Lacans Aphorismen

„Der Sender erhält vom Empfänger seine eigene Botschaft in umgekehrter Form.“

Gothaer Liebespaar - zu: Anderer

In Lacans Rom-Vortrag von 1953 kann man lesen:

„Die menschliche Sprache bildet also eine Kommunikation, bei der der Sender vom Empfänger seine eigene Botschaft in umgekehrter Form wieder empfängt.“1

Dieser Aphorismus wird von Lacan immer wieder vorgebracht2, sogar in der „Ouverture“ zu den Écrits bringt er ihn unter.3 Was ist damit gemeint?

Eine Paraphrase?

Die Formulierung, dass der Sender seine eigene Botschaft wieder empfängt, impliziert, dass es sich um einen Vorgang handelt, der in zwei Phasen abläuft. Zunächst schickt der Sender seine eigene Botschaft an den Empfänger, dann schickt der Empfänger dem Sender diese Botschaft zurück, wobei die Form der Botschaft umgekehrt wird.

Das könnte so aussehen: Der Sender schickt der Empfängerin eine Botschaft über sich selbst, eine eigene Botschaft, etwa mit dem Inhalt „Ich bin dein Mann“. Die Adressatin schickt ihm diese Botschaft zurück und nimmt dabei eine Umkehrung vor; aus „Ich bin dein Mann“ wird „Du bist mein Mann“. Auf diese Weise empfängt der Sender von der Empfängerin seine eigene Botschaft „Ich bin dein Mann“ wieder, in umgekehrter Form, in Gestalt von „Du bist mein Mann“.

Falls diese Deutung richtig ist, würde sich der Aphorismus auf eine Kommunikationsform beziehen, die Carl Rogers als „Paraphrasieren“ bezeichnet4; die Antworten des Empfängers sind hier so gebaut, dass der Sender sich in ihnen spiegeln kann. Die Klientin sagt: „Ich bin mit ihm nicht einverstanden.“ Der in klientenzentrierter Gesprächsführung geschulte Berater antwortet: „Sie haben sich über ihn geärgert?“ Die Klientin erhält vom Berater ihre eigene Botschaft wieder, in umgekehrter Form.

„Empfangen“, nicht „wieder empfangen“

Lacans Aperçu meint etwas anderes.

Der Zugang ist versperrt, da die Übersetzung nicht stimmt. Im Original heißt es, dass der Sender seine eigene Botschaft vom Empfänger „empfängt“ (oder „erhält“, wie man auch übersetzen kann), nicht etwa, dass er sie „wieder empfängt“ oder „wieder erhält“. Das „wieder“ verkehrt den Sinn ins Gegenteil.

Im Französischen lautet das Diktum:

„le langage humain constituerait donc une communication où l’émetteur reçoit du récepteur son propre message sous une forme inversée“5

Also:

„Die menschliche Sprache bildet demnach eine Kommunikation, bei der der Sender seine eigene Botschaft vom Empfänger erhält, in umgekehrter Form.“

Der Sender erhält seine eigene Botschaft vom Empfänger. Ohne „wieder“.6

Anders gesagt: Die eigene Botschaft ist eine fremde Botschaft. Die eigene Botschaft des Senders ist eine Botschaft über das, was er ist, „ich bin das-und-das“. Diese Botschaft hat er vom Empfänger erhalten, in umgekehrter Form, in der Form „du bist das-und-das“.

Die beiden Umkehrungen

Angenommen, meine eigene Botschaft lautet „Ich bin dein Mann“. Diese Botschaft empfange ich in umgekehrter Form, in Gestalt von „Du bist mein Mann“.

Der Satz „Du bist mein Mann“ ist in Lacans Darstellung jedoch nur der zweite Zug in einem Sprachspiel, das anders beginnt. Die erste Äußerung besteht darin, dass ich ihr sage: „Du bist meine Frau“, daraufhin antwortet sie mir mit „Du bist mein Mann“. Wenn ich ihr sage „Du bist meine Frau“, bin ich der souveräne Agent. Wenn sie mir erwidert „Du bist mein Mann“ verändert sich meine Position. Ich muss versuchen, dieser Position zu entsprechen oder mich ihr zu widersetzen; in beiden Fällen stehe ich vor der Frage, was es heißt, der Mann einer Frau zu sein.

