Geschichte einer Metapher

Das Symbol manifestiert sich als „Mord am Ding“

Schäferhund aus Buchstaben - zu: TodestriebGra­fik: Rolf Nemitz

In Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se be­haup­tet La­can eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Sym­bol und dem Mord.  Das Sym­bol ma­ni­fes­tiert den „Mord am Ding“. Was ist da­mit ge­meint?

Lacan 195354

La­can be­schreibt zu­nächst das „Fort-Da-Spiel“, das Freud bei sei­nem En­kel be­ob­ach­tet hat. Das Kind, eine Jun­ge von an­dert­halb Jah­ren, sym­bo­li­siert das Ver­schwin­den und Wie­der­kom­men der Mut­ter, in­dem es eine Spu­le, die an ei­nem Fa­den be­fes­tigt ist, aus dem Bett wirft und da­bei „o-o-o-o“ ruft, „fort“, und dann die Spu­le wie­der her­an­zieht und sie mit „Da“ be­grüßt.1

Es gibt also drei Ebe­nen: das Ver­schwin­den der Mut­ter, das Weg­wer­fen und Her­an­zie­hen der Spu­le und die Äu­ße­rung ei­ner Lau­top­po­si­ti­on.

Über das Kind sagt La­can in die­sem Auf­satz:

Denn sein Han­deln zer­stört das Ob­jekt, das es in der an­ti­zi­pie­ren­den Pro­vo­ka­ti­on sei­ner An­we­sen­heit und sei­ner Ab­we­sen­heit er­schei­nen und ver­schwin­den läßt.„2

Das, was „zer­stört“ wird, ist das Ob­jekt, und un­ter dem Ob­jekt ver­steht La­can die Spu­le.

Und die­ses Ob­jekt, das sich so­gleich in dem sym­bo­li­schen Paar zwei­er ele­men­ta­rer Aus­sto­ßun­gen ver­kör­pert, kün­det die di­a­chro­ne In­te­gra­ti­on ei­ner Di­cho­to­mie von Pho­ne­men im Sub­jekt an, de­ren syn­chro­ne Struk­tur eine be­stehen­de Spra­che ihm zur As­si­mi­la­ti­on an­bie­tet; so be­ginnt das Kind, sich auf den kon­kre­ten Dis­kurs sei­ner Um­ge­bung ein­zu­las­sen, in­dem es mehr oder we­ni­ger nä­he­rungs­wei­se in sei­nem Fort! und in sei­nem Da! die Vo­ka­beln re­pro­du­ziert, die es aus je­nem Sys­tem er­hält.„3

Die Op­po­si­ti­on von „Fort“ und „Da“ ist ein sym­bo­li­sches Paar. Die Äu­ße­rung der sym­bo­li­schen Op­po­si­ti­on von „Fort“ und „Da“ ist ver­bun­den mit der Zer­stö­rung des Ob­jekts, wo­bei des­sen Zer­stö­rung dar­in be­steht, dass das Kind das Ob­jekt er­schei­nen und ver­schwin­den lässt. Die­se bei­den Ebe­nen – die sym­bo­li­sche und die ob­jekt­haf­te – be­zie­hen sich wie­der­um auf das Ver­schwin­den der Mut­ter.

Ich über­sprin­ge zwei Sät­ze, da­na­ch heißt es:

Das Sym­bol ma­ni­fes­tiert sich so zu­nächst als Mord am Ding, und die­ser Tod kon­sti­tu­iert im Sub­jekt die Ver­ewi­gung sei­nes Be­geh­rens.“4

Das Sym­bol ist hier die Wortop­po­si­ti­on o-o-o-o/da. Rück­bli­ckend, von Se­mi­n­ar 7 aus, denkt man bei „Ding“ an die Mut­ter, aber die­ser Zu­sam­men­hang wird hier nicht her­ge­stellt. Der „Mord am Ding“ ist die Zer­stö­rung des Ob­jekts, also das Er­schei­nen­las­sen und Ver­schwin­den­las­sen der Spu­le. Die drei Ebe­nen sind:
– das Ver­schwin­den der Mut­ter
– das Er­schei­nen- und Ver­schwin­den­las­sen der Spu­le, d.h. die Zer­stö­rung des Ob­jekts, der Mord am Ding,
– das Äu­ßern der Pho­nemop­po­si­ti­on von„ooo“ und „da“, also das Sym­bol.

Für Freud re­prä­sen­tiert die­ses Sym­bol das Ver­schwin­den der Mut­ter, das be­reits statt­ge­fun­den hat. La­can deu­tet ei­nen an­de­ren Zu­sam­men­hang an: der Mord am Ding (das Ver­schwin­den­las­sen und Auf­tau­chen­las­sen der Spu­le) wird durch das Sym­bol (das Äu­ßern der Lau­top­po­si­ti­on) her­vor­ge­ru­fen. In­wie­fern?

In Se­mi­n­ar 1 von 195354 sagt La­can in ei­nem Selbst­kom­men­tar zur zi­tier­ten Pas­sa­ge aus dem Rom-Vor­trag:

Wich­tig ist nicht, daß das Kind die Worte Fort/Da* sagt – es spricht sie üb­ri­gens nur un­ge­fähr so aus. Das heißt, daß es da, von An­fang an, eine er­s­te Sprach­äu­ße­rung gibt. In die­ser pho­ne­ma­ti­schen Op­po­si­ti­on tran­szen­den­diert das Kind, hebt auf eine sym­bo­li­sche Ebe­ne, das Phä­no­men von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit. Es macht sich zum Herrn des Dings ge­n­au in­so­fern, als es es zer­stört. (…)

Sie se­hen dar­an, daß – noch vor der Ein­füh­rung des Nein, der Ab­leh­nung des an­dern, mit der das Sub­jekt zu kon­sti­tu­ie­ren lernt, wie J. Hyp­po­li­te uns kürz­li­ch ge­zeigt hat – die Ne­ga­ti­vie­rung des blo­ßen Ap­pells, die Äu­ße­rung ei­nes ein­fa­chen Sym­bol­paa­res vor dem Kon­trast­phä­no­men von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit, das heißt die Ein­füh­rung des Sym­bols die Po­si­tio­nen ver­kehrt. Die Ab­we­sen­heit wird in der An­we­sen­heit evo­ziert und die An­we­sen­heit in der Ab­we­sen­heit.

Das schei­nen Klei­nig­kei­ten zu sein, die sich von selbst ver­ste­hen. Aber noch ist es nö­tig, sie aus­zu­spre­chen und dar­über nach­zu­den­ken. Denn nur so­fern das Sym­bol die­se In­ver­si­on er­laubt, das heißt das exis­tie­ren­de Ding an­nul­liert, er­öff­net es die Welt der Ne­ga­ti­vi­tät, die den Dis­kurs des mensch­li­chen Sub­jekts und zu­gleich die Rea­li­tät sei­ner Welt als ei­ner mensch­li­chen kon­sti­tu­iert.“5

La­can un­ter­schei­det zwei Ebe­nen, die des Phä­no­mens und die des Sym­bols. Auf der phä­no­me­na­len Ebe­ne gibt An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit – näm­li­ch der Spu­le und da­hin­ter der Mut­ter. Die sym­bo­li­sche Ebe­ne wird durch das o-o-o-o/da ge­bil­det; La­can nennt es „Sym­bol“, er be­zieht den Be­griff „Sym­bol“ also auf eine Si­gni­fi­kan­ten­op­po­si­ti­on. Das Sym­bol­paar wird vor dem Hin­ter­grund des Ge­gen­sat­zes von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit der Spu­le ein­ge­führt. Da­mit ver­keh­ren sich die Po­si­tio­nen von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit. Durch den Si­gni­fi­kan­ten „fort“ (oder „o-o-o-o“) wird die Ab­we­sen­heit der Spu­le dann evo­ziert, wenn sie an­we­send ist (be­haup­tet La­can), und durch den Si­gni­fi­kan­ten „da“ ihre An­we­sen­heit, wenn sie ab­we­send ist. Da­mit wird die phä­no­me­na­le An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit in Rich­tung auf die sym­bo­li­sche An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit über­schrit­ten und auf die sym­bo­li­sche Ebe­ne ge­ho­ben. Durch die­se Auf­he­bung der phä­no­me­na­len Anwesenheit/Abwesenheit in die sym­bo­li­sche Anwesenheit/Abwesenheit wird das Ding zer­stört, hier­durch an­nul­liert das Sym­bol das exis­tie­ren­de Ding.

