Es gibt kein sexuelles Verhältnis – auch nicht für Trump?

La­can sagt, „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“. Gilt das auch für Do­nald Trump? An­ders ge­fragt: Wie ver­hält sich sei­ne se­xu­el­le Po­si­ti­on zu La­cans For­meln der Se­xu­ie­rung?

Die Formeln der Sexuierung

Seit 1969 er­klärt La­can „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“.1 Was hei­ßen soll: Im Un­be­wuss­ten gibt es kei­ne Po­lung auf das bio­lo­gi­sche Ge­gen­ge­schlecht (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Statt­des­sen ist die Re­la­ti­on zwi­schen den Ge­schlech­tern durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ver­mit­telt und durch die hier­auf auf­bau­en­den höchst in­di­vi­du­el­len be­wuss­ten und un­be­wuss­ten Phan­tas­men. Al­ler­dings un­ter­schei­den sich die se­xu­el­len Po­si­tio­nen da­nach, auf wel­che Wei­se sie sich auf den Kas­tra­ti­ons­kom­plex be­zie­hen. Man­che ver­hal­ten sich zur Kas­tra­ti­on als „alle“, sagt La­can, und meist han­delt es sich da­bei um bio­lo­gi­sche Män­ner. An­de­re be­zie­hen sich auf die Kas­tra­ti­on als „nicht alle“, in der Mehr­zahl sind dies bio­lo­gi­sche Frau­en.

Das sol­len die For­meln der  Se­xu­ie­rung de­mons­trie­ren, die La­can in den Se­mi­na­ren 18 bis 21 und in dem Auf­satz L’Étourdit ent­wi­ckelt2:

\exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}}        \overline {\exists \text {x}} \overline {\Phi \text {x}}

\forall \text {x} \Phi \text {x}        \overline {\forall \text {x}} \Phi \text {x}

Die lin­ke Sei­te re­prä­sen­tiert die männ­li­che Po­si­ti­on (die auch von bio­lo­gi­schen Frau­en ein­ge­nom­men wer­den kann), die rech­te Sei­te be­schreibt die weib­li­che Po­si­ti­on (die auch von bio­lo­gi­schen Män­nern be­setzt wer­den kann).

Das Sym­bol \exists , eine No­ta­ti­on für den so­ge­nann­ten Exis­tenz­quan­tor, be­deu­tet „Es gibt min­des­tens ein“.
\overline {\exists} ist die Ne­ga­ti­on des Exis­tenz­quan­tors, zu le­sen als: „Es gibt nicht ein“. 
\forall , der  All­quan­tor, steht für „alle“.
\overline {\forall} heißt „nicht alle“.

Φ steht für „Phal­lus“ oder „Kas­tra­ti­on“, das klei­ne x be­deu­tet „se­xu­el­le Lust“ oder „Si­gni­fi­kant für se­xu­el­le Lust“. Die Zei­chen­fol­ge Φx, auch Φ(x) ge­schrie­ben, steht für die Struk­tu­rie­rung der se­xu­el­len Lust durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex, d.h. für die Zen­trie­rung der Lust durch den Phal­lus-Si­gni­fi­kan­ten und, da­mit ein­her­ge­hend, die Er­zeu­gung ei­nes Lust-Ver­lusts. Φx ist zu le­sen als „phal­li­sche Funk­ti­on“. Ge­le­gent­lich deu­tet La­can Φx auch als jouis­sance phal­li­que, „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ bzw. „phal­li­sche Lust„3

