Franz Kaltenbeck: Verstoßene Kinder

Sa­mu­el Be­ckett, Wai­ting for Go­dot. San Quen­tin Dra­ma Work­shop, Pa­ris 1987 
Bud Thor­pe (Vla­di­mir), La­wrence Held (Es­tra­gon), Lou­is Be­ckett-Clu­chey (Jun­ge)

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Am Thea­ter ent­ge­hen ei­nem manch­mal De­tails, die doch ihre Wich­tig­keit ha­ben. „… stets ent­flie­het Un­be­ach­te­tes“, sagt der vom Ora­kel zu­rück­ge­kehr­te Kre­on.1 So über­liest man z..B. im Kö­nig Ödi­pus von So­pho­kles leicht die klein­ge­druck­te An­wei­sung vor dem Auf­tritt des blin­den Tei­re­si­as:

Tei­re­si­as tritt auf, von ei­nem Kna­ben ge­führt“2.

Nach­dem ihm schon Kre­on – sein Schwa­ger, den er zum Ora­kel Apol­los ge­schickt hat­te, um zu er­fah­ren, war­um The­ben von der Pest heim­ge­sucht wird – er­klärt hat, sie sei we­gen des Mor­des an Kö­nig Laïos aus­ge­bro­chen, ruft Ödi­pus den Se­her Tei­re­si­as her­bei, um von ihm zu er­fah­ren, wer Lai­os ge­tö­tet hat, sei­nen Va­ter und ers­ten Mann Jo­kastes. Tei­re­si­as wei­gert sich eine Zeit lang, Ödi­pus zu sa­gen, was er weiß, so­dass die­ser ihn so­gar be­schul­digt, am Mord be­tei­ligt ge­we­sen zu sein. Dann aber gibt Tei­re­si­as sein Wis­sen preis: „Du seist der Kö­nigs­mör­der, den du su­chen willst“3. Und lässt so­gar durch­bli­cken, dass er nicht nur von Ödi­pus’ Va­ter­mord weiß, son­dern auch vom In­zest mit sei­ner Mut­ter Jo­kaste.

Ödi­pus aber kann Tei­re­si­as’ Rede nicht ver­ste­hen und weist sie da­her von sich, so­dass der Se­her be­schließt, ihn zu ver­las­sen:

So geh’ ich denn, und du, Kind, füh­re mich hin­weg!“4

Wer ist die­ses Kind, das den Blin­den füh­ren muss? Hat­te Tei­re­si­as Kin­der? Ein Skla­ve? Oder ist es ei­nes je­ner an­ony­men Kin­der, die seit So­pho­kles auf den Büh­nen vor­kom­men und die man nicht ge­nug be­ach­tet?

Manch­mal ha­ben sie rät­sel­haf­te Mis­sio­nen, wie je­ner kind­li­che Bote, der in War­ten auf Go­dot den Prot­ago­nis­ten Vla­di­mir und Es­tra­gon die schlech­te Nach­richt über­bringt, dass Herr Go­dot heu­te Abend nicht kom­men wer­de, aber be­stimmt mor­gen. Ei­gent­lich sind es zwei Kin­der. Sie tre­ten nicht zu­sam­men auf, das ers­te kommt im ers­ten Akt, das zwei­te im zwei­ten, sie wer­den aber von dem­sel­ben Schau­spie­ler dar­ge­stellt. Die Ver­schie­den­heit der bei­den geht dar­aus her­vor, dass Wla­di­mir im zwei­ten Akt fragt: „Er­kennst du mich nicht wie­der?“ Der Jun­ge ver­neint. Wla­di­mir fragt wei­ter: „Bist du nicht ges­tern schon hier ge­we­sen?“ Und der Jun­ge ant­wor­tet: „Nein.“„Kommst du zum ers­ten­mal?“ „Ja.“5

Und dann gibt es, was die­se Kin­der be­trifft, et­was noch Fremd­ar­ti­ge­res. Wäh­rend der Pro­ben für War­ten auf Go­dot mit dem San Quen­tin Dra­ma Work­shop im Jahr 1984, bei de­nen Be­ckett die Re­gie führ­te, ar­bei­te­te er sehr hart mit Lou­is Clu­chey, der den Jun­gen spiel­te, da­mit die­ser mit ei­ner mög­lichst mo­no­to­nen, me­tal­li­schen Stim­me spre­che. Be­ckett kom­men­tier­te die­se Be­stre­bung so: Die fremd­ar­ti­ge me­tal­li­sche und mo­no­to­ne Qua­li­tät der Stim­me sol­le be­wir­ken, dass es scheint, sie kom­me aus ei­ner an­de­ren Welt.6 Da­mit ist klar, dass der Jun­ge auf kei­nen Fall eine un­be­deu­ten­de Ne­ben­rol­le spielt. Wäh­rend Be­ckett sich im­mer da­ge­gen ver­wahrt hat, zu sa­gen, wer Go­dot sei – auf kei­nen Fall Gott –, schreibt er dem Kna­ben eine ge­wis­se Tran­szen­denz zu, ver­leiht ihm eine me­ta­phy­si­sche Di­men­si­on.7

Man könn­te in die­ser Hin­sicht auch un­ter­su­chen, wer das Kind ist, das den al­ten Mann in Worst­ward Ho (Aufs Schlimms­te zu) be­glei­tet.

Wir wid­men uns hier aber gleich dem noch ge­heim­nis­vol­le­ren Kind im End­spiel, sei­nem zwei­ten gro­ßen Stück.

Das Kind im Endspiel

hamm Ich lie­be die al­ten Fra­gen. Schwung­voll. Ah, die al­ten Fra­gen, die al­ten Ant­wor­ten, da geht nichts dar­über!“8

Das End­spiel wur­de am 1. April 1957 auf fran­zö­sisch, also in sei­ner Ori­gi­nal­spra­che, am Lon­do­ner Roy­al Court Theat­re ur­auf­ge­führt. Be­cketts Bru­der war um die­sel­be Zeit ge­stor­ben und we­gen die­ses Ver­lus­tes war der Dich­ter in eine schwe­re De­pres­si­on ge­ra­ten. Er hielt die­sen Ein­ak­ter für wich­ti­ger als War­ten auf Go­dot.

Im End­spiel tre­ten vier Per­so­nen auf: Nagg, Nell, Hamm und Clov.9 Nicht er­wähnt wird da­bei ein von Clov im letz­ten Drit­tel der Hand­lung wahr­ge­nom­me­nes – geis­ter­haf­tes – Kind: „On dirait un môme“, sagt Clov im Ori­gi­nal.10 „Sieht aus wie ein Kna­be.“ (156)11

Hamm, der Blin­de, spielt sich als der Herr auf, der Clov, sei­nen Knecht her­um­kom­man­diert, sagt aber zu­gleich, dass er Clov als Va­ter ge­dient habe12, wäh­rend er Nagg, sei­nen ei­ge­nen Va­ter, be­schimpft. Clov schickt Hamm des­sen Nach­richt in um­ge­kehr­ter Form zu­rück: Du hast mir dazu ge­dient, und dies (dein Heim) hat mir dazu ge­dient. Die Va­ter-Sohn-Be­zie­hung ist also auf das her­un­ter­ge­kom­men, was das Verb „die­nen“ nennt. Wei­ter un­ten (144) fragt Clov: „Wozu die­ne ich denn?“ Und Hamm ant­wor­tet: „Mir die Re­plik zu ge­ben.“ Im End­spiel geht es auch um das, was man „Heim­lo­sig­keit“ nen­nen könn­te. Eine an­de­re Kri­tik des „Heims“ als die von Freud in Das Un­heim­li­che. Und der wol­len wir nach­ge­hen.

