Abgrenzungen

Ding – Objekt a – Objekt des Begehrens

Schema von Baas - vereinfachtIn wel­cher Be­zie­hung ste­hen bei La­can die­se Be­grif­fe:
– Ding
– Ob­jekt a
– Ob­jekt des Be­geh­rens
?

Den Be­griff „Ob­jekt des Be­geh­rens“ fin­det man in den Se­mi­na­ren von An­fang an.1 Der Be­griff des Dings wird nur in Se­mi­nar 7 ver­wen­det.2 Der Ter­mi­nus „Ob­jekt (a)“ er­scheint zum ers­ten Mal in Se­mi­nar 93, in ei­nem zwei­ten An­lauf wird der Be­griff in Se­mi­nar 10 ein­ge­führt.4

Schema von BaasBer­nard Baas hat das Ver­hält­nis der drei Be­grif­fe re­kon­stru­iert, auf eine Wei­se, die mir ein­leuch­tet.5 Der Zu­sam­men­hang wird von ihm in ei­nem Dia­gramm dar­ge­stellt (Ab­bil­dung links).6 Das Bild zu Be­ginn die­ses Ar­ti­kels zeigt mei­ne ver­ein­fach­te Ver­si­on sei­nes Dia­gramms.

Mit Baas ist mein Sche­ma so zu le­sen:

Ding.– Durch den Ein­tritt des klei­nen Men­schen­we­sens in die Welt der Spra­che kommt es zu ei­nem un­wi­der­ruf­li­chen Ver­lust. La­cans Be­zeich­nung für das Feh­len­de ist in Se­mi­nar 7 das Ding. Das Ding ist rei­ner Man­gel, ur­sprüng­li­cher Ver­lust. Das Ding ist kein ver­lo­re­nes Ob­jekt, da das Sub­jekt sich auf Ob­jek­te nur durch Si­gni­fi­kan­ten be­zie­hen kann; d.h. so­bald das Sub­jekt sich auf et­was als auf ein Ob­jekt be­zieht, ist im sel­ben Zug et­was ver­lo­ren, das „Ding“. In der spä­te­ren Aus­ar­bei­tung der Theo­rie wird aus dem Ding das un­mög­li­che Ge­nie­ßen.

Be­geh­rungs­ver­mö­gen.– Der Ver­lust des Dings er­zeugt das Be­geh­ren als Ver­mö­gen. Den Be­griff des Be­geh­rungs­ver­mö­gens fin­det man nicht bei La­can, Baas über­nimmt ihn von Kant. Der Ter­mi­nus hat schwe­res Ge­päck, er ver­weist auf die Ver­mö­gens­psy­cho­lo­gie7 und auf den aris­to­te­li­schen Ge­gen­satz von dy­na­mis und en­er­geia (la­tei­nisch: von po­ten­tia und ac­tus, deutsch: von Mög­lich­keit und Wirklichkeit/Tätigkeit). Er ist aber, den­ke ich, kaum ver­meid­bar, wenn man die kau­sa­le Funk­ti­on des Ob­jekts a klä­ren will.

Ob­jekt a.– Das Ob­jekt a (Brust, Kot, Stim­me, Blick) ist die Ur­sa­che des Be­geh­rens, je­nes Et­was, wo­durch das Be­geh­rungs­ver­mö­gen dazu an­ge­reizt wird, tä­tig zu wer­den. Das Ob­jekt a steht in Ver­bin­dung zum Ding, und zwar da­durch, dass es, das Ob­jekt a, aus der Er­fah­rung ei­ner Tren­nung her­vor­ge­gan­gen ist. Das Ob­jekt a funk­tio­niert im Rah­men ei­nes Phan­tas­mas.

Ob­jekt des Be­geh­rens.– Das Be­geh­ren rich­tet sich auf be­stimm­te sinn­lich fass­ba­re Ob­jek­te, auf In­di­vi­du­en oder Sa­chen (Fe­ti­sche). Hier­durch wer­den die­se Ob­jek­te zu Ob­jek­ten des Be­geh­rens, zu be­gehr­ten Ob­jek­ten. Ein Ob­jekt des Be­geh­rens  wird ge­fun­den, nicht wie­der­ge­fun­den. Da­durch je­doch, dass die Be­zie­hung zu ihm sich vor dem Hin­ter­grund des Dings her­stellt, be­kommt das Ob­jekt die Qua­li­tät ei­nes wie­der­ge­fun­de­nen Ob­jekts. Das Be­geh­ren rich­tet sich auf die Ob­jek­te des Be­geh­rens in Form der Me­to­ny­mie, des Wech­sels von An­spruch zu An­spruch, von For­de­rung zu For­de­rung. Eine prä­zi­se­re Be­zeich­nung für das Ob­jekt des Be­geh­rens wäre des­halb „Ob­jekt des An­spruchs“. (Vgl. Alen­ka Zu­pančič: Ethics of the real. Kant, La­can. Ver­so, Lon­don 2000, S. 251.)

