Ich

Spiegelstadium: das Je und das Moi

Parmigianino, Selbstportrait in Hohlspiegel (zu: Jacques Lacan, Spiegelstadium)Par­mi­gia­ni­no, Selbst­por­trait im kon­ve­xen Spie­gel, 1524,
Öl auf ge­wölb­tem Pap­pel­holz, 24,7 cm, Wien, Kunst­his­to­ri­sches Mu­se­um

Die üb­li­che fran­zö­si­sche Über­set­zung für das Freud­sche Ich ist moi. War­um spricht Jac­ques La­can im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um nicht nur vom moi, son­dern auch vom je – was eben­falls „ich“ be­deu­tet? Ist da­mit das­sel­be ge­meint? Oder ste­hen die bei­den Aus­drü­cke für zwei un­ter­schied­li­che psy­chi­sche For­ma­tio­nen?

Spiegelstadium mit „Je“ und „Moi“ – das Problem

Die 1949 er­schie­ne­ne Ar­beit über das Spie­gel­sta­di­um führt das „Je“ be­reits im Ti­tel: „Le sta­de du mi­ro­ir com­me for­ma­teur de la fonc­tion du Je“, Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on.1 Zu­erst denkt man, dass La­can in die­sem Auf­satz das ein­ge­bür­ger­te moi durch das un­üb­li­che je er­setzt, dann re­gis­triert man, dass er bei­de Aus­drü­cke ver­wen­det und zwi­schen ih­nen wech­selt. Das führt zu Schwie­rig­kei­ten in der Über­set­zung, die in der deut­schen Aus­ga­be so ge­löst wor­den sind, dass der fran­zö­si­sche Aus­druck (meist) in Klam­mern hin­zu­ge­fügt wur­de; man liest hier ent­we­der „Ich (je)“ oder „Ich (moi)“. La­can be­nutzt also bei­de Ter­mi­ni, er äu­ßert sich je­doch nicht zum Ver­hält­nis zwi­schen ih­nen. Beim Le­sen fragt man sich un­wei­ger­lich: meint das das­sel­be oder et­was an­de­res?

Im­mer­hin er­fährt man: das je ist gleich­zu­set­zen mit dem je-idéal, also mit dem Freud­schen Be­griff des Idea­lichs:

Die ju­bi­la­to­ri­sche Auf­nah­me sei­nes Spie­gel­bil­des (…) wird von nun an (…) die sym­bo­li­sche Ma­trix dar­stel­len, an der das Ich (je) in ei­ner ur­sprüng­li­chen Form sich nie­der­schlägt (…). Die­se Form wäre im üb­ri­gen eher als Ideal­ich (je-idéal) zu be­zeich­nen (…).“2

Das scheint die Lö­sung zu sein: je be­zieht sich auf das Ideal­ich, moi auf das Ich. Aber mög­li­cher­wei­se iden­ti­fi­ziert La­can hier das Ideal­ich (je-idéal) nicht nur mit dem je, son­dern auch mit dem moi?

Eine klar­ge­schnit­te­ne Op­po­si­ti­on zwi­schen dem je und dem moi fin­det man bei La­can ei­ni­ge Jah­re spä­ter, im Auf­satz Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se von 1953 so­wie in Se­mi­nar 1 von 1953/54, Freuds tech­ni­sche Schrif­ten. Hier wer­den die Ter­mi­ni ein­deu­tig ver­teilt, aus dem je wird das Sub­jekt des Spre­chens und aus dem moi das ima­gi­nä­re Ich. Na­tür­lich darf man die­se Un­ter­schei­dung nicht auf das Jahr 1949 zu­rück­pro­ji­zie­ren; da­zwi­schen liegt das Jahr 1953 mit sei­nem epis­te­mo­lo­gi­schen Ein­schnitt, also mit der Kon­struk­ti­on der drei Re­gis­ter des Sym­bo­li­schen, des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len.

Was also hat es im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um mit dem je und dem moi auf sich? Iden­ti­tät oder Dif­fe­renz? Und wie sieht La­can hier das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ideal­ich, dem je-idéal und dem Ich, dem moi?

Ein Au­tor be­ant­wor­tet die Fra­ge so, dass er die Be­grif­fe auf die bei­den Sei­ten der Spie­gel­be­ob­ach­tung ver­teilt: das je be­zieht sich, ihm zu­fol­ge, auf das be­ob­ach­ten­de Ich, auf das „er­le­ben­de Selbst“, wie er sagt; das moi auf das be­ob­ach­te­te Ich, also auf das be­trach­te­te Spie­gel­bild, in sei­ner Ter­mi­no­lo­gie: auf das „er­leb­te Selbst“3. Für die­se Deu­tung gibt es in La­cans Auf­satz kei­ne An­halts­punk­te. Sie er­in­nert an die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Je und dem Moi, wie sie von Sart­re in ei­ner Ar­beit aus dem Jahr 1936/37 ent­wi­ckelt wor­den ist4; viel­leicht wird hier Sar­tres Be­griffs­op­po­si­ti­on auf La­can pro­ji­ziert.

In ei­ner gründ­li­chen Ab­hand­lung zum Spie­gel­sta­di­um be­haup­tet Dany No­bus, die Ter­mi­ni je und moi wür­den im Auf­satz von 1949 syn­onym ver­wen­det.

It should be no­ted that at this sta­ge of Lacan’s theo­reti­cal de­ve­lop­ment – the end of the 1940’s – me (moi) and I (je) are in­ter­ch­an­ge­ab­le terms“5.

Das wür­de hei­ßen, dass La­can hier nicht nur das je und das moi, son­dern auch das Ideal­ich und das Ich mit­ein­an­der gleich­setzt und für die­ses Ich-Ideal­ich drei ver­schie­de­ne Aus­drü­cke ver­wen­det: je, je-idéal und moi.

Nun ist al­ler­dings No­bus‘ Be­grün­dung we­nig über­zeu­gend. Er be­ruft sich dar­auf, dass La­can im Auf­satz von 1949 den Freud­schen Be­griff „Ideal­ich“ mit je-idéal über­setzt, ab dem Se­mi­nar von 1953/54 je­doch mit moi idéal. Dem­nach, so fol­gert er, sind für La­can in die­sem Zeit­raum die Aus­drü­cke je und moi syn­onym.6 Tat­säch­lich aber sagt der Wech­sel der Über­set­zung von je-idéal im Jahr 1949 zu moi idéal im Jahr 1954 nichts dar­über aus, wie La­can die Aus­drü­cke je und moi im Jahr 1949 ver­wen­det hat, es könn­te ja auch sein, dass er sich ent­schlos­sen hat­te, das Freud­sche „Ich“ mit moi zu über­set­zen und das Freud­sche „Ideal­ich“ mit je und mit je-idéal. Und au­ßer­dem ist La­cans Wech­sel von je-idéal zu moi ide­al da­mit ver­bun­den, dass er das moi und das je ar­gu­men­ta­tiv klar von­ein­an­der ab­grenzt – er ver­wen­det also 1954 die bei­den Aus­drü­cke ge­ra­de nicht syn­onym.

Trotz­dem könn­te No­bus recht ha­ben – das Feh­len ei­nes Be­wei­ses für die Iden­ti­tät ist kein Be­weis für das Feh­len der Iden­ti­tät. Die Aus­drü­cke je und moi könn­ten im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um das­sel­be be­deu­ten, La­can könn­te hier das Ideal­ich und das moi als das­sel­be an­se­hen.