Das Sym­bol ma­ni­fes­tiert also in­so­fern den „Mord am Ding“, als es die phä­no­me­na­le Anwesenheit/Abwesenheit des Dings in der sym­bo­li­schen Anwesenheit/Abwesenheit auf­hebt, und zwar der­art, dass es bei An­we­sen­heit des Dings sei­ne Ab­we­sen­heit evo­ziert und bei Ab­we­sen­heit des Dings sei­ne An­we­sen­heit. Für den Dis­kurs des mensch­li­chen Sub­jekts ist die Ne­ga­ti­vi­tät cha­rak­te­ris­ti­sch (wie La­can mit ei­nem Be­griff von He­gel sagt). Die­se Ne­ga­ti­vi­tät wird in­stal­liert durch die Ne­ga­ti­vi­tät des Sym­bols im Ver­hält­nis zum Ge­gen­stand; die­se ge­gen­stands­be­zo­ge­ne Ne­ga­ti­vi­tät bil­det die Grund­la­ge für die Ne­ga­ti­on des an­de­ren.

Im Rom-Vor­trag fährt La­can nach der zi­tier­ten Stel­le so fort:

Das er­s­te Sym­bol, in dem wir Hu­ma­ni­tät in ih­ren Über­res­ten er­ken­nen, ist das Be­gräb­nis, und die Ver­mitt­lung des To­des ist in je­der Be­zie­hung zu er­ken­nen, in der der Men­sch zum Le­ben sei­ner Ge­schich­te ge­langt.“6

Das Be­gräb­nis ist ein Sym­bol, das in ei­ner Be­zie­hung zum Tod steht – zum Tod, nicht zum Mord.

La­can be­müht sich in die­sem Teil des Auf­sat­zes, aus­ge­hend von ei­ner sprach­be­zo­ge­nen Kon­zep­ti­on des Un­be­wuss­ten und der Psy­cho­ana­ly­se, den Freud­schen Be­griff des To­des­triebs zu re­kon­stru­ie­ren. Das er­klärt, war­um ihm die Mord-Me­ta­pher pas­send er­scheint, nicht aber, war­um er es ris­kiert, sie so un­ver­mit­telt auf­tau­chen zu las­sen und auch nicht, was da­mit ge­meint ist.

Die Me­ta­pher vom Mord durch die Spra­che ist ein zen­tra­les Bild der Sprach­phi­lo­so­phie von Alex­andre Ko­jè­ve und Mau­rice Blan­chot, sie geht letzt­li­ch auf He­gel zu­rück. Die Rede vom „Mord am Ding“ wird ver­ständ­li­ch, wenn man die­sen Kon­text re­kon­stru­iert. Doch zu­nächst ein Hin­weis auf eine mög­li­che Ver­bin­dung zu Freud.

Freud

Im Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie von 1895 schreibt Freud:

An­fang der ab­ge­spal­te­nen Denk­vor­gän­ge ist die Ur­teils­bil­dung, auf wel­che das Ich durch ei­nen Fund in sei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on ge­langt, durch das schon ein­ge­führ­te teil­wei­se Zu­sam­men­fal­len der Wahr­neh­mungs­be­set­zun­gen mit Nach­rich­ten vom ei­ge­nen Kör­per. Da­durch son­dern sich die Wahr­neh­mungs­kom­ple­xe in ei­nen kon­stan­ten, un­ver­stan­de­nen Teil, das Ding, und ei­nen wech­seln­den, ver­ständ­li­chen, die Ei­gen­schaft oder Be­we­gung des Din­ges.“7

Der Text wur­de erst­mals im Jahr 1950 ver­öf­fent­licht, La­can kann ihn also vor der Ab­fas­sung von Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se ge­le­sen ha­ben. Im Ethik-Se­mi­n­ar von 195960 wird er sich aus­führ­li­ch mit Freuds Kon­zep­ti­on des „Dings“ be­fas­sen. Hat er sich be­reits im Rom-Vor­trag von Freuds Auf­fas­sung über das „Ding“ in­spi­rie­ren las­sen, und zwar zur Rede vom Sym­bol als Mord am Ding? Mög­li­ch, aber dar­auf gibt es kei­nen Hin­weis. Im Üb­ri­gen fehlt bei Freud die Mord-Me­ta­pher.

Hegel

He­gel schreibt im Ma­nu­skript sei­ner Vor­le­sung von 180304:

Der er­s­te Akt, wo­durch Adam sei­ne Herr­schaft über die Tie­re kon­sti­tu­iert hat, ist, daß er ih­nen Na­men gab, d. h. sie als Sei­en­de ver­nich­te­te und sie zu für sich Ide­el­len mach­te“8.

He­gels Aus­gangs­punkt ist der bi­bli­sche My­thos von der Be­nen­nung der Tie­re, von der Ver­lei­hung der Gat­tungs­na­men (Ge­ne­sis 2, Vers 19 und 20). Der Akt der Be­nen­nung be­grün­det die Herr­schaft über das Be­nann­te. Die Be­nen­nung geht mit ei­ner Ver­nich­tung ein­her; das, was ver­nich­tet wird, ist das Tier als „Sei­en­des“. Durch die Na­mens­ge­bung wird et­was Neu­es ge­schaf­fen, das Tier als „Ide­el­les“. Durch die­se Ein­heit von Ver­nich­tung und Neu­schaf­fung wird das Tier aus ei­nem An sich zu ei­nem Für sich, es ist dann für Adam.

Auch in der Phi­lo­so­phi­schen En­zy­klo­pä­die für die Ober­klas­se (1808 ff.) be­zieht sich He­gel auf die Er­zäh­lung von der Be­nen­nung der Tie­re:

Die Spra­che ist die höchs­te Macht un­ter den Men­schen.– Adam, heißt es, gab al­len Din­gen (Tie­ren), ih­ren Na­men.– Die Spra­che ist die Er­tö­tung der sinn­li­chen Welt in ih­rem un­mit­tel­ba­ren Da­sein, das Auf­ge­ho­ben­wer­den der­sel­ben zu ei­nem Da­sein, wel­ches ein Auf­ruf ist, der in al­len vor­stel­len­den We­sen wi­der­klingt.“9

Die Be­nen­nung ist eine „Er­tö­tung“, und das, was ge­tö­tet wird, ist die sinn­li­che Welt in ih­rem un­mit­tel­ba­ren Da­sein. Die Ver­nich­tung, die „Er­tö­tung“ ist zu­gleich eine Be­wah­rung, ein Auf­he­ben. Die Be­nen­nung er­zeugt den Über­gang von ei­ner Da­seins­form zu ei­ner an­de­ren, vom un­mit­tel­ba­ren Da­sein zu ei­nem Da­sein für die All­ge­mein­heit, ein Auf­ruf, der in al­len, die Vor­stel­lun­gen haben,ein Echo her­vor­ruft, eine Re­so­nanz.