Es geht also um zwei Umkehrungen. Die erste besteht darin, dass ich ihr sage, „Du bist meine Frau“ und dass dieser Satz umgekehrt wird zu „Du bist mein Mann“. Die zweite besteht darin, dass der Satz „Du bist mein Mann“ umgekehrt wird in „Ich bn dein Mann“.

Die Pointe von Lacans Aphorismus besteht darin, dass ich die Botschaft „Du bist mein Mann“ in jedem Fall empfange, auch dann, wenn sie schweigt. Wenn ich ihr sage, „Du bist meine Frau“, empfange ich damit die Botschaft „Du bist mein Mann“ – „Du bist meine Frau“ impliziert sozial und sprachlich „Du bist mein Mann“.

Im Rom-Vortrag heißt es: Die Sprache

„bezieht sich auf den Diskurs des anderen. Als solche ist sie verwickelt in die höchste Funktion des Sprechens, insofern das Sprechen den, der es hervorbringt, verpflichtet, indem es seinen Adressaten mit einer neuen Wirklichkeit besetzt. Das geschieht zum Beispiel, wenn durch ein ‚Du bist mein Weib‘ ein Subjekt sich als den Mann des ‚conjungo‘ besiegelt.“7

Das lateinische „conjungo“ („ich verbinde“) meint hier „ich schließe die Ehe“. Durch den Sprechakt „Ich nehme dich zur Frau“ bekommt der Sprecher eine neue Wirklichkeit, er übernimmt damit Rechte und Pflichten eines Ehemanns – er erhält seine eigene Botschaft in umgekehrter Form. Er erhält die Botschaft „Du bist mein Mann“ eben dadurch, dass er sagt, „Du bist meine Frau“.

Lacan bezeichnet Sprechakte, in denen die Einheit von Selbst- und Fremdverpflichtung hergestellt wird und die Realität der Sprecher sich verändert, als „volles“ oder „wahres Sprechen“. Dies ist für ihn im Rom-Vortrag und in den ersten Seminaren die Grundfunktion des Sprechens: die Integration des Subjekts in die symbolische Ordnung durch eine vertragsartige Form der Intersubjektivität, durch die man einen grundlegenden sozialen Auftrag erhält, etwa den, der Mann einer Frau zu sein. Dabei ist diese Integration in der Regel problematisch, sie stellt den Adressaten der Botschaft vor ein Problem.

Im Aufsatz Variantes de la cure-type (Varianten des Behandlungstyps) von 1955 heißt es:

„Man kann also sagen, dass das Sprechen sich als eine Kommunikation manifestiert, in der das Subjekt nicht nur, in der Erwartung, dass der andere seine Botschaft wahr macht, sie in einer umgekehrten Form vorbringt, sondern in der diese Botschaft ihn dadurch verändert, dass sie verkündet, dass er derselbe ist. Wie es in jedem bekundeten Glauben (foi donné) erscheint, wo die Erklärungen von ‚Du bist meine Frau‘ oder ‚Du bist mein Meister‘ bedeuten: ‚Ich bin dein Gatte‘, ‚Ich bin dein Schüler‘.“8

Das volle oder wahre Sprechen hat demnach folgende Gestalt:
– Er sagt zu ihr: „Du bist meine Frau“. Damit betätigt er sich als Sender.
– Er erwartet, dass die Empfängerin ihm antwortet: „Du bist mein Mann“. Diese erwartete Botschaft ist „seine“ Botschaft, insofern, als es eine Botschaft über ihn ist, eine Botschaft darüber, was er ist.

Die erwartete Antwort würde seine erste Botschaft wahrmachen – wenn sie tatsächlich mit „Du bist mein Mann“ antwortet, wird der Satz „Du bist meine Frau“ bewahrheitet.