Merk­wür­di­ger­wei­se wie­der­holt sich hier eine Pro­blem­stel­lung, die von Freud her be­kannt ist. Sie be­zieht sich bei die­sem zwar nicht auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem Ideal­ich und dem Ich, wohl aber auf eine ver­wand­te Be­griffs­op­po­si­ti­on, die zwi­schen dem Ideal­ich und dem Ichi­de­al. Die bei­den Aus­drü­cke wer­den 1914 von Freud erst­mals ver­wen­det, in Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus (1914), und man fin­det sie hier ne­ben­ein­an­der, so­gar im sel­ben Ab­satz, ohne dass aus der Ab­hand­lung er­sicht­lich wäre, ob er auf ei­nen Un­ter­schied ab­zielt und wenn ja, auf wel­chen.7

1954 merkt La­can hier­zu an:

Wenn man von der Stren­ge der Freud­schen Schrift aus­geht, ist ei­nes der Rät­sel die­ses Tex­tes (…) der Um­stand, daß bei­de Be­grif­fe, im sel­ben Ab­satz, ne­ben­ein­an­der­ste­hen.“8

Das­sel­be kann man zum Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um sa­gen: Wenn man von der Stren­ge der La­can­schen Schrift aus­geht, ist ei­nes der Rät­sel die­ses Tex­tes der Um­stand, dass bei­de Be­grif­fe, je und moi, ne­ben­ein­an­der­ste­hen, bis­wei­len so­gar im sel­ben Ab­satz.

Der Aufsatz über das Spiegelstadium von 1949

Wie lässt sich das Pro­blem lö­sen? Man muss sich dem Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um zu­wen­den und prü­fen, wie hier je und moi zu­ein­an­der in Be­zie­hung ge­setzt wer­den. Es gibt eine Pas­sa­ge, in der ein un­mit­tel­ba­rer Zu­sam­men­hang her­ge­stellt wird:

Aber von be­son­de­rer Wich­tig­keit ist ge­ra­de, daß die­se Form (das je bzw. das je-idéal) vor je­der ge­sell­schaft­li­chen De­ter­mi­nie­rung die In­stanz des Ich (moi) auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on si­tu­iert, die das ein­zel­ne In­di­vi­du­um nie mehr aus­lö­schen kann (…).“9

Die Form des je bzw. das je-idéal si­tu­iert das moi auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on. Lei­der er­mög­licht die­ser Satz zwei Les­ar­ten. Man kann ihn so deu­ten:
– ‚Das je be­wirkt, dass das moi auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on ver­or­tet wird.‘
Falls je und moi syn­onym sind, muss man die Aus­drü­cke wech­sel­sei­tig für­ein­an­der ein­set­zen kön­nen. Man er­hält dann bei­spiels­wei­se:
– ‚Das moi be­wirkt, dass das moi auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on ver­or­tet wird.‘

Das er­gibt kei­nen Sinn. Und das könn­te der schla­gen­de Be­weis da­für sein, dass La­can sich im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um mit je und moi auf zwei un­ter­schied­li­che For­ma­tio­nen be­zieht, auf das Ideal­ich im Un­ter­schied zum Ich.

Man kann den Ak­zent aber auch auf den Aus­druck Form set­zen und den Satz so auf­fas­sen:
– ‚Es ist die Form des je, die be­wirkt, dass das moi auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on ver­or­tet wird.‘

In die­ser Fas­sung be­steht der Satz den Syn­ony­mi­täts­test. Denn es ist kein Pro­blem, zu be­haup­ten:
–  ‚Es ist die Form des moi, die be­wirkt, dass das moi auf ei­ner Li­nie der Fik­ti­on ver­or­tet wird.‘
An­ders ge­sagt: Das, wo­durch das moi auf der Li­nie der Fik­ti­on ver­or­tet wird, ist der Form-As­pekt des moi, die Bin­dung des moi an eine Ge­stalt.

Also er­mög­licht die For­mu­lie­rung, in der je und moi di­rekt auf­ein­an­der be­zo­gen wer­den, kei­ne Ent­schei­dung.

Es bleibt die Mög­lich­keit, die „Prä­di­ka­te“ von je und moi zu un­ter­su­chen, ihre Be­stim­mun­gen. Wie wer­den die Ter­mi­ni je und moi ver­wen­det, be­zie­hen sie sich auf die­sel­ben Zu­sam­men­hän­ge oder ste­hen sie in un­ter­schied­li­chen Kon­tex­ten?

Über das moi er­fährt man:

– Es ist – ge­gen Freud – nicht gleich­zu­set­zen mit dem Sys­tem Wahr­neh­mung-Be­wusst­sein und be­ruht nicht auf dem Rea­li­täts­prin­zip (S. 69).
– Es ist der Sitz der Ab­wehr­me­cha­nis­men (68).
– Es be­ruht auf Ver­ken­nung, wozu als of­fen­ba­re Form die Ver­nei­nung ge­hört (69 f.).
– Es ist cha­rak­te­ri­siert durch un­end­li­che „Ich-Prü­fun­gen (ré­co­le­ments du moi)“ (67), wo­mit ver­mut­lich ge­meint ist, dass die Kennt­nis von Ob­jek­ten und des moi selbst in ei­nem un­end­li­chen Pro­zess be­stän­dig re­vi­diert wer­den muss.10
– Zwi­schen dem moi und der Spie­gel­bild-Iden­ti­fi­zie­rung wird kei­ne di­rek­te Ver­bin­dung her­ge­stellt.

An­ders ge­sagt: das moi ist der Sitz der Ab­wehr­me­cha­nis­men; ein wich­ti­ger As­pekt der Ab­wehr ist die Ver­ken­nung; eine prä­gnan­te Form der Ver­ken­nung ist die Ver­nei­nung. Im Ver­hält­nis zu den Ob­jek­ten und zu sich selbst ist das moi durch eine be­stän­di­ge Re­vi­si­on cha­rak­te­ri­siert. La­can ver­wen­det den Be­griff des moi dem­nach weit­ge­hend so, wie Anna Freud den Be­griff des Ichs ge­braucht, in ih­rer Stu­die Das Ich und die Ab­wehr­me­cha­nis­men von 1936, ei­ner Ar­beit, auf die La­can sich im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um zwei­mal zu­stim­mend be­zieht.11

Das je wird in die­sem Auf­satz mit sehr viel mehr Be­stim­mun­gen ver­bun­den; hier die – si­cher­lich et­was müh­se­lig zu le­sen­de – Ge­samt­lis­te:
– Das je ent­steht durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild (64).
– Das je kann (wie be­reits re­fe­riert) auch als je-idéal be­zeich­net wer­den, als Ideal­ich (64).
– Das Spie­gel­bild sym­bo­li­siert die Dau­er­haf­tig­keit des je (64).
– Das je ent­wi­ckelt sich in drei Pha­sen. Am An­fang steht das „je spé­cu­lai­re“, das Spie­gel–Ich, dar­auf folgt das im­mer noch vor­sprach­li­che „je so­ci­al“, das so­zia­le Ich, und schließ­lich ent­steht das sprach­li­che je (64, 68).
– Die Ent­ste­hung des so­zia­len je durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit der Ima­go des Nächs­ten macht aus dem je ei­nen Ap­pa­rat, für den jede Trieb­re­gung eine Ge­fahr dar­stellt (69).
– Eine der Funk­tio­nen des je ist die Ag­gres­si­vi­tät (69).12
–Das je ist der Wur­zel­stock für die se­kun­dä­ren Iden­ti­fi­zie­run­gen (64), also für die Iden­ti­fi­zie­run­gen mit den El­tern im Zu­sam­men­hang des Ödi­pus­kom­ple­xes.
– Das Sub­jekt muss, als je, durch dia­lek­ti­sche Syn­the­sen sei­ne Nicht­über­ein­stim­mung mit der ei­ge­nen Rea­li­tät über­win­den, was ihm aber nur asym­pto­tisch ge­lingt (64).
– Das je wird in Träu­men durch ein be­fes­tig­tes La­ger sym­bo­li­siert, durch ein Sta­di­on, das in zwei ein­an­der ge­gen­über­lie­gen­de Kampf­fel­der ge­teilt ist (67 f.), das Spie­gel­sta­di­um, so könn­te man sa­gen, durch ein ge­spie­gel­tes Sta­di­on.
– Die Neu­ro­se lässt sich durch die Träg­heit der Bil­dun­gen des je de­fi­nie­ren (70). 1. Der Zu­satz „(je)“ fehlt hier in der Über­set­zung.] Un­ter „Träg­heit“ ist hier ver­mut­lich der Wi­der­stand ge­gen die Ana­ly­se zu ver­ste­hen.13

Ins­ge­samt, so lässt sich das viel­leicht zu­sam­men­zie­hen, wird das je vor al­lem durch die Iden­ti­fi­zie­run­gen mit den Ide­al­bil­dern cha­rak­te­ri­siert, die­se Iden­ti­fi­zie­run­gen gel­ten als Ur­sa­che der Ag­gres­si­tät. Die Ide­al­bild-Iden­ti­fi­zie­run­gen bil­den eine Rei­he: Spie­gel–je, so­zia­les je, sprach­li­ches je. Zwi­schen der Spie­gel­bild-Iden­ti­fi­zie­rung und dem je bzw. dem je-idéal wird eine ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung vor­ge­nom­men.

