Einziger/einzelner Zug

Einziger/einzelner Zug (I): primäre Identifizierung

Ishango Knochen - zu Jacques Lacan, einziger ZugIs­han­go-Kno­chen (zwei Ab­bil­dun­gen des­sel­ben Kno­chens), 10 cm, ca. 20.000 Jah­re alt, ge­fun­den in der heu­ti­gen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go
Mu­sé­um des sci­en­ces na­tu­rel­les de Bel­gi­que

Er­wei­ter­te Fas­sung ei­nes Tex­tes, der zu­erst am 3. No­vem­ber 2014 er­schien, als Teil des Ar­ti­kels „‚La­can ent­zif­fern‘ in Zif­fern“

In Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se un­ter­schei­det Freud drei For­men der Iden­ti­fi­zie­rung:
– die präö­di­pa­le Iden­ti­fi­zie­rung mit dem idea­li­sier­ten Va­ter,
– die ödi­pa­le re­gres­si­ve Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Lie­bes- bzw. Hass­ob­jekt,
– die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Be­geh­ren ei­nes an­de­ren, der kein Lie­bes­ob­jekt ist1 (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Es fällt auf, schreibt Freud, dass die zwei­te Form der Iden­ti­fi­zie­rung, die mit der ge­lieb­ten oder un­ge­lieb­ten Per­son,

eine par­ti­el­le, höchst be­schränk­te ist, nur ei­nen ein­zi­gen Zug von der Ob­jekt­per­son ent­lehnt.“2

In den Se­mi­na­ren 8 und 9 greift La­can Freuds Rede vom „ein­zi­gen Zug“ auf und ent­wi­ckelt von hier aus eine Kon­zep­ti­on des trait un­aire, was nicht so sehr „ein­zi­ger Zug“ meint, als viel­mehr „ein­zel­ner Zug“ und „ein­zel­ner Strich“ (Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung).3

Un­ter der Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem ein­zel­nen Zug ver­steht La­can, an­ders als Freud, die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung. In Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­bleme für die Psy­cho­ana­lyse, be­zieht sich La­can auf die pri­märe Iden­ti­fi­zie­rung, die Iden­ti­fi­zie­rung des ein­zel­nen Zugs, die Iden­ti­fi­zie­rung des I, von wo aus sich für das Sub­jekt ir­gendwo al­les ord­net“, als dem Punkt des­sen, „was er­rich­tet wird als In­ter­sub­jek­ti­vi­tät“30. In der schrift­li­chen Zu­sam­men­fas­sung von Se­mi­nar 12 wie­der­holt La­can die Zu­ord­nung des ein­zel­nen Zugs zur pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung. Es gebe ei­nen „Ter­mi­nus“, heißt es dort, den wir in ei­nem an­de­ren Zu­sam­men­hang den ein­zel­nen Zug ge­nannt ha­ben, die Mar­kie­rung ei­ner pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung, die als Ide­al funk­tio­nie­ren wird“31. In Se­mi­nar 15 spricht er von die­sem be­rühm­ten gro­ßen I des ein­zel­nen Zugs, dem­je­ni­gen, von dem man aus­geht, um zu se­hen, wie sich in der Ent­wick­lung tat­säch­lich die­ser Me­cha­nis­mus der Ein­wir­kung des Si­gni­fi­kan­ten, wie er sich in der Ent­wick­lung her­stellt, näm­lich die pri­märe Iden­ti­fi­zie­rung“32.

La­cans Be­zug­nahme auf Freud ist also, was den „einzigen/einzelnen/unären Zug“ an­geht, ziem­lich ver­wi­ckelt: Wenn Freud von der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem „ein­zi­gen Zug“ spricht, be­zieht Freud sich da­mit auf die ödi­pale Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ver­lo­re­nen Lie­bes­ob­jekt. Freud un­ter­schei­det die­se Form der Iden­ti­fi­zie­rung von zwei an­de­ren Iden­ti­fi­zie­rungs­ar­ten, von der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung und von der hys­te­ri­schen Iden­ti­fi­zie­rung.33 La­can nimmt eine an­dere Zu­ord­nung vor, er ent­lehnt von Freud den Aus­druck „ein­zi­ger Zug“, deu­tet ihn um in den „ein­zel­nen Zug“ oder „unä­ren Zug“ und setzt die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug mit der pri­mä­ren Iden­ti­fi­zie­rung gleich.

Die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung ist die Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem „ein­zel­nen Zug“, die Ein­schrei­bung ei­ner Art Ein­zel­strich – so lau­tet die The­se.

Von Se­mi­nar 9 gibt es kei­ne of­fi­zi­el­le fran­zö­si­sche Aus­ga­be und auch kei­ne deut­sche Ver­si­on. Im Fol­gen­den über­set­ze ich aus die­sem Se­mi­nar zwei Pas­sa­gen zum „ein­zi­gen Zug“.

Zur Über­set­zung: Wör­ter mit Stern* sind im Ori­gi­nal deutsch.