Die vom anderen erwartete Botschaft, also „Du bist mein Mann“ bzw. „Du bist mein Schüler“ verändert das Subjekt dadurch, dass sie ihm eine Identität zuschreibt – die eines Ehemanns –, also dadurch, dass sie verkündet, dass er „derselbe“ ist.

Ein weiteres Beispiel, das von Lacan häufig angeführt wird, ist der Satz „Du bist mein Meister“. Das volle Sprechen sieht hier so aus:

– Ich sage zu ihm: „Du bist mein Meister.“ Damit betätige ich mich als Sender.
– Damit impliziere ich, dass der Empfänger zu mir sagt: „Du bist mein Schüler.“
Auf diese Weise erhalte ich vom Empfänger (auch wenn er nichts sagt) meine eigene Botschaft, nämlich: „Ich bin sein Schüler“. Ich empfange sie in umgekehrter Form, in Gestalt von: „Du bist mein Schüler.“

In Seminar 3 von 1955/56, Die Psychosen, beschreibt Lacan diese Art der Kommunikation als ein Sprechen,

„das wir auf verschiedene Weisen benennen können, die Mission, das Mandat, die Delegierung oder auch noch die Devolution, indem wir uns auf Heidegger beziehen. Das ist die Grundlegung oder das stiftende Sprechen. Du bist das, meine Frau, mein Herr, tausend andere Sachen. Dieses Du bist das macht mich, wenn ich es empfange, im Sprechen anders, als ich bin.“9

„Devolution“ ist die Übertragung einer sozialen Funktion. Was Heidegger angeseht, so bezieht sich Lacan vermutlich auf dessen Aufsatz Der Ursprung des Kunstwerks, in dem der dreifache Sinn des Worts „stiften“ erläutert wird: schenken, gründen und anfangen.10 Durch das stiftende Sprechen wird eine soziale Identität gegründet (etwa als Ehemann), diese Art des Sprechens funktioniert ähnlich wie ein Schenken, ein Gabentausch.

Die zwei anderen

Wer ist es, der dem Sender die Botschaft über sich selbst zusendet? Die anfangs zitierte Formulierung aus dem Rom-Vortrag besagt, dass er die Botschaft „vom Empfänger“ erhält, aber das ist problematisch. Angenommen, die Angesprochene weist seinen Antrag zurück. Dann ändert das nichts daran, dass er sich, indem er ihr sagt „Du bist meine Frau“, dazu verpflichtet, ihr Mann zu sein, dass er also die Gegenbotschaft erhält, dass er (möglicherweise) ihr Mann ist. Wenn er ihr den Platz seiner Frau zuweist, geht er damit die Verpflichtung ein, sich den Geboten und Verboten zu unterwerfen, die mit der Position verbunden sind, der Mann einer Frau zu sein. In der Botschaft „Du bist meine Frau“ ist die Botschaft über ihn selbst, also „Du bist ihr Mann“, enthalten, unabhängig davon, ob sie ihm mit „Du bist mein Mann“ antwortet. Die Botschaft „Du bist ihr Mann“ erreicht den Sender auf jeden Fall, sie stellt ihn vor die Aufgabe, die Umwandlung in „Ich bin ihr Mann“ vorzunehmen, und es kann sein, dass ihn das in eine Krise stürzt, selbst dann, wenn die Angebetete ihn, zu seiner Erleichterung, verschmäht.

Die Botschaft „Du bist ihr Mann“ kommt nicht einfach nur vom Gegenüber. Sie ist ein kombinierter Effekt der sozialen und der sprachlichen Ordnung. Die soziale Ordnung legt die Positionen zwischen dem Ehemann und der Ehefrau, zwischen dem Lebensabschnittsgefährten und der Lebensabschnittsgefährtin als Komplementärrollen fest, sie bestimmt, dass derjenige, der eine andere durch einen Sprechakt in die Position seiner Frau zu bringen versucht, sich damit den Forderungen unterwirft, die an denjenigen gestellt werden, der ihr Mann ist.

