Graf des Begehrens

Lacans Formel des Phantasmas oder Ein Tomatenwurf

Power of Pussy (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Power of Pussy. Eine unendliche Geschichte des Feminismus.
Ein Theaterstück der Fräulein Wunder AG.
Aufgeführt 2010 im Jungen Theater Göttingen

Am 13. September 1968 hielt Helke Sander auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Stundenbundes (SDS) eine Rede; sie sprach für den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“. Als ihr Nachredner, Hans-Jürgen Krahl, sich dazu nicht äußern wollte, bewarf Sigrid Rüger ihn mit Tomaten. Diese Aktion gilt als Startsignal für die zweite Welle der Frauenbewegung in Deutschland.1

Wie stellt sich der Tomatenwurf dar, wenn man ihn mithilfe von Jacques Lacans Formel des Phantasmas beobachtet?

Das Ereignis

Quellen

Helke Sander 1999

„Was Sigrid Rüger machte, war vollkommen unerhört. Durch sie habe ich zum ersten Mal Zivilcourage in Aktion erlebt, die außerdem noch mir galt und gegen Widerstand für mich Raum schaffte. Ich wußte, daß das, was ich vertrat, da, wo ich das tat, im besten Fall unpopulär war, und daß Sigrid Rüger dabei riskierte, sich vollkommen lächerlich zu machen. Das schönste war, sie unterstützte mich und mein Vorhaben, ohne das, was ich vorhatte, unbedingt gutzuheißen. Ich kann sie damals nur vom Sehen. Soweit ich weiß oder soweit ich damals wußte, jetzt weiß ich es besser, war sie Teil des inneren SDS-Kreises, den ich darüber informierte, daß ich auch zu dieser Konferenz nach Frankfurt fahren würde, um dort eine Rede zu halten. Wir Frauen vom Aktionsrat hätten dem SDS etwas mitzuteilen. Nicht in Berlin, wie mir als Kompromiß während des Gesprächs angeboten wurde, sondern vor allen SDSlern aus dem ganzen Land sollte es sein, wie ich störrisch und vollkommen unerfahren immer wiederholte. Was ich denn sagen wollte, wurde ich gefragt. Daß Frauen eine Klasse seien, antwortete ich, schüchtern zwar, aber eisern. Als sich das Gelächter beruhigt hatte, sagte ich noch: Wenn sie es mir nicht erlauben würden, dort zu reden, würden wir eben mit 500 Frauen anreisen, und dann würden wir ja sehen. […]

Der kleine Kreis der männlichen Genossen, der über meinen Auftritt befinden sollte, war geschüttelt von Gelächter, in das sich Bemerkungen über die zu erwartende Blamage des Berliner SDS-Landesverbandes in Frankfurt mischten, wenn so eine wie ich dort plötzlich auftauchen würde, einen Platz des Berliner SDS besetzen und mit ihm identifiziert werden würde. Andererseits waren die Frauen eine neue Größe. Den Aktionsrat gab es, mit ungeheurem Zulauf, wir alle wußten es schon seit Monaten. Verprellen wollten sie uns auch nicht. Sie redeten mit Engelszungen auf mich ein, damit ich ihnen wenigstens die Rede vorher gebe, was ich verweigerte. Ich sagte wiederholt, das solle eine Überraschung werden. Ich wollte nur einen Platz für den Aktionsrat, denn der unterstütze ja weitgehend die Aktionen des SDS – also sollten sie mich reden lassen, und außerdem sei ich Mitglied.

Die Angelegenheit drehte sich im Kreise. Ich wurde freundlich und wiederholt darauf hingewiesen, daß es nicht üblich sei, auf einer Delegiertenkonferenz Themen zu besprechen, die dort nicht hin gehörten. Die Tagesordnung stehe fest, nicht jeder könne da reden, und das, worüber geredet würde, sei als Linie vorher lange festgelegt. Ich hatte keine Ahnung von diesen Feinheiten und blieb störrisch. In das allgemeine Chaos hinein sagte plötzlich diese Frau mit den roten Haaren, deren Beine auf einen Stuhl hochgelegt waren, die einen dicken Bauch hatte: ‚Wenn die Genossin nicht reden darf, komme ich mit Buttersäure.‘ Dieser Satz ist übrigens in meinem Film ‚Der subjektive Faktor‘ nachgestellt.

Alle waren platt. Ich auch. Sigrid war nicht irgendwer. Die Frauen im SDS (…) hatten was zu sagen, aber das, was gesagt wurde, bezog wie nirgendwo damals in der Gesellschaft die Geschlechterfrage ein. Das dämmerte offenbar gerade Sigrid, die hochschwanger war, und so setzte sie ihr ganzes intellektuelles Gewicht und ihre Beredsamkeit ein, um mit Rosa Luxemburg und der Freiheit der Andersdenkenden zu begründen, warum ich einen Rednerplatz haben sollte – passe es nun in die Tagesordnung oder nicht. Mir wurde klar, daß zwar auch Sigrid die meisten meiner Argumente: Frauen sind eine Klasse, nicht teilte, aber daran festhielt, daß an der Sache mit den Frauen was dran sein müsse und daß der SDS, wenn er denn ernstgenommen werden wolle als emanzipatorische Bewegung, genau das machen müsse: mich reden lassen. Sonst sei die Blamage später auf seiner Seite.

Und sie schaffte es, das Vorbereitungskomitee, wenn auch widerwillig, zu überzeugen. Ich bekam den Rednerplatz. Im Grunde war das ungeheuerlich und nahm mich trotz aller Konflikte sehr für den SDS ein. Man muß sich das mal vorstellen: Immerhin handelte es sich bei dieser Versammlung um so eine Art kleiner Parteitag. Die lange ausgehandelten Themen waren festgelegt, die Redner nach Proporz, Interessenverbänden, Reihenfolgen usw. Und dann kommt jemand und will mitreden und zwar zu einem Thema, das mit der Tagesordnung und mit allem, was überhaupt als politisch relevant galt, nichts zu tun hatte. […]

Wie sehr sie mich damals unter ihre Fittiche genommen hatte, habe ich eigentlich erst später gemerkt, denn sie hatte auch in Frankfurt ein wachsames Auge auf den Verlauf der Dinge. Zwar hatte ich einen Platz, taktisch geschickt war ich kurz vor die Mittagspause platziert worden, in der Hoffnung, daß so der Beitrag am ehesten und elegantesten untergehen würde und die wichtigeren Leute schon zu einem frühen Mittagessen aufbrechen konnten, wenn sie wollten. Aber sie wollten nicht. Denn bei den anderen Delegierten hatte es sich herumgesprochen, daß der berühmte, aber auch als arrogant verschrieene Berliner Landesverband ein komisches Problem am Bein hatte und kaum einer wollte sich den Spaß und auch die sichere Blamage der Berliner entgehen lassen. Und so war der Saal noch voll, als ich die Rede hielt. Vor der Pause. Sie wurde auch diskutiert, aber dazu waren die Tomaten nötig.

