Lacans Aphorismen

Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen.“

Karikatur Miau KopieIn ei­ner La­can-Ein­füh­rung lese ich:

Die ora­kal­haf­te Macht von Sät­zen wie ‚Das Un­be­wuß­te ist der Dis­kurs des An­de­ren‘ rührt zum größ­ten Teil da­her, daß sie beim Le­ser eine Un­schlüs­sig­keit er­zeu­gen, sich zwi­schen ei­ner en­ge­ren und ei­ner wei­te­ren De­fi­ni­ti­on zu ent­schei­den. Denn was be­deu­tet die­ser Satz? Daß das Un­be­wuß­te dort ist, wo der An­de­re sei­ne dun­kels­ten Ta­ten voll­bringt als Be­sat­zungs­macht oder Fünf­te Ko­lon­ne? Oder daß das Un­be­wuß­te ganz ein­fach das An­ders­ar­ti­ge ist, der ‚an­de­re Schau­platz‘, der un­ser be­wuß­tes Den­ken und Han­deln un­aus­ge­setzt über­schat­tet?“1

Was meint „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“? Ist das Un­be­wuss­te der An­de­re oder ganz all­ge­mein das An­ders­ar­ti­ge? Bei­des: das Un­be­wuss­te ist der An­de­re, so­fern er an­ders­ar­tig ist, so­fern er nicht der ima­gi­nä­re an­de­re ist, in dem ich mich wie­der­er­ken­ne. Aber wer ist der nicht-ima­gi­nä­re An­de­re?

La­can äu­ßert den Satz zum ers­ten Mal 1953 in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. Wenn man wis­sen will, was in die­ser Pha­se da­mit ge­meint ist, muss man das dort nach­le­sen so­wie in den frü­hen Se­mi­na­ren. Im Fol­gen­den zi­tie­re und kom­men­tie­re ich die Auf­trit­te der Sen­tenz in der Zeit von 1953 bis 1955.

La­can hat hier noch nicht die Un­ter­schei­dung zwi­schen zwei Schreib­wei­sen eta­bliert, zwi­schen dem ima­gi­nä­ren an­de­ren mit klei­nem a und dem sym­bo­li­schen An­de­ren mit gro­ßem A; der „groß An­de­re“ wird erst am Ende von Se­mi­n­ar 2 ein­ge­führt.2 Da­na­ch wird die For­mel so ge­schrie­ben wie im Ti­tel die­ses Bei­trags: „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“3, in dem hier be­trach­te­ten Zeit­raum je­doch liest sie sich so: „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“.

Leit­fra­gen der fol­gen­den Lek­tü­re sind: Was ver­steht La­can un­ter ei­nem „Dis­kurs“? Wer ist „der an­de­re“? Und in­wie­fern ist er ra­di­kal an­ders?

Das Unbewusste ist …

… eine Kommunikation in einem Netz von Sendern

In Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che heißt es:

Daß das Un­be­wuß­te des Sub­jekts der Dis­kurs des an­de­ren ist, zeigt sich nir­gend­wo deut­li­cher als in den Stu­di­en, die Freud dem ge­wid­met hat, was er, so­weit es sich im Kon­text der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung dar­stellt, Te­le­pa­thie ge­nannt hat. Es ist dies eine Über­ein­stim­mung von Äu­ße­run­gen des Sub­jekts mit Tat­sa­chen, von de­nen es kei­ne Kennt­nis ha­ben kann, die sich aber stets in den Bah­nen ei­ner an­de­ren Er­fah­rung be­we­gen, an der der Ana­ly­ti­ker als Ge­sprächs­part­ner teil­hat; eine Über­ein­stim­mung zu­dem, die in den meis­ten Fäl­len auf ei­ner rein sprach­li­che Kon­ver­genz be­ruht, die bis zum Gleich­klang ge­hen kann, oder bei der, wenn sie ein Han­deln um­faßt, das ac­ting out ei­nes an­de­ren Pa­ti­en­ten des Ana­ly­ti­kers vor­liegt oder ei­nes Kin­des des Pa­ti­en­ten, das sich eben­falls ei­ner Ana­ly­se un­ter­zieht. Es han­delt sich da­bei um Fäl­le von Re­so­nanz in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zen des Dis­kur­ses, de­ren gründ­li­che Un­ter­su­chung ei­ni­ges Licht auf ana­lo­ge Tat­sa­chen des täg­li­chen Le­bens wer­fen könn­te.“4

Wie er­klärt Freud das Te­le­pa­thie-Phä­no­men?5 Durch Re­so­nanz in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zen. La­cans Re­kon­struk­ti­on von Freuds Er­klä­rung setzt vor­aus: Es gibt Kom­mu­ni­ka­ti­on, d.h. Sen­der schi­cken Bot­schaf­ten an Emp­fän­ger6; die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen bil­den Net­ze; in die­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zen gibt es Wir­kungs­be­zie­hun­gen, die von den Kom­mu­ni­zie­ren­den nicht ge­plant wa­ren und von de­nen sie über­rascht wer­den.

Un­ter „Dis­kurs“ wird hier also Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­stan­den, eine Be­zie­hung zwi­schen ei­nem Sen­der und ei­nem Emp­fän­ger. Der „an­de­re“ ist hier nicht ein ein­zel­ner an­de­rer, son­dern ein Netz von Sen­dern.7

Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“ meint hier: Phä­no­me­ne, die auf dem Feld des Un­be­wuss­ten lie­gen, etwa Te­le­pa­thie, sind durch Kom­mu­ni­ka­tio­nen zwi­schen ver­netz­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mern de­ter­mi­niert.

