Abschaffung des Subjekts

Die Anerkennung des Begehrens und das Begehren nach Anerkennung

ghirlandaio (zu Jacques Lacan, Begehren)Do­me­ni­co Ghir­lan­daio, Vo­ca­zio­ne dei pri­mi apos­to­li (Die Be­ru­fung der ers­ten Jün­ger), 1481–1482, Six­ti­ni­sche Ka­pel­le

Die Abschaffung des Subjekts

In Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se lese ich:

Hier­bei zeigt sich in­fol­ge­des­sen die ent­schei­den­de Rol­le mei­ner ei­ge­nen Ant­wort (der Ant­wort des Ana­ly­ti­kers). Die­se Rol­le be­steht nicht nur, wie man ge­sagt hat, dar­in, vom Sub­jekt als Bil­li­gung oder Ab­leh­nung sei­nes ei­ge­nen Dis­kur­ses auf­ge­nom­men zu wer­den, son­dern dar­in, es als Sub­jekt an­zu­er­ken­nen oder ab­zu­tun.“1

Ab­zu­tun? Der Aus­druck hat mich ir­ri­tiert, also habe ich in den Écrits nach­ge­le­sen. Dort fin­de ich:

Dès lors, ap­pa­raît la fonc­tion dé­cisi­ve de ma prop­re ré­pon­se et qui n’est pas seu­le­ment com­me on le dit d’être reçue par le su­jet com­me ap­pro­ba­ti­on ou re­jet de son dis­cours, mais vrai­ment de le re­con­naît­re ou de l’ab­olir com­me su­jet.“2

Also:

Von da­her zeigt sich die ent­schei­den­de Funk­ti­on mei­ner ei­ge­nen Ant­wort, und die­se be­steht nicht nur, wie man ge­sagt hat, dar­in, vom Sub­jekt als Bil­li­gung oder Zu­rück­wei­sung sei­nes Dis­kur­ses auf­ge­nom­men zu wer­den, son­dern tat­säch­lich dar­in, es als Sub­jekt an­zu­er­ken­nen oder ab­zu­schaf­fen.“

La­can sagt nicht, dass der Ana­ly­ti­ker das Sub­jekt mit sei­ner Ant­wort „ab­tun“ kann, er kann es „ab­schaf­fen“, er kann es „be­sei­ti­gen“. Mit vrai­ment („wirk­lich“, „tat­säch­lich“) be­tont er, dass er ge­nau das meint. Vor der Här­te die­ser For­mu­lie­rung ist der Über­set­zer zu­rück­ge­schreckt.

Der Ana­ly­ti­ker steht dem­nach vor der Al­ter­na­ti­ve, das Sub­jekt an­zu­er­ken­nen oder ab­zu­schaf­fen. Er kann das Sub­jekt ab­schaf­fen, und zwar da­durch, dass er es nicht an­er­kennt. In­wie­fern?

Um die­se Fra­ge zu be­ant­wor­ten, habe ich im Fol­gen­den zu­sam­men­ge­tra­gen, wie La­can von der An­er­ken­nung (re­con­nais­sance, re­con­naît­re) des Be­geh­rens spricht, wie er also ver­sucht, die He­gel­sche Dia­lek­tik der An­er­ken­nung, wie er sie bei Ko­jè­ve ken­nen­ge­lernt hat­te, für eine Psy­cho­ana­ly­se frucht­bar zu ma­chen, die sich an der Dif­fe­renz zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren, dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len ori­en­tiert3 (zu den Pro­ble­men der Über­set­zung von re­con­nais­sance und re­con­naît­re vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.) Da­bei be­schrän­ke ich mich auf die ers­ten drei Jah­re der sym­bo­li­schen Wen­de, also auf den Zeit­raum von 1953 bis 1955. Ich gebe zu­nächst eine sys­te­ma­ti­sie­ren­de Zu­sam­men­stel­lung mit Sei­ten­ver­wei­sen ohne Zi­ta­te. Nach die­sem Über­blick kom­me ich auf mei­ne Fra­ge zu­rück: In­wie­fern wird das Sub­jekt da­durch, dass es nicht an­er­kannt wird, ab­ge­schafft?