Dem liegt eine sprachliche Struktur zugrunde, eine grammatische Transformationsregel. Wenn ich sage „Du bist mein Frau“ regelt die Grammatik, dass dieser Satz (unter bestimmten Bedingungen) umgewandelt werden kann in „Du bist mein Mann“ und „Du bist ihr Mann“.

Anderthalb Jahre nach dem Rom-Vortrag, in Seminar 2 von 1954-55, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, findet Lacan für dieses Dritte, das das Sprechen des Subjekts mit der symbolischen Ordnung verknüpft, einen Begriff und eine Schreibweise, er nennt es „der große Andere“, mit großem A, oder „der absolute Andere“.11

Die Botschaft, die das Subjekt vom Anderen erhält, ist eine Botschaft mit einer langen Geschichte. Selbst wenn die Angebetete mir antwortet und tatsächlich „Du bist mein Mann“ zu mir sagt, ist dies nur auf den ersten Blick eine von ihr gesendete Botschaft. Die Botschaft „Du bist mein Mann“ wird durch die Generationen überliefert, und die Frau, die mir diesen Satz möglicherweise zuflüstert, gibt eine Botschaft weiter, die über die Jahrhunderte hinweg tradiert worden ist. Die Position des Anderen wird von einer Generationenkette besetzt.

Der zu Anfang zitierte Spruch wird von Lacan deshalb umformuliert. Er lautet jetzt: Das Subjekt empfängt seine eigene Botschaft vom großen Anderen, in umgekehrter Form.12 Dies meint sowohl: es empfängt sie durch die Regeln der Grammatik, als auch: es empfängt sie als ein Mandat, das durch die Generationen hindurch überliefert wird.

Schema L - Seminar 2, S. 310, dort eingeführt

Schema L

Mithilfe von Lacans „Schema L“ kann der Zusammenhang so dargestellt werden13: Der Satz „Du bist meine Frau“ ist eine Botschaft, die das Ich (moi) an seine Partnerin sendet. Sie nimmt hierbei die Position der „kleinen anderen“ ein, des Alter Ego, sie ist sein Ebenbild, Seinesgleichen (semblable). Den Satz „Du bist ihre Frau“ habe ich deshalb auf der Achse der imaginären Beziehung a – aꞌ eingetragen (zum Vergrößern anklicken).

Schema L - Du bist meine FrauWenn das Ich diesen Satz an den anderen sendet, empfängt das Subjekt zugleich eine vom Anderen kommende Botschaft. Sie lautet „Du bist ihr Mann“; ich habe ihn der vom Anderen zum Subjekt führenden Linie zugeordnet.

Die Frage des Subjekts

Das stiftende Sprechen zielt auf die Integration des Subjekts in die symbolische Ordnung. Hat es also dessen Anpassung zur Folge? In Lacans Perspektive keineswegs. Das stiftende Sprechen erzeugt einen Konflikt. Der Konflikt zeigt sich darin, dass dieses Sprechen das Subjekt vor eine Frage stellt.

„Die Frage neigt dazu aufzutauchen, wenn wir der Mission zu entsprechen haben. (…) Dem Du bist mein Herr entspricht ein gewisses was bin ich? – Was bin ich, um es zu sein, falls ich es bin? Dieses es ist nicht der als Objekt genommene Herr, es ist der vollständige Aussagevorgang des Satzes, der sagt ich bin Dein Herr, wie wenn Dein Herr einen Sinn besäße durch die bloße Huldigung, die ich dadurch empfange. Was bin ich, um das zu sein, was Du soeben gesagt hast?“14

In dieser Version besteht das volle oder wahre oder stiftende Sprechen aus folgenden virtuellen oder realisierten Spielzügen:
– Ich sende dem anderen die Botschaft: „Du bist mein Schüler.“ Dieser Spielzug ist hier ausgelassen.
– Ich erhalte vom Anderen die Botschaft: „Du bist mein Meister.“ Diese Botschaft kann tatsächlich gesendet werden, es ist aber auch möglich, dass sie im Satz „Du bist mein Schüler“ nur impliziert ist. Mit dieser Botschaft erhalte ich meine Mission.
– Ich frage mich: „Was bedeutet es, ein Meister zu sein?“ oder „Was bin ich, um ein Meister sein zu können?“

Der letzte Zug ist entscheidend, durch ihn werde ich zum Subjekt. Das Subjekt ist, Lacan zufolge, eine Frage.15

Was hat das mit Psychoanalyse zu tun?