Der Buch­sta­be J steht für „jouis­sance“, Ge­nie­ßen. Das Ge­nie­ßen ist die Be­frie­di­gung, auf die das Be­geh­ren ab­zielt, eine Lust jen­seits des Lust­prin­zips, d.h. eine Lust, die häu­fig als Un­lust, als Schmerz als Leid emp­fun­den wird und die auf­grund der In­ter­ven­ti­on des Lust­prin­zips weit­ge­hend ver­fehlt wird.8 Das Ding ist der An­teil des Ge­nie­ßens, der un­er­reich­bar ist. Ein Rest des Ge­nie­ßens ist uns zu­gäng­lich: die Ob­jek­te a als plus-de-jouir. Plus-de-jouir meintMehr­lust“ (in An­spie­lung auf Mar­xens Be­griff des Mehr­werts); in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie geht es bei der Mehr­lust um die mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Er­satz­be­frie­di­gung.

Der durch­ge­stri­che­ne Pfeil soll an­zei­gen, dass der Zu­gang zum Ding ver­sperrt ist. Der Ver­lust ist rei­ner Ver­lust; das Ding muss, in der Spra­che der Buch­hal­tung, ab­ge­schrie­ben wer­den.

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Anmerkung

  1. Etwa in Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 219.
  2. Er wird ein­ge­ührt in der Sit­zung vom 2.12.1959.
  3. In der Sit­zung vom 23.5.1962.
  4. In der Sit­zung vom 16.1.1963.
  5. Vgl. Ber­nard Baas: Das rei­ne Be­geh­ren. Wien, Tu­ria + Kant 1995, S. 44–72, 125–127.
  6. Ebd., S. 64.
  7. Die Ver­mö­gens­psy­cho­lo­gie be­greift den psy­chi­schen Ap­pa­rat als ein En­sem­ble von Ver­mö­gen oder Fa­kul­tä­ten: Be­geh­ren, Wil­le, Sinn­lich­keit, Ver­stand, Ver­nunft usw. Die­se Kon­zep­ti­on fin­det man be­reits bei Tho­mas von Aquin; noch Kant stützt sich auf die Ver­mö­gens­psy­cho­lo­gie. Eine mo­der­ne Va­ri­an­te der Fa­kul­tä­ten­psy­cho­lo­gie ist die am Com­pu­ter­mo­dell ori­en­tier­te Ko­gni­ti­ons­wis­sen­schaft, für die der Geist aus ver­schie­de­nen Mo­du­len mit un­ter­schied­li­chen Auf­ga­ben be­steht (Lang­zeit­ge­dächt­nis, Kurz­zeit­ge­dächt­nis usw.). Ge­gen die Ver­mö­gens­psy­cho­lo­gie wen­den sich die vom Ato­mis­mus des 17. Jahr­hun­derts in­spi­rier­ten Kon­zep­tio­nen des Psy­chi­schen von Leib­niz, Hume und Her­bart; Freud schließt an sie an und mit ihm La­can. Der psy­chi­sche Ap­pa­rat be­steht hier­nach aus Ele­men­ten: aus Per­zep­tio­nen (Leib­niz), ide­as (Hume), Vor­stel­lun­gen (Her­bart), Ge­dan­ken (Freud), Si­gni­fi­kan­ten (La­can).
  8. Den Ge­dan­ken, dass das Be­geh­ren auf das Ge­nie­ßen ab­zielt und es, auf­grund des Lust­prin­zips, nur in ge­rin­gem Maße rea­li­sie­ren kann, fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 23. März 1960. In Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten, ei­ner Ver­öf­fent­li­chung von 1966, die auf ei­nem Vor­trag von 1960 be­ruht, heißt es: „die Lust setzt dem Ge­nie­ßen Gren­zen“, Schrif­ten II, S. 198. Vom Ding als un­er­reich­ba­rem Ob­jekt des Ge­nie­ßen spricht La­can in Se­mi­nar 7, 27. April 1960, Ver­si­on Miller/Haas S. 246.

Kommentare

Ding – Objekt a – Objekt des Begehrens — 15 Kommentare

  1. Lie­ber Herr Nemitz,

    ich wür­de das Se­mi­nar XX so aus ei­ge­ner Sicht zu­sam­men­fas­sen: Das Kind wird zum wie­der­hol­ten Mal von der Mut­ter (Brust) beim Ko­ten (Kot) ge­se­hen (Blick) und ge­ta­delt (Stim­me), die­ses Phan­tas­ma führt zum ers­ten Mal dazu, dass das Kind Angst emp­fin­det und die­ses Phan­tas­ma nicht wie­der­ho­len will, sich nun von den Ob­jek­ten aussperrt/ trennt und (in un­se­rer Kul­tur) auf kei­nen Fall mehr in An­we­sen­heit der Mut­ter ko­tet, beim Ko­ten ge­se­hen oder an­ge­spro­chen wer­den will. Die­se Schwel­len­er­fah­rung wird von je­dem In­di­vi­du­um in un­ter­schied­li­cher Wei­se ge­macht. Der neue Zu­stand ist der Wunsch nach der Zeit, als die­ses Phan­tas­ma noch nicht mit Angst ver­bun­den wa­ren, was je­doch un­mög­lich ist und sub­sti­tu­iert wer­den muss. Wür­den Sie die­ser Zu­sam­men­fas­sung zu­stim­men? vie­le Grü­ße, Mi­cha­el Bau­er

