Wahrheit

14 Thesen über die Wahrheit des Subjekts

Heiratsantrag auf einem Basketballfeld während einer Spielpause (echt?)

Zweite Version. Eine erste Fassung dieses Artikels erschien am 3. Januar 2014.

Das Subjekt wird durch das Sprechen und die Sprache konstituiert, und das heißt für Lacan: es gründet sich nicht nur auf die Beziehung zu Wörtern und zum Sinn – zum  Signifikanten und zum Signifikat –, sondern auch auf das Verhältnis zur Wahrheit. „Die Wahrheit“, heißt es 1970 im Seminar Die Kehrseite der Psychoanalyse, „wir gehen zum Prinzip zurück, ist von den Sprachwirkungen, als solche genommen, ganz sicher nicht zu trennen.“1

Das große Geheimnis der Psychoanalyse besteht darin, so erfährt man im Seminar Das Begehren und seine Deutung von 1959/60, dass es keinen Anderen des Anderen gibt2; damit ist gemeint: Es gibt keinen Signifikanten, der die Wahrheit garantieren könnte (vgl. diesen Blogartikel). Das Geheimnis der Psychoanalyse ist ein Geheimnis über die Wahrheit.

Im Folgenden kehre ich zum Ausgangspunkt zurück und referiere Lacans Wahrheitskonzeption in seinem programmatischen Aufsatz von 1953, Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Die Seitenangaben beziehen sich auf Schriften I3, die Übersetzung ist von mir.4 Es folgt eine Zusammenfassung. Den Abschluss bilden zwei Ergänzungen: Thesen von Lacan über Wahrheit aus den Jahren 1954 und 1956.  

Die Thesen

(1) Das Subjekt wird durch die Suche nach Wahrheit konstituiert.

Das Subjekt geht über das Individuum hinaus: es reicht so weit wie die Wahrheit, die es erlangen kann (vgl. 104). Das

„Subjekt konstituiert sich durch die Suche nach Wahrheit“ (154).

Dies ist also Lacans früher Subjektbegriff. Das Subjekt ist dasjenige Seiende, das nach Wahrheit sucht, nach der Wahrheit über sich selbst.

(2) In einer Psychoanalyse geht es darum, dass eine zensierte Wahrheit wiedergefunden wird, die bereits anderswo geschrieben ist.

Was ist mit Wahrheitssuche gemeint?

„Das Unbewusste ist das Kapitel meiner Geschichte, das als Leerstelle markiert ist oder von einer Lüge besetzt wird, es ist das zensierte Kapitel. Die Wahrheit kann jedoch wiedergefunden werden, meist steht sie bereits anderswo geschrieben.“ (98)

In einer Psychoanalyse versucht der Patient, eine Wahrheit, die zensiert worden ist, wiederzufinden. Diese Wahrheitssuche stützt sich auf Signifikanten – auf rätselhafte Zeichen –, in denen die Zensur umgangen wurde und in denen die Wahrheit sich bereits andeutungsweise zeigt: körperliche Symptome, Kindheitserinnerungen, Besonderheiten des Vokabulars, Familienlegenden. 

Das Individuum ist insofern ein Subjekt, als es die Wahrheit über sich selbst sucht, und das heißt, insofern es sich bemüht, bestimmte Signifikanten zu entziffern.

(3) Wahrheit wird durch das Sprechen konstituiert.

Wie kann der Patient die Wahrheit über sich selbst finden? Wie kann es unverständliche Signifikanten entziffern? Durch das Sprechen. Das Sprechen ist im Prinzip Appell an die Wahrheit (vgl. 85).

„Selbst wenn der Diskurs [des Patienten in einer Psychoanalyse] nichts kommuniziert, repräsentiert er die Existenz der Kommunikation; selbst wenn er das Offensichtliche leugnet, bejaht er, dass das Sprechen die Wahrheit konstituiert“ (89 f.).

Durch das Sprechen wird in der aktuellen Realität der psychoanalytischen Kur die Wahrheit bezeugt und eben hierdurch wird die Wahrheit gegründet (vgl. 95). Wahrheit wird durch das Sprechen also nicht repräsentiert, sondern konstituiert.

