Lacans Schemata

Lacans Schema des masochistischen Begehrens

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778Sche­ma 2 aus: Jac­ques La­can, Kant mit Sade

Vor ei­ni­gen Ta­gen hielt Mai We­ge­ner im Rah­men des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin ei­nen Vor­trag über Jac­ques La­cans Auf­satz Kant mit Sade (vgl. hier ihre Über­ar­bei­tung der Über­set­zung). Da­bei ging es vor al­lem um das oben wie­der­ge­ge­be­ne Dia­gramm; in Kant mit Sade wird es als „Sche­ma 2“ be­zeich­net. Im Fol­gen­den fin­det man mei­ne Deu­tung die­ser gra­phi­schen Dar­stel­lung. Der Auf­satz Kant mit Sade be­steht aus 15 Ab­schnit­ten, die durch Leer­zei­len un­ter­schie­den wer­den; ich zi­tie­re und kom­men­tie­re Ab­schnitt 8.1

Sche­ma 2 ent­steht durch eine Vier­tel­dre­hung aus Sche­ma 1, dem Sche­ma des sa­dis­ti­schen Phan­tas­mas; mei­ne Er­läu­te­rung von Sche­ma 1 ent­hält die­ser Blog­ar­ti­kel.

Den Auf­satz Kant mit Sade gibt es in drei Ver­sio­nen. Die ers­te Fas­sung er­schien 1963 in der Zeit­schrift Cri­tique2, die zwei­te, mit grö­ße­ren Än­de­run­gen, 1966 in den Écrits3, die drit­te, mit klei­ne­ren Kor­rek­tu­ren, 1971 in der ers­ten Ta­schen­buch­aus­ga­be der Écrits4.

Zi­tier­wei­se
– Die Zi­ta­te be­zie­hen sich, wenn nicht an­ders an­ge­ge­ben, auf die Fas­sung von 1966. Für Zi­ta­te aus der Ver­si­on von 1963 ver­wen­de ich die Wie­der­ga­be in Pas-tout La­can und die dort an­ge­ge­be­ne Sei­ten­zäh­lung der Zeit­schrift Cri­tique.
– Drei Punk­te zu Be­ginn ei­nes Zi­tats wei­sen dar­auf hin, dass es an das vor­an­ge­hen­de Zi­tat aus der Er­läu­te­rung des Sche­mas in Kant mit Sade lü­cken­los an­schließt.
– In den Zi­ta­ten sind Ein­fü­gun­gen in run­den Klam­mern von La­can, in ecki­gen Klam­mern von mir.
– Zah­len in Klam­mern sind Sei­ten­hin­wei­se; sie be­zie­hen sich auf die Über­set­zung von Kant mit Sade in Schrif­ten II.
– „10:133“ meint: Se­mi­nar 10, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 133. Da­bei be­zie­he ich mich auf die of­fi­zi­el­len deut­schen Über­set­zun­gen der Se­mi­na­re. Im Fal­le von Se­mi­nar 6 be­zie­he ich mich auf die Mil­ler-Aus­ga­be, Se­mi­nar 9 zi­tie­re ich nach der Sta­fer­la-Ver­si­on.
– „Anm. JL“ meint: An­mer­kung von La­can; „Anm. RN“ meint: An­mer­kung von mir.
– Die Über­set­zung der Pas­sa­gen aus Kant mit Sade so­wie aus den Se­mi­na­ren 6 und 9 ist von mir.

Formale Beschreibung

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778

Sche­ma 2
Kant mit Sade

In Sche­ma 2 wer­den fünf Ter­me zu­ein­an­der in Be­zie­hung ge­setzt:
a, oben links, das Ob­jekt a
– V, oben rechts, der Wil­le zur Lust, der Wil­le zum Ge­nie­ßen (vo­lon­té de jouis­sance),
– $, un­ten links, das durch­ge­stri­che­ne S (S bar­ré) als Sym­bol für das aus­ge­perr­te Sub­jekt (su­jet bar­ré),
– S, un­ten rechts, das rohe Sub­jekt der Lust (plai­sir),
– d, das Be­geh­ren (dé­sir), un­ten links.

Die­se Ter­me sind vom Sche­ma 1 her be­reits be­kannt.

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 1 - Sadesches Phantasma

Sche­ma 1
Kant mit Sade

Zwi­schen den fünf Ter­men gibt es drei Ar­ten von Be­zie­hun­gen.

– Die lin­ke Sei­te des Dia­gramms (mit a, $ und d) ist die Sei­te des Sub­jekts, die rech­te Sei­te (mit V und S) die des An­de­ren (10:133).
– Die Ter­me wer­den durch eine Pfeil­li­nie mit­ein­an­der ver­bun­den, die zwi­schen der lin­ken Sei­te und der rech­ten Sei­te hin und her wech­selt, so dass sich eine Z-för­mi­ge Li­nie er­gibt. Sie be­ginnt oben links mit a, läuft dann nach oben rechts zu V, hier­auf nach un­ten links zu $ und en­det un­ten rechts in S.
– Das klei­ne d steht un­ter $, von d zeigt ein kur­zer Pfeil senk­recht nach oben zu $.

Auch die­se drei Be­zie­hun­gen sind von Sche­ma 1 her be­kannt.

Bei der Vier­tel­dre­hung blei­ben die Rei­hen­fol­ge der Ter­me und der zick­zack­för­mi­ge Kur­ven­ver­lauf er­hal­ten, durch die Dre­hung ver­wan­delt sich das N in ein Z. Beim Über­gang von Sche­ma 1 zu Sche­ma 2 ro­tiert das d nicht mit, mit dem Platz un­ten links ist es fest ver­bun­den. Die Ro­ta­ti­on hat zur Fol­ge, dass die Rich­tung des von d aus­ge­hen­den kur­zen Pfeils sich än­dert; im Sche­ma des Sa­dis­mus zeigt der Pfeil von links nach rechts, in Sche­ma 2 von un­ten nach oben.

Jacques Lacan, Schema L Poe-Aufsatz (1957)

Sche­ma L
Poe-Auf­satz (1957)

Sche­ma 2 ist eine der zahl­rei­chen Um­wand­lun­gen von Sche­ma L, das La­can zu­erst in Se­mi­nar 2 vor­ge­stellt hat­te  (vgl. hier­zu die­sen Blog­bei­trag). In bei­den Dia­gram­men sind die vier Ecken ei­nes Recht­ecks mit vier Ter­men be­setzt, de­ren Be­zie­hung so be­schaf­fen ist, dass die dia­go­na­le Ver­bin­dung zwi­schen dem Term oben links und dem un­ten rechts durch eine quer dazu ste­hen­de Ach­se ver­mit­telt ist, durch die Be­zie­hung zwi­schen dem Term oben rechts und dem un­ten links. In Sche­ma L wird das sym­bo­li­sche Ver­bin­dung von A zu S durch die ima­gi­nä­re Ver­bin­dung von aꞌ nach a un­ter­bro­chen und zu­gleich er­mög­licht; in Sche­ma 2 wird die Be­zie­hung zwi­schen a und S durch die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zwi­schen V und $ ver­mit­telt.

In Kant mit Sade heißt es zu Sche­ma­ta die­ses Typs:

Aus­ge­hend vom Un­be­wuß­ten ist in der Kon­struk­ti­on ei­ner sub­jek­ti­ven An­ord­nung stets eine vier­tei­li­ge Struk­tur er­for­der­lich. Dem ge­nü­gen un­se­re di­dak­ti­schen Sche­ma­ta.“ (145)

War­um muss die Struk­tur vier­glied­rig sein? Das wird in Kant mit Sade nicht be­grün­det.

Gegenstand des Schemas

Die Vierteldrehungen

Die Vier­tel­dre­hung in „Kant mit Sade“

Jacques Lacan, Kant mit Sade, Schema 1

Sche­ma 1

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778

Sche­ma 2

In Kant mit Sade wird zu­nächst Sche­ma 1 vor­ge­stellt, das Sche­ma des sa­dis­ti­schen Phan­tas­mas (Ab­bil­dun­gen zum Ver­grö­ßern an­kli­cken). Den Über­gang zu Sche­ma 2 be­rei­tet La­can da­durch vor, dass er die Auf­fas­sung kri­ti­siert, zwi­schen Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus gebe es eine Um­kehr­be­zie­hung, eine re­la­ti­on de ré­ver­si­on (148 f.).

Wor­in be­steht dann aber der Zu­sam­men­hang zwi­schen Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus, fragt La­can. Der Sa­dis­mus schiebt den Schmerz zu exis­tie­ren – den pri­mä­ren Ma­so­chis­mus – auf den An­de­ren ab, und dar­über ent­geht ihm, dass er selbst sich in ein „ewi­ges Ob­jekt“ ver­wan­delt (149).5 In Sche­ma 1 wird die Iden­ti­fi­zie­rung des Sa­dis­ten mit die­sem Ob­jekt, dem Ob­jekt a, durch das a un­ten links an­ge­zeigt. An­ders als dem Ma­so­chis­ten ist dem Sa­dis­ten sein Ob­jekt­sta­tus nicht be­wusst.

La­can fährt fort:

Ma­chen wir uns lie­ber klar, dass Sade in dem Maße von sei­nem Phan­tas­ma nicht be­tro­gen wird, wie die Stren­ge sei­nes Den­kens über­geht in die Lo­gik sei­nes Le­bens.“ (149)

Hier­an an­schlie­ßend stellt La­can Sche­ma 2 vor. Das Sche­ma zeigt also, wie die Stren­ge von Sa­des Den­ken in die Lo­gik sei­nes Le­bens über­geht. Für La­can ist Sade dann ein stren­ger Den­ker, wenn es um Fra­gen der Ethik geht.6

Die Vier­tel­dre­hung in Se­mi­nar 10

Im Sep­tem­ber 1962 hat­te La­can Kant mit Sade fer­tig­ge­stellt, im April 1963 wird der Auf­satz ver­öf­fent­licht. Da­zwi­schen, am 16. Ja­nu­ar 1963, stellt er in Se­mi­nar 10 an der Ta­fel ein Sche­ma des Sa­dis­mus vor, das mit dem aus Kant mit Sade über­ein­stimmt, bis auf eine Ab­wei­chung: In der Se­mi­nar-Ver­si­on des Sa­dis­mus-Sche­mas steht links oben an­stel­le des V ein d, für dé­sir, Be­geh­ren.

Jacques Lacan, Schema des Sadismus, Seminar 10, Version Miller

Sche­ma des Sa­dis­mus
Se­mi­nar 10
Ver­si­on Mil­ler

Jacques Lacan, Schema des Sadismus, Seminar 10, Version Roussan

Sche­ma des Sa­dis­mus
Se­mi­nar 10
Ver­si­on Rous­san

In Mil­lers Edi­ti­on sieht das Sche­ma des Sa­dis­mus aus Se­mi­nar 10 so aus wie in der Ab­bil­dung links (10:133). In der phi­lo­lo­gisch bes­ten Aus­ga­be von Se­mi­nar 10, der von Mi­chel Rous­san, stellt sich das in Se­mi­nar 10 prä­sen­tier­te Sche­ma des Sa­dis­mus so dar, wie rechts (das S oben links be­zieht sich auf die ge­sam­te lin­ke Sei­te des Sche­mas und steht für Su­jet, Sub­jekt, das A oben rechts be­zieht sich auf die rech­te Sei­te und meint Aut­re, An­de­rer).

Wie ver­hält sich, am Platz oben links, d (Be­geh­ren) zu V (Wil­le zum Ge­nie­ßen)? Im Fal­le des Sa­dis­mus kann das Be­geh­ren „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ ge­nannt wer­den, heißt es in Kant mit Sade (144, vgl. auch 10:189). Das klei­ne d (Be­geh­ren) ver­hält sich zum gro­ßen V (Wil­le zum Ge­nie­ßen) wie das All­ge­mei­ne zum Be­son­de­ren.

In Se­mi­nar 10 sagt La­can am 13. März 1963, also zwei Mo­na­te nach der Prä­sen­ta­ti­on des Sa­dis­mus-Sche­mas:

Der Sa­dis­mus ist nicht die Kehr­sei­te des Ma­so­chis­mus. Dies ist nicht das Paar ei­ner Re­ver­si­bi­li­tät. Die Struk­tur ist kom­ple­xer. Ob­gleich ich heu­te nur zwei Glie­der her­aus­he­be, kön­nen Sie nach et­li­chen mei­ner we­sent­li­chen Sche­ma­ta ver­mu­ten, dass es sich um eine vier­glied­ri­ge Funk­ti­on, eine Funk­ti­on im Ge­viert han­delt. Der Über­gang vom ei­nen zum an­de­ren ge­schieht durch eine Vier­tel­dre­hung und nicht durch eine Sym­me­trie oder In­ver­si­on.“ (10:222)

Der Über­gang vom Sa­dis­mus zum Ma­so­chis­mus voll­zieht sich also da­durch, dass das Sche­ma des Sa­dis­mus ei­ner Vier­tel­dre­hung un­ter­wor­fen wird.

In bei­den Tex­ten, in Kant mit Sade und in Se­mi­nar 10, wird das Sche­ma des Sa­dis­mus um 90 Grad ge­dreht. Das Er­geb­nis die­ser Dre­hung wird un­ter­schied­lich cha­rak­te­ri­siert. In Kant mit Sade heißt es, das es zeigt, wie die Schär­fe von Sa­des Den­ken in die Lo­gik sei­nes Le­bens über­geht. In Se­mi­nar 10 sagt La­can, das ge­dreh­te Sche­ma zeigt den Ma­so­chis­mus. Die bei­den Aus­sa­gen be­zie­hen sich auf das­sel­be Sche­ma. Dem­nach ist das Sche­ma der Lo­gik von Sa­des Le­ben, Sche­ma 2, das Sche­ma des Ma­so­chis­mus..

Die Masochismen

Sade war in sei­nem Le­ben Ma­so­chist. La­can über­nimmt die­se The­se von Jean Paul­han. Die­ser hat­te 1946 eine Stu­die über Sade ver­öf­fent­licht, Le Mar­quis de Sade et sa com­pli­ce ou Les Re­van­ches le la pu­deur (Der Mar­quis de Sade und sei­ne Kom­pli­zin oder Die Ra­che der Scham).7 Sa­des Ge­heim­nis be­steht, Paul­han zu­fol­ge, dar­in, dass er Ma­so­chist war; Jus­ti­ne war Sade. In Se­mi­nar 9 von 1961/62 in­for­miert La­can sei­ne Hö­rer dar­über, dass er es über­nom­men hat, ei­nen Ar­ti­kel über Sade zu schrei­ben (der dann Kant mit Sade hei­ßen wird) und emp­fiehlt ih­nen bei die­ser Ge­le­gen­heit die Lek­tü­re von Paul­hans Ar­beit (auch wenn Paul­han das We­sent­li­che des Ma­so­chis­mus, wie La­can sagt, letzt­lich ent­geht); La­can ver­weist in der­sel­ben Sit­zung auf die Kon­ver­genz der Tex­te von Sade mit de­nen von Sa­cher-Ma­soch.8

Freud un­ter­schei­det drei For­men des Ma­so­chis­mus:
– den ero­ge­nen Ma­so­chis­mus (die Schmerz­lust als Trieb),
– den fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus (die un­be­wuss­te Phan­ta­sie, durch das Ein­neh­men ei­ner pas­si­ven Po­si­ti­on eine Frau zu sein),
– den mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus (das Schuld­ge­fühl, das Straf­be­dürf­nis).9
Wel­chen Ma­so­chis­mus stellt Sche­ma 2 dar? Ei­nen oder meh­re­re die­ser Ma­so­chis­men oder den Ma­so­chis­mus schlecht­hin?

Be­zo­gen auf Sade ist der mo­ra­li­sche Ma­so­chis­mus ge­meint, sein un­be­wuss­tes Straf­be­dürf­nis, das geht aus La­cans Er­läu­te­run­gen von Sche­ma 2 in Kant mit Sade her­vor. Aber das ist nur eine von vie­len mög­li­chen An­wen­dun­gen des Sche­mas.

Ver­mut­lich zielt La­can mit dem Sche­ma auf den Ma­so­chis­mus schlecht­hin. In Se­mi­nar 10 fragt er nach der Ein­heit der drei Ma­so­chis­men, von da­her ist klar, dass dies für ihn ein Pro­blem ist.10

Exkurs zum femininen Masochismus

Die fol­gen­de Er­läu­te­rung kann man über­sprin­gen; für das Ver­ständ­nis von Sche­ma 2 ist sie nicht not­wen­dig.

In Se­mi­nar 10 sagt La­can über den „fe­mi­ni­nen Ma­so­chi­mus“:

Man wird sei­ner nur hab­haft, wenn man rich­tig er­fasst, dass man im Grun­de be­haup­ten muss, dass der fe­mi­ni­ne Ma­so­chis­mus [ma­so­chis­me fé­mi­nin] ein männ­li­ches Phan­tas­ma sei.“ (10:239, Über­set­zung ge­än­dert)

Der fe­mi­ni­ne Ma­so­chis­mus ist ein männ­li­ches Phan­tas­ma – was ist da­mit ge­meint? Dass Frau­en nie­mals Ma­so­chis­tin­nen sind? Will La­can sa­gen, „Die Be­haup­tung, es gebe ma­so­chis­ti­sche Frau­en, ist eine männ­li­che Phan­ta­sie“ – ? Ganz und gar nicht. Es geht nicht dar­um, ob es ma­so­chis­ti­sche Frau­en gibt, son­dern ob die se­xu­el­le Po­si­ti­on der Frau letzt­lich im­mer ma­so­chis­tisch ist, wie He­le­ne Deutsch an­nahm.