Um es mit Marx und der sechs­ten Feu­er­bach­the­se zu for­mu­lie­ren: Das Un­be­wuss­te ist kein dem ein­zel­nen In­di­vi­du­um in­ne­woh­nen­des Abs­trak­tum. In sei­ner Wirk­lich­keit ist es das En­sem­ble der sprach­li­ch kon­sti­tu­ier­ten ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se.

… ein Sprechen, das sich auf ein Sprechen bezieht

Im sel­ben Auf­satz heißt es:

Das Sym­ptom ist hier Si­gni­fi­kant ei­nes aus dem Be­wußt­s­ein des Sub­jekts ver­dräng­ten Si­gni­fi­kats. In den Sand des Flei­sches und auf den Schlei­er der Maja ge­schrie­ben, hat es als Sym­bol teil an der Spra­che auf­grund der se­man­ti­schen Am­bi­gui­tät in sei­ner Kon­sti­tu­ti­on, auf die wir be­reits hin­ge­wie­sen ha­ben.

Aber es ist ein Spre­chen im vol­len Sinn, denn es um­fasst [in­clut] im Ge­heim­nis sei­ner Chif­fre den Dis­kurs des an­de­ren.“8

Hier also eine er­s­te Ab­wand­lung der For­mel. Sie lau­tet jetzt: Das Sym­ptom um­fasst (ent­hält, schließt in sich) den Dis­kurs des an­de­ren.

Was hat das Sym­ptom mit der Spra­che zu tun? Zum ei­nen dies, dass es ein Si­gni­fi­kant ist, ein mehr­deu­ti­ges Ele­ment, des­sen Be­deu­tun­gen un­zu­gäng­li­ch sind (das „auf den Schlei­er der Maja ge­schrie­ben“ ist), etwa eine hys­te­ri­sche Läh­mung (ein Si­gni­fi­kant, der „in den Sand des Flei­sches ge­schrie­ben“ ist).

Das Sym­ptom ist aber nicht nur ein Si­gni­fi­kant. Es ist zu­gleich ein Spre­chen. Es ist ein Spre­chen, das sich auf den „Dis­kurs des an­de­ren“ be­zieht und ihn in die­sem Sin­ne in sich ent­hält. Da die Wen­dung hier nicht wei­ter aus­ge­führt wird, soll­te man sich an das Prin­zip der Spar­sam­keit hal­ten und die zu­vor be­reits ge­ge­be­ne Er­läu­te­rung her­an­zie­hen. Ge­meint ist dem­nach: Das Sym­ptom ist ein un­be­wuss­tes Spre­chen, und zwar kein mo­no­lo­gi­sches Spre­chen, son­dern ein Spre­chen, das sich auf das ver­netz­te Spre­chen an­de­rer Spre­cher be­zieht. Da­mit ist das Un­be­wuss­te ein voll­gül­ti­ges Spre­chen, denn nur ein Spre­chen, das sich auf das Spre­chen von an­de­ren be­zieht, ist für La­can ein Spre­chen im vol­len Wort­sinn. Das Un­be­wuss­te ist nicht ein­fach eine Form des Spre­chens, son­dern eine Form der sprach­li­ch ver­mit­tel­ten In­ter­sub­jek­ti­vi­tät.

… das Sprechen von Melanie Klein

In Se­mi­n­ar 1 kom­men­tiert La­can Me­la­nie Kleins Stu­die Die Be­deu­tung der Sym­bol­bil­dung für die Ich-Ent­wick­lung; Klein be­schreibt und ana­ly­siert hier ihre Ar­beit mit dem vier­jäh­ri­gen Dick.

Wo­mit hat Me­la­nie Klein, was es auch sei, ge­tan, was ir­gend­ein Ver­ständ­nis von ich weiß nicht wel­chem Vor­gang be­weist, der, in dem Sub­jekt, sein Un­be­wuß­tes wäre? Sie un­ter­stellt es von An­fang an, aus Ge­wohn­heit. Le­sen Sie alle die­se Be­ob­ach­tung noch ein­mal und Sie wer­den die sen­sa­tio­nel­le Dar­stel­lung der For­mel er­ken­nen, die ich Ih­nen im­mer wie­der gebe – das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des and­ren.

Das ist ein Fall, in dem das ab­so­lut ma­ni­fest ist. Es gibt kei­ner­lei Art von Un­be­wuß­tem in dem Sub­jekt. Es ist der Dis­kurs von Me­la­nie Klein, der bru­tal die ers­ten Sym­bo­li­sie­run­gen der ödi­pa­len Si­tua­ti­on auf die an­fäng­li­che Ich-Träg­heit des Kin­des auf­pfropft.“9

Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“ meint hier: Das Un­be­wuss­te ist das Spre­chen von Me­la­nie Klein; das Un­be­wuss­te von Dick ist das Spre­chen, mit dem Me­la­nie Klein sich an Dick wen­det.

La­can sagt nicht: Me­la­nie Klein schreibt dem klei­nen Dick ein Un­be­wuss­tes zu, das die­ses Kind in Wirk­lich­keit nicht hat. Eine sol­che Kri­tik wür­de un­ter­stel­len, dass das Un­be­wuss­te in das ein­zel­ne In­di­vi­du­um ein­ge­schlos­sen ist. Das, was Me­la­nie Klein zu Dick sagt, ist tat­säch­li­ch das Un­be­wuss­te von Dick, näm­li­ch die er­s­te Etap­pe in der Her­aus­bil­dung sei­nes Un­be­wuss­ten. Ir­gend­wann ein­mal wird die­ses Un­be­wuss­te ver­mut­li­ch „in“ ihm funk­tio­nie­ren, d.h. zur Pro­duk­ti­on von Träu­men und Sym­pto­m­en füh­ren, aber zu­nächst ist es das Spre­chen sei­ner Ana­ly­ti­ke­rin – ein Spre­chen, das sich auf das nur ru­di­men­tär ent­wi­ckel­te Spre­chen des Kin­des be­zieht.