Da­mit kann man das je/moi-Pro­blem so um­for­mu­lie­ren: Im Text lässt sich be­ob­ach­ten, dass La­can das moi mit der Ab­wehr und dem Ver­ken­nen zu­sam­men­bringt, das je vor al­lem mit der Iden­ti­fi­zie­rung mit Ide­al­bil­dern und mit der Ag­gres­si­vi­tät. Ist das eine zu­fäl­li­ge Ver­tei­lung oder un­ter­schei­det er hier zwei Funk­ti­ons­wei­sen bzw. zwei For­men des Ichs?

Ers­te Mög­lich­keit: Iden­ti­täts­the­se, das Ich (moi) und das Ideal­ich (je, je-idéal) sind für La­can das­sel­be. Dann sind Ab­wehr, Ver­ken­nen, Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Ide­al­bild und Ag­gres­si­vi­tät al­le­samt Funk­tio­nen die­ser ei­nen In­stanz.

Zwei­te Mög­lich­keit: Dif­fe­renz­the­se, La­can spricht von zwei un­ter­schied­li­chen psy­chi­schen For­ma­tio­nen, ei­ner­seits vom moi, and­rer­seits vom je oder je-idéal. Er ord­net dem Ich (moi) die Ab­wehr und das Ver­ken­nen zu, dem Ideal­ich (je, je-idéal) hin­ge­gen vor al­lem die Iden­ti­fi­zie­rung mit Ide­al­bil­dern und die Ag­gres­si­vi­tät.

Die Merk­mals­ver­tei­lung legt die zwei­te Lö­sung nahe, er­zwingt sie aber nicht. Der Text ist mit bei­den Deu­tun­gen ver­ein­bar.

Wenn die di­rek­te In-Be­zie­hung-Set­zung von je und moi mehr­deu­tig ist und die Ver­tei­lung der Prä­di­ka­te kei­ne Ent­schei­dung er­mög­licht, wie kann man doch noch zu ei­ner Lö­sung des je/moi-Pro­blems kom­men? In­dem man die Vor- und die Nach­ge­schich­te die­ser Ter­mi­no­lo­gie zur Kennt­nis nimmt.

Das Spiegelstadium vor 1949

In sei­ner Fall­stu­die über die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se von 1932 war La­can dar­auf ge­sto­ßen, dass sich die Ag­gres­si­vi­tät auf das Ide­al rich­tet.14 Mar­gue­ri­te An­zieu – Post­an­ge­stell­te und Au­to­rin zwei­er Ro­ma­ne, die vom Ver­lag ab­ge­lehnt wor­den wa­ren – hat­te ver­sucht, Hu­guette Duflot zu er­mor­dern, eine pro­mi­nen­te Schau­spie­le­rin. Duflot ge­hör­te für sie zu ei­ner Grup­pe von Ver­fol­ge­rin­nen, die vor al­lem ihr Kind be­droh­ten, und zu der sie auch die Schau­spie­le­rin Sa­rah Bern­hardt und die Schrift­stel­le­rin Co­let­te rech­ne­te. Alle drei wa­ren be­rühmt, alle drei wa­ren reich und alle drei ver­kör­per­ten das Ide­al der Un­ab­hän­gig­keit, mit dem An­zieu sich iden­ti­fi­zier­te. Im Hin­ter­grund die­ser Ver­fol­ger­rei­he stand Mar­gue­ri­tes Schwes­ter Éli­se, die von ihr ver­ehrt wur­de.15 Wie ist es mög­lich, dass sich die mör­de­ri­sche Stre­bung des Sub­jekts aus­ge­rech­net ge­gen das Bild rich­tet, in dem es sei­ne Idea­le ver­wirk­licht sieht? Die­se Fra­ge wird La­can von nun an be­schäf­ti­gen und noch der Auf­satz über das Spi­gel­sta­di­um von 1949 ver­sucht dar­auf eine Ant­wort zu ge­ben.16

Die ers­te Ver­si­on der Ab­hand­lung über das Spie­gel­sta­di­um ist ver­lo­ren ge­gan­gen – Le sta­de du mi­ro­ir von 1936, ein Vor­trag, der auf dem 14. Kon­gress der In­ter­na­tio­na­len Psy­cho­ana­ly­ti­schen Ver­ei­ni­gung ge­hal­ten wur­de. Zwei Mo­na­te zu­vor hat­te La­can vor der So­cié­té Psy­chana­ly­tique de Pa­ris ei­nen Vor­trag zum sel­ben The­ma ge­hal­ten; von die­ser Vor­ab-Ver­si­on gibt es eine un­ver­öf­fent­lich­te Mit­schrift von Françoi­se Dol­to, über die Eli­sa­beth Rou­di­nes­co Aus­kunft gibt.17 Dem­nach sprach La­can hier un­ter an­de­rem über das Sub­jekt, das je und den Kör­per, über die mensch­li­che Ge­stalt, das Bild des Dop­pel­gän­gers und das Spie­gel­bild, über den To­des­trieb und den Nar­ziss­mus. Mehr er­fährt man von Rou­di­nes­co nicht; die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem Ide­al­bild und der de­struk­ti­ven Stre­bung ist in die­sen Stich­punk­ten je­doch un­schwer wie­der­zu­er­ken­nen.

Dol­to hat auch die an­schlie­ßen­de Dis­kus­si­on no­tiert. Die Fra­gen der Zu­hö­rer be­zo­gen sich un­ter an­de­rem auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem je und dem moi – auch hier­zu lässt sich Rou­di­nes­cos Dar­stel­lung nichts Ge­naue­res ent­neh­men. Im­mer­hin wis­sen wir jetzt, dass be­reits 1936 ei­ni­gen Zu­hö­rern der Beta-Ver­si­on des Vor­trags das Ver­hält­nis zwi­schen dem je und dem moi un­klar war.

In dem Auf­satz Jen­seits des „Rea­li­täts­prin­zips“ von 1936 fin­det sich ein Ab­riss von La­cans Theo­rie der Bild-Iden­ti­fi­zie­rung, je­doch ohne Be­zug­nah­me auf das Spie­gel­sta­di­um; am Schluss spricht er von den „ima­gi­nä­ren Pos­ten“, wel­che die Per­sön­lich­keit bil­den, und wor­un­ter er das ça (das Es), das moi (das Ich) so­wie die ar­chai­schen und die se­kun­dä­ren In­stan­zen des sur­moi (des Über-Ichs) ver­steht.18 Dar­an knüpft er zwei Fra­gen an. Zum ei­nen: Wie kon­sti­tu­iert sich die al­len Men­schen ge­mein­sa­me Rea­li­tät? Zum an­de­ren:

Wie bil­det sich quer durch die ty­pi­schen Iden­ti­fi­zie­run­gen des Sub­jekts das Ich (je), wo es sich er­kennt (re­con­naît)?“19

Er un­ter­schei­det hier also zwei Grö­ßen: das moi und das je.20 Das moi ist das Ich im Sin­ne der Drei-In­stan­zen-Leh­re von Ich, Es und Über-Ich, das je ist das Ich, in­so­fern es sich auf eine sta­bi­le Wei­se re­con­naît – er­kennt oder wie­der­erkennt oder an­er­kennt, und zwar un­ab­hän­gig von den un­ter­schied­li­chen Iden­ti­fi­zie­run­gen. La­can kün­digt an, die­se bei­den Fra­gen in ei­nem zwei­ten Ar­ti­kel zu be­ant­wor­ten – ein Vor­ha­ben, das er nie ver­wirk­licht hat.