In der Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes (1807) ent­wi­ckelt He­gel ei­nen ähn­li­chen Ge­dan­ken, je­doch ohne Be­zug auf den bi­bli­schen Be­nen­nungs­my­thos. He­gel er­kun­det hier die un­ter­schied­li­chen For­men des Be­wusst­seins und des Wis­sens, und sein ers­tes Un­ter­su­chungs­ob­jekt ist die An­nah­me, dass ich durch mei­ne Sin­nes­wahr­neh­mung ei­nen un­mit­tel­ba­ren Zu­gang zu den Din­gen habe. Die­se Po­si­ti­on wird von ihm als die der „sinn­li­chen Ge­wiss­heit“ be­zeich­net. An­ge­nom­men, wir sind An­hän­ger die­ser Auf­fas­sung, und He­gel fragt uns „Was ist ge­wiss?“, so wer­den wir ant­wor­ten: „Das, was wir hier und jetzt wahr­neh­men.“ He­gel spielt uns ge­gen­über den So­kra­tes, er ver­sucht, uns zu zei­gen, dass wir uns mit die­ser Ant­wort in Wi­der­sprü­che ver­wi­ckeln. Im ers­ten Schritt ant­wor­tet er auf un­se­re Ant­wort mit ei­ner wei­te­ren Fra­ge: „Was ist das Jetzt?“

Auf die Fra­ge: was ist das Jetzt? ant­wor­ten wir also zum Bei­spiel: das Jetzt ist die Nacht. Um die Wahr­heit die­ser sinn­li­chen Ge­wiß­heit zu prü­fen, ist ein ein­fa­cher Ver­su­ch hin­rei­chend. Wir schrei­ben die­se Wahr­heit auf; eine Wahr­heit kann durch Auf­schrei­ben nicht ver­lie­ren; eben­so­we­nig da­durch, daß wir sie auf­be­wah­ren. Se­hen wir jetzt, die­sen Mit­tag, die auf­ge­schrie­be­ne Wahr­heit wie­der an, so wer­den wir sa­gen müs­sen, daß sie schal ge­wor­den ist.“10

Die Spra­che in­ter­es­siert hier nicht un­ter dem Ge­sichts­punkt der Be­nen­nung mit Gat­tungs­na­men, son­dern als En­sem­ble von Aus­sa­gen, die ent­we­der wahr oder fal­sch sind. Zur Ver­tei­di­gung un­se­rer Po­si­ti­on der sinn­li­chen Ge­wiss­heit sind wir ge­nö­tigt, Aus­sa­gen mit Wahr­heits­an­spruch vor­zu­brin­gen und in die­sen Aus­sa­gen Aus­drü­cke wie „hier“ und „jetzt“ zu ver­wen­den, in­d­e­xi­ka­li­sche Ter­mi­ni, mit de­nen wir uns auf die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on be­zie­hen,  auf das, was für durch die Sin­ne ge­ge­ben wird. Wäre He­gel tat­säch­li­ch der pla­to­ni­sche So­kra­tes, hät­te er sei­ne Be­haup­tung über die Wahr­heit und das Auf­schrei­ben in die Form ei­ner Fra­ge ge­klei­det: „Eine Wahr­heit kann nicht durch Auf­ge­schrie­ben­wer­den und Auf­be­wah­ren auf­hö­ren, eine Wahr­heit zu sein, seht Ihr das auch so?“ Wenn wir dar­auf mit „Ja“ ant­wor­ten, ha­ben wir das Sprach­spiel ver­lo­ren.

Als ein All­ge­mei­nes spre­chen wir auch das Sinn­li­che aus; was wir sa­gen, ist: Die­ses, d. h. das all­ge­mei­ne Die­se, oder: es ist; d.h. das Sein über­haupt. Wir stel­len uns da­bei frei­li­ch nicht das all­ge­mei­ne Die­se oder das Sein über­haupt vor, aber wir spre­chen das All­ge­mei­ne aus; oder wir spre­chen schlecht­hin nicht, wie wir es in die­ser sinn­li­chen Ge­wiß­heit mei­nen.“ (85)

Wenn wir ver­su­chen, un­se­re Sinn­li­che-Ge­wiss­heits-Po­si­ti­on im Spre­chen und Schrei­ben dar­zu­le­gen, ver­wan­deln wir uns in Sub­jek­te, die ge­spal­ten sind, zwi­schen dem Ein­zel­nen, das wir mei­nen, und dem All­ge­mei­nen, das wir sa­gen.

Die Spra­che aber ist, wie wir se­hen, das Wahr­haf­te­re; in ihr wi­der­le­gen wir selbst un­mit­tel­bar un­se­re Mei­nung; und da das All­ge­mei­ne das Wah­re der sinn­li­chen Ge­wiß­heit ist und die Spra­che nur die­ses Wah­re aus­drückt, so ist es gar nicht mög­li­ch, daß wir ein sinn­li­ches Sein, das wir mei­nen, je sa­gen kön­nen.“ (85)

Vom „Jetzt“ wech­selt He­gel zu dem an­de­ren in­d­e­xi­ka­li­schen Aus­druck, den wir ver­wen­det ha­ben, als wir sag­ten, „Ge­wiss ist, was wir jetzt und hier wahr­neh­men“: zum Hier.

Das Hier ist z.B. der Baum. Ich wen­de mich um, so ist die­se Wahr­heit ver­schwun­den und hat sich in die ent­ge­gen­ge­setz­te ver­kehrt: Das Hier ist nicht ein Baum, son­dern viel­mehr ein Haus. Das Hier selbst ver­schwin­det nicht; son­dern es ist blei­bend im Ver­schwin­den des Hau­ses, Bau­mes usf. und gleich­gül­tig, Haus, Baum zu sein.“ (85)

Das sprach­li­che „Hier“ ver­harrt, der Ge­gen­stand je­doch, auf den es sich be­zieht, ver­schwin­det. Der in­d­e­xi­ka­li­sche Aus­druck „hier“ geht mit ei­nem Ver­schwin­den des Ge­gen­stan­des ein­her.

Dass die sinn­li­che Ge­wiss­heit nich­tig ist, ist eine ele­men­ta­re Weis­heit, die – so sagt He­gel – bei­spiels­wei­se in den Mys­te­ri­en ge­lehrt wird. Die­se Weis­heit hat nicht nur theo­re­ti­schen, son­dern auch prak­ti­schen Wert:

Auch die Tie­re sind nicht von die­ser Weis­heit aus­ge­schlos­sen, son­dern er­wei­sen sich viel­mehr, am tiefs­ten in die ein­ge­weiht zu sein; denn sie blei­ben nicht vor den sinn­li­chen Din­gen als an sich sei­en­den ste­hen, son­dern ver­zwei­felnd an die­ser Rea­li­tät und in der völ­li­gen Ge­wiß­heit ih­rer Nich­tig­keit lan­gen sie ohne wei­te­res zu und zeh­ren sie auf“. (91)

Wenn wir die Po­si­ti­on der sinn­li­chen Ge­wiss­heit ver­tre­ten, be­we­gen wir uns auf sub­ani­ma­li­schen Ni­veau, die Kuh auf der Wie­se ist da wei­ter. Der Nich­tig­keits­be­weis hat bei den Tie­ren die Form des Auf­fres­sens, bei den nicht-aas­fres­sen­den Flei­sch- und Al­les­fres­sern also die des Tö­tens.

Sie (die Ver­tre­ter der Po­si­ti­on der sinn­li­chen Ge­wiss­heit) mei­nen die­ses Stück Pa­pier, wor­auf ich dies schrei­be oder viel­mehr ge­schrie­ben habe; aber was sie mei­nen, sa­gen sie nicht. Wenn sie wirk­li­ch die­ses Stück Pa­pier, das sie mei­nen, sa­gen woll­ten, und sie woll­ten sa­gen, so ist dies un­mög­li­ch, weil das sinn­li­che Die­se, das ge­meint wird, der Spra­che, die dem Be­wußt­s­ein, dem an sich All­ge­mei­nen an­ge­hört, un­er­reich­bar ist. Un­ter dem wirk­li­chen Ver­su­che, es zu sa­gen, wür­de es da­her ver­mo­dern.“ (91 f.)

Es ist un­mög­li­ch, ei­nen sinn­li­ch ge­ge­be­nen Ge­gen­stand in sei­ner Ein­zel­heit sprach­li­ch zu er­fas­sen; die Be­schrei­bung wäre un­end­li­ch. Wür­den wir es un­ter­neh­men, ein Stück Pa­pier in sei­ner Ein­zel­heit sprach­li­ch zu er­fas­sen, wür­de es dar­un­ter ver­rot­ten. Da­mit sind wir zwar nicht bei der Spra­che als Mord am Ding, aber im­mer­hin bei ei­nem Spre­chen und Schrei­ben, das mit dem Ver­mo­dern des Pa­piers ein­her­geht.