Einige der Botschaften des Anderen sind unbewusst. Die Psychoanalyse hat die Aufgabe, dem Subjekt einen Zugang zu diesen unbewussten Mandaten zu ermöglichen. Es geht hier um den

„Bezug eines virtuellen Sprechens, durch den das Subjekt vom Anderen seine eigene Botschaft empfängt – in der Form eines unbewußten Sprechens. Diese Botschaft ist ihm untersagt; sie wird von ihm zutiefst verkannt, sie ist verunstaltet, stillgestellt und abgefangen aufgrund der Zwischenschaltung der imaginären Beziehung zwischen a und aꞌ, zwischen dem Ich und dem anderen, der sein typisches Objekt ist.“16

Der Weg, auf dem das Subjekt einen Zugang zur unbewussten Botschaft bekommt, ist die Übertragung:

„Was das Subjekt in der Analyse erobert, ist (…), in der Übertragung, (…) sein eigenes Gesetz, dessen Stimmzettel das Subjekt, wenn ich so sagen kann, auszählt. Dieses Gesetz bedeutet zuerst stets die Annahme von etwas, das sich vor diesem in den vorausgehenden Generationen zu artikulieren begonnen hat und das, eigentlich gesprochen, die atê ist. Diese atê, die nicht immer an das Tragischer der atê Antigones heranreicht, ist darum nicht weniger mit dem Unglück verwandt.“17

Zu Freuds Fallstudie über eine junge Homosexuelle18 merkt Lacan an:

„das, was sich da im Unbewußten (…) formuliert, ist, zurückgeführt auf den Signifikanten, das, was ursprünglich abgewendet wurde, nämlich ihre eigene Botschaft, die zruückommt von ihrem Vater in umgekehrter Form, in der Form des Du bist meine Frau, Du bist mein Herr, du wirst ein Kind von mir haben. Dies ist beim Eintritt in den Ödipus, oder solange der Ödipus nicht aufgelöst ist, die Verheißung, auf die sich der Eintritt des Mädchens in den Ödipuskomplex gründet.19

Das implizite Sprachspiel sieht in diesem Fall so aus:
– Das Mädchen wünscht sich ein Kind vom Vater, anders gesagt: es sendet ihm die Botschaft: Du bist der Vater meines Kindes.
– Damit erhält es vom Anderen die eigene Botschaft: Du wirst ein Kind von mir haben, du bist die Mutter meines Kindes. Diese Botschaft ist unbewusst.

Eine unbewusste Botschaft wie „Du bist meine Frau“ ist für das Subjekt eine rätselhafte Signifikantenkette; es steht damit vor der Aufgabe, dieser Signifikantenkette einen Sinn zu verleihen. Die Frage „Was heißt es, eine Frau zu sein?“ ist die Frage, die sich, ohne es zu wissen, die Hysterikerin stellt.

Ein Beispiel

Der Unterschied zwischen dem Sprechen als narzisstischer Spiegelung in der Beziehung zum kleinen anderen und dem Sprechen als Empfangen der eigenen Botschaft vom großen Anderen wird in Seminar 3 von 1954-55, Die Psychosen, an einem prägnanten Beispiel erläutert.20

Eine Paranoikerin halluziniert, dass ein Mann sie mit „Sau!“ beschimpft. Sie selbst hatte zu ihm gesagt: „Ich komme vom Metzger“. Lacan deutet diese Äußerung als Anspielung: Wer kommt vom Metzger? Ein geschlachtetes Schwein. Mit „Ich komme vom Metzger“ deutet sie an, dass sie selbst ein geschlachtetes Schwein ist, ein zerstückelter Körper (der Ich-Pol der imaginären Beziehung). Ihre eigene Botschaft lautet demnach „Ich bin ein Schwein“, die vom anderen kommende (halluzinierte) Botschaft ist „Sau“, also „Du bist ein Schwein“. Ihre eigene Botschaft ist die Botschaft des anderen, nur umgekehrt. Lacan fährt fort:

„Halten wir uns kurz auf damit. Da schau her, jetzt ist er zufrieden, sagen Sie sich, weil er uns nämlich lehrt – im Sprechen empfängt das Subjekt seine eigene Botschaft in umgekehrter Form. Lassen Sie sich eines Besseren belehren, das ist es eben gerade nicht. Die Botschaft, um die es sich handelt, ist nicht im entferntesten identisch mit dem Sprechen, zumindest in dem Sinne, in dem ich es Ihnen artikuliere als jene Form von Vermittlung, wo das Subjekt seine Botschaft vom anderen in umgekehrter Form empfängt.“21

Die Botschaft „Du bist ein Schwein“ ist nicht identisch mit dem Sprechen, es handelt sich nicht um ein wahres, ein volles Sprechen, nicht um ein Sprechen vom Typ „Du bist meine Frau“. Worin besteht der Unterschied?

Sau, was ist das? Das ist tatsächlich ihre Botschaft, aber ist das nicht eher ihre eigene Botschaft?“

Die Halluzination „Sau“ – und damit die Botschaft „Du bist eine Sau“ – ist ihre Botschaft, eine Botschaft, die sich auf sie bezieht Aber es ist ihre eigene Botschaft, d.h. eine von ihr selbst kommende Botschaft, und diese Form der Kommunikation ist mit dem Aphorismus gerade nicht gemeint. Die Sentenz bezieht sich darauf, dass die Botschaft des Subjekts vom großen Anderen kommt. Im Fall der Paranoikerin fungiert der Empfänger ihrer Botschaft – der Mann, dem sie die halluzinierte Äußerung „Sau“ zuschreibt – als kleiner anderer, als Objekt, in dem sie sich spiegelt, nicht als großer Anderer, er hat nicht die Funktion, ihr und damit sich selbst durch sein Sprechen einen Platz in der symbolischen Ordnung zuzuweisen. Die Halluzination der Paranoikerin funktioniert demnach ähnlich wie eine Paraphrase à la Rogers: Die Klientin macht die Anspielung „Ich komme vom Metzger“, und der Berater reagiert, klientenzentriert, als ihr Doppel: „Sie halten sich für ein Schwein?“

Die halluzinierende Patientin ist Psychotikerin, das heißt, es ist ihr nicht möglich, die vom großen Anderen kommenden Botschaften zu empfangen. Für die Botschaft „Du bist meine Frau“ ist sie taub, sie lebt in einem rein weiblichen Universum, mit ihrer Mutter teilt sie sogar ihren Wahn. Und eben deshalb, weil sie die Botschaft des großen Anderen nicht empfangen kann, halluziniert sie die Botschaft des kleinen anderen, in der sie sich spiegelt.

Die Aufnahme der vom großen Anderen kommenden Botschaften macht Schwierigkeiten. Im Falle der Psychose sind die Hindernisse unüberwindbar. Im Falle der Neurose ist das Sprechen des großen Anderen unbewusst22. Das Unbewusste ist der große Andere in uns; das Verhalten des Neurotikers ist ein volles Sprechen, dessen Sinn dem Subjekt unbekannt ist23. Das Subjekt ist eine Frage an diesen großen Anderen, z.B. die Frage „Was heißt es, der Mann einer Frau zu sein?“.

Der Gegenanspruch

Eine ausführliche Erläuterung des Aphorismus findet man in Seminar 8 von 1960-61, Die Übertragung.24 Die Sentenz wird hier so gedeutet, dass sie auch noch die Kommunikation à la Rogers abdeckt, also die Antwort mit einer Paraphrase.