Die schöpferische Funktion des Sprechens besteht nicht nur darin, dass es Sinn erzeugt, sondern auch darin, dass es Wahrheit hervorbringt, dass es Täuschungen aufhebt und Rätsel auflöst.

Unter dem Subjekt versteht Lacan dasjenige Seiende, das nach Wahrheit sucht – nach der Wahrheit über sich selbst –, wobei die Wahrheit durch das Sprechen konstituiert wird. Nur durch das Sprechen kann es dem Subjekt gelingen, bestimmte Selbsttäuschungen aufzuheben und rätselhafte Zeichen zu entziffern.

(4) Die Wahrheit des Subjekts beruht auf der Wirksamkeit des Sprechens.

Wenn das Subjekt unter dem Einfluss einer Droge, „Wahrheitsserum“ genannt, über seine Geschichte orakelt, hat dies nichts mit Wahrheit zu tun; wenn das, was es dabei sagt, aufgezeichnet und ihm vom Arzt mitgeteilt wird, kann die Wahrheit, da sie das Subjekt

„in dieser entfremdeten Form erreicht, nicht dieselben Wirkungen haben wie das psychoanalytische Gespräch (interlocution).“ (97)

Lacan bindet den Begriff der Wahrheit also an eine bestimmte Form der Kausalität, an die Wirksamkeit des Sprechens.5 Die durch das Sprechen konstituierte Wahrheit (über das Subjekt) hat Wirkungen.

(5) Die Wahrheit wird im Sprechen insofern konstituiert, als das Sprechen intersubjektiv verfasst ist.

In der zuletzt zitierten Passage wird die Wirksamkeit des Sprechens daran gebunden, dass es die Form eines Gesprächs annimmt, einer interlocution.

Über den Aufsatz Die logische Zeit und die Assertion der antizipierten Gewissheit6, den er 1945 veröffentlicht hatte, sagt Lacan:

„Hier wird bewiesen, dass es die vom Subjekt in der Zeit zum Begreifen antizipierte Gewissheit ist, die, durch die Hast, die den Moment des Schließens überstürzt, beim anderen die Entscheidung determiniert, die die eigene Bewegung des Subjekts zu Irrtum oder Wahrheit macht.“ (129)

Der Artikel über die drei Gefangenen soll zeigen, dass die Hast des Subjekts die Entscheidung der beiden Mitgefangenen bestimmt und dass deren Entscheidung wiederum festlegt, ob die Bewegung des Subjekts in Richtung Ausgang ein Irrtum oder eine Wahrheit ist. Die Konstituierung der Wahrheit im Sprechen vollzieht sich in der Beziehung zum anderen – zum Anderen mit großem A, wie Lacan ab 1955 sagen wird.7

Das Subjekt ist dasjenige Seiende, das nach der Wahrheit (über sich selbst) sucht, indem es sich bemüht, Selbsttäuschungen aufzuheben und den Sinn bestimmter Signifikanten zu entziffern. Die Wahrheitssuche erfolgt in einem Sprechen, das sich an den anderen richtet (in späterer Terminologie: an den Anderen). Nur durch diesen Bezug hat das Sprechen bestimmte Wirkungen, etwa die Auflösung oder Milderung von Symptomen.

(6) Die Wahrheit des Subjekts hat ihren Ort nicht im Psychoanalytiker.

Die Wahrheitssuche des Subjekts ist nur wirksam, wenn sie sich an einen anderne richtet, an den Psychoanalytiker. Welche Funktion hat er genau?

Manche Psychoanalytiker legen zu Beginn der Behandlung einen Zeitpunkt für das Ende der Analyse fest. Lacan hält das für falsch, sein Einwand lautet:

„die Festsetzung eines Zeitpunkts für das Ende [der Analyse] kommt einer verräumlichenden Projektion gleich, in der es [das Subjekt] bereits von sich entfremdet ist: von dem Moment an, in dem die Frist seiner Wahrheit vorausgesehen werden kann, was auch immer ihr in der dazwischenliegenden Intersubjektivität zustoßen mag, ist es so, dass die Wahrheit bereits da ist, d.h. dass wir im Subjekt sein ursprüngliches Trugbild wiederherstellen,  insofern es seine Wahrheit in uns setzt, und dass wir, wenn wir sie mit unserer Autorität sanktionieren, seine Analyse in einer Abirrung installieren, die in ihren Ergebnissen unmöglich zu korrigieren sein wird. (…)

