Übersetzungsfragen

Kampf um „Anerkennung“

ÜbersetzungsfragenMa­don­na Cic­co­ne macht ei­nen Hof­knicks vor Eliza­beth Wind­sor. Von hier.

La­can be­zieht sich häu­fig auf He­gels Be­griff der An­er­ken­nung. Ha­ben die Über­set­zer das er­kannt? Nicht im­mer. Hier eine Über­sicht mit Än­de­rungs­vor­schlä­gen zur Über­set­zung des so­ge­nann­ten Rom-Vor­trags und der frü­hen Se­mi­na­re.

Das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sub­jekt und dem an­de­ren wird von La­can schon früh mit He­gels Be­griff der An­er­ken­nung ge­deu­tet. Als Hö­rer von Alex­andre Ko­jè­ves Vor­le­sun­gen über die Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes hat­te er zwi­schen 1933 und 1939 He­gels Phi­lo­so­phie ken­nen­ge­lernt1; die­ser He­gel-Deu­tung bleibt er ver­pflich­tet.

Auf die He­gel­sche bzw. Ko­jève­sche Dia­lek­tik der An­er­ken­nung ver­weist La­can be­reits im Ar­ti­kel Die Fa­mi­lie von 1938.2 Im Auf­satz über die lo­gi­sche Zeit von 1945 er­kun­det er an ei­nem lo­gi­schen Rät­sel den Zu­sam­men­hang von wech­sel­sei­ti­ger An­er­ken­nung, Zeit und Wahr­heit.3 Im Vor­trag über die psy­chi­sche Kau­sa­li­tät von 1946 heißt es:

So­gar das Be­geh­ren des Men­schen kon­sti­tu­iert sich, wie er (He­gel) uns sagt, im Zei­chen der Ver­mitt­lung, es ist Be­geh­ren, sein Be­geh­ren an­er­ken­nen zu ma­chen.“4

An­er­ken­nung“ heißt re­con­nais­sance, „an­er­ken­nen“ re­con­naît­re. Die Über­set­zung ist manch­mal schwie­rig, denn recon­naît­re heißt auch „wie­der­erken­nen“, „er­ken­nen“, „ein­se­hen“, „er­kun­den“; für das Sub­stan­tiv re­con­nais­sance gilt das Ent­spre­chen­de. Ein­zig der Kon­text zeigt, ob „an­er­ken­nen“ (bzw.  „An­er­ken­nung“) im Sin­ne von He­gels wech­sel­sei­ti­ger An­er­ken­nung ge­meint ist, und das lässt sich nicht im­mer klar ent­schei­den.

Wenn man re­con­nais­sance mit „Er­kennt­nis“ über­setzt, be­steht das Pro­blem nicht nur dar­in, dass man da­mit mög­li­cher­wei­se den Be­zug auf He­gels Be­griff der An­er­ken­nung tilgt. La­can ar­bei­tet au­ßer­dem mit der Op­po­si­ti­on von re­con­nais­sance und con­nais­sance, von „An­er­ken­nung“ (des Be­geh­rens) und „Er­kennt­nis“ (von Ob­jek­ten) bzw. von re­con­naît­re und con­naît­re, von „an­er­ken­nen“ und „er­ken­nen“. Das Er­ken­nen hat es mit Ob­jek­ten in ei­ner Welt zu tun, an die sich das Sub­jekt an­zu­mes­sen hat, mit der Be­zie­hung von Sei­en­den zu Sei­en­den.5 Die Psy­cho­ana­ly­se hat es mit ei­nem ganz an­de­rem Feld zu tun, dem des Be­geh­rens, d.h. mit dem Ver­hält­nis des Seins zum Man­gel.6 Das Be­geh­ren wird vom Sub­jekt nicht er­kannt, son­dern an­er­kannt.

Re­con­nais­sance meint bei La­can manch­mal Er­kennt­nis, manch­mal das, was für ihn das Ge­gen­teil von Er­kennt­nis ist – An­er­ken­nung.

