Seminar 18

Cyril Veken: Zusammenfassung von Lacans Seminar 18, „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“

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Quelle: Cyril Veken: XVIII. D’un discours qui ne serait pas du semblant.
In: Moustapha Safouan (Hg.): Lacaniana. Les séminaires de Jacques Lacan. Tome 2. 1964–1979. Fayard, Paris 2005, S. 227–252

Das Urheberrecht (Copyright) für diesen Text liegt beim Verlag Librairie Arthème Fayard, Paris 2005.

Übersetzt von Rolf Nemitz, mit herzlichem Dank an Gerhard Herrgott für die Hilfe bei der Übersetzung.

Einfügungen in eckigen Klammern und Fußnoten in eckigen Klammern sind vom Übersetzer.

Mit seinen zehn „Vorlesungen“ ist dieses Seminar1 das kürzeste, das Lacan bis dahin gehalten hat, im zweiten Jahr an der Juristischen Fakultät [der Universität Paris I Panthéon-Sorbonne].2 Nachdem es im Januar angefangen hat, wird es später durch eine zweimonatige Reise nach Japan unterbrochen, die Lacan die Gelegenheit geben wird, die Reflexion, die er zur Frage des Buchstabens unternommen hat, zu konkretisieren.3
……Lacan setzt hier die Erkundung der Perspektive fort, die im vorangegangenen Jahr durch die Ausarbeitung der Struktur der vier Diskurse4 eröffnet wurde, und er setzt ein Nachdenken in Gang, das im Verlaufe von drei Jahren zu neuen Formulierungen führen sollte und das Gelände für die Topik vorbereitet, die bald darauf durch das Kennenlernen des borromäischen Knotens eröffnet werden wird. Mit einem Ausdruck, der erst zwei Jahre später in Encore seinen Auftritt hat, kann man sagen, dass es sich im Wesentlichen um ein Seminar über „Linguisterie“5 handelt, insofern nämlich, als es Lacan hier darum geht, den Sinn eines Vorgehens zu präzisieren und weiterzuentwickeln, das, von Freud und Saussure ausgehend, kein anderes Ziel hat, als den Faden des Diskurses zu verfolgen, „dessen Werkezug er ist“6 und der sich auf nichts anderes stützt als auf das Sprechen, ohne mit ihm zusammenzufallen.

Ein von Schrift(en) gesäumtes Seminar

Sicherlich ist es hier noch wichtiger als sonst, dem Weg, den Lacans Sprechen nimmt, die größte Aufmerksamkeit zu schenken, insofern, als sich das Wesentliche des Seminars auf die ganz minutiöse Prüfung des Verhältnisses zwischen dem Sprechen (parole) und dem Geschriebenen (écrit) bezieht, zwischen dem Signifikanten und dem Buchstaben, wie es durch diejenige Praxis auftaucht, die ausgehend vom Dispositiv des „psychoanalytischen Kabinetts“ eingerichtet wird. So eröffnet Lacan dieses Seminar nicht, indem er spricht, sondern indem er den Titel, den er für dieses Jahr gewählt hat, an die Tafel schreibt: „D’un discours qui ne serait pas du semblant“, „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“, und er wird es mit einem Wort aus dem Ekklesiastes beenden, mit einem Bezug auf die Bibel also, und das heißt auf das, was wir als „Das Buch“ oder „Die Schrift“ kennen.
……Aber erst im Verlauf der Sitzungen wird man feststellen können, wie sehr dieses Seminar von Schriften gesäumt ist. Das beginnt in der ersten Sitzung mit der Ankündigung der gerade erschienenen Ausgabe von Scilicet, Heft 2/3, das unter dem Titel „Radiophonie“7 die Aussagen versammelt, die als Voraussetzungen dafür angesehen werden, mit ihm dieses Jahr fortzuführen, in einer bestimmten Konfiguration, der des Geschriebenen, die „durch die Abwesenheit dessen charakterisiert ist, was ich diesen ‚Druck Ihrer Präsenz‘ genannt habe“8. Später, mit den Sitzungen vom 10. und 17. Februar und dann vom 10. März, wird die Aufmerksamkeit auf die chinesische und die sinojapanische Schrift gelenkt sowie auf  Graphen als Formen der Schrift. Dann räumen die Sitzungen vom 10. und 17. März einem Kommentar von „Das Seminar über Der entwendete Brief“, das die Schriften eröffnet9, einen großen Platz ein. Die Sitzungen vom 12. Mai und vom 9. Juni lassen im Seminar das Geschriebene in das Sprechen selbst eintreten, insofern die eine dieser Sitzungen dem Lesen von „Lituraterre“10 gewidmet ist, ein Text, den Lacan von seiner Japanreise mitbringt, und die andere dem Lesen eines Textes, der unveröffentlicht geblieben ist und von dem das Typoskript, mit Anmerkungen von Lacans Hand, an uns überliefert worden ist11. Was die Sitzungen vom 19. Mai und vom 9. Juni angeht, so wird in ihnen die Frage der Logik als Schrift eingeführt und insbesondere die Schrift der logischen Quantifikatoren, die Lacan lieber als „Quantoren“ bezeichnet12 und die er auf sehr freie Art verwendet. Dazu gehört insbesondere das Symbol der Negation; der Gebrauch, den er davon macht, bringt ihn zur Formulierung des „nicht-alle“, ein glücklicher Fund, der zwei Jahre später in Encore breit aufgenommen und entwickelt wird.13 Ganz zu schweigen, zumindest im Augenblick, von den üppigen bibliographischen Bezügen, die im Verlaufe des Seminars diskutiert werden.

Die massive Präsenz des Geschriebenen in diesem Seminar ist die konkreteste Manifestation dessen, was wir als zentral festhalten möchten, nämlich der Frage des Buchstabens. Diese Frage, die hier im Zentrum von Lacans Bemühungen steht, bringt ihn zur Ausarbeitung der außergewöhnlichen Schrift, die ein Jahr später unter dem Titel „L’étourdit“ erscheinen wird14 und mit der er wahrscheinlich bereits in diesem Jahr begonnen hat.

Von wo ich Sie ausgehen lassen möchte

Statt dass man wissen möchte, worauf er hinauswill, hält Lacan es, wie er sagt, für angemessener,  dass man sich fragt, „von wo ich ausgehe, oder sogar, von wo ich Sie ausgehen lassen möchte“15. Diese Aussage muss in ihrer Mehrdeutigkeit verstanden werden, da Lacan einen wichtigen Teil seiner Darstellung tatsächlich der Klärung von Aussagen widmen wird, die erforderlich sind, um ihm zu folgen, während er gleichzeitig – vor allem in den ersten Sitzungen – damit befasst ist, genauer anzugeben, von wo er seine Zuhörer „verjagen“ möchte.16 Das bezeugt der zunehmend größere Raum, der, über das ganze Seminar verstreut, dem „es gibt nicht“ eingeräumt wird bzw. dem „es gibt kein“ (es gibt keine Metasprache, kein sexuelles Verhältnis, keinen Anderen des Anderen, kein Wahres über das Wahre, keinen Schein des Diskurses usw.). Das bezeugen auch die zahlreichen Präzisierungen und Berichtigungen, die an das anschließen, was Lacan bereits vorgebracht hatte, in vorangegangenen Sitzungen oder im früheren Unterricht, insbesondere über den schlechten Gebrauch, den man von seinen Termini machen konnte, etwa vom Begriff der Intersubjektivität, dem er den der Intersignifikanz vorzieht17. Und zum Phallus präzisiert er, dass er nicht dadurch gekennzeichnet ist, „der Signifikant des Mangels zu sein […], sondern dadurch, ganz gewiss das zu sein, wovon keinerlei Sprechen ausgeht“18. Im Verlauf des Seminars sieht man, wie Lacan auf diese oder jene Formulierung, die er für unglücklich hält, zurückkommt, ein Zeugnis dafür, dass es ihm um das geht, was er an anderer Stelle eine Ethik des Gut-Sprechens nennt. Die Beispiele verweisen darauf, in welchem Maße es um ein Sprechen geht, das dem Platz des Analysanten näher ist als dem des Herrn oder des Universitätsmenschen und selbst näher als dem des Analytikers.

Jedenfalls, wenn sich der Ausgangspunkt in diesem Jahr auf die Frage des Diskurses bezieht, wie sie im vorangegangen Jahr formuliert worden war, dann besteht die Aufgabe, die Lacan sich hier stellt, zunächst darin, das zu entwirren, was ein Hindernis dafür bildet, dass er verstanden werde, und sich hierbei einzig der Werkzeuge des Diskurses zu bedienen, dessen Instrument er ist, wie er sagt.19 Und alles geschieht so, als ob das, was er zu sagen hat, von der Sprache nicht nur untrennbar wäre, sondern geradezu ihren Stoff bilden würde..