Die Strichliste

Ei­nes von La­cans Bei­spie­len für den trait un­aire qua Ein­zel­strich ist die Ker­be auf ei­nem Kerb­stock. Zu ei­nem ähn­li­chen Ob­jekt wie dem oben ab­ge­bil­de­ten sagt er:

Ich bin an ei­nem wirk­lich au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ort ge­we­sen, und viel­leicht wer­de ich mit mei­nen Be­mer­kun­gen ja schließ­lich da­für sor­gen, dass die Wüs­te sich be­lebt, ich mei­ne, dass ei­ni­ge von Ih­nen sich dort­hin be­ge­ben, näm­lich ins Mu­se­um von Saint-Ger­main. Das ist fas­zi­nie­rend, das ist hin­rei­ßend. Und das wird es mehr noch dann sein, wenn Sie ver­su­chen, je­man­den zu fin­den, der be­reits vor Ih­nen da­ge­we­sen ist, denn es gibt kei­nen Ka­ta­log, kei­nen Plan, und es ist völ­lig un­mög­lich, zu wis­sen, was wo ist und was was ist und sich in der Fol­ge die­ser Räu­me zu­recht­zu­fin­den.

Es gibt da ei­nen Saal, der Pi­et­te-Saal heißt, mit dem Na­men des Frie­dens­rich­ters, der ein Ge­nie war und auf dem Ge­biet der Vor­ge­schich­te ganz au­ßer­ge­wöhn­li­che Ent­de­ckun­gen ge­macht hat, näm­lich be­stimm­te klei­ne Ge­gen­stän­de, im all­ge­mei­nen von sehr ge­rin­ger Grö­ße, die zum Fas­zi­nie­rends­ten ge­hö­ren, was man se­hen kann. (…) Aber durch eine Vi­tri­ne hin­durch wer­den Sie se­hen kön­nen, das ist sehr ein­fach zu se­hen, denn auf­grund der tes­ta­men­ta­ri­schen Ver­fü­gun­gen die­ses be­mer­kens­wer­ten Men­schen ist man ab­so­lut ge­zwun­gen, al­les in der größ­ten Un­ord­nung zu be­las­sen, mit völ­lig ver­al­te­ten Be­schrif­tun­gen, die auf den Ge­gen­stän­den an­ge­bracht wur­den. Den­noch hat man es ge­schafft, auf Plas­tik­tei­len et­was an­zu­brin­gen, was es ei­nem er­mög­licht, den Wert ei­ni­ger die­ser Ge­gen­stän­de zu er­mes­sen.

Wie soll ich zu Ih­nen über das Ge­fühl spre­chen, das mich er­griff, als ich, über eine die­ser Vi­tri­nen ge­beugt, auf ei­ner dün­nen Rip­pe, of­fen­sicht­lich der Rip­pe ei­nes Säu­ge­tiers – ich weiß nicht ge­nau, wel­ches, und ich weiß nicht, ob je­mand es bes­ser weiß als ich, von der Gat­tung Reh oder Hirsch –, als ich auf ei­ner Rip­pe eine Rei­he von klei­nen senk­rech­ten Stri­chen [bâ­tons] sah, zu­nächst zwei, dann ein klei­ner Ab­stand, da­nach fünf, und dann fängt es wie­der von vorn an. Aha, sag­te ich mir – in­dem ich mich mit mei­nem ge­hei­men oder öf­fent­li­chen Na­men an­re­de­te –, des­halb also, Jac­ques La­can, ist dei­ne Toch­ter nicht stumm.4 Dei­ne Toch­ter ist dei­ne Toch­ter, denn wenn wir stumm wä­ren, wäre sie über­haupt nicht dei­ne Toch­ter.5 Of­fen­kun­dig hat das durch­aus ei­nen Vor­teil, auch wenn wir in ei­ner Welt le­ben, die mit der ei­nes all­ge­mei­nen Ir­ren­hau­ses gut ver­gleich­bar ist, ein Er­geb­nis der Exis­tenz von Si­gni­fi­kan­ten, das, wie Sie noch se­hen wer­den, nicht we­ni­ger si­cher ist.

Die­se senk­rech­ten Stri­che, die erst sehr viel spä­ter er­schei­nen, meh­re­re tau­send Jah­re nach dem Zeit­punkt, als Men­schen in der Lage wa­ren, Ge­gen­stän­de von rea­lis­ti­scher Ge­nau­ig­keit her­zu­stel­len, nach­dem man im Au­rigna­ci­en Bi­sons ge­macht hat­te, de­nen wir, vom Stand­punkt der Kunst des Ma­lers aus be­trach­tet, noch im­mer hin­ter­her­lau­fen kön­nen. (…) Nun, erst sehr viel spä­ter fin­den wir die Spur von et­was, was un­zwei­deu­tig zum Si­gni­fi­kan­ten ge­hört. Und die­ser Si­gni­fi­kant ist ganz al­lein, denn man­gels In­for­ma­ti­on den­ke ich nicht dar­an, die­ser klei­nen Ab­stands­ver­grö­ße­rung, die es in die­ser klei­nen Li­nie von senk­rech­ten Stri­chen ir­gend­wo gibt, eine spe­zi­el­le Be­deu­tung zu ge­ben; das ist mög­lich, aber dar­über kann ich nichts sa­gen.

Was ich hin­ge­gen sa­gen will, ist dies, dass wir hier et­was auf­tau­chen se­hen, wor­über ich nicht sage, dass es das ers­te Er­schei­nen ist, aber auf je­den Fall ist es ein si­che­res Er­schei­nen von et­was, wo­von Sie se­hen, dass es sich völ­lig von dem un­ter­schei­det, was man als qua­li­ta­ti­ve Dif­fe­renz be­zeich­nen kann.

