Geschichte einer Metapher

Das Symbol manifestiert sich als „Mord am Ding“

Schäferhund aus Buchstaben - zu: TodestriebGrafik: Rolf Nemitz

In Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse behauptet Lacan eine Verbindung zwischen dem Symbol und dem Mord.  Das Symbol manifestiert den „Mord am Ding“. Was ist damit gemeint?

Lacan 1953/54

Lacan beschreibt zunächst das „Fort-Da-Spiel“, das Freud bei seinem Enkel beobachtet hat. Das Kind, eine Junge von anderthalb Jahren, symbolisiert das Verschwinden und Wiederkommen der Mutter, indem es eine Spule, die an einem Faden befestigt ist, aus dem Bett wirft und dabei „o-o-o-o“ ruft, „fort“, und dann die Spule wieder heranzieht und sie mit „Da“ begrüßt.1

Es gibt also drei Ebenen: das Verschwinden der Mutter, das Wegwerfen und Heranziehen der Spule und die Äußerung einer Lautopposition.

Über das Kind sagt Lacan in diesem Aufsatz:

„Denn sein Handeln zerstört das Objekt, das es in der antizipierenden Provokation seiner Anwesenheit und seiner Abwesenheit erscheinen und verschwinden läßt.“2

Das, was „zerstört“ wird, ist das Objekt, und unter dem Objekt versteht Lacan die Spule.

„Und dieses Objekt, das sich sogleich in dem symbolischen Paar zweier elementarer Ausstoßungen verkörpert, kündet die diachrone Integration einer Dichotomie von Phonemen im Subjekt an, deren synchrone Struktur eine bestehende Sprache ihm zur Assimilation anbietet; so beginnt das Kind, sich auf den konkreten Diskurs seiner Umgebung einzulassen, indem es mehr oder weniger näherungsweise in seinem Fort! und in seinem Da! die Vokabeln reproduziert, die es aus jenem System erhält.“3

Die Opposition von „Fort“ und „Da“ ist ein symbolisches Paar. Die Äußerung der symbolischen Opposition von „Fort“ und „Da“ ist verbunden mit der Zerstörung des Objekts, wobei dessen Zerstörung darin besteht, dass das Kind das Objekt erscheinen und verschwinden lässt. Diese beiden Ebenen – die symbolische und die objekthafte – beziehen sich wiederum auf das Verschwinden der Mutter.

Ich überspringe zwei Sätze, danach heißt es:

„Das Symbol manifestiert sich so zunächst als Mord am Ding, und dieser Tod konstituiert im Subjekt die Verewigung seines Begehrens.“4

Das Symbol ist hier die Wortopposition o-o-o-o/da. Rückblickend, von Seminar 7 aus, denkt man bei „Ding“ an die Mutter, aber dieser Zusammenhang wird hier nicht hergestellt. Der „Mord am Ding“ ist die Zerstörung des Objekts, also das Erscheinenlassen und Verschwindenlassen der Spule. Die drei Ebenen sind:
– das Verschwinden der Mutter
– das Erscheinen- und Verschwindenlassen der Spule, d.h. die Zerstörung des Objekts, der Mord am Ding,
– das Äußern der Phonemopposition von“ooo“ und „da“, also das Symbol.

Für Freud repräsentiert dieses Symbol das Verschwinden der Mutter, das bereits stattgefunden hat. Lacan deutet einen anderen Zusammenhang an: der Mord am Ding (das Verschwindenlassen und Auftauchenlassen der Spule) wird durch das Symbol (das Äußern der Lautopposition) hervorgerufen. Inwiefern?

In Seminar 1 von 1953/54 sagt Lacan in einem Selbstkommentar zur zitierten Passage aus dem Rom-Vortrag:

„Wichtig ist nicht, daß das Kind die Worte Fort/Da* sagt – es spricht sie übrigens nur ungefähr so aus. Das heißt, daß es da, von Anfang an, eine erste Sprachäußerung gibt. In dieser phonematischen Opposition transzendendiert das Kind, hebt auf eine symbolische Ebene, das Phänomen von Anwesenheit und Abwesenheit. Es macht sich zum Herrn des Dings genau insofern, als es es zerstört. (…)

Sie sehen daran, daß – noch vor der Einführung des Nein, der Ablehnung des andern, mit der das Subjekt zu konstituieren lernt, wie J. Hyppolite uns kürzlich gezeigt hat – die Negativierung des bloßen Appells, die Äußerung eines einfachen Symbolpaares vor dem Kontrastphänomen von Anwesenheit und Abwesenheit, das heißt die Einführung des Symbols die Positionen verkehrt. Die Abwesenheit wird in der Anwesenheit evoziert und die Anwesenheit in der Abwesenheit.

Das scheinen Kleinigkeiten zu sein, die sich von selbst verstehen. Aber noch ist es nötig, sie auszusprechen und darüber nachzudenken. Denn nur sofern das Symbol diese Inversion erlaubt, das heißt das existierende Ding annulliert, eröffnet es die Welt der Negativität, die den Diskurs des menschlichen Subjekts und zugleich die Realität seiner Welt als einer menschlichen konstituiert.“5

Lacan unterscheidet zwei Ebenen, die des Phänomens und die des Symbols. Auf der phänomenalen Ebene gibt Anwesenheit und Abwesenheit – nämlich der Spule und dahinter der Mutter. Die symbolische Ebene wird durch das o-o-o-o/da gebildet; Lacan nennt es „Symbol“, er bezieht den Begriff „Symbol“ also auf eine Signifikantenopposition. Das Symbolpaar wird vor dem Hintergrund des Gegensatzes von Anwesenheit und Abwesenheit der Spule eingeführt. Damit verkehren sich die Positionen von Anwesenheit und Abwesenheit. Durch den Signifikanten „fort“ (oder „o-o-o-o“) wird die Abwesenheit der Spule dann evoziert, wenn sie anwesend ist (behauptet Lacan), und durch den Signifikanten „da“ ihre Anwesenheit, wenn sie abwesend ist. Damit wird die phänomenale Anwesenheit und Abwesenheit in Richtung auf die symbolische Anwesenheit und Abwesenheit überschritten und auf die symbolische Ebene gehoben. Durch diese Aufhebung der phänomenalen Anwesenheit/Abwesenheit in die symbolische Anwesenheit/Abwesenheit wird das Ding zerstört, hierdurch annulliert das Symbol das existierende Ding.