Der Be­griff des moi be­zieht sich in die­sem Zu­sam­men­hang auf ein Sys­tem von In­stan­zen des psy­chi­schen Ap­pa­rats. Der Be­griff des je steht in der Tra­di­ti­on der phi­lo­so­phi­schen Fra­ge nach der Er­kennt­nis, auf­ge­fasst als Be­zie­hung zwi­schen sta­bi­len Ob­jek­ten und ei­nem Sub­jekt, das nicht nur die Ob­jek­te in ih­rer Ob­jek­ti­vi­tät er­kennt, son­dern auch sich selbst, und zwar als dau­er­haft im Wech­sel der Er­schei­nun­gen. Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Fra­ge nach der Ur­sa­che der de­struk­ti­ven Be­zie­hung zum Ide­al wird also durch eine Pro­blem­stel­lung phi­lo­so­phi­scher Pro­ve­ni­enz er­gänzt: Wie kommt es, dass sich das Sub­jekt als et­was er­kennt, was mit sich iden­tisch ist? Für die­se Fra­ge steht 1936 der Be­griff des je, und der Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um von 1949 hat auch die Auf­ga­be, die­se Fra­ge zu be­ant­wor­ten.

Der Auf­satz Die Fa­mi­lie von 1938 ent­hält die ers­te ver­öf­fent­lich­te Dar­stel­lung der Theo­rie des Spie­gel­sta­di­ums.21 La­can ope­riert hier mit den Be­grif­fen des moi, des idéal du moi und des sur­moi, also des Ichs, des Ichi­de­als und des Über-Ichs; das Ichi­de­al bil­det sich, La­can zu­fol­ge, zu­sam­men mit dem Über-Ich am Ende der ödi­pa­len Kri­se her­aus (63). Der Be­griff des Idea­lichs wird hier nicht ver­wen­det, und auch das je tritt nicht in Er­schei­nung.

Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ei­ge­nen Spie­gel­bild, die sich ab dem sechs­ten Mo­nat her­stellt, er­klärt, war­um sich das Sub­jekt als Ein­heit be­greift (59). Die­se Iden­ti­fi­zie­rung ist kei­ne Ur­form des moi, son­dern ge­hört in eine Ent­wick­lungs­pha­se, die da­vor liegt.

Das Ich (moi) kon­sti­tu­iert sich zur sel­ben Zeit wie der an­de­re im Dra­ma der Ei­fer­sucht.“ (60) Es er­langt sei­ne „We­sens­kon­sti­tu­ti­on“ nicht vor dem Al­ter von drei Jah­ren (61). Die Grund­la­ge des moi ist eine ar­chai­sche Form der Iden­ti­fi­zie­rung mit ei­nem an­de­ren, der Tran­si­ti­vis­mus22; das ers­te Mo­dell des moi wird von den Ge­schwis­tern ge­lie­fert. Mit die­ser Kon­zep­ti­on des moi lässt sich die Ag­gres­si­vi­tät ge­gen­über dem Eben­bild er­klä­ren: sie be­ruht auf Iden­ti­fi­zie­rung.

Die frü­hes­te Form des moi ent­spricht also dem, was La­can im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um von 1949 als „je so­ci­al“ be­zeich­net, als so­zia­les Ich. Für die da­vor lie­gen­de a-so­zia­le Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild ver­wen­det er in der Ar­beit über die Fa­mi­lie kei­nen ei­ge­nen Ich-Be­griff.

Im Vor­trag über die psy­chi­sche Kau­sa­li­tät von 1946 wird das Moi (das hier aus­nahms­wei­se groß­ge­schrie­ben wird) ähn­lich dar­ge­stellt: es be­steht aus ei­nem Sys­tem von Iden­ti­fi­zie­run­gen; das, wor­an die Iden­ti­fi­zie­rung des Sub­jekts sich voll­zieht, sind Bil­der, Ima­gos; das „Ur­bild“ des Moi – ge­nau­er ge­sagt: „die Ma­trix des Ur­bil­des des Ich (Moi)“ – ent­steht in der Pha­se des Tran­si­ti­vis­mus durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit Gleich­alt­ri­gen. Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem ei­ge­nen Spie­gel­bild wird skiz­ziert und auch hier vor der Her­aus­bil­dung der Ur­form des Moi an­ge­sie­delt.23

Der (nicht über­setz­te) Auf­satz L’aggressivité en psy­chana­ly­se (Die Ag­gres­si­vi­tät in der Psy­cho­ana­ly­se) von 1948 ent­hält eine wei­te­re Dar­stel­lung des Spie­gel­sta­di­ums. Das moi er­scheint hier, wie in den vor­her­ge­hen­den Schrif­ten, als In­stanz der Per­sön­lich­keit; es be­ruht nicht, im Ge­gen­satz zu dem, was Freud an­nimmt, auf dem Sys­tem Wahr­neh­mung-Be­wusst­sein, son­dern ent­steht durch Iden­ti­fi­zie­rung mit Ima­gos – Bil­dern vom Ge­stalt-Typ; es ist eine In­stanz der Ab­wehr und der Ag­gres­si­vi­tät. Auch hier gilt als Ur­sprung des moi die Iden­ti­fi­zie­rung mit den ähn­li­chen an­de­ren.24 Als cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal des moi wird die Ver­nei­nung her­aus­ge­stellt.

In die­ser Ar­beit hat auch das je wie­der ei­nen Auf­tritt:

“ (…) wir be­zeich­nen mit dem Ich (moi) die­sen Kern, der dem Be­wusst­sein ge­ge­ben ist, der aber für die Re­fle­xi­on un­durch­dring­lich ist, und der von all den Zwei­deu­tig­kei­ten ge­kenn­zeich­net ist, die – von der Nach­sicht bis zur Un­auf­rich­tig­keit – beim mensch­li­chen Sub­jekt das af­fek­ti­ve Er­le­ben struk­tu­rie­ren; die­ses ‚ich‘ (‚je‘), das, um der exis­ten­ti­el­len Kri­tik ihre Fak­ti­zi­tät zu­zu­ge­ste­hen, der kon­kre­ten Pro­ble­ma­tik der Ver­wirk­li­chung des Sub­jekts sei­ne ir­re­du­zi­ble Träg­heit der Am­bi­tio­nen und des Ver­ken­nens ent­ge­gen­setzt.“25

Das je dient hier zur Er­läu­te­rung des moi. Da­bei fun­giert nur der Ter­mi­nus moi als Be­griff der Theo­rie; das je steht in An­füh­rungs­zei­chen, der Aus­druck ist, an­ders als in Jen­seits des „Rea­li­täts­pri­zips“ von 1936 und im Spie­gel­sta­di­um-Vor­trag von 1949, kein Be­stand­teil der von La­can ak­zep­tier­ten Be­griffs­ap­pa­ra­tur.

Der Satz des Bororo-In­dia­ners „Je suis un ara“ („Ich bin ein Ara“), über den der Eth­no­lo­ge Karl von den Stei­nen sich so ge­wun­dert hat­te26, ist nicht er­staun­li­cher, schreibt La­can hier, als der Satz „Je suis mé­de­cin“ („Ich bin Arzt“), weil letzt­lich gilt: „Je est un aut­re“ („Ich ist ein an­de­rer“), wie es bei Rim­baud heißt.27 Auch in die­sen For­mu­lie­run­gen hat das je die Funk­ti­on, das moi zu er­läu­tern. Das je – ver­stan­den als Per­so­nal­pro­no­men der ers­ten Per­son Sin­gu­lar – gilt im Auf­satz von 1948 als Er­schei­nungs­form des moi auf der Ebe­ne des Spre­chens.

