Der Andere

Aufrichtigkeit/Unaufrichtigkeit

Max Ernst - Le premier mot limpide - 1923Max Ernst, Le pre­mier mot lim­pi­de (Beim ers­ten kla­ren Wort), 1923, Öl auf Gips, auf Lein­wand über­tra­gen, 232 x 167 cm, Kunst­samm­lung Nord­rhein-West­fa­len, Düs­sel­dorf

Was ver­steht La­can un­ter Auf­rich­tig­keit und Un­auf­rich­tig­keit?

Die Bot­schaft des Un­be­wuss­ten ist der „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“ (vgl. hier­zu den vor­an­ge­hen­den Blog­ein­trag). Da­mit ist ge­meint: Im Sprach­sys­tem fehlt ein Si­gni­fi­kant, die die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te. Und das heißt:

Es gibt kei­ne an­de­re Wahr­heits­ga­ran­tie als die Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi) des An­de­ren, und die­se stellt sich dem Sub­jekt im­mer in pro­ble­ma­ti­scher Form dar.“1

Das Be­griffs­paar hat ei­nen ju­ris­ti­schen Ur­sprung, die Un­ter­schei­dung zwi­schen bona fi­des und mala fi­des, gu­tem Glau­ben und Bös­gläu­big­keit. Ich habe dann in gu­tem Glau­ben (bona fide) ge­han­delt, wenn ich von je­man­dem eine Sa­che des­halb er­wor­ben habe, weil ich dem Wort, das er mir gab, ver­traut hat­te; zwar ist er, wie ich jetzt weiß, nicht der Ei­gen­tü­mer, aber er hat­te be­haup­tet, er sei es, und ich hat­te ihm ge­glaubt. Bös­gläu­big (mala fide) habe ich dann ge­han­delt, wenn ich die Sa­che von ihm er­wor­ben habe, ob­wohl ich wuss­te, dass er nicht der Ei­gen­tü­mer war.

Die Un­ter­schei­dung von Gut­gläu­big­keit und Bös­gläu­big­keit be­zieht mein Ver­hält­nis zum an­de­ren also auf die Fra­ge der Wahr­heit. Da­bei ist Wahr­heit nicht eine Ei­gen­schaft der vom an­de­ren ge­äu­ßer­ten Sät­ze. Wahr­heit ist hier ein vom an­de­ren er­ho­be­ner Wahr­heits­an­spruch, den ich über­neh­me, an den ich glau­be. Da­bei geht es letzt­lich nicht um eine Zwei­er-, son­dern um eine Drei­er­be­zie­hung. Ob ich gut­gläu­big oder bös­gläu­big ge­han­delt habe, ist das Ur­teil ei­nes Drit­ten, ei­nes Rich­ters, über mein Ver­hält­nis zu ei­nem an­de­ren, vor al­lem sein Ur­teil dar­über, ob ich die Lüge, die der an­de­re mir auf­tisch­te, für wahr hielt oder ob ich sie durch­schau­te.

Sart­re greift das Be­griffs­paar bon­ne foi / mau­vai­se foi auf, in der Be­deu­tung von Auf­rich­tig­keit ver­sus Un­auf­rich­tig­keit. Sein Haupt­werk, Das Sein und das Nichts, gip­felt in ei­ner „exis­ten­ti­el­len Psy­cho­ana­ly­se“, ei­ner Psy­cho­ana­ly­se, die den Be­griff des Un­be­wuss­ten zu­rück­weist. Das, was Freud als das Un­be­wuss­te be­zeich­net, ist in Wirk­lich­keit, so Sart­re, eine Un­auf­rich­tig­keit.2 Die Op­po­si­ti­on Aufrichtigkeit/Unaufrichtigkeit tritt an die Stel­le des Be­griffs des Un­be­wuss­ten.

La­can knüpft an bei­de Ver­wen­dungs­wei­sen an. In­di­rekt stimmt er Sart­re zu: die Fra­ge von Auf­rich­tig­keit und Un­auf­rich­tig­keit ist für die Psy­cho­ana­ly­se zen­tral. Al­ler­dings be­greift Sart­re die Un­auf­rich­tig­keit als ein Ver­hält­nis des Sub­jekts zu sich selbst, als eine Art Selbst­be­trug. La­can hält an der in­ter­sub­jek­ti­ven Ver­wen­dung des Be­griffs­paars fest, wie man sie von den Ju­ris­ten kennt.

Der Rah­men, in dem sich La­can auf das Be­griffs­paar bon­ne foi / mau­vai­se foi be­zieht, lässt sich etwa so be­schrei­ben: Das Spre­chen und das es be­glei­ten­de Ver­hal­ten ist un­ver­meid­lich mit ei­nem Wahr­heits­an­spruch ver­bun­den. Nun wird Wahr­heit aber in­ter­sub­jek­tiv kon­sti­tu­iert, durch den Be­zug des Sub­jekts zu dem Wahr­heits­an­spruch, den der An­de­re in sei­nem Spre­chen und Ver­hal­ten dem Sub­jekt ge­gen­über er­hebt. Die­se Be­zie­hung ist asym­me­trisch, der An­de­re ist der Ort der Wahr­heit, er legt fest, was als wahr gel­ten soll, da­mit de­fi­niert er auch die Wahr­heit über das, was ich bin. Die vom An­de­ren be­an­spruch­te Wahr­heit kann vom An­de­ren al­ler­dings nicht ga­ran­tiert wer­den. Wel­che Rol­le spielt die kon­flikt­haf­te Wahr­heits­be­zug zum An­de­ren für das Un­be­wuss­te, wenn die­ses doch durch die Spra­che be­dingt ist und des­halb struk­tu­riert ist wie eine Spra­che?

Im Fol­gen­den gebe ich ei­nen Über­blick über La­cans Be­mer­kun­gen zu Auf­rich­tig­keit und Un­auf­rich­tig­keit vor Se­mi­nar 6, also vor dem Se­mi­nar, in dem er den Be­griff „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“ ein­führt und mit der Fra­ge der Auf­rich­tig­keit ver­knüpft. Ich zi­tie­re und er­läu­te­re sämt­li­che Pas­sa­gen, in de­nen die Be­grif­fe in den vor­an­ge­hen­den Se­mi­na­ren und in den vor­her ver­öf­fent­lich­ten Schrif­ten ver­wen­det wer­den. Die Rei­hen­fol­ge ist chro­no­lo­gisch.

Drei Punk­te vor ei­nem Zi­tat be­sa­gen, dass es an die vor­her zi­tier­te Stel­le naht­los an­schließt.

In­halt

Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache (1953/56)

Der Analytiker als Garant der Aufrichtigkeit des Patienten

Im Auf­satz  Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se (1953/56), dem so­ge­nann­ten Rom-Vor­trag, äu­ßert sich La­can zur Fra­ge der Sit­zungs­dau­er und fährt da­nach fort:

Wie dem auch sei, wenn die Ar­beit un­se­rer Funk­ti­on (als Ana­ly­ti­ker) wäh­rend die­ser Zeit pro­ble­ma­tisch bleibt, so glau­ben wir, die Funk­ti­on der Ar­beit in dem, was hier der Pa­ti­ent rea­li­siert, hin­rei­chend her­aus­ge­stellt zu ha­ben.

Doch die Rea­li­tät die­ser Zeit, wel­che Rea­li­tät auch im­mer, nimmt von da an ei­nen räum­li­chen (lo­ca­le) Wert an, den ei­ner An­nah­me des Pro­dukts die­ser Ar­beit. Wir spie­len eine Rol­le des Auf­zeich­nens, in­dem wir die für je­den sym­bo­li­schen Aus­tausch grund­le­gen­de Funk­ti­on über­neh­men, das zu sam­meln, was do kamo, der Mensch in sei­ner Au­then­ti­zi­tät, das blei­ben­de Spre­chen nennt. Als Zeu­ge hin­zu­ge­zo­gen für die Ehr­lich­keit (sin­cé­rité) des Sub­jekts, als Ver­wah­rer des Pro­to­kolls sei­nes Dis­kur­ses, als Re­fe­renz für sei­ne Ge­nau­ig­keit, als Ga­rant sei­ner Auf­rich­tig­keit (dro­itu­re), als Hü­ter sei­nes Tes­ta­ments, als No­tar sei­ner letzt­wil­li­gen An­ord­nun­gen hat der Ana­ly­ti­ker et­was von ei­nem Schrei­ber (scri­be).

Doch er bleibt der Herr der Wahr­heit, de­ren Fort­schritt die­ser Dis­kurs ist. Vor al­lem er ist es, der, wie wir ge­sagt ha­ben, des­sen Dia­lek­tik in­ter­punk­tiert.“3

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker hat die Auf­ga­be, sich das, was der Pa­ti­ent sagt, an­zu­hö­ren und es zu be­hal­ten, so dass es wie­der in Er­in­ne­rung ge­ru­fen wer­den kann. Er nimmt das, was der Pa­ti­ent sagt, in Emp­fang, er sam­melt es ein. Da­mit rea­li­siert er eine räum­li­che Funk­ti­on, er fun­giert als Ort, denn ein Ort ist, wie Hei­deg­ger sagt, „das Ver­sam­meln­de“.4 Als Zu­hö­rer ist der Ana­ly­ti­ker der „Ort des Spre­chens“, wie La­can es in Die Freud­sche Sa­che (1956) for­mu­lie­ren wird.5

Die­se Re­gis­trier­funk­ti­on ist für je­den sym­bo­li­schen Aus­tausch grund­le­gend, sie stif­tet Dau­er. In Ge­sell­schaf­ten ohne Schrift über­neh­men Tra­di­ti­on und My­thos die­se Auf­ga­be; mit do kamo ver­weist La­can auf Le­en­hardts Stu­die über den My­thos in der me­l­a­ne­si­schen Welt.6 In Ge­sell­schaf­ten mit Schrift zeigt sich die­se Ein­samm­lungs­funk­ti­on etwa im Recht; La­can deu­tet das an, in­dem er die Zu­hör­erfunk­ti­on des Ana­ly­ti­kers in ju­ris­ti­schen Me­ta­phern be­schreibt.

Der Ana­ly­ti­ker re­gis­triert nicht ein­fach, was der Pa­ti­ent sagt. Er ist zu­gleich der Ga­rant von des­sen Auf­rich­tig­keit. Statt von bon­ne foi spricht La­can hier von sin­cé­rité, Ernst­haf­tig­keit, und von dro­itu­re, Ge­rad­heit. Die Ernst­haf­tig­keit oder Ge­rad­heit ist nichts, was dem ein­zel­nen Sub­jekt in­ne­wohnt, sie exis­tiert nur in sei­ner Be­zie­hung zum An­de­ren; sie muss vom An­de­ren an­er­kannt wer­den. Dar­auf ver­weist im Deut­schen am ehes­ten der Be­griff der Glaub­wür­dig­keit: ob je­mand glaub­wür­dig ist, be­ruht auf der Ein­schät­zung durch an­de­re.

Auf wel­che Wei­se ga­ran­tiert der Ana­ly­ti­ker die Ernst­haf­tig­keit und Ge­rad­heit des­sen, was der Pa­ti­ent sagt? Si­cher­lich nicht da­durch, dass er ihn durch sein Zu­hö­ren dazu ver­an­lasst, nichts als die Wahr­heit zu sa­gen. Er rea­li­siert die­se Funk­ti­on da­durch, dass er in be­stimm­tem Sin­ne an das Ge­sag­te glaubt, nicht in­so­fern, als er die Be­haup­tun­gen des Pa­ti­en­ten für rich­tig hält, son­dern in­so­fern, als er re­gis­triert, wenn sich in des­sen Spre­chen die Wahr­heit zeigt. Die Wahr­heit be­steht hier nicht in ob­jekt­be­zo­ge­nen Be­haup­tun­gen (etwa „mei­ne Mut­ter hat mich schlecht be­han­delt“), son­dern im „vol­len Spre­chen“, in Ak­ten der wech­sel­sei­ti­gen An­er­ken­nung von Typ „Du bist mei­ne Frau“ / „Du bist mein Mann“. Dar­auf ver­wei­sen die ju­ris­ti­schen Me­ta­phern: das, was der Psy­cho­ana­ly­ti­ker re­gis­triert, sind Sprech­ak­te, in de­nen eine Art Ver­trag ab­ge­schlos­sen wird. Er ist ein Zeu­ge in der Art, wie ein Trau­zeu­ge das Ein­ge­hen ei­nes Ehe­kon­trakts be­zeugt, er ist Pro­to­kol­lant nicht wie ein Ste­no­graph, son­dern wie je­mand, der ein Ent­schei­dungs­pro­to­koll an­fer­tigt.

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker ist in­so­fern der Herr die­ser Wahr­heit, als er den Dis­kurs des Pa­ti­en­ten, wenn sich dar­in eine Wahr­heit an­deu­tet – wenn sich das vol­le Spre­chen ma­ni­fes­tiert –, auf ir­gend eine Wei­se in­ter­punk­tiert, sei es, dass er „mhmh“ sagt, sei es, dass er eine Deu­tung an­bringt, sei es, dass er – wie La­can – die Sit­zung be­en­det. In sol­chen Ak­tio­nen zeigt sich, dass er das, was der Pa­ti­ent sagt, als et­was auf­nimmt, was Gel­tung hat, be­zeugt er also des­sen Auf­rich­tig­keit.

Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse (1955)

Ich schmugg­le eine Pas­sa­ge ein, in der zwar nicht wört­lich von Auf­rich­tig­keit oder Un­auf­rich­tig­keit die Rede ist, die aber der Kon­zep­ti­on des Man­gels im An­de­ren in Se­mi­nar 6 be­son­ders na­he­kommt. Statt um bon­ne foi oder mau­vai­se foi geht es hier um die Fra­ge des Be­trugs.

