Graf des Begehrens

Der Liebesanspruch: komm (geh)!

Graf des Begehrens - NUR OBEN Linie des Liebesanspruchs rotGraph des Be­geh­rens, obe­res Stock­werk 

Wo­für steht in La­cans Gra­phen des Be­geh­rens die obe­re, von links nach rechts füh­ren­de Pfeil­li­nie, also die Li­nie, die ich in der Ab­bil­dung oben rot ein­ge­färbt habe?

Graf des Begehrens - Linie des Liebesanspruchs rot

Graph des Be­geh­rens

Der Graph des Be­geh­rens ist eine räum­li­che Dar­stel­lung der Struk­tur des spre­chen­den Sub­jekts und da­mit der Ge­samt­heit der Phä­no­me­ne im Fel­de der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung. Das Sche­ma wur­de von La­can in Se­mi­nar 5 von 1957/58 (Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten) und Se­mi­nar 6 von 1958/59 (Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung)  ent­wi­ckelt so­wie in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten, ei­nem Text, der 1962 ge­schrie­ben und 1966 ver­öf­fent­licht wur­de. 1

Die Grund­kon­struk­ti­on sieht so aus: Es gibt ein gro­ßes Huf­ei­sen, das von $ (un­ten rechts) über $◊D (oben rechts) und S(Ⱥ) (oben links) nach I(A) (un­ten links) führt; dies ist die Li­nie der In­ten­tio­na­li­tät. Die­se Li­nie wird von zwei quer von links nach rechts ver­lau­fen­den Li­ni­en ge­kreuzt; die un­te­re führt von „Si­gni­fi­kant“ nach „Stim­me“, die obe­re von „Ge­nie­ßen“ nach „Kas­tra­ti­on“. Die­se bei­den Quer­li­ni­en ste­hen für Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten, Ver­bin­dun­gen von Si­gni­fi­kan­ten im zeit­li­chen Nach­ein­an­der. Die bei­den Stock­wer­ke des Gra­phen ste­hen, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie, für das Be­wuss­te (un­ten) und das Un­be­wuss­te (oben). Die un­te­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie re­prä­sen­tiert das ge­wöhn­li­che be­wuss­te Spre­chen. Die obe­re Li­nie re­prä­sen­tiert ein „Spre­chen“, bei dem die Be­deu­tun­gen der Si­gni­fi­kan­ten Spre­chern und Hö­rern ver­sperrt sind, das Spre­chen des Un­be­wuss­ten; in Freuds Spra­che: sie steht für die „un­be­wuss­ten Ge­dan­ken“. 

Mit der un­te­ren Quer­li­nie ist eine be­stimm­te Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ge­meint, die For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Und wor­um geht es bei der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, die durch die obe­re Quer­li­nie dar­ge­stellt wird?

La­can gibt eine kla­re Ant­wort, die er mit gro­ßem Auf­wand ent­wi­ckelt: Die obe­re Quer­li­nie re­prä­sen­tiert den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch (de­man­de d’amour), den beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes ver­dräng­ten Lie­bes­an­spruch.

Den Be­griff des Lie­bes­an­spruchs führt La­can in Se­mi­nar 5 von 1957/58 ein, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten.2 Der Lie­bes­an­spruch ist die an den An­de­ren ge­rich­te­te For­de­rung, von ihm ge­liebt zu wer­den. Dar­in ma­ni­fes­tiert sich die For­de­rung nach An­er­ken­nung durch den An­de­ren.3 

Die­se Zu­ord­nung des Lie­bes­an­spruchs zum Gra­phen des Be­geh­rens habe ich, zu mei­nem Er­stau­nen, in der Se­kun­där­li­te­ra­tur nicht ge­fun­den.

Wer sich über den Gra­phen in­for­mie­ren will, wird viel­leicht zu­erst zum La­can-Le­xi­kon von Dy­lan Evans grei­fen; er fin­det hier ei­nen Ar­ti­kel zum Gra­phen, dar­in je­doch kei­nen Hin­weis auf den Lie­bes­an­spruch.4 Als aus­sichts­rei­che­re Aus­kunfts­quel­len bie­ten sich Spe­zi­al­un­ter­su­chun­gen zum Gra­phen an. Mir sind drei Gra­pho­lo­gi­sche Ar­bei­ten be­kannt, die Un­ter­su­chun­gen von Dor, Ei­delsztein und Fink; in kei­ner habe ich die Aus­kunft ge­fun­den, dass mit der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie der Lie­bes­an­spruch ge­meint ist.5

Es gibt hier of­fen­bar eine Re­zep­ti­ons­sper­re. Ich füh­re im Fol­gen­den aus­führ­lich die Stel­len an, die be­le­gen, dass die obe­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie für den Lie­bes­an­spruch steht.

Der unbewusste Liebesanspruch

Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung und Anspruch auf Liebe

Be­zo­gen auf den Gra­phen heißt es in Se­mi­nar 5:

Was es mit der Per­spek­ti­ve des Be­dürf­nis­ses auf sich hat, so ge­ben uns die­se Zei­len die bei­den Ho­ri­zon­te des An­spruchs an. Wir fin­den hier den An­spruch als ar­ti­ku­liert, in­so­fern je­der An­spruch auf Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses durch die Eng­füh­run­gen der Ar­ti­ku­la­ti­on hin­durch­ge­hen muß, die die Spra­che zur Pflicht macht. An­de­rer­seits gibt es al­lein auf­grund der Tat­sa­che, daß man auf die Ebe­ne des Si­gni­fi­kan­ten über­wech­selt, wenn man das sa­gen kann, in sei­ner Exis­tenz und nicht mehr in sei­ner Ar­ti­ku­la­ti­on, un­be­ding­ten An­spruch auf Lie­be, und dar­aus er­gibt sich auf der Ebe­ne des­je­ni­gen, an den sich der An­spruch rich­tet, das heißt des An­de­ren, daß er selbst sym­bo­li­siert ist – was be­deu­tet, daß er als An­we­sen­heit auf dem Grun­de ei­ner Ab­we­sen­heit er­scheint, daß er als Ab­we­sen­heit an­we­send ge­macht wer­den kann. Hal­ten Sie gut fest, daß gar be­vor ein Ob­jekt im ero­ti­schen Sin­ne des Aus­drucks ge­liebt wird – in dem Sin­ne, in dem der Eros des ge­lieb­ten Ob­jekts als Be­dürf­nis wahr­ge­nom­men wer­den kann –, die Set­zung des An­spruchs als sol­cher den Ho­ri­zont des An­spruchs auf Lie­be er­schafft.“ (5: 503)6

