Der Schnitt und das Ende der Sitzung

End of session 3

Ausgearbeitete Fassung des zweiten Teils von drei Teilen eines Vortrags, den ich auf Einladung des Psychoanalytischen Kollegs am 29. Januar 2016 in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin gehalten habe.

Lacan hat die variable Dauer seiner psychoanalytischen Sitzungen unter anderem in Seminar 6 von 1958/59 begründet, Das Begehren und seine Deutung. Dabei arbeitet er mit dem Begriff des Schnitts, den er wiederum als ein Verhältnis zwischen dem Realen und dem Symbolischen bestimmt. Er verbindet also die praktische Frage nach der Sitzungsdauer mit der theoretischen Frage nach der Beziehung zwischen dem Realen und dem Symbolischen.

Ich übersetze im Folgenden die entscheidende Passage aus Seminar 6, die im Deutschen offenbar nicht rezipiert worden ist. Die Übersetzung folgt der Staferla-Version des Seminars.1

Umrahmt wird die Übersetzung von einführenden Hinweisen sowie von einem Blick auf die Sekundärliteratur.

Dieser Artikel ergänzt den vorangegangenen Beitrag Der Schnitt: die Einschreibung des Realen in das Symbolische. Beide Texte zusammen enthalten die vollständige Übersetzung aller Passagen zum Schnitt in Seminar 6.

Sitzungsdauer

Wer bei Lacan in Analyse war, machte die Erfahrung, dass die Dauer einer Sitzung von Treffen zu Treffen wechselte. Mit dieser Praxis begann er gegen Ende der vierziger Jahre; um 1953 dauerte eine Sitzung bei ihm zwischen 10 und 40 Minuten. Im Verlauf der Jahre wurden die Sitzungen immer kürzer.2

Dieses Vorgehen verstieß gegen eine Norm, die in den zwanziger Jahren von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) erlassen worden war und die die Dauer der Sitzungen auf 45 oder 50 Minuten festlegte – diese Regelung gilt bis heute.

In der Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich spielte Lacans abweichende Praxis eine beträchtliche Rolle.

Lacan gehörte anfangs zur Société psychanalytique de Paris (SPP), einer Gesellschaft, die Mitglied der IPV war. 1954 spaltete sich von der SPP eine Gruppe ab und gründete eine eigene Gesellschaft, die Société française de psychanalyse (SFP); zu dieser Gruppe gehörte Lacan. In dem Konflikt um die Ausbildung, der der Spaltung vorausging, war die Länge seiner Analysesitzungen zwar nicht der entscheidende Streitpunkt, aber doch ein Thema – die Ausbildungskommission der SPP hatte sich geweigert, von Lacan ausgebildete Kandidaten anzuerkennen, da deren Lehranalysen nicht den Standards entsprachen.

Die neu gegründete Gesellschaft bemühte sich um Anerkennung durch die IPV. Diese knüpfte die Aufnahme unter anderem an die Bedingung, die Sitzungszeiten an die Norm anzupassen, und sie verlangte den Ausschluss Lacans – nicht nur wegen der Dauer seiner Sitzungen, sondern auch deshalb, weil die Übertragungsbeziehung von ihm unzureichend analysiert werde. Um in den internationalen  Verband aufgenommen zu werden, beugte sich die SFP dem Druck und entzog Lacan im Jahr 1963 die Zulassung als Lehranalytiker. Daraufhin trat er aus der SFP aus und gründete 1964 eine neue psychoanalytische Gesellschaft, die École freudienne de Paris (EFP).