Der Schritt Freuds läßt sich nicht er­klä­ren durch die ein­fach nich­ti­ge Er­fah­rung der Tat­sa­che, die­sen oder je­nen be­han­deln zu müs­sen, er steht wirk­lich im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Re­vo­lu­ti­on, die auf dem ge­sam­ten Feld des­sen statt­fin­det, was der Mensch von sich und sei­ner Er­fah­rung den­ken kann; auf dem ge­sam­ten Feld der Phi­lo­so­phie – man muß es schon bei sei­nem Na­men nen­nen.

Die­se Re­vo­lu­ti­on läßt den Men­schen wie­der als Schöp­fer in die Welt ein­tre­ten. Die­ser aber läuft Ge­fahr, sich völ­lig sei­ner Schöp­fung be­raubt zu se­hen durch je­nen simp­len Kniff, der in der klas­si­schen Theo­rie im­m­mer bei­sei­te ge­las­sen wur­de und der dar­in be­steht zu sa­gen – Gott ist kein Be­trü­ger (trom­peur).

Dies ist so es­sen­ti­ell, daß Ein­stein dar­über am sel­ben Punkt ste­hen­blieb wie Des­car­tes. Der Herr, sag­te er, ist si­cher ein biß­chen lis­tig, doch ist er nicht un­re­dich (mal­hon­nête). Es war we­sent­lich für sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on der Welt, daß Gott kein Be­trü­ger war. Aber ge­ra­de da­von wis­sen wir nichts.7

Des­car­tes hat­te sich ge­fragt, ob Gott ein Be­trü­ger sei und so ge­ant­wor­tet: Wäre Gott ein Be­trü­ger, wäre er un­voll­kom­men. Nun ist Gott aber voll­kom­men. Also ist Gott kein Be­trü­ger.8 Das be­rühm­te Ein­stein-Zi­tat lau­tet wört­lich: „Raf­fi­niert ist der Herr­gott, aber bos­haft ist er nicht.“9

Ge­gen Des­car­tes und ge­gen Ein­stein hält La­can fest: Wir wis­sen nicht, ob Gott red­lich ist oder ob er ein Be­trü­ger und bos­haft ist. Hier­aus wird spä­ter der „Man­gel im An­de­ren“, Ⱥ.

Varianten des Behandlungstyps (1955)

Die Unaufrichtigkeit der etablierten psychoanalytischen Praxis

In Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs (1955) spricht La­can über die eta­blier­te Pra­xis der Psy­cho­ana­ly­se; in sei­nen Au­gen ist sie durch „Un­auf­rich­tig­keit“ cha­rak­te­ri­siert.

Die un­ter­schied­li­chen For­men der Be­hand­lung ha­ben dazu ge­führt, dass die Fra­ge auf­ge­wor­fen wur­de, wo die­se Va­ri­an­ten ihre Gren­ze ha­ben, ih­ren End­punkt, wo also eine Be­hand­lung auf­hört, eine Psy­cho­ana­ly­se zu sein. Man hat das Pro­blem da­durch zu lö­sen ver­sucht, dass man eine Stan­dard­be­hand­lung de­fi­niert hat, und die ein­zig rich­ti­ge Ant­wort auf die­se Ver­ab­so­lu­tie­rung ei­ner be­stimm­ten Be­hand­lungs­form scheint dar­in zu be­stehen, ein hom­me réel zu sein, ein wirk­li­cher Mann / ein rea­ler Mensch, also selbst nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen zu ent­schei­den, was eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Be­hand­lung ist. Da­mit kann de­ren Mehr­deu­tig­keit al­ler­dings nicht be­sei­tigt wer­den.

Von da­her hat es we­nig Be­deu­tung, dass der rea­le Mensch die Mühe, die­sen End­punkt zu de­fi­nie­ren, von sich ab­wälzt, auf Au­to­ri­tä­ten, die hier nur eine Schein­lö­sung bie­ten, oder dass er sich da­mit zu­frie­den gibt, die­sen End­punkt in sei­ner Stren­ge zu ver­ken­nen, wo­durch er es ver­mei­det, sei­ne Gren­ze zu er­fah­ren; in bei­den Fäl­len wird er in sei­nem Han­deln eher der Spiel­ball sein als der Spie­ler, aber es wird ihm nur umso leich­ter fal­len, hier die Ta­len­te un­ter­zu­brin­gen, die ihn dar­an an­pas­sen – ohne mit­zu­be­kom­men, dass er, in­dem er sich hier der Un­auf­rich­tig­keit der eta­blier­ten Pra­xis aus­lie­fert, sie auf das Ni­veau von Rou­ti­nen ab­sin­ken lässt, de­ren Ge­heim­nis­se von den ge­schick­ten Ana­ly­ti­kern ver­mit­telt wer­den, Ge­heim­nis­se, die von da­her un­kri­ti­sier­bar sind, dass sie im­mer den­sel­ben Ta­len­ten un­ter­ge­ord­net sind, selbst wenn es auf der Welt kei­ne mehr da­von gäbe, die sie sich selbst zu ent­de­cken vor­be­hal­ten.“10

Der „rea­le Mensch“ kann die die Fra­ge, wann eine Ana­ly­se auf­hört, eine Ana­ly­se zu sein, den Au­to­ri­tä­ten über­las­sen – die­se bie­ten al­ler­dings nur Schein­lö­sun­gen. Er kann ak­zep­tie­ren, dass er das Pro­blem nicht lö­sen kann, dass er also mög­li­cher­wei­se et­was be­treibt, was kei­ne Psy­cho­ana­ly­se ist. Bei­des sind pas­si­ve Vor­ge­hens­wei­sen. Durch sie lie­fert er sich der eta­blier­ten Pra­xis aus, und sein Han­deln wird zur blo­ßen Rou­ti­ne, be­ru­hend auf Tech­ni­ken, die von ge­schick­ten Prak­ti­kern – den Lehr­ana­ly­ti­kern – wei­ter­ge­ge­ben wer­den.

Den Schluss habe ich nicht ver­stan­den, viel­leicht ist ge­meint: Die Mög­lich­keit, die­se Tech­ni­ken zu er­ler­nen, wird von den Lehr­ana­ly­ti­kern zu ei­ner Sa­che des Ta­lents er­klärt; ob je­mand das nö­ti­ge Ta­lent hat, wird eben­falls von ih­nen be­stimmt; da­mit im­mu­ni­sie­ren sie sich ge­gen Kri­tik an ih­rer Tä­tig­keit als Lehr­ana­ly­ti­ker.

Die eta­blier­te Pra­xis der Psy­cho­ana­ly­se ist un­auf­rich­tig  – in­wie­fern? Im Lich­te der zi­tier­ten Be­mer­kun­gen aus dem Rom-Vor­trag kann man ver­mu­ten, dass die Un­auf­rich­tig­keit für La­can dar­in be­steht, dass in die­ser Pra­xis der Psy­cho­ana­ly­ti­ker nicht die Auf­ga­be hat, Zeu­ge und Ga­rant der Auf­rich­tig­keit des Pa­ti­en­ten zu sein, dass er nicht die Auf­ga­be hat, das wah­re Spre­chen des Pa­ti­en­ten ein­zu­sam­meln und zu in­ter­punk­tie­ren, son­dern dass er sich ihm als star­kes Ich an­bie­tet.

Die Unaufrichtigkeit des Überzeugungsdiskurses

Im sel­ben Auf­satz un­ter­schei­det La­can drei Ar­ten des Spre­chens:
– das wah­re Spre­chen, das auf An­er­ken­nung ab­zielt,
– den wah­ren Dis­kurs der Er­kennt­nis
– und, zwi­schen bei­den ver­mit­telnd, das Spre­chen, das dazu dient, den an­de­ren zu über­zeu­gen.
Die drit­te Form des Spre­chens be­ruht, La­can zu­fol­ge, auf der Un­auf­rich­tig­keit.

Er be­ginnt so:

Man kann also sa­gen, dass das Spre­chen sich als eine Kom­mu­ni­ka­ti­on ma­ni­fes­tiert, in der das Sub­jekt nicht nur, in der Er­war­tung, dass der an­de­re sei­ne Bot­schaft wahr macht, sie in ei­ner um­ge­kehr­ten Form vor­bringt, son­dern in der die­se Bot­schaft ihn da­durch ver­än­dert, dass sie ver­kün­det, dass er der­sel­be ist. Wie es in je­dem be­kun­de­ten Glau­ben (foi don­né) er­scheint, wo die Er­klä­run­gen von ‚Du bist mei­ne Frau‘ oder ‚Du bist mein Herr‘ be­deu­ten: ‚Ich bin dein Gat­te‘, ‚Ich bin dein Schü­ler‘.“11

In der ers­ten Form des Spre­chens – im Rom-Vor­trag wird es als „vol­les Spre­chen“ be­zeich­net – ar­ti­ku­liert das Sub­jekt sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft in um­ge­kehr­ter Form. Es sagt zu ei­ner an­de­ren „Du bist mei­ne Frau“, in der Er­war­tung, dass sie  ihm dar­auf ant­wor­tet: „Du bist mein Mann“. Wenn sie ihm die­sen Ge­fal­len tut, wird in ih­rem Spre­chen in um­ge­kehr­ter Form die ei­ge­ne  Bot­schaft des Sub­jekts ar­ti­ku­liert, näm­lich „Ich bin dein Mann“. Mit „Du bist mei­ne Frau“ wird ein Wahr­heits­an­spruch er­ho­ben. Die Be­son­der­heit die­ser Art von Wahr­heits­an­spruch be­steht dar­in, dass er durch ihre Ant­wort er­füllt wird; erst wenn sie ihm ant­wor­tet „Du bist mein Mann“, wird der Satz „Du bist mei­ne Frau“ wahr.

Die Bot­schaft ver­än­dert das Sub­jekt: sie macht es zum Ehe­mann; und sie ver­än­dert es ge­nau da­durch, dass sie ihm eine Iden­ti­tät zu­weist, die mit die­sem Sprech­akt iden­tisch ist.

Die Er­klä­rung „Du bist mei­ne Frau“ ist ver­bun­den mit ei­nem foi don­né , ei­nem „ge­ge­be­nen Glau­ben“,  mit dem Glau­ben an das ge­ge­be­ne Wort, la foi de la pa­ro­le don­né, wie es in ei­ner Par­al­lel­stel­le im Dis­cours de Rome heißt.12 Das Wort ist eine Gabe, durch die eine neue Be­zie­hung ge­stif­tet wird; die wech­sel­sei­ti­ge Be­kun­dung „Du bist mei­ne Frau“ / „Du bist mein Mann“ funk­tio­niert wie ein Ga­ben­tausch.13

… „Das Spre­chen scheint also umso mehr wahr­haft ein Spre­chen zu sein, je we­ni­ger sei­ne Wahr­heit sich auf das grün­det, was man die Ad­äqua­ti­on mit der Sa­che nennt: pa­ra­do­xer­wei­se steht das wah­re Spre­chen so im Ge­gen­satz zum wah­ren Dis­kurs, wo­bei ihre Wahr­heit sich dar­in un­ter­schei­det, dass die ers­te Wahr­heit da­durch kon­sti­tu­iert wird, dass die Sub­jek­te ihr Sein an­er­ken­nen, und zwar in­so­fern, als sie hier ‚in­ter-es­siert‘ sind, wäh­rend die zwei­te durch die Er­kennt­nis des Rea­len kon­sti­tu­iert wird, in­so­fern es vom Sub­jekt in den Ob­jek­ten an­ge­zielt wird. Aber jede die­ser hier un­ter­schie­de­nen Wahr­hei­ten ver­schlech­tert sich, wenn sie auf ih­rem Weg den der an­de­ren kreuzt.“14

Beim „wah­ren Spre­chen“ geht es um eine Wahr­heit, die an­ders ist als die Wahr­heit, von der die Phi­lo­so­phen ge­spro­chen ha­ben, Wahr­heit als Über­ein­stim­mung zwi­schen Ver­stand und Sa­che. Es gibt also zwei For­men der Wahr­heit, die Wahr­heit des „wah­ren Spre­chens“, die durch die an­er­ken­nen­de Ant­wort er­wie­sen wird, etwa durch die Ant­wort „Du bist mein Mann“, und die Wahr­heit des „wah­ren Dis­kur­ses“, durch den Er­kennt­nis her­bei­ge­führt wer­den soll. Zwi­schen bei­den gibt es nicht nur ei­nen Un­ter­schied, son­dern ei­nen Ge­gen­satz: das wah­re Spre­chen ist umso wahr­haf­ter, je we­ni­ger es mit der Wahr­heit des wah­ren Dis­kur­ses zu tun hat. Wenn ich zu ihr sage, „Du bist mei­ne Frau“, ist das umso we­ni­ger wahr, je mehr sie tat­säch­lich be­reits mei­ne Frau ist.

Die Wahr­heit des wah­ren Spre­chens wird da­durch her­vor­ge­bracht, dass bei­de Sub­jek­te sich wech­sel­sei­tig an­er­ken­nen; sie er­ken­nen sich in ih­rem Sein an (Du bist mei­ne Frau, du bist mein Mann), und die­ses Sein, la­tei­nisch esse, ist ein „in­ter-esse“, ein Zwi­schen-Sein, das Sein ih­rer Be­zie­hung. Das ist eine an­de­re Wahr­heit als die Wahr­heit des wah­ren Dis­kur­ses, näm­lich die Er­kennt­nis des Rea­len in den Ob­jek­ten.

Wenn die­se bei­den Wahr­heits­ar­ten ein­an­der be­ob­ach­ten, ver­än­dern sie sich; sie schla­gen um in ihr Ge­gen­teil und wer­den zur Lüge. Was zu­nächst nur ein Ge­gen­satz war, ge­rät in eine dia­lek­ti­sche Be­we­gung, die an He­gels Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes er­in­nert.

