­nung über­zu­ge­hen.“

Was be­fürch­tet wur­de, tritt ein: Krahl, der von den Frau­en des Ak­ti­ons­rats und ih­ren Un­ter­stüt­ze­rin­nen als Ver­tre­ter des SDS-Vor­stands wahr­ge­nom­men wird, will zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen. Er macht dazu zwei An­läu­fe. Zu­nächst ver­sucht er sei­ne Rede zu hal­ten, ohne sich zu sei­ner Vor­red­ne­rin zu äu­ßern. Sig­rid Rü­ger un­ter­bricht ihn mit ei­nem Zwi­schen­ruf, ei­ner Fra­ge, die ihn dazu brin­gen soll, sich zur Rede zu äu­ßern. Krahl ant­wor­tet mit ei­ner Ver­schie­bungs­flos­kel („Ich wer­de dar­über nach­den­ken“) und un­ter­nimmt ei­nen zwei­ten Ver­such, sei­ne Rede zu hal­ten. Dann flie­gen die To­ma­ten.

An­lass für die Wurf­ak­ti­on ist das, was La­can „das Ver­schwin­den des Sub­jekts hin­ter dem Si­gni­fi­kan­ten“ nennt oder „Fa­ding“ (eng­lisch für „Ver­schwin­den“) oder „Apha­ni­sis“ (grie­chisch für „Ver­schwin­den“).

Das Ver­schwin­den des (weib­li­chen) Sub­jekts ($) be­steht dar­in, dass es im Dis­kurs des (männ­li­chen) An­de­ren kei­nen Platz hat, dass es in der Rede des An­de­ren nicht re­prä­sen­tiert ist. Im kon­kre­ten Fall be­steht die Apha­ni­sis in ei­ner Er­fah­rung, die nicht nur Frau­en ma­chen, sie aber ver­mut­lich häu­fi­ger als Män­ner: man sagt et­was, und die an­de­ren spre­chen da­nach so wei­ter, als ob man nichts ge­sagt hät­te. Die Frau­en vom Ak­ti­ons­rat be­schrei­ben das Ver­schwin­den des weib­li­chen Sub­jekts mit ei­ner prä­gnan­ten Wen­dung: „Über­ge­hen zur Ta­ges­ord­nung“.

- Das Objekt a als Bild des anderen: das Bild der idealen Frau und der Rollentausch

Sig­rid Rü­ger re­agiert auf das dro­hen­de Ver­schwin­den des Sub­jekts mit ei­ner Se­rie von To­ma­ten­wür­fen. Sie voll­zieht da­mit eine ri­tu­el­le Hand­lung; seit mehr als hun­dert Jah­ren brin­gen Zu­hö­rer ihr Miss­fal­len ge­gen­über Schau­spie­lern und Po­li­ti­kern da­durch zum Aus­druck, dass sie sie mit Ei­ern und mit To­ma­ten bom­bar­die­ren – eine Art Stei­ni­gung ohne Stei­ne.

Der To­ma­ten­wurf er­mög­lich­te Rü­ger die ima­gi­nä­re Lö­sung ei­nes sym­bo­li­schen Pro­blems. Das Pro­blem stellt sich für sie auf der sym­bo­li­sche Ebe­ne: sie macht die Er­fah­rung, dass der Ak­ti­ons­rat im Dis­kurs des An­de­ren – der SDS-Au­to­ri­tät – nicht re­prä­sen­tiert ist. Die Lö­sung er­folgt da­durch, dass sie auf die ima­gi­nä­re Ebe­ne über­wech­selt, also da­durch, dass sie die Di­men­si­on des Kör­per­bil­des mo­bi­li­siert. Das im Ver­schwin­den be­grif­fe­ne Sub­jekt ver­wan­delt sich durch den Akt des Wer­fens für die Zu­schau­er in ein Bild der kör­per­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät – vor­aus­ge­setzt, die Wer­fe­rin trifft. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie: das Sub­jekt ant­wor­tet auf das dro­hen­de Ver­schwin­den, in­dem es für das Pu­bli­kum zum „Bild des an­de­ren“ wird, zum kom­pe­ten­ten Kör­per, in dem die Zu­schaue­rin­nen sich spie­geln kön­nen. Die be­reits zi­tier­te Be­schrei­bung des Spie­gel-Jour­na­lis­ten evo­ziert die­ses Bild: Als Krahl nichts sa­gen woll­te,

sprang […] die rot­haa­ri­ge, hoch­schwan­ge­re Ber­li­ner Volks­wirt­schaft­le­rin Sig­rid Rü­ger, 29, vom Stuhl und schleu­der­te mit dem Ruf ‚Kon­ter­re­vo­lu­tio­när… Agent des Klas­sen­fein­des‘ sechs To­ma­ten auf Krahl“.

Die durch die Merk­ma­le der se­xu­el­len At­trak­ti­vi­tät („rot­haa­rig“) und der Mut­ter­schaft cha­rak­te­ri­sier­te Frau springt auf und schleu­dert et­was: sie er­scheint in der Pose der Dis­kus­wer­fe­rin.

Hel­ke San­der sagt 1999 über die to­ma­ten­wer­fen­de Sig­rid Rü­ger von 1968:

Sie konn­te sich sehr gut aus­drü­cken und war klar und selbst­si­cher und stand da, mit ih­rem grü­nen Kleid und den ro­ten Haa­ren und dem di­cken Bauch, und sah wun­der­bar aus.“21

Das Sub­jekt (Hel­ke San­der bzw. der Ak­ti­ons­rat), das der Dro­hung aus­ge­setzt ist, im Dis­kurs des An­de­ren kei­nen Si­gni­fi­kan­ten zu ha­ben, fin­det ei­nen Re­prä­sen­tan­ten auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne im Bild der an­de­ren (im Bild von Sig­rid Rü­ger).