Je­der die­ser Stri­che [traits] ist mit sei­nem Nach­barn kei­nes­wegs iden­tisch. Aber sie funk­tio­nie­ren nicht des­halb auf un­ter­schied­li­che Wei­se, weil sie sich von­ein­an­der un­ter­schei­den, son­dern des­halb, weil die Si­gni­fi­kan­ten­dif­fe­renz an­ders ist als al­les, was sich auf die qua­li­ta­ti­ve Dif­fe­renz be­zieht, wie ich Ih­nen mit den klei­nen Din­gen ge­zeigt habe, die ich vor Ih­nen habe her­um­krei­sen las­sen. Die qua­li­ta­ti­ve Dif­fe­renz kann die Sel­big­keit des Si­gni­fi­kan­ten ge­le­gent­lich so­gar be­kräf­ti­gen. Die­se Sel­big­keit wird eben da­durch ge­bil­det, dass der Si­gni­fi­kant als sol­cher dazu dient, die Dif­fe­renz in rei­nem Zu­stand zu kon­no­tie­ren, und der Be­weis da­für be­steht dar­in, dass das Ein bei sei­nem ers­ten Er­schei­nen die Viel­zahl als sol­che be­zeich­net.

An­ders ge­sagt: Ich bin Jä­ger, denn wir be­fin­den uns wahr­schein­lich auf der Stu­fe von Mag­d­alé­ni­en IV. Gott weiß, ein Tier zu fan­gen, das war da­mals nicht sehr viel ein­fa­cher als es heut­zu­ta­ge für die­je­ni­gen ist, die als Busch­män­ner be­zeich­net wer­den. Das war wirk­lich ein Aben­teu­er! Es scheint, dass man das Tier, nach­dem man es ge­trof­fen hat­te, lan­ge ver­fol­gen muss­te, um zu se­hen, wie es der Wir­kung des Gif­tes er­lag. Ich habe ei­nes ge­tö­tet, das ist ein Aben­teu­er. Ich töte ein wei­te­res, das ist ein zwei­tes Aben­teu­er, das ich vom ers­ten durch be­stimm­te Merk­ma­le un­ter­schei­den kann, das ihm dar­in aber we­sent­lich ähn­lich ist, dass es auf der­sel­ben all­ge­mei­nen Li­nie mar­kiert ist. Beim vier­ten kann sich Ver­wir­rung ein­stel­len: was un­ter­schei­det es bei­spiels­wei­se vom zwei­ten?

Der Mar­quis de Sade, in Mar­seil­le in der Rue Pa­ra­dis mit sei­nem klei­nen Die­ner ein­ge­schlos­sen, ging auf die­sel­be Wei­se vor, hin­sicht­lich der Schlä­ge, die er be­zog, wie un­ter­schied­lich sie auch sein moch­ten, in Ge­sell­schaft die­ses Part­ners oder auch mit ei­ni­gen Kom­par­sen, die sich wie­der­um von­ein­an­der un­ter­schie­den. Die­ser ex­em­pla­ri­sche Mensch – des­sen Be­zie­hun­gen zum Be­geh­ren si­cher­lich von ei­ner Glut ge­kenn­zeich­net sein muss­ten, die we­nig üb­lich ist, was auch im­mer man da­von den­ken mag – mar­kier­te am Kopf­en­de sei­nes Bet­tes, so sagt man, mit klei­nen Stri­chen je­den der Schlä­ge, um es klar zu sa­gen, auf de­ren Aus­füh­rung er dräng­te, an die­sem ein­zig­ar­ti­gem vor­über­ge­hen­den Rückzugsort (retrai­te). Si­cher­lich muss man in das Aben­teu­er des Be­geh­rens selbst tief ver­wi­ckelt sein – zu­min­dest nach al­lem, was der üb­li­che Gang der Din­ge uns über die ge­wöhn­lichs­te Er­fah­rung der Sterb­li­chen lehrt –, um das Be­dürf­nis zu ha­ben, die Ab­fol­ge sei­ner se­xu­el­len Voll­zü­ge auf sol­che Wei­se fest­zu­hal­ten.“6

Der senk­rech­te Strich heißt im Fran­zö­si­schen auch ba­tôn, „Stock“, „Stab“. Dazu gibt es im Deut­schen eine Ent­spre­chung. Der Strich, mit dem ein Leh­rer am Heftrand ei­nen Feh­ler mar­kiert, hieß frü­her auch „Knüp­pel“.

An der zi­tier­ten Stel­le be­zeich­net La­can den trait aus­drück­lich als Si­gni­fi­kan­ten; er rech­net ihn also zur Ord­nung des Sym­bo­li­schen.

In Se­mi­nar 11 fasst er die Ar­gu­men­ta­ti­on aus Se­mi­nar 9 so zu­sam­men:

Im Ge­gen­satz dazu ver­wen­den wir in un­se­rem Vo­ka­bu­lar das Sym­bol des schräg­ge­stri­che­nen S [$] für das Sub­jekt, so­fern es zweit­kon­sti­tu­iert ist in be­zug auf den Si­gni­fi­kan­ten. Aus Grün­den der An­schau­lich­keit will ich Sie dar­an er­in­nern, daß die Sa­che sich auf die ein­fachs­te Wei­se in je­nem ein­zi­gen Zug / trait un­aire dar­stel­len läßt. Der ers­te Si­gni­fi­kant, das wäre die Ker­be, die bei­spiels­wei­se mar­kiert, daß das Sub­jekt ein Tier ge­tö­tet hat, wor­aus folgt, daß in sei­nem Ge­dächt­nis kei­ne Ver­wir­rung auf­kom­men wird, wenn es zehn wei­te­re ge­tö­tet ha­ben wird. Es wird sich nicht ent­sin­nen müs­sen, wel­ches zu wel­chem ge­hört, denn von die­sem ein­zi­gen Zug aus­ge­hend wird es sie zäh­len kön­nen.