Nell und Nagg, Hamms El­tern, le­ben in zwei Müll­ton­nen, ih­nen dient Hamms Heim also nicht mehr. Sie kön­nen nicht zu­sam­men­kom­men. Des­we­gen hat man die Un­mög­lich­keit von Nell und Nagg, ein­an­der zu küs­sen, als An­spie­lung auf den un­mög­li­chen Kuss in John Keats’ Ode on a Gre­cian Urn ge­le­sen.13

End­spiel be­steht vor al­lem aus den sub­ti­len, wit­zig-bös­ar­ti­gen und sar­kas­ti­schen Dia­lo­gen zwi­schen Hamm und Clov, die oft von all­täg­li­chen Si­tua­tio­nen aus­ge­hen. Hamms Be­feh­le und Schi­ka­nen, die Clov aus­führt, sind ein wei­te­rer An­lass die­ser Zwie­ge­sprä­che. „Das gan­ze Le­ben die glei­chen Al­bern­hei­ten“, sagt Clov (135). Mit die­sem Schlag­ab­tausch, der nur vom Ver­such Naggs und Nells, ein­an­der zu küs­sen, und von Naggs kin­di­schen an sei­nen Sohn ge­rich­te­ten Bit­ten un­ter­bro­chen wird, neh­men Hamm und Clov von­ein­an­der Ab­schied, wo­bei man nicht weiß, ob Hamm Clov hin­aus­wirft oder Clov Hamm ver­lässt. Auch das El­tern­paar muss sich tren­nen, ein­fach weil Nell stirbt. Vor­her er­zählt ihr Nagg aber noch die in Be­cketts Wer­ken öf­ter vor­kom­men­de Ge­schich­te vom Schnei­der, der eine Hose nicht fer­tig­bringt.

Der blin­de und „hy­po­ma­ni­sche“ Hamm be­fiehlt Clov im­mer wie­der zu sa­gen, was er durch die nur über eine Lei­ter er­reich­ba­ren Fens­ter sieht: ei­nen Welt­un­ter­gang. Grau­es Licht. Die Erde steht schon un­ter Was­ser, von Na­tur ist nichts mehr zu se­hen, sie hat die Men­schen auf­ge­ge­ben. Und als Clov von ei­ner Rat­te spricht, die er tö­ten will, ruft Hamm wie Prinz Ham­let aus: „Eine Rat­te!“ (141) Gibt es denn noch Rat­ten? Der Dia­log schrei­tet vor al­lem mit Wort­spie­len, Pa­ra­do­xi­en, Apo­ri­en vor­an – Hamm droht z..B.: ich wer­de dir nichts mehr zu es­sen ge­ben, und Clov ant­wor­tet, dann wer­den wir ster­ben, wor­auf Hamm droht, er wer­de ihm nur so­viel ge­ben, dass er nicht ster­ben und im­mer Hun­ger lei­den wird, Clov je­doch dazu be­merkt, dass sie dann nicht ster­ben wer­den – was Hamm ja nun auch wie­der nicht ha­ben will. (112)

Ihre Un­ter­hal­tung fes­selt ei­nen so, dass man da­bei leicht ei­nen Hand­lungs­fa­den miss­ach­tet, der sich mit sei­nem fast un­mensch­li­chen Pa­thos scharf von die­sem geist­rei­chen Zwie­ge­spräch ab­hebt. Man könn­te die­sen Hand­lungs­strang „Hamms Ro­man“ nen­nen.

Hamms Roman

Hamm spricht vier Mal von sei­ner „Ge­schich­te“, die er auch sei­nen „Ro­man“ nennt. Er spricht in vier Fort­set­zun­gen, könn­te man sa­gen.14 Im­mer wie­der be­klagt er sei­ne Schwie­rig­keit, zu schaf­fen, lobt aber auch voll Ei­tel­keit sei­ne ei­ge­ne Schöp­fer­kraft. Die ers­te Epi­so­de muss er Nagg er­zäh­len, da Clov nicht zu­hö­ren will. Bei der zwei­ten ist Clov an­we­send und muss auf Be­fehl Hamms „nach­boh­ren“, wenn Hamms Er­zähl­fluss stockt. Bei der drit­ten Fort­set­zung ist Clov hin­aus­ge­gan­gen. Und auch bei der vier­ten, ganz am Ende des End­spiels, ist Hamm al­lein.

Vor der ei­gent­li­chen Ge­schich­te er­zählt Hamm von ei­nem ver­rück­ten Ma­ler, dem er die Schön­heit der Welt zei­gen woll­te. Die­ser reißt sich hin­ge­gen von ihm los, kehrt in sei­ne Ecke zu­rück. Er al­lein war ver­schont ge­blie­ben – Hamm sagt nicht, wo­vor. „Er hat­te nur Asche ge­se­hen.“ (135)

Als Clov an­kün­digt, er wer­de Hamm ver­las­sen, will ihm die­ser noch sei­ne Ge­schich­te er­zäh­len. Weil Clov sie aber nicht hö­ren will – er sagt spä­ter, dass er ih­rer Ge­schich­ten müde sei, und ein an­de­res Mal, dass er nicht mehr spie­len wol­le –, muss Nagg ihn als Zu­hö­rer er­set­zen. Der ver­langt eine Pra­li­ne und Hamm ver­spricht sie ihm. Dann spricht er im „Er­zähl­ton“ ins Lee­re, denn Nagg hört ihm gar nicht zu.

Es geht um ei­nen Mann, der sich ihm bei bit­te­rer Käl­te auf dem Bauch krie­chend nä­hert. Der Mann sagt ihm, es gehe um sein Kind, was Hamm „är­ger­lich“ fin­det. Er habe sein Kind le­bend an ei­nem an­de­ren Ort ge­las­sen. Hamm ver­steht, dass er Brot für sein Kind will, aber Brot habe er gar nicht, da er es nicht ver­daue. Selbst wenn er ihm Ge­trei­de gebe, da­mit er sei­nem Kind ei­nen Brei dar­aus ma­chen kön­ne und das Kind wie­der Far­be be­kä­me, müs­se er doch über­le­gen, dass er auf der Erde sei. Und „da­ge­gen gibt es kein Mit­tel!“. Er schlägt dem Mann schließ­lich vor, in sei­ne Diens­te zu tre­ten. (Hamm ver­langt von je­dem ei­nen Dienst!) Da fasst der Mann Mut und fragt ihn auf sei­nen Kni­en, ob er be­reit sei, auch das Kind auf­zu­neh­men, „wenn es noch leb­te“ (141). Nun bricht aber die Er­zäh­lung ab. Hamm sorgt sich dar­über, dass sei­ne Ge­schich­te nicht mehr lan­ge rei­chen wer­de, es sei denn, er füh­re an­de­re Per­so­nen ein. Dann for­dert er die Sei­nen auf, zu Gott zu be­ten, und Clov, der wie­der an­we­send ist, sagt: „Es ist eine Rat­te in der Kü­che.“

Die zwei­te Epi­so­de lei­tet Hamm mit ei­ner Prah­le­rei ein. Er sei mit sei­ner Ge­schich­te – er wird sie nun sei­nen „Ro­man“ nen­nen – gut vor­an­ge­kom­men, er­klärt er und ver­langt von Clov, ihn aus­zu­fra­gen, er sol­le doch wei­ter boh­ren. Da­bei er­weist sich, dass er nicht viel vor­an­ge­kom­men ist.