Die Ent­ge­gen­set­zung von an­er­ken­nen und er­ken­nen fin­det man be­reits in Die Fa­mi­lie, wo es heißt:

Er fin­det ent­we­der das müt­ter­li­che Ob­jekt wie­der und klam­mert sich an die Ver­wei­ge­rung des Rea­len und die Zer­stö­rung des an­de­ren, oder es läßt sich zu ei­nem an­de­ren Ob­jekt füh­ren, das es in der die mensch­li­che Er­kennt­nis (con­nais­sance) kenn­zeich­nen­den Form an­nimmt: als kom­mu­ni­ka­bles Ob­jekt, weil Kon­kur­renz ja zu­gleich Ri­va­li­tät und Über­ein­kunft ein­schließt; da­bei an­er­kennt (re­con­naît) es aber gleich­zei­tig den an­de­ren, mit dem Kampf oder Ver­trag es ver­bin­den; kurz: das Sub­jekt fin­det zu­gleich den an­de­ren und das so­zia­li­sier­te Ob­jekt.“7

Deut­li­cher wird der Op­po­si­ti­ons­cha­rak­ter der bei­den Be­grif­fe in Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs (1955) ar­ti­ku­liert:

Das Spre­chen scheint also umso mehr wahr­haft ein Spre­chen zu sein, je we­ni­ger sei­ne Wahr­heit sich auf das grün­det, was man die Ad­äqua­ti­on mit der Sa­che nennt: pa­ra­do­xer­wei­se steht das wah­re Spre­chen so im Ge­gen­satz zum wah­ren Dis­kurs, wo­bei ihre Wahr­heit sich dar­in un­ter­schei­det, dass die ers­te Wahr­heit durch die An­er­ken­nung (re­con­nais­sance) kon­sti­tu­iert wird, die die Sub­jek­te in Be­zug auf ihr Sein voll­zie­hen, und zwar in­so­fern, als sie hier ‚in­ter-es­siert‘ sind, wäh­rend die zwei­te durch die Er­kennt­nis (con­nais­sance) des Rea­len kon­sti­tu­iert wird, in­so­fern es vom Sub­jekt in den Ob­jek­ten an­ge­zielt wird.“8

Wie wird das Über­set­zungs­pro­blem in den Tex­ten ge­löst, in de­nen La­can sei­ne sprach­theo­re­ti­sche Wen­de voll­zieht? Ich habe das für die Auf­sät­ze Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se so­wie Die Freud’sche Sa­che über­prüft und au­ßer­dem für die ers­ten fünf Se­mi­na­re.

In der deut­schen Ver­si­on von Funk­ti­on und Feld9 wur­den die An­spie­lun­gen auf He­gels Be­griff der An­er­ken­nung etwa zur Hälf­te über­se­hen.

Zu­nächst zwei Pas­sa­gen, in de­nen der Über­set­zer den He­gel­be­zug (an)erkannt hat. (Die ers­te Zahl in Klam­mern ver­weist auf die Sei­te in Schrif­ten 1, die zwei­te auf die in den Écrits.)

Rund­her­aus ge­sagt: Es er­scheint nir­gend­wo deut­li­cher, daß das Be­geh­ren des Men­schen sei­nen Sinn im Be­geh­ren des an­de­ren fin­det. Und das nicht so sehr, weil der an­de­re den Schlüs­sel zum be­gehr­ten Ob­jekt be­sitzt, son­dern viel­mehr weil sein ers­tes Ob­jekt dar­in be­steht, vom an­de­ren an­er­kannt zu wer­den.“ (108/268)

Aber die­ses Be­geh­ren selbst for­dert, um im Men­schen be­frie­digt zu wer­den, An­er­ken­nung im Sym­bol oder im Ima­gi­nä­ren durch eine Über­ein­stim­mung im Spre­chen oder durch ei­nen Kampf um Prestige.“(120/279)

Nun mei­ne Än­de­rungs­vor­schlä­ge zur Über­set­zung von re­con­naît­re und re­con­nais­sance. In den fol­gen­den Zi­ta­ten habe ich den pro­ble­ma­ti­schen Teil der ver­öf­fent­lich­ten Über­set­zung durch­ge­stri­chen; mein Vor­schlag er­scheint in fet­ter Schrift­stär­ke.

In Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se heißt es:

Un­kennt­nis der Ge­set­ze schützt nicht vor Be­stra­fung. Über­setzt aus dem Hu­mor des Ge­setz­bu­ches drückt die­se For­mel trotz­dem eine Wahr­heit aus, auf der un­se­re Er­fah­rung be­ruht und die sie be­stä­tigt. Denn nie­mand lebt wirk­lich in Un­kennt­nis der Ge­set­ze, weil das Ge­setz des Men­schen das Ge­setz der Spra­che ist, seit die ers­ten Wör­ter des Er­ken­nens Wor­te der An­er­ken­nung den die ers­ten ri­tu­el­len Ga­ben vor­an­gin­gen ge­lei­tet ha­ben.“ (112/272)

Die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung ist ver­bun­den mit dem Ga­ben­tausch; La­can kreuzt hier He­gel Phi­lo­so­phie der An­er­ken­nung mit der So­zio­lo­gie des Ga­ben­tauschs von Mar­cel Mauss und fun­diert den Ga­ben­tauschs durch den Aus­tausch der Wor­te in der Form des „vol­len Spre­chens“ (zum „vol­len Spre­chen“ vgl. die­sen Blog­bei­trag).

Was bei ei­ner Psy­cho­ana­ly­se auf dem Spiel steht, ist, daß im Sub­jekt das biß­chen Rea­li­tät her­auf­kommt, über das die­ses Be­geh­ren ver­fügt, um sym­bo­li­sche Kon­flikt und ima­gi­nä­re Fi­xie­run­gen in Über­ein­stim­mung zu brin­gen. Und un­ser Vor­ge­hen ist die in­ter­sub­jek­ti­ve Er­fah­rung, in der die­ses Be­geh­ren sich zu er­ken­nen gibt An­er­ken­nung ver­schafft.“ (120 f./279)

Es han­delt sich bei dem Sym­bo­lis­mus, der in der Ana­ly­se zu­ta­ge ge­för­dert wird, in der Tat um eine Spra­che. Die­se hat, ei­nem spie­le­ri­schen Wunsch ent­spre­chen, den man in ei­nem Apho­ris­mus Lich­ten­bergs fin­den kann, den uni­ver­sa­len Cha­rak­ter ei­ner Spra­che, die sich in al­len an­de­ren Spra­chen ver­neh­men läßt. Aber als Spra­che, die das Be­geh­ren an eben dem Punkt er­greift, wo die­ses sich ver­mensch­licht, in­dem es sich zu er­ken­nen gibt an­er­ken­nen lässt, ist sie zu­gleich das ab­so­lut Be­son­de­re des Sub­jekts.“ (137/293 f.)

Was ich im Spre­chen su­che, ist die Ant­wort des an­de­ren. Was mich als Sub­jekt kon­sti­tu­iert, ist mei­ne Fra­ge. Um vom an­de­ren er­kannt zu wer­den Um mich vom an­de­ren an­er­ken­nen zu las­sen, spre­che ich das, was war, nur aus im Blick auf das, was sein wird.“ (143/299)

Auch hier ist das „vol­le Spre­chen“ ge­meint. Der Aus­tausch der Wor­te (etwa „Du bist mein Mann“ – „Du bist mei­ne Frau“) be­zieht die Ver­gan­gen­heit auf die Zu­kunft.

Um zu wis­sen, wie man dem Sub­jekt in der Ana­ly­se ant­wor­ten soll, muß man me­tho­disch zu­nächst den Ort aus­fin­dig ma­chen, an dem sich sein ego be­fin­det. Es han­delt um je­nes ego, das Freud selbst als durch ei­nen sprach­li­chen Kern ge­formt, de­fi­niert hat. An­ders ge­sagt: es geht dar­um zu er­ken­nen, durch wen und für wen das Sub­jekt sei­ne Fra­ge stellt. So­lan­ge man das nicht er­kannt hat, läuft man Ge­fahr, das Be­geh­ren, das es in die­ser Fra­ge zu er­ken­nen gilt, das hier an­zu­er­ken­nen ist und zu­gleich das Ob­jekt, auf das die­ses Be­geh­ren sich rich­tet, wi­der­sin­nig zu über­set­zen.“ (147 f./303)