    • Lie­ber Herr Bau­er,
      da ha­ben Sie ja alle Ob­jek­te zu­sam­men.
      Ich wür­de La­can et­was an­ders re­kon­stru­ie­ren und das Spre­chen bzw. die Spra­che an den An­fang set­zen, in Ge­stalt des An­spruchs (der For­de­rung) und des Be­geh­rens (als das, was durch den An­spruch hin­durch­schim­mert und nicht ge­sagt wer­den kann).
      Da­durch, dass der klei­ne Mensch sich an die Be­din­gun­gen des Spre­chens an­passt, tren­nen sich die­se Ob­jek­te von ihm ab.
      Das ora­le Ob­jek­te wird kon­sti­tu­iert durch den An­spruch an den An­de­ren (z.B. die Mut­ter), das ana­le Ob­jekt durch den An­spruch des An­de­ren, also durch die mit der Sau­ber­keits­er­zie­hung ver­bun­de­nen For­de­run­gen. (Das wird aus­ge­führt in Se­mi­nar 8, sie­he hier und hier.)
      Die bei­den an­de­ren Ob­jek­te wer­den durch das Be­geh­ren kon­sti­tu­ier. Das Blick­ob­jekt be­ruht auf dem Be­geh­ren, das sich auf den An­de­ren rich­tet, das Stimm­ob­jekt auf dem Be­geh­ren, das auf der Sei­te des An­de­ren ist. (Se­mi­nar 11)
      Die Ab­tren­nung wird ge­wis­ser­ma­ßen durch ei­nen Angst-Fire­wall ab­ge­si­chert.
      Das Ab­ge­trenn­te bleibt gleich­wohl wirk­sam, der Wunsch, die­se Ob­jek­te wie­der­zu­ge­win­nen, bil­det den Kern des Phan­tas­mas, das sehe ich wie Sie.
      Es grüßt Sie
      Rolf Nemitz

  2. Lie­ber Herr Nemitz,

    kann es sein, dass früh­kind­li­che Er­fah­run­gen mit Ex­kre­men­ten (Ein­ko­ten, Rein­lich­keits­er­zie­hung) ei­nen star­ken Ein­fluss auf die Ent­wick­lung des Cha­rak­ters ha­ben, da es sich ja hier um ein Par­ti­al­ob­jekt han­delt? Eben­so gut kann ich mir vor­stel­len, dass die Angst vor Ex­kre­men­ten die Angst des Kin­des ist, das für das Ein­ko­ten be­straft wird. Vie­len Dank!

    Mit freund­li­chen Grü­ßen,
    Mi­cha­el Bau­er

    • Aber si­cher. Das ist eine der vie­len Ent­de­ckun­gen von Freud: der Zu­sam­men­hang von Cha­rak­ter und Anal­er­zie­hung. Sie­he hier.
      Gruß
      RN

  3. Lie­ber Herr Nemitz,

    er­lau­ben Sie mir noch eine Fra­ge: Ich habe in Be­zug zu Ob­jekt a den Ein­druck, dass es hier doch ei­nen nen­nens­wer­ten Un­ter­schied zwi­schen La­can und Zi­zek gibt. Bei Zi­zek wird das Ob­jekt a mit dem MacGuf­fin Hitch­cocks ver­gli­chen, also ei­ner Leer­stel­le, die das Be­geh­ren be­wirkt und die ei­gent­lich auch nicht mit den vier Par­ti­al­ob­jek­ten La­cans ge­füllt wer­den kann. Habe ich das so rich­tig ver­stan­den? Vie­len Dank!
    Mit freund­li­chen Grü­ßen,
    Mi­cha­el Bau­er

    • Lie­ber Herr Bau­er,
      ich sehe da kei­nen Un­ter­schied zwi­schen La­can und Žižek. Ich wür­de das MacGuf­fin nicht als Leer­stel­le be­schrei­ben, son­dern als ver­lo­ren­ge­gan­ge­nes Ob­jekt; da es fehlt, hält es die Su­che in Gang. Ge­nau­so sind die La­can­schen Ob­jek­te a ver­lo­ren­ge­gan­ge­ne Ob­jek­te, die, das sie feh­len, das Be­geh­ren auf Trab hal­ten. Die Par­ti­al­ob­jek­te hat man nicht, sie feh­len ei­nem; als man zu ei­nem spre­chen­den Men­schen wur­de, hat man sich von ih­nen ge­trennt. Die Schwie­rig­keit be­steht wahr­schein­lich dar­in, den Be­griff ei­nes Ob­jekts fest­zu­hal­ten, des­sen on­to­lo­gi­scher Sta­tus (wenn man so sa­gen will) dar­in be­steht, un­auf­heb­bar zu feh­len – auf dy­na­mi­sche Wei­se zu feh­len, also zu feh­len und des­halb ge­sucht zu wer­den.
      Es grüßt Sie freund­lich
      Rolf Nemitz

  4. Lie­ber Herr Nemitz,

    was wäre dann ei­gent­lich ein gu­tes Bei­spiel für den Kot als Ob­jekt a? Habe ich es rich­tig ver­stan­den, dass die Angst vor den Ob­jek­ten a eine ent­schei­den­de Rol­le spielt (so bei­spiels­wei­se die Angst vor ei­ner un­be­kann­ten Stim­me oder vor ei­nem schar­fen, be­ob­ach­ten­den Blick)?
    Es grüßt Sie herz­lich
    Mi­cha­el Bau­er

