Verkettete Verkettungen

Signifikantenkettenhemd

Gallischer Krieger mit RingpanzerSta­tue ei­nes gal­li­schen Krie­gers mit rö­mi­schen Waf­fen und Ring­pan­zer­hemd
Mu­se­um Cal­vet, Avi­gnon, Frank­reich; Foto von Fa­bri­ce Phi­li­bert-Cail­lat 

Si­gni­fi­kan­ten – Lau­te, Wör­ter, Sät­ze – sind zeit­lich nach­ein­an­der ver­ket­tet. Wenn wir spre­chen, spu­len wir die Si­gni­fi­kan­ten hin­ter­ein­an­der in der Zeit ab, dia­chron. Wenn wir schrei­ben, ord­nen wir das Pro­dukt in Li­ni­en an, das räum­li­che Ne­ben­ein­an­der steht für das das zeit­li­che Nach­ein­an­der. Die­se Li­ni­en ver­lau­fen, hier­zu­lan­de, mehr oder we­ni­ger ho­ri­zon­tal (es geht auch ver­ti­kal, wie ich kürz­lich bei ei­nem Links­hän­der ge­se­hen habe). Das zeit­li­che Nach­ein­an­der der Si­gni­fi­kan­ten­ver­knüp­fung ist dar­an be­tei­ligt, den Sinn des Ge­sag­ten her­vor­zu­brin­gen, das Si­gni­fi­kat; wenn wir die Rei­hen­fol­ge der Si­gni­fi­kan­ten än­dern, wech­selt häu­fig die Be­deu­tung. „Jan liebt Jana“ meint et­was an­de­res als „Jana liebt Jan“. Lei­der, wird man­cher hin­zu­seuf­zen.

Eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te (bit­te nicht „si­gni­fi­kan­te Ket­te“) hat je­doch, La­can zu­fol­ge, kei­nes­wegs eine aus­schließ­lich „ho­ri­zon­ta­le“ Ver­laufs­rich­tung. An je­dem Ele­ment der „ho­ri­zon­ta­len“ Ket­te ist viel­mehr eine „ver­ti­ka­le“ Ket­te ein­ge­hängt. Saus­su­re un­ter­schei­det die syn­tag­ma­ti­sche Be­zie­hung (zeit­lich nach­ein­an­der) von der pa­ra­dig­ma­ti­schen oder aso­zia­ti­ven (gleich­zei­tig), Ja­kobson die Kom­bi­na­ti­on von der Se­lek­ti­on. La­can be­zieht sich auf die dia­chro­ne Ver­knüp­fung mit dem Be­griff der Me­to­ny­mie, auf die syn­chro­ne Be­zie­hung mit dem der Me­ta­pher.1

Wor­auf kann man ver­wei­sen, wenn man für die zwei­di­men­sio­na­le Struk­tur der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ei­nen an­schau­li­chen Ver­gleich ge­ben möch­te? Am bes­ten, man folgt dem Bei­spiel La­cans und er­läu­tert die zwei­ach­si­ge Ver­knüp­fung durch den Hin­weis auf eine mehr­stim­mi­ge Par­ti­tur.2 Die Töne wer­den nach­ein­an­der er­zeugt, das er­gibt die Mo­ti­ve, Me­lo­di­en und The­men; die­se Ver­ket­tungs­rich­tung wird in ei­ner Par­ti­tur durch die Ab­fol­ge in ho­ri­zon­ta­ler Rich­tung dar­ge­stellt. Bei Mehr­stim­mig­keit und bei Or­ches­trie­rung tre­ten die meis­ten Töne gleich­zei­tig mit an­de­ren auf; die­se Syn­chro­ni­zi­tät wird in der Par­ti­tur durch die ver­ti­ka­le Ach­se re­prä­sen­tiert. Als Bei­spiel für eine zwei­di­men­sio­na­le Ver­knüp­fung könn­te man auch auf den Text ei­ner Web­sei­te ver­wei­sen, so­fern es sich da­bei um ei­nen Hy­per­text han­delt, um ei­nen Text, der, wie die­ser hier, mit Links aus­ge­stat­tet ist; die Ver­ket­tung der Wör­ter im Haupt­text ent­spricht der ho­ri­zon­ta­len Ach­se, die Be­zie­hung der Ver­lin­kung der ver­ti­ka­len.