… ein Diskurs, der sich eines anderen Diskurses bemächtigt

Eben­falls in Se­mi­n­ar 1 liest man:

Wor­um es sich in der Über­tra­gung im Grun­de han­delt, das ist die Be­sitz­ergrei­fung ei­nes er­schei­nen­den Dis­kur­ses durch ei­nen mas­kier­ten Dis­kurs, den Dis­kurs des Un­be­wuß­ten. Die­ser Dis­kurs be­mäch­tigt sich der ent­leer­ten, dis­po­ni­blen Ele­men­te, die die Ta­ges­res­te* sind und al­les des­sen, was, in der Ord­nung des Vor­be­wuß­ten, durch eine ge­rin­ge­re Be­set­zung je­nes fun­da­men­ta­len Be­dürf­nis­ses des Sub­jekts, sich An­er­ken­nung zu ver­schaf­fen, dis­po­ni­bel ge­macht wor­den sind. In die­ser Lee­re, in die­ser Höh­lung, mit dem, was der­art zum Ma­te­ri­al wird, drückt sich der ge­hei­me, tie­fe Dis­kurs aus. Wir se­hen ihn im Traum, aber wir fin­den ihn auch im Lap­sus und in der ge­sam­ten Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens wie­der.

Von da­her hö­ren wir den, der zu uns spricht. Und wir ha­ben uns nur auf un­se­re De­fi­ni­ti­on des Dis­kur­ses des Un­be­wuß­ten zu be­zie­hen, daß er der Dis­kurs des an­de­ren ist, um zu ver­ste­hen, wie er au­then­ti­sch die In­ter­sub­jek­ti­vi­tät in jene vol­le Rea­li­sie­rung des Spre­chens ein­fügt, die der Dia­log ist.

Das fun­da­men­ta­le Phä­no­men der ana­ly­ti­schen Ent­hül­lung ist die­ser Be­zug ei­nes Dis­kur­ses auf ei­nen an­de­ren, der ihn als Stüt­ze nimmt.“10

Bei der Über­tra­gung im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se sind zwei Dis­kur­se im Spiel. Der be­wuss­te, er­schei­nen­de Dis­kurs des Pa­ti­en­ten und der mas­kier­te Dis­kurs, der Dis­kurs des Un­be­wuss­ten. Der Dis­kurs des Un­be­wuss­ten be­mäch­tigt sich des be­wuss­ten Dis­kur­ses. Die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Dis­kur­sen ist eine Form der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät: ein Spre­chen, das sich auf ein Spre­chen be­zieht, also ein Dia­log, und da­mit ein Spre­chen im vol­len Sin­ne des Wor­tes.

An der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le ver­schiebt sich die Be­deu­tung der For­mel. Der un­be­wuss­te Dis­kurs gilt hier in­so­fern als Dis­kurs des an­de­ren, als er im Ver­hält­nis zum be­wuss­ten Dis­kurs ei­nen zwei­ten Dis­kurs dar­stellt.

Die bei­den Be­deu­tun­gen der Sen­tenz las­sen sich zwang­los kom­bi­nie­ren. Der un­be­wuss­te Dis­kurs ist der Dis­kurs des an­de­ren, in­so­fern er im Ver­hält­nis zum be­wuss­ten Dis­kurs ein zwei­ter, mas­kier­ter Dis­kurs ist. Die­ser zwei­te Dis­kurs ist der Dis­kurs der an­de­ren im Sin­ne des Spre­chens der Spre­cher ei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zes. In der Über­tra­gung be­mäch­tigt sich, mas­kiert, der Dis­kurs der Spre­cher des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zes des ma­ni­fes­ten Dis­kur­ses.

… das Sprechen des Vaters

In Se­mi­n­ar 2 heißt es:

Grei­fen Sie auf das zu­rück, was wir in den vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­ren über jene er­staun­li­chen Zu­sam­men­tref­fen ge­sagt ha­ben, die Freud in der Ord­nung des­sen fest­stellt, was er Te­le­pa­thie nennt. Sehr wich­ti­ge Din­ge in der Ord­nung der Über­tra­gung voll­enden sich kor­re­la­tiv bei zwei Pa­ti­en­ten, sei’s, daß er eine in Ana­ly­se ist und der an­de­re kaum be­trof­fen, sei’s, daß bei­de in Ana­ly­se sind. Ich habe Ih­nen sei­ner­zeit ge­zeigt, daß, weil sie in­te­grier­te Agen­ten sind, Ket­ten­glie­der, Hal­ter, Rin­ge in ein und dem­sel­ben Dis­kurs­zir­kel, es den Sub­jek­ten ge­schieht, daß sie gleich­zei­tig die­sen sym­pto­ma­ti­schen Akt auf­tau­chen oder jene Er­in­ne­rung sich ent­hül­len se­hen.“11

Be­stimm­te Phä­no­me­ne der Über­tra­gung im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se, be­stimm­te Sym­pto­me be­ru­hen dar­auf, dass die Be­tei­lig­ten Agen­ten in ei­nem Dis­kurs­kreis­lauf sind. Die Phä­no­me­ne des Un­be­wuss­ten be­ru­hen auf ei­nem Dis­kurs, der kein Mo­no­log ist, son­dern ein Kreis­lauf.

La­can fährt fort:

An dem Punkt, zu dem wir ge­langt sind, schla­ge ich Ih­nen als Per­spek­ti­ve vor, das Wie­der­ho­lungs­be­dürf­nis, wie es sich kon­kret beim Sub­jekt ma­ni­fes­tiert, bei­spiels­wei­se in der Ana­ly­se, in Form ei­nes aus der Ver­gan­gen­heit auf­ge­stie­ge­nen und in der Ge­gen­wart in ei­ner kaum der vi­ta­len An­pas­sung ge­mä­ßen Wei­se re­pro­du­zier­ten Ver­hal­tens zu be­grei­fen.