Nach der Mittagspause sollte Hans-Jürgen Krahl, der Hauptredner, sprechen, und Sigrid mit ihrer politischen Erfahrung wollte, daß meine vorher gehaltene Rede nicht unterging und – wie alle anderen Beiträge – öffentlich diskutiert wurde. Vielleicht wollte sie auch nur das, was sie angefangen hatte, konsequent durchziehen. Jedenfalls hatte sie sich in der Pause mit den damals noch zu kaufenden billigeren Suppentomaten, die es heute nicht mehr gibt, das Pfund zu 70 Pfennig, weiß ich noch genau, präpariert. Sie zeigte sie mir in einer braunen Tüte in einem Einkaufsnetz. Sie wollte die Diskussion erzwingen und sagte dann laut in die wiedereröffnete Versammlung sinngemäß, daß es der SDS, wenn er zu dieser Diskussion nicht bereit sei, verdient habe, so behandelt zu werden, wie er seinerseits das Establishment behandle. Sie konnte sich sehr gut ausdrücken und war klar und selbstsicher und stand da, mit ihrem grünen Kleid und den roten Haaren und dem dicken Bauch, und sah wunderbar aus. Und dann schmiß sie nacheinander zwei Pfund Suppentomaten, zuerst in vollkommene Stille und dann in Tumult. Frauen aus den verschiedenen SDS-Landesverbänden gründeten am Nachmittag ihre eigenen Weiberräte und lasen am nächsten Tag in der Frühe ihre erste eigene Resolution vor.

Mit dem Aktionsrat war die Rede übrigens vorher nur so ungefähr abgesprochen. Die Frauen hatten mir gesagt: Mach mal!“2

 

Der Spiegel, 23. September 1968

Der Spiegel-Artikel hat die Überschrift „Hü und Hott“. Hierin heißt es:

„Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines ‚Aktionsrates zur Befreiung der Frau [!]‘ aus, führte Klage über ‚Unterdrückung‘ weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser ‚Verdrängungsmechanismen‘ zu erkennen: ‚Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?‘ Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf ‚Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes‘ sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.“

 

Stern, 29. September 1968

Im Inhaltsverzeichnis des „Stern“ lautet die Überschrift des Berichts über die Delegiertenkonferenz „SDS-Mädchen proben den Aufstand. Tomaten für das Lustgefühl“. Im Artikel selbst ist die Überschrift etwas anders. In kleinerer Schrift heißt es zunächst „Nach den Studentenprotesten der letzten Jahre ist der SDS in politische Ratlosigkeit verfallen“. Dann folgt in großer Schrift „Tomaten für das Lustgefühl“. Im Artikel liest man:

„Die Genossin aus Westberlin ist wütend. Erregt springt sie auf und unterbricht den Mann am Mikrofon: ‚Hast du dich schon einmal gefragt, welche Rolle wir Frauen überhaupt spielen?‘

Hans Jürgen Krahl, brillante Autorität im antiautoritären Lager des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), hatte sich das noch nicht gefragt. ‚Ich werde darüber mal nachdenken‘, verspricht er lachend und will weiterreden. Doch dazu kommt er nicht mehr. Die streitbaren ‚SDS-Weiber‘ (Krahl) lassen sich auf dieser 23. ordentlichen Delegiertenkonferenz des aktivsten deutschen Studentenverbandes in Frankfurt nicht mehr abspeisen. Die Zwischenruferin, die Romanistik-Studentin Sigrid Rüger, schimpft weiter: ‚Genosse Krahl, siehst du, du bist ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!‘ Und dann fingert sie aus ihrer ledernen Handtasche Tomaten. Die erste trifft Krahl am Hals, er duckt sich hinters Mikrofon, die zweite landet an der Wand, die dritte trifft ihn wieder voll. Bekleckert geht der Funktionär an seinen Platz zurück. Die Delegierten toben vor Vergnügen. […]

Helke Sanders [!], die Sprecherin des in Berlin gegründeten ‚Aktionsrates zur Befreiung der Frauen‘, faßte das in Frankfurt so zusammen: ‚Die Herrschaft der Männer im SDS muß beseitigt werden.‘ Die Männer freuen solche Worte. Sie amüsieren sich und klatschen. Konsequenzen will keiner ziehen — auch nicht, als Helke Sanders provokativ fragt: ‚Warum sprecht ihr nur hier vom Klassenkampf und zu Hause vom Orgasmus?‘

Die Antwort gibt der SDS-Sextheoretiker Reimut Reiche. Er schildert das Dilemma so: ‚Die Emanzipation kann man genausowenig beschließen wie den Wunsch, einen Orgasmus zu kriegen oder die Revolution zu machen.‘ Reiche hält es für wichtiger, in Fabriken Automaten für Antibabypillen aufzustellen. Von den Frauen verlangt er, ihre Forderungen mit Kampfmaßnahmen durchzusetzen. Reiche: ‚Ihr müßt halt einfach den Geschlechtsverkehr verweigern.‘

Doch davon wollen die Genossinnen nichts wissen. Eine stellt die Gegenfrage: ‚Sollen wir denn dann mit Maschinen Lust gewinnen?‘

Die Antwort ist Gelächter. Niemand weiß einen Ausweg anzubieten. Auch der Berliner ‚Aktionsrat zur Befreiung der Frauen‘ nicht. Er verfaßt noch schnell eine Resolution, die allen Delegierten für den Nachhauseweg ausgehändigt wird. In ihr fordern sie eine Gesellschaft, die ‚alle Lebensverhältnisse erotisiert‘.“3

 

Sigrid Damm-Rüger 1988

„Zunächst gab es eine Debatte darüber, ob wir reden dürften, weil wir ja das Thema nicht vorbereitet hatten, bzw. die männlichen Genossen nicht auf das Thema vorbereitet waren. Aber nach einer heißen Debatte kam es dann doch noch dazu, daß eine Abstimmung zeigte, wir sollten reden und Helke Sander hielt eine Rede. […]

Als nach dieser Rede das alte Spiel sich neu abzuzeichnen begann, der SDS-Vorsitzende Hans-Jürgen Krahl erläuterte, warum er nun wieder zur vorgegebenen Tagesordnung übergehen müßte, trafen ihn und andere Mitglieder des Delegiertenkonferenz-Vorstandes die bewußten Tomaten. […]

Die Delegiertenkonferenz konnte nicht zur Tagesordnung übergehen, es wurde anhand einer über Nacht erstellten Resolution weiter über die Frauenproblematik diskutiert und die Delegiertenkonferenz mußte vertagt werden. Die Medien nahmen das Ereignis als Aufstand der Genossinnen gegen ihre Genossen wahr, und was dann geschah, dürfte bekannt sein. In vielen Universitätsstädten der Bundesrepublik wurden Aktions- oder Weiberräte gegründet.“4

 

Ines Lehmann 1999

„Ich habe mich auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS im September 1968 nach den Tomatenwürfen der Berliner SDS-Genossin Sigrid Rüger auf den Frankfurter SDS-Genossen Hans-Jürgen Krahl schützend vor diesen und gegen die Tomatenwerferin gestellt, und ich habe die Rede der SDS-Genossin Helke Sander kritisiert. […]

Und dann kam Helke Sander mit ihrem Abgesang auf den Männer-SDS, von dem sich die ausschließlich redenden Männer natürlich nicht provozieren lassen wollten. Also bewarf Sigrid den nach Worten ringenden, vielfach gehandikapten, aber zweifellos klarsten Kopf des damaligen SDS, Hans Jürgen Krahl, – sozusagen meinen letzten Hoffnungsträger – mit ihren Tomaten, so daß ich glaubte, ihm (und mir) zur Hilfe eilen zu müssen. Ich sprang also aufs Podium, drängte mich ans Mikrophon und rief zu gegenseitigem Verständnis und zu Toleranz auf und kritisierte die sezessionistischen Bestrebungen der Frauen vom Berliner ‚Aktionsrat‘ – an meine genauen Worte kann ich mich heute nicht mehr erinnern.“5