(Das ist eine gro­be An­nä­he­rung an den Be­griff der phal­li­schen Funk­ti­on. La­can ver­wen­det den Ter­mi­nus „Funk­ti­on“ hier im Sin­ne von Fre­ge, für ei­nen Satz mit ei­ner Leer­stel­le, die durch ein Ar­gu­ment – auch „Va­ria­ble“ ge­nannt – aus­ge­füllt wer­den kann, so dass der Satz wahr oder falsch wird. Der Aus­druck Φx be­steht des­halb nicht aus zwei, son­dern aus drei Kom­po­nen­ten; die Schreib­wei­se mit ei­ner Klam­mer, Φ(x), zeigt das deut­li­cher. Die Be­stand­tei­le sind
– Φ, Phallus/Kastration,
– die Leer­stel­le (_), die für das Sub­jekt steht,
– und das Ar­gu­ment x.
Φ(_) ist die Funk­ti­on, also eine Art Lü­cken­satz: das Sub­jekt als Leer­stel­le in Be­zie­hung zu Phal­lus bzw. zur Kas­tra­ti­on, „das Sub­jekt, in­so­fern es kas­triert ist“. Das klei­ne x ist die Va­ria­ble, die an die­ser Leer­stel­le ein­ge­setzt wer­den kann.4
Vgl. G. Mo­rel, Die phal­li­sche Funk­ti­on, auf die­ser Web­site hier.)

Die un­te­re Zei­le zeigt für die lin­ke, also männ­li­che Sei­te: Alle se­xu­el­le Lust, \forall \text {x} , ist durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex struk­tu­riert, {\Phi \text {x}} . Das er­gibt zu­sam­men: \forall \text {x} \Phi \text {x} .
Auf der rech­ten, der weib­li­chen Sei­te liest man un­ten: Nicht alle se­xu­el­le Lust, \overline {\forall} \text {x} , wird vom Kas­tra­ti­ons­kom­plex er­fasst: \overline {\forall \text {x}} \Phi \text {x}

Da­mit re­ar­ti­ku­liert La­can Freuds An­sich­ten über männ­li­che und weib­li­che Se­xua­li­tät. Freud zu­fol­ge wird die se­xu­el­le Er­re­gung bei bei­den Ge­schlech­tern durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex be­stimmt, je­doch auf un­ter­schied­li­chen We­gen. Was die Frau­en an­geht, un­ter­schei­det Freud zwei Lustar­ten: die an die Kli­to­ris ge­bun­de­ne Er­re­gung und die Va­gi­nal­erre­gung.5 La­can gibt Freud dar­in recht, dass die se­xu­el­le Lust auf zwei ver­schie­de­ne Wei­sen durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex be­stimmt wird. Er stimmt ihm auch dar­in zu, dass ei­ni­ge In­di­vi­du­en nur eine Art der se­xu­el­len Lust ver­spü­ren, die durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ge­präg­te (dies sind meist bio­lo­gi­sche Män­ner), und dass an­de­re zwei un­ter­schied­li­che Lustar­ten ken­nen, falls „ken­nen“ hier das rich­tig Wort ist (dies sind meist bio­lo­gi­sche Frau­en). La­can be­zieht die The­se von den bei­den Lustar­ten je­doch nicht auf be­stimm­te Or­ga­ne, nicht auf Kli­to­ris und Va­gi­na, und er löst sie dar­über hin­aus von der Bin­dung an das weib­li­che bio­lo­gi­sche Ge­schlecht. Die zwei­te Art der Lust ist eine Lust des Kör­pers an sich selbst.6

Auf der „männ­li­chen“ Sei­te fin­det man in den Se­xu­ie­rungs­for­meln oben den Aus­druck \exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}} , den man so le­sen kann: „Es gibt ein x, dass nicht durch die phal­li­sche Funk­ti­on be­stimmt ist“, es gibt ein We­sen, des­sen se­xu­el­le Lust nicht durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex or­ga­ni­siert ist. Die voll­stän­di­ge Be­stim­mung der se­xu­el­len Lust durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex (For­mel links un­ten) be­ruht ge­nau dar­auf, dass die­je­ni­gen, die die­se Po­si­ti­on ein­neh­men, sich be­wusst oder un­be­wusst auf ein Aus­nah­me­we­sen be­zie­hen, des­sen Se­xu­al­ge­nuss ge­ra­de nicht der Ein­schrän­kung durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex un­ter­liegt (For­mel links oben). 

