Name-des-Vaters

Die Benennung und der Name-des-Vaters

adam-naming-the-animalsDas Bes­tia­ri­um von Sankt Pe­ters­burg (14. Jh., Buch­ma­le­rei, Cam­bridge, Cor­pus Chris­ti Col­le­ge, MS 53, f. 195V), von hier

La­can zu­fol­ge be­steht die Funk­ti­on des Na­mens-des-Va­ters dar­in, dass der Va­ter ein Be­nen­nen­der ist. Was ist da­mit ge­meint?

Im bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus vier Rin­gen, dem Ge­gen­stand von Se­mi­nar 23, Das Sin­t­hom, steht der vier­te Ring für den Va­ter als Be­nen­nen­den und zu­gleich für das Sym­ptom bzw. das Sin­t­hom. Wor­in be­steht der Zu­sam­men­hang zwi­schen der Be­nen­nung und dem Sym­ptom?

Das Problem

Un­ter „Name-des-Va­ters“ ver­steht La­can die Ver­knüp­fung des Ver­wandt­schafts­na­mens „Va­ter“ mit dem In­zest­ver­bots; der Name-des-Va­ters ist der Si­gni­fi­kant, der den Kern des Über-Ichs bil­det.1

In Se­mi­nar 22 ver­bin­det er den Be­griff „Name-des-Va­ters“ mit der Funk­ti­on des Be­nen­nens:

Das sind die Na­men-des-Va­ters, die ers­ten Na­men, in­so­fern sie et­was be­nen­nen, was, wie es, ja, wie es die Bi­bel an­zeigt, be­zo­gen <ist> auf die­ses au­ßer­ge­wöhn­li­che Dings­da, das Va­ter ge­nannt wird. Der ers­te Schritt die­ser mensch­li­chen Ima­gi­na­ti­on, näm­lich von Gott, ist dem ge­wid­met, ei­nen Na­men zu ge­ben, mein Gott, ei­nem et­was, was nicht gleich­gül­tig ist, näm­lich ei­nen Na­men je­dem der Tie­re.“2

Er irrt sich dop­pelt. Gott wird in der he­bräi­schen Bi­bel nur sel­ten als Va­ter be­zeich­net und nir­gend­wo in der Schöp­fungs­ge­schich­te; die Auf­fas­sung von Gott als Va­ter ist cha­rak­te­ris­tisch für die Au­to­ren des Neu­en Tes­ta­ments, für die Gott nicht nur der Va­ter von Je­sus ist, son­dern auch der der Jün­ger und dar­über hin­aus der christ­li­chen Ge­mein­de (vgl. „Va­ter un­ser“). Au­ßer­dem ist es im he­bräi­schen Schöp­fungs­my­thos nicht Gott, der die Tie­re be­nennt, son­dern Adam (1. Mose, Ka­pi­tel 2, Ver­se 19 und 20); die­sen Feh­ler wird er zu Be­ginn des Sin­t­hom-Se­mi­nars kor­ri­gie­ren.3 Fest­zu­hal­ten ist: Der Aus­druck „Name-des-Va­ters“ be­deu­tet von Se­mi­nar 22 an auch „der Va­ter als Be­nen­nen­der“ so­wie „der vom Va­ter ver­ge­be­ne Name“; der Ge­dan­ke fin­det sich hier zum ers­ten Mal.4

In der­sel­ben Sit­zung heißt es:

Und gleich­zei­tig re­du­zie­re ich den Na­men-des-Va­ters auf sei­ne ra­di­ka­le Funk­ti­on, die dar­in be­steht, den Din­gen ei­nen Na­men zu ge­ben. Mit al­len Fol­gen, die das mit sich bringt, denn das ist kei­nes­wegs fol­gen­los, bis hin zum Ge­nie­ßen, wor­auf ich eben hin­ge­wie­sen habe.“5

Die Na­men­ge­bungs­funk­ti­on des Va­ters ist eine Be­zie­hung zwi­schen, ers­tens, dem Na­men, zwei­tens, der Vor­stel­lung, dass es ei­nen Herrn gibt, der die Na­men ver­gibt, und, drit­tens, dem Ge­nie­ßen, der Lust jen­seits des Lust­prin­zips.