– „Die­se Zei­len“: La­can steht an der Ta­fel und zeigt auf den Gra­phen.
– Der An­spruch (de­man­de), die For­de­rung, hat zwei Ho­ri­zon­te, und die­se bei­den Ho­ri­zon­te wer­den durch zwei Zei­len des Gra­phen an­ge­ge­ben, durch die von links nach rechts ver­lau­fen­den gro­ßen Pfeil­li­ni­en.
– Die bei­den An­spruchs­ho­ri­zon­te sind der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und der An­spruch auf Lie­be.
– Der Lie­bes­an­spruch be­zieht sich auf die An­we­sen­heit vor dem Hin­ter­grund der Ab­we­sen­heit, in ihm wird die Ab­we­sen­heit an­we­send ge­macht. An­ders ge­sagt, der Lie­bes­an­spruch lau­tet: Sei ganz für mich da!
– Mit je­dem Be­dürf­nis­an­spruch wird zu­gleich ein Lie­bes­an­spruch er­ho­ben. Wenn das Kind sagt „Gib mir Brot“ sagt es im­pli­zit „Sei für mich da!“.

Da­mit wis­sen wir, dass der Be­dürf­nis­an­spruch im­mer mit ei­nem Lie­bes­an­spruch ein­her­geht, und dass die­ser dop­pel­te Ho­ri­zont des An­spruchs im Gra­phen durch zwei Zei­len re­prä­sen­tiert wird.

Auf die­sem Sche­ma sind die bei­den Li­ni­en, auf de­nen das Be­dürf­nis des Sub­jekts sich als si­gni­fi­kant ar­ti­ku­liert‚ die des An­spruchs als An­spruch auf Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses und die des An­spruchs auf Lie­be  aus ei­nem Grund to­po­lo­gi­scher Not­wen­dig­keit ge­trennt, aber die Be­mer­kun­gen von eben pas­sen dar­auf. Die Tren­nung be­deu­tet nicht, daß sie nicht eine ein­zi­ge und sel­bi­ge Li­nie sind, in die sich ein­schreibt, was das Kind mit der Mut­ter ver­bin­det. Es gibt per­ma­nen­tes Über­ein­an­der­le­gen im Ab­lauf des­sen, was auf der ei­nen und was auf der an­de­ren die­ser bei­den Sei­ten ge­schieht.“ (5: 503)7

– „Auf die­sem Sche­ma“: das be­zieht sich wei­ter­hin auf den Gra­phen.
– Das Be­dürf­nis des Sub­jekts ar­ti­ku­liert sich „als si­gnif­kant“ auf zwei Li­ni­en, an­ders ge­sagt, es ar­ti­ku­liert sich in zwei Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten, die als zwei ori­en­tier­te Li­ni­en dar­ge­stellt wer­den.
– Die eine die­ser bei­den Li­ni­en steht für den An­spruch auf Be­frie­di­gung ei­nes Be­dürf­nis­ses, die an­de­re für den An­spruch auf Lie­be.
– Aus Grün­den to­po­lo­gi­scher Not­wen­dig­keit sind die­se bei­den Li­ni­en im Sche­ma ge­trennt.– Was meint hier „Not­wen­dig­keit“? Das ist mir nicht klar, aber si­cher­lich be­zieht sich die Rede da­von, dass die­se Not­wen­dig­keit „to­po­lo­gisch“ ist, auf die To­po­lo­gie (die räum­li­che Struk­tur) des Gra­phen.
– Em­pi­risch ge­se­hen han­delt es sich um eine ein­zi­ge Li­nie, d.h. in­dem der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung er­ho­ben wird, wird zu­gleich der Lie­bes­an­spruch vor­ge­bracht (ähn­lich 5: 588 f.).

Da­mit ist klar, dass die bei­den An­sprü­che nicht ein­fach durch Li­ni­en, son­dern spe­zi­ell durch Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en dar­ge­stellt wer­den, also durch Pfeil­li­ni­en, die Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten dar­stel­len.

Dem­nach gilt:
– Es gibt im Gra­phen zwei Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en, eine un­te­re und eine obe­re.
– Von den bei­den Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en steht die eine für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, die an­de­re für den Lie­bes­an­spruch (5: 503).
– Nun ist aber un­strit­tig, dass die un­te­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung steht.
– Also steht die obe­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie für den Lie­bes­an­spruch.

Al­ler­dings ist nicht ein­deu­tig klar, wel­che Li­nie im obe­ren Teil des Gra­phen ge­meint ist. In der Li­te­ra­tur herrscht Ei­nig­keit dar­über, dass die von „Ge­nie­ßen“ nach „Kas­tra­ti­on“ füh­ren­de Li­nie eine Si­gni­fi­kan­ten­ket­te dar­stellt, aber mög­li­cher­wei­se ste­hen ja auch an­de­re Li­ni­en im obe­ren Teil des Gra­phen für Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten.

Et­was spä­ter heißt es:

In un­se­rem Sche­ma von die­sem Jahr ha­ben wir auf der obe­ren Stu­fe eine Li­nie, die eine si­gni­fi­kan­te und ar­ti­ku­lier­te Li­nie ist. Da sie sich am Ho­ri­zont je­der si­gni­fi­kan­ten Ar­ti­ku­la­ti­on pro­du­ziert, ist sie der fun­da­men­ta­le Hin­ter­grund je­der Ar­ti­ku­la­ti­on ei­nes An­spruchs. Auf der un­te­ren Stu­fe ist es ar­ti­ku­liert im all­ge­mei­nen, wie schlecht auch im­mer. Wir ha­ben eine ge­naue Ar­ti­ku­la­ti­on, eine Ab­fol­ge von Si­gni­fi­kan­ten, der Pho­neme.

Hän­gen wir un­se­ren Kom­men­tar an die obe­re Li­nie an, die im Jen­seits je­der si­gni­fi­kan­ten Ar­ti­ku­la­ti­on ist. Die­se Li­nie ent­spricht der Wir­kung der si­gni­fi­kan­ten Ar­ti­ku­la­ti­on als in ih­rer Ge­samt­heit er­faßt, als al­lein auf­grund ih­rer Ge­gen­wart, sie läßt Sym­bo­li­sches im Rea­len er­schei­nen. In ih­rer To­ta­li­tät, und in­so­fern sie sich ar­ti­ku­liert, läßt sie die­sen Ho­ri­zont oder die­ses Mög­li­che des An­spruchs auf­schei­nen, die­se Macht des An­spruchs, die dar­in be­steht, we­sent­lich und sei­ner Na­tur nach An­spruch auf Lie­be zu sein, An­spruch auf Ge­gen­wart, mit al­ler Am­bi­gui­tät, die da hin­ein­zu­le­gen ist.“ (5: 518)

– „Un­ser Sche­ma von die­sem Jahr“: der Graph.
– Die Li­nie in der obe­ren Stu­fe, dem obe­ren Stock­werk des Gra­phen ist eine Si­gni­fi­kan­ten­li­nie.
– Sie wird am Ho­ri­zont je­der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on mit­pro­du­ziert.
– Die obe­re Li­nie lässt den Ho­ri­zont des Lie­bes­an­spruchs auf­schei­nen.
– Der Lie­bes­an­spruch ist An­spruch auf Ge­gen­wart, auf An­we­sen­heit.
– Der Lie­bes­an­spruch ist am­big, am­bi­va­lent.