Er fängt wie­der von ei­nem auf dem Bauch Krie­chen­den an, der um Brot für sein Kind flennt. Nicht der­sel­be wie vor­her, noch ei­ner! Dem bie­tet man eine Gärt­ner­stel­le an. Dar­über muss Clov sehr la­chen. Und da fragt ihn der Mann, ob er sei­nen Klei­nen bei sich be­hal­ten dür­fe. Der wäre dann auf die Bäu­me ge­klet­tert und wäre ge­wach­sen, fügt Clov hin­zu, der den Spieß um­dreht, denn nun spornt er Hamm an: „Bohr doch wei­ter, Men­schens­kind …!“ Hamm hört aber an die­ser Stel­le auf, ob­wohl er un­ge­fähr weiß, wie die Ge­schich­te wei­ter­geht. Er fürch­tet, dass sie schon zu Ende sei. Dann be­fiehlt er Clov nach­zu­se­hen, ob Nell tot ist. Hamm ruft zwei­mal sei­nen Va­ter und ver­langt sei­nen (Stoff-)Hund.

Als Clov in sei­ne Kü­che zu­rück­ge­kehrt ist, hält Hamm eine Rede, die auch mit sei­ner Ge­schich­te zu tun hat. Er re­det von al­len, de­nen er  hät­te hel­fen kön­nen, und be­lehrt sie, wie den ers­ten Bett­ler, es gebe kein Mit­tel da­ge­gen, auf der Erde zu sein. „Haut ab, zu­rück zu eu­ren Or­gi­en!“ (150) Dem Kn’cht bleibt das Ge­nie­ßen, könn­te man mit La­cans Aus­le­gung der Hegel’schen Dia­lek­tik vom Herrn und vom Knecht sa­gen.

Hamm nimmt das Ende vor­weg. Er wer­de, wenn es so­weit sei, sei­nen Va­ter und sei­nen Sohn, also Clov, ge­ru­fen ha­ben. Clov wer­de be­stimmt zu­rück­kom­men. Er, Hamm, wer­de wie das ein­sa­me Kind han­deln, das er ja ein­mal war. Da­mals rief er Nagg, sei­nen Va­ter. Das ein­sa­me Kind spal­tet sich in meh­re­re, „um bei­ein­an­der zu sein und mit­ein­an­der zu flüs­tern in der Nacht“ (151).

Am Ende an­ge­kom­men, re­pro­du­ziert Hamm, was er je­nem Va­ter sagt, der ihn an­fleht, sein Kind in sein Haus mit­brin­gen zu dür­fen. Er hält ihm im­mer die glei­che Rede, von dem, was es jetzt hei­ße, auf der Erde zu sein. Er müs­se das doch wis­sen. Er habe ihm sei­ne Ver­ant­wor­tung vor Au­gen ge­führt. Kurz, Hamm schließt aus, dass der Va­ter sein Kind mit­brin­gen dür­fe.

Rückkehr ins Reale

Hamms Ver­sto­ßung des Kin­des bleibt aber nicht ohne Fol­gen und die­se Fol­gen stel­len sich in je­ner Di­men­si­on ein, die La­can das Rea­le nennt. Noch be­vor es zu Ende geht und nach­dem ihn Clov ge­be­ten hat: „Lass uns auf­hö­ren zu spie­len“, und Hamm dies aber ver­wei­ger­te, be­fiehlt er Clov, auf die Lei­ter zu stei­gen und aus dem Fens­ter zu schau­en, um ihm zu sa­gen, wie es drau­ßen ist (156). „Lass dir ge­sagt sein, dass ich die­sen Dreck an­schaue, weil du es be­fiehlst. Aber es ist be­stimmt das letz­te Mal“, warnt ihn Clov. Er schwenkt das Fern­glas hin und her. Nichts. Dann ruft er er­schro­cken: „Sieht aus wie ein Kna­be.“15 (On dirait un môme!)

Er wapp­net sich mit dem Boots­ha­ken und geht zur Tür. Doch Hamm pfeift ihn zu­rück: „Lass nur.“ Clov pro­tes­tiert. Das sei doch „ein po­ten­ti­el­ler Er­zeu­ger“! Hamm gibt ihm kalt zu be­den­ken, dass der Kna­be ent­we­der her­kom­men  oder schon an sei­nem Platz ster­ben wer­de. Im Ori­gi­nal er­fährt man üb­ri­gens den ge­nau­en Ab­stand zwi­schen dem auf der Erde sit­zen­den Kna­ben und dem Haus: 74 Me­ter.

Be­ckett hat für die deut­sche Über­set­zung viel ge­stri­chen, so­dass sie är­mer ist als der Ori­gi­nal­text. Bei­spiels­wei­se fragt Hamm im fran­zö­si­schen Text sei­nen Die­ner, was das Kind ma­che, und dann ver­gleicht er es mit Mo­ses: „Er schaut das Haus an, ohne Zwei­fel, mit den Au­gen des ster­ben­den Mo­ses.“16 Da­bei han­delt es sich um die Stel­le im Deu­te­ro­no­mi­um, wo der ster­ben­de Mo­ses das ge­lob­te Land nur­mehr aus der Fer­ne be­trach­ten darf, da Gott ihm ver­bo­ten hat, es zu be­tre­ten.17 Das vor Hamms Heim sit­zen­de Kind be­fin­det sich in ei­ner ähn­li­chen Lage. Clov glaubt hin­ge­gen, dass das Kind nur sei­nen Na­bel an­schaue; für Hamm ist es viel­leicht schon tot.

Wo­her kommt denn die­ses Kind? Aus Hamms Ro­man, den die­ser zu­erst Nagg, sei­nem für ihn tau­ben Va­ter er­zähl­te? „Na, wel­cher schlim­me Wind führt Sie hier her?“, fragt Hamm den ers­ten Bett­ler (139) und die­ser wird ihm schließ­lich sa­gen: „Es ist mein Kind“ (140). Im Ori­gi­nal steht das et­was schär­fer, krie­ge­ri­scher: „Mais quel est donc l’objet de cet­te in­va­si­on?“ („Was ist der Ge­gen­stand die­ser In­va­si­on?“) Das Er­schei­nen des Kin­des in Clovs Blick­feld wird nun von Hamm und auch von Clov wirk­lich als In­va­si­on er­lebt. Laut Clan­cy Sig­al, die ei­ner Pro­be bei­wohn­te, kom­men­tier­te Be­ckett die Stel­le, wo Clov in der eng­li­schen Ver­si­on „Looks like a small boy“ („Sieht wie ein klei­ner Jun­ge aus“) sagt, et­was rät­sel­haft so:

‚Da soll­te nichts drau­ßen sein … Er möch­te, dass Clov sieht, auf was er da drau­ßen tref­fen wird, wenn aber et­was da drau­ßen le­ben­dig ist, ist es nicht so, wie er an­nahm, und das wäre  schreck­lich.‘ (‚Ist das die Per­son, die mich er­mor­den wird?‘) (‘The­re should be not­hing out the­re He wants Clove to see what he’s go­ing out into, but if the­re is so­me­thing out the­re ali­ve, it is not as he sup­po­sed, and that would be ter­ri­ble.’ (‘Is This the Per­son to Mur­der Me?’)“18

In die­sem Kom­men­tar nimmt der Au­tor also an, dass Clov wirk­lich hin­aus ge­hen könn­te. In ei­ner an­de­ren Äu­ße­rung Be­cketts zu der Stel­le mit dem Kna­ben lässt er den Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Jun­gen in Hamms Ge­schich­te und Clov of­fen:

In den Ri­ver­si­de Stu­di­os frag­te Rick Clu­chey, der zu je­ner Zeit Hamm spiel­te, Be­ckett di­rekt, ob der klei­ne Kna­be in Hamms Ge­schich­te in Wirk­lich­keit der jun­ge Clov sei. ‚Weiß nicht, ob es die Ge­schich­te des jun­gen Clovs ist oder nicht‘, war Be­cketts Ant­wort. ‚Weiß es ein­fach nicht.‘“19