… „Es ist näm­lich so, dass der wah­re Dis­kurs das ge­ge­be­ne Wort, in­dem er aus ihm die Ge­ge­ben­hei­ten des Ver­spre­chens her­aus­löst, als lü­gen­haft er­schei­nen lässt, weil es die Zu­kunft bin­det, die, wie man sagt, nie­man­dem ge­hört, und au­ßer­dem als mehr­deu­tig, in­so­fern es be­stän­dig über das Sein hin­aus­geht, dass es be­trifft, in der Ent­frem­dung, in der sein Wer­den sich bil­det.“15

Der wah­re Dis­kurs der Er­kennt­nis hält sich an die Da­ten, wört­lich: an das Ge­ge­be­ne; für ihn ist der Satz „Du bist mei­ne Frau“ das Kon­sta­tie­ren ei­ner Tat­sa­che, ver­bun­den mit ei­ner Pro­gno­se. Die Vor­aus­sa­ge ist falsch, denn die Zu­kunft lässt sich nicht kon­trol­lie­ren.

Au­ßer­dem be­zieht sich das wah­re Spre­chen auf We­sen, die im Wer­den sind, die in Ent­wick­lung be­grif­fen sind, wo­bei sich die­ses Wer­den in der ent­frem­den­den Be­zie­hung zum an­de­ren voll­zieht. Das wah­re Spre­chen ist mehr­deu­tig  – ich ver­mu­te, dass da­mit fol­gen­des ge­meint ist: Wenn ich sage: „Du bist mei­ne Frau“, ist nicht klar, wor­auf ich mich be­zie­he: Auf die, die sie jetzt ist, oder auf die, die sie in der ent­frem­den­den Be­zie­hung zum an­de­ren wer­den wird?

… „Wenn aber das wah­re Spre­chen den wah­ren Dis­kurs dar­über be­fragt, was er be­deu­tet, wird es fest­stel­len, dass die Be­deu­tung im­mer auf die Be­deu­tung ver­weist, kann doch kein Ding an­ders ge­zeigt wer­den als durch ein Zei­chen, und von da­her wird es ihn als zum Irr­tum ver­ur­teilt er­schei­nen las­sen.“16

Das wah­re Spre­chen der An­er­ken­nung hat sich vom wah­ren Dis­kurs der Er­kennt­nis be­leh­ren las­sen. Der wah­re Dis­kurs der Er­kennt­nis for­dert als Wahr­heits­be­din­gung kla­re und ein­deu­ti­ge Be­deu­tun­gen. Nun gut, sagt das wah­re Spre­chen der An­er­ken­nung, fra­gen wir also: wie funk­tio­niert im wah­ren Dis­kurs eine Be­deu­tung? In der Wei­se, dass Be­deu­tung auf Be­deu­tung ver­weist. Wenn ich wis­sen will, was „Ehe­frau“ be­deu­tet, wer­de ich auf „ver­hei­ra­te­te Frau“ ver­wie­sen, will ich wis­sen, was „Frau“ be­deu­tet, auf „weib­li­cher er­wach­se­ner Mensch“, wenn ich fra­ge, was „Mensch“ heißt, ver­weist man mich auf „hö­he­res Säu­ge­tier aus der Gat­tung der Pri­ma­ten“ – und so wei­ter. Ich habe kei­nen di­rek­ten Zu­gang zu den Din­gen, nur durch Zei­chen kann ich mich auf sie be­zie­hen; durch Zei­chen, die auf an­de­re Zei­chen ver­wei­sen. Das Pro­blem ist das „und so wei­ter“ – in die­ser Ver­wei­sungs­be­we­gung gibt es kei­nen Still­stand. Also kommt mit je­der Be­deu­tung das gan­ze Sprach­sys­tem ins Spiel, ein Pro­zess, der sich un­mög­lich kon­trol­lie­ren lässt. Also ist der wah­re Dis­kurs der Er­kennt­nis, der ein sta­bi­les Fun­da­ment der Er­kennt­nis da­durch si­chern will, dass er sich auf ein­deu­ti­ge Be­deu­tun­gen stützt, auf Sand ge­baut; er ist dazu ver­ur­teilt, un­wahr zu sein.

War­um ist die­se Be­ob­ach­tung ge­ra­de die des auf An­er­ken­nung zie­len­den wah­ren Spre­chens? Ich neh­me an, weil die­ses wah­re Spre­chen eine Mög­lich­keit sieht, die Ver­weis­be­we­gung zum Still­stand zu brin­gen: durch die An­er­ken­nung ei­nes An­de­ren, an den es glaubt und der ihm glaubt.

… „Wie, zwi­schen der Cha­ryb­dis und der Skyl­la die­ser wech­sel­sei­ti­gen Be­schul­di­gung des Spre­chens, könn­te der in­ter­me­diä­re Dis­kurs – der­je­ni­ge, in dem das Sub­jekt, in der Ab­sicht, sich an­er­ken­nen zu las­sen, das Wort an den an­de­ren rich­tet, da­bei das in Rech­nung stel­lend, was es über sein Sein als Ge­ge­ben­heit weiß – nicht zu den We­gen der List ge­zwun­gen sein?“17

Ne­ben dem wah­ren Spre­chen, das auf An­er­ken­nung zielt, und dem wah­ren Dis­kurs, der Er­kennt­nis an­strebt, gibt es eine drit­te Form des Spre­chens. Sie wird hier von La­can als „in­ter­me­diä­rer Dis­kurs“ be­zeich­net, als Dis­kurs, der zwi­schen den bei­den an­de­ren steht und zwi­schen ih­nen ver­mit­telt. In die­ser drit­ten Dis­kurs­art geht es ei­ner­seits dar­um, dass das Sub­jekt das Wort an den an­de­ren rich­tet, um sich von ihm an­er­ken­nen zu las­sen – die­ses Ele­ment über­nimmt sie vom wah­ren Spre­chen. Im in­ter­me­diä­ren Dis­kurs stellt das Sub­jekt aber au­ßer­dem in Rech­nung, was es über das Sein des An­de­ren als Ge­ge­ben­heit weiß, es be­zieht sich auf das Sein des An­de­ren nicht als durch das Spre­chen ge­stif­te­te Be­zie­hung, son­dern als Da­tum, als psy­cho­lo­gi­sche Ge­ge­ben­heit; die­ses Vor­ge­hen hat er mit dem Dis­kurs der Er­kennt­nis ge­mein. Um wel­che drit­te Art des Spre­chens geht es?

Um ein Spre­chen, bei dem die List ins Spiel kommt, um ei­nen Dis­kurs also, in dem der Adres­sat auf raf­fi­nier­te Wei­se ge­täuscht wer­den soll.

… „So geht der Dis­kurs tat­säch­lich vor um zu über­zeu­gen, con-vain­c­re, ein Wort, dass in den Pro­zess, in dem eine Über­ein­kunft her­ge­stellt wird, die Stra­te­gie ein­schließt. Und wie we­nig man an dem Un­ter­neh­men, ja auch nur an der Un­ter­stüt­zung ei­ner mensch­li­chen In­sti­tu­ti­on teil­ge­nom­men ha­ben mag, so weiß man doch, dass der Kampf um die ter­mes, um die Be­grif­fe und um die Kon­di­tio­nen, auch dann wei­ter­geht, wenn eine Über­ein­kunft er­reicht wor­den ist; wor­in sich ein wei­te­res Mal die Prä­va­lenz des mitt­le­ren Terms ma­ni­fes­tiert, näm­lich des Spre­chens.“18

Die drit­te Art des Spre­chens ist der Dis­kurs, der dar­auf ab­zielt, den an­de­ren zu über­zeu­gen, um auf die­sem Wege eine Über­ein­kunft zu er­zie­len. Das fran­zö­si­sche Wort für über­zeu­gen, con­vain­c­re, ent­hält vain­c­re, be­sie­gen; das Über­zeu­gen ist eine Form des Kämp­fens, in dem ein Sieg an­ge­strebt wird und auf die­sem Weg ein Frie­de. Der Sieg be­steht in der Zu­stim­mung des An­de­ren, das Mit­tel hier­zu ist das stra­te­gi­sche oder tak­ti­sche Ver­hal­ten, die List.

Selbst dann, wenn eine Ver­ein­ba­rung er­zielt wor­den ist, geht der Kampf um die Be­grif­fe und da­mit um die Kon­di­tio­nen der Ver­ein­ba­rung wei­ter; der Über­zeu­gungs­kampf kommt nie zum Ab­schluss. Das weiß je­der, der auch nur am Ran­de an ei­ner „mensch­li­chen In­sti­tu­ti­on“ be­tei­ligt war – viel­leicht spielt La­can hier auf die Kon­flik­te in der So­cié­té Psy­chana­ly­tique de Pa­ris an und so­wie auf die Grün­dung der So­cié­té Françai­se de Psy­chana­ly­se im Jahr 1953.

In der Un­ab­schließ­bar­keit des Über­zeu­gungs­kamp­fes zeigt sich die Vor­herr­schaft von et­was, was man mit ei­nem Be­griff der Lo­gik als mitt­le­ren Ter­mi­nus oder mitt­le­ren Haupt­be­griff be­zeich­nen kann. In ei­nem Syl­lo­gis­mus ist der mitt­le­re Haupt­be­griff der­je­ni­ge, der die bei­den an­de­ren Haupt­be­grif­fe ver­mit­telt. In ei­nem Kampf geht es um die Ver­mitt­lung zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en, und die Ver­mitt­lungs­funk­ti­on ob­liegt hier dem Spre­chen, das über­zeu­gen soll.

… „Die­ser Pro­zess voll­zieht sich in der Un­auf­rich­tig­keit des Sub­jekts, die sei­nen Dis­kurs zwi­schen Täu­schung, Mehr­deu­tig­keit und Irr­tum steu­ert. Aber die­ser Kampf, um ei­nen so pre­kä­ren Frie­den zu si­chern, wür­de sich nicht als das ge­wöhn­lichs­te Feld der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät an­bie­ten, wenn der Mensch nicht vom Spre­chen be­reits voll­stän­dig über­re­det wäre, per-sua­dé, das heißt, dass es ihm dar­in durch und durch gut geht.“19

An die­ser Stel­le bringt La­can die Un­auf­rich­tig­keit ins Spiel. Der Über­zeu­gungs­kampf stützt sich auf List und stra­te­gi­sches Ver­hal­ten, also auf die Un­auf­rich­tig­keit des Sub­jekts; von die­ser Un­auf­rich­tig­keit wird er be­herrscht. Eine Form der Un­auf­rich­tig­keit ist die di­rek­te Täu­schung, eine an­de­re be­steht dar­in, die ei­ge­nen Ab­sich­ten durch Mehr­deu­tig­kei­ten zu ver­schlei­ern. Aber auch der Irr­tum, also die Selbst­täu­schung, wird hier von La­can der Un­auf­rich­tig­keit zu­ge­ord­net.

Im ana­ly­ti­schen Dis­kurs hat der Ana­ly­ti­ker die Funk­ti­on, die Auf­rich­tig­keit des Pa­ti­en­ten zu be­zeu­gen. Der Über­zeu­gungs­dis­kurs ist der Dis­kurs der Un­auf­rich­tig­keit. Man wird das zu­sam­men­brin­gen dür­fen: Im ana­ly­ti­schen Dis­kurs geht es auf kei­nen Fall dar­um, den an­de­ren von et­was zu über­zeu­gen.

Wie lässt sich er­klä­ren, dass der Über­zeu­gungs­dis­kurs die ge­wöhn­li­che Form der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät ist – häu­fi­ger als die bei­den an­de­ren For­men des Spre­chens – , wo der Frie­de doch im­mer pre­kär ist und der Kampf um die Be­grif­fe nie zu ei­nem Ende kommt? Da­mit, dass der Mensch im­mer schon „über­re­det“ ist, per-sua­dé, von ei­ner Sua­da, ei­nem Schwall sü­ßer Wor­te durch­drun­gen – an­ders ge­sagt: im Spre­chen fühlt er sich wohl.

… „Es ist auch so, dass der Mensch in der Un­ter­ord­nung sei­nes Seins un­ter das Ge­setz der An­er­ken­nung von den Ave­nu­en des Spre­chens durch­quert wird, und des­halb ist er für jede Sug­ges­ti­on of­fen. Aber er hält sich auf und ver­liert sich im Dis­kurs der Über­zeu­gung auf­grund der nar­ziss­ti­schen Trug­bil­der, die die Be­zie­hung zum an­de­ren sei­nes Ichs be­herr­schen.“20

Da der Mensch ei­nen Zu­gang zu sei­nem Sein nur da­durch ge­winnt, dass er vom An­de­ren an­er­kannt wird, geht das Spre­chen ge­wis­ser­ma­ßen durch ihn hin­durch, des­halb steht er ei­ner vier­ten Form des Spre­chens of­fen: der Sug­ges­ti­on; sein An­ge­wie­sen­sein auf An­er­ken­nung macht ihn zur leich­ten Beu­te die­ser Art der sym­bo­li­schen Ge­walt.

Aber er hält sich vor al­lem beim drit­ten Typ des Spre­chens auf, beim Re­den um zu über­zeu­gen. Dies liegt dar­an, dass sich die­se Form der sprach­lich ver­mit­tel­ten In­ter­sub­jek­ti­vi­tät auf die nar­ziss­ti­sche oder ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum an­de­ren stützt. In der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung ist der an­de­re für mich der­je­ni­ge, der mir ähn­lich ist und der zu­gleich mein Ri­va­le ist; in die­ser Ver­dopp­lung exis­tiert das Ich. Der Über­zeu­gungs­dis­kurs ist des­halb so ver­brei­tet, weil er sich auf die ima­gi­nä­re Be­zie­hung zum an­de­ren stützt.