Objektkonstituierung durch Benennung

Wenn der Name-des-Va­ters sich auf den Va­ter als Be­nen­nen­den be­zieht, was ist dann mit Be­nen­nung ge­meint? Im­mer noch in der­sel­ben Sit­zung heißt es:

Das Ei­gen­tüm­li­che des Sinns be­steht dar­in, dass man in ihm et­was be­nennt, was die Di­men­si­on des­sen auf­tau­chen lässt, was man die Din­ge (les cho­ses) heißt, die ihr Fun­da­ment nur vom Rea­len be­zie­hen.“6

Der Sinn be­ruht nicht etwa dar­auf, dass die be­reits vor­han­de­nen Din­ge be­nannt wer­den; die For­mu­lie­rung im Zi­tat da­vor („den Din­gen ei­nen Na­men zu ge­ben“) ist lax. La­can ar­gu­men­tiert kan­tia­nisch: die Din­ge, näm­lich die Ge­gen­stän­de, die Ob­jek­te, sind nicht ge­ge­ben, sie wer­den viel­mehr kon­sti­tu­iert. La­can zu­fol­ge wer­den sie nicht durch An­schau­ungs­for­men und Ka­te­go­ri­en her­vor­ge­bracht, son­dern durch Be­nen­nun­gen.

Der Ge­dan­ken lässt sich durch den Schöp­fungs­my­thos der he­bräi­schen Bi­bel il­lus­trie­ren: durch sein Wort ver­wan­delt Gott das To­hu­wa­bo­hu (das Rea­le) in die Din­ge, in die ge­ord­ne­te Welt von Tag und Nacht usw., in grie­chi­scher Ter­mi­no­lo­gie: durch den Lo­gos wird das Cha­os zum Kos­mos.

Die The­se von der schöp­fe­ri­schen Funk­ti­on des Spre­chens hat­te La­can be­reits in Se­mi­nar 1 vor­ge­bracht.7 Eine ers­te Kon­zep­ti­on der Be­nen­nung skiz­ziert er in Se­mi­nar 2; hier be­reits mit Ver­weis auf den My­thos von der Be­nen­nung der Tie­re:

Da greift die sym­bo­li­sche Re­la­ti­on ein. Die Macht (pou­voir), die Ob­jek­te zu be­nen­nen, struk­tu­riert die Wahr­neh­mung selbst. Das per­ci­pi [das Wahr­ge­nom­men­wer­den] des Men­schen ver­mag sich nur in­ner­halb ei­ner Zone der Be­nen­nung (no­mi­na­ti­on) zu hal­ten. Durch die Be­nen­nung läßt der Mensch die Ob­jek­te in ei­ner ge­wis­sen Kon­sis­tenz be­stehen. Stün­den sie nur in ei­ner nar­ziß­ti­schen Be­zie­hung zum Sub­jekt, dann wür­den die Ob­jek­te im­mer nur in in­stanta­ner Wei­se wahr­ge­nom­men. Das Wort, das Wort, wel­ches be­nennt, ist das Iden­ti­sche. Das Wort ent­spricht nicht der räum­li­chen Dis­tink­ti­on des Ob­jekts, die im­mer be­reit ist, sich in ei­ner Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Sub­jekt auf­zu­lö­sen, son­dern sei­ner zeit­li­chen Di­men­si­on. Das Ob­jekt, ei­nen Au­gen­blick kon­sti­tu­iert als ein Ähn­li­ches / als ei­nen Schein (sem­blant) des mensch­li­chen Sub­jekts, ein Dou­ble sei­ner selbst, zeigt den­noch ei­nen ge­wis­sen Per­ma­nenz­as­pekt durch die Zeit hin­durch, der nicht un­end­li­che dau­er­haft ist, denn alle Ob­jek­te sind ver­gäng­lich. Die­se Er­schei­nung, die eine ge­wis­se Zeit an­dau­ert, ist streng nur durch Ver­mitt­lung des Na­mens er­kenn­bar. Der Name ist die Zeit des Ob­jekts. Die Be­nen­nung kon­sti­tu­iert ei­nen Pakt, durch den zwei Sub­jek­te gleich­zei­tig über­ein­stim­men, das­sel­be Ob­jekt (an)zuerkennen (re­con­naît­re). Wenn das mensch­li­che Sub­jekt – was, wie die Ge­ne­sis sagt, im ir­di­schen Pa­ra­dies ge­sche­hen ist – nicht zu­nächst die Haupt­gat­tun­gen be­nennt, wenn die Sub­jek­te sich nicht über die­se (An-)Erkennung (reon­nais­sance) ver­stän­di­gen, dann gibt es kei­ne Welt, nicht ein­mal eine per­zep­ti­ve, die län­ger als ei­nen Au­gen­blick halt­bar wäre. Da ist das Bin­de­glied, das Auf­tau­chen der Di­men­si­on des Sym­bo­li­schen im Ver­hält­nis zum Ima­gi­nä­ren.“8

La­can for­mu­liert hier eine The­se zur Ob­jekt­kon­stanz. Ein klas­si­sches Pro­blem der Wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gie lau­tet: Wie kommt es, dass wir Ge­gen­stän­de als die­sel­ben auf­fas­sen, ob­wohl sie sich in der Wahr­neh­mung doch be­stän­dig ver­än­dern, etwa wenn der Wahr­neh­men­de sich be­wegt, wenn das Wahr­ge­nom­me­ne sich be­wegt oder wenn das Licht wech­selt –?