Im Hin­ter­grund der lin­ken obe­ren For­mel,  \exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}} , steht Freuds Auf­fas­sung, dass die Trieb­ver­drän­gung da­durch er­mög­licht wird, dass die un­ein­ge­schränk­te Trieb­be­frie­di­gung den Göt­tern bzw. dem Ur­va­ter zu­ge­schrie­ben wird. Über die Göt­ter schreibt Freud:

Ein Stück die­ser Trieb­ver­drän­gung wird von den Re­li­gio­nen ge­leis­tet, in­dem sie den ein­zel­nen sei­ne Trieblust der Gott­heit zum Op­fer brin­gen las­sen. ‚Die Ra­che ist mein‘, spricht der Herr. An der Ent­wick­lung der al­ten Re­li­gio­nen glaubt man zu er­ken­nen, daß vie­les, wor­auf der Mensch als ‚Fre­vel‘ ver­zich­tet hat­te, dem Got­te ab­ge­tre­ten und noch im Na­men des Got­tes er­laubt war, so daß die Über­las­sung an die Gott­heit der Weg war, auf wel­chem sich der Mensch von der Herr­schaft bö­ser, so­zi­al­schäd­li­cher Trie­be be­frei­te.“7

Und:

Den Göt­tern teilt der My­thos be­kannt­lich die Be­frie­di­gung al­ler Ge­lüs­te zu, auf die das Men­schen­kind ver­zich­ten muß, wie wir es vom In­zest her ken­nen.“8

In To­tem und Tabu wird die Fi­gur des Ur­va­ters so be­schrie­ben:

Die Dar­win­sche Ur­hor­de hat na­tür­lich kei­nen Raum für die An­fän­ge des Tot­emis­mus. Ein ge­walt­tä­ti­ger, ei­fer­süch­ti­ger Va­ter, der alle Weib­chen für sich be­hält und die her­an­wach­sen­den Söh­ne ver­treibt, nichts wei­ter.“9

Der Ur­va­ter be­sitzt „alle Weib­chen“, sei­ne se­xu­el­le Lust be­zieht sich, in La­cans Deu­tung die­ser Pas­sa­ge, auf Frau­en qua bio­lo­gi­sche Frau­en, auf Die Frau. Der Ur­va­ter be­zieht sich auf Frau­en also in der Be­zie­hungs­art, die La­can „se­xu­el­les Ver­hält­nis“ nennt, er wird nicht – auf­grund sei­nes in­di­vi­du­el­len Phan­tas­mas – von be­stimm­ten Frau­en an­ge­zo­gen, son­dern von Frau­en schlecht­hin. Die mit ei­ner sol­chen Be­zie­hung zum an­de­ren Ge­schlecht als an­de­rem Ge­schlecht ver­bun­de­ne Art der se­xu­el­len Lust ist spre­chen­den Männ­chen je­doch ver­sperrt; der Ur­va­ter steht für eine Lust, die den Sprech­we­sen un­mög­lich ist.10

In Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se liest man über den Ur­va­ter, dass er

sich selbst frei­en Se­xu­al­genuß vor­be­hält und so­mit un­ge­bun­den bleibt“11.

Im Un­be­ha­gen in der Kul­tur heißt es ähn­lich, dass der Ur­mensch

kei­ne Trie­bein­schrän­kun­gen kann­te“, wo­bei al­ler­dings nur das Ober­haupt der Ur­fa­mi­lie „sich sol­cher Trieb­frei­heit er­freu­te“.12

Die For­mel oben links, \exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}} , steht also für ein Aus­nah­me­we­sen, das kei­ne Trieb­ver­drän­gung leis­ten muss, das all sei­ne Trieblust ohne Un­ter­wer­fung un­ter ein Ge­setz frei be­frie­di­gen kann.