Liebe, Hass, Unwissenheit

Um wel­che Am­bi­gui­tät geht es?

„Um et­was fest­zu­le­gen, spre­che ich hier von Lie­be. Der Haß hat in die­sem Fall den­sel­ben Platz. Ein­zig in die­sem Ho­ri­zont läßt sich die Am­bi­va­lenz von Haß und Lie­be be­grei­fen. Und eben­falls in die­sem Ho­ri­zont kön­nen wir an der­sel­ben Stel­le die­sen drit­ten, der Lie­be und dem Haß im Ver­hält­nis zum Sub­jekt ho­mo­lo­gen Ter­mi­nus kom­men se­hen, die Igno­ranz.“ (5: 518)

– Die Rede vom Lie­bes­an­spruch ist nur ein Kür­zel.
– Es geht in die­sem Ho­ri­zont auch um den Hass.
– Und es geht auch um die „Igno­ranz“: um das Nicht­wis­sen, die Un­wis­sen­heit.

Die obe­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie steht also ers­tens für den Lie­bes­an­spruch, zwei­tens für den Hass – für den To­des­an­spruch, die For­de­rung nach dem Tod des An­de­ren –, und drit­tens für den An­spruch auf die Un­wis­sen­heit (igno­ran­ce). Geht es um die Un­wis­sen­heit des Sub­jekts oder um die des An­de­ren?

Die Drei­heit von Lie­be, Hass und Un­wis­sen­heit (igno­ran­ce) fin­det man zu­erst in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, ei­nem Vor­trag von 1953, der 1956 ver­öf­fent­licht wur­de:

Man braucht sich nur den tra­di­tio­nel­len Leh­ren zu­zu­wen­den, die uns die Bud­dhis­ten (aber nicht nur sie lie­fern), um in die­ser Art von Über­tra­gung ei­nen der Exis­tenz ei­gen­tüm­li­chen Irr­tum zu er­ken­nen. Sie glie­dern die­se Leh­re un­ter drei Ge­sichts­punk­ten, die sie wie folgt zu­sam­men­stel­len: Lie­be, Haß und Igno­ranz.“8

Der Bud­dhis­mus be­nennt drei Haupt­ur­sa­chen für den ewi­gen Kreis­lauf der Wie­der­ge­bur­ten, die drei Gif­te: rāga (Bin­dung, Gier, Ha­ben­wol­len), dveṣa (Hass) und moha (Unwissen­heit, Ver­blen­dung). Die Un­wis­sen­heit wird auf die Geis­tes­hal­tung der Gleich­gül­tig­keit be­zo­gen9, auf die­se Wei­se er­gibt sich die Ver­bin­dung zu Freuds The­se über die drei Ge­gen­sät­ze der Lie­be: „Das Lie­ben ist nicht nur ei­nes, son­dern drei­er Ge­gen­sät­ze fä­hig. Au­ßer dem Ge­gen­satz: lieben–hassen gibt es den an­de­ren: lieben–geliebt wer­den, und über­dies set­zen sich lie­ben und has­sen zu­sam­men­ge­nom­men dem Zu­stan­de der In­dif­fe­renz oder Gleich­gül­tig­keit ent­ge­gen.“10

In Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten, er­läu­tert La­can die dia­lek­ti­sche Struk­tur des Nicht­wis­sens. Das Nicht­wis­sen be­ruht dar­auf, dass das Sub­jekt sich die Fra­ge stellt nach dem, was es ist; hie­durch bringt es sich in ei­nen Be­zug zur Wahr­heit; die Be­din­gung für die Be­zie­hung des Sub­jekts zum Nicht­wis­sen ist, dass es spricht(1: 214).

Im sel­ben Se­mi­nar un­ter­nimmt La­can ei­nen ers­ten Ver­such, das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sym­bo­li­schen, dem Ima­gi­nä­ren und dem Rea­len to­pisch dar­zu­stel­len: durch ei­nen Sechs­fläch­ner, ei­ner Art in sich ge­spie­gel­te Drei­ecks­py­ra­mi­de. Die Lie­be wird hier an der Kan­te zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren ver­or­tet, der Hass an der Kan­te des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len und die Un­wis­sen­heit an der Kan­te des Rea­len und des Sym­bo­li­schen. Zur Über­tra­gung ge­hö­ren nicht nur Lie­be und Hass, son­dern auch Un­wis­sen­heit, denn das Sub­jekt, das in eine Ana­ly­se geht, bringt sich hier­durch in die Po­si­ti­on des­sen, der nicht weiß, ohne die­sen Be­zug wäre eine Ana­ly­se nicht mög­lich (1: 340).11

In der wei­te­ren Aus­ar­bei­tung wird die Lie­be als Lie­bes­an­spruch be­grif­fen und der Hass als To­des­an­spruch, als To­des­for­de­rung – wor­in be­steht dann der An­spruch auf Un­wis­sen­heit? Ei­nen Hin­weis gibt La­can in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung. Er ana­ly­siert dort den von Freud be­rich­te­ten Traum vom to­ten Va­ter, der nicht wuss­te, dass er tot war. Die­ser Traum, so er­klärt La­can, be­ruht auf dem An­spruch des Soh­nes auf die Un­wis­sen­heit des Va­ters, und die­ser An­spruch hat die Funk­ti­on, die ei­ge­ne Un­wis­sen­heit ab­zu­weh­ren.12

Linie der Übertragung

In Se­mi­nar 5 heißt es:

Wir ha­ben auf der obe­ren Li­nie links den Si­gni­fi­kan­ten des An­de­ren als mar­kiert von der Ak­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, das heißt des schräg­ge­stri­che­nen A – S(Ⱥ).“ (5: 518)

– Die „obe­re Li­nie, von der bis­lang die Rede war, ist die­je­ni­ge, bei der man im Gra­phen links das Kür­zel S(Ⱥ) fin­det.

Da­mit ist klar, dass mit der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie tat­säch­lich die von „Ge­nie­ßen“ nach „Kas­tra­ti­on“ füh­ren­de Li­nie ge­meint ist, also das Ge­gen­stück zu der­je­ni­gen Li­nie im un­te­ren Teil des Gra­phen, die für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung steht.

