Todestrieb

Der Schmerz zu existieren

Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion circa 1944 by Francis Bacon 1909-1992 - zu: TodestriebFran­cis Ba­con, Three stu­dies for fi­gu­res at the base of a cru­ci­fi­xi­on (Aus­schnitt)
Öl und Pas­tell auf Holz, 94 x 74 cm, etwa 1944
Tate Bri­tain, Lon­don – voll­stän­di­ge Re­pro­duk­ti­on Ge­mäl­de hier

In La­cans Se­mi­nar 5 von 1957–58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, sto­ße ich auf die­se Be­mer­kung:

A li­mi­ne ist das, wor­an das Be­geh­ren grenzt, nicht mehr in sei­nen ent­wi­ckel­ten, mas­kier­ten For­men, son­dern in sei­ner schlich­ten und ein­fa­chen Form, der Schmerz zu exis­tie­ren.“1

Die Wen­dung vom „Schmerz zu exis­tie­ren“ fin­det man auch in La­cans Auf­satz Kant mit Sade. Dort heißt es,

  • es gebe Mil­lio­nen von Men­schen, für die das „Lei­den am Da­sein“ der Be­weis für die Prak­ti­ken des Heils sei, näm­lich die Bud­dhis­ten“2;
  • der „Schmerz im Rein­zu­stand“ prä­ge das Kla­ge­lied der Me­lan­cho­li­ker3;
  • es gebe ver­stö­ren­de Träu­me, in de­nen der Träu­mer „auf den Grund des Schmer­zes am Da­sein“ ge­langt sei4;
  • der Sa­dis­mus len­ke „die Qual des Da­seins“ ab auf den An­de­ren5.

Lei­den am Da­sein“, „Schmerz am Da­sein“, „Qual des Da­seins“ – im Fran­zö­si­schen steht hier im­mer der­sel­be Aus­druck: „la dou­leur d’exister“, „der Schmerz des Exis­tie­rens“ oder „der Schmerz zu exis­tie­ren“.6

Un­ter dem „Schmerz zu exis­tie­ren“ oder dem „Schmerz zu sein“ ver­steht La­can das, was Freud als pri­mä­ren Ma­so­chis­mus be­zeich­net. In Se­mi­nar 5 heißt es:

Wenn Sie gut nach­den­ken, muß der Rück­griff auf eine an­geb­li­che Träg­heit der mensch­li­chen Na­tur, um das Mo­dell ab­zu­ge­ben für das, wo­nach das Le­ben an­geb­lich trach­tet, uns an dem Punkt, bis zu dem wir da­mit ge­kom­men sind, leicht schmun­zeln las­sen. In Wirk­lich­keit ist an der Rück­kehr zum Nichts (néant) nichts (rien) we­ni­ger ge­si­chert. Im üb­ri­gen zeigt uns Freud selbst an – in ei­ner ganz klei­nen Par­en­the­se, die in den Ar­ti­kel Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, in dem er sein Jen­seits des Lust­prin­zips wie­der­auf­greift, wie­der­zu­fin­den ich Sie bit­ten möch­te – daß, auch wenn die Rück­kehr zur un­be­leb­ten Na­tur tat­säch­lich als Rück­kehr zum nied­rigs­ten Ni­veau der Span­nung, zur Ruhe zu be­grei­fen ist, nichts uns die Si­cher­heit gibt, daß in der Re­duk­ti­on von al­lem, was sich er­ho­ben hat und was das Le­ben wäre; auf nichts, es nicht auch da im In­nern, wenn man das sa­gen kann, wühlt, und daß das nicht im Grun­de der Schmerz des Seins (dou­leur d’être) wäre: Die­sen Schmerz brin­ge nicht ich zum Ent­ste­hen, nicht ich ex­tra­po­lie­re ihn; er wird von Freud an­ge­zeigt als das, was wir als das letz­te Re­si­du­um der Ver­bin­dung von Tha­na­tos mit Eros an­se­hen müs­sen. Zwei­fel­los ge­lingt es Tha­na­tos, sich durch die mo­to­ri­sche Ag­gres­si­vi­tät des Sub­jekts ge­gen­über sei­ner Um­ge­bung zu be­frei­en, aber et­was da­von ver­bleibt in­ner­halb des Sub­jekts in der Form die­ses Schmer­zes zu sein, der für Freud an die Exis­tenz selbst des Le­be­we­sens ge­bun­den zu sein scheint.“7

Im In­ne­ren des Le­bens ist der Schmerz zu sein, der Schmerz zu exis­tie­ren, das letz­te Über­bleib­sel der Ver­bin­dung des To­des­triebs mit dem Le­bens­trieb, der Teil des To­des­triebs, der nicht als Sa­dis­mus nach au­ßen ge­lenkt wer­den kann.

