Die Signifikantenkette ist keine signifikante Kette

Sigificant chain restaurants - Signifikante KettenGra­fik von die­ser Sei­te

Ein Rätsel

Nor­bert Haas schreibt in sei­nen La­can-Über­set­zun­gen für chaî­ne si­gni­fi­an­te durch­weg „si­gni­fi­kan­te Ket­te“.1

Nun meint der deut­sche Aus­druck „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ aber „wich­ti­ge“, „be­deut­sa­me“, „be­acht­li­che“, „be­mer­kens­wer­te Ket­te“. Das ist je­doch nicht der ge­mein­te Sinn.

Der Schnitt, als Wir­kung des Si­gni­fi­kan­ten, ist für uns zu­nächst, in der pho­n­ema­ti­schen Ana­ly­se der Spra­che, die­se zeit­li­che, ge­nau­er suk­zes­si­ve Li­nie der Si­gni­fi­kan­ten ge­we­sen, bei der ich Sie bis­her dar­an ge­wöhnt habe, sie la chaî­ne si­gni­fi­an­te zu nen­nen.“2

Die chaî­ne si­gni­fi­an­te ist die Ver­ket­tung der Si­gni­fi­kan­ten im zeit­li­chen Nach­ein­ein­an­der, also die „Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“.

Ge­gen­be­griff zu la chaî­ne si­gni­fi­an­te ist la bat­te­rie des si­gni­fi­ants.3, also „die Bat­te­rie der Si­gni­fi­kan­ten“ oder „die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie“; „Bat­te­rie“ hier im Sin­ne ei­nes Ag­gre­gats gleich­ar­ti­ger Ele­men­te, wie in „Ge­schütz­bat­te­rie“ oder „Le­ge­bat­te­rie“. Da­mit ist das syn­chro­ne Sys­tem der Si­gni­fi­kan­ten ge­meint, ge­wis­ser­ma­ßen ihr Le­xi­kon.

Au­ßer der Ge­ni­tiv­kon­struk­ti­on bat­te­rie des si­gni­fi­ants ver­wen­det La­can die ad­jek­ti­vi­sche Form der Wort­bil­dung; man fin­det ne­ben der bat­te­rie des si­gni­fi­ants auch die bat­te­rie si­gni­fi­an­te..4 Soll man das etwa mit „si­gni­fi­kan­te Bat­te­rie“ über­set­zen?

Chaî­ne si­gni­fi­an­te muss mit „Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“ über­setzt wer­den; beim Ein­deut­schen gibt es hier, den­ke ich, kei­nen Spiel­raum. Das Fran­zö­si­sche geht an­ders mit Ad­jek­ti­ven um als das Deut­sche. Wo im Deut­schen Sub­stan­ti­ve ver­kop­pelt wer­den, wie in „Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“, ver­wen­det das Fran­zö­si­sche häu­fig ein Ad­jek­tiv: chaî­ne si­gni­fi­an­te.

In Se­mi­nar 18 heißt es über die ge­ra­de Li­nie:

Aux der­niè­res nou­vel­les, on sait que le trait de lu­miè­re non plus ne la suit pas, tout à fait so­li­dai­re de la cour­bu­re uni­ver­sel­le.„5

Zu deutsch:

Den neu­es­ten Nach­rich­ten zu­fol­ge weiß man, dass auch die Licht­bahn ihr nicht folgt, in völ­li­ger Über­ein­stim­mung …“

mit was? mit der uni­ver­sa­len Krüm­mung? kei­nes­wegs:

… mit der Krüm­mung des Uni­ver­sums.“

Zwar kann man sa­gen „vä­ter­li­ches Erbe“, ohne da­mit zu sug­ge­rie­ren, dass das Erbe für­sorg­lich wie ein Va­ter auf­tritt; „vä­ter­lich“ meint nicht nur „in der Art ei­nes Va­ters“, son­dern auch „von ei­nem Va­ter stam­mend“. „Brü­der­li­ches Fahr­rad“ kann man je­doch nicht sa­gen; die Be­deu­tung „in der Art ei­nes Bru­ders“ ist so stark, dass sie die Be­deu­tung „von ei­nem Bru­der stam­mend“ blo­ckiert. Die „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ ge­hört zur Ord­nung des „brü­der­li­chen Fahr­rads“, nicht des „vä­ter­li­chen Er­bes“.

Bleibt das Rät­sel, war­um Haas, der ein her­vor­ra­gen­der Über­set­zer ist und der den Ein­wand, den ich hier vor­brin­ge, si­cher­lich aus­wen­dig kennt, es gleich­wohl vor­zieht, hart­nä­ckig die „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ ins Spiel zu brin­gen.

Nachtrag vom 5. Dezember 2014

Am Ran­de der Ta­gung „Spra­chen der Psy­cho­ana­ly­se“ in Mün­chen bringt mich je­mand auf eine Idee, was Haas und Gon­dek dazu ge­bracht ha­ben könn­te, „chaî­ne si­gni­fi­an­te“ mit „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ zu über­set­zen: Weil La­can auch von chaî­ne in­si­gni­fi­an­te und von chaî­ne dé­si­gni­fi­an­te spricht.

Das ist ein­leuch­tend. Wenn La­can von chaî­ne in­si­gni­fi­an­te spricht, „in­si­gni­fi­kan­te Ket­te“, muss der Ge­gen­be­griff  „si­gni­fi­kan­te Ket­te“ lau­ten und nicht etwa „Si­gni­fi­kan­ten­ket­te“. Aber tut er das?

Um das fest­zu­stel­len, habe ich die letz­te Stun­de da­mit ver­bracht, eine Men­ge PDF-Da­tei­en zu durch­su­chen: Da­tei­en der Écrits, der Au­tres écrits, von Pas-tout La­can und sämt­li­cher 25 Se­mi­na­re. Fol­gen­de Be­grif­fe habe ich ein­ge­ge­ben: „chaî­ne in­si­gni­fi­an­te“, „chaî­ne dé­si­gni­fi­an­te“ und „chaî­ne dé-si­gni­fi­an­te“, au­ßer­dem die drei Plu­ral­for­men, „chaî­nes in­si­gni­fi­an­tes“ usw. Der Be­fund ist ne­ga­tiv. Nir­gend­wo spricht La­can von ei­ner „in­si­gni­fi­kan­ten Ket­te“ und nir­gend­wo von ei­ner „de­si­gni­fi­kan­ten Ket­te“.

Chaî­ne si­gni­fi­an­te“ ist kein Ge­gen­be­griff zu „in­si­gni­fi­kan­te Ket­te“.

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Anmerkungen

  1. Vgl. etwa: J. La­can: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). Über­setzt von Nor­bert Haas. In: La­can.: Schrif­ten II. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg im Breis­gau 1975, S. 15–55.
  2. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 30. Mai 1962, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  3. Etwa in: J.L.: A la mé­moi­re d’Ernest Jo­nes. Sur sa théo­rie du sym­bo­lis­me (1959). In: Ders.: Écrits. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 1966, S. 697–717, hier: 700.
  4. J.L.: Sub­ver­si­on du su­jet et dialec­tique du dé­sir dans l’inconscient freu­dien (Vor­trag von 1960). In: Écrits, a.a.O., S. 793–827, hier: S. 806.
  5. Sit­zung vom 12. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 123, mei­ne Über­set­zung.

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