Im sel­ben Auf­satz heißt es wei­ter un­ten:

Wer, wenn nicht wir, wird den ob­jek­ti­ven Sta­tus die­ses ‚ich‘ (‚je‘) wie­der in Fra­ge stel­len, das eine his­to­ri­sche Ent­wick­lung, die un­se­rer Kul­tur ei­gen ist, mit dem Sub­jekt zu ver­men­gen neigt? Es wäre loh­nend, die­se Ano­ma­lie in ih­ren je­wei­li­gen Aus­wir­kun­gen auf al­len Ebe­nen der Spra­che (lan­ga­ge) auf­zu­zei­gen, zu­nächst in die­sem gram­ma­ti­schen Sub­jekt der ers­ten Per­son un­se­rer Spra­chen (lan­gues), in die­sem ‚Ich lie­be‘ (‚J’aime‘), das in ei­nem Sub­jekt die Stre­bung hy­post­asiert, das sie ne­giert. Ein Trug­bild, das in Sprach­for­men un­mög­lich ist, zu de­nen die äl­tes­ten ge­hö­ren und in de­nen das Sub­jekt grund­le­gend in der Po­si­ti­on des De­ter­mi­na­ti­vums oder des In­stru­men­ta­lis der Hand­lung er­scheint.“28

Das „je“ hat nicht den Sta­tus ei­nes Ob­jekts und es darf nicht mit dem Sub­jekt ver­mengt wer­den. La­can spielt hier auf Nietz­sches Sprach­kri­tik an29: die Il­lu­si­on, dass es sich beim „Ich“ („je“) oder beim Sub­jekt um ein Ob­jekt han­delt, wird durch ei­nen Typ der Gram­ma­tik ge­stützt, in der der Spre­cher als gram­ma­ti­sches Sub­jekt des Verbs er­scheint, wie in „ich lie­be“. Es gibt Spra­chen, in de­nen der Spre­cher an­ders aus­ge­wie­sen wird, durch den In­stru­men­ta­lis oder das De­ter­mi­na­ti­vum des Verbs; der Lie­bes­satz wird dann etwa so kon­stru­iert: „Es gibt ein durch mich ge­liebt wer­den“; die Il­lu­si­on der Ob­jekt­haf­tig­keit des „Ichs“ („je“) oder des Sub­jekts stellt sich hier nicht ein.

Die Theo­rie des Spie­gel­sta­di­ums wird hier er­gänzt. Dass sich das Sub­jekt als Ein­heit be­greift, als sta­bi­le En­ti­tät, als Sub­stanz (statt als das Wer­den, das es in Wahr­heit ist), be­ruht nicht nur auf der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild. Ihr liegt auch ein sprach­li­ches Phä­no­men zu­grun­de, die Re­prä­sen­ta­ti­on des Spre­chers durch das gram­ma­ti­sche Sub­jekt des Verbs. Das Pro­blem, das La­can hier be­schäf­tigt, ist das des Ver­hält­nis­ses zwi­schen den bild­haf­ten und den sprach­li­chen As­pek­ten der Ich-Il­lu­si­on. Die­se Fra­ge liegt, un­aus­ge­spro­chen, be­reits dem Auf­satz Jen­seits des „Rea­li­täts­prin­zips“ von 1936 zu­grun­de, in dem das Sub­jekt zu­nächst durch die Ver­nei­nung cha­rak­te­ri­siert wird, dann durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit Bil­dern.30

Um es zu­sam­men­zu­fas­sen:

(1) Vor 1949 er­klärt La­can durch­gän­gig, dass das moi sei­nen Ur­sprung in der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem an­de­ren hat. Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild wird zeit­lich vor der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem an­de­ren an­ge­sie­delt, also vor der Ent­ste­hung des moi. Die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild führt nicht dazu, dass sich eine frü­he Form des moi her­aus­bil­det. Das Spie­gel­sta­di­um ge­hört für La­can zur Vor­ge­schich­te des moi, nicht zu sei­ner Früh­ge­schich­te. Vor 1949 be­haup­tet er auch nicht, dass die Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung das Ideal­ich er­zeugt.

(2) Die­se Ent­kop­pe­lung der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung vom moi hängt da­mit zu­sam­men, dass die Theo­rie des Spie­gel­sta­di­ums eine an­de­re Auf­ga­be zu lö­sen hat als die Theo­rie der so­zia­len Iden­ti­fi­zie­rung. Die Theo­rie der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung ant­wor­tet auf die Fra­ge, war­um das Sub­jekt sich als Ein­heit be­greift, die Theo­rie der so­zia­len Iden­ti­fi­zie­rung er­klärt den Zu­sam­men­hang zwi­schen der Ide­al­bil­dung und der Ag­gres­si­vi­tät.

(3) Der Aus­druck je dient 1936 als Be­griff für das Sub­jekt, so­fern die­ses sich als mit sich iden­tisch er­kennt. An der Fra­ge, wie das mög­lich ist, hält La­can fest; die Ant­wort ist zu­nächst die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild. Das je er­scheint ein zwei­tes Mal 1948, dies­mal zur Er­läu­te­rung des moi: im Per­so­nal­pro­no­men je er­scheint das moi des Spre­chers; die­se gram­ma­ti­sche Form ist ein Grund da­für, war­um sich das Sub­jekt als sta­bi­les Ob­jekt er­scheint. Die Er­klä­rung des Iden­ti­täts­ef­fekts durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild wird durch ein lin­gu­is­ti­sches Ar­gu­ment er­gänzt.

Wie stellt sich von hier aus das je/moi-Pro­blem im Auf­satz von 1949 über das Spie­gel­sta­di­um dar?

Die meis­ten Ele­men­te die­ses Auf­sat­zes fin­det man be­reits in frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen. Die we­sent­li­che Neue­rung ist ter­mi­no­lo­gi­scher Art. Vor 1949 ar­bei­tet La­can mit ei­ner vier­glied­ri­gen Ich-Ter­mi­no­lo­gie: moi, je, Über-Ich und Ichi­de­al (idéal du moi). Der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild wird kein Ich-Be­griff zu­ge­ord­net. Im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um wird die Ich-Ter­mi­no­lo­gie um ei­nen fünf­ten Ter­mi­nus er­wei­tert, um den des Idea­lichs (je-idéal), da­mit gibt es auch bei La­can die Op­po­si­ti­on von Ichi­de­al und Ideal­ich, wie sie zum ers­ten Mal 1932 von Her­mann Nun­berg sys­te­ma­tisch ent­wi­ckelt wur­de.31 Vor 1949 bleibt der Sta­tus des je ent­we­der un­be­stimmt (1936) oder wird sprach­lich ge­fasst (1948), im Auf­satz von 1949 wird das je erst­mals mit der Spie­gel­bild-Iden­ti­fi­zie­rung zu­sam­men­ge­bracht. Die Neu­ein­füh­rung des je-idéal und die Neu­ver­knüp­fung des je mit der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung wer­den kom­bi­niert: das je müss­te eher je-idéal hei­ßen, schreibt La­can.

Der Be­griff des je ver­bin­det im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um drei Ent­wick­lungs­stu­fen: am An­fang steht das je spé­cu­lai­re, dar­auf folgt das je so­ci­al, die Ent­wick­lung schließt mit dem Sprach­er­werb ab und dem­nach – so kann man den Auf­satz von 1949 durch den von 1948 er­gän­zen – mit der Ver­wen­dung des Per­so­nal­pro­no­mens je, zu­min­dest im Fran­zö­si­schen und in ähn­lich ge­bau­ten Spra­chen. Die­se Ter­mi­no­lo­gie be­grün­det eine neue ge­ne­ti­sche Kon­zep­ti­on, der ent­schei­den­de Ein­schnitt liegt hier bei der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung, nicht mehr bei der so­zia­len Iden­ti­fi­zie­rung.

Da La­can im Spie­gel­sta­di­um-Auf­satz die bis da­hin ver­tre­te­ne The­se über die so­zia­le Iden­ti­fi­zie­rung als Ur­sprung des moi nicht aus­drück­lich re­vi­diert, ist es le­gi­tim, sie auch für die­sen Text vor­aus­zu­set­zen. Mit der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung, so kann man an­neh­men, bil­det sich eine ers­te Form des je her­aus, des Idea­lichs, nicht aber schon eine Ur­form des moi; Ideal­ich und Ich (moi) müs­sen un­ter­schie­den wer­den.