Kojève

Von 1933 bis 1939 hält Alex­andre Ko­jè­ve sei­ne Vor­le­sun­gen zu He­gels Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. Im Jahr 1947 er­scheint eine Zu­sam­men­stel­lung aus Mit­schrif­ten, hier­in kann man le­sen:

In Ka­pi­tel VII der PhG (Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes) hat He­gel ge­sagt, daß je­des Be­grei­fen ei­nem Mord gleich­kommt.“11

Hier ha­ben wir also den Mord: Das Be­grei­fen, und da­mit der Be­griff, läuft auf ei­nen Mord hin­aus.

Ko­jè­ves Quel­len­an­ga­be stimmt nicht; in Ka­pi­tel VII der Phä­no­me­no­lo­gie fin­det sich nichts der­glei­chen. Ko­jè­ve stützt sich ver­mut­li­ch auf die drei be­reits zi­tier­ten He­gel-Pas­sa­gen aus den Je­na­er Vor­le­sun­gen, der Nürn­ber­ger En­zy­klo­pä­die und aus dem ers­ten Ka­pi­tel der Phä­no­me­no­lo­gie.12 Wei­ter liest man in Ko­jè­ves He­gel-Kom­men­tar:

So­lan­ge der Sinn (Sens) (oder das We­sen (Es­sen­ce), der Be­griff, der Lo­gos, die Idee usw.)13 in ei­ner em­pi­ri­sch exis­tie­ren­den En­ti­tät ver­kör­pert ist, lebt die­ser Sinn, die­ses We­sen, wie auch die­se En­ti­tät. So­lan­ge zum Bei­spiel der Sinn (oder das We­sen) ‚Hund‘ in ei­ner sinn­li­chen En­ti­tät ver­kör­pert ist, lebt die­ser Sinn (die­ses We­sen): das ist der rea­le Hund, der le­ben­de Hund, der um­her­läuft, trinkt und frisst. Wenn aber der Sinn (das We­sen) ‚Hund‘ in das Wort ‚Hund‘ über­geht, d.h. so­bald er abs­trak­ter Be­griff wird, der von der sinn­li­chen Wirk­lich­keit un­ter­schie­den ist, die er durch sei­nen Sinn of­fen­bart, stirbt der Sinn (das We­sen): das Wort ‚Hund‘ läuft nicht um­her, trinkt nicht und frißt nicht; in ihm hört der Sinn (das We­sen) zu le­ben auf, d.h. sie stirbt. Und des­halb kommt das Be­grei­fen der em­pi­ri­schen Wirk­lich­keit ei­nem Mord gleich.14

Der bi­bli­sche Be­zug fehlt, steht aber im Hin­ter­grund: wie He­gel in der Je­na­er Vor­le­sung und in der Nürn­ber­ger En­zy­klo­pä­die be­zieht Ko­jè­ve sich auf die Be­nen­nung ei­nes Tiers mit ei­nem Gat­tungs­na­men. Der Sinn geht in das Wort über und wird Be­griff. Hier­bei stirbt der Sinn; das Be­grei­fen ist des­halb eine Art Tö­tung. Da­mit ist aber nicht nur, wie bei He­gel, ge­meint, dass der Be­griff von der sinn­li­chen und sin­gu­lä­ren Exis­tenz des Hun­des abs­tra­hiert. Viel­mehr be­zieht sich der Be­griff auf den Hund nur in­so­fern, als die­ser sterb­li­ch ist.

Si­cher­li­ch, He­gel weiß recht gut, daß man ei­nen Hund nicht zu tö­ten braucht, um ihn durch sei­nen Be­griff zu be­grei­fen, d.h. um ihn zu be­nen­nen oder zu de­fi­nie­ren, und daß man auch nicht zu war­ten braucht, bis er tat­säch­li­ch stirbt, um das tun zu kön­nen.15 Nur, sagt He­gel, wenn der Hund nicht sterb­li­ch, d.h we­sent­li­ch end­li­ch oder in sei­ner Dau­er be­grenzt wäre, dann könn­te man nicht sei­nen Be­griff von ihm ab­lö­sen, d.h den im rea­len Hund in­kar­nier­ten Sinn (das We­sen) in das nicht-le­ben­de Wort über­ge­hen las­sen – in das (mit ei­nem Sinn be­gab­te) Wort, d.h. in den abs­trak­ten Be­griff, den Be­griff, der nicht im Hund exis­tiert (in dem er ver­wirk­licht wird), son­dern im Men­schen (von dem er ge­dacht wird), d.h. in et­was an­de­rem als der sinn­li­chen Wirk­lich­keit, die der Be­griff durch sei­nen Sinn of­fen­bart. Der Be­griff ‚Hund‘, der mein Be­griff (des Hun­des) ist, der Be­griff, der also et­was an­de­res als der le­ben­de Hund ist und sich auf ei­nen le­ben­den Hund wie auf eine äu­ße­re Wirk­lich­keit be­zieht – die­ser abs­trak­te Be­griff ist nur dann mög­li­ch, wenn der Hund we­sent­li­ch sterb­li­ch ist, d.h. wenn der Hund in je­dem Au­gen­bli­ck sei­ner Exis­tenz stirbt oder ver­nich­tet wird.“16

Der Be­griff be­zieht sich auf das le­ben­di­ge Ob­jekt, in­so­fern es we­sent­li­ch sterb­li­ch ist; von der Spra­che aus an­ge­gan­gen, ist der Hund in ei­nem ewi­gen Ster­ben be­grif­fen, ei­ner un­auf­hör­li­chen Ver­nich­tung.

Der Be­griff be­ruht auf dem Mord am le­ben­di­gen Ding, so kann man Ko­jè­ves Deu­tung von He­gels Be­griffs­phi­lo­so­phie zu­sam­men­fas­sen. Dass La­can die zi­tier­ten Pas­sa­gen ge­kannt hat, ist so gut wie si­cher. Ko­jè­ves Vor­le­sun­gen wa­ren eine sei­ner wich­tigs­ten In­spi­ra­ti­ons­quel­len. Er hat­te Ko­jè­ves Vor­le­sun­gen be­sucht17; er und Ko­jè­ve hat­ten ge­plant, ge­mein­sam eine Un­ter­su­chung über He­gel und Freud zu schrei­ben – ein Pro­jekt, das nicht rea­li­siert wur­de18; er war mit Ko­jè­ve  be­freun­det.19

Sartre

Sar­t­re, ein an­de­rer Zu­hö­rer von Ko­jè­ves Vor­le­sung, ver­öf­fent­licht 1943 Das Sein und das Nichts. Hier heißt es:

Der Satz ist ein Ent­wurf, der sich nur von der Nich­tung ei­nes Ge­ge­be­nen her in­ter­pre­tie­ren läßt (eben des­sen, das man be­zeich­nen (dé­si­gner) will), von ei­nem ge­setz­ten Zweck her (sei­ner Be­zeich­nung (dé­si­gna­ti­on), die selbst an­de­re Zwecke vor­aus­setzt, für die sie nur ein Mit­tel ist).“20

Die ent­schei­den­de sprach­li­che Ein­heit ist für Sar­t­re der Satz, nicht das Wort; in die­sem Punkt un­ter­schei­det er sich von Ko­jè­ve. Das, was be­zeich­net wird, ist nicht ein Hund, son­dern ein Ge­ge­be­nes, das ist eben­falls eine Dif­fe­renz, wenn auch nur eine klei­ne – nicht je­des Ge­ge­be­ne ist ein Ein­zel­ding oder eine Gat­tung. Aber wie für He­gel und für Ko­jè­ve ist auch für Sar­t­re das Be­zeich­nen ein ne­gie­ren­der Akt. In Sar­t­res Per­spek­ti­ve ist die Ar­ti­ku­la­ti­on ei­nes Sat­zes eine Nich­tung des Ge­ge­be­nen. Das Ge­ge­be­ne wird in­so­fern „ge­nich­tet“, als es ei­nem ihm frem­den Zweck un­ter­wor­fen wird.