Wie begründet Lacan die Dauer seiner psychoanalytischen Sitzungen? Soweit ich es überblicke, hat er sich bei drei Gelegenheiten dazu geäußert.
– Zwischen 1951 und 1953 hält er vor den Vollmitgliedern der SPP drei Vorträge zu diesem Thema, die jedoch nie veröffentlicht wurden.3
– Im sogenannten Rom-Vortrag von 1953 bezieht er sich ausführlich auf diese Frage. Er bezeichnet hier das Abbrechen der Sitzung als „Interpunktion“ der Rede des Patienten, und er weist dieser Praxis die Funktion zu, einen Sinn festzulegen – also eine Deutung vorzunehmen –, um auf diese Weise das „wahre Sprechen“ zu entbinden.4
– Eine dritte Begründung gibt Lacan in Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung. Hier operiert er mit den Begriff des Schnitts, den er zuvor ausführlich bestimmt hatte, im Verhältnis zu den Begriffen des Realen, des Symbolischen, des  Begehrens und des Seins.

Beim Streit um die Sitzungsdauer prallen zwei Beschreibungsweisen aufeinander. Die IPV begreift die Sitzungsdauer offenbar als Mindestdauer; sie kritisiert, dass Lacan dieses Zeitmaß unterschreitet – das Problem sind für sie Lacans „Kurzsitzungen“. Lacan antwortet auf einer anderen Ebene, er orientiert sich am binären Code konstant/variabel und verteidigt die variable Dauer seiner Sitzungen. Aber natürlich wäre es möglich, die Sitzungen so zu gestalten, dass sie dem Kriterium der Mindestdauer genügen und gleichzeitig variabel sind. Umgekehrt könnten Sitzungen, die unterhalb der 50- oder 45-Minuten-Schwelle liegen, eine konstante Dauer haben. Ein Argument dafür, warum Sitzungen kürzer sein sollen als 50 oder 45 Minuten, habe ich bei Lacan nicht gefunden. Anders gesagt: er weicht aus, durch eine alternative Problembeschreibung.

Da es von Seminar 6 keine deutsche Fassung gibt, übersetze ich im Folgenden die Passagen über die Sitzungszeit.

Zuvor jedoch einige Zitate aus demselben Seminar, die das Konzept des Schnitts verdeutlichen. Eine ausführliche Darstellung dieses Begriffs findet man in dem Blogartikel Der Schnitt: die Einschreibung des Realen in das Symbolische.

Schnitt

Manifestation des Realen im Symbolischen

Was ist der Schnitt?

„Das ist es, worum es geht, es geht um das Verhältnis des Realen des Subjekts als in den Schnitt eintretend und um diese Ankunft des Subjekts, auf der Ebene des Schnitts, bei etwas, was man durchaus ein Reales nennen muss, was aber durch nichts symbolisiert wird.“5

Der Schnitt bezieht sich auf das Reale.

„Das Sein, wir werden also sagen, dass es strenggenommen das Reale ist, insofern es sich auf der Ebene des Symbolischen manifestiert, aber dass wir es recht verstehen, dass dies auf der Ebene des Symbolischen ist. Auf jeden Fall, was uns angeht, so müssen wir sie nicht anderswo bedenken, diese Sache, die ganz einfach zu sein scheint, dies, dass es etwas Hinzugefügtes gibt, wenn wir sagen, es ist das, und dass dies auf das Reale abzielt, insofern, als im Symbolischen das Reale affirmiert oder zurückgewiesen oder verleugnet wird.

Dieses Sein, es ist nirgendwo anders – dass dies recht verstanden werde – als in den Intervallen, in den Schnitten und dort, wo es im eigentlichen Sinne des Wortes das am wenigsten Signifikante der Signifikanten ist, nämlich der Schnitt. Dass es dasselbe ist wie der Schnitt, vergegenwärtigt es im Symbolischen. […] Ich möchte sagen – auf abgekürzte Weise, denn um weiter zu gehen, muss ich voraussetzen, dass Sie sich durch eine gewisse Zeit der Reflexion das angeeignet haben, was ich bereits gesagt habe –, dass das Begehren eng mit dem verbunden ist, was sich insofern ereignet, als das Menschenwesen / das menschliche Sein [l’être humain] sich im Signifikanten artikulieren muss, und insofern es in den Intervallen als Sein erscheint […].“6

Das Sein (des Subjekts) ist das Reale (des Subjekts), insofern es sich auf der Ebene des Symbolischen manifestiert – in den Intervallen, im Schnitt.