La­can be­zieht sich auf auf eine Be­mer­kung Freuds: Der To­des­trieb wird vom Le­bens­trieb – von der Li­bi­do – nach au­ßen ab­ge­lenkt, ein An­teil des To­des­triebs wird so zum Sa­dis­mus. Freud sagt wei­ter:

Ein an­de­rer An­teil macht die­se Ver­le­gung nach au­ßen nicht mit, er ver­bleibt im Or­ga­nis­mus und wird dort mit Hil­fe der er­wähn­ten se­xu­el­len Mit­er­re­gung li­bi­di­nös ge­bun­den; in ihm ha­ben wir den ur­sprüg­li­chen ero­ge­nen Ma­so­chis­mus zu er­ken­nen.“8

Mit „Exis­tenz“ oder des „Exis­tie­ren“ meint La­can das Be­zo­gen­sein auf die Spra­che (die von au­ßen auf den Men­schen ein­wirkt) und die da­durch her­vor­ge­ru­fe­ne Spal­tung des Sub­jekts.

Als Exis­tenz fin­det sich das Sub­jekt von Be­ginn an als Spal­tung kon­sti­tu­iert. War­um? Weil sein Sein sich an­ders­wo, im Zei­chen, zur Re­prä­sen­ta­ti­on brin­gen muß, und das Zei­chen selbst ist an ei­nem drit­ten Ort. Es ist das, was das Sub­jekt in die­ser Zer­le­gung sei­ner selbst struk­tu­riert, ohne die es uns un­mög­lich ist, auf eine trif­ti­ge Wei­se das zu be­grün­den, was sich das Un­be­wuß­te nennt.“9

Die Quel­le für die For­mel vom „Schmerz zu exis­tie­ren“ ist mög­li­cher­wei­se Scho­pen­hau­er, Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung. Es han­delt sich um die be­rühm­tes­te Pas­sa­ge der abend­län­di­schen Phi­lo­so­phie zu die­sem The­ma, also ist wahr­schein­lich, dass La­can sie ge­kannt hat.

Die Ba­sis al­les Wol­lens aber ist Be­dürf­tig­keit, Man­gel, also Schmerz, dem er folg­lich schon ur­sprüng­lich und durch sein We­sen an­heim­fällt.“10

Der Wunsch ist sei­ner Na­tur nach Schmerz: die Er­rei­chung ge­biert schnell Sät­ti­gung: das Ziel war nur schein­bar: der Be­sitz nimmt den Reiz weg: un­ter ei­ner neu­en Ge­stalt stellt sich der Wunsch, das Be­dürf­nis wie­der ein: wo nicht, folgt Öde, Lee­re, Lan­ge­wei­le, ge­gen wel­che der Kampf eben­so quä­lend ist wie ge­gen die Not.“11

… der dem Le­ben we­sent­li­che Schmerz lässt sich nicht ab­wäl­zen…“12

…daß der Schmerz als sol­cher dem Le­ben we­sent­lich und un­aus­weich­bar ist.“13

Meis­tens aber ver­schlie­ßen wir uns der ei­ner bit­tern Ar­zen­ei zu ver­glei­chen­den Er­kennt­nis, daß das Lei­den dem Le­ben we­sent­lich ist und da­her nicht von au­ßen auf uns ein­strömt, son­dern je­der die un­ver­sieg­ba­re Quel­le des­sel­ben in sei­nem ei­ge­nen In­nern her­um­trägt.“14

Im sel­ben Pa­ra­gra­phen fin­det sich eine prä­gnan­te Be­schrei­bung des­sen, was La­can die Me­to­ny­mie des Be­geh­rens nen­nen wird, die be­stän­di­ge Ver­schie­bung des Ob­jekts:

Wir su­chen (…) zu dem nie von uns wei­chen­den Schmerz stets eine äu­ße­re ein­zel­ne Ur­sa­che, gleich­sam ei­nen Vor­wand; wie der Freie sich ei­nen Göt­zen bil­det, um ei­nen Herrn zu ha­ben. Denn un­er­müd­lich stre­ben wir von Wunsch zu Wunsch, und wenn­gleich jede er­lang­te Be­frie­di­gung, so­viel sie auch ver­hieß, uns doch nicht be­frie­digt, son­dern meis­tens bald als be­schä­men­der Irr­tum da­steht, sehn wir doch nicht ein, daß wir mit dem Faß der Da­nai­den schöp­fen; son­dern ei­len zu im­mer neu­en Wün­schen“15.