    • Lie­ber Herr Bau­er
      Freuds Bei­spie­le für Kot­me­ta­phern sind Geld und Gabe, sein Kon­zept des Anal­cha­rak­ters ist po­pu­lär ge­wor­den (Ord­nung, Spar­sam­keit, Fleiß). Mit La­can geht es hier um den Kot als Ob­jekt a.
      Das mit der Angst sehe ich auch so.
      Herz­lich:
      Rolf Nemitz

  5. Lie­ber Herr Nemitz,

    be­vor ich Ihre Zei­len vom 4.3.2015 ge­le­sen habe, schrieb ich die bei­den nach­ste­hend zi­tier­ten Ab­schnit­te, die sich auf die sich her­aus­bil­den­de Mal­wei­se des dä­ni­schen Ma­lers As­ger Jorn be­zie­hen, der in den 30er Jah­ren und in der Nach­kriegs­zeit im­mer wie­der in Pa­ris leb­te. Als ich an mei­ner Aus­füh­rung schrieb, dach­te ich nicht an das Ob­jekt a, es ging mir aus­schließ­lich um et­was, das der Ord­nung des Bild­haf­ten an­ge­hört. Nun mein Selbst-Zi­tat:

    Jorns „Viel­fäl­tig­keit” be­deu­tet ein Wech­sel­spiel. Was sich ein­spielt als Form, setzt sich nicht ewig durch, wird fal­len ge­las­sen, reißt ab. Ein Os­zil­lie­ren: Schwin­gen und Schwan­ken zu­gleich. Die­ses Schwan­ken ent­spricht ei­ner Kom­bi­na­to­rik, der­zu­fol­ge ein Werk mit ei­nem ein­zi­gen Ges­tus im­mer wie­der um­ge­ar­bei­tet wird. Aber auch der Bild­be­trach­ter schaut das Werk je­weils an­ders an. Es er­folgt auf der Ba­sis ei­nes Vor­schlags eine „Lek­tü­re”, die für den Be­trach­ter ver­än­der­lich ist. Das Bild: ein Ge­schie­be, das Mög­lich­kei­ten kurz in Sze­ne setzt, Vor­schlä­ge un­ter­brei­tet. Le­send steht der Be­trach­ter im Be­griff, Form zu ge­win­nen oder zu ver­lie­ren. In dem Maße, wie dem Re­zi­pi­en­ten kei­ne vor­ge­form­ten For­men wie noch bei Kan­din­sky dar­ge­bo­ten wer­den, ver­liert sich der An­spruch des Künst­lers, den Weg, den der Be­schau­er ei­nes Bil­des nimmt, über­haupt be­stim­men zu wol­len.

    Im Von-da-nach-dort-Bli­cken folgt der Le­sen­de ei­ner Spur; die Flä­chen, die zu­sam­men­ge­hö­ren kön­nen, liest er sich zu­sam­men, bis die an­ge­streb­te Ein­heit, die nie ganz ge­won­nen wird, zer­fällt. Le­send ord­net der Blick, bis sich der ein­mal her­ge­stell­te Über­blick ver­liert. Was die­ses Le­sen heißt, geht Jorn voll­ends auf, nach­dem er von sei­nem Ma­ler-Kol­le­gen Ej­ler Bil­le ein be­stimm­tes Kom­po­si­ti­ons­ver­fah­ren über­nimmt. Die­ses er­laubt näm­lich zu Jorns größ­ter Über­ra­schung, dass man durch das Bild – an­ge­spro­chen ist „Das blaue Bild”, 1940 – von Form zu Form ge­hen konn­te, ohne auf das Bild als Gan­zes Rück­sicht zu neh­men. Da­mit ver­ab­schie­det sich Jorn von der eins­ti­gen Not­wen­dig­keit, dass der Be­trach­ter mit ei­nem Schla­ge ein Bild­gan­zes er­fasst.”

    Das Er­staun­li­che ist, dass Sie das Ob­jekt a, ver­gli­chen mit ei­nem Fleck, der durch­zu­schla­gen droht oder ge­rade noch da war, als et­was be­schrei­ben, das für mich wie eine Form ist, die man ge­winnt, die aber ge­nau­so gut zer­rinnt, die aber ei­gent­lich nie voll und ganz da ist. Das Bild neigt so zu ei­nem Zu­stand der Sät­ti­gung, der sich aber nicht ver­voll­stän­di­gen lässt. Kann es die Funk­ti­on des Ob­jekts a sein, auf­zu­zei­gen, dass eine er­streb­te Voll­stän­dig­keit des Se­hens, falls sie er­reicht wür­de, was aber nie ge­schieht, auf­ge­bro­chen wür­de?

    Ich kom­me da­mit auf mei­ne Aus­gangs­fra­ge zu­rück, be­zie­hungs­wei­se auf Ihre Un­ter­schei­dung zwi­schen der ima­gi­nä­ren Ord­nung und dem Ob­jekt a, das die Ein­heit der Ge­stalt zer­stört. Die­se Ge­gen­satz­bil­dung zu ver­ste­hen, habe ich letzt­lich Schwie­rig­kei­ten. Die Ein­heit der Ge­stalt zu zer­stö­ren, be­deu­tet in der Ma­le­rei kei­nes­wegs ka­te­go­ri­sche Ab­kehr von der Ord­nung des Ima­gi­nä­ren.