… „Auf die­se Wei­se kommt es dazu, dass die Un­auf­rich­tig­keit des Sub­jekts – die für die­sen in­ter­me­diä­ren Dis­kurs der­art kon­sti­tu­ie­rend ist, dass sie nicht ein­mal im Freund­schafts­be­kennt­nis fehlt – sich ver­dop­pelt in der Ver­ken­nung, in dem sich die­se Trug­bil­der er­rich­ten. Dies ist das, was Freud als die un­be­wuss­te Funk­ti­on des Ichs sei­ner To­pik be­zeich­net hat, be­vor er ihre we­sent­li­che Form im Dis­kurs der Ver­nei­nung auf­zeig­te (Die Ver­nei­nung, 1925).“21

La­can wie­der­holt sei­ne The­se: Für den Dis­kurs der Über­zeu­gung ist die Un­auf­rich­tig­keit grund­le­gend. Das Ein­ge­ständ­nis ei­ner Freund­schaft ist eine Form des wah­ren Spre­chens – eine Selbst­ver­pflich­tung, die auf die An­er­ken­nung durch den An­de­ren ab­zielt. Die­se Form des wah­ren Spre­chens kann vom Über­zeu­gungs­dis­kurs stra­te­gisch in Dienst ge­nom­men wer­den.

Da­durch, dass der Über­zeu­gungs­dis­kurs sich auf die ima­gi­nä­re Be­zie­hung stützt, ver­dop­pelt sich der trü­ge­ri­sche Cha­rak­ter der Be­zie­hung. Die sprach­lich ver­mit­tel­te (sym­bo­li­sche) Un­auf­rich­tig­keit wird durch das (ima­gi­nä­re) Ver­ken­nen er­gänzt und sta­bi­li­siert.

In Jen­seits des Lust­prin­zips (1920) hat­te Freud zu­erst ge­zeigt, dass die ver­drän­gen­de In­stanz nicht das Be­wusst­sein ist, son­dern das Ich, und dass der ver­drän­gen­de Cha­rak­ter des Ichs un­be­wusst ist. Das Ich ist eine In­stanz der Ver­ken­nung, wie La­can be­reits in Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten, er­klärt hat­te.22 Dies gilt in ei­nem dop­pel­ten Sinn: es be­wirkt die Ver­drän­gung be­stimm­ter Trieb­re­gun­gen und führt so zu de­ren Ver­ken­nung; sei­ne ei­ge­ne Ar­beits­wei­se ist dem Be­wusst­sein ent­zo­gen, wird also ver­kannt. Die Ver­nei­nung ist in­so­fern die we­sent­li­che Form der Ver­ken­nung, als sich in ihr die Ab­wehr­funk­ti­on des Ichs mit der Spra­che ver­bin­det.23

In wel­chem Sin­ne also ist die eta­blier­te Pra­xis der Psy­cho­ana­ly­se un­auf­rich­tig? Will La­can sa­gen, dass sie dar­auf ab­zielt, den Pa­ti­en­ten von et­was zu über­zeu­gen?

Die Freudsche Sache (1955)

Aufrichtigkeit durch das argumentum ad hominem

In Die Freud­sche Sa­che (1955) schreibt La­can:

Die Lehr­fa­bel über mein Red­ner­pult und die üb­li­che Pra­xis des Über­zeu­gungs­dis­kur­ses wer­den ihm (dem Ana­ly­ti­ker), wenn er dar­über nach­denkt, zur Ge­nü­ge zei­gen, dass kein Dis­kurs, auf wel­che Träg­heit er sich auch stützt oder an wel­che Lei­den­schaft er auch ap­pel­lie­ren mag, sich nur an den gu­ten Zu­hö­rer wen­det, dem er das Heil bringt (au bon en­ten­deur au­quel il por­te son sa­lut).24 Selbst das, was man das ar­gu­men­tum ad ho­mi­nem nennt, wird von dem, der es prak­ti­ziert, nur als Ver­füh­rung ge­se­hen, um vom an­de­ren in sei­ner Au­then­ti­zi­tät zu er­rei­chen, dass er ein Spre­chen ak­zep­tiert, ein Spre­chen, das zwi­schen den bei­den Sub­jek­ten ei­nen Pakt her­stellt, der aus­drück­lich er­klärt sein kann oder auch nicht, der aber in bei­den Fäl­len au­ßer­halb der Ar­gu­men­ta­ti­ons­grün­de liegt.“25

Kein Dis­kurs wen­det sich nur an den gut­wil­li­gen Hö­rer, der dar­aus die Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen weiß und des­sen Wohl er dient – in kei­nem Dis­kurs geht es nur um Ar­gu­men­te und In­ter­es­sen. Die Ar­gu­men­te ste­hen auch nicht nur im Diens­te von Träg­hei­ten und Lei­den­schaf­ten (wie Hume sagt). In ei­nem Dis­kurs geht es au­ßer­dem dar­um, zwi­schen Spre­cher und Hö­rer ei­nen Pakt zu schlie­ßen, d.h. dar­um, sich wech­sel­sei­tig an­zu­er­ken­nen; die­ser Pakt liegt au­ßer­halb der Ar­gu­men­ta­ti­ons­grün­de.

Das zeigt sich am ar­gu­men­tum ad ho­mi­nem, also in der Zu­rück­wei­sung ei­ner Be­haup­tung mit dem Ver­weis auf per­sön­li­che Män­gel des Be­haup­ten­den. Die­se Art des Ar­gu­men­tie­rens gilt als Fehl­schluss – dar­aus, dass je­mand ein schlech­ter Mensch ist, folgt nicht, dass sei­ne Be­haup­tung falsch ist. Die­se Kri­tik ver­kennt, wie La­can meint, wor­auf das ar­gu­men­tum ad ho­mi­mem ab­zielt: nicht auf Wahr­heit durch Be­grün­dung, son­dern auf Wahr­heit durch An­er­ken­nung des Be­geh­rens. Die per­sön­li­che Dif­fa­mie­rung soll den an­de­ren dazu ver­füh­ren, sich auf­zu­re­gen, so dass sich der Über­zeu­gungs­dis­kurs im Ide­al­fall in eine ge­gen­sei­ti­ge Be­schimp­fung ver­wan­delt. Eine sol­che Dis­kurs­form ist auf­rich­tig – in ihr herrscht nicht mehr die List des Über­zeu­gungs­dis­kur­ses, in ihr ma­ni­fes­tiert sich viel­mehr das Be­geh­ren, und zwar so, dass wei­ter mit­ein­an­der ge­spro­chen wird – das Be­geh­ren wird an­er­kannt.

Die Regeln der Logik und des Rechts und die Aufrichtigkeit bzw. Unaufrichtigkeit des Anderen

La­can fährt fort:

… „Ge­wöhn­lich weiß je­der, dass die an­de­ren, ganz wie er selbst, den Zwän­gen der Ver­nunft un­zu­gäng­lich blei­ben, au­ßer beim grund­sätz­li­chen Ak­zep­tie­ren ei­ner Dis­kus­si­ons­re­gel, die nicht ohne ein ex­pli­zi­tes oder im­pli­zi­tes Ein­ver­neh­men über das aus­kommt, was man ih­ren Grund­be­stand nennt, was fast im­mer auf ein vor­weg­ge­nom­me­nes Ein­ver­neh­men über das hin­aus­läuft, was in Fra­ge steht. Was man Lo­gik oder Recht nennt, ist nie mehr als ein Kor­pus von Re­geln, die müh­se­lig auf ei­nen be­stimm­ten Mo­ment der Ge­schich­te ab­ge­stimmt wur­den, ge­bühr­lich da­tiert und ver­or­tet durch ein Ur­sprungs­zer­ti­fi­kat, der Ago­ra oder des Fo­rums, der Kir­che, ja der Par­tei. Ich wer­de also von die­sen Re­geln nichts er­hof­fen au­ßer der Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi) des An­de­ren und mich ih­rer als letz­tes Mit­tel nur dazu be­die­nen – wenn ich es für gut hal­te oder wenn man mich dazu zwingt – , um die Un­auf­rich­tig­keit (mau­vai­se foi) bei Lau­ne zu hal­ten.“26

Die Ver­nunft ist kei­ne Sa­che des Ein­zel­nen, sie ist ge­bun­den an be­stimm­te Re­geln der Ge­sprächs­füh­rung. Da­mit eine Dis­kus­si­on funk­tio­niert, braucht es ein ge­mein­sa­mes Vor­ver­ständ­nis. Die­ses Vor­ver­ständ­nis im­pli­ziert oft ei­nen Kon­sens über das, was doch ge­ra­de zur Dis­kus­si­on steht.

Das ge­mein­sa­me Vor­ver­ständ­nis be­zieht sich auf Re­geln der Lo­gik und des Rechts. In­wie­fern des Rechts? In­so­fern, als ge­klärt wer­den muss, wer ein le­gi­ti­mer Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer ist?

Die­se Re­geln ha­ben kei­nen über­his­to­ri­schen Cha­rak­ter, sie sind mit be­trächt­li­chem Auf­wand an be­stimm­te his­to­ri­sche Si­tua­ti­on an­ge­passt wor­den. Die zu­erst von Aris­to­te­les for­mu­lier­ten Re­geln der Lo­gik ver­wei­sen auf die Ago­ra, auf die Ver­samm­lung der Po­lis­bür­ger. Die in Rom for­mu­lier­ten ju­ris­ti­schen Nor­men be­ru­hen letzt­lich auf der In­sti­tu­ti­on des Fo­rums, der Ver­samm­lung der rö­mi­schen Bür­ger. Die­se bei­den Re­gel­ap­pa­ra­te sind von der Scho­las­tik aus­ge­baut und um­ge­baut wor­den, im Diens­te der Kir­che. Selbst eine Par­tei – z. B. die kom­mu­nis­ti­sche – kann die­se Ur­sprungs­funk­ti­on über­neh­men.

Von den Re­geln der Lo­gik oder des Rechts, von die­ser Kul­tur, ist dann nichts zu er­war­ten, wenn es um die Sub­jek­ti­vi­tät geht, die von die­sen Re­geln ins Ab­seits ge­drängt wird, um das „Un­be­ha­gen in der Kul­tur“, wie Freud sagt – und eben die­ses Un­be­ha­gen, das Sein des Sub­jekts, ist das The­ma der Psy­cho­ana­ly­se.

Al­ler­dings kann man von die­sen Re­geln eins er­hof­fen: la bon­ne foi des An­de­ren, also dies, dass der Zu­hö­rer ein auf­rich­ti­ger Zu­hö­rer ist. La­can sagt hier nicht, was er dar­un­ter ver­steht, ich neh­me an, dass ge­meint ist, dass der Zu­hö­rer ihn un­vor­ein­ge­nom­men und im Prin­zip wohl­wol­lend an­hört; der Ak­zent von bon­ne foi ver­schiebt sich hier in Rich­tung auf den gu­ten Glau­ben. Wenn er, La­can, sich an die Re­geln hält, ver­schafft er sich da­mit viel­leicht die­sen Ver­trau­ens­vor­schuss.

Im Rom-Vor­trag ging es um die Wahr­haf­tig­keit des Pa­ti­en­ten, die durch den Ana­ly­ti­ker, der in der Po­si­ti­on des Zu­hö­rers ist, be­zeugt und ga­ran­tiert wird. Jetzt geht es um den bon­ne foi des Zu­hö­rers, also ver­mut­lich dar­um, dass er dem, was er hört, ein ge­wis­ses Ver­trau­en ent­ge­gen­bringt; dass er „be­reit ist, sich dar­auf ein­zu­las­sen“, wie man sagt. Die Auf­rich­tig­keit kann dem­nach auf bei­den Sei­ten lo­ka­li­siert wer­den, auf der Sei­te des Spre­chers und auf der Sei­te des An­de­ren; der Adres­sat kann ein auf­rich­ti­ger oder ein un­auf­rich­ti­ger Zu­hö­rer sein.

La­can kün­digt an, dass er sich der Re­geln der Lo­gik und des Rechts ge­le­gent­lich dazu be­die­nen wird, um die Un­auf­rich­tig­keit zu amü­sie­ren. Das könn­te sich auf die un­auf­rich­ti­gen, die bös­gläu­bi­gen Zu­hö­rer be­zie­hen, die­je­ni­gen, die nicht be­reit sind, sich auf das, was er vor­bringt, ein­zu­las­sen; er kann sie nicht ge­win­nen, nur amü­sie­ren. Es könn­te aber auch sei­ne ei­ge­ne Un­auf­rich­tig­keit ge­meint sein. Es kann ihm an­ge­bracht er­schei­nen, ei­nen Über­zeu­gungs­dis­kurs zu hal­ten. In die­sem Fal­le ist er, nach sei­nen ei­ge­nen Vor­aus­set­zun­gen, un­auf­rich­tig – und kann dar­an sein Ver­gnü­gen ha­ben.

Die Objektbeziehung (1957)

Das Kind als Verführer und seine Frage nach der Aufrichtigkeit des Anderen

In Se­mi­nar 4 von 1956/57, Die Ob­jekt­be­zie­hung, spricht La­can über das Spiel der se­xu­el­len Pa­ra­de, über die Ver­füh­rungs­ver­su­che des klei­nen Jun­gen ge­gen­über der Mut­ter. Hier­bei nimmt das Kind, so er­klärt er, zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen ein, und dies gleich­zei­tig. Es ist ers­tens der Stra­te­ge, der sich an die Mut­ter wen­det, um ihre Auf­merk­sam­keit zu fes­seln und sie zu fas­zi­nie­ren; es ist au­ßer­dem der Kö­der, näm­lich der Kör­per, der ein­ge­setzt wird, um ihr Be­geh­ren ein­zu­fan­gen. Aber nicht nur der Jun­ge, auch die Mut­ter ver­dop­pelt sich. In der Be­zie­hung zwi­schen dem Jun­gen und der Mut­ter kommt es

hin­ter der Mut­ter zu ei­nem Auf­tau­chen von et­was, was die Auf­rich­tig­keit (la bon­ne foi) ist, das, wo­bei die Mut­ter ge­packt wer­den kann, wenn man so sa­gen kann. Dar­in zeich­net sich be­reits eine gan­ze in­ter­sub­jek­ti­ve Drei­ei­nig­keit, ja Vier­ei­nig­keit ab.“27

Die Mut­ter ist in die­ser Be­zie­hung nicht nur die­je­ni­ge, die ver­führt wer­den soll. Sie wird vom Jun­gen auch un­ter dem Ge­sichts­punkt be­fragt, ob ihre Re­ak­ti­on auf die se­xu­el­le Pa­ra­de auf­rich­tig ist oder un­auf­rich­tig.