Blanchot

Im Jahr von des Er­schei­nens von Ko­jè­ves He­gel-Kom­men­tar, also 1947, ver­öf­fent­licht Blan­chot den Es­say Die Li­te­ra­tur und das Recht auf den Tod. Hier liest man:

Ich sage: die­se Frau. Höl­der­lin, Mall­ar­mé und, im all­ge­mei­nen, all die­je­ni­gen, de­ren Dich­tung das We­sen der Dich­tung zum The­ma hat, ha­ben im Akt des Be­nen­nens ein be­un­ru­hi­gen­des Wun­der ge­se­hen. Das Wort gibt mir das, was es be­deu­tet, aber zu­vor un­ter­drückt es dies. Da­mit ich sa­gen kann: die­se Frau, muß ich ihr auf die eine oder an­de­re Wei­se ihre Wirk­lich­keit aus Flei­sch und Kno­chen neh­men, sie ab­we­send ma­chen und sie ver­nich­ten. Das Wort gibt mir das Sein/das Le­be­we­sen, aber es gibt es mir als ei­nes, dass des Seins be­raubt ist. Es ist die Ab­we­sen­heit die­ses Seins/dieses Le­be­we­sens, sein Nicht, was von ihm bleibt, wenn es das Sein ver­lo­ren hat, d.h. ein­zig die Tat­sa­che, dass es nicht ist. So ge­se­hen ist Spre­chen ein son­der­ba­res Recht.“21

Wie beim He­gel der Je­na­er und der Nürn­ber­ger Schrif­ten und wie bei Ko­jè­ve geht es um die Be­nen­nung. Un­ter der Be­nen­nung wird hier al­ler­dings nicht die Neu­ver­lei­hung ei­nes Gat­tungs­na­mens ver­stan­den, son­dern die Be­nen­nung mit ei­nem be­reits ein­ge­führ­ten Gat­tungs­na­men, der au­ßer­dem mit ei­nem in­d­e­xi­ka­li­schen Aus­druck ver­bun­den wird: „die­se Frau“. Das er­in­nert He­gels Aus­füh­run­gen zur sinn­li­chen Ge­wiss­heit, al­ler­dings be­zieht sich Blan­chot, an­ders als He­gel, nicht auf eine Aus­sa­ge, die wahr oder fal­sch sein kann, also nicht auf „Dies ist eine Frau“, son­dern auf eine Be­nen­nung un­ter­halb der Satz­ebe­ne. Das Wort gibt und un­ter­drückt zu­gleich, es er­schafft Neu­es, in­dem es ver­nich­tet. Blan­chot fährt fort:

He­gel, dar­in Freund und Nächs­ter von Höl­der­lin, schrieb in ei­nem Text, der der Phä­no­me­no­lo­gie vor­aus­ging: ‚Der er­s­te Akt, wo­durch Adam sei­ne Herr­schaft über die Tie­re kon­sti­tu­iert hat, ist, daß er ih­nen Na­men gab, d. h. sie als Sei­en­de ver­nich­te­te…‘“22

Er ver­weist hier­für in ei­ner Fuß­no­te auf die Je­na­er Vor­le­sun­gen von 180304 und merkt in der­sel­ben Fuß­no­te an:

In der Ein­füh­rung in die He­gel-Lek­tü­re zeigt A. Ko­jè­ve bei der In­ter­pre­ta­ti­on ei­ner Pas­sa­ge der Phä­no­me­no­lo­gie auf be­mer­kens­wer­te Wei­se, wie für He­gel das Be­grei­fen ei­nem Mord gleich­kommt.“23

Im Haupt­text fährt Blan­chot fort:

He­gel will sa­gen, daß von die­sem Au­gen­bli­ck an die Kat­ze auf­ge­hört hat, le­dig­li­ch eine rea­le Kat­ze zu sein, um nun auch eine Idee zu wer­den. Der Sinn des Spre­chens er­for­dert dem­nach, als Ein­lei­tung für je­des Spre­chen, eine Art un­er­meß­li­ches Blut­bad, eine vor­he­ri­ge Sint­flut, die die ge­sam­te Schöp­fung in ei­nem all­um­fas­sen­den Meer ver­senkt. Gott hat­te die Le­be­we­sen er­schaf­fen, der Men­sch aber muß­te sie ver­nich­ten. So erst nah­men sie Sinn für ihn an, und er schuf sie dann sei­ner­seits, aus­ge­hend von die­sem Tod, in dem sie un­ter­ge­gan­gen wa­ren“24 .

Blan­chot ver­wan­delt Ko­jè­ves Hund in eine Kat­ze, da­mit er auf die Wen­dung „ap­pe­ler un chat un chat“ an­spie­len kann, eine Kat­ze eine Kat­ze nen­nen, die Din­ge beim Na­men nen­nen. Die Be­nen­nung der Tie­re, von der der bi­bli­sche Schöp­fungs­my­thos er­zählt, wird zu ei­nem Blut­bad an der Schöp­fung; durch die­sen Tod hin­durch wer­den die Le­be­we­sen neu ge­schaf­fen; die Be­nen­nung ist eine crea­tio ex ni­hi­lo, eine Schöp­fung aus dem Nichts, im Sin­ne von: eine Sinn­schöp­fung, die da­mit ver­bun­den ist, dass das sinn­li­che Ein­zel­ne (der Ge­gen­stand der sinn­li­chen Ge­wiss­heit) ver­nich­tet wird.

Ge­wiß, mei­ne Spra­che tö­tet nie­man­den. Und doch, wenn ich sage ‚die­se Frau‘, kün­digt sich in mei­ner Spra­che der rea­le Tod an und ist er in ihr be­reits ge­gen­wär­tig; mei­ne Spra­che will sa­gen, daß die­se Per­son, die jetzt da ist, von sich selbst ge­trennt wer­den kann, dass sie ih­rer Exis­tenz und ih­rer An­we­sen­heit be­raubt und un­ver­se­hens in ein Nichts an Exis­tenz und an An­we­sen­heit ver­senkt wer­den kann; mei­ne Spra­che be­deu­tet we­sent­li­ch die Mög­lich­keit die­ser Zer­stö­rung; sie ist in je­dem Au­gen­bli­ck eine ent­schie­de­ne An­spie­lung auf ein sol­ches Er­eig­nis. Mei­ne Spra­che tö­tet nie­man­den. Aber wenn die­se Frau nicht wirk­li­ch zu ster­ben in der Lage wäre, wenn sie nicht in je­dem Au­gen­bli­ck ih­res Le­bens vom Tode be­droht, mit ihm we­sent­li­ch ver­bun­den und ver­eint wäre, könn­te ich die­se ide­el­le Ne­ga­ti­on, die­sen auf­ge­scho­be­nen Mord, der mei­ne Spra­che ist, nicht voll­brin­gen.“25

Hat La­can die­sen Text ge­le­sen? Das habe ich nicht fest­stel­len kön­nen.26

Lacan nach 1953

In Se­mi­n­ar 3 von 1955/56, Die Psy­cho­sen, heißt es:

Die Na­tur des Sym­bols muss noch er­hellt wer­den. Wir ha­ben uns des­sen We­sen ge­nä­hert, in­dem wir es am sel­ben Punkt der Ge­ne­se an­ge­sie­delt ha­ben wie den To­des­trieb. Das ist ein und die­sel­be Sa­che, die wir aus­drü­cken. Wir stre­ben ge­gen ei­nen Kon­ver­genz­punkt – was be­deu­tet we­sent­li­ch das Sym­bol in sei­ner si­gni­fi­kan­ten Rol­le?“27

In der Ein­füh­rung zum Kom­men­tar von Jean Hyp­po­li­te über „Die Ver­nei­nung“ von Freud (1956) liest man:

So bringt uns der Tod die Fra­ge nach dem, was der Dis­kurs ver­neint, aber auch die, ob er (der Tod) es sei, der die Ne­ga­ti­on in ihn ein­führt Denn die Ne­ga­ti­vi­tät des Dis­kur­ses, so­fern sie dar­in sein macht, was nicht ist, ver­weist uns auf die Fra­ge, wo das Nicht-Sein, das sich in der sym­bo­li­schen Ord­nung ma­ni­fes­tiert, der Rea­li­tät des To­des schul­det.“28

In der sym­bo­li­schen Ord­nung ma­ni­fes­tiert sich das Nicht-Sein: der Dis­kurs macht sein, was nicht ist. Und die Fra­ge, die sich hier­zu stellt,  lau­tet: was ver­dankt die­ses mit der Spra­che ver­bun­de­ne Nicht-Sein der Rea­li­tät des To­des?