    Plau­si­bel ist für mich, dass es Ver­let­zun­gen ei­nes Bil­des gibt, die Spu­ren ei­nes Säu­re­at­ten­tats bei­spiels­wei­se, die selbst nicht bild­ne­risch sind. Denkt man aber zwei Mal über die­se Wahr­heit nach, dann stimmt sie nicht mehr. Ein Lu­cio Fon­ta­na, der die Lein­wand auf­schlitzt und sich da­mit dem Bild­haf­ten wi­der­setzt, läuft in ei­ner Ga­le­rie eben doch un­ter der Ka­te­go­rie „Bild”. Ich könn­te auch über den Ein­fluss Fon­ta­nas auf Fau­trier spre­chen. Also ge­ra­de da, wo die Ka­ta­stro­phe ein­setzt, dass das Bild ka­putt ge­macht wird, ist es schon wie­der ein Bild. Mög­li­cher­wei­se sind die Spu­ren des Säu­re­at­ten­tats das, was ich als Bild se­hen möch­te.

    Im Grun­de kann ich mir die Pa­ra­do­xie nicht er­spa­ren, dass das, was das schö­ne Bild ka­putt macht, das Ob­jekt a, zum Bild wird. Na­tür­lich wird bei der Ent­glei­sung des Säu­re­at­ten­tats das Auge (was es se­hen möch­te) nicht be­rück­sich­tigt. Den­noch be­kommt es et­was zu­se­hen. Selbst ein von Ih­nen an­ge­führ­tes zwang­haf­tes Au­gen­zu­cken als ei­ner Sym­ptom­bil­dung, der das Ob­jekt a zu Grun­de liegt, könn­te in ei­nen Film ein­ge­ar­bei­tet wer­den. Was im­mer Bild­ne­ri­sches zer­stört, er­öff­net Bild­ne­ri­sches.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen
    Ul­rich Gors­both

    • Lie­ber Herr Gors­both,

      fo­re­ver Jorn! Da habe ich wie­der et­was dazu ge­lernt.

      Was das Ob­jekt a an­geht, ver­mu­te ich, dass La­cans Theo­rie so auf­ge­baut ist.
      (a) Aus­gangs­punkt ist ein durch die Spra­che her­bei­ge­führ­ter Ver­lust. In Se­mi­nar 7 heißt er „das Ding“.
      (b) Für die­sen Ver­lust gibt es ei­nen Er­satz: das Sym­ptom als Er­satz­be­frie­di­gung, wie Freud sagt; „Mehr­lust“ nennt das La­can ab Se­mi­nar 16. Die­ser Er­satz liegt auf der Ebe­ne des Ge­nie­ßens, er be­steht also in Er­re­gun­gen jen­seits des Lust­prin­zips. Es gibt letzt­lich nur ein Ob­jekt a, sagt La­can in Se­mi­nar 23, näm­lich die Mehr­lust. Be­zo­gen auf Bil­der heißt das: La­can wür­de nach dem Ge­nie­ßen fra­gen, nach den Er­re­gun­gen, die ei­nem beim An­blick ei­nes Bil­des er­fas­sen.
      (c) Die­se Mehr­lust ver­bin­det sich mit ima­gi­nä­ren und sym­bo­li­schen As­pek­ten. Die ima­gi­nä­ren As­pek­te sind die Par­ti­al­ob­jek­te in den Phan­tas­men: Brust, Kot, Stim­me, Blick. Sym­bo­li­scher As­pekt: der Schnitt – das Ob­jekt a be­ruht auf ei­ner Ab­tren­nung (sie­he Fon­ta­na). Des­we­gen wird im bor­ro­mäi­schen Kno­ten das Ob­jekt a als Über­schnei­dungs­be­reich des Sym­bo­li­schen, des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len dar­ge­stellt.
      (d) Un­ter den ima­gi­nä­ren As­pek­ten spielt der Blick eine spe­zi­el­le Rol­le (das be­ängs­ti­gen­de An­ge­schaut­wer­den); auf ihn ant­wor­tet als Ab­wehr das Se­hen und die ent­spre­chen­de Raum­auf­fas­sung. Die Ma­le­rei spielt sich in die­ser Am­bi­va­lenz ab. Aber ver­mut­lich wird man auch Ent­spre­chun­gen zu den an­de­ren Par­ti­al­ob­jek­ten fin­den:
      – Brust: da den­ke ich an die Ge­mäl­de mit den ab­ge­schnit­ten Brüs­ten aus Se­mi­nar 10, Die Angst.
      – Kot, et­was was vom Kör­per ab­ge­trennt und weg­ge­spült wird, viel­leicht all die in den Pa­pier­korb ge­wor­fe­nen Zeich­nun­gen, die Phan­ta­si­en über die ge­raub­ten Ge­mäl­de?
      – Die brül­len­de Stim­me des Über-Ichs? War­um wird in Mu­se­en meist lei­se ge­spro­chen, wie im War­te­zi­mer ei­nes Arz­tes?
      (e) Das man der Ord­nung des Bil­des (des Ima­gi­nä­ren) nicht ent­kom­men kann, ist ei­ner der Grund­ge­dan­ken von La­can. Mit den bor­ro­mäi­schen Kno­ten ver­sucht er eine To­po­lo­gie zu ent­wi­ckeln, die so weit wie mög­lich weg ist von der ima­gi­nä­ren Geo­me­trie, also den ku­gel­för­mi­gen Ge­bil­den mit Öff­nun­gen. Der un­ver­meid­li­che ima­gi­nä­re Rest im bor­ro­mäi­schen Kno­ten ist für ihn der Ring, also dies, dass die En­den der Schnü­re mit­ein­an­der ver­bun­den sind; „Kon­sis­tenz“ nennt er das. Eine Ent­spre­chung in der Ma­le­rei wäre viel­leicht der Bild­rand: der Rah­men.