In dem zu Be­ginn die­ses Ar­ti­kels re­pro­du­zier­ten Pla­kat, „Power of Pus­sy“, wird die Funk­ti­on „Bild des an­de­ren“ (oder „Ideal­ich“) durch die Fi­gur der Su­per­hel­din ver­an­schau­licht.

Die Tomate weiter werfen (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Pla­kat­ak­ti­on zum in­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag 2010 in Müns­ter

Im rechts wie­der­ge­ge­be­nen Pla­kat des Müns­te­ra­ner Au­to­no­men Frau­en­Les­ben­Ple­nums wird das Bild der Ide­al­frau pro­ble­ma­ti­siert (ganz im Sin­ne der To­ma­ten­wer­fe­rin), ver­mut­lich un­ab­sicht­lich: das Ziel des To­ma­ten­wurfs ist hier das Bild des idea­len Frau­en­kör­pers. Mit La­can zu spre­chen: die ein­zi­ge ge­lun­ge­ne Hand­lung ist eine Fehl­hand­lung.

Der be­wor­fe­ne Po­li­ti­ker lie­fert das Ge­gen­bild zur Dis­kus­wer­fe­rin. Die Fle­cke auf Kör­per und Klei­dung ver­lei­hen ihm ein be­schä­men­des Aus­se­hen. Das Sich-Schä­men ist die af­fek­ti­ve Sei­te des Ver­schwin­dens des Sub­jekts, die Ant­wort auf die Nicht-An­er­ken­nung durch den An­de­ren.

Die Sei­ten ha­ben ge­wech­selt. Der männ­li­che An­de­re (also Krahl als Re­prä­sen­tant des SDS), der das weib­li­che Sub­jekt zum Ver­schwin­den brin­gen woll­te (Hel­ke San­der und da­mit den Ak­ti­ons­rat), ist jetzt selbst in der Po­si­ti­on des ver­schwin­den­den Sub­jekts: er ringt, so ist an­zu­neh­men, aus­nahms­wei­se um Wor­te.

- Das Objekt a als Partialobjekt: die Tomate in ihrer Geworfenheit, der Blick

Die To­ma­te

Die bis­he­ri­ge Deu­tung ver­fehlt das Ent­schei­den­de. Das, was sich dem his­to­ri­schen Ge­dächt­nis ein­ge­prägt hat, ist die Sze­ne des To­ma­ten­wurfs, und dazu ge­hört lo­gi­scher­wei­se die To­ma­te, die ich bis­her aus­ge­klam­mert habe, vor al­lem aber die Wurf­be­we­gung, durch die sie in Er­schei­nung tritt.

Schuhwerfen auf Bush (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Die To­ma­ten, die von Sig­rid Rü­ger ge­schleu­dert wer­den, ha­ben eine ora­le und eine ana­le Kon­no­ta­ti­on. Die ora­le Be­deu­tung drängt sich auf: To­ma­ten die­nen nor­ma­ler­wei­se als Nah­rungs­mit­tel; das gilt auch für die Eier, mit de­nen Po­li­ti­ker und Schau­spie­ler be­wor­fen wer­den, für das Mehl, mit dem der Schah at­ta­ckiert wur­de, so­wie für den Pud­ding und den Jo­ghurt, die auf den Vi­ze­prä­si­dent Hum­phrey ge­schleu­dert wer­den soll­ten. Das ist ein we­sent­li­cher Un­ter­schied zu ei­nem ana­lo­gen Ri­tu­al, das vor al­lem in der ara­bisch­spre­chen­den Welt ver­brei­tet ist, dem Schuh­wer­fen. (Das ne­ben­ste­hen­de Bild zeigt US-Prä­si­dent G.W. Bush als Ziel ei­nes Schuh­wurfs in Bag­dad im De­zem­ber 2008; der ira­ki­sche Pre­mier­mi­nis­ter Nou­ri al-Ma­li­ki ver­sucht, das Ge­schoss auf­zu­hal­ten.)

Der ana­le As­pekt des To­ma­ten­wer­fens be­steht dar­in, dass der Adres­sat, wenn er ge­trof­fen wird, an ein Kind er­in­nert, das sich be­kle­ckert hat, das also die Re­geln der Sau­ber­keit nicht be­herrscht. Das ak­tiv her­bei­ge­führ­te Fal­len ei­nes Ge­gen­stands ver­weist eben­falls auf die Anal­sphä­re. Im Ide­al­fall sind die To­ma­ten und die Eier, die als Wurf­ge­schos­se die­nen, ver­fault; sie stin­ken – wie Kot. (Beim Schuh­wer­fen ist der ana­le As­pekt deut­li­cher: Schu­he gel­ten als un­rein, vor al­lem ihre Soh­len.)