Das Symbol manifestiert also insofern den „Mord am Ding“, als es die phänomenale Anwesenheit/Abwesenheit des Dings in der symbolischen Anwesenheit/Abwesenheit aufhebt, und zwar derart, dass es bei Anwesenheit des Dings seine Abwesenheit evoziert und bei Abwesenheit des Dings seine Anwesenheit. Für den Diskurs des menschlichen Subjekts ist die Negativität charakteristisch (wie Lacan mit einem Begriff von Hegel sagt). Diese Negativität wird installiert durch die Negativität des Symbols im Verhältnis zum Gegenstand; diese gegenstandsbezogene Negativität bildet die Grundlage für die Negation des anderen.

Im Rom-Vortrag fährt Lacan nach der zitierten Stelle so fort:

„Das erste Symbol, in dem wir Humanität in ihren Überresten erkennen, ist das Begräbnis, und die Vermittlung des Todes ist in jeder Beziehung zu erkennen, in der der Mensch zum Leben seiner Geschichte gelangt.“6

Das Begräbnis ist ein Symbol, das in einer Beziehung zum Tod steht – zum Tod, nicht zum Mord.

Lacan bemüht sich in diesem Teil des Aufsatzes, ausgehend von einer sprachbezogenen Konzeption des Unbewussten und der Psychoanalyse, den Freudschen Begriff des Todestriebs zu rekonstruieren. Das erklärt, warum ihm die Mord-Metapher passend erscheint, nicht aber, warum er es riskiert, sie so unvermittelt auftauchen zu lassen und auch nicht, was damit gemeint ist.

Die Metapher vom Mord durch die Sprache ist ein zentrales Bild der Sprachphilosophie von Alexandre Kojève und Maurice Blanchot, sie geht letztlich auf Hegel zurück. Die Rede vom „Mord am Ding“ wird verständlich, wenn man diesen Kontext rekonstruiert. Doch zunächst ein Hinweis auf eine mögliche Verbindung zu Freud.

Freud

Im Entwurf einer Psychologie von 1895 schreibt Freud:

„Anfang der abgespaltenen Denkvorgänge ist die Urteilsbildung, auf welche das Ich durch einen Fund in seiner Organisation gelangt, durch das schon eingeführte teilweise Zusammenfallen der Wahrnehmungsbesetzungen mit Nachrichten vom eigenen Körper. Dadurch sondern sich die Wahrnehmungskomplexe in einen konstanten, unverstandenen Teil, das Ding, und einen wechselnden, verständlichen, die Eigenschaft oder Bewegung des Dinges.“7

Der Text wurde erstmals im Jahr 1950 veröffentlicht, Lacan kann ihn also vor der Abfassung von Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse gelesen haben. Im Ethik-Seminar von 1959/60 wird er sich ausführlich mit Freuds Konzeption des „Dings“ befassen. Hat er sich bereits im Rom-Vortrag von Freuds Auffassung über das „Ding“ inspirieren lassen, und zwar zur Rede vom Symbol als Mord am Ding? Möglich, aber darauf gibt es keinen Hinweis. Im Übrigen fehlt bei Freud die Mord-Metapher.

Hegel

Hegel schreibt im Manuskript seiner Vorlesung von 1803/04:

„Der erste Akt, wodurch Adam seine Herrschaft über die Tiere konstituiert hat, ist, daß er ihnen Namen gab, d. h. sie als Seiende vernichtete und sie zu für sich Ideellen machte“8.

Hegels Ausgangspunkt ist der biblische Mythos von der Benennung der Tiere, von der Verleihung der Gattungsnamen (Genesis 2, Vers 19 und 20). Der Akt der Benennung begründet die Herrschaft über das Benannte. Die Benennung geht mit einer Vernichtung einher; das, was vernichtet wird, ist das Tier als „Seiendes“. Durch die Namensgebung wird etwas Neues geschaffen, das Tier als „Ideelles“. Durch diese Einheit von Vernichtung und Neuschaffung wird das Tier aus einem An sich zu einem Für sich, es ist dann für Adam.

Auch in der Philosophischen Enzyklopädie für die Oberklasse (1808 ff.) bezieht sich Hegel auf die Erzählung von der Benennung der Tiere:

„Die Sprache ist die höchste Macht unter den Menschen.– Adam, heißt es, gab allen Dingen (Tieren), ihren Namen.– Die Sprache ist die Ertötung der sinnlichen Welt in ihrem unmittelbaren Dasein, das Aufgehobenwerden derselben zu einem Dasein, welches ein Aufruf ist, der in allen vorstellenden Wesen widerklingt.“9

Die Benennung ist eine „Ertötung“, und das, was getötet wird, ist die sinnliche Welt in ihrem unmittelbaren Dasein. Die Vernichtung, die „Ertötung“ ist zugleich eine Bewahrung, ein Aufheben. Die Benennung erzeugt den Übergang von einer Daseinsform zu einer anderen, vom unmittelbaren Dasein zu einem Dasein für die Allgemeinheit, ein Aufruf, der in allen, die Vorstellungen haben,ein Echo hervorruft, eine Resonanz.