Die Über­tra­gung im ei­gent­li­chen Sin­ne ist im Ver­hält­nis zu die­ser Li­nie ein­zu­ord­nen.“ (5: 519)

– „Die­se Li­nie“ ist wie­der die obe­re Quer­li­nie, die Li­nie des Lie­bes­an­spruchs.
– Die­se Li­nie ist nicht nur die Li­nie des Lie­bes­an­spruchs, son­dern zu­gleich die der Über­tra­gung.

Die Über­tra­gung be­steht dem­nach in der Über­tra­gung ei­nes un­be­wuss­ten An­spruchs auf An­we­sen­heit des An­de­ren, auf den Tod des An­de­ren und auf Nicht­wis­sen. (Das er­in­nert mich an eine Freun­din, die zu mei­ner Ver­blüf­fung von ih­rem Psy­cho­ana­ly­ti­ker tat­säch­lich er­war­te­te, dass er je­der­zeit für sie te­le­fo­nisch er­reich­bar wäre.)

In die­ser Zwi­schen­zo­ne ist das ein­zu­ord­nen, was sich das Be­geh­ren nennt, an­ge­zeigt durch das klei­ne d. Es ist das Be­geh­ren, das ei­gent­lich in der ge­sam­ten Öko­no­mie des Sub­jekts in Fra­ge ge­stellt ist, und das an dem be­tei­ligt ist, was sich in der Ana­ly­se of­fen­bart, näm­lich in dem, was sich an­schickt, sich im Spre­chen zu re­gen, in ei­nem Spiel des Schwan­kens zwi­schen den eben­er­di­gen Si­gni­fi­kan­ten des Be­dürf­nis­ses, wenn ich das so sa­gen kann, und dem, was, jen­seits der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on, aus der be­stän­di­gen Ge­gen­wart des Si­gni­fi­kan­ten im Un­be­wuß­ten re­sul­tiert, in­so­fern der Si­gni­fi­kant das Sub­jekt be­reits ge­stal­tet, ge­formt, struk­tu­riert hat. In die­ser Zwi­schen­zo­ne ist das Be­geh­ren ein­zu­ord­nen, das Be­geh­ren des Men­schen, in­so­fern es das Be­geh­ren des An­de­ren ist. Es ist jen­seits des Be­dürf­nis­ses, jen­seits der Ar­ti­ku­la­ti­on des Be­dürf­nis­ses, zu der das Sub­jekt durch die Not­wen­dig­keit ver­an­laßt wird, es für den An­dern gel­tend zu ma­chen, jen­seits je­der Be­frie­di­gung des Be­dürf­nis­ses. Es stellt sich un­ter sei­ner Form ei­ner ab­so­lu­ten Be­din­gung dar und bringt sich im Spiel­raum zwi­schen An­spruch auf Be­frie­di­gung des Be­dürf­nis­ses und An­spruch auf Lie­be her­vor. Das Be­geh­ren des Men­schen ist für ihn stets am Ort des An­de­ren als Ort des Spre­chens zu su­chen, wes­halb das Be­geh­ren ein in die­sem Ort des An­de­ren struk­tu­rier­tes Be­geh­ren ist.“ (5: 521, Über­set­zung ge­än­dert)

– Das Be­geh­ren ist im Gra­phen in der Zwi­schen­zo­ne zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem An­spruch auf Lie­be ein­zu­ord­nen. Dies be­zieht sich auf die mit d be­zeich­ne­te Li­nie, die zwi­schen der un­te­ren und der obe­ren Si­gni­fi­kan­ten­li­nie plat­ziert ist, zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und der For­de­rung nach Lie­be, Tod und Un­wis­sen­heit.
– Das Be­geh­ren hat die Form ei­ner „ab­so­lu­ten Be­din­gung“, d.h. es ist un­ab­hän­gig vom An­de­ren („ab­so­lut“ im Sin­ne von „los­ge­löst“), und dar­in un­ter­schei­det es sich vom An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und vom Lie­bes­an­spruch, die bei­de mit der Ab­hän­gig­keit vom An­de­ren ein­her­ge­hen.13

Die Po­si­ti­on des Be­geh­rens zwi­schen den bei­den An­spruchs­li­ni­en des Gra­phen er­klärt si­cher­lich auch, war­um La­can in Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht er­klärt, das Be­geh­ren ent­ste­he „jen­seits“ des An­spruchs auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und „dies­seits“ des An­spruchs auf An­we­sen­heit oder Ab­we­sen­heit.14 Der Text be­ruht auf ei­nem Vor­trag, den La­can im Juli 1958 hielt, di­rekt nach dem Ab­schluss von Se­mi­nar 5. Be­trach­tet man das Blatt Pa­pier von oben, liegt die Li­nie des Be­geh­rens (die waa­ge­rech­te Li­nie zwi­schen d und $◊a) jen­seits der Li­nie des An­spruchs auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dies­seits der Li­nie des Lie­bes­an­spruchs.15 Die­se Art der Be­trach­tung wi­der­spricht üb­ri­gens der Auf­fas­sung, dass es sich beim Gra­phen des Be­geh­rens um ei­nen Gra­phen im Sin­ne der ma­the­ma­ti­schen Gra­phen­theo­rie han­delt; Gra­phen­theo­re­tisch ge­se­hen kann man über die Be­zie­hung zwi­schen dem Pfeil des Lie­bes­an­spruchs und dem Pfeil des Be­geh­rens nur sa­gen, dass bei­de Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Punk­ten $◊D und S(Ⱥ) dar­stel­len, aber nicht, dass der eine dies­seits oder jen­seits des an­de­ren liegt – in der Gra­phen­theo­rie gibt es kein Oben oder Un­ten.

Untergang des Ödipuskomplexes

Ich wechs­le zum Se­mi­nar 6.

An­ge­sichts des letzt­li­chen Aus­gangs sei­ner ödi­pa­len For­de­run­gen zieht das Sub­jekt es vor, wenn man so sa­gen kann, den ge­sam­ten Teil von sich hin­zu­ge­ben, der ihm von nun an auf im­mer ver­bo­ten sein wird, näm­lich an die punk­tier­te Si­gni­fi­kan­ten­li­nie, die den obe­ren Teil un­se­res Gra­phen ausmacht.“(29. April 1959, 6: 531, mei­ne Über­set­zung)16

Das ist nicht sehr klar; ich neh­me an, dass ge­meint ist: die ödi­pa­len For­de­run­gen, dar­un­ter die ödi­pa­le Lie­bes­for­de­rung, wan­dert ge­wis­ser­ma­ßen in den obe­ren Teil des Gra­phen, sie wird un­be­wusst; sie wird dort durch die hier zur Dis­kus­si­on ste­hen­de Si­gni­fi­kan­ten­li­nie re­prä­sen­tiert.