In der of­fi­zi­el­len Über­set­zung fin­det man an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le nicht „fe­mi­ni­ner Ma­so­chis­mus“, son­dern „weib­li­cher Ma­so­chis­mus“. Das ist ir­re­füh­rend. La­can be­zieht sich aus­drück­lich auf Freuds Ter­mi­no­lo­gie (10:135), und Freud spricht nicht vom „weib­li­chen Ma­so­chis­mus“, son­dern vom „fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus“.11 Dar­un­ter ver­steht er Phan­ta­si­en mit dem ma­ni­fes­ten In­halt, ge­fes­selt, ge­schla­gen, ge­de­mü­tigt usw. zu wer­den und mit der un­be­wuss­ten Be­deu­tung, dass „sie die Per­son dar­in in eine für die Weib­lich­keit cha­rak­te­ris­ti­sche Si­tua­ti­on ver­set­zen, also Kas­triert­wer­den, Koi­tiert­wer­den oder Ge­bä­ren be­deu­ten.“12

Un­ter fe­mi­ni­nem Ma­so­chis­mus ver­steht Freud also Phan­ta­si­en, de­ren la­ten­te Be­deu­tung dar­in be­steht, dass das phan­ta­sie­ren­de Sub­jekt die Po­si­ti­on ei­ner Frau ein­nimmt. Sol­che Phan­ta­si­en hat Freud bei Män­nern ge­fun­den. Sei­ne Er­läu­te­rung des fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus be­ginnt so: „Wir ken­nen die­se Art des Ma­so­chis­mus beim Man­ne (auf den ich mich aus Grün­den des Ma­te­ri­als hier be­schrän­ke) …“. Ob der fe­mi­ni­ne Ma­so­chis­mus auch bei Frau­en an­zu­tref­fen ist, lässt Freud of­fen.

Von Freuds Be­griff des fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus ist He­le­ne Deutschs Be­griff des fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus zu un­ter­schei­den.13 Deutsch be­zieht sich mit dem Be­griff des fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus spe­zi­ell auf den Ma­so­chis­mus von Frau­en, auf die „fe­mi­nin-pas­siv-ma­so­chis­ti­sche Ein­stel­lung im See­len­le­ben des Wei­bes“14, nicht, wie Freud, auf die un­be­wuss­ten Weib­lich­keits­phan­ta­si­en über­wie­gend von Män­nern.

Da­mit ist klar, was La­can meint, wenn er sagt, der fe­mi­ni­ne Ma­so­chis­mus sei im Grun­de ein männ­li­ches Phan­tas­ma. Er re­fe­riert hier ganz ein­fach die Po­si­ti­on von Freud. Das, was Freud als „fe­mi­ni­ner Ma­so­chis­mus“ be­zeich­net, ist eine be­stimm­te Män­ner­phan­ta­sie. Freud weist dar­auf hin, dass sein Ma­te­ri­al sich auf Män­ner be­schränkt, und La­can spitzt Freuds Po­si­ti­on ein we­nig zu: bei die­ser Phan­ta­sie­vor­stel­lung han­delt es sich um ein männ­li­ches Phan­tas­ma. „Im Grun­de“, fügt er ein­schrän­kend hin­zu, und lässt da­mit doch wie – Freud of­fen –, ob die Phan­ta­sie, ge­fes­selt und ge­schla­gen zu wer­den, auch bei Frau­en die un­be­wuss­te Be­deu­tung hat, kas­triert zu wer­den, koi­tiert zu wer­den oder zu ge­bä­ren und da­mit eine Frau zu sein.

Das Recht auf Genießen und die Vierteldrehung

Auf den zu­letzt zi­tier­ten Satz aus Kant mit Sade folgt in der Ver­si­on von 1966 eine Leer­zei­le – ein neu­er Ab­schnitt be­ginnt, der ach­te Ab­schnitt.

Wir möch­ten un­se­ren Le­sern hier eine Auf­ga­be [de­voir] vor­schla­gen.

Die De­le­ga­ti­on des Rechts auf Ge­nie­ßen an alle, die Sade in sei­ner Re­pu­blik vor­nimmt, wird in un­se­rem Gra­phen nicht über­setzt durch eine Sym­me­trie-Um­keh­rung auf der Ach­se oder im Mit­tel­punkt, son­dern al­lein durch eine Vier­tel­kreis-Dre­hung, also:

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778

Sche­ma 2“ (149)

Eine Auf­ga­be

Mit der Vier­tel­dre­hung schlägt La­can sei­nen Le­sern eine de­voir vor, eine Auf­ga­be, eine Übung, wört­lich: eine Pflicht. Of­fen­bar will er sie mit die­sem Kan­ti­schen Be­griff auf das ein­stim­men, wor­um es im Fol­gen­den ge­hen wird: um die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Wil­len des An­de­ren.

Das Recht auf Ge­nie­ßen

Den Dreh- und An­gel­punkt von Kant mit Sade bil­det „Sa­des Ma­xi­me“, eine Ma­xi­me, die das Recht auf Ge­nie­ßen ver­kün­det. In der Fas­sung von 1966 lau­tet sie so:

Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, kann je­der mir sa­gen, und ich wer­de von die­sem Recht Ge­brauch ma­chen, ohne daß ir­gend­ei­ne Gren­ze mich auf­hält in der Lau­nen­haf­tig­keit der Ein­for­de­run­gen, wenn de­ren Be­frie­di­gung nach mei­nem Ge­schmack ist.“ (138 f.)

Die De­le­ga­ti­on des Rechts auf Ge­nie­ßen nimmt Sade in sei­ner Re­pu­blik vor – ge­meint ist ein Ein­schub in Sa­des Phi­lo­so­phie im Bou­doir (1795), näm­lich die Streit­schrift Fran­zo­sen, noch eine An­stren­gung, wenn ihr Re­pu­bli­ka­ner sein wollt, wor­in Sade die se­xu­al­po­li­ti­sche Ver­fas­sung der von ihm an­ge­streb­ten Re­pu­blik vor­stellt. Die Ma­xi­me ist La­cans Zu­sam­men­fas­sung, sie wird von Sade nicht wört­lich so vor­ge­bracht (zur Ge­nea­lo­gie der Ma­xi­me vgl. die­sen Blog­ein­trag).

An die­ser Ma­xi­me in­ter­es­siert La­can die Ähn­lich­keit mit Kants ka­te­go­ri­schem Im­pe­ra­tiv. Sie be­zieht sich nicht nur auf den Cha­rak­ter der All­ge­mein­heit, son­dern auch dar­auf, dass für Sade wie für Kant das Gute vom Wohl­be­fin­den und vom Nütz­li­chen ab­ge­kop­pelt ist.

In der Fas­sung von 1963 fehlt der Ein­schub „kann ein je­der mir sa­gen“, hier heißt es statt­des­sen:

Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, wer­de ich sa­gen zu wem ich Lust habe, und ich wer­de …“15

Das über­ra­schends­te Ele­ment von Sa­des Ma­xi­me ist, in der Fas­sung von 1966, der Ein­schub „kann je­der zu mir sa­gen“. Nicht: „Ich kann es je­dem sa­gen“, son­dern: „Je­der an­de­re kann es mir sa­gen.“ Das Sub­jekt, das die Ma­xi­me ar­ti­ku­liert, de­le­giert das Recht auf Ge­nie­ßen an den An­de­ren. Sa­des Ma­xi­me ist, in der Ver­si­on von 1966, ma­so­chis­tisch. Der Herr, dem sich der Ver­kün­der der Ma­xi­me in die­ser Fas­sung un­ter­wirft, ist nicht ein be­stimm­ter An­de­rer, son­dern „je­der“, je­der be­lie­bi­ge an­de­re.

Die Struk­tur der Vier­tel­dre­hung

Die De­le­ga­ti­on des Rechts auf Ge­nie­ßen an ei­nen je­den, an die An­de­ren, wird im Gra­phen so über­setzt, dass das Sche­ma des sa­dis­ti­schen Phan­tas­mas im Uhr­zei­ger­sinn um 90 Grad ge­dreht wird.

Die Vier­tel­dre­hung des Sche­mas wird in Kant mit Sade dop­pelt mo­ti­viert. Sie ist zum ei­nen da­durch ver­an­lasst, dass La­can von Sa­des sa­dis­ti­schen Phan­ta­si­en zu des­sen Le­ben über­geht. Sie wird au­ßer­dem da­durch be­grün­det, dass in Sa­des Ma­xi­me das Recht auf Ge­nie­ßen an den An­de­ren de­le­giert wird.

Da­mit ist klar, was La­can meint, wenn er sagt, dass die Stren­ge von Sa­des Den­ken in die Lo­gik sei­nes Le­bens über­geht. Die Stren­ge sei­nes Den­kens, das ist Sa­des Ethik, die sich in sei­ner Ma­xi­me kon­zen­triert. Die Ma­xi­me de­le­giert das Recht auf Ge­nie­ßen an den An­de­ren. Ge­nau dar­auf aber be­ruht die Lo­gik von Sa­des Le­ben.

Das Kon­zept der Ro­ta­ti­on hält an zwei von Freuds The­sen fest:
– Der Ma­so­chis­mus geht aus dem Sa­dis­mus her­vor und kann in den Sa­dis­mus über­ge­hen.
– Der Über­gang vom Sa­dis­mus in den Ma­so­chis­mus be­ruht auf der Wen­dung ge­gen die ei­ge­ne Per­son, mit La­can: dar­auf, dass der Wil­le zum Ge­nie­ßen auf die Sei­te des An­de­ren wan­dert und das aus­ge­sperrr­te Sub­jekt auf die lin­ke Sei­te, die des Sub­jekts.

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt u Anderer KopieBei der Ro­ta­ti­on bleibt die fun­die­ren­de Platz­struk­tur er­hal­ten; die bei­den lin­ken Plät­ze sind wei­ter­hin die des Sub­jekts, die bei­den rech­ten die des An­de­ren, das klei­ne d un­ten links bleibt an sei­nem Platz. Zur Ver­deut­li­chung habe ich in der Ab­bil­dung rechts zu Sche­ma 2 die Über­schrif­ten „Sub­jekt“ und „An­de­rer“ hin­zu­ge­fügt. Da­mit ori­en­tie­re ich mich an La­can, der in Se­mi­nar 10 im Sche­ma des Sa­dis­mus die lin­ke Sei­te mit „S“ für Su­jet und die rech­te mit „A“ für Aut­re über­schrie­ben hat­te (vgl. wei­ter oben die Ab­bil­dung aus der Rous­san-Ver­si­on von Se­mi­nar 10).

Die Ro­ta­ti­on führt dazu, dass die Ele­men­te an­ders auf die Plät­ze ver­teilt sind. Zwei Un­ter­schie­de ste­chen her­vor.
– Der Wil­le zum Ge­nie­ßen, V, wan­dert auf die rech­te Sei­te, auf die des An­de­ren, er tritt dem Sub­jekt (also der lin­ken Sei­te) jetzt als frem­der Wil­le ge­gen­über.
– Das aus­ge­sperr­te Sub­jekt, $, rutscht auf die lin­ke Sei­te, auf die des Sub­jekts – das Sub­jekt (die lin­ke Sei­te) über­nimmt die­je­ni­ge Funk­ti­on, die im sa­dis­ti­schen Phan­tas­ma von ei­nem dem Sub­jekt ge­gen­über­ste­hen­den In­di­vi­du­um rea­li­siert wird, vom Op­fer.

Der Über­gang vom Sa­dis­mus zum Ma­so­chis­mus wird durch eine Be­zie­hung dar­ge­stellt, die nicht ach­sen­sym­me­trisch ist und auch nicht punkt­sym­me­trisch, son­dern bei der es sich um eine Ro­ta­ti­on han­delt.

Ach­sen­sym­me­trisch ist die Be­zie­hung zwi­schen Spie­gel­bil­dern; mit der Zu­rück­wei­sung der Ach­sen­sym­me­trie zwi­schen Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus ist ge­meint: Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus sind kei­ne Spie­gel­bil­der. Sie stün­den dann in ei­nem Spie­gel­ver­hält­nis, wenn im Ma­so­chis­mus das Sub­jekt ge­nau die Po­si­ti­on ein­näh­me, die im Sa­dis­mus vom An­de­ren be­setzt wird und um­ge­kehrt. La­can be­zieht sich hier ver­mut­lich auf die An­sicht, dass der Sa­dis­mus eine in­stinkt­haf­te Ag­gres­si­vi­tät ist und der Ma­so­chis­mus des­sen Um­keh­rung (vgl. 10:133), also eine in­stinkt­haf­te Schmerz­lust.

Punkt­sym­me­trisch wä­ren die bei­den Sche­ma­ta dann, wenn das d bei der Dre­hung mit­wan­dern wür­de, wenn es also nach der Vier­tel­dre­hung oben links ste­hen wür­de, und wenn au­ßer­dem die lin­ke Sei­te nicht die des Sub­jekts wäre und die rech­te die des An­de­ren. Mir ist nicht klar, wel­che Auf­fas­sung über das Ver­hält­nis zwi­schen Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus da­mit zu­rück­ge­wie­sen wird.

Freud zum Ver­hält­nis von Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus

Freud be­greift den Ma­so­chis­mus als pas­si­ven und den Sa­dis­mus als ak­ti­ven Trieb. Er nimmt zu­nächst an, dass der Ma­so­chis­mus im­mer aus dem Sa­dis­mus ent­steht, dass er also durch­weg se­kun­dä­ren Cha­rak­ter hat. Er ver­mu­tet au­ßer­dem, dass bei­de Stre­bun­gen stets zu­sam­men auf­tre­ten: wer Lust dar­an emp­fin­det, an­de­ren Schmer­zen zu­zu­fü­gen, sei auch in der Lage, Schmerz als Lust zu ge­nie­ßen.16 In Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915) be­schreibt Freud die Um­wand­lung von Sa­dis­mus in Ma­so­chis­mus als ein Trieb­schick­sal, das auf der Ver­keh­rung ins Ge­gen­teil be­ruht, auf der Wen­dung ge­gen die ei­ge­ne Per­son; der Ma­so­chist, sagt Freud hier, ge­nießt das Wü­ten ge­gen sei­ne Per­son mit, beim Über­gang vom Sa­dis­mus zum Ma­so­chis­mus kommt es also zu ei­nem Wech­sel des Trieb­ob­jekts, nicht des Trieb­ziels.17 In „Ein Kind wird ge­schla­gen“ (1919) er­klärt Freud, dass sich der Über­gang vom Sa­dis­mus zum Ma­so­chis­mus durch die Wir­kung des Schuld­ge­fühls voll­zieht.18

Spä­ter kommt Freud zur Auf­fas­sung, dass es zwei Grund­for­men des Ma­so­chis­mus gibt, den pri­mä­ren oder ero­ge­nen Ma­so­chis­mus und den se­kun­dä­ren Ma­so­chis­mus. Aus­gangs­punkt ist der To­des­trieb, ein un­ge­schie­de­ner Sa­dis­mus-Ma­so­chis­mus. Un­ter dem Ein­fluss der Le­bens­trie­be wird der To­des­trieb auf die Au­ßen­welt um­ge­lenkt und so zum Sa­dis­mus. Ein Teil des To­des­triebs macht die­se Um­ge­stal­tung nicht mit; er ver­bleibt im Or­ga­nis­mus und wird durch se­xu­el­le Mit­er­re­gung, also durch die Le­bens­trie­be, ge­bun­den. Die­ser se­xu­ell ge­bun­de­ne To­des­trieb ist der pri­mä­re ero­ge­ne Ma­so­chis­mus. Der Sa­dis­mus kann in­tro­ji­ziert wer­den; auf die­se Wei­se, also durch Re­gres­si­on, ver­wan­delt er sich in den se­kun­dä­ren Ma­so­chis­mus. Die­ser tritt in zwei For­men auf, als fe­mi­ni­ner Ma­so­chis­mus und als mo­ra­li­scher Ma­so­chis­mus. Un­ter dem fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus ver­steht Freud nicht den Ma­so­chis­mus von Frau­en, son­dern ma­so­chis­ti­schen Phan­ta­si­en von Neu­ro­ti­kern und Per­ver­sen, vor al­lem von Män­nern, in de­nen sie sich als Frau­en ima­gi­nie­ren. Der mo­ra­li­sche Ma­so­chis­mus ist das un­be­wuss­te Schuld­ge­fühl, das Straf­be­dürf­nis.19

Die Terme

V: der Wille zum Genießen

… „V, dem Wil­len zum Ge­nie­ßen, kann nicht län­ger be­strit­ten wer­den, dass sei­ne Na­tur dar­in be­steht, in den mo­ra­li­schen Zwang über­zu­ge­hen, den die Prä­si­den­tin de Mon­treuil er­bar­mungs­los über das Sub­jekt aus­übt, für des­sen Spal­tung es, wie man sieht, nicht er­for­der­lich ist, in ei­nem ein­zi­gen Kör­per ver­ei­nigt zu sein.

(Es sei fest­ge­hal­ten, dass die­se Spal­tung erst vom Ers­ten Kon­sul [Anm.] be­sie­gelt wird, da­durch, dass sie zu ei­ner ad­mi­nis­tra­tiv be­stä­tig­ten Geis­tes­krank­heit [alié­na­ti­on] wird.)“

[Anm. JL: Man möge das nicht so ver­ste­hen, als schenk­ten wir hier der Le­gen­de Glau­ben, er habe sich in Sa­des In­haf­tie­rung per­sön­lich ein­ge­schal­tet. Vgl. Gil­bert Lély, Vie du Mar­quis de Sade. Bd. II, S. 577–580 [Le­ben und Werk des Mar­quis de Sade, Rauch, Düs­sel­dorf 1961, S. 414 f.], so­wie die An­mer­kung auf der Sei­te 580 [fehlt in der deut­schen Auss­ga­be].20

(150)

Der Wil­le des An­de­ren zum Ge­nie­ßen …

Auf dem Platz des An­de­ren oben rechts steht nach der Vier­tel­dre­hung das V, der Wil­le zum Ge­nie­ßen oder Wil­le zur Lust (V für vo­lon­té, Wil­le). Das Be­geh­ren des An­de­ren stellt sich als Wil­le zum Ge­nie­ßen dar (10:189).