 

Halina Bendkowski 1999

„[…] ich erfuhr aber erst von Ines Lehmann, dass Hazel Rosenstrauch nach den Tomatenwürfen als erste Frau eine feministische Verteidigungsrede zugunsten von Sigrid Rüger und Helke Sander aus dem Stegreif hielt – und zwar als Kritikerin von ihr, Ines Lehmann.“6

 

Hazel Rosenstrauch 1999

„Leider ist mein spontaner Ausbruch auf dem ‚Tomatenkongreß‘ vor 30 Jahren, der als ‚erste feministische Rede im Nachkriegsdeutschland‘ gerühmt wurde, nirgends dokumentiert. Was aber hatte ich damals gesagt? Ich weiß es nicht mehr, die Erinnerungen sind überlagert von hundert Interpretationen dieser Zeit.“7

Ablauf

Vorgeschichte

5. Februar 1966: Bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg werfen Demonstranten zum ersten Mal Eier gegen das Amerika-Haus in Berlin.

Im April 1967 planen Mitglieder der Kommune I, den US-Vizepräsidenten Humphrey bei einem Berlin-Besuch mit Pudding, Joghurt und Mehl zu bewerfen; der Plan wird von der Politischen Polizei vereitelt, dadurch, dass die Mitglieder Kommune vorübergehend verhaftet werden.

Am 2. Juni 1967 werfen Demonstranten beim Berlin-Besuch des Schahs Farbbeutel, Mehltüten, Eier, Rauchkerzen und – Tomaten.8

Anfang 1968 gründen Helke Sander, Marianne Herzog und andere in Berlin den „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“.

Sander, 31 studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und ist SDS-Mitglied, davor hatte sie in Finnland als Regisseurin gearbeitet.

Sander beantragt im Berliner SDS, für die Delegiertenkonferenz des SDS, die im September in Frankfurt am Main stattfinden wird, einen Redeplatz zu erhalten. Sie will eine These vorstellen: Frauen sind eine Klasse. Es kommt zur Diskussion über den Antrag; nicht nur Männer, auch Frauen sind dagegen. Sigrid Rüger setzt im Berliner SDS durch, dass Sander die Rede in Frankfurt halten kann.

Rüger (später Damm-Rüger), 29, SDS-Mitglied, war von 1964 bis 1966 studentische Sprecherin der Philosophischen Fakultät der Freien Universität Berlin, 1965 bis 1966 zugleich studentische Sprecherin im Senat der FU. In ihrer Darstellung von 1988 bezeichnet sie sich als Mitglied des Aktionsrats, aber das ist offenbar eine Erinnerungstäuschung. Sander zufolge hatte Rüger mit der Arbeit des Aktionsrats nichts zu tun; mit der These „Frauen sind eine Klasse“ war sie vermutlich nicht einverstanden. Dem „Spiegel“ zufolge war Rüger Volkswirtschaftlerin, der „Stern“ meint, sie sei Romanistik-Studentin, im Wikipedia-Artikel stehen wieder andere Studienfächer. Sigrid Rüger ist sichtbar schwanger.

Sander spricht die Rede mit dem Aktionsrat im Groben ab und schreibt den Text.

Auf der Delegiertenkonferenz soll die Hauptrede von Hans-Jürgen Krahl gehalten werden.

Krahl, 26, promoviert bei Adorno über Marx und gilt als Kopf des Frankfurter SDS. Zum Zeitpunkt der Delegiertenkonferenz ist er vermutlich Mitglied des Bundesvorstands des SDS.9 Krahl war nie SDS-Vorsitzender, wie Damm-Rüger in der oben zitierten Passage annimmt.

 

Die 23. Delegiertenkonferenz des SDS

Die 23. Delegiertenkonferenz des SDS dauert vom 12. bis zum 16. September 1968.10 Ort ist der Festsaal der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Helke Sander bei ihrer Rede auf dem SDS-Delegiertenkongress 13-9-1968 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Helke Sander bei ihrer Rede auf dem SDS-Delegiertenkongress am 13. September 1968[note]Filmbild aus SWR-Report, September 1968; aus: Helke Sander: „Nicht Opfer sein, sondern Macht haben“. In: Kätzel, a.a.O., S. 160-179, hier: S. 168.[/note]

Am 13. September, vor der Mittagspause, hält Helke Sander auf der Delegiertenkonferenz die Rede für den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen.11

Während der Rede gibt es immer wieder Gelächter und Klatschen.

Nach der Rede gibt es keine Diskussion.

In der Mittagspause kauft Sigrid Rüger ein Kilo Suppentomaten, das Pfund zu 70 Pfennig. Sie zeigt Sander die braune Tüte in einem Einkaufsnetz.

Rüger kehrt in den Festsaal zurück; laut „Stern“ sind die Tomaten jetzt in ihrer ledernen Handtasche.

Direkt nach der Mittagspause geht Hans-Jürgen Krahl ans Mikrofon und beginnt mit seinem Vortrag. Krahl, der in der Lage ist, vor großer Zuhörerschaft improvisierte Reden zu halten, bezieht sich nicht auf seine Vorrednerin.

Sigrid Rüger (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Sigrid Rüger 1965[note]Foto: Raillon, (C) HSA FUB.[/note]

Rüger unterbricht ihn durch einen Zuruf: „Hast du dich schon einmal gefragt, welche Rolle wir Frauen überhaupt spielen?“

Krahl antwortet lachend: „Ich werde darüber mal nachdenken.“

Dann versucht er, die begonnene Rede fortzusetzen.

Rüger unterbricht ihn ein zweites Mal, diesmal ruft sie, laut „Stern“: „Genosse Krahl, siehst du, du bist ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu!“ Sander zufolge sagt Rüger sinngemäß: Wenn der SDS zu dieser Diskussion nicht bereit ist, hat er es verdient, so behandelt zu werden, wie er seinerseits das Establishment behandelt.

Direkt anschließend bewirft Rüger Krahl mit drei Tomaten (laut Stern) / mit sechs Tomaten (laut Spiegel) / mit zwei Pfund Tomaten (laut Sander). Eine von ihnen trifft ihn (laut Spiegel) / zwei treffen ihn (laut Stern). Damm-Rüger zufolge werden auch andere Mitglieder des Vorstands der Delegiertenkonferenz von ihren Tomaten getroffen.

Ines Lehmann stellt sich schützend zwischen Krahl und die Tomatenwerferin.

Zunächst herrscht Schweigen, dann bricht Tumult aus. Die Delegierten johlen.

Krahl gibt den Versuch auf, seine Rede zu halten; er geht zurück an seinen Platz.

Die  Delegiertenkonferenz wird auf andere Weise als geplant fortgesetzt.

Ines Lehmann drängt sich ans Mikrofon und ruft zu gegenseitigem Verständnis und zu Toleranz auf. Sie kritisiert die Bestrebungen der Frauen vom „Aktionsrat“ als sezessionistisch.