Das Subjekt als Schnitt im Phantasma

Lacan bezieht sich auf die Formel des Phantasmas, $ ◊ a.

„Diese Notation bedeutet, dass im Phantasma das Subjekt als Subjekt des unbewussten Diskurses gegenwärtig ist. Das Subjekt ist hier gegenwärtig, insofern es im Phantasma durch die Funktion des wesentlichen Schnitts repräsentiert wird, der der seine ist, des Schnitts in einer Rede, die nicht irgendeine Rede ist, die eine Rede ist, die ihm entgeht, die Rede des Unbewussten.“7

Im Phantasma wird das Subjekt durch den Schnitt repräsentiert, des Schnitts in der Rede des Unbewussten.

„Es ist jedoch gerade wichtig, an dem Gegensatz festzuhalten, von dem aus dieser Austausch sich vollzieht, nämlich die Gruppierung von $ gegenüber von a, von einem Subjekt, das sicherlich imaginär ist, aber im radikalsten Sinne, in dem Sinne, dass es das reine Subjekt der Unterbrechung der Verbindung ist, des gesprochenen Schnitts, insofern der Schnitt die wesentliche Skandierung ist, wo das Sprechen sich aufbaut.“8

In der Formel des Phantasmas ist das Subjekt, $, das Subjekt der Verbindungsunterbrechung, d..h. des Schnitts im (unbewussten) Sprechen.

Abgeschnittene Sätze

Lacan bezieht sich auf den bereits von Freud untersuchten autobiographisch beschriebenen Wahn von Daniel Paul Schreber. Schreber halluziniert Stimmen, und diese Stimmen sprechen zu ihm Sätze, die unvermittelt abbrechen: „Nun will ich mich …“, „Sie sollen nämlich …“, „Das will ich mir …“.9

„Und als wir den Wahn des Präsidenten Schreber analysiert haben, habe ich den Akzent auch auf diesen Charakter des Schnitts gesetzt, der so deutlich herausgestellt wird, dass die von Schreber gehörten Stimmen genau die Anfänge von Sätzen sind: ‚Sie sollen werden*‘ usw., und genau Wörter, bedeutsame Wörter, die unterbrochen werden, die Platz machen und die hinter ihrem Schnitt den Appell an die Bedeutung auftauchen lassen. Das Subjekt ist darin tatsächlich verwickelt, aber genau gesagt insofern, als es selbst verschwindet, dahinstirbt, sich ganz in diese Bedeutung stürzt, die sich nur auf globale Weise auf es richtet. (…) Das ist das Subjekt, als das, was im Intervall ist, als das, was im Intervall des Diskurses des Unbewussten ist, als das, was eigentlich die Metonymie dieses Seins ist, das sich in der unbewussten Kette ausdrückt.“10

Das Abbrechen der Sätze ist eine Form des Schnitts. Dieser Schnitt ist ein Appell an die Bedeutung. Damit wird jedoch nicht eine bestimmte Bedeutung ins Spiel gebracht, vielmehr wird Bedeutung nur global evoziert, gewissermaßen Bedeutung überhaupt. In diesem Schnitt, in diesem Intervall ist das Subjekt. Im Schnitt ist das Subjekt als Metonymie des Seins.

Begründung der variablen Sitzungsdauer mit dem Schnitt

Subjekt als Schnitt

Insofern das Subjekt der Schnitt im Diskurs ist, ist das Subjekt ein Sein – ein „ich bin“ –,

„dessen einzigartige Eigenschaft darin besteht, sich in dieser Realität zu erfassen, die wirklich die letzte ist, in der ein Subjekt sich erfassen kann, nämlich in der Möglichkeit, irgendwo die Rede abzuschneiden, einen Punkt zu setzen.“11

Das Letzte, worin ein Subjekt sich erfassen kann, ist die Möglichkeit, die Rede abzuschneiden

Ende der Sitzung als Schnitt

„Die Zeit ist ziemlich weit vorangeschritten, so dass ich hier innehalte. Auch das ist ein Schnitt. Er hat einfach den Fehler, willkürlich zu sein.“12

Das Ende der Sitzung ist ein Schnitt. Beendet man eine Sitzung zu einem vorher festgesetzten Zeitpunkt, ist er willkürlich, und das ist ein Fehler.