Das Sub­jekt selbst zeich­net sich durch die­sen ein­zi­gen Zug aus und zu­nächst mar­kiert es sich als Tä­to­wie­rung, der ers­te der Si­gni­fi­kan­ten. So­bald die­ser Si­gni­fi­kant, dies Eine, in­sti­tu­iert ist – ist es mög­lich, ein Ei­nes zu zäh­len. Das Sub­jekt si­tu­iert sich als sol­ches auf der Ebe­ne nicht des Ei­nen, son­dern ei­nes Ei­nen, auf der Ebe­ne des Zäh­lens.“7

Das Sub­jekt ver­or­tet sich nicht auf der Ebe­ne des Ei­nen im Sin­ne der To­ta­li­tät, son­dern des ab­zähl­bar Ein­zel­nen.

Die Zahl und die absolute Differenz

Ich keh­re zu­rück zum Iden­ti­fi­zie­rungs-Se­mi­nar. In ei­ner spä­te­ren Sit­zung heißt es:

Hier be­kommt die Tat­sa­che ih­ren Wert, dass ich di­rekt ent­lang dem Fa­den des Freud­schen Fort­schrei­tens dazu ge­bracht wor­den bin, die Funk­ti­on des ein­zi­gen Zugs auf eine Wei­se zu ar­ti­ku­lie­ren, die mir not­wen­dig zu sein schien, in­so­fern sie die Ent­ste­hung der Dif­fe­renz in ei­ner Ope­ra­ti­on er­schei­nen lässt, von der man sa­gen kann, dass sie auf der Li­nie ei­ner im­mer wei­ter­ge­hen­den Ver­ein­fa­chung ver­or­tet ist. In ei­nem Be­stre­ben, das zur Strich­lis­te führt, das heißt zur Wie­der­ho­lung des an­schei­nend Iden­ti­schen, wird das ge­schaf­fen, wird das frei­ge­legt, was ich nicht als das Sym­bol be­zeich­ne, son­dern als den Ein­tritt ins Rea­le als ge­schrie­be­ner Si­gni­fi­kant. Und eben das ist es, was der Ter­mi­nus des Pri­mats der Schrift be­sa­gen will: der Ein­tritt ins Rea­le, das ist die Form die­ses vom pri­mi­ti­ven Jä­ger wie­der­hol­ten Strichs, der ab­so­lu­ten Dif­fe­renz, in­so­fern sie da ist.

Sie wer­den auch kei­ne Mühe ha­ben – Sie wer­den es fin­den, wenn Sie Fre­ge le­sen, auch wenn Fre­ge, man­gels ei­ner hin­rei­chen­den Theo­rie des Si­gni­fi­kan­ten, die­sen Weg nicht be­schrei­tet –, Sie wer­den kei­ne Mühe ha­ben, im Text von Fre­ge zu fin­den, dass die bes­ten Ana­ly­ti­ker der Funk­ti­on der Ein­heit, ins­be­son­de­re Je­vons und Schrö­der, den Ak­zent ge­nau auf die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs / des Ein­zel­strichs ge­setzt ha­ben, auf die­sel­be Wei­se wie ich. Das bringt mich dazu zu sa­gen, dass wir hier Fol­gen­des zu ar­ti­ku­lie­ren ha­ben, dass ich Sie – in­dem ich die Po­la­ri­tät die­ser Funk­ti­on der Ein­heit um­keh­re, wenn ich so sa­gen darf, in­dem ich die ver­ei­ni­gen­de Ein­heit* zu­guns­ten der dis­tink­ti­ven Ein­heit auf­ge­be, zu­guns­ten der Ein­zig­keit* –, dass ich Sie an den Punkt füh­re, an dem es dar­um geht, Schritt für Schritt zu de­fi­nie­ren, zu ar­ti­ku­lie­ren, wie der Sta­tus des Sub­jekts, in­so­fern es mit die­sem ein­zi­gen Zug ver­bun­den ist, da­mit ver­bun­den ist, dass die­ses Sub­jekt in sei­ner Struk­tur dort kon­sti­tu­iert ist, wo der Se­xu­al­trieb, im Ver­hält­nis zu al­lem, was dem Kör­per zu­kommt, sei­ne pri­vi­le­gier­te Funk­ti­on hat.“8

Der ein­zi­ge Zug wird hier nicht mehr ein­fach als Si­gni­fi­kant be­zeich­net. Es han­delt sich bei ihm um ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der in das Rea­le ein­tritt. Er ist et­was Ge­schrie­be­nes, und das heißt hier: ein in das Rea­le ein­ge­tre­te­ner Si­gni­fi­kant.