Die antizipierte Festsetzung eines Endes [der Analyse], erste Form der aktiven Intervention, von Freud selbst eingesetzt (pro pudor!) [welche Schande!], welches auch die divinatorische Sicherheit (divinatorisch im eigentlichen Sinne des Wortes) sein mag, die der Analytiker bezeugen mag, wenn er seinem Beispiel folgt, wird das Subjekt stets in der Entfremdung von seiner Wahrheit belassen.“ (156, Einschübe in runden Klammern von Lacan)

Wenn der Analytiker die Analyse vorab terminiert, wird das Wahrheitsgeschehen als etwas behandelt, dessen Ergebnis im Vorhinein bestimmbar ist. Damit wird unterstellt, dass die Wahrheit bereits da ist, und zwar auf Seiten des Analytikers. Genau dies ist jedoch die ursprüngliche Täuschung des Subjekts, der Kern der Neurose: dass die Wahrheit auf Seiten der Autorität zu verorten ist.

(7) Die Funktion des Analytikers besteht nicht darin, dass er ein letztes Wort gibt.

Die Macht des Witzes besteht in der Pointe,

„in der der Humor, in der bösartigen Anmut des freien Geistes, eine Wahrheit symbolisiert, die nicht ihr letztes Wort sagt.“ (110)

„Einziger Grund für den Zusammenbruch des Witzes: die Platitüde der Wahrheit, die erklärt wird.“ (111)

Ab 1970 wird Lacan diesen Gedanken, bezogen auf die psychoanalytische Deutung, so formulieren: Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen (vgl. hierzu diesen Blogartikel).

Die Funktion des Psychoanalytikers besteht nicht darin, dass er das letzte Wort sagt, nicht darin, dass er den endgültigen Sinn der Symptome offenbart.

(8) Die Funktion des Analytikers besteht darin, durch Nicht-Handeln die Verwirklichung der Wahrheit des Subjekts zu lenken. 

Dies sind zwei negative Bestimmungen zur Funktion des Analytikers: die Wahrheit hat ihren Ort nicht im Analytiker (sondern im Patienten), der Analytiker  hat nicht die Aufgabe, ein letztes Wort zu sagen, eine endgültige Deutung zu liefern. Worin besteht, positiv formuliert, seine Aufgabe?

Die Psychoanalyse ist

„eine dialektische Beziehung, in der das Nicht-Handeln des Analytikers den Diskurs des Subjekts zur Verwirklichung seiner Wahrheit lenkt“ (152 f.).

Der psychoanalytische Diskurs ist ein Fortschreiten in der Wahrheit (vgl. 159). Die Wahrheit des Subjekts wird im Verlauf des psychoanalytischen Diskurses „verwirklicht“, „realisiert“, sie wird im Verlauf der Kur hergestellt.

Der Analytiker lenkt diesen Prozess, und er lenkt ihn durch Nicht-Handeln. In der etablierten Terminologie der Psychoanalyse ist dies die „Abstinenz-Regel“: der Analytiker soll sich weigern, die Wünsche und Forderungen seiner Patienten zu befriedigen, und eben hierdurch ermöglicht er es dem Patienten, seine Wahrheit zu realisieren.

Der erste Untertitel des Rom-Vortrags lautet Parole pleine et parole vide dans la réalisation psychanalytique du sujet8, „Volles Sprechen und leeres Sprechen in der psychoanalytischen Realisierung des Subjekts“. In den Schriften wird „réalisation“ mit „Darstellung“ übersetzt: „Volles Sprechen und leeres Sprechen in der psychoanalytischen Darstellung des Subjekts“ (84). Das verkehrt den Sinn ins Gegenteil. „Darstellung“ setzt voraus, dass das Subjekt bereits da ist, dass es bereits Realität hat und durch das Sprechen sekundär repräsentiert wird. Genau das ist nicht gemeint. Lacans These lautet: Das Subjekt wird durch das Sprechen erzeugt, konstituiert; es verwirklicht sich durch das Sprechen, es realisiert sich im Sprechen.