In der Rede vom „Wil­len zum Ge­nie­ßen“ be­zieht sich „Wil­le“ auf den sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­ten Wil­len, auf den An­spruch, ge­nau­er auf das Ge­setz. Das Ge­nie­ßen oder die Lust ist die Er­fül­lung des Be­geh­rens. Die Wen­dung „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ ver­bin­det das Ge­setz mit der Be­frie­di­gung des Be­geh­rens. Wenn je­mand mir sagt „Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen, und ich wer­de da­von Ge­brauch ma­chen“, ist dies eine vom An­de­ren kom­men­de Ar­ti­ku­la­ti­on des Wil­lens zum Ge­nie­ßen.

Be­geh­ren und Ge­setz sind das­sel­be, sagt La­can, und zwar in dem Sin­ne, dass ih­nen ihr Ob­jekt ge­mein­sam ist, näm­lich die Mut­ter (vgl. 10:135–137, 188). Dies gilt in dop­pel­tem Sin­ne. Das Ge­setz (das In­zest­ver­bot) rich­tet sich auf das Ob­jekt des Be­geh­rens des Va­ters, auf die Mut­ter. Und: Das Ge­setz hat zur Fol­ge, dass das Be­geh­ren um das Be­geh­ren nach der Mut­ter her­um or­ga­ni­siert ist.

Für den Ma­so­chis­ten geht es dar­um, die­sen Zu­sam­men­hang von Be­geh­ren und Ge­setz spür­bar zu ma­chen. In Se­mi­nar 10 sagt La­can:

Wenn Be­geh­ren und Ge­setz zu­sam­men vor­zu­fin­den sind, dann ist es die Ab­sicht des Ma­so­chis­ten, sicht­bar zu ma­chen – und ich füge hin­zu, auf sei­nem klei­nen Schau­platz, denn die­se Di­men­si­on darf nie­mals ver­ges­sen wer­den –, dass das Be­geh­ren des An­de­ren als Ge­setz gilt.“ (10:137)

Im Fal­le des Ma­so­chis­mus ist das Be­geh­ren des An­de­ren iden­tisch mit dem Ge­setz, al­ler­dings nur auf ei­nem klei­nen Schau­platz, im Rah­men des Phan­tas­mas. „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ ist eine For­mel für die Ein­heit von Ge­setz (Wil­le) und Be­geh­ren.

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen nimmt die Form des mo­ra­li­schen Zwangs an, der Stra­fe für die Über­tre­tung ei­nes sitt­li­chen Ge­bots.

Aus­gangs­punkt für die Re­kon­struk­ti­on des Ma­so­chis­mus ist also der An­de­re. In Se­mi­nar 10 sagt La­can über den Ma­so­chis­mus:

Man hat es ge­schafft, sich da­von frei­zu­ma­chen, die Be­to­nung auf das zu le­gen, was auf den ers­ten Blick am stärks­ten un­se­rem Fi­na­lis­mus zu­wi­der ist, näm­lich die Tat­sa­che, dass die Funk­ti­on des Schmer­zes in den Ma­so­chis­mus ein­greift. Man hat es ge­schafft, rich­tig zu be­grei­fen, dass dies nicht das We­sent­li­che dar­an ist. Man hat es in der ana­ly­ti­schen Er­fah­rung ge­schafft, Gott sei Dank, zu er­ken­nen, dass der An­de­re ge­meint ist, dass die ma­so­chis­ti­schen Ma­nö­ver in der Über­tra­gung auf ei­ner Stu­fe an­zu­sie­deln sind, die nicht ohne Be­zug mit dem An­de­ren sind.“ (10:221)

Freud hat­te den Ma­so­chis­mus dop­pelt cha­rak­te­ri­siert, durch die Lust am Schmerz und durch die Be­zie­hung zum an­de­ren, näm­lich durch die Lust dar­an, ge­de­mü­tigt zu wer­den.21  Die Deu­tung von Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus als Be­zie­hun­gen zum An­de­ren wur­de von Sart­re be­för­dert; in Das Sein und das Nichts (1943) er­schei­nen Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus als grund­le­gen­de For­men des Ver­hält­nis­ses zum An­de­ren. In L’aggressivité en psy­chana­ly­se (1948) und im Dis­cours de Rome (1953) ver­weist La­can zu­stim­mend auf die­se Un­ter­su­chun­gen.22

In Se­mi­nar 10 ruft La­can Freuds Ka­ta­log der Ma­so­chis­men in Er­in­ne­rung: ero­ge­ner  Ma­so­chis­mus, fe­mi­ni­ner Ma­so­chis­mus, mo­ra­li­scher Ma­so­chis­mus, und fährt dann fort:

Da­mit der Aus­druck Ma­so­chis­mus ei­nen Sinn an­neh­men kann, soll­te man eine et­was ein­heit­li­che­re For­mel da­für fin­den. Mit der Be­haup­tung, das Über-Ich sei die Ur­sa­che des Ma­so­chis­mus, wür­den wir die­se be­frie­di­gen­de In­tui­ti­on nicht zu sehr ver­las­sen, bis auf dies, das noch be­rück­sich­tigt wer­den muss, was ich Sie heu­te über die Ur­sa­che ge­lehrt habe. Sa­gen wir dar­auf, dass das Über-Ich an der Funk­ti­on die­ses Ob­jekts als Ur­sa­che be­tei­ligt ist, so wie ich es heu­te ein­ge­führt habe.“ (10:136)

Bei der Theo­re­ti­sie­rung des Ma­so­chis­mus soll­te man vom mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus aus­ge­hen. La­can folgt hier Freud, der in Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus er­klärt hat­te, er sei der in ge­wis­ser Hin­sicht wich­tigs­te Er­schei­nungs­form des Ma­so­chis­mus.23 Die Grund­be­deu­tung für den Ge­nuss­wil­len auf der Sei­te des An­de­ren ist dem­nach das, was Freud als den Sa­dis­mus des Über-Ichs be­zeich­net.24 Al­ler­dings ist das Über-Ich nicht ein­fach die Ur­sa­che des Ma­so­chis­mus. Viel­mehr muss man sich, wenn man den Ma­so­chis­mus be­grei­fen will, auf den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Über-Ich und dem Ob­jekt a be­zie­hen: das Über-Ich ist be­tei­ligt an der Ent­ste­hung des Ob­jekts a als Ur­sa­che des Be­geh­rens.

Im En­core-Se­mi­nar wird La­can es so for­mu­lie­ren: „Das Über-Ich, das ist der Im­pe­ra­tiv des Ge­nie­ßens – Ge­nie­ße!“ (20:9)

… in Sa­des Den­ken

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen hat in Sa­des Den­ken die Ge­stalt der an­fangs zi­tier­ten Ma­xi­me. Die Kom­po­nen­te „Ich habe das Recht, dei­nen Kör­per zu ge­nie­ßen“ ver­knüpft den Wil­len, das Ge­setz („Ich habe das Recht“) mit dem Ge­nie­ßen. Der zwei­te Best­sand­teil, „und ich wer­de von die­sem Recht Ge­brauch ma­chen“ kün­digt die Um­set­zung des Ge­set­zes in ei­ner Hand­lung an.

… in Sa­des Le­ben

Im Fal­le von Sa­des Le­ben ist die An­de­re, die den Wil­len zum Ge­nie­ßen ma­ni­fes­tiert, Sa­des Schwie­ger­mut­ter, die mäch­ti­ge, rei­che und ent­schlos­se­ne Ma­dame de Mon­treuil; da ihr Gat­te Prä­si­dent ei­nes Fi­nanz­ge­richts­hofs war, wird sie als Prä­si­den­tin ti­tu­liert.

Ma­dame de Mon­treuil in­iti­ier­te meh­re­re Haft­be­feh­le ge­gen Sade, dar­un­ter den kö­nig­li­chen Haft­be­fehl ohne Ge­richts­ver­fah­ren (lett­re de cachet), auf des­sen Grund­la­ge er von 1777 bis 1790 in Vin­cen­nes und in der Bas­til­le ein­ge­sperrt war. Der Wil­le zum Ge­nie­ßen ist in ih­rem Fall nicht nur, wie in Sa­des Ma­xi­me, ein Dis­kurs; er nimmt die Form des mo­ra­li­schen Zwangs an, also ei­ner Mo­ral, die mit Zwangs­mit­teln durch­ge­setzt wird, mit Po­li­zei und Ge­fäng­nis. Ma­dame de Mon­treuil ist er­bar­mungs­los, sie übt nicht die christ­li­che Tu­gend der Barm­her­zig­keit.

Ma­dame de Mon­treuil spielt in Sa­des Le­ben die Rol­le ei­nes nicht ver­in­ner­lich­ten Über-Ichs.

1803, wäh­rend Na­po­le­ons Kon­su­lat, wird Sade er­neut ein­ge­sperrt, zu­nächst ins Ge­fäng­nis von Bicêt­re, dann, noch im sel­ben Jahr, in Cha­ren­ton, wo er bis zu sei­nem Tode im Jahr 1814 ein­ge­schlos­sen sein wird. Die Ein­rich­tung in Cha­ren­ton ist ein asi­le, in heu­ti­ger Be­griff­lich­keit: eine psych­ia­tri­schen An­stalt. Mit den vom Kö­nig un­ter­zeich­ne­ten lettres de cachet ist es seit der Re­vo­lu­ti­on vor­bei, sie wer­den er­setzt durch Ver­wal­tungs­ak­te, in de­nen un­lieb­sa­me Per­so­nen für geis­tes­krank er­klärt und in­ter­niert wer­den.25

Die Funk­ti­on des Wil­lens zum Ge­nie­ßen muss also nicht durch ein kon­kre­tes In­di­vi­du­um ver­wirk­licht wer­den. Es ist auch mög­lich, dass sie von ei­ner In­sti­tu­ti­on oder Or­ga­ni­sa­ti­on rea­li­siert wird, von ei­nem So­zi­al­sys­tem, in dem die Plät­ze wech­selnd be­setzt wer­den.

In der Fas­sung von 1963 lau­tet die zu­letzt zi­tier­te Pas­sa­ge:

V, der Wil­le zum Ge­nie­ßen, den die Prä­si­den­tin de Mon­treuil ma­ni­fes­tiert, in ih­rer Un­er­bitt­lich­keit, die ohn­mäch­tig ist (im­puis­san­te), für Sade jede Chan­ce zu ver­schlie­ßen (da­für brauch­te es im­mer­hin den Ers­ten Kon­sul).“26

La­can be­tont hier, dass Ma­dame de Mon­treuil zwar un­er­bitt­lich ist, aber kei­nes­wegs all­mäch­tig; letzt­lich ist sie im­puis­san­te, ohn­mäch­tig, im­po­tent.

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen schei­tert; in Se­mi­nar 10 for­mu­liert La­can es so:

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen beim Per­ver­sen ist wie bei je­dem an­de­ren ein Wil­le, der schei­tert, der auf sei­ne ei­ge­ne Gren­ze, sei­ne ei­ge­ne Brem­se selbst in der Aus­übung des Be­geh­rens stößt.“ (10:189)

Die Spal­tung des Sub­jekts

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen (V) führt zur Spal­tung des Sub­jekts. V rich­tet sich auf $ und S, auf zwei Exis­ten­zwei­sen des Sub­jekts, auf das aus­ge­perr­te Sub­jekt ($) und auf das rohe Sub­jekt (S).

In Se­mi­nar 10 sagt La­can zum Sche­ma des Sa­dis­mus:

Das sa­dis­ti­sche Be­geh­ren, mit­samt al­lem, was es an Rät­sel be­inhal­tet, ist nur von der Schi­ze, der Spal­tung her ar­ti­ku­lier­bar, die er, der an­de­re, beim Sub­jekt ein­zu­füh­ren als Ziel ver­folgt, in­dem er ihm bis zu ei­ner ge­wis­sen Gren­ze das auf­er­legt, was nicht aus­ge­hal­ten wer­den kann – zu der Gren­ze ge­nau, an der bei die­sem Sub­jekt eine Tei­lung, eine Kluft zwi­schen sei­ner Exis­tenz als Sub­jekt und dem, was es er­lei­det, dem, wor­un­ter es, in sei­nem Kör­per, lei­den kann, er­scheint.“ (10:134)

Das sa­dis­ti­sche Be­geh­ren ver­sucht, beim Sub­jekt eine Spal­tung ein­zu­füh­ren zwi­schen der Exis­tenz als Sub­jekt und dem Lei­den sei­nes Kör­pers. Un­ter der „Exis­tenz“ des Sub­jekts ver­steht La­can, die Kon­sti­tu­ie­rung des Sub­jekts durch den Be­zug zur Spra­che und zum Spre­chen, die ihm äu­ßer­lich, ex-sis­tent, sind. Of­fen­bar gilt das­sel­be für den An­de­ren im Ma­so­chis­mus: er ver­sucht die Spal­tung des Sub­jekts her­bei­zu­füh­ren, zwi­schen sei­nes Exis­tenz ($) und sei­nem Lei­den (S).

Die Spal­tung des Sub­jekts muss nicht in ei­nem ein­zi­gen Kör­per ver­ei­nigt sein – „wie man sieht“, wie das Dia­gramm zeigt. In der drit­ten Fas­sung des Auf­sat­zes, der von 1971, schrebt La­can corps (Kör­per) zum ers­ten Mal groß: „sa di­vi­si­on n’exige pas, d’être ré­unie dans un seul Corps“. Der Be­griff „Kör­per“ be­zieht sich bei La­can meist auf das Ima­gi­nä­re, auf die Ein­heit des Kör­per­bilds, ver­mut­lich wil er mit der Groß­schrei­bung dar­auf hin­wei­sen.

Das aus­ge­perr­te Sub­jekt, $, ist auf der lin­ken Sei­te des Sche­mas ver­or­tet, auf der des Sub­jekts; das rohe Sub­jekt, S, hat sei­nen Platz auf der rech­ten Sei­te, auf der des An­de­ren; das ge­spal­te­ne Sub­jekt ist nicht in ei­nem ein­zi­gen Kör­per ver­eint.

Erst un­ter der Herr­schaft von Na­po­le­on als Ers­tem Kon­sul wird die Sub­jekt­spal­tung be­sie­gelt, und zwar da­durch, dass Sade of­fi­zi­ell für geis­tes­krank er­klärt wird. Der fran­zö­si­sche Be­griff für Geis­tes­krank­heit ist alié­na­ti­on, zu deutsch: Ent­frem­dung. Durch ei­nen Akt der staat­li­chen Ver­wal­tung wird Sade für ein Sub­jekt er­klärt, der sich selbst fremd ist, das also ge­spal­ten ist.

S: das rohe Subjekt der Lust

… „Die­se Spal­tung ver­eint hier als S das rohe Sub­jekt, das den He­ro­is­mus ver­kör­pert, der dem Pa­tho­lo­gi­schen ei­gen ist, in der Art der Treue zu Sade, die von den­je­ni­gen be­zeugt wur­de, die sei­nen Ex­zes­sen zu­nächst ent­ge­gen­ka­men, sei­ne Frau, sei­ne Schwä­ge­rin – sein Die­ner, war­um nicht? – und wei­te­re ihm Er­ge­be­ne, die aus sei­ner Ge­schich­te aus­ge­löscht sind.“ (150)

Das rohe Sub­jekt der Lust … 

Der Buch­sta­be S steht für das „rohe Sub­jekt“. Das „rohe Sub­jekt“ ist, wie es im Auf­satz an frü­he­rer Stel­le heißt, das „rohe Sub­jekt der Lust [plai­sir] (das ‚pa­tho­lo­gi­sche‘ Sub­jekt)“ (146).

Dem ge­spal­te­nen Sub­jekt, auf der lin­ken Sei­te des Sche­mas, steht auf der rech­ten Sei­te das un­ge­spal­te­ne Sub­jekt ge­gen­über, ein We­sen, das für das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt die Funk­ti­on hat, das un­ge­hemm­te Lust­sub­jekt zu ver­kör­pern.

Das „rohe Sub­jekt der Lust“ ge­hört zum „Pa­tho­lo­gi­schen“, es ist „das ‚pa­tho­lo­gi­sche’ Sub­jekt“. Mit die­ser Be­griff­lich­keit be­zieht La­can sich auf Kant. In der Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft spricht Kant vom „pa­tho­lo­gisch af­fi­zier­ten Wil­len“ und vom „pa­tho­lo­gisch be­stimm­ba­ren Selbst“. „Pa­tho­lo­gisch“ meint bei Kant nicht „krank­haft“, son­dern „ge­fühls­mä­ßig“, „sinn­lich“. Die Sinn­lich­keit ist das Ver­mö­gen, Sin­nes­emp­fin­dun­gen und Ge­füh­le zu ha­ben; sie ist in­so­fern dem „Pa­thos“, dem Lei­den zu­zu­rech­nen, als sie — in Kants Per­spek­ti­ve — das Ver­mö­gen ist, et­was zu er­lei­den, näm­lich Rei­ze zu emp­fan­gen, die von au­ßen kom­men. Das „pa­tho­lo­gi­sche“ Sub­jekt ist also (von Kant aus ge­se­hen) das Sub­jekt, das nach Lus­t­erfül­lung strebt, nach Glück, und das sich da­mit letzt­lich von au­ßen be­stim­men lässt, statt sich durch die Ver­nunft selbst zu be­stim­men.

S meint also das Sub­jekt der Lust im Sin­ne von plai­sir, das Sub­jekt, des­sen Hand­lun­gen, von Kant aus ge­se­hen, durch das Lust­stre­ben mo­ti­viert sind und das des­halb kei­nen gu­ten Wil­len hat. In psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve ist es das Sub­jekt, das vom Lust­prin­zip be­herrscht wird – und von nichts sonst.

In­wie­fern geht es die­sem Sub­jekt um Lust (plai­sir), in­wie­fern steht es un­ter der Herr­schaft des Lust­prin­zips? In Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus de­fi­niert Freud das Lust­prin­zip neu, es be­steht nicht im Stre­ben nach Span­nungs­ver­min­de­rung, son­dern be­ruht auf dem Wir­ken der Le­bens­trie­be, der Li­bi­do; hier­bei kann die Stei­ge­rung der Span­nung, also auch die Un­lust, als lust­voll emp­fun­den wer­den.27 In Trie­be und Trieb­schick­sa­le spricht Freud vom „Schmerz­ge­nie­ßen“28, in Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus von der „Schmerz­lust“29.