Der ein­zi­ge Zug ist nicht die ver­ei­ni­gen­de Ein­heit, son­dern die dis­tink­ti­ve Ein­heit. La­can über­setzt das mit „Ein­zig­keit“ ins Deut­sche – al­ler­dings falsch. Der trait un­aire ist kein „ein­zi­ger Zug“ – es gibt meh­re­re da­von –, son­dern ein „ein­zel­ner Zug“. Es geht, wenn man so sa­gen darf, um die „Ein­zeln­heit“ im Sin­ne von „ein Ein­zel­nes sein“, nicht um die „Ein­zig­keit“.

Der ein­zi­ge Zug ist die ab­so­lu­te Dif­fe­renz, die auf das in­halts­lee­re Ver­schie­den­sein re­du­zier­te Dif­fe­renz. Er steht am Punkt der Um­wand­lung ei­nes Zei­chens (das sich auf das Ding be­zieht) in ei­nen Si­gni­fi­kan­ten (der sich auf an­de­re Si­gni­fi­kan­ten be­zieht).

Ein Si­gni­fi­kant un­ter­schei­det sich von ei­nem Zei­chen vor al­lem dar­in – und das habe ich ver­sucht, Sie spü­ren zu las­sen –, dass die Si­gni­fi­kan­ten zu­nächst nur die Ge­gen­wart der Dif­fe­renz als sol­cher ma­ni­fes­tie­ren und nichts an­ders. Die ers­te Sa­che, die er also im­pli­ziert, ist die, dass die Be­zie­hung des Zei­chens zur Sa­che (cho­se) aus­ge­löscht ist.“9

Der „ein­zi­ge Zug“ – der ein­zel­ne Zug –, das ist also die ab­so­lu­te Dif­fe­renz, so­fern sie ins Rea­le ein­ge­tre­ten ist, so­fern sie et­was „Ge­schrie­be­nes“ ist.

In­wie­fern ist die­se Dif­fe­renz ab­so­lut? Ich ver­ste­he das so: sie ist die das Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem fun­die­ren­de Dif­fe­renz, die ra­di­ka­le (d.h. an der Wur­zel lie­gen­de) Dif­fe­renz. Sie ist ab­so­lut (näm­lich los­ge­löst), also sie fun­die­rend ist, aber nicht fun­diert.

La­can be­zieht sich auf Gott­lob Fre­ges Die Grund­la­gen der Arith­me­tik. Zur Fra­ge des Zahl­be­griffs zi­tiert Fre­ge die fol­gen­de Be­mer­kung von Wil­liam Stan­ley Je­vons:

Zahl ist nur ein and­rer Name für Ver­schie­den­heit. Ge­naue Iden­ti­tät ist Ein­heit, und mit Ver­schie­den­heit ent­steht Mehr­heit.“10

Der Ma­the­ma­ti­ker Ernst Schrö­der wird von Fre­ge mit dem fol­gen­den Satz zi­tiert:

Die An­for­de­rung, Din­ge zu zäh­len, kann ver­nünf­ti­ger­wei­se nur ge­stellt wer­den, wo sol­che Ge­gen­stän­de vor­lie­gen, wel­che deut­lich von­ein­an­der un­ter­scheid­bar, z.B. räum­lich und zeit­lich ge­trennt und ge­gen­ein­an­der ab­ge­grenzt er­schei­nen.“11

Die Zahl be­ruht auf dem „Ein“, auf der Ad­di­ti­on von Ein­hei­ten, und das Ein ist letzt­lich nichts an­de­res als die pure Ver­schie­den­heit. Der ein­zel­ne Zug ist zu­gleich Iden­ti­tät und Dif­fe­renz.

La­can bringt im Se­mi­nar Die Iden­ti­fi­zie­rung (1961/62) den Pri­mat der Schrift mit der ab­so­lu­ten Dif­fe­renz zu­sam­men – of­fen­kun­dig hat Der­ri­da sich für die Gram­ma­to­lo­gie (1968) von La­can an­re­gen las­sen, spe­zi­ell von die­sem Se­mi­nar.  Hat er es be­sucht? Nicht das ich wüss­te, aber die Se­mi­nars­te­no­ty­pi­en zir­ku­lier­ten un­ter Se­mi­nar­teil­neh­mern und ein Ex­em­plar ließ La­can im­mer in der Bi­blio­t­hèque Na­tio­na­le de­po­nie­ren.

Der Narzissmus der kleinen Differenzen

Im Se­mi­nar über die Iden­ti­fi­zie­rung heißt es:

Be­zo­gen auf die ers­te Tat­sa­che, die Ver­bin­dung des Sub­jekts mit die­sem ein­zel­nen Zug (trait un­aire), wer­de ich heu­te – da ich den­ke, dass der Weg hin­rei­chend ar­ti­ku­liert ist – den End­punkt set­zen, in­dem ich Sie dar­an er­in­ne­re, dass die­se Tat­sa­che, die in un­se­rer Er­fah­rung so wich­tig ist und die von Freud her­aus­ge­stellt wur­de, in Be­zug auf das, was er als Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen be­zeich­net, dass dies das­sel­be ist wie das, was ich die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs nen­ne“12.