Was die Sprache  angeht und den entscheidenden Platz, den sie einnimmt, so besteht auch hier Anlass dazu, die Illusion des Wissens „zu verjagen“, die vom Universitätsdiskurs vor allem im Bereich der Linguistik aufrechterhalten wird. Die Sitzung vom 10. Februar, an einem Tag abgehalten, an dem an der Universität gestreikt wurde, bietet Lacan die Möglichkeit, seine Position zur Beziehung zwischen der Linguistik und seiner Lehrtätigkeit zu präzisieren, bezogen auf die „Echos, den Lärm, das Murmeln“, die aus dem Bereich kommen, „der auf universitäre Weise definiert ist und der sich ‚Linguistik‘ nennt“20, und hierbei genauer anzugeben, inwiefern er hier mit einem Fall konfrontiert ist, der für denjenigen der vier Diskurse, den er als Universitätsdiskurs bezeichnet hat, ganz und gar bemerkenswert ist und der „nur ausgehend vom Diskurs des Herrn artikuliert werden kann“21.
……Lacan reagiert darauf, wie die Sprachwissenschaftler der Universität „sich im Grunde das Vorrecht sichern wollten, über die Sprache zu sprechen“22, sowie auf ihren Einwand, Lacan mache von der Linguistik nur einen „metaphorischen Gebrauch“23. Dieser Einwand rührt an einen der wesentlichen Punkte von Lacans Vorgehen, nämlich dass „jede Bezeichnung metaphorisch ist“, insofern „sie nur durch Vermittlung von etwas anderem vorgenommen werden kann“24. Anders gesagt, der Signifikant ist Schein, selbst wenn er in seiner Materialität das Gegenteil des Artefakts ist. Und genau als Schein ist er die Stütze dessen, worauf der Diskurs sich bezieht, und kann er daher Wirkungen im Realen haben.
……Mit der Wiederaufnahme des Kommentars von Der entwendete Brief25, der die Schriften eröffnet hat, rückt die Frage der Metapher wieder an erste Stelle, wenn es darum geht, die Letter (lettre) vom Herrensignifikanten zu unterscheiden, da die Erzählung von Poe uns eben zeigt, wie der Herrensignifikant von der Letter auf ihrem Umschlag mitgeführt wird. Nun ist der Ausdruck „Letter“ (lettre, Buchstabe/Brief), so betont Lacan, nicht metaphorisch, denn die Erzählung von Poe zeigt, dass es bei der Botschaft, die hier beständig verschwindet, „das Geschriebene ist, also eigentlich die Letter, was einzig die Peripetie herbeiführt“26. Anders gesagt, ob die Letter der Druckbuchstabe ist, der eine Schrift (écriture) nachbildet, oder ob sie der Brief ist, der eine Botschaft mit sich führt – die Letter führt als solche den Signifikanten mit sich, ohne selbst eine Bedeutung zu tragen..

Damit endet Lacan jedoch nicht und er gibt weitere Beispiele für Positionen, die „unhaltbar sind, jedenfalls ausgehend speziell von der analytischen Erfahrung“27. Etwa die Position des logischen Positivismus, für die gilt, dass jeder Ausdruck, dessen Signifikat nicht der Überprüfung durch eine Ja/Nein-Entscheidung unterzogen werden kann, nichts bedeutet. Mit Lacan muss man feststellen, dass unter dieser Bedingung kaum Ausdrücke übrig bleiben, die etwas bedeuten … Eine andere Position, die er als unhaltbar ansieht, diesmal in Bezug auf die Sexualität, ist diejenige, die von Stoller in Sex and Gender vertreten wird, und die Lacan die Gelegenheit gibt, anzudeuten, worin eine psychoanalytische Klinik der Transsexualität bestehen könnte.28.

Lacan scheut sich also keineswegs, zu Wissensformen Nein zu sagen, bei denen er zeigen will, wie sie vom psychoanalytischen Diskurs unterminiert oder ungültig gemacht werden. Dazu gehören, genannt oder nicht genannt, aber jedenfalls gut erkennbar, Mounin und Martinet (zum damaligen Zeitpunkt die etablierte Linguistik), Chomsky (dessen Unterscheidung Kompetenz/Performanz von ihm verspottet wird), Derrida (für den der Buchstabe nicht die Konsequenz der Tatsache ist, dass man spricht, sondern „archiécriture“, Urschrift, immer schon da, dem Sprechen vorausgehend), Ogden und Richards (deren berühmtes Werk The Meaning of Meaning von Lacan oft zitiert wird29) und einige andere. Aber er scheut sich auch nicht, zu sagen, was er seinem „cher maître Demiéville“ schuldet, bei dem er Chinesisch gelernt hat, sowie Mencius und einige andere chinesische Autoren zu würdigen und ebenso die bemerkenswerte Arbeit von Madeleine David über die Schrift30..

Alles scheint sich demnach so abzuspielen, als ob dieses Seminar in Lacans Arbeit eine neue Phase einleitete: einerseits Kontinuität, Erinnerung an die Grundlagen, von denen aus diese Arbeit betrieben wird, zugleich aber eine genaue Bezeichnung von Punkten, bei denen es darauf ankommt, die spezielle Verwindung vorzunehmen, durch die Vorderseite und Rückseite des Diskurses ineinander übergehen. Und die Formulierung „von wo ich Sie ausgehen lassen möchte“ (oder wieder ausgehen lassen möchte, für diejenigen, die ihm bereits seit längerem folgen) scheint anzuzeigen, dass nach einer ersten Runde, die in Die Kehrseite der Psychoanalyse mündete, dies eine zweite Runde ist, die Lacan hier durch die Frage nach dem Buchstaben in seiner Verbindung mit dem Sprechen in Angriff nimmt. Dabei handelt es sich um den Versuch, das herauszulösen, was es auf der logischen Ebene an Gemeinsamkeiten geben könnte zwischen, zum einen, der Kluft, die das Sprechen vom Geschriebenen trennt, und, zum anderen, dem Unmöglichen, das im Tetraeder des Diskurses Wahrheit und Genießen voneinander trennt, sowie schließlich der Unmöglichkeit, das sexuelle Verhältnis zu schreiben..

Die Frage, die hier vor allem unter dem Blickwinkel der „Linguisterie“ angegangen wird, ist also Ausgangspunkt für eine Arbeit, bei der es nicht nur darum gehen wird, den psychoanalytischen Diskurs zu artikulieren (das war die erste Runde), sondern auch darum, es zu ermöglichen, zu verstehen oder zu lesen, wodurch hier die Struktur qua Diskurs konstituiert wird und worin der Schlüssel für seine Wirksamkeit bestehen kann, d..h. für seine Begegnung mit dem Realen. Wie sollte man hier nicht einen Hinweis auf die zwei Runden sehen, durch die „L’étourdit“ strukturiert wird?

Worauf ich hinauswill

Vier Diskurse - kreisförmig deutsch - kleiner

Die vier Diskurse (Seminar 17)

Gleich zu Beginn betont Lacans Kommentar zu dem für dieses Jahr gewählten Titel den Abstand zwischen „meinem Diskurs“, insofern er den „Druck“ (presse) seiner Zuhörer veranlasst, und dem der „Folge der Äußerungen, die ich Ihnen präsentiere“, befragbar, so präzisiert Lacan, „durch das Nicht / den Schritt (pas) eines Diskurses, der nicht vom Schein wäre“31. Die Wichtigkeit dieses pas hat man bereits ermessen können, das, Negation und Überschreitung zugleich, eine Vorstellung von der Beziehung vermittelt, die es zwischen der Zurückweisung von etwas geben kann und der Geburt dessen, was Lacan als Herrensignifikant bezeichnet. Hier ist es so, dass, ausgehend von der Struktur von vier Plätzen, durch welche die Diskurse organisiert sind, das Unüberschreitbare festgehalten wird zwischen dem sogenannten Platz der Wahrheit und demjenigen der Produktion oder des Genießens (jouissance). Und dieses pas im Sinne von „unmöglich“ wird die Reflexion des Seminars anleiten, wenn es wahr ist, dass auf diese Weise der Diskurs ans Reale rührt, also an etwas, das nicht vom Schein ist und das für den Diskurs als Schein eine Grenze bildet.

Vier Plätze 2

Die vier Plätze (Seminar 17)

Die Frage stellt sich dann nach einem Diskurs, der in der Lage wäre, etwas über diesen Augenblick zu sagen, in dem die Wahrheit, wie die Analyse sie erfahren lässt, entfesselt wird durch „diesen Boden des Veridischen, der, wie das Orakel, zum Sprechen gehört“32. Ausgehend von dem Moment, „in dem der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz zurückgewiesen wird, disqualifiziert wird“33 (d..h. von dem Moment, in dem sich dieser Wahrheitseffekt herstellt, bei dem der Ödipuskomplex dazu dient, uns klarzumachen, „dass der Diskurs hier nicht vom Schein ist, sondern dass Blut geflossen ist“34), handelt es sich jetzt darum, wie man zu einer Logik übergeht, die versucht, diese Wahrheit zu verkörpern. In genau dem Moment nämlich, in dem das Sprechen an das Reale rührt – jenseits einer Bedeutung, die auf eine andere Bedeutung verweist –, stellt sich die Frage, welche Logik davon Rechenschaft ablegen könnte, wie eine Fortsetzung des Diskurses dadurch gekennzeichnet sein kann, ein Wahrheitseffekt zu sein. Das umfasst zugleich die Frage nach dem Subjekt, insofern das Subjekt als solches niemals „die Artikulation der Signifikanten beherrscht, sondern von ihr im eigentlichen Sinne determiniert wird“35.
……Das Ziel ist also klar: Was ist diese Logik, die in der Sprache enthalten ist und die weit über das hinausgeht, was uns daraus herauszulösen gelingt? Was also ist dieses Objekt, das sich nur in der Artikulation des Diskurses herstellt?.