In Se­mi­n­ar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hun­gen, spricht La­can über die Me­ta­pher „Sei­ne Gar­be war nicht gei­zig, noch hass­erfüllt“, in der „Boas“ durch „Sei­ne Gar­be“ er­setzt wird:

Wir fin­den das Sche­ma des Sym­bols wie­der, in­so­fern es der Tod der Sa­che ist. An die­ser Stel­le ist es noch bes­ser – der Name der Per­son ist aus­ge­löscht, und ihre Gar­be wird sich dar­auf­hin an ihre Stel­le set­zen.“29

1958 hält La­can den Vor­trag Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (1961 ver­öf­fent­licht). Hier heißt es:

Mehr noch, die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung er­scheint hier nur als der Trug, in dem der Lie­bes­an­spruch zer­schellt, wo­bei das Sub­jekt auf den Schlaf ver­wie­sen wird, wo es sein We­sen treibt am Ran­de des Seins, das es in sich spre­chen läßt. Denn das Sein der Spra­che ist das Nicht-Sein der Ob­jek­te, und daß das Be­geh­ren von Freud an sei­nem Platz im Traum ent­deckt wur­de – im­mer schon der Skan­dal sämt­li­cher An­stren­gun­gen des Den­kens, sich in der Wirk­lich­keit an­zu­sie­deln –, ge­nügt uns zu un­se­rer In­struk­ti­on.“30

Das Sein der Spra­che ist das Nicht-Sein der Ob­jek­te.

In Se­mi­n­ar 7 von 1959/60, Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, wird der Ge­dan­ke so wei­ter­ent­wi­ckelt: Durch die In­te­gra­ti­on des Men­schen­we­sens in die Spra­ch­ord­nung wird ein Teil des Ge­nie­ßens (der Trieb­be­frie­di­gung) un­zu­gäng­li­ch. Die­ses un­mög­li­che, aber be­stän­dig an­ge­streb­te Ge­nie­ßen wird hier als „Ding“ be­zeich­net. Aus dem Mord am Ding durch die Spra­che wird die Er­zeu­gung des Dings durch den von der Spra­che be­wirk­ten Mord.

1961 for­mu­liert La­can es in Se­mi­n­ar 9 so:

Ein Si­gni­fi­kant un­ter­schei­det sich von ei­nem Zei­chen zu­nächst dar­in (…), dass die Si­gni­fi­kan­ten zu­nächst nur die Ge­gen­wart der Dif­fe­renz als sol­cher ma­ni­fes­tie­ren und nichts an­de­res. Die er­s­te Sa­che also, die er im­pli­ziert, ist, dass das Ver­hält­nis des Zei­chens zur Sa­che aus­ge­löscht wird.“31

Eine Zei­chen­be­zie­hung ist bei­spiels­wei­se das Ver­hält­nis von Rauch und Feu­er: der Rauch ist ein Zei­chen für das Feu­er; das Zei­chen steht in Be­zie­hung zur Sa­che, zum Ding. Das Sym­bol (der Si­gni­fi­kant) ma­ni­fes­tiert sich in­so­fern als Mord am Ding, als ein Si­gni­fi­kant nicht wie ein Zei­chen funk­tio­niert. Ein Si­gni­fi­kant ist dif­fe­ren­ti­ell or­ga­ni­siert, er be­zieht sich nicht auf die Sa­che, son­dern auf an­de­re Si­gni­fi­kan­ten. Die Be­zie­hung des Zei­chens zum Ding wird hier­durch aus­ge­löscht.

Der spä­te La­can spricht statt vom Ding vom Loch. Das In­zest­ver­bot ist das Loch des Sym­bo­li­schen, heißt es in Se­mi­n­ar 22 von 1974/75, RSI. Da­mit ist ge­meint: das In­zest­ver­bot ist das Ele­ment im Sym­bo­li­schen, das ein Loch er­zeugt. „Le si­gni­fi­ant fait trou“, „der Si­gni­fi­kant bil­det ein Loch“. Der sym­bo­li­sche As­pekt des bor­ro­mä­i­schen Kno­ten ist des­halb das Loch.32

