Was ist ein Vater?

Erik Porge über die Funktion „Name-des-Vaters“

Biratan, Family Album - zu: VaterZeichnung: Biratan, von hier, siehe auch hier

Im Érès-Verlag, Toulouse, ist Anfang des Jahres eine neu Ausgabe des Buchs von Erik Porge über die Namen des Vaters erschienen. Die Neuauflage enthält ein neues Vorwort.

Die Namen der Beziehung zum Vater

In diesem Vorwort erläutert der Autor, dass Lacan den Vater immer als eine Bezugsgröße bestimmt hat, als referentiellen Terminus. Er zitiert Lacan:

„In der analytischen Erfahrung ist der Vater immer nur referentiell. Wir deuten diese oder jene Beziehung zum Vater, aber analysieren wir jemals jemanden als Vater? Man zeige mir eine Fallstudie! Der Vater ist ein Terminus der psychoanalytischen Deutung. Auf ihn bezieht sich etwas.“1

Porge fährt fort:

„Die Termini des Symbolischen, des Imaginären und des Realen bezeichnen deshalb nicht nur die Arten von Beziehungen, die zum Vater hergestellt werden können, sondern auch Namen des Vaters.2 Wenn der Vater nur eine Bezugsgröße ist, sind die Namen, mit denen er bezeichnet wird, die Namen der Beziehung zum Vater.

Lacan fügt hinzu: ‚Freud zögert nicht, zu artikulieren, dass dies der Name ist, der seinem Wesen nach den Glauben impliziert.‘3 Der Vater ist ein Name, dessen Referent nicht durch eine Erfahrungswahrheit garantiert wird, er wird vielmehr garantiert durch den Glauben an die Benennung mit diesem Namen. Pater semper incertus est4 ist die grundlegende Wahrheit, von Freud und Lacan als solche anerkannt, darin hat die so besondere Funktion des Vaters ihren Ursprung.5 Die strukturelle Ungewissheit über die Vaterschaft macht es unumgänglich, dass der Zugang zu ihr hergestellt wird durch den Glauben an das Sprechen, das den Vater benennt. Von daher der Terminus Name-des-Vaters.“6

Die Funktion „Name-des-Vaters“ bezieht sich demnach, in erster Annäherung, auf das, was Erikson als „Urvertrauen“ bezeichnet.7 Die Schwäche von Eriksons Konzeption besteht von Lacan aus gesehen vermutlich darin8, dass Erikson zwei Arten des Vertrauens zusammenwirft, die man unterscheiden sollte: sprachunabhängiges und sprachgestütztes Vertrauen. Ein Beispiel für das sprachunabhängige Vertrauen wäre die Koordination von Gesten, etwa dass Vertrauen darauf, dass, wenn ich jemandem etwas reiche, es von ihm angenommen wird; Ethnomethodologen haben solche Phänomene isoliert. Das sprachbezogene Vertrauen bezieht sich, so könnte man mit Habermas sagen, auf Geltungsansprüche: auf Versprechungen, Wahrheitsbehauptungen, Normen, Bewertungen. Lacans These hierzu lautet: das sprachbezogene Vertrauen entsteht durch die Beziehung zu einer Beziehung, durch die Beziehung des Kindes dazu, wie sich die Mutter zum Sprechen des Vaters verhält, zu den von ihm erhobenen Geltungsansprüchen.

Das Habermassche Theorem „Ich halte etwas für wahr, weil ich unterstelle, dass es in einer Diskussion unter Gleichberechtigten begründet werden könnte“ wäre die Übersetzung des Namens-des-Vaters in ein universitäres Phantasma.

Mit jedem „Das hast du mir aber versprochen“, mit jedem „Früher hast du aber etwas anderes behauptet“ wird demnach die Funktion „Name-des-Vaters“ ins Spiel gebracht.

Die Grundlage für das Vertrauen in das Gesagte ist, Freud zufolge, das Vertrauen in die Behauptung, dass dieses Wesen da mein Vater ist. Also das Vertrauen in das, was die Mutter über ihre Beziehung zu einem bestimmten Mann behauptet. Dass dies keine bloße Konstruktion ist, zeigt die Beliebtheit von Vormittags-Talkshows zur Frage „Bin ich wirklich der Vater?“

Erik Porge: Les noms du père chez Jacques Lacan. Ponctuations et problématiques. Érès, Toulouse 2013
Mit einem neuen Vorwort zur Taschenbuchausgabe; die erste Auflage erschien 1997.

Zur Karikatur zu Beginn dieses Artikels

Der Vater ist ein Schuh. Wie kann man besser darstellen, dass der symbolische Vater erstens ein Signifikant ist und zweitens der tote Vater?

Die Mutter ist eine Tasche: Sie ist die symbolische Mutter, der Gegensatz von Anwesenheit und Abwesenheit, hier übersetzt in den Gegensatz von aufgeklappt und zugeklappt.

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Anmerkungen

  1. J. Lacan: Le séminaire, livre XVIII. D‘un discours qui ne serait pas du semblant. Herausgegeben von Jacques-Alain Miller. Seuil, Paris 2006, S. 173, Sitzung vom 16. Juni 1971, zit. von Porge auf S. 16.
  2. J. Lacan, Seminar 22 von 1974-75, RSI, Sitzung vom 11. März 1975, unveröffentlicht.
  3. Lacan, D’un discours, a.a.O., S. 173, Sitzung vom 16. Juni 1971.– Die Version von Jacques-Alain Miller transkribiert ,loi‘ (Gesetz) statt ,foi‘ (Glauben).
    Anm. RN: Die Lesart „foi“ findet man ebenfalls in folgenden Tonband-Transkriptionen: Seite ELP, Seite Espace Lacan und Version G.T. Die Staferla-Version beruht auf diesen Transkriptionen und hat deshalb „foi“.
  4. Der Vater ist immer ungewiss“ (lateinisch).
  5. Anm. RN.: Vgl. S. Freud: Der Familienroman der Neurotiker (1909). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 4. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 225.
  6. Porge 2013, S. 16.
  7. Basic trust; vgl. Erik H. Erikson: Childhood and society. Norton, New York 1950, dt. Kindheit und Gesellschaft. Pan, Zürich 1957.
  8. Vermutlich: Ich referiere Erikson aus zweite Hand.

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