Da‘, sag­te Pra­ja­pâ­ti, der Gott des Don­ners. ‚Habt Ihr mich ver­stan­den?‘ Und die Men­schen ant­wor­te­ten: ‚Du hast uns ge­sagt: Dat­ta, ge­bet ein­an­der.‘ Der hei­li­ge Text will sa­gen, dass die Men­schen sich durch die Gabe des Spre­chens er­ken­nen an­er­ken­nen.“ (169/322)

In La cho­se freu­dien­ne, „Die Freud’sche Sa­che“, er­gibt sich ein ähn­li­ches Bild. Ei­ni­ge Ver­wei­se auf die Dia­lek­tik der An­er­ken­nung wur­den (an)erkannt, an­de­re über­se­hen.10 Hier mei­ne Än­de­rungs­vor­schlä­ge:

Denn in Sa­chen Psy­cho­lo­gie un­ter­liegt die Ob­jek­ti­vie­rung prin­zi­pi­ell ei­nem Ge­setz der Ver­ken­nung, wo­durch das Sub­jekt nicht nur als be­ob­ach­te­tes be­stimmt wird, son­dern auch als Be­ob­ach­ter. Das be­sagt, dass Sie mit ihm nicht über es spre­chen müs­sen, da es die­se Auf­ga­be be­reits hin­rei­chend er­füllt, und wenn es das tut, sind nicht ein­mal Sie es, mit dem es spricht: wenn Sie zu ihm spre­chen müs­sen, so ist das buch­stäb­lich von et­was an­de­rem, von ei­ner an­de­ren Sa­che als der, wor­um es dann geht, wenn es über sich spricht, und wel­ches die­je­ni­ge Sa­che ist, die zu Ih­nen spricht, eine Sa­che, die ihm, was im­mer es sagt, auf im­mer un­zu­gäng­lich blie­be, wenn es nicht, als ein Spre­chen, das sich an Sie wen­det, in Ih­nen sei­ne Ant­wort her­vor­ru­fen könn­te und wenn Sie, da Sie die Bot­schaft da­von in die­ser um­ge­kehr­ten Form ge­hört ha­ben, nicht in der Lage wä­ren, ihm da­durch, dass Sie sie ihm zu­rück­ge­ben, ihm die dop­pel­te Be­frie­di­gung zu ver­schaf­fen, sie an­er­kannt zu ha­ben und ihm die Wahr­heit dar­über er­kenn­bar zu ma­chen und ihn de­ren Wahr­heit an­er­ken­nen zu lassen.“(42/419 f., Über­set­zung auch an an­de­ren Stel­len ge­än­dert)

Nun gut, das al­les fin­det sich für das Ich (moi), ab­ge­se­hen da­von, dass sei­ne Ver­wen­dungs­wei­sen in Be­zug auf sei­ne Zu­stän­de auf den Kopf ge­stellt er­schei­nen. Ein Mit­tel des vom Un­be­wuss­ten des Sub­jekts an Sie ge­rich­te­ten Spre­chens, eine Waf­fe, um sei­ner Er­kennt­nis An­er­ken­nung zu wi­der­ste­hen, führt es die Rede als Zer­stü­ckel­tes, und als Gan­zes dient es dazu, sie nicht zu hö­ren.“ (54/426 f.)

Das kon­kre­te Feld der Selbst­er­hal­tung hin­ge­gen zeigt durch sei­ne Bin­dun­gen an die Tei­lung nicht der Ar­beit, son­dern von Be­geh­ren und Ar­beit, die sich be­reits seit der ers­ten Um­wand­lung ma­ni­fes­tier­ten, durch die in die Nah­rung mensch­li­che Be­deu­tung ein­ge­führt wur­de, bis hin zu den ent­wi­ckel­tes­ten For­men der Pro­duk­ti­on von Kon­sum­gü­tern, dass die­ses Feld durch die Dia­lek­tik von Herr und Knecht struk­tu­riert ist, wor­in wir das sym­bo­li­sche Auf­tau­chen des ima­gi­nä­ren Kampfs bis zum Tod er­ken­nen kön­nen, wo­mit wir vor­hin die die we­sent­li­che Struk­tur des Ichs (moi) de­fi­niert ha­ben: Es liegt von da­her nichts Er­staun­li­ches dar­in, dass die­ses Feld sich aus­schließ­lich in die­ser Struk­tur wi­der­spie­gelt. An­ders ge­sagt, dies er­klärt, war­um das an­de­re gro­ße Be­geh­ren der mensch­li­chen Gat­tung, der Hun­ger, wie Freud im­mer ver­tre­ten hat, nicht in dem re­prä­sen­tiert ist, was das Un­be­wuss­te be­wahrt, damit man es er­ken­nen kann um sich An­er­ken­nung zu ver­schaf­fen.“ (65/432 f., Über­set­zung auch an an­de­ren Stel­len ge­än­dert)