Aus dem Stegreif hält Hazel Rosenstrauch eine Verteidigungsrede für Helke Sander und Sigrid Rüger; sie kritisiert Ines Lehmann.

Sander zufolge gründen bereits am Nachmittag Frauen aus verschiedenen SDS-Verbänden ihre eigenen „Weiberräte“.

Sibylla Flügge schreibt 1975 über den Tomatenwurf: „Dieses Ereignis wurde als ganz unerhört empfunden, als so unglaublich, daß die SDS-Männer, aber auch die anwesenden Frauen, sich zunächst nicht dazu verhalten konnten.“12 Rosemarie Nave-Herz zufolge fanden die meisten SDS-Frauen die Aktion eher peinlich.13

 

Nachgeschichte

Am nächsten Tag in der Frühe lesen die neugegründeten Weiberräte eine erste eigene Resolution vor; es kommt zu Diskussionen über das Frauen-Thema.

Reimut Reiche, SDS-Vorsitzender von 1966/67, sagt (vermutlich als Antwort auf eine Resolution): „Die Emanzipation kann man genausowenig beschließen wie den Wunsch, einen Orgasmus zu kriegen oder die Revolution zu machen.“ Er empfiehlt den Frauen die Lysistrata-Taktik. Eine Frau fragt ihn: „Sollen wir denn dann mit Maschinen Lust gewinnen?“

Der Aktionsrat verteilt (vermutlich am letzten Tag) für den Nachhauseweg eine während des Kongresszeitraums verfasste Resolution.

Der Kongress beschließt, die Diskussionen in zwei Monaten fortzusetzen, auf der 24. Delegiertenkonferenz in Hannover.

Bald nach der September-Konferenz entstehen aus dem SDS heraus weitere Frauengruppen, darunter im November 1968 der Frankfurter Weiberrat.14

Auf dem 24. Delegiertenkongress des SDS in Hannover verteilt der Frankfurter Weiberrat das sogenannte Schwänze-Flugblatt.

Nach dem Tod von Sigrid Damm-Rüger Ende 1995 legen einige Frauen auf ihrem Grab einen Kranz mit Tomaten nieder.15

Die Formel des Phantasmas

Die Formel für das Phantasma wird von Lacan 1958 eingeführt.16 Sie sieht so aus:

$ ◊ a

– Das durchgestrichenes S (S barré), also das Symbol $, steht für das sujet barré, für das von der Sprache geprägte Subjekt, das von einem Teil von sich ausgesperrt (barré) ist, vom Unbewussten, und das insofern gespalten ist. In der Formel des Phantasmas symbolisiert $ speziell das Subjekt im Prozess des Verschwindens, des Fading, der Aphanisis., d.h. das Subjekt, das mit seiner Spaltung in der Weise konfrontiert ist, dass es einen Signifikanten sucht, der es repräsentiert, und dass es die Erfahrung macht, dass es einen solchen Signifikanten nicht gibt, dass es also auf der symbolischen Ebene verschwindet.
– Die Raute, das Symbol ◊, meint bei Lacan zunächst das Schema L, später aber  „Schnitt“, „Einschnitt“ (coupure).17
– Der Buchstabe a repräsentiert das „Objekt a“. Darunter versteht Lacan zunächst das Bild des anderen, sofern es die Funktion übernimmt, den Phallus zu symbolisieren – das, was dem Anderen fehlt – und damit zum Objekt des Begehrens wird18, später das Partialobjekt als Phallussymbol19.

Die Formel $ ◊ a ist insgesamt so zu lesen: Das gespaltene Subjekt – das Subjekt, das dabei ist, zu verschwinden –, in Beziehung zum Objekt a, d.h. zum Bild des anderen bzw. zum Partialobjekt, wobei diese Beziehung die Funktion hat, eine trügerische Vollständigkeit zu erzeugen.20

Im Folgenden stütze ich mich auf die Deutung der Formel, wie sie von Lacan in Seminar 6 entwickelt wird.

Die Struktur des Tomatenwurfs

– Das im Verschwinden begriffene Subjekt, $: der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen unter der Drohung des Übergehens zur Tagesordnung

Sigrid Damm-Rüger sagt zwanzig Jahre später in ihrem Rückblick:

„Die Widerstände der Berliner Genossen ließen uns erahnen, mit welchen Reaktionen wir auf der Delegiertenkonferenz zu rechnen hatten. Man würde uns einmal reden lassen und dann zur Tagesordnung übergehen.“

In Sanders Rede heißt es unter anderem:

„Wir werden versuchen, unsere Positionen zu klären, wir verlangen, daß unsere Problematik hier inhaltlich diskutiert wird. Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen.“

Was befürchtet wurde, tritt ein: Krahl, der von den Frauen des Aktionsrats und ihren Unterstützerinnen als Vertreter des SDS-Vorstands wahrgenommen wird, will zur Tagesordnung übergehen. Er macht dazu zwei Anläufe. Zunächst versucht er seine Rede zu halten, ohne sich zu seiner Vorrednerin zu äußern. Sigrid Rüger unterbricht ihn mit einem Zwischenruf, einer Frage, die ihn dazu bringen soll, sich zur Rede zu äußern. Krahl antwortet mit einer Verschiebungsfloskel („Ich werde darüber nachdenken“) und unternimmt einen zweiten Versuch, seine Rede zu halten. Dann fliegen die Tomaten.

Anlass für die Wurfaktion ist das, was Lacan „das Verschwinden des Subjekts hinter dem Signifikanten“ nennt oder „Fading“ (englisch für „Verschwinden“) oder „Aphanisis“ (griechisch für „Verschwinden“).

Das Verschwinden des (weiblichen) Subjekts ($) besteht darin, dass es im Diskurs des (männlichen) Anderen keinen Platz hat, dass es in der Rede des Anderen nicht repräsentiert ist. Im konkreten Fall besteht die Aphanisis in einer Erfahrung, die nicht nur Frauen machen, sie aber vermutlich häufiger als Männer: man sagt etwas, und die anderen sprechen danach so weiter, als ob man nichts gesagt hätte. Die Frauen vom Aktionsrat beschreiben das Verschwinden des weiblichen Subjekts mit einer prägnanten Wendung: „Übergehen zur Tagesordnung“.

– Das Objekt a als Bild des anderen: das Bild der idealen Frau und der Rollentausch

Sigrid Rüger reagiert auf das drohende Verschwinden des Subjekts mit einer Serie von Tomatenwürfen. Sie vollzieht damit eine rituelle Handlung; seit mehr als hundert Jahren bringen Zuhörer ihr Missfallen gegenüber Schauspielern und Politikern dadurch zum Ausdruck, dass sie sie mit Eiern und mit Tomaten bombardieren – eine Art Steinigung ohne Steine.

Der Tomatenwurf ermöglichte Rüger die imaginäre Lösung eines symbolischen Problems. Das Problem stellt sich für sie auf der symbolische Ebene: sie macht die Erfahrung, dass der Aktionsrat im Diskurs des Anderen – der SDS-Autorität – nicht repräsentiert ist. Die Lösung erfolgt dadurch, dass sie auf die imaginäre Ebene überwechselt, also dadurch, dass sie die Dimension des Körperbildes mobilisiert. Das im Verschwinden begriffene Subjekt verwandelt sich durch den Akt des Werfens für die Zuschauer in ein Bild der körperlichen Souveränität – vorausgesetzt, die Werferin trifft. In Lacans Terminologie: das Subjekt antwortet auf das drohende Verschwinden, indem es für das Publikum zum „Bild des anderen“ wird, zum kompetenten Körper, in dem die Zuschauerinnen sich spiegeln können. Die bereits zitierte Beschreibung des Spiegel-Journalisten evoziert dieses Bild: Als Krahl nichts sagen wollte,

„sprang […] die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger, 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf ‚Konterrevolutionär… Agent des Klassenfeindes‘ sechs Tomaten auf Krahl“.