Der ein­zel­ne Zug, der trait un­aire, ent­spricht FreudsNar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen“. In Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se hat­te Freud ge­schrie­ben, kurz vor der Dar­stel­lung der drei For­men der Iden­ti­fi­zie­rung:

Nach dem Zeug­nis der Psy­cho­ana­ly­se ent­hält fast je­des in­ti­me Ge­fühls­ver­hält­nis zwi­schen zwei Per­so­nen von län­ge­rer Dau­er – Ehe­be­zie­hung, Freund­schaft, El­tern- und Kind­schaft – ei­nen Bo­den­satz von ab­leh­nen­den, feind­se­li­gen Ge­füh­len, der nur in­fol­ge von Ver­drän­gung der Wahr­neh­mung ent­geht. Un­ver­hüll­ter ist es, wenn je­der Kom­pa­gnon mit sei­nem Ge­sell­schaf­ter ha­dert, je­der Un­ter­ge­be­ne ge­gen sei­nen Vor­ge­setz­ten murrt. Das­sel­be ge­schieht dann, wenn die Men­schen zu grö­ße­ren Ein­hei­ten zu­sam­men­tre­ten. Je­des­mal, wenn sich zwei Fa­mi­li­en durch eine Ehe­schlie­ßung ver­bin­den, hält sich jede von ih­nen für die bes­se­re oder vor­neh­me­re auf Kos­ten der an­de­ren. Von zwei be­nach­bar­ten Städ­ten wird jede zur miß­güns­ti­gen Kon­kur­ren­tin der an­de­ren; je­des Kan­tön­li sieht ge­ring­schät­zig auf das an­de­re her­ab. Nächst­ver­wand­te Völ­ker­stäm­me sto­ßen ein­an­der ab, der Süd­deut­sche mag den Nord­deut­schen nicht lei­den, der Eng­län­der sagt dem Schot­ten al­les Böse nach, der Spa­ni­er ver­ach­tet den Por­tu­gie­sen. Daß bei grö­ße­ren Dif­fe­ren­zen sich eine schwer zu über­win­den­de Ab­nei­gung er­gibt, des Gal­li­ers ge­gen den Ger­ma­nen, des Ari­ers ge­gen den Se­mi­ten, des Wei­ßen ge­gen den Far­bi­gen, hat auf­ge­hört, uns zu ver­wun­dern.“13

In Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur war Freud dar­auf zu­rück­ge­kom­men:

Es wird den Men­schen of­fen­bar nicht leicht, auf die Be­frie­di­gung die­ser ih­rer Ag­gres­si­ons­nei­gung zu ver­zich­ten; sie füh­len sich nicht wohl da­bei. Der Vor­teil ei­nes klei­ne­ren Kul­tur­krei­ses, daß er dem Trieb ei­nen Aus­weg an der Be­fein­dung der Au­ßen­ste­hen­den ge­stat­tet, ist nicht ge­ring­zu­schät­zen. Es ist im­mer mög­lich, eine grö­ße­re Men­ge von Men­schen in Lie­be an­ein­an­der zu bin­den, wenn nur an­de­re für die Äu­ße­rung der Ag­gres­si­on üb­rig­blei­ben. Ich habe mich ein­mal mit dem Phä­no­men be­schäf­tigt, daß ge­ra­de be­nach­bar­te und ein­an­der auch sonst na­he­ste­hen­de Ge­mein­schaf­ten sich ge­gen­sei­tig be­feh­den und ver­spot­ten, so Spa­ni­er und Por­tu­gie­sen, Nord- und Süd­deut­sche, Eng­län­der und Schot­ten usw. Ich gab ihm den Na­men ‚Nar­ziß­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen‘, der nicht viel zur Er­klä­rung bei­trägt. Man er­kennt nun dar­in eine be­que­me und re­la­tiv harm­lo­se Be­frie­di­gung der Ag­gres­si­ons­nei­gung, durch die den Mit­glie­dern der Ge­mein­schaft das Zu­sam­men­hal­ten er­leich­tert wird. Das über­all­hin ver­spreng­te Volk der Ju­den hat sich in die­ser Wei­se an­er­ken­nens­wer­te Ver­diens­te um die Kul­tu­ren sei­ner Wirts­völ­ker er­wor­ben; lei­der ha­ben alle Ju­den­ge­met­zel des Mit­tel­al­ters nicht aus­ge­reicht, die­ses Zeit­al­ter fried­li­cher und si­che­rer für sei­ne christ­li­chen Ge­nos­sen zu ge­stal­ten. Nach­dem der Apos­tel Pau­lus die all­ge­mei­ne Men­schen­lie­be zum Fun­da­ment sei­ner christ­li­chen Ge­mein­de ge­macht hat­te, war die äu­ßers­te In­to­le­ranz des Chris­ten­tums ge­gen die drau­ßen Ver­blie­be­nen eine un­ver­meid­li­che Fol­ge ge­wor­den; den Rö­mern, die ihr staat­li­ches Ge­mein­we­sen nicht auf die Lie­be be­grün­det hat­ten, war re­li­giö­se Un­duld­sam­keit fremd ge­we­sen, ob­wohl die Re­li­gi­on bei ih­nen Sa­che des Staa­tes und der Staat von Re­li­gi­on durch­tränkt war. Es war auch kein un­ver­ständ­li­cher Zu­fall, daß der Traum ei­ner ger­ma­ni­schen Welt­herr­schaft zu sei­ner Er­gän­zung den An­ti­se­mi­tis­mus auf­rief, und man er­kennt es als be­greif­lich, daß der Ver­such, eine neue kom­mu­nis­ti­sche Kul­tur in Ruß­land auf­zu­rich­ten, in der Ver­fol­gung der Bour­geois sei­ne psy­cho­lo­gi­sche Un­ter­stüt­zung fin­det. Man fragt sich nur be­sorgt, was die So­wjets an­fan­gen wer­den, nach­dem sie ihre Bour­geois aus­ge­rot­tet ha­ben.“14