Die Zu­sam­men­stel­lung be­zieht sich auf fol­gen­de Tex­te:
Dis­cours de Rome (Rom-Vor­trag). In. J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 133–164 (Vor­trag von 1953, ver­öf­fent­licht 1956)

Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se. In: J. La­can: Schrif­ten I, S. 71–169, über­setzt von Klaus La­er­mann (Vor­trag von 1953, ver­öf­fent­licht 1956)
Va­ri­an­tes de la cure-type (Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs). In: J. La­can: Écrits, S. 323–362 (ge­schrie­ben und ver­öf­fent­licht 1955)
Das Freud’sche Ding. Tu­ria + Kant, Wien 2. Aufl. 2011, über­setzt von Mo­ni­ka Ma­ger (Vor­trag von 1955, ver­öf­fent­licht 1956)
Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten, Ver­si­on Miller/Hamacher
Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Pscho­ana­ly­se, Ver­si­on Miller/Metzger
Die Sei­ten­an­ga­ben ver­wei­sen auf die­se Aus­ga­ben; „Über­set­zung ge­än­dert“ meint, dass in der deut­schen Über­set­zung an die­ser Stel­le re­con­nais­sance oder re­con­naît­re nicht mit An­er­ken­nung bzw. an­er­ken­nen über­setzt wer­den.

Volles Sprechen

In py­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve ist die ent­schei­den­de Fra­ge nicht die nach der Be­frie­di­gung oder Frus­tra­ti­on des Be­geh­rens (dé­sir), son­dern die Fra­ge sei­ner An­er­ken­nung oder Nicht-An­er­ken­nung.4 Das Sub­jekt muss sei­ne Be­gier­den (dé­sirs) an­er­ken­nen.5

Das Be­geh­ren kann nur in der in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hung an­er­kannt wer­den.6 Das ers­te „Ob­jekt“ des Sub­jekts, sein ers­tes Ziel, be­steht dar­in, vom an­de­ren an­er­kannt zu wer­den.7

Die An­er­ken­nung des Be­geh­rens durch den an­de­ren kann zwei For­men an­neh­men. Sie kann ima­gi­när oder sym­bo­lisch er­fol­gen, sie hat ent­we­der die Form der ima­gi­nä­ren Ag­gres­si­on oder die des sym­bo­li­schen Pakts8, sie ist ent­we­der Kampf um Pres­ti­ge oder Über­ein­stim­mung im Spre­chen.9

Im Fal­le der ima­gi­nä­ren An­er­ken­nung ist das Be­geh­ren ganz und gar im an­de­ren ent­frem­det. Das Sub­jekt sieht das Be­geh­ren im an­de­ren, das er­zeugt eine Span­nung, und die­se Span­nung kann, wie He­gel ge­zeigt hat, nur durch den Wunsch nach Zer­stö­rung des an­de­ren auf­ge­löst wer­den.10 Statt von der ima­gi­nä­ren An­er­ken­nung spricht La­can auch von der Nicht-An­er­ken­nung in der ima­gi­nä­ren Be­zie­hung.11

Die Pro­duk­ti­on von Le­bens­mit­teln ist durch die Dia­lek­tik von Herr und Knecht struk­tu­riert, durch das sym­bo­li­sche Auf­tau­chen des ima­gi­nä­ren Kamp­fes um Le­ben und Tod, und dies ist die we­sent­li­che Struk­tur des Ichs. Es ist des­halb nicht er­staun­lich, dass, wie Freud im­mer be­tont hat, der Hun­ger nicht im Un­be­wuss­ten re­prä­sen­tiert ist und also auch nicht ver­sucht, sich An­er­ken­nung zu ver­schaf­fen.12