La­cans Lö­sung, in ge­wis­ser Nähe zu Vy­gots­kij, sieht so aus:

(a) Die Wahr­neh­mung von Ob­jek­ten wird durch die Spie­gel­be­zie­hung struk­tu­riert, durch die nar­ziss­ti­sche Re­la­ti­on. Das, was Psy­cho­lo­gen als „Ge­stalt“ be­zeich­nen, be­ruht dar­auf, dass der Wahr­neh­men­de auf das Wahr­ge­nom­me­ne sein Kör­per­bild pro­ji­ziert.

(b) Ein sol­cher­ma­ßen, also ima­gi­när, kon­sti­tu­ier­tes Ob­jekt hat den Cha­rak­ter des Scheins (sem­blant) und das heißt hier vor al­lem: es ist in­sta­bil, es ver­än­dert sich.

(c) Die Iden­ti­tät des Ob­jekts – die Ob­jekt­kon­stanz – wird durch Be­nen­nung er­zeugt, also durch das Sym­bo­li­sche. Da­durch, dass wir das, was da her­um­wu­selt, als „Hund“ be­zeich­nen, ist es für uns auch dann noch das­sel­be, wenn es auf uns zu­rast, da­durch für uns sein Aus­se­hen ver­än­dert und plötz­lich er­schre­cken­de Ge­räu­sche von sich gibt. In der Be­nen­nung über­la­gert sich also das Sym­bo­li­sche mit dem Ima­gi­nä­ren. La­can zi­tiert He­gel: Der Be­griff ist die Zeit der Sa­che.9

(d) Die Be­nen­nung ist re­con­nais­sance im Dop­pel­sinn von Er­kennt­nis und An­er­ken­nung. Die Be­nen­nung ist eine ele­men­ta­re Form der Er­kennt­nis, wie die Ko­gni­ti­ons­psy­cho­lo­gen rich­tig her­vor­ge­ho­ben ha­ben. Sie sie zu­gleich eine Kon­ven­ti­on, eine Art zwi­schen­mensch­li­cher Ver­trag; sie be­ruht auf der wech­sel­sei­ti­gen An­er­ken­nung ei­nes Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­tems. Die Er­kennt­nis von Ob­jek­ten be­ruht auf so­zia­ler An­er­ken­nung.

Benennung als „Mord am Ding“

Die durch die Be­nen­nung kon­sti­tu­ier­te Welt der Ob­jek­te – und da­mit des Be­wusst­seins, des Selbst­be­wusst­seins und der Er­kennt­nis – ist, La­can zu­fol­ge, trü­ge­risch. Die Be­nen­nung er­zeugt die Il­lu­si­on, es gäbe eine prä­exis­ten­te Welt von Din­gen. Das mensch­li­che We­sen be­zieht sich hier auf an­de­re We­sen als Ob­jek­te; es weiß sich als Sei­en­des und ver­hält sich zu an­de­ren als zu Sei­en­den. Das Feld der Psy­cho­ana­ly­se ist an­ders struk­tu­riert. Das mensch­li­che We­sen be­zieht sich hier nicht auf Sei­en­des, son­dern auf Sein, ge­nau­er: auf Seins­man­gel – es be­gehrt.10

Die Be­nen­nung er­zeugt die „Sprach­mau­er“, die den Zu­gang zur Wahr­heit der sym­bo­li­schen Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt blo­ckiert.11

In Wahr­heit ist die Be­nen­nung ein „Mord am Ding“. Die mensch­li­che Welt ist eine ver­sprach­lich­te Welt und des­halb ur­sprüng­lich durch den Seins­man­gel struk­tu­riert12, durch das Nicht-Sein13. Das un­be­wuss­te Be­geh­ren ist die Be­zie­hung des Sub­jekts zu dem durch die Be­nen­nung her­vor­ge­ru­fe­nen Seins­man­gel.14

In Se­mi­nar 7 be­zeich­net La­can den Un­ter­schied, um den es hier geht, mit Hei­deg­ger als die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Sei­en­den und dem Sein.15 In die­sem Sin­ne kann man sa­gen: Die Be­nen­nung er­zeugt das Sei­en­de: die Welt der Din­ge. Die Be­nen­nung ist zu­gleich Be­zie­hung zum Sein, näm­lich zum Nichts, in dem das Sein sich zeigt.