In den Se­mi­na­ren 1 bis 4 ha­ben die Über­set­zer den He­gel-Be­zug fast durch­weg er­kannt und re­con­nait­re bzw. re­con­nais­sance, wenn es um die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung und die An­er­ken­nung des Be­geh­rens geht, mit „an­er­ken­nen“ bzw. „An­er­ken­nung“ über­setzt. In Se­mi­nar 2 hät­te ich an zwei Stel­len an­ders ent­schie­den:

Das Wort / das Spre­chen / la pa­ro­le ist zu­nächst je­nes Tausch­ob­jekt, an dem man sich er­kennt  durch das man sich an­er­kennt, und weil Sie das Paß­wort / le mot de pas­se ge­sagt ha­ben, krie­gen sie kei­nes auf die Schnau­ze, usw.“ (Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 64)

Das ent­spricht ei­ner der Haupt­the­sen von Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che: die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung er­folgt da­durch, dass Wör­ter als Ga­ben ge­tauscht wer­den.

Im fol­gen­den Zi­tat aus Se­mi­nar 2 wird der Ge­gen­satz von an­er­ken­nen und Er­kennt­nis un­kennt­lich ge­macht:

Was die­ser Apo­log sa­gen will, ist fol­gen­des – daß in ei­ner Welt von Spra­che je­der Mensch ei­nen Ap­pell zu er­ken­nen  an­zu­er­ken­nen (re­con­naît­re) hat, eine Be­ru­fung, die ihm of­fen­bart zu wer­den pflegt. Je­mand hat vor­hin von Of­fen­ba­rung oder von Be­grün­dung ge­spro­chen, und eben dar­um geht’s. Wir ste­hen ei­ner Welt von Spra­che ge­gen­über, von der wir von Zeit zu Zeit den Ein­druck ha­ben, daß sie et­was es­sen­ti­ell Neu­tra­li­sie­ren­des, Un­be­wuss­tes hat. Es gibt nicht ei­nen ein­zi­gen Phi­lo­so­phen, der nicht mit vol­lem Recht auf der Tat­sa­che in­sis­tiert hät­te, daß die Mög­lich­keit selbst des Irr­tums ge­bun­den ist an die Exis­tenz von Spra­che. Je­des Sub­jekt muß nicht ein­fach Kennt­nis neh­men Er­kennt­nis ge­win­nen (prend­re con­nais­sance) von der Welt, so als ob al­les sich ab­spiel­te auf der Ebe­ne der Noe­ti­sie­rung, es muß sich dar­in zu­recht­fin­den. wenn die Psy­cho­ana­ly­se et­was be­deu­tet, dann dies, daß es be­reits ver­wi­ckelt ist in et­was, das eine Be­zie­hung zur Spra­che hat, ohne mit ihr iden­tisch zu sein, und daß es sich dar­in zu­recht­fin­den muß  im uni­ver­sa­len Diskurs.“(Seminar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 358)

Der Ap­pell, den der Mensch an­zu­er­ken­nen hat, ist das Man­dat, das ihm durch das „vol­le Spre­chen“ er­teilt wird. Der Ap­pell ist bei­spiels­wei­se „Ich bin dein Schü­ler“; er er­geht an das Sub­jekt, wenn es zu ei­nem an­de­ren sagt „Du bist mein Meis­ter“ (vgl. die­sen Blog­bei­trag).

Bei den fol­gen­den bei­den Pas­sa­gen aus Se­mi­nar 5 bin ich mir nicht si­cher. Zwar geht es hier nicht um wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung; den­noch neh­me ich an, dass „an­er­ken­nen“ für re­con­naît­re bes­ser wäre als „er­ken­nen“.