Am 8. No­vem­ber 1957 schickt der ame­ri­ka­ni­sche Re­gis­seur Alan Schnei­der dem Au­tor des End­spiels ein Dut­zend Fra­gen zu End­spiel, das er in­sze­niert. Er schreibt ihm, Fra­ge 15: „Al­les, was Sie mir über Hamms Ge­schich­te er­zäh­len wol­len, wird will­kom­men sein.“ Fra­ge 12 lau­tet so: Was sind Clovs Vi­sio­nen?20

Be­ckett gibt ihm am 21. No­vem­ber 1957 Ant­wort. Dra­ma­tisch ge­se­hen, schreibt Be­ckett, evo­ziert Hamms Ge­schich­te Er­eig­nis­se, die auf Clovs An­kunft zu­rück­füh­ren, er (Clov als Kind21) sei wahr­schein­lich al­lein ge­we­sen, der Va­ter war am Weg um­ge­kom­men. Sie rufe auch den „Be­ginn des be­son­de­ren Schre­ckens in Er­in­ne­rung, auf den die­ses Spiel ein­ge­engt (con­fi­ned) ist“. Die Ge­schich­te er­lau­be auch, „Clovs Wahr­neh­mung des Kna­ben am Ende als Vi­si­on sei­ner selbst zu deu­ten, als er end­lich ‚Un­ter­schlupf‘ fand…“

Zur Fra­ge nach Clovs Vi­sio­nen: Schnei­der be­zieht sich auf die Stel­le, wo Clov Hamm er­klärt, was er in sei­ner Kü­che ma­che: „Ich be­trach­te die Wand.“ „hamm Die Wand! Und was siehst du da, auf dei­ner Wand? Me­ne­te­kel? Nack­te Lei­ber? clov Ich sehe mein Licht, das stirbt.“ (116)

Was Clovs „ster­ben­des Licht“ be­trifft, er­klärt Be­ckett, es sei „eine iro­ni­sche An­spie­lung auf die Apos­tel­ge­schich­te, 2.17“22. Hamm und Clov hal­ten ihr „Ding“ aus, schreibt Be­ckett wei­ter, „in­dem sie sich da­von weg­pro­ji­zie­ren“: Hamm nach in­nen, er strebt an, das Ding zu er­tra­gen (abi­ding), Clov nach au­ßen, er will ge­hen. „Wenn Clov zu­gibt, er habe Vi­sio­nen, so be­deu­tet das, dass sein Flucht­me­cha­nis­mus zu­sam­men­bricht. Vom dra­ma­ti­schen Stand­punkt aus er­laubt die­ses Ele­ment, dass sei­ne Wahr­neh­mung des Le­bens (Kna­be) und am Ende na­tür­lich auch der Rat­te als Hal­lu­zi­na­ti­on kon­stru­iert wird.“23

Be­ckett sag­te im­mer wie­der, er kön­ne oder wol­le über sei­ne Wer­ke nicht re­den. Der Brief­wech­sel mit Alan Schnei­der wi­der­spricht die­ser Be­haup­tung. Er hät­te sa­gen kön­nen, Clovs Wahr­neh­mung des Kin­des sei ge­nau­so Fik­ti­on wie Hamms Ge­schich­te. Sei­nem Kom­men­tar vom 21. No­vem­ber ge­bricht es nicht an Klar­heit. Was Clov sieht, ist mehr als eine Wahr­neh­mung, als „Hal­lu­zi­na­ti­on“ ge­hört es zum Rea­len. Be­ckett er­weist sich hier nicht nur als Dich­ter, son­dern auch als Kli­ni­ker.

Als Kind hät­te Clov also Hamms Haus al­lein, ohne sei­nen Va­ter, mit letz­ter Kraft er­reicht und wäre dort von Hamm auf­ge­nom­men wor­den. Im Text fragt Hamm: „Er­in­nerst du dich an dei­nen Va­ter?“ Clov ver­wei­gert die Ant­wort, denn Hamm habe ihm die­se Fra­gen „mil­lio­nen­mal“ ge­stellt (131). Hamm be­haup­tet: „Ich habe dir als Va­ter ge­dient.“ Und Clov ant­wor­tet ihm mit „um­ge­kehr­ter Bot­schaft“: „Ja du hast mir dazu ge­dient.“ Hamm „dien­te“ ihm als Va­ter, ob­wohl er zu­gleich als Knecht von Hamm aus­ge­beu­tet wur­de. Clov zahlt ihm das zu­rück, in­dem er sag­te: „Du dien­test mir…“

Hamm setz­te sich nicht nur an die Stel­le von Clovs Va­ter, ohne Clov wirk­lich zu ad­op­tie­ren. Er de­gra­dier­te auch die Funk­ti­on des Va­ters auf die des Her­ren. Das ist reich­lich ge­nug, um die Be­din­gun­gen ei­ner „Ver­wer­fung des Na­mens des Va­ters“ zu schaf­fen. Das Kind ist be­kannt­lich auch ei­ner der Na­men des Va­ters.

Wenn Clov „sich“ als Kind in der Fer­ne sieht, kehrt der Si­gni­fi­kant des Kin­des als Name des Va­ters im Rea­len wie­der. Be­ckett gibt in sei­nem Kom­men­tar für Schnei­der der Hal­lu­zi­na­ti­on die Züge des klei­nen Clovs. Er be­steht auf dem rea­len Cha­rak­ter die­ser Hal­lu­zi­na­ti­on24, denn er er­kennt, wie Clov selbst üb­ri­gens auch, das Le­ben hin­ter dem Kind. Clov und Hamm fürch­ten sich vor dem Le­ben, das der jun­ge Ein­dring­ling als „po­ten­zi­el­ler Er­zeu­ger“ re­prä­sen­tiert.

Laut Be­ckett hal­lu­zi­niert Clov ja auch die Rat­te. Seit Freuds Rat­ten­mann ha­ben die Psy­cho­ana­ly­ti­ker in der Rat­te den Phal­lus als Si­gni­fi­kat er­kannt. Die­ser ist auch der Si­gni­fi­kant des Le­bens­ge­fühls, des­sen Feh­len man­che Psy­cho­ti­ker be­kla­gen. Hamm ver­wirft nicht nur den Va­ter, son­dern auch den Phal­lus und das Le­ben, eine für den Men­schen „töd­li­che Krank­heit“ (Woo­dy Al­len), das aber in der Li­bi­do über­lebt und sich fort­pflanzt.

Wie das Kind in Hamms Ge­schich­te ver­sto­ßen wird, be­ängs­tigt das Le­ben die bei­den in Hamms Heim, das doch schon auf den Schre­cken ein­ge­grenzt ist. Da­her muss das Le­ben dort ver­wor­fen wer­den. Am Ende ver­lässt Clov Hamm. Die Tren­nung be­deu­tet für bei­de den Tod. Clov wird in der un­wirt­li­chen Welt kaum über­le­ben und Hamm ist ohne Clov zum Tod ver­ur­teilt. Er be­deckt sein Ge­sicht mit dem „al­ten Lin­nen“ sei­nes Ta­schen­tuchs, Ob­jekt sei­ner letz­ten Wand­lung.

Ein Rätsel in Shakespeares Wintermärchen

Af­fekt! dein Ah­nen bohrt zum Mit­tel­punkt;
Das machst du mög­lich, was un­mög­lich schien,
Ver­kehrst mit Träu­men? – (Wie kann dies ge­sche­hen?) –
Mit Schat­ten, du einbildungsfäh’ge Kunst,
Und bist dem Nichts ver­brü­dert“25.