Die sym­bo­li­sche An­er­ken­nung des Be­geh­rens er­folgt im Spre­chen, hier­durch ver­mensch­licht sich das Be­geh­ren.13 Das Be­geh­ren wird nur da­durch an­er­kannt, dass es be­nannt wird.14 Das No­men, die To­ta­li­tät Si­gni­fi­kant-Si­gni­fi­kat, dient zur An­er­ken­nung des Be­geh­rens.15

Eine ein­fa­che Form der An­er­ken­nung des Be­geh­rens ist, dass man sagt: „ich lie­be“ oder „ich will“.16

Die An­er­ken­nung des Be­geh­rens durch das Spre­chen er­folgt je­doch nicht mo­no­lo­gisch, son­dern in der in­ter­sub­jek­ti­ven Be­zie­hung. Sie stellt sich her zwi­schen je­man­den, der zu sich selbst „ich“ sagt, und je­man­dem, zu dem er „du“ sagt.17

Die An­er­ken­nung des Be­geh­rens voll­zieht sich aber auch nicht in der An­re­de, son­dern in ei­nem Spre­chen, das wie ein Tausch funk­tio­niert, im Aus­tausch der Wor­te. Die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung ist eine Art Ga­ben­tausch, und sie steu­ert den Ga­ben­tausch im en­ge­ren Sin­ne, also den Ga­ben­tausch im Sin­ne von Mar­cel Mauss18; durch die Gabe des Spre­chens ha­ben sich die Men­schen an­zu­er­ken­nen.19

La­can be­zeich­net das Spre­chen, das auf wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung ab­zielt, als „vol­les Spre­chen“. Ei­nes sei­ner Bei­spie­le für das vol­le Spre­chen ist der fol­gen­de Dia­log:

A. sagt zu B: „Du bist mei­ne Frau.“
B. ant­wor­tet: „Du bist mein Mann.“20

Ein an­de­res Bei­spiel, das La­can im­mer wie­der an­führt, be­zieht sich auf das Ver­hält­nis von Meis­ter und Schü­ler: „Du bist mein Meis­ter.“ – „Du bist mein Schü­ler.“

Im vol­len Spre­chen er­hält der Sen­der sei­ne ei­ge­ne Bot­schaft vom Emp­fän­ger in um­ge­kehr­ter Form. Die ei­ge­ne Bot­schaft des Sen­ders im ers­ten Bei­spiel ist „Ich bin dein Mann“. A er­hält die­se ei­ge­ne Bot­schaft, in­dem er B sagt, „Du bist mei­ne Frau“. (Vgl. hier­zu die­sen Blog­bei­trag.)

Im vol­len Spre­chen gebe ich dem an­de­ren mein Wort21, und ich ver­su­che, ihn dazu zu brin­gen, dass er mir glaubt.22

Im vol­len Spre­chen wird auf be­stimm­te Wei­se die Wahr­heit an­ge­zielt, der­art näm­lich, dass die Wahr­heit sich da­durch her­stellt, dass der eine den an­de­ren an­er­kennt.23 Die Bot­schaft „Du bist mein Meis­ter“ wird da­durch wahr, dass der Emp­fän­ger ant­wor­tet: „Du bist mein Schü­ler.“ We­gen die­ses Wahr­heits­be­zugs be­zeich­net La­can das vol­le Spre­chen auch als „wah­res Spre­chen“.24 (Zur Wahr­heit des vol­len Spre­chens vgl. die­sen Blog­bei­trag.)