Der Rück­blick zeigt auch, was La­can dazu ge­bracht ha­ben könn­te, im Spie­gel­sta­di­um-Auf­satz eine dop­pel­te Ich-Ter­mi­no­lo­gie zu ver­wen­den. Das je ver­bin­det sich bei ihm ab 1936 mit der Fra­ge, wie sich er­klä­ren lässt, dass sich das Sub­jekt für ein sta­bi­les Ob­jekt hält, für eine Sub­stanz; die­se Fra­ge be­ant­wor­tet er, eben­falls ab 1936, zu­nächst mit dem Spie­gel­sta­di­um, ab 1948 zu­sätz­lich, im An­schluss an Nietz­sche, mit dem Hin­weis auf das Per­so­nal­pro­no­men je. Im Spie­gel­sta­di­um-Auf­satz soll, so ver­mu­te ich, der Be­griff des je die­se bei­den The­sen zu­sam­men­schlie­ßen: die il­lu­so­ri­sche Sub­jekt-Ein­heit ent­steht ers­tens durch die Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung und zwei­tens durch das Per­so­nal­pro­no­men. Da­zwi­schen liegt die so­zia­le Iden­ti­fi­zie­rung und da­mit der Ur­sprung des moi, d.h. des Ap­pa­rats der Ab­wehr und des Ver­ken­nens.

Diagramm zu Je und Moi bei Jacques Lacan, SpiegelstadiumMut­maß­li­che Be­zie­hung zwi­schen Je- und Moi-Ent­wick­lung (1949)

Das Ver­hält­nis zwi­schen der Ent­wick­lung des je und der des moi stellt sich für La­can 1949 mög­li­cher­wei­se so dar wie in die­ser Zeich­nung (die von un­ten nach oben zu le­sen ist). Die Ent­wick­lung des moi zweigt von der des je ab, sie be­ginnt am Punkt der so­zia­len Iden­ti­fi­zie­rung; ins­ge­samt er­gibt sich hier­durch ein Y-för­mi­ges Ent­wick­lungs­sche­ma. Die so­zia­le Iden­ti­fi­zie­rung hat eine Dop­pel­funk­ti­on: der an­de­re lie­fert dem Sub­jekt ein Bild der Ein­heit, in­so­fern ist die Iden­ti­fi­zie­rung mit ihm auf der je-Li­nie zu ver­or­ten. Die Be­zie­hung zu die­sem Ide­al ist zu­gleich der Ur­sprung der Ag­gres­si­vi­tät, in­so­fern be­ginnt hier die moi-Li­nie. Mit dem Sprach­er­werb wird auf die­ser Li­nie die Ag­gres­si­vi­tät – ge­wis­ser­ma­ßen eine af­fek­ti­ve Form der Ne­ga­ti­vi­tät – durch die sprach­li­che Ne­ga­ti­on er­gänzt und über­formt.

Das Spiegelstadium nach 1949

Im Jahr 1951 hält La­can ei­nen (nicht ins Deut­sche über­setz­ten) Vor­trag vor der Bri­tish Psy­cho-Ana­ly­ti­cal So­cie­ty; er hält ihn auf Eng­lisch, der Ti­tel ist Some re­flec­tions on the ego, der In­halt über­lappt sich stark mit dem des Auf­sat­zes über das Spie­gel­sta­di­um.32

Ziel ist eine ge­ne­ti­sche Theo­rie des ego. Das Ideal­ich (ide­al ego) wird nicht er­wähnt, wohl aber, ein­mal am Ran­de, das Ichi­de­al (ego ide­al) (12). Alle Merk­ma­le, die im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um dem moi zu­ge­schrie­ben wur­den, keh­ren hier wie­der, als Merk­ma­le des ego: die Ab­wehr (15), die Ver­ken­nung (12) und die Ver­nei­nung (12).

Und die Cha­rak­te­ris­ti­ka, die im Auf­satz von 1949 mit dem je in Ver­bin­dung ge­bracht wur­den? Auch sie er­schei­nen im Vor­trag vor den bri­ti­schen Psy­cho­ana­ly­ti­kern, und zwar eben­falls als At­tri­bu­te des ego: Das ego ent­steht durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild (14), eine der For­men des ego ist die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem an­de­ren in der Form des Tran­si­tivs­mus (15), die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Kör­per­bild ver­leiht dem ego sei­ne Dau­er (12), das ego ist ge­kenn­zeich­net durch Ag­gres­si­vi­tät (12, 16) so­wie durch Träg­heit (12), das ego er­scheint im Traum in Ge­stalt ei­nes Sta­di­ons (15).

Da­mit dürf­te be­wie­sen sein: Die Syn­ony­mi­täts­the­se stimmt. Das Sche­ma der Y-för­mi­gen Be­zie­hung von je- und moi-Ent­wick­lung ist eine halt­lo­se Spe­ku­la­ti­on. Im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um sind die Aus­drü­cke je und moi tat­säch­lich aus­tausch­bar. Wie an­ders soll man er­klä­ren, dass La­can zwei Jah­re nach die­sem Auf­satz in ei­nem ganz ähn­li­chen Text für je und moi glei­cher­ma­ßen den Aus­druck ego ein­setzt?

Das heißt aber auch: Im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um ist das Ich – ob nun als moi oder als je be­zeich­net – iden­tisch mit dem Ideal­ich. Je = je-idéal = moi.

Die Grün­de da­für, war­um ein sprach­be­wuss­ter Au­tor wie La­can zwi­schen den Aus­drü­cken je und moi hin und her pen­delt, blei­ben bei die­ser Lö­sung al­ler­dings im Dun­keln.

Es gibt ein wei­te­res ir­ri­tie­ren­des De­tail. Die Spra­che, so er­läu­tert La­can zu Be­ginn des Vor­trags Some re­flec­tions on the ego, hat eine Art Rück­wir­kungs­ef­fekt in Be­zug dar­auf, was letzt­lich als real gilt33; da­mit wer­de die Kri­tik an Me­la­nie Kleins Ein­grif­fen in das Prä­ver­ba­le hin­fäl­lig. Und dann fährt er fort:

Nun gibt uns die Struk­tur der Spra­che aber ei­nen Hin­weis auf die Funk­ti­on des ego. Das ego kann ent­we­der das Sub­jekt des Verbs sein oder das Verb qua­li­fi­zie­ren. Es gibt zwei Ar­ten von Spra­chen: In der ei­nen sagt man ‚Ich (I) schla­ge den Hund‘, und in der an­de­ren ‚Es gibt ein Ge­schla­gen­wer­den des Hun­des durch mich (by me)‘. Aber, das ist hier fest­zu­hal­ten, die Per­son, die spricht – ob sie im Satz als Sub­jekt des Verbs er­scheint oder als das, wo­durch das Verb qua­li­fi­ziert wird –, be­jaht sich in bei­den Fäl­len als ein Ob­jekt, das in eine be­stimm­te Be­zie­hung ver­wi­ckelt ist, sei es eine des Füh­lens oder des Tuns.“ (12, mei­ne Über­set­zung)

Hier wird das Gram­ma­tik-Ar­gu­ment aus dem Auf­satz von 1948 über die Ag­gres­si­vi­tät auf­ge­grif­fen, und auch die Ter­mi­ni je und moi aus dem Auf­satz von 1949 er­schei­nen wie­der, jetzt als I und me. Das ego wird, zu­min­dest vor­über­ge­hend, mit dem Spre­cher gleich­ge­setzt, und die Fra­ge lau­tet, wie der Spre­cher, also das ego, in der Spra­che re­prä­sen­tiert wird. Es gibt zwei Sprach­ty­pen, in ei­ni­gen Spra­chen fi­gu­riert der Spre­cher als I, all­ge­mein ge­sagt: als Sub­jekt des Verbs, in an­de­ren Spra­chen tritt er als me auf, als Grö­ße, die dazu dient, das Verb zu qua­li­fi­zie­ren, als De­ter­mi­na­ti­vum. Auch in sol­chen Spra­chen, in de­nen der Spre­cher als De­ter­mi­na­ti­vum er­scheint, be­jaht er sich als ein Ob­jekt. Im Auf­satz über die Ag­gres­si­vi­tät wur­de der Ob­jek­ti­vie­rungs­ef­fekt auf Spra­chen be­schränkt, in de­nen der Spre­cher als Sub­jekt des Verbs er­scheint. Die­se The­se wird zu­rück­ge­nom­men – in bei­den Sprach­ty­pen wird der Spre­cher zum Ob­jekt.