Durch den Wurf trennt das Sub­jekt sich auf de­mons­tra­ti­ve Wei­se von die­sem oral-ana­len Ob­jekt. Die Tren­nung, die „Se­pa­ra­ti­on“, macht den Ge­gen­stand zu ei­nem Ob­jekt a im Sin­ne von La­can22; das Ob­jekt a ist letzt­lich nichts an­de­res als ein Wurf­ge­schoss. In Se­mi­nar 23 sagt La­can:

Das Ob­jekt, das ich ‚klein a‘ ge­nannt habe, ist tat­säch­lich nur ein ein­zi­ges Ob­jekt. Ich habe ihm den Na­men des Ob­jekts aus dem Grun­de zu­ge­wie­sen, weil das Ob­jekt OB ist, Obsta­kel für die Aus­brei­tung des kon­zen­tri­schen, das heißt des ku­gel­för­mig ein­hül­len­den Ima­gi­nä­ren. Be­greif­bar, das heißt mit der Hand er­greif­bar, das ist der Be­griff des Be­griffs*, er­greif­bar in der Art ei­ner Waf­fe. Und um auf ein paar Deut­sche zu ver­wei­sen, die ge­wiss kei­ne Idio­ten wa­ren, ist die­se Waf­fe kei­nes­wegs eine Ver­län­ge­rung des Arms, son­dern von vorn­her­ein eine Wurf­waf­fe, eine Wurf­waf­fe von An­be­ginn. Man hat nicht auf die Ka­no­nen­ku­geln ge­war­tet, um ei­nen Bu­me­rang zu wer­fen.“23

Im Phan­tas­ma hat das Ob­jekt a eine kom­pen­sie­ren­de Funk­ti­on. Das Sub­jekt ist mit dem Fa­ding kon­fron­tiert, mit der Apha­ni­sis, mit der Dro­hung, aus dem Dis­kurs zu ver­schwin­den. In die­ser Not­la­ge wech­selt es von der sym­bo­li­schen zur ima­gi­nä­ren Ebe­ne und sucht sich hier ein Ob­jekt als sei­nen Re­prä­sen­tan­ten. Von die­sem Ge­gen­stand wird das Sub­jekt in­so­fern re­prä­sen­tiert, als er ei­nen Ab­fall dar­stellt. Die Aus­schlie­ßung des Sub­jekts aus dem Dis­kurs wird in ein an­de­res Re­gis­ter über­setzt: ein Ge­gen­stand fun­giert als Ab­fall-Ob­jekt.

Die Schöp­fung aus dem Nichts

Der To­ma­ten­wurf von 1968 ist nicht ein­fach die In­stan­ti­ie­rung ei­nes über­lie­fer­ten Ri­tu­als. Er ent­hält et­was Neu­es. Die Wer­fen­de ist eine Frau, der Be­wor­fe­ne ist ein Mann, und bei­des ist nicht ak­zi­den­tell. Rü­ger wirft als Frau, sie be­wirft ih­ren Adres­sa­ten als Mann. Das Wurf­ri­tu­al wird von ihr ge­schlecht­lich ko­diert. Da­mit setzt sie et­was Neu­es in die Welt.

Die­se Schöp­fung ist eine Schöp­fung aus dem Nichts. Nicht in dem Sin­ne, dass hier et­was ra­di­kal Neu­es ge­schaf­fen wür­de – der Rü­ger­sche To­ma­ten­wurf be­ruht, wie die meis­ten Er­fin­dun­gen, auf ei­ner Mo­di­fi­ka­ti­on des Über­lie­fer­ten. Wohl aber in dem Sin­ne, dass er auf das Nichts ant­wor­tet, auf die Ge­fahr des Ver­schwin­dens im Dis­kurs des An­de­ren.

Das Kind

Ein wei­te­res Merk­mal ver­leiht die­sem Wurf sei­ne Be­son­der­heit: die Wer­fe­rin ist sicht­bar schwan­ger. Da­mit sind zwei „Ob­jek­te“ im Spiel: die To­ma­te, die sie wirft, und das Kind, dass sie bald zur Welt brin­gen wird. Im po­li­ti­schen Kon­text des To­ma­ten­wurfs ist Schwan­ger­schaft kein ne­ben­säch­li­ches Merk­mal; in der Rede von Hel­ke San­der geht es um Frau­en mit Kin­dern, ins­be­son­de­re um Stu­den­tin­nen mit Kin­dern.

Will McBride, Barbara mit Shawn im Bauch, 1960 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Wie re­agie­ren, in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung die­ses Er­eig­nis­ses, die­se bei­den „Ob­jek­te“ mit­ein­an­der? Schwer zu sa­gen; im Stern-Ar­ti­kel wird die Schwan­ger­schaft nicht er­wähnt.

1960 zeig­te die Zeit­schrift twen auf der Ti­tel­sei­te die ne­ben­ste­hen­de Fo­to­gra­fie von Will Mc­Bri­de, Bar­ba­ra mit Shawn im Bauch, was Em­pö­rung her­vor­rief. Das idea­li­sie­ren­de Bild zeigt eine Frau, die in ih­rem In­ne­ren ein Ob­jekt ent­hält, das zu­gleich ver­bor­gen und sicht­bar ist und das sich dem­nächst von ihr tren­nen wird; in La­cans Ter­mi­no­lo­gie ist das im In­ne­ren des Ide­al­bil­des ver­bor­ge­ne Ob­jekt ein agal­ma, ein Schatz.24 Die ver­mut­lich von die­sem Foto aus­ge­hen­de Be­we­gung, den Ba­by­bauch in das idea­li­sie­ren­de Frau­en­bild zu in­te­grie­ren (man den­ke an An­nie Lei­bo­vit­zʼ Co­ver­fo­to der schwan­ge­ren Demi Moo­re), scheint den Weg der Iko­no­gra­phie des To­ma­ten­wurfs nicht ge­kreuzt zu ha­ben; auf den bei­den in die­sem Ar­ti­kel wie­der­ge­ge­be­nen To­ma­ten­wurf­pla­ka­ten sind die Frau­en, so­weit er­kenn­bar, nicht schwan­ger.