Zu be­ach­ten ist, dass das Sche­ma das ma­so­chis­ti­sche Phan­tas­ma dar­stellt; der Buch­sta­be S be­zieht sich nicht auf die vom ma­so­chis­ti­schen Sub­jekt er­fah­re­ne Lust, son­dern auf auf eine phan­ta­sier­te Lust, die dem An­de­ren zu­ge­schrie­ben wird.

Im Ethik-Se­mi­nar heißt es:

Das Rand­phä­no­men des Ma­so­chis­mus hat et­was gleich­sam Ka­ri­ka­tu­ris­ti­sches, das die For­schun­gen der Mo­ra­lis­ten Ende des XIX. Jahr­hun­derts hin­rei­chend bloß­ge­legt ha­ben. Die Öko­no­mie des ma­so­chis­ti­schen Schmer­zes gleicht letzt­lich der Öko­no­mie der Gü­ter. Man möch­te den Schmerz tei­len, wie man eine Men­ge üb­ri­ger Sa­chen teilt, und es ist schon rich­tig, sich nciht dar­um zu prü­geln. (…)

Die Ein­heit, die auf al­len Fel­dern, auf de­nen die Psy­cho­ana­ly­se den Ma­so­chis­mus mit ei­nem Eti­kett ver­se­hen hat, deut­lich wird, ver­dankt sich dem, was auf al­len die­sen Fel­dern den Schmerz am Cha­rak­ter ei­nes Guts par­ti­zi­pie­ren läßt.“ (7:288)

Die Öko­no­mie des ma­so­chis­ti­schen Schmer­zes be­steht dar­in, dass ver­sucht wird, den Schmerz zu tei­len. Die Ein­heit der ver­schie­de­nen For­men des Ma­so­chis­mus (ero­ge­ner Ma­so­chis­mus, fe­mi­ni­ner Ma­so­chis­mus, mo­ra­li­scher Ma­so­chis­mus) be­ruht dar­auf, dass der Schmerz, wie ein Gut, ge­teilt wird.

Wenn im Sche­ma die Lust auf der Sei­te des An­de­ren plat­ziert wird, meint dies of­fen­bar auch: das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt ver­sucht, den Schmerz zu tei­len. Die­ses Merk­mal ist dem ero­ge­nen, dem fe­mi­ni­nen und dem mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus ge­mein­sam: An­de­re wer­den, wie im Deut­schen der schö­ne Aus­druck lau­tet, „in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen“.

Das auf der Sei­te des An­de­ren ver­or­te­te Sub­jekt der Lust ist un­ge­spal­ten: es hat, in der Sicht des ma­so­chis­ti­schen Sub­jekts, kein Un­be­wuss­tes. Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt nimmt die Spal­tung ganz und gar auf sich und be­zieht sich auf den An­de­ren als rei­nes Lust­we­sen. Zu den Lüs­ten, die es dem An­de­ren zu­schreibt, ge­hört auch die Schmerz­lust.

Der An­de­re hat im Sche­ma zwei Funk­tio­nen: „Wil­le und zum Ge­nie­ßen“ und „ro­hes Sub­jekt der Lust“. Die bei­den Funk­tio­nen kön­nen von ei­nem In­di­vi­du­um rea­li­siert wer­den, aber auch auf un­ter­schied­li­che In­di­vi­du­en ver­teilt sein; jede die­ser Funk­tio­nen kann von ei­nem oder meh­re­ren In­di­vi­du­en er­füllt wer­den. Die Funk­tio­nen müs­sen nicht ein­mal durch kon­kre­te In­di­vi­du­en ver­wirk­licht wer­den, es ist auch mög­lich, dass sie von ei­ner In­sti­tu­ti­on wahr­ge­nom­men wer­den.

… in Sa­des Le­ben

In Sa­des Le­ben wird der Platz des ro­hen Lust­sub­jekts von den­je­ni­gen be­setzt, die ihn in sei­nen Ex­zes­sen un­ter­stützt ha­ben: von sei­ner Ehe­frau30, sei­ner Schwä­ge­rin31, sei­nem Die­ner32 und ei­ni­gen an­de­ren. La­can be­tont die Be­tei­li­gung des Die­ners – „sein Die­ner, war­um nicht?“ –, viel­leicht um dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, dass da­mit die Be­zie­hung von Herr und Knecht ins Spiel kommt, die für La­can, im An­schluss an He­gel und Ko­jè­ve, das Pa­ra­dig­ma der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät dar­stellt.

In­wie­fern sind ver­kör­pern die­se Un­ter­stüt­zer das „rohe Sub­jekt“?

Dem pa­tho­lo­gi­schen, dem lust­su­chen­den Sub­jekt ist ein be­stimm­ter He­ro­is­mus ei­gen. Im Fal­le von Sade zeigt er sich dar­in, dass die­je­ni­gen, die für ihn die­se Po­si­ti­on ein­nah­men, ihm die Treue hiel­ten.

Wel­che Lust des „ro­hen Sub­jekts“ ist ge­meint, die se­xu­el­le Lust, die es wäh­rend der Or­gi­en emp­fin­det? Die Be­frie­di­gung, die es da­durch ge­winnt, dass es Sade die Treue hält? Um die Be­frie­di­gung der un­ter­stell­ten Schmerz­lust, die durch die Ak­tio­nen der Prä­si­den­tin zu er­war­ten ist?

In der Fas­sung des Auf­sat­zes von 1963 heißt es:

S, der mo­ra­li­sche Wil­le, auf he­roi­sche Wei­se ins Feld des Pa­tho­lo­gi­schen über­ge­gan­gen, um sich ge­gen den vor­an­ge­hen­den zu er­he­ben, ob­wohl sie un­ter sei­ner Ab­hän­gig­keit wa­ren, all die­je­ni­gen, die Sade treu wa­ren, bis da­hin, ihm in sei­nen bi­zarrs­ten Ex­zes­sen zu fol­gen, sei­ne Frau, sei­ne Schwä­ge­rin – sein Die­ner, war­um nicht? –, und wei­te­re ihm Er­ge­be­ne, die aus sei­ner Ge­schich­te aus­ge­löscht sind“33.

Der Buch­sta­be S steht dem­nach für den mo­ra­li­schen Wil­len im Ge­gen­satz zum Ge­nuss­wil­len, wie er von der Prä­si­den­tin ver­kör­pert wird. Die­ser mo­ra­li­sche Wil­le ist auf das Feld des Pa­tho­lo­gi­schen über­ge­gan­gen. Von Kant aus lässt sich der mo­ra­li­sche Wil­le des ro­hen Sub­jekts so be­schrei­ben: es ist der Wil­le ei­nes Sub­jekts, dass sich in sei­nem Han­deln von der Ma­xi­me lei­ten lässt „Hal­te dei­nem Ehe­mann, Schwa­ger, Herrn die Treue!“ Es be­folgt die­se Ma­xi­me nicht des­halb, weil es sie für ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hig hält, son­dern weil dies mit Lust ver­bun­den ist.

Der mo­ra­li­sche Wil­le ist „auf he­roi­sche Wei­se“ in das Feld des Pa­tho­lo­gi­schen über­ge­gan­gen. Der He­ro­is­mus die­ser Grup­pe be­steht dar­in, dass sie sich ge­gen den Ge­nuss­wil­len der Prä­si­den­tin auf­lehnt, von der die Un­ter­stüt­zer je­doch ab­hän­gig sind. Die Lust, die die­ses Sub­jekt (in Sa­des Phan­tas­ma) ge­winnt, ist die des He­ro­is­mus, die Lust dar­an, sich für eine Sa­che zu op­fern. Die Schmerz­lust ist nicht eine Lust, die das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt sucht, son­dern eine Lust, die es in sei­nem Phan­tas­ma dem An­de­ren zu­schreibt.

Die Aus­lö­schung aus der Ge­schich­te

Ei­ni­ge von de­nen, die ihre Be­frie­di­gung dar­aus zo­gen, Sade die Treue zu hal­ten und sich für ihn zu op­fern, sind aus sei­ner Ge­schich­te aus­ge­löscht. Sie ha­ben nicht nur die Funk­ti­on von Lust­sub­jek­ten, son­dern zu­gleich die von aus­ge­lösch­ten Sub­jek­ten, von Sub­jek­ten, die ver­schwun­den sind. Mit die­ser Be­mer­kung wird der Über­gang zum nächs­ten Ter­mi­nus an­ge­bahnt.

$: das mit seinem Verschwinden unterzeichnende Subjekt

… „Was Sade an­geht, das $ (durch­ge­stri­che­nes S), so sieht man schließ­lich, dass es sein Ver­schwin­den ist, mit dem er un­ter­zeich­net [si­gne], als die Din­ge an ihr Ende ge­kom­men wa­ren. Un­glaub­li­cher­wei­se ver­schwin­det Sade, ohne dass uns ir­gend­et­was, we­ni­ger noch als von Shake­speare, von sei­nem Bild bleibt, nach­dem er in sei­nem Tes­ta­ment ver­fügt hat­te, ein Di­ckicht sol­le den Na­men, der sein Schick­sal [de­s­tin] be­sie­gelt hat­te, auf dem Stein spur­los aus­lö­schen.“ (150)

Das mit sei­nem Ver­schwin­den un­ter­zeich­nen­de Sub­jekt … 

Das durch­ge­stri­che­ne S, also $, steht im Sche­ma für das Sub­jekt im Ver­schwin­den, in der Apha­ni­sis (grie­chisch für „Ver­schwin­den“), im Fa­ding (eng­lisch für „Ver­schwin­den“), wie La­can ab Se­mi­nar 6 sagt. Das Sub­jekt ver­schwin­det in­so­fern, als es im Sym­bo­li­schen nicht re­prä­sen­tiert ist. Freud be­griff hier­für ist „Ur­ver­drän­gung“, wo­mit das ir­rever­si­bel Ver­dräng­te ge­meint ist; das Sub­jekt ver­schwin­det in­so­fern, als es in der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten nicht er­schei­nen kann. (Eine aus­führ­li­che Er­läu­te­rung des Kon­zepts „Ver­schwin­den des Sub­jekts“ fin­det man in die­sen Blog­ar­ti­kel).

Die For­mel des Phan­tas­mas, $◊a, ist so zu le­sen: das im Ver­schwin­den be­grif­fe­ne Sub­jekt ($) im Ver­hält­nis zu (◊) dem Ob­jekt a (a). Das meint, zum Phan­tas­ma ge­hört, dass das Ver­schwin­den des Sub­jekts in Sze­ne ge­setzt wird, etwa durch ei­nen lee­ren Platz (vgl. 10:138)

Das Ver­schwin­dens des Sub­jekts ist ein pa­ra­do­xer Vor­gang. Es voll­zieht sich, wie La­can an der zi­tier­ten Stel­le sagt, durch ein Un­ter­zeich­nen, durch ei­nen sym­bo­li­schen Akt, der es ver­ewigt. In Se­mi­nar 5 hat­te La­can das so for­mu­liert:

Je mehr sich das Sub­jekt mit Hil­fe des Si­gni­fi­kan­ten als ei­nes be­jaht, das aus der si­gni­fi­kan­ten Ket­te her­aus­kom­men will, und je mehr es dar­in ein­tritt und sich dar­in in­te­griert, des­to mehr wird es selbst ein Zei­chen die­ser Ket­te. Wenn es sich ab­schafft, ist es mehr Zei­chen denn je. Der Grund da­für ist ein­fach – ge­nau ab dem Zeit­punkt, da das Sub­jekt ge­stor­ben ist, wird es für die an­de­ren zu ei­nem ewi­gen Zei­chen, und die Selbst­mör­der mehr als an­de­re.“34

Das Sym­bol $ ist also dop­pelt zu le­sen. Das Sub­jekt (S) wird aus­ge­stri­chen (/) und dies führt zu sei­nem Ver­schwin­den, dazu, dass es zu ei­nem we­sent­li­chen Teil von sich kei­nen Zu­gang hat, von ihm aus­ge­perrt ist. Das Sub­jekt wird von ei­nem Si­gni­fi­kan­ten aus­ge­stri­chen, und da­durch ge­winnt es Be­stand – als Zei­chen.

… in Sa­des Le­ben

Marquis de Sade

Mar­quis de Sade

Sade ver­schwin­det so­wohl aus der Ord­nung des Ima­gi­nä­ren als auch aus der des Sym­bo­li­schen. Von Sade gibt es kein ein ein­zi­ges Bild, sagt La­can; das von Charles van Loo ge­zeich­ne­tes Por­trait von etwa 1760 (sie­he Ab­bil­dung rechts) war da­mals of­fen­bar noch nicht be­kannt; ich schlie­ße das dar­aus, dass die Zeich­nung nicht in der Sade-Bild­bio­gra­phie er­scheint, die 1965 von Wal­ter Len­nig ver­öf­fent­licht wur­de.35

La­can ver­gleicht Sade mit Shake­speare, über den er in Se­mi­nar 6 ge­sagt hat­te:

Es gibt eine Sa­che, die ab­so­lut über­ra­schend ist. Ab­ge­se­hen da­von, dass er si­cher­lich exis­tiert hat, kön­nen wir über ihn, über sei­ne Bin­dun­gen, über sei­ne Um­ge­bung, über sei­ne Lie­bes­be­zie­hun­gen, sei­ne Freund­schaf­ten tat­säch­lich nichts sa­gen. Al­les ist vor­bei, al­les ist ver­schwun­den, ohne Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Uns Ana­ly­ti­kern prä­sen­tiert sich un­ser Au­tor als das ra­di­kals­te Rät­sel, auf das wir in un­se­rer Ge­schich­te hin­wei­sen könn­ten – für im­mer ver­gan­gen, auf­ge­löst, ver­schwun­den.“36

Sade „un­ter­zeich­net“ (si­gne) mit sei­nem Ver­schwin­den, als die Din­ge an ihr Ende ge­kom­men wa­ren. In dem Tes­ta­ment, das er 1806, im Al­ter von 65 Jah­ren, ver­fasst hat­te, trifft er eine Ver­fü­gung über eine an­ony­me Be­stat­tung, wie man heu­te sa­gen wür­de. Er schreibt:

Wenn die Gru­be wie­der be­deckt ist, soll sie oben mit Ei­cheln be­sät wer­den, da­mit in der Fol­ge, wenn die Gru­be wie­der mit Erde ge­füllt ist und das Di­ckicht sich wie­der aus­brei­tet wie zu­vor, die Spu­ren mei­nes Gra­bes von der Ober­flä­che der Erde ver­schwin­den, da ich mir schmeich­le, dass die Er­in­ne­rung an mich aus dem Geist der Men­schen aus­ge­löscht wer­den wird, mit Aus­nah­me al­ler­dings der klei­nen An­zahl je­ner, die mich bis zum letz­ten Au­gen­blick ha­ben lie­ben wol­len und an die ich eine süße Er­in­ne­rung mit ins Grab neh­me.“

Der „Stein“ und der „Name“ auf ihm, bei­de Ele­men­te hat La­can hin­zu­ge­fügt. Sade schreibt von der Aus­lö­schung aus der Er­in­ne­rung, La­can ver­schiebt die Er­in­ne­rung in Rich­tung auf den Si­gni­fi­kan­ten, auf die Schrift und auf den Ei­gen­na­men. Das, was ver­schwin­det, ist der Si­gni­fi­kant des Sub­jekts, sein Ei­gen­na­me.

Žižek deu­tet das $ im Sche­ma ein­leuch­tend als Aus­ra­die­rung des Sub­jekts aus der Tex­tur der sym­bo­li­schen Tra­di­ti­on, als Ver­sto­ßung Sa­des aus den An­na­len der of­fi­zi­el­len Li­te­ra­tur­ge­schich­te.37

Der Akt, der den Na­men aus­lö­schen soll, steht nicht nur im Wi­der­spruch dazu, dass Sade Schrift­stel­ler ist. Er ist auch in sich pa­ra­dox: er lässt den Na­men in ei­nem Si­gni­fi­kan­ten fort­be­stehen, in der Un­ter­schrift auf ei­nem Tes­ta­ment.

Das Schick­sal

Der Name, sagt La­can über Sade, hat­te sein Schick­sal be­sie­gelt. In­wie­fern? Den Ei­gen­na­men er­hält Sade von sei­nen El­tern, durch ihn be­kommt er ei­nen Platz in den Struk­tu­ren der Ver­wandt­schaft. Mit dem Ei­gen­na­men tritt er in den Dis­kurs des An­de­ren ein, wird sein Un­be­wuss­tes zu dem Ort, an dem sich die Wün­sche und For­de­run­gen der El­tern und der vor­an­ge­hen­den Ge­ne­ra­tio­nen ein­schrei­ben so­wie die Schuld, die mit ih­nen ver­bun­den ist und die for­dert, dass sie be­gli­chen wird.38

Die­se Wün­sche ma­chen das aus, was man als das Schick­sal von Sade be­zeich­net. Wenn Sade sich zu ei­nem Sub­jekt macht, das aus der sym­bo­li­schen Ord­nung ver­schwin­det, dann des­halb, weil er be­gehrt, in das Nichts zu­rück­zu­keh­ren, vor der Ein­schrei­bung der vom An­de­ren kom­men­den Si­gni­fi­kan­ten.