In der Phänomenologie des Geistes (1807) entwickelt Hegel einen ähnlichen Gedanken, jedoch ohne Bezug auf den biblischen Benennungsmythos. Hegel erkundet hier die unterschiedlichen Formen des Bewusstseins und des Wissens, und sein erstes Untersuchungsobjekt ist die Annahme, dass ich durch meine Sinneswahrnehmung einen unmittelbaren Zugang zu den Dingen habe. Diese Position wird von ihm als die der „sinnlichen Gewissheit“ bezeichnet. Angenommen, wir sind Anhänger dieser Auffassung, und Hegel fragt uns „Was ist gewiss?“, so werden wir antworten: „Das, was wir hier und jetzt wahrnehmen.“ Hegel spielt uns gegenüber den Sokrates, er versucht, uns zu zeigen, dass wir uns mit dieser Antwort in Widersprüche verwickeln. Im ersten Schritt antwortet er auf unsere Antwort mit einer weiteren Frage: „Was ist das Jetzt?“

„Auf die Frage: was ist das Jetzt? antworten wir also zum Beispiel: das Jetzt ist die Nacht. Um die Wahrheit dieser sinnlichen Gewißheit zu prüfen, ist ein einfacher Versuch hinreichend. Wir schreiben diese Wahrheit auf; eine Wahrheit kann durch Aufschreiben nicht verlieren; ebensowenig dadurch, daß wir sie aufbewahren. Sehen wir jetzt, diesen Mittag, die aufgeschriebene Wahrheit wieder an, so werden wir sagen müssen, daß sie schal geworden ist.“10

Die Sprache interessiert hier nicht unter dem Gesichtspunkt der Benennung mit Gattungsnamen, sondern als Ensemble von Aussagen, die entweder wahr oder falsch sind. Zur Verteidigung unserer Position der sinnlichen Gewissheit sind wir genötigt, Aussagen mit Wahrheitsanspruch vorzubringen und in diesen Aussagen Ausdrücke wie „hier“ und „jetzt“ zu verwenden, indexikalische Termini, mit denen wir uns auf die aktuelle Situation beziehen,  auf das, was für durch die Sinne gegeben wird. Wäre Hegel tatsächlich der platonische Sokrates, hätte er seine Behauptung über die Wahrheit und das Aufschreiben in die Form einer Frage gekleidet: „Eine Wahrheit kann nicht durch Aufgeschriebenwerden und Aufbewahren aufhören, eine Wahrheit zu sein, seht Ihr das auch so?“ Wenn wir darauf mit „Ja“ antworten, haben wir das Sprachspiel verloren.

„Als ein Allgemeines sprechen wir auch das Sinnliche aus; was wir sagen, ist: Dieses, d. h. das allgemeine Diese, oder: es ist; d.h. das Sein überhaupt. Wir stellen uns dabei freilich nicht das allgemeine Diese oder das Sein überhaupt vor, aber wir sprechen das Allgemeine aus; oder wir sprechen schlechthin nicht, wie wir es in dieser sinnlichen Gewißheit meinen.“ (85)

Wenn wir versuchen, unsere Sinnliche-Gewissheits-Position im Sprechen und Schreiben darzulegen, verwandeln wir uns in Subjekte, die gespalten sind, zwischen dem Einzelnen, das wir meinen, und dem Allgemeinen, das wir sagen.

„Die Sprache aber ist, wie wir sehen, das Wahrhaftere; in ihr widerlegen wir selbst unmittelbar unsere Meinung; und da das Allgemeine das Wahre der sinnlichen Gewißheit ist und die Sprache nur dieses Wahre ausdrückt, so ist es gar nicht möglich, daß wir ein sinnliches Sein, das wir meinen, je sagen können.“ (85)

Vom „Jetzt“ wechselt Hegel zu dem anderen indexikalischen Ausdruck, den wir verwendet haben, als wir sagten, „Gewiss ist, was wir jetzt und hier wahrnehmen“: zum Hier.

„Das Hier ist z.B. der Baum. Ich wende mich um, so ist diese Wahrheit verschwunden und hat sich in die entgegengesetzte verkehrt: Das Hier ist nicht ein Baum, sondern vielmehr ein Haus. Das Hier selbst verschwindet nicht; sondern es ist bleibend im Verschwinden des Hauses, Baumes usf. und gleichgültig, Haus, Baum zu sein.“ (85)

Das sprachliche „Hier“ verharrt, der Gegenstand jedoch, auf den es sich bezieht, verschwindet. Der indexikalische Ausdruck „hier“ geht mit einem Verschwinden des Gegenstandes einher.

Dass die sinnliche Gewissheit nichtig ist, ist eine elementare Weisheit, die – so sagt Hegel – beispielsweise in den Mysterien gelehrt wird. Diese Weisheit hat nicht nur theoretischen, sondern auch praktischen Wert:

„Auch die Tiere sind nicht von dieser Weisheit ausgeschlossen, sondern erweisen sich vielmehr, am tiefsten in die eingeweiht zu sein; denn sie bleiben nicht vor den sinnlichen Dingen als an sich seienden stehen, sondern verzweifelnd an dieser Realität und in der völligen Gewißheit ihrer Nichtigkeit langen sie ohne weiteres zu und zehren sie auf“. (91)

Wenn wir die Position der sinnlichen Gewissheit vertreten, bewegen wir uns auf subanimalischen Niveau, die Kuh auf der Wiese ist da weiter. Der Nichtigkeitsbeweis hat bei den Tieren die Form des Auffressens, bei den nicht-aasfressenden Fleisch- und Allesfressern also die des Tötens.

„Sie (die Vertreter der Position der sinnlichen Gewissheit) meinen dieses Stück Papier, worauf ich dies schreibe oder vielmehr geschrieben habe; aber was sie meinen, sagen sie nicht. Wenn sie wirklich dieses Stück Papier, das sie meinen, sagen wollten, und sie wollten sagen, so ist dies unmöglich, weil das sinnliche Diese, das gemeint wird, der Sprache, die dem Bewußtsein, dem an sich Allgemeinen angehört, unerreichbar ist. Unter dem wirklichen Versuche, es zu sagen, würde es daher vermodern.“ (91 f.)

Es ist unmöglich, einen sinnlich gegebenen Gegenstand in seiner Einzelheit sprachlich zu erfassen; die Beschreibung wäre unendlich. Würden wir es unternehmen, ein Stück Papier in seiner Einzelheit sprachlich zu erfassen, würde es darunter verrotten. Damit sind wir zwar nicht bei der Sprache als Mord am Ding, aber immerhin bei einem Sprechen und Schreiben, das mit dem Vermodern des Papiers einhergeht.