Der er­schro­cke­ne Aus­ruf Clovs „Sieht aus wie ein Kna­be“ hat ein fer­nes Echo in Shake­speares Win­ter­mär­chen: „– aber was ha­ben wir hier? (…) Gott sei uns gnä­dig, ein Kind. Ein sehr hüb­sches Kind!“26 Aber nicht Per­d­i­ta, die­ses ‚sehr hüb­sche Kind‘ in Shake­speares letz­tem, 1611 ur­auf­ge­führ­ten Dra­ma, ei­nes sei­ner rät­sel­haf­tes­ten, stellt uns ein Pro­blem. Per­d­i­ta, das an Böh­mens Strand aus­ge­setz­te und im drit­ten Auf­zug wie­der­ge­fun­de­ne Mäd­chen, be­un­ru­higt uns viel we­ni­ger als das Schick­sal und die dra­ma­tur­gi­sche Funk­ti­on ih­res äl­te­ren und früh ver­stor­be­nen Bru­ders Ma­mil­li­us. Bei­de sind sie die Kin­der von Leon­tes und Her­mio­ne, dem Kö­nig von Si­zi­li­en und sei­ner Ge­mah­lin. Der Ei­fer­suchts­wahn ih­res Va­ters trieb sei­ne Frau in den Tod, sein Sohn starb aus Gram über das Schick­sal sei­ner Mut­ter und der ver­rück­te Va­ter ließ sei­ne Toch­ter in Win­deln, fern von sei­nem Hof, aus­set­zen. Im Win­ter­mär­chen stellt Shake­speare die Il­lu­si­on der Büh­ne der Täu­schung des Wahns ge­gen­über.

Zu die­ser Ket­ten­re­ak­ti­on sei­nes Wahns kam es an­läss­lich des Be­suchs von Po­ly­xe­nes, dem Kö­nig von Böh­men. Leon­tes und Po­ly­xe­nes wa­ren seit ih­rer Kind­heit in en­ger Freund­schaft ver­bun­den.27 Das si­zi­lia­ni­sche Kö­nigs­paar woll­te Po­ly­xe­nes über­re­den, sei­nen Auf­ent­halt am si­zi­lia­ni­schen Hof zu ver­län­gern. Auf Her­mio­nes Bit­te ent­schließt sich der Kö­nig von Böh­men zu blei­ben.

Ziem­lich schnell ver­sinkt Leon­tes in ei­nen tie­fen Ei­fer­suchts­wahn. So fragt er Ma­mil­li­us plötz­lich: „Bist du mein Jung?“(9)28 Und gibt dann doch zu, dass sie sich ähn­lich se­hen.

Leon­tes hat die de­li­ran­te Ge­wiss­heit, dass Her­mio­ne ihn vor sei­nen Au­gen mit Po­ly­xe­nes be­trügt und dass das zwei­te Kind, mit dem sie schwan­ger geht, nicht von ihm stammt, son­dern von sei­nem Freund. Es han­delt sich um sei­ne Toch­ter Per­d­i­ta.

Ca­mil­lo, ein vor­neh­mer Si­zi­lia­ner, be­müht sich ver­geb­lich, Leon­tes zur Ver­nunft zu brin­gen. Der Kö­nig be­schul­digt ihn, die In­di­zi­en für Her­mio­nes Treu­bruch zu ver­leug­nen und da­mit die ge­sam­te Rea­li­tät! Ha­rold Bloom29 spricht von Leon­tes „Ni­hi­lis­mus“, da die­ser in ei­ner Ti­ra­de die In­exis­tenz von Her­mio­ne her­auf­be­schwört (14). So ruft er aus:

Um un­ge­sehn zu fre­veln? Ist das nichts?
Dann ist die Welt und was dar­in ist nichts,
Des Him­mels Wöl­bung nichts und Böh­men nichts,
Mein Weib ist nichts und nichts in all dem Nichts,
Wenn dies nichts ist.“30

Leon­tes ver­kennt die Wirk­lich­keit, be­schul­digt aber Ca­mil­lo und sei­ne Um­ge­bung, die Wirk­lich­keit von Her­mio­nes Ehe­bruch zu ver­leug­nen. Er pro­ji­ziert sei­nen Wahn auf den an­de­ren, in­dem er ihm vor­wirft, die Wirk­lich­keit zu ver­leug­nen.

Leon­tes ver­langt von Ca­mil­lo, Po­ly­xe­nes zu ver­gif­ten. Ca­mil­lo ver­spricht ihm die­se Tat, läuft aber zu Po­ly­xe­nes über und flieht mit ihm nach Böh­men. Als Leon­tes ihre Flucht ent­deckt, nimmt er sei­nen Sohn Ma­mil­li­us sei­ner Frau weg und wirft die­se in den Ker­ker. Be­vor er noch de­ren Pro­zess vor­be­rei­tet, schickt er zwei Bo­ten zum Tem­pel Apol­los nach Del­phi, um vom Ora­kel zu er­fra­gen, ob sei­ne Vor­wür­fe ge­gen­über sei­ner Frau be­rech­tigt sei­en oder nicht.

Her­mio­ne bringt im Ker­ker ein Mäd­chen zur Welt – Per­d­i­ta –, und Pau­li­na, eine Dame von Rang, nimmt das Neu­ge­bo­re­ne mit, um es dem Kö­nig zu zei­gen. Ma­mi­li­us’ Ge­sund­heits­zu­stand ver­fällt, er kann das Schick­sal sei­ner Mut­ter nicht ver­win­den.  Dann be­ginnt der Pro­zess ge­gen sie. Da Leon­tes glaubt, sei­ne Toch­ter sei ein un­ehe­li­ches Kind, ver­langt er von An­ti­go­nus, dem Mann Pau­li­nas, den Säug­ling fern von sei­nem Land aus­zu­set­zen.

Der Pro­zess ge­gen Her­mio­ne wird schon zu Be­ginn von drei Er­eig­nis­sen un­ter­bro­chen. Zu­erst keh­ren die Bo­ten aus Del­phi zu­rück. Apol­los Ora­kel­spruch lau­tet: Her­mio­ne ist keusch und Po­ly­xe­nes kann nichts vor­ge­wor­fen wer­den; Leon­tes ist ein Ty­rann und sei­ne Toch­ter le­gi­tim. Zwei an­de­re Er­eig­nis­se tref­fen mit der Ver­kün­dung des Ora­kels zu­sam­men. Ma­mil­li­us ist sei­nem Gram ob der un­ge­rech­ten Be­hand­lung sei­ner Mut­ter er­le­gen und Pau­li­na er­öff­net dem Kö­nig, dass die­se schlim­me Nach­richt auch sei­ne Frau ums Le­ben ge­bracht hat. Leon­tes bricht zu­sam­men und bit­tet Pau­li­na, ihn zu sei­ner to­ten Frau und zu sei­nem to­ten Sohn zu brin­gen.

In der Zwi­schen­zeit setzt An­ti­go­nus die klei­ne Per­d­i­ta an ei­nem Strand Böh­mens aus. Er fällt ei­nem Bä­ren zum Op­fer. Sech­zehn Jah­re ver­ge­hen. Per­d­i­ta ist ein blü­hen­des Mäd­chen ge­wor­den; sie trifft Flo­ri­zel, Po­ly­xe­nes Sohn, und die bei­den ver­lie­ben sich in­ein­an­der. Der Kö­nig von Böh­men kann aber die Mes­al­li­an­ce sei­nes Soh­nes nicht hin­neh­men und droht, Per­d­i­ta so­wie den Schä­fer, ih­ren Zieh­va­ter, grau­sam zu be­stra­fen.