Wir fin­den da das wie­der, was ich Ih­nen be­reits an­ge­deu­tet habe, näm­li­ch daß das Un­be­wuß­te der Dis­kurs des an­de­ren ist. Die­ser Dis­kurs des an­de­ren ist nicht der Dis­kurs des abs­trak­ten an­de­ren, des an­dern in der Dya­de, mei­nes Kor­re­spon­den­ten, noch selbst ein­fach mei­nes Knechts12, es ist der Dis­kurs des Kreis­laufs, in den ich in­te­griert bin. Ich bin eins sei­ner Ket­ten­glie­der. Es ist der Dis­kurs mei­nes Va­ters zum Bei­spiel, in­so­fern mein Va­ter Feh­ler ge­macht hat, zu de­ren Re­pro­duk­ti­on ich ab­so­lut ver­dammt bin – das ist das, was man su­per-ego nennt. Ich bin dazu ver­dammt, sie zu re­pro­du­zie­ren, weil ich den Dis­kurs wie­der­auf­neh­men muß, den er mir hin­ter­las­sen hat, nicht ein­fach weil ich sein Sohn bin, son­dern weil man die Ket­te des Dis­kur­ses nicht un­ter­bricht und weil ich eben da­mit be­traut bin, ihn in sei­ner ab­ir­ren­den Form je­mand an­ders zu über­mit­teln. Ich habe je­mand an­ders das Pro­blem ei­ner Le­bens­la­ge zu stel­len, in der er alle Chan­cen hat, eben­falls zu strau­cheln, der­art, daß die­ser Dis­kurs ei­nen klei­nen Kreis­lauf bil­det, in den sich eine gan­ze Fa­mi­lie ein­be­zo­gen sieht, eine gan­ze Sip­pe, ein gan­zes La­ger, eine gan­ze Na­ti­on oder der hal­be Glo­bus. Zir­ku­lä­re Form ei­nes Spre­chens, das ge­ra­de an der Gren­ze des Sinns und des Nicht-Sinns ist, das pro­ble­ma­ti­sch ist.“13

Das Un­be­wuss­te ist ein Spre­chen, des­sen Sinn ich nicht ver­ste­he. Es ar­ti­ku­liert sich in mei­nen Wie­der­ho­lungs­zwän­gen: in Sym­pto­m­en, in der Über­tra­gung. Wer ist es, der hier spricht?

Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren, aber nicht des­je­ni­gen an­de­ren, zu dem ich in ei­ner ima­gi­nä­ren Be­zie­hung ste­he, nicht der Dis­kurs des­je­ni­gen, auf den ich mein Kör­per­bild pro­ji­zie­re, so dass er zu mei­nem Eben­bild wird: zu mei­nem Ri­va­len, mei­nem Ide­al, mei­nem Knecht.

Das Un­be­wuss­te ist das Spre­chen mei­nes Va­ters, mei­ner Ur­groß­mut­ter, mei­ner Schwes­tern, und in die­sem Sin­ne der Dis­kurs des an­de­ren. Es ist ein Spre­chen, dass in mei­ner Fa­mi­lie zir­ku­liert und dar­über hin­aus in den grö­ße­ren so­zia­len Sys­te­men, in die sie ein­ge­bet­tet war und ist. Die­ses Spre­chen kommt tief aus der Ver­gan­gen­heit, es um­fasst das Spre­chen der­je­ni­gen, die be­reits tot sind.

La­can nennt das Spre­chen all die­ser an­de­ren auch den „uni­ver­sa­len Dis­kurs“.14

Da­bei geht es nicht um de­ren Spre­chen schlecht­hin, son­dern um das­je­ni­ge Spre­chen, durch das sie die sym­bo­li­sche Ord­nung auf das Sub­jekt be­zie­hen: um das Gel­tend­ma­chen von Ver­bo­ten, um das Er­tei­len ei­nes Man­dats, etwa: „Du bist mei­ne Frau“. La­can be­rich­tet von ei­nem Pa­ti­en­ten mit ei­nem Schreib­krampf, des­sen Va­ter be­schul­digt wur­de, ein Dieb zu sein und des­sen Un­be­wuss­tes ein is­la­mi­sches Ge­setz ver­kün­de­te, näm­li­ch: Dem Dieb muss die Hand ab­ge­schla­gen wer­den.15

Das Un­be­wuss­te als Dis­kurs des an­de­ren ist je­doch nicht ein­fach das Spre­chen, mit dem das Ge­setz zur Gel­tung ge­bracht wird. Über den Sohn des Die­bes sagt La­can: „Sei­ne gan­ze Be­zie­hung zu sei­nem ur­sprüng­li­chen Mi­lieu, zu der Säu­le, zu den Stüt­zen, zur Ord­nung, zu den grund­le­gen­den Ko­or­di­na­ten der Welt war ver­sperrt, weil es et­was gab, das er sich wei­ger­te zu ver­ste­hen – war­um je­man­dem, der ein Dieb ist, die Hand ab­ge­schla­gen wer­den muß­te.“16 Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren als ein Spre­chen, in dem das Ge­setz ar­ti­ku­liert wird, so­fern die­ses Spre­chen nicht ver­stan­den wird, was zur Fol­ge hat, dass es ver­drängt und im Sym­ptom ar­ti­ku­liert wird.