Das Ver­füh­rungs­spiel des Jun­gen mit der Mut­ter ist eine Vie­rer­be­zie­hung, die sich mit dem so­ge­nann­ten Sche­ma L dar­stel­len lässt.28 Der Jun­ge gibt der Mut­ter et­was von sich zu se­hen, den Phal­lus in der ima­gi­nä­ren Funk­ti­on. Der Jun­ge ist in der Po­si­ti­on des Sub­jekts, die Be­zie­hung zwi­schen der Mut­ter und dem ima­gi­nä­ren Phal­lus ist ein ima­gi­nä­res Ver­hält­nis. Durch die Fra­ge des Jun­gen nach der Auf­rich­tig­keit der Mut­ter wird eine vier­te Grö­ße ins Spiel ge­bracht: der An­de­re oder die An­de­re als Ort der Wahr­heit.

Das er­in­nert an die Sze­ne, mit der Sart­re in Das Sein und das Nichts den Be­griff der Un­auf­rich­tig­keit ein­führt. Ein Mann trifft sich mit ei­ner jun­gen Frau. Er be­gehrt sie. Sie re­du­ziert sein Ver­hal­ten auf die Be­kun­dung von Be­wun­de­rung und Re­spekt. Er er­greift ihre Hand. „Man weiß, was nun ge­schieht: die jun­ge Frau gibt ihre Hand preis, aber sie merkt nicht, daß sie sie preis­gibt. Sie merkt es nicht, weil es sich zu­fäl­lig so fügt, daß sie in die­sem Au­gen­blick ganz Geist ist.“29 Die­se Frau, so fährt Sart­re fort, ist un­auf­rich­tig; er deu­tet die Un­auf­rich­tig­keit als ein Ver­hal­ten der Frau sich selbst ge­gen­über.

Es ist, als wür­de La­can sa­gen: Mein lie­ber Sart­re, Sie un­ter­schla­gen die in­ter­sub­jek­ti­ve Sei­te der Un­auf­rich­tig­keit. In der von Ih­nen ge­schil­der­ten Sze­ne ist es doch der Mann, der sich fragt, ob das Ver­hal­ten der Frau auf­rich­tig ist oder un­auf­rich­tig; Ihre Bei­spie­le sind bes­ser als Ihre Theo­rie. Der Mann be­zieht sich nicht ein­fach auf die Frau; in­dem er sich fragt, ob ihre Re­ak­ti­on auf­rich­tig ist, bringt er zu­gleich den An­de­ren ins Spiel.

La­can knüpft hier an Freuds Über­le­gun­gen zur kind­li­chen Se­xu­al­for­schung an. Bei Freud kann man le­sen: „Vie­le der Ex­hi­bi­tio­nen und Ag­gres­sio­nen, wel­che das Kind vor­nimmt und die man im spä­te­ren Al­ter un­be­denk­lich als Äu­ße­run­gen von Lüs­tern­heit be­ur­tei­len wür­de, er­wei­sen sich der Ana­ly­se als Ex­pe­ri­men­te im Diens­te der Se­xu­al­for­schung an­ge­stellt.“30 La­can fügt ge­wis­ser­ma­ßen hin­zu: Die kind­li­che Se­xu­al­for­schung ist nicht zu­letzt Er­for­schung der Se­xua­li­tät der An­de­ren; wie jede For­schung be­zieht sie sich auf Wahr­heit; die Wahr­heit ist in­ter­sub­jek­tiv ver­fasst, des­halb be­zieht sich die kind­li­che Se­xu­al­for­schung auf die Funk­ti­on des An­de­ren als Wahr­heits­ga­ran­ten.

Der Analytiker als Anderer, der die Aufrichtigkeit des Diskurses der Neurose zu garantieren hat

Über das Ver­hält­nis zwi­schen dem Dis­kurs der Neu­ro­se und dem Dia­log der Ana­ly­se heißt es spä­ter in Se­mi­nar 4:

Nur, es gibt den or­ga­ni­sier­ten Dis­kurs (der Neu­ro­se), und es gibt et­was, was die Din­ge kom­pli­ziert macht, näm­lich die Art und Wei­se, wie sich ein Dia­log für die Lö­sung die­ses Dis­kur­ses ein­setzt. Das kann nicht an­ders ge­sche­hen als so, dass wir selbst ei­gent­lich un­se­ren Platz als den Ort an­bie­ten, an dem sich ein Teil der Ter­me die­ses Dis­kur­ses ver­wirk­li­chen muss, ei­nes Dis­kur­ses, der im Prin­zip, ein­zig auf­grund der Tat­sa­che, dass er ein Dis­kurs ist, vir­tu­ell und von An­fang an ir­gend­wo die­sen An­de­ren mit sich bringt, der ins­ge­samt der Platz ist, der Zeu­ge, der Ga­rant, der idea­le Ort sei­ner Auf­rich­tig­keit.“31

Der Grund­ge­dan­ke ist be­reits aus dem Rom-Vor­trag be­kannt. Was dort sin­cé­rité und dro­itu­re ge­nannt wur­de, Ernst­haf­tig­keit und Ge­rad­heit, heißt jetzt bon­ne foi. Die Neu­ro­se ist ein or­ga­ni­sier­ter Dis­kurs, und die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kur ist ein Dia­log, der die Auf­ga­be hat, in den Dis­kurs der Neu­ro­se ein­zu­grei­fen und ihn zu ver­än­dern. Grund­le­gend hier­für ist die Über­tra­gung. Sie be­steht dar­in, dass der Ana­ly­ti­ker für den Pa­ti­en­ten ei­nen Platz ein­nimmt, der im Dis­kurs der Neu­ro­se eine struk­tu­rie­ren­de Funk­ti­on hat, der also ein Term die­ses Dis­kur­ses ist: den Platz des­je­ni­gen, der die Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts an­er­kennt, sie ga­ran­tiert.

Die­ser Platz ist kei­ne Be­son­der­heit der Neu­ro­se, er ge­hört zu je­dem Dis­kurs. Wenn ich zu je­man­dem spre­che, be­an­spru­che ich in den meis­ten For­men des Spre­chens, auf­rich­tig zu sein, auch wenn ich lüge. Da­mit rufe ich ei­nen vir­tu­el­len An­de­ren an, der Zeu­ge mei­ner Auf­rich­tig­keit ist. Auf die­sen Platz set­ze ich für ge­wöhn­lich ein le­ben­di­ges In­di­vi­du­um, den rea­len Hö­rer; ich bin dar­auf an­ge­wie­sen, dass er mir glaubt.

Der Platz des Zeu­gen und Ga­ran­ten der Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts wird hier von La­can auf drei un­ter­schied­li­che Dis­kurs­for­men be­zo­gen: Er ist eine Funk­ti­on des ge­wöhn­li­chen Spre­chens; er ist eine Be­zugs­grö­ße der Neu­ro­se; der Ana­ly­ti­ker nimmt die­sen Platz ein.

Psychoanalyse und Psychoanalyse-Unterricht (1957)

Der Analytiker als Anderer, der den Wahrheitsbezug der Frage des Unbewussten ermöglicht

In dem Auf­satz Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­ana­ly­se-Un­ter­richt (1957) er­klärt La­can, dass die Neu­ro­se eine Form ist, die Seins­fra­ge zu stel­len, in Ge­stalt der Fra­ge „Was bin ich?“. Für den Hys­te­ri­ker ist dies die Fra­ge nach dem Ge­schlecht, für den Zwangs­neu­ro­ti­ker die nach der Exis­tenz; die Neu­ro­se ist eine Ant­wort auf die­se Fra­ge. Die Art und Wei­se, wie in der Neu­ro­se die Fra­ge be­ant­wor­tet wird, ist al­ler­dings eine Sack­gas­se. Wie ist es mög­lich, aus ihr her­aus­zu­kom­men? Nicht durch Ich­stär­kung, nicht durch die Be­zie­hung zum ima­gi­nä­ren an­de­ren.

Die Lö­sung ist aber auf ei­ner an­de­ren Sei­te zu su­chen, auf der Sei­te des An­de­ren, durch ein gro­ßes A aus­ge­zeich­net, mit wel­chem Na­men wir ei­nen Platz be­zeich­nen, der für die Struk­tur des Sym­bo­li­schen we­sent­lich ist. Die­ser An­de­re ist er­for­der­lich, um die Fra­ge des Un­be­wuss­ten im Wah­ren zu ver­or­ten, d.h. um ihr den Struk­tur­be­griff zu ge­ben, der aus der ge­sam­ten Ab­fol­ge der Neu­ro­se eine Fra­ge macht und nicht ei­nen Kö­der, ein Trug­bild: eine Un­ter­schei­dung, die in­so­fern et­was her­aus­hebt, als das Sub­jekt sei­ne Kö­der nur dazu ver­wen­det, um ‚die Fra­ge an­ders zu for­mu­lie­ren‘.“32

Die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem ima­gi­nä­ren an­de­ren und dem sym­bo­li­schen An­de­ren ist not­wen­dig, um die Neu­ro­se nicht auf eine Il­lu­si­on zu re­du­zie­ren. Die Neu­ro­se ist eine Fra­ge, die sich auf das Sein be­zieht und da­mit auf die Wahr­heit.

Der Wahr­heits­be­zug ist für das Spre­chen we­sent­lich, und der Wahr­heits­be­zug wird da­durch her­ge­stellt, dass die Funk­ti­on des An­de­ren (mit gro­ßem A) ins Spiel ge­bracht wird, ge­wis­ser­ma­ßen der un­par­tei­ische Be­ob­ach­ter im Sin­ne von Adam Smith.

Das gilt auch für das Un­be­wuss­te: es ist struk­tu­riert wie eine Spra­che, und das heißt, es be­zieht sich auf Wahr­heit und da­mit auf den An­de­ren – auf die An­er­ken­nung der Wahr­heit durch den An­de­ren.

Si­cher­lich hat man es in ei­ner Neu­ro­se mit Trug­bil­dern zu tun, mit „Kö­dern“, mit At­trap­pen; man muss je­doch se­hen, dass sie dazu die­nen, die Fra­ge nach dem Sein zu stel­len.

… „Die­ser An­de­re, das habe ich im­mer wie­der ge­sagt, ist nur der Ga­rant der Auf­rich­tig­keit (Bon­ne Foi), die not­wen­di­ger­wei­se evo­ziert wird, und sei es vom Be­trü­ger, so­bald es nicht mehr um die Ge­fech­te des Kampfs oder des Be­geh­rens geht, son­dern um den Pakt des Spre­chens.“33

Auf wel­che Wei­se stellt der An­de­re den Wahr­heits­be­zug des Spre­chens her? Da­durch, dass er der fik­ti­ve Adres­sat ist, der die Auf­rich­tig­keit des Spre­chens be­zeugt. La­can schreibt hier Bon­ne Foi mit gro­ßen An­fangs­buch­sta­ben, der An­de­re ga­ran­tiert die Auf­rich­tig­keit schlecht­hin. Im Spre­chen wird ein Pakt ge­schlos­sen, eine Ver­ein­ba­rung, ein Bünd­nis; das Bünd­nis be­steht dar­in, dass der Auf­rich­tig­keits­an­spruch, den das Sub­jekt im Spre­chen vor­bringt, vom An­de­ren an­er­kannt wird, be­zeugt wird, dass der An­de­re ge­wis­ser­ma­ßen eine Ga­ran­tie­er­klä­rung da­für ab­gibt, dass das Sub­jekt auf­rich­tig ist.

Den Be­zug zur Auf­rich­tig­keit und da­mit zum An­de­ren als Zeu­gen die­ser Auf­rich­tig­keit muss auch ein Be­trü­ger her­stel­len, so­bald näm­lich sein Be­trug im Me­di­um des Spre­chens rea­li­siert wird und nicht auf der ima­gi­nä­re Ebe­ne, sei es als Täu­schungs­ma­nö­ver im Kampf, sei es durch die se­xu­el­le Mas­ke­ra­de.

… „Nur vom Platz des An­de­ren aus kann der Ana­ly­ti­ker die In­ves­ti­tur der Über­tra­gung emp­fan­gen, die ihn dazu be­fä­higt, im Un­be­wuss­ten des Sub­jekts sei­ne le­gi­ti­me Rol­le zu spie­len und hier in In­ter­ven­tio­nen das Wort zu er­grei­fen, die ei­ner Dia­lek­tik ent­spre­chen, de­ren we­sent­li­che Be­son­der­heit durch das Pri­va­te de­fi­niert wird.

Je­der an­de­re Platz führt den Ana­ly­ti­ker zu­rück zu ei­ner dua­len Be­zie­hung, die kei­nen an­de­ren Aus­gang hat als die Dia­lek­tik der Ver­ken­nung, der Ver­nei­nung und der nar­ziss­ti­schen Ent­frem­dung, zu der Freud in sei­nen Schrif­ten an al­len Ecken und En­den ein­schärft, dass sie das Werk des Ichs ist.“34

Die Über­tra­gung be­steht dar­in, dass der Pa­ti­ent den Ana­ly­ti­ker zu dem­je­ni­gen macht, der be­zeu­gen kann, dass er, der Pa­ti­ent, auf­rich­tig ist, in­dem er das „wah­re Spre­chen“ ent­ge­gen­nimmt. Der Ana­ly­ti­ker muss die­se Funk­ti­on über­neh­men. Nur von ihr aus kann er wirk­sam in­ter­ve­nie­ren, und zwar des­halb, weil die Funk­ti­on des An­de­ren als Zeu­ge der Auf­rich­tig­keit für das Un­be­wuss­te des Sub­jekts kon­sti­tu­tiv ist.