Urvater Trump und die phallische Funktion

Lan­ge Zeit habe ich nicht be­grif­fen, war­um La­can (mit Freud) der my­thi­schen Ge­stalt des Ur­va­ters, der „alle Frau­en“ ge­nießt, so gro­ßen Wert bei­misst. Eine Ah­nung, was da­mit ge­meint sein könn­te, be­kam ich, als im letz­ten Herbst wäh­rend des Prä­si­dent­schafts­wahl­kampfs in den USA die be­rühmt ge­wor­de­ne Vi­deo­auf­nah­me ver­öf­fent­licht wur­de, in der Do­nald Trump mit ei­nem Un­be­kann­ten und mit dem Rund­funk- und Fern­seh­mo­de­ra­tor Bil­ly Bush über sein Ver­hält­nis zu Frau­en spricht (man fin­det die Auf­nah­me am Be­ginn die­ses Ar­ti­kels).

Die Män­ner sit­zen in ei­nem Bus und war­ten auf eine Schau­spie­le­rin, Ari­an­ne Zu­cker, mit der sie für eine Fern­seh­auf­nah­me ver­ab­re­det sind.

Do­nald Trump: Weißt du und …

Un­be­kann­ter: Sie sah mal toll aus. Sie ist im­mer noch sehr schön.

Trump: Ich hab mich echt an sie ran­ge­macht. Weißt du, sie war un­ten in Palm Be­ach. Ich hab mich an sie ran­ge­macht und bin ge­schei­tert, ich geb’s zu.

Un­be­kann­ter: Wow.

Trump: Ich hab ver­sucht, sie zu fi­cken. Sie war ver­hei­ra­tet.

Un­be­kann­ter: Das sind ja gro­ße Neu­ig­kei­ten.

Trump: Nein, nein, Nan­cy. Nein, das war [un­ver­ständ­lich] – und ich hab mich ganz schwer an sie ran­ge­macht. Echt, ich hab sie zum Mö­bel­kau­fen ein­ge­la­den. Sie woll­te sich Mö­bel be­sor­gen. Ich hab ge­sagt: „Ich zeig dir, wo es schö­ne Mö­bel gibt.“ Ich hab sie zum Mö­bel –. Ich hab mich an sie ran­ge­macht wie an eine Schlam­pe. Aber ich konn­te nicht ran­kom­men. Und sie war ver­hei­ra­tet. Und plötz­lich seh ich sie, und jetzt hat sie die gro­ßen fal­schen Tit­ten und al­les. Sie hat ihr Aus­se­hen völ­lig ver­än­dert.

Bil­ly Bush: Mensch, dein Mäd­chen ist echt heiß. Die da in dun­kel­li­la.

Trump: Wow! Wow!

Bush: Wirk­lich! Der Do­nald hat ge­punk­tet. Wow! Man­no­mann! 

[Un­ver­ständ­lich]

Trump: Schau dich an, du bist ein Wasch­lap­pen.

[Un­ver­ständ­lich]

Trump: Al­les klar, du und ich, wir wer­den jetzt raus­ge­hen.  

[Schwei­gen]

Trump: Viel­leicht ist es ja eine an­de­re.

Bush: Bes­ser nicht die Pres­se­spre­che­rin. Nein, das, das ist sie, das –.

Trump: Ja, das ist sie. Die mit dem Gold. Ich nehm jetzt bes­ser ein paar Tic Tacs, für den Fall, dass ich an­fan­ge, sie zu küs­sen. Weißt du, ich wer­de au­to­ma­tisch an­ge­zo­gen von schö­nen –, ich fang ein­fach an, sie zu küs­sen. Es ist wie ein Ma­gnet. Ein­fach Kuss. Ich war­te nicht mal. Und wenn du ein Star bist, las­sen sie es dich ma­chen. Du kannst al­les ma­chen.

Bush: Was im­mer du willst.

Trump: Sie an der Möse pa­cken. Du kannst al­les ma­chen.

Bush: Ach ja, die­se Bei­ne, al­les, was ich se­hen kann, sind die Bei­ne.