Statt von der Botschaft ist in Seminar 8 von demande die Rede, vom Anspruch, von der Forderung, und Lacan erläutert die Sentenz an der elementarsten Forderung, die sich denken lässt, am oralen Anspruch, an der Bitte um Nahrung. Diese Forderung wendet sich, auch wenn das Subjekt es nicht weiß, an einen abstrakten Anderen, an den Anderen, insofern er zuhört; sie richtet sich, in Lacans Terminologie, an den „Ort des Anderen“, an eine Stelle, die von unterschiedlichen Individuen besetzt werden kann. Die Sentenz wird hier so formuliert:

„Wir haben gesagt, daß jeder Anspruch dadurch, daß er Sprechen ist, dazu tendiert, so strukturiert zu sein, daß er vom Anderen seine umgekehrte Antwort verlangt, dass er, aufgrund seiner Struktur, seine eigene Form hervorruft, transponiert in einer bestimmten Umkehrung.“25

Damit ist gemeint, dass die Forderung, genährt zu werden, mit einem umgekehrten Anspruch beantwortet wird, mit der Gegenforderung, sich nähren zu lassen. Dieser „Gegenanspruch“26, oder, in üblichem Deutsch, diese Gegenforderung, ist nicht an die Besonderheiten des Adressaten gebunden, sie beruht auf einer Transformationsmöglichkeit, die in der grammatischen Struktur des geäußerten Satzes enthalten ist. „Ich will etwas zu essen“ impliziert die Umformungsmöglichkeit „Du willst etwas zu essen“, und der Satz „Du willst etwas zu essen“ geht in Richtung auf die Forderung „Du sollst etwas essen“.

Die Gegenforderung hat also eine anonyme sprachliche Grundlage. Das heißt aber nicht, dass sie fiktiv ist; sie lässt sich problemlos am Mittagstisch beobachten. Das Kind sagt: „Ich möchte noch Kartoffeln“, und Mutter oder Vater antworten mit „Iss was!“.

Wenn auf die Bitte um Nahrung die Forderung antwortet, sich nähren zu lassen, scheint dies eine harmonische, komplementäre Beziehung zu sein. Jedoch liegt zwischen den beiden Äußerungen eine winzige Kluft, und dies kann dazu führen, dass die Begegnung scheitert, bis dahin, dass das Kind sich weigert, sich nähren zu lassen, bis hin also zur Anorexie.

Wie ist diese Zuspitzung möglich? Der orale Anspruch zielt auf etwas anderes ab, als auf die Befriedigung des Hungers. Er dient zur Artikulation eines nicht artikulierbaren Begehrens. Das orale Begehren zielt, wie man schon bei Freud lesen kann, auf die Einverleibung des Objekts, es ist oral-sadistisch, kannibalistisch.27 Es strebt nach der Vereinigung zweier Körper und hat damit sexuellen Charakter. Im Sprechen kann auf dieses sexuelle Begehren nur angespielt werden, es kann nicht direkt benannt werden.

Wenn das Subjekt vom Anderen seine eigene Forderung in umgekehrter Form zurückgeschickt bekommt, wird sie auf den Anspruchscharakter gewissermaßen festgenagelt; sie wird um das in ihm mitschwingende Begehren verkürzt. Die Gegenforderung löscht das Begehren aus; sie ist der Kern, um den herum sich später das Über-Ich ausbilden wird.28 Wenn das Kind sich weigert, sich nähren zu lassen, dann, um zu verhindern, dass sein Begehren durch einen Gegenanspruch erstickt wird.

Zum Bild zu Beginn des Artikels

Gothaer Liebespaar, zwischen 1480 und 1485, 104 x 80 cm, Öltempera mit Öllasur auf Linden- und Pappelholz, Gemäldegalerie Friedenstein in Gotha. Der Name des Malers ist unbekannt, die Kunsthistoriker nennen ihn „Meister des Amsterdamer Kabinetts“, „Meister des Hausbuches“ oder „Hausbuchmeister“.