      Es grüßt Sie freund­lich
      Rolf Nemitz

  6. Lie­ber Herr Nemitz,
    die Wi­ki­pe­dia-Ani­ma­ti­on zum Phi-Phä­no­men fin­de ich vor al­lem des­halb fas­zi­nie­rend, weil der Ge­gen­satz­be­zug: Phi-Phä­no­men – Ob­jekt a, sehr deut­lich wird. Nun wür­de ich über das Phi-Phä­no­men ein we­nig hin­aus­ge­hen und die Ord­nung des Ima­gi­nä­ren von da­her be­schrei­ben, dass be­weg­te Bil­der ent­ste­hen, auch wenn die Far­be auf dem Bild­grund ei­nes Ge­mäl­des ja längst fi­xiert ist. Den­ken Sie ein­mal an den Fall, dass man eine Flä­che we­der ein­deu­tig als Fi­gur noch als Hin­ter­grund zu­ord­nen kann. Oder stel­len sich das Schil­lern von Tür­kis vor, dass manch­mal eher Grün, manch­mal Blau er­scheint. Auch so et­was führt zu ei­nem be­weg­ten Bild. Die bild­haf­te Ein­heit wird zwar an­ge­strebt, kommt aber fi­nal nicht zu­stan­de. Die Ma­le­rei der nach­las­si­schen Mo­der­ne (In­for­mel, spon­ta­ne Abs­trak­ti­on, usw.) lebt so­zu­sa­gen von die­sem Phä­no­men.
    Was nun das Ob­jekt a aus­zeich­net, ist ein­mal sei­ne Starr­heit. Es fällt an­schei­nend aus der Ka­te­go­rie der bild­ne­ri­schen Wir­kungs­welt her­aus. Ob­wohl der von Ih­nen zi­tier­te Säu­re­fleck ganz ma­te­ri­ell be­trach­tet auf dem Bild exis­tiert, exis­tiert er nicht bild­ne­risch. Ich kann mir vor­stel­len, dass man­che Men­schen sa­gen, der Säu­re­fleck hat das Bild ka­putt­ge­macht. Als Ma­ler wür­de ich mich dar­über be­kla­gen, wenn je­mand zum Bei­spiel an mei­nem Bild her­umm­alt. Da wür­de ich das Säu­re­at­ten­tat we­ni­ger be­droh­lich fin­den.
    Von die­sen bei­den Bei­spie­len (des star­ren Punk­tes in der Ani­ma­ti­on, bzw. von dem Rest ei­nes Säu­re­flecks) aus­ge­hend, ist es nicht weit zu je­ner Stel­le auf Hol­beins Ge­mäl­de „Die Ge­sand­ten”, die man als ka­putt be­schrei­ben kann, so­lan­ge man noch nicht den To­ten­schä­del ent­deckt hat, den man erst er­ken­nen kann, wenn man nicht mehr di­rekt vor dem Ge­mäl­de steht. Wenn man die­sen Hol­bein zum ers­ten Mal sieht, dann fragt man sich, war­um der Ma­ler eine ziem­lich zen­tra­le Stel­le im Bild op­fert. Aber es kommt dann zu der Wen­dung, dass spä­ter in Ge­stalt des To­ten­schä­dels et­was bild­haft wird, was vor­her aus der Ein­heit des Bil­des her­aus­fiel.
    Da ich in mei­nem Be­rufs­le­ben vie­le Kunst-Work­shops ge­lei­tet habe, möch­te ich eine na­he­zu all­täg­li­che Be­ob­ach­tung an­fü­gen, die so­wohl zum The­ma der be­weg­ten Ge­stalt als auch zum Ob­jekt a passt. Je­mand malt auf sei­nem halb­fer­ti­gen Bild ei­nen Fle­cken und stört sich wahn­sin­nig dar­an. Es wer­den von den Teil­neh­mern manch­mal Vor­stel­lun­gen ge­äu­ßert, dass sie „per­fekt” ma­len möch­ten. Fle­cken und „Na­sen” ge­hö­ren dann nicht zum Bild dazu. Sie fal­len aus der Ord­nung der Bil­der her­aus. Aber Ma­len ba­siert dar­auf, dass man Fle­cken (ta­ches) macht. Sie sind die Ord­nung der Bil­der. Ich glau­be, dass die­ses Bei­spiel sicht­bar macht, dass wir plötz­lich aus der Ge­stalt­ebe­ne her­aus­fal­len oder um­ge­kehrt, dass plötz­lich et­was bild­ne­risch wird, wo wir die­se Ebe­ne be­reits ab­ge­bro­chen hat­ten.
    Ihre Idee, ei­nen Ar­ti­kel zu schrei­ben, fin­de ich gut.
    Mit freund­li­chen Grü­ßen
    Ul­rich Gors­both