Lacan stützt sich dann auf das Terrain, das Freud mit Jenseits des Lustprinzips36 zaghaft vorbereitet hat, und darauf, wie Freud hier Wiederholung und Genießen miteinander verknotet. Denn wenn die Wiederholung dem Lustprinzip zuwiderläuft, dann deswegen, weil die Wiederholung, indem sie den Tod riskiert, auf den Punkt stößt, der für das Genießen des Lebens ein Ende darstellt.
……Lacan fasst das, was er die „Freud’sche Hypothese“ nennt, in einem sehr erhellenden Syllogismus zusammen, um – ausgehend vom Lustprinzip und von der Gefahr der tödlichen Überschreitung, die es einschließt – die Möglichkeit zur Geltung zu bringen, dass die Wiederholung sich in Gestalt der Rückkehr zur Welt als Schein vollzieht, d..h. zur „Welt dieses von der Sprache denaturierten Tieres, nämlich des Sprechwesens“37.
……Und diese Möglichkeit der Wiederholung jenseits des minimalen Erregungsniveaus, d..h. jenseits des Lustprinzips, eben dies ist die Möglichkeit – aufgrund des Auftauchens des Diskurses des Unbewussten, ausgehend von einer bestimmten Signifikantenfunktion –, das Profil dieses Diskurseffekts erscheinen zu lassen, der bis dahin als unmöglich erschien, nämlich die Mehrlust, das Objekt a.38.

Einige haben geglaubt, als sie hörten, dass Lacan den Diskurs als Artefakt definiert und den Signifikanten, aus dem er besteht, als Schein, in Lacan einen „gefährlichen Idealisten“ zu sehen. Aus diesem Grunde macht Lacan sich daran, zu zeigen, dass der Schein das Gegenteil des Artefakts ist: Wenn man mit Lacan annimmt, dass wir nicht durch die Wahrnehmung erkennen, sondern durch den Diskursapparat, läuft das darauf hinaus, im System der Vorstellungen der Idee jeden Platz zu rauben. Diese Linie weiter verfolgend, behauptet Lacan: Wenn der wissenschaftliche Diskurs, wie wir ihn kennen, das Reale treffen kann, beruht das eben darauf, dass er von der Frage des Scheins abhängt. Denn die Wirkungen eines Scheins geben uns das Mittel – wo es nur um Buchstaben geht (um diesen „Gipfel des Geschriebenen“, aus dem der Diskurs der Wissenschaft gebildet ist) –, das Reale auszumachen, das heißt das, was im Schein ein Loch macht. Demnach richtet sich der Diskursapparat dann auf das Reale, wenn er auf die Grenzen seiner Konsistenz stößt. Wie man sieht, treibt Lacan die Frage nach den materialistischen Grundlagen seiner Konzeption der Psychoanalyse hier weiter voran, indem er sie mit einer Theorie des Diskurses verknüpft, wonach der Diskurs, statt sich als Reflex des Realen zu präsentieren, dem Realen genau dort begegnet, wo er es verfehlt.39

Und die Sexualität?

Das Reale, dem man dort begegnet, wo es verfehlt wird, bringt Lacan dazu, in Erinnerung zu rufen, was für ihn die einzige Gemeinsamkeit von Freud und Marx ist, nämlich dass die Dimension des Symptoms als etwas herausgestellt wird, was spricht, „selbst zu denjenigen, die nicht hören können“, und das nicht alles sagt, „selbst zu denjenigen, die hören können“40. Von da aus stellt sich die Frage, was man sagt, wenn man wiederholt, der Beitrag von Freud bestehe eben darin, gezeigt zu haben, dass allem, worum es beim Diskurs geht, die Sexualität zugrundeliegt. Lacan betont hier gerne, wie sehr es ihn erstaunt, dass man nicht gesehen hat, dass er das, worum es bei diesem Terminus geht, noch nicht behandelt hat, und er besteht darauf, dass eine ganze Welt liegt zwischen der biologischen Substanz, die damit zunehmend verbunden wird, und dem, worum es geht, wenn Freud sich über das äußert, was das Unbewusste von der Sexualität enthüllt, die „nichts Biologisches hat, welches auch immer das Gestolper sein mag, dem auch er unterliegen konnte.“ Deshalb zieht Lacan den Ausdruck „Mann-Frau-Verhältnisse“ dem der „Sexualität“ vor, da „das, was den Mann definiert, letztlich sein Verhältnis zur Frau ist, und umgekehrt“41..

Auch wenn das sexuelle Verhältnis des Menschen etwas vom tierischen Schein bewahrt (Rolle des Balzverhaltens bei der sexuellen Kopulation), unterscheidet es sich davon doch radikal, und zwar dadurch, dass beim Menschen dieser Schein von einem Diskurs getragen wird. Von hier aus und nur von hier aus, wird der Schein zu einer bestimmten Wirkung gebracht, die selbst nicht vom Schein wäre. Beispielsweise dann, wenn – anstelle der „erlesenen tierischen Höflichkeit“42 – ein Mann dazu kommt, eine Frau zu vergewaltigen. Das ist dann die passage à l’acte, die Grenze, jenseits derer der Diskurs den Schein nicht mehr aufrechterhalten kann. Anders gesagt, dies ist die Intervention des Realen, nämlich genau dessen, was dem sexuellen Diskurs untersagt ist, insofern dieser Diskurs den Einsatz der Mehrlust ermöglicht, die garantiert, dass die tödliche Grenze nicht überschritten wird. Von daher die Formel „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“..

Denn die Mehrlust wird nur durch eine Beziehung zum sexuellen Genießen normalisiert, das nur vom Phallus her formuliert werden kann, insofern er dessen Signifikant ist, und das heißt, im Gegensatz zum Penis, ein Schein. Von einem logischen Standpunkt aus – und das ist einer der Hauptpunkte dieses Seminars – wird der Ödipuskomplex von Lacan dann als etwas dargestellt, das notwendig ist, um das Reale des sexuellen Genießens als unmöglich zu bezeichnen, insofern nämlich, als die Gestalt des Vaters hier das mythische Wesen bezeichnet, dessen Genießen das aller Frauen wäre. Genau dies aber, alle Frauen, existiert nicht. Was den Phallus angeht, zeigt die Schrift der Quantoren, dass es welche gibt, die keinen haben..

Von da aus kommen wir zum Kern dieses Seminars, zur Frage, was durch die Logik als Schreibung der Wahrheitseffekte der Sprache aufgeklärt werden kann, bezogen darauf, was nach den Gesetzen der Sprachordnung geschrieben werden kann und was nicht. Man findet dann die berühmten Quantoren, die es gestatten, etwas über das „es gibt“ und über das „es gibt nicht“ zu schreiben wie auch über das „alle“ und das „nicht alle“.43

Formeln der Sexuierung - nur die Formeln

Die Formeln der Sexuierung (Seminar 19)

Bevor er in dieser Richtung weitergeht, liefert Lacan uns jedoch in „gequasselter“ Form, d..h. in nicht schriftlich formalisierter Gestalt, das, was danach zu der wichtigen logischen Ausarbeitung  Anlass gibt, die zwei Jahre später zu den sogenannten Formeln der Sexuierung führen wird44: Im Verhältnis zwischen Mann und Frau (ein Verhältnis, dessen Reales das sexuelle Genießen ist und dessen Signifikant der Phallus ist) ist die Frau für den Mann „die Stunde der Wahrheit“45, denn sie ist in der Position, sagt Lacan, die Äquivalenz zwischen dem Genießen und dem Schein zu interpunktieren, und damit anzuzeigen, was im Verhältnis des Mannes zur Frau von der Natur des Signifikanten ist, also des Scheins. Weil der Mann im Überschneidungsbereich von zwei Arten des Genießens seinen Platz hat (dem „Genießen des Lebens“46 und der „Mehrlust“), erleidet er das Elend dieses sogenannten sexuellen Verhältnisses mit voller Wucht, wobei für die Frau Genießen und Schein nicht weniger getrennt sind, auch wenn sie in der Dimension des Diskurses äquivalent sind. Und das ist die Wahrheit, die die Frau für den Mann repräsentiert: Sie allein kann dem Schein seinen Platz geben und damit die Position des Buchstabens einnehmen. Lacan kommt dann zu dieser Formel: „Triebfeder des Unbewussten ist nichts anderes als das Grauen vor dieser Wahrheit.“47.