Kojève

Von 1933 bis 1939 hält Alexandre Kojève seine Vorlesungen zu Hegels Phänomenologie des Geistes. Im Jahr 1947 erscheint eine Zusammenstellung aus Mitschriften, hierin kann man lesen:

„In Kapitel VII der PhG (Phänomenologie des Geistes) hat Hegel gesagt, daß jedes Begreifen einem Mord gleichkommt.“11

Hier haben wir also den Mord: Das Begreifen, und damit der Begriff, läuft auf einen Mord hinaus.

Kojèves Quellenangabe stimmt nicht; in Kapitel VII der Phänomenologie findet sich nichts dergleichen. Kojève stützt sich vermutlich auf die drei bereits zitierten Hegel-Passagen aus den Jenaer Vorlesungen, der Nürnberger Enzyklopädie und aus dem ersten Kapitel der Phänomenologie.12 Weiter liest man in Kojèves Hegel-Kommentar:

„Solange der Sinn (Sens) (oder das Wesen (Essence), der Begriff, der Logos, die Idee usw.)13 in einer empirisch existierenden Entität verkörpert ist, lebt dieser Sinn, dieses Wesen, wie auch diese Entität. Solange zum Beispiel der Sinn (oder das Wesen) ‚Hund‘ in einer sinnlichen Entität verkörpert ist, lebt dieser Sinn (dieses Wesen): das ist der reale Hund, der lebende Hund, der umherläuft, trinkt und frisst. Wenn aber der Sinn (das Wesen) ‚Hund‘ in das Wort ‚Hund‘ übergeht, d.h. sobald er abstrakter Begriff wird, der von der sinnlichen Wirklichkeit unterschieden ist, die er durch seinen Sinn offenbart, stirbt der Sinn (das Wesen): das Wort ‚Hund‘ läuft nicht umher, trinkt nicht und frißt nicht; in ihm hört der Sinn (das Wesen) zu leben auf, d.h. sie stirbt. Und deshalb kommt das Begreifen der empirischen Wirklichkeit einem Mord gleich.14

Der biblische Bezug fehlt, steht aber im Hintergrund: wie Hegel in der Jenaer Vorlesung und in der Nürnberger Enzyklopädie bezieht Kojève sich auf die Benennung eines Tiers mit einem Gattungsnamen. Der Sinn geht in das Wort über und wird Begriff. Hierbei stirbt der Sinn; das Begreifen ist deshalb eine Art Tötung. Damit ist aber nicht nur, wie bei Hegel, gemeint, dass der Begriff von der sinnlichen und singulären Existenz des Hundes abstrahiert. Vielmehr bezieht sich der Begriff auf den Hund nur insofern, als dieser sterblich ist.

„Sicherlich, Hegel weiß recht gut, daß man einen Hund nicht zu töten braucht, um ihn durch seinen Begriff zu begreifen, d.h. um ihn zu benennen oder zu definieren, und daß man auch nicht zu warten braucht, bis er tatsächlich stirbt, um das tun zu können.15 Nur, sagt Hegel, wenn der Hund nicht sterblich, d.h wesentlich endlich oder in seiner Dauer begrenzt wäre, dann könnte man nicht seinen Begriff von ihm ablösen, d.h den im realen Hund inkarnierten Sinn (das Wesen) in das nicht-lebende Wort übergehen lassen – in das (mit einem Sinn begabte) Wort, d.h. in den abstrakten Begriff, den Begriff, der nicht im Hund existiert (in dem er verwirklicht wird), sondern im Menschen (von dem er gedacht wird), d.h. in etwas anderem als der sinnlichen Wirklichkeit, die der Begriff durch seinen Sinn offenbart. Der Begriff ‚Hund‘, der mein Begriff (des Hundes) ist, der Begriff, der also etwas anderes als der lebende Hund ist und sich auf einen lebenden Hund wie auf eine äußere Wirklichkeit bezieht – dieser abstrakte Begriff ist nur dann möglich, wenn der Hund wesentlich sterblich ist, d.h. wenn der Hund in jedem Augenblick seiner Existenz stirbt oder vernichtet wird.“16

Der Begriff bezieht sich auf das lebendige Objekt, insofern es wesentlich sterblich ist; von der Sprache aus angegangen, ist der Hund in einem ewigen Sterben begriffen, einer unaufhörlichen Vernichtung.

Der Begriff beruht auf dem Mord am lebendigen Ding, so kann man Kojèves Deutung von Hegels Begriffsphilosophie zusammenfassen. Dass Lacan die zitierten Passagen gekannt hat, ist so gut wie sicher. Kojèves Vorlesungen waren eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen. Er hatte Kojèves Vorlesungen besucht17; er und Kojève hatten geplant, gemeinsam eine Untersuchung über Hegel und Freud zu schreiben – ein Projekt, das nicht realisiert wurde18; er war mit Kojève  befreundet.19

Sartre

Sartre, ein anderer Zuhörer von Kojèves Vorlesung, veröffentlicht 1943 Das Sein und das Nichts. Hier heißt es:

„Der Satz ist ein Entwurf, der sich nur von der Nichtung eines Gegebenen her interpretieren läßt (eben dessen, das man bezeichnen (désigner) will), von einem gesetzten Zweck her (seiner Bezeichnung (désignation), die selbst andere Zwecke voraussetzt, für die sie nur ein Mittel ist).“20

Die entscheidende sprachliche Einheit ist für Sartre der Satz, nicht das Wort; in diesem Punkt unterscheidet er sich von Kojève. Das, was bezeichnet wird, ist nicht ein Hund, sondern ein Gegebenes, das ist ebenfalls eine Differenz, wenn auch nur eine kleine – nicht jedes Gegebene ist ein Einzelding oder eine Gattung. Aber wie für Hegel und für Kojève ist auch für Sartre das Bezeichnen ein negierender Akt. In Sartres Perspektive ist die Artikulation eines Satzes eine Nichtung des Gegebenen. Das Gegebene wird insofern „genichtet“, als es einem ihm fremden Zweck unterworfen wird.