Der Ödi­pus­kom­plex, schreibt Freud in Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, ist die Quel­le un­se­rer in­di­vi­du­el­len Sitt­lich­keit; an die El­tern-Ima­gi­nes schlie­ßen die Ein­flüs­se von Leh­rern, Hel­den usw. an. „Die letz­te Ge­stalt die­ser mit den El­tern be­gin­nen­den Rei­he ist die dunk­le Macht des Schick­sals“39. In Se­mi­nar 8 be­zieht La­can den Be­griff des Schick­sals auf die Struk­tu­ren der Ver­wandt­schaft: „Und was ist da­mit [mit „Ödi­pus“, d.h. mit „Ödi­pus­kom­plex“] be­zeich­net? – wenn nicht die Tat­sa­che, dass da­durch, dass dem Men­schen ein Schick­sal auf­er­legt ist, auf­grund des durch die ver­wandt­schaft­li­chen Struk­tu­ren vor­ge­schrie­be­nen Tauschs et­was da ist, auf­ge­deckt, das mit sei­nem Ein­tritt in die Welt den Ein­tritt ins un­er­bitt­li­che Spiel der Schuld voll­zieht.“40 Mit „Tausch“ ist hier der Frau­en­tausch ge­meint, d.h. das In­zest­ver­bot, in La­cans Be­griff­lich­keit: das Ge­setz.

a: das Objekt a

… „Μὴ φῦναι [Mē phu­nai] [Anm.1], nicht ge­bo­ren zu sein, sei­ne Ver­flu­chung [malé­dic­tion], we­ni­ger hei­lig als die des Ödi­pus, trägt ihn nicht zu den Göt­tern, son­dern ver­ewigt sich:

a, in dem Werk, des­sen un­ver­senk­ba­re Was­ser­li­nie Ju­les Ja­nin uns mit ei­ner ab­fer­ti­gen­den Hand­be­we­gung zeigt, in­dem er es Bü­cher grü­ßen lässt, die es, wenn man ihm glau­ben will, in je­der an­stän­di­gen Bi­blio­thek ver­de­cken, der Hei­li­ge Jo­han­nes Chrys­os­to­mos oder die Pen­sées. [Anm. 2]

[Anm. 1, JL:] Chor in Ödi­pus auf Ko­lo­nos, V. 122541

[Anm. 2, RN: In Ver­sio­nen von 1966 und 1971 be­ginnt der Ab­satz mit „a)“, auf das a folgt also eine schlie­ßen­de run­de Klam­mer. Da­durch ist der Be­zug auf das Ob­jekt a schwer zu er­ken­nen. In der Ver­si­on von 1963 be­ginnt der Ab­satz mit a und ei­nem Kom­ma, ohne Klam­mer, also mit „a,“.42]

Nicht ge­bo­ren zu sein

La­can ver­gleicht Sade mit Ödi­pus, bei­de ste­hen un­ter ei­nem Fluch. Im Fal­le von Ödi­pus war dies der Fluch, den Pe­lops über Lai­os – Ödi­pus’ Va­ter – ver­hängt hat­te: „Soll­test du dich je un­ter­ste­hen, ei­nen Sohn zu zeu­gen, so wird die­ser sei­nen Va­ter er­schla­gen und sei­ne Mut­ter hei­ra­ten.“

In So­pho­kles’ Tra­gö­die Ödi­pus auf Ko­lo­nos singt der Chor:

Nie ge­bo­ren zu sein (mē phu­nai):
Hö­he­res denkt kein Geist!
Doch das Zwei­te ist die­ses:
Schnell zu keh­ren zum Ur­sprung.“43

Der Fluch, un­ter dem Ödi­pus steht, wird vom Chor mit ei­ner Art Ge­gen­fluch be­ant­wor­tet: das Bes­te ist, nicht ge­bo­ren zu sein.

Die Wen­dung mē phu­nai, „nicht ge­bo­ren zu sein“, gilt La­can als die so­pho­klei­sche Ver­si­on des­sen, was Freud als To­des­trieb be­zeich­net; sie wird von ihm im­mer wie­der zi­tiert. Im Aus­ruf „nicht ge­bo­ren zu sein!“ ar­ti­ku­liert sich der Wunsch, al­les zu über­win­den, was dem Lo­gos zu­zu­schrei­ben ist (3:289), aus der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te her­aus­zu­kom­men (5:290), mit dem Ziel, die von Ge­ne­ra­ti­on zu Ge­ne­ra­ti­on über­mit­tel­te Schuld hin­ter sich zu las­sen (8:372). Hier­bei geht es nicht um den zu­fäl­lig er­lit­te­nen Tod, son­dern um den be­wusst auf sich ge­nom­me­ne Tod (7:364 f., 7:369). Das , das „nicht“, die Ne­ga­ti­on ist der Si­gni­fi­kant des Sub­jekts des Un­be­wuss­ten (7:374, 8:371). Der Wunsch, nicht ge­bo­ren zu sein, ver­ewigt aber die Bin­dung an den Si­gni­fi­kan­ten, da es sich ja um eine sprach­lich ar­ti­ku­lier­te For­de­rung han­delt (5:289 f.).

In der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur zeigt sich der Wunsch, nicht ge­bo­ren zu sein, in der Nei­gung zum Selbst­mord als ne­ga­ti­ver the­ra­peu­ti­scher Re­ak­ti­on (5:289 f., 7:373). Die ne­ga­ti­ve the­ra­peu­ti­sche Re­ak­ti­on wird auf den pri­mä­ren Ma­so­chis­mus zu­rück­ge­führt44 (2:296). Der Wunsch, nicht ge­bo­ren zu sein, zeugt also vom pri­mä­ren Ma­so­chis­mus.

In Se­mi­nar 7 be­zeich­net La­can den Ver­such, die Macht des Si­gni­fi­kan­ten zu ver­nich­ten (den pri­mä­ren Ma­so­chis­mus) als Stre­ben nach dem zwei­ten Tod (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

La­can be­tont die Dia­lek­tik des Fluchs, der über Ödi­pus ver­hängt wur­de: der Fluch steht mit dem Hei­li­gen in Ver­bin­dung. Am Ende sei­nes Le­bens wird Ödi­pus von ei­nem der Göt­ter zu sich ge­ru­fen (vgl. Ödi­pus auf Ko­lo­nos, Ver­se 1623–28). La­can spielt hier auf die Dop­pel­be­deu­tung von sa­cré an, „ver­flucht“ und „hei­lig“.

Wenn Sade tes­ta­men­ta­risch sein Ver­schwin­den ver­fügt, das Über­wu­chern der Grab­stel­le, ist dies sei­ne Art, den Fluch mē phu­nai zu ar­ti­ku­lie­ren: bes­ser ist es, nicht ge­bo­ren zu sein. In Se­mi­nar 9 von 1961/62 sagt La­can hier­zu:

Er­in­nern Sie sich an die an­ti­so­zia­len Ver­schwö­run­gen von Sa­des Hel­den: die­se Rück­füh­rung des Ob­jekts auf nichts si­mu­liert we­sent­lich die Ver­nich­tung der Si­gni­fi­kan­ten­macht. Das ist da der an­de­re wi­der­sprüch­li­che Ter­mi­nus die­ser grund­le­gen­den Be­zie­hung zum An­de­ren, wie sie im Sa­de­schen Be­geh­ren ein­ge­rich­tet wird. Und das wird hin­rei­chend durch den letz­ten tes­ta­men­ta­ri­schen Wunsch von Sade an­ge­zeigt: in­so­fern er ge­nau die­sen End­punkt an­zielt, den ich für Sie als den des zwei­ten To­des be­stimmt habe, den Tod des Seins selbst, in­so­fern Sade in sei­nem Tes­ta­ment fest­legt, dass von sei­nem Grab und, der Ab­sicht nach, von der Er­in­ne­rung an ihn, ob­gleich er Schrift­stel­ler ist, wört­lich kei­ne Spur blei­ben soll. Und das Di­ckicht soll wie­der­her­ge­stellt wer­den auf der Stel­le, an der er be­gra­ben sein wird. We­sent­lich für ihn als Sub­jekt ist das ‚kei­ne Spur‘, das da an­zeigt, wo er sich af­fir­mie­ren will, sehr ge­nau als das, was ich ‚die Ver­nich­tung der Si­gni­fi­kan­ten­macht‘ ge­nannt habe.“ (Sit­zung vom 28. März 1962)

Das Ob­jekt a …

In Sche­ma 2 re­prä­sen­tiert der Buch­sta­ben a das Ob­jekt a. Das Ob­jekt a ist für La­can das Ob­jekt des Be­geh­rens; auf die­ses Ob­jekt wird im Phan­tas­ma das pro­ji­ziert, was dem Sub­jekt fehlt (so zu­erst in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung).

Das Ob­jekt a steht am An­fang der Pfeil­li­nie, da­mit ist ge­meint: das Ob­jekt a ent­spricht dem, was Freud als „Trieb­quel­le“ be­zeich­net.45 In Se­mi­nar 10 heißt es:

An eben dem Ort, an dem Ihre men­ta­le Ge­wohn­heit Ih­nen das Sub­jekt zu su­chen an­zeigt, da, wo sich trotz Ih­nen das Sub­jekt ab­zeich­net, wenn bei­spiels­wei­se Freud die Quel­le der Stre­bung an­zeigt, da, wo es im Dis­kurs das gibt, was Sie als das ar­ti­ku­lie­ren, was Sie sind – kurz, da, wo Sie ich (je) sa­gen, da ist im ei­gent­li­chen Sin­ne auf der Stu­fe des Un­be­wuss­ten a an­zu­sie­deln.“ (10:133)

La­can fasst hier Über­le­gun­gen zu­sam­men, die er in Se­mi­nar 6 ent­wi­ckelt hat­te. Im be­wuss­ten Dis­kurs gibt es ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der das spre­chen­de Sub­jekt be­zeich­net: das Per­so­nal­pro­no­men „ich“. Im Un­be­wuss­ten gibt es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der das Sub­jekt des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses re­prä­sen­tiert, das Sub­jekt ver­schwin­det. Für den feh­len­den Si­gn­fiikan­ten des Sub­jekts gibt es ei­nen Er­satz, das Ob­jekt a im Phan­tas­ma. Das Ob­jekt a ist das Man­geln­de; es ent­steht durch Pro­jek­ti­on; mit ihm be­zeich­net das Sub­jekt des Un­be­wuss­ten sei­nen Man­gel, also sich selbst (vgl. die­sen und die­sen Blog­ar­ti­kel).

In Se­mi­nar 9, also wäh­rend der Ab­fas­sung von Torus-mit-Kreis-des-AnspruchsKant mit Sade, deu­tet La­can das Ob­jekt a als das Ob­jekt, um das die An­sprü­che (die For­de­run­gen) krei­sen, ohne es er­rei­chen zu kön­nen; er ver­an­schau­licht es durch das zen­tra­le Loch ei­nes To­rus. In der Zeich­nung rechts ste­hen die Krei­se D1, D2 usw. für die For­de­run­gen (de­man­des), das lee­re Zen­trum des Rings re­prä­sen­tiert das Ob­jekt a.

In Se­mi­nar 10, ei­ni­ge Mo­na­te nach Ab­schluss des Ma­nu­skripts von Kant mit Sade, wird das Ob­jekt a zur Ob­jekt-Ur­sa­che des Be­geh­rens. Das Ob­jekt a ist dem­nach nicht das hart­nä­ckig ver­fehl­te Ziel des Be­geh­rens, son­dern die Be­din­gung des Be­geh­rens. Das Pa­ra­dig­ma ei­nes Ob­jekts a in die­sem Sin­ne ist der se­xu­el­le Fe­tisch. Ein Strumpf­band ist nicht das, was be­gehrt wird, son­dern für man­che Män­ner die Be­din­gung da­für, dass sie be­geh­ren kön­nen, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie die „Ur­sa­che“ ih­res Be­geh­rens.46

Das We­sen des ma­so­chis­ti­schen Phan­tas­mas be­steht dar­in, so heißt es in Se­mi­nar 6, wie eine Sa­che be­han­delt zu wer­den:

Die Phä­no­me­no­lo­gie des Ma­so­chis­mus, man muss sie näm­lich gleich­wohl in der ma­so­chis­ti­schen Li­te­ra­tur auf­su­chen, ob sie uns ge­fällt oder ob sie uns nicht ge­fällt, ob sie por­no­gra­phisch ist oder nicht. Ob wir nun ei­nen be­rühm­ten Ro­man neh­men oder ei­nen Ro­man, der vor kur­zem in ei­nem halb ge­hei­men Ver­lag er­schie­nen ist47, was ist letzt­end­lich das We­sen des ma­so­chis­ti­schen Phan­tas­mas? Die Vor­stel­lung des Sub­jekts von ei­ner Rei­he von ima­gi­nier­ten Er­fah­run­gen, die ei­ner Nei­gung fol­gen, de­ren Ab­hang, de­ren Ufer, de­ren Gren­ze we­sent­lich dar­in be­steht, dass es schlicht und ein­fach wie eine Sa­che be­han­delt wird, wie et­was, was im Grenz­fall ge­han­delt, ver­kauft, miss­han­delt wird, das in je­der Art von Mög­lich­keit, sich in be­zug auf das Wol­len als au­to­nom zu er­fas­sen, an­nul­liert wird. Es wird wie ein Hund be­han­delt, sa­gen wir, und nicht wie ir­gend­ein Hund, wie ein Hund, den man miss­han­delt, ge­nau­er: wie ein Hund, der be­reits miss­han­delt wor­den ist.“ (6: 153)

In Se­mi­nar 9 kommt La­can dar­auf zu­rück. Er spricht zu­nächst über den Sa­dis­mus und dass das Sa­de­sche Sub­jekt sich als Ob­jekt ver­nich­tet (im Sche­ma des Sa­dis­mus, Sche­ma 1, wird dies durch das a am Platz un­ten links dar­ge­stellt). An­schlie­ßend heißt es:

Wor­in es [das Sa­de­sche Sub­jekt] sich ef­fek­tiv mit dem trifft, was uns phä­no­me­no­lo­gisch dann in den Tex­ten von Ma­soch er­scheint. Näm­lich dass der End­punkt, dass der Gip­fel des ma­so­chis­ti­schen Ge­nie­ßens nicht so sehr in der Tat­sa­che be­steht, dass es sich dazu an­bie­tet, die­sen oder je­nen kör­per­li­chen Schmerz zu er­tra­gen oder nicht zu er­tra­gen, son­dern in die­sem ein­zig­ar­ti­gen Ex­trem – das Sie näm­lich in den Bü­chern im­mer wie­der­fin­den wer­den, in den klei­nen und gro­ßen Tex­ten der ma­so­chis­ti­schen Phan­tas­ma­go­rie – die­ser rich­tig­ge­hen­den An­nul­lie­rung des Sub­jekts, in­so­fern es sich näm­lich zum rei­nen Ob­jekt macht. Es gibt da­für kei­nen an­de­ren End­punkt als den Au­gen­blick, in dem der ma­so­chis­ti­sche Ro­man, wel­cher auch im­mer, den Punkt er­reicht, der von au­ßen im­mer als über­flüs­sig er­schei­nen mag, ja als Aus­schmü­ckung, als Lu­xus, und der wört­lich dar­in be­steht, dass es, das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt, sich selbst zu et­was macht, was der Ge­gen­stand ei­nes Scha­chers ist oder ganz ge­nau der ei­nes Kaufs zwi­schen den bei­den an­de­ren, die ihn sich wie ei­nen Be­sitz wei­ter­rei­chen.“ (28. März 1962)

Der Ma­so­chist iden­ti­fi­ziert sich mit dem Ob­jekt, das ge­tauscht wird, das heißt mit dem ana­len Ob­jekt, das in psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve ja das ers­te Tausch­ob­jekt ist, die ur­sprüng­li­che Gabe.

In Se­mi­nar 10 wird der Ma­so­chist mit dem Sa­dis­ten ver­gli­chen. Das sa­dis­ti­sche Be­geh­ren zielt dar­auf ab, dass der Agent die­ses Be­geh­rens ver­sucht, sich in ein rei­nes Ob­jekt zu ver­wan­deln. Das ist ihm je­doch nicht be­wusst.

Ganz ver­schie­den ist die Po­si­ti­on des Ma­so­chis­ten, für den die­se Ver­kör­pe­rung sei­ner selbst als Ob­jekt das er­klär­te Ziel ist – dass er sich zum Hund un­ter dem Tisch oder zur Ware, zum Un­ter­punkt macht, den man in ei­nem Ver­trag be­han­delt, wenn man ihn un­ter an­de­ren auf den Markt zu wer­fen­den Ob­jek­ten ver­kauft. Kurz, das, was er sucht, ist sei­ne Iden­ti­fi­zie­rung mit dem all­ge­mei­nen Ob­jekt, dem Tausch­ob­jekt.“ (10:135)

Der Ma­so­chist iden­ti­fi­ziert sich mit der Ware. Kurz dar­auf heißt es in der­sel­ben Sit­zung, dass

der Ma­so­chist selbst in der Funk­ti­on er­scheint, die ich die des Aus­wurfs nen­nen wür­de. Er ist un­ser Ob­jekt a, aber im Schein das Aus­ge­wor­fe­nen, des vor den Hund zu den Ab­fäl­len, in den Müll­ei­mer zum al­ten Ei­sen des all­ge­mei­nen Ob­jekts Ge­wor­fe­nen, in Er­man­ge­lung des­sen, was an­ders­wo un­ter­brin­gen zu kön­nen. Das ist ei­ner der As­pek­te, in de­nen das a er­schei­nen kann, so wie es an­schau­lich wird in der Per­ver­si­on.“ (10:137)

Das Ob­jekt, mit dem der Ma­so­chist sich iden­ti­fi­ziert, ist nicht nur ein Ob­jekt, das ganz all­ge­mein ab­ge­trennt wird, son­dern ei­nes, das, ganz spe­zi­ell, in den Müll­ei­mer ge­wor­fen wird, das zum Ab­fall wird. Er iden­ti­fi­ziert sich mit dem ana­len Ob­jekt nicht nur, in­so­fern es ge­tauscht wird, son­dern auch in­so­fern, als das ana­le Ob­jekt das­je­ni­ge ist, das weg­ge­wor­fen wird.

… in Sa­des Le­ben

Sa­des Werk rea­li­siert die Funk­ti­on des Ob­jekts a.

Wie bei Ödi­pus gibt es auch bei Sade den Um­schlag der Ver­flu­chung in ihr Ge­gen­teil. Hier­bei kommt al­ler­dings nicht das Hei­li­ge ins Spiel; Un­sterb­lich­keit er­langt Sade durch sein Werk. Und da­durch ver­ewigt sich der Fluch.