Die Ausführungen über die Funktion des Geschriebenen führen zu etwas, das direkt die Psychoanalyse betrifft, nämlich dass die Formulierung „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ nur im Felde des Geschriebenen gültig sein kann. Denn jedes Verhältnis hat nur von daher Bestand, dass es geschrieben werden kann (beispielsweise ab), insofern nämlich, als das Sprechen über ein Verhältnis den Bezug auf die kleinen Buchstaben als Formen des Scheins impliziert und nicht auf irgendetwas, das dem Realen entnommen wäre.48 Was nicht heißen soll, dass sich im Realen nichts ereignet, aber mit welchem Recht würde man dies dann als Verhältnis bezeichnen? Denn dieser Terminus gilt nur für das Symbolische, also für das, was Sache der Schrift ist. Die spezielle Problematik, die Aporie, über der die Psychoanalyse ins Stolpern gerät, bezieht sich darauf, wie sich Folgendes erklären lässt: Wenn ein Verhältnis nur im Bereich des Geschriebenen gelten kann, was kann man dann über ein Verhältnis sagen, das nicht geschrieben werden kann, über das sexuelle Verhältnis – was kann man anderes sagen als dies, dass es ein solches Verhältnis nicht gibt?.

Die Antwort wird angekündigt: das ist die Funktion des Phallus, der für ein solches Verhältnis das Hindernis darstellt und die sexuelle Bipolarität unhaltbar und ihr Aufschreiben zugleich unmöglich macht. Denn das, was der Phallus anzielt – der keinesfalls mit dem Penis zu verwechseln ist –, ist sein Verhältnis zum Genießen. Und es ist genau dieser Punkt, durch den sich die Funktion des Phallus von der physiologischen Funktion des Penis unterscheidet: Es gibt ein Genießen, und dieses bildet seine Wahrheitsbedingung. Das ist auch der Punkt, der die Unterscheidung zwischen dem begründet, was Lacan das Sein und das Haben nennt, deren Unvereinbarkeit ein anderer Name für die Kastration ist. Aber nachdem dies einmal gesagt ist, müssen noch beträchtliche Anstrengungen unternommen werden, um dafür den Beweis zu liefern, das heißt, um das Geschriebene zu produzieren, das es erlauben wird, dessen Reales einzukreisen.49.

Schema chineischer Buchstabe szu ohne Zahlen

szu

An diesem Punkt des Seminars angekommen, führt Lacan einen Graphen ein, der ihm durch die Form eines chinesischen Schriftzeichens nahegelegt worden ist, das den Signifikanten szu notiert (was „verschlagen“ bedeutet, „persönlich“ oder auch „privat“) und dessen Zeichnung an ein unvollständiges Dreieck erinnert. Das wird der Graph dieses Seminars sein, mit dessen Hilfe Lacan eine Annäherung herstellt zwischen dem, worum es einerseits beim Verhältnis zwischen Schrift und Sprache geht und andererseits beim sogenannten sexuellen Verhältnis. Aber viel bleibt noch zu tun, um mithilfe des Sprechens „den Weg zum Geschriebenen zu bahnen“50.

Schema Effet de langage - mit dt 2

Graph von Seminar 18

In diesen Graphen51 trägt Lacan unter (1) die Sprache ein, deren reservierter Bereich in der Kluft des sexuellen Verhältnisses verortet ist, wie der Phallus sie offenlässt. Denn die Sprache führt nicht zwei Termini ein, die als männlich und weiblich definiert werden, sondern die Wahl zwischen zwei Termini ganz anderer Art: zwischen dem Sein und dem Haben. An die Stelle des sexuellen Verhältnisses tritt so das sexuelle Gesetz, durch das bestimmt wird, dass es nichts Gemeinsames gibt (das unter (2) notierte  PAS [NICHT]) zwischen einem Verhältnis, das ein Gesetz im Modus einer mathematischen Funktion bilden würde (das unter (3) notierte Faktum des Geschriebenen), und einem Gesetz, das zum Register des Begehrens, der Untersagung, passt (der unter (1) notierte Spracheffekt). Alles, was in den Bereich der Sprachwirkungen fällt, dessen, was Lacan als demansion 52 der Wahrheit bezeichnet, wird also zur Struktur der Fiktion gezwungen sein, d..h. des Scheins..

Wenn auf der Seite des Mannes der Penis sich nach dem Gesetz richtet, dem Begehren, der Mehrlust und dem Phantasma, so stößt auf der Seite der Frau das Wissen auf „den Knochen, der dem Organ fehlt“53. Dieser fehlende Knochen ist jedoch nicht der Phallus, sondern das Begehren. Sodass eine Frau nur durch das Begehren des Mannes ein Zeugnis für ihre Einschreibung in das phallische Gesetz hat, das heißt des Scheins als Ersatz für das Verhältnis. Nun ist das Begehren des Mannes aber an die Ursache des Begehrens gebunden, an die Mehrlust, die ihre Quelle selbst wiederum nirgendwo anders hat als in der Sprachwirkung, d..h. im Begehren des Anderen. Folglich ist die Frau für den Mann die Andere, d..h. der Ort, an dem die Ursache des Begehrens angesiedelt ist. Nun kann aber das phallische Instrument als Ursache der Sprache – in dem Sinne, dass es bewirkt, dass wir sprechen – unmöglich in der Sprache artikuliert werden. Von daher die unvermeidliche Zwietracht zwischen einem Mann und einer Frau, denn das Verhältnis zwischen ihnen wird durch das von der Sprache eingeführte „sexuelle“ Gesetz verfälscht, ein Gesetz, „das einen jeden begehren lässt, dass es für ihn die seine gibt“54. Und Lacan kommentiert verschmitzt: Wenn sich das ereignet, pflegt man nicht zu sagen, dass dies etwas Natürliches war, sondern „dass es geschrieben war“55!.

Dieser Graph, der etwas dunkel ist, wenn er nicht von viel Sprechen begleitet wird, enthält das, was in den nächsten beiden Jahren im Detail entwickelt wird, bezogen auf den Doppelcharakter des Ein im Verhältnis zum Phallus und im Verhältnis zur Frage der sexuellen Nicht-Beziehung, die sich daraus ergibt. Wie sollte man hierin nicht den Versuch sehen, mithilfe von dem, was bald als lalangue bezeichnet werden wird, Ausdrücke zu bilden, mit denen diese beiden Arten des Ein bezeichnet werden können: der einzige Zug (un en peluce [un en plus – eins mehr]) und das zählbares Ein (papludun [pas plus d’un – nicht mehr als ein)].

Das sexuelle Verhältnis: eine Sache der Logik, zwischen Sprechen und Schrift

Lacan kommt dann auf die Frage nach dem Verhältnis von Sprechen und Schrift zurück und nimmt als Beispiel den Satz Der Diskurs des Analytikers „ist nichts anderes als die Logik des Handelns“56, wobei er darauf hinweist, dass er deshalb nicht gehört/verstanden (entendue) worden ist, weil das etwas Geschriebenes war. Damit etwas Geschriebenes verstanden wird, so präzisiert Lacan, muss man nämlich „wieder Sprechen dazugeben und es gründlich damit einfetten“57. Folglich werden die Schriften hier als ein Versuch dargestellt, ausgehend vom Sprechen den Weg zum Geschriebenen zu bahnen, wobei dieser Versuch dadurch gekennzeichnet ist, dass er zu Graphen führt.
……Wenn man Lacan aber ausgehend von Graphen kommentiert, ob dies nun das Schema L ist, das Schema R oder der sogenannte Graph „des Begehrens“, kann dies nur eine Quelle von Irrtümern oder Missverständnissen sein, denn es geht nicht um das Wissen, das in diesen Graphen enthalten wäre, sondern um das Wissen des Sprechens, das dorthin geführt hat.58 Was uns zur psychoanalytischen Grundregel zurückbringt: „Sprechen Sie, sprechen Sie, wetten Sie, es genügt, dass Sie parlieren, das ist die Büchse, aus der alle Gaben der Sprache hervorgehen, das ist eine Büchse der Pandora.“59 Man kann sich dann fragen, was es mit der Wahrheit auf sich hat, die sich aus dem freien Gebrauch des Sprechens ergibt, und Lacan antwortet hierauf, dass die Funktion, die vom analytischen Diskurs definiert wird, nicht freier ist als eine gebundene Variable in einer mathematischen Funktion, das heißt in etwas Geschriebenem. Von daher die Bedeutung vorbereitender Gespräche, in denen die Bedingungen festgelegt werden, die es ermöglichen, dass der Analytiker in der Position des „Subjekts, dem zu wissen unterstellt wird“, sein kann, Bedingungen, die mit der Etablierung der Übertragung den Raum des „psychoanalytischen Kabinetts“ bilden, eine förderliche Bedingung, um erscheinen zu lassen, worum es bei dem Geschriebenen geht, das den Diskurs des Analysanten bestimmt.
……Man sieht, wie die Umrisse der zweiten Runde, zu der Lacan hier ansetzt, präzisiert werden: Nach einer Phase, in der es in starkem Maße darum ging, die epistemologischen Grundlagen der Psychoanalyse herauszuarbeiten, dreht es sich von nun an darum, den Ort der Kur in der ganzen Angelegenheit neu zu bestimmen, insbesondere ihre Bedeutung vom strukturellen oder logischen Standpunkt aus, und dabei etwas zu definieren, was bei Lacan einen immer größeren Raum einnehmen wird, nämlich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Sprechen und der Schrift, die Frage des Buchstabens, insofern dieser sich nicht auf die graphischen Zeichen unserer Alphabete reduziert.60.