Der Blick

Der To­ma­ten­wurf rich­tet eine Bot­schaft an die De­le­gier­ten, die un­ge­fähr so lau­tet: Er will uns in ei­nen Dis­kurs­ab­fall ver­wan­deln; schaut euch an, was für ein Bild er euch bie­tet, wenn ich ihn mit mei­nem Ab­fall schmü­cke. Der Be­wor­fe­ne wird hier­durch dem ag­gres­si­ven be­schä­men­den Blick des Pu­bli­kums aus­ge­setzt, und da­mit kommt ein wei­te­res Ob­jekt a ins Spiel: der Blick.

Hel­ke San­der sagt in ih­rer Rede: Die Frau­en

sind am ehes­ten dazu in der Lage, den Ab­fall­hau­fen des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens ans Licht zu zie­hen“.

Ans Licht zu zie­hen“, be­zo­gen auf den To­ma­ten­wurf heißt das: dem ver­nich­ten­den Blick der Ta­gungs-Öf­fent­lich­keit aus­zu­set­zen. Der Satz ver­bin­det vor­aus­schau­end die bei­den Ob­jek­te a, die nach der Rede ins Spiel kom­men wer­den: die To­ma­te als Ab­fall­ob­jekt und den be­schä­men­den Blick.

- Der Schnitt, ◊: der Diskurswechsel

Der To­ma­ten­wurf soll ver­hin­dern, dass die Po­di­ums­spre­cher zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen. Die Ak­ti­on ist er­folg­reich; der Wurf er­zeugt eine Zä­sur. Er sorgt da­für, dass nach der Rede von Hel­ke San­der an­ders ge­spro­chen wird als vor­her.

Die Zä­sur, der Schnitt wird in der For­mel des Phan­tas­mas durch die Rau­te dar­ge­stellt, ◊. Mit „Schnitt“ ist die zeit­li­che Dis­kon­ti­nui­tät ge­meint, auf der das Funk­tio­nie­ren von Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten be­ruht. Im ein­fachs­ten Fall ist dies das In­ter­vall zwi­schen zwei Si­gni­fi­kan­ten, etwa eine Sprech­pau­se oder ein Punkt; ty­pi­sche Bei­spie­le im Feld der Psy­cho­ana­ly­se sind der ab­ge­bro­che­ne Satz und die Be­en­di­gung ei­ner Sit­zung.25 Für La­can ist der Schnitt die letz­te Grund­la­ge der Spra­che; in ihm ma­ni­fes­tiert sich im Sym­bo­li­schen das Rea­le, d.h. das, was der Sym­bo­li­sie­rung hart­nä­ckig wi­der­steht. Der­ri­da wird den Schnitt dif­fé­ran­ce nen­nen.

Die po­li­ti­sche Kon­stel­la­ti­on, in der der To­ma­ten­wurf sich er­eig­net, ist der Kon­flikt zwi­schen den männ­li­chen Mit­glie­dern des SDS, die die Macht­po­si­tio­nen be­set­zen, und den weib­li­chen Mit­glie­dern, die sich zum Ak­ti­ons­rat zu­sam­men­ge­schlos­sen ha­ben oder ihn un­ter­stüt­zen. Die bei­den Grup­pen sind nicht ein­fach un­ter­schied­li­cher Mei­nung. Sie re­den an­ein­an­der vor­bei. Das Spre­chen er­mög­licht ih­nen nicht, eine Be­zie­hung zu­ein­an­der her­zu­stel­len. Dies ist das Rea­le im Sin­ne von La­can, das Feh­len des Ge­schlechts­ver­hält­nis­ses auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne. Das Rea­le des Ge­schlechts­ver­hält­nis­ses ma­ni­fes­tiert sich nicht in der Rede von Hel­ke San­der und nicht im von Sig­rid Rü­ger voll­zo­ge­nen To­ma­ten­wurf, son­dern im Schnitt, ◊: dar­in, dass nach der Rede und nach dem Wurf nicht zur Ta­ges­ord­nung über­ge­gan­gen wird. Das Rea­le, das se­xu­el­le Ver­hält­nis in sei­ner Nicht-Sym­bo­li­sier­bar­keit, ma­ni­fes­tiert sich auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne durch ei­nen Dis­kurs­wech­sel.26

Beim To­ma­ten­wurf kom­men also zwei un­ter­schied­li­che Ein­schnit­te ins Spiel. Zum ei­nen die Ab­tren­nung ei­nes Ob­jekts durch ei­nen Wurf. Zum an­de­ren der Ein­schnitt im Dis­kurs: nach­her wird an­ders ge­spro­chen als vor­her. Eben dies ist die Grund­struk­tur des Phan­tas­mas: Das Ver­schwin­den des Sub­jekts wird kom­pen­siert durch das ab­ge­trenn­te Ob­jekt und mit ihm kommt der Schnitt ins Spiel.

Die Sze­ne des To­ma­ten­wurfs hat also die Struk­tur ei­nes Phan­tas­ma im La­can­schen Sin­ne:

Ers­tes Phan­tas­ma
$: die Rede von Hel­ke San­der, in­so­fern sie un­ter der Dro­hung steht, dass zur Ta­ges­ord­nung über­ge­gan­gen wird,
◊: die Zä­sur des Dis­kurs­wech­sels,
a qua Bild des an­de­ren: das Bild, das Sig­rid Rü­ger bie­tet,
a qua Par­ti­al­ob­jekt: die To­ma­te, in­so­fern das Sub­jekt sich durch ei­nen Wurf von ihr trennt.