Blanchot

Im Jahr von des Erscheinens von Kojèves Hegel-Kommentar, also 1947, veröffentlicht Blanchot den Essay Die Literatur und das Recht auf den Tod. Hier liest man:

„Ich sage: diese Frau. Hölderlin, Mallarmé und, im allgemeinen, all diejenigen, deren Dichtung das Wesen der Dichtung zum Thema hat, haben im Akt des Benennens ein beunruhigendes Wunder gesehen. Das Wort gibt mir das, was es bedeutet, aber zuvor unterdrückt es dies. Damit ich sagen kann: diese Frau, muß ich ihr auf die eine oder andere Weise ihre Wirklichkeit aus Fleisch und Knochen nehmen, sie abwesend machen und sie vernichten. Das Wort gibt mir das Sein/das Lebewesen, aber es gibt es mir als eines, dass des Seins beraubt ist. Es ist die Abwesenheit dieses Seins/dieses Lebewesens, sein Nicht, was von ihm bleibt, wenn es das Sein verloren hat, d.h. einzig die Tatsache, dass es nicht ist. So gesehen ist Sprechen ein sonderbares Recht.“21

Wie beim Hegel der Jenaer und der Nürnberger Schriften und wie bei Kojève geht es um die Benennung. Unter der Benennung wird hier allerdings nicht die Neuverleihung eines Gattungsnamens verstanden, sondern die Benennung mit einem bereits eingeführten Gattungsnamen, der außerdem mit einem indexikalischen Ausdruck verbunden wird: „diese Frau“. Das erinnert Hegels Ausführungen zur sinnlichen Gewissheit, allerdings bezieht sich Blanchot, anders als Hegel, nicht auf eine Aussage, die wahr oder falsch sein kann, also nicht auf „Dies ist eine Frau“, sondern auf eine Benennung unterhalb der Satzebene. Das Wort gibt und unterdrückt zugleich, es erschafft Neues, indem es vernichtet. Blanchot fährt fort:

„Hegel, darin Freund und Nächster von Hölderlin, schrieb in einem Text, der der Phänomenologie vorausging: ‚Der erste Akt, wodurch Adam seine Herrschaft über die Tiere konstituiert hat, ist, daß er ihnen Namen gab, d. h. sie als Seiende vernichtete…‘“22

Er verweist hierfür in einer Fußnote auf die Jenaer Vorlesungen von 1803/04 und merkt in derselben Fußnote an:

„In der Einführung in die Hegel-Lektüre zeigt A. Kojève bei der Interpretation einer Passage der Phänomenologie auf bemerkenswerte Weise, wie für Hegel das Begreifen einem Mord gleichkommt.“23

Im Haupttext fährt Blanchot fort:

„Hegel will sagen, daß von diesem Augenblick an die Katze aufgehört hat, lediglich eine reale Katze zu sein, um nun auch eine Idee zu werden. Der Sinn des Sprechens erfordert demnach, als Einleitung für jedes Sprechen, eine Art unermeßliches Blutbad, eine vorherige Sintflut, die die gesamte Schöpfung in einem allumfassenden Meer versenkt. Gott hatte die Lebewesen erschaffen, der Mensch aber mußte sie vernichten. So erst nahmen sie Sinn für ihn an, und er schuf sie dann seinerseits, ausgehend von diesem Tod, in dem sie untergegangen waren“24 .

Blanchot verwandelt Kojèves Hund in eine Katze, damit er auf die Wendung „appeler un chat un chat“ anspielen kann, eine Katze eine Katze nennen, die Dinge beim Namen nennen. Die Benennung der Tiere, von der der biblische Schöpfungsmythos erzählt, wird zu einem Blutbad an der Schöpfung; durch diesen Tod hindurch werden die Lebewesen neu geschaffen; die Benennung ist eine creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus dem Nichts, im Sinne von: eine Sinnschöpfung, die damit verbunden ist, dass das sinnliche Einzelne (der Gegenstand der sinnlichen Gewissheit) vernichtet wird.

„Gewiß, meine Sprache tötet niemanden. Und doch, wenn ich sage ‚diese Frau‘, kündigt sich in meiner Sprache der reale Tod an und ist er in ihr bereits gegenwärtig; meine Sprache will sagen, daß diese Person, die jetzt da ist, von sich selbst getrennt werden kann, dass sie ihrer Existenz und ihrer Anwesenheit beraubt und unversehens in ein Nichts an Existenz und an Anwesenheit versenkt werden kann; meine Sprache bedeutet wesentlich die Möglichkeit dieser Zerstörung; sie ist in jedem Augenblick eine entschiedene Anspielung auf ein solches Ereignis. Meine Sprache tötet niemanden. Aber wenn diese Frau nicht wirklich zu sterben in der Lage wäre, wenn sie nicht in jedem Augenblick ihres Lebens vom Tode bedroht, mit ihm wesentlich verbunden und vereint wäre, könnte ich diese ideelle Negation, diesen aufgeschobenen Mord, der meine Sprache ist, nicht vollbringen.“25

Hat Lacan diesen Text gelesen? Das habe ich nicht feststellen können.26

Lacan nach 1953

In Seminar 3 von 1955/56, Die Psychosen, heißt es:

„Die Natur des Symbols muss noch erhellt werden. Wir haben uns dessen Wesen genähert, indem wir es am selben Punkt der Genese angesiedelt haben wie den Todestrieb. Das ist ein und dieselbe Sache, die wir ausdrücken. Wir streben gegen einen Konvergenzpunkt – was bedeutet wesentlich das Symbol in seiner signifikanten Rolle?“27

In der Einführung zum Kommentar von Jean Hyppolite über „Die Verneinung“ von Freud (1956) liest man:

„So bringt uns der Tod die Frage nach dem, was der Diskurs verneint, aber auch die, ob er (der Tod) es sei, der die Negation in ihn einführt Denn die Negativität des Diskurses, sofern sie darin sein macht, was nicht ist, verweist uns auf die Frage, wo das Nicht-Sein, das sich in der symbolischen Ordnung manifestiert, der Realität des Todes schuldet.“28

In der symbolischen Ordnung manifestiert sich das Nicht-Sein: der Diskurs macht sein, was nicht ist. Und die Frage, die sich hierzu stellt,  lautet: was verdankt dieses mit der Sprache verbundene Nicht-Sein der Realität des Todes?