Wenn das Geschriebene im Verhältnis zu jeder Funktion der Sprache immer sekundär ist – im Gegensatz zu dem, was Derrida sagt (der niemals genannt wird, in dieser Erörterung jedoch beständig präsent ist) –, so schließt das keineswegs aus, dass man das, was aus dem Spracheffekt resultiert, ohne das Geschriebene nicht befragen kann. Anders gesagt, es geht um das, was Lacan hier mit einem Ausdruck bezeichnet, bei dem er es seinen Zuhörern überlässt, ihm einen Sinn zu geben, nämlich um das, was er als demansion der Wahrheit schreibt61 oder auch als Ort des Anderen. Denn die Logik wird nur von der Schrift her gebildet, und zwar insofern, als das Geschriebene auch hier wieder nicht die Sprache ist, sondern die Spur eines Spracheffekts.
……Die berühmte Formel „Es gibt keine Metasprache“ („Il n y a pas de métalangage“62) wird so auf einleuchtende Weise erhellt: Über die Sprache (langage) spricht man immer nur ausgehend von der Schrift. Ein mathematischer Beweis, ein Graph, eine grammatikalische Argumentation, sie alle erfordern, dass man über sie spricht. Die Sprache (langue), die dazu dient, um darüber zu sprechen und die von den Logikern als „Umgangssprache“ („langue d’usage“) bezeichnet wird, ist aber von der Ordnung der Sprache (langage) und nicht irgendeiner Metasprache, denn das, worüber man dann spricht, gehört nicht zur Sprache (langage), sondern ist etwas Geschriebenes, das heißt etwas, was aus dem Sprechen herausgefallen ist, ein Spracheffekt. Und Lacan präzisiert: Wenn die Sprache (langage) ausgehend vom Geschriebenen befragt wird, dann heißt das, dass das Geschriebene nur von seinem Bezug auf die Sprache (langage) her konstruiert wird, ohne sich mit ihr zu vermengen..

Zu sagen, wie Lacan es tut, dass die Schrift nicht die Sprache ist und dass sie nicht einmal von der Sprache her ist, hat etwas Überraschendes. Man kann verstehen, dass diejenigen unter seinen Zuhörern, die diese Fragen als Linguisten oder Logiker zum Gegenstand ihrer Nachdenkens gemacht hatten, durchaus in Verlegenheit waren, wenn sie erfassen wollten, worum es sich handeln könnte. Eine Idee davon bekommt man, wenn man berücksichtigt, wie sehr der Universitätsdiskurs uns daran gewöhnt hat, uns mit dem zufriedenzugeben, was Lacan zu Beginn dieses Seminars als „gedrängte Mehrlust“ bezeichnet, und nicht zu verstehen, was es mit einem Diskurs auf sich haben kann, der von einem Subjekt geäußert wird, das selbst von diesem Diskurs bestimmt ist – mit den Zwängen, die dadurch aufgenötigt werden, dass es um das geht, was Lacan als Diskurs bezeichnet, das heißt, nicht um irgendeine sprachliche oder linguistische Konstruktion. Von daher im ganzen Seminar das Insistieren darauf, dass ein Sagen wie dieses nur vom analytischen Diskurs her artikuliert wird, der als einziger in der Lage ist, das Verhältnis des Geschriebenen zur Sprachwirkung erscheinen zu lassen sowie zur Wahrheit, die zu entfesseln er imstande ist, insofern sie hier vom Wissen getrennt ist.
……Den Kern dieses Seminars bildet also die Frage nach dem Genießen und ganz besonders die nach dem sexuellen Genießen, insofern es sich vom Schein unterscheidet. Was die Art und Weise betrifft, in der diese Frage hier angegangen wird, so haben wir das Insistieren auf dem „Linguisterie“-Aspekt dieser Reflexion bereits herausgestellt, einer Reflexion, die sich auf die Frage nach dem Status des Geschriebenen (in seinen unterschiedlichen Formen) im Verhältnis zum Sprechen bezieht, um zu versuchen, das zu schreiben, was es mit der sexuierten Position des „Sprechwesens“ – Männerseite und Frauenseite – auf sich hat. Da die Darstellung und die Erörterung dieser logischen Schrift in den beiden folgenden Seminaren ausgearbeitet werden, laden wir den Leser dazu ein, sich auf die entsprechenden Zusammenfassungen zu beziehen63; wir ziehen es hier vor, den Akzent darauf zu setzen, wie Lacan die Frage nach dem Geschriebenen und der Schrift stellt und immer wieder neu stellt.
……So erinnert er beispielsweise an die Schwierigkeit, über den folgenden Ausdruck zu sprechen, der nur geschrieben erfasst werden kann, nämlich über l’achose.64 Wenn das Sprechen aber über den Sprecher hinausgeht (der aufgrund des Diskurses in Wirklichkeit ein Gesprochener ist), so weist das Geschriebene hingegen die Besonderheit auf, etwas zu sein, worüber man sprechen kann. Wenn die Schrift zu etwas dienen kann, dann genau dazu, etwas anderes als das Sprechen zu sein, insofern sie nicht dessen einfacher Reflex oder einfache Verdoppelung ist. In diesem Sinne ist der Graph durchaus eine Schrift. Aber das ist nicht der einzige Modus der Schrift; die chinesische Schrift ist geeignet, uns an die Existenz von Schriftzeichen zu erinnern, die als Piktogramme oder Ideogramme bezeichnet werden, so wie unsere Alphabetschrift die Buchstaben zeigt, die uns so vertraut geworden sind. Diese unterschiedlichen Ebenen der Schrift erlauben uns zu begreifen, dass die Verbindung der Aussagen „Ein Graph repräsentiert eine Topologie“ und „Es gibt keine Topologie ohne Schrift“ alles andere als tautologisch ist, insofern es immer um das geht, was im Sprechen ans Werk gesetzt wird.
……Lacan nimmt dann das Beispiel des Dreiecks.65 Ein Dreieck ist nichts anderes als etwas Geschriebenes, in dem Sinne, dass es ein Graph ist, der als Stütze dient, um das metrisch Deckungsgleiche darzustellen, das für die Geometrie grundlegend ist. Auf welche Weise auch immer es geschrieben, also gezeichnet wird, es macht es möglich, zu beweisen, worum es beim gleichschenkligen Dreieck oder beim rechtwinkligen Dreieck geht. Die Schrift der Geometrie tendiert jedoch immer mehr dazu, auf Graphen zu verzichten, zugunsten einer sogenannten logischen oder algebraischen Schrift, die aus Buchstaben besteht. Denn kurz nachdem die Griechen ein Alphabet entwickelt hatten, das die bis dahin existierenden Alphabete durch Schriftzeichen für Vokale vervollständigte, ermöglichten diese Buchstaben die Schrift der Logik und das, was Lacan, bezogen auf die Erste Analytik von Aristoteles, als einen Anfang der Topologie bezeichnet. Woraus besteht diese Schrift? Daraus, dass Löcher ins Geschriebene gemacht werden. Das tut man, wenn man nicht „Alle Tiere sind sterblich“ schreibt, sondern „Alle x sind y“, das heißt, wenn man hier diesen „Gipfel des Geschriebenen“ einsetzt, nämlich „ganz einfach einen kleinen Buchstaben“66.
……Die Folgen dieser Schrifttatsache sind natürlich beträchtlich, weil sie sich auf das Sprechen auswirkt und ihm im Diskurs des Herrn eine besondere Wendung gibt. „Es ist völlig klar, dass es keine Frage des Imperiums gibt – und wenn Sie mir das Wort gestatten, nicht einmal den geringsten Empirismus – ohne die Stütze der Schrift“67, sagt Lacan und fordert damit dazu auf, die Unterschiede zwischen einer Schrift wie dem Chinesischen oder Japanischen und einer Alphabetschrift68 wie der unsrigen zu erkunden, in Bezug darauf, welche Termini sie mit sich führen können für die Logik der Diskurse und ihrer Konsequenzen im Realen..

Jedenfalls, wenn das Bewohnen des Sprechens und die Abwesenheit des sexuellen Verhältnisses in Beziehung zueinander stehen, dann kann man sagen, dass das sexuelle Verhältnis das Sprechen selbst ist. Und wie soll man es schreiben? Wird die Biologie dafür eines Tages die Mittel liefern? Sicher ist, dass man nichts darüber wird schreiben können, ohne die Funktion des Phallus intervenieren zu lassen, etwa um zu schreiben
– das Begehren des Mannes: Φ (a), wobei Φ den Phallus-Signifikanten notiert;
– das Begehren der Frau: A (φ), wobei φ den imaginären Phallus notiert, d..h. den Penis.69.