Das heißt, daß man durch die na­tür­li­che Ent­wick­lung der Trie­be von Über­tra­gung zu Über­tra­gung durch die Trieb­pha­sen hin­durch aus­ge­hend von der Form der Brust und ver­mit­tels ei­ner ge­wis­sen An­zahl wei­te­rer For­men bei die­ser phal­li­schen Phan­ta­sie­vor­stel­lung her­aus­kommt, wo­durch sich letzt­lich das Mäd­chen ih­rer Mut­ter ge­gen­über in mas­ku­li­ner Po­si­ti­on dar­stellt. In­fol­ge­des­sen muß für sie et­was Kom­ple­xe­res als für den Kna­ben Wir­kung ha­ben, da­mit sie ihre fe­mi­ni­ne Po­si­ti­on er­kennt ?an­er­kennt. In der Ar­ti­ku­la­ti­on Freuds wird nicht nur das Er­ken­nen ?An­er­ken­nen der fe­mi­ni­nen Po­si­ti­on im Grun­de durch nichts un­ter­stützt, son­dern es wird auch von Be­ginn an als ver­fehlt un­ter­stellt.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 326)

Der Zu­gang zur weib­li­chen Po­si­ti­on er­folgt nicht durch eine Er­kennt­nis (con­nais­sance) der Be­schaf­fen­heit des Ge­ni­tal­or­gans, son­dern durch ei­nen Akt der An­er­ken­nung: da­durch, dass das Mäd­chen das Be­geh­ren der Mut­ter mit­hil­fe des Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten an­er­kennt.

Dazu reicht es nicht aus, uns mit die­ser Kli­to­ris zu be­gnü­gen, die in so­vie­len Hin­sich­ten zu wün­schen üb­rig läßt. Es geht dar­um zu se­hen, war­um sie da ist in ei­ner be­stimm­ten so zwie­späl­ti­gen Hal­tung, daß, auch wenn Freud sie im ge­schla­ge­nen Kind er­kennt, das Sub­jekt sie nicht als sol­che er­kennt ?an­er­kennt. Es geht in der Tat um den Phal­lus, in­so­fern er ei­nen be­stimm­ten Platz in der Öko­no­mie der Ent­wick­lung des Sub­jekts ein­nimmt und er der un­ab­ding­ba­re Trä­ger der sub­jek­ti­ven Kon­struk­ti­on als Dreh- und An­gel­punkt des Kas­tra­ti­ons­kom­ple­xes und des Pe­nis­neids ist. Es bleibt jetzt zu se­hen, wie er in der Er­fas­sung des Sub­jekts durch die si­gni­fi­kan­te Struk­tur, von de­ren we­sent­li­chen Ter­mi­ni ich Ih­nen ge­ra­de ei­nen in Er­in­ne­rung ge­ru­fen habe – oder um­ge­kehrt, ins Spiel ein­tritt.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 407 f.)

In den nächs­ten bei­den Zi­ta­ten aus Se­mi­nar 5 geht es bei re­con­naît­re ein­deu­tig um die An­er­ken­nung des ei­ge­nen Be­geh­rens durch die An­er­ken­nung des Be­geh­rens des An­de­ren:

Die­ses an­de­re Be­geh­ren, der ge­wöhn­li­che Weg, wo­durch es sich für das Sub­jekt ein­führt, ist als Be­geh­ren des An­de­ren. Das Sub­jekt er­kennt  an­er­kennt ein Be­geh­ren jen­seits des An­spruchs, ein in­so­fern nicht vom An­spruch ver­fälsch­tes Be­geh­ren, es stößt dar­auf, es setzt es im Jen­seits des ers­ten An­de­ren an, an den es sei­nen An­spruch rich­te­te, sa­gen wir, um die Vor­stel­lun­gen zu fes­ti­gen, die Mut­ter.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 421 f.)