In Seminar 4 von 1956/57, Die Objektbeziehungen, spricht Lacan über die Metapher „Seine Garbe war nicht geizig, noch hasserfüllt“, in der „Boas“ durch „Seine Garbe“ ersetzt wird:

„Wir finden das Schema des Symbols wieder, insofern es der Tod der Sache ist. An dieser Stelle ist es noch besser – der Name der Person ist ausgelöscht, und ihre Garbe wird sich daraufhin an ihre Stelle setzen.“29

1958 hält Lacan den Vortrag Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht (1961 veröffentlicht). Hier heißt es:

„Mehr noch, die Bedürfnisbefriedigung erscheint hier nur als der Trug, in dem der Liebesanspruch zerschellt, wobei das Subjekt auf den Schlaf verwiesen wird, wo es sein Wesen treibt am Rande des Seins, das es in sich sprechen läßt. Denn das Sein der Sprache ist das Nicht-Sein der Objekte, und daß das Begehren von Freud an seinem Platz im Traum entdeckt wurde – immer schon der Skandal sämtlicher Anstrengungen des Denkens, sich in der Wirklichkeit anzusiedeln –, genügt uns zu unserer Instruktion.“30

Das Sein der Sprache ist das Nicht-Sein der Objekte.

In Seminar 7 von 1959/60, Ethik der Psychoanalyse, wird der Gedanke so weiterentwickelt: Durch die Integration des Menschenwesens in die Sprachordnung wird ein Teil des Genießens (der Triebbefriedigung) unzugänglich. Dieses unmögliche, aber beständig angestrebte Genießen wird hier als „Ding“ bezeichnet. Aus dem Mord am Ding durch die Sprache wird die Erzeugung des Dings durch den von der Sprache bewirkten Mord.

1961 formuliert Lacan es in Seminar 9 so:

„Ein Signifikant unterscheidet sich von einem Zeichen zunächst darin (…), dass die Signifikanten zunächst nur die Gegenwart der Differenz als solcher manifestieren und nichts anderes. Die erste Sache also, die er impliziert, ist, dass das Verhältnis des Zeichens zur Sache ausgelöscht wird.“31

Eine Zeichenbeziehung ist beispielsweise das Verhältnis von Rauch und Feuer: der Rauch ist ein Zeichen für das Feuer; das Zeichen steht in Beziehung zur Sache, zum Ding. Das Symbol (der Signifikant) manifestiert sich insofern als Mord am Ding, als ein Signifikant nicht wie ein Zeichen funktioniert. Ein Signifikant ist differentiell organisiert, er bezieht sich nicht auf die Sache, sondern auf andere Signifikanten. Die Beziehung des Zeichens zum Ding wird hierdurch ausgelöscht.

Der späte Lacan spricht statt vom Ding vom Loch. Das Inzestverbot ist das Loch des Symbolischen, heißt es in Seminar 22 von 1974/75, RSI. Damit ist gemeint: das Inzestverbot ist das Element im Symbolischen, das ein Loch erzeugt. „Le signifiant fait trou“, „der Signifikant bildet ein Loch“. Der symbolische Aspekt des borromäischen Knoten ist deshalb das Loch.32