Verwendet der Übersetzer den Begriff „Darstellung“ wie in der Chemie, also im Sinne der Herstellung einer Verbindung oder eines Elements? Wer wäre dann der Chemiker? Stellt ein Analytiker in seinem Kabinett das Subjekt ähnlich dar, wie ein Chemiker in seinem Labor reines Silicium darstellt? Wohl kaum.

(9) Wahrheit wird im Sprechen durch den Glauben des anderen an die Wahrheit eines Zeugnisses konstituiert.

„Selbst wenn der Diskurs [des Patienten in der Psychoanalyse] (…) dazu bestimmt ist zu täuschen, spekuliert er auf den Glauben an das Zeugnis.“ (89 f.)

Der Patient erhebt im Sprechen einen Wahrheitsanspruch, selbst dann, wenn er lügt. Der Wahrheitsanspruch wendet sich an den anderen, an den Analytiker. Der andere ist in der Position desjenigen, der die Behauptung glauben soll.

In einem bescheidenen Sinn ist der Psychoanalytiker also durchaus ein Ort der Wahrheit: insofern er für den Patienten derjenige ist, der das, was er, der Patient, sagt, glauben soll.

In einer Psychoanalyse geht es also in doppelter Weise um die Wahrheit.

Zum einen sucht der Patient im Sprechen nach der Wahrheit über sich selbst; durch das Sprechen möchte er das Rätsel seiner Symptome entziffern und Selbsttäuschungen aufheben. Wahrheit ist hier die Aufhebung einer Täuschung durch Aufdeckung eines verborgenen Sinns.

Zum anderen möchte er, dass der Analytiker ihm glaubt, dass er also das, was der Patient sagt, für wahr hält. Der Analytiker fungiert hierbei – in der Perspektive des Patienten – als Zeuge der Wahrheit, als derjenige, der bezeugt, dass der Patient die Wahrheit spricht. Diese Funktion übernimmt der Analytiker in jedem Fall, unabhängig davon, ob er tatsächlich glaubt, was der Patient ihm erzählt, unabhängig auch davon, ob er sich täuscht, wenn er das Gesagte glaubt. Wahrheit ist hier ein Geltungsanspruch (wie Habermas es nennt), und ein Geltungsanspruch ist ein Appell daran, dass das Gesagte vom anderen geglaubt wird.

Diese beiden Wahrheitsbezüge sind miteinander verschränkt. Um im Sprechen die eigene Wahrheit finden zu können, muss der Patient den Analytiker an den Platz desjenigen setzen, der ihm glaubt, der also bezeugt, dass er, der Patient, die Wahrheit findet.

(10) Der Psychoanalytiker ist insofern der Herr der Wahrheit, als er den Diskurs des Subjekts interpunktiert.

Der Analytiker

„bleibt Herr der Wahrheit, deren Fortschritt dieser Diskurs [des Subjekts] ist. Vor allem ist er derjenigen, der, wie wir gesagt haben, dessen Dialektik interpunktiert.“ (159)

Die „Interpunktion“ des Diskurses durch den Analytiker besteht nicht in Erklärungen, sondern in einem „mmhmmh“ oder „ahja“, in der Wiederholung von Formulierungen des Patienten oder, bei freier Sitzungsdauer, im Beenden der Sitzung. Mit solchen Zäsuren markiert der Analytiker, dass im Sprechen des Patienten eine verborgene Wahrheit ins Spiel kam.  

(11) In der Psychoanalyse geht es um Wahrheit, nicht um Exaktheit.

Um die Wahrheit des Subjekts zu erreichen, setzt sich der Analytiker bisweilen über die Exaktheit der Tatsachen hinweg.

Im Falle des „Rattenmanns“9 wird das Heiratsverbot faktisch von der Mutter verhängt, von Freud dem Patienten gegenüber aber so interpretiert, als gehe es vom verstorbenen Vater aus. Der Wahrheitsbezug dieser Deutung zeigt sich in ihrer Wirksamkeit: sie sorgt dafür, dass die entscheidenden Todessymbole auftreten, die das Subjekt narzisstisch an den toten Vater und an die verehrte Dame binden (vgl. 128, 146).