Zwei­tes Phan­tas­ma
$: der am Re­den ge­hin­der­te und ver­mut­lich um Wor­te rin­gen­de Hans-Jür­gen Krahl,
◊: die Zä­sur des Dis­kurs­wech­sels,
a: der ver­nich­ten­de Blick des Pu­bli­kums.

Die bei­den Phan­tas­men sind auf dia­lek­ti­sche Wei­se mit­ein­an­der ver­bun­den: durch den  Um­schlag ins Ge­gen­teil. Aus die­ser Ver­bin­dung ge­winnt die Sze­ne des To­ma­ten­wurfs ihre Kraft.

Be­ruht je­des Ri­tu­al auf Phan­tas­men-Über­la­ge­rung? Viel­leicht.

- Die Kastration, −φ: Orgasmusschwierigkeiten und Vibrator

Das Ob­jekt a im Phan­tas­ma ist ein Sym­bol für die Kas­tra­ti­on (des­we­gen ist sei­ne Funk­ti­ons­be­din­gung, dass es ab­ge­trennt ist).

La­can zu­fol­ge gibt es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten für das vom Dis­kurs aus­ge­schlos­se­ne Sub­jekt: den Phal­lus. Der Phal­lus ist für La­can im­mer der Phal­lus-der-mir-fehlt; nicht das Sym­bol mei­ner Po­tenz, son­dern der Si­gni­fi­kant mei­ner un­auf­heb­bar man­geln­den Po­tenz. Der Phal­lus (als das, was fehlt) re­prä­sen­tiert das Sub­jekt, in­so­fern es durch die Spra­che ei­nen Ver­lust er­lit­ten hat. Die­ser Si­gni­fi­kant ist ur­ver­drängt, d.h. er kann nicht er­in­nert wer­den und er bil­det den An­zie­hungs­punkt der Ver­drän­gung.

Die Kas­tra­ti­on ist eine sym­bo­li­sche Ak­ti­on, eine (vor­ge­stell­te) Stra­fe, mit der das Ge­setz im­ple­men­tiert wird, das In­zest­ver­bot; sie be­zieht sich auf ein ima­gi­nä­res Ob­jekt, auf den Phal­lus im ima­gi­nä­ren Re­gis­ter, d.h. in der Ord­nung der kör­per­li­chen (Un-)Vollkommenheit.27

Wenn man mit La­can als Zei­chen für den ima­gi­nä­ren Phal­lus φ ver­wen­det, klein phi, als Zei­chen für die Kas­tra­ti­on den Aus­druck −φ, mi­nus klein phi28 und als Sym­bol für die Sub­sti­tu­ti­on den Bruch­strich, lässt sich der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Phan­tas­ma und der Kas­tra­ti­on so dar­stel­len:

Formel des Phantasmas mit Phallus (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Hel­ke San­der fragt in ih­rer Rede die männ­li­chen SDS-Ge­nos­sen:

War­um kauft ihr euch denn alle den Reich? War­um sprecht ihr denn hier vom Klas­sen­kampf und zu Hau­se von Or­gas­mus­schwie­rig­kei­ten? Ist das kein The­ma für den SDS?“

Ge­meint ist Wil­helm Reich, vor al­lem mit dem Buch Die Funk­ti­on des Or­gas­mus (1927), das ab 1965 im Uni­ver­si­täts­mi­lieu als Raub­druck ver­trie­ben wur­de.

Um wes­sen Or­gas­mus­schwie­rig­kei­ten geht es, um die des Man­nes oder um die der Frau? Wie auch im­mer, die Red­ne­rin bringt den Pe­nis ins Spiel. Ers­tens un­ter dem Ge­sichts­punkt der Dys­funk­ti­on, sei es in Ge­stalt der or­gas­mi­schen Im­po­tenz des Man­nes, sei es in Ge­stalt des Un­ver­mö­gens, der Part­ne­rin zum Or­gas­mus zu ver­hel­fen. Zwei­tens als Si­gni­fi­kant, un­ter dem As­pekt, dass über ihn öf­fent­lich nicht ge­spro­chen wird. Hel­ke San­der be­greift das Ver­hält­nis zwi­schen Öf­fent­lich­keit und Pri­vat­le­ben als Be­zie­hung zwi­schen der ver­drän­gen­den In­stanz und dem Ver­dräng­ten; die Or­gas­mus­schwie­rig­kei­ten ge­hö­ren zum Pri­vat­le­ben, zum Ver­dräng­ten. In der Be­griff­lich­keit von La­can geht es um den Si­gni­fi­kan­ten des ima­gi­nä­ren Phal­lus, φ, um die Pe­nis­vor­stel­lung un­ter dem Ge­sichts­punkt kör­per­li­cher Un­voll­kom­men­heit. Der To­ma­ten­wurf be­zieht sich un­ter an­de­rem dar­auf, dass über den Pe­nis, in­so­fern er aus­fällt, öf­fent­lich nicht ge­spro­chen wer­den kann. Die To­ma­te und der ver­nich­ten­de Blick des Pu­bli­kums sym­bo­li­sie­ren nicht zu­letzt den ver­dräng­ten ima­gi­nä­ren Phal­lus.