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Anmerkungen

  1. S. Freud: Jen­seits des Lust­prin­zips (1920). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 224-227.
  2. A.a.O., S. 165, Über­set­zung ge­än­dert, Kur­siv­schrei­bung im Ori­gi­nal.
  3. A.a.O., S. 165, Über­set­zung ge­än­dert.
  4. Schrif­ten I, S. 166, Über­set­zung ge­än­dert; Im Ori­gi­nal: „Ain­si le sym­bo­le se ma­ni­fes­te d’abord com­me meur­tre de la cho­se, et cet­te mort con­sti­tue dans le su­jet l’éternisation de son dé­sir.“ (Écrits, S. 319). Der Text be­ruht auf ei­nem Vor­trag von 1953 und wur­de 1956 ver­öf­fent­licht.
  5. Se­mi­n­ar 1, Sit­zung vom 5. Mai 1954, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 222 f., Über­set­zung ge­än­dert
  6. Schrif­ten I, S. 166.
  7. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Nach­trags­band. Tex­te aus den Jah­ren 1885-1938. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1987, S. 462; vgl. auch 418.
  8. Von He­gels Vor­le­sun­gen von 180304 gibt es drei Aus­ga­ben mit un­ter­schied­li­chen Ti­teln:
    Je­nen­ser Re­al­phi­lo­so­phie, Bd. 1. Hg. v. Jo­han­nes Hoff­meis­ter. Mei­ner-Ver­lag, Leip­zig 1932 (Erst­ver­öf­fent­li­chung)
    Je­na­er Sys­te­ment­wür­fe I. Hg. v. Klaus Dü­sing und Heinz Kim­mer­le. Mei­ner, Ham­burg 1975 (Aka­de­mie­aus­ga­be der Ge­sam­mel­ten Wer­ke, Bd. 6) (his­to­ri­sch-kri­ti­sche Aus­ga­be)
    Je­na­er Sys­te­ment­wür­fe I. Das Sys­tem der spe­ku­la­ti­ven Phi­lo­so­phie. Frag­men­te aus Vor­le­sungs­ma­nu­skrip­ten zur Phi­lo­so­phie der Na­tur und des Geis­tes. Hg. v. Klaus Dü­sing und Heinz Kim­mer­le. Mei­ner, Ham­burg 1986, Phi­lo­so­phi­sche Bi­blio­thek, Bd. 331 (nach dem Text der Aka­de­mie­aus­ga­be von 1975 mit mo­der­ni­sier­ter Or­tho­gra­fie und Zei­chen­set­zung, ohne den his­to­ri­sch-kri­ti­schen Ap­pa­rat)
    In der Düsing/Kimmerle-Ausgabe von 1986 fin­det man den zi­tier­ten Satz auf S. S. 201.
  9. § 159. In: He­gel: Wer­ke 4. Auf Grund­la­ge der Wer­ke von 1832–1845 neu her­aus­ge­ge­ben von Eva Mol­den­hau­er und Karl Mar­kus Mi­chel. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1970, S. 52.
  10. Wer­ke 3. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1970, S. 84.
  11. Dans le Cha­pi­t­re VII de la PhG, He­gel a dit que tou­te com­pre­hen­si­on-con­cep­tu­el­le (Be­grei­fen) équiv­aut à un meu­tre.“Alex­andre Ko­jè­ve: In­tro­duc­tion à la lec­tu­re de He­gel. Leçons sur la Phé­no­mé­no­lo­gie de l’Esprit, pro­fes­sées de 1933 à 1939 à l’École des Hau­tes Étu­des. Hg. v. Ray­mond Que­ne­au. Gal­li­mard, Pa­ris 1947, S. 372 (un­ver­än­der­ter Nach­druck bei Gal­li­mard 1997), Kur­siv­schrei­bun­gen und Ein­fü­gung in Klam­mern im Ori­gi­nal.– Deut­sche Teil­über­set­zung: He­gel. Eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung sei­nes Den­kens. Kom­men­tar zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. Mit ei­nem An­hang: He­gel, Marx und das Chris­ten­tum. Über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Iring Fet­scher. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 128, Über­set­zung ge­än­dert, Fet­scher über­setzt „meur­tre“ mit „Tö­tung“ (die Über­set­zung er­schien zu­er­st 1958 bei Kohl­ham­mer).
  12. Durch die Je­nen­ser Re­al­phi­lo­so­phie, die 193132 er­schien, fand Ko­jè­ve, wie Fet­scher be­rich­tet, den Zu­gang zu He­gel (vgl. das Vor­wort des Her­aus­ge­bers zur deut­schen Erst­aus­ga­be von Ko­jè­ves He­gel-Buch, a.a.O., S. 7); 1934 hat er die Je­nen­ser Re­al­phi­lo­so­phie re­zen­siert (Ko­jè­ve: He­gel à Jena. In: Re­vue d’histoire et de phi­lo­so­phie re­li­gieu­se, Stras­bourg 1934).
  13. Anm. RN: „le sens“ (der Sinn) und „l‘essence“ (das We­sen) sind ho­mo­phon.
  14. Ebd., S. 128, Über­set­zung ge­än­dert. Die Ein­fü­gun­gen in run­den Klam­mern und die Her­vor­he­bun­gen sind von Ko­jè­ve, die in ecki­gen Klam­mern von mir.
  15. Anm. Ko­jè­ve: Hal­ten wir je­doch fest, dass ein be­griff­li­ches oder ‚wis­sen­schaft­li­ches‘ Be­grei­fen des Hun­des frü­her oder spä­ter tat­säch­li­ch auf sei­ne Se­zie­rung hin­aus­läuft.
  16. Ebd., frz. S. 373, dt. S. 128, Über­set­zung ge­än­dert.
  17. La­can war in den Stu­di­en­jah­ren 1934/35, 193536 und 193637 als re­gel­mä­ßi­ger Hö­rer ein­ge­tra­gen; vgl. Eli­sa­be­th Rou­di­nesco: Jac­ques La­can. Kie­pen­heu­er & Wit­sch, Köln 1996, S. 162.
  18. Vgl. Rou­di­nesco, ebd., S. 169 f.
  19. Zu Ko­jè­ves He­gel­deu­tung vgl. Bet­ti­na Lin­dor­fer: Zum Ver­hält­nis Spra­che, Den­ken, Din­gen bei He­gel, Ko­jè­ve und Barthes. In: Dies., Dirk Na­gu­schew­ski (Hg.): He­gel: Zur Spra­che. Bei­trä­ge zur Ge­schich­te des eu­ro­päi­schen Sprach­den­kens. Gun­ter Narr Ver­lag, Tü­bin­gen 2002, S. 79-94.
  20. J.-P. Sar­t­re: Das Sein und das Nichts. Über­setzt von Hans Schö­ne­berg und Trau­gott Kö­nig. Ro­wohlt, Rein­bek 1994, S. 889.
  21. La lit­té­ra­tu­re et le droit à la mort (1947). In: Ders: La part du feu. Gal­li­mard, Pa­ris 1949, S. 291-331, hier: 312. Deut­sche Über­set­zung: Die Li­te­ra­tur und das Recht auf den Tod. Französisch/deutsch. Über­setzt von Cle­mens-Carl Här­le. Mer­ve, Ber­lin 1982, S. 75, Über­set­zung ge­än­dert.– Der Es­say wur­de wie­der auf­ge­nom­men in: Blan­chot: Das Neu­tra­le. Dia­pha­nes, Zü­rich 2010, S. 47–92.
  22. Ebd., frz. S. 312, dt. S. 75 f. der Mer­ve-Aus­ga­be, Über­set­zung ge­än­dert.
  23. com­ment pour He­gel la com­pré­hen­si­on équiv­aut à un meur­tre“, ebd., frz. S. 312, dt. S. 77, Über­set­zung ge­än­dert.
  24. Ebd., frz. S. 312 f., dt. S. 77, Über­set­zung ge­än­dert.
  25. Ebd., frz. S. 313, dt. S. 77/79, Über­set­zung ge­än­dert.
  26. La­can ver­weist in den Écrits, den Au­tres écrits und den Se­mi­na­ren ins­ge­samt zwei Mal auf Blan­chot, in Se­mi­n­ar 7 und in Se­mi­n­ar 9. In Se­mi­n­ar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, be­zieht er sich auf Blan­chots Auf­sät­ze über Sade und Lau­tréa­mont, bei­de in Lau­tréa­mont et Sade von 1949; vgl. Ver­si­on Miller/Haas, S. 242-244. In Se­mi­n­ar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, spricht er über Blan­chots Ro­ma­ne „Tho­mas l’obscur“ (1941, „Tho­mas der Dunkle“)  und „L’arrêt de mort“ (1948, die deut­sche Über­set­zung hat den Ti­tel „Die Frist“); vgl. Sit­zung vom 27. Juni 1962.
    Blan­chot schreibt über La­can u.a. in dem Ar­ti­kel „Freud“ von 1956, den er spä­ter in „Das ana­ly­ti­sche Spre­chen“ um­be­nennt (zu­er­st in: La Nou­vel­le Nou­vel­le Re­vue françai­se, Nr. 45, Sep­tem­ber 1956, S. 484-496, dann in: Blan­chot: L’entretien in­fi­ni. Gal­li­mard, Pa­ris 1969, S. 343-354, dort leicht über­ar­bei­tet und mit ver­än­der­tem Ti­tel: “La Pa­ro­le ana­ly­ti­que“. Deut­sche Über­set­zung: Das ana­ly­ti­sche Spre­chen. In: Ders.: Das Neu­tra­le. Phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten und Frag­men­te. dia­pha­nes, Zü­rich u.a. 2010, S. 111-122).
    Zum Ver­hält­nis La­can – Blan­chot vgl. An­nie Tar­d­its: Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker in der Schu­le des Schrift­stel­lers. In: re­bus. Blät­ter zur Psy­cho­ana­ly­se Nr. 15, 1999, S. 95-124. An­dré La­caux: Blan­chot et La­can. In: Es­saim 1/2005 (Nr. 14), S. 41-68, im In­ter­net hier.
    Zu Blan­chots He­gel­re­zep­ti­on vgl. An­dre­as Gel­hard: Abs­trak­ti­on, At­trak­ti­on. Mau­rice Blan­chot liest He­gel. In: Ul­rich J. Schnei­der (Hg.): Der fran­zö­si­sche He­gel. Aka­de­mie-Ver­lag, Ber­lin 2007, S.65-76.
  27. Se­mi­n­ar 3, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 254.
  28. Schrif­ten III, S. 190.
  29. Se­mi­n­ar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 444 f.
  30. Schrif­ten I, S. 219.
  31. Se­mi­n­ar 9, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961; mei­ne Über­set­zung, RN.
  32. Sit­zung vom 15. 4. 1975.

Kommentare

Das Symbol manifestiert sich als „Mord am Ding“ — 3 Kommentare

  1. Hal­lo Herr Nemitz,

    vie­len Dank für Ihre gut nach­voll­zieh­ba­ren Dar­stel­lun­gen!

    Sie schrei­ben oben „Die Äu­ße­rung der sym­bo­li­schen Op­po­si­ti­on von „Fort“ und „Da“ ist ver­bun­den mit der Zer­stö­rung des Ob­jekts, wo­bei des­sen Zer­stö­rung dar­in be­steht, dass das Kind das Ob­jekt er­schei­nen und ver­schwin­den lässt.“
    Wenn die Zer­stö­rung ei­nes Ob­jek­tes dar­in be­steht es er­schei­nen und ver­schwin­den zu las­sen, dann fra­ge ich mich, war­um da­für der Be­griff Zer­stö­rung, noch mehr der Be­griff Mord her­an­ge­zo­gen wird. Ist das nicht über­trie­ben? Wenn das Obkjekt wirk­li­ch zer­stört wür­de, dann wür­de ja auch das Spiel, das Er­schei­nen und Ver­schwin­den gar nicht mehr funk­tio­nie­ren. Das Kind muss ja die rea­le Exis­tenz des Ob­jek­tes wei­ter­hin an­neh­men, um sein Spiel als rea­les (und nicht nur sym­bo­li­sches oder ima­gi­nier­tes) fort­set­zen zu kön­nen. Wür­de es nicht aus­rei­chen (und wäre so­gar tref­fen­der), statt von Zer­stö­rung oder Mord von ei­ner Art De­gra­die­rung des Ob­jek­tes zu spre­chen, in­so­fern ihm ein Be­griff über­ge­ord­net wird, wo vor­her das Ob­jekt qua­si ganz al­lei­ne (An-sich) war, und es (das Ob­jekt) nun über sei­nen Be­griff und Na­men an­ge­spro­chen und di­ri­giert wird. Wenn das Kind hier von der Rol­le des blo­ßen Be­trach­ters (des Ob­jek­tes An-sich) in die Rol­le ei­nes, sa­gen wir, Dra­ma­tur­gen und Re­gis­seurs wech­selt, der ein Schick­sal des Ob­jek­tes in­sze­niert, dann braucht es aber im­mer noch die­ses rea­le Ob­jekt als Aus­füh­ren­des. Oder was über­se­he ich da?