  7. Sehr ge­ehr­ter Herr Nemitz,
    Ihre Bei­trä­ge lese ich mit gro­ßem In­ter­es­se und be­wun­de­re ihre Fä­hig­keit, sich in den Lacan’schen Land­schaf­ten ori­en­tie­ren zu kön­nen. Da freue ich mich ge­le­gent­lich, wenn ich selbst den gan­zen ter­mi­no­lo­gi­schen Dschun­gel La­cans nicht durch­que­ren muss. Trotz­dem will ich, wenn ich als Ma­ler und Kunst­wis­sen­schaft­ler „Die vier Grund­be­grif­fe…”, 1964, an­ge­le­sen habe, wis­sen, was es mit dem Ob­jekt klein a auf sich hat. Of­fen­sicht­lich bin ich dann doch ge­nö­tigt, mit La­can ei­nen Aus­flug zu un­ter­neh­men. Plötz­lich ist mir im Zu­sam­men­hang mit dem Ob­jekt a das Phi-Phä­no­men von Wert­hei­mer ein­ge­fal­len. Das Phi-Phä­no­men wäre mir will­kom­men. Dar­un­ter kann ich mir plas­tisch et­was vor­stel­len. Es geht im Kern dar­um, dass eine wahr­neh­men­de Per­son Über­gangs­bil­der sieht, die in den vor­ge­ge­be­nen Bil­dern ei­nes Films bei­spiels­wei­se nicht ent­hal­ten wa­ren. Ein ver­gleich­ba­res Pro­blem fin­det sich in der Ma­le­rei. Die Pig­men­te kle­ben un­be­wegt auf dem Bild­grund, das Bild er­scheint den­noch be­wegt. Die The­se, dass das Bild (ein Ge­mäl­de) aus den Mo­du­la­tio­nen der Zeit her­aus­fällt, ist also nicht völ­lig zu­tref­fend. Aber spre­che ich in die­sem Zu­sam­men­hang von ei­nem Phi-Phä­no­men oder von dem Blick, der in ei­nem ve­xier­bild­haf­ten Ge­trie­be Be­we­gung er­kennt, die im Sin­ne der geo­me­tra­len Op­tik so nicht exis­tiert?
    Ul­rich Gors­both, Fe­bru­ar 2915

    • Lie­ber Herr Gors­both,

      wie ver­hält sich der Blick als Ob­jekt a zum Phi-Phä­no­men?

      Im Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel über das Phi-Phä­no­men gibt es eine Ani­ma­ti­on mit tan­zen­den Paa­ren. Sie sind im Kreis an­ge­ord­net, und im Zen­trum die­ses Krei­ses ist ein schwar­zer Punkt. Kli­cken Sie auf das Bild, um es zu ver­grö­ßern und schau­en Sie auf die Ani­ma­ti­on. Wenn das fried­li­che Bild um­kippt und Sie plötz­lich das Ge­fühl ha­ben, von die­sem Punkt ag­gres­siv an­ge­starrt zu wer­den, ha­ben Sie es mit dem Blick als Ob­jekt a zu tun. 

      Phi-Phä­no­men und Ob­jekt a funk­tio­nie­ren ent­ge­gen­ge­setzt. Das Phi-Phä­no­men be­ruht dar­auf, dass beim Wahr­neh­men eine ein­heit­li­che Ge­stalt er­zeugt wird; es ge­hört da­mit, von La­can aus ge­se­hen, zur Ord­nung des Ima­gi­nä­ren, der bild­haf­ten To­ta­li­sie­rung.

      Ge­hö­ren sol­che Ge­stalt-Ef­fek­te zum geo­me­tra­len Se­hen im Sin­ne von La­can? Ich glau­be nicht; das geo­me­tra­le Se­hen ist eine Ord­nung der Ab­stän­de, die auch ei­nem Blin­den zu­gäng­lich ist, op­ti­sche Ge­stalt-Täu­schun­gen wie das Phi-Phä­no­men sind es nicht. 

      Das Ob­jekt a liegt der Sym­ptom­bil­dung zu­grun­de; das Sym­ptom – z.B. ein zwang­haf­tes Au­gen­zu­cken – zer­stört die Ein­heit der Ge­stalt.

      Was wäre eine Ana­lo­gie für das Ob­jekt a auf der Ebe­ne ei­nes Bil­des? Auf ein Ge­mäl­de wur­de ein Säu­re­at­ten­tat ver­übt, durch alle Über­pin­se­lun­gen schlägt ein klei­ner Fleck im­mer wie­der durch und er­in­nert an die Ka­ta­stro­phe. „Die ha­ben das schö­ne Bild ka­putt ge­macht“, sa­gen die Kin­der. Das, was das schö­ne Bild ka­putt macht, ist das Ob­jekt a. 

