Subjekt

Das Subjekt im Schiebepuzzle

4-15_Puzzle_in_Puzzleland -3 (zu Jacques Lacan über das Subjekt)Illustration aus der Cyclopedia of 5000 Puzzles (1914) von Samuel Loyd

Das Subjekt ist für Lacan eine negative Größe: die Beziehung zur Urverdrängung oder auch zum manque d’être, zum Seinsmangel1, zum manque-à-être, zum Mangel-zu-sein2. Nicht ein Wesen, dem etwas fehlt, sondern der Bezug auf ein Fehlen als Wesen – gewissermaßen das Hungern ohne das Individuum, das Hunger hat. Für diesen negativen Subjektbegriff hat er sich von Sartre inspirieren lassen – vgl. den Artikel Das Subjekt als Leere in diesem Blog –, aber sicherlich auch von Hegels Begriff der Negativität.

Wie lässt sich dieses Subjekt veranschaulichen? Darian Leader hat vorgeschlagen: durch ein Schiebepuzzle.3 Meiner Erinnerung nach – ich habe die Seite nicht wiedergefunden – fällt der Vergleich bei Leader knapp aus. Hier eine ausgebaute Allegorie.

Das Puzzle besteht aus einem Quadrat mit 4 mal 4 Feldern. 15 der 16 Felder sind mit Steinen besetzt, weshalb es auch 15-Puzzle genannt wird; die Steine sind mit den Zahlen 1 bis 15 beschriftet. Die an das freie Feld angrenzenden Steine lassen sich in dieses Feld hinein verschieben. Die Aufgabe besteht darin, die Steine durch Verschieben in die aufsteigende Reihenfolge zu bringen, oben links beginnend, in waagerechter Anordnung, Zeile für Zeile.

In der Puzzle-Allegorie stehen die einzelnen Steine für Signifikanten, das Ensemble der Steine repräsentiert das Unbewusste, die Verschiebung der Steine ist der unbewusste Diskurs.

Nun ist das Feld des Unbewussten für Lacan aber gespalten, in den unären Signifikanten und den binären Signifikanten. Der unäre Signifikant steht für das gewöhnliche Verdrängte, für die Identifizierungen mit dem trait unaire, dem einzelnen Zug; der binäre Signifikant repräsentiert das Urverdrängte4, das Urverdrängte wird durch den Phallus bezeichnet5; der binäre Signifikant ist der symbolische Phallus. Die 15 Steine sind eine Reihe von „einzelnen Zügen“, eine Serie von Identifizierungen; gesucht ist eine Entsprechung für den binären Signifikanten, für den symbolischen Phallus als Repräsentanten der Urverdrängung.

Das Puzzle besteht nicht nur aus den 15 Steinen, sondern auch aus der Unterlage mit ihrem Rand. Diese Unterlage gilt uns als sechzehnter Stein, ein Sonderstein, der dem Spiel der vielen kleinen Steine sein scheinbar unerschütterliches Fundament verleiht, das Urverdrängte, dass die anderen Signifikanten in die Verdrängung hineinzieht. Sie kann als Stein nicht zu Bewusstsein kommen.

Der Spieler steht für das Subjekt, allerdings nicht der Spieler mit Haut und Haaren, sondern ein Spieler, der darauf reduziert ist, dass er etwas sucht – ein Spieler, der in der Suche „ganz aufgeht“, wie man sagt. Er sucht eine bestimmte Abfolge von Steinen; er sucht sie in dem Sinne, dass er sie herzustellen sucht. In einer Psychoanalyse sucht das Subjekt nach dem „Signifikanten des Subjekts“, nach einem Signifikanten bzw. einer Signifikantenkette, die ihm sagt, was es letztlich eigentlich will, worin sein wahres, unverfälschtes Begehren besteht – es sucht einem Signifikanten, der auf der Ebene des unbewussten Diskurses auf ihn antwortet.6