Die wech­sel­sei­ti­ge An­er­ken­nung durch das vol­le Spre­chen hat eine be­stimm­te Zeit­lich­keit: die Ver­gan­gen­heit wird hier auf die Zu­kunft be­zo­gen, auf das, was sein wird.25

Das vol­le Spre­chen stif­tet zwi­schen den Spre­chern ei­nen Ver­trag und ein Ein­ver­ständ­nis.26 Es hat ver­än­dern­de Kraft: es be­wirkt, dass die Sub­jek­te hin­ter­her an­de­re sind als vor­her.27

Eine der Funk­ti­on des Spre­chens be­steht also dar­in, sich An­er­ken­nung zu ver­schaf­fen.28 Eine zwei­te Funk­ti­on des Spre­chens ist die Er­kennt­nis, also die Über­ein­stim­mung mit der Sa­che. Eine drit­te Funk­ti­on des Spre­chens be­steht dar­in, den an­de­ren zu über­zeu­gen.29

Anerkennung des Begehrens in der Psychoanalyse

Wenn die Be­gier­den nicht an­er­kannt wer­den, wer­den sie ver­drängt.30

In ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Kur wird ver­sucht, die An­er­ken­nung des Be­geh­rens durch das Spre­chen zu er­rei­chen. Die Auf­ga­be des Ana­ly­ti­kers be­steht dar­in, das Be­geh­ren des Sub­jekts an­zu­er­ken­nen.31 Er ver­sucht, es dem Sub­jekt zu er­mög­li­chen, sei­ne Be­gier­den durch das Spre­chen an­zu­er­ken­nen.32

Wenn die un­be­wuss­te Stre­bung an­er­kannt wird, hat das eine be­frie­den­de Wir­kung; dar­an zeigt sich, dass die un­be­wuss­te Stre­bung wah­rer ist als die Ab­wehr.33 In ei­ner Psy­cho­ana­ly­se be­steht die Auf­ga­be des Psy­cho­ana­ly­ti­kers also dar­in, den Pa­ti­en­ten dazu zu brin­gen, eine Wahr­heit an­zu­er­ken­nen.34 Die an­er­kann­te Wahr­heit wird nicht dem Ich ver­macht, son­dern dem Sub­jekt.35

Das Spre­chen in der Psy­cho­ana­ly­se ori­en­tiert sich am vol­len Spre­chen; die­ses hat eine ver­wan­deln­de Kraft und aus die­sem Grun­de kann es von der Psy­cho­ana­ly­se nicht über­gan­gen wer­den.36

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker muss zum Pa­ti­en­ten über et­was an­de­res spre­chen als über das, wor­über der Pa­ti­ent dann spricht, wenn er über sich selbst spricht. Das, wor­um es geht, ist ein un­be­wuss­tes Spre­chen des Pa­ti­en­ten. Die­ses wen­det sich an den Psy­cho­ana­ly­ti­ker und kann in ihm eine Ant­wort her­vor­ru­fen. Der Ana­ly­ti­ker hört die Bot­schaft in um­ge­kehr­ter Form und kann sie dem Pa­ti­en­ten zu­rück­ge­ben und ihm so eine dop­pel­te Be­frie­di­gung ver­schaf­fen: die­je­ni­ge, dass sei­ne Bot­schaft vom Ana­ly­ti­ker an­er­kannt wor­den ist und die­je­ni­ge, die da­durch ent­steht, dass er den Pa­ti­en­ten dazu zu bringt, die Wahr­heit die­ser Bot­schaft an­zu­er­ken­nen.37 Da­bei hat der Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu be­rück­sich­ti­gen, dass die Deu­tung nur in Form ei­ner An­spie­lung er­fol­gen kann; deu­ten heißt an­deu­ten.38

Cha­rak­te­ris­tisch für die Pa­ra­noia ist die Ver­wei­ge­rung der An­er­ken­nung.39 Die Über­tra­gung be­ruht dar­auf, dass ein Wunsch sich kei­ne An­er­ken­nung ver­schaf­fen kann, dass ihm die Dis­kurs­form un­ter­sagt ist.40 In der Über­tra­gung ma­ni­fes­tiert sich ein Be­geh­ren; es zeigt sich in der Wie­der­ho­lung von Si­gni­fi­kan­ten, die ver­drängt wor­den sind und in de­nen das Ver­dräng­te wie­der­kehrt. Der Grund für die­se Wie­der­ho­lung be­steht dar­in, dass das Be­geh­ren nach An­er­ken­nung das an­zu­er­ken­nen­de Be­geh­ren do­mi­niert, in­dem es die­se Wie­der­ho­lung erst dann auf­gibt, wenn das Be­geh­ren sym­bo­lisch an­er­kannt ist.41 Die Über­tra­gung ist ein Akt des Spre­chens, da es in ihr dar­um geht, sei­nem Be­geh­ren An­er­ken­nung zu ver­schaf­fen.42