Trump: Oh, das sieht gut aus.13  

Trump stellt sich als je­mand dar, der sich auf sei­ne Se­xu­al­part­ne­rin­nen auf die Wei­se be­zieht, die La­can als „se­xu­el­les Ver­hält­nis“ be­zeich­net. Er ver­hält sich nicht zu be­stimm­ten Frau­en, son­dern zu Frau­en über­haupt, vor­aus­ge­setzt, sie ge­nü­gen den kul­tu­rell eta­blier­ten Schön­heits­kri­te­ri­en. Er be­schreibt  sich als je­man­den, des­sen Ver­hal­ten au­to­ma­tisch ab­läuft und der auf kür­zest mög­li­chem Weg – Kuss, Griff zwi­schen die Bei­ne – auf den Ge­schlechts­akt zu­steu­ert. Da­bei be­tont er, dass es für ihn kein Ge­setz gibt – „sie war ver­hei­ra­tet“. Er prä­sen­tiert sich als je­mand, der nicht von ei­nem Trieb im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se be­stimmt wird, son­dern von ei­nem In­stinkt, wie die Ver­hal­tens­for­scher ihn be­schrie­ben ha­ben, als eine Art Stich­ling mit ver­kürz­tem Balz­tanz. 

In Freuds Be­griff­lich­keit: Do­nald Trump stellt sich als Ur­va­ter dar, der alle Weib­chen hat und sich der Trieb­frei­heit er­freut. Wenn er Trie­bein­schrän­kun­gen er­fährt und kei­nen frei­en Se­xu­al­ge­nuss er­lebt, liegt das an äu­ße­ren Be­din­gun­gen (am Des­in­ter­es­se des Ob­jekts), nicht an ei­nem Ver­bot, das in sei­nem see­li­schen Ap­pa­rat ver­an­kert wäre.

Mit La­can: Trump be­schreibt sich als \exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}} , als Aus­nah­me­we­sen, des­sen se­xu­el­le Lust­be­frie­di­gung nicht durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ein­ge­schränkt ist.

Trump nimmt zwar nicht die Po­si­ti­on ei­nes Got­tes oder ei­nes Ur­va­ters ein, aber es ist ihm durch­aus ge­lun­gen, eine Aus­nah­me­po­si­ti­on zu be­set­zen, schließ­lich ist er ja Prä­si­dent des mäch­tigs­ten Staa­tes der Erde ge­wor­den. Das ist viel­leicht nicht ohne Be­zie­hung zu der Tat­sa­che, dass er sich als je­mand auf­führt, der alle Frau­en hat. Wie­vie­le Män­ner und wie­vie­le Frau­en ha­ben ihn ge­wählt, nicht ob­wohl er sich so prä­sen­tiert, son­dern weil er es tut? Stüt­zen sie sich für ihre Trie­bein­schrän­kung auf ihn als Aus­nah­me­exis­tenz?

Si­cher­lich ist er nicht der ein­zi­ge, der sich so ge­bär­det, aber den­noch un­ter­schei­det ihn die­se Art der Selbst­in­sze­nie­rung von vie­len an­de­ren Män­nern. Auf­fäl­lig ist üb­ri­gens auch, dass er als sein ei­ge­ner Le­po­rel­lo tä­tig ist, dass er das Be­sin­gen sei­ner Ta­ten nicht ei­nem an­de­ren über­lässt.

Zu sei­ner se­xu­el­len Selbst­dar­stel­lung passt ver­blüf­fend ge­nau sei­ne Po­si­ti­on im Fel­de der Po­li­tik. Er be­greift alle Schwie­rig­kei­ten als Ri­va­li­täts­pro­ble­me, er ak­zep­tiert kein Ge­setz, das über ihm stün­de, und man muss wohl ver­mu­ten, dass er dazu schlicht nicht in der Lage ist. Auf La­ca­ne­sisch: Er de­fi­niert po­li­ti­sche Fra­gen rein ima­gi­när, das sym­bo­li­sche Re­gis­ter – das Ge­setz – scheint er nie­mals sub­jek­ti­viert zu ha­ben.   