Das Doppelporträt stellt ein Treueversprechen dar, mit Lacan: ein „volles Sprechen“. Die Dargestellten sind Graf Philipp der Jüngere von Hanau-Münzenberg (1449-1500) und die Bürgerliche Margarethe Weißkircher; ihre Beziehung ist ein Konkubinat. Die Inszenierung orientiert sich an der höfisch-ritterlichen Minnetradition.29 Als Zeichen der Liebe trägt er einen Kranz wilder Rosen im Haar und sie eine Rose in der Hand. Beide greifen nach dem Treuesymbol, einem Objekt aus Schnüren, „Schnürlein“ genannt.

Frau (Spruchband auf der rechte Bildseite): Sye hat uch nyt gantz veracht Dye uch dsz Schnürlin hat gemacht (Sie hat Euch nicht ganz verachtet, die Euch das Schnürlein hat gemacht)

Mann (Spruchband links): Un byllich het Sye esz gedan Want Ich han esz sye genissen lan (Und billig (zu Recht) hat sie es getan, und ich will es sie genießen lassen.)

Verwandte Beiträge

Literatur

Lacans Seminare
„2: 70“ meint: Seminar 2, Seite 70.
Die Verweise beziehen sich auf die offiziellen deutschen Übersetzungen.

Lacans Schriften
„Ding: 42“ meint: Das Freud’sche Ding, S. 42

Ding = Das Freud’sche Ding. Turia + Kant, Wien 2. Aufl. 2011

Écrits = Écrits. Éditions du Seuil, Paris 1966

Ouverture = Ouverture de ce recueil. In: Écrits, S. 9 f.

Poe = Das Seminar über E. A. Poes ‚Der entwendete Brief‘. In: Schriften I, S. 7-60

Psychose = Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht. In: Schriften II, S. 61-117

Rom-Vortrag = Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In: Schriften I, S. 71-169

Subversion = Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten. In: Schriften II, S. 165-230

Variantes = Variantes de la cure-type. In: Écrits, S. 323-362

Anmerkungen

  1. Rom-Vortrag: 141.
  2. Vgl. etwa 1: 274; 2: 410; 3: 48, 63, 324; 4: 158, 215; 5: 155; Variantes: 351; Poe: 41, 55; Ding: 42.
  3. Ouverture: 9.
  4. Vgl. Carl Rogers: Die nicht-direktive Beratung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004 (zuerst: Counseling and Therapy, USA 1942).
  5. Écrits: 298.
  6. Die Fehlübersetzung von „recevoir“ mit „wieder empfangen“ findet sich ebenfalls im Poe-Aufsatz; vgl. Poe: 41.
  7. Rom-Vortrag: 141.
  8. Variantes: 351, meine Übersetzung.
  9. 3: 328.
  10. In: M. Heidegger: Holzwege. Klostermann, Frankfurt am Main 1977, S. 63. Zum Stiften vgl. auch Heideggers Erläuterung zu Hölderlins Satz „Was aber bleibet, stiften die Dichter“, in: M. Heidegger: Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Klostermann, Frankfurt am Main 1981, S. 41 ff.
  11. 2: 310 f., Sitzung vom 25. Mai 1955. In den Schriften erscheint der Begriff des großen bzw. absoluten Anderen zuerst im Poe-Aufsatz, der 1956 geschrieben und 1957 veröffentlicht wurde; vgl. Poe: 18, 53, 57.
  12. Vgl. etwa 4: 10.
  13. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 410.
  14. 3: 329.
  15. Vgl. Rom-Vortrag: 143.
  16. 4: 10 f.
  17. 7: 358.
  18. Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität (1920).
  19. 4: 158.
  20. Vgl. 3: 59-65 sowie Psychose: 65-67.
  21. 3: 61.
  22. vgl. 4: 10
  23. vgl. 5: 559
  24. 8: 252-255, 260 f.
  25. 8: 252, Übersetzung geändert. Die genaue Formulierung dieser Passage ist unklar; die Varianten findet man in der Stécriture-Version, nach der ich hier übersetze.
  26. 8: 261
  27. Vgl. S. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 37-145, hier: 103.
  28. Vgl. 8: 261
  29. Lacans Deutung der höfischen Liebe als Sublimation findet man in Seminar 7 von 1959-60, Die Ethik der Psychoanalyse, S. 178-189.

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