Ca­mil­lo, der mit Po­ly­xe­nes nach Böh­men ge­flo­hen war, will aus Heim­weh nach Si­zi­li­en zu­rück­keh­ren. So schickt er das jun­ge Paar, aber auch Po­ly­xe­nes, an den Hof des Leon­tes. Dort sol­len die Kö­ni­ge sich ver­söh­nen und die bei­den jun­gen Leu­te hei­ra­ten. Der Hof ver­sam­melt sich um eine Sta­tue der ver­stor­be­nen Her­mio­ne, die ein ita­lie­ni­scher Bild­hau­er hy­per­rea­lis­tisch ge­stal­tet hat. Das Glück der ver­sam­mel­ten Ge­mein­de er­reicht sei­nen Hö­he­punkt, als sich die Sta­tue be­lebt und Her­mio­ne vom Tod auf­er­steht.

Sind wirk­lich alle glück­lich? Die Schluss-Sze­ne wird zum Fest. Alle neh­men dar­an teil, au­ßer Pau­li­nas Mann, An­ti­go­nus, und Ma­mil­li­us, der tote Sohn. Der ers­te war von ei­nem Bä­ren ge­tö­tet wor­den, der letz­te­re vom Gram über das un­ge­rech­te Schick­sal sei­ner Mut­ter. Ein Höf­ling be­merkt, dass alle, die an der Aus­set­zung Per­d­i­tas be­tei­ligt wa­ren, um­ge­kom­men sind. Pau­li­na denkt nicht an ih­ren Mann.

Und Ma­mil­li­us? Er wird zwei­mal er­wähnt. Leon­tes klagt aus Selbst­mit­leid, er habe sein Kö­nig­reich um sei­nen le­gi­ti­men Er­ben ge­bracht. Und Pau­li­na quält den zer­knirsch­ten Leon­tes, in­dem sie ihn dar­in er­in­nert, dass sein ver­stor­be­ner Sohn und Flo­ri­zel, der Sohn des Po­ly­xe­nes und Ver­lob­te Per­d­i­tas, fast gleich­alt­rig wä­ren.

Her­mio­ne, die we­ni­ge Au­gen­bli­cke da­nach ins Le­ben zu­rück­kehrt, er­wähnt Ma­mil­li­us mit kei­nem Wort. Sie dankt da­ge­gen den Göt­tern, ihre Toch­ter wie­der­ge­fun­den zu ha­ben. Ihr Schwei­gen über Ma­mil­li­us ist umso er­staun­li­cher, als sie ja starb, weil er ge­stor­ben war.

Ma­mil­li­us wird also nicht von den To­ten er­weckt.

Sei­ne Ab­we­sen­heit konn­te De­clan Don­nell­an, dem gro­ßen iri­schen Re­gis­seur, nicht ent­ge­hen, der im Jän­ner die­ses Jah­res Das Win­ter­mär­chen am Thea­ter Les Gé­me­aux in Sceaux bei Pa­ris pro­du­zier­te. Shake­speare schrieb die Auf­er­ste­hung Her­mio­nes in den Schluss­akt sei­nes Stü­ckes, nicht aber die von Ma­mil­li­us. Don­nell­an brach­te in der letz­ten Sze­ne, als Her­mio­nes Sta­tue Le­ben an­nimmt,  auch Ma­mil­li­us auf die Büh­ne. Aber nicht in Fleisch und Blut. Don­nell­an zog es vor, das Ge­sicht des Ma­mil­li­us mit dem­sel­ben Licht an­strah­len zu las­sen wie des­sen Va­ter. Ein Licht für Ge­spens­ter, könn­te man sa­gen. Im Au­gen­blick der Wie­der­auf­er­ste­hung sei­ner Mut­ter sind also we­der der Sohn noch der Va­ter von die­ser Welt. Sie leuch­ten im Dunk­len. Das Kind Ma­mil­li­us wur­de also ver­ges­sen. Sei­ne Ab­we­sen­heit ist aber auf­fäl­lig. So ließ Don­nell­an es zum Fest der Le­ben­di­gen er­schei­nen.

Hat die­ses tote Kind nicht die Funk­ti­on, an ei­nem Fest, an dem das un­be­sieg­ba­re Le­ben ge­fei­ert wird, den Tod zu be­schwö­ren? Ohne die Aus­nah­me, die es am Schluss des Win­ter­mär­chens re­prä­sen­tiert, wäre die­ses to­ta­le Le­ben we­nig glaub­wür­dig, eine un­er­träg­li­che Hy­bris.

So herrscht also eine er­staun­li­che Sym­me­trie zwi­schen dem End­spiel und dem Win­ter­mär­chen. In Be­cketts Stück ver­wirft Hamm das Le­ben – nicht ohne dass dar­in Clov, in­dem er ihm die Re­plik gibt, sein Kom­pli­ze wäre. Doch die­ses Le­ben kehrt im Rea­len wie­der: als Kind. Ein Le­ben, das den bei­den Män­nern ge­fähr­lich er­scheint.

Im Win­ter­mär­chen wird am Schluss bei der Ver­söh­nungs­fei­er auf Ma­mil­li­us ver­ges­sen, der sei­nen El­tern doch so­viel be­deu­te­te, er wird ver­drängt. Das Le­ben tri­um­phiert da­bei über den Tod, dem so­gar die aus Trau­er über ih­ren Sohn ver­stor­be­ne Her­mio­ne ent­kommt. Ihr Sohn darf an die­sem Fest nur als Geist teil­neh­men. Va­ter und Sohn glei­chen sich nun als Tote. Der Va­ter macht ei­nen Schritt auf den Tod zu, der Sohn kommt ei­nen Schritt aus dem Jen­seits zu­rück. Die Ab­we­sen­heit des Kin­des Ma­mil­li­us im Schluss-Auf­zug liest sich als ein Me­men­to mori. Kein Le­ben ohne Tod.

Ein gefoltertes Kind

Be­cketts Kind vor den Mau­ern und Shake­speares am Fest des Le­bens ab­we­sen­des Kind ha­ben also Funk­tio­nen, die über ihre Fa­mi­li­en­struk­tu­ren weit hin­aus­ge­hen. „Wir sind doch nicht im Be­griff, et­was zu … zu … be­deu­ten?“, ruft Hamm aus. „Be­deu­ten? Wir, et­was be­deu­ten? Das ist aber gut!“, ant­wor­tet Clov (128). Wenn Clov das von Hamm in sein „Heim“ auf­ge­nom­me­ne Kind ist, hat­te er nie in ei­ner Fa­mi­lie ge­lebt, denn Hamm mach­te ihn zum Knecht. Ma­mil­li­us im  Win­ter­mär­chen hat­te da­ge­gen den Platz des Thron­fol­gers. Aber am Schluss ist er nicht ein­mal im Dis­kurs sei­ner Mut­ter  an­we­send. Don­nell­an hat sei­ne Ab­schaf­fung aus der Struk­tur klar ver­stan­den, sei­nen „zwei­ten Tod“ könn­te man mit La­can sa­gen.31 Bei­de Kin­der ge­hö­ren dem­je­ni­gen Rea­len an, das im My­thos er­scheint und das in die Li­te­ra­tur auf­ge­nom­men wer­den kann.32

Es gibt aber ein an­de­res Rea­les, näm­lich das des Ver­bre­chens, dem ein Kind zum Op­fer fällt und wo die Su­che nach dem Sinn schei­tert. Auch stößt die Ent­zif­fe­rung des Sym­ptoms bis­wei­len auf un­über­wind­ba­re Hin­der­nis­se.