Trump tritt als groß­mäu­li­ger Ur­va­ter auf – lässt sich dar­aus schlie­ßen, dass er tat­säch­lich eine Aus­nah­me­exis­tenz ist, die dem Ge­setz und dem Kas­tra­ti­ons­kom­plex ent­gan­gen ist? Die All­tags­er­fah­rung lehrt ja, dass Selbst­prä­sen­ta­ti­on und tat­säch­li­ches se­xu­el­les Ver­hal­ten weit aus­ein­an­der­klaf­fen kön­nen. Wäh­rend des Ge­sprächs im Bus be­fin­det Trump sich in ei­ner Ri­va­li­täts­po­si­ti­on zu sei­nen Ge­sprächs­part­nern („Schau dich an, du bist ein Wasch­lap­pen“), in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: die Adres­sa­ten sind für ihn die ima­gi­nä­ren an­de­ren, die­je­ni­gen, in de­nen er sich nar­ziss­tisch spie­gelt.

Es ist leicht er­kenn­bar, dass im Fal­le von Trump die Selbst­dar­stel­lung eine spe­zi­el­le Form an­ge­nom­men hat. Auf ver­blüf­fen­de Wei­se ist sein Nar­ziss­mus un­mit­tel­bar mit den Mas­sen­me­di­en ver­schal­tet und er ist dar­in auf be­stän­di­ge Rück­mel­dung an­ge­wie­sen. Er sucht das Du­ell vor Zu­schau­ern, vor al­lem vor Fern­seh­zu­schau­ern und vor sei­nen Fol­lo­wers in der Twit­tersphä­re. Aber da­mit sind wir bei der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on, nicht beim Sym­bo­li­schen, nicht beim Ge­setz, nicht bei der Kas­tra­ti­on. 

Im Jah­re 2006 trat er in  der Talk­show The View zu­sam­men mit sei­ner Toch­ter Ivan­ka auf, um Wer­bung für sei­ne  ei­ge­ne Show zu ma­chen, The Ap­pren­ti­ce. Er sprach über die Schön­heit sei­ner Toch­ter und fuhr dann fort: 

Ich habe ge­sagt, wenn Ivan­ka nicht mei­ne Toch­ter wäre, wür­de ich sie viel­leicht da­ten (perhaps I’d be da­ting her).“14   

Da­mit be­zieht er sich di­rekt auf das Ge­setz al­ler Ge­set­ze, auf das In­zest­ta­bu. Das ver­blüfft, denn die­ses Ver­bot funk­tio­niert in der Re­gel stumm; aus­drück­lich er­wähnt wird es vor al­lem dann, wenn es über­tre­ten wor­den ist und die Über­tre­tung zum Kon­flikt ge­führt hat. Trump hin­ge­gen stellt sich als je­mand dar, für den die­ses Ge­setz ein äu­ße­rer Zwang ist, dem er sich zwar fügt, das er aber nicht ver­in­ner­licht hat.

Äu­ßer­li­ches Ver­hält­nis zum Ge­setz – ist das sei­ne se­xu­el­le Po­si­ti­on oder ge­hört das zu dem Bild, das er von sich zei­gen möch­te? Das Set­ting, eine Talk­show, spricht für die zwei­te Mög­lich­keit, für die Zu­ord­nung zur ima­gi­nä­ren Rück­kop­pe­lungs­schlei­fe. Sein Ide­al-Ich ist of­fen­bar der Ur­va­ter, der von au­ßen mit dem Ur­ge­setz kon­fron­tiert ist, und der alle Frau­en hat, bis auf eine, auf die er wi­der­stre­bend ver­zich­tet. (Und sein sym­bo­li­sches Ichi­de­al, an dem die­ses Ide­al-Ich ge­wis­ser­ma­ßen auf­ge­hängt ist? Der Fa­mi­li­en­na­me „Trump“, des­sen Schrift­zug er welt­weit ver­mark­tet.)

Trumps Be­zug­nah­me auf das In­zest­ver­bot in The View hat die Form ei­nes Selbst­zi­tats – „ich habe ge­sagt“. Das ist mög­li­cher­wei­se eine wich­ti­ge Ein­zel­heit, da Trump sich da­mit auf sich selbst als Spre­cher be­zieht, mit La­can: auf sich als Sub­jekt des Äu­ße­rungs­vor­gangs, der énon­cia­ti­on; ich kann die­ses De­tail aber nicht ein­ord­nen.