Für den Lacan-Vergleich habe ich das Schiebepuzzle ein wenig umgebaut. Es bildet bei mir die obere Fläche eines Kastens, der etwa die Größe eines Tisches hat. In diesem Behälter hockt der Spieler, ähnlich dem angeblichen Zwerg in Mälzels Schachautomaten7, von dieser Position aus verschiebt er die kleinen Steine. Ihre Bewegung entspricht dem, was Freud passenderweise „Verschiebung“ nennt; Lacan spricht von „Metonymie“.8

Im Raum mit dem Puzzlekasten gibt es einen Beobachter. Er kann nur die Verschiebung der Steine wahrnehmen, der Spieler ist für ihn unsichtbar. Aus der Verschiebung der Steine gegenüber der Unterlage entwickelt er die Hypothese, wie Poe in Bezug auf Mälzels Schachautomat, dass sich im Kasten ein Spieler verbergen muss. Anders gesagt: Die Bewegung der kleinen Steine im Verhältnis zur Unterlage, dem großen Stein, repräsentiert für ihn den Spieler. Der Beobachter ist der Analytiker; er hält sich an Lacans Formel: „Ein Signifikant ist das, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert.“9

Ausgangszustand des Schiebepuzzles (zu Jacques Lacan über das Subjekt)

Ausgangszustand

Zielzustand des Schiebepuzzles (zu Jacques Lacan über das Subjekt)

Zielzustand

Mein Schiebepuzzle gehört zur Variante des 14-15-Puzzle, und das meint, dass die Steine in der Ausgangsstellung die korrekte Position haben, bis auf die 14 und die 15, die vertauscht sind; das Feld unten rechts bleibt frei. Dem Spieler wird die Aufgabe gestellt, nicht nur die aufsteigende Reihenfolge herzustellen, sondern auch dafür zu sorgen, dass das Feld unten rechts wieder leer ist. Diese Abfolge ist unmöglich, sie kann durch Verschieben nicht erreicht werden. Mit Lacan: Es gibt keinen Signifikanten, der im unbewussten Diskurs dem Subjekt antwortet, es gibt keinen Signifikanten des Subjekts.10 Anders gesagt: es gibt einen Mangel im Anderen, was von Lacan durch das Symbol Ⱥ dargestellt wird.

Das Spiel ist ein Lernspiel. Mit viel Geduld kann der Spieler herausfinden, dass die gesuchte Anordnung nicht möglich ist. Auf die Psychoanalyse übertragen: Das Subjekt kann im Verlauf einer Analyse realisieren, dass es im unbewussten Diskurs keinen Signifikanten des Subjekts gibt.

Im Puzzle gibt es ein leeres Feld, das auch als „Loch“ bezeichnet wird; in Lacans Terminologie ist dies der Schnitt, das Intervall zwischen den Signifikanten. Das Loch wird durch die Position der Steine erzeugt, es ermöglicht die Verschiebung der Steine und es wird durch deren Bewegung gewissermaßen hin und her geschoben. Dieses Loch ist der Repräsentant des Subjekts auf der Ebene des unbewussten Diskurses. „Le signifiant fait trou“, sagt Lacan, der Signifikant bildet ein Loch.11 Das Subjekt hat das Ziel einer Analyse erreicht, wenn es wutentbrannt realisiert, dass es dieses Loch ist.

***

In meiner Allegorie habe ich S1, S2 $, Ⱥ und den Schnitt untergebracht – wäre es nicht schön, wenn auch noch das Objekt a darin einen Platz fände, sei es als Partialobjekt, sei es als plus-de-jouir, als Mehrlust, als Symbol für den Genussverlust?12 Dazu müssen wir den Spieler mit einem Körper ausstatten, der über eine Reihe von Öffnungen verfügt und Sitz von Erregungen ist (etwa der Wut, die ich gerade bereits eingeschmuggelt habe). Der Spieler findet das Puzzeln entsetzlich spannend, an der Grenze zur Erträglichkeit – so aufregend, dass er in die Hosen macht. Das ist ihm peinlich, aber das Malheur passiert ihm jedesmal. Um es zu vermeiden, hat er versucht, mit dem Puzzeln aufzuhören, das ist ihm jedoch nicht gelungen, er spielt das Spiel wieder und wieder. Die Urinlache auf dem Boden des Kastens entspricht dem Partialobjekt, der sich wiederholende unlustvolle Lustgewinn, die Mehrlust.