      Es grüßt Sie freund­lich
      Rolf Nemitz

      • Lie­ber Herr Nemitz,
        die Wi­ki­pe­dia-Ani­ma­ti­on zum Phi-Phä­no­men fin­de ich vor al­lem des­halb fas­zi­nie­rend, weil der Ge­gen­satz­be­zug: Phi-Phä­no­men – Ob­jekt a, sehr deut­lich wird. Nun wür­de ich über das Phi-Phä­no­men ein we­nig hin­aus­ge­hen und die Ord­nung des Ima­gi­nä­ren von da­her be­schrei­ben, dass be­weg­te Bil­der ent­ste­hen, auch wenn die Far­be auf dem Bild­grund ei­nes Ge­mäl­des ja längst fi­xiert ist. Den­ken Sie ein­mal an den Fall, dass man eine Flä­che we­der ein­deu­tig als Fi­gur noch als Hin­ter­grund zu­ord­nen kann. Oder stel­len sich das Schil­lern von Tür­kis vor, dass manch­mal eher Grün, manch­mal Blau er­scheint. Auch so et­was führt zu ei­nem be­weg­ten Bild. Die bild­haf­te Ein­heit wird zwar an­ge­strebt, kommt aber fi­nal nicht zu­stan­de. Die Ma­le­rei der nach­las­si­schen Mo­der­ne (In­for­mel, spon­ta­ne Abs­trak­ti­on, usw.) lebt so­zu­sa­gen von die­sem Phä­no­men.
        Was nun das Ob­jekt a aus­zeich­net, ist ein­mal sei­ne Starr­heit. Es fällt an­schei­nend aus der Ka­te­go­rie der bild­ne­ri­schen Wir­kungs­welt her­aus. Ob­wohl der von Ih­nen zi­tier­te Säu­re­fleck ganz ma­te­ri­ell be­trach­tet auf dem Bild exis­tiert, exis­tiert er nicht bild­ne­risch. Ich kann mir vor­stel­len, dass man­che Men­schen sa­gen, der Säu­re­fleck hat das Bild ka­putt­ge­macht. Als Ma­ler wür­de ich mich dar­über be­kla­gen, wenn je­mand zum Bei­spiel an mei­nem Bild her­umm­alt. Da wür­de ich das Säu­re­at­ten­tat we­ni­ger be­droh­lich fin­den.
        Von die­sen bei­den Bei­spie­len (des star­ren Punk­tes in der Ani­ma­ti­on, bzw. von dem Rest ei­nes Säu­re­flecks) aus­ge­hend, ist es nicht weit zu je­ner Stel­le auf Hol­beins Ge­mäl­de „Die Ge­sand­ten”, die man als ka­putt be­schrei­ben kann, so­lan­ge man noch nicht den To­ten­schä­del ent­deckt hat, den man erst er­ken­nen kann, wenn man nicht mehr di­rekt vor dem Ge­mäl­de steht. Wenn man die­sen Hol­bein zum ers­ten Mal sieht, dann fragt man sich, war­um der Ma­ler eine ziem­lich zen­tra­le Stel­le im Bild op­fert. Aber es kommt dann zu der Wen­dung, dass spä­ter in Ge­stalt des To­ten­schä­dels et­was bild­haft wird, was vor­her aus der Ein­heit des Bil­des her­aus­fiel.
        Da ich in mei­nem Be­rufs­le­ben vie­le Kunst-Work­shops ge­lei­tet habe, möch­te ich eine na­he­zu all­täg­li­che Be­ob­ach­tung an­fü­gen, die so­wohl zum The­ma der be­weg­ten Ge­stalt als auch zum Ob­jekt a passt. Je­mand malt auf sei­nem halb­fer­ti­gen Bild ei­nen Fle­cken und stört sich wahn­sin­nig dar­an. Es wer­den von den Teil­neh­mern manch­mal Vor­stel­lun­gen ge­äu­ßert, dass sie „per­fekt” ma­len möch­ten. Fle­cken und „Na­sen” ge­hö­ren dann nicht zum Bild dazu. Sie fal­len aus der Ord­nung der Bil­der her­aus. Aber Ma­len ba­siert dar­auf, dass man Fle­cken (ta­ches) macht. Sie sind die Ord­nung der Bil­der. Ich glau­be, dass die­ses Bei­spiel sicht­bar macht, dass wir plötz­lich aus der Ge­stalt­ebe­ne her­aus­fal­len oder um­ge­kehrt, dass plötz­lich et­was bild­ne­risch wird, wo wir die­se Ebe­ne be­reits ab­ge­bro­chen hat­ten.
        Ihre Idee, ei­nen Ar­ti­kel zu schrei­ben, fin­de ich gut.
        Mit freund­li­chen Grü­ßen
        Ul­rich Gors­both

      • Lie­ber Herr Gors­both,

        ist das Ob­jekt a, La­can zu­fol­ge, starr? Ich bin mir nicht si­cher. Ir­gend­wo schreibt La­can über die Zeit­lich­keit des Ob­jekts a, es sei imer ent­we­der kurz da­vor auf­zu­tau­chen oder kurz da­vor zu ver­schwin­den (lei­der weiß ich nicht mehr, wo ich das ge­fun­den habe). In­so­fern müss­te ich mein Bei­spiel än­dern: das Ob­jekt a wäre ein Fleck, der durch­zu­schla­gen droht, oder ein Fleck, der ge­ra­de och da war, aber ver­schwun­den ist. 

        Es grüßt Sie
        Rolf Nemitz

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