Lacan knüpft hier an Freuds These an, dass die Wahrheit einer vom Analytiker dem Patienten mitgeteilten Konstruktion sich darin zeigt, dass sie bei diesem Erinnerungen hervorruft, die die Konstruktion bestätigen und ergänzen.10  

Der Analytiker bezieht sich also in folgender Weise auf die Wahrheit des Patienten, auf den Patienten als Subjekt:

– Durch Nicht-Handeln – durch Abstinenz – ermöglicht er dem Patienten die Verwirklichung seiner Wahrheit.

– Für den Patienten ist er der Adressat des Sprechens und damit derjenige, der die Wahrheit der Rede des Patienten bezeugt.

– Durch „Interpunktionen“ greift er in das Sprechen des Patienten ein.

(12) Die Wahrheit des Subjekts wird durch das „volle Sprechen“ konstituiert.

Nicht jedes Sprechen des Patienten bezieht sich auf Wahrheit. Unter dem Wahrheitsgesichtspunkt trifft Lacan die Unterscheidung zwischen dem „leeren“ und dem „vollen“ Sprechen.

„Kategorisch gesagt: in der psychoanalytischen Anamnese geht es nicht um Realität, sondern um Wahrheit; denn es ist die Wirkung des vollen Sprechens, die Kontingenz des Vergangenen neu zu ordnen, indem es ihr den Sinn einer zukünftigen Notwendigkeit gibt, wie sie konstituiert wird durch das bisschen Freiheit, mit dem das Subjekt sie vergegenwärtigt.“ (94 f.)

Das Individuum ist insofern Subjekt, als sich sein Sprechen auf Wahrheit bezieht, auf die Wahrheit über sich selbst; diese Wahrheit ist keine Realität, sondern eine Realisierung – sie wird durch das Sprechen verwirklicht, aber nur dann, wenn es kein „leeres“, sondern ein „volles Sprechen“ ist.

Lacans Musterbeispiel für das volle Sprechen ist der folgende Dialog:

A sagt zu B: „Du bist meine Frau.“
B antwortet A: „Du bist mein Mann.“11

Der Sender von „Du bist meine Frau“ ist Andreas. Er empfängt seine eigene Botschaft, nämlich „Ich bin ihr Mann“. Er empfängt sie von der Anderen, von Britta, und zwar in umgekehrter Form: „Du bist mein Mann“. Die Wahrheit von Andreas lautet: „Ich bin Brittas Mann.“ Diese Wahrheit wird im Sprechen intersubjektiv konstituiert, als Botschaft über das Subjekt Andreas, die dieser von der Anderen empfängt, von Britta, und die es von ihr übernimmt.

Diese Art des Sprechens hat eine bestimmte Wirksamkeit: es verwandelt den Sprecher; Andreas’  Transformation besteht darin, dass er zu einem Ehemann wird (vgl. hierzu diesen Blogartikel).

Durch ein Sprechen dieses Typs wird ein Wahrheitsbezug hergestellt; das volle Sprechen heißt deshalb auch  „wahres Sprechen“ (124, 145).

Das volle oder wahre Sprechen, mit dem das Subjekt sich in der symbolischen Ordnung verankert, ist kein Sprechakt, sondern ein Gesprächsakt.

Im Verlauf einer Psychoanalyse geht es darum, dass der Patient durch sein Sprechen solche Mandate ins Spiel bringt, die Aufträge, aus denen seine Geschichte besteht, mit Badiou kann man sagen: die Wahrheitsereignisse.

Das Individuum ist insofern ein Subjekt, als es nach Wahrheit sucht (nach der Wahrheit über sich selbst). Diese Wahrheit wird im Sprechen hergestellt, allerdings nicht in jedem Sprechen, nur in einem Sprechen, das sich an einen anderen richtet, der das gesagte glauben soll. Sie wird auch nicht in jedem Sprechen realisiert, das sich an einen anderen wendet, nur in einem solchem, bei dem die Mandate, die das Subjekt im Verlauf seiner Geschichte erhalten hat, evoziert werden, Berufungen vom Typ „Du bist mein Mann“.

(13) Das volles Sprechen konstituiert Wahrheit als Geschichte.

Das volle Sprechen hat eine bestimmte Zeitlichkeit. Das gegenwärtige Sprechen ordnet die Vergangenheit neu, so dass sie zur Vorbereitung der angestrebten Zukunft wird; durch einen Akt der Freiheit werden die Zufälle der Vergangenheit zur notwendigen Voraussetzung der Zukunft.