Muss man das je und das moi im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um also auf die­se bei­den gram­ma­ti­schen Spre­cher-Po­si­tio­nen be­zie­hen? Da­für gibt es kei­ne An­halts­punk­te. Oder geht es um die am Schluss der zi­tier­ten Pas­sa­ge an­ge­spro­che­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Lei­den (dem „Füh­len“) und dem Tun? Ist das moi das Ich in sei­nen ak­ti­ven Funk­tio­nen, in­so­fern es Ab­wehr­maß­nah­men durch­führt, die Wirk­lich­keit ver­kennt und ver­neint? Und ist das je das Ich, in­so­fern ihm et­was wi­der­fährt, näm­lich die Ent­frem­dung durch ein Bild? Auch das lässt sich durch den Text des Spie­gel­sta­di­um-Auf­sat­zes nicht stüt­zen – und wenn dies ge­meint wäre, wäre die um­ge­kehr­te Ter­mi­no­lo­gie pas­sen­der.

Im­mer­hin lässt sich die­ser Pas­sa­ge ent­neh­men, dass La­can das je hier, wie schon drei Jah­re zu­vor im Auf­satz über Ag­gres­si­vi­tät, als sprach­li­che Grö­ße auf­fasst und als Per­so­nal­pro­no­men be­greift. Das stärkt die Ver­mu­tung, dass die Ver­wen­dung des Aus­drucks je im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um von der letz­ten Stu­fe der je-Ent­wick­lung her be­grif­fen wer­den muss, von der Spre­cher-Re­prä­sen­ta­ti­on durch das Per­so­nal­pro­no­men, und dass es dar­um ging, eine Ge­nea­lo­gie des Ich(je)-Sagens zu kon­stru­ie­ren.

Der lin­gu­is­ti­sche Ar­gu­men­ta­ti­ons­gang wird im Vor­trag vor den bri­ti­schen Psy­cho­ana­ly­ti­kern noch ei­nen Schritt wei­ter­ge­führt. Cha­rak­te­ris­tisch für das ego ist die Ver­nei­nung und da­mit das Ver­ken­nen; das ego stellt den Rea­li­täts­be­zug also durch eine sprach­li­che Funk­ti­on her.34 Da­nach bricht die sprach­be­zo­ge­ne Dar­le­gung ab, und La­can geht dazu über, den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem ego und den Kör­per­bil­dern zu er­läu­tern. Wie hat man sich das Ver­hält­nis zwi­schen die­sen bei­den As­pek­ten des ego vor­zu­stel­len, zwi­schen dem sprach­li­chen ego als „I“ bzw. als „me“ so­wie als Ver­nei­nung und dem bild­haf­ten ego als Sys­tem von Kör­per­bil­dern, mit de­nen das Sub­jekt sich iden­ti­fi­ziert hat? Auf die­se Fra­ge steu­ert der Vor­trag zu, sie wird aber nicht aus­drück­lich for­mu­liert, ge­schwei­ge denn be­ant­wor­tet.

Das Pro­blem wird in Funk­ti­on und Feld des Spre­chen und des Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se von 1953 auf­ge­grif­fen, wo es bei­spiels­wei­se heißt, das ego sei „durch ei­nen sprach­li­chen Kern ge­formt“35.

Und auch in Se­mi­nar 1 von 1953/54 ist die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen der sym­bo­li­schen und der im­Sei­te des Ichs eine der Haupt­fra­gen. Zum Ver­stän­dis des fol­gen­den Zi­tats muss man wis­sen, dass das Freud­sche Ich im Fran­zö­si­schen manch­mal mit moi, manch­mal aber auch, nach dem Vor­bild der Eng­län­der, mit ego über­setzt wird, auch von La­can:

Was heißt es, Ich (Je) zu sa­gen? Ist es das­sel­be wie das Ego, der ana­ly­ti­sche Be­griff? Von da muß man aus­ge­hen.“36

Die­se Pro­blem­stel­lung führt im ers­ten Se­mi­nar zur Un­ter­schei­dung zwi­schen zwei For­men des Spre­chens, dem Spre­chen des moi als „Ver­mitt­lung“ und dem Spre­chen des Sub­jekts als „Ent­hül­lung“ (65 f.), ana­log zur Un­ter­schei­dung zwi­schen dem lee­ren und dem vol­len Spre­chen in Funk­ti­on und Feld der Spra­che und des Spre­chens, also zu ei­ner The­se über die Ein­wir­kung des Ima­gi­nä­ren auf das Sym­bo­li­sche. Eine an­de­re Ver­ar­bei­tung des Pro­blems ist die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem ima­gi­nä­ren Ideal­ich (moi idéal) und dem sym­bo­li­schen Ichi­de­al (idéal du moi) (167 ff.).

Im Lich­te der hier in­ter­es­sie­ren­den Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­chen je/je-idéal und moi so­wie zwi­schen dem Ideal­ich und dem Ich (moi) ist vor al­lem die fol­gen­de Be­mer­kung von In­ter­es­se. Man müs­se sich, so heißt es be­zo­gen auf ei­nen spe­zi­el­len Zu­sam­men­hang, auf die Kon­sti­tu­ti­on des Ide­al-Ichs be­zie­hen, im Un­ter­schied zu der des Ich-Ide­als,

an­ders ge­sagt auf den fun­da­men­tal ima­gi­nä­ren spe­ku­la­ren Ur­sprung des Ich (moi)“37.

Das moi idéal ist dem­nach der ima­gi­nä­re und spe­ku­la­re – der bild- und spie­gel­haf­te – Ur­sprung des moi. Das moi und das moi idéal sind kei­nes­wegs iden­tisch, die bei­den Aus­drü­cke wer­den nicht syn­onym ver­wen­det. Der Zu­sam­men­hang zwi­schen den bei­den Grö­ßen ist ei­ner des Ur­sprungs: das Ideal­ich ist der Ur­sprung des Ichs, das Ich be­steht aus dem Ur­sprung des Ichs – dem Ideal­ich – und aus dem, was dar­aus her­vor­geht. Hier wird die vor 1949 ver­tre­te­ne Ent­wick­lungs­kon­zep­ti­on – Ur­bild des moi ist die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem an­de­ren – um eine Etap­pe nach vorn ver­legt: das moi ent­steht be­reits mit der Spie­gel­i­den­ti­fi­zie­rung, die jetzt erst­mals als moi idéal be­zeich­net wird und nicht, wie 1949, als je-idéal.

Man kann also doch be­haup­ten, dass die Aus­drü­cke je und moi im Auf­satz über das Spie­gel­sta­di­um eine un­ter­schied­li­che Be­deu­tung ha­ben. Das je bzw. je-idéal bil­det den Ur­sprung des moi. Das moi be­steht aus dem je bzw. je-idéal und aus dem dar­aus Ent­sprun­ge­nen. Man muss nur hin­zu­fü­gen: So wird es ge­we­sen sein. Im Rück­blick.