Mik­kel Bor­ch-Ja­cob­sen bringt es auf den Punkt: „Nach La­cans ei­ge­ner De­fi­ni­ti­on hin­ge­gen [im Ge­gen­satz zu der von Lévi-Strauss] be­zeich­net das Un­be­wuss­te eben die­sen ‚Dis­kurs des An­de­ren‘, aber in­so­fern er über­dies ver­kannt ist.“17

Ähn­li­ch klar for­mu­liert es Sean Ho­mer: „Das Un­be­wuss­te ist ein Pro­zess der Be­deu­tungs­ge­bung, der au­ßer­halb un­se­rer Kon­trol­le liegt; es ist die Spra­che, die durch uns spricht, statt der Spra­che, die wir spre­chen. In die­sem Sin­ne de­fi­niert La­can das Un­be­wuss­te als den Dis­kurs des An­de­ren. Der gro­ße An­de­re ist Spra­che, die“symbolische Ord­nung; die­ser An­de­re kann dem Sub­jekt nie­mals voll as­si­mi­liert wer­den; es ist eine ra­di­ka­le An­ders­heit, die gleich­wohl den Kern un­se­res Un­be­wuss­ten bil­det.“18 Das Un­be­wuss­te ist der Teil der sym­bo­li­schen Ord­nung, den ich nicht as­si­mi­lie­ren kann.

Das Spre­chen des an­de­ren, das mich mit der sym­bo­li­schen Ord­nung ver­bin­det, das ich aber nicht ver­ste­he, das ich ver­drän­ge, de­ter­mi­niert mich, es re­pro­du­ziert sich in mir in Ge­stalt von Träu­men, Fehl­leis­tun­gen, Sym­pto­m­en; kei­ne Ver­drän­gung ohne Wie­der­ho­lung, ohne Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten. Beim Sohn des Die­bes kehrt das ver­dräng­te Ge­setz als Schreib­krampf wie­der; mit die­sem Sym­ptom wur­de das Ge­setz in den „Sand des Flei­sches ge­schrie­ben“; weil er sich wei­ger­te, das Ge­setz zu ver­ste­hen, war ihm ge­wis­ser­ma­ßen die Hand ab­ge­schla­gen wor­den.19 Und es kehrt nicht nur ein­mal wie­der, die Wie­der­kehr wie­der­holt sich. Der Dis­kurs des an­de­ren wird vom Sub­jekt auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­ge­ben in Ge­stalt des Wie­der­ho­lungs­zwangs.

Das Un­be­wuss­te als Spre­chen des an­de­ren ist ein Spre­chen, das ich, ob­wohl ich es nicht woll­te, an mei­ne Toch­ter wei­ter­ge­ge­ben habe. Ich bin Teil des Kreis­laufs, eine ver­mit­teln­de Schalt­stel­le.

Das Un­be­wuss­te als Dis­kurs des an­de­ren de­ter­mi­niert mich, aber ich gehe nicht dar­in auf. Das Un­be­wuss­te als Dis­kurs des an­de­ren ist für mich rät­sel­haft, es liegt für mich an der Gren­ze zwi­schen Sinn und Nicht­sinn. Das Sym­bo­li­sche er­öff­net mir ei­nen Raum für den Ab­stand zum Dis­kurs des an­de­ren: die Fra­ge. „Was mich als Sub­jekt kon­sti­tu­iert, ist mei­ne Fra­ge“20.

… das Über-Ich

La­can stellt bei der zu­letzt zi­tier­ten Ver­wen­dung der For­mel aus­drück­li­ch die Ver­bin­dung zu Freud her. Die For­mel „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“ ist La­cans theo­re­ti­sche Re­kon­struk­ti­on von Freuds Be­griff des Über-Ichs, des su­per-ego, wie es im Eng­li­schen heißt.

Für Freud be­steht das Über-Ich aus Ge­bo­ten und Ver­bo­ten, also aus ei­nem Spre­chen, ei­nem Dis­kurs. Das Über-Ich kri­ti­siert, Freud zu­fol­ge, das Ich, es hat also ei­nen Adres­sa­ten, es ist nicht nur ein Vor­sich­hin­spre­chen, son­dern ein Spre­chen, das sich an ei­nen Adres­sa­ten wen­det und da­mit Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das Über-Ich be­steht für Freud nicht nur aus den Ver­bo­ten der El­tern, son­dern aus Ver­bo­ten, die über die Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg über­lie­fert wer­den21; auch für Freud ist das Über-Ich das Spre­chen ei­nes Net­zes von Spre­chern.

Freud setzt das Über-Ich mit den El­ter­ni­ma­gi­nes gleich; das bild­haf­te Ele­ment wird von La­can ab­ge­spal­ten, sein Be­griff des Über-Ichs ist en­ger als der von Freud.

… ein zirkulärer Austausch des Sprechens

Die nächs­te Pas­sa­ge aus Se­mi­n­ar 2 be­zieht sich an­spie­lungs­haft auf die For­mel.

Ich habe Ih­nen das letz­te Mal ge­sagt, daß für sämt­li­che grund­le­gends­ten Ma­ni­fes­ta­tio­nen des ana­ly­ti­schen Fel­des ein Sym­bo­lis­mus we­sent­li­ch ist, und zwar ins­be­son­de­re für die Wie­der­ho­lung, und daß wir sie be­grei­fen müs­sen als ge­bun­den an ei­nen zir­ku­lä­ren Pro­zeß des Aus­tauschs des Spre­chens. Es exis­tiert ein sym­bo­li­scher Kreis­lauf, der dem Sub­jekt äu­ßer­li­ch und an eine be­stimm­te Grup­pe von Trä­gern, von mensch­li­chen Agen­ten ge­bun­den ist, in den das Sub­jekt, der klei­ne Kreis, den man sein Schick­sal nennt, end­los ein­ge­schlos­sen ist.