Die Al­ter­na­ti­ve be­steht für den Ana­ly­ti­ker dar­in, sich dem an­geb­lich schwa­chen Ich des Pa­ti­en­ten als star­kes Ich an­zu­bie­ten. Dies för­dert die nar­ziss­ti­sche Ent­frem­dung, die Ver­ken­nung und de­ren sym­bo­li­sche Sta­bi­li­sie­rung in der Ver­nei­nung.

Das Drängen des Buchstaben (1957)

Der Andere als Ort der Konvention, der garantiert, dass das Sprechen auf Aufrichtigkeit bezogen wird

In Das Drän­gen des Buch­sta­ben im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957) heißt es:

Wenn ich ge­sagt habe, das Un­be­wuss­te sei der Dis­kurs des An­de­ren mit gro­ßem A, so woll­te ich da­mit auf das Jen­seits hin­wei­sen, in dem die An­er­ken­nung des Be­geh­rens sich mit dem Be­geh­ren nach An­er­ken­nung ver­kno­tet.

An­ders ge­sagt, die­ser an­de­re ist der An­de­re, den noch mei­ne Lüge an­ruft als Ga­ran­ten der Wahr­heit, in der sie Be­stand hat.

Wor­an man se­hen kann, dass die Di­men­si­on der Wahr­heit dann auf­taucht, wenn Spra­che er­scheint.“35

Die For­mel „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“ be­zieht sich auf den An­de­ren als Wahr­heits­ga­ran­ten. Vom Un­be­wuss­ten wird der An­de­re als Wahr­heits­ga­rant an­ge­ru­fen. Dies be­ruht auf der Struk­tur der Spra­che, denn mit ihr er­scheint die Di­men­si­on der Wahr­heit und da­mit der Be­zug zum An­de­ren als Wahr­heits­ga­ran­ten.

In die­ser Be­zie­hung zum An­de­ren be­steht das Be­geh­ren nach An­er­ken­nung des Be­geh­rens. Ich be­geh­re, dass mein Be­geh­ren an­er­kannt wird, das meint: Ich be­geh­re, dass der An­de­re mei­ne Auf­rich­tig­keit be­zeugt.

La­can schließt eine Be­mer­kung an, die sich auf das ima­gi­nä­re Ver­hält­nis zum an­de­ren be­zieht. Sein Bei­spiel ist ein mi­li­tä­ri­scher Kon­flikt, in dem der Geg­ner durch eine Fin­te über eine Trup­pen­be­we­gung ge­täuscht wer­den soll. Da­nach fährt er fort:

In den Vor­schlä­gen aber, durch die ich mit ihm (dem Geg­ner) in eine Frie­dens­ver­hand­lung ein­tre­te, ist das, was ihm dar­in vor­ge­schla­gen wird, an ei­nem drit­ten Ort an­ge­sie­delt, der we­der mein Spre­chen ist noch mein Ge­sprächs­part­ner.“36

Wenn ich in eine Frie­dens­ver­hand­lung ein­tre­te, sind nicht zwei In­stan­zen im Spiel, son­dern drei. Ich als Spre­cher, der Geg­ner als der Ge­sprächs­part­ner und eine vir­tu­el­le In­stanz, die da­durch ins Spiel kommt, dass das Ver­han­deln eine Form der Ge­sprächs­füh­rung ist, die be­stimm­ten Re­geln folgt. Wenn ich ein Ver­hand­lungs­an­ge­bot ma­che, so „gilt“ die­ses An­ge­bot; da­nach kann ich zu mei­nem Geg­ner nicht sa­gen, ers­tens hät­te ich den Vor­schlag nie ge­äu­ßert, zwei­tens sei er nicht ernst ge­meint ge­we­sen und drit­tens habe er den Vor­schlag ja be­reits an­ge­nom­men. Ich kann das be­haup­ten, aber da­mit ver­letz­te ich die Re­geln der Ver­hand­lungs­füh­rung. Ge­or­ge Her­bert Mead nennt die­se drit­te In­stanz den „ver­all­ge­mei­ner­ten An­de­ren“, La­can den An­de­ren.

Die­ser Ort ist nichts an­de­res als der Ort der Si­gni­fi­kan­ten­kon­ven­ti­on, wie ent­hüllt wird in der Ko­mik je­ner schmerz­li­chen Be­schwer­de ei­nes Ju­den an sei­ne Mit­bru­der: ‚War­um sagst du mir, dass du nach Kra­kau fährst, da­mit ich glau­be, dass du nach Lem­berg fährst, wenn du wirk­lich nach Kra­kau fährst?‘“37

Die Re­geln der Ge­sprächs­füh­rung, die den Wahr­heits­be­zug her­stel­len, ha­ben kei­nen uni­ver­sel­len Cha­rak­ter, es sind Kon­ven­tio­nen be­stimm­ter Grup­pen, im Ex­trem­fall be­schrän­ken sie sich auf zwei Ak­teu­re. Die Re­geln wer­den meist still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt und nur im Kon­flikt­fall ex­pli­ziert.

Der von Freud er­zähl­te Witz über die bei­den Ju­den im Zug be­zieht sich auf fol­gen­de Kon­ven­ti­on: „Wahr ist im­mer das Ge­gen­teil von dem, was der an­de­re be­haup­tet“.38 So stellt es sich zu­min­dest für den Be­schwer­de­füh­rer dar; er kri­ti­siert den an­de­ren für die Ver­let­zung die­ser im­pli­zi­ten Über­ein­kunft und pocht auf ihre Ein­hal­tung. Die Ge­schich­te wird als Witz er­zählt, d.h. die Ab­hän­gig­keit der Wahr­heit vom An­de­ren steht in ei­ner Be­zie­hung zum Un­be­wuss­ten.

La­can fährt fort:

… „Si­cher­lich, mei­ne Trup­pen­be­we­gung, von der ich eben sprach, kann im kon­ven­tio­nel­len Re­gis­ter der Spiel­stra­te­gie be­grif­fen wer­den, wo­nach ich mei­nen Geg­ner in Ab­hän­gig­keit von ei­ner Re­gel täu­sche; mein Er­folg wird dann je­doch mit der Kon­no­ta­ti­on des Ver­rats be­wer­tet, das heißt in der Be­zie­hung zum An­de­ren als Ga­ran­ten der Auf­rich­tig­keit (Bon­ne foi).“39

Die täu­schen­de Trup­pen­be­we­gung muss nicht un­be­dingt dem ima­gi­nä­ren Re­gis­ter zu­ge­ord­net wer­den. Sie kann auch auf das sym­bo­li­sche Re­gis­ter be­zo­gen wer­den, auf be­stimm­te Re­geln der Kriegs­füh­rung – selbst Krie­ge wer­den nach Re­geln ge­führt. Ich kann die­se Re­geln ver­let­zen, mei­nen Geg­ner auf die­se Wei­se täu­schen und da­durch viel­leicht ge­win­nen. Mein Sieg wird dann als Ver­rat an­ge­pran­gert wer­den. Mit die­ser Kri­tik wird der An­de­re an­ge­ru­fen wer­den als der­je­ni­ge, der die Auf­rich­tig­keit oder, in die­sem Fal­le, die Un­auf­rich­tig­keit des Sub­jekts be­kun­det.

Die Transformation des Subjekts durch den Zweifel des Anderen an seiner Aufrichtigkeit

An­schlie­ßend heißt es:

… „Die Pro­ble­me hier ge­hö­ren zu ei­ner Ord­nung, de­ren He­te­ro­no­mie schlicht ver­kannt wird, wenn sie auf ir­gend­ei­ne ‚Emp­fin­dung für den an­dern‘ re­du­ziert wer­den, wie auch im­mer man es be­zeich­net. Denn nach­dem die ‚Exis­tenz des an­de­ren‘ un­längst bis zu den Oh­ren des psy­cho­ana­ly­ti­schen Mi­das vor­ge­drun­gen ist, durch die Schei­de­wand hin­durch, die ihn vom Ge­tu­schel der Phä­no­me­no­lo­gen trennt, rauscht be­kannt­lich fol­gen­de Nach­richt durch das Schilf: ‚Mi­das, Kö­nig Mi­das, ist der an­de­re sei­nes Pa­ti­en­ten. Er selbst hat es ge­sagt.‘ Wel­che Tür hat er hier tat­säch­lich auf­ge­bro­chen? Der an­de­re, wel­cher an­de­re? Als der jun­ge An­dré Gide sei­ne Zim­mer­wir­tin, der er von sei­ner Mut­ter an­ver­traut wor­den war, dazu her­aus­for­dern will, ihn als ein ver­ant­wor­tungs­be­wuss­tes We­sen zu be­han­deln und of­fen vor ih­ren Au­gen mit ei­nem Schlüs­sel, der nur in­so­fern falsch ist, als er alle Schlös­ser die­ser Art öff­net, das eine Schloss auf­sperrt, das sie selbst für den wür­di­gen Si­gni­fi­kan­ten ih­rer er­zie­he­ri­schen Ab­sich­ten hält – wel­che an­de­re hat er da im Blick? Die, die dann ein­greift und zu der das Kind la­chend sagt: ‚Was küm­mern Sie sich um ein lä­cher­li­ches Schloss, um mei­nen Ge­hor­sam zu si­chern?‘? Aber ein­zig des­halb, weil sie sich ver­steckt hielt und den Abend ab­ge­war­tet hat­te, um, nach ei­nem an­ge­mes­sen ver­knif­fe­nen Emp­fang, dem Ben­gel eine Stand­pau­ke zu hal­ten, ist nicht nur die­je­ni­ge eine an­de­re, de­ren Ge­sicht sie ihm vol­ler Zorn zu­wen­det, es ist ein an­de­rer An­dré Gide, der sich von da an und noch in der Ge­gen­wart, als er dar­auf zu­rück­kommt, nicht mehr si­cher ist, was er hat­te tun wol­len: der bis in sei­ne Wahr­heit hin­ein ver­än­dert ist durch den Zwei­fel, der an sei­ner Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi) vor­ge­bracht wor­den war.“40

Die hier ver­han­del­ten Pro­ble­me ge­hö­ren zur Ord­nung der Spra­che, des Sym­bo­li­schen, nicht zu der der Ge­füh­le oder Emp­fin­dun­gen, es geht nicht um mo­ral sen­ti­ments, wie Adam Smith sich aus­drückt. Die Fra­ge nach der Be­zie­hung zum An­de­ren war von Husserl 1929 in den Car­te­sia­ni­schen Me­di­ta­tio­nen auf­ge­wor­fen wor­den und seit­her be­schäf­tigt sie die phä­no­me­no­lo­gi­sche Phi­lo­so­phie, etwa die von Sart­re. Das ist bis zu den Psy­cho­ana­ly­ti­kern vor­ge­drun­gen, und un­ter ih­nen heißt es seit neu­es­tem, der Ana­ly­ti­ker sei der an­de­re sei­nes Pa­ti­en­ten. Hier muss man die Fra­ge stel­len: wel­cher An­de­re, der An­de­re in wel­cher Funk­ti­on? Der ima­gi­nä­re an­de­re oder der sym­bo­li­sche An­de­re?41

In sei­ner Au­to­bio­gra­phie Stirb und wer­de (1926) er­zählt An­dré Gide eine Epi­so­de aus sei­ner Kind­heit, die sei­nes Zu­sam­men­sto­ßes mit Ma­dame Ber­nard. Er hat­te sich ih­ren päd­ago­gi­schen mo­ti­vier­ten Ver­bo­ten wi­der­setzt, in­dem er sich ei­nen Nach­schlüs­sel be­sorg­te und mit des­sen Hil­fe den Hüh­ner­hof be­trat. Dar­auf­hin ver­wan­del­te sich die von ihm ver­ehr­te und sonst so sanf­te Dame; sie be­zich­tigt ihn des Be­trugs und über­schüt­tet ihn mit Be­schimp­fun­gen, ohne ihn zu Wort kom­men zu las­sen. Wäh­rend er ihr ge­zwun­ge­ner­ma­ßen zu­hört, wird ihm un­klar, was er mit sei­ner Hand­lung ei­gent­lich ge­wollt hat­te; au­ßer­dem be­ginnt er Ma­dame Ber­nard zu ver­ach­ten – er wird ein an­de­rer im Ver­hält­nis zu sich selbst und zu sei­ner An­de­ren. Durch ih­ren Zwei­fel an sei­ner Glaub­wür­dig­keit ist er „bis in sei­ne Wahr­heit hin­ein ver­än­dert“, in sei­ner Ant­wort auf die Fra­ge „Was bin ich? Was habe ich da be­gehrt?“.