La­can cha­rak­te­ri­siert das Werk von Sade durch die Me­ta­pher der Un­ver­senk­bar­keit. Es ist wie ein Boot, das mit Auf­triebs­kör­pern aus­ge­stat­tet ist, die eine ge­rin­ge­re Dich­te ha­ben als Was­ser, und das des­halb un­sink­bar ist. Alle Ver­such, das Werk un­ter Was­ser zu drü­cken und zu er­säu­fen, sind des­halb ge­schei­tert. War­um die­se Me­ta­pher? Spielt La­can auf Freuds For­mu­lie­rung an, dass das Ver­dräng­te ei­nen „Auf­trieb“ hat?48

La­can be­zieht sich auf Ju­les Ja­nin, der 1834 ei­nen ein­fluss­rei­chen Auf­satz über Sade als Schrift­stel­ler ver­öf­fent­licht hat­te, mit der Bot­schaft, dass von Sa­des li­te­ra­ri­schen Fä­hig­kei­ten nicht viel zu hal­ten sei. Bei Ja­nin heißt es:

Aber täu­schen Sie sich nicht, der Mar­quis de Sade ist über­all, er ist in sämt­li­chen Bi­blio­the­ken, in ei­nem be­stimm­ten Re­gal, ge­heim­nis­voll und ver­steckt, das man im­mer ent­deckt, es ist ei­nes der Bü­cher, die hin­ter dem Hei­li­gen Jo­han­nes Chrys­os­to­mos ste­hen oder hin­ter Ni­co­les Le Traité de Mo­ra­le oder hin­ter Pas­cals Les Pen­sées.“49

In den Bi­blio­the­ken ist das Werk von Sade hin­ter an­de­ren Bü­chern ver­steckt. Das er­in­nert an die To­po­lo­gie des To­rus: die nach­frag­ba­ren Bü­cher (wie die von Jo­han­nes Chrys­os­to­mos, Ni­co­le und Pas­cal) um­ge­ben das ver­steck­te Werk von Sade auf ähn­li­che Wei­se, wie die An­sprü­che um das Ob­jekt des Be­geh­rens krei­sen. In der Zeich­nung wä­ren für D1, D2 usw. die acht­ba­ren Wer­ke ein­zu­tra­gen, in der zen­tra­len Lee­re wäre das Werk von Sade zu plat­zie­ren. (Mein Ver­gleich hinkt, da das Werk von Sade ja ge­ra­de des­halb hin­ter den Schrif­ten des Hei­li­gen Chrys­os­to­mos ver­steckt wird, weil man da­mit rech­net, dass es für die Pre­dig­ten des as­ke­ti­schen Kir­chen­leh­rers kei­ne de­man­de gibt, kei­ne Nach­fra­ge.)

Die Be­schrei­bung des Werks er­füllt aber auch die in Se­mi­nar 10 erst spä­ter ent­wi­ckel­ten Be­din­gun­gen: Das Werk von Sade ist ab­ge­trennt und es ist et­was, was fehlt und wo­nach ge­sucht wird.

Sa­des Werk ist eine Ware, die in ei­nem Ver­trag be­han­delt wird, die ne­ben an­de­ren Ob­jek­ten auf dem Markt ver­kauft wird. Die Ver­öf­fent­li­chung der zehn Bän­de von La Nou­vel­le Jus­ti­ne sui­vie de l’Histoire de Ju­li­et­te sa sœur (1799/1800) mit ih­ren 101 Kup­fer­sti­chen war, Pau­vert zu­fol­ge, das wich­tigs­te Un­ter­neh­men des il­le­ga­len por­no­gra­phi­schen Buch­han­dels, das die Welt je­mals ge­se­hen hat. Be­tei­ligt wa­ren die be­kann­tes­ten Buch­händ­ler, Kup­fer­ste­cher, Dru­cker und Buch­bin­der der Pa­ri­ser Re­gi­on, die auf das ge­hei­me ob­szö­ne Buch spe­zia­li­siert wa­ren; man muss die Geld­ge­ber hin­zu­rech­nen, die für ein Pro­jekt die­ser Grö­ßen­ord­nung not­wen­dig wa­ren. Es ging dar­um, ei­ni­ge Tau­send Ex­em­pla­re ei­ner Buch­rei­he zu ver­kau­fen, die da­mals 100 Francs kos­te­te (das Jah­res­ein­kom­men ei­nes gut ver­die­nen­den Ar­bei­ters lag zu die­sem Zeit­punkt bei 600 Francs). Auf­grund der Be­schlag­nah­me durch die Po­li­zei stieg der Preis im Jahr 1807 auf 300 Francs.50

Sade iden­ti­fi­ziert sich mit sei­nem Werk: mit ei­ner Ware, mit ei­nem Tausch­ob­jekt.

d: das Begehren

An der lin­ken un­te­ren Ecke des Sche­mas fin­det man ein klei­nes d, von dem aus ein Pfeil senk­recht nach oben zum durch­ge­stri­che­nen S, zeigt, d→. Das klei­ne d steht für dé­sir, Be­geh­ren, in Sche­ma 2 für das Be­geh­ren des Ma­so­chis­ten.

Wor­in also be­steht das Be­geh­ren des Ma­so­chis­ten? Die Er­klä­rung fin­det man nicht in Kant mit Sade, da­für aber in Se­mi­nar 10.

Der Ma­so­chist, ich habe es Ih­nen das letz­te Mal ge­sagt, wel­ches ist sei­ne Po­si­ti­on? Was ver­birgt ihm sein Phan­tas­ma, das Ob­jekt ei­nes Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein? – Wel­ches ist sein ei­ge­ner Wil­le zum Ge­nie­ßen, denn schließ­lich be­geg­net der Ma­so­chist nicht zwangs­läu­fig sei­nem Part­ner, wie ein hier vor Zei­ten an­ge­führ­ter hu­mo­ris­ti­scher Apo­log es Ih­nen in Er­in­ne­rung ruft. Was ver­birgt die­se Ob­jekt­po­si­ti­on? – wenn nicht dies, sich selbst ein­zu­ho­len, sich in der Funk­ti­on des mensch­li­chen Fet­zens, die­ses arm­se­li­gen Ab­falls an ab­ge­trenn­tem Kör­per zu set­zen, das uns auf die­se Lein­wän­den dar­ge­stellt wird. Des­halb be­haup­te ich, dass die Ab­sicht des Ge­nie­ßens des An­de­ren eine phan­tas­ma­ti­sche Ab­sicht ist. Was ge­sucht wird, ist beim An­de­ren die Ant­wort auf die­sen es­sen­ti­el­len Fall des Sub­jekts in sein letz­tes Elend, und die­se Ant­wort ist die Angst.“ (10:204)

Das Phan­tas­ma des Ma­so­chis­ten be­steht dar­in, das Ob­jekt des Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein. In Sche­ma 2 wird es durch die obe­re ho­ri­zon­ta­le Ver­bin­dung dar­ge­stellt, a→V. Das Phan­tas­ma des Ma­so­chis­ten hat die Funk­ti­on, ihm sei ei­ge­nes Be­geh­ren zu ver­ber­gen, sei­nen ei­ge­nen Wil­len zum Ge­nie­ßen. Das, was der Ma­so­chist be­gehrt, ist letzt­lich die Angst des An­de­ren.

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 1 - Sadesches Phantasma

Sche­ma 1

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - Écrits 778

Sche­ma 2

Auch in Sche­ma 1 gibt es ein klei­nes d, auch hier zeigt es auf den Punkt un­ten links, an dem in Sche­ma 1 der Buch­sta­be a steht; ins­ge­samt be­zieht sich in Sche­ma 1 das d auf die Sym­bol­fol­ge a◊$, d.h. auf das Phan­tas­ma. d→a◊$ meint dort: das Be­geh­ren stützt sich auf das Phan­tas­ma.

Das Be­geh­ren des Ma­so­chis­ten funk­tio­niert an­ders.

War­um zeigt der von d aus­ge­hen­de Pfeil auf das durch­ge­stri­che­ne S, also auf $? Zielt der Ma­so­chist durch sein Ver­schwin­den auf die Angst des An­de­ren?

Die Ethik des Phantasmas

… „Was für ein lang­wei­li­ges Werk, das von Sade, ja, so seid ihr zu hö­ren, Herr Rich­ter und Herr Aka­de­mie­mit­glied, die ihr un­ter ei­ner De­cke steckt, ein Werk, das aber im­mer aus­reicht, um Euch auf­zu­stö­ren, den ei­nen durch den an­de­ren, den ei­nen und den an­de­ren, den ei­nen im an­de­ren. [Anm.]

Denn ein Phan­tas­ma ist in der Tat ziem­lich stö­rend, weil man nicht weiß, wo man es ein­ord­nen soll, des­halb, weil es ein­fach da ist, voll­stän­dig in sei­ner Na­tur als Phan­tas­ma, das nur vom Dis­kurs her Rea­li­tät hat und das von Eu­ren pou­voirs, von Eu­rer Macht und Eu­rem Kön­nen, nichts er­war­tet, das Euch je­doch auf­for­dert, Euch mit Eu­ren Be­gier­den ins Be­neh­men zu set­zen.

[Anm. JL:] Mau­rice Gar­çon: L’Affaire Sade. J.-J.Pauvert, 1957. Er zi­tiert Ja­nin nach Le Re­vue de Pa­ris von 1834, in sei­ner Ver­tei­di­gungs­re­de, S. 85–90. Zwei­te Be­leg­stel­le, S.62: J. Coc­teau als Zeu­ge, der zi­tiert wird, schreibt, Sade sei lang­wei­lig, nicht ohne in ihm den Phi­lo­so­phen und Sit­ten­pre­di­ger an­er­kannt zu ha­ben.51

Das Werk von Sade ist lang­wei­lig, hat­te es in den Pro­zes­sen ge­gen den Sade-Ver­le­ger Jean-Jac­ques Pau­vert ge­hei­ßen. Das Ur­teil „Sade ist lang­wei­lig“ wur­de dort von zwei Sei­ten vor­ge­bracht, vom Rich­ter und von dem Schrift­stel­ler Jean Coc­teau, ei­nem Mit­glied der Aca­dé­mie françai­se. La­can be­zieht sich auf fol­gen­de Pas­sa­ge aus dem Pro­zess­be­richt, der von Gar­çon, Pau­verts Ver­tei­di­ger, ver­öf­fent­licht wur­de52:

GARÇON: Hier ist der Brief von Herrn Jean Coc­teau, der zi­tiert wor­den ist:

Ver­ehr­ter Herr Rechts­an­walt, Sade ist ein Phi­lo­soph, und in sei­ner Art ein Sit­ten­pre­di­ger …“

DER VORSITZENDE RICHTER: Das sagt Jean Coc­teau?

GARÇON: Ja, Herr Vor­sit­zen­der.

Ihn an­zu­grei­fen wür­de hei­ßen, den Jean-Jac­ques der Be­kennt­nis­se an­zu­grei­fen. Er ist lang­wei­lig, sein Stil ist schwach, und sein Wert rührt ein­zig von den Vor­wür­fen her, die sich ge­gen ihn rich­ten. Der ge­rings­te ame­ri­ka­ni­sche De­tek­tiv­ro­man ist schäd­li­cher als die kühns­te von Sa­des Sei­ten. Wür­de er ver­ur­teilt wer­den, wür­de Frank­reich sei­ne hei­li­ge Pflicht ver­letz­ten.“

DER VORSITZENDE: Mit ei­nem Punkt bin ich ein­ver­stan­den: dass er lang­wei­lig ist.

GARÇON: In die­sem Punkt sind wir alle ein­ver­stan­den.53

La­can deu­tet die Aus­sa­ge, Sade sei lang­wei­lig, als Ab­wehr ei­ner Be­un­ru­hi­gung, wo­bei die Be­un­ru­hi­gung des Rich­ters sich in der des Aka­de­mie­mit­glieds spie­gelt.

Im Ethik-Se­mi­nar hat­te La­can sich über Sa­des Werk so ge­äu­ßert:

Ob­wohl es in den Au­gen be­stimm­ter Leu­te ei­ni­ges Ver­gnüg­li­che ent­hal­ten soll, ge­hört das Werk des Mar­quis de Sade ei­gent­lich nicht zu den ver­gnüg­lichs­ten, und die Tei­le in ihm, die am meis­ten ge­schätzt wer­den, kön­nen ei­nem auch als die lang­wei­ligs­ten vor­kom­men.“54

In Kant mit Sade wech­selt an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le der Ton: „So hört man Euch .…“ Die­je­ni­gen, die Sa­des Werk für lang­wei­lig er­klä­ren, wer­den von La­can di­rekt an­ge­spro­chen und kri­ti­siert, sein Dis­kurs hat jetzt vor­über­ge­hend den Cha­rak­ter ei­ner mo­ra­li­schen Ein­re­de. Die Ethik, die er da­bei ins Spiel bringt, ist die der Psy­cho­ana­ly­se.

Das Ur­teil „Sade ist lang­wei­lig“ dient der Ab­wehr, es soll die Be­un­ru­hi­gung, die von Sa­des Werk aus­geht, still­stel­len. Die­ses Werk ver­stört, und zwar des­halb, weil es ein Phan­tas­ma aus­brei­tet. Die ethi­sche Fra­ge ist: Wel­ches ist das rich­ti­ge, wel­ches das fal­sche Han­deln im Um­gang mit ei­nem Phan­tas­ma?

Das Sa­de­sche Phan­tas­ma ist ein­fach da, es hat kei­nen so­zia­len Nut­zen. Es er­war­tet nichts „von Eu­ren pou­voirs“, nichts von der Macht des Rich­ters und nichts vom Kön­nen des Schrift­stel­lers. Die tra­di­tio­nel­le Ethik, so hat­te La­can in Se­mi­nar 7 er­klärt, ist eine Ethik der Macht. Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se hat ei­nen an­de­ren Cha­rak­ter, sie steht nicht im Dienst an den Gü­tern und sie dient nicht dem Ge­mein­wohl.55 Viel­leicht spielt La­can mit pou­voir auch auf den Be­griff der Tu­gend an. Das grie­chi­sche Wort are­tē und das la­tei­ni­sche Wort vir­tus mei­nen nicht nur die mo­ra­li­sche Tu­gend, son­dern auch ganz all­ge­mein das Taug­lich­sein-zu-et­was, das Ver­mö­gen, et­was zu tun.

In die­ser Ab­wen­dung von der Glück­s­ethik steht die Psy­cho­ana­ly­se in der Tra­di­ti­on der Kan­ti­schen Ethik, die ja zum ers­ten Mal mit der eu­dä­mo­nis­ti­schen Mo­ral­kon­zep­ti­on ge­bro­chen hat­te.56 An die Stel­le der Lust oder des Wohls tritt bei Kant das Ge­setz. Die Psy­cho­ana­ly­se setzt an die­se Stel­le et­was an­de­res: das un­be­wuss­te Be­geh­ren, das je­dem Han­deln in­ne­wohnt.

Das Phan­tas­ma ent­hält ei­nen mo­ra­li­schen Im­pe­ra­tiv. Er lau­tet: „Setz dich mit dei­nem un­be­wuss­ten Be­geh­ren ins Be­neh­men!“ Das ist nicht als Auf­for­de­rung zu ver­ste­hen, zu den Trie­ben als den Ga­ran­ten ei­nes har­mo­ni­schen Da­seins zu­rück­zu­keh­ren. Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se zielt viel­mehr auf eine be­stimm­te Form der Selbst­er­kennt­nis. Da­bei gilt es, eine tra­gi­sche Er­fah­rung zu ma­chen. Das Schuld­ge­fühl – die Grund­la­ge der Mo­ral – ent­steht da­durch, dass wir von un­se­rem Be­geh­ren ab­ge­las­sen ha­ben. Oft ha­ben wir da­für die bes­ten Grün­de. Das Schuld­ge­fühl lässt sich durch Grün­de je­doch nicht be­ein­flus­sen. Je ed­ler wir han­deln, des­to stär­ker wird das Schuld­ge­fühl.57

Das Sa­de­sche Phan­tas­ma ver­langt, dass wir uns mit un­se­rem Be­geh­ren ins Be­neh­men set­zen. Das Ur­teil „Sade ist lang­wei­lig“ zielt dar­auf ab, dass wir uns die­ser Auf­ga­be ent­zie­hen. Ge­mes­sen an der Auf­ga­be, ist das Ur­teil ein Ver­rat.

Die Relationen

a → V: das Phantasma

In Se­mi­nar 10 heißt es:

“Der Ma­so­chist, ich habe es Ih­nen das letz­te Mal ge­sagt, wel­ches ist sei­ne Po­si­ti­on? Was ver­birgt ihm sein Phan­tas­ma, das Ob­jekt ei­nes Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein?“ (10:204)

Das Phan­tas­ma des Ma­so­chis­ten be­steht dar­in, das Ob­jekt des Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein. In Sche­ma 2 wird das Ob­jekt durch den Punkt a oben links re­prä­sen­tiert, der Wil­le zum Ge­nie­ßen des An­de­ren durch den Punkt V oben rechts. Also wird in Sche­ma 2 das ma­so­chis­ti­sche Phan­tas­ma durch die obe­re ho­ri­zon­ta­le Ver­bin­dung dar­ge­stellt, durch a→V.

V→$→S: die Spaltung des Subjekts

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen (V) übt ei­nen Zwang auf das Sub­jekt aus, für des­sen Spal­tung es nicht er­for­der­lich ist in ei­nem Kör­per ver­ei­nigt zu sein (150), das sich also auf die Po­si­tio­nen $ und S ver­teilt, $ auf der lin­ken Sei­te, auf der Sei­te des Sub­jekts, S auf der rech­ten Sei­te, auf der des An­de­ren.