Der Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen be­zieht sich auf die pure Ver­schie­den­heit – auf den ein­zel­nen Zug, auf den „Ein­zel­strich“. Um­ge­kehrt for­mu­liert: Der kli­ni­sche As­pekt des „ein­zel­nen Zug“ ist die feind­se­li­ge Ein­stel­lung ge­gen­über an­de­ren, sei es als ein­zel­ner ge­gen­über an­de­ren ein­zel­nen, sei es als Mit­glied ei­ner Grup­pe ge­gen­über an­de­ren Grup­pen. Im­pli­zit heißt das:  Ba­sis für die Ver­ach­tung an­de­rer Grup­pen ist die Iden­ti­fi­zie­rung als Ein­zel­ner.

Das Ichideal

La­can fährt an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le aus dem Iden­ti­fi­zie­rungs-Se­mi­nar so fort:

Denn das ist nichts an­de­res als die Tat­sa­che, dass aus­ge­hend von ei­ner klei­nen Dif­fe­renz – und ‚klei­ne Dif­fe­renz‘ zu sa­gen, be­deu­tet nichts an­de­res als die­se ab­so­lu­te Dif­fe­renz, über die ich zu Ih­nen spre­che, die­se Dif­fe­renz, die von je­dem mög­li­chen Ver­gleich ab­ge­löst ist –, dass aus­ge­hend von die­ser klei­nen Dif­fe­renz, in­so­fern sie die­sel­be Sa­che ist wie das gro­ße I, das Ichi­de­al, dass sich aus­ge­hend da­von, ob das Sub­jekt als Trä­ger die­ses ein­zi­gen Zugs kon­sti­tu­iert ist oder nicht, die ge­sam­te nar­ziss­ti­sche Stre­bung ak­kom­mo­die­ren kann.“15

Freuds zwei­te Form der Iden­ti­fi­zie­rung ist die re­gres­si­ve Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Lie­bes- und Hass­ob­jekt des Ödi­pus­kom­ple­xes; sie be­steht in der Über­nah­me ei­nes „ein­zel­nen Zugs“. Die­ser ein­zel­ne Zug be­ruht, La­can zu­fol­ge, auf der „klei­nen Dif­fe­renz“ in Freuds Rede vom „Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen“. Die Dif­fe­renz ist so klein, dass sie, wenn man so sa­gen darf, auf die Dif­fe­renz­haf­tig­keit re­du­ziert ist, auf ei­nen Un­ter­schied, der nicht mehr an­zeigt als ei­nen Un­ter­schied über­haupt. Der ein­zel­ne Zug im Sin­ne von Freud – die Über­nah­me ei­nes be­stimm­ten Merk­mals – be­ruht auf der ab­so­lu­ten Dif­fe­renz, auf der Dif­fe­renz schlecht­hin, auf dem trait un­aire.

Durch die Über­nah­me ei­nes ein­zel­nen Zugs, durch die Kon­sti­tu­ie­rung ei­ner klei­nen  Dif­fe­renz, ent­steht das Ichi­de­al. In La­cans op­ti­schem Mo­dell steht für das Ichi­de­al der Buch­sta­be I, im „Gra­fen des Be­geh­rens“ das Sym­bol I(A); der Buch­sta­be groß I kann auch als Ein­zel­strich ge­deu­tet wer­den.

Ei­nes der The­men von Se­mi­nar 9 ist der Ei­gen­na­me. Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ei­gen­na­men ist eine der For­men, wie man sich mit dem ein­zi­gen Zug des An­de­ren iden­ti­fi­zie­ren kann.16

Optisches Modell Fig 3

Op­ti­sches Modell[note]Abbildung aus: Jac­ques La­can: Re­mar­que sur le rap­port de Da­niel Laga­che: „Psy­chana­lyse et struc­ture de la per­son­na­lité“. In: Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 647–684, hier: S. 674.[/note]

Aus­ge­hend vom „ein­zel­nen Zug“, von der klei­nen Dif­fe­renz als Grund­la­ge des Ichi­de­als, kann sich die ge­sam­te nar­ziss­ti­sche Stre­bung ak­kom­mo­die­ren. La­can spricht hier über das Ver­hält­nis zwi­schen dem sym­bo­li­schen Ichi­de­al, I(A), und dem ima­gi­nä­ren Ide­al-Ich, i(a). Die Ak­kom­mo­da­ti­on der nar­ziss­ti­schen Stre­bung an das Ichi­de­al war Ge­gen­stand des „op­ti­schen Mo­dells“ mit dem um­ge­kehr­ten Blu­men­strauß; das Ichi­de­al wird hier durch den Buch­sta­ben I oben rechts re­prä­sen­tiert, das Ide­al-Ich durch die mit i(a) be­zeich­ne­te Vase so­wie durch iꞌ(a), das Spie­gel­bild die­ser Vase (vgl. die­sen und die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel). La­can deu­tet den Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­ren­zen an­ders als Freud. Freud sieht es so: eine klei­ne Dif­fe­renz wird nar­ziss­tisch be­setzt. Bei La­can ist es um­ge­kehrt: eine klei­ne Dif­fe­renz in­ter­ve­niert in die nar­ziss­ti­sche Be­zie­hung und struk­tu­riert sie um.