Die Bildungen des Unbewussten (1957/58)

Die Abhängigkeit der Aufrichtigkeit des Subjekts von der Beurteilung durch den Anderen und von dessen Aufrichtigkeit

In Se­mi­nar 5 von 1957/58, Die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten, er­zählt La­can den Witz über die Rei­se nach Kra­kau noch ein­mal. Nach ei­ner Be­mer­kung über die wech­sel­sei­ti­ge Fas­zi­na­ti­on in der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung heißt es:

Es ver­hält sich da­mit ganz an­ders, so­bald wir in das Pro­blem die Wi­der­stän­de, in wel­cher Form auch im­mer, ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ein­füh­ren. Die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te als sol­che führt hier­in eine we­sent­li­che He­te­ro­ge­ni­tät ein. Ver­ste­hen sie He­te­ro­ge­ni­tät mit dem Ak­zent auf dem he­te­ros, was im Grie­chi­schen in­spi­riert be­deu­tet, und des­sen ei­ge­ne Be­deu­tung im La­tei­ni­schen die des Rests ist, des Re­si­du­ums. Es gibt ei­nen Rest, so­bald wir den Si­gni­fi­kan­ten ins Spiel ein­tre­ten las­sen, so­bald sich zwei ver­mit­tels ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te an­ein­an­der wen­den und auf­ein­an­der be­zie­hen. Es ent­steht eine Sub­jek­ti­vi­tät an­de­rer Ord­nung, die sich auf den Ort der Wahr­heit als sol­chen be­zieht, und die mein Ver­hal­ten nicht mehr kö­dernd, son­dern pro­vo­zie­rend macht, mit die­sem A, der hier ent­hal­ten ist, d.h. die­sem A; die sich selbst für die Lüge auf die Wahr­heit be­ru­fen muss und die aus der Wahr­heit selbst et­was ma­chen kann, was nicht zum Re­gis­ter der Wahr­heit zu ge­hö­ren scheint. Er­in­nern Sie sich an die­ses Bei­spiel – War­um sagst du, du fahrst nach Kra­kau, wenn du wirk­lich fahrst nach Kra­kau? Dies kann aus der Wahr­heit selbst das Be­dürf­nis nach Lüge ma­chen. Die dar­über hin­aus die Be­ur­tei­lung mei­ner Auf­rich­tig­keit (bon­ne foi) ab­hän­gig macht, in dem Mo­ment, in dem ich die Kar­ten of­fen­le­ge, das heißt, die mich von der Ein­schät­zung des An­de­ren völ­lig ab­hän­gig macht, in­so­fern er denkt, mein Spiel auf­zu­de­cken, wäh­rend ich eben da­bei bin, es ihm zu zei­gen, und die die Un­ter­schei­dung zwi­schen An­ge­be­rei und Be­trug der Gna­de der Un­auf­rich­tig­keit des An­de­ren un­ter­wirft.“42

Wenn zwei Sub­jek­te sich in der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on zu­ein­an­der ver­hal­ten, be­zie­hen sie sich auf­ein­an­der als Ähn­li­che; ihr Ver­hal­ten ist ein Ver­füh­rungs­ver­such, der ei­ge­ne Kör­per wird dem Blick des an­de­ren als Kö­der dar­ge­bo­ten. Wenn zwei Sub­jek­te sich durch Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten auf­ein­an­der be­zie­hen, durch das Spre­chen, wird hier­durch zwi­schen ih­nen eine He­te­ro­ge­ni­tät ein­ge­führt, et­was Frem­des, ein von der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung nicht as­si­mi­lier­ba­rer Rest, eben der Si­gni­fi­kant.43

Durch das Spre­chen ent­steht eine Sub­jek­ti­vi­tät ei­ge­ner Art. Sie zeich­net sich da­durch aus, dass sie sich auf Wahr­heit be­zieht, selbst noch für die Lüge. Der Wahr­heits­be­zug wird da­durch her­ge­stellt, dass das Spre­chen sich auf den An­de­ren als Ort der Wahr­heit be­zieht, ab­ge­kürzt mit gro­ßem A.

Der An­de­re als Ort der Wahr­heit ist zu­nächst eine in je­dem Spre­chen an­ge­ru­fe­ne vir­tu­el­le In­stanz: „Es ist wahr“ meint: der An­de­re – ein neu­tra­ler Be­ob­ach­ter – könn­te es be­zeu­gen. Die­se Funk­ti­on des An­de­ren wird nun aber von mei­nem kon­kre­ten Ge­sprächs­part­ner be­setzt, und er rea­li­siert sie da­durch, dass er mir glaubt oder nicht glaubt. Da­mit ge­ra­te ich als Spre­cher in sei­ne Ab­hän­gig­keit. Die Ab­hän­gig­keit be­zieht sich hier nicht dar­auf, ob der An­de­re mei­nen An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung er­füllt oder mei­nen Lie­bes­an­spruch. Mein An­spruch ist jetzt „glaub mir“ (oder „trust me“, wie in den US-Fil­men be­stän­dig ge­for­dert wird); die Ab­hän­gig­keit be­steht dar­in, dass die Wahr­heit mei­nes Spre­chens da­von ab­hän­gig ist, dass der An­de­re mir glaubt. Ich sage „Ich fah­re nach Kra­kau“, und der An­de­re, der weiß, dass dies wahr ist, macht dar­aus eine Lüge.

Wenn ein kon­kre­ter An­de­rer für mich zum Ort der Wahr­heit wird, bin ich nicht nur da­von ab­hän­gig, ob er mir glaubt oder nicht glaubt. Ich wer­de auch von sei­ner Auf­rich­tig­keit ab­hän­gig.

Der An­de­re ent­schei­det auch dar­über, ob ich nur (wie ich es viel­leicht sehe) ein biss­chen an­ge­ge­ben habe oder ob ich ihn be­tro­gen habe. Und die­se Ent­schei­dung kann in gu­tem Glau­ben er­fol­gen oder bös­gläu­big, auf­rich­tig oder un­auf­rich­tig.

Zusammenfassung

Auf­rich­tig­keit als As­pekt des Spre­chens

In den meis­ten For­men des Spre­chens be­an­sprucht der Spre­cher Auf­rich­tig­keit – auch und ge­ra­de dann, wenn er lügt. Da­mit wird ein vir­tu­el­ler An­de­rer an­ge­ru­fen, der be­zeu­gen kann, dass das Sub­jekt tat­säch­lich auf­rich­tig ist.

Der Auf­rich­tig­keits­an­spruch des Sub­jekts be­zieht sich nicht nur auf ei­nen vir­tu­el­len An­de­ren. Der Platz des An­de­ren, der die Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts be­zeugt, wird von kon­kre­ten In­di­vi­du­en be­setzt. Die Auf­rich­tig­keit ist kein in das ein­zel­ne In­di­vi­du­um ein­ge­schlos­se­nes Merk­mal, sie exis­tiert nur in­so­fern, als sie vom An­de­ren an­er­kannt wird.44 Der An­de­re be­zeugt die Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts, hier­durch wird zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren ein Pakt ge­schlos­sen.

Das Sub­jekt ge­rät da­mit in die Ab­hän­gig­keit des kon­kre­ten An­de­ren, der die Funk­ti­on des wahr­heits­be­zeu­gen­den An­de­ren rea­li­siert. Bei­spiels­wei­se ent­schei­det der An­de­re dar­über, ob eine Äu­ße­rung des Sub­jekts nur An­ge­be­rei war oder ein Be­trugs­ver­such.45

Das Sub­jekt wird nicht nur von der Zu­stim­mung, son­dern auch von der Auf­rich­tig­keit des An­de­ren ab­hän­gig.46 Ein Red­ner ist auf die Auf­rich­tig­keit, auf die Gut­wil­lig­keit sei­ner Zu­hö­rer an­ge­wie­sen.47

Im Rah­men des Pakts zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren ist Täu­schung durch­aus mög­lich. Aber an­ders als bei ei­ner Täu­schung in der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on, etwa durch die se­xu­el­le Mas­ke­ra­de, wird die Täu­schung im sym­bo­li­schen Re­gis­ter als Ver­rat be­wer­tet. Mit die­ser Kri­tik wird die In­stanz des vir­tu­el­len An­de­ren ins Spiel ge­bracht, des­je­ni­gen, der die Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts be­ja­hen oder ver­nei­nen wür­de.48

Am stärks­ten aus­ge­prägt ist die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung in der­je­ni­gen Form des Spre­chens, die La­can als „wah­res“ oder „vol­les Spre­chen“ be­zeich­net. Ich sage zur An­de­ren „Du bist mei­ne Frau“, und die Wahr­heit die­ser Äu­ße­rung wird da­durch her­ge­stellt, dass die An­de­re sie an­er­kennt. Sie voll­zieht die­se An­er­ken­nung da­durch, dass sie ant­wor­tet „Du bist mein Mann“. Auf die­se Wei­se be­kom­me ich mei­ne ei­ge­ne Bot­schaft („Ich bin dein Mann“) von der An­de­ren in um­ge­kehr­ter Form.49

In ei­ner Dis­kus­si­on kann Auf­rich­tig­keit durch das ar­gu­men­tum ad ho­mi­nem her­bei­ge­führt wer­den, also durch den per­sön­li­chen An­griff auf den Dis­kus­si­ons­geg­ner. Dies soll den an­de­ren dazu zu ver­füh­ren, sich in sei­ner Au­then­ti­zi­tät zu zei­gen – bei­spiels­wei­se sich auf­zu­re­gen –, da­bei aber das Spre­chen auf­recht­zu­er­hal­ten. Das ar­gu­men­tum ad ho­mi­nem zielt auf An­er­ken­nung des Be­geh­rens.50

Vom wah­ren oder vol­len Spre­chen ist der Über­zeu­gungs­dis­kurs zu un­ter­schei­den, das­je­ni­ge Spre­chen, das dar­auf ab­zielt, den An­de­ren zu über­zeu­gen, um mit ihm zu ei­ner Über­ein­kunft zu ge­lan­gen. Der Über­zeu­gungs­dis­kurs ist der Dis­kurs der Un­auf­rich­tig­keit, der List, der Stra­te­gie. Die Un­auf­rich­tig­keit hat hier die Form der Täu­schung, der Mehr­deu­tig­keit und des Irr­tums.51

Auf­rich­tig­keit in in­di­vi­du­al­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve

Die pa­ra­dig­ma­ti­sche Sze­ne, in der sich dem Kind die Fra­ge nach der Auf­rich­tig­keit des An­de­ren stellt, ist der Ver­such des Kin­des, ein El­tern­teil se­xu­ell zu ver­füh­ren. Das Kind ma­ni­fes­tiert sein Be­geh­ren, der An­de­re re­agiert hier­auf ab­leh­nend oder gleich­gül­tig und das Sub­jekt fragt sich, ob er auf­rich­tig ist.52 Da­mit er­öff­net sich für das Kind die Kluft zwi­schen dem, was der An­de­re sagt und dem, was er denkt, und dies er­mög­licht ihm ei­nen Zu­gang zum An­de­ren als ei­nem be­geh­ren­den An­de­ren.

Das Kind macht auch die um­ge­kehr­te Er­fah­rung, näm­lich dass sei­ne Auf­rich­tig­keit vom An­de­ren be­ur­teilt wird. Zwei­fel des An­de­ren an der Glaub­wür­dig­keit des Sub­jekts kön­nen dazu füh­ren, dass sich das Be­geh­ren des Sub­jekts ver­än­dert.53

Auf­rich­tig­keit in der Psy­cho­ana­ly­se

Das Un­be­wuss­te be­zieht sich auf Wahr­heit und da­mit auf die An­er­ken­nung der Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts durch den An­de­ren.54 „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“, die­ses Dik­tum meint auch: vom Un­be­wuss­ten wird der An­de­re als Wahr­heits­ga­rant an­ge­ru­fen.55

In ei­ner Psy­cho­ana­ly­se muss der Ana­ly­ti­ker den Platz des An­de­ren ein­neh­men. Er hat die Auf­ga­be, das Spre­chen des Pa­ti­en­ten zu re­gis­trie­ren, ein­zu­sam­meln, ge­nau­er ge­sagt: das „vol­le“ oder „wah­re“ Spre­chen. Hier­durch ga­ran­tiert er die Auf­rich­tig­keit des Dis­kur­ses der Neu­ro­se, ih­ren Be­zug auf Wahr­heit.56

Die eta­blier­te psy­cho­ana­ly­ti­sche Pra­xis ist un­auf­rich­tig.57 Da­mit ist ver­mut­lich ge­meint: Der Ana­ly­ti­ker stellt sich hier nicht die Auf­ga­be, das „wah­re Spre­chen“ des Pa­ti­en­ten ein­zu­sam­meln und so die Auf­rich­tig­keit des Sub­jekts zu be­zeu­gen. Viel­mehr bie­tet er sich dem Pa­ti­en­ten als star­kes Ich an und ver­sucht er, ihn von et­was zu über­zeu­gen.

Was wird in Se­mi­nar 6 aus der Fra­ge der Auf­rich­tig­keit? Das Kon­zept „Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren“, S(Ⱥ). Der Man­gel im An­de­ren be­steht dar­in, dass es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten gibt, der sei­ne Auf­rich­tig­keit ga­ran­tie­ren könn­te.