Eine Schwie­rig­keit der Kon­struk­ti­on be­steht dar­in, dass der Lie­bes­an­spruch so­wohl be­wusst als auch un­be­wusst sein kann. In der Er­läu­te­rung der Li­nie des Lie­bes­an­spruchs wird die obe­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie manch­mal auf den be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch be­zo­gen, manch­mal auf den un­be­wuss­ten. Da die bei­den Eta­gen des Gra­phen das Be­wuss­te (un­ten) und das Un­be­wuss­te (oben) dar­stel­len, ist je­doch klar, dass die Li­nie des Lie­bes­an­spruchs sich auf den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch be­zieht, wie er beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes ent­stan­den ist.

La­can steht an der Ta­fel und zeigt auf den Gra­phen:

Auf die­ser Ebe­ne, und das ist es, was das Zei­chen zwi­schen $ und D sa­gen will, auf die­ser Ebe­ne wird der An­spruch durch sei­ne im ei­gent­li­chen Sin­ne sym­bo­li­sche Form af­fi­ziert, der An­spruch wird ver­wen­det, in­so­fern jen­seits des­sen, was er hin­sicht­lich der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung for­dert, er sich setzt als die­ser Lie­bes­an­spruch oder die­ser An­spruch auf An­we­sen­heit, wor­über wir ge­sagt ha­ben, dass der An­spruch den an­de­ren, an den er sich wen­det, als den­je­ni­gen ein­setzt, der an­we­send oder ab­we­send sein kann.“ (27. Mai 1959, 6: 609, mei­ne Über­set­zung)

– „Auf die­ser Ebe­ne“: ge­meint ist das obe­re Stock­werk des Gra­phen.
– Im obe­ren Stock­werk des Gra­phen ist der An­spruch ein Lie­bes­an­spruch.
– Der Lie­bes­an­spruch ist ein An­spruch auf An­we­sen­heit, er be­zieht sich auf den An­de­ren als auf je­man­den, der an­we­send oder ab­we­send sein kann.
– Im Aus­druck ($ ◊ D) be­sagt das Zei­chen zwi­schen $ und D, näm­lich die Rau­te ◊, dass das Sub­jekt ($) die Be­dürf­nis­an­sprü­che (D), zu et­was Be­stimm­tem ver­wen­det: dazu, um den Lie­bes­an­spruch zu ar­ti­ku­lie­ren. Die ora­len und ana­len An­sprü­che (D) die­nen als Vo­ka­bu­lar, um den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch vor­zu­brin­gen.

Begehren zwischen Bedürfnisbefriedigungsanspruch und Liebesanspruch

Wie er­scheint der Lie­bes­an­spruch im drit­ten Text, in dem der Graph ent­wi­ckelt wird, im Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts?

Es ist wohl be­fremd­lich, daß wir, wenn sich hier der un­er­meß­li­che Raum auf­tut, den je­der An­spruch ein­schließt: weil er Ver­lan­gen nach Lie­be ist, der ge­nann­ten Fra­ge [nach dem Va­ter] nicht mehr Platz ein­räu­men.
Sie viel­mehr dar­auf kon­zen­trie­ren, was sich, ver­mö­ge der­sel­ben An­spruchs­wir­kung, dies­seits zu­schließt um recht ei­gent­lich den Platz des Be­geh­rens aus­zu­ma­chen.“(Schrif­ten II, S. 189; Écrits, S. 813)

– Je­der An­spruch er­öff­net ei­nen un­er­mess­li­chen Raum, weil er Ver­lan­gen nach Lie­be ist: Im Gra­phen wird die­ser un­end­li­che Raum durch den Ab­stand zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem Lie­bes­an­spruch dar­ge­stellt.
– Dies­seits schließt sich, auf­grund der An­spruchs­wir­kung, et­was zu, näm­lich der Platz des Be­geh­rens: Ich neh­me an, dass ge­meint ist, dass das Be­geh­ren sei­nen Platz dies­seits des Lie­bes­an­spruchs hat. Das ist die Po­si­ti­on der Be­geh­rens­li­nie im Gra­phen im Ver­hält­nis zur Li­nie des Lie­bes­an­spruchs, wenn man ihn von un­ten nach oben liest.

… „Das Be­geh­ren ge­winnt Ge­stalt in der Span­ne (mar­ge) , in der der An­spruch sich vom Be­dürf­nis los­reißt: wo­bei die Span­ne eben die ist, die der An­spruch (des­sen Ap­pell be­din­gungs­los nur an den An­dern sich rich­ten kann) auf­tut in der Form ei­nes mög­li­chen Feh­lens, das das Be­dürf­nis hier bei­tra­gen kann, weil es kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung kennt (was man Angst nennt).“ (Schrif­ten II, 189)

– Das Be­geh­ren ge­winnt Ge­stalt in ei­ner „Span­ne“, ei­nem Ab­stand, ei­ner Rand­zo­ne, ei­nem Rand.17
– Die­se Rand­zo­ne wird da­durch er­zeugt, dass der An­spruch sich vom Be­dürf­nis los­reißt und ei­nen Ap­pell an den An­de­ren rich­tet. Der An­spruch, der sich vom Be­dürf­nis los­ge­ris­sen hat, ist der Lie­bes­an­spruch. Das Be­geh­ren ge­winnt also Ge­stalt im Raum zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem Lie­bes­an­spruch.
– Der vom Be­dürf­nis los­ge­ris­se­ne An­spruch rich­tet sich be­din­gungs­los an den An­de­ren. „Be­din­gungs­los“ meint hier: ohne Be­zug auf ein be­stimm­tes Be­dürf­nis; der Lie­bes­an­spruch ist un­ab­hän­gig von der Be­frie­di­gung ei­nes be­stimm­ten Be­dürf­nis­ses.
– Der An­spruch be­zieht sich auf ein mög­li­ches Feh­len: Der Lie­bes­an­spruch be­zieht sich auf den An­de­ren un­ter dem Ge­sichts­punkt sei­ner mög­li­chen Ab­we­sen­heit – er soll da sein und nicht weg sein.
– Zu die­sem Feh­len kann das Be­dürf­nis bei­tra­gen, da es kei­ne uni­ver­sel­le Be­frie­di­gung kennt. – Ver­ste­he ich nicht.