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Anmerkungen

  1. Jac­ques La­can: Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on, wie sie uns in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung er­scheint. Über­setzt von Pe­ter Steh­lin. In: Ders.: Schrif­ten I. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1975, S. 61–70; Le sta­de du mi­ro­ir com­me for­ma­teur de la fonc­tion du Je tel­le qu’elle nous est ré­vé­lée dans l’experience psy­chana­ly­tique. In: Ders.: Écrits. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 1966, S. 93–100. Im In­ter­net fin­det man den fran­zö­si­schen Text z.B. hier.
  2. Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on, S. 64, Über­set­zung ge­än­dert; Ecrits, S. 94.
  3. Vgl. Mi­cha­el Er­mann: Psy­cho­ana­ly­se in den Jah­ren nach Freud. Ent­wick­lun­gen 1940–1975. Kohl­ham­mer, Stutt­gart 2009, S. 102–104. Vgl. hier­zu auch den  die­sen Blog­ein­trag.
  4. Vgl. Jean-Paul Sart­re: Die Tran­szen­denz des Ego (1936). In: Ders.: Die Tran­szen­denz des Ego. Phi­lo­so­phi­sche Es­says 1931–1939.Ro­wohlt, Rein­bek 1994, S. 39–96.
  5. Dany No­bus: Life and de­ath in the glass: A new look at the mir­ror sta­ge. In: Ders. (Hg.): Key con­cepts of La­ca­ni­an psy­cho­ana­ly­sis. Other Press, New York 1998, S. 101–138, hier: S. 133 Fn. 54.
  6. Vgl. No­bus, a.a.O. , S. 135 Fn. 77.
  7. Vgl. Freud: Zur Ein­füh­rung des Nar­ziss­mus In: Ders: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 2000, S. 37–68, hier: S. 60 f.
  8. Jac­ques La­can, Das Se­mi­nar, Buch 1 (1953–1954). Freuds tech­ni­sche Schrif­ten.Über­setzt von Wer­ner Ha­ma­cher. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg im Breis­gau 1978, S. 172, Über­set­zung ge­än­dert.
  9. Spie­gel­sta­di­um, S. 64, Über­set­zung ge­än­dert.
  10. Ich deu­te hier die „Ich-Prü­fun­gen“ im Lich­te ei­ner For­mu­lie­rung in dem Auf­satz: Jac­ques La­can, Some re­fle­ci­ons on the ego, ei­nem Vor­trag von 1951, der 1953 ver­öf­fent­licht wur­de. In: In­ter­na­tio­nal Jour­nal of Psy­cho­ana­ly­sis, 34. Jg. (1953), S. 11–17, hier: S. 12: „It is by this pro­cess that we are led to see our ob­jects as iden­ti­fia­ble egos, ha­ving unity, per­ma­nence, and sub­stan­tia­li­ty; this im­plies an ele­ment of in­er­tia, so that the re­co­gni­ti­on of ob­jects and of the ego its­elf must be sub­jec­ted to con­stant re­vi­si­on in an end­less dialec­tical pro­cess.“
  11. Spie­gel­sta­di­um, S. 68, 69 f.
  12. Der Zu­satz „(je)“ fehlt hier in der Über­set­zung.
  13. So er­läu­tert La­can den Be­griff der Träg­heit in Some re­flec­tions on the ego, a.a.O, S. 12, eine An­spie­lung auf Sar­tres Be­griff der Träg­heit in Das Sein und das Nichts von 1943.
  14. Jac­ques La­can: Über die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se in ih­ren Be­zie­hun­gen zur Per­sön­lich­keit und Frü­he Schrif­ten zur Pa­ra­noia. Pas­sa­gen Ver­lag, Wien 2. über­arb. Aufl. 2012.
  15. Vgl. hier­zu auch Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Be­richt über ein Le­ben, Ge­schich­te ei­nes Denk­sys­tems. Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln 1996, Ka­pi­tel 2.I, „Mar­gue­ri­tes Ge­schich­te“. Dari­an Lea­der: What is mad­ness? Ha­mish Ha­mil­ton, Lon­don 2011, Ka­pi­tel 9, „Ai­mée“.
  16. Auf die­se Kon­ti­nui­täts­li­nie ver­weist La­can in der Ein­lei­tung zu den frü­hen Auf­sät­zen – dar­un­ter dem über das Spie­gel­sta­di­um – in den Écrits von 1966. Vgl. Jac­ques La­can, Von dem, was uns vor­aus­ging (1966). In: Ders.: Schrif­ten III. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg im Breis­gau 1975, S. 7–14, hier: S. 9 f.
  17. Vgl. E.R.: The mir­ror sta­ge: an ob­li­te­ra­ted ar­chi­ve. In: Jean-Mi­chel Ra­ba­té (Hg.): The Cam­bridge com­pa­n­ion to La­can. Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, Cam­bridge 2003, S. 25–34, hier: S. 26 f.
  18. Über­setzt von Franz Kal­ten­beck in: Schrif­ten III, S. 15–37, hier: S. 36; Écrits, S. 73–92, hier: S. 92.
  19. Jen­seits des „Rea­li­täts­prin­zips, S. 36; Écrits, S. 92.
  20. In der deut­schen Aus­ga­be, in der die bei­de Aus­drü­cke glei­cher­ma­ßen ohne Zu­satz mit „Ich“ über­setzt wer­den, ist das nicht zu er­ken­nen.
  21. Über­setzt von Fried­rich A. Kitt­ler in Schrif­ten III, S. 39–100.
  22. Beim Tran­si­ti­vis­mus hat die Iden­ti­fi­zie­rung die Form der Ver­wechs­lung mit dem an­de­ren in ei­ner ak­tu­el­len In­ter­ak­ti­ons­be­zie­hung auf der Grund­la­ge von zwei Kom­ple­men­tär­rol­len: A schlägt B und be­schwert sich dar­über, von B ge­schla­gen zu sein – ohne da­bei zu lü­gen. Das Kon­zept stammt von Char­lot­te Büh­ler: Die ers­ten so­zia­len Ver­hal­tens­wei­sen des Kin­des. In: Dies., Hil­de­gard Het­zer, Bea­trix Tu­dor-Hart: So­zio­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en über das ers­te Le­bens­jahr. Jena 1927, S. 59 f.- La­can be­zieht sich auf die­se Stu­die auf S. 55 des Auf­sat­zes über die Fa­mi­lie.
  23. Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger in: Schrif­ten III, S. 123–172, hier vor al­lem: S. 157. Der Vor­trag wur­de 1946 ge­hal­ten und 1950 ver­öf­fent­licht.
  24. Jac­ques La­can, Écrits, S. 101–124, hier: S. 113.
  25. Écrits, S. 109, mei­ne Über­set­zung.
  26. In: von den Stei­nen: Un­ter den Na­tur­völ­kern Zen­tral-Bra­si­li­ens. Rei­se­schil­de­run­gen und Er­geb­nis­se der Zwei­ten Schin­gú-Ex­pe­di­ti­on 1887–1888. Rei­mer, Ber­lin 1894.
  27. Écrits, S. 117 f.– Brief von Ar­thur Rim­baud an Paul De­me­ny vom 15. Mai 1871, so­ge­nann­ter zwei­ter Se­her­brief.
  28. Écrits, S. 118.
  29. Nietz­sche: „Uns­re Un­art, ein Er­in­ne­rungs­zei­chen, eine ab­kür­zen­de For­mel als We­sen zu neh­men, schließ­lich als Ur­sa­che, z. B. vom Blitz zu sa­gen: ‚er leuch­tet‘. Oder gar das Wört­chen ‚ich‘. Eine Art von Per­spek­ti­ve im Se­hen wie­der als Ur­sa­che des Se­hens selbst zu set­zen: das war das Kunst­stück in der Er­fin­dung des ‚Sub­jekts‘, des ‚Ichs‘!“ Aus dem Nach­lass der Acht­zi­ger­jah­re. In: Nietz­sche: Wer­ke. Hg. v. Karl Schlech­ta. Han­ser, Mün­chen 1969, Bd. 3, S. 480.
  30. Vgl. Schrif­ten III, S. 27 ff.
  31. Vgl. Her­mann Nun­berg: All­ge­mei­ne Neu­ro­sen­leh­re auf psy­cho­ana­ly­ti­scher Grund­la­ge. Mit ei­nem Ge­leit­wort von Sig­mund Freud. Hans Hu­ber, Bern 1932.
  32. A.a.O., im In­ter­net fin­det man den Text hier.
  33. Lan­guage has, if you care to put it like that, a sort of re­tro­s­pec­tive ef­fect in de­ter­mi­ning what is ul­ti­mate­ly de­ci­ded to be real.“ A.a.O., S. 12.
  34. Der Hin­weis auf Sprach­lich­keit der Psy­cho­ana­ly­se und auf die Ver­nei­nung fin­det sich be­reits in Jen­seits des „Rea­li­täts­prin­zips“ von 1936, vgl. a.a.O., S. 27.
  35. In: Schrif­ten I, S. 71–171, hier: S. 147.
  36. Se­mi­nar 1, S. 213.
  37. Se­mi­nar 1, S. 212.

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