Ich rede bild­haft, ich ver­bie­ge mein Den­ken Sie spü­ren wohl, daß es so durch­aus nicht zu ver­ste­hen ist.“22

Die grund­le­gen­de Ma­ni­fes­ta­ti­on des psy­cho­ana­ly­ti­schen Fel­des ist für La­can der Wie­der­ho­lungs­zwang. Die Wie­der­ho­lung hat die Form des Sym­ptoms, in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur er­scheint sie als Über­tra­gung. Für die­se Ma­ni­fes­ta­tio­nen des ana­ly­ti­schen Fel­des, also für das Un­be­wuss­te, ist ein Sym­bo­lis­mus we­sent­li­ch: ein sym­bo­li­scher Kreis­lauf, ein Kreis­lauf von Sym­bo­len. Die­ser Sym­bolk­reis­lauf voll­zieht sich in ei­ner Grup­pe von mensch­li­chen Agen­ten und ist dem Sub­jekt äu­ßer­li­ch. Der sym­bo­li­sche Kreis­lauf, in den die Ma­ni­fes­ta­tio­nen des Un­be­wuss­ten ein­be­zo­gen sind, ist der Kreis­lauf des an­de­ren.

La­can fährt fort:

Ein be­stimm­ter Aus­tau­sch von Be­zie­hun­gen nimmt sei­nen Fort­gang, zu­gleich äu­ßer­li­ch und in­ner­li­ch, den man sich vor­stel­len muß wie ei­nen Dis­kurs, den man re­zi­tiert. Mit ei­nem Re­gis­trier­ge­rät könn­te man ihn iso­lie­ren, ihn auf­neh­men. Zu ei­nem be­trächt­li­chen Teil ent­geht er dem Sub­jekt, das nicht über die frag­li­chen Re­gis­trier­ge­rä­te ver­fügt, und setzt sich fort, kehrt zu­rück, im­mer be­reit, in den Tanz des in­ne­ren Dis­kur­ses ein­zu­tre­ten.“23

Der sym­bo­li­sche Kreis­lauf des an­de­ren ist ein Dis­kurs – der Dis­kurs des an­de­ren. Die­ser Dis­kurs wird von den Agen­ten die­ses Kreis­laufs ge­wis­ser­ma­ßen re­zi­tiert; ähn­li­ch wie ein Witz wan­dert der Dis­kurs von Spre­cher zu Spre­cher.

Der Dis­kurs lässt sich auf­zeich­nen, al­ler­dings nur mit spe­zi­el­len Auf­zeich­nungs­ge­rä­ten, die den meis­ten feh­len: de­nen der Psy­cho­ana­ly­se.

Der Dis­kurs hat die Form ei­nes Kreis­laufs, in den das Sub­jekt ein­be­zo­gen ist: es emp­fängt ihn und es gibt ihn wei­ter. Der Dis­kurs ist zu­gleich äu­ßer­li­ch und in­ner­li­ch, er be­steht so­wohl in ei­nem Aus­tau­sch zwi­schen Spre­chern als auch in ei­nem in­ne­ren Spre­chen, er ist auch, wie man sagt, et­was „Psy­chi­sches“.

Wer ist der Andere?

Der sym­bo­li­sche an­de­re bzw. der „An­de­re“, wie ich in die­sem Ab­schnitt schrei­ben wer­de, ist nicht ein­fach die sym­bo­li­sche Ord­nung. Der An­de­re ist die sym­bo­li­sche Ord­nung in ei­ner be­stimm­ten Funk­ti­on: als Sen­der, der den Sub­jek­ten ge­gen­über das Ge­setz ver­kün­det. Die Be­zie­hung wird durch den Dis­kurs her­ge­stellt. Die­se Merk­ma­le sind für den An­de­ren kon­sti­tu­tiv; ein An­de­rer, der sich nicht in ei­nem Dis­kurs an das Sub­jekt wen­det, ist kein An­de­rer. Der An­de­re ist das Be­zo­gen­s­ein der sym­bo­li­schen Ord­nung auf das Sub­jekt, wo­bei der Be­zug durch den Dis­kurs her­ge­stellt wird.

Die­se Funk­ti­on kann von kon­kre­ten In­di­vi­du­en rea­li­siert wer­den; ein sol­cher Men­sch wird dann von La­can als „An­de­rer“ be­zeich­net, wo­bei der Aus­druck sich nicht auf den Men­schen in sei­ner Fül­le be­zieht, son­dern nur auf ei­nen As­pekt: dar­auf, dass er die Funk­ti­on wahr­nimmt, die sym­bo­li­sche Ord­nung zur Gel­tung zu brin­gen. Ein und das­sel­be In­di­vi­du­um kann im Ver­hält­nis zu ei­nem be­stimm­ten Sub­jekt so­wohl als ima­gi­nä­rer an­de­rer als auch als sym­bo­li­scher An­de­rer fun­gie­ren, so­gar gleich­zei­tig.

Der Dis­kurs des An­de­ren kann aus tat­säch­li­ch ge­spro­che­nen Sät­zen be­stehen, es ist aber auch mög­li­ch, dass dem An­de­ren die­ser Dis­kurs vom Sub­jekt nur zu­ge­schrie­ben wird. Die Wirk­sam­keit blo­ßer At­tri­bu­ie­run­gen ge­hört zu Freuds frü­hen Ent­de­ckun­gen; sie wird von ihm als „psy­chi­sche Rea­li­tät“ be­zeich­net24, eine Art Vor­weg­nah­me des Tho­mas-Theo­rems.