Der Spieler denkt, dass er das Spiel spielt, um die Lösung zu finden; er weiß nicht, dass er es spielt, weil er auf die Erregung, die mit dem Spielen einhergeht, nicht verzichten kann. Die Bewegung der Steine dient ihm dazu, sich diese Erregung zu verschaffen. Auf die Psychoanalyse übertragen: Die Signifikanten sind Genussmittel.13

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Anmerkungen

  1. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 283 f.; Lacan übernimmt diesen Terminus von Sartre aus Das Sein und das Nichts
  2. Vgl. u.a. J. Lacan: Das Drängen des Buchstaben im Unbewussten, Schriften II, S. 48; Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht, Schriften II, S. 98; Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens, Schriften II, S. 203.
    In Sartres manque d’être ist „Sein“ ein Substantiv, in Lacans manque-à-être (oder manque à être ist „sein“ ein Verb.
    Lacan kennt noch weitere Subjektbegriffe – sujet barré (ausgesperrtes Subjekt), sujet divisé (gespaltenes Subjekt), die ich hier ausklammere.
  3. Vgl. D. Leader: What is madness. Hamish Hamilton, London 2011. Einen knappen Vergleich des Subjekts mit dem Schiebepuzzle findet man ebenfalls bei Levi-Bryant in seinem Blog Larval subjects, im Artikel „Object oriented ontology, Lacan and the subject“.
  4. Vgl. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 229.
  5. Vgl. Lacan, Die Bedeutung des Phallus.
  6. Vgl. Seminar 6 von 1958/59, Le désir et son interprétation, Version Miller, S. 446.
  7. Vgl. Edgar Allen Poe: Maelzel’s chess player, 1836.- Angeblich: unter Mälzels Schachautomaten hockte kein Zwerg, sondern ein Individuum von normaler Größe; der Zwerg, auf den auch Benjamin sich in seinen geschichtsphilosophischen Thesen bezieht, ist ein Phantasma. Vgl. Mladen Dolar: His Master’s Voice. Eine Theorie der Stimme. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, S. 11 Anm. 4.
  8. Vgl. J. Lacan: Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder Die Vernunft seit Freud. In: Schriften II, S. 30.
  9. Zuerst in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung: „Le signifiant, à l’envers du signe, n’est pas ce qui représente quelque chose pour quelqu’un, c’est ce qui représente précisément le sujet pour un autre signifiant.” (Sitzung vom 6.12.1961, Version Staferla) „Der Signifikant ist, im Gegensatz zum Zeichen, nicht das, was etwas für jemanden repräsentiert, er ist das, was genau das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert.“ Im Sinne von: Der Signifikant repräsentiert für einen anderen Signifikanten das Subjekt.
    In den Schriften findet man den Aphorismus zuerst in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten (Vortrag von 1960, der zuerst 1966 veröffentlicht wurde): „Notre définition du signifiant (il n’y en a pas d’autre) est : un signifiant, c’est ce qui représente le sujet pour un autre signifiant.“ (Écrits, S. 819.) „Unsere Definition des Signifikanten – es gibt keine andere – lautet: Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert.“(Schriften II, S. 195)
  10. Vgl. Seminar 6, a.a.O, S. 446.
  11. Seminar 22, RSI, Sitzung vom 15.4.1975.
  12. Der Begriff des Objekts a als Partialobjekt wird andeutungsweise entwickelt in Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung, ausführlich in Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, ab der Sitzung vom 8. Mai 1963. Das Objekt a als plus-de-jouir tritt zuerst auf in Seminar 16 von 1968/69, D’un Autre à l’autre, Version Miller, S. 17.
  13. Vgl. Seminar 17 von 1969/70, L’envers de la psychanalyse, Version Miller, S. 57: „das Wissen ist Genussmittel“ (meine Übersetzung), das Wissen im Sinne des Unbewussten.

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