Lacan verweist darauf, dass dies das Beste ist, was einem, nach einem bestimmten wissenschaftlichen Augenblick, zu schreiben gelingt, und er vergleicht die Schreibungen, die er selbst dabei ist einzuführen, mit dem unbestreitbaren wissenschaftlichen Augenblick, den Newtons Formel über das Schwerefeld darstellt, eine Formel, die im Seminarjahr Menschen auf den Mond geführt hat.70 Er präzisiert damit, was er selbst anstrebt, nämlich das Reale einzukreisen, das heißt das Unmögliche jeden Diskurses, mit Hilfe von dem, was für das Reale eine Umrandung bildet oder, wie er in Lituraterre sagt, ein „Litoral71, was nichts anderes ist als dieser Gipfel des Geschriebenen, nämlich einer dieser so vertrauten Buchstaben.
……Lacan gelangt hier dazu, die unterschiedlichen Fäden zu verfolgen, die an die Frage des Buchstabens rühren, um dessen Struktur erscheinen zu lassen, die – von der Schrift als Stütze von Logik und Wissenschaft bis hin zur Schrift in ihrer ganz gewöhnlichen Verwendung – immer dasselbe Merkmal aufweist, Repräsentation von Wörtern zu sein, d..h. derjenige Sekundärprozess, den Freud als „Wortvorstellung“ bezeichnet. Lacan beharrt darauf: keine Vorstellung von Worten (oder um welche linguistische Ordnung auch immer es gehen mag) ohne Schrift! Denn ein Piktogramm bzw. ein Ideogramm verdankt seine Aussprache dem, was es bildlich darzustellen scheint (das gilt auch für die Buchstaben des Alphabets, die von alten Piktogrammen abgeleitet sind). Und dann macht man damit, was man will, wie mit einem Rebus. Man findet hier das wieder, was seinerzeit in „Das Drängen des Buchstabens“72 vorgebracht worden war, bezogen auf den Witz, der nur auf dem Nicht-Sinn beruhen kann (von daher der Titel „Drängen des Buchstabens“ und nicht des Signifikanten). Dass der Traum etwas von einem Rebus hat, ist eine Veranschaulichung dessen, dass das Unbewusste strukturiert ist wie eine Sprache, aber wie eine Sprache, die die sehr spezielle Eigenschaft hat, dass sich hier davon die Schrift manifestiert, denn die Gestalten, die im Traum zirkulieren, sind nichts anderes als Wortvorstellungen, das heißt Geschriebenes oder genauer Buchstaben. Symptom, Versprecher, Fehlhandlung, Psychopathologie des Alltagslebens, all dies hat nur dann einen Sinn, so präzisiert Lacan, „wenn man von der Idee ausgeht, dass das, was Sie zu sagen haben, programmiert ist, d..h. dass es zu schreiben ist“73.
……Wenn die Schrift aber durchaus Repräsentation des Sprechens ist (nach Modalitäten, die nicht überall dieselben sind und deren Unterschiede in starkem Maße das Risiko in sich bergen, nicht ohne Wirkung zu sein), so ist sie doch nicht ohne Auswirkungen auf das Sprechen – ohne Schrift, hätten wir da Wörter? Die Schrift ist also dazu berufen, bei der Frage der Deutung eine ganz zentrale Rolle zu spielen, denn wenn man ein und dasselbe Sprechen unterschiedlich schreibt, ruft man Wirkungen hervor, die ganz verschieden sein können. Die Nähe einer Japanreise, verbunden mit dem Interesse an der chinesischen Schrift, bereichert das Seminar mit dem Beispiel der japanischen Schrift, die zeigt, wie sehr eine Schrift eine Sprache beeinflussen kann..

Dies führt zurück zur Frage nach dem Phallus in seinem Verhältnis zum Buchstaben (zur Zeichnung einer Linie mit einem Kalamos) (eine Frage, die tatsächlich niemals aufgegeben wurde) und führt etwas ein, was die Gelegenheit bieten wird, bezogen auf den Buchstaben einen weiteren Faden zu verfolgen, nämlich den der Letter als Brief. Damit kommt Lacan auf das Seminar über Poes Der entwendete Brief zurück, ein Seminar, so sagt er, in dem es nur um die Funktion des Phallus geht, „insofern sie in einem bestimmten Diskurs artikuliert wird“74. Das ist für Lacan die Gelegenheit, um zu präzisieren, was von diesem Diskurs bereits bei Freud zu lesen ist: die Unmöglichkeit des sexuellen Verhältnisses. „Man muss es nur lesen. Nur, Sie werden […] sehen, warum Sie es nicht lesen.“ Und um hinzuzufügen: „Ich versuche, es zu sagen, zu sagen, warum ich es lese.“75.

Der entwendete Brief, oder genauer: der „unzustellbare“ Brief, ist eine Letter – ein Brief / ein Buchstabe –, die, wie jede Letter, am Schluss ihren Bestimmungsort erreicht, das heißt jemanden, der hier nichts versteht, und in diesem Falle ist das die Polizei. Das Wesentliche ist, dass man niemals wissen wird, außer der Königin wird nie jemand wissen, was in dieser Letter steht, wohingegen sicher ist, dass es einen Sinn hat. Da die Letter von einer hochgestellten Persönlichkeit kommt, die sich damit an die Königin wendet, wird der König nicht umhinkommen, die Sache dubios zu finden. Ein Minister, ein Feind der Königin, hat sich der Letter bemächtigt und die Königin tut alles, um sie wiederzuerlangen; sie lässt sie von der Polizei suchen, die zwar weiß, dass die Letter sich mit Sicherheit in der Wohnung der rücksichtslosen Persönlichkeit befindet, der es aber nicht gelingt, sie in die Hände zu bekommen. Poes Held, Dupin, muss seine ganze Schlauheit aufbieten, um sie schließlich zu finden und durch eine Notiz nach seinem Belieben zu ersetzen. Was Lacan von dieser Geschichte festhält, ist die Wirkung, die der Positionswechsel der Letter hat, die aus den Händen der Königin in die des Ministers übergeht und dann in die von Dupin, sowie die Konsequenz, die sich einstellt, wenn man Besitzer der fraglichen Letter ist. Denn derjenige, der schreibt, weiß nicht zwangsläufig, was er schreibt, genausowenig wie derjenige, der spricht, notwendigerweise weiß, was er sagt. Von daher die Konsequenz: Die Letter feminisiert.
……Sich Fragen über den Buchstaben zu stellen impliziert, dass man über die Schemata der vier Diskurse hinausgeht, denn die Struktur des Diskurses bleibt auf einer Konstruktionsebene, der des Tetraeders, die nicht ausreicht, wenn man die Instanz des Buchstabens auftauchen lässt.76 Das wird dadurch angezeigt, sagt Lacan, dass im Tetraeder eine der Seiten zerbrochen ist, in der Struktur, um die sich die Terme drehen, die durch ihren Platz die vier Diskurse determinieren.77 In einer Welt, die durch einen bestimmten Tetraeder strukturiert ist, gelangt der Buchstabe nur dann an den Bestimmungsort, wenn er das Subjekt findet. Nun zeichnet sich dieses aber, wie der König in Poes Erzählung, durch seine ganz spezielle Dummheit aus, das heißt durch die Unfähigkeit, zu begreifen, worum es sich handelt, denn ihm als Subjekt ist die Signifikanz nicht zugänglich. Wenn das Subjekt (hier der König) die Letter in Händen hielte, würde es nur eins verstehen: dass sie sicherlich einen Sinn hat; dieser Sinn aber – und darin besteht der Skandal – entgeht ihm..

Lacan zieht daraus die Konsequenz, dass Dupin – dieser unter allen Schlaumeiern letztlich gar nicht so schlaue Schlaumeier, da er sich einbildet, man könne, während man im Tetraeder ist, begreifen, wie er gemacht ist –, dass Dupin allein schon durch die Tatsache, dass die Letter von Hand zu Hand gegangen ist, von ihr „feminisiert“ wird, ganz wie sie vor ihm den Minister feminisiert hatte. Feminisiert, das heißt von der Intervention des Phallus abhängig gemacht. Aber, so wird man sich fragen, woher rührt die feminisierende Funktion der entwendeten Letter? Die Antwort führt uns zu dem zurück, was der Ödipusmythos aufzeigt, wie Freud ihn schreibt, um daraus einen geschriebenen Mythos zu machen, der als Aufschreiben dessen angesehen werden könnte, worum beim sexuellen Verhältnis geht. Dass ein Mythos geschrieben ist – das heißt, dass er nur noch eine einzige Form hat („nicht mehr als ein“) –, bleibt nicht ohne Folgen, denn von da aus, ausgehend von „alle Frauen“, wird das „Die Frau“ konstruiert, wozu der Mythos geltend macht, dass es unmöglich in einem Verhältnis geschrieben werden kann. So dass Die Frau – diejenige, die nicht existiert, weil man nicht „alle Frauen“ sagen kann – der Buchstabe ist, insofern er hierin verwickelt ist, einerseits durch die phallische Dimension des Signifikanten (das Symbolische) und andererseits durch seine reale Dimension (die der Objekt-Ursache des Begehrens)..