Kommentare zum Beitrag

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Anmerkungen

  1. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 224-227.
  2. A.a.O., S. 165, Übersetzung geändert, Kursivschreibung im Original.
  3. A.a.O., S. 165, Übersetzung geändert.
  4. Schriften I, S. 166, Übersetzung geändert; Im Original: „Ainsi le symbole se manifeste d’abord comme meurtre de la chose, et cette mort constitue dans le sujet l’éternisation de son désir.“ (Écrits, S. 319). Der Text beruht auf einem Vortrag von 1953 und wurde 1956 veröffentlicht.
  5. Seminar 1, Sitzung vom 5. Mai 1954, Version Miller/Hamacher, S. 222 f., Übersetzung geändert
  6. Schriften I, S. 166.
  7. S. Freud: Entwurf einer Psychologie (1895). In: Ders.: Gesammelte Werke. Nachtragsband. Texte aus den Jahren 1885-1938. S. Fischer, Frankfurt am Main 1987, S. 462; vgl. auch 418.
  8. Von Hegels Vorlesungen von 1803/04 gibt es drei Ausgaben mit unterschiedlichen Titeln:
    Jenenser Realphilosophie, Bd. 1. Hg. v. Johannes Hoffmeister. Meiner-Verlag, Leipzig 1932 (Erstveröffentlichung)
    Jenaer Systementwürfe I. Hg. v. Klaus Düsing und Heinz Kimmerle. Meiner, Hamburg 1975 (Akademieausgabe der Gesammelten Werke, Bd. 6) (historisch-kritische Ausgabe)
    Jenaer Systementwürfe I. Das System der spekulativen Philosophie. Fragmente aus Vorlesungsmanuskripten zur Philosophie der Natur und des Geistes. Hg. v. Klaus Düsing und Heinz Kimmerle. Meiner, Hamburg 1986, Philosophische Bibliothek, Bd. 331 (nach dem Text der Akademieausgabe von 1975 mit modernisierter Orthografie und Zeichensetzung, ohne den historisch-kritischen Apparat)
    In der Düsing/Kimmerle-Ausgabe von 1986 findet man den zitierten Satz auf S. S. 201.
  9. § 159. In: Hegel: Werke 4. Auf Grundlage der Werke von 1832–1845 neu herausgegeben von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970, S. 52.
  10. Werke 3. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970, S. 84.
  11. „Dans le Chapitre VII de la PhG, Hegel a dit que toute comprehension-conceptuelle (Begreifen) équivaut à un meutre.“Alexandre Kojève: Introduction à la lecture de Hegel. Leçons sur la Phénoménologie de l’Esprit, professées de 1933 à 1939 à l’École des Hautes Études. Hg. v. Raymond Queneau. Gallimard, Paris 1947, S. 372 (unveränderter Nachdruck bei Gallimard 1997), Kursivschreibungen und Einfügung in Klammern im Original.– Deutsche Teilübersetzung: Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Mit einem Anhang: Hegel, Marx und das Christentum. Übersetzt und herausgegeben von Iring Fetscher. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 128, Übersetzung geändert, Fetscher übersetzt „meurtre“ mit „Tötung“ (die Übersetzung erschien zuerst 1958 bei Kohlhammer).
  12. Durch die Jenenser Realphilosophie, die 1931/32 erschien, fand Kojève, wie Fetscher berichtet, den Zugang zu Hegel (vgl. das Vorwort des Herausgebers zur deutschen Erstausgabe von Kojèves Hegel-Buch, a.a.O., S. 7); 1934 hat er die Jenenser Realphilosophie rezensiert (Kojève: Hegel à Jena. In: Revue d’histoire et de philosophie religieuse, Strasbourg 1934).
  13. Anm. RN: „le sens“ (der Sinn) und „l‘essence“ (das Wesen) sind homophon.
  14. Ebd., S. 128, Übersetzung geändert. Die Einfügungen in runden Klammern und die Hervorhebungen sind von Kojève, die in eckigen Klammern von mir.
  15. Anm. Kojève: Halten wir jedoch fest, dass ein begriffliches oder ‚wissenschaftliches‘ Begreifen des Hundes früher oder später tatsächlich auf seine Sezierung hinausläuft.
  16. Ebd., frz. S. 373, dt. S. 128, Übersetzung geändert.
  17. Lacan war in den Studienjahren 1934/35, 1935/36 und 1936/37 als regelmäßiger Hörer eingetragen; vgl. Elisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996, S. 162.
  18. Vgl. Roudinesco, ebd., S. 169 f.
  19. Zu Kojèves Hegeldeutung vgl. Bettina Lindorfer: Zum Verhältnis Sprache, Denken, Dingen bei Hegel, Kojève und Barthes. In: Dies., Dirk Naguschewski (Hg.): Hegel: Zur Sprache. Beiträge zur Geschichte des europäischen Sprachdenkens. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, S. 79-94.
  20. J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Übersetzt von Hans Schöneberg und Traugott König. Rowohlt, Reinbek 1994, S. 889.
  21. La littérature et le droit à la mort (1947). In: Ders: La part du feu. Gallimard, Paris 1949, S. 291-331, hier: 312. Deutsche Übersetzung: Die Literatur und das Recht auf den Tod. Französisch/deutsch. Übersetzt von Clemens-Carl Härle. Merve, Berlin 1982, S. 75, Übersetzung geändert.– Der Essay wurde wieder aufgenommen in: Blanchot: Das Neutrale. Diaphanes, Zürich 2010, S. 47–92.
  22. Ebd., frz. S. 312, dt. S. 75 f. der Merve-Ausgabe, Übersetzung geändert.
  23. „comment pour Hegel la compréhension équivaut à un meurtre“, ebd., frz. S. 312, dt. S. 77, Übersetzung geändert.
  24. Ebd., frz. S. 312 f., dt. S. 77, Übersetzung geändert.
  25. Ebd., frz. S. 313, dt. S. 77/79, Übersetzung geändert.
  26. Lacan verweist in den Écrits, den Autres écrits und den Seminaren insgesamt zwei Mal auf Blanchot, in Seminar 7 und in Seminar 9. In Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse, bezieht er sich auf Blanchots Aufsätze über Sade und Lautréamont, beide in Lautréamont et Sade von 1949; vgl. Version Miller/Haas, S. 242-244. In Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, spricht er über Blanchots Romane „Thomas l’obscur“ (1941, „Thomas der Dunkle“)  und „L’arrêt de mort“ (1948, die deutsche Übersetzung hat den Titel „Die Frist“); vgl. Sitzung vom 27. Juni 1962.
    Blanchot schreibt über Lacan u.a. in dem Artikel „Freud“ von 1956, den er später in „Das analytische Sprechen“ umbenennt (zuerst in: La Nouvelle Nouvelle Revue française, Nr. 45, September 1956, S. 484-496, dann in: Blanchot: L’entretien infini. Gallimard, Paris 1969, S. 343-354, dort leicht überarbeitet und mit verändertem Titel: “La Parole analytique“. Deutsche Übersetzung: Das analytische Sprechen. In: Ders.: Das Neutrale. Philosophische Schriften und Fragmente. diaphanes, Zürich u.a. 2010, S. 111-122).
    Zum Verhältnis Lacan – Blanchot vgl. Annie Tardits: Der Psychoanalytiker in der Schule des Schriftstellers. In: rebus. Blätter zur Psychoanalyse Nr. 15, 1999, S. 95-124. André Lacaux: Blanchot et Lacan. In: Essaim 1/2005 (Nr. 14), S. 41-68, im Internet hier.
    Zu Blanchots Hegelrezeption vgl. Andreas Gelhard: Abstraktion, Attraktion. Maurice Blanchot liest Hegel. In: Ulrich J. Schneider (Hg.): Der französische Hegel. Akademie-Verlag, Berlin 2007, S.65-76.
  27. Seminar 3, Version Miller/Turnheim, S. 254.
  28. Schriften III, S. 190.
  29. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 444 f.
  30. Schriften I, S. 219.
  31. Seminar 9, Sitzung vom 6. Dezember 1961; meine Übersetzung, RN.
  32. Sitzung vom 15. 4. 1975.

Kommentare

Das Symbol manifestiert sich als „Mord am Ding“ — 3 Kommentare

  1. Hallo Herr Nemitz,

    vielen Dank für Ihre gut nachvollziehbaren Darstellungen!

    Sie schreiben oben „Die Äußerung der symbolischen Opposition von „Fort“ und „Da“ ist verbunden mit der Zerstörung des Objekts, wobei dessen Zerstörung darin besteht, dass das Kind das Objekt erscheinen und verschwinden lässt.“
    Wenn die Zerstörung eines Objektes darin besteht es erscheinen und verschwinden zu lassen, dann frage ich mich, warum dafür der Begriff Zerstörung, noch mehr der Begriff Mord herangezogen wird. Ist das nicht übertrieben? Wenn das Obkjekt wirklich zerstört würde, dann würde ja auch das Spiel, das Erscheinen und Verschwinden gar nicht mehr funktionieren. Das Kind muss ja die reale Existenz des Objektes weiterhin annehmen, um sein Spiel als reales (und nicht nur symbolisches oder imaginiertes) fortsetzen zu können. Würde es nicht ausreichen (und wäre sogar treffender), statt von Zerstörung oder Mord von einer Art Degradierung des Objektes zu sprechen, insofern ihm ein Begriff übergeordnet wird, wo vorher das Objekt quasi ganz alleine (An-sich) war, und es (das Objekt) nun über seinen Begriff und Namen angesprochen und dirigiert wird. Wenn das Kind hier von der Rolle des bloßen Betrachters (des Objektes An-sich) in die Rolle eines, sagen wir, Dramaturgen und Regisseurs wechselt, der ein Schicksal des Objektes inszeniert, dann braucht es aber immer noch dieses reale Objekt als Ausführendes. Oder was übersehe ich da?