Zusammenfassung in eigenen Worten

(Er­gän­zung vom 29. No­vem­ber 2015)

Letz­te Grund­la­ge für das Funk­tio­nie­ren der Spra­che als Si­gni­fi­kan­ten­sys­tem ist die Dif­fe­renz (Si­gni­fi­kan­ten sind dif­fe­ren­ti­ell or­ga­ni­siert, sagt Saus­su­re), die Dif­fe­renz als sol­che, die ab­so­lu­te Dif­fe­renz.

Die ab­so­lu­te Dif­fe­renz liegt je­dem Si­gni­fi­kan­ten zu­grun­de.

La­can nennt die Dif­fe­renz als sol­che „trait un­aire“: ein­zi­ger Zug, ein­zel­ner Zug, Ein­zel­strich, Unärs­trich.

La­cans Mo­dell für den ein­zi­gen Zug ist der Kerb­stock, also die Strich­lis­te. Je­der Strich ist im Ver­hält­nis zu den an­de­ren Stri­chen zu­gleich iden­tisch und dif­fe­rent. Er ist mit den an­de­ren iden­tisch, in­so­fern je­der mit je­dem an­de­ren aus­ge­tauscht wer­den kann, er un­ter­schei­det sich von den an­de­ren, in­so­fern er eine an­de­re Stel­le be­setzt.

Da­mit ein Mensch zu ei­nem spre­chen­den We­sen wird, muss die Dif­fe­renz in das Rea­le des Kör­per ein­ge­schrie­ben wer­den, und zwar die Dif­fe­renz schlecht­hin. Das heißt, die kör­per­ge­bun­de­nen Er­re­gungs­ab­läu­fe müs­sen an die Dif­fe­renz schlech­tin an­ge­passt und ent­spre­chend mo­di­fi­ziert wer­den.

Das Ein­schrei­ben der ab­so­lu­ten Dif­fe­renz in die Er­re­gungs­ab­läu­fe des Kör­pers nennt La­can „Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug“.

Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug ist die Iden­ti­fi­zie­rung als je Ei­ner, als zähl­bar Ein­zel­ner. Die­se Iden­ti­fi­zie­rung ist zu­gleich die Her­stel­lung ei­ner Dif­fe­renz, die Un­ter­schei­dung von an­de­ren.

Bei der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug geht es um das, was Freud als „Nar­ziss­mus der klei­nen Dif­fe­renz“ be­zeich­net, die feind­se­li­ge Ein­stel­lung ge­gen an­de­re.

Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug ist die pri­mä­re Iden­ti­fi­zie­rung.

Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ein­zel­nen Zug ist die Grund­la­ge des Ichi­de­als.

Eine der For­men der Über­nah­me ei­nes ein­zel­nen Zugs ist die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ei­gen­na­men.

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Anmerkungen

  1. Vgl. S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 61–134, dar­in Ka­pi­tel VII, „Die Iden­ti­fi­zie­rung“, S. 98–103.
  2. Freud, Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se, a.a.O., S. 100. 
  3. Über den „ein­zi­gen Zug“ spricht La­can erst­mals in Se­mi­nar 8, in der Sit­zung vom 21. Juni 1961, aus­ge­hend von Karl Abra­ham, Ver­such ei­ner Ent­wick­lungs­ge­schich­te der Li­bi­do (1924); vgl. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 460.
  4. An­mer­kung des Über­set­zers: An­spie­lung auf die Re­de­wen­dung Et voi­là pour­quoi vot­re fil­le est mu­et­te! „Des­halb also ist ihre Toch­ter stumm!“ Die Wen­dung be­zieht sich iro­nisch auf eine schein­ba­re Evi­denz oder auf eine fal­sche Schluss­fol­ge­rung; sie stammt aus Mo­liè­res Ko­mö­die Der Arzt wi­der Wil­len.
  5. A.d.Ü.: Die Ver­wandt­schafts­be­zie­hung Va­ter-Toch­ter – und da­mit die ab­zähl­ba­re Ge­ne­ra­tio­nen­fol­ge – ist an die Spra­che ge­bun­den: an die Ver­wandt­schafts­ter­mi­no­lo­gie.
  6. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961, die Fett­schrei­bung ist von mir. Mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  7. Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 22. April 1965; Ver­si­on Miller/Haas, S. 148.
  8. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962. Mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  9. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961 ; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  10. Wil­liam Stan­ley Je­vons: The princi­ples of sci­ence:  a trea­tise on lo­gic and sci­en­ti­fic me­thod (1874). 3. Auf­la­ge. Macmil­lan, Lon­don 1879, S. 156. Zit. n. Gott­lob Fre­ge: Die Grund­la­gen der Arith­me­tik (1884). Re­clam jun., Stutt­gart 1987, § 35, S. 86.
  11. Ernst Schrö­der: Lehr­buch der Arith­me­tik und Al­ge­bra für Leh­ren­de und Stu­diren­de. Bd. 1: Die sie­ben al­ge­brai­schen Ope­ra­tio­nen. Teub­ner, Leip­zig 1873, S. 3. Zit. n. Fre­ge, Die Grund­la­gen der Arith­me­tik, a.a.O., S. 86.
  12. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962. Mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  13. Freud, Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se, a.a.O., S. 95.
  14. S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 242 f.
  15. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. Fe­bru­ar 1962.
  16. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zun­gen vom 20. De­zem­ber 1961 und vom 10. Ja­nu­ar 1962.

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