Als nach der Rede Rei­mut Rei­che den Frau­en emp­fiehlt, den Ge­schlechts­ver­kehr zu ver­wei­gern, fragt eine: „Sol­len wir denn dann mit Ma­schi­nen Lust ge­win­nen?“ Sie kon­fron­tiert den nicht so recht funk­tio­nie­ren­den Pe­nis mit ei­nem Vi­bra­tor, mit ei­nem per­fekt funk­tio­nie­ren­den ima­gi­nä­ren Phal­lus.

Bei der nächs­ten De­le­gier­ten­kon­fe­renz des SDS, im No­vem­ber 1968 in Han­no­ver, ver­teilt der im sel­ben Mo­nat ge­grün­de­te Frank­fur­ter Wei­ber­rat ein Flug­blatt.29

Frankfurter_Weiberrat_-_Flugblatt_1968_-_Seite_1 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Die eine Sei­te ist rechts ab­ge­bil­det (zum Ver­grö­ßern an­kli­cken). Auf der an­de­ren Sei­te des Flug­blatts wird das Kon­zept des Pe­nis­neids iro­nisch zu­rück­ge­wie­sen: durch Über­af­fir­ma­ti­on.

kot­zen wir’s öf­fent­lich aus: sind wir pe­nis­nei­disch, frus­triert, hys­te­risch, ver­klemmt, ase­xu­ell, les­bisch, fri­gid, zu­kurz­ge­kom­men, ir­ra­tio­nal, pe­nis­nei­disch, lust­feind­lich hart, vi­ril spi­tätg [!], zi­ckig, wir kom­pen­sie­ren, wir über­kom­pen­sie­ren, sind pe­nis­nei­disch, pe­nis­nei­disch, pe­nis­nei­disch pe­nis­nei­disch, pe­nis­nei­disch“

Es folgt die Haupt­bot­schaft:

frau­en sind a n d e r s!“

Und dann die Auf­for­de­rung:

BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BÜRGERLICHEN SCHWÄNZEN ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !“

Im his­to­ri­schen Rück­blick und ver­mut­lich auch in der Per­spek­ti­ve der Teil­neh­me­rin­nen und der Teil­neh­mer über­la­gern sich die bei­den Ak­tio­nen: der To­ma­ten­wurf und die Kas­tra­ti­ons­dro­hung. Der To­ma­ten­wurf, durch den ein Mit­glied des SDS-Vor­stands dem be­schä­men­den Blick aus­ge­setzt wur­de, wird zum Sym­bol der Kas­tra­ti­ons­dro­hung.

Von fe­mi­nis­ti­scher Sei­te ist der Haupt­ein­wand ge­gen die Psy­cho­ana­ly­se ihr Phal­lo­zen­tris­mus. Die zwei­te Pha­se der deut­schen Frau­en­be­we­gung be­ginnt phal­lo­zen­trisch, das ist eine his­to­ri­sche Tat­sa­che.

Al­ler­dings: Die Be­grif­fe des Pe­nis­neids und der Kas­tra­ti­ons­dro­hung wer­den im Flug­blatt iro­ni­siert. Geht es um den Phal­lus oder geht es nicht um den Phal­lus? Das lässt sich nicht ein­deu­tig fest­stel­len. Und ge­nau das ist, La­can zu­fol­ge, die Exis­ten­zwei­se des Phal­lus: der Phal­lus ist ein Si­gni­fi­kant, der ei­nem be­stän­dig ent­wischt.30

Ein Phantasma als Stütze des politischen Begehrens

Graf des Begehrens - Linie Begehren - Phantasma gelb (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Das Phan­tas­ma hat, La­can zu­fol­ge, eine be­stimm­te Funk­ti­on: es hält das Be­geh­ren in Gang. Im Gra­fen des Be­geh­rens wird dies durch die Pfeil­li­nie dar­ge­stellt, die das Be­geh­ren (d für dé­sir, „Be­geh­ren“) mit dem Phan­tas­ma ($◊a) ver­bin­det; in der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung des Gra­fen habe ich sie gelb ge­färbt.31

Der To­ma­ten­wurf gilt als Aus­lö­ser für die zwei­te Pha­se der Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land. Die phan­tas­ma­ti­sche Sze­ne stützt ein Be­geh­ren, ein po­li­ti­sches Be­geh­ren: das Be­geh­ren, dass die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Ge­schlech­tern ra­di­kal an­ders wer­den.

2002 schreibt Hel­ke San­der:

Bei Be­we­gun­gen egal, wel­che es sind, gibt es im­mer eine Auf­bruch­stim­mung, wo vie­le Fra­gen neu ge­stellt wer­den, und dann schüt­telt sich das ir­gend­wie so ins Ge­bräuch­li­che.“32