Lacan stützt sich hier auf Heideggers Konzeption des Daseins (des Subjekts) als geworfener Entwurf, als auf eine Vergangenheit gestützter Bezug auf eine angestrebte Zukunft12; bei Sartre wird hieraus die menschlichen Realität als Projekt13.

Aufgrund dieser Zeitlichkeit des vollen Sprechens ist die Wahrheit des Subjekts die „Wahrheit seiner Geschichte“ (104).  

(14) Die Konstituierung der Wahrheit durch das Sprechen ist weder wahr noch falsch.

„Die Mehrdeutigkeit der hysterischen Offenbarung der Vergangenheit beruht nicht so sehr darauf, dass ihr Inhalt zwischen dem Imaginären und dem Realen schwankt, denn sie ist sowohl im einen wie im anderen verortet. Sie besteht auch nicht darin, dass sie lügenhaft ist. Sie besteht darin, dass sie uns die Geburt der Wahrheit im Sprechen präsentiert, und dass wir uns dadurch an der Realität dessen stoßen, was weder wahr noch falsch ist. Zumindest ist da das Beunruhigendste ihres Problems.“ (94)

Die hysterische Offenbarung der Vergangenheit präsentiert uns die Geburt der Wahrheit im Sprechen. Da der Grund der Wahrheit außerhalb von Wahrheit und Falschheit liegt, konfrontiert sie uns mit etwas, das weder wahr noch falsch ist.  

Den Grund der Wahrheit, der weder wahr noch falsch ist, wird Lacan später als das Reale bezeichnen, speziell als „Buchstabe“ – der Buchstabe (in diesem Verständnis) gehört nicht zum Symbolischen, sondern zum Realen.14

Zusammenfassung: drei Wahrheitsdimensionen und der Grund der Wahrheit

Das Sprechen in der Psychoanalyse bezieht sich in drei Weisen auf Wahrheit.

In einer Psychoanalyse versucht der Patient, durch Sprechen die Wahrheit über sich selbst zu finden: er bemüht sich, Rätsel zu entziffern – die Rätsel seiner Träume und Symptome –, und er arbeitet daran, seine Selbsttäuschungen aufzulösen.

Hierzu benötigt er den Psychoanalytiker: einen anderen, den er an den Platz desjenigen setzt, der ihm glaubt – der glaubt, dass das, was der Patient sagt, wahr ist. Insofern fungiert der Analytiker als Zeuge der Wahrheit.

Das Sprechen des Patienten bezieht sich auf die Mandate, die ihm im Verlauf seiner Geschichte erteilt wurden, mit Badiou zu sprechen: auf Wahrheitsereignisse.

Die Wahrheit hat einen Grund, der weder wahr noch falsch ist.

Ergänzungen

(1) Wahrheit entsteht durch Anerkennung.

Eine Ergänzung findet man in Seminar 1 von 1953/54, Freuds technische Schriften:

„Das volle Sprechen ist dasjenige, das die Wahrheit so visiert, so bildet, wie sie sich in der Anerkennung des einen durch den anderen herstellt. Das volle Sprechen ist Sprechen, das bewirkt. eines der Subjekte befindet sich, nachher, anders als es vorher war. Deshalb kann diese Dimension in der analytischen Erfahrung nicht übergangen werden.“ (Seminar 1, Version Miller/Hamacher, S. 140 f.)

Die Wahrheit stellt sich durch die wechselseitige Anerkennung her. Das volle Sprechen – das Erhalten eines Mandats – ist ein Akt des Anerkanntwerdens.

(2) Die Dimension der Wahrheit wird durch den Namen des Vaters eingeführt.