Über das V hat­te es bei der Er­läu­te­rung von Sche­ma 1 ge­hei­ßen, dass es zwar für vo­lon­té steht, für den Wil­len, dass

des­sen Form aber auch die Ver­ei­ni­gungs­men­ge des­sen evo­ziert, was es spal­tet, in­dem es dies in ei­nem vel zu­sam­men­hält, d.h. in­dem es das zu wäh­len gibt, was aus dem ro­hen Sub­jekt S der Lust (dem ‚pa­tho­lo­gi­schen‘ Sub­jekt) das $ (aus­ge­stri­che­nes S) der prak­ti­schen Ver­nunft ma­chen wird.“ (146)

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen spal­tet das Sub­jekt, in das rohe Sub­jekt der Lust und in das aus­ge­sperr­te Sub­jekt.

La­can be­schreibt die Be­zie­hung zwi­schen den drei Grö­ßen zwi­schen V, $ und S, hier mit ei­nem Be­griff der Aus­sa­gen­lo­gik: die Be­zie­hung hat die Struk­tur ei­nes „Vel“, sie ist ein nicht-aus­schlie­ßen­des Oder, eine in­klu­si­ve Dis­junk­ti­on. A vel B (A oder B) meint: die zu­sam­men­ge­setz­te Aus­sa­ge ist un­ter drei Be­din­gun­gen wahr:
– wenn A wahr ist und B falsch ist,
– wenn B wahr ist und A falsch ist,
– wenn so­wohl A als auch B wahr sind.

An­spie­lungs­haft be­zieht La­can sich auf die men­gen­theo­re­ti­sche Dar­stel­lung lo­gi­scher Aus­sa­ge­ver­knüp­fun­gen durch Venn-Dia­gram­me: das nicht-aus­schlie­ßen­de Oder wird durch die Ver­ei­ni­gungs­men­ge dar­ge­stellt.

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen er­öff­net dem­nach eine Wahl zwi­schen drei Op­tio­nen: ent­we­der A wird ge­wählt oder B wird ge­wählt oder bei­des wird ge­wählt.

Der Wil­le zum Ge­nie­ßen er­öff­net drei Op­tio­nen: ent­we­der $ wird ge­wählt oder S wird ge­wählt oder bei­des wird ge­wählt. Das dem Ge­nuss­wil­len des An­de­ren un­ter­wor­fe­ne Sub­jekt ist ent­we­der das Sub­jekt der prak­ti­schen Ver­nunft, das ver­schwin­det ($) oder das Sub­jekt der Lust (S) oder es ist zu­gleich das Sub­jekt der prak­ti­schen Ver­nunft und das der Lust.

Ist da­mit ge­meint, dass sich die Spal­tung zwi­schen $ und S auf ver­schie­de­ne Kör­per auf­tei­len kann, wie in For­mel 2, aber auch in ei­nem Kör­per ver­ei­nigt sein kann?

a→V→$→S: Der Masochismus

Der Pfeil ver­bin­det die vier Ecken des Sche­mas der­art, dass er zwi­schen der Sei­te des Sub­jekts und der des An­de­ren hin und her­geht, wo­durch sich eine Z-för­mi­ge Bahn er­gibt.

Das Ob­jekt a als Aus­gangs­punkt

Den Aus­gangs­punkt der Be­we­gung bil­det das Ob­jekt a. Es ist für La­can die Ur­sa­che so­wohl des Be­geh­rens als auch die des Triebs.

In Se­mi­nar 10 heißt es bei der Er­läu­te­rung des Sche­mas des Sa­dis­mus:

An eben dem Ort, an dem Ihre men­ta­le Ge­wohn­heit Ih­nen das Sub­jekt zu su­chen an­zeigt, da, wo sich trotz Ih­nen das Sub­jekt ab­zeich­net, wenn bei­spiels­wei­se Freud die Quel­le der Stre­bung an­zeigt, da, wo es im Dis­kurs das gibt, was Sie als das ar­ti­ku­lie­ren, was Sie sind – kurz, da, wo Sie ich (je) sa­gen, da ist im ei­gent­li­chen Sin­ne auf der Stu­fe des Un­be­wuss­ten a an­zu­sie­deln.

Auf die­ser Stu­fe sind Sie a das Ob­jekt, und je­der weiß, dass das [123] un­er­träg­lich ist, und nicht nur für den Dis­kurs, der das schließ­lich ver­rät. Ich wer­de das gleich durch eine Be­mer­kung il­lus­trie­ren, da­für be­stimmt, die Ge­lei­se zu ver­schie­ben, ja zu er­schüt­tern, auf de­nen Sie es ge­wöhnt sind, die be­sag­ten Funk­tio­nen des Sa­dis­mus und des Ma­so­chis­mus zu las­sen, als ob es sich da­bei nur um das Re­gis­ter ei­ner Art im­ma­nen­ter Ag­gres­si­on und ih­rer Re­ver­si­bi­li­tät han­deln wür­de. Tritt man in de­ren sub­jek­ti­ve Struk­tur ein, wer­den Züge von Dif­fe­renz er­schie­nen, de­ren we­sent­li­cher der ist, den ich Ih­nen jetzt be­zeich­nen wer­de.“ (10:133)

Kurz ge­sagt: Das Ob­jekt a ent­spricht dem, was Freud als Trieb­quel­le be­zeich­net. Das Ob­jekt a ist der durch die Sprach­wer­dung des Sub­jekts ent­stan­de­ne Rest. Der Ver­such, die­sen auf im­mer ver­lo­re­nen Rest ein­zu­fan­gen, hält psy­chi­sche Dy­na­mik in Gang.

Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt iden­ti­fi­ziert sich mit die­sem Ab­fall-Ob­jekt und dies lie­fert die Trieb­kraft, wel­che die Be­we­gung in Gang hält

Die Ein­wir­kung des Sym­bo­li­schen: V und $

Das Be­geh­ren des An­de­ren hat im Fal­le des Ma­so­chis­mus die Ge­stalt des „Wil­lens zum Ge­nie­ßen“. Er ver­kün­det nicht ein­fach ein Ge­setz, viel­mehr ist das Ge­setz im Fal­le des Ma­so­chis­mus (wie des Sa­dis­mus) un­mit­tel­bar eins mit dem Be­geh­ren des An­de­ren so­wie mit dem Ge­nie­ßen des An­de­ren.

Die Un­ter­ord­nung des Sub­jekts un­ter den Dis­kurs des An­de­ren hat zur Fol­ge, dass das Sub­jekt ver­schwin­det, in dem Sin­ne, dass es im Dis­kurs kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, durch den es re­prä­sen­tiert wird. Im Ma­so­chis­mus als Per­ver­si­on ist das Ver­schwin­den des Sub­jekts ein Ef­fekt der De­mü­ti­gung, in Sa­des Le­ben hat es die Form, dass sein Name aus­ge­löscht wird – zu­min­dest will er das so.

Das rohe Sub­jekt als Ziel­punkt

Das rohe Sub­jekt, S, steht am Ende der Z-för­mi­gen Pfeil­li­nie. Das rohe Sub­jekt ist also das Ziel der Be­we­gung. In Trie­be und Trieb­schick­sa­le schreibt Freud über das Schmerz­ge­nie­ßen als Trieb­ziel:

Wenn sich aber ein­mal die Um­wand­lung in Ma­so­chis­mus voll­zo­gen hat, eig­nen sich die Schmer­zen sehr wohl, ein pas­si­ves ma­so­chis­ti­sches Ziel ab­zu­ge­ben, denn wir ha­ben al­len Grund an­zu­neh­men, daß auch die Schmerz- wie an­de­re Un­lust­emp­fin­dun­gen auf die Se­xu­al­erre­gung über­grei­fen und ei­nen lust­vol­len Zu­stand er­zeu­gen, um des­sent­wil­len man sich auch die Un­lust des Schmer­zes ge­fal­len las­sen kann. Ist das Emp­fin­den von Schmer­zen ein­mal ein ma­so­chis­ti­sches Ziel ge­wor­den, so kann sich rück­grei­fend auch das sa­dis­ti­sche Ziel, Schmer­zen zu­zu­fü­gen, er­ge­ben, die man, wäh­rend man sie an­de­ren er­zeugt, selbst ma­so­chis­tisch in der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem lei­den­den Ob­jekt ge­nießt. Na­tür­lich ge­nießt man in bei­den Fäl­len nicht den Schmerz selbst, son­dern die ihn be­glei­ten­de Se­xu­al­erre­gung, und dies dann als Sa­dist be­son­ders be­quem. Das Schmerz­ge­nie­ßen wäre also ein ur­sprüng­lich ma­so­chis­ti­sches Ziel, das aber nur beim ur­sprüng­lich Sa­dis­ti­schen zum Trieb­zie­le wer­den kann.“58

Der Punkt S am Ende der Pfeil­li­nie steht für das Ziel von Sa­des Le­ben: für die na­tu­ra­lis­ti­sche Be­frei­ung des Be­geh­rens. Die Grup­pe der Un­ter­stüt­zer ver­kör­pert, in Sa­des Per­spek­ti­ve, den von ihm an­vi­sier­ten Men­schen der Lust, vor al­lem die dem An­de­ren zu­ge­schrie­be­ne Schmerz­lust.

Die Logik von Sades Leben

Von wel­cher Lo­gik wird Sa­des Le­ben, La­can zu­fol­ge, be­herrscht? Vom mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus.

In Se­mi­nar 9 in­for­miert La­can über sein Vor­ha­bens, ei­nen Auf­satz über Sade zu schrei­ben. Bei die­ser Ge­le­gen­heit ver­weist er auf Jean Paul­hans Sade-Kom­men­tar und emp­fiehlt die Lek­tü­re. Paul­han habe das We­sen des Ma­so­chis­mus streng dar­ge­legt: In je­dem Au­gen­blick bie­te Sade sich der schlech­ten Be­hand­lung durch die Ge­sell­schaft an.59

Da­mit spielt La­can auf Freuds Kon­zept des mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus an. Der mo­ra­li­sche Ma­so­chis­mus äu­ßert sich, wie Freud sagt, als „un­be­wuss­tes Schuld­ge­fühl“, als Straf­be­dürf­nis. Freud schreibt:

An al­len ma­so­chis­ti­schen Lei­den haf­tet sonst die Be­din­gung, daß sie von der ge­lieb­ten Per­son aus­ge­hen, auf ihr Ge­heiß er­dul­det wer­den; die­se Ein­schrän­kung ist beim mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus fal­len­ge­las­sen. Das Lei­den selbst ist das, wor­auf es an­kommt; ob es von ei­ner ge­lieb­ten oder gleich­gül­ti­gen Per­son ver­hängt wird, spielt kei­ne Rol­le; es mag auch von un­per­sön­li­chen Mäch­ten oder Ver­hält­nis­sen ver­ur­sacht sein, der rich­ti­ge Ma­so­chist hält im­mer sei­ne Wan­ge hin, wo er Aus­sicht hat, ei­nen Schlag zu be­kom­men.“60

Die Lo­gik von Sa­des Le­ben lässt sich dem­nach so ent­zif­fern:

Jacques Lacan, Kant mit Sade Schema 2

Kant mit Sade
Sche­ma 2

Sade iden­ti­fi­ziert sich mit sei­nem Werk, mit ei­ner ver­käuf­li­chen Ware (a).

Die­ses Werk hat die Funk­ti­on, die Au­to­ri­tä­ten auf den Plan zu ru­fen, das Be­geh­ren des An­de­ren in der Ge­stalt des Wil­lens zum Ge­nie­ßen (V). Der Wil­le zum Ge­nie­ßen zeigt sich in ei­ner Mo­ral, die sich auf die Po­li­zei, das Ge­fäng­nis und das asi­le stützt, die psych­ia­tri­sche An­stalt.

Auf die Un­ter­ord­nung un­ter den Dis­kurs des An­de­ren ant­wor­tet Sade so, dass er ver­sucht, aus dem Dis­kurs zu ver­schwin­den ($), sei­nen Na­men aus­zu­lö­schen. Auf die­se Wei­se strebt er nach dem zwei­ten Tod, nach der Ver­nich­tung der Si­gni­fi­kan­ten­macht. Die­ses Un­ter­neh­men ist pa­ra­dox, es ver­stärkt die Macht des Si­gni­fi­kan­ten.

Sa­des gro­ßes Pro­jekt ist die na­tu­ra­lis­ti­sche Be­frei­ung der Lüs­te ein­schließ­lich der Schmerz­lust. Die Rea­li­sie­rung die­ses Ziels ver­schiebt er auf sei­ne Ge­fähr­ten, die so für ihn zum ro­hen Sub­jekt der Lust wer­den (S).

Die Weiterentwicklung der Konzeption des Masochismus

In Se­mi­nar 10, ein hal­bes Jahr nach der Fer­tig­stel­lung von Kant mit Sade, ent­wi­ckelt La­can eine neue The­se über den Ma­so­chis­mus.

Der Ma­so­chist, ich habe es Ih­nen das letz­te Mal ge­sagt, wel­ches ist sei­ne Po­si­ti­on? Was ver­birgt sein Phan­tas­ma, das Ob­jekt ei­nes Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein? – Wel­ches ist sein ei­ge­ner Wil­le zum Ge­nie­ßen, denn schließ­lich be­geg­net der Ma­so­chist nicht zwangs­läu­fig sei­nem Part­ner wie ein hier vor Zei­ten an­ge­führ­ter hu­mo­ris­ti­scher Apo­log es Ih­nen in Er­in­ne­rung ruft. Was ver­birgt die­se Ob­jekt­po­si­ti­on? – wenn nicht dies, sich selbst ein­zu­ho­len, sich in der Funk­ti­on des mensch­li­chen Fet­zens, die­ses arm­se­li­gen Ab­falls an ab­ge­trenn­tem Kör­per zu set­zen, das uns auf die­sen Lein­wän­den dar­ge­stellt wird. Des­halb be­haup­te ich, dass die Ab­sicht des Ge­nie­ßens des An­de­ren eine phan­tas­ma­ti­sche Ab­sicht ist. Was ge­sucht wird, ist beim An­de­ren die Ant­wort auf die­sen es­sen­ti­el­len Fall des Sub­jekts in sein letz­tes Elend, und die­se Ant­wort ist die Angst.“ (10:204 f.)

Der Ma­so­chist hat das Phan­tas­ma, das Ob­jekt (a) des Ge­nie­ßens des An­de­ren zu sein, wo­bei sich die­ses Ge­nie­ßen in ei­nem Wil­len be­kun­det (V). Im Sche­ma wird dies durch die obe­re ho­ri­zon­ta­le Li­nie dar­ge­stellt, a→V. Die­ses Phan­tas­ma ist ihm be­wusst. Un­be­wusst ist ihm, mit wel­chem Ob­jekt er sich da­bei iden­ti­fi­ziert: mit ei­nem ab­ge­trenn­ten Ob­jekt, ei­nem Aus­wurf. Un­be­wusst ist ihm auch, dass er letzt­lich ver­sucht, im An­de­ren die Angst her­vor­zu­ru­fen.

Es wird be­haup­tet – der Ma­so­chist zie­le auf das Ge­nie­ßen des An­de­ren. Ich habe Ih­nen ge­zeigt, dass durch die­se Vor­stel­lung ver­bor­gen wird, dass er letz­ten En­des in Wirk­lich­keit auf die Angst des An­de­ren zielt.“ (10:221)

Das ist die Ge­mein­sam­keit zwi­schen dem Sa­dis­ten und dem Ma­so­chis­ten: bei­de su­chen die Angst des An­de­ren. Der Sa­dist weiß es, der Ma­so­chist weiß das nicht.

Zur Sekundärliteratur

In Ça de Kant, cas de Sade hat Jean All­ouch Sche­ma 1 und Sche­ma 2 kom­men­tiert.61 Aus sei­nen Er­läu­te­run­gen zu Sche­ma 1 habe ich viel ge­lernt. Ge­gen sei­ne Deu­tung des zwei­ten Sche­mas62 habe ich zwei Ein­wän­de; bei­de be­tref­fen das Ver­hält­nis von Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus.

(1) All­ouch schreibt:

Ein ‚Ver­such über das Be­geh­ren‘ ist der Ort, um Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus zu ver­bin­den, wäh­rend ‚Kant mit Sade‘ sich dem voll­kom­men ent­zie­hen kann.“63

Dem­nach spricht La­can in Kant mit Sade nicht über das Ver­hält­nis von Sa­dis­mus und Ma­so­chis­mus. Das lässt sich nicht hal­ten. La­can spricht in Kant mit Sade durch­aus über die­ses The­ma: er macht sich dort über die Vor­stel­lung lus­tig, der Ma­so­chis­mus sei die Um­keh­rung des Sa­dis­mus.64 Da­mit wirft er eine Fra­ge auf: In wel­chem Ver­hält­nis steht der Ma­so­chis­mus zum Sa­dis­mus, wenn es sich nicht um eine Um­kehr­be­zie­hung han­delt?

La­can wirft in Kant mit Sade die­ses Pro­blem ge­nau dort auf, wo er vom Sche­ma des Sa­dis­mus, also von Sche­ma 1, zu Sche­ma 2 über­geht. Dar­aus er­gibt sich nicht, dass sich Sche­ma 2 auf den Ma­so­chis­mus be­zieht. Der Auf­bau des Tex­tes legt je­doch den Ver­dacht nahe, dass dies ge­meint sein könn­te.

(2) All­ouch zu­fol­ge be­zieht sich Sche­ma 2 nicht auf den Ma­so­chis­mus. Die­se The­se hat ne­ga­ti­ven Cha­rak­ter; die Mög­lich­keit, dass Sche­ma 2 sich auf den Ma­so­chis­mus be­zieht, wird von All­ouch nicht er­wähnt. Da­bei ist ihm be­kannt, dass La­can in Se­mi­nar 10 eben­falls von ei­ner Vier­tel­dre­hung spricht, und dass sie dort dazu führt, dass der Sa­dis­mus in den Ma­so­chis­mus über­geht.65

Hier noch ein­mal mein Ar­gu­ment:
– Das Sche­ma des Sa­dis­mus in Se­mi­nar 10 ist, bis auf Klei­nig­kei­ten, das­sel­be wie das Sche­ma des Sa­dis­mus in Kant mit Sade. Die Iden­ti­tät der bei­den Sche­ma­ta wird da­durch un­ter­stri­chen, dass La­can bei der Er­läu­te­rung des Sche­mas in Se­mi­nar 10 aus­drück­lich auf Kant mit Sade ver­weist (vgl. 10:148).
– In Se­mi­nar 10 ent­steht aus dem Sche­ma des Sa­dis­mus durch eine Vier­tel­dre­hung das Sche­ma des Ma­so­chis­mus (vgl. 10:222).
– In Kant mit Sade ent­steht aus dem Sche­ma des Sa­dis­mus durch eine Vier­tel­dre­hung Sche­ma 2.
– Also ist Sche­ma 2 das Sche­ma des Ma­so­chis­mus.