    Auch die anderen Beispiele dazu verstehe ich in analoger Weise nicht: „Wenn aber der Sinn (das Wesen) ‚Hund‘ in das Wort ‚Hund‘ übergeht, d.h. sobald er abstrakter Begriff wird, der von der sinnlichen Wirklichkeit unterschieden ist, die er durch seinen Sinn offenbart, stirbt der Sinn (das Wesen): das Wort ‚Hund‘ läuft nicht umher, trinkt nicht und frißt nicht; in ihm hört der Sinn (das Wesen) zu leben auf, d.h. sie stirbt. Und deshalb kommt das Begreifen der empirischen Wirklichkeit einem Mord gleich.““: Freilich läuft das Wort „Hund“ nicht umher, aber der Begriff des Hundes schließt sein Umherlaufen, Fressen, Saufen doch ein, oder zumindest nicht aus. Wenn ich auf die segriffliche Ebene wechsele, dann verlasse ich die sinnliche – aber ich lasse sie doch einfach zurück, und zerstöre sie nicht; sie ist doch im Begriff „aufgehoben“ in Sinne von konserviert, auch wenn ich mich mit „begrifflicher Ebene“ explizit von der sinnlich erfahrbaren Ebene abgrenze (diese aber eben jenseits dieser Abgrenzung bestehen lasse).

    Auch sehe ich weder Leiche noch Tatort: Das Objekt wird weder auf der dinglichen Ebene zerstört, noch auf der begrifflichen (das Kind zerstört die Spule nicht wirklich, aber auch nicht begrifflich, denn sonst hätte es den Begriff einer zerstörten Spule gebildet, was es nicht hat).

    Meine Frage also: muss das als Zerstörung (Mord etc.) begriffen werden, oder ist das übertrieben?

    Danke und Gruß,

    Ever

    • Ja, natürlich ist „Mord am Ding“ eine übertriebene Formulierung. Ist das mehr als ein poetischer Einfall? Gute Frage.

      Im Artikel zeige ich, dass Lacan eine Verbindung zu Freuds Konzept des Todestriebs andeuten will. Dann wäre „Mord am Ding“ ein Platzhalter für eine noch auszuarbeitende These über den Zusammenhang von Todestrieb und Opposition von Anwesenheit und Abwesenheit. Vielleicht entwickelt er so seine Ideen: zunächst eine überscharfe, noch unausgewiesene Formulierung, und dann eine mühsame Ausarbeitung in den Seminaren.

      Im Artikel versuche ich außerdem zu zeigen, dass er sich durch die Wahl dieser Metapher auf einen Diskussionszusammenhang bezieht, der von Hegel über Kojève zu Sartre und Blanchot reicht. Das ergibt eine Resonanz.

      Und schließlich geht es Lacan wohl auch darum, den Leser durch verblüffende Formulierungen zum Nachdenken zu bringen. Immerhin hat es bei mir funktioniert, anders hätte ich den Artikel nicht geschrieben. Und auch bei Ihnen hat die dramatische Formulierung etwas in Bewegung gesetzt – Sie haben diesen Kommentar geschrieben. Das ist Lacans Didaktik: durch rätselhafte Formulierungen Leute zum Nachdenken bringen.

      Eine von der Sprache ausgehende Rekonstruktion des Todestriebs wird Lacan (wie im Artikel erwähnt) in Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse (1959/60), entwickeln. Greift er dabei auf das Fort-Da-Spiel zurück? Meiner Erinnerung nach nicht. Irgendwo wird er den Wechsel eines Objekts zwischen Anwesenheit und Abwesenheit auch dem Imaginären zurechnen, nicht dem Symbolischen, da die Differenzbeziehung zu anderen Elementen fehlt.

      • „Ist das mehr als ein poetischer Einfall?“ Nach meinem, sicherlich beschränkten, Verständnis ist es das. Es ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen: es gab gar keinen Mord (und auch keine Zerstörung) am Ding durch das Symbol. Begründung: „Ein Signifikant unterscheidet sich von einem Zeichen zunächst darin (…), dass die Signifikanten zunächst nur die Gegenwart der Differenz als solcher manifestieren und nichts anderes. Die erste Sache also, die er impliziert, ist, dass das Verhältnis des Zeichens zur Sache ausgelöscht wird.“. Diese „Auslöschung“ wäre der Mord, wenn die „Sache“ davon betroffen wäre. Sie ist es aber nicht, da nicht die Sache ausgelöscht wird, sondern erstens steht das Verhältnis des Zeichens zur Sache zur Disposition und zweitens wird dieses Verhältnis durch den Signifikanten nicht übernommen („ausgelöscht“), wenn er sich an die Stelle des Zeichens setzt, nicht das Zeichen selbst. Da sehe ich also zwei Verhältnisse: eins zwischen Zeichen und Sache, dieses bleibt unberührt; und eines das neu hinzukommt zwischen Signifikant und Sache (oder vermutlich besser Signifikat). Man kann sich jetzt fragen, was das Verhältnis dieser beiden Verhältnisse ist, was sie beide miteinander zu tun haben. Ob es vielleicht die ursprüngliche Sache ist, an deren Stelle das Signifikat getreten ist. Aber jedenfalls verstehe ich nicht, wie, wenn das Verhältnis zwischen Sache (Ding) und Zeichen (Symbol) ausgelöscht ist, sie doch noch in ein Verhältnis (Ermordung des Dings durch das Symbol) miteinander gebracht werden können.

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