Benennung als Grundlage der symbolischen Ordnung

Die Be­nen­nung ist zu­gleich das Fun­da­ment, auf dem sich die sym­bo­li­sche Ord­nung er­rich­tet.

Die grün­den­den Wor­te, die das Sub­jekt ein­hül­len, sind all das, was es kon­sti­tu­iert hat, sei­ne El­tern, sei­ne Nächs­ten, die gan­ze Struk­tur der Ge­mein­schaft, und nicht nur kon­sti­tu­iert hat als Sym­bol, son­dern kon­sti­tu­iert in sei­nem Sein. Es sind die Ge­set­ze der No­men­kla­tur, die – zu­min­dest bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad – die Al­li­an­zen be­stim­men und ka­na­li­sie­ren, von de­nen aus­ge­hend die Men­schen­we­sen mit­ein­an­der ko­pu­lie­ren und schließ­lich nicht nur an­de­re Sym­bo­le schaf­fen, son­dern auch rea­le We­sen, die, wenn sie zur Welt kom­men, gleich je­nes Schild­chen ha­ben, das ihr Name ist, das we­sent­li­che Sym­bol für das, was es mit ih­rem Schick­sal auf sich hat.“16

Die grün­den­den Wor­te, das ist das vom An­de­ren kom­men­de „vol­le“ oder „wah­re Spre­chen“, z.B. der Satz „Du bist mei­ne Frau“, durch den ich in ih­ren Mann ver­wan­delt wer­de.

Die grün­den­den Wor­te be­zie­hen sich, wie das Bei­spiel zeigt, nicht zu­letzt auf Hei­rats­re­geln und da­mit auf das In­zest­ver­bot.

Hei­rats­re­geln be­ru­hen auf ei­ner No­men­kla­tur, auf ei­nem Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­tem: sie wer­den in Ver­wandt­schafts­ter­mi­ni ar­ti­ku­liert.

Die grün­den­den Wor­te ha­ben Fol­gen im Rea­len, in­so­fern sie näm­lich die Zeu­gung von Men­schen re­gu­lie­ren. Die­se sind bei ih­rer Ge­burt kei­ne rein bio­lo­gi­schen We­sen, son­dern be­reits sym­bo­li­sier­te Adres­sa­ten, ver­se­hen mit Be­zeich­nun­gen wie „Kind von A und B“, „männ­lich“ und über­dies mit ei­nem Ei­gen­na­men, der sich auf die Ge­ne­ra­tio­nen­fol­ge be­zieht (in Deutsch­land der Nach­na­me) und der auch dann, wenn er sich die­ser Ver­bin­dung zu ent­zie­hen ver­sucht (wie in Deutsch­land häu­fig der Vor­na­me), der De­ter­mi­na­ti­on durch die Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen nicht im­mer ent­geht.

Wenn Adam die Tie­re be­nennt, schafft er ei­nen No­men­kla­tur. Auf ei­ner No­men­kla­tur be­ruht auch die sym­bo­li­sche Ord­nung mit dem In­zest­ver­bot. Eine Schlüs­sel­rol­le spielt hier­bei, La­can zu­fol­ge, der Ter­mi­nus „Va­ter“. Eine an­de­re grund­le­gen­de Klas­si­fi­ka­ti­on ist die Op­po­si­ti­on von Män­nern und Frau­en. Das ver­an­schau­licht La­cans An­ek­do­te von den Ge­schwis­tern, die in ei­nen Bahn­hof ein­fah­ren. Der Bru­der sagt: „Schau, wir sind in Frau­en!“ „Dumm­kopf“, ant­wor­tet die Schwes­ter, „siehst du nicht, das wir in Män­ner sind?“17

Die No­men­kla­tur be­steht aus Si­gni­fi­kan­ten, de­ren Si­gni­fi­ka­te für das neu­ro­ti­sche Sub­jekt ein Rät­sel sind. Das Sub­jekt ist eine Fra­ge; es fragt sich zum Bei­spiel: Was heißt es, eine Frau zu sein, an­ders ge­sagt, was heißt es, in „Män­ner“ zu sein? Und: Was ist ein Va­ter?

Objektkonstituierung durch den Namen-des-Vaters

Die Be­nen­nung kon­sti­tu­iert die Welt der Ob­jek­te. Was hat das mit dem Na­men-des-Va­ters zu tun?