Auch die­se Prä­zi­sie­rung ge­nügt nicht, sie ist noch zu funk­tio­na­lis­ti­sch. In psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve ist der An­de­re die sym­bo­li­sche Ord­nung als Sen­der nur in­so­fern, als es in der Be­zie­hung zwi­schen dem An­de­ren und dem Sub­jekt eine Stö­rung gibt. Der An­de­re ist die­je­ni­ge In­stanz, die dem Sub­jekt ge­gen­über die sym­bo­li­sche Ord­nung zur Gel­tung bringt, aber nur in­so­fern, als sein Dis­kurs für das Sub­jekt kei­nen Sinn er­gibt. Dar­in be­steht die ra­di­ka­le Al­te­ri­tät des An­de­ren: dass der ein­zi­ge Zu­gang des Sub­jekts zum Dis­kurs des An­de­ren die Wie­der­ho­lung ist.

Dies ist die an­fäng­li­che Kon­zep­ti­on des sym­bo­li­schen an­de­ren bzw. des An­de­ren. Im Jahr 1955 kommt ein zwei­ter Be­griff des An­de­ren hin­zu: der An­de­re nicht als Sen­der, son­dern als Emp­fän­ger, ge­nannt „der An­de­re als Ort des Spre­chens“.

Zur Sekundärliteratur

Pe­ter Wid­mer fragt sich, war­um in Se­mi­n­ar 1 die For­mel so ge­schrie­ben wird: „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“, war­um hier also „an­de­rer“ mit klei­nem a be­ginnt. Er deu­tet die­se Schreib­wei­se so, dass sie sich auf den ima­gi­nä­ren an­de­ren be­zieht oder auf eine Mi­schung des ima­gi­nä­ren an­de­ren mit dem sym­bo­li­schen An­de­ren, und er er­klärt dies da­mit, dass der An­de­re ima­gi­niert wird, wes­halb sich die ima­gi­nä­re und die sym­bo­li­sche Di­men­si­on über­schnei­den.25

Wid­mer über­sieht, dass La­can die Schrei­bung des sym­bo­li­schen An­de­ren mit gro­ßem A erst am Ende von Se­mi­n­ar 2 ein­führt. Wenn La­can da­vor schreibt, „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“, be­zieht sich das im­mer und aus­schließ­li­ch auf den sym­bo­li­schen an­de­ren, also auf den­je­ni­gen an­de­ren, der spä­ter mit gro­ßem A ge­schrie­ben wird.

Zusammenfassung

Was also meint die Sen­tenz „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“ im Zeit­raum von 1953 bis 1955 ?
– Das Un­be­wuss­te be­steht nicht nur aus Si­gni­fi­kan­ten. Es ist auch ein Spre­chen, ein Re­den, ein Dis­kurs, ein Kom­mu­ni­zie­ren. Es be­steht aus der Ar­ti­ku­la­ti­on von Ver­bo­ten und Auf­trä­gen.
– Der Sen­der die­ser Bot­schaf­ten ist nicht das Sub­jekt, son­dern der an­de­re.
– Der an­de­re, der die­se Bot­schaf­ten sen­det, ist nicht der ima­gi­nä­re an­de­re, son­dern der an­de­re in ei­ner sym­bo­li­schen Funk­ti­on, der an­de­re, in­so­fern er ei­nem Sub­jekt ge­gen­über die sym­bo­li­sche Ord­nung zur Gel­tung bringt: ein Ver­bot ver­hängt oder ein Man­dat ver­leiht. (Der an­de­re in die­ser Funk­ti­on wird spä­ter „der An­de­re“ ge­schrie­ben.)
– Der sym­bo­li­sche an­de­re als Sen­der die­ser Bot­schaf­ten an das Sub­jekt ist nicht ein ein­zel­ner an­de­rer, son­dern ein Netz von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mern; der Dis­kurs des an­de­ren ist eine Form sprach­li­cher In­ter­sub­jek­ti­vi­tät und da­mit ein Spre­chen im voll­gül­ti­gen Sin­ne.
– Die Sen­der die­ses Spre­chens sind nicht nur be­stimm­te In­di­vi­du­en (etwa mei­ne El­tern) in ei­ner sym­bo­li­schen Funk­ti­on, son­dern auch an­ony­me so­zia­le Rol­len, etwa die Ge­stalt des Ge­setz­ge­bers als Rechts­fik­ti­on.
– Das Un­be­wuss­te als Dis­kurs des an­de­ren be­steht nicht aus all den Sät­zen, mit de­nen das Sub­jekt der sym­bo­li­schen Ord­nung un­ter­wor­fen wer­den soll, son­dern nur aus sol­chen, die von ihm nicht ver­stan­den wer­den.
– Das Sub­jekt ist ge­zwun­gen, den un­ver­stan­de­nen Teil des Dis­kur­ses des an­de­ren hart­nä­ckig zu wie­der­ho­len (Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten): in Sym­pto­m­en, in der Über­tra­gung – im Dis­kurs des Un­be­wuss­ten.

Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des an­de­ren“ meint in dem hier be­trach­te­ten Zeit­raum: Das Un­be­wuss­te ist das, was sich in der Wie­der­ho­lung ar­ti­ku­liert, im Sym­ptom und in der Über­tra­gung. Das Un­be­wuss­te ist ein Dis­kurs, d.h. die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten ha­ben die Form ei­nes Dis­kur­ses, ei­ner Rede, ei­nes Spre­chens; es gibt hier ei­nen Sen­der, ei­nen Emp­fän­ger und eine Bot­schaft. In die­sem Dis­kurs wie­der­holt sich der Dis­kurs des an­de­ren, das tat­säch­li­che und das zu­ge­schrie­be­ne Spre­chen von ver­netz­ten In­di­vi­du­en so­wie das Spre­chen, das an­ony­men Rol­len at­tri­bu­iert wird – so­fern die­se In­di­vi­du­en und Rol­len als Re­prä­sen­tan­ten der sym­bo­li­schen Ord­nung ope­rier­ten. Das Spre­chen der an­de­ren schal­tet sich zwi­schen die sym­bo­li­sche Ord­nung und das Sub­jekt, es be­steht aus den von der sym­bo­li­schen Ord­nung aus­ge­hen­den, auf das Sub­jekt zie­len­den Ver­bo­ten und Auf­trä­gen.