Die durch die Merkmale der sexuellen Attraktivität („rothaarig“) und der Mutterschaft charakterisierte Frau springt auf und schleudert etwas: sie erscheint in der Pose der Diskuswerferin.

Helke Sander sagt 1999 über die tomatenwerfende Sigrid Rüger von 1968:

„Sie konnte sich sehr gut ausdrücken und war klar und selbstsicher und stand da, mit ihrem grünen Kleid und den roten Haaren und dem dicken Bauch, und sah wunderbar aus.“21

Das Subjekt (Helke Sander bzw. der Aktionsrat), das der Drohung ausgesetzt ist, im Diskurs des Anderen keinen Signifikanten zu haben, findet einen Repräsentanten auf der imaginären Ebene im Bild der anderen (im Bild von Sigrid Rüger).

In dem zu Beginn dieses Artikels reproduzierten Plakat, „Power of Pussy“, wird die Funktion „Bild des anderen“ (oder „Idealich“) durch die Figur der Superheldin veranschaulicht.

Die Tomate weiter werfen (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Plakataktion zum internationalen Frauentag 2010 in Münster

Im rechts wiedergegebenen Plakat des Münsteraner Autonomen FrauenLesbenPlenums wird das Bild der Idealfrau problematisiert (ganz im Sinne der Tomatenwerferin), vermutlich unabsichtlich: das Ziel des Tomatenwurfs ist hier das Bild des idealen Frauenkörpers. Mit Lacan zu sprechen: die einzige gelungene Handlung ist eine Fehlhandlung.

Der beworfene Politiker liefert das Gegenbild zur Diskuswerferin. Die Flecke auf Körper und Kleidung verleihen ihm ein beschämendes Aussehen. Das Sich-Schämen ist die affektive Seite des Verschwindens des Subjekts, die Antwort auf die Nicht-Anerkennung durch den Anderen.

Die Seiten haben gewechselt. Der männliche Andere (also Krahl als Repräsentant des SDS), der das weibliche Subjekt zum Verschwinden bringen wollte (Helke Sander und damit den Aktionsrat), ist jetzt selbst in der Position des verschwindenden Subjekts: er ringt, so ist anzunehmen, ausnahmsweise um Worte.

– Das Objekt a als Partialobjekt: die Tomate in ihrer Geworfenheit, der Blick

Die Tomate

Die bisherige Deutung verfehlt das Entscheidende. Das, was sich dem historischen Gedächtnis eingeprägt hat, ist die Szene des Tomatenwurfs, und dazu gehört logischerweise die Tomate, die ich bisher ausgeklammert habe, vor allem aber die Wurfbewegung, durch die sie in Erscheinung tritt.

Schuhwerfen auf Bush (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Die Tomaten, die von Sigrid Rüger geschleudert werden, haben eine orale und eine anale Konnotation. Die orale Bedeutung drängt sich auf: Tomaten dienen normalerweise als Nahrungsmittel; das gilt auch für die Eier, mit denen Politiker und Schauspieler beworfen werden, für das Mehl, mit dem der Schah attackiert wurde, sowie für den Pudding und den Joghurt, die auf den Vizepräsident Humphrey geschleudert werden sollten. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu einem analogen Ritual, das vor allem in der arabischsprechenden Welt verbreitet ist, dem Schuhwerfen. (Das nebenstehende Bild zeigt US-Präsident G.W. Bush als Ziel eines Schuhwurfs in Bagdad im Dezember 2008; der irakische Premierminister Nouri al-Maliki versucht, das Geschoss aufzuhalten.)

Der anale Aspekt des Tomatenwerfens besteht darin, dass der Adressat, wenn er getroffen wird, an ein Kind erinnert, das sich bekleckert hat, das also die Regeln der Sauberkeit nicht beherrscht. Das aktiv herbeigeführte Fallen eines Gegenstands verweist ebenfalls auf die Analsphäre. Im Idealfall sind die Tomaten und die Eier, die als Wurfgeschosse dienen, verfault; sie stinken – wie Kot. (Beim Schuhwerfen ist der anale Aspekt deutlicher: Schuhe gelten als unrein, vor allem ihre Sohlen.)

Durch den Wurf trennt das Subjekt sich auf demonstrative Weise von diesem oral-analen Objekt. Die Trennung, die „Separation“, macht den Gegenstand zu einem Objekt a im Sinne von Lacan22; das Objekt a ist letztlich nichts anderes als ein Wurfgeschoss. In Seminar 23 sagt Lacan:

„Das Objekt, das ich ‚klein a‘ genannt habe, ist tatsächlich nur ein einziges Objekt. Ich habe ihm den Namen des Objekts aus dem Grunde zugewiesen, weil das Objekt OB ist, Obstakel für die Ausbreitung des konzentrischen, das heißt des kugelförmig einhüllenden Imaginären. Begreifbar, das heißt mit der Hand ergreifbar, das ist der Begriff des Begriffs*, ergreifbar in der Art einer Waffe. Und um auf ein paar Deutsche zu verweisen, die gewiss keine Idioten waren, ist diese Waffe keineswegs eine Verlängerung des Arms, sondern von vornherein eine Wurfwaffe, eine Wurfwaffe von Anbeginn. Man hat nicht auf die Kanonenkugeln gewartet, um einen Bumerang zu werfen.“23

Im Phantasma hat das Objekt a eine kompensierende Funktion. Das Subjekt ist mit dem Fading konfrontiert, mit der Aphanisis, mit der Drohung, aus dem Diskurs zu verschwinden. In dieser Notlage wechselt es von der symbolischen zur imaginären Ebene und sucht sich hier ein Objekt als seinen Repräsentanten. Von diesem Gegenstand wird das Subjekt insofern repräsentiert, als er einen Abfall darstellt. Die Ausschließung des Subjekts aus dem Diskurs wird in ein anderes Register übersetzt: ein Gegenstand fungiert als Abfall-Objekt.

Die Schöpfung aus dem Nichts

Der Tomatenwurf von 1968 ist nicht einfach die Instantiierung eines überlieferten Rituals. Er enthält etwas Neues. Die Werfende ist eine Frau, der Beworfene ist ein Mann, und beides ist nicht akzidentell. Rüger wirft als Frau, sie bewirft ihren Adressaten als Mann. Das Wurfritual wird von ihr geschlechtlich kodiert. Damit setzt sie etwas Neues in die Welt.

Diese Schöpfung ist eine Schöpfung aus dem Nichts. Nicht in dem Sinne, dass hier etwas radikal Neues geschaffen würde – der Rügersche Tomatenwurf beruht, wie die meisten Erfindungen, auf einer Modifikation des Überlieferten. Wohl aber in dem Sinne, dass er auf das Nichts antwortet, auf die Gefahr des Verschwindens im Diskurs des Anderen.