In ei­ner ent­schei­den­den Wen­de sei­ner Theo­rie­ent­wick­lung be­zieht Freud sich aus­drück­lich auf Scho­pen­hau­er. Die­ser ist, wie Freud zäh­ne­knir­schend ein­räumt, der ein­zi­ge Au­tor, den er zur Stüt­zung sei­ner To­des­trieb­hy­po­the­se an­füh­ren kann.16

Wenn der „Schmerz zu exis­tie­ren“ eine scho­pen­haue­ria­ni­sie­ren­de Um­schrei­bung des­sen ist, was Freud den pri­mä­rem Ma­so­chis­mus nennt, dann wird klar, was mit der Gren­ze zwi­schen dem Exis­tenz­schmerz und dem Be­geh­ren ge­meint ist (ei­ner Gren­ze, die von La­can durch das ein­lei­ten­de „a li­mi­ne“ be­tont wird, was ge­wöhn­lich „von vorn­her­ein“ be­deu­tet, hier je­doch auch die wört­li­che Be­deu­tung evo­ziert, „von der Gren­ze an“). Die­se Gren­ze ent­spricht der Freud­schen Ab­gren­zung und Ge­gen­über­stel­lung von To­des­trie­ben und Le­bens­trie­ben. Für die­se Deu­tung lässt sich un­ter­stüt­zend an­füh­ren, dass Freud die En­er­gie der Le­bens­trie­bes als Li­bi­do be­zeich­net und dass La­can Li­bi­do und Be­geh­ren mehr oder we­ni­ger gleich­setzt.

Und die Dif­fe­renz zwi­schen der rei­nen und der mas­kier­ten Form des Schmer­zes zu exis­tie­ren? Da­mit be­zieht La­can sich ver­mut­lich auf Freuds Un­ter­schei­dung zwi­schen dem ent­misch­ten To­des­trieb (der durch kei­nen Nar­ziss­mus ge­mil­der­ten Au­to­de­struk­ti­vi­tät) und dem To­des­triebs, der mit dem Le­bens­trieb ver­mischt ist, der mit ihm, wie Freud meist sagt, „le­giert“ ist (da­durch, dass die De­struk­ti­vi­tät nach au­ßen ab­ge­lenkt wird).17

Ge­meint ist also ver­mut­lich: Das se­xu­el­le Be­geh­ren grenzt an den To­des­trieb in sei­ner un­ver­misch­ten Form, an den Drang zur Selbst­zer­stö­rung.

Was Scho­pen­hau­er da schreibt, kann ich eins zu eins über­tra­gen“, sagt mir S., „das passt di­rekt auf K. Das Ver­sie­gen der Lei­den­schaft er­füll­te ihn mit Scham. Und nach je­der Be­frie­di­gung gab es für ihn eine Lee­re, weil die Be­frie­di­gung nicht der Schmerz war.“

Scho­pen­hau­er spricht vom „Le­ben“, nicht vom „Exis­tie­ren“. Wie kommt es zu die­ser Um­wand­lung? Mög­li­cher­wei­se auf dem Weg über Sart­re. Eine An­nä­he­rung an die Wen­dung vom „Schmerz zu exis­tie­ren“ fin­det man in Sar­tres Ro­man Der Ekel18:

Ich exis­tie­re, weil ich den­ke … und ich kann mich nicht dar­an hin­dern zu den­ken. So­gar in die­sem Mo­ment – es ist gräß­lich, wenn ich exis­tie­re, so, weil es mich graut zu exis­tie­ren. Ich bin es, ich bin es, ich bin es, der mich aus dem Nichts zieht, nach dem ich trach­te: der Haß, der Ab­scheu zu exis­tie­ren, das sind wie­der­um nur Ar­ten, mich exis­tie­ren ma­chen, in die Exis­tenz ein­zu­tau­chen“19.

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Anmerkungen

  1. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 399
  2. J. La­can: Kant mit Sade. In: Schrif­ten II, S. 148
  3. ebd.
  4. ebd.
  5. a.a.O., S. 149
  6. Kant avec Sade. In: Ecrits, S. 777 f. Der 1966 in den Écrits er­schie­ne­ne Auf­satz ist die über­ar­bei­te­te Ver­si­on ei­nes Ar­ti­kels von 1963; die Wen­dung „dou­leur d’exister“ fin­det man be­reits in der äl­te­ren Fas­sung, sie­he hier.
  7. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 291.
  8. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 347.
  9. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 303.
  10. Ar­thur Scho­pen­hau­er: Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung, Band I (1819), § 57. In: Ders.: Sämt­li­che Wer­ke, Bd. 1. Hg. v. Wolf­gang Löh­ney­sen. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1986, S. 427 f. 
  11. A.a.O., S. 430.
  12. A.a.O., S. 431.
  13. A.a.O., S. 433.
  14. A.a.O., S. 436.
  15. A.a.O., S. 437.
  16. Vgl. Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 213–272, hier: S. 259
  17. Vgl. etwa: Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 246 f.
  18. Die­sen Hin­weis gab mir Ger­hard Herr­gott.
  19. Jean-Paul Sart­re: Der Ekel (1938). Über­setzt von Uli Au­mül­ler. Bü­cher­gil­de Gu­ten­berg, Frank­furt am Main ohne Jahr, S. 156 f.

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