Im Dis­kurs des Un­be­wuss­ten wie­der­ho­len sich al­ler­dings nur sol­che Ge­set­ze und Man­da­te des an­de­ren, die für das Sub­jekt sinn­los sind, Si­gni­fi­kan­ten ohne Si­gni­fi­kat, die es des­halb nicht ak­zep­tiert und die es aus eben die­sem Grun­de in Form des Sym­ptoms zu wie­der­ho­len ge­zwun­gen ist.

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Anmerkungen

  1. Mal­colm Bo­wie: La­can. Über­setzt von Klaus La­er­mann. Steidl, Göt­tin­gen 1997, S. 81; zu­er­st Lon­don 1991.
  2. Vgl. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310-312.
  3. Zu­er­st 1957 in La psy­chana­ly­se et son ens­eig­ne­ment, in: Écrits, S. 439.
  4. Schrif­ten I, S. 104 f.; Her­vor­he­bun­gen in fett hier und im Fol­gen­den von mir.
  5. Vgl. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933), 30. Vor­le­sung, „Traum und Ok­kul­tis­mus“.
  6. Vgl. die Er­läu­te­rung des Be­griffs der Kom­mu­ni­ka­ti­on durch den der Bot­schaft in Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 117 f.
  7. Spä­ter wird La­can die Bin­dung des Be­griffs des Si­gni­fi­kan­ten an den der Kom­mu­ni­ka­ti­on kri­ti­sie­ren: das, was kom­mu­ni­ziert wird, sind nicht Si­gni­fi­kan­ten, son­dern Zei­chen (Se­mi­n­ar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974); zu die­sem Zeit­punkt je­doch stützt er sich auf das Kon­zept der Kom­mu­ni­ka­ti­on.
  8. Schrif­ten I, S. 122, Über­set­zung ge­än­dert.
  9. Se­mi­n­ar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 113.
  10. Se­mi­n­ar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 309.
  11. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 118.
  12. Im Ori­gi­nal: es­cla­ve, Skla­ve. Das He­gel­sche Be­griffs­paar „Herr und Knecht“ wird durch­weg mit maî­tre et es­cla­ve über­setzt.
  13. Se­mi­n­ar 2, Miller/Metzger, S. 118 f., Über­set­zung ge­än­dert
  14. Vgl. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 358-360, 389, 410.
  15. Vgl. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 168.
  16. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 168.
  17. Mik­kel Bor­ch-Ja­cob­sen: La­can. Le maî­tre ab­so­lut. Flamma­ri­on, Pa­ris 1990, S. 183, mei­ne Über­set­zung.
    Den Fol­ge­satz wür­de ich nicht un­ter­schrei­ben: „Es ((das Un­be­wuss­te)) ist, noch ge­nau­er, der­je­ni­ge Teil des Dis­kur­ses des An­de­ren, in dem ich mich nicht an­er­ken­nen (las­sen) kann, weil er sich ins Sym­bo­li­sche nicht in­te­griert oder nur schlecht in­te­griert“ (a.a.O., Ein­fü­gung in run­den Klam­mern im Ori­gi­nal). Die For­mu­lie­rung un­ter­stellt ei­nen Ge­gen­satz zwi­schen dem Dis­kurs des An­de­ren und dem Sym­bo­li­schen: das Un­be­wuss­te ist der Teil des Dis­kur­ses des An­de­ren, der sich nicht ins Sym­bo­li­sche in­te­griert und in dem ich des­halb nicht an­er­kannt wer­de. Ich neh­me an, dass La­can das an­ders sieht: Der grund­le­gen­de Kon­flikt ist für La­can der zwi­schen dem An­de­ren (mit der sym­bo­li­schen Ord­nung im Hin­ter­grund) und dem Sub­jekt. Das Un­be­wuss­te ist ein Teil des Dis­kur­ses des An­de­ren, da­mit des Sym­bo­li­schen, näm­li­ch der­je­ni­ge Teil, den das Sub­jekt nicht an­er­kennt.
  18. Sean Ho­mer: La­can. Rout­led­ge, Lon­don 2005, S. 44, mei­ne Über­set­zung.
  19. Vgl. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 168.
  20. Funk­ti­on und Feld, Schrif­ten I, S. 143.
  21. Vgl. Freud: „So wird das Über-Ich des Kin­des ei­gent­li­ch nicht nach dem Vor­bild der El­tern, son­dern des el­ter­li­chen Über-Ichs auf­ge­baut; es er­füllt sich mit dem glei­chen In­halt, es wird zum Trä­ger der Tra­di­ti­on, all der zeit­be­stän­di­gen Wer­tun­gen, die sich auf die­sem Wege über Ge­ne­ra­tio­nen fort­ge­pflanzt ha­ben.“ (S. Freud Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 505) 
  22. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 129 f.
  23. Se­mi­n­ar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 130.
  24. Vgl. etwa S. Freud: Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1915-17). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 359.
  25. Vgl. Pe­ter Wid­mer: Sub­ver­si­on des Be­geh­rens. Eine Ein­füh­rung in Jac­ques La­cans Werk. Tu­ria + Kant, Wien 2012, S. 65 f.

Kommentare

Das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen.“ — 2 Kommentare

  1. Sehr ge­ehr­ter Herr Nemitz.…einfach gross­ar­tig wie sie La­can er­klä­ren mit Ab­stand das be­s­te was ich ge­le­sen habe und ich ver­si­che­re ih­nen ich bin ein viel­le­ser und La­can be­geis­ter­ter herz­li­chen dank für ih­ren text

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