Was ist ein Vater?

Die drei Päpste

Jan van Eyck, Genter Altar - zu: Imaginäres-Symbolisches-Reales

Jan van Eyck und Hu­bert van Eyck (?):
Gen­ter Al­tar, Al­tar des mys­ti­schen Lam­mes, vor 1426–1432

Haupt­al­tar, Aus­schnitt, voll­stän­di­ges Bild hier

La­can un­ter­schei­det zwi­schen dem sym­bo­li­schen, dem rea­len und dem ima­gi­nä­ren Va­ter. Was be­deu­tet das für den Papa, den Stell­ver­tre­ter Jesu Chris­ti, den Hei­li­gen Va­ter, also für den­je­ni­gen, der sich bis vor kur­zem als „Pa­tri­arch des Abend­lan­des“ be­zeich­ne­te?

Der sym­bo­li­sche Papst ist der Papst­ti­tel, als Name für die Po­si­ti­on, von der aus das höchs­te Ge­setz ver­kün­det wird, das obers­te Ver­bot, das end­gül­ti­ge Nein. In der Spra­che des Kir­chen­rechts: Der Papa ver­fügt über die „Pri­ma­ti­al­ge­walt“, „über höchs­te, vol­le, un­mit­tel­ba­re und uni­ver­sa­le or­dent­li­che Ge­walt, die er im­mer frei aus­üben kann“ (Co­dex Iuris Ca­no­ni­ci 331).

Als Ge­setz­ge­ber hat der sym­bo­li­sche Papst eine Dop­pel­funk­ti­on. Er ist zu­gleich das Staats­ober­haupt der Va­ti­kan­stadt und nach der Ver­fas­sung die­ses Staa­tes nicht nur der Vor­ste­her der Exe­ku­ti­ve, son­dern auch der höchs­te Ge­setz­ge­ber und der obers­te Rich­ter.

Im Fal­le des Paps­tes ist die sym­bo­li­sche Va­ter­schaft von der bio­lo­gi­schen durch ein Ver­bot ge­trennt. Papa darf nur wer­den, wer nicht Papa wer­den darf. Die In­ha­ber des Papst-Ti­tels bil­den eine pa­tri­li­nea­re Ket­te von nicht-bio­lo­gi­scher Va­ter­schaft. Am Ur­sprung die­ser Ket­te steht ein my­thi­scher Va­ter­mord, der Mär­ty­rer­tod von Si­mon, ge­nannt Pe­trus.

Die vom sym­bo­li­schen Papst er­las­se­nen Ver­bo­te be­zie­hen sich nicht zu­letzt auf vor­ehe­li­chen Ge­schlechts­ver­kehr, Ehe, Ver­hü­tung, Ab­trei­bung, au­ßer­ehe­li­che Be­zie­hun­gen, Ho­mo­se­xua­li­tät und Zö­li­bat. Der sym­bo­li­sche Papst in­ter­ve­niert durch das Ge­setz in den le­ben­di­gen Kör­per und be­tei­ligt sich so an der Er­zeu­gung des Be­geh­rens.

Der rea­le Papst ist ein be­stimm­tes In­di­vi­du­um mit ei­nem be­stimm­ten Trieb­le­ben, von dem wir nur wis­sen, dass er sich dem Zö­li­bat un­ter­warf.

Der ima­gi­nä­re Papst ist der idea­li­sier­te Papst, der Papst, den man zur Ich­stär­kung ver­wen­det. Die Idea­li­sie­rung zeigt sich vor­zugs­wei­se im Hass; das ist eine von La­cans frü­hes­ten Ein­sich­ten, noch aus der Zeit, be­vor er Psy­cho­ana­ly­ti­ker wur­de.1 Der ima­gi­nä­re Papst ist der ge­hass­te Papst, weil das In­di­vi­du­um das Ide­al, dem es ent­spre­chen soll, nicht er­füllt, was, idea­li­sie­rend, vor­aus­setzt, das es ihm ge­nü­gen könn­te. Mehr noch aber wird er ge­hasst, weil das Ich durch das Ide­al­bild mit der Zer­ris­sen­heit des Sub­jekts kon­fron­tiert wird.2

Papst­has­ser“: das ist eine De­nun­zia­ti­ons­for­mel, mit der Papst­kri­ti­ker zum Schwei­gen ge­bracht wer­den sol­len. Aber es gibt sie wirk­lich, die Papst­has­ser, und ei­nen von ih­nen ken­ne ich. Wenn ich län­ger als eine hal­be Stun­de mit K. zu­sam­men­sit­ze – auch er ein Papa –, bricht es aus ihm her­aus: Papst­be­schimp­fun­gen in den un­ter­schied­lichs­ten Ton­la­gen, mit Ge­nuss vor­ge­tra­gen: „Den Papst, den soll­te man …“ Da­bei ist K., wie er meint, glau­bens-, re­li­gi­ons- und kir­chen­los, noch nicht ein­mal des­in­ter­es­siert evan­ge­lisch. Am schlimms­ten ist für ihn das Pa­pa­mo­bil.

Bei un­se­rer letz­ten Be­geg­nung war es an­ders. Vom Papst war, zu mei­ner Ver­wun­de­rung, kei­ne Rede mehr. War­um nicht? K. be­sitzt jetzt selbst ein Auto. Ein Papa-Mo­bil?

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Anmerkungen

  1. Der Hass auf das idea­li­sier­te Ob­jekt ist das The­ma von La­cans Dis­ser­ta­ti­on von 1932, Über die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se in ih­ren Be­zie­hun­gen zur Per­sön­lich­keit.
  2. Zum Hass auf den ima­gi­nä­ren Va­ter vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 366 f.

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