Das Kind

Ein weiteres Merkmal verleiht diesem Wurf seine Besonderheit: die Werferin ist sichtbar schwanger. Damit sind zwei „Objekte“ im Spiel: die Tomate, die sie wirft, und das Kind, dass sie bald zur Welt bringen wird. Im politischen Kontext des Tomatenwurfs ist Schwangerschaft kein nebensächliches Merkmal; in der Rede von Helke Sander geht es um Frauen mit Kindern, insbesondere um Studentinnen mit Kindern.

Will McBride, Barbara mit Shawn im Bauch, 1960 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Wie reagieren, in der öffentlichen Wahrnehmung dieses Ereignisses, diese beiden „Objekte“ miteinander? Schwer zu sagen; im Stern-Artikel wird die Schwangerschaft nicht erwähnt.

1960 zeigte die Zeitschrift twen auf der Titelseite die nebenstehende Fotografie von Will McBride, Barbara mit Shawn im Bauch, was Empörung hervorrief. Das idealisierende Bild zeigt eine Frau, die in ihrem Inneren ein Objekt enthält, das zugleich verborgen und sichtbar ist und das sich demnächst von ihr trennen wird; in Lacans Terminologie ist das im Inneren des Idealbildes verborgene Objekt ein agalma, ein Schatz.24 Die vermutlich von diesem Foto ausgehende Bewegung, den Babybauch in das idealisierende Frauenbild zu integrieren (man denke an Annie Leibovitzʼ Coverfoto der schwangeren Demi Moore), scheint den Weg der Ikonographie des Tomatenwurfs nicht gekreuzt zu haben; auf den beiden in diesem Artikel wiedergegebenen Tomatenwurfplakaten sind die Frauen, soweit erkennbar, nicht schwanger.

Der Blick

Der Tomatenwurf richtet eine Botschaft an die Delegierten, die ungefähr so lautet: Er will uns in einen Diskursabfall verwandeln; schaut euch an, was für ein Bild er euch bietet, wenn ich ihn mit meinem Abfall schmücke. Der Beworfene wird hierdurch dem aggressiven beschämenden Blick des Publikums ausgesetzt, und damit kommt ein weiteres Objekt a ins Spiel: der Blick.

Helke Sander sagt in ihrer Rede: Die Frauen

„sind am ehesten dazu in der Lage, den Abfallhaufen des gesellschaftlichen Lebens ans Licht zu ziehen“.

„Ans Licht zu ziehen“, bezogen auf den Tomatenwurf heißt das: dem vernichtenden Blick der Tagungs-Öffentlichkeit auszusetzen. Der Satz verbindet vorausschauend die beiden Objekte a, die nach der Rede ins Spiel kommen werden: die Tomate als Abfallobjekt und den beschämenden Blick.

– Der Schnitt, ◊: der Diskurswechsel

Der Tomatenwurf soll verhindern, dass die Podiumssprecher zur Tagesordnung übergehen. Die Aktion ist erfolgreich; der Wurf erzeugt eine Zäsur. Er sorgt dafür, dass nach der Rede von Helke Sander anders gesprochen wird als vorher.

Die Zäsur, der Schnitt wird in der Formel des Phantasmas durch die Raute dargestellt, ◊. Mit „Schnitt“ ist die zeitliche Diskontinuität gemeint, auf der das Funktionieren von Signifikantenketten beruht. Im einfachsten Fall ist dies das Intervall zwischen zwei Signifikanten, etwa eine Sprechpause oder ein Punkt; typische Beispiele im Feld der Psychoanalyse sind der abgebrochene Satz und die Beendigung einer Sitzung.25 Für Lacan ist der Schnitt die letzte Grundlage der Sprache; in ihm manifestiert sich im Symbolischen das Reale, d.h. das, was der Symbolisierung hartnäckig widersteht. Derrida wird den Schnitt différance nennen.

Die politische Konstellation, in der der Tomatenwurf sich ereignet, ist der Konflikt zwischen den männlichen Mitgliedern des SDS, die die Machtpositionen besetzen, und den weiblichen Mitgliedern, die sich zum Aktionsrat zusammengeschlossen haben oder ihn unterstützen. Die beiden Gruppen sind nicht einfach unterschiedlicher Meinung. Sie reden aneinander vorbei. Das Sprechen ermöglicht ihnen nicht, eine Beziehung zueinander herzustellen. Dies ist das Reale im Sinne von Lacan, das Fehlen des Geschlechtsverhältnisses auf der symbolischen Ebene. Das Reale des Geschlechtsverhältnisses manifestiert sich nicht in der Rede von Helke Sander und nicht im von Sigrid Rüger vollzogenen Tomatenwurf, sondern im Schnitt, ◊: darin, dass nach der Rede und nach dem Wurf nicht zur Tagesordnung übergegangen wird. Das Reale, das sexuelle Verhältnis in seiner Nicht-Symbolisierbarkeit, manifestiert sich auf der symbolischen Ebene durch einen Diskurswechsel.26

Beim Tomatenwurf kommen also zwei unterschiedliche Einschnitte ins Spiel. Zum einen die Abtrennung eines Objekts durch einen Wurf. Zum anderen der Einschnitt im Diskurs: nachher wird anders gesprochen als vorher. Eben dies ist die Grundstruktur des Phantasmas: Das Verschwinden des Subjekts wird kompensiert durch das abgetrennte Objekt und mit ihm kommt der Schnitt ins Spiel.

Die Szene des Tomatenwurfs hat also die Struktur eines Phantasma im Lacanschen Sinne:

Erstes Phantasma
$: die Rede von Helke Sander, insofern sie unter der Drohung steht, dass zur Tagesordnung übergegangen wird,
◊: die Zäsur des Diskurswechsels,
a qua Bild des anderen: das Bild, das Sigrid Rüger bietet,
a qua Partialobjekt: die Tomate, insofern das Subjekt sich durch einen Wurf von ihr trennt.

Zweites Phantasma
$: der am Reden gehinderte und vermutlich um Worte ringende Hans-Jürgen Krahl,
◊: die Zäsur des Diskurswechsels,
a: der vernichtende Blick des Publikums.

Die beiden Phantasmen sind auf dialektische Weise miteinander verbunden: durch den  Umschlag ins Gegenteil. Aus dieser Verbindung gewinnt die Szene des Tomatenwurfs ihre Kraft.

Beruht jedes Ritual auf Phantasmen-Überlagerung? Vielleicht.

– Die Kastration, −φ: Orgasmusschwierigkeiten und Vibrator

Das Objekt a im Phantasma ist ein Symbol für die Kastration (deswegen ist seine Funktionsbedingung, dass es abgetrennt ist).

Lacan zufolge gibt es einen Signifikanten für das vom Diskurs ausgeschlossene Subjekt: den Phallus. Der Phallus ist für Lacan immer der Phallus-der-mir-fehlt; nicht das Symbol meiner Potenz, sondern der Signifikant meiner unaufhebbar mangelnden Potenz. Der Phallus (als das, was fehlt) repräsentiert das Subjekt, insofern es durch die Sprache einen Verlust erlitten hat. Dieser Signifikant ist urverdrängt, d.h. er kann nicht erinnert werden und er bildet den Anziehungspunkt der Verdrängung.