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sprache, Logik und Schrift einerseits und dem Unbewussten andererseits findet man im gesamten Unterricht von Lacan. Im gegenwärtigen Seminar wird diese Frage auf eine Weise angegangen, durch die sie neue Schärfe gewinnt, und zwar dadurch, dass das Seminar zeigt, dass diese Frage sich tatsächlich im Herzen der Erfahrung der Psychoanalyse befindet, insofern diese es mit dem Realen zu tun hat. Auf diese Weise bezeichnet das Seminar eine wesentliche Phase im Übergang vom Ödipuskomplex als Mythos (was er bei Freud ist) zum Ödipuskomplex als Schrift, das heißt als Logik. Oder auch im Übergang von der Frage des Geschlechts als einer biologischen Angelegenheit zur Frage nach dem Mann/Frau-Verhältnis als einer Wirkung, die Anlass dazu gibt, zu versuchen, ihre Logik zu formulieren, eben die eines Diskurses, der nicht vom Schein wäre, und dass es dem Analytiker zukommt, im Sprechen des Neurotikers zu lesen, der nicht aufhört, hören zu lassen, dass es, was das sexuelle Verhältnis angeht, keines gibt.

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Anmerkungen

  1. Diese Zusammenfassung stützt sich auf die Transkription der Association lacanienne internationale, Version nicht im Handel. [A.d.Ü.: Ich habe die Lacan-Zitate nach der Staferla-Version des Seminars übersetzt (staferla.free.fr) und die  Seitenzahlen von Millers Version des Seminars in eckigen Klammern hinzugefügt (J. Lacan, Le séminaire, livre XVIII, D’un discours qui ne serait pas du semblant, 1971, Textherstellung durch Jacques-Alain Miller, Seuil, Paris 2007).]
  2. Natürlich mit Ausnahme der berühmten einzelnen Sitzung des Seminars, das den Namen-des-Vaters gewidmet sein sollte.
  3. Vgl. die beiden Vorträge von Lacan, die bei dieser Reise in Japan gehalten wurden, in: Le Célibataire, Paris, EDK, Nr. 7, 2001.
  4. Vgl.Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse [J. Lacan, Le séminaire, livre XVII, L’envers de la psychanalyse, 1969/70, Textherstellung durch Jacques-Alain Miller, Seuil, Paris, 1991. Eine deutsche Übersetzung von Gerhard Schmitz findet man im Internet hier].
  5. [Kofferwort aus „Linguistik“ und „Hysterie“. Vgl. Seminar 20 von 1972/73, Encore, Sitzung vom 19. Dezember 1972; Version Miller/Haas u.a., S. 20.]
  6. [Veken gibt für dieses Zitat keinen Beleg an; ich habe eine solche Formulierung in den Seminaren 18, 19 und 20 nicht gefunden und auch nicht in den Autres écrits.]
  7. [Vgl. Autres écrits, Seuil, Paris, 2001, S. 403447; dt.: J. Lacan, Radiophonie, übersetzt von Hans-Joachim Metzger, in: J. Lacan, Radiophonie. Television, Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 554.]
  8. Sitzung vom 13. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 11].
  9. [J. Lacan, Le séminaire sur „La Lettre volée“, in: Ders., Écrits, Seuil, Paris 1966, S. 1171; dt.: J. Lacan, Das Seminar über E.A. Poes „Der entwendete Brief“, übersetzt von Rodolphe Gasché, in: J. Lacan, Schriften I, hg. v. Norbert Haas, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1970, S. 760.]
  10. In Littérature, Nr. 3, Oktober 1971, nachgedruckt in Autres écrits, a.a.O., S. 1120. [Vgl. die deutsche Übersetzung von „Lituraterre“ auf der Website „Lacan entziffern“ hier.]
  11. Persönliche Dokumentation, Dokument von ALI und Gratis-Supplement von l‘Unebévue, Nr. 8/9, für Abonnenten reserviert, Paris, EPEL, 1997.
  12. [Quantificateurs und quanteurs; im Deutschen werden die Termini „Quantifikator“ und „Quantor“ synonym verwendet, weitaus häufiger ist „Quantor“.]
  13. [Der Quantor „nicht-alle“, \overline {\forall}, wird von Lacan nicht erst in Seminar 20, sondern bereits in Seminar 19 von 1971/72, „oder schlimmer …“, aufgegriffen und weiterentwickelt, beginnend mit der Sitzung vom 8. Dezember 1971; vgl. Seminar 19, Version Miller, S. 15.]
  14. In Scilicet, Paris, Seuil, Nr. 4, 1973 [wieder aufgenommen in J. Lacan, Autres écrits, a.a.O., S. 449496].
  15. Sitzung vom 20. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 23].
  16. [Den Ausdruck „décaniller“ (abhauen, verduften, sich verkrümeln, abzischen) verwendet Lacan in der Sitzung vom 20. Januar 1971; vgl. Version Miller, S. 23.]
  17. Vgl. Sitzung vom 13. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 10].
  18. [Sitzung vom 16. Juni 1971; vgl. Version Miller, S. 170 (Veken verweist für dieses Zitat irrtümlich auf die Sitzung vom 20. Januar 1971).]
  19. Der Leser wird auch hier die Mehrdeutigkeit von entendre bemerkt haben („verstehen“ und „hören“): etwas mit seinen Ohren entendre, hören, könnte für das entendement, für das Verständnis, durchaus ein größeres Hindernis darstellen.
  20. [Vgl. Version Millers, S. 40.]
  21. [Vgl. Version Miller, S. 43.]
  22. [Vgl. Version Millers, S. 41.]
  23. [Vgl. Version Miller, S. 41.]
  24. [Vgl. Version Miller, S. 45.]
  25. [Vgl. die Sitzungen vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 93 f.), vom 17. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 98, 102104) und vom 12. Mai 1971 (vgl. Version Miller, S. 115 f.).]
  26. Sitzung vom 10. März 1971 [vgl. Version Miller, S. 115; Zitat geändert nach Version Staferla].
  27. Sitzung vom 10. Februar 1971 [vgl. Version Miller, S. 13].
  28. Diese Frage wird später vor allem von Moustapha Safouan entwickelt in Études sur l’Œdipe, Paris, Seuil, 1975, sowie von Marcel Czermak und Henri Friguet (Hg.), Le Transsexualisme I und II, Paris, Éditions de l’Association lacanienne internationale, 1996.
  29. C.K. Ogden, I.A. Richards: The Meaning of Meaning. London, Kegan Paul, 1946.
  30. Madeleine V.-David, Le Débat sur les écritures et le hiéroglyphe au XVIIe et au XVIIIe siècles et l’application de la notion de déchiffrement aux écritures mortes, Paris, SEVPEN, 1965.
  31. Sitzung vom 13. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 13, die letzte Passage, ab „durch das ‚nicht‘“, fehlt bei Miller].
  32. Sitzung vom 13. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 13 f., Veken montiert in diesem Zitat zwei Sätze, die im Original einem Abstand von etwa einer halben Seite haben].
  33. Ebenda [vgl. Version Miller, S. 14].
  34. Ebenda [vgl. Version Miller, S. 14; Veken verdichtet hier zwei Sätze, die im Original aufeinanderfolgen].
  35. Ebenda [vgl. Version Miller, S. 18].
  36. [S. Freud, Jenseits des Lustprinzips (1920), in: ders., Studienausgabe, Bd. 3, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 213272.]
  37. [Veken verweist hierfür auf die Sitzung vom 13. Januar 1971; die Formulierung findet sich weder dort noch in anderen Sitzungen von Seminar 18 noch in späteren Seminaren noch in den Autres écrits. Den Ausdruck „Sprechwesen“ (parlêtre) verwendet Lacan zuerst in Seminar 22 von 1974/75, RSI, in der Sitzung vom 11. Februar 1975. In den von Lacan selbst veröffentlichten Texten findet man parlêtre ausschließlich in Joyce le Symptôme II, der für den Druck überarbeiteten Version des Joyce-Vortrags von 1975, die 1979 veröffentlicht wurde (vgl. Autres écrits, a.a.O., S. 565570).]
  38. [Den Terminus „Mehrlust“ (plus-de-jouir) hatte Lacan in Seminar 16 eingeführt; in Seminar 17 wird die Mehrlust in den Diskursformeln durch den Buchstaben a repräsentiert.]
  39. Man wird hier wie in zahlreichen anderen Fällen sehen, dass Lacan auf die These „es gibt kein Diskursuniversum“ zurückkommt, aus Seminar XIV, Die Logik des Phantasmas.
  40. Sitzung vom 20. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 24].
  41. Sitzung vom 20. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 31 f. (Veken verweist hier irrtümlich auf die Sitzung vom 17. März 1971)].