Man­che Kin­der, die ei­nem Ge­walt­ver­bre­chen zum Op­fer fal­len, wach­sen in Fa­mi­li­en auf, die, wenn sie auch nicht sta­bil sind, ih­rem Le­ben doch ei­nen ge­wis­sen Rah­men ge­ben. Dann zer­bricht auf ein­mal die­ser Rah­men. Ein sol­ches Kind ver­liert al­len Schutz und das biss­chen Lie­be, das ihm ge­ge­ben wur­de. Es blei­ben ihm nur­mehr die paar An­halts­punk­te, die es in sei­nem kur­zen Le­ben er­wor­ben hat­te. Dann ver­liert es auch die­ses Le­ben.

Eine der ers­ten Straf­ge­fan­ge­nen, de­nen ich in ei­ner Haft­an­stalt Nord­frank­reichs zu­ge­hört habe, war zu Recht be­schul­digt wor­den, Mit­tä­te­rin bei ei­nem grau­sa­men Kinds­mord zu sein. Ihr Le­bens­ge­fähr­te hat­te, ein hal­bes Jahr, nach­dem er in ihr Haus ein­ge­zo­gen war, ih­ren jün­ge­ren Sohn zu Tode ge­fol­tert und sie hat­te nichts da­ge­gen ge­tan. Drei Jah­re lang habe ich die­ser Frau ein­mal in der Wo­che zu­ge­hört. Ich wer­de hier nicht auf die Ein­zel­hei­ten die­ser Tat und des­sen, was ich von der Frau dar­über er­fah­ren habe, ein­ge­hen. Drei Be­mer­kun­gen dazu.

1. Sol­che Ver­bre­chen sind nicht so sel­ten. Ein paar Jah­re spä­ter gab es ein ähn­li­ches in Nord­deutsch­land. Eine al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter trifft ei­nen dro­gen­süch­ti­gen Psy­cho­ti­ker. Er quält ihr Kind zu Tode, ohne dass sie da­ge­gen ein­schrei­tet.

2. Das Ver­bre­chen ge­schieht in meh­re­ren Etap­pen. Die Mut­ter ver­liert all ihr In­ter­es­se an dem zu­künf­ti­gen Op­fer. Das Kind wird für den ge­rings­ten Feh­ler be­straft, ge­quält, vom Fa­mi­li­en­le­ben aus­ge­schlos­sen, iso­liert, ein­ge­sperrt. Das geht bis zur Aus­sto­ßung aus der Ge­mein­schaft der Men­schen, die es kann­ten. Die­se Aus­sto­ßung führt dazu, dass die An­ge­hö­ri­gen es nicht mehr als ein mensch­li­ches We­sen an­er­ken­nen. Es er­lei­det le­bens­be­dro­hen­de Ver­let­zun­gen. We­gen der Wun­den, die ihm zu­ge­fügt wur­den, muss es den Bli­cken der Nach­barn ent­zo­gen wer­den. Es wird zu ei­nem Schat­ten, zu ei­nem Phan­tom

3. Zum Fall des fünf­jäh­ri­gen Kna­ben, für des­sen Tod sei­ne Mut­ter als Mit­ver­ant­wort­li­che zu 30 Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wur­de, muss ge­sagt wer­den, dass er nicht weg­ge­sperrt wor­den war. Meh­re­re Mit­glie­der sei­ner Fa­mi­lie, Nach­barn, Schul­per­so­nal, Er­zie­her und so­gar Ärz­te sa­hen den Kna­ben noch, mit den ihm vom Le­bens­ge­fähr­ten sei­ner Mut­ter zu­ge­füg­ten Ver­let­zun­gen. Aber das Kind war ganz al­lein und zwar so­gar, als es mit sei­ner Mut­ter sei­ne Groß­el­tern be­such­te. Nie­mand woll­te se­hen, nie­mand woll­te fra­gen, was ihm ge­sche­hen war. Nie­mand, au­ßer ei­ner Be­kann­ten sei­ner Mut­ter. Sie al­lein stell­te Fra­gen. Die Mut­ter des Kna­ben ant­wor­te­te an sei­ner Stel­le. Er ver­let­ze sich im­mer selbst, be­haup­te­te die Mut­ter, er sei psy­chisch krank. Kei­ne wei­te­ren Fra­gen. Die Be­kann­te glaub­te die Lü­gen der Mut­ter.

Der Jun­ge schrie nie, be­haup­te­te sei­ne Mut­ter. Er leis­te­te ver­zwei­fel­ten Wi­der­stand, wenn er ab­schät­zen konn­te, dass er da­mit eine Chan­ce auf Ret­tung hat­te. Ein­mal flüch­te­te er in ein Feld vor dem Haus, wur­de aber wie­der ein­ge­fan­gen … Ein an­de­res Mal über­rasch­te ihn sei­ne Mut­ter auf dem Fens­ter­brett sei­nes Zim­mers, auf das er mit letz­ten Kräf­ten ge­klet­tert war. Er öff­ne­te das Fens­ter und rief die Leu­te auf der Stra­ße zu Hil­fe. Nie­mand ant­wor­te­te ihm.

Ge­schla­ge­ne, miss­brauch­te und ge­fol­ter­te Kin­der sind dop­pelt al­lein: ih­ren Pei­ni­gern ge­gen­über, aber auch an­ge­sichts der Ver­tre­ter der Ge­sell­schaft, die so oft nicht se­hen, was die­sen Kin­dern ge­schieht, die das, was sie se­hen, ver­leug­nen oder sich ge­fühl­los da­von ab­wen­den. Die Ver­las­sen­heit der ver­sto­ße­nen Kin­der als Sym­ptom un­se­rer Ge­sell­schaft ist min­des­tens eben­so wich­tig wie jene, die man auf das feh­ler­haf­te Funk­tio­nie­ren der Fa­mi­li­en zu­rück­führt.