So­weit also das In­zest­ver­bot, das Ge­setz. Und die Kas­tra­ti­on?

Trump um­gibt sich mit Frau­en, die für ihn, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie, „der Phal­lus sind“. Sie ma­chen sich gut sicht­bar und prä­sen­tie­ren sich, wan­dern­de Schwell­kör­per, straff und hoch­auf­ge­rich­tet. Trump sucht ihre Nähe und er bie­tet sie, an sei­ner Sei­te, den Au­gen der Öf­fent­lich­keit dar. Sie schei­nen für ihn als eine Art Blick­fal­le zu fun­gie­ren, als Ab­wehr­zau­ber ge­gen die Ge­fahr des bö­sen Blicks. Das Pu­bli­kum birgt in sich die be­droh­li­che Mög­lich­keit des ver­nich­ten­den Blicks, des Blicks als Ob­jekt a. Zu des­sen Ab­wehr bringt er den ima­gi­nä­re Phal­lus ins Spiel, den Phal­lus als Ga­ran­ten der kör­per­li­chen Ganz­heit. Und da­mit auch des­sen Kehr­sei­te, die Kas­tra­ti­on. 

Über eine Jour­na­lis­tin, die sich kri­tisch über ihn ge­äu­ßert hat­te, sag­te er Ende letz­ten Jah­res in ei­nem In­ter­view :

Blut kam aus ih­ren Au­gen, Blut kam aus ihr, wo­au­chim­mer“15.

Al­len war klar, dass er da­mit auf die Mens­trua­ti­on an­spiel­te. Über eine an­de­re Jour­na­lis­tin, die ihn kri­ti­siert hat­te, schrieb er vor ein paar Ta­gen auf Twit­ter,

sie blu­te­te schlimm von ei­nem Face­lif­ting“16.

In der Pres­se wur­de auf die Par­al­le­le hin­ge­wie­sen. Für Trump, so konn­te man le­sen, ist eine Frau, die ihn kri­ti­siert, eine blu­ten­de Frau. Ich er­gän­ze: Und im Blu­ten zeigt sich für ihn, dass sie zu­gleich min­der­wer­tig und ge­fähr­lich ist. Muss man nicht an­neh­men, dass hier, ein­ge­schal­tet in die ima­gi­nä­re Ebe­ne des Du­ells (des Zwei­kampfs mit ei­ner Jour­na­lis­tin), die Kas­tra­ti­ons­phan­ta­sie ins Spiel kommt?

Für Trump sind Frau­en ent­we­der in der Po­si­ti­on, der ima­gi­nä­re Phal­lus zu sein oder aber kas­triert zu sein. Bei­des dürf­te zu­sam­men­hän­gen. Dass er sich mit Frau­en um­gibt, die der Phal­lus „sind“, ist ver­mut­lich die Ab­wehr da­ge­gen, dass sie „kei­nen ha­ben“, dass er sie un­be­wusst als We­sen auf­fasst, die aus der Wun­de der Kas­tra­ti­on blu­ten.

Falls das stimmt, gilt auch für Trump, dass die Be­zie­hung zu Se­xu­al­part­nern des an­de­ren Ge­schlechts durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex ver­mit­telt ist.

Do­nald Trump hat den Drang, sich als das Aus­nah­me­we­sen dar­zu­stel­len, das alle Frau­en hat und das sei­ne se­xu­el­le Lust frei be­frie­di­gen kann: \exists \text {x} \overline {\Phi \text {x}} . Ge­nau­er, er prä­sen­tiert sich als je­mand, der fast alle Frau­en hat, bis auf eine, und der da­mit das In­zest­ta­bu be­folgt, je­doch als äu­ße­ren Zwang, nicht als ver­in­ner­lich­tes Ge­setz. 

In der Be­zie­hung zu sei­nen Se­xu­al­part­ne­rin­nen scheint er der Prä­gung durch den Kas­tra­ti­ons­kom­plex je­doch ge­nau­so we­nig ent­gan­gen zu sein wie ir­gend­ein an­de­rer: \forall \text {x} \Phi \text {x} .

