Analysant?

Hitchcock, Spellbound, 1945Dr. Edwardes (Gregory Peck) spricht, die Psychoanalytikerin Dr. Petersen (Ingrid Bergman) hört zu.
Standbild aus dem Film Ich kämpfe um dich (Originaltitel: Spellbound).
Regie: Alfred Hitchcock, Selznick International Pictures 1945

Im Englischen heißt jemand, der sich einer Psychoanalyse unterzieht, the analysand. Dieser Ausdruck wurde ins Deutsche übernommen. Der „Analysand“ ist jemand, der in Analyse ist.

Ab 1967 bezeichnet Lacan jemanden, der sich einer Analyse unterzieht, als psychanalysant bzw. (mit weiblicher Endung) psychanalysante oder kurz als analysant bzw. analysante.1 Diese Bezeichnung hat sich in Frankreich durchgesetzt.

Lacans Terminus analysant bzw. analysante wird meist mit „Analysant“ bzw. „Analysantin“ ins Deutsche gebracht.2 Während nicht-lacanianische Psychoanalytiker von ihren „Analysanden“ sprechen, bezeichnen lacanianische Psychoanalytiker ihre Klienten meist als „Analysanten“.

Ich halte die Übersetzung von analysant mit „Analysant“ für misslungen.

Peter Widmer zufolge ersetzt Lacan den im Englischen und Deutschen üblichen Terminus „Analysand“ deshalb durch „Analysant“, um damit die Affinität zum Terminus „Signifikant“ zu betonen.3 Dafür gibt es keinen Beleg.

Das französische Wort analysant ist, im ersten Konstruktionsschritt, das Partizip Präsens aktiv des Verbs analyser; analysant meint also „analysierend“. Im nächsten Schritt wird dieses Partizip in ein Substantiv verwandelt; l’analysant ist „der Analysierende“.

In welchem Sinne ist er der Analysierende? Er ist derjenige, der die Forderung nach Analyse vorbringt (dazu dienen die ersten Sitzungen) und der dann, wenn die eigentliche Analyse beginnt, die Arbeit leistet.

Die englische Wortbildung analysand orientiert sich am lateinischen Gerundium, das mit –ndum gebildet wird (oder, je nach grammatischem Geschlecht, mit –ndus oder –nda). Angenommen, es gäbe im Lateinischen das Verb analysare, mit der Bedeutung „analysieren“, dann wäre analysandus „der zu analysierende“; Caesar analysandus est würde heißen „Caesar muss analysiert werden“. Diese Wortbildung findet man auch in deutschen Fremdwörtern; der Edukandus (wie manche Erziehungstheoretiker sagen) ist der „Zu-Erziehende“, eine gymnasialsprachliche Version von „Zögling“. Der Analysand ist also „der zu Analysierende“.

Mit dem französischen Ausdruck analysant parodiert Lacan den englischen Terminus analysand.4 Derjenige, der in eine Analyse geht, ist der Analysierende (l’analysant), nicht der Zu-Analysierende (the analysand).

Spuren der Wortbildung wie in l’analysant gibt es auch im Deutschen: der Fabrikant ist der Fabrizierende, der Informant der Informierende, der Musikant der Musizierende.

Wie die Beispiele zeigen, wird im Deutschen die Aktivität im Normalfall durch die Endung –nd ausgedrückt: „der Musizierende“. Bei dieser Form der Wortbildung ist der Aktionscharakter für den deutschen Sprecher unmittelbar zugänglich, so wie für den Franzosen der Aktivitätscharakter von l’analysant.  Bei der Endung -nt ist das anders. Für den französischen Sprecher ist unmittelbar klar, dass l’analysant der Analysierende ist, für den deutschen Sprecher nicht, er muss einen Übersetzungsschritt einschalten, er muss den „Protestanten“ in einen „Protestierenden“ verwandeln, um den Aktivitätsbezug herauszuhören. Er muss das „t“ durch ein „d“ ersetzen, um den Sinn der Endung „t“ zu verstehen.

In analysand hat die Endung -nd eine andere Funktion als in „musizierend“. Hier meint analysand nicht, wie man es vom Deutschen her erwarten würde, „der Analysierende“, sondern „der zu Analysierende“.

Mit der Übersetzung der Opposition von analysand/analysant durch „Analysand„/“Analysant“ wird dem deutschen Leser zugemutet, in „Analysand„, der eingebürgerten Bezeichnung für den Patienten, den „zu Analysierenden“ herauszuhören und den Gegensatz zum „Analysierenden“. Außerdem wird von ihm erwartet, dass er in „Analysant“ die Aktivität heraushört, also den Analysierenden, der mit d geschrieben wird; er muss in „Analysant“ also stillschweigend das t durch ein d ersetzen, um den Gegensatz zum „Analysanden“ herauszuhören – der ebenfalls mit d geschrieben wird. Das ist verwirrend.

Warum übersetzt man l’analysant nicht einfach mit „der Analysierende“?

NACHTRAG vom 30. Januar 2017: Hinweise zu Lacans Verwendung von „Patient“ nach 1967 findet man in diesem Kommentar.

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Anmerkung

  1. Zuerst in: J. Lacan: Proposition du 9 octobre 1967 sur le psychanalyste de oÉcole. In : Ders. : Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 245.
  2. Vgl. etwa Seminar 20, Version Miller, Übersetzt von Norbert Haas, Vreni Haas und Hans-Joachim Metzger, S. 7 und öfter.– Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Übersetzt von Gabriella Burkhart. Turia + Kant, Wien 2002, Artikel „Analysant/Psychoanalysant“, S. 37 f.– Peter Widmer: Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Lacans Werk. Turia + Kant, Wien 2012, Seitenhinweise im Begriffsregister unter „Analysant“.
  3. A.a.O., S. 40.
  4. Vgl. J. Lacan: Conférence à Genève sur le symptôme (1975). In: Pas-tout Lacan, S. 1673.

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