  42. Sitzung vom 20. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 32].
  43. [In den Formeln der Sexuierung steht das Symbol \exists für „es gibt“ bzw. „es existiert“, das Symbol \overline {\exists} für „es gibt nicht“ bzw. „es existiert nicht“, das Symbol \forall für „alle“ und das Symbol \overline {\forall} für „nicht alle“.]
  44. [Veken irrt sich, die Formeln der Sexuierung stellt Lacan bereits ein Jahr danach vor, zum ersten Mal in Seminar 19 von 1971/72 („oder schlimmer …“), in der Sitzung vom 12. Januar 1972 (vgl. Seminar 19, Version Miller, S. 39).]
  45. [Sitzung vom 20. Januar 1971 (vgl. Version Miller, S. 34).]
  46. [Den Ausdruck „Genießen des Lebens“ verwendet Lacan in der Sitzung vom 13. Januar 1971 (vgl. Version Miller, S. 21).]
  47. Sitzung vom 20. Januar 1971 [vgl. Version Miller, S. 35].
  48. Man könnte sich wundern, hier den Buchstaben auf die gleiche Weise wie den Signifikanten als Schein behandelt zu sehen, was den Eindruck erwecken könnte, der Unterschied zwischen Buchstabe und Signifikant werde beseitigt. Den Buchstaben als Schein aufzufassen ist eine Art und Weise, zu sagen, dass, was immer seine Materialität sein mag (phonisch, graphisch, gestisch), diese nur der imaginäre Modus der Repräsentation des reinen Differentials ist, das ein Buchstabe insofern ist, als er zur Ordnung des Symbolischen gehört. Was den Buchstaben als Streichung (rature) angeht (vgl. „Lituraterre“: litera/litura, letter/litter), so ist klar, dass er seiner symbolischen Dimension beraubt nicht mehr ist als ein Abfall, eine Kratzspur, eine Streichung, das heißt ein reales Objekt. Um es anders zu sagen: Seine Materialität ist reiner Schein, im Verhältnis zum Referenten, der vom Netz der Sprache konstruiert ist, d..h. vom Signifikanten als Realisierung der symbolischen Ordnung.
  49. Beweise und Widerlegungen, sagt Lacan außerdem, können nur eine Sache des Signifikanten sein, also des Scheins: „dass Blut geflossen ist, widerlegt nicht den Schein“, anders gesagt, dafür benötigt man eine Argumentation.
  50. Sitzung vom 17. Februar 1971 [vgl. Version Miller, S. 62; Veken verweist hier irrtümlich auf die Sitzung vom 10. März 1971].
    Festzuhalten ist hier eine Reflexion über die Natur dessen, was als „Graph“ bezeichnet wird, insbesondere über den sogenannten Graphen „des Begehrens“. Eine Reflexion, die umso stichhaltiger ist, als man oft vergessen hat, dass ein Graph als solcher nichts besagt. Ein Graph ist in erster Linie eine Notation von etwas, das zunächst gesprochen worden ist (zu verstehen als „in Signifikanten organisiert“) und was irgendeine Bedeutung nur dadurch annehmen kann, dass es aufs Neue gesprochen wird, wobei jedoch die Worte, die darüber gesagt werden können, durch die Beziehungen zwischen den Termen eingeschränkt sind, die im Graphen dargestellt sind (der zu verstehen ist als die Struktur, die einer Darstellung gegeben wird, die aus dem Sprechen herausgefallen ist, oder, wie Lacan auch sagt, die Niederschlag ist oder auch Präzipitat).
  51. [Den Graphen findet man in Vekens Artikel auf S. 241.
    Das von Veken wiedergegebene Schema gibt es in dieser Form nicht in den Seminar-18-Versionen von Miller und Staferla. Bei ihnen bekommt man (Sitzung vom 17. Februar 1971) stattdessen das rechts stehende Graphem (vgl. Miller, S. 64). Schema chineischer Buchstabe szu mit ZahlenEs zeigt das chinesische Schriftzeichen szu, das mit (1), (2) und (3) bezeichnet ist; die Erläuterungen zu den Zahlen haben hier in der Transkription von Lacans gesprochenem Text ihren Platz.]
  52. [Sitzung vom 17. Februar 1971 (vgl. Version Miller, S. 64 und 68) sowie Sitzung vom 12. Mai 1971 (vgl. Version Miller, S. 120).]
  53. [Sitzung vom 17. Februar 1971 (vgl. Version Miller, S. 70).]
  54. Sitzung vom 17. Februar 1971 [vgl. Version Miller, S. 74].
  55. [Sitzung vom 17. Februar 1971 (vgl. Version Miller, S. 75).]
  56. Sitzung vom 17. Februar 1971 [vgl. Version Miller, S. 61].
  57. Ebenda [vgl. Version Miller, S. 61].
  58. Von daher die Wichtigkeit, was Lacans Seminare angeht, einer Transkription und nicht einer Neuschreibung (vgl. Lacans „Nachwort“ zu Seminar XI, in: J. Lacan: Das Seminar. Buch XI (1964): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Übersetzt von Norbert Haas. Walter, Olten u.a. 1978, S. 297305).
  59. Ebenda [vgl. Version Miller, S. 62; Miller hat hier statt „pariez“ (wetten Sie) „appariez“ (paaren Sie)].
  60. Vgl. Lacans Hinweis, dass man auf andere Weise „lesen lernt“, als „indem man sich alphablödisiert“, im „Nachwort“, a.a.O., S. 300.
  61. Wo man zugleich dimension und mansion (Bleibe) hören/lesen kann, ein Signifikant, den er auch dit-mansion schreiben wird [vermutlich eine Anspielung auf Heideggers Rede von der Sprache als dem „Haus des Seins“ im Brief über den „Humanismus“, 1947].
  62. [Vgl. Sitzung vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 92)] und Sitzung vom 12. Mai 1971 (vgl. Version Miller, S. 124).]
  63. [Veken bezieht sich hier auf die anderen Seminarzusammenfassungen in den von Safouan herausgegebenen Lacaniana II.]
  64. [Vgl. Sitzung vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 77).
    Gesprochen hört man la chose, „das Ding“, erst geschrieben sieht man, dass es um l’achose geht, um „das Unding“.]
  65. [Vgl. Sitzung vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 82).]
  66. [Sitzung vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 82).]
  67. Sitzung vom 10. März 1971 [vgl. Version Miller, S. 83; Veken verweist hier irrtümlich auf die Sitzung vom 17. Februar 1971].
  68. Über die Existenz einer wichtigen Anzahl von Alphabeten hinausgehend (griechisch, lateinisch, georgisch, armenisch, sanskrit, kyrillisch, arabisch, hebräisch usw.) unterscheiden sich diese insbesondere dadurch, ob sie die Vokale notieren oder nicht.
  69. [Vgl. Sitzung vom 10. März 1971 (vgl. Version Miller, S. 84).]
  70. [1971 ereigneten sich die dritte und die vierte Mondlandung (Apollo 14 am 5. Februar 1971 und Apollo 15 am 30. Juli 1971).]
  71. [Sitzung vom 12. Mai 1971 (vgl. Version Miller, S. 117119, 121, 124).]
  72. „Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud“. Übersetzt von Norbert Haas. In: J. Lacan: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 1555.
  73. Sitzung vom 10. März 1971 [vgl. Version Miller, S. 90].
  74. Sitzung vom 17. März 1971 [vgl. Version Miller, S. 96; Veken verweist hier irrtümlich auf die Sitzung vom 10. März 1971].
  75. Sitzung vom 17. März 1971 [vgl. Version Miller, S. 97].
  76. Lacan bemerkt hier, dass die Anschauung, jenseits des Tetraeders, zu ihrer Stütze über den Buchstaben verfügt. Denn worauf beruht die Konsistenz des euklidischen Raumes, der sich in seine drei Dimensionen einschließt? Wenn man versucht, zwei Punkte in gleichem Abstand voneinander zu platzieren, ist das ganz einfach. Mit drei Punkten, von denen jeder sich im gleichen Abstand von jedem der beiden anderen befindet, ist das offenkundig auch so. Und auch mit vieren geht es noch. Aber mit fünfen geht es in unserem Raum nicht mehr. Man muss eine vierte Dimension erzeugen. Mit Buchstaben ist das sehr einfach: Man kann beweisen, dass ein vierdimensionaler Raum völlig kohärent ist, wenn man zeigen kann, dass seine Kohärenz die Kohärenz der reellen Zahlen hat.
  77. Es handelt sich um die Seite, die vom Platz der Produktion [unten rechts] zum Platz der Wahrheit [unten links] führt, also um die beiden unteren Plätze in der Vier-Plätze-Struktur, um die sich die vier Terme drehen. Vgl. in diesem Band [Lacaniana II, hg. v. M. Safouan] die Zusammenfassung von Seminar XVII.

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