    Auch die an­de­ren Bei­spie­le dazu ver­ste­he ich in ana­lo­ger Wei­se nicht: „Wenn aber der Sinn (das We­sen) ‚Hund‘ in das Wort ‚Hund‘ über­geht, d.h. so­bald er abs­trak­ter Be­griff wird, der von der sinn­li­chen Wirk­lich­keit un­ter­schie­den ist, die er durch sei­nen Sinn of­fen­bart, stirbt der Sinn (das We­sen): das Wort ‚Hund‘ läuft nicht um­her, trinkt nicht und frißt nicht; in ihm hört der Sinn (das We­sen) zu le­ben auf, d.h. sie stirbt. Und des­halb kommt das Be­grei­fen der em­pi­ri­schen Wirk­lich­keit ei­nem Mord gleich.““: Frei­li­ch läuft das Wort „Hund“ nicht um­her, aber der Be­griff des Hun­des schließt sein Um­her­lau­fen, Fres­sen, Sau­fen doch ein, oder zu­min­dest nicht aus. Wenn ich auf die se­griff­li­che Ebe­ne wech­se­le, dann ver­las­se ich die sinn­li­che – aber ich las­se sie doch ein­fach zu­rück, und zer­stö­re sie nicht; sie ist doch im Be­griff „auf­ge­ho­ben“ in Sin­ne von kon­ser­viert, auch wenn ich mich mit „be­griff­li­cher Ebe­ne“ ex­pli­zit von der sinn­li­ch er­fahr­ba­ren Ebe­ne ab­gren­ze (die­se aber eben jen­seits die­ser Ab­gren­zung be­stehen las­se).

    Auch sehe ich we­der Lei­che noch Tat­ort: Das Ob­jekt wird we­der auf der ding­li­chen Ebe­ne zer­stört, noch auf der be­griff­li­chen (das Kind zer­stört die Spu­le nicht wirk­li­ch, aber auch nicht be­griff­li­ch, denn son­st hät­te es den Be­griff ei­ner zer­stör­ten Spu­le ge­bil­det, was es nicht hat).

    Mei­ne Fra­ge also: muss das als Zer­stö­rung (Mord etc.) be­grif­fen wer­den, oder ist das über­trie­ben?

    Dan­ke und Gruß,

    Ever

    • Ja, na­tür­li­ch ist „Mord am Ding“ eine über­trie­be­ne For­mu­lie­rung. Ist das mehr als ein poe­ti­scher Ein­fall? Gute Fra­ge.

      Im Ar­ti­kel zei­ge ich, dass La­can eine Ver­bin­dung zu Freuds Kon­zept des To­des­triebs an­deu­ten will. Dann wäre „Mord am Ding“ ein Platz­hal­ter für eine noch aus­zu­ar­bei­ten­de The­se über den Zu­sam­men­hang von To­des­trieb und Op­po­si­ti­on von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit. Viel­leicht ent­wi­ckelt er so sei­ne Ide­en: zu­nächst eine über­schar­fe, noch un­aus­ge­wie­se­ne For­mu­lie­rung, und dann eine müh­sa­me Aus­ar­bei­tung in den Se­mi­na­ren.

      Im Ar­ti­kel ver­su­che ich au­ßer­dem zu zei­gen, dass er sich durch die Wahl die­ser Me­ta­pher auf ei­nen Dis­kus­si­ons­zu­sam­men­hang be­zieht, der von He­gel über Ko­jè­ve zu Sar­t­re und Blan­chot reicht. Das er­gibt eine Re­so­nanz.

      Und schließ­li­ch geht es La­can wohl auch dar­um, den Le­ser durch ver­blüf­fen­de For­mu­lie­run­gen zum Nach­den­ken zu brin­gen. Im­mer­hin hat es bei mir funk­tio­niert, an­ders hät­te ich den Ar­ti­kel nicht ge­schrie­ben. Und auch bei Ih­nen hat die dra­ma­ti­sche For­mu­lie­rung et­was in Be­we­gung ge­setzt - Sie ha­ben die­sen Kom­men­tar ge­schrie­ben. Das ist La­cans Di­dak­tik: durch rät­sel­haf­te For­mu­lie­run­gen Leu­te zum Nach­den­ken brin­gen.

      Eine von der Spra­che aus­ge­hen­de Re­kon­struk­ti­on des To­des­triebs wird La­can (wie im Ar­ti­kel er­wähnt) in Se­mi­n­ar 7, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se (1959/60), ent­wi­ckeln. Greift er da­bei auf das Fort-Da-Spiel zu­rück? Mei­ner Er­in­ne­rung nach nicht. Ir­gend­wo wird er den Wech­sel ei­nes Ob­jekts zwi­schen An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit auch dem Ima­gi­nä­ren zu­rech­nen, nicht dem Sym­bo­li­schen, da die Dif­fe­renz­be­zie­hung zu an­de­ren Ele­men­ten fehlt.

      • Ist das mehr als ein poe­ti­scher Ein­fall?“ Nach mei­nem, si­cher­li­ch be­schränk­ten, Ver­ständ­nis ist es das. Es ist eine Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen: es gab gar kei­nen Mord (und auch kei­ne Zer­stö­rung) am Ding durch das Sym­bol. Be­grün­dung: „Ein Si­gni­fi­kant un­ter­schei­det sich von ei­nem Zei­chen zu­nächst dar­in (…), dass die Si­gni­fi­kan­ten zu­nächst nur die Ge­gen­wart der Dif­fe­renz als sol­cher ma­ni­fes­tie­ren und nichts an­de­res. Die er­s­te Sa­che also, die er im­pli­ziert, ist, dass das Ver­hält­nis des Zei­chens zur Sa­che aus­ge­löscht wird.“. Die­se „Aus­lö­schung“ wäre der Mord, wenn die „Sa­che“ da­von be­trof­fen wäre. Sie ist es aber nicht, da nicht die Sa­che aus­ge­löscht wird, son­dern ers­tens steht das Ver­hält­nis des Zei­chens zur Sa­che zur Dis­po­si­ti­on und zwei­tens wird die­ses Ver­hält­nis durch den Si­gni­fi­kan­ten nicht über­nom­men („aus­ge­löscht“), wenn er sich an die Stel­le des Zei­chens setzt, nicht das Zei­chen selbst. Da sehe ich also zwei Ver­hält­nis­se: eins zwi­schen Zei­chen und Sa­che, die­ses bleibt un­be­rührt; und ei­nes das neu hin­zu­kommt zwi­schen Si­gni­fi­kant und Sa­che (oder ver­mut­li­ch bes­ser Si­gni­fi­kat). Man kann sich jetzt fra­gen, was das Ver­hält­nis die­ser bei­den Ver­hält­nis­se ist, was sie bei­de mit­ein­an­der zu tun ha­ben. Ob es viel­leicht die ur­sprüng­li­che Sa­che ist, an de­ren Stel­le das Si­gni­fi­kat ge­tre­ten ist. Aber je­den­falls ver­ste­he ich nicht, wie, wenn das Ver­hält­nis zwi­schen Sa­che (Ding) und Zei­chen (Sym­bol) aus­ge­löscht ist, sie doch noch in ein Ver­hält­nis (Er­mor­dung des Dings durch das Sym­bol) mit­ein­an­der ge­bracht wer­den kön­nen.

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