Wie könn­te das po­li­ti­sche Be­geh­ren bes­ser ar­ti­ku­liert wer­den als mit die­sem Satz: „und dann schüt­telt sich das ir­gend­wie so ins Ge­bräuch­li­che“.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Hein­rich-Böll-Stif­tung, Fe­mi­nis­ti­sches In­sti­tut (Hg.): Wie weit flog die To­ma­te? Eine 68e­rin­nen-Gala der Re­fle­xi­on. Mit ei­ner Ein­lei­tung von Ha­li­na Bend­kow­ski. Hein­rich-Böll-Stif­tung, Ber­lin 1999. Do­ku­men­ta­ti­on des Kon­gres­ses „Wie weit flog die To­ma­te“ am 31. Ok­to­ber 1998 in der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin, Kon­gress­kon­zep­ti­on: Ha­li­na Bend­kow­ski.
  2. Hel­ke San­der: Der See­le ist das Ge­mein­sa­me ei­gen, das sich mehrt. In: Wie weit flog die To­ma­te?, a.a.O., S. 43–56, hier: S. 47 f., 50–53.
  3. Man­fred Bis­sin­ger: To­ma­ten für das Lust­ge­fühl. Stern, Nr. 39, 29. Sep­tem­ber 1968, S. 33 f., im In­ter­net hier.
  4. In: 1968. Vor­ge­schich­te und Kon­se­quen­zen. Ring­vor­le­sung im Som­mer­se­mes­ter 1988 an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin. Dar­in: Ver­an­stal­tung vom 1. Juni 1988: „An­ti­au­to­ri­tä­rer An­spruch und Frau­en­eman­zi­pa­ti­on – Die Re­vol­te in der Re­vol­te“. Teil­neh­me­rin­nen: Syl­via Bo­ven­schen, Sig­rid Damm-Rü­ger und Sy­bil­le Plogstedt. Dis­kus­si­ons­lei­tung: Ha­li­na Bend­kow­ski. Im In­ter­net hier.
  5. Ines Leh­mann: Auf der Hut vor Ne­ben­wi­der­sprü­chen. In: Wie weit flog die To­ma­te?, a.a.O., S. 57–64, hier: 57. Vgl. auch ih­ren selbst­kri­ti­schen Rück­blick von 2008: hier.
  6. Ha­li­na Bend­kow­ski: Wie weit flog die To­ma­te? 1968–1998 – auf den Spu­ren der 68e­rin­nen. In: Wie weit flog die To­ma­te?, a.a.O., S. 11–22 hier: S. 18.
  7. Ha­zel Ro­sen­strauch: Ich hab noch ei­nen Kof­fer mit 68er Kram. In: Wie weit flog die To­ma­te?, a.a.O., S. 65–70, hier: S. 65.
  8. Vgl. den Wi­ki­pe­dia-Art­kel „Ben­no Oh­nes­org“.
  9. Im Fol­ge­jahr, 1969, ist er Mit­glied des SDS-Bun­des­vor­stands; im Ok­to­ber 1969 be­ginnt ge­gen ihn ein Pro­zess we­gen ei­ner De­mons­tra­ti­on, die am 23. Sep­tem­ber 1968 statt­fand; also war er ver­mut­lich be­reits wäh­rend der De­le­gier­ten­kon­fe­renz im Sep­tem­ber 1968 Mit­glied des Bun­des­vor­stands.
  10. Vgl. Ute Kät­zel: Die 68e­rin­nen. Por­trät ei­ner re­bel­li­schen Frau­en­gene­ra­ti­on. Ro­wohlt, Ber­lin 2002, S. 313.
  11. Hel­ke San­der: Rede des Ak­ti­ons­ra­tes zur Be­frei­ung der Frau­en bei der 23. De­le­gier­ten­kon­fe­renz des „So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bun­des“ (SDS) im Sep­tem­ber 1968 in Frank­furt. In: Hil­ke Schla­e­ger (Hg.): Mein Kopf ge­hört mir. Zwan­zig Jah­re Frau­en­be­we­gung. Frau­en­of­fen­si­ve ak­tu­ell, Mün­chen 1988, S. 12–22.- Zur Rede vgl. auch: Hel­ke San­der: Das Pri­va­te ist das Po­li­ti­sche (Im In­halts­ver­zeich­nis: Der Lauf der Be­we­gung. Ge­dan­ken beim Wie­der­hö­ren ei­ner Rede). In­ter­view, ge­führt von Hil­ke Schla­e­ger. In: Schla­e­ger, Mein Kopf ge­hört mir, a.a.O., S. 23–36.
  12. Frau­en­jahr­buch 1, Frank­furt am Main 1975, im In­ter­net hier.
  13. Vgl. Ro­se­ma­rie Nave-Herz: Die Ge­schich­te der Frau­en­be­we­gung in Deutsch­land. Nie­der­säch­si­sche Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung, Han­no­ver 1997, fünf­te über­ar­bei­te­te und er­gänz­te Auf­la­ge, im In­ter­net hier, S. 40. Nave-Herz be­ruft sich hier­für auf: A. Schwar­zer: So fing es an: Die neue Frau­en­be­we­gung. Köln 1981, S. 13, und auf I. Schmidt-Harz­bach: „Frau­en er­hebt Euch“ – Als Frau im SDS und im Ak­ti­ons­rat. In: Mein Kopf ge­hört mir – 20 Jah­re Frau­en­be­we­gung. Hg. v. H. Schla­e­ger.  Mün­chen 1988, S. 54.
  14. Vgl. Nave-Herz, a.a.O., S. 40
  15. Do­ro­thee Damm: Mei­ne Mut­ter, die ’68e­rin. In: Wie weit flog die To­ma­te?, a.a.O., S. 25–29, hier: S. 25.
  16. Jac­ques La­can stellt die For­mel des Phan­tas­mas erst­mals in Se­mi­nar 5 vor, in der Sit­zung vom 30. April 1958 (vgl. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 433).
    Ver­öf­fent­licht wird sie in der Zu­sam­men­fas­sung des Se­mi­nars durch Jean-Bert­rand Pon­ta­lis im Bul­le­tin de psy­cho­lo­gie vom 15. De­zem­ber 1958 (vgl. J.-B. Pon­ta­lis: Zu­sam­men­fas­sen­de Wie­der­ga­ben der Se­mi­na­re IV – VI von Jac­ques La­can. Tu­ria + Kant, Wien 2. durch­ge­se­he­ne Auf­la­ge 1999, S. 127 f., 133).