Ge­nau in dem Maße, wie der An­de­re vom Si­gni­fi­kan­ten ge­prägt ist, kann das Sub­jekt – das nur da­durch kann, ver­mit­telt durch die­sen An­de­ren – er­ken­nen an­er­ken­nen, daß auch es vom Si­gni­fi­kan­ten ge­prägt ist, das heißt, daß es stets et­was gibt, das jen­seits von dem bleibt, was sich ver­mit­tels des Si­gni­fi­kan­ten, das heißt durch den An­spruch be­frie­di­gen kann.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 430)

Im nächs­ten und letz­ten Zi­tat aus Se­mi­nar 5 be­zieht La­can sich auf Freuds For­mel „Wo Es war, soll Ich wer­den“.11 In die­ser Wen­dung geht es, so er­läu­tert La­can, um das au­then­ti­sche und vol­le Auf­sich­neh­men des Sub­jekts in sei­nem ei­ge­nen Spre­chen. Er fährt fort:

Was be­sagt – an die­sem Ho­ri­zont des Spre­chens, ohne wel­chen, au­ßer man zieht fal­sche Bah­nen und pro­du­ziert Miß­ver­ständ­nis­se, nichts in der Ana­ly­se ar­ti­ku­liert wer­den könn­te, er­kennt das Sub­jekt er­kennt das Sub­jekt an, wo es ist.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 599)

Das klas­si­sche „Er­ken­ne dich selbst“ heißt im Fran­zö­si­schen „Con­nais-toi toi-même“. Für La­can geht es nicht dar­um, dass das Sub­jekt sich er­kennt, son­dern dass es ei­nen Akt der An­er­ken­nung voll­zieht: dass es an­er­kennt, was es ist, und zwar da­durch, dass es das Be­geh­ren des An­de­ren an­er­kennt.

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Anmerkungen

  1. Alex­andre Ko­jè­ve: In­tro­duc­tion à la lec­tu­re de He­gel. Leçons sur la Phé­no­me­no­lo­gie de l’esprit, pro­fes­sées de 1933 à 1939 à l‘École des Hau­tes-Étu­des. Hg. v. Ray­mond Que­ne­au. Gal­li­mard, Pa­ris 1947. – Deut­sche Teil­über­set­zung: He­gel. Eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung sei­nes Den­kens. Kom­men­tar zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. Über­setzt von Iring Fet­scher. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975.
  2. Vgl. Schrif­ten 3, S. 53, 61.
  3. Die lo­gi­sche Zeit und die As­ser­ti­on der an­ti­zi­pier­ten Ge­wiss­heit, Schrif­ten 3, S. 101–121.
  4. Schrif­ten 3, S. 159.
  5. Vgl. La­can in Se­mi­nar 2: „die Er­kennt­nis­theo­rie bil­det das Herz je­der Aus­ar­bei­tung der Be­zie­hung des Men­schen zu sei­ner Welt. Das Sub­jekt hat sich dem Ding an­zu­mes­sen in der Be­zie­hung des Seins zum Sein – der Be­zie­hung ei­nes sub­jek­ti­ven, den­noch aber rea­len Seins, ei­nes Seins, das sich sei­end weiß, zu ei­nem Sein, das man sei­end weiß.“ (Ver­si­on Miller/Metzger, S. 283)
  6. Vgl. La­can in Se­mi­nar 2, a.a.O., S. 283.
  7. Schrif­ten 3, S. 60 f.; Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 43.
  8. J. La­can: Va­ri­an­tes de la cure-type. In: Écrits, S. 351, mei­ne Über­set­zung.
    Den Ge­gen­satz von An­er­ken­nen und Er­ken­nen fin­det man auch in den Se­mi­na­ren, etwa in Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 321; in Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 79 f.
  9. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. Über­setzt von Klaus La­er­mann. In: Schrif­ten 1, S. 108. Auf­satz von 1953, der 1956 ver­öf­fent­licht wur­de.
  10. Die ers­te Sei­ten­zahl ver­weist auf die bei Tu­ria und Kant er­schie­ne­ne Über­set­zung: Das Freud’sche Ding oder Der Sinn ei­ner Rück­kehr zu Freud in der Psy­cho­ana­ly­se. Tu­ria + Kant, Wien 2. Aufl. 2011, die zwei­te Sei­ten­zahl auf die Écrits.– Vor­trag von 1955, der 1956 pu­bli­ziert wur­de.
  11. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 516.

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