Ers­te Ant­wort: Das In­zest­ver­bot be­ruht auf ei­ner No­men­kla­tur. Der Name-des-Va­ters ist der Va­ter als Re­prä­sen­tant des In­zest­ver­bots. Also ist der Va­ter der Re­prä­sen­tant der No­men­kla­tur, in ima­gi­nä­rer Wen­dung: der Herr, der die mit dem In­zest­ver­bot ver­bun­de­ne No­men­kla­tur ge­schaf­fen hat.

Für eine zwei­te Ant­wort stüt­ze ich mich auf eine Be­mer­kung in Se­mi­nar 6. Sie lau­tet:

Und man kann bis zu ei­nem ge­wis­sen Punkt sa­gen, dass das Sub­jekt im Ver­hält­nis zu ei­nem ge­wis­sen Ver­zicht auf sei­ne Be­zie­hung zum Phal­lus in den Be­sitz ein­tritt die­ser Un­end­lich­keit, Plu­ra­li­tät, All­heit der Welt der Ob­jek­te, die die Welt des Men­schen kenn­zeich­net.“18

Wie ge­langt das Sub­jekt in den Be­sitz der Fül­le der Welt der Ob­jek­te? Durch den Ver­zicht dar­auf, „der Phal­lus zu sein“, das Ob­jekt des Be­geh­rens der Mut­ter, also da­durch, dass es nicht mehr be­gehrt, von der Mut­ter be­gehrt zu wer­den.

Das, was dem Sub­jekt die­ses Op­fer er­mög­licht, ist für La­can die Va­ter­me­tapher: die Er­set­zung des Be­geh­rens nach dem Be­geh­ren der Mut­ter durch den Na­men-des-Va­ters, durch die Ein­wir­kung des Va­ters als Re­prä­sen­tant des In­zest­ta­bus und die hier­auf auf­bau­en­de Er­rich­tung des Über-Ichs.19

Also sind Be­nen­nung und Name-des-Va­ters funk­tio­nal äqui­va­lent: bei­de füh­ren dazu, dass für das Sub­jekt die Welt der Ob­jek­te ent­steht.

Da­mit zeich­net sich auch ab, was die Be­nen­nung mit dem Sym­ptom zu schaf­fen ha­ben könn­te. Der Name-des-Va­ters ist der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der die Ver­drän­gung her­bei­führt. Nun gibt es aber kei­ne Ver­drän­gung ohne Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten, kei­ne Ver­drän­gung ohne Sym­ptom; Name-des-Va­ters und Sym­ptom sind zwei Sei­ten ei­ner Me­dail­le. Wenn die Be­nen­nung und der Name-des-Va­ters funk­tio­nal äqui­va­lent sind und wenn die Kehr­sei­te des Na­mens des Va­ters das Sym­ptom ist, dann liegt die Ver­mu­tung nahe, dass es zwi­schen der Be­nen­nung und dem Sym­ptom eine enge Be­zie­hung gibt.

Nur wel­che? Meint die The­se „Der Name-des-Va­ters ist der be­nen­nen­de Va­ter“ mehr als die funk­tio­na­le Äqui­va­lenz?

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Anmerkungen

  1. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 245, 250; Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 227; J. La­can: Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1958). In: Schrif­ten II, dar­in Teil IV. „Von Schre­bers Sei­te“, S. 90 ff.
  2. Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zung vom 11. März 1975, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la S. 122, Ein­schub in spit­zen Klam­mern von mir; vgl. Klei­ner-Über­set­zung S. 39.
  3. Se­mi­nar 23 von 1975/76, Le sin­t­home, Ver­si­on Mil­ler, S. 13.
  4. Vgl. Erik Por­ge: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Par­cours d’un ens­eig­ne­ment. Érès, Tou­lou­se 2000, „La so­lu­ti­on bor­ro­méen“, S. 163–165; die Über­set­zung die­ses Ab­schnitts fin­det man in die­sem Blog hier.
  5. Sit­zung vom 11. März 1975, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la S. 131; vgl. Klei­ner-Über­set­zung S. 42.
  6. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11. März 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 39.
  7. Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten, Sit­zung vom 16. Juni 1954.
  8. Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 217, Über­set­zung ge­än­dert, Ein­schub in ecki­gen Klam­mern von mir, RN.
  9. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 304 f.
  10. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283 f.
  11. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310 f.
  12. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283–285.
  13. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 244, 410.
  14. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283; Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 355.
  15. (Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 333–335.
  16. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 31.
  17. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. In: Schrif­ten II, S. 24 f.
  18. Se­mi­nar 6 von 1958/59, Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­ti­on, Ver­si­on Mil­ler, S. 258, mei­ne Über­set­zung.
  19. Vgl. Über eine Fra­ge …, a.a.O.

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