Kommentare

Eine al­ter­na­ti­ve Deu­tung von Fe­lix Tax fin­det man hier.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 468, mei­ne Über­set­zung; von Auf­rich­tig­keit bzw. Un­auf­rich­tig­keit spricht La­can in die­sem Se­mi­nar au­ßer­dem auf den Sei­ten 445, 475 und 541.
  2. Vgl. Das Sein und das Nichts, Teil 1, Ka­pi­tel 2, Die Un­auf­rich­tig­keit, und Teil 4, Ka­pi­tel 2, II. Die exis­ten­ti­el­le Psy­cho­ana­ly­se.
  3. Schrif­ten I, S. 158 f., Über­set­zung ge­än­dert. Vor­trag von 1953, der 1956 ver­öf­fent­licht wur­de.
  4. Vgl. M. Hei­deg­ger: Die Spra­che im Ge­dicht. Eine Er­ör­te­rung von Ge­org Tra­kls Ge­dicht (1953). In: Ders.: Un­ter­wegs zur Spra­che. Nes­ke, Stutt­gart 1959, S. 35–82, hier: S. 37.– Im Auf­satz Lo­gos (1951) deu­tet Hei­deg­ger das Wort „sa­gen“ (grie­chisch le­gein) als Ver­sam­meln, Zu­sam­men­brin­gen, zu­sam­men-ins-Vor­lie­gen-brin­gen (M. Hei­deg­ger: Vor­trä­ge und Auf­sät­ze. Nes­ke, Pful­lin­gen 1954, S. 199–221); La­cans Über­set­zung die­ses Auf­sat­zes er­schien 1956 in der Zeit­schrift La psy­chana­ly­se.
  5. J. La­can: Das Freud’sche Ding oder Der Sinn ei­ner Rück­kehr zu Freud. Tu­ria und Kant, Wien 2005, S. 62–66.
  6. Mau­rice Le­en­hardt: Do Kamo. Die Per­son und der My­thos in der me­l­a­ne­si­schen Welt (1947). Ull­stein, Frank­furt am Main 1984; „do Kamo“ ist Me­l­a­ne­sisch und be­deu­tet, Le­en­hardt zu­fol­ge, „das wah­re Mensch­li­che“, a.a.O., S. 58.
  7. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 285.
  8. Vgl. Me­di­ta­tio­nen über die ers­te Phi­lo­so­phie, Drit­te Me­dia­ti­on.
  9. Münd­li­che Be­mer­kung von Ein­stein aus dem Jahr 1921; über die Um­stän­de in­for­miert: Abra­ham Pais: Subt­le is the Lord. The Sci­ence and the Life of Al­bert Ein­stein. Ox­ford Uni­ver­si­ty Press, Ox­ford u.a. 1982, S. 113.
  10. Écrits, S. 330, Vor­trag von 1955, der im sel­ben Jahr ver­öf­fent­licht wur­de, hier und im Fol­gen­den mei­ne Über­set­zung.
  11. Écrits, S. 351.
  12. J. La­can: Dis­cours de Rome. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 155. Der Dis­cours de Rome ist die über­ar­bei­te­te Fas­sung ei­nes 1953 ge­hal­te­nen Vor­trags (ca. 30 Druck­sei­ten), Funk­ti­on und Feld der Spra­che und des Spre­chens in der Psy­cho­ana­ly­se ist die aus­führ­li­che schrift­li­che Ver­si­on (ca. 90 Druck­sei­ten); bei­de Tex­te er­schie­nen 1956. Die in der Se­kun­där­li­te­ra­tur üb­li­che Be­zeich­nung von Funk­ti­on und Feld usw. als „Rom-Vor­trag“ ist ir­re­füh­rend.
  13. Vgl. die Schluss­be­mer­kun­gen über die Gabe des Spre­chens in: J. La­can: Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 169.
  14. A.a.O., S. 351.
  15. A.a.O., S. 351.
  16. A.a.O., S. 352.
  17. A.a.O., S. 352.
  18. A.a.O., S. 352.
  19. A.a.O., S. 352.
  20. A.a.O., S. 352.
  21. A.a.O., S. 352.
  22. Vgl. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 71.
  23. La­can spielt hier auf die Se­mi­nar­sit­zung über die Ver­nei­nung an (Se­mi­nar 1, 10. Fe­bru­ar 1954), viel­leicht auch auf sei­ne bei­den Auf­sät­ze über die Ver­nei­nung, die 1956 ver­öf­fent­licht wur­den.
  24. Au bon en­ten­deur, sa­lut! ist eine häu­fig ge­brauch­te Flos­kel; die Be­deu­tung ist un­ge­fähr: „Wer auf­merk­sam zu­ge­hört hat, wird die rich­ti­ge Schluss­fol­ge­rung zie­hen.“ Por­ter le sa­lut meint „das Heil brin­gen“, mit re­li­giö­ser Kon­no­ta­ti­on.
  25. Das Freud’sche Ding, a.a. O., S. 61, Über­set­zung ge­än­dert. Vor­trag von 1955, der 1956 ver­öf­fent­licht wur­de.
  26. A.a.O., S. 61 f., Über­set­zung ge­än­dert.
  27. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 237 f., Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la; Gon­dek über­setzt falsch mit „Arg­lo­sig­keit“.
  28. Vgl. das Dia­gramm in Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 246.
  29. Das Sein und das Nichts, a.a.O., S. 134.
  30. S. Freud: Die in­fan­ti­le Ge­ni­tal­or­ga­ni­sa­ti­on (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 239.
  31. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 464, Über­set­zung ge­än­dert nach der Sta­fer­la-Ver­si­on.
  32. Écrits, S. 454, mei­ne Über­set­zung.
  33. A.a.O., S. 454.
  34. A.a.O., S. 454.
  35. Schrif­ten II, S. 51, Über­set­zung ge­än­dert.
  36. A.a.O., S. 51, Über­set­zung ge­än­dert.
  37. A.a.O., S. 51 f., Über­set­zung ge­än­dert.
  38. Freud er­zählt den Witz so: „Zwei Ju­den tref­fen sich im Ei­sen­bahn­wa­gen ei­ner ga­li­zi­schen Sta­ti­on. ‚Wo­hin fahrst du?‘ fragt der eine. ‚Nach Kra­kau‘, ist die Ant­wort. ‚Siehʼ her, was für ein Lüg­ner du bist‘, braust der an­de­re auf. ‚Wenn du sagst, du fahrst nach Kra­kau, willst du doch, dass ich glau­ben soll, du fahrst nach Lem­berg. Nun weiß ich aber, dass du wirk­lich fahrst nach Kra­kau. Also war­um lügst du?‘“ S. Freud: Der Witz und sei­ne Be­zie­hung zum Un­be­wuß­ten (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 4. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 109.
  39. A.a.O., S. 52, Über­set­zung ge­än­dert; Haas über­setzt hier und im fol­gen­den bon­ne foi mit „gu­ter Glau­be“.
  40. Schrif­ten II, S. 52, Über­set­zung ge­än­dert.
  41. In Ovids Ver­si­on der Mi­das-Ge­schich­te flüs­tern nicht, wie sonst, die Bin­sen, son­dern die Zwei­ge ei­nes Ge­büschs: Bei ei­nem mu­si­ka­li­schen Wett­streit zwi­schen Pan und Apoll hat­te Mi­das Pans Flö­ten­spiel ge­lobt und Apolls Spiel auf der Lei­er kri­ti­siert. Apoll ließ ihm da­für Esels­oh­ren wach­sen. Mi­das ver­steck­te sie un­ter ei­ner Müt­ze, sein Fri­seur ent­deck­te sie je­doch. Der Fri­seur wag­te nicht, das Ge­heim­nis zu ver­ra­ten, konn­te es aber auch nicht für sich be­hal­ten. Also grub er ein Loch in den Bo­den, flüs­ter­te hin­ein: „Kö­nig Mi­das hat Esels­oh­ren“, und schüt­te­te er es wie­der zu. An die­ser Stel­le wuchs ein Ge­büsch, und wenn der Wind weh­te, flüs­ter­te es ge­nau die­se Wor­te. (Me­ta­mor­pho­sen XI, 85–145)
    War­um die An­spie­lung auf Kö­nig Mi­das? Weil dem Ana­ly­ti­ker als pro­fes­sio­nel­lem Zu­hö­rer ge­wis­ser­ma­ßen Esels­oh­ren wach­sen Weil der Dis­kurs des Un­be­wuss­ten wie der des Bar­biers nicht ge­sagt wer­den darf, sich aber al­len Zen­sur­ver­su­chen wi­der­setzt?
  42. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 123 f., Über­set­zung ge­än­dert nach der Sta­fer­la-Ver­si­on.
  43. Die Über­set­zung von he­te­ros mit „in­spi­riert“ ist falsch; die Be­deu­tung von in­spi­ra­re ist nicht „Rest“, son­dern „ein­hau­chen“. Ver­mut­lich ist „in­spi­ré“ ein Hör­feh­ler.
  44. Vgl. Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­ana­ly­se-Un­ter­richt, Écrits, S. 454.
  45. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 123 f.
  46. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 123 f.
  47. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 61 f.
  48. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­ben, Schrif­ten II, S. 52.
  49. Vgl. Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs, Écrits, S. 352.
  50. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 61.
  51. Vgl. Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs, Écrits, S. 352.
  52. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 237.
  53. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­ben, Schrif­ten II, S. 52.
  54. Vgl. Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­ana­ly­se-Un­ter­richt, Écrits, S. 454.
  55. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­ben, Schrif­ten II, S. 51.
  56. Vgl. Funk­ti­on und Feld der Spra­che und des Spre­chens, Schrif­ten II, S. 159; Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­ana­ly­se-Un­ter­richt, Écrits, S. 454; Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 464.
  57. Vgl. Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs, Écrits, S. 330.

Kommentare

Aufrichtigkeit/Unaufrichtigkeit — 4 Kommentare

  1. lie­ber herr nemitz, auf der su­che nach tex­ten von Ih­nen bin ich auf die­sen blog ge­sto­ßen und sehr be­geis­tert! am liebs­ten wür­de ich mich jetzt stun­den­lang in die lek­tü­re der tex­te ver­tie­fen … vie­le grü­ße und – dan­ke! ihre ehe­ma­li­ge kol­le­gin aus mar­burg su­san­ne mau­rer

  2. Hal­lo Herr Nemitz,
    wie Sie auch bin ich ein La­can-be­geis­te­ter. Ihr an­re­gen­der Blog ist mir eine will­kom­me­ne Hil­fe­stel­lung, um dem kryp­tisch an­mu­ten­de Theo­rie­ge­rüst La­cans nä­her zu kom­men. Ich möch­te je­doch be­to­nen, dass ich kein aus­üben­der Ana­ly­ti­ker bin, viel­mehr ein in­ter­es­sier­ter Laie. Den­noch möch­te ich mich dazu au­to­ri­sie­ren, eine klei­ne Be­mer­kung zu ei­ner Ih­rer In­ter­pre­ta­ti­on zu ma­chen, wel­che ich für kor­rek­tur­be­dürf­tig hal­te. Es han­delt sich um Ihre Deu­tung in dem Es­say zur Auf­rich­tig­keit zu fol­gen­dem Text­aus­schnitt: J. La­can: Dis­cours de Rome. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 155.
    Ihre Deu­tung des Schlus­ses, zu der Sie be­to­nen, dass es sich mehr um eine Ver­mu­tung han­delt, ist mir plau­si­bel, je­doch an ei­nem, wie ich fin­de, ent­schei­den­den Punkt ge­nau um­ge­kehrt. Um dies zu er­klä­ren möch­te ich eine Ver­an­schau­li­chung an­füh­ren, die mir dazu in den Sinn kam; Dem Schü­ler wird vom Leh­rer eine Ab­lei­tungs­re­gel bei­ge­bracht, um die Stei­ge­rungs­wer­te ei­ner Funk­ti­on zu er­mit­teln. Die­se wen­det der Schü­ler -nach ein we­nig Übung durch­aus er­folg­reich- selbst­ver­ständ­lich auch an (=Rou­ti­ne). Wie und War­um die­se Re­gel funk­tio­niert bleibt ihm je­doch schlei­er­haft (=Ge­heim­nis­se). Statt­des­sen spricht er die­ses Ge­heim­wis­sen dar­über dem Leh­rer zu. Nun könn­te der Schü­ler aber auch bit­ten, dass Ge­heim­nis ent­lüf­tet zu be­kom­men gar Re­chen­schaft (in der Ma­the­ma­tik wohl in Form ei­nes Be­wei­ses) ver­lan­gen. Der Schü­ler wälzt die­se Mög­lich­keit aber von sich ab, ver­här­tend bzw. er­leich­ternd, in­dem bzw. da­durch dass, er nur dem Leh­rer das Ta­lent dazu zuspricht.(Den Be­griff des Ta­len­tes fin­de ich sehr pas­send, da er sehr stark ist. Die Be­grif­fe „Fä­hig­keit“ oder „An­eig­nung“ wä­ren zu schwach, da sie im­pli­zie­ren, dass ich mir die­se Fä­hig­keit auch an­eig­nen kann. Je­der kennt da­ge­gen die Bin­sen­weis­heit, dass Ta­lent nicht er­lern­bar sei, also man hat es oder eben nicht.) Sie mer­ken wo­mög­lich schon, wor­auf ich mit mei­ner „Um­keh­rung“ hin­aus will; Nicht (nur) die Lehr­ana­ly­ti­ker (=Leh­rer) im­mu­ni­sie­ren sich ge­gen eine Kri­tik an ih­rer Tä­tig­keit durch Be­ru­fung auf das Ta­lent, son­dern der „rea­le Mensch“ (=Schü­ler) selbst. So spricht La­can ja auch da­von, dass der „rea­le Mensch“ die Ta­len­te un­ter­bringt ( wie ich an­neh­me, den Lehr­ana­ly­ti­kern zu­spricht). Auch kann ich mir so bes­ser erklären,weshalb La­can von ei­nem rea­len Men­schen spricht, was ja tri­vi­al zu sein scheint (wie soll­te ein MEnsch nicht real sein). Viel­leicht um dar­auf an­zu­spie­len, dass es die Be­sit­zer der Ge­heim­nis­se (=Lehr­ana­ly­ti­ker) gar nicht ge­ben muss. Dar­auf spielt, glau­be ich, La­can auch mit sei­ner ab­schlie­ßen­den Poin­te an. („selbst wenn es auf der Welt kei­ne mehr da­von gäbe, die sie (Die Lehr­ana­ly­ti­ker) sich selbst zu ent­de­cken vor­be­hal­ten“). Ana­log dazu mein Schul­bei­spiel; frag­te der SChü­ler nur ein­mal, wür­de er er­ken­nen, dass es der Leh­rer selbst nicht weiß bzw. wenn er ein Be­weis lie­fern könn­te, nicht mehr län­ger Hü­ter ei­nes Ge­heim­nis­ses wäre.
    Wenn Ih­nen die­ser As­pekt so durch­aus be­wusst war, möch­te ich le­dig­lich be­mer­ken, dass die ihre Aus­füh­rung miss­ver­ständ­lich sein kann. Falls sie mei­ne kri­ti­sche Be­mer­kung für un­schlüs­sig oder tri­vi­al hal­ten, wür­de ich mich freu­en eine Be­grün­dung hier­für zu be­kom­men.

    Mit Dank für Ihre Auf­merk­sam­keit ver­blei­be ich mit Bes­ten Grü­ßen, Fe­lix Tax

    • Lie­ber Herr Tax,
      dan­ke für Ih­ren raf­fi­nier­ten Lö­sungs­vor­schlag. Nein, auf die­se Mög­lich­keit war ich nicht ge­kom­men. Sie ge­fällt mir.
      Es grüßt Sie
      Rolf Nemitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.