Die Kastration ist eine symbolische Aktion, eine (vorgestellte) Strafe, mit der das Gesetz implementiert wird, das Inzestverbot; sie bezieht sich auf ein imaginäres Objekt, auf den Phallus im imaginären Register, d.h. in der Ordnung der körperlichen (Un-)Vollkommenheit.27

Wenn man mit Lacan als Zeichen für den imaginären Phallus φ verwendet, klein phi, als Zeichen für die Kastration den Ausdruck −φ, minus klein phi28 und als Symbol für die Substitution den Bruchstrich, lässt sich der Zusammenhang zwischen dem Phantasma und der Kastration so darstellen:

Formel des Phantasmas mit Phallus (zu: Jacques Lacan, Phantasma)

Helke Sander fragt in ihrer Rede die männlichen SDS-Genossen:

„Warum kauft ihr euch denn alle den Reich? Warum sprecht ihr denn hier vom Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten? Ist das kein Thema für den SDS?“

Gemeint ist Wilhelm Reich, vor allem mit dem Buch Die Funktion des Orgasmus (1927), das ab 1965 im Universitätsmilieu als Raubdruck vertrieben wurde.

Um wessen Orgasmusschwierigkeiten geht es, um die des Mannes oder um die der Frau? Wie auch immer, die Rednerin bringt den Penis ins Spiel. Erstens unter dem Gesichtspunkt der Dysfunktion, sei es in Gestalt der orgasmischen Impotenz des Mannes, sei es in Gestalt des Unvermögens, der Partnerin zum Orgasmus zu verhelfen. Zweitens als Signifikant, unter dem Aspekt, dass über ihn öffentlich nicht gesprochen wird. Helke Sander begreift das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatleben als Beziehung zwischen der verdrängenden Instanz und dem Verdrängten; die Orgasmusschwierigkeiten gehören zum Privatleben, zum Verdrängten. In der Begrifflichkeit von Lacan geht es um den Signifikanten des imaginären Phallus, φ, um die Penisvorstellung unter dem Gesichtspunkt körperlicher Unvollkommenheit. Der Tomatenwurf bezieht sich unter anderem darauf, dass über den Penis, insofern er ausfällt, öffentlich nicht gesprochen werden kann. Die Tomate und der vernichtende Blick des Publikums symbolisieren nicht zuletzt den verdrängten imaginären Phallus.

Als nach der Rede Reimut Reiche den Frauen empfiehlt, den Geschlechtsverkehr zu verweigern, fragt eine: „Sollen wir denn dann mit Maschinen Lust gewinnen?“ Sie konfrontiert den nicht so recht funktionierenden Penis mit einem Vibrator, mit einem perfekt funktionierenden imaginären Phallus.

Bei der nächsten Delegiertenkonferenz des SDS, im November 1968 in Hannover, verteilt der im selben Monat gegründete Frankfurter Weiberrat ein Flugblatt.29

Frankfurter_Weiberrat_-_Flugblatt_1968_-_Seite_1 (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Die eine Seite ist rechts abgebildet (zum Vergrößern anklicken). Auf der anderen Seite des Flugblatts wird das Konzept des Penisneids ironisch zurückgewiesen: durch Überaffirmation.

„kotzen wir’s öffentlich aus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational, penisneidisch, lustfeindlich hart, viril spitätg [!], zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch penisneidisch, penisneidisch“

Es folgt die Hauptbotschaft:

„frauen sind a n d e r s!“

Und dann die Aufforderung:

„BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BÜRGERLICHEN SCHWÄNZEN ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! ! !“

Im historischen Rückblick und vermutlich auch in der Perspektive der Teilnehmerinnen und der Teilnehmer überlagern sich die beiden Aktionen: der Tomatenwurf und die Kastrationsdrohung. Der Tomatenwurf, durch den ein Mitglied des SDS-Vorstands dem beschämenden Blick ausgesetzt wurde, wird zum Symbol der Kastrationsdrohung.

Von feministischer Seite ist der Haupteinwand gegen die Psychoanalyse ihr Phallozentrismus. Die zweite Phase der deutschen Frauenbewegung beginnt phallozentrisch, das ist eine historische Tatsache.

Allerdings: Die Begriffe des Penisneids und der Kastrationsdrohung werden im Flugblatt ironisiert. Geht es um den Phallus oder geht es nicht um den Phallus? Das lässt sich nicht eindeutig feststellen. Und genau das ist, Lacan zufolge, die Existenzweise des Phallus: der Phallus ist ein Signifikant, der einem beständig entwischt.30

Ein Phantasma als Stütze des politischen Begehrens

Graf des Begehrens - Linie Begehren - Phantasma gelb (zu: Jacques Lacan, Phantasma)Das Phantasma hat, Lacan zufolge, eine bestimmte Funktion: es hält das Begehren in Gang. Im Grafen des Begehrens wird dies durch die Pfeillinie dargestellt, die das Begehren (d für désir, „Begehren“) mit dem Phantasma ($◊a) verbindet; in der nebenstehenden Abbildung des Grafen habe ich sie gelb gefärbt.31

Der Tomatenwurf gilt als Auslöser für die zweite Phase der Frauenbewegung in Deutschland. Die phantasmatische Szene stützt ein Begehren, ein politisches Begehren: das Begehren, dass die Beziehungen zwischen den Geschlechtern radikal anders werden.

2002 schreibt Helke Sander:

„Bei Bewegungen egal, welche es sind, gibt es immer eine Aufbruchstimmung, wo viele Fragen neu gestellt werden, und dann schüttelt sich das irgendwie so ins Gebräuchliche.“32

Wie könnte das politische Begehren besser artikuliert werden als mit diesem Satz: „und dann schüttelt sich das irgendwie so ins Gebräuchliche“.