In Seminar 3 von 1955/56, Die Psychosen, erklärt Lacan,

„daß die Analyse absolut untrennbar ist von einer grundlegenden Frage über die Art, wie die Wahrheit in das Leben des Menschen eintritt. Die Dimension der Wahrheit ist mysteriös, unerklärlich, nichts erlaubt in entschiedener Weise, ihre Notwendigkeit zu erfassen, denn der Mensch findet sich sehr gut mit der Nicht-Wahrheit ab. Ich werde versuchen, Ihnen zu zeigen, daß es eben diese Frage ist, die Freud bis zum Ende in Moses und die monotheistische Religion quält. (…) Die neuerliche Fragestellung über die Person des Moses, über seine hypothetische Furcht,  hat keinen anderen Grund, als auf die Frage zu antworten, auf welchem Weg die Dimension der Wahrheit lebendig ins Leben eintritt, in die Ökonomie des Menschen. Freud antwortet, daß dies durch die Vermittlung der letzten Bedeutung der Idee des Vaters geschieht.“15

Wie wird der Wahrheitsbezug in das Leben eines Menschen eingeführt? Diese Frage hat Freud umgetrieben. Lacans Antwort lautet: durch den Namen-des-Vaters. Eine entscheidende Funktion des Vaters besteht darin, dass man ihm glaubt, und man glaubt ihm dann, wenn die Mutter ihm glaubt. Diese These entwickelt Lacan in Seminar 4 und in Seminar 5.

Kommentare

Kommentare zu diesem Artikel findet man hier.

Verwandte Artikel

Anmerkungen

  1. Seminar 17, Sitzung vom 21. Januar 1970, Version Miller, S. 70.
  2. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 353.
  3. J. Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Übersetzt von Klaus Laermann.In: Ders.: J. Lacan: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71–169.
  4. Übersetzung nach: J. Lacan: Fonction et champ de la parole et du langage en psychanalyse. In: Ders.: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 237–322. Lacans Aufsatz beruht auf einem Vortrag von 1953 und wurde 1956 veröffentlicht. Für die Ausgabe der Écrits im Jahr 1966 wurde der Text an einigen Stellen überarbeitet; die Bemerkungen zur Wahrheit, die ich im Folgenden referiere, findet sich sämtlich bereits in der Version von 1956. Die Version von 1956 findet man hier auf der Seite der École lacanienne de psychanalyse.
  5. Auf die „symbolische Wirksamkeit“ bezieht Lacan sich bereits im Aufsatz Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion (1949);  er verweist dort auf Lévi-Straussʼ Aufsatz Die Wirksamkeit der Symbole (1949); vgl. Schriften I, S. 65.
  6. Schriften III, S. 101–121.
  7. Die Unterscheidung zwischen dem Anderen und dem anderen wird von Lacan in Seminar 2 eingeführt, in der Sitzung vom 25. Mai 1955.
  8. Écrits, 247.
  9. S. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909).
  10. S. Freud: Konstruktionen in der Analyse (1937).
  11. Vgl. Funktion und Feld, a.a.O., S. 141; Variantes de la cure-type (1955), Écrits, S. 351.
  12. Sein und Zeit, §§ 31, 79.
  13. Allenthalben in Das Sein und das Nichts.
  14. Vgl. J. Lacan, Lituraterre (1971), Übersetzung mit Erläuterungen in diesem Blog hier.
  15. Seminar 3, Version Miller/Turnheim, S. 253 f.

Kommentare

14 Thesen über die Wahrheit des Subjekts — 2 Kommentare

  1. Danke für den spannenden Artikel. Es gefällt mir, dass die Abschnitte verständlich sind, ohne dass die Lacan-Zitate gelesen werden müssen. Deinen Text verstehe ich recht gut, Lacans Äusserungen nur ansatzweise.
    Sich befreien von Selbsttäuschungen: auch ausserhalb einer Psychoanalyse versucht man das ja sein Leben lang. Ob sich die Wahrheit über sich selbst nur durch eine Psychoanalyse konstituieren kann?
    So habe ich die Rolle eines Psychotherapeuten noch nicht gesehen: als eine Art Helfer bei der Geburt der Wahrheit über sich selbst. Vielleicht nicht das beste Bild. Ich könnte mir auch einen Berg von Gerümpel/Gegenständen (nützliches wie unnützes Zeug) vorstellen, in dem der Klient bzw. die Klientin steckt und aus dem er sich befreien will. Der Therapeut wäre derjenige, der mit seiner Taschenlampe die besonders gelungenen Handgriffe bzw. Massnahmen beleuchtet.
    Über den letzten Abschnitt (dem Vater glauben) muss ich noch nachdenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.