    In La­cans Auf­sät­zen fin­det man die For­mel zum ers­ten Mal 1961 in ei­ner Fuß­no­te von Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, ei­nem Vor­trag von 1958, der 1961 ver­öf­fent­licht wur­de; die Fuß­no­te wur­de für die Schrif­ten von 1966 über­ar­bei­tet, die For­mel er­scheint je­doch be­reits in der Ver­si­on 1961 (vgl. für die Ver­si­on von 1961: Pas-tout La­can, S. 786, für die Ver­si­on von 1966: Schrif­ten I, S. 227 Fn. 31).
    La­can ver­wen­det die For­mel des Phan­tas­mas zu­letzt in Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core (vgl. Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 87).
    In Die Aus­rich­tung der Kur be­zeich­net La­can die For­mel als „Al­go­rith­mus“ (Schrif­ten II, S. 227 Fn. 31). Das ist ir­re­füh­rend; un­ter ei­nem Al­go­rith­mus ver­steht man üb­li­cher­wei­se eine Hand­lungs­vor­schrift, die in meh­re­ren Schrit­ten mit Si­cher­heit zur Lö­sung ei­nes Pro­blems führt, wie etwa das Ver­fah­ren der schrift­li­chen Di­vi­si­on. Ge­gen­be­griff zu „Al­go­rith­mus“ (im üb­li­chen Sin­ne) ist „Heu­ris­tik“, eine Hand­lungs­vor­schrift, die die Wahr­schein­lich­keit der Pro­blem­lö­sung er­höht, aber nicht mit Si­cher­heit zu ei­nem Er­geb­nis führt. La­cans Tech­nik der qua­si-al­ge­brai­schen No­ta­ti­on ist eine Heu­ris­tik.
    Die Be­zeich­nung „Ma­them“ für die qua­si-al­ge­brai­sche Schreib­wei­se ver­wen­det La­can ab Se­mi­nar 19 von 1971/72 „… oder schlim­mer“.
  17. Die Deu­tung als Schnitt wird zu­erst in Se­mi­nar 6 vor­ge­tra­gen, ab dem 20. Mai 1959.
  18. Die Deu­tung des a in der For­mel des Phan­tas­mas als Bild des an­de­ren wird aus­führ­lich ent­wi­ckelt in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung. Ei­nes der Bei­spie­le ist Ophe­lia als Ob­jekt des Be­geh­rens von Ham­let.
  19. Die Deu­tung des Be­griffs „Ob­jekt a“ als Par­ti­al­ob­jekt wird am Schluss von Se­mi­nar 6 an­ge­deu­tet, sys­te­ma­tisch aus­ge­führt wird sie zu­erst in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst.
  20. Vgl. etwa die­se Be­mer­kung La­cans: „Denn das Phan­tas­ma ist nichts an­de­res als die­se Kon­junk­ti­on der Ent­zwei­ung* des Sub­jekts mit dem a, dank es des­sen ei­ner trü­ge­ri­schen Voll­stän­dig­keit ge­lingt, das zu über­de­cken, was es mit der Un­mög­lich­keit des Rea­len auf sich hat.“ (Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 16. Juni 1965; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la. Wort mit Stern­chen im Ori­gi­nal deutsch.)
  21. Der See­le ist das Ge­mein­sa­me ei­gen, das sich mehrt, a.a.O., S 52.
  22. Den Be­griff der Se­pa­ra­ti­on ent­wi­ckelt La­can in Se­mi­nar 11, ab der Sit­zung vom 27. Mai 1964.
  23. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la, das Stern­chen zeigt an, dass La­can das deut­sche Wort ver­wen­det; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 86; Klei­ner-Über­set­zung, S. 94.
  24. Die Be­zie­hung zwi­schen dem Ide­al­bild und dem Ob­jekt a als Schatz (agal­ma) in sei­nem In­ne­ren ist The­ma von Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung.
  25. Den Be­griff des Schnitts führt La­can in Se­mi­nar 6 ein, in den Sit­zun­gen ab dem 20. Mai 1959.
    Der ab­ge­bro­che­ne Satz – z.B. „Nun will ich mich …“ – ge­hört zu Schre­bers Psy­cho­se, die von La­can in Se­mi­nar 3 von 1956/57, Die Psy­cho­sen, un­ter­sucht wird so­wie in dem Auf­satz Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht; vgl. Schrif­ten II, S. 72 f.
  26. Das Kon­zept des Dis­kurs­wech­sels wird von La­can aus­ge­ar­bei­tet in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se.
  27. Die­se De­fi­ni­ti­on der Kas­tra­ti­on fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung; vgl. die Ta­bel­le in Ver­si­on Mil­ler, S. 67, 235, 317.
  28. Die Zei­chen­fol­ge −φ, mi­nus klein phi, als Sym­bol für die Kas­tra­ti­on wird von La­can ein­ge­führt in Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 29. April 1959; Ver­si­on Mil­ler 2013, S. 413.
  29. Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zum Flug­blatt fin­det man hier.
  30. Dies ist ei­nes der Haupt­the­men von La­cans Rein­ter­pre­ta­ti­on des Traums ei­nes Pa­ti­en­ten von Ella Shar­pe, vor­ge­tra­gen in Se­mi­nar 6 in den fünf Sit­zun­gen vom 14. Ja­nu­ar 1959 bis zum 11. Fe­bru­ar 1959.
  31. Die Ab­bil­dung des Gra­fen ist aus La­cans Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, in: Schrif­ten II, S. 193.
  32. In: Kät­zel, a.a.O, S. 177.

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