Kommentare

Sie­he hier.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Zu­erst in Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, Sit­zung vom 22. März 1969; Ver­si­on Mil­ler, S. 226.
  2. Die Aus­ar­bei­tung der Se­xu­ie­rungs­for­meln be­ginnt in der zwei­ten Hälf­te von Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, Sit­zung vom 17. März 1971 ( Über­set­zung auf die­ser Web­site hier). Die end­gül­ti­ge Fas­sung der For­meln fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 19 von 1971/72, … oder schlim­mer, Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 1972 (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 39) so­wie in L’Étourdit (1972). In: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S.449 –495, hier: S. 458 ff.
  3. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  4. Ein­ge­führt wird der Ter­mi­nus „phal­li­sche Funk­ti­on“ für die Zei­chen­fol­ge Φx in Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, in der Sit­zung vom 19. Mai 1971 (Über­set­zung auf die­ser Web­site hier; vgl. Ver­si­on Mil­ler S. 142 und 144). Der Be­zug von Φx und des Aus­drucks „phal­li­sche Funk­ti­on“ zu Fre­ges Funk­ti­ons­be­griff wird von La­can erst­mals her­ge­stellt in Se­mi­nar 19 von 1971/72, … oder schlim­mer, in der Sit­zung vom 8. De­zem­ber 1971 (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 14).
  5. Vgl. S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–145, hier: S. 123–125; ders.: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be,  Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 448–610, dar­in: „Die Weib­lich­keit“, S. 544–565, v.a. S. 549 f.
  6. Vgl. etwa Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  7. S. Freud: Zwangs­hand­lun­gen und Re­li­gi­ons­übun­gen (1907). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 7. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 1121, hier: S. 21.
  8. S. Freud: Zur Ge­win­nung des Feu­ers (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 445454, hier: 450.
  9. S. Freud: To­tem und Tabu (1912–1913). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 287–444, hier: S. 425.
  10. Vgl. Se­mi­nar 14, La lo­gi­que du phan­tas­me, Sit­zung vom 26. April 1967; Se­mi­nar 17, L’envers de la psy­chana­ly­se, Sit­zung vom 18. März 1970 (Ver­si­on Mil­ler, S. 143); Se­mi­nar 18, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971 (Ver­si­on Mil­ler S. 33, Über­set­zung hier) und vom 17. Fe­bru­ar 1971 (Ver­si­on Mil­ler S. 64 f., Über­set­zung hier).
  11. S. Freud: Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag Frank­furt am Main 2000, S. 61134, hier: S. 130).
  12. S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 243 f.
  13. Tran­script: Do­nald Trump’s ta­ped com­ments about wo­men. In: New York Times vom 8. Ok­to­ber 2016, hier; mei­ne Über­set­zung.
  14. Zi­tiert nach: Adam Wi­th­nall: Do­nald Trump’s un­sett­ling re­cord of com­ments about his daugh­ter Ivan­ka. In: The In­de­pen­dent, 10. Ok­to­ber 2016, hier.
  15. Zi­tiert nach: Jim Ru­ten­berg: Me­gyn Kelly’s cau­tio­na­ry tale of crossing Do­nald Trump. In: New York Times vom 15. No­vem­ber 2016, hier.
  16. Zi­tiert nach: Glenn Thrush, Mag­gie Ha­ber­man: Trump mocks Mika Brze­zin­ski; says „She was blee­ding bad­ly from a face-lift“. In: New York Times vom 29. Juni 2017, hier.

Kommentare

Es gibt kein sexuelles Verhältnis – auch nicht für Trump? — 1 Kommentar

  1. Wirk­lich grö­ßen­wahn­sin­nig, der Herr Pre­si­dent..
    Eine sehr in­ter­es­san­te Deu­tung, vie­len Dank da­für! Be­son­ders ge­fal­len hat mir der Sei­ten­ge­dan­ke bzgl. Le­po­rel­los!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.