Lacans Schema des Masochismus – einfache Fassung

Die lin­ke Sei­te des Sche­mas steht für das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt, die rech­te für sei­ne Her­ren und für sei­ne Un­ter­stüt­zer; die rech­te Sei­te ist die des An­de­ren.

Der An­de­re (rech­te Sei­te)

Jacques Lacan, Kant mit Sade, Schema 2

Kant mit Sade
Sche­ma 2

Der An­de­re nimmt im Fal­le des Ma­so­chis­mus zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen ein. Sie wer­den von La­can als „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ (V) und als „ro­hes Sub­jekt der Lust“ (S) be­zeich­net.

Der „Wil­le zum Ge­nie­ßen“ oder „Wil­le zur Lust“ (V) be­steht dar­in, dass die Trieb­be­frie­di­gung zu ei­nem sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­ten Ge­setz wird, zu ei­nem Wil­len. Er nimmt da­bei die Form des mo­ra­li­schen Zwangs an, der Stra­fe. Im All­tags­le­ben sind Trieb­be­frie­di­gung und Ge­setz ge­schie­den, im Fal­le des Ma­so­chis­mus fal­len sie zu­sam­men. Was im­mer der An­de­re for­dert, ist für das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt das Ge­setz, al­ler­dings ein­ge­schränkt auf die Sze­ne des Phan­tas­mas. La­can be­tont die Be­grenzt­heit die­ser Po­si­ti­on: letzt­lich ist der An­de­re ohn­mäch­tig, die Iden­ti­tät von Ge­setz und Trieb­be­frie­di­gung ist in­sta­bil.

Die zwei­te Po­si­ti­on des An­de­ren ist die des „ro­hen Sub­jekts der Lust“ (S). Dies be­zieht sich auf den An­de­ren, in­so­fern er in der Per­spek­ti­ve des Ma­so­chis­ten eine be­stimm­te Art der Lust emp­fin­det: ei­nen Schmerz, der mit se­xu­el­ler Lust ver­bun­den ist. Freud spricht von „Schmerz­ge­nie­ßen“ und von „Schmerz­lust“.

Da­mit ist nicht ge­meint, dass das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt kei­nen Schmerz emp­fin­det, son­dern dass es ver­sucht, die­sen Schmerz an­de­ren zu tei­len und dass es dem An­de­ren die Lust am Schmerz zu­schreibt, und dies bei al­len drei For­men des Ma­so­chis­mus, beim ero­ge­nen Ma­so­chis­mus, beim fe­mi­ni­nen Ma­so­chis­mus und beim mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus.

Das Sub­jekt der Lust ist „roh“, es ist nicht ge­spal­ten – in der Per­spek­ti­ve des ma­so­chis­ti­schen Sub­jekts, das selbst ge­spal­ten ist. Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt nimmt die Spal­tung ganz und gar auf sich und sucht sich Part­ner, die für es die Funk­ti­on ha­ben, das un­ge­hemm­te Lust­we­sen zu re­prä­sen­tie­ren.

Das Sub­jekt (lin­ke Sei­te)

Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt nimmt eben­falls zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen ein.

Es ist ers­tens das Ob­jekt des Be­geh­rens (a) des An­de­ren. Das ist dem ma­so­chis­ti­schen Sub­jekt be­wusst. Es weiß je­doch nicht, wel­che Art von Ob­jekt es ist. Die Psy­cho­ana­ly­se zeigt, dass es das ana­le Ob­jekt ist, sei es in der Form des Ab­falls, der weg­ge­wor­fen wird, sei es in der Form ei­ner Ware, die ge­tauscht wird, auf der Grund­la­ge der Glei­chung Kot = Geld.66

Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt ist au­ßer­dem das ver­schwin­den­de Sub­jekt ($). Das Sub­jekt ver­schwin­det in dem Sin­ne, dass es von der sym­bo­li­schen Ebe­ne aus­ge­löscht wird, da­durch, dass es in der Spra­che und in der sym­bo­li­schen Ord­nung kei­nen Re­prä­sen­tan­ten hat. Die­ses Ver­schwin­den kann un­ter­schied­li­che For­men an­neh­men, es be­steht et­was dar­in, ge­de­mü­tigt zu wer­den oder in sei­nem Scham­ge­fühl ver­letzt zu wer­den, ins­ge­samt dar­in, nicht an­er­kannt zu wer­den und auf die­se Wei­se ab­ge­schafft zu wer­den. Sade legt in sei­nem Tes­ta­ment fest, dass sei­ne Grab­stel­le über­wu­chern soll; in die­sem Fall be­steht das Ver­schwin­den des Sub­jekts dar­in, dass der Grab­stein mit dem Na­men dar­auf un­sicht­bar wird (zu­min­dest der Ab­sicht nach).

La­can be­tont die Dia­lek­tik die­ses Vor­gangs. Der Ver­such des Sub­jekts, sich von der sym­bo­li­schen Ebe­ne aus­zu­strei­chen, hat zur Fol­ge, dass es sich dar­in ver­ewigt. Das Tes­ta­ment, in dem Sade sein sym­bo­li­sches Ver­schwin­den ver­fügt, wird bis heu­te ge­le­sen.

Verwandte Artikel

Anmerkungen

  1. Für die Zäh­lung der Ab­schnit­te muss man sich an die Écrits hal­ten, in Schrif­ten II feh­len ei­ni­ge die­ser Leer­zei­len. Ab­schnitt 8 be­ginnt in der Über­set­zung auf S. 149 un­ten mit „Wir möch­ten un­se­ren …“, hier gibt es auch in der deut­schen Ver­si­on eine Leer­zei­le. Ab­schnitt 8 en­det S. 151, vier­te Zei­le von oben, mit „… ins Be­neh­men setzt.“, hier fehlt die Leer­zei­le.
  2. Cri­tique, 17. Jg. (1963), April, Nr. 191, S. 291–313.
  3. Écrits, S. 765–790, Sche­ma 2 auf S. 778; Schrif­ten II, S. 133–162, Sche­ma 2 auf S. 149.
  4. Écrits 2. Seuil, Pa­ris 1971, collec­tion „Points“, S. 119–148.
  5. Die Gleich­set­zung des „Schmer­zes zu exis­tie­ren“ bzw. des „Schmer­zes zu sein“ mit dem pri­mä­ren Ma­so­chis­mus fin­det man in Se­mi­nar 5, S. 291, 503.
  6. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 228.
  7. Paul­hans Ar­beit war das Vor­wort zu Pau­verts Ver­öf­fent­li­chung von Sa­des Ro­man Les in­for­tu­nes de la ver­tu (Die Miss­ge­schi­cke der Tu­gend) im Jahr 1946. Als Buch er­schien Paul­hans Un­ter­su­chung 1951 bei Li­lac in Pa­ris. Les in­for­tu­nes de la ver­tu, ge­schrie­ben 1787 und 1930 erst­mals ver­öf­fent­licht, ist die ers­te der drei Ver­sio­nen von Jus­ti­ne.
  8. Vgl. Sit­zung vom 28. März 1962.
  9. Vgl. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 339–354.
  10. Die Ant­wort, die er in Se­mi­nar 10 ge­ben wird, lau­tet: die drei For­men des Ma­so­chis­mus fin­den ihre Ein­heit dar­in, dass sie auf die Angst des An­de­ren zie­len, auf die „Got­tes­angst“ (10:239). Die­se The­se ist je­doch neu, in Kant mit Sade ist die Angst noch kein The­ma.
  11. Vgl. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 345 f.
  12. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 346.
  13. H. Deutsch: Der fe­mi­ni­ne Ma­so­chis­mus und sei­ne Be­zie­hung zur Fri­gi­di­tät. In: In­ter­na­tio­na­le Zeit­schrift für Psy­cho­ana­ly­se, 16. Jg. (1930), S. 172–184, im In­ter­net hier.
  14. A.a.O., S. 173.
  15. dirai-je à qui me plaît“, Ver­si­on Cri­tique, S. 294; Kur­siv­schrei­bung von RN.
  16. Vgl. S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 67–69.
  17. Vgl. S. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 2000, S. 90–92.
  18. Vgl. S. Freud: „Ein Kind wird ge­schla­gen.“ Bei­trag zur Kennt­nis der Ent­ste­hung se­xu­el­ler Per­ver­sio­nen (1919). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 245.
  19. Vgl. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 263; ders.: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 352–354.
  20. Ich po­si­tio­nie­re die­se An­mer­kung ent­spre­chend der Ver­si­on von 1971; in den Écrits von 1966 ist sie ver­rutscht und da­mit auch in Schrif­ten II; RN.
  21. Vgl. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie, a.a.O., S. 67 f.
  22. Vgl. Écrits, S. 119 f.; La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 179.
  23. A.a.O., S. 345.
  24. Vgl. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 315, 319. Vom „Sa­dis­mus“ des Über-Ichs schreibt Freud auch in Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 352.
  25. Sla­voj Žižek er­läu­tert das Sche­ma an die­ser Stel­le so: der mo­ra­li­sche Zwang nahm die Form des Drucks an, den sei­ne Um­welt auf Sade aus­üb­te, „bis zu Na­po­le­on per­sön­lich, der ihn in ein Ge­fäng­nis ein­wei­sen ließ“ (Žižek u.a.: Was Sie im­mer schon über La­can wis­sen woll­ten und Hitch­cock nie zu fra­gen wag­ten. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2002, S. 203.) La­can be­tont, dass er die­ser Le­gen­de kei­nen Glau­ben schenkt.
  26. Ver­si­on 1963, S. 303.
  27. Vgl. Freud Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 344.
  28. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le, a.a.O., S. 92.
  29. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 345 f.
  30. Sade hei­ra­tet Re­née-Pé­la­gie de Mon­treuil 1763; im Jahr 1790 lässt sie sich von ihm schei­den.
  31. Das Lie­bes­ver­hält­nis mit Anne-Pro­s­pè­re de Lau­nay be­ginnt 1771; sie stirbt 1781.
  32. Ge­meint ist ver­mut­lich Sa­des La­kai d’Armand, ge­nannt La­tour, der für ihn 1772 in Mar­seil­le eine Or­gie mit vier Pro­sti­tu­ier­ten or­ga­ni­sier­te und sich dar­an be­tei­lig­te. Zu­sam­men mit Sade wur­de er des­halb, in Ab­we­sen­heit, zum Tode ver­ur­teilt. Vgl. Gil­bert Lely: Le­ben und Werk des Mar­quis de Sade. Karl Rauch Ver­lag, Düs­sel­dorf 1961, S. 114–127.
  33. Ver­si­on Cri­tique, S. 303.
  34. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 290.
  35. Wal­ter Len­nig: Mar­quis de Sade, mit Selbst­zeug­nis­sen und Bild­do­ku­men­ten. Ro­wohlt, Rein­bek 1965.
  36. Sit­zung vom 27. Mai 1959, über­setzt nach Ver­si­on Sta­fer­la. In der Mil­ler-Ver­si­on ist dies S. 480.
  37. Vgl. Žižek, Was Sie im­mer schon über La­can wis­sen woll­ten und Hit­chock nie zu fra­gen wag­ten, a.a.O., S. 203.
  38. In Be­zug auf Freuds Ana­ly­se des „Rat­ten­manns“ spricht La­can von der „schick­sal­haf­ten Kon­stel­la­ti­on, die selbst sei­ne Ge­burt be­herrsch­te“ (Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, in: Schrif­ten I, S. 147).
    Im Ethik-Se­mi­nar heißt es: „Wenn die Ana­ly­se ei­nen Sinn hat, dann ist das Be­geh­ren nichts an­de­res als das, was das un­be­wuß­te The­ma stützt, die ei­gent­li­che Ar­ti­ku­lie­rung des­sen, was uns in ei­nem be­son­de­ren Schick­sal (de­sti­née) wur­zeln läßt, wel­ches nach­drück­lich for­dert, daß die Schuld be­gli­chen wer­de.“ (Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 381)
  39. A.a.O., S. 351.
  40. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S 372.
  41. In der Ver­si­on von 1966 steht hier irr­tüm­lich „1125“, in der Ver­son von 1971 ist das kor­ri­giert.
  42. Vgl. Jean All­ouch: Ça de Kant, cas de Sade. Sur Kant avec Sade de Jac­ques La­can. Ca­hiers de lʼU­n­ebé­vue, Pa­ris 2001, S. 119.
  43. Ver­se 1225–1228; So­pho­kles: Oidi­pus auf Ko­lo­nos. Über­setzt von Ernst Buschor. Re­clam jun., Stutt­gart 1983.
  44. Zu­erst in: Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, in: Schrif­ten I, S. 162.
  45. Vgl. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le.
  46. Das Ob­jekt a als Be­din­gung des Be­geh­rens wird von La­can ein­ge­führt in Se­mi­nar 10 von 1962/63, Die Angst, in der Sit­zung vom 16. Ja­nu­ar 1963, also vier Mo­na­te nach Ab­schluss des Ma­nu­skripts von Kant mit Sade; die Wen­dung „l’objet-cause“ ver­wen­det er erst­mals in der Sit­zung vom 6. März 1963.
  47. Ge­meint ist viel­leicht die Ge­schich­te der O von Anne Des­clos ali­as Pau­li­ne Réa­ge, die 1954 im Ver­lag von Jean-Jac­ques Pau­vert er­schien.
  48. Etwa in: S. Freud: Kon­struk­tio­nen in der Ana­ly­se. (1937). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Er­gän­zungs­band. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 404.
  49. Ju­les Ja­nin: Le mar­quis de Sade. In: La re­vue de Pa­ris, 11. Jg. (1834), S. 321–360. Auch als Buch bei Les mar­chands de nou­veau­tés, Pa­ris 1834. dt: Ju­les Ja­nin: Der Mar­quis von Sade und an­de­re An­schul­di­gun­gen. Bel­le­vil­le, Mün­chen 1986. Zit. n. Jean-Jac­ques Pau­vert: Méta­mor­pho­se du sen­ti­ment éro­tique. Lat­tès, o.O. 2011, im In­ter­net hier. Mit dem Traité de Mo­ra­le von Ni­co­le sind ver­mut­lich die Es­sais de Mo­ra­le von Pierre Ni­co­le ge­meint.
  50. Die Da­ten in die­sem Ab­satz ent­neh­me ich dem Ar­ti­kel La Nou­vel­le Jus­ti­ne in der fran­zö­si­schen Wi­ki­pe­dia.
  51. Das Wort cité, „der zi­tiert wird“, ist eine Ein­fü­gung in der Ver­si­on von 1971.
  52. Mau­rice Gar­çon: L’affaire Sade: comp­te-ren­du ex­act du pro­cés in­ten­té par le Mi­nis­tè­re pu­blic, aux édi­ti­on Jean-Jac­ques Pau­vert ; con­ti­ent no­tam­ment les té­moi­gna­ges de: Ge­or­ges Ba­tail­le, An­dré Bre­ton, Jean Coc­teau, Jean Paul­han et le tex­te in­té­gral de la plai­doirie. Pau­vert, Pa­ris 1957.
  53. L’affaire Sade, a.a.O., S. 62. Von mir aus dem Eng­li­schen über­setzt nach: Ja­mes B. Swen­son: An­no­ta­ti­ons to „Kant with Sade“. In: Oc­to­ber. 51. Jg. (1989), S. 76–104 (MIT Press), hier: S 94.
  54. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 97 f.
  55. Dies und das Fol­gen­de nach Se­mi­nar 7, Sit­zung vom 6. Juli 1960.
  56. Der Bruch ist nicht ab­so­lut; die Über­ein­stim­mung von Glücks­wür­dig­keit und Glück­se­lig­keit wird von Kant in die Pos­tu­la­te ab­ge­scho­ben, in die Un­sterb­lich­keit der See­le und das Da­sein Got­tes als not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen des höchs­ten Guts, des gu­ten Wil­lens.
  57. Vgl. Freud: Das Ich und das Es, a.a.O., S. 320 f.; ders.: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 353; ders.: Das Un­be­ha­ben in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 252 ff.
  58. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le, a.a.O., S. 91 f.
  59. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 28. März 1962.- La­can be­zieht sich auf: Jean Paul­han: Le Mar­quis de Sade et sa com­pli­ce ou Les Re­van­ches le la pu­deur, zu­erst 1951 als Vor­wort zu Pau­verts Aus­ga­be von Sa­des Ro­man Les in­for­tu­nes de la ver­tu.
  60. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O, S. 349.
  61. Ca­hiers de lʼU­n­ebé­vue, Pa­ris 2001.
  62. A.a.O., S. 115–122.
  63. A.a.O., S. 115 Fn. 141.
  64. Vgl. Schrif­ten II, S. 148 f.
  65. Vgl. All­ouch, a.a.O., S. 115 Fn. 141.
  66. Vgl. Freuds Rede von der „sym­bo­li­sche Glei­chung“: „Das Mäd­chen glei­tet – man möch­te sa­gen: längs ei­ner sym­bo­li­schen Glei­chung – vom Pe­nis auf das Kind hin­über, sein Ödi­pus­kom­plex gip­felt in dem lan­ge fest­ge­hal­te­nen Wunsch, vom Va­ter ein Kind als Ge­schenk zu er­hal­ten, ihm ein Kind zu ge­bä­ren.“ (S. Freud: Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 250); vgl. auch ders.: Über Trie­bum­set­zun­gen, ins­be­son­de­re der Ana­lero­tik (1917). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 126.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.