Pa­ris, 16. April 2016

Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Ar­ti­kel bei Franz Kal­ten­beck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire) und Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012);  Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Web­site: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. So­pho­kles, Kö­nig Ödi­pus, in: Ders., Die Tra­gö­di­en, Über­tra­gung von K. W. F. Sol­ger (Ber­lin 1805), mit ei­nem Nach­wort von Wolf­gang Scha­de­waldt und An­mer­kun­gen von  Klaus Ries. dtv, Mün­chen, 1977. S. 138. 
  2. Ibid., S. 143.
  3. Ibid., S. 145.
  4. So­pho­kles, Tra­gö­di­en und Frag­men­te, grie­chisch und deutsch, her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Wil­helm Wil­li­ge, über­ar­bei­tet von Karl Bay­er. Ernst Hei­me­ran Ver­lag, Mün­chen, 1966. S. 383.
  5. Sa­mu­el Be­ckett, War­ten auf Go­dot, aus dem Fran­zö­si­schen von El­mar To­pho­ven, in: Ders., Drei Stü­cke. War­ten auf Go­dot, End­spiel, Glück­li­che Tage. 6. Auf­la­ge, Suhr­kamp, Frank­furt am Main, 2015. S. 101. 
  6. The Thea­tri­cal Note­books of Sa­mu­el Be­ckett. Wai­ting for Go­dot, edi­ted by Dou­gald McMil­lan and Ja­mes Knowl­son. Fa­ber and Fa­ber, Lon­don, 1993. S. 141. 
  7. Der Phi­lo­soph Jo­ce­lyn Be­noist un­ter­schei­det gute von schlech­ter Me­ta­phy­sik. In Lo­gi­que du phé­nomè­ne. Her­mann, Pa­ris, 2016. S. 36. 
  8. End­spiel, aus dem Fran­zö­si­schen von El­mar To­pho­ven, in Drei Stü­cke, op. cit., S. 131. 
  9. Laut Ruby Cohn steckt in die­sen vier Na­men die Kreu­zi­gung (Nagg: Na­gel, Nell: Nail, Hamm: Ham­mer, Clov: Clou). Nagg und Hamm sei­en auch Trans­li­te­ra­tio­nen von Noah und Ham der Ge­ne­sis. (Ruby Cohn (Hg.), A Be­ckett Ca­non. Ann Ar­bor, 2005, Uni­ver­si­ty of Mi­chi­gan Press. S. 226.) 
  10. Sa­mu­el Be­ckett, Fin de par­tie. Les Édi­ti­ons de Mi­nuit, Pa­ris, 1957. S. 104.
  11. Zah­len in Klam­mern ver­wei­sen hier und im Fol­gen­den auf die Sei­ten der Aus­ga­be des End­spiels in Drei Stü­cke, a.a.O.
  12. Der Au­tor setzt die Zwei­deu­tig­keit des Ver­bums „die­nen“ so ein, dass auch die Um­keh­rung des Herr-Knecht-Ver­hält­nis­ses zum Vor­schein kommt:  „Ich habe dir als Va­ter ge­dient.“ Und „Ohne Hamm (…) kein Heim.“ „clov Ja, du hast mir dazu ge­dient.“ Und: „Dies (das Heim) hat mir dazu ge­dient.“ (131) Da­mit wird die Bin­dung des Hau­ses oder viel­mehr des Heims an den Va­ter (Hamm/Heim oder Hamm/Home im Ori­gi­nal) in Fra­ge ge­stellt.
  13. „Bold Lo­ver, ne­ver, ne­ver canst thou kiss,
    Though win­ning near the goal—yet, do not grie­ve;
    She can­not fade, though thou hast not thy bliss,
    For ever wilt thou love, and she be fair!“
    Im End­spiel heißt es:
    nagg Hast du ge­schla­fen?
    nell O nein.
    nagg Küss mich.
    nell Geht doch nicht.“ (117)
    Etc.
  14. 1) S. 137–141; 2) S. 144–146; 3) 150–151; 4) S. 159.
  15. Fett­schrei­bung von mir, FK.
  16. Fin de par­tie, a.a.O., S. 104.
  17. D. Mar­tin Lu­ther, Die gant­ze Hei­li­ge Schrift. Deudsch 1545/Auffs new zu­ge­richt. Un­ter Mit­ar­beit von Heinz Blan­ke her­aus­ge­ge­ben von Hans Volz. Ro­gner & Bern­hard, Mün­chen, 1972. Mose V. Buch, C. XXXII, S. 400.
  18. In The Sunday Times Co­lour Ma­ga­zi­ne, 1. März 1964, S. 17–22. Sie­he The Thea­tri­cal Note­books of Sa­mu­el Be­ckett. Ge­ne­ral Edi­tor: Ja­mes Knowl­son. Vo­lu­me II. End­ga­me with a re­vi­sed text. Edi­ted with an in­tro­duc­tion and no­tes by S. E. Gon­tars­ky. Fa­ber and Fa­ber, Lon­don, 1992. S. 68. 
  19. The Thea­tri­cal Note­books of Sa­mu­el Be­ckett, End­ga­me, op. cit. S. 61.
  20. Mau­rice Har­mon, Her­aus­ge­ber, No Aut­hor Bet­ter Ser­ved. The Cor­re­spon­dence of Sa­mu­el Be­ckett & Alan Schnei­der. Har­vard Uni­ver­si­ty Press, Cam­bridge Mass., 1998. S. 20. 
  21. Mei­ne Klam­mern, FK. 
  22. D. Mar­tin Lu­ther, Die gant­ze Hei­li­ge Schrift. Op. cit. DAS ANDER TEIL DES EUANGELIJ S. LUCAS VON DER APOSTEL GESCHICHTE. 2.17.
  23. Har­mon, No aut­hor bet­ter ser­ved., op. cit., S. 22; Fett­schrei­bung von mir, FK.
  24. Man er­in­ne­re sich da­bei an Ador­nos Be­mer­kung, dass so­wohl Freud als auch Kaf­ka auf dem Rea­len ih­rer Schöp­fun­gen be­stan­den: Freud hin­sicht­lich der wirk­li­chen Exis­tenz des Ur­va­ters in To­tem und Tabu. Kaf­ka, in­dem er die sym­bo­li­schen Deu­tun­gen sei­ner Tex­te aus­schloss. (Sie­he Franz Kal­ten­beck, „Ador­no und die Psy­cho­ana­ly­se“ in Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se. Nr. 18, März 2015.)
  25. Wil­liam Shake­speare, Das Win­ter­mär­chen. 1. Auf­zug. 2. Sze­ne. Über­setzt von Do­ro­thea Tieck. Her­aus­ge­ge­ben von Diet­rich Klo­se. Stutt­gart, Re­clam, 1974. S. 9. 
  26. Op. cit., 3. Auf­zug. 3. Sze­ne. S. 43.
    „Good luck, an’t be thy
    will what have we here! Mer­cy on ‚s, a bar­ne a very
    pret­ty bar­ne! A boy or a child, I won­der?“
  27. An Her­mio­ne ge­rich­tet, be­schreibt Po­ly­xe­nes sei­ne ge­mein­sa­me Kind­heit mit Leon­tes: „Wir wa­ren Zwil­lings­läm­mern gleich, die blö­ckend im Son­nen­schei­ne mit­ein­an­der spiel­ten…“ (7).
  28. Art thou my calf?“
    Zah­len in Klam­mern ver­wei­sen hier und im Fol­gen­den auf die Sei­ten der Re­clam-Aus­ga­be, a.a.O.
  29. Ha­rold Bloom, Shake­speare. The In­ven­ti­on of the Hu­man. New York, Ri­v­er­head Books, 1999. S. 644–645.
  30. Is whis­pe­ring not­hing?
    Is lea­ning cheek to cheek? is mee­ting no­ses?
    Kis­sing with in­si­de lip? stop­ping the ca­re­er
    Of laug­hing with a sigh?–a note in­fal­li­ble
    Of brea­king honesty–horsing foot on foot?
    Skul­king in cor­ners? wis­hing clocks more swift?
    Hours, mi­nu­tes? noon, mid­ni­ght? and all eyes
    Blind with the pin and web but theirs, theirs only,
    That would un­se­en be wi­cked? is this not­hing?
    Why, then the world and all that’s in’t is not­hing;
    The co­vering sky is not­hing; Bo­hemia not­hing;
    My wife is not­hing; nor not­hing have the­se not­hings,
    If this be not­hing.“ (1. Akt, 2. Sze­ne)
  31. Jac­ques La­can, Écrits. Seuil, Pa­ris, 1966. S. 776 und 779.
  32. Sa­gen wir, dass auch das Rea­le my­thisch sein kenn“. Jac­ques La­can, „Con­fé­ren­ces et ent­re­ti­ens dans des uni­ver­sités nord-amé­ri­cai­nes“. Co­lum­bia Uni­ver­si­ty, 1. De­zem­ber 1975. („Le sym­ptô­me“) in  sci­li­cet. Pa­ris, Seuil, 1976. S. 45.

Kommentare

Franz Kaltenbeck: Verstoßene Kinder — 1 Kommentar

  1. Was mich an Franz Kal­ten­becks Text be­rührt ist, daß er den ver­sto­ße­nen Kin­dern durch und in sei­nem Text eine Stim­me, ei­nen Ort und ei­nen Dis­kurs gibt. In die­sem Sin­ne ist es auch ein po­li­ti­scher Text. Sein Text ist dar­über hin­aus psy­cho­ana­ly­tisch im bes­ten Sin­ne da­durch, daß er bis­her Über­se­he­nes ans Licht bringt. Der Be­ckett-Kom­men­tar ist aus­ge­zeich­net. Sehr be­ein­dru­ckend auch der Film­aus­schnitt der „Godot“-Inszenierung, der an den An­fang sei­nes Tex­tes ge­stellt wur­de.

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