Ähnlich hatte Lacan sich bereits im Seminar Die Objektbeziehungen geäußert (Seminar 4 von 1956/57). Er zitiert dort den berühmten Satz „Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!“ und fährt dann fort:

„Das ist eine einfache Weise, um meine heutige Vorlesung zu skandieren, das ist ein einfacher Halt. Sehen Sie darin nicht das Wesentliche der Vorlesung, das ich Ihnen heute liefern möchte! Sehen Sie darin einfach einen Schnitt, notwendig aufgrund der vorangeschrittenen Zeit, zu der diese Rede uns geführt hat.“13

Das Beenden einer Sitzung ist eine Skandierung, anders gesagt: ein Schnitt (zu diesem Zeitpunkt hat Lacan die Metapher des Schnitts jedoch noch nicht zu einem Begriff ausgebaut).

Der Schnitt als eine der wirksamsten Methoden der Intervention

Zurück zu Seminar 6:

„Dieses Begehren des Subjekts, als Begehren des Begehrens, öffnet sich gegenüber dem Schnitt, gegenüber dem reinen Sein, das sich hier in Gestalt des Mangels manifestiert hat.

Dieses Begehren des Begehrens des Anderen – welchem Begehren wird es in der Analyse letztendlich gegenüberstehen, wenn nicht dem Begehren des Analytikers? Eben deshalb ist es so notwendig, dass wir uns diese Dimension vor Augen halten, über die Funktion des Begehrens.

Die Analyse ist keine schlichte Wiederherstellung der Vergangenheit. Die Analyse ist auch keine Zurückführung zu vorgeformten Normen. Die Analyse ist kein epos. Die Analyse ist kein ēthos.14 Wenn ich sie mit etwas verglichen habe, dann mit einer Erzählung, die so wäre, dass die Erzählung selbst der Ort der Begegnung ist, um den es in der Erzählung geht.

Das Problem der Analyse ist genau dies, dass das Begehren, dem das Subjekt begegnen muss – nämlich dem Begehren des Anderen, unserem Begehren, diesem Begehren, das nur allzu präsent ist in dem, wovon das Subjekt annimmt, dass wir es von ihm beanspruchen –, dass dieses Begehren sich in der paradoxen Situation befindet, dass wir dieses Begehren des Anderen, das für uns das Begehren des Subjekts ist, dass wir es nicht zu unserem Begehren führen müssen, sondern zu einem anderen. Wir lassen das Begehren des Subjekts heranreifen, für einen anderen als uns selbst, wir befinden uns in dieser paradoxen Situation, Zwischenträger zu sein, Geburtshelfer, diejenigen, die das Heraufkommen des Begehrens anleiten.

Wie kann eine solche Situation aufrechterhalten werden? Sie kann sicherlich nur durch die Anwendung eines Kunstgriffs aufrechterhalten werden, durch die analytische Regel insgesamt.

Aber die letzte Triebfeder dieses Kunstgriffs, ist das nicht etwas, was es uns zu erfassen erlaubt, wo in der Analyse sich diese Öffnung auf den Schnitt hin herstellen kann, diejenige Öffnung, ohne die wir die Situation des Begehrens nicht denken können?

Wie immer, ist das sicherlich diejenige Wahrheit, die am trivialsten ist und zugleich diejenige Wahrheit, die am meisten verborgen ist. Das Wesentliche in der Analyse – in dieser Situation, in der wir derjenigen sind, der sich für alle Ansprüche als Stütze anbietet und der auf keinen davon antwortet –: ist es nur diese Nicht-Antwort, die keineswegs eine absolute Nicht-Antwort ist, was die Triebfeder unserer Gegenwart ausmacht?