Aber wir un­ter­bre­chen hier noch ein­mal und wen­den uns zu­rück zum Sta­tus des Be­geh­rens, wel­ches sich als au­to­nom aus­gibt be­züg­lich ei­ner sol­chen Ver­mitt­lung über das Ge­setz, und zwar dar­um, weil die­ses sei­ner­seits aus ihm ent­springt in dem Um­stand, daß das Be­geh­ren durch eine be­son­de­re Sym­me­trie die Be­din­gungs­lo­sig­keit des Lie­bes­an­spruchs, in dem das Sub­jekt dem An­de­ren un­ter­wor­fen bleibt, um­kehrt, um es der Ge­walt der ab­so­lu­ten Be­din­gung aus­zu­lie­fern (ab­so­lut dann auch in der Be­deu­tung von ‚los­ge­löst‘).“ (189 f., die Hin­zu­fü­gung in Klam­mern stammt von La­can)

– Der Lie­bes­an­spruch ist in­so­fern „be­din­gungs­los“, als er von ei­nem spe­zi­el­len Be­dürf­nis un­ab­hän­gig ist; er führt je­doch zur Ab­hän­gig­keit vom An­de­ren.
– Das Be­geh­ren ist in­so­fern eine „ab­so­lu­te Be­din­gung“, als es von der Zu­stim­mung des An­de­ren un­ab­hän­gig ist; da­für ist es je­doch ab­hän­gig von den be­stimm­ten Be­dürf­nis­sen, aus de­nen es her­vor­geht.

Kurz gesagt

Die Si­gni­fi­kan­ten­li­nie im obe­ren Teil des voll­stän­di­gen Gra­phen – der von „Ge­nie­ßen“ nach „Kas­tra­ti­on“ füh­ren­de Pfeil – steht für den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch (vgl. 5: 503, 519). Der Aus­druck „Lie­bes­an­spruch“ ist bei La­can meist ein Kür­zel für drei mit­ein­an­der ver­bun­de­ne For­de­run­gen: für den An­spruch auf die Lie­be des An­de­ren, für die For­de­rung nach dem Tod des An­de­ren und für den An­spruch auf Un­wis­sen­heit (igno­ran­ce) (vgl. 5: 518), auf Un­wis­sen­heit des An­de­ren und da­mit des Sub­jekts. Lie­be und Hass sol­len nicht als pure Af­fek­te be­grif­fen wer­den; La­can be­tont, dass es es sich bei ih­nen um ar­ti­ku­lier­te For­de­run­gen han­delt. Der An­spruch auf Lie­be ist die For­de­rung nach der An­we­sen­heit des An­de­ren („Stand by Me“), der To­des­an­spruch die For­de­rung nach sei­ner Ab­we­sen­heit („dass er doch tot wär!“). Ge­ne­tisch ge­se­hen, han­delt es sich um die ödi­pa­len For­de­run­gen, die beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes ver­drängt wor­den sind (vgl. 6: 531). Auf der Li­nie des Lie­bes­an­spruchs ist auch die Über­tra­gung zu ver­or­ten (vgl. 5: 519). Das Vo­ka­bu­lar, mit dem der Lie­bes­an­spruch ar­ti­ku­liert wird, sind ora­le und ana­le For­de­run­gen nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung; im Gra­phen wird dies durch das Kür­zel $◊D dar­ge­stellt, den Kode des Un­be­wuss­ten (vgl. 6: 609). Zwi­schen den bei­den An­spruchs­li­ni­en – dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem auf Lie­be – ist die Li­nie des Be­geh­rens auf­ge­spannt (vgl. 5: 521), in­so­fern liegt das Be­geh­ren (wenn der Blick das Pa­pier von un­ten nach oben be­trach­tet) jen­seits des An­spruchs auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dies­seits des An­spruchs auf Lie­be (vgl. Aus­rich­tung der Kur, Schrif­ten I, 221).

Die bei­den Si­gni­fi­kan­ten­li­ni­en wer­den von La­can also ins­ge­samt durch drei Op­po­si­tio­nen cha­rak­te­ri­siert:
– die un­te­re steht für eine be­wuss­te Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, die obe­re für eine un­be­wuss­te Si­gni­fi­kan­ten­ket­te,
– die un­te­re steht für den Aus­sa­ge­in­halt (énon­cé), die obe­re für den Aus­sa­ge­vor­gang (énon­cia­ti­on),
– die un­te­re steht für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung, die obe­re für den Lie­bes­an­spruch.

Die obe­re Si­gni­fi­kan­ten­li­nie steht also für den un­be­wuss­ten am­bi­va­len­ten Lie­bes­an­spruch, d.h. für ei­nen Lie­bes­an­spruch, von dem das Sub­jekt nichts weiß. Wäh­rend der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung sich für das Sub­jekt als Aus­sa­ge­in­halt dar­stellt (als énon­cé), ist das Sub­jekt mit dem un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch als ei­nem Aus­sa­ge­vor­gang kon­fron­tiert (etwa ei­nem Ver­spre­cher), ei­ner énon­cia­ti­on.

Relevanz des unbewussten Liebesanspruchs

Wie lässt sich er­klä­ren, dass La­can dem Lie­bes­an­spruch eine sol­che Be­deu­tung zu­misst, dass er die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te des Un­be­wuss­ten mehr oder we­ni­ger mit ihm zu­sam­men­fal­len lässt?

Viel­leicht ori­en­tiert sich La­can an fol­gen­der Pas­sa­ge aus Freuds Stu­die über den Mann Mo­ses:

Wenn das Ich dem Über-Ich das Op­fer ei­nes Trieb­ver­zichts ge­bracht hat, er­war­tet es als Be­loh­nung da­für, von ihm mehr ge­liebt zu wer­den.“18

Der un­be­wuss­te Lie­bes­an­spruch wäre dann, in Freuds Be­griff­lich­keit, die an das Über-Ich ge­rich­te­te Er­war­tung, von ihm ge­liebt zu wer­den und die da­mit ver­bun­de­ne Am­bi­va­lenz. Er wäre das, was uns dazu bringt, dass wir uns den For­de­run­gen des Über-Ichs beu­gen, den Trieb ver­drän­gen und, mit La­can, auf die­se Wei­se das Be­geh­ren er­zeu­gen.