Bei die­sen Il­lus­tra­tio­nen der zwei­di­men­sio­na­len Ver­ket­tung, Par­ti­tur und Link, wird et­was ge­op­fert: der Be­zug zur Ket­te im wört­li­chen Sin­ne, ich mei­ne da­mit je­nes be­kann­te Ar­te­fakt, das aus gleich­ar­ti­gen, be­weg­lich mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Ele­men­ten zu­sam­men­ge­setzt ist. Wo fin­de ich eine ve­ri­ta­ble Ket­ten, de­ren Glie­der in zwei Di­men­sio­nen mit­ein­an­der ver­linkt sind?

Kettenhemd4Bei den al­ten Krie­gern. Das Ket­ten­hemd ist eine alt­ehr­wür­di­ge Kriegs­be­klei­dung, die äl­tes­ten Ex­em­pla­re hat man in kel­ti­schen Grä­bern des 4. Jahr­hun­derts v. Chr. ge­fun­den. Es ist aus Me­tall­rin­gen zu­sam­men­ge­setzt, wes­halb His­to­ri­ker von „Ring­pan­zer­hem­den“ spre­chen. Ein Ring ge­hört hier zu min­des­tens zwei Ket­ten, ei­ner ho­ri­zon­ta­len und ei­ner ver­ti­ka­len. Im ne­ben­ste­hend ab­ge­bil­de­ten Ket­ten­hemd-Fli­cken gibt es für die ver­ti­ka­le Ket­te meh­re­re Zu­ord­nungs­mög­lich­kei­ten, man kann die Ver­knüp­fung bei­spiels­wei­se so re­kon­stru­ie­ren, dass sich in je­dem Glied zwei schräg ver­lau­fen­de Ket­ten kreu­zen.

Eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, das sind, La­can zu­fol­ge,

Rin­ge, die in ei­ner Ket­te sich in den Ring ei­ner an­de­ren Ket­te ein­fü­gen, die wie­der aus Rin­gen be­steht.“3

Die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist ein Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten­hemd.

NACHTRAG vom 28.1.2011: Ger­hard Herr­gott schreibt mir:

Mir scheint, daß das Ket­ten­hemd-Bild stark ist, aber auch ir­re­füh­rend sein kann; und daß das La­can-Zi­tat am Ende nicht not­wen­dig ein Ket­ten­hemd be­schreibt, son­dern et­was of­fe­ne­res; das Ket­ten­hemd ist ein über-ko­hä­ren­ter Son­der­fall von Ver­ket­tun­gen von Ket­ten, bei de­nen die an­gren­zen­den Ket­ten­glie­der sämt­lich par­al­lel ver­ket­tet sind; das ist bei Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten aber nicht nur ge­wöhn­lich nicht der Fall; mir wür­de über­haupt kein Bei­spiel ein­fal­len, wo das so funk­tio­niert.“

Mei­ne Ant­wort: Leuch­tet mir ein. La­cans Be­schrei­bung wird zwar auch durch ein Ket­ten­hemd er­füllt, aber nur als Grenz­fall. Neu­er Vor­schlag: Eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ist ein Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten­hemd – nach der Schlacht, mit je­der Men­ge Durch­sti­chen.

Die De­tail­auf­nah­me der Ring­ver­ket­tung stammt von der Web­site rollke.com, auf der ge­dul­di­ge Men­schen eine An­lei­tung fin­den, wie sie sich ihr Ket­ten­hemd selbst zu­sam­men­bie­gen kön­nen.

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Anmerkungen

  1. Vgl. La­can: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). Über­setzt von Nor­bert Haas. In: La­can: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg im Breis­gau 1975, S. 15–55, v.a. S. 28.
  2. Ebd.; La­can über­nimmt das Bei­spiel von Lévi-Strauss, Die Struk­tur der My­then.
  3. A.a.O., S. 26.

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