Müssen wir nicht einen wesentlichen Anteil dem zuweisen, was sich am Ende jeder Sitzung wieder herstellt – was jedoch der gesamten Situation innewohnt, insofern unser Begehren sich auf diese Leere beschränken muss, auf diesen Platz, den wir dem Begehren lassen, damit es sich hier verortet –, nämlich dem Schnitt? Dem Schnitt, der sicherlich die wirksamste Methode der Intervention und der analytischen Deutung ist.

Und darum ist eines der Dinge, auf denen wir am meisten beharren müssten, dass wir diesen Schnitt – den wir mechanisch vollziehen, den wir auf eine vorgefertigte Zeit beschränkt vollziehen –, dass wir ihn effektiv nicht nur ganz woanders vornehmen. Das ist eine der wirksamsten Methoden unserer Intervention. Das ist auch eine derjenigen, auf die wir uns am meisten konzentrieren müssten.

In diesem Schnitt gibt es jedoch etwas, eben diese Sache, die wir zu erkennen gelernt haben in Gestalt des phallischen Objekts, das in jedem Anspruchsverhältnis als Signifikant des Begehrens latent vorhanden ist.“15

Hier noch einmal in meinen Worten:

Das Begehren des Subjekts ist Begehren des Begehrens: das Begehren ist das Begehren des Anderen (das Begehren des Subjekts hat seinen Platz in der Beziehung zum Begehren auf der Seite des Anderen).

Als Begehren des Begehrens des Anderen öffnet sich das Begehren des Subjekts gegenüber dem Schnitt.

Es öffnet sich gegenüber dem Schnitt, das heißt, es öffnet sich gegenüber dem reinen Sein; das Sein – so hatte Lacan zuvor in Seminar 6 erläutert – ist das Reale, das sich im Symbolischen manifestiert, und es manifestiert sich im Symbolischen in Gestalt des Schnitts (vgl. diesen Blogartikel). Das reine Sein manifestiert sich in Gestalt des Mangels, des Nichtseins, des Seinsmangels – das Begehren ist Seinsmangel.

Das Begehren des Anderen, mit dem das Subjekt es in einer Psychoanalyse zu tun hat, ist zunächst das Begehren des Analytikers. Aber das Begehren, dem das Subjekt letztlich begegnen muss, ist nicht das des Analytikers, sondern das eines anderen Anderen – das Begehren seiner Eltern, seiner Großeltern usw. Das Begehren des Analytikers hat nur die Funktion, das Heraufkommen dieses anderen Begehrens des Anderen zu ermöglichen. Wie ist das möglich? Vor allem durch die psychoanalytische Grundregel, wonach der Patient16 alles sagen soll, was ihm in den Kopf kommt. Diese Technik soll einen Zugang zum Begehren ermöglichen.

Der Zugang zum Begehren ist nicht nur dadurch möglich, dass der Analytiker die Forderungen, die Ansprüche des Patienten nicht beantwortet, also nicht nur durch Frustration oder, wie Freud es nennt, Versagung.

Der Zugang zum Begehren wird wesentlich durch den Schnitt ermöglicht. Ohne die Öffnung auf den Schnitt hin gibt es keinen Zugang zum Begehren.

Ein Schnitt stellt sich am Ende jeder Sitzung her.

Der Schnitt wohnt aber der gesamten psychoanalytischen Situation inne, insofern das Begehren des Analytikers sich auf die Leere beschränken muss, damit das Begehren des Patienten sich hier verorten kann.

Der Schnitt ist eine der wirksamsten Methoden der psychoanalytischen Intervention und der psychoanalytischen Deutung.

Deshalb müssen „wir“ darauf beharren, den Schnitt nicht mechanisch zu vollziehen, also darauf, die Sitzung nicht zu einem vorgegebenen Zeitpunkt zu beenden. (Wer ist hier „wir“? Lacan? seine Zuhörer? Psychoanalytiker schlechthin?)

Dieser Schnitt ist latent mit dem phallischen Objekt verbunden, mit dem Phallus als Signifikanten des Begehrens des Anderen, also dessen, was der Andere begehrt.