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Anmerkungen

  1. Ne­ben­ste­hen­de Ab­bil­dung aus: J. La­can: Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuß­ten. In: Ders.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg i.Br. 1975, S. 193.
    Die Fär­bung der obe­ren Li­nie ist von mir. 
  2. La­can ver­wen­det den Aus­druck „Lie­bes­an­spruch“ zum ers­ten Mal in der Sit­zung vom 30. April 1958; Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miler/Gondek, S. 433.
  3. Vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 27.
  4. Dy­lan Evans: Wör­ter­buch der La­can­schen Psy­cho­ana­ly­se. Tu­ria + Kant, Wien 2002; zu­erst 1996 auf Eng­lisch er­schie­nen, über­setzt von Ga­bri­el­la Burk­hart.
  5. Joël Dor: In­tro­duc­tion to the rea­ding of La­can. The un­con­scious struc­tu­red like a lan­guage. Other Press, New York 1998; zu­erst 1985 auf Fran­zö­sisch er­schie­nen, über­setzt (ver­mut­lich) von Su­san Fair­field. Der Graph wird hier, auf knapp 50 Sei­ten, in den Ka­pi­teln 21 und 23 bis 25 be­han­delt.- Al­fre­do Ei­delsztein: The graph of de­si­re. Using the work of Jac­ques La­can. Kar­nac Books, Lon­don 2009; eine Vor­le­sung von 1993, die zu­erst 1995 auf Spa­nisch er­schien, über­setzt von Flo­ren­cia F. C. Sha­nahan.– Bruce Fink: Rea­ding „The Sub­ver­si­on of the Sub­ject“. In: Ders.: La­can to the let­ter. Rea­ding Écrits clo­se­ly. Uni­ver­si­ty of Min­ne­so­ta Press, Min­nea­po­lis, Lon­don 2004, S. 106–128.
  6. 5: 503“ be­deu­tet „Se­mi­nar 5, Sei­te 503“. Se­mi­nar 5 wird hier nach der Miller/Gondek-Version zi­tiert. Die Fett­schrei­bung hier und im Fol­gen­den stammt von mir, RN.
  7. Die drei Pünkt­chen vor dem Be­ginn des Zi­tats sol­len dar­auf hin­wei­sen, dass die­ser Satz an das vor­he­ri­ge Zi­tat lü­cken­los an­schließt.
  8. Schrif­ten I, S. 154.
  9. Etwa in die­sem Ar­ti­kel.
  10. S. Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 96.
  11. Vgl. au­ßer­dem Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, Schrif­ten I, S. 221.
  12. Vgl. Se­mi­nar 6, Sit­zun­gen vom 26. No­vem­ber 1958, 10. De­zem­ber 1958, 17. De­zem­ber 1958 und 7. Ja­nu­ar 1959.
  13. Zur Un­ter­schei­dung zwi­schen dem „un­be­ding­ten“ Lie­bes­an­spruch und dem „ab­so­lu­ten“ Be­geh­ren vgl. 5: 450 f., 471 f., 521, 588 f.
  14. Schrif­ten I, S. 221.
  15. In Die Be­deu­tung des Phal­lus, ei­nem Vor­trag vom Mai 1958, der 1966 ver­öf­fent­licht wur­de, ist die Ori­en­tie­rung um­ge­kehrt. Die im Lie­bes­an­spruch her­ge­stell­te Be­zie­hung zur Mut­ter liegt „dies­seits“ des Be­dürf­nis­ses, das sie be­frie­di­gen kann, und das Be­geh­ren liegt „jen­seits“ des Lie­bes­an­spruchs (vgl. Schrif­ten II, S. 127). Der Graph steht hier auf dem Kopf.
  16. Die Über­set­zung folgt der Sta­fer­la-Ver­si­on in der Fas­sung und mit den Sei­ten­zah­len vom 20. 3. 2010. Auf der Sta­fer­la-Web­site steht jetzt eine neue­re Fas­sung mit an­de­ren Sei­ten­zah­len, die von mir be­nutz­te Fas­sung fin­det man hier.
  17. Vgl. die Über­set­zung von Hans-Die­ter Gon­dek in: J.L.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Tu­ria und Kant, Wien 2015, S. 351.
  18. S. Freud: Der Mann Mo­ses und die mo­no­the­is­ti­sche Re­li­gi­on (1939). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 563.

Kommentare

Der Liebesanspruch: komm (geh)! — 4 Kommentare

  1. Lie­ber Rolf,
    vie­len Dank!
    Im obi­gen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel „Graph des Be­geh­rens“ bleibt die Fra­ge der Be­deu­tung der un­te­ren Ebe­ne m – i(a) für die bei­den „obe­ren Stock­wer­ken des Gra­phen“, für die „For­de­rung nach Be­dürf­nis­be­frie­di­gung“ und den „Lie­bes­an­spruchs“ so­wie für die „Zwischendecke/-geschoss“ des Be­geh­rens of­fen. Da­bei geht es um die Fra­ge: Wie steht die­se un­te­re Ebe­ne, die sich auf das Spie­gel­sta­di­ums, auf die nar­ziss­ti­sche und die Ebe­ne der Ide­al-Ich und Ich-Ide­al­bil­dung und da­mit auf die nar­ziss­ti­sche Lie­be be­zieht zu dem, was für das obe­re Stock­werk be­züg­lich des Lie­bes­an­spruchs, so­wie für die Stock­wer­ke Be­dürf­nis und Be­geh­ren ar­ti­ku­liert wur­de?
    Soll­te es dir mög­lich sein in Be­zug dar­auf ei­ni­ge Be­mer­kun­gen oder Quer­ver­wei­se zu er­gän­zen­den, wäre dies für das Ver­ständ­nis des Ge­samt­zu­sam­men­hang des „Graph des Be­geh­rens“ grund­le­gend.
    Mit ei­nem sehr herz­li­chen Gruß
    Eck­hard