Verwandte Artikel

Anmerkungen

  1. Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung, Feministisches Institut (Hg.): Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion. Mit einer Einleitung von Halina Bendkowski. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 1999. Dokumentation des Kongresses „Wie weit flog die Tomate“ am 31. Oktober 1998 in der Freien Universität Berlin, Kongresskonzeption: Halina Bendkowski.
  2. Helke Sander: Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt. In: Wie weit flog die Tomate?, a.a.O., S. 43-56, hier: S. 47 f., 50-53.
  3. Manfred Bissinger: Tomaten für das Lustgefühl. Stern, Nr. 39, 29. September 1968, S. 33 f., im Internet hier.
  4. In: 1968. Vorgeschichte und Konsequenzen. Ringvorlesung im Sommersemester 1988 an der Freien Universität Berlin. Darin: Veranstaltung vom 1. Juni 1988: „Antiautoritärer Anspruch und Frauenemanzipation – Die Revolte in der Revolte“. Teilnehmerinnen: Sylvia Bovenschen, Sigrid Damm-Rüger und Sybille Plogstedt. Diskussionsleitung: Halina Bendkowski. Im Internet hier.
  5. Ines Lehmann: Auf der Hut vor Nebenwidersprüchen. In: Wie weit flog die Tomate?, a.a.O., S. 57-64, hier: 57. Vgl. auch ihren selbstkritischen Rückblick von 2008: hier.
  6. Halina Bendkowski: Wie weit flog die Tomate? 1968-1998 – auf den Spuren der 68erinnen. In: Wie weit flog die Tomate?, a.a.O., S. 11-22 hier: S. 18.
  7. Hazel Rosenstrauch: Ich hab noch einen Koffer mit 68er Kram. In: Wie weit flog die Tomate?, a.a.O., S. 65-70, hier: S. 65.
  8. Vgl. den Wikipedia-Artkel „Benno Ohnesorg„.
  9. Im Folgejahr, 1969, ist er Mitglied des SDS-Bundesvorstands; im Oktober 1969 beginnt gegen ihn ein Prozess wegen einer Demonstration, die am 23. September 1968 stattfand; also war er vermutlich bereits während der Delegiertenkonferenz im September 1968 Mitglied des Bundesvorstands.
  10. Vgl. Ute Kätzel: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration. Rowohlt, Berlin 2002, S. 313.
  11. Helke Sander: Rede des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen bei der 23. Delegiertenkonferenz des „Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (SDS) im September 1968 in Frankfurt. In: Hilke Schlaeger (Hg.): Mein Kopf gehört mir. Zwanzig Jahre Frauenbewegung. Frauenoffensive aktuell, München 1988, S. 12-22.- Zur Rede vgl. auch: Helke Sander: Das Private ist das Politische (Im Inhaltsverzeichnis: Der Lauf der Bewegung. Gedanken beim Wiederhören einer Rede). Interview, geführt von Hilke Schlaeger. In: Schlaeger, Mein Kopf gehört mir, a.a.O., S. 23-36.
  12. Frauenjahrbuch 1, Frankfurt am Main 1975, im Internet hier.
  13. Vgl. Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1997, fünfte überarbeitete und ergänzte Auflage, im Internet hier, S. 40. Nave-Herz beruft sich hierfür auf: A. Schwarzer: So fing es an: Die neue Frauenbewegung. Köln 1981, S. 13, und auf I. Schmidt-Harzbach: „Frauen erhebt Euch“ – Als Frau im SDS und im Aktionsrat. In: Mein Kopf gehört mir – 20 Jahre Frauenbewegung. Hg. v. H. Schlaeger.  München 1988, S. 54.
  14. Vgl. Nave-Herz, a.a.O., S. 40
  15. Dorothee Damm: Meine Mutter, die ’68erin. In: Wie weit flog die Tomate?, a.a.O., S. 25-29, hier: S. 25.
  16. Jacques Lacan stellt die Formel des Phantasmas erstmals in Seminar 5 vor, in der Sitzung vom 30. April 1958 (vgl. Version Miller/Gondek, S. 433).
    Veröffentlicht wird sie in der Zusammenfassung des Seminars durch Jean-Bertrand Pontalis im Bulletin de psychologie vom 15. Dezember 1958 (vgl. J.-B. Pontalis: Zusammenfassende Wiedergaben der Seminare IV – VI von Jacques Lacan. Turia + Kant, Wien 2. durchgesehene Auflage 1999, S. 127 f., 133).
    In Lacans Aufsätzen findet man die Formel zum ersten Mal 1961 in einer Fußnote von Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, einem Vortrag von 1958, der 1961 veröffentlicht wurde; die Fußnote wurde für die Schriften von 1966 überarbeitet, die Formel erscheint jedoch bereits in der Version 1961 (vgl. für die Version von 1961: Pas-tout Lacan, S. 786, für die Version von 1966: Schriften I, S. 227 Fn. 31).
    Lacan verwendet die Formel des Phantasmas zuletzt in Seminar 20 von 1972/73, Encore (vgl. Version Miller/Haas u.a., S. 87).
    In Die Ausrichtung der Kur bezeichnet Lacan die Formel als „Algorithmus“ (Schriften II, S. 227 Fn. 31). Das ist irreführend; unter einem Algorithmus versteht man üblicherweise eine Handlungsvorschrift, die in mehreren Schritten mit Sicherheit zur Lösung eines Problems führt, wie etwa das Verfahren der schriftlichen Division. Gegenbegriff zu „Algorithmus“ (im üblichen Sinne) ist „Heuristik“, eine Handlungsvorschrift, die die Wahrscheinlichkeit der Problemlösung erhöht, aber nicht mit Sicherheit zu einem Ergebnis führt. Lacans Technik der quasi-algebraischen Notation ist eine Heuristik.
    Die Bezeichnung „Mathem“ für die quasi-algebraische Schreibweise verwendet Lacan ab Seminar 19 von 1971/72 „… oder schlimmer“.
  17. Die Deutung als Schnitt wird zuerst in Seminar 6 vorgetragen, ab dem 20. Mai 1959.
  18. Die Deutung des a in der Formel des Phantasmas als Bild des anderen wird ausführlich entwickelt in Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung. Eines der Beispiele ist Ophelia als Objekt des Begehrens von Hamlet.
  19. Die Deutung des Begriffs „Objekt a“ als Partialobjekt wird am Schluss von Seminar 6 angedeutet, systematisch ausgeführt wird sie zuerst in Seminar 10 von 1962/63, Die Angst.
  20. Vgl. etwa diese Bemerkung Lacans: „Denn das Phantasma ist nichts anderes als diese Konjunktion der Entzweiung* des Subjekts mit dem a, dank es dessen einer trügerischen Vollständigkeit gelingt, das zu überdecken, was es mit der Unmöglichkeit des Realen auf sich hat.“ (Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse, Sitzung vom 16. Juni 1965; meine Übersetzung nach Version Staferla. Wort mit Sternchen im Original deutsch.)
  21. Der Seele ist das Gemeinsame eigen, das sich mehrt, a.a.O., S 52.
  22. Den Begriff der Separation entwickelt Lacan in Seminar 11, ab der Sitzung vom 27. Mai 1964.
  23. Seminar 23, Sitzung vom 10. Februar 1976, meine Übersetzung nach Version Staferla, das Sternchen zeigt an, dass Lacan das deutsche Wort verwendet; vgl. Version Miller, S. 86; Kleiner-Übersetzung, S. 94.
  24. Die Beziehung zwischen dem Idealbild und dem Objekt a als Schatz (agalma) in seinem Inneren ist Thema von Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung.
  25. Den Begriff des Schnitts führt Lacan in Seminar 6 ein, in den Sitzungen ab dem 20. Mai 1959.
    Der abgebrochene Satz – z.B. „Nun will ich mich …“ – gehört zu Schrebers Psychose, die von Lacan in Seminar 3 von 1956/57, Die Psychosen, untersucht wird sowie in dem Aufsatz Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht; vgl. Schriften II, S. 72 f.
  26. Das Konzept des Diskurswechsels wird von Lacan ausgearbeitet in Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse.
  27. Diese Definition der Kastration findet man zuerst in Seminar 4 von 1956/57, Die Objektbeziehung; vgl. die Tabelle in Version Miller, S. 67, 235, 317.
  28. Die Zeichenfolge −φ, minus klein phi, als Symbol für die Kastration wird von Lacan eingeführt in Seminar 6, Sitzung vom 29. April 1959; Version Miller 2013, S. 413.
  29. Hintergrundinformationen zum Flugblatt findet man hier.
  30. Dies ist eines der Hauptthemen von Lacans Reinterpretation des Traums eines Patienten von Ella Sharpe, vorgetragen in Seminar 6 in den fünf Sitzungen vom 14. Januar 1959 bis zum 11. Februar 1959.
  31. Die Abbildung des Grafen ist aus Lacans Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens, in: Schriften II, S. 193.
  32. In: Kätzel, a.a.O, S. 177.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.