Was erfährt man hier Neues gegenüber den Ausführungen im Rom-Vortrag? Neu sind vor allem die Termini des Begehrens und des Schnitts. Dabei fungiert die Metapher des Schnitts hier als theoretischer Begriff – im Schnitt, so heißt es in Seminar 6, schreibt sich das Symbolische in das Reale ein; im Schnitt manifestiert sich das Sein des Subjekts, insofern dieses Sein ein Nichtsein ist, d..h. Begehren.

Der Fels des Kastrationskomplexes und sein Jenseits

Welche Konsequenzen hat eine psychoanalytische Praxis, die sich auf den Schnitt konzentriert?

Freud zufolge stranden die meisten Analysen am „gewachsenen Fels“ des Kastrationskomplexes – des Peniswunsches bei der Frau und des „männlichen Protests“, d..h. der Weigerung des Mannes, gegenüber einem anderen Mann eine passive Haltung einzunehmen (da dieser als kastrierender Vater angesehen wird).17

In der folgenden Bemerkung knüpft Lacan hieran an:

„Darum kann man sagen, dass im Ausgang der analytischen Entmystifizierung der Position des Neurotikers etwas in seiner Struktur bestehen zu bleiben scheint, zumindest das, was Freud uns mit seiner eigenen Erfahrung bezeugt, das sich als ein Rest darstellt, als etwas, was dafür sorgt, dass das Subjekt in jedem Fall in einer inadäquaten Position bleibt, derjenigen der Phallusgefahr beim Mann, derjenigen der Phallusabwesenheit bei der Frau.

Aber das ist vielleicht auch insofern so, als in der Betrachtungsweise, die für die Lösung des Problems der Neurose zunächst angenommen wurde, die transversale Dimension – das, worin das Subjekt es in seinem Begehren mit der Manifestation seines Seins als solchem zu tun hat, mit ihm als möglichem Urheber des Schnitts –, insofern als diese transversale Dimension vernachlässigt wird, anders ausgedrückt, dass der Analytiker auf die Reduktion der neurotischen Position des Begehrens abzielt und nicht auf das Herausarbeiten der Position des Begehrens als solcher, außerhalb des Verklebtseins in diese spezielle Dialektik, die des Neurotikers.“18

Dass so viele Analysen am Kastrationskomplex scheitern, hat seinen Grund möglicherweise darin, dass die Dimension des Schnitts vernachlässigt wird. Eine weitreichende Vermutung!

Zu Nicolas Langlitz, Die Zeit der Psychoanalyse

Nicolas Langlitz hat ein Buch über Lacans Begründung der variablen Sitzungsdauer geschrieben, Die Zeit der Psychoanalyse.19 Er rekonstruiert darin zunächst den Zusammenhang zwischen der variablen Sitzungsdauer und Lacans Theorie der Zeitlichkeit. Den Abschluss bildet die Frage der Gesamtdauer der Kur; hierfür bezieht er sich auf das Spätwerk und darin auf den Begriff des Realen. In diesem Zusammenhang schreibt er:

„Obwohl Lacan seit 1953 von der Triade des Imaginären, des Symbolischen und des Realen sprach, kam der dritten Dimension während der fünfziger Jahre in Lacans Arbeiten nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Diese Zeit war vor allen Dingen durch eine Lektüre Freuds vor dem Hintergrund der strukturalistischen Linguistik geprägt. Lacans Interesse galt primär der Sprache, und das Reale als deren anderes trat nur am Rande auf. Als das bloß Nichtsprachliche, als rohe, prädiskursive Materialität schien es für eine Theorie der talking cure nicht weiter von Belang zu sein. Er rückte es in die Nähe eines biologischen Substrats des Subjekts, wenn er es als strukturiertes ‚Gegebenes‘ charakterisierte, welches das Subjekt durch seine stofflichen Metabolismen determiniert (im Gegensatz zur Determination durch den ‚universalen Diskurs‘).“20

Langlitz irrt sich doppelt. Die variable Sitzungsdauer wird von Lacan bereits in den fünfziger Jahren mit dem Begriff des Realen begründet, eben in Seminar 6 von 1958/59: mit dem Begriff des Schnitts, der sich wiederum auf das Reale bezieht – der Schnitt ist die Einschreibung des Realen in das Symbolische.