    • Lie­ber Eck­hard,
      ich ver­ste­he den Zu­sam­men­hang so:
      – Je­der An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung (Quer­li­nie im un­te­ren Stock­werk) ist zu­gleich ein Lie­bes­an­spruch (so in Se­mi­nar 5), die­ser ge­ne­tisch ele­men­ta­re Lie­bes­an­spruch deckt sich mit der un­te­ren Quer­li­nie, also dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Beim obe­ren Stock­werk geht es, grob ge­sagt, um das Un­be­wuss­te. Der Lie­bes­an­spruch, der von der obe­ren Quer­li­nie re­prä­sen­tiert wird, ist spe­zi­ell der beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes ver­dräng­te Lie­bes­an­spruch, der un­be­wuss­te Lie­bes­an­spruch. Der ver­dräng­te Lie­bes­an­spruch wird in ei­nem Trieb­vo­ka­bu­lar ar­ti­ku­liert.
      – Das Be­dürf­nis spielt nur im un­te­ren Stock­werk eine Rol­le, als Aus­gangs­punkt für den An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Das Be­geh­ren ist ein Ef­fekt des Zu­sam­men­sto­ßes von Be­dürf­nis und An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung. Der Zu­sam­men­hang Be­dürf­nis – An­spruch – Be­geh­ren wird aus­führ­lich in Se­mi­nar 5 und in den Auf­sät­zen „Die Be­deu­tung des Phal­lus“, „Die Aus­rich­tung der Kur“ und „Sub­ver­si­on des Sub­jekts“ ent­wi­ckelt.
      – Das Be­geh­ren hat sei­nen Platz im obe­ren Stock­werk, zwi­schen dem An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem ver­dräng­ten Lie­bes­an­spruch. Das Be­geh­ren ist das, was die Wie­der­ho­lung der (in ei­nem Trieb­vo­ka­bu­lar ar­ti­ku­lier­ten) un­be­wuss­te Lie­bes­an­sprü­che an­treibt, da es in den un­be­wuss­ten Lie­bes­an­sprü­chen ver­fehlt wird. Dar­auf ver­weist die Po­si­tio­nie­rung von „d“ (Be­geh­ren) ne­ben dem obe­ren Rück­kop­pe­lungs­kreis.
      – Die Zwi­schen­po­si­ti­on des Be­geh­rens zwi­schen dem beu­uss­ten An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und dem un­be­wuss­ten Lie­bes­an­spruch ist, glau­be ich, die Haupt­idee für die Kon­struk­ti­on des Gra­phen („jen­seits“ und „dies­seits“, das wird von La­can mehr­fach be­tont). To­po­lo­gisch ist das pro­ble­ma­tisch, da es in ei­nem Netz kein Zwi­schen gibt, da kei­ne sta­bi­len Ab­stän­de (vgl. mei­nen Ar­ti­kel „Das Ver­schwin­den? des Gra­fen?“)
      – Der Graf wird aus­führ­lich in Se­mi­nar 5 er­läu­tert (Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten) (etwa letz­tes Drit­tel) so­wie im ge­sam­ten Se­mi­nar 6 (Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung); Se­mi­nar 6 ist nicht ins Deut­sche über­setzt, man fin­det aber im In­ter­net eine Über­set­zung ins Eng­li­sche von Cor­mac Gal­lag­her. Au­ßer­dem gibt es auf deutsch die Zu­sam­men­fas­sung der Se­mi­na­re 4, 5 und 6 von Pon­ta­lis.
      – Den Ge­samt­zu­sam­men­hang des Gra­phen habe ich in dem Ar­ti­kel „Deer Graph des Be­geh­rens oder Auf der Su­che nach dem „Schreib­be­geh­ren““ dar­zu­stel­len ver­sucht.
      Herz­lich
      Rolf

  2. Lie­ber Rolf,
    vie­len Dank für die­sen sehr be­rei­chern­den Ar­ti­kel für das Ver­ständ­nis des Ver­hält­nis­ses von Be­dürf­nis, Lie­bes­an­spruch und Be­geh­ren.
    Hier mein Ver­such die Schwie­rig­keit der fol­gen­den Text­stel­le auf­zu­lö­sen:

    … „‚Das Be­geh­ren ge­winnt Ge­stalt in der Span­ne (mar­ge), in der der An­spruch sich vom Be­dürf­nis los­reißt: wo­bei die Span­ne eben die ist, die der An­spruch (des­sen Ap­pell be­din­gungs­los nur an den An­dern sich rich­ten kann) auf­tut in der Form ei­nes mög­li­chen Feh­lens, das das Be­dürf­nis hier bei­tra­gen kann, weil es kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung kennt (was man Angst nennt).‘ (Schrif­ten II, 189)

    – Der vom Be­dürf­nis los­ge­ris­se­ne An­spruch rich­tet sich be­din­gungs­los an den An­de­ren. ‚Be­din­gungs­los‘ meint hier: ohne Be­zug auf ein be­stimm­tes Be­dürf­nis; der Lie­bes­an­spruch ist un­ab­hän­gig von der Be­frie­di­gung ei­nes be­stimm­ten Be­dürf­nis­ses.
    – Der An­spruch be­zieht sich auf ein mög­li­ches Feh­len: Der Lie­bes­an­spruch be­zieht sich auf den An­de­ren un­ter dem Ge­sichts­punkt sei­ner mög­li­chen Ab­we­sen­heit – er soll da sein und nicht weg sein.
    – Zu die­sem Feh­len kann das Be­dürf­nis bei­tra­gen, da es kei­ne uni­ver­sel­le Be­frie­di­gung kennt. – Ver­ste­he ich nicht.“

    Das obi­ge Zi­tat lese ich so:
    Das Be­geh­ren ge­winnt in der Span­ne des sich vom Be­dürf­nis los­rei­ßen­den An­spruchs Ge­stalt, weil das Be­dürf­nis kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung für den sich an den An­de­ren rich­ten­den be­din­gungs­lo­sen Ap­pell kennt und weil das Be­dürf­nis kei­ne uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung kennt, trägt das Be­dürf­nis zu dem Feh­len bei, dass der An­spruch auf­tut.
    Ich glau­be, du hast mit dei­nem Ar­ti­kel „Graph des Begehrens/ Ora­le und ana­le Ko­die­rung des Lie­bes­an­spruchs“ be­reits die Ant­wort ge­ge­ben. Wird nicht – ne­ben der Be­frie­di­gung der Not des Le­bens – mit der Ar­ti­ku­la­ti­on des Be­dürf­nis­ses ver­sucht, die Ab­we­sen­heit des An­de­ren durch den Schrei nach Brot etc., bis hin zu den Nör­ge­lei­en ei­ner Frau oder ei­nes Man­nes in eine An­we­sen­heit zu ver­wan­deln?
    Zu dei­ner Fra­ge be­züg­lich der zwei­ten Klam­mer: „Wie­so ist es das Feh­len ei­ner uni­ver­sa­len Be­frie­di­gung, was man Angst nennt?“
    Ich lese das so, dass nicht das Feh­len, son­dern die ((phan­ta­sier­te) Aus­sicht auf eine) „uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung“ das ist, was man Angst nennt; lese die Klam­mer als Kom­men­tar zu „uni­ver­sa­le Be­frie­di­gung“, die man Angst nen­nen wür­de.
    Ich den­ke, dass es auch hilf­reich wäre zu die­sem Ar­ti­kel „Graf des Be­geh­rens Der Lie­bes­an­spruch…“ die Sei­ten 126 – 128 aus „Zur Be­deu­tung des Phal­lus“ (Schrif­ten II, Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten 1975) we­gen der in­halt­li­chen und zeit­li­chen Nähe (1958) zum obi­gen Zi­tat (1960) hin­zu­zu­neh­men. Ins­be­son­de­re, was dort zum Ver­hält­nis von Be­dürf­nis, Lie­bes­an­spruch und Be­geh­ren be­reits ar­ti­ku­liert wur­de.
    (…)
    Mit ei­nem herz­li­chen Gruß und den bes­ten Wün­schen zu neu­en Jahr für dich
    Eck­hard

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