Die Abschaffung des Subjekts: noch einmal

Der Ana­ly­ti­ker kann durch sei­ne Ant­wort das Sub­jekt an­er­ken­nen oder ab­schaf­fen. In wel­chem Sin­ne kann er das Sub­jekt ab­schaf­fen?

Das, was den Drang be­herrscht, der in der Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten sei­nen Aus­weg fin­det, ist zwei­fel­los ein Be­geh­ren, aber in­so­fern es sich an­er­ken­nen las­sen muss, und weil es von An­fang an in die­ses Re­gis­ter der An­er­ken­nung ein­ge­schrie­ben ist, ist es im Au­gen­blick der Ver­drän­gung das Sub­jekt, das sich aus die­sem Re­gis­ter zu­rück­ge­zo­gen hat, und nicht die­se un­ver­jähr­ba­re Ein­schrei­bung.“43

Die Ver­drän­gung be­steht also dar­in, dass das Sub­jekt sich aus dem Re­gis­ter der An­er­ken­nung zu­rück­zieht, dass es den Ver­such auf­gibt, sein Be­geh­ren an­er­ken­nen zu las­sen.

Und wenn sie (die Be­gier­den) nicht an­er­kannt wer­den, so sind sie als sol­che un­ter­sagt, und an die­ser Stel­le be­ginnt in der Tat die Ver­drän­gung.“44

Die Un­ter­sa­gung des Be­geh­rens be­steht nicht in ei­nem Ver­bot, son­dern dar­in, dass es nicht an­er­kannt wird, und eben da­mit be­ginnt die Ver­drän­gung.

Der Ana­ly­ti­ker schafft das Sub­jekt durch sei­ne Ant­wort dann ab, wenn er das Be­geh­ren des Sub­jekts nach An­er­ken­nung des Be­geh­rens, wie es sich in der Über­tra­gung ma­ni­fes­tiert, nicht an­er­kennt. Durch die Nicht-An­er­ken­nung des Be­geh­rens sorgt er da­für, dass das Sub­jekt den Ver­such auf­gibt, sein Be­geh­ren an­er­ken­nen zu las­sen, an­ders ge­sagt: durch die Nicht-An­er­ken­nung des Be­geh­rens ruft er die Ver­drän­gung her­vor, und eben dar­in be­steht die Ab­schaf­fung des Sub­jekts. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Sub­jekts be­steht dar­in, dass es be­strebt ist, sein Be­geh­ren an­er­ken­nen zu las­sen, in ei­ner Ana­ly­se heißt das: durch die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten in der Über­tra­gung. Ein Sub­jekt, das nicht die An­er­ken­nung sei­nes Be­geh­rens be­gehrt, ein Sub­jekt, bei dem das Ver­dräng­te nicht wie­der­kehrt, ist kein Sub­jekt mehr – es ist ab­ge­schafft.