Das Reale ist hierbei auch keine Restkategorie. Lacan fragt nach der Beziehung zwischen dem Realen und dem Symbolischen, und er verortet diese Beziehung im Schnitt, im Intervall zwischen den Signifikanten. Der Schnitt ist der Ort, an dem im Symbolischen das Reale erscheint, diese These wird im letzten Drittel von Seminar 6 breit entwickelt.

Langlitz beansprucht, die Theorie der Zeitlichkeit zwischen 1953 und 1964 zu rekonstruieren.21 Seine Rekonstruktion hat eine entscheidende Lücke. Die in Seminar 6 von 1958/59 vorgetragene Begründung der variablen Sitzungsdauer durch das Konzept des Schnitts und damit des Realen wird nicht erwähnt.

Verwandte Beitrage

Anmerkungen

  1. In den Fußnoten gebe ich außerdem die Seitenzahlen der offiziellen Ausgabe des Seminars an: J. Lacan: Le désir et son interprétation. Le séminaire, livre VI. 19581959. Textherstellung von Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 2013.
  2. Vgl. Nicolas Langlitz: Die Zeit der Psychoanalyse. Lacan und das Problem der Sitzungsdauer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, Kapitel 3 „Die Praxis der variablen Sitzungsdauer“ S. 84127; PDF-Dateien der zugrundeliegenden Dissertation findet man im Internet hier.– Elisabeth Roudinesco: Jacques Lacan. Bericht über ein Leben, Geschichte eines Denksystems. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996, S. 305310.
  3. Vgl. Roudinesco, a.a.O., S. 308.
  4. J. Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Übersetzt von Klaus Laermann. In: Ders.: Schriften I. Hg. v. Norbert Haas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 71169, hier: S. 129, 155162.
  5. Seminar 6, Sitzung vom 27. Mai 1959; vgl. Version Miller, S. 471.
  6. Seminar 6, Sitzung vom 3. Juni 1959; vgl. Miller, S. 482 f.
  7. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; vgl. Version Miller, S. 536.
  8. Seminar 6, Sitzung vom 1. Juli 1959; vgl. Version Miller, S. 564 f.
  9. Die Struktur dieser Sätze hatte Lacan in seinem Psychose-Aufsatz analysiert: J.L.: Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht (1958). In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 971, hier: S. 20.
  10. Seminar 6, Sitzung vom 20. Mai 1959; vgl. Version Miller, S. 459, Satz mit Sternchen im Original deutsch.
  11. Seminar 6, Sitzung vom 24. Juni 1959; vgl. Version Miller, S. 540.
  12. Sitzung vom 3. Juni 1959; vgl. Version Miller, S. 497.
  13. Seminar 4, Sitzung vom 5. Juni 1957; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller/Gondek, S. 435.
  14. Das griechische Wort epos bedeutet „Erzählung“, das griechische Wort ēthos bedeutet „Gewohnheit“, „Sitte“.
  15. Seminar 6, Sitzung vom 1. Juli 1959; vgl. Version Miller, S. 571 f.
  16. In Seminar 6 spricht Lacan beständig vom patient; den Begriff analysant prägt er erst 1967.
  17. S. Freud: Die endliche und die unendliche Analyse (1937). In: Ders.: Studienausgabe. Schriften zur Behandlungstechnik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 351392, hier: Teil VIII, darin S. 390392.
  18. Seminar 6, Sitzung vom 10. Juni 1969; vgl. Version Miller, S. 509.
  19. Nicolas Langlitz: Die Zeit der Psychoanalyse. Lacan und das Problem der Sitzungsdauer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
  20. Langlitz, a.a.O., S. 242.
  21. Vgl. Langlitz, a.a.O., S. 124.

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