Abschaffung des Subjekts und Anerkennung des Begehrens nach 1955

Was wird in spä­te­ren Tex­ten aus der Ab­schaf­fung des Sub­jekts? Das vom Si­gni­fi­kan­ten durch­ge­stri­che­ne Sub­jekt, sym­bo­li­siert durch das Zei­chen $. In Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, heißt es:

In Wahr­heit gibt es kein an­de­res Zei­chen des  Sub­jekts als das Zei­chen sei­ner Ab­schaf­fung als Sub­jekt, die­ses Zei­chen, das $ ge­schrie­ben wird.“45

Und was wird aus der An­er­ken­nung des Be­geh­rens? Die An­er­ken­nung des Be­geh­rens wird durch ei­nen Si­gni­fi­kan­ten er­mög­licht, der auf die­se An­er­ken­nung spe­zia­li­siert ist: durch den Phal­lus. Auch die­sen Ge­dan­ken fin­det man in Se­mi­nar 6:

Der Phal­lus ist nichts an­de­res als der Si­gni­fi­kant des Be­geh­rens des Be­geh­rens. Das Be­geh­ren hat kein an­de­res Ob­jekt als den Si­gni­fi­kan­ten sei­ner An­er­ken­nung.“46

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Anmerkungen

  1. Schrif­ten I, S. 144.
  2. Écrits, S. 300.
  3. Vgl. Alex­andre Ko­jè­ve: In­tro­duc­tion à la lec­tu­re de He­gel. Leçons sur la Phé­no­me­no­lo­gie de l’esprit, pro­fes­sées de 1933 à 1939 à l‘École des Hau­tes-Étu­des. Hg. v. Ray­mond Que­ne­au. Gal­li­mard, Pa­ris 1947. – Deut­sche Teil­über­set­zung: He­gel. Eine Ver­ge­gen­wär­ti­gung sei­nes Den­kens. Kom­men­tar zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes. Über­setzt von Iring Fet­scher. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975.
  4. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 234 f.
  5. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 235.
  6. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 120 f., Über­set­zung ge­än­dert.
  7. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 108.
  8. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 218 f.
  9. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 120.
  10. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 218.
  11. Vgl. Se­mi­nar 2, S. 321, 338.
  12. Das Freud’sche Ding, S. 65, Über­set­zung ge­än­dert.
  13. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 137, Über­set­zung ge­än­dert; Va­ri­an­tes de la cure-type, S. 353.
  14. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 234 f.
  15. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 321.
  16. Vgl. Dis­cours de Rome, S. 137.
  17. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 227.
  18. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 112, Über­set­zung ge­än­dert.– Vgl. Mar­cel Mauss: Es­sai sur le don, zu­erst 1923/24; dt. un­ter dem Ti­tel Die Gabe, Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1968.
  19. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 169, Über­set­zung ge­än­dert.
  20. Va­ri­an­tes de la cure-type, S. 351.
  21. Vgl. Dis­cours de Rome, S. 155; Va­ri­an­tes de la cure-type, S. 352.
  22. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 301.
  23. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 140 f.
  24. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 124, 145.
  25. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 143, Über­set­zung ge­än­dert.
  26. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 321.
  27. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 140 f.
  28. Vgl. Dis­cours de Rome, S. 135, 137; Se­mi­nar 1, S. 234 f.
  29. Vgl. Va­ri­an­tes de la cure-type, S. 351 f.; die drei Funk­tio­nen des Spre­chens wer­den aus­führ­lich in die­sen Blog­ar­ti­kel dar­ge­stellt.
  30. Se­mi­nar 1, S. 235.
  31. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 147 f., Über­set­zung ge­än­dert.
  32. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 235, 249.
  33. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 17.
  34. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 40, Über­set­zung ge­än­dert.
  35. Vgl. Das Freud­sche Ding, S. 37.
  36. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 140 f.
  37. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 42.
  38. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 138.- Mehr dazu in die­sem Blog­bei­trag.
  39. Vgl. Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, S. 142.
  40. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 307.
  41. Vgl. Das Freud’sche Ding, S. 63.
  42. Vgl. Se­mi­nar 1, S. 308.
  43. Dis­cours de Rome, S. 138, mei­ne Über­set­zung.
  44. Se­mi­nar 1, S. 235.
  45. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 129 f., mei­ne Über­set­zung.
  46. Se­mi­nar 6, a.a.O., S. 564, mei­ne Über­set­zung.

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